Читать книгу: «Der Jungbrunnen-Effekt»

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in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG

Wien – Graz

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ISBN 978-3-9904-0512-3

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Bettina Höppel: S. 5, 6, 7, 32, 36, 39, 55, 94-95, 103, 114, 130, U4

University of Wisconsin-Madison/Allegro Film: S. 14

Dani Purer/P. A. Straubinger: S. 15

P. A. Straubinger: S. 22

Pollack Laboratory: S. 24

Nobel Media AB 2016/Ann-Mari Dumanski: S. 25

Nobel Media AB 2016/Alexander Mahmoud: S. 26

Oskar Kubinecz/Ilona Braune: S. 24, 69

Medizinische Universität Graz: Vordere Klappe, S. 27

Willy Puchner: S. 37

Olga Kretsch: S. 134

Covergestaltung: Emanuel Mauthe

Grafikdesign: Oskar Kubinecz

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

P. A. Straubinger Margit Fensl Nathalie Karré

Der Jungbrunnen- Effekt:

Wie 16 Stunden

FASTEN

Ihr Leben verändert


Wichtiger Hinweis

Die Inhalte dieses Buches wurden gewissenhaft und sorgfältig geprüft, die Vorschläge, Empfehlungen und Übungsanleitungen haben sich in der Praxis bewährt. Die vorgestellten Methoden, Ideen und Vorschläge ersetzen nicht die Beratung durch einen Arzt und sollen ausschließlich von gesunden Menschen angewendet werden. Schwangeren und stillenden Frauen, Kindern und Menschen mit Essstörungen raten wir von jeglicher Form des Fastens ab. Auch bei der Einnahme von Medikamenten und bei Krankheiten ist das Vorhaben mit einem Arzt zu besprechen. Suchen Sie im Zweifelsfall immer professionelle medizinische Beratung. Eine Haftung der AutorInnen beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- oder Vermögensschäden ist ausgeschlossen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

VORWORTE

WIE IHNEN DIESES BUCH HILFT

JUNGBRUNNEN-FASTEN MIT GENUSS UND FREUDE

DIE „EPIDEMIE DER ÜBERERNÄHRUNG“ UND IHRE MENTALEN WURZELN

AUTOPHAGIE – SUPERMEDIZIN UND JUNGBRUNNEN FÜR DIE ZELLEN

INTERVALLFASTEN – THEORIE UND PRAXIS

GESUNDE UND TYPGERECHTE ERNÄHRUNG IN DEN ESSENSPHASEN

METHODEN ZUR ENTGIFTUNG DES KÖRPERS

FRUSTESSEN VERSUS BEWUSST GENIESSEN

NAHRUNG FÜR DIE SEELE: DER SCHLÜSSEL ZUM INTERVALLFASTEN-ERFOLG

SO GELINGT DER JUNGBRUNNEN-WEG MIT LEICHTIGKEIT

QUELLENVERZEICHNIS


P. A. STRAUBINGER


Meine eigene Fasten-Geschichte begann Mitte der 1990er-Jahre, als mir ein Buch über Heilfasten in die Hände fiel. Aus purer Neugier habe ich damals meinen ersten Selbstversuch gewagt. Würde es mir gelingen, eine ganze Woche nur mit Wasser und Tee auszukommen? Ich hatte ja kaum einen einzigen Tag ohne feste Nahrung verbracht. Am Ende meiner ersten Fastenwoche war ich verblüfft, wie leicht es körperlich und wie schwierig es psychisch gewesen war – wie viel physische Energie ich nach einer Woche ohne Essen hatte und wie viel psychische Energie ich hatte aufbringen müssen. Und ich war erstaunt, wie gut mir alles schmeckte: Nie schätzt man Essen mehr als nach dem Fasten.

Die von Fastenärzten wie Otto Buchinger schon seit den 1920er-Jahren beschriebenen positiven Wirkungen auf Körper und Geist waren damals von medizinischer Seite noch sehr umstritten. „Fasten bringt gar nichts“, habe ich noch in den 2000er-Jahren in Interviews mit Ernährungswissenschaftlern und Stoffwechselexperten gehört. Der medizinische Mainstream war fest davon überzeugt, dass Fasten entweder nutzlos oder sogar schädlich sei. Die molekularbiologischen Forschungen zum Thema „Autophagie“, die das Schlüsselelement zum Verständnis der positiven Auswirkungen des Fastens darstellen, steckten zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen.

Die wissenschaftliche Recherchearbeit für meine Dokumentation „Am Anfang war das Licht“ hat mich glücklicherweise sehr früh mit den Arbeiten zur Autophagie in Kontakt gebracht und ich habe privat mit dem Intervallfasten begonnen, bevor ich dafür einen Namen hatte. Die Erkenntnis, dass offensichtlich schon zwölf bis 14 Stunden strikte Nahrungskarenz die positiven Aspekte des Fastens aktivierten und ich mich trotzdem täglich mit Essen belohnen durfte, war höchst motivierend. Denn im Gegensatz zum Heilfasten, das ich aufgrund der psychischen Herausforderungen immer nur im Urlaub geschafft habe, ist Intervallfasten auch in einen herausfordernden Alltag leicht zu integrieren.

Die 2008 veröffentlichten Langzeitversuche an Affen haben auch bei höheren Lebewesen gezeigt, dass „Calorie Restriction“, eine kalorienreduzierte Ernährung mit großen Essenspausen, die einfachste und effektivste Möglichkeit ist, den Körper jung und gesund zu erhalten. Spätestens seit der Verleihung des Medizin-Nobelpreises 2016 für die Erforschung der „Autophagie“ sind nun auch die letzten „Fasten-Basher“ verstummt. Es finden sich immer mehr Ärzte und Wissenschaftler, die Intervallfasten als wirkungsvollen Jungbrunnen propagieren.

Dass wir in der westlich orientierten Welt zu viel, zu oft und zu ungesund essen, ist ein Faktum. Wir tun das allerdings nicht, um unseren physischen Körper zu nähren (der ja – im Gegenteil – durch diese Überernährung krank wird), sondern weil wir unsere Psyche, unseren „Emotionalkörper“ beruhigen wollen. In diesem Buch gehen wir deshalb auch ausgiebig auf ein Thema ein, mit dem ich mich persönlich schon fast so lange beschäftige wie mit dem Fasten: Meditation und Achtsamkeit. Das tägliche Meditieren macht mich glücklicher, zufriedener und ausgeglichener und lässt mich Süchte leichter loslassen. Ich war nicht nur Raucher, sondern bin auch bekennender „Zucker-Junkie“ – weiß also um die Tücken der Sucht und des „Frustessens“. Ich kenne die Stärke des inneren Schweinehundes und habe gelernt, ihn zu bändigen und mir „zum Freund zu machen“. Hier möchte ich meine Erfahrungen weitergeben und Ihnen zeigen, wie leicht es sein kann, durch Intervallfasten und Meditation „jünger“, gesünder und glücklicher zu werden.

MARGIT FENSL


Das Thema „Gesunde Ernährung und ihre Wirkung auf den Körper“ fasziniert mich seit meiner Jugend. Es war immer mein Ziel, Menschen mit der richtigen Ernährung gesund zu machen. „Lass Nahrung deine Medizin und Medizin deine Nahrung sein“ von Hippokrates ist zu meinem erfüllenden Lebensmotto geworden.

Aufbauend auf meinem ernährungswissenschaftlichen Studium lernte ich durch Fortbildungen zu den Themen TCM (Traditionelle Chinesische Medizin), Heilkräuter, akademische Kinesiolgie, Stoffwechseltypen, Homöopathie und NLP (Neurolinguistisches Programmieren), die ganzheitlichen Zusammenhänge zu verstehen. Jeder Mensch ist einzigartig und benötigt auch eine individuelle Ernährung, um sein ganzes Potential entfalten zu können.

So therapiere ich meine Klienten seit über zehn Jahren mit ganzheitlichen und individuellen Ernährungsmethoden, kombiniere die Ernährung nach TCM mit dem persönlichen Stoffwechseltyp und teste Nahrungsmittelunverträglichkeiten aus. Die Erfolge meiner Klienten bestätigen mir, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe. Zusätzlich biete ich Detox-Seminare an, die sich als wahrer Jungbrunnen erwiesen haben: Eine Woche lang werden dabei glutenfreie und typgerechte Fastenspeisen verzehrt, die ich mit verschiedenen Entgiftungsmethoden kombiniere.

Die neuen Erkenntnisse zum Intervallfasten haben sich als weiteres wirksames Puzzlestück in der Therapie erwiesen. Unwohlsein und Kopfschmerzen sind dadurch während der Detox-Wochen kein Thema mehr, Ernährungsumstellungen gelingen ganz leicht und Abnehmziele lassen sich wirklich erreichen.

Um dieses Wissen mit der bereichernden Wirkung der Meditation zu verbinden, entstand gemeinsam mit P. A. Straubinger die Idee, ein Workshop-Format aus Intervallfasten und typgerechter Ernährung, in Kombination mit heilsamer Meditation, zu entwickeln. „Intervallfasten und Meditation – Jungbrunnen, Wundermedizin und Glücksspender“ war geboren.

In diesem Buch möchte ich Ihnen faszinierendes Wissen aus der Welt der Ernährung und des Fastens näherbringen und zeigen, wie einzigartig jeder Mensch ist. Es soll Sie auf Ihrem persönlichen Weg in ein freudvolles, erfülltes Leben begleiten.

NATHALIE KARRÉ


Seit über 20 Jahren begleite ich Menschen dabei, ihr Leben – beruflich wie privat – erfolgreicher und glücklicher zu gestalten. Immer wieder werde ich gefragt, was meine Conclusio aus den vielen Lebensgeschichten und Entwicklungsreisen ist – wie das Erfolgsrezept derjenigen heißt, die erfolgreicher, schlanker und gesünder sind und ein freudvolles und erfülltes Leben führen.

Bei all der Unterschiedlichkeit dieser geglückten Lebenswege sehe ich eine große Gemeinsamkeit: Erfolgreiche Menschen tragen täglich zur Verwirklichung ihrer persönlichen Wünsche, Ziele und Visionen bei. Es macht einen großen Unterschied, ob man davon spricht, was einem wichtig ist, oder ob man tatsächlich Tag für Tag jene Schritte setzt, die letztendlich zum Ziel führen.

Am leichtesten gelingt dieser Weg, wenn die zielorientierten Verhaltensweisen automatisiert als Alltagsroutinen ablaufen und wie von selbst jeden Tag zu einem erfüllten Leben beitragen. Eine erfolgreiche Anwendung von Intervallfasten und Meditation funktioniert genau nach diesem Prinzip: Sobald sie zur täglichen Gewohnheit geworden sind, tragen sie wie von selbst zur Steigerung der individuellen Lebensqualität bei.

Ich freue mich, Ihnen in diesem Buch zeigen zu können, wie einfach und freudvoll es möglich ist, gesundheitsfördernde und glücklich machende Routinen im Leben zu verankern. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur bestätigen: Egal ob Sport und Bewegung in der freien Natur, gesunde und bewusste Ernährung oder Fasten und Meditation als Grundlage eines kraftvoll-ausgeglichen Lebens – der tägliche Beitrag macht den Unterschied, der den Unterschied macht.


WIE IHNEN DIESES BUCH HILFT

Ziel dieses Buches ist es, dass Sie die wissenschaftlich fundierten Empfehlungen zum Intervallfasten mit Leichtigkeit in Ihren Alltag integrieren können, um nachhaltig von einem gesundheitsfördernden Lebensstil zu profitieren.

Zu Häufigkeit und Menge der täglich notwendigen Kalorienaufnahme gibt es einige veraltete Glaubenssätze, die allerdings noch immer sehr verbreitet sind und mitunter mentale Vorbehalte bezüglich des Intervallfastens erzeugen. Deshalb beschäftigen wir uns zu Beginn mit einigen, für Sie vielleicht neuen Fakten: Sie sollen Ihren „Kopf freimachen“, sodass Sie sich in der Folge ganz unbeschwert auf die positiven Wirkungen und die einfache Umsetzung des Intervallfastens fokussieren können.

Da Intervallfasten naturgemäß aus Fasten- und Essensintervallen besteht, haben wir die Ausführungen zu den eigentlichen Fastentechniken um einen Ernährungsteil ergänzt: Denn was wir essen, hat einen individuellen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Damit Sie den Prozess der Selbstreinigung des Körpers noch zusätzlich unterstützen können, zeigen wir Ihnen zudem weitere Methoden, die Sie bei der Entgiftung fördernd begleiten.

Neben Geist und Körper widmen wir uns in einem weiteren Kapitel auch den seelischen und emotionalen Anteilen des ganzheitlichen Jungbrunnen-Lebensstils. Hier erfahren Sie etwa, wie Sie Ihren „Emotionalkörper“ nähren können, um dem physischen Körper unnötige „Frustkalorien“ zu ersparen. Die Technik der Meditation kann Ihnen beispielsweise nicht nur das Loslassen des suchthaften Essverhaltens erleichtern – sie erzeugt auch einen eigenständigen Jungbrunnen-Effekt für Ihre Körperzellen und verstärkt so die Anti-Aging-Effekte des Intervallfallfastens.

Zum Schluss möchte Ihnen dieses Buch auch jene mentalen Werkzeuge in die Hand geben, mit denen die neuen Techniken leichter zur Routine werden: Denn erst, wenn Sie Intervallfasten, Meditieren etc. in Ihren „gewöhnlichen“ Alltag integriert haben, haben Sie auch die Basis für einen nachhaltigen Jungbrunnen-Erfolg geschaffen.


JUNGBRUNNEN-FASTEN MIT GENUSS UND FREUDE

Was bringt ein langes Leben, wenn wir es ohne Genuss leben müssen? Was nützen ein paar Falten oder Kilos weniger, wenn uns dadurch die Freude am Leben verloren geht? Wir versprechen an dieser Stelle, dass es in „Der Jungbrunnen-Effekt“ nicht darum geht, Verzicht zu predigen, um irgendwelchen äußeren Schönheitsidealen hinterherzujagen. Unser erklärtes Ziel heißt: Sie sollen nach dem Lesen dieses Buches über Techniken verfügen, die Ihnen mehr Lebenskraft und Lebensfreude verschaffen. Der innere Jungbrunnen wird dann zweifellos nach außen strahlen. Wir wollen, dass es Ihnen leicht fällt, diesen Jungbrunnen anzuzapfen, und dass es Ihnen Freude bereitet. Dabei verfolgen wir einen Ansatz, der Körper, Geist und Seele anspricht – einen Weg, der im Kopf beginnt, weil wir Menschen uns zuerst einmal von jenen kulturellen und intellektuellen Blockaden befreien dürfen, die uns am genussvollen Fasten mitunter am meisten hindern.

Mittlerweile ist es ja eine Binsenweisheit, dass wir in der westlichen und westlich orientierten Welt zu viel und zu viele falsche Nahrungsmittel essen. Dass wir offensichtlich auch zu oft essen, ist dabei eine relativ neue wissenschaftliche Erkenntnis. Bislang hieß die Empfehlung der Ernährungsexperten nämlich: mehrmals täglich „kleinere“ Mahlzeiten zu sich nehmen. Im Licht der nobelpreisgekrönten Forschungen zur Autophagie, des Fastenzustandes der Körperzellen, erweist sich das allerdings als kontraproduktiv. Stattdessen verweisen immer mehr Ärzte und Wissenschaftler darauf, dass leichtes Hungern äußert positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit und den Alterungsprozess haben kann.

Spätestens beim Wort „Hungern“ regt sich bei vielen aber innerer Widerstand und hagelt es Proteste. Selbstverständlich, das dürfen wir vorausschicken, stellt eine ausreichende, vollwertige Versorgung mit Nährstoffen die Basis einer guten Gesundheit dar. Den Essenspausen, das heißt, einer ausreichenden Nahrungskarenz zwischen den Mahlzeiten mit ihrer heilsamen Wirkung, wurde bislang jedoch zu wenig Bedeutung beigemessen. Über Jahrtausende zählten Hunger und Unterernährung zu den größten Schrecken der Menschheit, über Jahrmillionen wohl auch unserer „tierischen“ Vorfahren. Die Natur sorgte ganz automatisch für ausreichende Nahrungspausen – oft sogar für viel zu lange. Unsere Körper verfügen deshalb über wunderbare Mechanismen, um mit Hungerperioden umgehen zu können, aber über praktisch keine Strategien, um mit einem permanenten und äußerst verführerischen Nahrungsüberangebot fertig zu werden.

Die Wissenschaft bringt uns immer mehr Evidenz dafür, dass wir uns im Sinne unserer Gesundheit und Vitalität diese Nahrungspausen wieder ganz bewusst gönnen sollten. Das ist für viele von uns schwierig, da Essen in unserer Kultur einen sehr hohen Stellenwert einnimmt und mit sehr vielen Glaubenssätzen verbunden ist. Im ersten Teil dieses Buches wollen wir zuerst einmal einige Fakten auf den Tisch legen und einige dieser Glaubenssätze hinterfragen, um die Liebe zum Essen zumindest zeitweilig loslassen zu können und durch die Freude am (Intervall-)Fasten zu ersetzen. Wenn wir nämlich diese Art des Fastens und seine Vorteile entdecken, wird aus dem vermeintlichen „Hungern“ ein Genuss. Zuerst also gilt es, einige intellektuelle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, um nicht nur dem regelmäßigen Essen, sondern auch dem regelmäßigen Fasten zu seinem Recht zu verhelfen.

DIE „EPIDEMIE DER ÜBERERNÄHRUNG“ UND IHRE MENTALEN WURZELN

Es ist der Verdienst der Naturwissenschaften, im speziellen der modernen Agrarwissenschaft, dass wir Nahrungsmittel für die gesamte Menschheit im Überfluss produzieren können. Dass trotzdem täglich noch immer tausende Menschen verhungern, ist ein ebenso skandalöses wie trauriges Faktum, auch wenn sich die Zahl der Hungernden in den letzten Jahrzehnten sukzessive verringert hat.

In diesem Zusammenhang scheint die Tatsache, dass gleichzeitig die Überversorgung mit Kalorien zu einem riesigen Gesundheitsproblem geworden ist, noch absurder. Den rund 800 Millionen Hungernden stehen 2,2 Milliarden übergewichtige und fettleibige Menschen gegenüber, die unter ihrer Überernährung gesundheitlich leiden und teilweise sogar daran sterben. Laut einer Studie des „New England Journal of Medicine“ hat sich die Zahl der Übergewichtigen zwischen 1980 und 2015 in mehr als 70 Ländern verdoppelt, was in diesen Ländern für massive gesundheitspolitische Probleme sorgt. Rund ein Drittel der US-Amerikaner leidet an Übergewicht – das verursacht Kosten von rund 200 Milliarden Dollar jährlich für das Gesundheitssystem. In Europa ist die Situation leider nur geringfügig besser. „Übermäßiges Körpergewicht ist eines der schwerwiegendsten Gesundheitsprobleme der Gegenwart und betrifft fast jeden dritten Menschen“, bestätigt Ashkan Afshin, Professor am Department for Global Health an der Universität Washington.

Umfangreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass die Lebenserwartung mit zunehmendem Körpergewicht abnimmt, da Übergewicht als Ursache bzw. fördernder Faktor einer ganzen Reihe von Krankheiten gilt. Millionen von Todesfällen lassen sich jedes Jahr eindeutig auf die Folgen von Übergewicht zurückführen, wobei bereits ein leicht erhöhter Body-Mass-Index (BMI) die Risiken von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes drastisch erhöht. Während man früher glaubte, leichtes Übergewicht wäre normal, unschädlich oder sogar gesund, zeigte eine Metastudie aus 239 wissenschaftlichen Arbeiten, dass bereits ein paar Kilos zu viel auf der Waage zu signifikanten gesundheitlichen Nachteilen führen. Falsch- und Überernährung führen also in den meisten Ländern dieser Erde zu echten Epidemien – das heißt, vor allem die große Menge an leicht verfügbaren, hochkonzentrierten Kalorien in Form von süßem und fettem Essen ist dafür verantwortlich.


INFOBOX Weniger essen, länger leben – Kalorienrestriktion im Tierversuch

Bereits 1935 zeigte der amerikanische Biochemiker und Gerontologe Clive McCay an der Cornell University in Ithaca, New York, dass bei Versuchsratten die Halbierung der täglichen Kalorienmenge in der Nahrung fast zu einer Verdoppelung der Lebensdauer führte. Seine Studienergebnisse blieben ein halbes Jahrhundert unbeachtet, erst Mitte der 1980er-Jahre wurde das Thema Kalorienrestriktion wieder aufgegriffen. In Versuchen stellte man fest, dass Ratten durch geringere Futtergaben nicht nur länger lebten, sondern auch um 50 Prozent seltener an Krebs erkrankten. Mittlerweile sind die positiven gesundheitlichen Effekte einer geringeren Kalorienzufuhr bei unterschiedlichsten Organismen, zum Beispiel Würmern, Fliegen oder Nagetieren, gut erforscht. Besonderes Aufsehen erregte 2009 die Veröffentlichung von Langzeitstudien der University of Wisconsin-Madison. An Rhesusaffen, deren Alterungsverhalten dem der Menschen sehr ähnlich ist, konnte gezeigt werden, dass sich durch eine Kalorienreduzierung nicht nur die Lebensspanne, sondern auch die Lebensqualität verbesserte. Gewisse Alterungserscheinungen, wie Haarausfall, Muskelschwund, Diabetes, Arthritis oder Lethargie, wurden durch die kalorienreduzierte Diät verhindert. Man stellte zudem fest, dass es nicht nur auf die Zahl der Kalorien ankommt, sondern vor allem auch auf die Art und Weise der Einnahme dieser Kalorien – und auf deren „Zusammensetzung“. Die Qualität des Futters, aber auch die Fütterungsintervalle haben also einen großen Einfluss auf die gesundheitlichen Effekte der Nahrung.


Wir fressen uns zu Tode

Generell scheint die Kalorie ein mangelhafter Gradmesser für den Nährwert des Essens zu sein. Der Kalorienbedarf des Menschen unterliegt zudem einer großen Schwankungsbreite. Obwohl sie nachweislich falsch sei, herrsche die Kalorientheorie der ausgewogenen Ernährung als solche weiter, quäle die Menschen und verkürze ihr Leben, schreibt die russische Ärztin Galina Schatalova (1916–2011) in ihrem Buch „Wir fressen uns zu Tode“. Und tatsächlich wird Schatalovas Befund durch wissenschaftliche Forschungen unterstützt: Die klassische Kalorientheorie entpuppt sich zunehmend, wenn schon nicht als falsch, dann doch als bei Weitem unvollständiger, „löchriger“ und „dehnbarer“, als die Wissenschaftler in der Vergangenheit glaubten.

Nach ihrem Medizinstudium arbeitete Schalatova an der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften als Neurochirurgin und wurde in Folge zur ersten Leiterin der medizinischen Auswahlkommission für sowjetische Kosmonauten ans Institut für Weltraumforschung berufen. Später führte sie viele wissenschaftliche Experimente durch, einige davon im Auftrag der Geologischen Gesellschaft, der Sibirischen Akademie der Wissenschaften und des Wissenschaftlichen Instituts für Körperkultur in der damaligen UdSSR.

Durch ihre praktischen und theoretischen Arbeiten als Ärztin kam sie zu dem Schluss, dass ein gesunder Erwachsener im Ruhezustand täglich nicht mehr als 250 bis 400 Kilokalorien brauche und auch bei extremen Anstrengungen maximal 1.000 bis 1.200 Kilokalorien pro Tag notwendig seien. Die in unserer Kultur verbreitete Form der hochkalorischen Ernährung sei nicht nur Verschwendung, sondern erzeuge zahlreiche Krankheiten und sorge für eine vorschnelle Alterung.

Schatalova untermauerte ihre Behauptungen durch zahlreiche Leistungsexperimente, in denen sie Athleten mit kalorienreduzierter Ernährung gegen Kontrollgruppen antreten ließ, die nach den klassischen Ernährungstabellen verpflegt wurden. 1983 experimentierte sie mit Supermarathonläufern, die mit maximal 1.200 Kilokalorien ernährt wurden. Die Athleten der Kontrollgruppe erhielten rund 6.000 Kilokalorien, wie sie klassischerweise bei dieser extremen Form der Belastung verlangt werden. Nach Absolvierung des 500 Kilometer langen Laufes stellte sich heraus, dass die kalorienreduziert ernährten Athleten nicht nur leistungsfähiger waren als die Kontrollgruppe, sondern sogar noch an Körpermasse zugelegt hatten. Ende der 1980er-Jahre untersuchte Schatalova auch Teilnehmer von Wüstendurchquerungen. Die Mitglieder der Versuchsgruppe erhielten eine maximale Tagesration von 600 Kilokalorien – letztendlich waren sie deutlich leistungsfähiger, ausdauernder und gesünder als die Athleten der Kontrollgruppe mit „normaler“ Kalorienzufuhr.


In ihrem Buch zeigt Galina Schatalova auch an Beispielen aus der Tierwelt, dass die „Heizkesseltheorie“ der „Kaloretiker“ der Überprüfung in der Praxis nicht standhält und gewaltigen Schaden an der Volksgesundheit anrichtet. Schatalova legte großen Wert auf die Feststellung, dass es nicht auf die Zahl der Kalorien ankomme – den Nährwert der Nahrung mache vielmehr ihre Naturbelassenheit aus. Sie plädierte für eine frische, pflanzenbasierte Rohkost in Verbindung mit viel Bewegung in der Natur und Atemübungen. Galina Schatalova wurde für ihre Behauptungen zu Lebzeiten massiv angegriffen. Durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Bezug auf die Vorteile des Intervallfastens und der Autophagie sowie der Langzeitstudien zu „Calorie Restriction“ werden Schatalovas Behauptungen nun zumindest teilweise vom wissenschaftlichen Mainstream bestätigt.

Der Kalorienmythos

Wahrscheinlich kennen viele das Phänomen, dass die gleiche Menge Essen beim einen „anschlägt“, beim anderen nicht. Manche Menschen können Unmengen an Kalorien zu sich nehmen und halten ihr Idealgewicht, während weniger Gesegnete „das Essen nur anschauen müssen, um zuzunehmen“. Gar viele Gründe werden genannt, um diese Unterschiede zu erklären, das Kalorienzählen wird allerdings selten in Frage gestellt.


Es ist ein Ausdruck der Unwissenheit bezüglich der Wirkmechanismen der Nahrung in unserem Körper, dass das „Kaloriensystem“ nach wie vor am geläufigsten ist, wenn es darum geht, den Nährwert des Essens zu bestimmen. Hätten wir in anderen Bereichen unserer modernen Gesellschaft derart ungenaue und fehlerhafte Messwerkzeuge, würde das Chaos ausbrechen, weil wir nicht in der Lage wären, auch nur irgendetwas exakt zu quantifizieren bzw. zu qualifizieren.

Stellen wir uns eine Waage vor, die uns Folgendes mitteilt: „Wie viel Sie wiegen, kann ich leider nicht sagen, aber andere Personen in Ihrem Alter und mit Ihrer Größe wiegen 72 Kilogramm.“ Das ist in etwa die wissenschaftliche Aussagekraft der Kalorienbilanz: Um die Auswirkungen der aufgenommenen Kalorien auf Leistungsfähigkeit und Körpergewicht einer bestimmten Person messen zu können, hilft sie uns nicht wirklich weiter. Während man bei einer Maschine sehr genau vorhersagen kann, wie sich eine bestimmte Menge an Treibstoff auswirkt, verhält es sich mit organischer Nahrung und Lebewesen ganz anders. Der Grund für die mangelnde Aussagekraft der Energiebilanztheorie (sie geht zurück auf das 17. und 18. Jahrhundert) mit ihren Kalorien beruht auf ebendieser Gleichsetzung von Verbrennungsvorgängen in Maschinen mit den Stoffwechselvorgängen in lebenden Organismen. René Descartes (1595–1650), einer der verdienstvollen Väter der Aufklärung, sah Lebewesen, ganz im Sinne des damals aufkommenden mechanistischen Weltbildes, als reduktive Automaten, die ganz ähnlich erklärbar seien wie Maschinen.

,Die Konstruktion der berühmten „mechanischen Ente“ durch Jacques de Vaucanson (1738), die vermeintlich Körner verdauen und in Kot verwandeln konnte, ist ein Bild jenes Verständnisses von Lebewesen, welches das Zeitalter der Aufklärung geprägt hat. Die Ente hat natürlich nie wirklich funktioniert.


Die mechanische Ente (1738)

Antoine Lavoisier (1743–1794), einer der Pioniere der modernen Chemie, glaubte Ende des 18. Jahrhunderts, die Antwort auf die Fragen der Lebensenergie und der menschlichen Energiebilanz gefunden zu haben. Er entdeckte die entscheidende Rolle des Sauerstoffs in Verbrennungsvorgängen und veröffentliche 1777 seine Kalorientheorie. Lavoisier war der Ansicht, dass die Stoffwechselvorgänge in Lebewesen im Prinzip gleich funktionieren würden wie die Verbrennungsvorgänge in Maschinen – beide benötigen Treibstoff und Sauerstoff, erzeugen Wärme und Abfallstoffe. Und er war der Ansicht, dass die Natur dieser kalorischen Prozesse in lebendiger und toter Materie gleich wäre und man sie deshalb in Maschinen wie in Lebewesen gleich messen und quantifizieren könne.

Etwas mehr als hundert Jahre später folgte der vermeintliche Beweis für diese Theorie: Die thermodynamischen Gesetze wurden erforscht und Francis Benedict (1870–1957) und Wilbur Atwater (1844–1907) machten sich daran, den menschlichen Energiekreislauf mit den ersten Respirationskalorimetern zu vermessen. Sie konnten damit den aufgenommenen Sauerstoff und das abgegebene Kohlendioxid messen (die Ergebnisse sollten allerdings nur bis zum Aufkommen genauerer Messmethoden in den 1970-Jahren gelten) – und errechneten daraus eine theoretische Energiemenge. Das Ergebnis verglichen sie mit der tatsächlich produzierten Energiemenge ihrer Versuchspersonen. Sie berechneten die Durchschnittswerte ihrer Ergebnisse und sahen, dass sich direkte Kalorimetrie (Messung der Wärmeentwicklung) und indirekte Kalorimetrie (Messung der Atemluft) innerhalb einer gewissen Messtoleranz deckten. Das war es, was die Vertreter des mechanistisch-materialistischen Weltbildes hören wollten: Der Mensch ist eine, wenn auch komplexe, Verbrennungsmaschine.

Basierend auf diesen Erkenntnissen entwickelten Francis Benedict und James Arthur Harris (1880–1930) die bis heute gültige Harris-Benedict-Formel zur Errechnung des sogenannten Grundumsatzes, also der Menge an Kalorien bzw. Joule, die der Mensch im Ruhezustand bei 28 Grad Celsius pro Tag benötigt. Diese Formel beruht allerdings nur auf statistischen Mittelwerten und dementsprechend handelt es sich nicht um exakte Wissenschaft, sondern um reine Vorhersagen, wie bei der eingangs erwähnten Waage, die nicht exakt misst, sondern sagt, was „man“ im gleichen Alter und bei gleicher Größe durchschnittlich wiegt. Das tatsächliche Gewicht kann mehr oder weniger deutlich davon abweichen.

Der Kalorienverbrauch im menschlichen Körper ist tatsächlich sehr variabel. Dass die nach der Harris-Benedict-Formel errechneten Voraussagen zum Grundumsatz richtig sind, unterliegt wahrscheinlich einer Verteilung nach der Gauß’schen Glockenkurve. Das bedeutet, dass der errechnete Kalorienverbrauch für viele Menschen in etwa stimmt und je weiter wir auf der Kurve nach außen gehen, desto weiter weicht der tatsächliche Kalorienverbrauch ab (was dann auch weniger Menschen betrifft). Bis zu welchem Extrem diese Abweichungen reichen, lässt sich nicht sagen. Die Dokumentation „Am Anfang war das Licht“ zeigt einige Individuen, die offensichtlich mit extrem geringer Kalorienzufuhr über sehr lange Zeit bei bester Gesundheit leben können (siehe „Lichtnahrung“, Seite 22). Am anderen Ende der Skala finden wir Menschen, die trotz enormer Kalorienmengen kaum oder gar nicht zunehmen.

Wie viel Nahrung braucht der Mensch? – Das Diät-Drama

Die reduktive, mechanistische Sichtweise der Natur ermöglichte den Siegeszug der Naturwissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert. Wir verdanken ihr die Segnungen der modernen Technik und Medizin, aber auch eine gewisse Geringschätzung gegenüber dem Mysterium des Lebens, das bis heute nicht im Entferntesten enträtselt ist. Spätestens seit der Einführung der Quantenphysik ist dieses Weltbild auf dem Müllplatz der Wissenschaftsgeschichte gelandet – weil es aber das Leben verständlich macht, ist es nach wie vor sehr „erfolgreich“ und treibt in unseren Köpfen weiterhin seine Blüten!

Trotz der kaum zu übersehenden Mängel im klassischen Konzept des menschlichen Energiesystems als Verbrennungssystem wurde die Idee lange nicht hinterfragt. Es dauerte rund zweihundert Jahre, bis vier wissenschaftliche Institute gemeinsam wagten, die ketzerische Frage zu stellen, wie viel „Treibstoff“ der Mensch denn nun wirklich brauche. 1973 veröffentlichten das Physiologische Institut der Universität Glasgow, das National Institute for Medical Research in London, die Abteilung für menschliche Ernährung der London School of Hygiene and Tropical Medicine und das Institut für Ernährung am Queen Elizabeth College in „Nature“, dem angesehensten wissenschaftlichen Journal der Welt, den Artikel „How Much Food Does Man Require?“ – „Wie viel Essen braucht der Mensch?“ Kurz gefasst hieß die Antwort der Autoren: Wir wissen es nicht, weil es von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation so unterschiedlich ist. Genauer schreiben sie: „Wir glauben, dass die Energiebedürfnisse des Menschen und das Gleichgewicht zwischen Aufnahme und Verbrauch unbekannt sind … Die Ergebnisse von genauen Studien in einer Reihe von Ländern legen nahe, dass manche Menschen gesund und aktiv mit einer Energiezufuhr leben, die man nach derzeit gültigen Standards als ungenügend betrachten würde … Diese Studien unterstreichen das Ausmaß unserer Unwissenheit über die Mechanismen, mit denen unser Energiehaushalt aufrechterhalten wird.“

Auch wenn in der Öffentlichkeit oft ein anderer Eindruck vermittelt wird – die menschliche Energiebilanz ist für die Wissenschaft ein Buch mit sieben Siegeln. Die einfache Formel „Kalorienbedarf minus Kalorienzufuhr ist gleich Änderung des Körpergewichts“, funktioniert in der Praxis in den wenigsten Fällen. Wer 3.000 Kilokalorien verbraucht, aber nur 2.500 Kilokalorien zuführt, sollte in der Theorie das Defizit von 500 Kilokalorien in Form von rund 55 Gramm Fett verlieren. Fast jeder, der einmal versucht hat, mit dieser Art Diät dauerhaft Gewicht zu reduzieren, weiß, dass sie zum Scheitern verurteilt ist. Die Theorie klingt zwar plausibel, weil wir uns den Menschen als „Heizkessel“ vorstellen, aber der Mensch ist eben keine Maschine. Er steckt voller mysteriöser unerforschter Variablen, die vom Individuum und der Lebensweise abhängig sind.

Die erste Unbekannte in der Formel ist schon die Energiezufuhr, also die Kalorien selbst. Kalorie ist nicht gleich Kalorie: Ein Glas Cola mag vielleicht die gleiche Kalorienanzahl wie ein Stück Obst aufweisen, ihre Wirkung im Körper ist aber vollkommen unterschiedlich. Der Energieverbrauch ist bestenfalls als statistischer Mittelwert fassbar und schon der Grundumsatz, also der Kalorienbedarf eines Menschen im Ruhezustand, ist individuell so verschieden wie die Energiespeicherung.

„Je genauer wir messen, desto größer sind die Energiemengen, die wir nicht erklären können“, beschreibt der Stoffwechselforscher Paul Webb das Dilemma der Wissenschaftler, wenn es um den menschlichen Metabolismus geht. Webb entwickelte in den 1950er- und 60er-Jahren für die NASA hochsensible Kalorimeter, mit denen es ihm im Laufe der Jahrzehnte gelang, den Stoffwechsel immer genauer zu vermessen. Er entdeckte gewaltige Fehlbeträge in der menschlichen Energiebilanz. Wie schon Atwater und Benedict verglich auch Webb direkte und indirekte Kalorimetrie. Aus dem Sauerstoffverbrauch und der Kohlendioxidabgabe seiner Versuchspersonen errechnete er die theoretische Energiemenge, die durch die „Verbrennung der Kalorien“ entstehen müsste – und verglich sie dann mit der tatsächlich produzierten Energiemenge der jeweiligen Versuchsperson. Mit seinen modernen und genauen Messmethoden machte er eine verblüffende Entdeckung: Beim Vergleich von direkter und indirekter Kalorimetrie kam es erstens zu großen individuellen Unterschieden und zweitens zu Unterschieden, die nicht mehr als Messtoleranzen erklärt werden konnten. Während bei manchen Personen direkte und indirekte Kalorimetrie mehr oder weniger übereinstimmten, betrug die Differenz bei anderen bis zu 23 Prozent. Rund ein Viertel der Energie dieser Personen war also kalorisch nicht erklärbar und kam aus einer unbekannten Quelle. Webb nannte diese unerklärbare Energiemenge „unmeasureable energy“ – „nicht messbare Energie“. Die Studienergebnisse, die 1980 im renommierten „American Journal of Clinical Nutrition“ veröffentlicht wurden, zeigten zudem, dass das Ausmaß dieser kalorisch nicht erklärbaren Energie umso größer wurde, je geringer die zugeführte Menge an Nahrung war. Also: Je weniger Kalorien dem Körper zugeführt werden, desto weniger Kalorien benötigt er – ein Phänomen, das jeder beobachten kann, der über längere Zeiträume hinweg fastet. Während wir in den ersten Tagen sehr rasch an Gewicht verlieren, flacht die Kurve mit der Zeit immer mehr ab. Trotz gleichbleibendem Output an Energie benötigt der Körper weniger Energiereserven. Was den westlichen Wissenschaftlern Kopfzerbrechen bereitet, ist in den östlichen medizinischen Traditionen seit jeher bekannt. Wir beziehen unsere Lebensenergie nicht nur aus den Kalorien der Nahrung.


INFOBOX Lebensenergie

Was ist Leben und wie entsteht es? Wir brauchen gar nicht lange zu suchen, um eines der größten Mysterien auf diesem Planeten zu finden – das Phänomen Leben an sich. In jeder einzelnen Körperzelle existiert dieses Wunder. Wir alle haben es billionenfach „in uns“.

Auch wenn es manchmal erscheinen mag, als könnte die Wissenschaft den Kosmos im Großen und Ganzen erklären, sind wir doch weit davon entfernt. Glaubte man zum Ende des 19. Jahrhunderts, dass die Naturwissenschaft bald alle großen Fragen beantwortet haben werde, so brachten diese Antworten oft noch mehr ungelöste Fragen.

Seit Ende der 1990er-Jahre geht die Mainstream-Wissenschaft davon aus, dass rund 96 Prozent des Universums aus dunkler Materie und dunkler Energie bestehen, über deren Wesen und Existenz kaum etwas bekannt ist. „Über dunkle Materie wissen wir nichts und über dunkle Energie wissen wir weniger als nichts“, ist ein pointierter Spruch in Physikerkreisen. Dunkle Materie und dunkle Energie existieren auch in uns und unmittelbar um uns herum. Inwieweit das mit den umstrittenen feinstofflichen Energien der Grenzwissenschaften oder den Lebensenergiekonzepten aus Indien und China zusammenhängt, ist pure Spekulation. Fakt ist: Wir haben nicht die geringste Ahnung, wie man tote Materie zum Leben erweckt. Wissenschaftler können mit modernster Technik und Milliarden an Forschungsgeldern keine einzige Zelle aus ihren materiellen Substanzen synthetisieren und zum Leben erwecken. Das liegt daran, dass es einen prinzipiellen Unterschied zwischen Organischem und Anorganischem gibt, behaupten die Anhänger sogenannter vitalistischer Lehren, die eine eigenständige Lebenskraft als Grundlage und Prinzip alles Lebendigen ansehen.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird dieses Prinzip mit dem Wort „Qi“ bezeichnet. Das Wissen um den richtigen Fluss des Qi, also der Lebensenergie im Körper, ist für TCM-Ärzte das entscheidende Kriterium: Um den Menschen zu heilen, soll zum Beispiel durch Akupunktur das Qi wieder zum Fließen gebracht werden. Dem Qi der Chinesen entspricht in der ayurvedischen Medizin Prana – es gilt als eigenständiges Prinzip des Lebendigen. Der Psychiater und Sexualforscher Wilhelm Reich (1897–1957) wollte diese Lebensenergie unter der Bezeichnung Orgon in den wissenschaftlichen Diskurs einführen und wurde von seinen Kollegen dafür mit Spott und Hohn bedacht.

Die unterschiedlichen Ansätze der Medizin in Ost und West sind für den Ayurveda-Onkologen Vaidya Tapan Kumar in den Grundlagen westlicher und östlicher Traditionen zu finden: „Die große Leistung der westlichen Medizin war es, Leichen zu sezieren, um den materiellen Bauplan des Körpers zu verstehen. Aus diesem Grund ist die westliche Medizin gerade in der Notfallbehandlung so effektiv. Die östliche Medizin hat seit jeher nur vom lebendigen Körper gelernt, versteht deshalb die energetischen Vorgänge besser und hat in dieser Hinsicht Vorteile.“

Zweifellos erzielen Ayurveda und Traditionelle Chinesische Medizin mit ihrem Zugang zur Lebensenergie auch Behandlungserfolge, die der westlichen Medizin versagt bleiben. Den Messmethoden der klassischen Wissenschaft entziehen sich Qi, Prana & Co. aber weiterhin, weshalb manche Skeptiker von „pseudowissenschaftlichem Unfug“ sprechen. „Wer heilt, hat Recht“, sagen die anderen und so bleibt die Lebensenergie weiterhin ein ungelöstes und allgegenwärtiges Rätsel.

INFOBOX Lichtnahrung

Eines möchten wir vorwegnehmen: Wir warnen dringend vor Selbstversuchen mit dem sogenannten Lichtnahrungsprozess und vor anderen Experimenten mit dauerhaftem Nahrungs- oder Flüssigkeitsentzug, da es in diesem Zusammenhang bereits mehrfach zu schweren Komplikationen und sogar zu Todesfällen gekommen ist. Gleichzeitig gab und gibt es in fast allen Kulturen immer wieder Berichte über Menschen, die angeben, von wenig physischer Nahrung dauerhaft leben oder gar ganz darauf verzichten zu können.

Die viel diskutierte Kinodokumentation „Am Anfang war das Licht“ verfolgt und untersucht einige dieser Geschichten – zum Beispiel jene des Schweizer Nationalheiligen Nikolaus von Flüe oder des indischen Yogis Prahlad Jani, der angibt, seit Jahrzehnten weder zu essen, noch zu trinken und sich in zwei vom indischen Militär überwachten klinischen Studien untersuchen ließ. Die Ergebnisse waren verblüffend, da der Yogi die zehn bzw. 15 Tage ohne Essen, Trinken und Urinieren nach gängiger Lehrmeinung nicht hätte überleben dürfen. Ein wissenschaftlicher Beweis für jahrelanges Überleben unter diesen Bedingungen ist das nicht, dafür bedürfte es ebenso langer Studien. Aber die Ergebnisse dienen als Indiz: Dem Menschen dürfte in dieser Hinsicht ein wesentlich breiteres Spektrum zur Verfügung stehen, als die Mediziner in der Vergangenheit für denkbar gehalten haben. Die bislang längste Fastenstudie wurde ebenfalls in Indien am „Sun Gazer“ Hira Ratan Manek durchgeführt, der sich einem medizinisch überwachten, 411-tägigen Fastenexperiment unterzog, bei dem er ausschließlich Wasser zu sich nahm. Manek verlor während der Zeit ohne kalorische Nahrung 19 Kilogramm Körpergewicht. Aufgrund dieses Gewichtsverlustes fehlt also auch hier der Beleg für die Möglichkeit, ganz ohne physische Nahrung auszukommen. Was wir dennoch daraus ablesen können, ist ein klarer Hinweis darauf, dass kalorisch nicht erklärbare Energiemengen einen sehr großen Anteil an der menschlichen Energiebilanz haben könnten.


Das medizinische Qigong der chinesischen Tradition geht davon aus, dass Essen und Atmen nur zwei Möglichkeiten sind, um Lebensenergie aufzunehmen. Das sogenannte Qi, die Lebensenergie, kann nach chinesischer Auffassung auch direkt über die Haut absorbiert werden und die physische Nahrung ganz oder teilweise ersetzen. In China wird diese Technik als „BiGu“, bezeichnet, was so viel bedeutet wie „ohne Brot“, oder genauer als „BiGu FuQi“, „ohne Brot und direkt durch Qi“.

Mittlerweile gibt es auch unter westlichen Wissenschaftlern erste Hypothesen darüber, wie der Körper Energie produzieren bzw. aufnehmen kann, ohne den Umweg über das Essen nehmen zu müssen. Bis zu welchem Grad das möglich sein kann, ist wissenschaftlich gesehen allerdings noch eine völlig offene Frage und bietet reichlich Stoff für zukünftige Forschungen.

Woher beziehen wir unsere Energie?

Die menschliche Energiebilanz weist, wie erwähnt, Abweichungen von den Vorhersagen der Kalorientabellen in beide Richtungen auf. Die Frage, was mit der überschüssigen Energie bei schlechten „Futterverwertern“ passiert, ist weitaus leichter zu beantworten, als die Frage, woher sie bei den sogenannten „Fastenwundern“ kommt.

Über den Darm können wir Nährstoffe ausscheiden, die der Körper nicht als Energie aufgenommen hat. Nicht nur die Gene sind verantwortlich dafür, ob eine Person Nährstoffe auf- und dabei zunimmt oder diese ausscheidet und schlank bleibt – auch die Bakterien in unserem Darm spielen hier eine entscheidende Rolle. Erst in den letzten Jahrzehnten gibt es in der Wissenschaft ein Bewusstsein für die enorme Bedeutung der Darmflora für die menschliche Energiebilanz. Billionen von Bakterien, die unseren Darm bevölkern, beeinflussen nicht nur unser Immunsystem und unser psychisches Wohlbefinden, sondern auch unseren Stoffwechsel. Bestimmte Bakterienstämme erfüllen ganz entscheidende Aufgaben, wenn es darum geht, Bestandteile der Nahrung in verwertbare Substrate zu verwandeln. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Übergewicht und bestimmten Bakterienarten gibt. Im Mäuseversuch gelang der Nachweis, dass eine Kotverpflanzung von einem Mäusedarm zum anderen aus schlanken Mäusen übergewichtige Mäuse machte, weil die zur Verfügung gestellte Nahrung durch die entsprechenden Bakterienstämme intensiver verwertet wurde.

Was aber passiert, wenn im Darm keine Nahrung zu verwerten ist? Denken wir an die Studien von Paul Webb (siehe Seite 19): Hier zeigte sich, dass die kalorisch nicht erklärbaren Energiemengen gerade dann anstiegen, wenn die Versuchspersonen fasteten. Für die Vertreter des medizinischen Qigong ist das leicht erklärbar, da man dort davon ausgeht, dass die Lebensenergie, das Qi, nicht ausschließlich durch die physische Nahrung bzw. den Atem aufgenommen wird, sondern auch direkt, etwa über die Haut.

Licht und Wasser – „Menschliche Photosynthese?“

Für die meisten westlichen Wissenschaftler war und ist das purer Aberglaube. Die Wissenschaft ist bislang davon ausgegangen, dass Essen und Sauerstoff die einzige Basis für die menschliche Energieaufnahme darstellen. Erst in den letzten Jahren mehren sich die Anzeichen dafür, dass die bisherige Fokussierung der Zellbiologie auf die Oxidation von Glucose (den Zellbrennstoff Traubenzucker) als einzige, dem Menschen zugängliche Energiequelle nicht ausreicht, um die menschliche Energiebilanz in vollem Umfang zu erklären. So konnte ein Forscherteam der Columbia University in New York kürzlich zeigen: Unsere Zellkraftwerke, die Mitochondrien, sind in der Lage, Lichtphotonen direkt in Energie umzuwandeln. Und eine andere Studie lieferte Hinweise dafür, dass der Zellfarbstoff Melanin eine tragende Rolle bei der Energiegewinnung aus Sonnenlicht spielen könnte. Ist die Wissenschaft immer davon ausgegangen, nur Pflanzen wären in der Lage, Sonnenlicht direkt in Energie umzuwandeln, mehren sich nun also die Hinweise, dass es doch auch so etwas wie eine „menschliche Photosynthese“ geben könnte.

Am Institut für Biotechnologie an der Universität Washington geht man davon aus, dass das Körperwasser eine Schlüsselposition bei der direkten Energieaufnahme spielt. Das Wasser in unseren Zellen stellt mengenmäßig die mit Abstand wichtigste Substanz unseres Körpers dar. In der Vergangenheit wurde sie aber nie direkt mit der Energieaufnahme in Verbindung gebracht. Vor wenigen Jahren entdeckten die Forscher aus Washington jedoch, dass es sich beim Zellwasser nicht um normales flüssiges Wasser handelt, sondern um sogenanntes „EZ Water“ oder „Gelwasser“, das weder fest, noch flüssig oder gasförmig ist, sondern einen bislang unbekannten vierten Aggregatzustand aufweist.


Dieser vierte Aggregatzustand des Wassers in unseren Zellen hat ganz besondere chemische und physikalische Eigenschaften, die Instituts- und Forschungsleiter Gerald Pollack folgendermaßen beschreibt: „Neueste experimentelle Daten beweisen die Existenz dieses geordneten, flüssig-kristallinen Aggregatzustandes und zeigen auch seine Eigenschaften. Gelwasser ist zähflüssiger, dichter und alkalischer als normales H3O2 und enthält mehr Sauerstoff, weshalb die chemische Formel auch H3O2 lautet. Außerdem hat dieses Wasser eine negative Ladung. Wie eine Batterie kann es Energie speichern und bei Bedarf abgeben. Die Energie, um diese Wasserstruktur herzustellen, kommt letztlich von der Sonne. Umgebungsenergie verwandelt gewöhnliches Wasser in geordnetes Wasser. Entscheidend für die Existenz dieses vierten Aggregatzustandes ist Licht. Die umgebende Infrarotstrahlung ist ausreichend, um den Zustand aufrechtzuerhalten, zusätzliches Licht verstärkt ihn noch. Die beschriebenen Beispiele implizieren, dass durch das Medium Wasser viele Prozesse angetrieben werden. Diese Energiequelle könnte erklären, warum manche Menschen mit wenig oder womöglich ganz ohne Essen auskommen.“ (Siehe „Lichtnahrung“, Seite 22.)

Nachgewiesene Effekte

Ein anderes Phänomen, das uns hilft, die Rätsel der menschlichen Energiebilanz zu entschlüsseln, wird seit den 1990er-Jahren intensiv erforscht und ist mit der Verleihung des Medizin-Nobelpreises 2016 endgültig in der Mainstream-Wissenschaft angekommen – die „Autophagie“. Die vorliegenden Forschungsergebnisse legen uns nahe, dass dieser durch Fasten induzierte Zellmechanismus, einen der effektivsten Heilungsprozesse und Verjüngungseffekte in Gang setzt, den unser Körper zu bieten hat.


AUTOPHAGIE – SUPERMEDIZIN UND JUNGBRUNNEN FÜR DIE ZELLEN

Das Fastenphänomen der Autophagie wurde in den 1960er-Jahren bei Experimenten mit Ratten erstmals beobachtet. Die Versuchstiere bekamen über einen längeren Zeitraum keine Nahrung und die Forscher konnten beobachten, dass die „hungernden“ Rattenzellen Bläschen bildeten, in denen sie Teile ihres Innenlebens zu verdauen begannen. Damals wurde der Name Autophagie geprägt – aus den griechischen Worten „autos“ für „selbst“ und „phagein“ für „fressen“, es bedeutet also „sich selbst fressen“. Auch wenn der Name etwas anderes impliziert, Autophagie hat im Normalfall mehr mit Selbstreinigung und Regeneration zu tun als mit Selbstkannibalismus.

Wie bei allen komplizierten Prozessen passieren auch in der Zelle Fehler. Eiweiß kann sich falsch entfalten und dabei klumpen, fehlentwickelte Mitochondrien können toxische Substanzen entwickeln und dadurch die Zellgesundheit beeinträchtigen. Ist die Zelle nicht in der Lage, ihre defekten Bestandteile zu reparieren, muss sie diese entsorgen: Die Zelle erkennt den „Müll“, lässt ein Bläschen darum wachsen, das Autophagosom, gleichsam den Müllsack, und transportiert diesen in die zelleigene Recyclinganlage, das Lysosom. Dort wird der „Müll“ in seine Einzelbestandteile zerlegt und wiederverwertet. Autophagie dient also nicht nur der Energiegewinnung in Hungerzeiten, sondern vor allem der Zellregeneration und Gesundheit. Denn sammeln sich zu viele Stoffwechselendprodukte und anderer „Müll“ im Zellinneren an, sind Krankheiten, vorzeitige Alterung und schließlich der Zelltod die Folge.

Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass uns die Autophagie vor einer ganzen Reihe von Erkrankungen schützen kann und auch Anti-Aging-Effete aktiviert. Diese Zusammenhänge sind lange unentdeckt geblieben. Erst Ende der 1980er-Jahre begann der japanische Zellbiologe Yoshinori Ohsumi, die Autophagie ins Zentrum seiner Forschungsarbeiten zu stellen. Seine Grundlagenforschungen wurden 2016 mit dem Nobelpreis für Medizin belohnt, denn sie waren die Basis für das Verständnis dieses essentiellen Prozesses.



In Versuchen mit Mäusen versuchte man herauszufinden, was passiert, wenn man das für die Autophagie verantwortliche Gen blockiert. Wie sich zeigte, konnten Mäusejungen mit dem blockierten Gen die ersten Tage nach der Geburt nicht überleben, weil sie nicht in der Lage waren, die Hungerphasen bis zur ersten Fütterung zu verkraften. Wurde bei erwachsenen Tieren die Autophagie unterbunden, kam es zu einer ganzen Reihe von Krankheiten. Die Ansammlung von Stoffwechselmüll im Inneren der Zelle führte zuallererst zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson. Studien an Mäusen zeigten außerdem, dass eine fehlende Autophagie auch Krebs und Infektionskrankheiten begünstigt.

Eine „verschmutzte“ Zelle fällt Krankheitserregern leichter zum Opfer, durch die Autophagie kann sie hingegen Bakterien und Viren direkt verdauen und daraus Energie gewinnen – ein doppelter Nutzen. Der Selbstreinigungsprozess der Zelle hilft, den Blutdruck zu stabilisieren, er stärkt das Herz und das Immunsystem und unterstützt darüber hinaus die Heilung einer ganzen Reihe chronischer Erkrankungen, von Rheuma über Arthritis bis zu Diabetes.

Mehrere Studien belegten auch den klaren Anti-Aging-Effekt. In Modellorganismen und an Versuchstieren konnte der Alterungsprozess um bis zu ein Drittel verlangsamt werden, wenn ausreichende Zeiten der Autophagie möglich waren. Der Biologe und Altersforscher Valter Longo hat diese Auswirkungen an der University of Southern California erforscht. Er ist davon überzeugt, dass Fasten eines der stärksten Medikamente ist, die uns zur Verfügung stehen.

Autophagie hat nur einen Nachteil: Sie funktioniert am besten mit komplett leerem Magen. Erst wenn keine neuen Nährstoffe mehr nachgeliefert werden und die kurz- und mittelfristigen Energiespeicher, wie das Glykogen in den Muskeln und der Leber, geleert sind, wird der Prozess langsam gestartet. Er beginnt nach rund zwölf Stunden Nahrungskarenz und wird schrittweise hochgefahren – es dauert einige Stunden, bis die Autophagie voll aktiviert ist. Abgebrochen werden kann der Selbstreinigungsprozesses allerdings sehr schnell: Wenn wir wieder zu essen beginnen. Selbst ein Schluck Apfelsaft reicht aus, um das „Hungerprogramm“ zu beenden, denn es gilt dann, schnell verfügbare Nährstoffe zu verarbeiten.

Um einen ausreichenden Autophagie-Effekt zu ermöglichen, sollten wir die Nahrungszufuhr nach derzeitigem Wissensstand zumindest für 16 Stunden unterbrechen. Denn ähnlich wie wir im Arbeitsleben scheint es auch die Zelle zu schätzen, wenn sie nach acht Stunden „Arbeitszeit“ zumindest 16 Stunden Regenerationszeit bekommt.

Experteninterview: Univ.-Prof. Dr. Thomas Pieber, Internist


Thomas Pieber ist Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin an der Medizinischen Universität Graz. Gemeinsam mit der Forschungsgruppe rund um den Molekularbiologen Frank Madeo zählen er und sein Team zu den weltweit führenden Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Autophagie- und Intervallfastenforschung.

Herr Professor, was weiß die Wissenschaft derzeit sicher über die Autophagie und ihre medizinischen Wirkungen?

Erforscht ist, dass die Autophagie beim Menschen genauso funktioniert wie bei der Maus, bei Insekten und noch einfacheren Organismen. Es ist ein enorm wichtiger Mechanismus, der sich über die gesamte Evolution erhalten hat. Lange Zeit war die Autophagie ein Stiefkind in der Erforschung des Alterungsprozesses – man hat übersehen, dass es sich dabei nicht nur um die Wiederverwertung von Abfällen handelt, sondern um ein ganz wichtiges Regenerationsprogramm für die Zellen. Die Erkenntnisse waren so sensationell, dass dafür der Nobelpreis verliehen wurde. Wir wissen außerdem, dass die Autophagie getriggert wird, wenn wir eine Fastenperiode haben und dass die Behauptung, Fasten sei ungesund, so nicht stimmt. Natürlich müssen wir hinschauen, wie lange gefastet wird und um welche Form des Fastens es sich handelt. Aber wir sehen die gleichen positiven Wirkungen, die wir bei Mäusen und anderen Versuchstieren sehen, auch beim Menschen.

Heißt das, Fasten ist wissenschaftlich rehabilitiert?

Wir haben in den letzten zehn Jahren gelernt, dass Fasten nicht, so wie früher angenommen, etwas Schlechtes für den Stoffwechsel und den Organismus ist, sondern etwas extrem Gesundes. Das ist ein Paradigmenwechsel. Das, was man früher empfohlen hat, mäßig, aber regelmäßig essen, stimmt eigentlich nicht. Es stimmt schon gar nicht, wenn wir regelmäßig zu viel essen – das führt uns direkt zu all den Problemen wie Übergewicht, Herzinsuffizienz oder Diabetes. Fastenperioden haben, so wie viele Religionen immer behauptet haben, offensichtlich wirklich einen Reinigungseffekt. In der Zelle scheint das tatsächlich zu passieren. Wenn wir zurückdenken in die Evolutionsgeschichte des Menschen: Früher gab es keine Phasen, in denen immer ein Frühstück, ein Mittagessen, eine Kaffeejause, ein Abendessen und ein Betthupferl zur Verfügung standen. Wir hatten entweder Glück bei der Jagd, dann verfügten wir über sehr viel Nahrung, oder es gab Phasen, in denen wir wenig oder gar nichts zu essen hatten. Dann war es wichtig, dass unser Stoffwechsel trotzdem funktionierte und wir fit blieben. Und die Autophagie ist wichtiger Bestandteil dieses Fitprogrammes. Wenn wir die nicht mehr einschalten, bekommen wir Zivilisationserkrankungen. Also: Fasten ist extrem gesund.

In welchen Bereichen sehen Sie diese positiven gesundheitlichen Wirkungen?

Es verbessert sich etwa die Herzfunktion dramatisch – wir sehen das Phänomen, dass mittellange Fastenperioden die Herzfunktion so weit steigern, dass in der Sportmedizin sogar untersucht wird, ob man das nicht sogar als Doping einstufen müsste. Viele Stoffwechselvorgänge und das Immunsystem werden positiv beeinflusst. Wir haben sogar Hinweise, dass es sich positiv auf die Gedächtnisleistung auswirkt. Wir sehen zumindest bei Modellorganismen wie dem Hefepilz und in Tierexperimenten mit Fadenwürmern, Fliegen und Mäusen tatsächlich, dass Fasten darüber hinaus ein Anti-Aging-Mittel ist, das die Lebensspanne um bis zu ein Drittel verlängern kann. Ob das beim Menschen auch so ist, werden wir nie ganz sicher wissen, weil wir keine entsprechenden Langzeitstudien machen können, in denen wir einen Menschen jahrzehntelang unter kontrollierten Bedingungen leben lassen.

Inwiefern können Autophagie und Fasten bei der Gewichtsreduktion helfen?

Wir müssen hier unterscheiden zwischen Intervallfasten und längeren Fastenperioden, wie wir sie vom klassischen Heilfasten kennen. Längere Fastenperioden von ein, zwei Wochen führen oft zum berühmten Jo-Jo-Effekt und damit mitunter sogar zu einer unerwünschten Gewichtszunahme, weil die Menschen nach der Fastenwoche im Kloster zu ihren alten Essensmustern zurückkehren und dann durch den effektiveren Stoffwechsel oft viel stärker an Gewicht zulegen. Beim Intervallfasten sieht es anders aus. Man hat zum Beispiel im Tierexperiment Mäuse in zwei Gruppen geteilt. Die eine Gruppe muss sich regelmäßig kurzen Fastenperioden unterziehen. Die andere Gruppe bekommt normales Essen und wir stellen sicher, dass die Fastengruppe trotzdem insgesamt gleich viel Nahrung pro Woche zu sich nimmt wie die Mäuse, die regelmäßig essen. Dann nehmen die Mäuse mit den Fastenintervallen, auch wenn sie insgesamt zu viele Kalorien zu sich nehmen, nicht zu, während die anderen Mäuse, die regelmäßig essen, erwartungsgemäß an Gewicht zulegen. Was heißt das für uns Menschen? Die gleiche Kalorienmenge, anders verteilt, entscheidet, ob ich Übergewicht bekomme oder nicht. Wir wissen aber noch nicht ganz genau, warum Intervallfasten hilft, dauerhaft Gewicht zu verlieren – versus andere Fastenregime oder ernährungsmedizinische Interventionen, die meistens scheitern. Das hat vermutlich auch mit unserem Magen zu tun. Er ist so konstruiert, dass er sich stark ausdehnen kann, wenn genug Essen vorhanden ist. Wenn wir ihn regelmäßig überdehnen, wird er immer größer. Wenn man ihn jedoch über 16 Stunden hinweg nicht dehnt, wird er wieder kleiner und das Sattheitsgefühl kommt auch ein bisschen früher. Wie gesagt, unser Verdauungsapparat ist darauf ausgelegt, momentan sehr viel aufzunehmen, um dann aber wieder kleiner zu werden. Problematisch wird es, wenn er permanent überdehnt wird. Das Intervallfasten bringt hier eine tiefsitzende Selbstregulation zurück. Das Konzept ist für mich überzeugend und es gibt derzeit keine wissenschaftliche Studie, die dem widerspricht.

Kann man sagen, dass Intervallfasten in Bezug auf die Gewichtsreduktion effektiver ist als andere Diäten?

Die klassische Ernährungsmedizin ist, man kann fast sagen, grandios gescheitert. Wir haben wissenschaftliche Beweise, dass wir viele Kohlenhydrate essen sollen, wir haben Beweise, dass wir viel Fett und wenige Kohlenhydrate essen sollen, wir haben die Steinzeit-Diät, in der man unbegrenzt Eiweiß und Fett essen darf, aber keine Kohlenhydrate. Es gibt die verschiedensten Konzepte – alle funktionieren nur am Anfang, aber nicht auf Dauer. Was sich jetzt zeigt, und es dringt zunehmend auch in den Mainstream durch, ist, dass es weniger darauf ankommt, was wir essen, sondern mehr darauf, wie auf den Tag verteilt wir essen – also dass wir Fastenperioden für die Regeneration haben. Die Entscheidung, ob Steinzeit-Diät, Kohlenhydrat-Diät etc. kann man ganz nach Geschmack treffen, solange man die Kalorienaufnahme entsprechend verschiebt und genügend lange Fastenintervalle einlegt. Das Konzept „mäßig, aber regelmäßig“ scheint ungesund zu sein. Viel gesünder wäre es, zu feiern und gut zu essen und dann dafür Fastenperioden einzuschieben.

Wie lange müssen die Fastenintervalle sein, um zu wirken?

Wir sehen bei 16 Stunden Phänomene, aber die Grenze liegt irgendwo zwischen zwölf und 24 Stunden. Hier gibt es noch viel Arbeit zu tun. Wir müssen uns vor Augen führen, dass es nicht die eine Autophagie gibt. Es ist eine ganze Kaskade von Prozessen, die hier abläuft. Das passiert unmerklich, da ist kein Schalter, der umgelegt wird. Das sind alles fließende Prozesse. Nach vier Stunden ohne neue Energie beginnt der Organismus erst einmal, die schnell verfügbaren Energiereserven abzubauen – die reichen dann vier, fünf, sechs Stunden. Wenn sie abgebaut sind, beginnt der Körper, parallel auf Speicher zurückzugreifen, zum Beispiel auf den berühmten Fettspeicher. In dieser Phase wird nicht nur der Bauchspeck angezapft, die „eiserne Reserve“, sondern auch die Autophagie gestartet. Dieser Prozess beginnt langsam und schleichend. Je länger aber das Fasten dauert, umso mehr wird die Autophagie hochgefahren und in allen Geweben und Organen aktiv. Das volle Programm läuft erst, wenn wir länger fasten. Natürlich ist es bequemer, kürzer zu fasten, aber wie weit wir hinuntergehen können, wissen wir noch nicht sicher. Wie so oft ist es wahrscheinlich auch individuell verschieden, wo die Grenze liegt. Hier braucht es noch mehr Forschung und deshalb empfehlen wir vorerst längere Fastenperioden von 16, 18 oder 20 Stunden. Bei 24 Stunden funktioniert es ganz sicher.

Gibt es Gefahren beim Intervallfasten und Kontraindikationen?

Wir können nicht sagen, wie es bei Schwangerschaft und Stillen wirkt. Das müssen wir uns erst anschauen, aber dort ist es sicher klug, das zu tun, was allgemein medizinisch empfohlen wird. Bei allen Akuterkrankungen wissen wir nicht, ob Fasten günstig ist oder nicht. Aus der Intensivmedizin können wir sagen, dass zu frühe Kalorien nicht hilfreich sind. Wo wir allerdings begonnen haben, hinzuschauen, das sind chronische Zivilisationserkrankungen. Und dort gibt es sehr viele Hinweise, dass durch Intervallfasten ein Nutzen entsteht. Wir sehen bei Menschen, die Intervallfasten schon viele Jahre betreiben, keinerlei schädliche Nebenwirkungen. Also wenn Sie fragen, wo die Gefahr ist, dann sage ich: Eigentlich regelmäßig zu essen. Das Nächstgefährlichere ist, zu radikal zu fasten. Denn natürlich kann man Fasten und Intervallfasten übertreiben, nämlich so wenig essen, dass man untergewichtig wird und Organfunktionsstörungen dazukommen. Wir kennen das Krankheitsbild der Anorexia nervosa, der Magersucht. Das ist natürlich die Kehrseite. Zur Sicherheit ist es immer gut, einen Mediziner mit offenem Mindset zu konsultieren, um auszuloten, ob etwas ungünstig sein könnte. Wir kennen aber wenige echte Kontraindikationen und es ist sehr unwahrscheinlich, dass das, was der Mensch in seiner ganzen Geschichte gelernt hat, nämlich, mit Hungerperioden umzugehen, per se schlecht sein sollte.

Betreiben Sie selbst auch Intervallfasten?

Ich mache das allein schon aus Neugier, weil ich das, was mir die Versuchspersonen erzählen, auch selbst ausprobieren wollte. Viele berichten, dass sie in den ersten zwei, drei Wochen zu kämpfen haben mit Hungergefühlen, Müdigkeit und einem Leistungsknick und dass sich das dann später umdreht und man an den Fasttagen leistungsfähiger ist. Ich selbst mache ein bis zwei Fastentage pro Woche und mittlerweile lege ich mir die Fastentage schon im Kalender auf die sehr anstrengenden Tage, weil ich merke, dass ich dann leistungsfähiger bin.

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22 декабря 2023
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9783990405123
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