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Marie Louise Fischer
Daniela und der Klassenschreck
Saga Egmont
Daniela und der Klassenschreck
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1961 by F. Schneider Verlag, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719398
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Die Neue
Das Gebäude der Dorotheen-Schule war geräumig, modern und freundlich. Ein großes, lichtes Treppenhaus führte zu den breiten Gängen, die Fenster waren groß, die Wände bunt gestrichen. Es gab fröhliche Mosaiken und Trinkwasserbrunnen.
Sabine Kern hatte Zeit genug, alles zu betrachten. Sie stand im Flur, die Hände in die Taschen ihres zu kleinen Regenmantels gebohrt, und wußte nicht recht, was sie mit sich anfangen sollte. Die Schulmappe hatte sie neben sich auf den Brunnenrand gestellt.
Es war der erste Schultag nach den großen Ferien, wenige Minuten vor Unterrichtsbeginn. In den Gängen und aus den offenen Klassenzimmern schallte fröhlicher Lärm. Immer noch kamen Schülerinnen angelaufen, atemlos und vergnügt. Sabine beachtete niemand.
Ein Gefühl von Unbehagen, ja von Angst legte sich auf ihr Herz. Mit aller Kraft kämpfte sie dagegen an. Alles war hier freundlich und gepflegt. Das Dorotheen-Lyzeum war viel schöner als ihre alte Schule, der düstere Backsteinbau, in dem es immer muffig und staubig gerochen hatte. Bestimmt würden auch die neuen Klassenkameradinnen nett zu ihr sein. Warum sollten sie nicht? Nein, es gab wirklich nichts zu fürchten.
Aber trotz dieses beruhigenden Gedankens konnte sie nicht verhindern, daß ihr Herz heftig klopfte.
Lehrer kamen über den Gang, dann wurde „Achtung!“ gerufen und „Guten Morgen!“ — Eine Klassentür nach der anderen klappte zu.
Es klingelte zum zweiten Male. Der Unterricht begann. Nur Dr. Leonhardt, der Klassenlehrer der Dritten, ließ auf sich warten.
Aus dem Schulzimmer tönte noch immer fröhliches Durcheinander und Gelächter, aus dem sich eine helle, trompetende Stimme deutlich hervorhob. Offensichtlich gab eine Schülerin, die Sabine sofort als „Angeberin“ einschätzte, ihre Ferienerlebnisse zum besten. Sie redete von Segelbootpartien, Motorbootfahrten, Picknicks, Minigolf und Rollschuhlaufen, und die unfreiwillig lauschende Sabine fing immer wieder Wortfetzen auf wie: „Ihr macht euch keine Vorstellung, Kinder … teuflisch schön, sage ich euch! … also, Grado ist wirklich … das war das Höchste!“
Das Mädchen an der Tür drehte sich um und sah den Gang hinunter, ob Dr. Leonhardt schon käme. Dabei fiel ihr Blick auf Sabine, die an ihrer ohnehin schon blitzblanken Brille herumputzte.
„Na, was willst du denn hier?“ fragte die Wächterin der dritten Klasse; sie war ein zierliches, braunlockiges Mädchen und hieß, wie Sabine später erfuhr, Carola Müller.
„Ich warte!“ Sabine war bei der unvermuteten Anrede errötet. Um ihre Verlegenheit zu verbergen, machte sie ein betont mürrisches Gesicht.
„Auf was?“ fragte Carola weiter.
Sabine war nahe daran, eine patzige Antwort zu geben. Dann aber besann sie sich eines Besseren. „Ich bin neu“, sagte sie, „ich meine, wir sind erst zugezogen …“
„Welche Klasse?“
„Drei A.“
„Da bist du richtig. Komm rein!“
Sabine hätte es unbedingt vorgezogen, erst mit dem Lehrer zusammen ihren neuen Schulkameradinnen gegenüberzutreten. Aber sie wußte nicht, wie sie das erklären sollte. „Ich möchte doch lieber …“, sagte sie unsicher.
Aber die andere ließ sie gar nicht zu Ende sprechen. „Na, geh schon!“ sagte sie und gab ihr einen sanften Puff. Dann riß sie die Tür weit auf und schrie ins Klassenzimmer hinein: „Eine Neue! Achtung, Kinder! Wir kriegen eine Neue!“ Sofort verstummte der Lärm. Alle Augen richteten sich auf Sabine.
Ein schlankes, braungebranntes Mädchen mit honigblonden Locken hüpfte von dem Stuhl, auf dem es bisher gestanden hatte, sah Sabine kritisch an und sagte: „Ich bin Daniela Wilde, Dany genannt, Klassensprecherin der Drei A … Und wie heißt du?“
„Sabine Kern.“
„Sabine? Hm, ganz nett“, sagte Daniela gönnerhaft. „Wozu brauchst du das Fahrrad?“
„Fahrrad?“ gab Sabine verständnislos zurück.
„Na, ich meine das Gestell, das du da auf der Nase hast!“ Die anderen lachten über Danielas Witz.
„Das ist meine Brille“, sagte Sabine sofort.
„Wirklich? Ich hatte gedacht …“ Danielas blaue Augen funkelten vergnügt. Auf ihren braunen Wangen erschienen zwei runde Grübchen. „Na, laß man“, fügte sie begütigend hinzu, als sie sah, daß Sabine in hilflosem Zorn Tränen in die Augen stiegen, „jedenfalls, mit dem Ding da wirst du kaum in die erste Handballmannschaft hineinkommen! Oder trägst du die Brille beim Turnen gar nicht?“
„Ich bin vom Turnen dispensiert“, sagte Sabine.
„Was?“ Daniela riß die Augen auf.
„Ich brauche nicht mitzuturnen“, sagte Sabine betont, „falls du das besser verstehst.“
„Mensch, da schlägt’s doch dreizehn! Du brauchst nicht mitzuturnen? Na, wieso denn? Warum denn nicht?“ Sie wandte sich an die anderen: „Habt ihr schon je so was erlebt?“
„Mein Herz ist nicht gesund“, sagte Sabine hochmütig, aber mit zitternden Lippen.
Danielas Gesicht wechselte sofort den Ausdruck. Sie war ganz bestürzt. „Du bist krank? Verdammt, das ist aber eine Gemeinheit! Tut mir leid, wirklich. Das konnte ich ja nicht ahnen.
„Du brauchst mich gar nicht zu bemitleiden“, sagte Sabine heftig, „aus dem blöden Turnen habe ich mir nie etwas gemacht!“
„Turnen findest du blöd? Na, sag einmal, also, da hört sich doch alles auf! Turnen ist doch eine Wucht! Geräteturnen und Handball … und Schwimmen. Weißt du überhaupt, daß wir ein richtiges Schwimmbad in der Schule haben? Na, da staunst du, was? Jetzt tut’s dir vielleicht doch leid, daß …“
„Ich pflege meine Zeit mit nützlicheren Beschäftigungen zu verbringen“, sagte Sabine kalt.
Daniela machte vor Erstaunen den Mund weit auf, klappte ihn wieder zu. „Na so was!“ sagte sie dann und schüttelte den Kopf, daß ihre blonden Locken flogen. „Nun verrate uns mal … was nennst du denn zum Beispiel nützlich?“
„Lernen!“
„Lernen! Oho! Hahahahaha!“ Daniela brach in ein wild begeistertes Gelächter aus, in das die anderen jubelnd einstimmten. „Habt ihr’s gehört? Lernen hat sie gesagt! Na so etwas!“ Daniela schüttelte sich vor Lachen. Allmählich bekam sie wieder Luft und sagte, immer noch von einem Ohr bis zum anderen grinsend: „Hat dir eigentlich schon jemand gesagt, daß du einen ausgewachsenen Vogel hast?“
Sabine wurde der Antwort enthoben. Dr. Leonhardt trat, einen Stapel Bücher unter dem Arm, ins Zimmer. Er kam unangemeldet. Carola hatte nicht aufgepaßt. Alle sausten auf ihre Plätze.
„Guten Morgen, meine Damen“, sagte der Klassenlehrer, „bitte setzen! Es tut mir leid, daß ich mich verspätet habe, aber … leider … Nun, wir wollen uns nicht lange mit Vorreden aufhalten. Beginnen wir lieber!“
„Er hat verschlafen“, hörte man ein sehr deutliches Flüstern.
Sabine fuhr herum. Sie hatte die Stimme von Daniela Wilde erkannt. Sicher hatte Dr. Leonhardt es auch gehört. Jetzt würde Daniela was erleben.
Aber Sabines Erwartungen erfüllten sich nicht.
Dr. Leonhardt sagte nur — und fast schien es, als ob er dabei ein Schmunzeln unterdrückte —: „Du kannst dir deine Randbemerkungen sparen, Dany! Aber ich verzeihe dir, weil ich weiß, daß es in der menschlichen Natur liegt, von sich auf andere zu schließen.“
Die Klasse lachte, und Daniela, der der Hieb gegolten hatte, lachte mit.
„Sie werden’s nicht glauben, Herr Doktor“, sagte sie, „aber ich bin in den Ferien mal um fünf Uhr morgens aufgestanden … großes Ehrenwort!“
„In den Ferien … das kann ich mir vorstellen!“ sagte Dr. Leonhardt, ohne über den reichlich ungezwungenen Ton, den Daniela anschlug, auch nur eine Sekunde überrascht zu sein.
Er wandte jetzt sein Augenmerk auf Sabine, die in der Nähe der Tür stehengeblieben war. „Na, was ist mit dir, junge Dame?“ fragte er. „Ich nehme an, du bist die Neue. … Möchtest du nicht den Mantel ausziehen? Oder bist du noch nicht sicher, ob es dir hier bei uns gefällt?“
Sabine wurde rot, und wieder lachten alle.
„Ich habe nicht gewußt“, stotterte Sabine, „ich meine … ich dachte …“ Sie ärgerte sich über Dr. Leonhardt, der auf ihre Kosten Witze riß, über das Gelächter der anderen und über ihre eigene Unsicherheit. Hastig zog sie ihren Mantel aus und hängte ihn an einen Haken an der Hinterseite des Klassenzimmers. Sie trug darunter ein Schottenkleid, das einmal sehr schön gewesen, inzwischen aber allzuoft gewaschen und verlängert worden war.
„Na, wo wollen wir dich denn hinsetzen?“ fragte Dr. Leonhardt nachdenklich und ließ seinen Blick über Tische und Stühle, über blonde, braune und schwarze Köpfe streichen.
Eine angstvolle Sekunde lang glaubte Sabine, daß er den Platz neben Daniela, die in der letzten Reihe saß, für sie räumen lassen würde.
Aber Dr. Leonhardt tat nichts dergleichen. „Irene Kubalski“, sagte er zu einem langaufgeschossenen, mageren Mädchen, das ganz vorne saß, „wie wär’s, wenn wir beide das neue Schuljahr mit einem Experiment beginnen würden? Glaubst du, ich kann es wagen, dich von nun an aus den Augen zu lassen?“
„Bestimmt, Herr Doktor!“ Irene sprang strahlend auf.
„Hoffen wir’s“, sagte Dr. Leonhardt trocken. „So eine lange Latte wie du gehört wirklich nicht nach vorne.“
Irene holte ihre Mappe unter dem Tisch vor und verzog sich vergnügt nach hinten.
„So, da ist von nun an dein Platz, Sabine!“ Dr. Leonhardt warf einen Blick in sein Notizbüchlein und fügte hinzu: „Sabine Kern heißt du doch, nicht wahr?“
„Ja, Herr Doktor!“
„Der Herr Direktor hat mir dein Zeugnis gezeigt, Sabine!“ Dr. Leonhardt klappte sein Notizbuch wieder zu, steckte es ein. „Ganz hervorragend. Betragen sehr gut und das meiste andere auch. Ich glaube, einige aus unserer Klasse könnten sich an dir ein Beispiel nehmen!“
„Hört! Hört!“ rief Daniela halblaut.
Dr. Leonhardt hob die Augenbrauen. „Wem der Schuh paßt, der zieht ihn an! Ja, gerade an dich habe ich dabei gedacht, Dany! Übrigens würde es mich in diesem Zusammenhang interessieren: Was haben denn deine Eltern zu deinem Zeugnis gesagt?“
Daniela war nahe daran, verlegen zu werden, obwohl das im allgemeinen nicht ihre Art war. Aber sie faßte sich schnell und schürzte die vollen Lippen. „Och, nichts … Besonderes.“
„Wirklich nicht?“
„Na, gefreut haben sie sich gerade nicht“, gab Daniela zögernd, aber doch ehrlich zu. Sie sah Dr. Leonhardt aus ihren großen blauen Augen treuherzig an. „Ich habe versprochen, daß ich mich bessern werde!“
„Na, da lassen wir uns mal überraschen!“
„Überhaupt“, sagte Daniela, die gern das letzte Wort hatte, rasch, „im Turnen, Singen, Zeichnen und in Handarbeit … bin ich doch prima!“
„Zweifellos. Weil das die Fächer sind, die dir leichtfallen und die dir Freude machen! Aber lernen heißt, sich Mühe geben. Schreib dir das hinter die Ohren.“
Daniela hatte schon den Mund geöffnet, um entgegenzureden. Aber sie kam nicht mehr dazu.
Dr. Leonhardt sagte energisch: „Setz dich jetzt, Dany. Genug davon.“ Er ging zum Lehrertisch, nahm Platz, faltete die Hände und überblickte die Klasse.
Ein Teil der Mädchen hatte die Nasen gesenkt, die anderen blickten ihn aufmerksam und mit betonter Bravheit an. Alle hatten begriffen, daß das, was er Daniela gesagt hatte, auch für sie selber galt.
Nur Sabines Augen hinter der Brille leuchteten. Sie mußte die Lippen zusammenpressen, um ein triumphierendes Lächeln zu unterdrücken. Aber sie hatte sich zu früh gefreut.
„Sabine, da ist übrigens noch etwas, über das ich mit dir sprechen möchte“, sagte Dr. Leonhardt. „In deinem Zeugnis steht, daß du vom Turnen befreit bist.“
Sabine schnellte empor. „Ja, Herr Doktor“, sagte sie strahlend, „ich habe ein schwaches Herz. Das Attest …“
„Stimmt. Trotzdem … Wie wär’s, wenn du dich noch mal untersuchen lassen würdest?“
„Aber … aber warum denn?“ sagte Sabine fassungslos. „Das Attest … es gilt doch für zwei Jahre!“
„Weiß ich. Aber immerhin, es besteht doch die Möglichkeit, daß sich dein …“ Dr. Leonhardt räusperte sich, „Gesundheitszustand inzwischen überraschend gebessert hat, nicht wahr?“
„Nein, das glaube ich nicht!“ sagte Sabine entsetzt.
„Wer weiß. Eine Untersuchung beim Amtsarzt kann jedenfalls nicht schaden.“
Sabine war den Tränen nahe. Sie haßte die Turnstunde, sie hatte sie seit jeher gehaßt. Sie konnte nicht turnen, und sie wollte nicht turnen. Sie war so glücklich gewesen, ein Attest vorweisen zu können. Sie hatte geglaubt, die Turnerei überstanden zu haben, und jetzt sollte alles vergeblich gewesen sein?
„Herr Doktor, ich …“, stammelte sie, „aber ich weiß doch genau, daß es mir noch nicht besser geht!“
„Meine liebe Sabine“, sagte Dr. Leonhardt ernsthaft, „ich muß mich über dich wundern! Mir scheint fast, du empfindest deine Krankheit als etwas Wünschenswertes. Du klammerst dich geradezu daran. Wirklich sonderbar. Das bringt mich auf einen Gedanken. Ich werde euch ein zweites Aufsatzthema geben.“ Er stand auf, trat zur Wandtafel und nahm ein Stück Kreide in die Hand. Das erste lautete wie jedes Jahr „Ferien“ — er schrieb das Wort in großen, deutlichen Buchstaben auf die Tafel. „Das ist ein reines Erlebnisthema und wird den meisten von euch sicher gut liegen. Für die anderen aber möchte ich vorschlagen, daß sie sich mal mit folgendem Problem beschäftigen: ,Gesundheit und Krankheit’!“ Er fuhr mit der Kreide über die Tafel, dann legte er das Stück weg, wischte sich die Hände an seinem Taschentuch sauber. „So, das wär’s!“ Er trat ans Lehrerpult. „Wir werden uns in diesem Jahr mit dem Drama ,Wilhelm Tell’ von Friedrich von Schiller beschäftigen. Ich habe euch den Text mitgebracht. Bitte, Susanne, verteil die Texte.“
Ein rundliches Mädchen mit einem dicken roten Zopf, das seinen Platz neben Sabine in der ersten Reihe hatte, sprang auf und nahm den Stapel kleiner Bücher vom Tisch.
„Heute wollen wir uns erst einmal mit dem Leben und der Persönlichkeit des Dichters befassen. Ich nehme nicht an, daß eine von euch … ja, Dany?“
„Schiller hatte Gedichte geschrieben und Theaterstücke“, sagte Daniela. „Er ist sehr berühmt. Er war mit Goethe befreundet.“
„Na, immerhin!“ Dr. Leonhardt sah sich um. „Sabine?“
„Friedrich von Schiller ist 1759 in Marbach am Neckar geboren“, erklärte Sabine, „er sollte Militärarzt werden, aber das paßte ihm nicht. Sein erstes Stück hieß ,Die Räuber’ … und … Schiller war auch vom Turnen befreit!“ platzte sie heraus.
„Was du nicht sagst!“ Dr. Leonhardt schmunzelte. „Soll das etwa heißen, daß du dich für einen kleinen Schiller in der Westentasche hältst?“
„Nein“, sagte Sabine, „das natürlich nicht. Aber … ich bin überzeugt, daß Turnen für geistige Menschen nicht wichtig ist.“ Sie warf den Kopf zurück und sah sich herausfordernd in der Klasse um.
Ein paar Mädchen kicherten unterdrückt. Daniela starrte Sabine verblüfft mit offenem Mund an.
„Zu diesem Thema ließe sich allerhand sagen“, erklärte Dr. Leonhardt ruhig, „aber ich möchte dir jetzt nur eine einzige Frage stellen: Wann ist Schiller gestorben?“
„1805“, sagte Sabine wie aus der Pistole geschossen.
„Er ist also, wie du dir selber ausrechnen kannst, nicht älter als sechsundvierzig Jahre geworden. Euch scheint das vielleicht ziemlich alt, in Wirklichkeit ist es sehr jung. Er wurde nur ein paar Jahre älter, als ich es heute bin. Viele Jahre seines Lebens ist er krank gewesen, er ist sozusagen von einer Krankheit in die andere gefallen. Die meisten seiner Dramen sind unter unendlichen Anstrengungen und Schmerzen entstanden. Glaubst du allen Ernstes, Sabine, daß Schiller selber seine Krankheit als etwas Gutes empfunden hat?“
„Das nicht, aber …“
„Grade wenn man keine sehr gesunde körperliche Verfassung hat, meine liebe Sabine, muß man etwas für sich tun. Dany zum Beispiel könnte man ruhig vom Turnen befreien, ohne daß es ihr etwas schaden würde. Sie würde auch ohne Turnunterricht genügend Gelegenheit zum Laufen, Springen, Klettern und Tanzen finden, aber bei dir ist das etwas anderes.“
„Ja, aber ich kann es nicht!“ rief Sabine mit zitternder Stimme. „Ich bekomme so furchtbares Herzklopfen nach der kleinsten Anstrengung. Wirklich, Herr Doktor, Sie müssen mir glauben!“
„Ich bin kein Arzt, meine liebe Dame. Mit mir brauchst du darüber nicht weiterzureden. Geh gleich heute nachmittag zum Amtsarzt. Das Gesundheitsamt ist in der Breiten Straße; Sprechstunde, glaube ich, ab vierzehn Uhr. Dann werden wir’s ja erfahren. Und nun wieder zu unserem Dichter!“
Nichts als Ärger
Als Sabine mittags aus der Schule kam und die fünf Treppen zu der kleinen Mansardenwohnung emporgestiegen war, wurde sie von ihrer Mutter fröhlich begrüßt.
„Na, meine Große, wie war’s in der Schule?“ fragte sie und strich sich mit dem Handrücken eine Locke ihres dunklen Haares aus der Stirn. „Stell dir vor, was für ein Glück …“ Aber dann sah sie Sabines Gesicht. „Was hast du?“ fragte sie erschrocken. „Ist etwas passiert?“
„Gar nichts!“ Sabine sah ihre Mutter nicht an. Sie setzte ihre Mappe zu Boden, zog sich den Regenmantel aus.
„Aber Sabine, mir kannst du doch nichts vormachen. Hat es Ärger gegeben?“
„Nein“, sagte Sabine; aber sie konnte nicht verhindern, daß ihre Stimme bebte.
„Doch, natürlich. Mich kannst du nicht täuschen.“ Frau Kern zog die Tür zur Wohnküche ins Schloß, denn drinnen saßen die beiden Buben, die nicht alles mit anhören sollten. „Erzähl mir’s!“
„Da gibt’s nichts zu erzählen!“ Sabine zuckte die Achseln. „Sie waren gemein zu mir … alle.“
„Das kann doch nicht sein!“
„Wenn du mir nicht glaubst, was hat es denn dann für einen Sinn, dir etwas zu erzählen?“
„Bitte, Sabine, sei vernünftig. Du bist noch fremd in der Klasse, da ist es doch selbstverständlich, daß … daß es eben eine Weile dauert, bis sie dich in ihren Kreis aufnehmen, die anderen Mädchen, meine ich. Ach herrje, hättest du bloß auf mich gehört! In diesem alten Kleid konntest du auch keinen guten Eindruck machen. Warum hast du es nicht zugelassen, daß ich dir etwas Neues, Schickes nähe?“
„Weil es hinausgeworfenes Geld gewesen wäre“, sagte Sabine mürrisch. „Wie oft soll ich dir das noch erklären. Du hast grade genug zu tun gehabt mit dem Umzug.“
„Ja, das stimmt.“ Frau Kerns Augen strahlten schon wieder. „Aber es hat sich gelohnt, Sabine, ich habe recht gehabt. Nicht nur, daß unsere neue Wohnung viel billiger ist, ich habe schon Kundschaft. Was sagst du jetzt? Frau Müller vom zweiten Stock hat sich ein Kleid bei mir bestellt. Was ganz Tolles, ein Cocktailkleid. Wir ziehen heute nachmittag zusammen los und kaufen einen Stoff ein.“
„Gratuliere!“ sagte Sabine. Ihre Stimme klang freudlos.
Frau Kern nahm ihre kleine Tochter in die Arme. „Mach doch nicht so ein Gesicht, Liebling! Sei doch ein bißchen vergnügt! Ich weiß, es war alles sehr schwer für dich … Vaters Tod, und daß es uns jetzt nicht mehr so gut geht wie früher. Aber es hat doch keinen Zweck, dauernd darüber nachzugrübeln. Das hilft nichts, wir müssen uns abfinden. Oder glaubst du, daß Vater sich freuen würde, wenn du so schlecht gelaunt bist?“
„Ich bin nicht schlecht gelaunt“, sagte Sabine.
„Um so besser. Dann komm jetzt rein. Es gibt Erbsensuppe und hinterher eine Überraschung. Schokoladenpudding!“ Frau Kern öffnete die Tür und ging voraus in die Wohnküche. Sabines Brüder, der neunjährige Kaspar und der siebenjährige Hannes, saßen am Tisch und machten Schularbeiten.
„He, Sabine“, sagte Kaspar, „gut, daß du kommst. Ich habe heute was schrecklich Verzwicktes aufbekommen! Bitte erklär mir doch mal …“
„Ich denke nicht daran!“
„Na hör mal, Sabine, du könntest doch wirklich …“, sagte Frau Kern.
„Warum soll ich? Kaspar kann ruhig seinen Kopf selber anstrengen. Mir hilft auch niemand.“
Kaspar sprang auf. „Na so was! Und wer putzt dir die Schuhe, und wer …“
„Bitte, Kaspar, schrei nicht so!“ sagte die Mutter. „Sabine hat Ärger in der Schule gehabt, deshalb ist sie jetzt schlechter Laune. Nach dem Essen wird sie dir auch bei deinen Schularbeiten helfen. Und jetzt macht den Tisch frei, damit wir essen können!“
Die Buben räumten ihre Schulsachen weg. Behutsam verteilte Kaspar die Teller auf dem Tisch, Sabine das Besteck und Hannes, der Jüngste, die Servietten, wie sie es seit langem gewohnt waren.
„Ich habe heute nachmittag keine Zeit“, sagte Sabine, „erstens habe ich selber ’ne Menge auf, und zweitens muß ich in die Stadt.“
„Aber wieso denn?“ sagte Kaspar. „In die Stadt! Wenn ich das schon höre! Das ist doch alles bloß Wichtigmacherei!“
„Denk, was du willst!“ Sabine setzte ihr hochmütigstes Gesicht auf.
„Bitte, Sabine, sag schon!“ bettelte Hannes. „Was willst du in der Stadt? Willst du vielleicht was einkaufen? Eine Überraschung?“
„Ach was. Auf so etwas kannst auch nur du kommen!“
„Was willst du dann in der Stadt?“ Die Mutter verteilte Erbsensuppe in die Teller aus einer großen Terrine. „Nun red schon, Sabine!“ mahnte sie. „Du weißt, Geheimnistuerei kann ich nicht leiden!“
„Ich muß zum Amtsarzt.“
„Schon wieder? Du warst doch erst vor ein paar Monaten. Ich dachte, dein Attest gelte für zwei Jahre!“
„Aber unser Klassenlehrer will es nicht anerkennen!“
„Quatsch!“ sagte Kaspar. „Das muß er doch. Wenn jemand ein Attest hat …“
„Er tut’s eben nicht. Wenn du so übergescheit bist, mein lieber Bruder, ich stelle dir frei, mal zu ihm zu gehen und mit ihm zu sprechen.“
„Ach, wie ärgerlich für dich, Sabine“, sagte Frau Kern mitfühlend, aber dann hellte sich ihr Gesicht sogleich wieder auf. „Wer weiß, vielleicht hat sich deine Gesundheit inzwischen wirklich gebessert. Das wäre mir eine große Beruhigung.“
„Mutter! Hast du immer noch nicht begriffen? Sabine will doch gar nicht gesund sein. Sie will sich bloß vorm Turnen drücken!“ rief Kaspar.
„Also, bitte, Kaspar, ich verbiete dir solche Bemerkungen! So etwas sähe Sabine gar nicht ähnlich.“ Frau Kern setzte sich zu Tisch. „Ich wünsche euch allen einen guten Hunger!“
Auch die Kinder rückten ihre Stühle heran und nahmen Platz.
Während der Mahlzeit kümmerte sich niemand um Sabine, und sie war froh, daß man sie in Ruhe ließ. Essen war für Kaspar und Hannes immer eine Beschäftigung, die sie voll und ganz in Anspruch nahm.
Erst als auch der letzte Rest des Schokoladenpuddings vertilgt war, standen sie auf. Hannes, der zwei Wochen mit einer Halsentzündung im Bett gelegen hatte und gestern zum erstenmal aufgestanden war, wurde ins Jungenzimmer geschickt. Er sollte sich ausruhen. Kaspar bekam den vollen Mülleimer in die Hand gedrückt, den er unten im Hof in die Mülltonnen ausleeren sollte. Sabine mußte ihrer Mutter beim Geschirrtrocknen helfen.
Als Frau Kern mit ihrer Tochter allein war, fragte sie behutsam: „Sei mal ehrlich, Sabine, die Sache mit dem Amtsarzt … ist das der Ärger, den du in der Schule gehabt hast?“
„Nicht nur.“
„Was denn sonst noch?“
Sabine nahm den Teller, den die Mutter auf die Abtropfplatte gestellt hatte, und begann ihn blankzureiben. „Du weißt doch, wie sie sind“, sagte sie.
„Nein, das weiß ich nicht!“ sagte Frau Kern. „Zu meiner Zeit … als ich noch in die Schule ging, da hatte ich eine Menge dicker Freundschaften! Daß es auf der alten Schule ein bißchen schwer für dich war, das habe ich ja verstanden. Aber ich hatte gedacht … ich hatte so gehofft, Sabine, du würdest hier ein paar nette Freundinnen finden.“
„Wozu? Was soll ich damit?“
„Ich bitte dich, red doch nicht so daher! Man braucht Freundinnen, um … um …“ Frau Kern fand nicht gleich die richtigen Worte.
Sabine lachte. „Gib’s auf, Mutter, du weißt es selber nicht.“ Ihr Gesicht verdüsterte sich sofort wieder. „Ich brauche wirklich keine Freundin. Sie sollen mich nur in Ruhe lassen, weiter will ich nichts. Ich möchte bloß wissen, warum alle immer auf mir rumhacken müssen … alle!“
„Wer hat das getan, Sabine?“
„Ich sag dir ja, alle! Weißt du, die haben so eine Angeberin in der Klasse … ein gräßliches Mädchen. Faul und dumm und immer das große Wort. Aber alle bewundern sie. Dany hin und Dany her, so geht das den ganzen Tag. … Selbst die Lehrer fassen sie mit Samthandschuhen an.“
„Aber warum, Sabine? Warum tun sie das? Es muß doch einen Grund geben, daß dieses Mädchen so beliebt ist?“
„Keine Ahnung. Vielleicht, weil ihre Eltern klotzig Geld haben.“
Frau Kern sah ihre Tochter zweifelnd an. „Daß das der einzige Grund sein sollte, weshalb ein Mädchen vorgezogen wird … Nein, Sabine, das kann ich nicht recht glauben.“
„Aber es ist so!“ rief Sabine heftig. „Ich sag’s dir, Mutter, es ist nichts drum und nichts dran an dieser Ziege. Dumm wie Bohnenstroh! Ja, vielleicht“, gab sie zu, „vielleicht Könnte man sagen, daß sie ganz nett aussieht … weißt du, sie ist so eine mit blonden Locken und … ja, kokett ist sie! Sie macht allen schöne Augen! So ein Unschuldsblick, weißt du!“
„Das ist schlimm“, sagte die Mutter. „Mir scheint, diese … wie heißt sie doch gleich?“
„Dany! Das ist auch wieder so ein Quatsch. Daniela heißt sie, Daniela Wilde! Und Dany nennt sie sich!“
„Ich wollte sagen, diese Dany scheint ja wirklich kein sehr angenehmes Mädchen zu sein. Trotzdem, Sabine … trotzdem möchte ich dir raten, dich gut mit ihr zu stellen. Wenn sie nun einmal tonangebend in der Klasse ist.“
„Aber ich denke nicht daran!“ rief Sabine und stellte den Teller, den sie in der Hand hatte, so heftig auf den Tisch, daß die Mutter erschrocken zusammenfuhr. „Ich denke nicht daran! Das habe ich nicht nötig! Ich gehe ja nicht in die Schule, um … um mich bei jemandem lieb Kind zu machen, sondern um zu lernen. Im Lernen bin ich ihnen allen über, darauf kannst du dich verlassen, Mutter.“
„Ja, ja, ich weiß, du bist mein gescheites Mädchen!“ sagte Frau Kern, aber ihre Stimme klang alles andere als glücklich. „Nur … ich muß so oft denken, ob du es nicht übertreibst?“
„Das Lernen? Kann man das denn übertreiben?“
Frau Kern seufzte. „Ich brauche dir ja nichts vorzumachen, Sabine, du weißt, ich war nie so gescheit wie du. Immer bloß gute Mitte. Aber … wieviel Spaß haben wir in der Schule gehabt! Und heute noch … Tante Lore, der ich immer noch schreibe, ist mit mir zusammen in die Klasse gegangen. So gute Freundinnen waren wir damals. Ich denke, daß das auch wichtig ist.“
„Für mich nicht.“
Frau Kern ließ das Spülwasser ab, wischte das Becken aus. „Andere Mütter“, sagte sie seufzend, „andere Mütter wären wahrscheinlich froh, wenn sie ein so fleißiges und kluges Kind hätten. Sicher ist es undankbar von mir, daß ich nicht mit dir zufrieden bin. Sieh mich nicht so an, Sabine … ich muß es dir einmal sagen. Ich wünschte mir so sehr, du würdest ein bißchen fröhlicher sein, lockerer!“
„Dazu habe ich wohl kaum einen Grund“, sagte Sabine finster.
„Siehst du, da bin ich eben ganz anderer Meinung. Natürlich, uns fliegen nicht gerade die gebratenen Tauben in den Mund. Wir sind gesund, haben uns lieb … und du wirst sehen, ich werde bald sehr schön verdienen. Es gibt viele Leute, denen es schlechter geht als uns.“
„Andere Leute interessieren mich nicht.“
„Grade das ist dein Fehler! Du denkstimmerzu nur an dich! Denk doch auch mal ein bißchen an andere. Kümmere dich mehr um deine Brüder! Ja, ich weiß, sie sind auch nicht sehr nett zu dir, aber wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Versuche einmal freundlich und herzlich zu deinen Klassenkameradinnen zu sein, ich bin sicher …“
„Ach, Mutter, das hat doch keinen Zweck!“ sagte Sabine. „Ich hätte dir gar nichts erzählen sollen. Du verstehst mich doch nicht.“
„Du willst nicht verstanden werden!“ sagte Frau Kern.
Sie hätte gern noch länger mit ihrer Tochter gesprochen, aber in diesem Augenblick kam Kaspar mit dem leeren Mülleimer zurück.
„So, Mutter, da hast du!“ sagte er, dann wandte er sich an seine Schwester. „Was ist nun, Sabine, erklärst du mir die Aufgabe, ja oder nein?’“
„Nein!“ sagte Sabine. „Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich keine Zeit habe.“
„Na hör mal, nun sei doch nicht so! Es dauert doch nur fünf Minuten!“
„Schon zuviel. Ich habe einen schweren Hausaufsatz zu schreiben und sonst noch allerlei. Und dann muß ich, wie du weißt, heute noch zum Arzt.“
„Also weißt du, Sabine, das finde ich richtig gemein! Andere Schwestern …“
„Bitte, reg dich nicht auf, Kaspar“, sagte die Mutter und fuhr ihm mit der Hand durch das struwwelige Haar. „Wie wär’s, wenn du mal meinen Rat einholen würdest? Ich bin zwar, was Schule betrifft, nicht ganz so gescheit wie unsere Sabine, aber vielleicht kann ich dir ausnahmsweise doch helfen!“
Kaspar schlang die Arme um die Mutter, drückte sie mit aller Kraft. „Ach ja, bitte, Mami“, sagte er begeistert. „Herrje, wenn wir dich nicht hätten! Der Mann, der später mal auf Sabine reinfällt, der ist wirklich angeschmiert.“
Sabine hätte gern geantwortet, daß sie gar nicht daran dächte, zu heiraten, aber sie zwang sich zu schweigen. Sie fühlte, daß Kaspar nur auf eine solche Bemerkung wartete, um sich mit ihr streiten zu können. Sie schlug ihr neues Hausaufsatzheft auf, schrieb über die Mitte der Seite fein säuberlich: „Gesundheit und Krankheit“, dachte nach.
Mutter und Bruder setzten sich ihr gegenüber an den Tisch, sie sprachen halblaut miteinander.
Sabine fühlte sich gestört. „Könnt ihr nicht leiser sein?“ fragte sie.
„Nö“, sagte Kaspar gelassen. „Wenn’s dir nicht paßt, warum gehst du nicht auf dein Zimmer?“
„Du hast recht. Das werde ich auch tun!“ Mit einem Knall klappte Sabine ihr Heft zusammen und verließ die Wohnküche.
Noch bevor sie die Tür zuschlug, hörte sie ihre Mutter sagen: „Ärgere Sabine nicht immerzu, Kaspar, sie hat’s auch so schwer genug!“
Über diese Bemerkung ärgerte sich Sabine noch mehr. Sie ärgerte sich über alles — über ihre Lehrer, über ihre Mitschülerinnen, über ihre Mutter, ihre Brüder. Sie war überzeugt, daß alle sich gegen sie verschworen hatten.
Sie war fleißig, sie war gewissenhaft, sie war klug — was konnte man mehr von ihr verlangen? Aber niemand erkannte es an. Alle mäkelten nur immerzu an ihr herum. Warum? Was hatte sie denn verbrochen?
Die andere Seite
Daniela Wilde wohnte mit ihren Eltern und ihrem Bruder Manfred, der schon achtzehn Jahre alt und fast ein junger Herr war, in einem schönen Einfamilienhaus. Es lag in einem großen, gepflegten Garten und galt in diesem Teil der Stadt, wo es sonst nur Geschäftsstraßen mit Miethäusern, Läden, Büros und Werkstätten gab, beinahe als Sehenswürdigkeit.
Herr Wilde hatte sein Haus hier bauen lassen, weil er möglichst nahe bei seinem Werk und, sooft es ging, mit seiner Familie zusammen sein wollte. Eine kleine Tür führte vom Garten in das Fabrikgelände hinüber, wo in großen hellen Räumen Zeltplanen, Regenmäntel, Faltboote und dergleichen hergestellt wurden.
Daniela war oft in der Fabrik, denn alles, was sich sehen und betasten ließ, interessierte sie weit mehr als das Wissen, das man aus Büchern schöpfen kann. Sie war mit jedem einzelnen der Fabrikationsgänge vertraut, sie kannte jeden der Arbeiter, Arbeiterinnen, Meister, Künstler, Angestellten und Ingenieure. Für sie war die Fabrik eine Art zweites Zuhause.
Auch an diesem Nachmittag trieb sie sich eine ganze Weile dort herum. Sie konnte es sich nicht nehmen lassen, einen neuen Zelttyp zu begutachten, das sogenannte Winterzelt, das zur Übernachtung für Skifahrer gedacht war. Sie diskutierte mit dem Werkmeister und ein paar Arbeitern heftig über die Vor- und Nachteile einer solchen Übernachtungsmöglichkeit. Erst als die anderen wieder an die Arbeit gingen, fiel ihr ein, daß ja sie selber noch Schulaufgaben zu machen hatte.
Sie trollte sich nach Hause, kam aber nicht weit, weil im Garten Herr Hüter, der als Gärtner und Chauffeur bei Wildes arbeitete, damit beschäftigt war, die abgeblühten Sträucher zu beschneiden und zu versetzen.
„Kann ich helfen, Hütchen?“ fragte sie eifrig, und Herr Hüter, der gern Gesellschaft hatte, sagte ja.
Danielas Hilfe bestand zwar mehr aus Schwatzen als aus Arbeiten, aber jedenfalls verging den beiden die Zeit wie im Fluge. Daniela war ganz überrascht, als die Kirchturmuhr vier schlug.
„O verflixt, Hütchen“, sagte sie, „tut mir leid, Sie müssen allein fertig werden. Ich hab noch keine Schulaufgaben gemacht.“
„Na, dann wird’s aber Zeit!“
„Kann man wohl sagen!“ Daniela warf dem Gärtner-Chauffeur noch einen strahlenden Blick zu, dann rannte sie zum Haus.
Sie hatte es noch nicht erreicht, als sie Irene und Carola vor der Gartentür stehen sah. Sofort änderte sie ihren Plan und lief zu ihnen hin. „Menschenskinder! Na endlich!“ rief sie schon von weitem. „Wenn ihr früher gekommen wärt, hätten wir noch draußen spielen können!“ Sie riß die Gartentür auf. Die beiden Freundinnen traten ein. „Ging nicht früher“, sagte Irene, „ich bin erst jetzt mit Französisch fertig geworden.“
„Ich auch!“ sagte Carola. „Richtige Gemeinheit, einem so viel am ersten Tag aufzugeben.“
„Hast du’s schon?“ fragte Irene.
„Ich?“ Daniela runzelte die Stirn. „Nö. Keine Zeit gehabt.“
„Aber Dany!“ sagte Carola mahnend. „Wo du grade noch eben eine Vier bekommen hast! Ich schwör’s dir, Fräulein Lautenschlaeger macht Ernst. Wenn du dich dieses Jahr nicht auf die Hinterbeine setzt, dann läßt sie dich fallen.“
„Da kannst du Gift darauf nehmen!“ bestätigte Carola.
„Ich denke gar nicht daran. Ich bin doch nicht lebensmüde!“ Daniela lachte ausgelassen.
„Du machst dir’s leicht, das muß ich schon sagen“, tadelte Irene.
„Na und? Warum nicht? Warum soll ich’s mir schwer machen?“ Daniela faßte ihre beiden Freundinnen links und rechts unter den Arm, setzte sich in Richtung auf die Haustür in Bewegung. „Macht mir jetzt bloß nicht auch noch die Hölle heiß, das besorgen die Erwachsenen in vollem Maße.“
„Wir meinen’s ja nur gut mit dir, Dany!“ sagte Carola.
„Wenn du sitzenbleibst, das wäre eine Katastrophe für die ganze Klasse!“ erklärte Irene.
„Himmel, Kinder! Jetzt fangt ihr aber an, mir auf die Nerven zu gehen! Das Schuljahr hat ja erst angefangen.“
„Aber du hast versprochen, dich zu bessern!“
„Ab morgen!“ sagte Daniela ungerührt. „Jetzt spielen wir erst mal ’ne zünftige Partie Tischtennis, ja? Wenn ihr früher gekommen wäret, hätten wir das Krocket aufbauen können, aber jetzt wird’s schon bald dunkel.“
„Dany“, sagte Carola eindringlich, „wäre es nicht wirklich besser, du würdest erst deine Schulaufgaben machen?“
„Erst? Dann bleibt uns ja keine Zeit zum Spielen.“
„Aber wenn du morgen ohne Französisch in die Schule kommst …“, begann Irene.
„Werd ich schon nicht“, unterbrach Daniela sie vergnügt. „Macht doch bloß nicht so lausige Gesichter. Statt mich zu beschimpfen, wäre es gescheiter gewesen, mir euer Französisch gleich mitzubringen. Ihr habt’s ja, da brauch ich’s bloß noch abzuschreiben.“
„Na, weißt du“, sagte Carola nicht sehr erfreut, „du hast vielleicht Begriffe! Wir müssen uns mit dem Quatsch rumquälen, und du?“
„Wenn ihr nicht wollt, laßt es bleiben!“ sagte Dany. „Ich dachte, es läge euch so viel daran, daß ich mich in Französisch bessere.“
„Ja, daß du lernst, aber nicht, daß du einfach abschreibst!“
Daniela riß die großen blauen Augen auf. „Ich verstehe euch gar nicht“, sagte sie, „was habt ihr heute? Was ist los mit euch? Es ist doch ganz wurscht, ob man lernt oder abschreibt. Hauptsache ist doch, man bleibt nicht hängen, oder?“
„Gib es auf, Carola“, sagte Irene, „du siehst ja, es hat keinen Zweck. Außerdem, was geht es uns an! Solange Dany nicht sitzenbleibt, ist ja wirklich alles in Ordnung.“
„Na endlich! Gut, daß ihr’s einseht! Können wir jetzt spielen?“
Die drei Freundinnen verbrachten ein paar sehr vergnügte Stunden miteinander. Dann war es für Carola und Irene Zeit, heimzugehen. Frau Baum, die Haushälterin, rief Daniela zum Abendessen.
Daniela wusch sich die Hände, bürstete sich die blonden Locken und erschien strahlend im Eßzimmer. Sie hatte ihre Eltern seit dem Frühstück nicht mehr gesehen. Frau Wilde war beim Friseur gewesen und bei der Schneiderin, hatte Einkäufe gemacht und in der Stadt zu Mittag gegessen, sich am Nachmittag mit ein paar Freundinnen getroffen. Herr Wilde war den ganzen Tag in der Fabrik gewesen.
Daniela lief zu ihm hin, drückte ihr Gesicht an seine Wange, küßte ihn zärtlich: „’n Abend, Papi! Du … also eines muß ich dir sagen, euer neues Schmeezelt ist eine Wucht!“
„Ja, gefällt es dir, mein Wirbelwind?“
„Und ob! Du, Papi, das möchte ich glatt mal ausprobieren! Am besten wär’s … ich meine, wenn es erst richtig kalt ist …“
„Also bitte, möchtest du nicht auch mir guten Abend sagen?“ unterbrach Frau Wilde sie mit freundlichem Tadel.
„Oh, entschuldige, Mam! Nimm’s nicht persönlich!“ Vergnügt lief Daniela zu ihrer Mutter, küßte sie mit der gleichen Innigkeit. „Es ist bloß … dieses Winterzelt ist wirklich eine tolle Sache! Es läßt sich heizen, du, stell dir vor. So was war noch nicht da!“
Manfred, der große Bruder, grinste. „Du wirst mal später eine gute Vertreterin abgeben, Dany“, sagte er. „Wenn auch sonst nicht viel mit dir los ist, reden kannst du!“
„Manfred!“ schrie Daniela empört. „Wie kannst du das behaupten?“
„Na hör mal … Daß du wie ein Wasserfall redest, muß dir doch schon selber aufgefallen sein!“
„Daß sonst nichts mit mir los ist, hast du gesagt.“
Er lachte. „Setz dich schon, Dany, mir gefällst du so, wie du bist. Ich könnte mir eine üblere Schwester denken.“
„Danke“, sagte Daniela. Sie setzte eine gekränkte Miene auf und hüllte sich die nächsten Minuten in Schweigen, obwohl es sie eine ungeheure Anstrengung kostete. Aber niemand schien ihre Zurückhaltung zu bemerken.
„Na, Dany“, sagte der Vater endlich, „was gibt’s Neues? Heute war der erste Schultag, wenn ich mich nicht irre, nicht wahr?“
„Danke, gut.“
„Na, sag mal, was ist das für eine Antwort! Glaubst du, daß man sich darunter etwas vorstellen kann?“
„Ich dachte, ich rede zuviel!“ platzte Daniela heraus. „Deshalb wollte ich …“
Alle lachten.
„Euch kann man es eben nicht recht machen!“ sagte Daniela. Aber es war ihr nicht möglich, ihre ernste Miene beizubehalten. Sie lachte mit.
„Nun, wie ist es?“ sagte Frau Wilde. „Vater hat dich etwas gefragt! Wie war es in der Schule? Hat es Veränderungen gegeben, andere Lehrer?“
„Nö“, sagte Daniela, „überhaupt nichts.“ Dann erst fiel ihr die neue Mitschülerin wieder ein. „Oder doch“, sagte sie rasch, „wir haben eine Neue in die Klasse bekommen. Sabine Kern heißt sie. Also das ist eine, sag ich euch! So was habt ihr noch nicht erlebt! So eine mit Brille,’ne richtige Streberin!“
Und sie zog dazu ein Gesicht.
„Findest du nicht selber, daß du ein bißchen voreilig urteilst?“ sagte die Mutter. „Wenn jemand eine Brille tragen muß, so hat das etwas mit den Augen zu tun, aber doch nicht mit dem Charakter.“
„Bei der schon!“ sagte Daniela mit vollem Munde. „Ihr habt ja keine Ahnung! Wie die sich aufgeführt hat … Nicht zu schildern! Sie ist eine Angeberin allererster Güte. Alles weiß sie, alles kann sie, alles versteht sie besser. Einfach widerlich!“
„Na, mir scheint, du könntest dir von diesem Mädchen was abpausen, Dany“, sagte Herr Wilde, „ich wäre gar nicht traurig, wenn du endlich anfingst, ein bißchen gescheiter zu werden.“
„Aber das tu ich doch, Paps, bitte, sei nicht ungerecht! Schließlich bin ich noch nie sitzengeblieben! Nicht ein einziges Mal! Das ist der Beweis dafür, daß ich lerne und daß ich immerzu gescheiter werde. Aber so eine wie die, die würde ich dir bestimmt nicht als Tochter wünschen. Oder doch. Mal zur Abwechslung, für vierzehn Tage. Dann wüßtest du erst mal, was du an mir hast!“
„Na, na, na!“ sagte Herr Wilde. „Nicht so vorlaut, Dany.“ — Es war ihm anzusehen, daß er nicht ernsthaft ärgerlich war.
„Ein gräßliches Wesen“, sagte Daniela und schüttelte sich. „Und so was nennt sich Sabine!“ Plötzlich hatte sie einen Einfall, und ihr Gesicht hellte sich auf. „Ich weiß, wie sie heißen müßte. Nicht Sabine, sondern Mistbiene. Das wäre der passende Name für sie! Ihr könnt’s mir glauben, sie ist eine richtige Mistbiene!“
„Deine Kenntnisse in Zoologie sind erstaunlich“, sagte Manfred belustigt. „Willst du mir vielleicht mal erklären, was das für ein Insekt sein soll?“
„Hör auf damit!“ mahnte die Mutter. „Ich möchte jetzt nichts mehr darüber hören. Ich bin sicher, du tust diesem neuen Mädchen unrecht, Dany.“
„Ganz bestimmt nicht!“
„Auf jeden Fall, ob sie nun nett oder weniger nett ist, sie geht von nun an in eure Klasse, du mußt dich mit ihrer Gegenwart abfinden. Zum Geburtstag wirst du sie natürlich auch einladen.“
„Ich denke nicht daran!“
„Dany, nun hör mal“, sagte der Vater. „Du willst doch, wie jedes Jahr, die ganze Klasse einladen, wie? Siehst du denn nicht ein, daß es unmöglich ist, eine einzige auszuschließen?“
„Ich mag diese Mistbiene nicht“, sagte Dany mit ungewohnter Heftigkeit. „Ich mag sie nicht. Wirklich nicht.“
„Nun gut“, sagte Frau Wilde, „wir wollen dich natürlich zu nichts zwingen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß du sehr viel Freude an deinem Geburtstag haben wirst, wenn du weißt, daß ein Mädchen deinetwegen unglücklich ist. Oder ist dir das etwa gleichgültig?“
„Nein“, sagte Dany zögernd, „das natürlich nicht!“ Sie biß sich auf die volle Unterlippe, dann strahlte ihr Gesicht wieder auf. „Schließlich ist es ja ganz egal“, sagte sie vergnügt. „Wenn ihr meint, lade ich sie mit ein. Vielleicht benimmt sie sich ganz menschlich!“
Glück gehabt
Erst nach dem Abendbrot begann Daniela mit ihren Schularbeiten.
Sie schlug ihr Hausaufsatzheft auf und schrieb, ohne sich zu besinnen, in die Mitte der ersten Seite: „Ferien“. Dann krauste sie die Stirn, legte den Finger an die Nase, seufzte tief und begann: „Ferien sind die schönste Zeit im Jahr …“
Sie schrieb erst langsam und sorgfältig, aber je mehr ihr über dieses unerschöpfliche Thema einfiel, desto rascher flog ihr Federhalter über das Papier. Immer schiefer saßen Kommas und Punkte, und immer großzügiger handhabte sie die Rechtschreibung. Sie schrieb viele Seiten voll, und als sie endlich fertig war, schlug die Kirchturmuhr zehn Uhr. Daniela spürte plötzlich, daß sie sehr müde war. Sie gähnte tief, stand auf, streckte und reckte sich.
Sie wollte sich gerade ausziehen, als die Mutter ins Zimmer kam. „Na, noch nicht im Bett?“ fragte Frau Wilde. „Was soll denn das bedeuten?“
„Ach, bitte, schimpf nicht, Mummi“, sagte Daniela, „ich kann ja nichts dafür, wirklich nicht! Bloß … wir haben unmenschlich viel Schularbeiten auf!“
„Wann hast du denn damit angefangen?“
Daniela zögerte, dann gab sie sich einen Ruck, sagte ehrlich und ein wenig kleinlaut: „Nach dem Abendessen!“
„So ähnlich habe ich mir das gedacht. Bist du wenigstens fertig geworden?“
„Och, schon. Im wesentlichen.“
„Also wirst du morgen wieder einmal unvorbereitet in die Schule gehen! Dany, schämst du dich denn nicht? Was hast du uns alles versprochen! Soll es im neuen Schuljahr wieder den alten Ärger geben?“
„Bitte, sei nicht böse … bitte nicht!“ Daniela schlang ihre Arme um die Mutter, drückte sie fest an sich. „Ich … ich hab’s doch nicht mit Absicht getan. Ich hab es einfach vergessen! Aber …“ Stolz strahlte sie ihre Mutter an, „ich hab einen prima Hausaufsatz geschrieben. Da krieg ich bestimmt eine gute Note drin. Willst du ihn lesen?“
„Na schön. Gib her!“ Frau Wilde setzte sich an den Tisch.
Daniela holte das Aufsatzheft aus der Schulmappe, in die sie es schon eingepackt hatte, gab es ihrer Mutter.
Frau Wilde begann zu lesen, und Daniela beobachtete sie aufmerksam. Sie war sehr stolz auf ihre schöne, gepflegte Mutter. „Du siehst wunderbar aus, Mummi“, sagte sie ehrlich.
Frau Wilde sah nicht auf. „Bitte, lenk mich nicht ab!“ „Ist das Kleid neu?“ fragte Daniela weiter.
Aber Frau Wilde antwortete nicht mehr. Sie legte nur den schlanken Finger auf die Lippen, um Daniela zu verstehen zu geben, daß sie jetzt nicht sprechen sollte.
Erst als sie den Aufsatz zu Ende gelesen hatte, hob sie den Kopf, sah ihre kleine Tochter an. „Also, Dany, wirklich …“
„Fein, wie?“ fragte Daniela hoffnungsvoll.
„Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Dany … so etwas von Flüchtigkeit, so etwas von Schumßligkeit! Die unmöglichsten Fehler hast du gemacht …“
„Fehler?“ Daniela war erstaunt. „Nun ja, ich wußte nicht genau, wie man Exkursion schreibt!“
„Das meine ich nicht, Dany. Übrigens hast du das Wort ganz richtig geschrieben, obwohl ich nicht weiß, warum du nicht lieber das deutsche Wort Ausflug gebraucht hast. Aber in deinem Alter Vater mit zwei t zu schreiben, also wirklich, das ist unverzeihlich!“
Daniela lachte. „Ich bitte dich, Mummi, reg dich doch nicht auf! Glaubst du etwa im Ernst, ich wisse nicht, wie man Vater schreibt? Das kann mir nur so aus Versehen passiert sein!“
„Und wie schreibt man ,ganz’?“
Daniela runzelte die Stirn. „Ich kann mich gar nicht erinnern, daß ich etwas von Gänsen geschrieben habe. Gehört doch gar nicht zum Thema.“
„Doch, leider, das hast du. Du hast geschrieben … ganz vergnügt … und zwar mit einem s am Ende.“
„Na so etwas!“ Daniela lachte schallend. „Gut, Mummi, daß du das bemerkt hast. Doktor Leonhardt hätte mich noch ein ganzes Jahr damit aufgezogen.“
„Daniela, bist du denn wirklich nicht imstande, irgend etwas ernstzunehmen?“
„Doch, natürlich. Ich bin ja kein … kein Kasper.“
„Aber manchmal kommst du mir so vor. Willst du nicht begreifen, daß die Schule … na eben … kein Kasperltheater ist, in das man hineingeht, um sich zu vergnügen? Die Schule ist eine ernste Angelegenheit. Lernen ist wichtig.“
„Für was?“
„Fragst du das im Ernst?“
„Ja, Mummi! Bitte, sag mir, für was! Immer kriege ich zu hören, daß ich das Lernen ernst nehmen soll. Aber wozu, bitte? Wenn ich erst mal erwachsen bin, wird sicher niemand mehr von mir verlangen, daß ich deutsche Aufsätze schreibe oder Arbeiten über unregelmäßige französische Verben. Wozu also?“
„Ich versteh dich gar nicht! Daß man die deutsche Sprache beherrscht, ist doch wohl das mindeste, was man von einem jungen Mädchen verlangen kann. Und Französisch? Bei so vielen Gelegenheiten braucht man Französisch. Vielleicht willst du später einmal Fremdsprachensekretärin werden … oder Dolmetscherin … oder …“
Daniela schüttelte energisch den Kopf. „Gib dir keine Mühe, Mummi, nichts von alledem.“
„Du weißt schon genau, was du anfangen willst?“
„Sicher. Heiraten und Kinder kriegen!“
Frau Wilde mußte ein Lächeln unterdrücken. „Na, so einfach, wie du dir das vorstellst, ist es nun auch wieder nicht.“
„Doch, Mummi, ganz bestimmt. Die dümmsten Mädchen heiraten, dazu braucht man keine deutschen Aufsätze schreiben zu können und auch nichts von Mathematik zu wissen.“
„Du würdest also irgendeinen Mann nehmen, nur um zu heiraten? Weißt du, Daniela, das würde ich mir an deiner Stelle doch noch mal überlegen. Es ist viel besser, man steht auf eigenen Füßen und läßt sich Zeit mit dem Heiraten.“
„Ja, ich weiß. Aber bis es soweit ist, könnte ich schließlich Vater in der Firma helfen.“
„Ohne deutschen Aufsatz nicht, Dany. Als Vaters Sekretärin müßtest du einen wirklich guten Stil schreiben können.“
„Na ja, dann werde ich eben Sport- und Handarbeitslehrerin. Das kann ich beides prima.“
„Auch dazu brauchst du eine abgeschlossene Schulausbildung.“
„Sicher. Das weiß ich doch, Mummi. Glaubst du etwa, ich will so schnell wie möglich von der Schule? Nein, ganz bestimmt nicht. Ich mache schon weiter mit, das ist Ehrensache, und wenn’s bloß wegen der Ferien ist …“
„Ach, Dany“, sagte Frau Wilde halb ärgerlich, halb belustigt und stand auf, „was bist du bloß für ein Kind! Wenn ich dich so reden höre, dann denke ich, es geht dir einfach zu gut. Du hast nie Sorgen gekannt, und das bekommt dir nicht.“ Frau Wilde seufzte. „Wir haben dich zu sehr verwöhnt.“
„Stimmt, Mummi“, sagte Daniela vergnügt. „Verwöhnt bin ich. Aber das ist ja grad das Schöne! Du darfst nicht glauben, ich weiß nicht, wie gut ich es habe. Ich bin euch dankbar dafür. Wirklich sehr!“
„Dann versuch doch bitte einmal, uns deine Dankbarkeit zu beweisen, Dany. Nein, nein, bitte nicht, indem du mich jetzt abküßt. Ich meine etwas anderes. Sei sorgfältiger in deiner Arbeit. Verbessere zum Beispiel diesen Aufsatz noch einmal ganz gründlich, bevor du ihn ablieferst.“
„Gut, wird gemacht!“ sagte Daniela sofort bereitwillig.
„Nein, nicht mehr heute abend. Ich werde Frau Baum sagen, daß sie dich morgen eine halbe Stunde früher weckt. Einverstanden?“
Daniela schlug die Hacken zusammen und legte die Hand militärisch an die Stirn. „Ehrensache!“
Als Frau Wilde ins Wohnzimmer zurückkam, hatte ihr Mann den großen offenen Kamin angezündet. Er saß behaglich beim Feuer, studierte den Wirtschaftsteil in der Zeitung.
Er sah kurz auf, als sie eintrat. „Na, was ist los? Was machst du für ein Gesicht?“
„Ich war bei Dany.“
„Ach so!“ Ohne eine weitere Frage zu stellen, begann Herr Wilde sich weiter in seine Zeitung zu vertiefen.
„Ich mache mir Sorgen, Kurt“, sagte seine Frau.
„Wegen Dany? Das ist doch lächerlich! Sie war nie ein Sorgenkind!“
„Sie ist so unernst, nimmt alles auf die leichte Schulter.“
„Na wenn schon. Schließlich ist sie noch ein Kind.“
„Aber andere Kinder …“
„Andere Kinder interessieren mich nicht. Daniela ist mir so recht, wie sie ist. Von mir aus kann sie ihr ganzes Leben so bleiben.“
„Du hättest den Aufsatz lesen sollen, den sie geschrieben hat. Einfach unbeschreiblich!“
„So schlecht? Aber sie konnte doch sonst immer sehr lebendig …“
„Ja, das tut sie auch noch, lebendig und anschaulich ist alles, aber dermaßen flüchtig, es ist einfach unglaublich. Es wimmelt nur so von den dümmsten Fehlern. Die Kommas setzt sie immer nur grade dann, wenn es ihr einfällt.“
„Sie wird’s schon noch lernen.“
„Hoffentlich. Aber ich sage dir, wenn sie sich nicht ganz entscheidend bessert, wird sie nächstes Jahr Sitzenbleiben.“
„Na wenn schon. Dann wiederholt sie eben das Jahr. Ist doch wirklich nicht so wichtig.“
„Du verstehst nicht, was ich meine“, sagte Frau Wilde. „Wenn Daniela faul wäre, wenn ihr das Lernen schwerfiele … ja, ich gehöre bestimmt nicht zu den ehrgeizigen Müttern, die von ihren Kindern mehr verlangen, als sie leisten können. Aber Dany ist nicht dumm, ganz und gar nicht. Sie hat bisher noch niemals wirklich etwas gelernt und ist doch immer aufgestiegen. Das besagt ja schon genug. Wenn sie sich nur einmal wirklich anstrengen wollte!“
„Jetzt sag nur noch, es wäre dir lieber, sie wäre dumm und fleißig.“
„Ja. Vielleicht. Jedenfalls ist Faulheit und Begabung auch keine sehr gute Mischung. Wenn ich denke, was passiert wäre, wenn sie den Aufsatz so, wie er war, abgeliefert hätte!“
„Tut sie das nicht?“
„Hoffentlich nicht. Sie hat mir versprochen, ihn noch einmal gründlich durchzulesen und zu verbessern. Ich habe Frau Baum schon einen Zettel hingelegt, daß sie Daniela morgen eine halbe Stunde früher weckt.“
„Na, da sehe ich schwarz. Wie ich Dany kenne, wird sie sich einfach auf die andere Seite drehen und weiterschlafen.“
Aber Herr Wilde hat sich geirrt. Zwar hatte Daniela am nächsten Morgen gleich beim Aufwachen das unbehagliche Gefühl, früher als sonst geweckt worden zu sein, aber im selben Augenblick fiel ihr wieder ihr Hausaufsatz ein, der der Mutter so viel Kummer gemacht hatte.
Mit einem Satz war sie aus dem Bett, schlug das Heft auf und las. Auf den ersten zwei, drei Seiten war alles in Ordnung, dann aber wurde es fürchterlich. Obwohl Daniela ganz allein im Zimmer war, wurde sie rot, als sie lesen mußte, was ihr da alles an Fehlern unterlaufen war. Sie begann zu verbessern, aber da wurde nur eine große Schmiererei daraus.
Sie überlegte kurz, dann riß sie entschlossen alle beschriebenen Blätter aus dem Heft. Das hatte zur Folge, daß auf der Hinterseite eine Anzahl unbeschriebener Blätter ebenfalls herausfiel. Das Heft war jetzt ganz beachtlich dünner geworden.
Daniela war es gleichgültig. Sie begann zu schreiben. Sie schrieb den ganzen Aufsatz von vorne bis Ende noch mal, achtete diesmal sehr genau auf Zeichensetzung und Rechtschreibung und verbesserte auch im Ausdruck und in der Beschreibung noch manches.
Dabei bemerkte sie gar nicht, wie die Zeit verging.
Als sie endlich auf die Uhr blickte, blieb ihr vor Entsetzen eine Sekunde der Mund offenstehen. Es war eine Viertelstunde vor acht. Zehn Minuten brauchte sie bis zur Schule, und sie war noch nicht einmal angezogen.
Daniela riß sich den Schlafanzug vom Körper, schlüpfte in Hose, Hemd, Unterrock und Kleid. So schnell hatte sie sich noch nie angezogen. Auf das Waschen verzichtete sie, auch ihr Platz am Frühstückstisch blieb heute leer. Dennoch schlug es von der großen Kirchturmuhr acht, als sie endlich ihre Schulmappe gepackt hatte und aus dem Hause stürmen konnte.
Daniela rannte das Rennen ihres Lebens. Sie schaffte den Schulweg in knappen fünf Minuten — tatsächlich eine Rekordzeit. Aber sie konnte nicht verhindern, daß der Unterricht schon begonnen hatte, als sie in die Klasse stürzte, atemlos und sehr zerzsaust.
Alle Mädchen blickten zur Tür. Auch Dr. Bender, der die erste Stunde, Mathematik, gab, sah Daniela erstaunt an.
Er sagte nichts als: „Nanu?“
„Entschuldigen Sie bitte, Herr Doktor“, stammelte Daniela, „daß ich vergessen habe anzuklopfen und überhaupt … daß ich zu spät komme! Aber … aber …“
„Wahrscheinlich ist deine Uhr nachgegangen“, half Dr. Bender ihr mit übertriebener Herzlichkeit und schlug das Klassenbuch auf.
„Nein, nein! Das nicht!“
„Dann hat sicher die Straßenbahn Verspätung gehabt.“ Dr. Bender schraubte seinen Füllfederhalter auf. Daniela wußte, was das zu bedeuten hatte. Er wollte einen Tadel ins Klassenbuch eintragen.
„Nein!“ sagte sie aufgeregt. „Bitte, nicht! Bitte, bitte, lieber Herr Doktor … bitte, es ist doch erst der zweite Schultag!“
„Eben drum. Ich erinnere mich an eine Schülerin, die am Ende des vorigen Jahres das Blaue vom Himmel versprach, nur um an einer Fünf in Mathematik vorbeizukommen.“ Aber zu Danielas unendlicher Erleichterung legte er doch den Füllfederhalter aus der Hand.
„Weil ich mich bessern wollte“, klagte sie kläglich, „grade deshalb ist es mir ja passiert.“
„Höchst interessant. Möchtest du uns das nicht genauer erklären?“
„Natürlich. Gern. Das war nämlich so: Wir haben einen Hausaufsatz auf, und den habe ich gestern abend geschrieben. Heute morgen vor der Schule bin ich eine halbe Stunde früher aufgestanden, weil ich ihn noch einmal abschreiben mußte. Das hat eben so lange gedauert, und deshalb …“
„Du hast ihn also zweimal geschrieben?“
„Ja.“ Daniela holte tief Luft. „Aber den ersten habe ich aus dem Heft herausgerissen.“
„Naja, ich bin grundsätzlich gegen das Blätterherausreißen, das weißt du wohl, Dany. Aber da möchte ich mich nicht einmischen, das geht in diesem Fall nur meinen Kollegen Leonhardt etwas an. Also bitte, setz dich und halte deine Mitschülerinnen nicht länger vom Unterricht ab. Ich hoffe, daß du so bald nicht wieder unpünktlich kommst.“ Bei diesen Worten schlug Dr. Bender das Klassenbuch zu.
Daniela setzte sich auf ihren Platz. Sie strahlte von einem Ohr zum anderen. „Glück gehabt!“ flüsterte ihr Irene zu.
„Das kann man wohl sagen“, hauchte Daniela zurück.
Sabine Kern preßte die Lippen zusammen — Dr. Bender ist ungerecht, dachte sie. Er zieht Daniela vor. Warum schreibt er ihr keinen Tadel ins Klassenbuch? Sie hätte ihn doch verdient. Diese blöde Geschichte, daß sie ihren Schulaufsatz zweimal geschrieben hat! Selbst wenn das wahr wäre, würde es doch nichts entschuldigen. Aber ich glaube es nicht einmal. Bestimmt hat sie sich das nur ausgedacht. Sie kann sich eben alles erlauben. So eine Ungerechtigkeit!
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