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Marguerite Porete
kam vermutlich im Jahr 1250 in der nordostfranzösischen Stadt Valenciennes zur Welt. Aufgrund ihrer hohen Bildung darf man vermuten, dass sie dem Patriziat der Stadt entstammt. Sie schloss sich der Beginenbewegung an und hatte ein zwiespältiges Verhältnis zur Kirche. Ihr in einfacher Volkssprache geschriebenes Werk Der Spiegel der einfachen Seelen versetzte die kirchliche Inquisition in Aufruhr und führte zu ihrer öffentlichen Verbrennung im Jahr 1310 in Paris. Heute gilt sie als eine der wichtigsten Mystikerinnen und theologischen Schriftstellerinnen Frankreichs.
Der Herausgeber
Dr. theol. h.c. Gerhard Wehr, geb. 1931 in Schweinfurt/Main. Nach langjähriger Tätigkeit auf verschiedenen Feldern der Diakonie und der Erwachsenenbildung, zuletzt als Lehrbeauftragter an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg/Nürnberg, arbeitet er als freier Schriftsteller in Schwarzenbruck bei Nürnberg. Ein Großteil seiner Werke zur neueren Religions- und Geistesgeschichte ist in mehreren europäischen und asiatischen Sprachen verbreitet.
Der Übersetzer
Dr. Bruno Kern, geboren 1958, studierte Theologie und Philosophie in Wien, Fribourg, München und Bonn; er lebt zurzeit in Mainz und arbeitet als selbstständiger Lektor und Übersetzer.
Zum Buch
»Ihr Leben löst die Wahrheit ihres Buches ohne Worte ein.« Franz-Josef Schweitzer
Marguerite Porete hatte in einer ebenso überzeugenden wie herausfordernden Weise das Wort ergriffen und Widerhall unter dem Kirchenvolk ihrer Region gefunden. Ihr oblag es, einen Stufenweg der Seele zu Gott zu zeigen. Sie legte in temperamentvollen, bisweilen enthusiastischen Dialogen dar, wie sich die erleuchtete Seele von den Unzulänglichkeiten der menschlichen Vernunft wie auch der herkömmlichen Tugenden zu verabschieden habe, um sich in hingebungsvoller Liebe mit der Gottesliebe zu verbinden, einer Verbindung, die eine ungeahnte Freiheit des Geistes (spiritus libertatis) eröffnet. Sich selbst versteht diese ihres Adels bewusste Seele als eine Herrin über die Tugenden und als eine geradezu ebenbürtige Tochter der Gottheit.
Marguerite Porete hat mit ihrer tief im menschlichen Geist verankerten Liebe zu Gott das christliche Denken nachhaltig beeinflusst. Wie viele andere – gerade weibliche – vordenkende Mystiker musste auch sie für das Eintreten für ihre Glaubensweise auf dem Scheiterhaufen mit dem Leben bezahlen. Die den Beginen angehörende französischsprachige theologische Schriftstellerin war für eine Frau ihrer Zeit äußerst gebildet und vertrat ihre Ansichten zu öffentlich, und das ohne ihre Lehre als einer Gottesoffenbarung entsprungen zu bezeichnen, was im frühen Mittelalter meist der einzige Weg war, als theologisch in der Öffentlichkeit agierende Frau nicht in Konflikt mit der mittelalterlichen Inquisition zu kommen. Enthusiasmus rief Marguerite Porete unter den Gläubigen mit ihrer Lehre hervor, in der der Spiegel die etappenweise Befreiung der menschlichen Seele aus der weltlichen Abhängigkeit hin zu Gottes allmächtiger Liebe versinnbildlicht.
Marguerite Porete
Marguerite Porete
Textauswahl und Kommentar
von Gerhard Wehr

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Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2014
Lektorat: Dr. Bruno Kern, Mainz
Bildnachweis: “Mater Dolorosa” von Hans Memling, um 1480/90
© akg images GmbH, Berlin
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0436-3
www.marixverlag.de
INHALT
EINFÜHRUNG
Marguerite Porete als Begine
Brüder und Schwestern vom Freien Geiste
Der Spiegel – Marguerites Lehrbuch der Liebe
Nachwirkungen
AUS DEM Spiegel der einfachen Seelen
Die von Gott berührte Seele (Kap. 1)
Das Vorhaben der Liebe (Kap. 2)
Die Liebe und die Gebote der heiligen Kirche (Kap. 3)
Die erhabene Tugend der Nächstenliebe (Kap. 4)
Der Friede der Nächstenliebe (Kap. 5)
Abschied von den Tugenden (Kap. 6)
Inwiefern die Seele edel ist (Kap. 7)
Wie die Vernunft erstaunt ist (Kap. 8)
Von der Willenlosigkeit (Kap. 9)
Zwölf Namen der Liebe (Kap. 10)
Neun Punkte der Liebe (Kap. 11)
Die zunichte gewordenen Seele, die überhaupt keinen Willen mehr hat (Kap. 12)
Inwiefern die Vernunft zufrieden ist (Kap. 13)
Durch den Glauben weiß die Seele von Gott (Kap. 14)
Vom heiligen Sakrament des Altares (Kap. 15)
Die Seelen gestehen der Natur das zu, was sie begehrt (Kap. 17)
Wie Gaube, Hoffnung und Nächstenliebe Kenntnis verlangen (Kap. 19)
Die Liebe antwortet der Vernunft (Kap. 21)
Zwei Stützpfeiler der Seele (Kap. 23)
Ob solche Seelen Freude empfinden (Kap. 25)
Die Seele gerät in Verzückung (Kap. 33)
Keinerlei Unbehagen wegen der Sünde (Kap. 41)
Wie der Heilige Geist lehrt (Kap. 42)
Solche Seelen als heilige Kirche (Kap. 43)
Lebensweise der nach Liebe sich sehnenden Seele (Kap. 44)
Die ohne Willen leben in der Freiheit der Nächstenliebe (Kap. 45)
Welche Seele niemals frei ist (Kap. 48)
Inwiefern diese Seele der Gottheit ähnlich ist (Kap. 51)
Wie die Liebe diese Seele lobt (Kap. 52)
Wie die Liebe der Vernunft antwortet (Kap. 55)
Die Tugenden beklagen sich über die Liebe (Kap. 56)
Die Seelen und ihr Freund (Kap. 58)
Über die sieben Stadien der Seele (Kap. 61)
Was die Seele froh macht (Kap. 66)
Das Land, in dem die Seele sich aufhält (Kap. 67)
Die Seele und das göttliche Werk der Dreieinigkeit (Kap. 68)
Der Tugendwandel ist nichts als Sorge und Plage (Kap. 69)
Die Seele tut kein Werk mehr für Gott, für sich und den Nächsten (Kap. 71)
Der Geist muss sterben, damit er seinen Willen verliert (Kap. 73)
Die erleuchtete Seele und die Verklärung Christi (Kap. 75)
Wie die Seele singt (Kap. 80)
Vier Seiten der Freiheit (Kap. 82)
Inwiefern die Seele schließlich ganz frei wird (Kap. 85)
Der Gerechte fällt siebenmal am Tag (Kap. 103)
Wie Gott der Seele ihren freien Willen gab (Kap. 104)
Die sieben Stufen oder Seinszustände (Kap. 118)
Die Seele entschuldigt sich für das zu lang geratene Buch (Kap. 119)
Wie die Wahrheit solche Seelen lobt (Kap. 120)
Die heilige Kirche lobt diese Seele (Kap. 121)
Aus dem Lied der Seele (Kap. 122)
Erste Betrachtung: Von den Aposteln (Kap. 123)
Zweite Betrachtung: Von Maria Magdalena (Kap. 124)
Dritte Betrachtung: Von Johannes dem Täufer (Kap. 125)
Vierte Betrachtung: Von der Jungfrau Maria (Kap. 126)
EPILOG
STIMMEN UND ZEUGNISSE
LITERATUR
EINFÜHRUNG
MARGUERITE PORETE ALS BEGINE
Was wäre die christliche Mystik ohne den Anteil der Frauen? Der Pulsschlag fehlte ihr, das empfindende, das liebende und das leidensfähige Herz! Aber Mystikerinnen und Mystiker leben gefährlich. Die Geschichte ist reich an entsprechenden Belegen. Bedroht und verfolgt, missdeutet und verleumdet, nach peinlichen Verhören gewaltsam getötet werden sie in der Regel nicht etwa von Gottesleugnern oder von erklärten Gegnern des Christentums. Paradoxerweise geht die Verunglimpfung durchwegs von den Hütern der sogenannten Rechtgläubigkeit aus. Sie befürchten, das kirchliche Dogma werde durch enthusiasmierte Christen oder Christinnen überall dort verfälscht, wo beispielsweise Eigenerlebtes über kirchenamtlich sanktionierte Wortlaute gestellt wird. Aber haben alles Offenbarungsgeschehen und aller Erkenntnisdurchbruch etwa nicht ursprünglich im Seeleninnern von jeweils Einzelnen ihren Anfang genommen? Und doch wirke sich die Verbreitung bestimmter innerer Erfahrungen dieser Art schädlich aus, meinen die Buchstabengläubigen einst und heute. Ganz zu schweigen von einer eventuellen Infragestellung allgemein verbindlicher Lebensregeln und Gebote, die schließlich außer Kraft gesetzt würden. Und gerade auf diese Selbst-Erfahrung, auf diese oft blitzartige Begebenheit der Erkenntnis und des Ergriffenseins kommt es an! Das ist Mal um Mal zu bezeugen.
Nun ist die Praxis der Verurteilung Missliebiger seit den ältesten Zeiten in der Christenheit, und nicht nur in ihr, bekannt. Man muss sich nur die Art und Weise vor Augen führen, wie beispielsweise die Vertreter gnostischer Strömungen in und seit den ersten Jahrhunderten diskriminiert und deren schriftliche Überlieferungen großenteils vernichtet wurden. Wie die Geistesgeschichte vorwiegend des vergangenen 20. Jahrhunderts zeigt, bedurfte es spezieller Schriftenfunde, um an relativ unzensierte Dokumente nichtkanonischer Evangelien sowie an bislang nur aus Gegnerschriften bekannte Glaubens- und Erkenntniszeugnisse heranzukommen.1 Wer als mystikós oder mystiké an einem Mysterium vernehmend, schauend, erkennend teilhat, der bzw. die gehört in der Regel einer Minderheit an. Und religiösen Außenseitern begegnet die jeweilige Allgemeinheit ohnehin mit Skepsis und Argwohn. Da wie dort ist das autoritative Handeln der Kirche herausgefordert und gefragt.
Hinsichtlich der mittelalterlichen Mystik handelt es sich um jene Männer und Frauen, die nicht allein den allgemeinen Frömmigkeitsübungen und dem religiösen Brauchtum folgen, sondern die sich darüber hinaus durch eigenes Erleben, nicht zuletzt durch ein eigenständiges spekulatives Weiterdenken auszeichnen und die davon durch Wort und Tat öffentlich Zeugnis ablegen. Dazu gehören Erfahrungen einer besonderen Gottesgegenwart, einer Geistesgegenwärtigkeit, die bis in ihren Alltag hineinwirkt. Denn gerade dort haben sich Echtheit und Wirklichkeitsgehalt des innen Erfahrenen zu erweisen, gilt es doch, wie Eckhart predigt, „Gott in allen Dingen“ zu ergreifen und das kontemplative Leben durch die Aktion gleichsam in Kraft zu setzen.2
Freilich geschieht ein solches Innewerden der vom Geistfeuer der Mystik ergriffenen Menschen in einer besonderen seelischen Verfassung. Mystik wird für sie Mal um Mal Ereignis; Mystik geschieht. Sie geschieht in der Sphäre einer letztlich unbeschreiblichen Gott- Unmittelbarkeit, sei es in Gestalt einer ungeahnten Erkenntnis, die wie ein Blitz dem betreffenden Menschen auf- und einleuchtet, und sei es als eine das ganze Leben durchdringende Empfindung der Gottes- oder Christusliebe. Sie geschieht nicht zuletzt in der Freiheit des unverfügbaren Geistes: Der Geist weht, wo er will! Er lässt sich nicht vorschreiben, in wem und auf welche Weise er sich kundgeben möchte. Wer einmal, und zwar nachhaltig, ein solches Gotteserlebnis durchgemacht hat, der bleibt nicht länger von einer durch äußere Autoritäten gelenkten Vermittlung des Glaubens abhängig. Er oder sie ist auf diese Weise – um mit Meister Eckhart zu reden – ihrer ledig, somit gott- oder geistunmittelbar geworden. Solche Menschen werden – nolens volens – in einer zweifachen Weise auffällig – eine Publizität, die ihnen am allermeisten zuwider ist, zumal das Bereden des Geheimnisvollen, Verborgenen, dem Wesen mystischer Wirklichkeit entgegensteht! Schon der Begriff – griech. myein, die Augen bzw. den Mund schließen – signalisiert: Es gilt, den Mund zu schließen und zu schweigen. Und doch kann es dabei nicht bleiben! Zum einen üben die von außerordentlichen Erfahrungen Heimgesuchten auf ähnlich gestimmte Zeitgenossen eine nicht geringe Faszination aus; es kommt zu einer speziellen Gruppenbildung von Gottesfreunden, von Brüdern und Schwestern im Geiste. Zum anderen heben sie sich vom Gros des biederen Kirchenvolkes ab, wiewohl sie ihm weiterhin verbunden bleiben, Seite an Seite mit dessen Mitgliedern auf das göttliche Wort hören und – von Ausnahmen abgesehen – die Sakramente gemeinsam empfangen.
Dennoch geraten sie bisweilen in ein gefahrvolles Abseits, zumal die Hierarchen der Kirche, der sie unterstellt sind, über viel Macht verfügen. Eine Weise dieser Machtausübung besteht darin, unliebsam gewordene Menschen inquisitorisch aufzuspüren, ihr Denken am herkömmlichen Dogma zu messen, sie gegebenenfalls daraufhin als Ketzer und Ketzerinnen zu verurteilen und die solcherart Gebrandmarkten alsbald dem „weltlichen Arm“, das heißt dem Henker, zu übergeben. Da stehen Amt und Charisma, wie so oft in der Kirchengeschichte, einander feindselig gegenüber! Aber selbstbewusste, mit einer Geistesgabe (Charisma) ausgestattete Menschen meinen bisweilen, sich nicht länger an die Weisungen der zuständigen Amtsinhaber halten zu müssen. Doch einem Ketzer, einer Ketzerin, so sagt man, gebührt seit alters der Feuertod!
So ist es wieder einmal geschehen: Am 1. Juni des Jahres 1310.3 Auf der Place de Grève in Paris4, am Nordufer der Seine gelegen, verbrennt man eine von der Inquisition angezeigte und wiederholt gemaßregelte Frau; dazu, wie sich herausstellt, eine unmittelbare Zeitgenossin und Geistesverwandte Meister Eckharts!5 Es handelt sich um Marguerite Porete, eine Nordfranzösin. Sie ist die Autorin des Buches „Der Spiegel der einfachen und zunichte gewordenen Seelen“ (Le mirouer des simple ames anienties), also eine Intellektuelle, die etwas Bestimmtes, dazu Provokatives zu sagen hat.
Die ungewöhnliche Rede von dem Vernichtigtsein und damit von dem Zunichte-Gewordensein meint die Erkenntnis des eigenen Nichts, und zwar als eines besonderen Zustandes. „Die Vernichtung ist also eine Bewusstwerdung des Nichts, demgegenüber das Alles Gottes umso deutlicher wird.“6 Damit verbunden sind – wie in der mystischen Literatur nicht unüblich – Aussagen über das Nacktsein und Nichtssein vor Gott, was jedoch nicht als Mangel oder als Unwert anzusehen sei, sondern als die Voraussetzung für das Freiwerden, für die Freiheit aus den Knechtschaften in Kirche und Gesellschaft, und zwar um der Gottesfreundschaft willen. „Die vernichtete Seele ist zugleich eine befreite Seele; beide Begriffe treten regelmäßig miteinander auf, wie etwa an einer Stelle, wo davon die Rede ist, dass das rechte Verständnis der Gottesminne bei der vernichteten Seele liegt: Das Verständnis der Gottesminne ist in der vernichteten Seele und verbleibt in ihr, die auch eine befreite Seele ist.“7 Es ist der Bräutigam Gott bzw. Christus, der die Seele aus der Knechtschaft, zu der auch erzwungene Tugenden zählen, herausführt. Denn Dank seiner wird die Seele frei.
Mit dieser Schrift, die Marguerite Porete – wie einst üblich – durch wiederholtes öffentliches Vorlesen bekannt machte, hatte sie offensichtlich vor einer nicht geringen Zuhörerschaft mehrfach Aufsehen erregt. Das konnte der kirchlichen Obrigkeit weder verborgen noch durch sie ungestraft bleiben. Das Urteil namhafter Theologen über die Gedanken der Porete war zwar nicht eindeutig ausgefallen. Doch schließlich behielten ihre Widersacher als Ketzerrichter die Oberhand. Sie werden wahrgenommen haben, dass sie es mit einer in Fragen des geistlichen Lebens kundigen und – gemessen an ihrem damaligen geringschätzig beurteilten Stand – mit einer theologisch durchaus gebildeten Frau zu tun hatten, aber eben mit einer Frau. Und Frauen sind in der katholischen Kirche weder kultusfähig, noch steht ihnen in jenen Tagen die Kompetenz der theologischen Unterweisung zu. Und doch erheben sie ihre Stimme, manche beginnen zu predigen!
Dessen ungeachtet hatte auch Marguerite Porete in einer ebenso überzeugenden wie herausfordernden Weise das Wort ergriffen und Widerhall unter dem Kirchenvolk ihrer Region gefunden. Ihr oblag es, einen Stufenweg der Seele zu Gott zu zeigen. Sie hatte in temperamentvollen, bisweilen enthusiastischen Dialogen darzulegen, wie sich die erleuchtete Seele von den Unzulänglichkeiten der menschlichen Vernunft wie auch der herkömmlichen Tugenden zu verabschieden habe, um sich in hingebungsvoller Liebe mit der Gottesliebe zu verbinden – eine Verbindung, die eine ungeahnte Freiheit des Geistes eröffnet. Sich selbst versteht diese sich ihres Adels bewusste Seele als eine Herrin über die Tugenden und als eine geradezu ebenbürtige Tochter der Gottheit. Dieses Wissen kann sie nicht für sich behalten, sie muss es Menschen mitteilen, die bereits eine Ahnung davon in sich tragen. Möglich scheint ihr die Verbreitung dieser Einsicht nicht länger in der „kleinen Kirche“ (Sainte Eglise la petite) der vielen, sondern nur in der ihrer spirituellen Qualität nach „großen Kirche“ (Sainte Eglise la grande). In ihr kennt man Wissende, deren Seelen Gott als dem nah wie fern Geliebten (Loing-Près) angetraut sind. Es handelt sich offensichtlich um Eingeweihte, die sich als die Freien von den „anderen“ unterscheiden, denen das Mysterium verschlossen oder zumindest noch nicht zugänglich geworden ist.8 Wie aber können, wie müssen derlei esoterische, das heißt spirituell nach innen gerichtete Vorstellungen in einer Kirche aufgenommen werden, in der die Erfüllung von strikten Tugendnormen, Unterordnung und Gehorsam keinen Widerspruch leiden, zumal, wenn die diesbezüglichen Lehrer und Autoren nicht etwa gelehrte Magister der hohen Schule sind, sondern „nur“ Frauen, die einen Weg zur spirituellen Vollkommenheit beschreiten? Zumal wenn es sich um eine Frau wie Marguerite Porete handelt, die diesen Weg auch anderen mit der ihr eigenen Eindringlichkeit lehrt und bezeugt?
Schon einige Jahre vor der Hinrichtung Marguerite Poretes hatte der Bischof von Cambrai (etwa um 1305) die Vernichtung des Buches in erster Fassung veranlasst. Ihr späterer Inquisitor, der Dominikaner Wilhelm von Paris, erkannte daher auf Rückfälligkeit. Rückfällige Ketzer verdienen kein Pardon. Da hat auch das Sakrament der Beichte und Absolution (Sündenvergebung) seine Grenze. Nicht nur die kirchliche Glaubenslehre, sondern auch die moralischen Normen der Kirche schienen – verstanden oder missdeutet – durch Porete in Frage gestellt zu sein. Bei der Überprüfung ihrer Texte beanstandeten mehrere Pariser Theologen verdächtig scheinende Passagen ihrer Schrift, des Miroir. Fünfzehn Sätze genügten ihnen, um Poretes Gedanken in ihrer Gesamtheit als Ausdruck einer todeswürdigen Irrlehre zu beurteilen. Einer fortgesetzten Verbreitung musste daher für immer Einhalt geboten werden, und zwar umso mehr, als die selbstbewusste und von ihrer Einsicht überzeugte Angeklagte sich zu keiner Umkehr bereit fand.
Fragt man nach Herkunft, Lebenszusammenhang und gesellschaftlicher Zuordnung, dann fällt die Auskunft über Marguerite Porete sehr sparsam aus. Nur weniges ist aus den Prozessakten zu erheben. Abgesehen vom Datum ihres Todes weiß man nicht viel von dieser Frau, nicht einmal ihr ungefähres Alter lässt sich mit einiger Sicherheit angeben. Man schätzt, sie sei etwa fünfzig Jahre alt gewesen. Gelebt hat Marguerite im Hennegau; es ist die Region im Norden Frankreichs an der Grenze zu Belgien. Nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit kann man sagen, dass sie in der Stadt Valenciennes gelebt und als Begine an einem regen religiösen Leben teilgenommen hat. Das ist jene in der Hauptsache von Frauen gebildete, geistlich ausgerichtete Bewegung vornehmlich des 13. und 14. Jahrhunderts, deren Mitglieder unabhängig von Ehe und Familie zunächst im niederländischen und im süddeutschen Raum verhältnismäßig lose religiöse Gemeinschaften bildeten. Beginen unterwarfen sich somit auch nicht auf Lebenszeit den mönchischen Gelübden der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams. Von Ausnahmen abgesehen, schlossen sie sich keinem Nonnenkloster an.9 In einzelnen Städten praktizierten sie in sogenannten Beginenhöfen ein gemeinsames Leben. Unter freiwilligem Verzicht auf ein gesichertes Einkommen widmeten sie sich einer handwerklichen Tätigkeit wie Spinnen, Weben, Kerzenmachen sowie der gesellschaftlich unverzichtbaren Kranken- und Armenfürsorge; andere nahmen den Bettelsack und führten ein Vagabundenleben.
Argwohn erweckten solche Beginen als pseudo-mulieres 10 überall dort, wo sie kirchenkritisch für ihre Lebensform am Rande der Gesellschaft warben und auf ihre Weise predigten. Wiederholt kommen Beginen in Konzilsbeschlüssen vor, z.B. in Vienne 1311/12, unter dem Vorzeichen der Missbilligung und des Predigtverbotes. Doch angesichts der unterschiedlichen Erscheinungsformen versuchte man, häretische und nicht häretische Beginen zu unterscheiden. Nicht wenige von ihnen traten als Mystikerinnen mit gleichfalls unterschiedlicher Charakteristik hervor. Das zeigt sich, wenn man Leben und Spiritualität so bedeutender Beginen-Gestalten wie beispielsweise Hadewijch von Antwerpen, Mechthild von Magdeburg11 oder Marguerite Porete nebeneinander stellt. Von ihrer je unterschiedlichen Prägung her gesehen, die kaum eine Normierung zulässt, ist es nicht ganz unproblematisch, von einer gleichförmigen Beginenmystik zu sprechen. Die vielen Namenlosen – Männer (Begarden) wie Frauen (Beginen) – galten weder alle als Ketzer noch als erwiesene Rechtgläubige. Von Region zu Region beobachtete man weitere Unterschiede.
Gemeinsam war ihnen jedoch die religiöse Aktivität, mit der sie ein Leben in der Nachfolge Christi und in apostolischer Armut führten. Auffälligerweise beschäftigten sie sich, soweit wir von ihnen wissen, mit subtilen religiösen Fragen, vornehmlich mit solchen, durch die sie zu eigenen Deutungen des Evangeliums gelangten. Und anders als gelehrte, lateinisch sprechende Theologen drückten sie sich in der ihnen jeweils eigenen Volkssprache aus. Insofern stellte die Mystik jener Zeit einen überaus bedeutsamen Neuansatz der Frömmigkeit dar. Wichtiger als die in theologischen Büchern niedergelegten Lehren und für sie existenziell wichtiger erschien ihnen das eigene innere Erleben, das sie in ihrer Muttersprache dafür aufgeschlossenen Mitmenschen mitteilten. Bei der etwa ein Menschenalter zuvor lebenden Mechthild war es das Niederdeutsche, bei der Porete das Mittelfranzösische. Schon von daher hat oder hätte es der ausdrücklichen kirchenamtlichen Approbation ihrer schriftlichen Äußerungen bedurft, um der Gefahr einer Verketzerung zu entgehen. Mechthild hatte immerhin einen guten Kontakt zum Dominikanerorden, dem ihr Bruder Balduin angehörte.
Was die volkssprachliche Prägung allgemein religiöser wie spezieller mystischer Aussagen anlangt, so sei an dieser Stelle hinzugefügt, was der um die Erhellung religiöser mittelalterlicher Bewegungen bemühte Historiker Herbert Grundmann zu bedenken gibt: „Wer es weiß, wie viel die deutsche Sprache den mystischen Predigern verdankt, wer für die Kraft, Zartheit und Tiefe ihrer Sprache empfänglich ist, der wird sich vielleicht ungern zu der Auffassung bekehren wollen, dass sie nur als ein widerwillig-notgedrungen benutztes Verständigungsmittel gehandhabt worden ist, wo die lateinische Sprache und Schrift nicht verfing. Die wortschöpferische, sprachgestaltende Kraft der deutschen Prediger wird aber keineswegs in Frage gestellt und verliert nicht im Geringsten an Wert, wenn man die besondere, geschichtlich bedingte Aufgabe erkennt, vor die sie sich gestellt sahen und die von ihnen diese Neugestaltung und Umschaffung der Sprache verlangte. Einen geschichtlichen Auftrag durch große Leistungen zu erfüllen ist gewiss keine geringere Tat als aus bloßem Herzensdrang und freiem Überschwang zu schaffen.“12
Was Grundmann mit Blick auf die deutschsprachigen Prediger schreibt, dürfte cum grano salis auch auf Autoren und Autorinnen von der Statur Marguerite Poretes gelten. Der geistige Gehalt der volkssprachigen Mystik ist da wie dort durch die Aufgabe bestimmt, den religiösen Frauen (mulieres religiosae) die theologische Lehre so zu vermitteln, wie sie ihrer religiösen Erlebniswelt angemessen war. Umgekehrt ist von denselben Frauen die Bezeugung ihres Erlebens analogerweise zu erwarten. Auch wenn sie wie Porete von Fall zu Fall über ein bemerkenswertes Maß an theologischer Bildung verfügen, werden sie in ihren Verlautbarungen nicht gerade theologisches Bücherwissen von sich geben, sondern stets auch ihr empfindendes Herz mitsprechen lassen. Und das ist in der Muttersprache sehr viel lebensnäher, anrührender zu artikulieren, als das in der relativ abstrakten lateinischen Gelehrten- und Kirchensprache möglich wäre. Daher wird gleichsam auf den Herzton eines empfindsamen weiblichen Gemütes zu achten sein, wenn Frauen mit dieser Seelen- und Geisteshaltung das Wort ergreifen, wiewohl auch da die Gaben unterschiedlich verteilt sind. Das ergibt sich bei einem Vergleich der eher lehrhaften Äußerungen der Porete mit den vom religiösen Eros durchglühten Gedichten und Schilderungen einer Mechthild von Magdeburg.13
BRÜDER UND SCHWESTERN VOM FREIEN GEISTE
Was speziell Person und Lehre von Marguerite anlangt, so ist sie noch einer anderen, übergreifenden spirituellen Bewegung zuzurechnen, nämlich den Brüdern und Schwestern vom Freien Geiste14. Darunter sind religiös-geistig erregte Einzelpersonen und Gruppen zu verstehen, denen die allgemeine Frömmigkeitspraxis unter priesterlich-bischöflicher Leitung nicht genügen konnte. Man wird sich darunter keine klar strukturierte und organisierte, sondern eher eine fluktuierende Gemeinschaftsbildung vorzustellen haben. Zu diesen erklärten Freigeistern zählten aber Menschen unterschiedlichen Standes, die eine neue Qualität des Christseins für sich beanspruchten und sogar den Anbruch einer neuen Verwirklichung des Christlichen im Zeichen der Freiheit und betonten Ungebundenheit leben wollten. Zu ihrem Selbstverständnis gehört eine Reihe von Auffassungen, durch die sie sich gemeinhin vom allgemeinen Kirchenvolk unterschieden.
Um den geistigen Hintergrund beleuchten zu können, empfiehlt sich ein zeitlicher Vorgriff. In den Verhandlungen auf dem Konzil von Vienne an der Rhône (1311), das im Jahr nach Poretes Hinrichtung zusammentrat, zeigte sich beispielsweise, welche Lehren Papst Clemens V. (1305–1314)15 verdammte und weshalb die Konzilstheologen über Beginen ihr generelles Anathema aussprachen16: Zurückgewiesen wurde die Lehre, der Mensch könne bereits auf Erden einen hohen Grad an Vollkommenheit erreichen, wodurch er sündlos und somit keiner kirchenamtlichen Sündenvergebung mehr bedürftig sei. Der Mensch brauche sich dann auch nicht mehr an die geistliche Disziplin und an die traditionellen kirchlichen Gebräuche zu halten. Er brauche nicht mehr zu fasten und zu beten, er sei keinem Menschen, gleich welchen Ranges, Gehorsam schuldig, der mit harter Hand herrschenden Amtskirche ohnehin nicht. Spricht ein solcher Mensch von „Gelassenheit“, dann bezieht sich dies auf jegliche Tugendübung: Er „lässt“ sie eben und gewährt dem Leib, wonach ihn die Lust treibt. Vergeistigt ist die Sinnlichkeit, was so viel heißt wie: Der sinnliche Trieb sei Ausdruck des Geistes, und zwar des „Geistes der Freiheit“. Wer in solcher Gestalt vollkommen geworden ist, dessen Seligkeit beginnt schon in diesem Leben. Ein zusätzlicher, kirchlich vermittelter göttlicher Gnadenerweis ist überflüssig geworden …
Alles in allem heißt das: Aus der Sicht einer das gesamte Leben eines Menschen reglementierenden Kirche betrachtet, konnte es sich bei den Überzeugungen der Freigeistigen nur um krasse Irrlehren und um ein nicht zu duldendes Fehlverhalten handeln. Dazu kommen freilich die nicht zu unterschätzenden Verleumdungen derer, die die Brüder und Schwestern des Freien Geistes als „Nihilisten des Mittelalters“ darstellten oder zu „sittenlosen Gesellen“ stempelten. Missbrauchsfälle Einzelner, wie sie erfahrungsgemäß in jeder Gemeinschaft vorkommen, dienten dazu, ein Zerrbild der Gesamtbewegung zu malen. Bedenkt man, wie es in dieser Hinsicht den Gnostikern der Frühzeit ergangen ist, dann dürfte ein Votum des Schweizer Kirchenhistorikers Walter Nigg zu bedenken sein. Er bemerkt dazu: „Es gibt kaum eine Erscheinung in der christlichen Geistesgeschichte, die hartnäckiger verdächtigt wurde als die mittelalterliche Geistbewegung. Mit ihren verwegenen Anschauungen hätten die Brüder des Freien Geistes einem rohen Pantheismus gehuldigt, wonach es keinen überweltlichen Gott gebe […] Nach ihrem infernalischen System sei das praktische Handeln gleichgültig, und sie hätten eine Freiheit des Fleisches erstrebt, nach welcher die Hurerei als keine Sünde zu betrachten sei.“17
Nun ist an dieser Stelle noch an eine geistig-religiös anders geartete Bewegung zu erinnern. Ein bedeutsamer spiritueller Impuls war im vorausgegangenen Jahrhundert von einem Zisterzienser-Kloster im süditalienischen Kalabrien ausgegangen. Der seherisch begabte Abt Joachim von Fiore (gestorben 1202) hatte in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Heraufkunft einer neuen Gestalt der Christenheit ausgerufen, eine spirituell erneuerte Kirche. In Joachim eröffnete sich eine trinitarische Schau der Heilsgeschichte, die in eine entscheidende Phase ihrer Entfaltung eintreten sollte. Nach dem Reich des Vaters und des Sohnes kündigte er für das Jahr 1260 das Reich des Heiligen Geistes an.18 Mit dem Alten Testament sei ein Zustand der Knechtschaft unter einem nach starren Gesetzen regierenden Gott zu Ende gekommen. Noch bestehe das Reich des Sohnes und der Kinder Gottes, die aber immer noch in einer gewissen Abhängigkeit leben. In der noch bestehenden Kirche dauere diese Verfasstheit fort. Endlich aber dürfe man das Reich des Heiligen Geistes und in ihm eine Gemeinschaft der Freien und der einander in Freundschaft Verbundenen erwarten.
Von Joachims Verkündigung ging eine lang anhaltende, über Jahrhunderte sich erstreckende Bewegung aus. Noch Thomas Müntzer (gestorben 1525), ein anfänglicher Parteigänger und dann energischer Antipode Martin Luthers, setzte auf die Botschaft des Abtes Joachim. Und G.E. Lessing war nicht der Letzte, der sich – in Erziehung des Menschengeschlechts – jener Kunde einer zu erwartenden Kirche des Heiligen Geistes erinnert. Während Joachim zu seinen Lebzeiten mit dieser „Drei-Zeiten-Lehre“ die volle Zustimmung des Papstes hatte, entwickelte sich nach ihm ein als häretisch empfundener, von kirchlichen Normen sich emanzipierender „Joachimismus“19. Das ursprüngliche Ideal, genauer: das Charisma der apostelgleichen Armut und Lebensart der ersten Christenheit, ließ solche vom Neuen Geist (spiritus novus) Entflammten die Überzeugung gewinnen, in der bereits angedeuteten Weise von Lehre und Ethos der Kirche weitgehend unabhängig geworden zu sein. Der Grad der dabei praktizierten Radikalität nahm unterschiedliche Formen an. Auf dem Laterankonzil von 1215 und beim erwähnten Konzil von Vienne (1311) verurteilte man in acht Artikeln generell jene, die behaupteten, ein solcher vom neuen Geist erfüllter Mensch könne bereits auf Erden einen hohen Grad der Vollkommenheit, ja der Sündlosigkeit erlangen, und zwar – angeblich – ohne sich an die Gebote der Christenheit halten zu müssen. Sich nicht mehr nach den Anweisungen der Kirche zu richten bedeutete, dass sich Fasten und Beten erübrigten. Es gelte dagegen, der inneren Stimme (instinctus interior) zu folgen.20 Manche meinten gar – so wird gelegentlich behauptet –, mit Christus realiter et naturaliter (wirklich und von Natur her) identisch zu sein.21 Dergleichen konnte man vermutlich nicht von jedem dieser freien Geister sagen. Die hohe Selbsteinschätzung und das Vergottetwerden (deificatio) blieben Sache jeweils Einzelner, und das nicht aus bloßem momentanen spiritualistischen Überschwang, sondern weil man sich in buchstäblicher Auslegung sogar auf ein Apostelwort berufen konnte. Herangezogen wurde das Pauluswort gemäß 2 Kor 3,17: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Oft genug war Not, auch leibliche Not und Bedürftigkeit, im Spiel, und zwar mit der Sehnsucht, „heimzufahren aus diesem Elende“, das heißt aus diesem Zustand des Pilgrimseins in der Fremde der irdischen Verkörperung und des kirchlich verordneten Untertanseins unter einem als Weltenrichter zu fürchtenden „Erlöser“, sofern man sich nicht unter dem Schutzmantel seiner Mutter bergen konnte.22 Dass die Forschung den Wahrheitsgehalt von Theorie und Praxis der Freigeistigen unterschiedlich bewertete, ist ebenfalls in Betracht zu ziehen. So der Historiker Martin Erbstösser:
„Bei dem Versuch, die freigeistige Häresie mit den absonderlichen Lehren in ihrem Wesen zu erfassen, fällt zunächst auf, dass weniger eine mystische Sucht nach der Vereinigung der Seele mit Gott als Grundmotiv sichtbar wird, sondern das Betonen eines radikalen Anders-sein-Wollens. Vergottung führt nicht zu kontemplativer Abgeschiedenheit, sondern erscheint als Mittel zum Zweck. Der Freigeist vollzog den illusionären Sprung aus der irdischen Misere, zerschnitt die für alle üblichen sozialen und religiösen Bindungen, erklärte alle gesellschaftlichen Normen für ungültig. Die häretische Ideologie erscheint damit als eine in religiöser Form vorgetragene Ergänzung zum Armutsideal. Denn auch die Orientierung auf den Bettel demonstrierte bewusst den Gegensatz zum Besitz, von dem man sich distanzieren wollte. Im Vordergrund stand die Überwindung der Kirche und der von ihr verkündeten Religion.“23
Menschen dieser Geistesart, deren Agitatoren sich in den Ortschaften und auf den Straßen zu Gehör brachten, konnten mit Duldung durch die Kirche nicht rechnen. Wie aber soll man mit den Aufzeichnungen einer Frau umgehen, wie mit dem Leumund, der in der vorliegenden Situation nur zu ihren Ungunsten ausfallen konnte?
Jedenfalls kommt es darauf an, dass man sich an Marguerite Poretes eigene Aufzeichnungen hält, um zu einer angemessenen Einschätzung ihrer Spiritualität zu gelangen, und zwar nicht nur unter Heranziehung einzelner, aus dem Zusammenhang gerissener Stellen, die für sich genommen in die Irre führen können. Die Gefahr des Missverständnisses, wenn nicht einer bewussten Missdeutung der überkommenen Glaubensäußerungen liegt nach Lage der Dinge auf der Hand. Freiheit des Geistes muss nicht moralischen Libertinismus nach sich ziehen. Und was die Zeitgenossenschaft mit jener freigeistigen Bewegung anlangt, deren Vokabular Porete offensichtlich mitbenutzt, so ist die französische Begine auch Zeitgenossin der dominikanischen Mystiker, an ihrer Spitze Meister Eckhart (um 1260–1328), dessen Ordensbruder Wilhelm von Paris (Guillaume Humbert de Paris) als Poretes Inquisitor sowie der in jener Zeit ebenfalls abgeurteilten und öffentlich verbrannten Templer operierte.24
Besonders hervorzuheben sind wiederholter Gleichlaut und Gleichsinnigkeit, die zwischen Marguerite und Eckhart bestehen. „Die Nähe zu Meister Eckhart ist frappant, sie [die Brennpunkte ihres Buches] sind, kommt man von ihm her, wie eine frauliche Responsion [Antwort] seiner kraftvollen Stimme“, urteilt Kurt Ruh.25 Und weil Eckhart kurze Zeit nach ihrer Aburteilung in der Stadt an der Seine weilte und im selben Ordenshaus wie sein Ordensbruder, der Ketzerrichter Wilhelm, wohnte, dürfte er von ihrem Schicksal, vielleicht auch von ihren Ideen erfahren haben: zwei Geistesverwandte, die trotz Missdeutung und Verfolgung je auf ihre Weise vom Geist der Freiheit erfüllt sind und das von ihnen Erkannte nicht für sich behalten können, sondern in Wort und Schrift verbreiten müssen. Hatte Eckhart nicht in einer seiner Predigten gesagt: Auch wenn ihm in der Kirche niemand zugehört hätte, er hätte zumindest dem Opferstock predigen müssen? Und was den Wahrheitsgehalt des zu Bezeugenden anlangt, so lässt sich das Wort des Meisters auch auf Marguerite Porete übertragen, denn: „Könntet ihr mit meinem Herzen erkennen, so verstündet ihr wohl, was ich sage; denn es ist wahr, und die Wahrheit sagt es selbst.“26 Worin besteht nun Poretes Wahrheit?
DER Spiegel – MARGUERITES LEHRBUCH DER LIEBE
Marguerite Poretes Buch trägt den ursprünglichen Titel „Mirouer des simples Ames anienties et qui seulement demourent en Desir et Vouloir d’Amour – Spiegel der einfachen vernichteten (oder vernichtigten) Seelen, die nur im Wunsch und in der Sehnsucht nach Liebe verharren. Wiewohl in pädagogisch-lehrhafter Weise verfasst, ist es doch vom Ansatz her ein Buch der Sehnsucht und des Gottverlangens. Schlagartig muss sie zumindest einmal von einem außerordentlichen Erleben heimgesucht worden sein. Im 59. Kapitel spricht sie von einem „Herrlichkeitsaugenblick“, als „der edle Blitzstrahl“ sie getroffen hat. Das Buch wendet sich an Menschen, die die landläufige wie zeitübliche Selbstzufriedenheit abgelegt haben; an solche, die sich auf einen Weg machen, der sie nach oben, in eine übergeordnete Dimension der Wirklichkeit führt. Sie schreibt für Menschen, die den ersehnten Zustand der Freiheit erreichen wollen. Sie und alle ihr Gleichgesinnten sind in diesem Streben nicht allein gelassen. Denn weil Liebe Inbegriff und Ausdruck einer tiefen personalen Bezogenheit darstellt, so gibt es für sie als Liebende, schließlich für alle dieser Liebe Hingegebenen – um mit Martin Buber zu reden – das „ewige Du“.
Marguerite nennt es den „hinreißend Fern-Nahen“ (le ravissant loing-près). So pflegen in jenen Tagen die Troubadoure ihre Geliebte bald scheu und flüsternd anzureden, bald anrührend zu lobpreisen. Es ist der und die Gott-Geliebte, der und die sich geheimnisvollerweise bald hoch und fern, bald innerlichst nah manifestiert – in dieser Weise gewiss eine Paradoxie. Aber kennen wir diese Vorstellung nicht auch aus der auf Gestaltwerdung ausgerichteten Predigt Meister Eckharts? „Gott ist in allen Dingen. Je mehr er in den Dingen ist, umso mehr ist er außerhalb der Dinge; je mehr er drinnen ist, umso mehr ist er außerhalb der Dinge …“27 Jahrhunderte später wird Goethe in ganz anderer Geisteshaltung dieser Gedankenspur folgen, indem er seine mystisch gefärbte Naturbetrachtung einer ähnlichen Sicht unterstellt; denn „Nichts ist drinnen, nichts ist draußen / denn was innen, das ist außen. / So ergreifet ohne Säumnis / Heilig-öffentlich Geheimnis.“ Eine These der Porete-Forschung lautet: „Mit dem Gottesbegriff des Loingprès bildet Marguerite ein Glied in dieser Kette sogenannter Paradoxaltheorien. Um die inkarnatorisch begründete Einheit zwischen Gott und Mensch beziehungsweise Gottes Immanenz in seiner Schöpfung unter gleichzeitiger Wahrung der göttlichen Transzendenz zu fassen, entwickelt sie diesen Begriff.“28 Im 61. Kapitel, das zusammen mit dem vorausgegangenen 58. und 59. zugleich die Sinn- und Bedeutungsmitte des ganzen Buches darstellt, charakterisiert die Autorin diesen Fernnahen als die Gottheit, der sich die Seele für ein vergleichsweise blitzartiges Geschehen erkennend geöffnet hat.
Was die Bezeichnung „Spiegel“ (mirouer oder miroir, lat. speculum) anlangt, so ist darunter ein um 1300 zeitüblicher Gattungsbegriff für ein religiöses Lehrbuch zu verstehen. Insofern unterscheiden sich Poretes Aufzeichnungen von den persönlich gehaltenen Visionenbüchern zeitgenössischer Klosterfrauen29 oder von den geradezu intimen Schilderungen im „Fließenden Licht der Gottheit“, mit dem Mechthild von Magdeburg ihrer Liebesbeziehung zu Gott leidenschaftlichen Ausdruck gegeben hat. Außer Frage steht freilich, dass im Vergleich zu ihr die eher theoretisch gearteten Darlegungen Poretes über den Stufenweg zur Vollkommenheit ohne Eigenerfahrung gewiss nicht möglich gewesen wären. Wie könnte sie, zumindest verhalten auf ihre religiöse Entwicklung anspielend, gegen Ende ihres Buches einmal sagen: „Da eröffnete sich das Land der Freiheit“? Oder dass sich ihr die Liebe „durch göttliches Licht in einem von oben herabfahrenden Blitz“ gezeigt hätte? Diese Frau theoretisiert also keineswegs; ihre Wegweisung und Lehre beruhen auf einer Erfahrung. Da hat der Blitz der cognitio Dei experimentalis, d.h. der auf Erfahrung gegründeten Gotteserkenntnis, gezündet. Es ist eine solchermaßen Entflammte, die das Wort ergreift.
Angesichts der Situation, in der sich die der Bewegung des Freien Geistes nahestehenden Beginen befanden, konnte sich Marguerite nicht im Unklaren darüber sein, wie gefährdet als Autorin des Spiegels auch sie war. Zwar schrieb sie erklärtermaßen (im 2. Kapitel) für die „Kinder der heiligen Kirche“, damit sie im Zustand des von Gott Befriedetseins ein vollkommenes Leben erlangen mögen. Doch musste sie damit rechnen, dass sich die Inquisitoren in ganz anderer Absicht über ihr Buch hermachen werden als es von der Autorin gedacht war. Wie sich zeigte, führte eine in hohem Maße fragwürdige Weise des Umgangs mit einem religiösen Text zur Indizierung ihrer Schrift, schließlich zur Vernichtung von Buch und Verfasserin.
Nicht das Buch als Ganzes wurde von den theologischen Kritikern in ausgewogener Weise zur Kenntnis genommen, sondern offensichtlich waren es aus dem Zusammenhang gerissene Einzelstellen, die den Ausschlag für die endgültige Verurteilung gaben. Das geschah so, als wären die durchwegs theologisch gebildeten Inquisitoren nicht imstande gewesen, die seit der Antike bekannten Regeln der Exegese und Textinterpretation (Hermeneutik) sachgemäß anzuwenden. Und eine elementare Regel besteht darin, einzelne Gedanken aus ihrem jeweiligen Kontext heraus zu verstehen und die zugrunde liegende Intention zur Geltung zu bringen. Jede Reduktion auf Bruchstückartiges steht in Gefahr, das Ganze – wie bei Porete geschehen – zu verfälschen. Fragt man, was die Vorgehensweise erklären könnte, dann ist zu bedenken, dass über ein Jahrtausend lang ausschließlich Männern das Amt der Lehre, der Unterrichtung, schließlich auch der Hin-Richtung anvertraut war. Sollten nun auf einmal gering geschätzte Frauen, die vornehmlich seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Beginen mit eigenen religiösen Anschauungen von sich reden machten, mit ihren Schriften an die Stelle der Priester und der gelehrten Magister treten? Da sei doch das unbestreitbare Vorrecht der Mächtigen vor, zumal das Apostelwort ihnen recht zu geben schien!
Wer nun das Buch aufschlägt, der schaut nicht etwa nur in einen Spiegel, sondern der wird vielmehr in einen mehrstimmigen Dialog einbezogen. Bisweilen sind es drei debattierende Personen. Da ist ame, die Seele, und raison, die Vernunft, die an dem Gespräch mit der Une Deité, der Gottheit, teilnehmen. Und diese Gottheit erscheint, für eine theologische Schrift bemerkenswert, in Gestalt einer Dame, wie dies am ehesten aus den Dichtungen der Troubadours geläufig ist. Marguerite gibt der Dame Divine Amour ihre Stimme, das heißt: Es handelt sich um die Dame der Gottesliebe. In der Tat, die Schreiberin, die für die ersten Empfänger(innen) als Vorleserin agiert, meint nicht einen dominanten Vatergott. Marguerite vernimmt die Stimme einer Frau, Gott selbst ist für sie weiblich. Daher gibt es für sie keinen göttlichen Herrn und Gebieter, der gesetzgeberisch und fordernd einer niederen Magd gegenübersteht oder als Weltenrichter die Menschheit bedroht. Gott Amour kann somit von der menschlichen Seele keine überfordernde Tugendleistungen verlangen, überhaupt keine Leistungsfrömmigkeit – in vorreformatorischer Zeit eine geradezu unerhörte Anschauung! Und nicht genug damit: Marguerite, die es an Gebärden der Demut durchaus nicht fehlen lässt, sagt sich gleichzeitig selbstbewusst von alledem los. Sie verabschiedet sich ausdrücklich von den Tugenden, wenngleich sie darunter anderes versteht als ihre inquisitorischen Widersacher. Dennoch kein Wunder, dass die Inquisitoren jede Form einer moralischen Zügellosigkeit vermuteten und, wie vielfach allen Freien Geistern gegenüber geschehen, schließlich als angeblich erwiesene Tatsache unterstellt haben.
Wenn sich Marguerite die Gottheit als Dame Divine Amour vorstellte, so war sie weder die Erste noch die Letzte, die sich ähnliche Anschauungen zu eigen machte. Weil die Inquisitoren ihr prozessuales Vorgehen detailliert dokumentierten und die Prozessakten meist recht sorgfältig verwahrten, wissen wir beispielsweise von einer anderen Bewegung aus dem vorangegangenen 13. Jahrhundert, die analog zum weiblich definierten Geist Gottes (hebr.: ruach) die Inkarnation des Geistes in einer Frau erblickt haben. Gemeint ist die Gemeinschaft der Vilemiten (Guglielmiten), die sich um die aus dem böhmischen Königshaus stammende Wilhelmine (Vilemina oder Guglielma, gestorben 1281) geschart hatten. Zu Poretes Lebzeiten wurde sie ihrer weiblich ausgerichteten Gottesanschauung wegen in Mailand vor das Inquisitionsgericht zitiert. Es gab Anhänger(innen), die ihr Göttlichkeit zugesprochen hatten, also eine mit dem kirchlichen Dogma in keiner Weise zu vereinbarende Anschauung. Posthum wurde Vilemina in zwei Prozessen abgeurteilt und ihr Leichnam nach Art der Ketzerverbrennung ebenfalls dem Feuer übergeben, um ihre Gefolgsleute auszuschalten.30
Zurück zu Marguerite: Ihre Kritiker übersahen offenbar, dass die von ihr erstrebte Freiheit nicht etwa mit libertinistischer Zügellosigkeit gleichzusetzen ist, wie man sie jenen Brüdern und Schwestern generell unterstellte. In ihrem Spiegel legte sie dar, inwiefern ihr Streben mit dem spirituellen Höhenweg unlösbar verbunden ist, auf dem die Seele das „Tal der Demut“ zu durchschreiten und somit zu überwinden hat. Ihr Weg verläuft zwar durch die „Ebene der Wahrheit“, aber schließlich erklimmt sie den „Berg der Liebe“. Also keine Spur von einer wollüstigen Überheblichkeit. Und diese Höhe ist so einsam, dass dort allein der Fernnahe, das Mysterium der sowohl fernen wie nahen Gottheit, endlich bildlos geschaut wird. Das ist übrigens eine Stufe, die der menschlichen Seele erst nach durchgestandenem Erdenleben zuteil werden kann. Was aber diesen aus sieben Stadien oder Stufen bestehenden Weg anlangt, so entspricht er Phasen eines nach und nach sich entfaltenden Freiwerdens. Schritt um Schritt, so schildert der Spiegel, lässt sich dieser Befreiungsprozess erleben. Das Übermaß an selbstgerecht machenden Frömmigkeitsübungen, die unablässige Wiederholung der Sakramente, die kultische Geschäftigkeit der Priester und selbst das Geplapper unzähliger Bibelworte sind gegenstandslos geworden. Gemeint sind die Werke, die bisher dazu dienten, den Menschen in Abhängigkeit zu halten vom kirchlichen Betrieb einer veräußerlichten Kirche. Sie haben ein für allemal ausgedient. Der Weg ins Reich Gottes, ins „Land der Freiheit“, lässt sich weder erkaufen noch durch sogenannte gute Werke verdienen.
Zwei Jahrhunderte später wird der Wittenberger Augustinermönch Martin Luther (1483–1546) zur Feder greifen und unter neuer Fragestellung in einer seiner reformatorischen Grundschriften Von der Freiheit des Christenmenschen (1520) künden. Von ihm und der von ihm ausgerufenen Freiheit hat er ein Zweifaches zu sagen: „Der Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemand untertan“ – nämlich hinsichtlich seines Denkens und Glaubens. Dazu gehört aber auch das daraus sich ergebende Andere: „Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan“ – nämlich durch die konkrete Tat der Menschenliebe, die als Frucht aus dem in Freiheit vollzogenen Glauben erwächst. Nimmt man hinzu, dass Beginen sich nicht nur dem Bettel verschrieben, um Zeichen apostolischer Armut zu setzen, sondern zumeist helfend, handwerklich und pflegend tätig waren, so bemühten sie sich, ihr Freiheitsstreben mit der selbstlos dienenden Liebe zu verbinden. Und so groß die Distanz zwischen der französischen Begine und dem deutschen Reformator sein mag, so ist nicht zu vernachlässigen, dass beide aus denselben geistlichen Quellen geschöpft haben: allen voran aus dem Neuen Testament, das Gott und Liebe, den Geist Christi und die Freiheit einander gleichsetzt31, sodann aus den Schriften des Augustinus und Bernhards von Clairvaux, der wie kein anderer im hohen Mittelalter in seinen Sermones das alttestamentliche Hohelied der Liebe gedeutet hat. Zu Luthers Freiheitsschrift ist anzumerken, dass er – nicht allein – darin bemerkenswerterweise auf die mittelalterliche Brautmystik zu sprechen kommt, gemäß der die menschliche Seele von ihrem göttlichen Bräutigam Ring und Brautgeschenk erhält und damit den neuen Seinszustand in der Freiheit der Kinder Gottes erlangt.32
Auch der Franziskaner Bonaventura hat auf Porete anregend gewirkt. Und wenn Bonaventura in seinem Itinerarium33 den Weg durch die Welt außer ihm, in sich und über ihm beschrieben hat, so fällt es nicht schwer, auch den Miroir als eine Art Reise- oder orientierendes Begleitbuch für Pilgernde auf dem Weg ins Land der Freiheit zu betrachten.34 Denn letztlich stellt der Spiegel insofern ein solches Itinerarium und Lehrbuch dar, als er den Sieben-Stufen-Weg beschreibt, wobei Seele (ame) und Liebe (amour) in der Auseinandersetzung mit der Vernunft (raison) eine entsprechende Wegweisung argumentativ leisten und sieben Seinsweisen kenntlich machen.
Fragt man die Autorin, was sie eigentlich veranlasst habe, dieses Buch zu schreiben, dann antwortet sie (Kap. 97): „Sie wollte, dass man in ihm Gott finde, damit man das leben möge, was sie von Gott sagte.“ Einmal wird Porete, wie sie gelegentlich durchblicken lässt, im Vollzug apostolischer Armut wohl als Bettlerin durch die Lande gezogen sein. Aber jetzt obliegt ihr ein anderes Tun. „Es ist als Nachvollzug des realen Bettelns auch ein innerer Prozess, der über die bloße, wenn auch noch so intensive Lektüre hinausgeht und als innere Reifung und Läuterung verstanden werden kann.“35 Eine wiederholte Lektüre des Miroir empfahl sie, wie schon Mechthild von Magdeburg eine mehrfache, eventuell neunfache Lesung ihres Buches vom Fließenden Licht der Gottheit für erforderlich hielt, um schließlich einen inneren Zugang zur Gottesliebe in Gestalt der Begegnung mit dem Gottgeliebten zu finden. Es gelte, widersprüchlich Scheinendes zu durchdringen und mit dem Zugrundeliegenden innerlich vertraut zu werden. Das entspricht einem meditativen Umgang mit spirituellen Texten, die nicht nur inhaltlich zur Kenntnis zu nehmen sind, sondern je und je geistig-seelisches Eigentum werden mögen. Dass dies oft schwierig ist, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Porete es – wie es nicht anders sein kann – mit unterschiedlich begabten Menschen zu tun hat. Und nur ein verhältnismäßig kleiner Kreis jener, die bereits Züge der Vollkommenheit an sich tragen, werden ihr verstehend folgen können. Dagegen gibt es immer wieder Unverständige, die sie als grob (gros), als „Bauern“ (vilains) oder gar als Esel (asnes) bezeichnet; wobei eine theologische Bildung, über die Poretes Inquisitoren im Rahmen der scholastischen Philosophie gewiss verfügt haben, jedoch noch keine Gewähr für ein inneres Verstehen bieten, wie es Bücher von der Art des Miroir verlangen.36
NACHWIRKUNGEN
Wenn daran erinnert wird, dass Poretes Buch als häretisch befunden und in erster Fassung schon vor ihrer eigenen Verurteilung öffentlich verbrannt wurde, stellt sich die Frage, inwiefern sieben Jahrhunderte nach ihrem Tod überhaupt noch von einer Wirkung gesprochen werden kann. Dennoch gibt es sie, und sie ist bedeutsam. Da ist – um mit einem Datum der Gegenwart zu beginnen – zunächst darauf hinzuweisen, dass Marguerite Poretes Autorschaft des Miroir erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde. 1946 konnte die italienische Gelehrte Romana Guarnieri den Nachweis erbringen, dass der Miroir von Porete stammt. Eine verschollene mittelalterliche Schrift, deren Wertschätzung bald nach Poretes Hinrichtung zu belegen ist, war von Neuem aufgetaucht und bewegte nicht nur in Kreisen der feministischen Theologie die Gemüter. Somit konnte das lange verschollen geglaubte Buch, das gleichwohl nicht untergegangen war, als ein wichtiges spirituelles Werk einer Begine ediert und der Forschung zugänglich gemacht werden.
Seine Wirkung setzte aber viel früher ein. Aus der alt- bzw. mittelfranzösischen Originalsprache wurde der Miroir ins Lateinische, Altitalienische und Mittelenglische übersetzt, freilich ohne den Namen der „Ketzerin“ zu nennen. Gerade dies sollte angesichts ihrer Verfolger verhindert werden. Die Textanalyse unterscheidet verschiedene Fassungen. Die volkssprachliche Verbreitung im Zusammenhang anderer mystischer Literatur verstand sich schon vom Thema und Gehalt des Buches her von selbst. Die Weitergabe erfolgte gewissermaßen unter einem Doppelaspekt. Die römische Inquisition nahm naturgemäß weiterhin Anstoß an den inkriminierten Textstellen. Aber dass die päpstliche Zensurbehörde um die Mitte des 15. Jahrhunderts, das heißt noch länger als hundert Jahre nach Poretes Tod, nicht weniger als 36 Exemplare konfiszierte, weist auf den esoterischen Charakter dieses zur Untergrundliteratur gewordenen Miroir hin. Trotz des Verbots wurde die Schrift offensichtlich heimlich weitergereicht. Wer nun von dem spirituellen Gehalt angerührt war und das Buch im Sinne seiner Autorin zu deuten wusste, der versuchte die anonym gewordene Schrift einem kirchlich anerkannten Mystiker – eben einem Mann! – zuzuschreiben. Bezeichnend, dass man dabei an einen angesehenen Autor dachte!
Man kam auf den flämischen Mystiker Jan van Ruusbroec (1293–1381), wenngleich auch er von Jean Gerson, dem Kanzler der Universität Paris, etwa zwanzig Jahre nach seinem Tod der Freigeisterei verdächtigt worden ist.37 Diese Zuschreibung ist dennoch bemerkenswert, hatte Ruusbroec doch zahlreiche Traktate über das innerliche, das kontemplative Leben geschrieben, darunter Die Zierde der geistlichen Hochzeit, Das Buch von den zwölf Beginen, sowie einen Spiegel der Seligkeit und eine siebenstufige Geistliche Liebestreppe. Darin sind immerhin einige Anklänge, die zumindest eine formale Verwandtschaft mit Poretes Gedanken nahelegten, jedoch kaum deren Radikalität und Folgerichtigkeit erreichen. Es wurde ferner eine andere Marguerite als Verfasserin in Erwägung gezogen, nämlich Margareta von Navarra (1492–1549), eine Tochter des französischen Königs Franz I. und der Königin von Navarra, die sich den aufmerksamen Leserinnen des Miroir anschloss. In ihrer eigenen Dichtung Les Prisons (Gefangenschaften bzw. Gefängnisse) hebt die Prinzessin Poretes Werk hervor, indem sie sich variierend den Text aneignet. Kurt Ruh spricht sodann von einer „ungemein großen Zahl von Texten“ dieser Geistesrichtung, die – zumal in Italien – Furore gemacht hätten. Selbst ein ehemaliger Papst, Eugen IV., geriet in Verdacht, den Miroir geschützt, dessen Ankläger eingekerkert und damit die Weiterverbreitung begünstigt zu haben.38 Schließlich bewirkte die Wiederentdeckung und Neuherausgabe des Buches durch Romana Guarnieri die Erstellung weiterer Übertragungen. Eine verdienstvolle Verdeutschung dieser, einschließlich der (möglicherweise von anderer Hand) nachgetragenen Betrachtungen aus 139 Kapiteln ungleichen Umfangs bestehenden Schrift, auf die hier Bezug genommen wird, stammt von Louise Gnädinger. Der Spiegel der einfachen Seelen war jedenfalls nicht untergegangen. Über sieben Jahrhunderte hinweg hat dieses Buch – bald verfolgt, bald unrechtmäßig vereinnahmt – ein verborgenes Leben geführt. Seitdem wird Margarete Poretes Botschaft gehört und bedacht; ihre Sache geht weiter.
1Religionsgeschichtlich bedeutsam sind u.a. die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts erfolgten Schriftenfunde in den Höhlen von Qumrân am Rande des Toten Meers oder die der Gnostiker-Schriften aus dem oberägyptischen Nilsand bei Nag-Hammadi.
2Hierzu Eckharts Maria- und Marta-Predigt, in: Meister Eckhart. Texte und Kommentar von Gerhard Wehr. Wiesbaden 2010, S. 63 ff.
3Die ältere Forschung gibt bisweilen einen anderen Tötungstermin an. Doch hat man sich auf den 1. Juni 1310 als Zeit der Verbrennung geeinigt.
4Place de Grève, zum 4. Arrondissement von Paris gehörig, trug diesen Namen bis 1803, heute: Place de l'Hotel-de-Ville.
5Meister Eckhart. Texte und Kommentar von Gerhard Wehr. Wiesbaden 2010. – Kurt Ruh: Meister Eckhart. Theologe, Prediger, Mystiker. München 1985, S. 95 ff.
6Ulrich Heid: Studien zu Marguerite Porete, in: P. Dinzelbacher / D.R. Bauer (Hg.): Religiöse Frauenbewegung und mystische Frömmigkeit im Mittelalter. Köln-Wien 1988, S. 197 f.
7Ders.: aaO., S. 199.
8Dieser Zweiteilung in Erleuchtete und Unerleuchtete wäre die in der mittelalterlichen Symboltheologie übliche Ordnung hinzuzufügen, die trinitarisch ausgerichtet ist, etwa analog dem für die Mystik geltenden Dreischritt von Reinigung (via purgativa), Erleuchtung (via illuminativa) und von liebender Vereinigung mit dem Göttlichen (via unitiva).
9Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, in: Die Kirche in ihrer Geschichte, Bd. 2, Teil 1. Göttingen 1963, S. 47–58.
10Religiöse Frauen, mulieres religiosae, konnten mit kirchlicher Anerkennung rechnen. Dagegen deutet die Bezeichnung pseudo-mulieres an, dass deren Religiosität mit dem Argwohn der Unechtheit behaftet war.
11Mechthild von Magdeburg: Das fließende Licht der Gottheit. Kommentar von Gerhard Wehr. Wiesbaden 2010.
12Herbert Grundmann: Religiöse Bewegungen im Mittelalter (1935). Darmstadt 1961, S. 474.
13Mechthild von Magdeburg: Das fließende Licht der Gottheit. Kommentar von Gerhard Wehr. Wiesbaden 2010.
14Franz Josef Schweitzer: Der Freiheitsbegriff der deutschen Mystik. Frankfurt 1981. – Norman Cohn: Das neue irdische Paradies. Revolutionärer Millenarismus und mystischer Anarchismus im mittelalterlichen Europa. Reinbek 1988.
15Papst Clemens V. war politisch vom französischen König Philipp dem Schönen abhängig. In beider Regierungszeit fällt die Verfolgung des Templerordens. Von Philipp unter Druck gesetzt, ließ der Papst zahlreiche Templer verhaften und aburteilen. Vgl. August Franzen / Remigius Bäumer: Papstgeschichte. Freiburg 1982, S. 238 ff.
16Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, aaO., S. 53.
17Walter Nigg: Das Buch der Ketzer. Bern 1949, S. 247.
18Herbert Grundmann: Studien über Joachim von Fiore (1927). Darmstadt 1966. – Ernst Benz: Ecclesia Spiritualis. Kirchenidee und Geschichtstheologie der Franziskanischen Reformation (1934). Darmstadt 1964. – Joachim von Fiore: Das Reich des Heiligen Geistes. Einführung von Alfons Rosenberg. München-Planegg 1955. – Gerhard Wehr: Gnosis, Gral und Rosenkreuz. Esoterisches Christentum (1975), erweitert Köln 2007, S. 212–242.
19Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, aaO., S. 41 ff.
20Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, aaO. S. 53.
21Es empfiehlt sich, die in der Regel von Inquisitoren mit dem Anspruch allgemeiner Gültigkeit formulierten Beschuldigungen mit Vorbehalt zu behandeln. Eine andere Frage ist hermeneutischer Natur, weil jeweils zu prüfen wäre, inwieweit eine buchstäbliche Deutung gilt oder ob in den Zeugnissen der Inkriminierten etwa ein mystisch-symbolischer Sinn berücksichtigt werden muss.
22Spätmittelalterliche Gemälde und Skulpturen schildern die sogenannte Schutzmantel-Madonna, die vor Christus als dem Weltenrichter Schutz bieten sollte.
23Martin Erbstösser: Ketzer im Mittelalter. Stuttgart 1984, S. 202.
24Wilhelm von Paris kann als Großinquisitor eingeschätzt werden, weil er sich mehrfach als Richter der Häretiker, auch im seinerzeitigen berüchtigten Prozess gegen den Templer-Orden betätigte. Mehrere Angehörige dieses Ordens ließ er am 27. Mai 1310, also wenige Tage vor der Hinrichtung Poretes, bei der Mühle Saint Antoine verbrennen.
25Kurt Ruh: Meister Eckhart. Theologe, Prediger, Mystiker. München 1985, S. 102.
26Meister Eckhart in der Predigt „Intravit Jesus in quoddam castellum …“ in: Deutsche Predigten und Traktate. Hg. Josef Quint. München 1963, S. 163.
27Meister Eckhart in der Predigt „Praedica verbum“, aaO., S. 356.
28Irene Leicht: Marguerite Porete. Eine fromme Intellektuelle und die Inquisition. Freiburg 1999, S. 267.
29Mittelalterliche Visionsliteratur. Hg. Peter Dinzelbacher. Darmstadt 1989.
30Luisa Muraro: Vilemina und Mayfreda. Die Geschichte einer feministischen Häresie. Freiburg 1987. – Die Weiblichkeit des Heiligen Geistes. Hg. Elisabeth Moltmann-Wendel. Gütersloh 1995, S. 57 ff.
311 Joh 4,16: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ – 2 Kor 3,17: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ – Gal 5,1: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So stehet nun fest und lasst euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen!“
32Brautmystische Bezüge finden sich bei Luther, der Bernhard von Clairvaux hoch schätzte, an mehreren Stellen seines Werks; vgl. Reinhard Schwarz: Mystischer Glaube – Die Brautmystik Martin Luthers, in: Herrenalber Texte 31. Karlsruhe 1981, S. 20–52. – Im Zusammenhang: Der Mystiker Martin Luther. Textauswahl und Kommentar von Gerhard Wehr. Wiesbaden 2011.
33Bonaventura: Itinerarium mentis in Deum – Pilgerbuch der Seele zu Gott. München 1961.
34Irene Leicht: Marguerite Porete, aaO., S. 170 ff.
35Franz Josef Schweitzer, in: Mein Herz schmilzt wie Eis am Feuer. Hg. J. Thiele. Stuttgart 1988, S. 193.
36Schweitzer, aaO., S. 192.
37Bernhard Fraling: Der Mensch vor dem Geheimnis Gottes. Untersuchungen zur geistlichen Lehre des Jan van Ruusbroec. Würzburg 1967.
38Kurt Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik. Band II. München 1993, S. 346.
AUS DEM Spiegel der einfachen Seelen39
Im Original findet sich am Eingang ein an die künftigen, offensichtlich kritisch eingestellten, inquisitorisch gesinnten Leser gerichtetes Gedicht in gereimter Form, mit folgendem Wortlaut:
Ihr künftigen Leser dieses Buches,
wenn ihr es recht verstehen wollt,
dann achtet darauf, was ihr darüber sagt,
denn es ist schwer zu begreifen.
Ihr müsst euch von der Demut leiten lassen,
denn sie ist die Hüterin des Schatzes der Wissenschaft
und die Mutter aller anderen Tugenden.
Ihr Theologen und anderen Gelehrten [clercs],
bei all eurem Scharfsinn
wird sich euch das Verständnis nicht erschließen,
wenn ihr dabei nicht demütig seid
und zulasst, dass Liebe und Glaube gleichermaßen
die Vernunft überwinden:
Denn sie beide sind Herrinnen im Haus.
Die Vernunft selbst bezeugt dies,
und zwar im dreizehnten Kapitel dieses Buches,
und sie empfindet deshalb keine Scham:
Denn die Liebe und der Glaube erfüllen sie mit Leben,
sie entledigt sich ihrer niemals,
denn sie sind ihre Herrinnen.
Deshalb ziemt es sich, dass sie sich demütig unterwirft.
Seht zu, dass eure Wissenschaften,
deren Grundlage die Vernunft ist, demütig werden,
und vertraut euch denen völlig an,
die durch die Liebe gegeben und vom Glauben erhellt
sind.
Dann werdet ihr dieses Buch verstehen,
das der Seele aus der Liebe heraus Leben verleiht.
DIE VON GOTT BERÜHRTE SEELE40 (KAPITEL 1)
Prolog:
Die von Gott berührte und im ersten Gnadenstand von Sünde frei gewordene Seele ist durch die Gnade Gottes in den siebenten Stand aufgestiegen. Das ist jener Zustand, in dem die Seele im Land des Lebens ihre höchste Vollkommenheit erlangt hat und in göttlicher Weise genießt.
Hier spricht die Liebe:
Ihr Tätigen und ihr Kontemplativen, ja vielleicht sogar ihr, die ihr durch die wahre Liebe zunichte geworden seid, vernehmt jetzt von vielerlei wundersamen Wunderwirkungen der reinen, der erhabenen, der hohen Liebe einer frei gewordenen Seele, und hört, wie der Heilige Geist auf ihr sein Segel gesetzt hat, wie auf sein Schiff!
In diesem Prolog intoniert Porete das Thema ihres ganzen Buches. Angesprochen sind Menschen unterschiedlicher Verfassung, sowohl solche, die mitten im tätigen Leben (vita activa) stehen, als auch Menschen der vita contemplativa. Offen gelassen ist, ob auch bereits durch die wahre Liebe Vernichtigte, zu ihrem wahren Selbst und Ziel ihres Lebens Gekommene, unter ihnen sein mögen. Darunter sind, wie eingangs ausgeführt, Menschen zu verstehen, die in Erkenntnis ihrer irdischen Nichtigkeit bereits den Status der ersehnten Freiheit erlangt haben, soweit dies in diesem Leben schon möglich sein sollte. Denn dies entspricht dem siebenten Stand des Stufenwegs, den Porete in ihrem Buch zeigen will. Namentlich im 61. Kapitel werden sieben Stadien einzeln aufgeführt. Ein Weg ist zwar dazu da, beschritten zu werden. Doch wie noch zu sehen sein wird, verzichtet die Autorin darauf, von ihrer Leser- oder Zuhörerschaft Anstrengungen in der Art frommer Leistungen zu verlangen. Von einem solchen religiös motivierten Leistungsdenken in der Tugenderfüllung und im Gehorsam hat sie sich verabschiedet. Das Ringen um sogenannte Werkgerechtigkeit kann ihre Sache nicht sein. Ja, sie lässt durchblicken, dass jeglicher Leistungsdruck gleich welcher Art ein Leben in liebender Hingabe erschwert, wenn nicht verfälscht. Vielmehr macht sie bereits hier deutlich, dass der Aufstieg ins Land der Freiheit nur durch göttliche Gnade und dank der Kraft des Heiligen Geistes bewirkt werden könne. Von daher richtet sie ihre Bitte an ihr Publikum, indem sie sagt, worauf sich die zur Pilgrimschaft Bereiten einzustellen haben, um nicht manchen naheliegenden Missverständnissen zu unterliegen. Um ein Beispiel zu geben, geht sie auf ein Motiv aus dem sogenannten Alexanderroman ein, der sich in freier Weise auf Alexander den Großen bezieht oder beziehen soll.
Um der Liebe willen bitte ich euch, sagt die Liebe: Hört aufmerksam zu, mit Wissensdurst und scharfem Verstand, sehr gewissenhaft und von eurem Inneren her! Denn sonst werden es alle, die jetzt zuhören, wenn sie es schon nicht in die Tat umsetzen, missverstehen.
Hört euch jetzt ganz demütig eine kleine Gleichniserzählung von der weltlichen Liebe an und übertragt diese dann auf die Gottesliebe:
Es lebte einst ein Edelfräulein, eine Königstochter. Sie war großherzig, von edler Gesinnung und edelmütig. Sie lebte jedoch in einem fremden Land. Da trug es sich nun zu, dass dieses Fräulein über die große Vornehmheit und den großen Adel des Königs Alexander hörte. Und sogleich liebte sie ihn aus ganzem Herzen, weil er so berühmt war und alle andern überragte. Aber das Fräulein lebte von diesem mächtigen Herren, dem ihre ganze Liebe galt, so weit entfernt, dass sie ihn weder sehen noch mit ihm zusammen sein konnte. Sie war darüber innerlich untröstlich. Denn keine andere Liebe außer dieser einen konnte sie erfüllen. Und als ihr bewusst wurde, dass diese ferne Liehe zwar innerlich ganz nah, aber den äußeren Umständen nach so weit weg war, da dachte sie bei sich darüber nach, wie sie ihren Kummer stillen könnte, indem sie sich nämlich die äußere Erscheinung ihres Freundes, durch den sie so oft in ihrem Herzen verletzt war, in Form eines Bildnisses vorstellte. So ließ sie sich also ein Bild malen, das die Züge des geliebten Königs so treu wie möglich wiedergab – der Vorstellung ihrer liebenden Zuneigung entsprechend, von der sie durchdrungen war. Und mithilfe dieses Bildnisses sowie auch anderer Hilfsmittel hatte sie in ihrer Vorstellung den König selbst vor Augen.
Die Seele:
Genau so ist es, spricht die Seele, welche dieses Buch niederschreiben ließ. Ich kann euch das bestätigen. Ich habe von einem sehr mächtigen König gehört, den überaus große edle Vornehmheit auszeichnete, ein wahrhaft edler Alexander war er. Doch er war so weit weg von mir und ich war so weit weg von ihm, dass ich mir keinen Rat wusste. Und um mich an ihn zu erinnern, gab er mir dieses Buch. Es ist sozusagen der Ausdruck seiner Liebe. Doch wenn ich auch sein Bild habe, so bin ich dennoch in der Fremde und weit weg vom prächtigen Haus, in dem die gar edlen Freunde dieses Herrn wohnen. Sie sind alle ohne Falsch, geläutert und frei geworden durch die Gaben dieses Königs, mit dem sie zusammen wohnen.41
Die Autorin:
Wir wollen euch deshalb sagen, inwiefern unser Herr keineswegs von der Liebe entbunden ist, wie aber die Liebe durch ihn selbst für uns frei wurde, damit die Kleinen dies durch euch erfahren können. Der Liebe nämlich ist alles erlaubt42, ohne dass sie jemandem Schaden zufügt. Wie das zugeht, das wollen wir euch im Lauf dieses Buches sagen.
DAS VORHABEN DER LIEBE UND WARUM SIE DIESES BUCH SCHREIBEN LIESS (KAPITEL 2)
Die Liebe:
Ihr Kinder der heiligen Kirche alle, spricht die Liebe. Ihr seid es, für die ich dieses Buch geschrieben habe, damit ihr zu einer höheren Wertschätzung des vollkommenen Lebens und des Zustands des Friedens gelangt. Ihn erreicht der Mensch [creature] 43 durch die Tugend der vollkommenen Liebe. Sie wird uns durch die Dreieinigkeit insgesamt geschenkt. Von dieser Gabe werdet ihr in diesem Buch noch hören, wenn das Verständnis der Liebe die Fragen der Vernunft beantwortet.
HIER SPRICHT DIE LIEBE ÜBER DIE GEBOTE DER HEILIGEN KIRCHE (KAPITEL 3)
Die Liebe:
Lasst uns hier, so spricht die Liebe, mit den Geboten der heiligen Kirche beginnen, damit jeder in diesem Buch mit Gottes Hilfe seine Nahrung finde. Gott nämlich hat uns das Gebot gegeben, dass wir ihn lieben sollen aus unserem ganzen Herzen, unserer ganzen Seele und mit all unserer Kraft, und dass wir uns selbst in angemessener Weise lieben sollen, sowie unsere Nächsten wie uns selbst [Mk 12,30 f; Lk 10,27].
Zunächst: Wir sollen ihn, spricht die Liebe, aus unserem ganzen Herzen lieben. Das heißt, dass wir mit unseren Gedanken stets wirklich bei ihm sein sollen. Und wir sollen ihn aus unserer ganzen Seele lieben. Das bedeutet, dass wir nichts als die Wahrheit sagen, selbst wenn es um den Tod geht. Und mit all unserer Kraft sollen wir ihn lieben. Das will sagen, dass wir all unsere Werke nur für ihn vollbringen. Und uns selbst sollen wir lieben in angemessener Weise:
Das heißt, wenn wir uns daran halten, dann suchen wir dabei niemals unseren eigenen Vorteil, sondern wir streben danach, den vollkommenen Willen Gottes zu erfüllen. Und unseren Nächsten sollen wir lieben wie uns selbst. Das bedeutet, dass wir unseren Nächsten nur das tun, dass wir von ihm nur das denken und sagen, was wir uns für uns selber wünschen. Diese Gebote sind zum Heil notwendig für alle. Ein Leben, das dahinter zurückbleibt, kann in keinem Fall Gnade erlangen.
Denkt hier an das Beispiel des reichen Jünglings [Mt19,20 f; Lk 18,22]: Er sagte zu Jesus Christus, dies alles habe er von Kindheit an befolgt, und Jesus Christus gab ihm zur Antwort: Eines fehlt dir noch zur Vollkommenheit: Geh hin, verkaufe alles, was du hast, gib das Geld den Armen, und dann komm und folge mir nach, und du wirst einen Schatz im Himmelreich haben. Dies ist der Rat vollkommener Tugend. Wer sich recht an ihn hält, der bleibt in der wahren Nächstenliebe.
Der Übersetzer Bruno Kern ergänzt hierzu, dass es im Text neben dem Ausdruck „amour“ auch den Ausdruck „charité“ für die Liebe gebe. Letzterer (von lat. caritas) entspricht eher unserer Nächstenliebe und wird hier deshalb konsequent auch so wiedergegeben.
Wie die vorstehenden Sätze ebenfalls zeigen, ist M. Porete bestrebt, ihre Liebeslehre auf zentrale Aussagen des Neuen Testaments zu stützen und sich der Gnade Gottes rückhaltlos zu unterstellen. Das gilt insbesondere für das, was sie im 4. Kapitel über die edle Tugend der Nächstenliebe schreibt. Das ist zu bedenken, wenn man in nachfolgenden Kapiteln liest, inwiefern sie zu Einsichten und Entscheidungen gelangt, die ihre Nähe zu den Brüdern und Schwestern des Freien Geistes belegen. Zuvor gibt sie im Folgenden der Seele das Wort, mit dem sie ihre Gottesbeziehung, ihre Einschätzung von Tugend und Liebe bezeugt. Das geschieht gewiss nicht zuletzt auch im Blick auf Poretes theologische Widersacher, mit deren Missdeutung und Nachstellungen sie rechnen muss.
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