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Marge Piercy

Er, Sie und Es

Marge Piercy

Er, Sie und Es

Roman

Deutsch von Heidi Zerning

Literaturbibliothek

Argument · Ariadne

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

He, She And It

© Marge Piercy 1991

Alle Rechte vorbehalten

Korrigierte Neuausgabe © Argument Verlag 2016

Deutsche Erstausgabe © Argument Verlag 1993

Satz und Umschlag: Martin Grundmann, Hamburg

Lektorat: Else Laudan

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN 978-3-86754-874-8

Dem Andenken von Primo Levi gewidmet

Seine Bücher waren wichtig für mich.

Ich vermisse seine Gegenwart in der Welt.

Cover

Titel

Impressum

Widmung

In der Konzernfestung

Die Farbe alten Blutes

Malkah erzählt Yod eine Gutenachtgeschichte

Durch das brennende Labyrinth

Vor fünfzehn Jahren: Der Tag des Alef

Wir wissen zu viel und zu wenig

Unter keinem Mond

Wie soll ich dich anreden?

Das Familienalbum wird umgeschrieben

War es gut, das zu tun?

Er, Sie und Es

Das Meer bringt Wandel

Eine zwiefache Geburtshilfe

Im Licht des ungelben Mondes

Genau wie ich

Kleines Mädchen vermisst

Frankensteins Sohn

In der Basis sterben

Malkahs Bettlied

Bass und Sopran

Eine Tür geht auf und eine Tür geht zu

Die Gegenwart

Wein mitten in der Nacht

Vignetten aus dem Alltag eines Golems

Wo sich die Elite trifft

Ich kannte sie gar nicht

Brennende Neugier

Wie scheiden wir den Tänzer von dem Tanz?

Wie viel würde es dir ausmachen?

Der Fehler des Räubers

Die Gestaltwandler

Geistesblitze und gefährliche Machenschaften

Stimmen und Gesichte in der Morgendämmerung

Ein Lazarus, zwei Lazarus

Mit den Untoten leben

Der Maharal gewappnet

Wüstenäpfel

Ein Vorgang von gewisser Endgültigkeit

Die Schlacht am Tor

Ein Protokoll kommt zutage

Wahre Geständnisse und öffentlicher Aufruhr

Das Werk des Schadchen

Heller Stern unwandelbar

Kommst du zurück?

Josephs Heimkehr

Samsons Aufgabe

Yods Mitteilung

Auf Chavas Spuren

Shiras Entscheidung

1Shira
In der Konzernfestung

Josh, Shiras Exmann, saß direkt vor ihr im Familiengericht, wo sie darauf warteten, dass das Urteil über das Sorgerecht für ihren gemeinsamen Sohn Ari auf dem großen Bildschirm erschien. Joshs Dienstanzug war rückenfrei, weiß für den förmlichen Anlass, dem ihren sehr ähnlich. Eine Schweißperle rann die Rinne seiner Wirbelsäule hinab, und selbst jetzt noch fiel es ihr schwer, nicht sanft mit ihrem Schal darüberzustreichen, um sie zu trocknen. Der Yakamura-Stichen-Kuppeldom in der Wüste von Nebraska war selbstverständlich klimatisiert, sonst wären sie alle tot, aber jetzt war Winter, deshalb durfte die Temperatur nachmittags, wenn die Sonne den ungeheuren Kuppeldom um die Konzern-Enklave aufheizte, auf natürliche dreißig Grad Celsius steigen. Auch Shira hatte schweißfeuchte Hände, aber vor Nervosität. Sie war an einem natürlichen Ort aufgewachsen und hatte sich die Fähigkeit bewahrt, mehr Hitze zu ertragen als die meisten Y-S-Grützer. Immer wieder sagte sie sich, dass sie nichts zu befürchten hatte, doch ihr Magen war schmerzhaft verkrampft, und sie merkte, wie sie sich ständig die Lippen leckte. Wann immer sie auf ihrer inneren Uhr die Zeit aufrief und im Augenwinkel auf ihrer Hornhaut ablas, war es höchstens eine Minute später als beim letzten Mal.

Der Raum gleißte in schwarzem und weißem Marmor, höher als breit und auf Einschüchterung angelegt, so wusste Shira aufgrund ihrer Ausbildung in Psychodesign. Ihr eigentliches Gebiet waren die Schnittstellen zwischen Menschen und den gewaltigen künstlichen Intelligenzen, die die Operationsbasis jedes Konzerns bildeten – wie auch jeder anderen Einheit, die Informationen produzierte und verarbeitete. Auch das Netz, das alle Welt miteinander verband. Aber Shira wusste genug über Psychologie, um die Absicht des Saalbaus zu erkennen, wo sie mit ihren zugewiesenen Anwälten saßen, aufrecht und steif wie Stimmgabeln in Erwartung des Schlages, unter dem sie zu Klang erzittern würden. Um sie herum hockten ähnliche Wartegrüppchen: Bruch des Ehevertrags, Sorgerecht, Versäumnis- und Missbrauchsklagen, und alle starrten sie auf den leeren Bildschirm. Von Zeit zu Zeit erschien dort ein Gesicht, eins dieser chirurgisch modellierten Y-S-Idealgesichter – blondes Haar, blaue Augen mit doppelter Lidfalte, gemalte Brauen wie Hokusai-Pinselstriche, Adlernase, dunkelgoldener Teint. Es verkündete ein Urteil, dann wirbelte eine der Gruppen umeinander, stand auf und ging, manche strahlten, manche blickten finster, manche weinten.

Sie brauchte sich gar nicht dermaßen zu fürchten. Sie war ein Techno wie Josh, kein Tagelöhner; sie hatte Rechte. Ihre Hände brüteten feuchte Flecke auf ihren Hüften. Hoffentlich wurde das Urteil bald verkündet. In fünfundvierzig Minuten musste sie Ari in der Mittelstufentechno-Tagesstätte abholen, das waren vom Behördensektor aus rund zwanzig Minuten Gleitweg. Sie wollte nicht, dass er warten musste, dass er Angst bekam. Er war erst zwei Jahre und fünf Monate alt, und sie konnte ihm nicht einfach erklären: Keine Sorge, Mami kommt vielleicht ein bisschen später. Es war ihre Schuld, sie hatte im Dezember auf der Scheidung bestanden. Seitdem war Ari scheu und Josh verbittert, wütend. Doppelt so lebendig. Wenn er in ihrer Ehe die Leidenschaft entfesselt hätte, die ihr Weggang auslöste, hätten sie vielleicht eine Chance gehabt. Er bekämpfte sie mit aller Kraft und Intelligenz, so, wie sie hatte geliebt werden wollen.

Alles war ihre Schuld. Sie hätte Josh nie heiraten dürfen. Sie hatte in ihrem Leben nur ein einziges Mal leidenschaftlich geliebt, zu jung, und dann nie wieder. Aber wenn sie Josh nicht geheiratet hätte, gäbe es Ari nicht. Ja, sie fühlte sich schuldig, als sie auf Joshs schmalen Rücken schaute, auf die Riffel seiner Wirbelsäule, verletzlich, leicht vorgebeugt, als bliese ein kühler Wind nur auf ihn. Sie hatte gelobt, ihn zu lieben, sie hatte versucht, ihn zu lieben, aber die Beziehung hatte sich seicht und unvollständig angefühlt.

In der Zeit vor der Heirat dachte sie noch, er lerne langsam, mit ihr zu reden, sinnlicher und direkter zu reagieren. In dem wiederbelebten Schintoismus von Y-S waren sie beide Marranos, der Ausdruck war von spanischen Juden entlehnt, die sich unter der Inquisition als Christen ausgegeben hatten, um zu überleben. Y-S pflegte eine Art Erweckungs-Schintoismus, dem christliche Bräuche wie Taufe und Beichte aufgepfropft waren. Marranos waren im zeitgenössischen Sprachgebrauch Juden, die für Multis arbeiteten, in die Kirche oder Moschee gingen und Lippenbekenntnisse ablegten, dabei aber im stillen Kämmerlein Judaismus praktizierten. Alle Multis hatten ihre offizielle Religion als Teil der Konzernkultur, und alle Grützer mussten sie pro forma übernehmen. Wie Shira pflegte auch Josh die Gewohnheit, Freitagabend bei sich Kerzen anzuzünden, die Gebete zu sprechen, die Feiertage einzuhalten. Es schien vernünftig, zu heiraten. Er war seit zehn Jahren bei Y-S. Sie kam direkt von der Universität, mit dreiundzwanzig. Y-S hatte die anderen Multis überboten und sie in Edinburgh angeheuert – wie die meisten begabten Schulabgänger aus Norika, dem einst aus USA und Kanada bestehenden Kontinent, hatte sie im prosperierenden Sektor Europa studiert –, und so blieb ihr keine Wahl als hierherzukommen. Sie hatte sich sehr allein gefühlt. Die rigide, einem strikten Protokoll folgende Hierarchie von Y-S befremdete sie. Sie war in der freien Stadt Tikva aufgewachsen, war an warme Freundschaften mit Frauen gewöhnt und an Männer, die ihre Kameraden sein konnten. Hier war sie verzweifelt einsam und eckte ständig an. Oft fragte sie sich, ob ihre Schwierigkeiten speziell mit der Y-S-Konzernkultur zu tun hatten oder ob sie sich in jeder Multi-Enklave gleich bleiben würden. Es gab dreiundzwanzig große Multis, die die Welt unter sich aufteilten, mit Enklaven auf jedem Kontinent und auf Raumstationen. Gemeinsam übten sie die Macht aus und erzwangen den Konzernfrieden: Überfälle, Attentate, Scharmützel kamen vor, aber keine Kriege seit dem Vierzehntagekrieg von 2017.

Josh war als Sohn israelischer Eltern geboren worden, Überlebenden des Vierzehntagekrieges, den ein Terrorist mit einer nuklearen Vorrichtung angezettelt hatte, welche Jerusalem von der Landkarte brannte. Ein Inferno biologischer, chemischer und nuklearer Waffen, das die Ölfelder entzündete und die gesamte Region verwüstete. Mit zehn Jahren wurde Josh zur Vollwaise und zog ohne Heimatland umher. Das war die Zeit, welche die Juden Die Wirren nannten, als die ganze Welt ihnen die Katastrophen zur Last legte, die in einem Mahlstrom von wirtschaftlichem Chaos der Ölabhängigkeit den Garaus machten. Nichts war ihm in seinem Leben je zugefallen. Je mehr er sie an sich heranließ und ihr erzählte, desto kostbarer erschien er ihr, in dieser emotional aufgeladenen Zeit vor ihrer Heirat, und desto mehr meinte sie, ihm absolut unersetzlich zu sein. Sie war erstaunt darüber, dass sie ihn anfangs als kalt empfunden hatte. Wie hatte er gelitten! Er brauchte sie wie die Luft zum Atmen.

Allmählich schien er sich zu öffnen. Kurz nach ihrer Heirat, auf der er bestanden hatte, begann er sich zurückzuverwandeln. Er gab sich glücklich. Er wirkte entzückt von ihr – doch nur aus sicherem Abstand. Sie näher kennenzulernen, sein Seelenleben mit ihr zu teilen und Anteil an dem ihren zu nehmen, solcher Zeitvertreib schien ihm müßig, entbehrte der Dringlichkeit. Ari sollte die Kluft zwischen ihnen überbrücken. Seit der Geburt ihres Sohnes konzentrierte sich Joshs ganze Freizeitenergie auf Ari. Oft beschlich sie der Verdacht, hätten sie Ari nicht, so gäbe es gar nichts, worüber sie reden könnten. Das Schweigen gellte ihr in den Ohren. Bald kochte sie vor Groll. Sie fochten täglich vierzig Zweikämpfe aus, um nichts. Ihre Großmutter Malkah hatte es ihr prophezeit, als sie Josh heiratete: Sie hatte einen folgenschweren Fehler begangen. Ihr Zusammenleben vereinte die Nachteile des Alleinseins und des Lebens mit einem Fremden. Meinungsverschiedenheiten wurden zu ihrer Hauptbeschäftigung. Sie war in einem liebevollen Haushalt aufgewachsen, denn Malkah war resolut und eigensinnig, aber auch warmherzig und fröhlich. Man musste nicht pausenlos erbitterte Kleinkriege austragen. Shira hatte alle Kraft zusammengenommen und ihn verlassen.

Sie rief wieder die Zeit auf ihre Hornhaut. Nur vier Minuten waren vergangen, seit sie zum letzten Mal nachgesehen hatte. Schließlich erschien das langschädelige Gesicht und sprach auf seine modulationsarme Weise ihre Namen: Joshua Rogovin und Shira Shipman, in Sachen Sorgerecht für das Kind Ari Rogovin. – Nicht einmal bei Y-S mit seiner männerdominierten Kultur änderten Frauen ihren Namen. Ehen basierten auf Fünf- oder Zehnjahresverträgen, und Namensänderungen ohne besonderen Anlass waren unwirksam. Trotzdem bekam Shira eine Gänsehaut, als sie hörte, wie Ari der Name seines Vaters gegeben wurde. So hatte sie ihn nicht eintragen lassen bei der Geburt, aber Y-S missachtete ihre Entscheidung.

»In vorliegender Angelegenheit lautet das Urteil der Geschworenen, dem Vater Joshua Rogovin, Status T12A, das Sorgerecht zu erteilen und der Mutter Shira Shipman, Status T10B, Besuchsrecht zweimal wöchentlich, mittwochs und sonntags. Dieser Spruch erging am 28. Januar 2059, automatische Überprüfung am 28. Januar 2061. Spruch registriert. Ende.«

Josh wandte sich auf seinem Sitz um und starrte sie finster an. Sein Anwalt strahlte und klopfte ihm auf die Schulter. »Was habe ich Ihnen gesagt? Im Sack!«

»Das können sie doch nicht machen!«, sagte Shira. »Sie können mir nicht Ari wegnehmen!«

Josh schnitt eine Grimasse, fast ein Lächeln. »Jetzt gehört er mir. Er ist mein Sohn, er ist ein Rogovin.« Seine hellen Augen, irgendwo zwischen Grau und Blau, schienen ihren Schmerz wahrzunehmen und abzutun.

»Ihr Exmann hat einen höheren Technodienstgrad als Sie«, sagte ihr Anwalt. »Ich habe Sie gewarnt, dass das berücksichtigt wird. Sie hängen seit drei Jahren im gleichen Dienstgrad fest.«

»Ich lege Einspruch ein. Ari braucht mich.« Und ich brauche ihn, dachte sie.

»Das ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie mich fragen, vergeuden Sie Ihre Kredite. Natürlich vertrete ich Sie, wenn Sie das wünschen.«

Josh und sein Anwalt waren schon hinausgerauscht. Shiras Anwalt stand über sie gebeugt, ungeduldig wippte er mit einem Fuß. »Ich habe einen Termin mit einem anderen Mandanten. Überdenken Sie das mit dem Einspruch. Ich kann das Verfahren morgen in die Wege leiten, wenn Sie wollen.«

Unvermittelt stand sie auf und stürzte zum Ausgang, als ihr einfiel, dass sie zu spät zu Ari kam. »Bereiten Sie den Einspruch vor«, rief sie über die Schulter. »Ich gebe ihn nicht her.«

Sie sprang auf die Eilspur des gleitenden Gehwegs und hüpfte leichtfüßig von Bahn zu Bahn. Das galt als ungehörig für Grützer – Glop-Slang für die höheren Angestellten und das technische Personal der Multis –, obwohl die Tagelöhner es andauernd taten, aber das war ihr jetzt egal. Sie wollte nur schnell zu Ari. Sie eilte an der Spinnwebarchitektur des Dienstviertels vorbei. Unter dem Kuppeldom gab es kein Wetter, und kein Gebäude konnte höher als sechs Stockwerke sein. Darum herrschten lange, parabelförmige Kurven vor, bizarre Spindeln und labyrinthische Gitter aus glitzerndem, durchsichtigem Filigran. Beinahe alles war schwarz, weiß oder blau, wie die rückenfreien Dienstanzüge, die bis zur Wadenmitte hinabreichten und die alle Grützer trugen. Nahezu jeder Leitende, Mann oder Frau, war unter dem Messer gewesen, um dem Y-S-Ideal zu gleichen, das Gesicht dem vom Bildschirm so ähnlich, wie die Finanzen es erlaubten.

Die Technos, die auf den Gleitern vorbeihuschten, sahen schon unterschiedlicher aus, aber auch sie trugen Anzüge in den abgesegneten Farben. Angehörige gleichen Dienstgrades grüßten einander mit ritueller Geste, einem kurzen Kopfnicken. In der Rangordnung tiefer Stehende ignorierte man gewöhnlich. Kam man an Höherrangigen vorbei, wartete man, bis man bemerkt wurde, und verneigte sich dann tief. Wie oft war sie schon in Schwierigkeiten geraten, weil sie sich so intensiv unterhalten hatte, dass sie unabsichtlich versäumte, einen Gleichrangigen oder Vorgesetzten zu grüßen. Die Tagelöhner trugen Overalls oder Uniformen in Gelb-, Braun- und Grüntönen: die Farben gemäß ihren Arbeiten. Wenn sie zur falschen Zeit am falschen Platz waren, fiel das sofort auf. Shira sprang von Bahn zu Bahn, es war ihr gleichgültig, wer sie sah, wer sie anzeigte – als würdelose Person, die den Y-S-Anstand vermissen ließ. Sie fühlte sich hier sowieso immer zu körperlich, zu laut, zu weiblich, zu jüdisch, zu dunkel, zu überschwänglich, zu gefühlvoll.

Die Tagesstätte für die Kinder von Mittelstufentechnos lag jetzt unmittelbar vor ihr, hinter einer hohen Hecke bunter Krotonsträucher. Über dem Eingang hing schlaff die blau-weiß-schwarze Y-S-Fahne. Sie hatte sich noch nicht allzu sehr verspätet, denn sie sah ein paar versprengte Mütter und einen Vater, während sie das letzte Stück vom nächsten Gleiter rannte. Ihr fiel ein, dass sie nie einen Erwachsenen durch diese Straßen rennen sah. Jedem war viel zu sehr bewusst, dass er beobachtet wurde, beurteilt. Dies war der Bezirk der Mittelstufentechnos, kleine Häuser, jedes auf seinem Grundstück. Sie hatte mit Josh in einem davon gewohnt. Vier Häusertypen für diese Schicht, mit den gleichen abgesegneten Sträuchern und gepflegtem Rasengeviert, aber freier Farbwahl. Niemand wählte Rot oder Violett. Die einzigen Verkehrsmittel, die sich auf den Mittelstreifen bewegten, waren Servicefahrzeuge: Lieferwagen, Reparatur- und Notfallwagen, Sicherheitsaffen, alles Elektrovehikel, die eintönig piepten.

Die Aufseherin, Jane Forest, behandelte sie merklich kühler. »Aber Shipman, ein Sicherheitsbevollmächtigter hat Ari Rogovin vor achtzehn Minuten abgeholt. Uns wurde mitgeteilt, das sei korrekt. Sie sind nicht mehr berechtigt, Ari Rogovin abzuholen, außer mittwochs.«

»Ein Affe hat ihn abgeholt? Aber wieso?«

»Ersuchen Sie bitte die Sicherheitszentrale um Auskunft.«

Obwohl Shira schreien und protestieren wollte, war ihr klar, Jane würde niemals Anordnungen abändern, die ihr erteilt worden waren; sonst wäre sie die längste Zeit Aufseherin gewesen. Jeder Widerspruch von Shira war zwecklos und würde ihr nur Ärger einbringen. Sie musste sofort ihren Anwalt anrufen. Aber am meisten spürte sie das Verlangen, mit Malkah zu telefonieren.

Noch vor einem Monat hätte sie ihre Sekretärin angerufen, Rosario, denn sie hatten sich angefreundet. Doch der niedere Angestellte, mit dem Rosario einen Zehnjahresvertrag eingegangen war, hatte ihre Ehe nicht erneuert. Wie auch bei niederrangigen Beschäftigten üblich hatte er sich eine neue, zwanzig Jahre jüngere Frau genommen. Rosario war zweiundvierzig, und Y-S entließ sie. Shira hatte Einwände erhoben, sie brauche Rosario, aber sie besaß keine Macht. Frauen über vierzig, die weder Technos waren noch Aufseherinnen, Spezialistinnen oder Leiterinnen, wurden entlassen, wenn sie nicht mehr zeitweiliges Eigentum eines männlichen Grützers waren. Weibliche Grützer hatten angeblich die gleichen Vorrechte, und wenn ihre Stellung es erlaubte, nahmen sie sich junge Ehemänner.

Rosario war in den Glop entschwunden. Vielleicht wurde sie als Tagelöhnerin täglich durch das Tunnelsystem in die Enklave hinein- und aus ihr hinausgeschleust, verdingte sich als Wäscherin oder Köchin oder tat Wartungsarbeiten, die nicht von Robotern verrichtet wurden, doch Shira würde sie nie mehr zu Gesicht bekommen. Rosario war aus der sicheren Festung ausgestoßen worden in den überbevölkerten, brutalen, gärenden Pferch des halb verhungerten Glop, wo neun Zehntel aller Menschen von Norika hausten. Sollte sie noch am Leben sein, Shira würde es nie erfahren. Glop, das klang nach Auswurf und war auch so gemeint: ein Slangwort für die Megalopolis, die sich vom einstigen Boston südwärts erstreckte bis zu dem, was einmal Atlanta gewesen war, sowie für all die ähnlichen Gebiete auf dem Kontinent, auf der Welt.

Sobald Shira ihre Zweizimmerwohnung erreichte, das Höchste, was ihrem Dienstgrad in den sogenannten Silos für niederrangige Technos zustand, fragte sie die Wohnung nach Mitteilungen. Jede Wohneinheit in der Konzern-Enklave war computergesteuert. Es war kein so anspruchsvolles System wie das, mit dem sie aufgewachsen war und das Malkah programmiert hatte, aber zur Nachrichtenübermittlung reichte es. Sie erfuhr, dass Malkah vor fünfzig Minuten angerufen hatte. Shira kontaktierte zuerst ihren Anwalt und dann Malkah. Bei Gesprächen machte sie sich nicht die Mühe, sich einzustöpseln – das tat niemand. Sie sprach ihre Anweisungen einfach aus. Malkahs rundes, ein wenig verhutzeltes Gesicht erschien, ihr Haar, ebenso schwarz wie Shiras, war in Zöpfen um ihren Kopf gewunden. »Shira, du siehst durcheinander aus.« Malkah hatte eine tiefe, volltönende Stimme. Obwohl sie Shiras Großmutter war, hatte sie sie großgezogen. Das war in ihrer Familie Brauch, bat Shipman, die Dynastie der Töchter, bis Shira das Schema durchbrochen hatte.

»Isst du gerade?«, fragte Shira höflich, denn es war eine Stunde später in der freien Stadt Tikva am Atlantik, wo Malkah lebte und wo Shira aufgewachsen war.

»Was fehlt dir?« Malkah kam immer sofort zur Sache.

»Y-S hat Josh das Sorgerecht erteilt.«

»Diese Schweinepriester«, sagte Malkah. »Diese Giftrülpser. Ich hab dir ja gesagt, heirate ihn nicht. Du bist in unserer Familie seit vier Generationen die Erste, die heiratet. Eine schlechte Idee.«

»Ist ja gut, ich dachte, Josh braucht die Geborgenheit.«

»Und konntest du ihm Geborgenheit geben? Na egal. Komm nach Hause.«

»Ich kann mir nicht einfach freinehmen. Besonders jetzt. Ich lege Einspruch ein. Ich muss Ari zurückbekommen. Ich muss.«

»Was will Y-S?«

»Von mir? Nichts. Sie wissen kaum, dass ich existiere.«

»Als du dein Studium in Edinburgh abgeschlossen hast, warben sechs Multis um dich. Und Y-S lässt dich verschimmeln. Das stinkt.«

»Ich denke, ich leiste gute Arbeit, aber nichts passiert. Niemand hier hält große Stücke auf mich.«

Malkah schnaufte. »Komm nach Hause. Ich kann dich brauchen. Ich arbeite nicht mehr mit Avram. Ich entwerfe jetzt ganztags.«

»Ich fand das eine sonderbare Partnerschaft.«

»Was er macht, ist absolut faszinierend. Aber egal. Er ist wütend auf mich. Er ist ein sturer, arroganter alter Kacker, aber auf seinem Gebiet ist er zweifelsohne ein Genie.«

»Kybernetik hat mich nie besonders interessiert … Malkah, ich ertrage es nicht, Ari zu verlieren. Er fehlt mir schon jetzt.« Shira liefen Tränen übers Gesicht.

»Du hättest nie für diese Manipulanten mit ihren Machenschaften arbeiten dürfen, Shira. Du hast hier einen Platz. Du bist davongelaufen. Dabei ist Gadi gar nicht hier. Der ist oben in Vancouver und entwirft diese kunstvollen Scheinwelten, in denen die Leute Leben spielen, statt sich Gedanken über die Welt zu machen, die wir alle am Hals haben.«

»Ich habe viele Fehler gemacht«, sagte Shira. »Aber Ari gehört nicht dazu. Er ist kostbar, Malkah, er ist für mich das Leben selbst. Ich muss ihn zurückhaben. Er trägt mein Herz in sich.«

»Tochter meiner Seele, ich wünsche dir Kraft. Aber ein Multi hat immer seine Gründe. Du wirst vielleicht eine Weile brauchen, ehe du sie durchschaust, und wenn du es tust, wird dir das unter Umständen nicht helfen, deinen Sohn zurückzubekommen.«

»Tja, bete für mich.«

»Du weißt, ich glaube nicht an persönliche Fürbitten. Ich bete immer nur um Erkenntnis.«

Shira hatte vergessen, sich eine Mahlzeit mitzubringen. Sie aß Cracker und Datteln. Dann setzte sie sich wieder an ihr Terminal und stöpselte sich ein, indem sie die Klinke vom Terminal in die kleine Silberbuchse an ihrer Schläfe steckte, direkt unter der Haarlocke, die immer dorthin fiel. Rosario hatte keine Buchse gehabt; hier war das ein Klassenunterschied, doch in Tikva erhielt jedes Kind die Möglichkeit des direkten Zugangs und lernte, sich in das weltweite Netz zu projizieren und in die lokale Operationsbasis. Sie glitt rasch aus ihrer privaten Basis in die Y-S-Basis. Sie wurde vom Konzernlogo empfangen, weiße und schwarze Doppelblitze vor Himmelblau. Die Y-S-Bildwelt beim Betreten des Stützpunktes war die von Straßenschildern. Sie stand auf einer Kreuzung und hatte sieben Abzweigungen vor sich. Büchereizugang. Sie ging die enge weiße Straße entlang. Natürlich saß sie auf ihrem Stuhl, aber die Projektion wirkte vollkommen realistisch. Man konnte in der Projektion sterben, wenn man von Räubern überfallen wurde, Informationspiraten, die in der einen Basis plünderten und die Beute an eine andere verhökerten.

Ein Gebäude stand vor ihr, weißer Marmor mit Säulengang. Die Bibliothek. Schnell stieg sie die flachen Stufen empor. Sie hielt Ausschau nach der juristischen Abteilung. Sie hatte vor, sich die geltende Y-S-Gesetzgebung über Sorgerecht anzueignen. Deshalb hatte sie nicht einfach nur Text- oder Tonausgabe gewählt. Bei voll projiziertem Zugang, wenn sie in eine Basis eingestöpselt war, lernte es sich wesentlich schneller als in Echtzeit. Sie wollte sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Sie würde ihren Sohn zurückerobern.

Am nächsten Morgen stand sie vor der Tagesstätte. Josh kam mit Ari im Schlepptau. Sie stürzte auf Ari zu und kniete sich vor ihn. »Ich will dir nur sagen, dass ich dich heute abhole. Heute Abend bist du wieder bei mir.«

Ari hatte den Daumen im Mund und sah aus, als ob er geweint hatte. Sein Teddybär-T-Shirt war verkehrt herum. Seine Augen waren verklebt.

Josh sagte, und seine Stimme surrte wie eine Hornisse: »Ich werde Beschwerde einlegen.«

Und wirklich erschien auf ihrem Bildschirm um dreizehn Uhr eine Sicherheitsnachricht: ›Shira Shipman wird hiermit jeglicher Kontakt mit dem minderjährigen, dem Sorgerecht seines Vaters Joshua Rogovin unterstellten Ari Rogovin untersagt außer an den vorgeschriebenen Tagen innerhalb der festgesetzten Besuchszeiten. Jeder weitere Verstoß gegen diese Verfügung bewirkt den Widerruf besagter Rechte.‹

Shira schloss sich in eine Abfallbeseitigungszelle ein, bevor sie weinte.

2Shira
Die Farbe alten Blutes

Shira war vor Malcolm auf. Es war die zweite Nacht, die sie miteinander verbracht hatten, ihr Versuch, etwas Distanz zwischen sich und ihren Exmann zu bringen. Jedes Mal, wenn sie in den zwei Monaten seit dem Urteil Ari abgeholt oder zurückgebracht hatte, war sie mit Josh aneinandergeraten. Jetzt setzte sich Shira an ihr Terminal und ging die Formulierungen ihres letzten Einspruchs durch. Sie fühlte sich deprimiert, der gestrige Abend war ihr lang und bleiern vorgekommen. Während sie eine Begründung umformulierte, teilte ihr der Wohnungscomputer mit, sie habe einen Anrufer. Es war ein billiges Modell, ohne jede Persönlichkeit, aber sie hatte ihm eine weibliche Stimme gegeben, die sie an das Haus ihrer Großmutter Malkah erinnerte. Die meisten Häuser hatten weibliche Stimmen. »Stell die Verbindung nur auf Audio.«

»Shira?« Es war Gadis Stimme. »Stell auf Sicht. Ich hasse es, mit einer leeren Wand zu reden. Wenn du nicht angezogen bist – verdammt, glaubst du, ich erinnere mich nicht an deinen Körper?«

Wie immer, wenn sie seine Stimme ohne Vorwarnung hörte, fiel ihr Herz in sich zusammen wie ein zermalmtes Ei. »An meinen Körper vor zehn Jahren?« Sie versuchte schnippisch zu klingen. Sie schaute in den Spiegel, wollte sich vergewissern, dass sie sich sehen lassen konnte, wollte, es wäre ihr egal, welchen Eindruck sie auf ihn machte. Sie war noch im Morgenmantel aus durchsichtiger schimmernder Seide. Ihr Haar war zerzaust, etwas Goldflimmer von gestern Abend glitzerte im Schwarz. Sie sah etwas zu mädchenhaft aus, ein wenig wie ein verlassenes Kind, wie immer ohne Make-up, aber sie konnte sich nicht überwinden, an einem Sonntagmorgen früh um neun ihr Gesicht anzumalen. Sie sagte: »Sicht an. Guten Morgen. Wo bist du?«

»Heim in Tikva, besuche Avram. Ach, unsere täglichen Duelle, unsere erfrischenden Gefechte gegenseitiger Beleidigungen. Der neue Stimmie, an dem ich mit Tomas Raffia gearbeitet habe, ist fertig und ich habe Urlaub. Warum kommst du nicht auf einen Besuch nach Hause?« Gadi war fast wie sie gekleidet, in einen durchsichtigen Mantel aus Seide – von diesen mutierten Raupen, der letzte Schrei. Seiner war viel schöner als ihrer, in Farben, die unter ihren Blicken changierten. Sein Gesicht war hager, aber so hübsch wie immer. Er hatte sein Haar silbergrau gefärbt, seinen Augen nicht unähnlich. Nur junge Leute hatten heutzutage graues Haar. Die meisten sahen damit furchtbar aus, aber sein braun gefärbtes Gesicht wurde dadurch betont. In Tikva, wo alle in Shorts oder Hosen herumliefen, wirkte er bestimmt ein wenig bizarr. Er war eben ein Sendbote des Glamours von Vancouver, dem Zentrum der Stimmie-Branche. Er war berühmt. Man erwartete von ihm, dass er aussah wie ein auf Hochglanz poliertes Kunstprodukt. Als Designer von Atmos für Stimmies war er durchaus selbst ein Star und konnte sich unter seinen Fans bewegen wie keiner der Schauspieler, die durch ihre vernetzten und verfeinerten Sinne zu verletzlich waren.

»Wie ist er beim Publikum angekommen?«

»Warst du etwa noch nicht in meinem Stimmie?« Seine Stimme krümmte sich vor ungläubiger Verletztheit. »Er war absolut krass!«

»Gadi, ich habe mich auf die Gerichtsverhandlung vorbereitet. Ich habe mich in den letzten drei Monaten jeden zweiten Tag mit meinem Anwalt getroffen. Josh hat mir Ari weggenommen. Schick mir doch eine Kristallkopie.« Dann müsste sie es sich geben. Sie nahm sich selten die Zeit, sich in einen Stimmie zu versenken, selbst jetzt, wo sie allein lebte. Sie hatte die Gewohnheit abgelegt, als Ari geboren wurde, denn sie wollte sich nicht von ihm abschotten, indem sie in diese völlige Überflutung von Sinnesreizen eintauchte: die exquisiten Empfindungen irgendeiner Schauspielerin, verfolgt von zwergenwüchsigen Menschenfressern oder im Orbit auf Nuevas Vegas mit vier Liebhabern zugange, durchpumpt von Gefühlen.

»Computer, letzte Anfrage speichern und ausführen … Wie konnte er dein Kind wegnehmen?«

»Sie haben hier patriarchales Recht. Der Junge gilt als Eigentum der väterlichen Genlinie – und, Gadi, du weißt, dass ich ihn geheiratet habe. Obendrein hat er einen höheren Technodienstgrad als ich.«

»Warum hast du auch diesen Blödsinn gemacht?« Gadi zog eine Grimasse. »Ich habe dir gesagt, du sollst diesen Wurm nicht heiraten. Ein-Heirat ist altmodisch und trostlos.«

»Du hast nie versucht, Josh zu verstehen … Im Moment geht es zwischen uns niederträchtig zu, bösartig. Ich habe ihm entsetzlich wehgetan, Gadi.« Es tat so wohl, mit ihm zu reden. Anfangs schickten sie sich immer Eröffnungssalven und dann diplomatische Botschaften aus ihren gegnerischen Festungen, doch schon nach fünf Minuten tauschten sie Vertraulichkeiten aus. Auf geheimnisvolle, zarte Weise waren sie immer noch miteinander verquickt. Erst gestern Abend hatte sie an ihn denken müssen, während sie mit Malcolm ins Bett stieg, und so würde es wohl bis ans Ende ihres Lebens bleiben. Und jetzt am Morgen saßen sie da und plauderten miteinander. »Gadi, bei Y-S heiraten die meisten. Es wird darauf gedrungen.«

»Dieser Mann wurde geboren, um verletzt zu werden – eine Motte, die sich wieder in die Larve zurückverwandelt hat, aus der er hervorging.«

»Josh ist jemand, der mehr erdulden musste, als wir beide auch nur ahnen können. Er hat nicht einen einzigen Menschen mehr, niemanden. Er hat durch Zufall überlebt. Stell dir vor, sein Heimatland ist die Schwarze Zone.« Ein großer Brocken des Nahen Ostens wurde auf Karten in einförmigem Schwarz dargestellt, denn er war unbewohnbar und für alle verboten. Eine verpestete radioaktive Wüste.

»Du heiratest keinen Mann, weil er dir die Füße vollblutet.«

Shira zuckte zusammen, Salzgeschmack im Mund. »Ich dachte, ich könnte ihn glücklich machen.«

Gadi schnaubte verächtlich. »Das versuchen Frauen andauernd mit mir, und was bringt es ihnen? Einen wunden Arsch vom Drauffallen.«

Sie beschloss, das Thema zu wechseln. »Dein Vater hat mir einen Job angeboten, ist das zu glauben?«

»Warum dir?« Seine Stirn legte sich in Falten. »Was will Avram mit dir anfangen?«

»Gadi, ich bin sehr gut auf meinem Gebiet, obwohl Y-S mich nicht zu schätzen weiß.«

»Für Avram arbeiten kommt überhaupt nicht in Frage, aber ich fände es schön, wenn du in Tikva wärst. Dann würde ich dich immer sehen, wenn ich mich hierher verdrücke.«

»Bevor nicht über meine Berufung entschieden ist, gehe ich nirgendwohin. Ich werde Ari nicht aufgeben. Ich war schrecklich dumm. Ich habe geheiratet, statt mein Kind meiner Mutter zu geben. Hätte ich es doch nur getan! Ich habe mit unserer Familientradition gebrochen, und jetzt habe ich ihn verloren!«

»Du hörst dich an, als ob du dich schuldig fühlst, Shira. Warum?«

»Wenn ich mich nicht in die Ehe mit Josh gestürzt hätte, wenn ich mein Kind meiner Mutter Riva gegeben hätte, wie es von mir erwartet wird, wenn ich doch bloß auf Malkah gehört hätte, dann wäre mein Kind in meiner eigenen Familie. Es ist meine Schuld. Ich habe mich für so klug, so überlegen gehalten.«

»Durch den Scheiß müssen wir alle durch, Shira. Bist du sicher, dass deine Mutter den Jungen wollte? Ich bin ihr nur ein- oder zweimal in meinem Leben begegnet. Ich kann mich kaum erinnern, wie sie aussieht.«

»Sie ist für mich eine Fremde. Sie arbeitet für Alhadarek, das ist alles, was ich weiß.«

»Du mit einem Kind, die Vorstellung fällt mir sowieso schwer, Shira. Für mich bist du selber immer noch ein Kind. Ich glaube, du hast diesen Ari erfunden, er existiert nur in deiner Einbildung.«

Eine Träne rann ihr aus dem Auge und sie fauchte vor Wut. »Gadi, sei nicht so ein Arsch. Er ist für mich realer als jeder andere Mensch auf der Welt –« Sie merkte plötzlich, dass Malcolm an ihrer Schlafzimmertür stand und lauschte. Jetzt trat er hinter sie, damit sein Bild übertragen wurde.

Gadi schien amüsiert. »Du hättest mir sagen sollen, dass du Besuch hast. Wir können ein andermal tratschen.«

Mit Malcolm neben sich konnte sie nicht die Wahrheit sagen: dass sie ihn beim Reden mit Gadi völlig vergessen hatte. Sie beendete die Übertragung und es war rundum peinlich.

Das Frühstück gestaltete sich schwierig. »Ich wusste nicht, dass du noch einen anderen Mann an der Angel hast«, murrte Malcolm. Er war ebenso groß wie Gadi, aber viel kräftiger gebaut, mit braunem Haarschopf und buschigen, herrischen Augenbrauen, mit der Angewohnheit, das Kinn vorzurecken, als befehlige er einen Angriff.

»So ist das nicht. Er ist ein alter Freund. Wir sind zusammen aufgewachsen.«

»Du hast immer wieder gelacht, als du mit ihm geredet hast. Er hörte sich nicht an wie jemand, der nur ein Freund ist.«

»Ich denke von Freunden nie als ›nur‹. Freunde sind kostbar.«

»Das richtige Wort für ihn. Sieht gut aus, wenn man solche Schmuckstücke mag.«

»Er entwirft Atmos für Uni-Par.«

»Ich tauche nie in diese Dinger«, sagte Malcolm. Das war die offizielle Devise bei Y-S, außer, es handelte sich um ein konzerninternes Programm. Dennoch senkten sich seine Mundwinkel. »Ich besitze nicht mal einen Helm, um vollständig reinzugehen. Ich benutze bloß poplige alte Elektroden … Das war doch nicht etwa Gadi Stein?«

Sie spürte, wie sie sich ärgerte, und versuchte, es höflich zu überspielen, indem sie ihn nach seinem Sandsegeln fragte. Das war ein Nachtsport, aber trotzdem gefährlich. Wie viel angenehmer wäre es gewesen, weiter mit Gadi zu quatschen. Sie hatte nicht die Zeit gehabt, ihn nach seinem Vater Avram zu fragen, nach all ihren alten Freunden, nach den komplizierten Beziehungen in Tikva, nach dem letzten Politskandal, den neuesten Trends. Es war unanstrengend, mit Gadi zu reden, und mühselig, in öder, schrittchenweiser Kleinarbeit diesen Mann kennenzulernen, der von Minute zu Minute unsympathischer wirkte. Er war offensichtlich eingeschnappt und peitschte mit einem Löffel, der wie ein Mast aus der Tasse ragte, seinen Kaffee im Kreis, als wolle er ihn dafür bestrafen, dass sie ihn enttäuscht hatte. Sie wollte sich nicht mit ihm überwerfen – sie konnte keine weitere Fehde am Arbeitsplatz gebrauchen –, also würde sie einfach das Frühstück hinter sich bringen und ihn hinauskomplimentieren. Sie selbst war das Problem.

»Ich dachte, du wärst … weicher. Manchmal hast du einen Gesichtsausdruck wie ein kleines Kind, so unschuldig«, sagte Malcolm, als sei das eine Anklage. Sein Kinn reckte sich ihr entgegen, seine Brauen sträubten sich drohend.

Sie hätte ihm am liebsten gesagt, dass das am Kindchenschema lag: Große dunkle Augen in einem schmalen Gesicht riefen bei Säugern einschließlich Menschen die angeborene Reaktion auf Neugeborene hervor – das Rehkitz, das Kätzchen, das Hundebaby und die Shira. Während des Studiums hatte sie oft die Stirn gerunzelt, um ihre Umgebung zu zwingen, sie ernst zu nehmen. Sie war nicht mädchenhaft, scheu, unschuldig, unbekümmert, und sie wünschte sich häufig, nicht diese Fassade zu bieten, die offenbar nur Männer anlockte, die eine Kindfrau wollten. Sie war rauer, dorniger. Und die Wahrheit war, die Anstrengungen, ihren Sohn zurückzugewinnen, nahmen sie viel zu sehr in Anspruch, um sich noch um irgendeinen Mann bemühen zu können. Sie hätte sich am liebsten bei Malcolm dafür entschuldigt, dass sie seine Zeit verschwendete. Sie war eine Fata Morgana.

Heute würde sie Josh treffen, auch ein Grund, warum sie glaubte, vorgeben zu müssen, dass sie eine ernst zu nehmende neue Beziehung hatte. Sie musste sich einfach Josh stellen und versuchen, vernünftig mit ihm zu reden. Dann würde sie Ari ganze zwanzig Stunden für sich haben, von mittags bis acht Uhr früh am nächsten Morgen.

Sobald Malcolm gegangen war, bereitete sie sich in Kleidung und Benehmen psychologisch auf die kommende Schlacht vor. Josh hatte voll gemeiner Spiele gesteckt, seit sie ihn verlassen hatte, doch sie wusste, dass dies nur Ausdruck seines Schmerzes war. Es war nicht so, dass Josh sie leidenschaftlich geliebt hatte, obwohl er das bestimmt behauptet hätte. Er hatte vielmehr eine konventionelle Anhänglichkeit entwickelt, jedoch eine, die für sein Überleben von zentraler Bedeutung war. Er verließ sich einfach darauf, dass sie da war.

Keine weiteren Obduktionen. Ihr größter Wunsch war, Ari einen vollkommenen Tag zu bereiten. Hoffentlich mochte er immer noch luftige Omeletts, bei denen das Eiweiß getrennt geschlagen wurde. Sie hatte es geschafft, drei echte Eier aufzutreiben. Sie würde ihn fragen, ob er Lust hatte, eine Wolke zu essen. Leider war der Tag dunkel, das künstliche Licht schmutzig orange. Wahrscheinlich tobte außerhalb des Kuppeldoms ein Sandsturm. Sie plante, mit ihm in den Park zu gehen. Ein wenig Spielzeug hatte sie zwar, aber da sie ihren ganzen Kredit für Gerichtskosten ausgab, konnte sie sich nicht viel leisten.

Sie eilte durch die gepflegte, stets neue und stets saubere City der Enklave. Über den gezackten Reihen der Silos für Unterschichttechnos dehnte sich der silberne Kuppeldom. Dreihunderttausend Menschen lebten hier; noch einmal so viele wurden täglich aus dem Glop herein- und wieder hinausgeschleust. Unter dem Kuppeldom herrschte Frühling, und das Klima war so eingestellt, wie es hier vor fünfzig Jahren gewesen sein mochte, aber die Straßenbeleuchtung brannte.

In Zweierreihen marschierten Kinder in ihren blauen Sonntagsuniformen mit dem Y-S-Logo vorbei. Sie erkannte, dass es Kinder von Leitenden und nicht von Technos waren, denn sie hatten schon chirurgische Eingriffe hinter sich, um sie dem Y-S-Ideal in Gesicht und Körper anzupassen. Sie sangen eine der Konzernhymnen, ein Sicherheitsaffe führte sie an, ein zweiter bildete den Abschluss. Die Affen bewegten sich schwerfällig wie Roboter, obwohl es seit den Cyberkrawallen verboten war, Robotern menschliche Gestalt zu geben. Affen waren einfach chemisch und chirurgisch veränderte Menschen mit besonderen Implantaten für übermenschliche Kräfte und Schnelligkeit. Die Oberschichtkinder wurden durch das Einkaufsviertel der Mittelschichttechnos wohl zu einer Sonderveranstaltung geleitet. Denn normalerweise wagten sie sich nicht aus dem Paradiespark, einer Enklave innerhalb der Enklave hinter hohen Mauern um einen Teich mit richtigem Wasser. Eine hochgewachsene, elegante Frau auf einem Pferdobil – einem goldglänzenden Pferderoboter, der in zierlicher Gangart jeden Kobalthuf hoch in die Luft hob – ritt neben ihnen. Lehrerin? In Anbetracht des Pferdobils – das ein Vermögen kostete – und ihres Haars, in das Juwelen geflochten waren, wohl eher eine der Mütter.

Sie dachte an ihre eigene Mutter, Riva, wie sie es seit Jahren nicht getan hatte. Sie war Riva selten begegnet. Beim letzten Mal war sie siebzehn gewesen und hatte kurz vor der Abreise zur Universität gestanden. Ihre Mutter war eine unscheinbare, vorzeitig in die Jahre gekommene Frau, eine typische Bürokratin oder Mittelschichtsanalytikerin – Shira hatte nie ganz kapiert, was ihre Mutter tat, aber offensichtlich nichts Wichtiges. Die Begabung, die Malkah weltweite Anerkennung als Genie gebracht und die bis vor kurzem noch Shira die Auswahl ihrer Schulen und Projekte ermöglicht hatte, schien Riva übersprungen zu haben. Hatte Riva sie jemals so vermisst, wie sie Ari jetzt schon vermisste? Sie bezweifelte es. Soweit Shira sie sich ins Gedächtnis zu rufen vermochte, sah sie eine hektische Frau, die sich nervös die Hände rieb. Riva hatte sie mit offenkundiger Erleichterung Malkah übergeben, Malkah hatte sie großgezogen, und alle waren glücklich. Nein, Shira hatte die Familientradition, ihr Kind der Mutter zu übergeben, gar nicht ernst nehmen können. Riva wäre schon mit der Aufzucht einer Springmaus überfordert gewesen.

Shira war mit Katzen und Vögeln aufgewachsen, aber hier waren richtige Tiere nur Oberschichttechnos und Leitenden erlaubt. Alle anderen behalfen sich mit Robotern, aber die guten waren für sie viel zu teuer. Aris kleiner Koala war das Äußerste, was sie und Josh sich leisten konnten. Ari war ganz verrückt danach, seinem Wawabär, aber Josh hatte verboten, dass Ari ihn mit zu ihr nahm, er sei viel zu teuer, um ihn durch die Gegend zu schleifen.

Ihre Straße war wie hundert andere, ihr Haus einer von den vier Prototypen für Joshs Dienstgrad. Shira zog ein Gesicht, sie stand vor der Tür, die sich auf ihre Berührung nicht mehr auftat. Der Hauscomputer war neu programmiert, sie zu behandeln wie eine Fremde. In letzter Zeit wartete sie draußen, wenn sie Ari abholte. Als sie das Haus, das einmal ihr gemeinsames gewesen war, zuletzt betreten hatte, fand sie Wohnzimmer und Küche demonstrativ verdreckt, überall Essensbehälter und schmutziges Geschirr. Das Haus schrie ihr entgegen: Da, sieh, was du uns angetan hast! Josh hätte nur den Reinigungsroboter an die Arbeit zu lassen brauchen. Aber er hatte es vorgezogen, mit dem Dreck zu sagen: Dazu bin ich verkümmert. Seine Verbitterung stank ihr entgegen. Sie hatte den Vorfall in ihrer letzten Eingabe beschrieben und die Atmosphäre in seinem Haushalt als unzuträglich und ungesund für ein Kleinkind bezeichnet. Vergammeltes Essen konnten zwei als Waffe benutzen.

Das Haus öffnete die Tür. »Treten Sie ein. Für Sie ist eine Nachricht da.« Die Stimme war umprogrammiert worden. Ja sie hörte sich sogar an, als sei das Haus neutral gestellt, als wohne niemand darin. Die Stimme war deutlich eine Maschinenstimme, nicht mehr weiblich, nicht mehr vertraut.

»Ist Josh nicht zu Hause? Wo ist Ari?«

»Josh ist nicht da. Ari ist nicht da. Bitte empfangen Sie die Nachricht für Shira Shipman.«

Sie ging durch die Diele. Die meisten Möbel standen an ihrem Platz, aber die persönlichen Dinge waren verschwunden, die Fotos von Joshs Familie. Er würde nie die Bilder seiner hingemordeten Eltern und Brüder entfernen, solange er dies Haus bewohnte. Offiziell wurden sie als Seuchenopfer geführt, aber sie waren im Kampf gefallen. Die verbogene und halb geschmolzene Menora, die er aus den Trümmern gerettet hatte, war nicht mehr da. Sie eilte rasch zum Terminal. Es war nicht das erweiterte, das sie immer benutzt hatten. Es war das simpelste Modell, darauf eingestellt, das Haus instand zu halten, Nachrichten entgegenzunehmen, einfache Fragen zu beantworten, einen Reinigungsroboter zu beaufsichtigen. Das Hausmeister-Modell. Sie hatte das Gefühl, ihre Brust fülle sich mit kaltem Schlamm. Sie fühlte sich schwer, formlos, durchgefroren. Was ging hier vor? Sie sank vor dem Terminal auf einen Stuhl und identifizierte sich.

Joshs Gesicht erschien auf dem Bildschirm, die Lippen schmal gespannt. »Ich nehme an, du bist hergekommen, um dich mit mir zu streiten. Jeder weitere Einspruch ist sinnlos. Du hast uns verlassen, und jetzt haben wir die Erde verlassen. Yakamura-Stichen hat mich auf die Pazifika-Plattform versetzt. Ich nehme meine Assistentin Barbra mit und Ari. Ich habe die uneingeschränkte Berechtigung von Y-S, Ari mitzunehmen. Wenn du keine Starterlaubnis für Pazifika erhältst, wirst du warten müssen, bis wir nach Ablauf unserer Pflichtdienstzeit zur Erde zurückkehren. Die üblichen zwei Jahre. Josh Rogovin Ende.«

Sie saß da wie betäubt. Dann rannte sie hoch in Aris Zimmer. Es war leergeräumt. Y-S musste Josh gestattet haben, Aris Bettchen mitzunehmen, seinen Spieltisch, seine Spielsachen, seinen Koalaroboter. Sie lief durchs Haus und rief nach ihm, hoffnungslos, unnütz. Dann warf sie sich an das Terminal und spielte noch einmal Joshs Nachricht ab.

»Du hast dich gründlich an mir gerächt. Das hast du geschafft«, sagte sie zu seinem Gesicht, das am Ende der Nachricht auf dem Bildschirm eingefroren war. Sie blieb sitzen, während es dunkler im Zimmer wurde. Das Licht ging hier nicht an, außer sie befahl es ausdrücklich, was sie nicht tat. Wie schäbig und klein das Haus um sie herum anmutete, bar aller Spuren ihrer Ehe bis auf die Abnutzungserscheinungen an den Möbeln und hier und da einen noch nicht entfernten Fleck an der Wand. Ari war fort. Er war nicht einmal mehr auf der Erde.

Alles ließ sich auf die simple Tatsache zurückführen, dass Joshs Fähigkeiten für Y-S wertvoller waren als ihre. Sie hatten versucht, Plasmaphysiker auf die Pazifika-Plattform zu versetzen, aber gemäß den Rechten der Y-S-Bürger durfte niemand ohne Einwilligung in den Weltraum umgesiedelt werden. Jeder hatte den Verdacht, dass Pazifika sehr viel mehr harter Strahlung ausgesetzt war, als der Multi zugab. Josh hatte sich nie dafür interessiert, im Weltraum zu arbeiten. Das Leben auf einer Plattform war die vollständig verwirklichte Klaustrophobie. Josh hatte nicht das Recht, Ari eine Kindheit in solcher Umgebung zuzumuten. Er hatte es getan, um sie zu bestrafen. Sie konnte nichts tun, absolut gar nichts.

Sie hasste Y-S. Ihr Chef hatte nicht hart genug für sie gekämpft. Sie war geopfert worden, für den Bedarf des Multis an Wissenschaftlern, die bereit waren, zwei Jahre in einer großen Blechbüchse zuzubringen. Zwei Jahre. Tränen rannen ihr übers Gesicht. Sie wollte nicht in diesem verlassenen Haus weinen, das die letzte Phase ihrer dummen, totgeborenen Ehe mit angesehen hatte. Sie putzte sich heftig die Nase und ging heim.

Der Form halber legte sie bei Y-S Protest ein. Dann schickte sie ganz offen eine Mitteilung an Avram. Sie sprach nicht selbst mit ihm, sondern sandte ihm eine Nachricht durchs Netz: Sie sei bereit, die Stellung in seinem Labor anzunehmen. Sobald sie ihre Angelegenheiten hier geregelt hatte, würde sie kommen und sofort die Arbeit aufnehmen. Ihren angesammelten Kredit hatte sie auf Rechtsstreitereien verschwendet.

Ihr war rätselhaft, warum Avram ihre Mitarbeit wollte, aber ein befristeter Job in Tikva verschaffte ihr Zeit zu überlegen, wohin sie wollte, Zeit, mit Multis zu verhandeln, Zeit zu heilen. Welche Freude, wieder zu Hause zu sein, wo Malkah die Sabbat-Kerzen entzünden würde, wo sie wieder die alten Gebete sprechen würden, wo sie frei sein würde, die zu sein, die sie war. Wie bitter, ohne ihr Kind zurückzukehren. Sie hatte sich so oft vorgestellt, ihn nach Tikva zu bringen. Sie rechnete nicht mit Schwierigkeiten bei der Kündigung. Hätte Y-S ihre Dienste behalten wollen, wäre ihr ein Teil des Sorgerechts für Ari zugestanden worden. Hätten sie sie so dringend gebraucht wie Plasmaphysiker auf Pazifika, besäße sie jetzt das alleinige Sorgerecht. Konzerngerechtigkeit. Nun kehrte sie heim.

3Malkah
Malkah erzählt Yod eine Gutenachtgeschichte

Es war einmal, so beginnen Geschichten. Halb Künstlerin, halb Wissenschaftlerin, weiß ich das. Als Mutter und Großmutter habe ich fünfzig Jahre lang Geschichten erzählt. Wie die Kinder heranwachsen, so auch die Geschichten, von bewegten Strichzeichnungen zur vollen Skala aller Farbtöne, dick aufgetragen wie Gips oder Blut. Einige Moralgeschichten gehören in den Kindergarten, das Alter, in dem man im Dunkeln Angst hat, das Alter, in dem man sich ein kurzes Stück allein aus dem Haus wagt, ermahnende Fabeln mit grellen Buntstiften geschrieben. Aber andere Geschichten sind immer bei uns. Wir erzählen sie uns selbst in der Mitte unseres Lebens und im Alter, jedes Mal anders, sie wachsen zusammen wie Stalaktiten, die zur Erde drängen, werden schwerer mit jedem Tropfen und seiner Last geheimer, aufgelöster Gesteine und Mineralien, den vielen Salzen des Planeten.

So ist denn, lieber Yod, die Geschichte, die ich nun in der Basis lasse, nicht so, wie ich sie meinem Kind Riva oder meinem Kind Shira erzählt habe, oder Shira und Gadi, als sie vor mir hockten wie kleine Frösche, ganz Knopfaugen und Erlebnishunger. Ich zeichne die Geschichte nur für dich auf, in den Nächten meiner aschgrauen Schlaflosigkeit, wenn mir mein Leben vorkommt wie eine Dachkammer voller Schachteln, die ich weggestellt habe, Dinge, die einmal kostbar waren und die jetzt verstaubt und halb vergessen sind, aber immer noch ein Chor von Forderungen, dass ich sie ordne und jedem einen Platz zuweise, als Vermächtnisse, als Gerümpel, als Museum, das ich der Familie öffne oder der Welt. Dies ist eine Zeit, in der Neues beginnt und anderes endet, eine Zeit der großen Risiken und Gefahren, des plötzlichen Todes durch geistige Ermordung. Es ist auch die Zeit, in der mein Augenlicht wieder schwindet, und diesmal kann es nicht wiederhergestellt werden. Die Dunkelheit der Nacht äfft die Dunkelheit nach, die ich so fürchte, und der Schlaf ist der Liebhaber, den ich vielleicht stärker fürchte, als dass ich seine sanfte, warme Last auf mir wahrhaft begehre.

Dies ist also die Geschichte vom Golem: nicht du, mein eigener kleiner Golem, den ich klein nenne, obwohl du viel größer bist als ich, so groß wie ein hochgewachsener Mann (wie Razi, mein vorletzter Liebhaber), und um ein so Vielfaches kräftiger als ich, dass ich gar nicht erst raten mag. Du kannst einen Marmorblock über deinen Kopf heben. Nein, klein ist ein liebevoller Ausdruck, so wie viele Sprachen Kosesilben anhängen, die im Format verkleinern, was sie an Zuneigung vergrößern. Avram hat mir verboten, dich zu sehen, aber wir können uns immer noch über die Basis austauschen, und dort lege ich meine bobe majßeß für dich nieder. Ich bin mir keineswegs sicher, in welchem Maße ich mich bei deiner Programmierung großer Torheit und grenzenlosen Ehrgeizes schuldig gemacht habe oder bis zu welchem Grad ich vielmehr die Figur der Kraft im Tarot-Spiel bin, die Frau, die den Löwen zähmt, die dir beigebracht hat, deine Gewalt mit menschlichen Bindungen zu mildern. Ein Vorhaben, das Avram unterband.

Ich erzähle diese Geschichte für dich, während ich allein in meinem eigenen geräumigen, antiken Bett liege, in dem Schlafzimmer, das mir angepasst ist wie ein altes vertrautes Kleidungsstück, mit dem Duft der Narzissen aus dem Hof, in diesem Haus meiner Familie mit seiner grünen Oase inmitten der Wüste, zu der unsere Welt geworden ist. Ich liege wach und spüre die Gefahr, die um uns in diesem zerbrechlichen modernen Ghetto wächst. Dies ist eine Geschichte meiner Familie aus alter Zeit, als die Welt aufzubrechen schien. Sie nannten es Wiedergeburt. Renaissance. Aber nichts kommt je genauso wieder. Die Welt bewegt sich auf der menschlichen Ebene in Epizyklen, obwohl zu der Zeit, in der meine Geschichte erzählt werden möchte, es ebenjenes epizyklische Weltbild war, das von einigen wenigen mutigen Astronomen verworfen wurde. Sie traten für ein System ein, einfach, klar und völlig anders als das menschliche oder vielmehr anthropozentrische Weltbild, das den meisten, die damals in Europa lebten, als unwandelbar galt und als zutiefst christlich. Aber wie das ptolemäische Weltbild hat auch meine Geschichte ein menschliches Zentrum.

Dies ist im Besonderen die Geschichte eines gewissen Judah Löw, mehrerer Männer und Frauen um ihn herum und eines Un-Mannes. Aber es ist auch die Geschichte einer Stadt und eines Städtchens innerhalb einer Stadt, eines Städtchens so einzigartig, so eingekesselt und so gefährdet wie unsere eigene freie Stadt der Juden hier an der steigenden, vergifteten See. Prag ist die Stadt, das schöne Prag, das just seine graue und goldene, senf- und terracottafarbene, erdbeerrote und pistaziengrüne Stuckwärme annimmt, das sich gerade zu der Stadt gestaltet, durch deren barocke Formen ich im Frühling meines zweiundzwanzigsten Lebensjahres ging – im Jahre 2008 –, während ich bei jenem brillanten Manne Philosophie studierte, der ein so großer Lehrer war und ein so ungeschickter Liebhaber, und doch hielt ich den Tauschhandel von meinem Fleisch für seine Gesellschaft und seine Gespräche für angemessen, und ich hatte recht. Ich wanderte durch die verwinkelten Gassen und erklomm die Treppen, träumte von Kafka, dessen Geschichten ich immer bei mir trug, und träumte auch von Einstein, der an dieser Universität gelehrt hatte, während er seine Relativitätstheorie schuf. Ich war eine hochbegabte Studentin, die beste Studentin meines Professors und für eine Zeit seine Liebste, während in jenem Frühling der Flieder blühte.

Jeden Tag schaute ich von den Universitätsgebäuden hinüber in das, was einmal das Ghetto gewesen war; jeden Tag durchquerte ich es, vorbei an der Altneuschul, vorbei am jüdischen Friedhof zu meinem Studenten- und Arbeiterviertel, einem mittelalterlichen Pferch enger Gassen, zwei- und dreistöckige Häuser, an denen senfgelber Stuck die uralten zerbröckelnden Ziegelsteine in der Rasnovkastraße übertünchte. In der Pinkas-Synagoge, erbaut im fünfzehnten Jahrhundert und schon alt, als Rabbi Judah Löw durch diese engen Gassen schritt, stehen an den kahlen Innenwänden die 77.397 Namen von Juden angeschrieben, die in den Todeslagern zu Rauch verbrannt wurden, im gleichen Jahr, als meine Mutter in Cleveland, Ohio geboren wurde, einundvierzig Jahre vor meiner eigenen Geburt. Der Flieder stand in Blüte, als ich meine Tochter Riva empfing, die ich, kaum der Jugend entwachsen, in aller Stille aus Prag forttrug, ein Klümpchen in meinem Leib wie ein Souvenir der Freude, so wie andere Besucher Kunsthandwerk aus tschechischem Kristall davontrugen. Und in der Tat, Riva war von Kindesbeinen an ungefähr so formbar und gefügig wie Kristall.

Innerhalb des Prags von 1600 befindet sich die Judenstadt, das ummauerte Ghetto, der Glop seiner Zeit, mit Häusern, die sich wie Schuhlöffel in Höfe zwängen, und Familien, die in einem Zimmer hausen, oder mehreren Familien, die in einem Raum zusammengepfercht sind, der ihnen kaum genug Platz bietet, um sich nebeneinander schlafen zu legen – Mauern, die selten den Pöbel abhalten, der sich regelmäßig erhebt, um zu brandschatzen und zu morden. Es ist nicht viele Jahre her, seit ein Pöbelhaufen plündernd durch die Straßen zog und ein Viertel der Einwohner hinschlachtete, verstümmelte und zerrissene Leiber wie blutiges Gerümpel auf die Straßen geworfen, umgestürzte Wiegen, aufgespießt, während sie beteten, aufgeschlitzt im Wochenbett. Nicht einen Überlebenden gab es, der nicht einen Gatten, eine Frau, ein Kind, eine Mutter, einen geliebten Menschen zu beerdigen hatte. Im Jahre 1543 wurden alle Juden aus Prag vertrieben, wurden plötzlich mit dem, was sie tragen konnten, aus ihren Häusern gejagt und im feindlichen Umland ausgesetzt, um anderswo ihren Weg zu machen, irgendwo anders. Erst gestern hörten die Juden von Prag Reden der Bürger, auch aus den Handwerksgilden, dass es Zeit sei, sie wieder davonzuschicken. Zu Lebzeiten von Judah Löw wurden alle jüdischen Bücher beschlagnahmt, viele verbrannt und der Rest durch ein enormes Lösegeld zurückgekauft. Jedes Jahr zahlen die Juden einen ›Leibzoll‹ – eine Steuer auf ihr Recht zu leben.

Sie tragen auf ihren Mänteln, Männer und Frauen und Kinder, ein gelbes Symbol, das sie als Juden kennzeichnet. Es ist nicht der Sechsstern, der Magen David, weil dieses Symbol nur ein örtliches Emblem auf dem Banner der Prager Gemeinde ist und ungewöhnlich anmuten wird, wenn es später für einen der Menschen, denen wir bald begegnen werden, benutzt werden wird, auf seinem Grabstein. Nein, das erforderliche Mal ist einfach ein ausgeschnittenes Stück Gelb, das jeder Jude zu tragen hat, um auf den ersten Blick erkennbar zu sein. Es ist nicht immer so gewesen. Tatsächlich stehen die Dinge in diesem Augenblick für eine kleine Weile ein wenig besser für die Juden von Prag, doch es ist nur eine Atempause. Das Leben ist, seit sie zurückdenken können, merklich schlechter geworden, und es ist ein Segen für ihren ruhigen Nachtschlaf, dass sie noch keine Ahnung haben, wie schlecht es in ein paar Jahren werden wird, wenn der Dreißigjährige Krieg über sie hinwegfegen wird, hin und her und hin und her wie eine toll gewordene Sense, die Menschenköpfe erntet.

Jahrhundertelang hatten wir eine kleine, unehrenhafte, aber notwendige Rolle eingenommen: Wir waren die Bankiers, die Pfandleiher, die Geldwechsler, die Quelle für Darlehen; das war die Arbeit, die uns erlaubt war. Doch als auch Christen Bankiers wurden, trachteten die Juden, Arbeiten zu tun wie jedermann sonst, und dies, obwohl uns die meisten Gewerbe von Seiten der Obrigkeit verboten waren. Wir mussten einem Broterwerb nachgehen, und wir konnten uns nicht einfach gegenseitig die Wäsche besorgen. Bis zur Zeit des ersten Kreuzzuges lebten die Juden meist in eigenen Vierteln, wie es Menschen eben tun, in der Nähe ihrer Verwandten, ihrer Freunde, und in einer Stadt wie Prag mochte es drei oder vier mehr oder minder jüdische Viertel geben, und wenn ein Jude woanders leben wollte, wen kümmerte es? Aber seit dem ersten Kreuzzug war die Kirche kriegerisch, sie weitete sich aus, entschlossen, zu erobern oder anderen Glauben auszumerzen. Das Vierte Laterankonzil verfügte, Juden seien in Ghettos einzusperren oder zu vertreiben.

Im Ghetto von Prag gibt es wenige wohlhabende Juden, die weiterhin Handel in der Fremde finanzieren, deren Geschäftsunternehmungen weitreichend und wagemutig sind, und viele, viele arme Juden. Es gibt eine Handvoll wie die Löws zwischen der Hölle der ganz Armen und dem Himmel der Reichen. Aber in der Judenstadt ist jedermann, die reichen Maisls, die mittleren Löws, die Hungernden, die den Abfall um ein Stückchen Brennholz durchwühlen, alle sind sie auf kleinstem Raum zusammengepfercht und sie kennen sich bei Namen und sie alle kennen einander Handel und Wandel. Es ist ein heißer, enger Ort, Tag und Nacht lärmerfüllt, wo der Lumpensammler auch ein großer Gelehrter sein mag und der Rollkutscher ein Kantor, der singen kann, bis die Vögel in Ohnmacht fallen, oder ein Fiedler, der deine Knochen erschauern lässt. Die reichen Juden versuchen alle paar Jahre, ein Haus oder etwas Land außerhalb zu erwerben, aber sie sind zu verhasst. Niemand will an sie verkaufen. Erwägt jemand ein Angebot, so widerfährt diesem Verkäufer etwas oder aber das Haus, das Land verschwindet sofort vom Markt. So bleiben auch die Reichen eingesperrt in diese große, zänkische Familie, umgeben von Unmut und Argwohn der Armen, deren Hütten und Behausungen sich an die Mauern der vornehmen Häuser drängen und deren Gerüche und Geschrei durch jedes Fenster, jede Ritze dringen ebenso wie die Ratten, die sich in den Kellern vermehren. Rabbi Löw streitet mit den Reichen, weil er sie zur Rechenschaft zieht, er schilt sie und er besteht darauf, dass die Armen das Recht auf die gleiche Erziehung haben wie die Söhne der Wohlhabenden.

Lass uns Judah Löw betrachten, um den sich diese Geschichte ballt wie eine Wolke, die auf den Schultern eines Berges ruht. Er wird der Maharal genannt. In jenen Tagen haben große Rabbis Spitznamen wie Sportstars oder Stimmiestars. In den Ghettofestungen sind sie Kulturhalbgötter und gleichzeitig Unterhaltungskünstler. Er wird geheißen: Judah Löw ben Bezalel, Judah der Löwe. Ein Löwe unter den Juden.

Der Maharal ist ein gescheiter, streitbarer Mann, ein hitzköpfiger Kabbalist, durchdrungen von uralter Tradition, so dass die Tora für ihn die Welt begleitet, beseelt und bildet, dabei ist er neugierig, aufgeschlossen für die Wissenschaft und die Gedankenflüge seiner Zeit. Der Maharal ist ein griesgrämiger Heiliger von überragendem Verstand, der es liebt, die Gegner mit jeder Waffe seines Arsenals zu bekämpfen, von Vernunft und hoher Redekunst bis zu Hohn und Spott. Er ist freigebig mit seinen Schmähungen, seinen Beleidigungen. In jedem geistigen Wettkampf übermannt ihn der Wille zu siegen, und er ficht, um seinen Gegner zu vernichten. Er steht fast allein in seiner Zeit mit der Ansicht, dass jede Meinung ein Recht hat, ausgesprochen zu werden – er glaubt ganz unzeitgemäß an die Redefreiheit, nicht, weil er ein Relativist wäre. Nein, er glaubt an die Wahrheit seiner Religion. Aber er glaubt zu fest an die Heiligkeit des Denkvermögens, um es durch das Verbot jeglicher Ideen zu verkrüppeln. Er liefert sich unendliche Wortgefechte mit den berühmten Rabbis seiner Zeit. Im Dezember 1599 jedoch erhält er eine Aufforderung, öffentlich mit einem Priester zu disputieren, ein gefährlicher Wettstreit, denn als Jude hat er zu verlieren. Tut er es nicht, so hat die Kirche vielfältige Möglichkeiten, sich zu rächen, rasch oder gemächlich, ganz nach Belieben, und ohne Ende – oder mit dem üblichen Ende. Dies ist keine Zeit, da jemand, der sich den Anblick wünscht, das Schauspiel brennender Juden entbehren müsste. Aber wie kann der Maharal den Disput absichtlich verlieren? G-t würde nichts Geringeres als den Sieg anerkennen. Als Jude ist er verpflichtet, all seine Geisteskräfte einzusetzen. Der Bibeldeuter dei Rossi, dessen Gedanken der Maharal verabscheut, sagte, wenn du G-t ein Opfer bringen willst, opfere es der Wahrheit, und vielleicht ist das die einzige Äußerung von Rossi, mit der der Maharal übereinstimmt.

Der Maharal bereitet sich auf einen öffentlichen Disput mit dem Priester Thaddeus vor, einem Dominikaner, der zuvor in den Diensten der spanischen Inquisition stand. Thaddeus wurde kürzlich nach Prag versetzt, wo unter Kaiser Rudolf ein Klima der Toleranz zu blühen scheint, dessen Fortbestand oder gar Umsichgreifen nicht erlaubt werden kann. Judah findet in seinem Herzen Zorn und Verachtung für seinen Gegner, der so viel Zerstörung, Marter und Tod in anderen Leben anrichtet und dabei die Sicherheit der eigenen Stellung genießt, doch er bemüht sich, seinen Groll zu überwinden. Er erwägt, sich auf versagende Gesundheit zu berufen, aber solche Berufungen haben selten Wirkung. Er erfreut sich bester Gesundheit, obwohl er ein alter Mann ist. Dennoch war er diesen Winter bedrückt. Er hat sich nicht erholt vom Tode seines einzigen Sohnes.

Wenn er seinen Sohn im Geiste vor sich sieht, sieht er nicht den Fünfundfünfzigjährigen mit den grauen Strähnen im Bart, sondern vielmehr das begabte, aber oft zu empfindsame Kind mit den schwachen Augen und der zittrigen Stimme. Er denkt, dass er seinem Sohn ein schlechter Vater war und seinen Töchtern wahrscheinlich ebenfalls, obwohl er die überwiegend Perl überließ, seiner rührigen baleboßte von einer Frau. Er hegte große Erwartungen für den Sohn, auf den er so lange warten musste, den Nachfolger, den Träger seines Namens in die Zukunft. Nun hat er ihn überlebt. Das ist ein beklagenswertes Schicksal, das ich besonders fürchte. Ich habe eine vogelfreie Rechtsbrecherin großgezogen, die ihre Bahnen weit von mir entfernt zieht und auf die ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Werde ich überhaupt von ihrem Tod erfahren? Während ich durch meine geschäftigen, gemütlichen Tage wandere, bin ich in Gedanken oft bei Riva. Wie der Maharal war ich eine schlechte Mutter und eine wunderbare Großmutter.

Obwohl der Maharal alt ist – nicht, wie Leute mich alt nennen, und dann schaue ich überrascht in den Spiegel und sage: Wer ist dieser Sack mit den Falten und Runzeln? Wer hat meine Zähne gelockert? Wer hat meine Brüste aufgeweicht? Nein, der Maharal war alt genug, um sein Alter zu spüren. Meine Familientradition sagt, er war einundachtzig; die Bücher berichten verschiedene Geburtsdaten und somit eine Mischung von Altersangaben bis hinauf in die Neunziger. Ich werde die Familienerinnerung übernehmen. Nichtsdestoweniger ist er immer noch tätig und immer noch schöpferisch. Seine Stimme hat nichts von ihrer Kraft verloren, und sein Verstand ist so messerscharf wie eh und je. Er ist vielleicht ein wenig heftiger in seiner Sprache und ein wenig härter im Streitgespräch, als er es in mittleren Jahren war, und er fühlt, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt und viel zu tun. Sein Greisenalter ist unerbittlich und leidenschaftlich. Er erscheint nicht kleiner, sondern größer, als er in seiner Jugend stand, seine Augen sind so hell und feurig wie eh in einem immer hagereren Gesicht. Statt seine Ecken und Kanten abzuschleifen, hat das Alter sie geschärft. Er ist ein Adler.

Judah ist vor vierzig Jahren nach Prag gezogen, aber immer, wenn die Zeit kam, einen Oberrabbiner zu wählen und er offenkundig der Würdigste war, wurde er übergangen. Zu tief in der mystischen Kabbala vielleicht, zu streitlustig, ein zu origineller Denker. Ein Störenfried. Nicht, dass sein Licht völlig unter einem Scheffel stand. Er leitete eine berühmte Talmud-Schule. Er war der Freund des reichsten Juden in Prag, Mordechai Maisl. Er war umgeben von Schülern und Kollegen. Unmittelbar bevor er 1592 Prag für die letzte Exilperiode verließ, schickte Kaiser Rudolf nach ihm und empfing ihn privat, ein unerhörter Umgang mit einem Juden.

Auch für einen rüstigen alten Mann war es ein langer Weg durch die Tore des Ghettos, auf der Karlsbrücke über die weite Moldau mit ihren weißen Stromschnellen, durch die Straßen der Malá Strana, wo sich der Adel hinter hohen Mauern inmitten von Obstgärten und Weideland prächtige Paläste erbaut hatte. Über den steilen, gewundenen Straßen dräute das von Türmen und Spitzen starrende Schloss auf seinen Felsklippen. Er lehnte sich auf die Arme seines Schwiegersohns Itzak Cohen und seines derzeitigen Lieblingsschülers Jakov Sassun. Er kämpfte sich die lange Treppe empor, sein Herz schüttelte seinen schmächtigen Körper, während sie sich an die Mauer drückten, um den Pferden auszuweichen, die vorbeigeritten oder -geführt wurden. Unter ihnen erhoben sich die Stimmen der Stadt und hingen wie leuchtende, flatternde Banner über den roten Dächern.

Judah schritt durch die mächtige Toreinfahrt und zwei Innenhöfe, eine ausladende Prunktreppe empor und durch Saal um Saal, jeder reich geschmückt, riesig und bar jeder Funktion, aber voller müßiger Höflinge in Brokat und Samt und Seide, deren Köpfe auf Halskrausen saßen wie auf Tellern, bis er gezwungen war, Itzak und Jakov in einem Vorzimmer zurückzulassen. Er wurde schließlich in einen kleineren, mit Samt verkleideten Raum geführt, wo in Vitrinen das Horn eines Narwals zur Schau gestellt war, ein zweiköpfiger Embryo in einer Flasche, eine Alraune in Gestalt eines phallischen Mannes, allerlei Mineralien, Magnetsteine. Judah hatte keine Zeit zu staunen, bevor Prinz Bertier ihn begrüßte, aber er spürte noch eine andere Präsenz. Während die Audienz dahinholperte, mit langen Pausen und Geflüster, folgerte Judah, dass der Kaiser hinter einem von der Decke bis zum Boden reichenden Samtvorhang saß und den Prinzen Bertier benutzte, um seine Fragen zu stellen. Das dauerte nicht lange. Der Kaiser verlor die Geduld, seine Fragen Bertier zuzuflüstern, und begann hinter dem Vorhang zu sprechen; endlich stürzte er hervor und nahm sich einen Sessel. Das Thema dieser höchst ungewöhnlichen Audienz, die einem Juden gewährt wurde, war ein Geheimnis; die Geschichtsbücher schweigen. Selbst in seinem Bericht für die Nachwelt vertraute Itzak das Thema des Gesprächs nicht dem Papier an. Aber hat die Familie nicht immer ihre Geschichten?

Nun hielt der Kaiser die Juden als sein Eigentum – als seine eigene Milchkuh, seinen eigenen privaten Steuerweinberg, aus dem sich immer noch mehr Saft pressen ließ. Mit sehr viel Furcht und mit verstecktem Zorn und mit seinem wie Wurfmesser geschärften Witz lauschte der Maharal dem Kaiser. Das Thema, das der Kaiser ansprach nach vielen Reden über das Weltall und die seltsamen neuen Theorien des Kopernikus, die den meisten, die davon hörten, nur offenen Spott entlockten und die die Kirche verdammte, war die Astrologie. All seine Ratgeber glaubten an die Astrologie als bestimmend für Charakter und Schicksal des Menschen. Sein eigener vorzüglicher Astronom, Tycho Brahe, stellte Horoskope. Wie dachte der Rabbi darüber?

Der Maharal dachte rasch nach. Die Astrologie war seinerzeit ein geachtetes Gewerbe, und so wie heutzutage jeder reiche Macher seinen Haus-Chemotherapeuten hat, der ihm genau die richtigen Psychopharmaka verabreicht und am Monitor die Spurenelemente und Nährstoffe im Blut und die allergischen und Immunsystem-Reaktionen überwacht, so hatten die Reichen und Mächtigen damals ihren Hofastrologen, der ihnen die richtigen Zeitpunkte zum Handeln und zum Abwarten nannte, die günstigste Zeit für Heiraten und Feierlichkeiten. Judah mutmaßte, dass der Kaiser eine Vorhersage erhalten hatte, die ihn beunruhigte.

Rudolf stand in dem Ruf, ein schwacher und unentschlossener Herrscher zu sein. In der Tat schien er den Krieg wenig zu lieben, was in seinen Tagen als Zeichen von Charakterschwäche galt. In Wahrheit ermutigte er die Wissenschaften und die Künste und übte eine milde religiöse Toleranz, widerstand gewöhnlich dem besessenen Eifer der Gegenreformation, erlaubte sowohl Protestanten als auch Juden, Gott auf ihre Weise zu verehren, und gab den Universitäten ungewöhnlich viel Freiheit. Ich persönlich würde lieber unter ihm leben als unter so manchem berühmteren und viel bewunderten König von Preußen.

Warum der Maharal? Nun waren zu der Zeit erst sieben Bücher des Maharal veröffentlicht, aber mehrere hatten als Manuskript die Runde gemacht. Judah konnte ziemlich sicher sein, dass der Kaiser von seiner langen Abhandlung wusste, die diese Pseudowissenschaft gründlich zerpflückte. Offensichtlich hatte ihn der Kaiser deshalb ausgewählt, und er hatte nicht die Absicht zu widerrufen. Der Kaiser suchte nach einer Begründung, um einen der Astrologie entsprungenen Ratschlag verwerfen zu können, so folgerte Judah, und er würde ihn liefern. So sei es. Das ist, was gemäß der Familienlegende zwischen Rudolf und Judah geschah.

Kurz nach dieser Audienz wurde der Maharal wieder einmal für das Amt des Oberrabbiners übergangen. Er nahm daraufhin eine Stellung in Posen an, schüttelte den Prager Staub von seinem Hut und brach mit seiner Familie auf.

Er kam nicht zurück, bis sie ihm schließlich gaben, was er wollte. Die Legende, die sich nun um ihn rankt, gehört in diese Zeitspanne, da der Maharal vor kurzem im Triumph als Oberrabbiner nach Prag zurückgekehrt ist. Der Maharal ist ein gelehrter Mann, bewandert nicht nur in Tora und Talmud, nicht nur in Geschichte, in der Wissenschaft und Philosophie seiner Zeit, sondern auch in den Geheimnissen der Kabbala. Er macht einen ganz klaren Unterschied zwischen den Wahrheiten der Wissenschaft, die sich auf Beobachtung gründen und die sich ständig verändern – so wie die Welt sich ständig verändert (eine radikale Auffassung, denn die Welt hatte jahrhundertelang als statisch und unbeweglich gegolten) –, und den Wahrheiten der Religion, die von ganz anderer Art sind. In dieser Sphäre ist der Gedanke Handeln und sind die Worte nicht Künder der Dinge oder Zustände, sondern reale und mächtige Kräfte. Das ist natürlich die Welt der künstlichen Intelligenz und der Computerbasen, in der ich arbeite – die Welt, in der das Wort real ist, das Wort ist Macht, Energie ist geistig und physisch zugleich, und alles, was als Materie im Raum erscheint, ist eigentlich immateriell. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich mit zunehmendem Alter immer mehr zur Mystikerin werde. In meiner Jugend war ich besessen von Sex und Psychologie, von Mode und Eleganz; jetzt, wo ich an das Ende meines geflochtenen Seils gelange, fasziniert mich das heilige und mächtige Licht, das durch die Geschichte leuchtet, die Mächte, die ihre Dramen durch uns ausspielen, das Gute und das Böse, der Schaden und der Ausgleich, den unsere Wanderungen und unsere Entscheidungen anrichten.

Ist es richtig, diese Geschichte zu erzählen? Es ist eine Geschichte der Kabbala, der frommen Magie. Die meisten Gelehrten bestehen darauf, dass sich dafür keine Grundlage, kein Anhalt findet im Leben des vorbildlichen religiösen Denkers und Erziehungsreformers, dieses Historikers und Polemikers. Was hat er zu tun mit der Erschaffung von Monstren? Aber als Frau, die ihr Berufsleben damit zubringt, Märchen und Monstren zu erfinden, wie kann ich da das Gefühl haben, Judah zu schmähen und zu verleumden? Ich glaube, dass diese Geschichte wahr ist, wenn auch vielleicht nur im übertragenen Sinne, obwohl Moshe Idel ein ums andere Rezept zur Herstellung von Golems gefunden hat, so genau wie die Anweisungen zum Bau einer Jurte oder zum Backen von Baguettes. Ich kann nicht immer zwischen Mythen und Wirklichkeit unterscheiden, weil die Mythen die Wirklichkeit formen und weil wir aus dem heraus handeln, was wir zu sein meinen; wir wissen auf vielen Ebenen Wahrheiten, die sowohl irrational sind als auch vernunftbegründet oder experimentell. Unser Geist hilft die Welt zu erschaffen, die wir zu bewohnen meinen. Ich bin selbst eine Zauberin, die im letzten Herbst eine Maschine verführt hat, deshalb kann ich mich in den Maharal zurückversetzen und sagen, dass auch er ein Geschöpf erschaffen haben mag, das im Volksgedächtnis als das seinige verzeichnet ist. Meinst du nicht, mein Freund, dass du etwas über das normal Menschliche Hinausgehendes bist, ein Wunder?

Als nun der Maharal in jenem Winter spürt, wie die Gefahr wächst und wie sich ein Netz aus Intrigen immer enger um sein Volk schnürt, wohin soll er sich da wenden außer zur überlieferten mystischen Kunde? Die Prager Juden sind in ihr Ghetto eingepfercht und sie können nirgendwohin entkommen und nirgendwohin entfliehen. Die Juden von Spanien, die tausend Jahre in Frieden und Hochkultur lebten, wurden über Nacht aus dem Land, das sie für das ihre hielten, vertrieben, wurden aus ihren Wurzeln gerissen und ihren Gräbern und ihren Synagogen. Die Juden von England wurden in Elend und Wanderschaft getrieben. Die Juden von Portugal wurden aus ihrer Heimat verjagt. Wie kann er die Juden von Prag retten?

Jedes Jahr am Versöhnungstag verliest er von der Kanzel ein Gedicht von Avigdor Kara. Es betrauert die dreitausend Juden, die hingemordet wurden, als das Prager Ghetto von einer mit Schwertern, Streitkolben, Spießen und Sicheln bewaffneten Meute überfallen wurde. Hinterher verurteilte der königliche Schatzmeister die Juden wegen Anstiftung zum Aufruhr zu einem Bußgeld von fünf Tonnen Silber. Obwohl Rudolf geneigt ist, sie zu schonen, so hat er andere, dringlichere Geschäfte. Die Juden sind entbehrlich. Die reichen Bürger der Stadt hassen sie. Als sichtbar abgesondertes Volk sind sie immer in Gefahr. Die Gegenreformation nimmt an Heftigkeit und Stoßkraft zu. Die Kirche ist kriegerisch und erbost über die Widerspenstigkeit der Juden, so ähnlich der widerspenstigen Weigerung der Protestanten, doch leichter zu brechen.

Eine neue Gefahr ist die Blutbeschuldigung. Zu Pessach öffnen wir jedes Jahr am Seder-Abend die Tür, um Elia, den großen Propheten der Hoffnung und der Freiheit, einzulassen, wenn er zu uns kommen will. Ich kann mich erinnern, wie ich Riva erklärt habe, ich kann mich erinnern, wie ich Shira erklärt habe, und auch Gadi, ja, denn zu der Zeit war Sara zu krank, um den Seder zu machen, und Avram und Gadi kamen beide zu uns, wie diese Sitte in den schrecklichen Jahren der Blutbeschuldigung entstand. Damals glaubten die Christen, die Juden täten das Blut von Christenkindern in die Pessachmatze. Es ist eine Verballhornung der Geschichte vom Exodus, dem Tod der Erstgeborenen und der jüdischen Kinder, die vom Todesengel verschont wurden, eine Verwechslung mit dem Seder-Wein, der sich in ihrer Messe in Blut verwandelt. Was haben wir mit Blut zu tun, denen verboten ist, es zu verzehren? So begannen wir, die Tür zu öffnen, um zu zeigen, dass wir nichts zu verbergen haben. Wird Shira je wieder zu Pessach nach Hause kommen? Erst verheiratet mit dieser arroganten, zerbrochenen Kreatur. Jetzt geschieden, doch sie trödelt herum in der abgekapselten Konzernwelt.

Eine andere zunehmende Gefahr ist der Priester Thaddeus, der eigens aus Spanien nach Prag gekommen ist, um die Ziele der Inquisition zu verwirklichen. Er will einfach nicht glauben, dass Rudolf den Juden von Prag gestattet, ein Verlagshaus zu unterhalten, das Bücher in Hebräisch druckt, dass er ihnen erlaubt, Prozessionen abzuhalten und, wenn auch unter Anfeindungen, Gewerben und Künsten nachzugehen. Er will nicht glauben, dass des Kaisers eigener Mathematiker, der große Astronom Tycho Brahe, den Juden David Gans als Kollegen behandelt und in seinem Observatorium arbeiten lässt, dem modernsten in ganz Europa, oder dass Johannes Kepler, Brahes hochbegabter Gehilfe, sowie weitere Gebildete der Stadt die Kabbala lesen und erörtern. Hier in Prag führen Juden und Christen miteinander Streitgespräche über ketzerische Ideen wie die, dass die Planeten sich um die Sonne drehen, und sie werden nicht raschestens zum Widerruf gezwungen oder auf dem Marktplatz verbrannt – noch nicht. Aber Thaddeus hat seine grimmige Pflicht zu erfüllen. Er ist ein Gefäß, durch das die Leidenschaft für das, was er für die Wahrheit hält, in Sturzfluten braust. Wie Savonarola in Florenz, der einen Scheiterhaufen aus Kunstwerken errichtete, die ihm sinnlich und sittengefährdend schienen, der alle Renaissance-Gemälde verbrannte, deren er habhaft werden konnte. Thaddeus ist ein feuriger Redner, der eine Menge mit Leichtigkeit aufwiegelt. Menschen in Gruppen sind die Orgel, auf der er gern spielt. Vor allem ist sein Hass aufrichtig. Er sieht in den Juden eine Seuche, die durch Europa kriecht, wie zweihundertfünfzig Jahre zuvor den Juden die Pest zur Last gelegt worden war. Es ist eine geistige Pest, die er in Prag grassieren sieht. Gefährliches Denken ist die Seuche, die Seelen verdirbt.

Der öffentliche Disput wird an einem Sonntag vor einer riesigen Menge abgehalten. Judah muss versuchen, angesichts einer feindseligen und fanatischen Zuhörerschaft Stimmengleichheit zu wahren. Und genau das erreicht er um Haaresbreite, er kontert, er attackiert, aber er bricht den Angriff stets vor dem Sieg ab. Es ist ein langer Tanz in der Sonne des überfüllten Platzes, ein Tanz mit Schwertern und Feuer. Ein Tanz, der immer formeller wird, so dass die Menge sich zu zerstreuen beginnt, während der Maharal Thaddeus vom hohen Sockel der Redekunst herunterschmeichelt in das knorrige Labyrinth aus Philosophie, Theorie, Zitat, Übersetzungsfragen. Thaddeus wird verleitet zu Haarspaltereien über immer feinere Einzelheiten, untermauert von Zitaten und winzigen Unterschieden. Als es ihm endlich gelingt, sich daraus zu befreien, ist die vereinbarte Zeit verstrichen. Keiner hat gewonnen, und Thaddeus ist wütend, denn zu spät erkennt er die Kriegslist des Maharal – ihn in formelle Diskurse zu locken, die die blutrünstige Menge langweilen, ihn in akademische Erörterungen zu locken, die den Maharal als Gleichen behandeln und nicht als den Satan in Person. Die Menge kam zu einem Turnier und erlebte ein Seminar.

Der Maharal hat keine Zeit, sich an seinem geknebelten Sieg zu erfreuen. Ostern ist eine gefährliche Zeit und Ostern steht vor der Tür. Zu Ostern rotten sich oft Horden zusammen und schlagen drein. Zu Ostern kann es geschehen, dass angesehene Juden ergriffen und gefoltert werden, bis sie gestehen oder sterben.

Judah betet und fastet und bringt sich in Einklang mit den höchsten Sphären gemäß den Regeln der Kabbala durch die Speichen aller Emanationen bis hin zu dem All, welches das Nichts ist, das En Sof. Thaddeus ist erzürnt und wird seine Rache nehmen. In Judah kommen der Zaddik – der Gerechte – und der Chassid – der Fromme – zusammen. Ein Mystiker und ein Handelnder, tätig, leidenschaftlich, getrieben, kann sich Judah nie in seiner Meditation verschließen und die Gemeinde vergessen. Er betet und fastet und fastet und betet um eine Antwort auf die Gefahr, die er riechen, schmecken kann.

Dann, am siebenten Fastentag, schläft der Maharal über seinem Arbeitstisch ein, auf dem sich die hebräischen Seiten türmen, alte und neue Bücher und Reinschriften von Manuskripten fünfzig Gelehrter. Ihm träumt, er steht auf dem jüdischen Friedhof, inmitten der dicht gedrängten, windschiefen Grabsteine, die an die Seiten eines aufgeblätterten Folianten erinnern. Überall wehklagen Menschen und heben hastig Gräber aus. Er sieht einen Hügel aus bleichen Leibern, alle übereinandergeworfen. Er hat die zierliche Pinkas-Synagoge vor sich, und während er ihre Wand anschaut, schreibt eine Hand aus Licht das Wort GOLEM. Von rechts nach links schreibt sie immer wieder dieses Wort. Dann ruft eine Stimme, die ihm in den Ohren brennt, seinen Namen, einmal, zweimal. »Judah, du musst einen Golem aus Lehm machen, damit er aufsteht und das Ghetto bewacht und dein Volk rettet. Zaudere nicht. Steh auf und mache einen Golem.«

Yod, die Fähigkeit, Visionen zu sehen, ist eine von jenen menschlichen Begabungen, die gedeihen, wenn sie von einer Gemeinschaft belohnt werden, und die in den meisten von uns verdorren, wenn sie von der Gemeinschaft bestraft werden. Das heißt, ob die Fähigkeit, die Hand von ha-schem an die Wand schreiben zu sehen, Anerkennung einbringt für deinen frommen und prophetischen Scharfsinn oder ob du deswegen in der Klapsmühle landest, entscheidet darüber, wie viele Menschen in einer Gemeinschaft es sich zur Gewohnheit machen, das zu sehen, von dem andere meinen, es sei nicht wirklich da. Der Maharal hat die Fähigkeit entwickelt, Visionen zu sehen, denn sie ermöglichen ihm, zu meditieren, seinen Geist zu klären und das zu erfassen, was er für höhere Wahrheit hält. Aber wie die meisten Juden seiner Tradition hört er öfter Stimmen, und die Stimmen unterweisen ihn in seiner Pflicht.

Was ist der Golem, den zu machen ihm die Stimme befiehlt? Ein Wesen in menschlicher Gestalt, nicht vom ha-schem gemacht, sondern von einem anderen Menschenwesen vermittels esoterischen Wissens, insbesondere durch die Macht der Worte und Buchstaben. Das Sefer jezira, das mystische Buch der Schöpfung, soll das enthalten, was man meistern muss, um mit der Macht der Namen G-s und der Macht der Buchstaben und Zahlen einen Golem zu formen. Kabbalistische Tradition berichtet uns von vielen Weisen und Heiligen, die einen Golem erschufen, nicht zu irgendeinem Zweck, sondern als mystischen Ritus. Sie machten und zerstörten die wandelnden Lehmmänner, vereinten sich dabei mit der Schöpfungskraft und versetzten sich durch Gesang und den Schöpfungsakt in höchste Verzückung. Es war eine der Ruhmeskronen, die ein wahrhaft Heiliger tragen konnte. Gelegentlich wird uns auch von Weisen berichtet, die sich einen Golem zu privaten Zwecken machten, um Botschaften zu überbringen, das Haus sauber zu halten, so wie wir dafür Roboter benutzen, und diese Golems waren sowohl stumm als dumm.

Einzigartig ist, dass Judahs Golem nicht erfunden werden soll, um des Rabbis meisterliche Beherrschung des esoterischen Wissens zu beweisen. Ihm ist aufgetragen, so glaubt er, einen Golem zu erschaffen, der kämpfen, wachen, retten soll. Deshalb muss dieser Golem mit Verstand und der Gabe der Sprache geformt werden. Er soll eine Ein-Mann-Armee werden. Von dem Moment an, da Judah die Hand ›golem‹ schreiben sieht und die Stimme hört, die ihm zuruft, aufzustehen und dieses Geschöpf zu erschaffen, fragt er sich: Werde ich das wirklich tun? Sowie er die Möglichkeit erwogen hat, weiß er, dieses Unterfangen muss er geheim halten. Er hegt nicht den Wunsch, als Hexenmeister gefoltert zu werden, ein Weg, der einem polemischen, scharfzüngigen Rabbi stets offen steht.

Als eine, die selbst seit zwei Jahren an einem Geheimprojekt mitwirkt, identifiziere ich mich mit seinen Bedenken. Zu jedem Augenblick der Geschichte sind gewisse Richtungen, die dem forschenden Geist und der experimentierenden Hand offen stehen, verboten. Nicht immer ist das Wissen verboten, weil gefährlich: Regierungen geben ohne weiteres Milliarden für Waffen aus und verbieten kleinen Sekten das Peyote ihrer Ekstase. Was uns zu wissen verboten ist, kann – auch scheinbar – das sein, was uns zu wissen am meisten nottut.

Überdies reißt ein Mensch, der ein anderes menschliches Wesen erschafft, die Macht des ha-schem an sich. Er riskiert eine erschreckende Selbstverherrlichung. Er erhöht sich selbst über das Menschliche. Das ist gefährlich für die Seele, gefährlich für die Welt. Sobald Menschengeist eine Möglichkeit ersinnt, will er das Mögliche verwirklichen. Er will tun, ganz gleich, um welchen Preis. Der Maharal ahnt und weiß um menschliche Schwäche. Er schläft nicht und trinkt kaum ein wenig Wasser. Er kann nicht entscheiden, worin der wahre Weg liegt: Kommt seine Vision von ha-schem oder von seinem eigenen Ich, seinem Verlangen, sich als gelehrt zu erweisen, als heilig, als ebenso mächtig wie die Rabbis vor ihm, die Golems erschufen?

Der Maharal ringt eine ganze Woche lang mit sich, ob die Vision, die ihm kam, eine Versuchung ist oder ein wahres Gebot, eine wahre mizwa, die ausgeführt werden muss. Er schwankt. Noch nie zuvor hat in ihm so fiebrige Unentschlossenheit gebrannt. Er hat Angst zu handeln. Er findet immer wieder Gründe, sich seine Skepsis zu bewahren.

Einmal vor Jahren traf ich meine Tochter Riva heimlich in den Tiefen des Glop, diesem vollgestopften, stinkenden Slum, in dem die meisten Menschen leben. Damals, wir kauerten in einem Speicher voll zerborstener und verschrotteter Maschinen, sprach sie zu mir über die Versuchung der Gefahr: wie manchmal die nahezu gänzliche Unmöglichkeit der Durchführung einer Aktion sie unwiderstehlich macht. Sie muss es tun, weil man es nicht tun kann, weil es nicht nur verboten ist, sondern darüber hinaus als undurchführbar gilt. Zu der Zeit begann sie, von der reinen Datenpiraterie zu etwas Politischerem überzugehen, zu etwas noch Gefährlicherem. Da begann sie ihren Kreuzzug, Information von den Multis zu befreien. Der Maharal, er liegt wach, wie ich wachliege, hat Angst vor dem Heilmittel, für dessen Herbeischaffung er sein Leben wagen müsste, so wie er Angst hat vor der wachsenden Gefahr für die, die in seiner Obhut leben. Er kann sich nicht entscheiden, er liegt reglos vor der Nacht und dem Kommenden, er wartet auf ein weiteres Zeichen.

4Shira
Durch das brennende Labyrinth

Am Tag der Aprilscherze mischte sich Shira, deren rückenfreie Dienstkluft hier auffiel, unter die hunderttausend Tagelöhner, die den Untergrundzug nach Osten nahmen. Die zwölf Rolltreppen zur U-Bahnstation lagen unmittelbar außerhalb des Kuppeldoms, und der Gluthauch der Fünf-Uhr-Hitze legte sich mit sengender Last auf sie. Ihr Anzug war weiß, da sie offiziell von Y-S Abschied nahm. Die einfahrenden Arbeiter standen in der immer noch gefährlichen Nachmittagssonne Schlange, um nach dem Scannen ihrer Handflächen in den Kuppeldom eingelassen zu werden, aber wer rauswollte, musste sich nicht scannen lassen. Wenn sich jemand aus der Sicherheit hinaus in die Hölle begeben wollte, war das seine Sache. Niemand würde sich zu Fuß davonmachen in die Wüste von Nebraska.

Shira nahm die U-Bahn quer durchs Land, ihr Waggon war heiß und überfüllt. Sie konnte nur hoffen, dass ihr Gepäck irgendwann ankam, die Wahrscheinlichkeit, dass Diebe es unterwegs abgriffen, war eigentlich größer. Ihre Hände umklammerten den Gurt, der sie an ihrem Platz hielt. Der Waggon war fensterlos, da es untertage absolut nichts zu sehen gab. Sie fuhr zwei Stunden, bevor sie in Chicago Quartier nahm; sie verbrachte die Nacht in der U-Bahnstation, eingeschlossen in eine Kapsel von 1,80 mal 2,40, denn nach Einbruch der Dunkelheit würde sie nie und nimmer sicher durch den Glop gelangen.

Am nächsten Morgen hatte sie noch zwei Stunden bis Boston. Sie mochte gar nicht an Ari denken, mit seinem Vater auf dieser Plattform zwischen Erde und Mond. Weinte er? Fragte er sich immer noch, wo sie blieb, warum sie nicht gekommen war, ob sie je kommen würde? Sie fühlte sich in Stücke gerissen. Würde Josh auf erste Anzeichen einer Mittelohrentzündung achten? Sie hatte versucht, auf Pazifika anzurufen, aber Josh hatte die Verbindung nicht angenommen.

Sie hatte keine Ahnung, wie es sein würde, mit Avram zu arbeiten, sie hatte keine Ahnung, wie es sein würde, heimzukehren und wieder bei ihrer Großmutter zu leben. Sie war mit siebzehn von zu Hause weggegangen und seitdem nie länger als eine Woche dort gewesen. Bei diesen Besuchen beförderte ein Schwirrer sie aus der Konzern-Enklave in die freie Stadt, in gut einer Stunde aus der totalen Festungssicherheit in den zerbrechlichen Frieden, ohne durch den maßlos überbevölkerten Glop zu müssen. Jetzt fühlte sich ihr Leben an wie ein Kristallgebilde, das in gleißende, gefährliche Splitter zersprungen war und sie blutend zurückließ. Alles, wofür sie gearbeitet hatte, alles, was sie mit ihrem ganzen manchmal überbordenden Elan geschaffen oder erhalten hatte – ihre Ehe, Ari, ihre Arbeit –, war zerstört oder ihr geraubt worden. Im Zug herrschten an die vierzig Grad. Sie rang nach Atem in der schlechten Luft.

Erschöpft und von Sauerstoffmangel gepeinigt stolperte sie aus der U-Bahn. Ihr Kreuz tat weh und ihre Nebenhöhlen brannten. Sie hatte Kopfschmerzen, als habe ihr Gehirn sich Blasen gelaufen. Doch jetzt war sie im Glop und hatte keine Zeit, sich um Wehwehchen zu kümmern, wollte sie unversehrt und am Leben bleiben. Über ihren rückenfreien Dienstanzug zog sie den dünnen schwarzen Überwurf, den fast alle Frauen und alte Leute und viele Männer auf den Straßen trugen. Er verdeckte Alter, Rang, Geschlecht und ließ alle nahezu gleich groß aussehen. Während ihrer Jahre bei Y-S hatte sie ihn nicht getragen, in den Multi-Enklaven gab es keine Gangs. Sie zog die Handschuhe aus Metallmaschen über die Hände, obwohl ihr klar war, dass sie damit höchstens den einen oder anderen Messerschlitzer abschreckte und dass jeder richtige Handhacker das Schutzgewebe ohne weiteres durchlasern konnte. Hätte sie sich ein Schild umhängen können, das anzeigte, wie niedrig ihr Kredit stand, sie wäre in Sicherheit gewesen. Ihre Hand war heute fast wertlos. Malkah hatte ihr wohl genug überwiesen, um ihr heimzuhelfen; ansonsten war sie blank.

Im Glop lebten Tagelöhner und Gangniños und Arbeitslose – die große Mehrheit der Menschen auf dem Kontinent. Die Übrigen waren zumeist Bürger einer Multi-Enklave. Die freien Städte waren Ausnahmen, wie auch die Landwirtschaftszonen. Die meisten Einwohner freier Städte wie der, in der sie aufgewachsen war, hätten sich direkt an einen Multi verkaufen können, statt von Gelegenheitsaufträgen zu leben, zogen es aber aus irgendwelchen persönlichen Gründen vor, außerhalb der Enklaven zu bleiben: eine Minderheitsreligion, eine sexuelle Neigung, die von dem betreffenden Multi nicht geduldet wurde, vielleicht auch einfach ein archaischer Drang nach Freiheit.

Der Umhang bauschte sich um sie und roch muffig. Die Jahre, die er zusammengefaltet am Grunde eines Speicherwürfels gelegen hatte, hatten ihn nicht besser gemacht, doch sie fühlte sich sofort sicherer darin, als sie sich unter die Menge auf den Gleitern mischte. Die meisten trugen schwarze Umhänge und wirkten darin wie finstere Nonnen. Sie näherte sich den oberen Ebenen der Station und tastete nach ihrer Filtermaske. Schutzbrille, Maske, Umhang, Kühlmittel; sie hatte alles, was sie zum Betreten der Straße brauchte. Dazu half ihr eine Dosis Amphetamin aus einer Kapsel, die sie von einem Händler kaufte, kurz mit ihrem Taschen-Scanner überprüfte und dann einwarf, während der Gleiter sie ruckend beförderte. Die dämpfte ihre Paranoia so weit, dass sie sich im Labyrinth der Station zurechtfinden konnte. Hunderte kampierten dort und schliefen in den schmutzstarrenden, zerfallenden Gängen, die Tag und Nacht widerhallten von fernen Stimmen, unterdrückten Schreien, Trommeln, Zak-Musik, dem Geriesel von Abwässern, dem Zischen ausströmender Kühlmittel. In einigen Gängen waren Läden, die Kleidung verkauften, Bottichnahrung, Fertignahrung, Stimmies und Spikes. Spikes waren in der Y-S-Enklave strikt verboten. Sie waren noch lebensechter als Stimmies. Statt nachzuvollziehen, was ein Schauspieler sah, fühlte, berührte, empfand, wurde der Benutzer unmittelbar in das Geschehen hineinversetzt, und die Wahrnehmungen waren noch intensiver – so hatte sie gehört. Man erzählte sich von tot aufgefundenen Jugendlichen, die sich in ihre Lieblingsabenteuer oder Pornos versenkt hatten, bis sie verhungert waren.

Wenige Multis erlaubten Freizeitdrogen, es sei denn, der Konzern selber gab sie aus. Im Glop wurde jede jemals erfundene Droge von Straßenhändlern angeboten. In anderen Fluren hausierten Händler mit dem Abfall der Zeiten: Müll aus den Enklaven, Gerümpel aus dem vorigen Jahrhundert, zu Möbeln, Kleidern, Waffen umgearbeitet, verdrahtete Skelette von ausgestorbenen Exoten wie Rotkehlchen und Grasmücken, ausgeschlachtete Teile, die zu behelfsmäßigen Robotern umgebaut waren. Ihr Blick fiel auf ein Messer aus organischem Harz, das sich mit Prüfgeräten nicht ausmachen ließ.

»Wie viel Betty für den Stecher?«

»Für dich, Prinz?« Hinter der Metallmaske glitzerten blutunterlaufene Augen. Sie zuckte zusammen. Prinz war jemand mit Geld. Sie konnte die Glop-Sprache nicht sprechen und wurde sofort als Grützer erkannt, als Multi-Angestellte. »Cuarenta dos. Zweiundvierzig. Der Stecher jault nicht unterm Strahl.«

»Treinta. Dreißig.« Sie ließ das Messer wieder in die Auslage fallen.

Sie feilschten noch fünf Minuten nach altem Brauch. Sie bezahlte sechsunddreißig. Er hatte ein reguläres Kredit-Gerät. Sie zog den Handschuh aus und steckte vorsichtig die Hand hinein. Er hatte das Gerät manipuliert, so dass anstelle des Betrags und der Gutschrift ihr Kontostand erschien.

»Ey, Prinz, harte Zeiten, was? Abgebrannt wie ’ne leere Wand. Du klingst como junges Fleisch. Ich hab ’n sauberen kleinen Käseladen …«

Sie steckte das Messer in den tiefen Saum ihres Ärmels und schritt hinaus. Heiß war es, heiß, heiß, heiß. Ihr Hirn schmolz in den giftigen Dämpfen. Sie war hungrig und durstig. Sie besaß noch etwas Wasser, das musste ihr reichen. Sie hatte keine Ahnung, welche Krankheiten zurzeit im Glop grassierten, aber es gab ständig neue Arten von Typhus und Hepatitis, neue Virusplagen, die immer noch von den Tropen auf Eroberung ausgingen. Sie musste ihren Hunger eben ertragen. Es nutzte nichts, sich auszumalen, woraus die › Burger‹ oder ›Sushi‹ gemacht waren, Tier, Pflanze, Mineral. Ob sie in ihrer vorigen Inkarnation gelebt hatten oder nicht, jetzt wimmelten sie nur so von ortsüblichen Protozoen und Bakterien. Die Essensgerüche ließen ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen, aber sie verlangsamte keine Sekunde ihre Schritte. Geh rasch, aber renne nie. Alte Straßenregel. Einige der Speisen wurden auf Holzkohle gegrillt, andere auf Laserbrennern gekocht, wieder andere wurden einfach über Feuern gewendet, auf dem Boden des alten Gebäudekomplexes, den Tunneln, die einmal ein Untergrundverkehrssystem gewesen waren. Teile der alten Anlage waren überflutet; der Rest war bewohnt.

Die meisten der Händler hockten ebenfalls in schwarzen Umhängen da, Gangmitglieder hingegen waren an ihren Uniformen zu erkennen, an Bemalungen, Tätowierungen, daran, dass sie wagten, ihre Waffen, Beine, Gesichter und Brustkörbe zu zeigen. Sie trugen Waffen offen zur Schau, alles Mögliche von Messern bis zu Lasergewehren; offiziell waren Waffen illegal, aber die einzigen Gesetze, die hier galten, waren die Reviergesetze der Gangs, die einen Teil des Glop kontrollierten. Sie trafen sich zu Raubzügen oder Palavern mit Bittstellern, verunsicherten Marktplätze und öffentliche Orte wie die U-Bahnstationen, die Krankenhäuser.

Scharfer Gestank von Urin und Kot. Ein Toter. Nein, er lebte noch. Um den Körper mit zerfetzter Brust, aus der stoßweise das Blut spritzte, stand ein singender Kreis von Gangniños. Alle trugen abgeschnittene Jacken in Violett und Gold, den Rücken schmückte eine zähnefletschende Ratte, Blitze schossen ihr aus den Augen, ihr Körper pulsierte, eingefangen in unendlicher Sprungbewegung, immer und immer wieder. Sie sangen ihr Mordlied. Shira blieb stehen, ging weiter. Fünf Minuten später könnte sie dort liegen. Überall bekriegten sich die Zeichen von zwei Gangs, ins Pflaster gelasert, auf Wände gesprüht. Umkämpfte Reviere waren gefährliches Gebiet, Kriegszone.

Sie sah eine Treppe vor sich. Eine Schranke war davor errichtet, bewacht von einer Gruppe, die wie der niedergestochene Junge gekleidet war. Sie hatten einen alten, notdürftig hergerichteten Handleser, und die Schlange schob sich daran vorbei. Shira ließ sich den Treppenzoll ablesen, ging durch die Sicherheitsschranke, bezahlte und stieg empor in die Ödnis. Teile des Glop waren unter Kuppeln, aber bevor der Ausbau abgeschlossen war, hatte die Regierung aufgehört zu funktionieren. Es gab immer noch Wahlen, alle zwei Jahre, aber das waren nur noch Sportereignisse, auf die hohe Wetten abgeschlossen wurden. Die Tätigkeit der Politiker beschränkte sich darauf, sich um ein Mandat zu bewerben. Jeder Sektor wurde von den Resten der alten UNO verwaltet, der Ökopolizei. Nach dem Tod der zwei Milliarden in der Zeit der Großen Hungersnot und der Seuchen hatte sie die Hoheit zu Lande, zu Wasser und in der Luft, außerhalb der Kuppeldome und Schutzhüllen. Ansonsten regierten die Multis ihre Enklaven, verteidigten die freien Städte sich, so gut sie konnten, und verrottete der Glop unter dem giftigen Himmel, beherrscht von sich befehdenden Gangs und Bossen.

Draußen rückte sie ihre Schutzbrille zurecht und schaute sich nach einem Transportmittel um. Kurzstrecken-Peditaxis konnten sie nicht aus dem Glop hinausbringen. Sie war nicht weit vom nördlichen Siedlungsrand. Sie musste ein Schwebauto mieten. Sie hörte einen hohen Heulton und warf sich in eine Gebäudenische, bevor die Armada der Staubreiter in einem Sturmwind aus Geschwindigkeit und blitzendem Metall über den Platz raste. Nicht alle waren schnell genug. Blut sprühte aus der Staubwolke. Als sie vorbei waren, lagen Gliedmaßen von zwei Körpern über das brüchige Pflaster verstreut. Sie bahnte sich ihren Weg vorbei an Hundemeuten, die sich um das Fleisch balgten, zu den Schwebautos, die am nördlichen Ende des Platzes angeschlossen waren. Ein Frachtbehälter hatte am östlichen Ende des Platzes Halt gemacht, und eine Ansage rief nach Aufsammlern und Bottichjungen. Aus den zerfallenden, bis in den letzten Winkel dicht bewohnten Gebäuden drängten Massen Arbeitsloser zu dem Behälter.

An der Einfriedung um die Schwebautos steckte sie ihre Hand in den Leser, und der Monitor ließ sie eintreten. Der Autochef stellte die Koordinaten ein. Versuchte sie, diese zu ändern, würde das Auto einfach anhalten. War sie angelangt, kehrte es automatisch zurück. Sie bezahlte im Voraus. Ihr ging allmählich der Kredit aus, doch sie hoffte, in einer Stunde zu Hause zu sein. Das Schwebauto fuhr auf einem Luftkissen über die alten zerborstenen Straßen. Es konnte für kurze Strecken in niedriger Höhe fliegen, was häufig nötig war, um einen Fluss zu überqueren oder eine Schlucht, an der eine Brücke zusammengebrochen war. Es war solarbetrieben, leise und nicht besonders schnell. Es konnte auch Wasserflächen überqueren, was wichtig war, denn wenn man eine Strecke eine Weile nicht gefahren war, wusste man nie, wie weit die See ins Land eingedrungen war und tiefer liegende Gebiete überflutet hatte. Was vor drei Jahren noch Festland gewesen war, mochte schon unter Wasserwogen begraben sein, denn seit die Polkappen rasant abschmolzen, stiegen die Weltmeere ständig. Schwebautos waren die Fahrzeuge der Konzern-Grützer und der freien Städte. Schnellpanzer konnten ebenfalls zerklüftetes Gelände überwinden und waren zudem bewaffnet. Konzerndienstreisen wurden meist in Schwirrern zurückgelegt.

Ein gemietetes Schwebauto stellte keine hohen Anforderungen. Sie brauchte nichts weiter zu tun, als es um und über Hindernisse zu lenken. Es hatte die Koordinaten ihres Ziels und fuhr von allein. Am Himmel kreiste eine weite Spirale von Aasgeiern. Sie konnten inzwischen der UV-Strahlung widerstehen. Sie konnten in der Ödnis überleben, wie auch die meisten Insekten, wie auch Möwen und Ratten und Waschbären. Menschen nicht. Singvögel nicht, alle tot. So gedieh das Ungeziefer und suchte in Wellen das Land heim, fraß die Hügel zu Wüste. Erosion tat ein Übriges. Krüppelbäume wie Pechkiefer, Wildkirsche und Bäreneiche hatten Zuckerahorn und Weymouthkiefer verdrängt. Brombeersträucher und Hundsrosen wucherten in undurchdringlichem Dickicht, dem sie auswich.

Das Auto schlug automatisch den Weg nach Osten ein, zum Ozean, vermied dabei den Rand der Cybernaut-Enklave. Multis gestatteten privaten oder gemieteten Autos nicht die Durchfahrt. Sobald sie die Enklave mit ihrer grünen Parklandschaft und der funkelnden City unter dem Kuppeldom umfahren hatte, gelangte sie in das Gebiet der freien Städte entlang der Küste. Die Straße, der sie nun folgte, führte geradewegs ins Meer, denn die tief liegenden Küstenstädte waren im Großen Wirbelsturm von ’29 zerstört worden. Die Hülle von St. Marystown glitzerte unter der Bernsteinsonne. Die Wellen rochen nach Petroleum und Salz. Jetzt konnte sie die Anhöhe aus dem Wasser ragen sehen, auf der ihre Stadt, Tikva, erbaut war. Die Schutzhülle schwebte auf Stützen darüber wie eine leuchtende Wolke. Shira steuerte das Auto an Land und den Hügel hinauf nach Tikva. Sie landete vor dem Tor, das dem Meer zugewandt war, stieg aus und ließ das Auto wenden und abdrehen.

Sie stand mit ihrem Bündel vor dem Tor. Erst jetzt fiel ihr ein, den schwarzen Umhang abzulegen. Nichts blieb, als dorthin zurückzukehren, wo sie als Kind genährt worden war. Würde es ihr als Zufluchtsstätte dienen? Vielleicht war Gadi noch hier. Bei elektronischer Übertragung waren sie Freunde, aber Gadi in Fleisch und Blut war mehr, als sie sich zumuten wollte. Wahrscheinlich konnte sie sich in die Stadt stehlen wie als Jugendliche mit Gadi, doch sie hatte keinen Grund dazu. Langsam näherte sie sich dem Monitor. Würde er ihren Handabdruck noch erkennen? Er tat es. Die Männerstimme des Stadtcomputers grüßte sie mit Namen. »Shira, Malkah Shipman erwartet dich. Avram Stein erwartet dich. Willkommen.«

Sie war verlegen, weil ihr Tränen in die Augen schossen, während sie den Umhang in ihre Schultertasche stopfte. Einen Augenblick später war sie froh, dass sie nicht versucht hatte, sich hineinzustehlen, denn sie begegnete zwei jungen Leuten, die Wache hielten. Als Sicherheitskräfte waren sie mit Pfeilgewehren ausgerüstet, die lähmend wirkten. Sie hatten gehört, wie der Monitor sie begrüßte, und nickten sie vorbei. Die Lage musste angespannt sein, dass Menschen an der Umgrenzung Wache hielten. Die freien Städte waren nicht berechtigt, Laserwaffen zu kaufen, auch wenn sie es manchmal auf dem Schwarzmarkt taten. Sie verließen sich überwiegend auf Schocker und Tranquilizer oder auf Sonarwaffen.

Unter der Schutzhülle zu gehen war anders als unter einem Kuppeldom. Die Hülle war durchlässiger für Licht und Wetter, eigentlich hielt sie nur die UV-Strahlen ab. Die Temperatur drinnen war nur geringfügig höher als draußen. Die Umgrenzungen wurden durch Computer überwacht; überschritt jemand die Schranke, löste er Alarm aus. Die Tore mit Handlesern gingen in jede Hauptrichtung. Tobte ein Wirbelsturm, was inzwischen oft vorkam, konnte die Hülle zu ihrem Schutz eingerollt werden. Die freien Städte waren entlang der Küste aus dem Boden geschossen, denn solch ein Standort war verwundbar und galt als gefährdet; kein Multi mochte Überflutung riskieren. In dieser unbeanspruchten Randzone gediehen die freien Städte.

Shira schlenderte durch die Straßen. Alle Gebäude waren verschieden, obwohl keines höher als vier Stockwerke sein durfte. Manche Häuser waren aus Holz gebaut, andere aus Ziegelsteinen, andere aus den neuen Harzen, andere aus Polymeren, wieder andere aus Stein. Shira fand die Harmonien und Disharmonien reizvoll – kleine spanische Haciendas, strenge klassizistische Villen, Holzschindelhäuser mit Steildach, ein Nachbau von Fernandez’ berühmtem Tanzenden Haus auf seinem Sockel, alle drängten sich Schulter an Schulter im gleichen Block. Nach der Einförmigkeit der Y-S-Enklave versetzten die Farben, die Strukturen, die Geräusche und Gerüche sie in einen Zustand des Entzückens, und sie merkte, wie sie immer langsamer ging und den Kopf wild hin und her drehte wie eine Blöde. Warum war sie je fortgegangen?

Es war auch ein seltsamer Anblick, dass die Dinge alt waren, rissig, verwohnt, Häuser, die einen Anstrich brauchten, ein mit Brettern vernageltes Fenster, ein kaputtes Geländer. Die Menschen hier führten ihre Reparaturen selber aus, wann sie die Zeit dafür fanden. Anarchische kleine Tulpenbeete und Tomatenpflänzchen, Bohnensprossen, die sich daranmachten, ihre Stangen zu erklettern, säumten die Straßen. Um halb drei waren fast alle an der Arbeit. Ein Reinigungsroboter werkelte die Straße entlang, hob hier und da Abfälle auf und fegte wie ein wild gewordener Handfeger. Aus einem offenen Fenster drang Geigenspiel, jemand übte und wiederholte unablässig eine Passage von Wieniawski. Sie fragte sich, warum sie das befremdete, bis ihr einfiel, dass bei Y-S Fenster normalerweise nicht geöffnet wurden. Gelegentliche Passanten waren lässig gekleidet: am Hals offene Hemden, Hosen, ein weiter Rock, Shorts, denn der Tag war der Jahreszeit entsprechend mild. Sie kam sich lächerlich vor in ihrem Y-S-Standardanzug, der inzwischen dreck- und rußverschmiert war. Ein Paar ging an ihr vorbei, sie unterhielten sich laut über irgendjemandes Mutter, ihre Stimmen tönten unbefangen. Hinter einer Hecke bellte ein Hund ein Kaninchen in einem Verschlag an. In kleinen Vorgärten staksten Hühner umher und in einem stolzierten gesprenkelte Truthähne. Ari wäre ganz aus dem Häuschen beim Anblick lebender Tiere. Die Gerüche überfielen sie: Tiergerüche, Gemüsegerüche, der Duft der gelben Tulpen, der schwerere Duft der Narzissen, Kochdüfte, der scharfe Dunst eines Misthaufens, der salzige Atem der See. Alles wirkte … ungeregelt. Wie unterernährt, wie verkümmert waren ihre Sinne in all diesen Y-S-Jahren. Wie kalt und träge kam ihr diese Konzern-Shira vor, als sie nun spürte, wie sie auftaute.

Das Haus ihrer Kindheit: von der Straße her ein unerschütterliches, quadratisches Schindelhaus, zwei Stockwerke boten eine Reihe großer, unterteilter Fenster. Es hatte sein Geheimnis, nämlich dass es um einen Innenhof gebaut war wie die Synagoge, in die sie immer gegangen war, die mit Namen Wasserschul. Niemand vor dem einundzwanzigsten Jahrhundert hatte Blumen und Obstbäume, kleine Vögel und die schlichte Schönheit grüner Blätter jemals so geliebt wie die Menschen, die nach der Hungersnot lebten. Für die waren sie kostbar und selten und ständig gefährdet. Shira war nach der Hungersnot geboren, nachdem die steigenden Ozeane viele der Reis- und Brotkörbe der Welt unter sich begraben hatten, nachdem die steigenden Temperaturen die Meeres- und Luftströmungen verlagert und einstiges Ackerland in Wüste und Steppe verwandelt hatten, nachdem das Versiegen der Ölquellen der Agrarwirtschaft zu Lande ein Ende bereitet hatte; doch die Auswirkungen und Geschichten der Hungersnot hatten ihre Kindheit geprägt.

Malkah wartete im Innenhof. »Ach Shira, endlich bist du zu Hause.«

»Seit Ari geboren ist, wollte ich ihn hierherbringen, damit ihr euch kennenlernt. Jetzt bin ich hier, aber ohne meinen Sohn. Was hat das für einen Sinn?«

»Zeit für dich, nach Hause zu kommen. Aber hier ist es gefährlich. Wir stehen unter Belagerung. Wir reden später darüber. Jetzt komm und lass dich in die Arme nehmen.«

Malkah kam ihr kleiner vor, zerbrechlich und doch fest. Die gelbe Rose rankte sich immer noch an der Wand empor, im Innenhof standen immer noch Pfirsich- und Pflaumenbäume, wuchsen immer noch Weinstöcke und Kosmeen, Kürbis- und Tomatenpflanzen, fast ein Garten Eden. Shira hielt Malkah an sich gedrückt, ahnte die Stärke ihrer Großmutter, ihr Alter. Malkah war für sie immer alt gewesen, denn Malkah war eine bobe, und Großmütter waren alt, aber Shira wurde im Nachhinein klar, welch junge und außerordentlich vitale Großmutter Malkah gewesen war. Malkah war 1986 geboren, also musste sie jetzt zweiundsiebzig sein.

Shira verspürte eine Erleichterung, als habe eine Spannung, die schon so lange andauerte, dass sie sie nicht einmal mehr als Spannung wahrgenommen hatte, plötzlich nachgelassen, als habe ein hoher Maschinensummton im Hintergrund plötzlich aufgehört, so dass eine selige und bestürzend reiche innere Stille sie durchströmte. Das war das Zuhause, dem sie entflohen war, nicht aus einer unglücklichen Kindheit, sondern aus einer zu frühen und zu heftigen Liebe, einem zerrissenen Paradies.

5 Shira
Vor fünfzehn Jahren: Der Tag des Alef

Mit dreizehn hatte Shira leidenschaftlich und heimlich geliebt und war wiedergeliebt worden. Sie wusste aber auch, dass dies etwas war, was alle verurteilten und schlechtmachten – alle außer Gadi und ihr.

Sie liebte nicht Gadi allein, nur ihn am glühendsten. Sie liebte auch ihre Großmutter Malkah und ihren großen, geschmeidigen braunen Kater Hermes. Hermes hatte zu ihr gehört, seit sie ihn als kleines Kätzchen in der Ödnis ausgesetzt gefunden hatte, wo er unweigerlich eingegangen wäre. Katzen waren nicht ans Überleben in der Ödnis angepasst. Er war wertvoll, denn die Stadt wurde von einer Mäuseplage heimgesucht. Mäusen und Mücken gefiel das Leben unter der Hülle. Er war für Shira kostbar, denn er liebte sie ohne Kritik, ohne Anspruch und ohne Ende. Malkahs Liebe war stark, aber rau, schrubbte sie sauber. Gadis Liebe trug Rosen und auch Dornen, wie die ausladende Kletterrose vor ihrem Schlafzimmerfenster, die sich an der Hofmauer bis zu ihr emporrankte.

Ihre Großmutter hatte sie aufgezogen, so war es bei den Frauen ihrer Familie Brauch. Malkah erzählte ihr, wenn eine Frau ein Kind bekam, so blieb es bei ihrer Stammlinie. Männer kamen und gingen, aber sie sollte sich einprägen, dass ihr erstes Kind ihrer Mutter und ihr gehörte, nie dem Vater. Malkah sagte, Liebe sei hauptsächlich Unsinn und Selbsthypnose, und Männer seien im Großen und Ganzen ein Gewinn bei der Arbeit und ein Genuss im Bett, aber ansonsten erwarte nicht viel. Von ihr erwartete Malkah viel. Sie war die Tochter der Stammlinie.

Shira wusste es besser. Mit dreizehn wusste sie viel mehr über die Liebe als Malkah. Malkah mochte sagen, Männer seien etwas Vorübergehendes, aber Gadi war es nicht. Gadi hatte zu ihr gehört, seit sie ihm in der zweiten Klasse begegnet war, als seine Familie nach Tikva zog. Gadi sagte, sie seien füreinander bestimmt. Andere Menschen irrten ihr ganzes Leben lang durch die Welt auf der Suche nach ihrem Zwilling, ihrem Geliebten, ihrem anderen Ich, das sie ergänzen und ihr tiefstes Verlangen stillen würde, doch Gadi und sie hatten einander so früh gefunden, dass sich niemand je zwischen sie schieben konnte. Dennoch war es nicht einfach, ihn so heftig zu lieben, wie sie es tat. Er war nicht einfach. Die Welt hielt sie für Kinder und weigerte sich, ihren Bund anzuerkennen – wurde er je sichtbar, waren sie in Schwierigkeiten. Nichts erlebten sie so intensiv wie die Zeiten, da sie sich bei den Händen fassten und in ihre eigene, private Welt stürzten. Sofort leuchteten die Farben. Sofort wurde die Helligkeit intensiver und die Dunkelheit lauerte finsterer und gruseliger und verlockender. Gefühle durchschauerten sie, süß und bitter wie die Pampelmusen, die jeden Winter mit dem Schiff aus South Carolina kamen.

»Komm, wir verreisen«, sagte Gadi immer zu ihr, und Shira antwortete: »Dann komm.«

Natürlich meinte er keine echten Reisen, obwohl sie vorhatten, um die ganze Welt zu fahren und unter dem Meer entlang und empor zu den Satellitenstädten. In Stimmies waren sie überall gewesen, aber Shira war eigensinnig: Was sie nicht in ihrem eigenen Körper getan hatte, das zählte nicht. In der Hinsicht war sie altmodisch, so hatte Malkah sie erzogen. Sie erkundeten nur ihre kleine Welt und gaukelten sich etwas vor.

Doch das Vorgaukeln zusammen mit Gadi war für Shira realer als die Schule oder die Stimmies oder ihre eigenen Gedanken. In der Schule wechselten sie kaum ein Wort, denn sie hatten eine Körpersprache entwickelt, rasche Zeichen und Blicke, zu schnell, als dass andere sie verstehen konnten. Seit Shira halbwegs der Kindheit entwachsen war, schützten sie ihre Freundschaft durch Heimlichkeit. Jungen hatten mit Jungen zu spielen und Mädchen mit Mädchen. Von ihr erwartete man, dass sie am engsten mit einem Geschöpf aus ihrer Klasse befreundet war, wie Hannah, die unaufhörlich kicherte, oder Zee, die alles, was sie oder ihre Freundinnen taten, haarklein ihrer Mutter erzählte, blöde Kuh. Niemand hatte je gesagt, Gadi und Shira dürften sich nicht nah sein, weil es verboten war, aber sie lernten, auf die Blicke der anderen Acht zu geben, ihre Witze, ihre Sprüche, ihre Neugier, klebrig und beschmutzend. Sogar die, die es gut meinten, taten ihren Bund als niedlich oder vorübergehend ab.

Jahrelang hatten sie nichts weiter verheimlicht, als dass sie gerne zusammen Karten spielten, Puzzles legten, sich Geschichten vorspielten von Heldentum und Rettung aus Gefahr. Es war wiederum nicht direkt verboten, fand aber auch keine Ermutigung, die verborgenen Ebenen der Stadt auszukundschaften, die alten, verlassenen Straßen, die leeren Häuser und Keller, die vergessenen Dachböden. Dort spielten sie sich ihre Dramen vor, ihre Träume, Geschichten aus den Stimmies. Jahrelang hatte Shira diesen magischen Kreis gehabt, in den beide sich einspinnen konnten, den Gadis Phantasie zum Leuchten brachte, ein Ort, an dem sie nie allein oder gelangweilt sein konnte. In dieser privaten Welt des Spiels, viel intensiver, viel wirklicher als die Wirklichkeit, war sie, was immer sie sich ersehnte. Furcht gehörte als eine Art Hintergrundgeräusch zum Heranwachsen. Beide konnten nicht in verlassenen Wohnstätten spielen, ohne daran zu denken, dass einmal viel mehr Menschen auf der Welt gewesen waren, zu viele, vor der Hungersnot, den Seuchen, den örtlich begrenzten Kriegen.

Beide hatten alte Schutzhäute, die sie in einem Schuppen verwahrten. An manchen Tagen rannten sie in die Ödnis hinaus, außerhalb der Hülle, die die tödlichen Sonnenstrahlen abhielt, um im Schutz der dünnen Schicht Hartgel unter dem Mostrichhimmel herumzulaufen. So wanderten sie oft zu der versunkenen Stadt mit ihren altmodischen hohen Gebäuden, wo die Flut durch Marmorhallen spülte und sich an zerborstenen Fahrstühlen brach und an Treppen, die hoch und höher führten. Alles Holz und Metall war schon vor Jahren geplündert worden. Ihre Streifzüge in die zerstörte Stadt waren verboten und gefährlich, denn sie wussten nie, wer oder was ihnen dort begegnen konnte: marodierende Banden, Organfledderer, denen es überhaupt nichts ausmachte, wenn der Körper, den sie fanden, sich noch bewegte. Shira liebte das Meer. Jahrelang hatten sie dort gebadet, trotz der Unterströmungen und der Haie, und nicht immer hatten sie im Wasser anstelle der Schutzhaut das Fett zum Schutz gegen die Sonnenstrahlung getragen. Sie genossen es, sich gemeinsam auszuziehen, heimlich, und dann in die warme Umarmung des Salzwassers zu gleiten. Shira schwamm gut, und die See stärkte und belebte sie. Im Wasser waren sie gleich stark. Oft erzählte sie Gadi, sie seien beide Kinder der See. Gadi gefiel die Idee, irgendjemandes Sohn zu sein, nur nicht Avrams. Gadi hatte das Gefühl, es seinem Vater nie recht machen zu können, ganz gleich, was er tat. Avram wollte einen Sohn mehr wie er selbst: einen mit der Neigung zur Wissenschaft, strebsam, gelehrsam, überragend auf einem eng begrenzten Gebiet. Je mehr Gadi er selbst war, desto mehr verzweifelte sein Vater an ihm. Gadi konnte Avram nur zufriedenstellen, indem er sich wie ein anderer verhielt, doch das ging auf Dauer nicht.

Heute, nach der Schule – sie hatten beide gerade mit der Oberschule begonnen, denn Gadi war vierzehn und Shira sieben Monate und zwei Tage jünger – erzählten sie ihre jeweiligen Ausreden. Shira sagte dem Haus, dass sie für eine Klassenarbeit in Geschichte mit Zee lernte. Bestimmt kam sie vor Malkah heim; falls jedoch nicht: Malkah, die Zees Familie nicht ausstehen konnte, würde niemals dort anrufen. Malkah arbeitete manchmal zu Hause und manchmal im Basisbüro. Die Computerbasen waren die Goldminen der Stadt, dort wurden die Systeme erschaffen, die der wichtigste Exportartikel waren. Malkah und Avram waren beide Basisaufseher, gehörten zu den geachtetsten Forschern (oder, wie Malkah lieber genannt wurde, Designern) auf ihrem Gebiet. Die Produkte und Systeme, die sie für verschiedene Multis entwickelten, waren das Fundament für die Unabhängigkeit der Stadt.

Manchmal, wenn Shira das Haus anlog, hatte sie das Gefühl, der Computer merke es. Wie die meisten Häuser hatte es eine weibliche Stimme und strahlte Wärme aus. In Shiras Vorstellung war es immer etwa zehn Jahre jünger als Malkah. Als sie klein war, noch sehr klein, hatte sie es für lebendig gehalten, und manchmal fiel es ihr immer noch schwer, das nicht zu tun, denn es wusste so viel von ihr und es äußerte unverblümt Meinungen und Urteile. Malkah hatte es über die Fähigkeiten der Hauscomputer all ihrer Bekannten hinaus erweitert. Shira wusste nicht, was Gadi seiner Mutter erzählte. Sara war bettlägerig, sie war an einem neu mutierten Virus erkrankt, der nicht behandelt werden konnte. Ihre Knochen lösten sich langsam auf. Sie lebte unter einem Medikamentenschleier, und Gadi kam bei ihr mit jeder lahmen Ausrede durch.

Avram, Gadis Vater, arbeitete im Labor und legte wie gewöhnlich einen Zwölf-Stunden-Tag ein. Weder Shira noch Gadi konnten sich erinnern, ob Avram schon so lange gearbeitet hatte, bevor seine Frau zu sterben begann, aber beides, Avrams lange Arbeitstage und Saras Krankheit, ging nun schon fünf Jahre.

Heute herrschte draußen außerhalb der Schutzhülle Sturm, die flachen Wogen der Bucht waren zu schlammigem Schaum aufgepeitscht und klatschten an den Strand. So gingen sie stattdessen an ihren Geheimplatz. Avrams Labor nahm das erste Stockwerk des Hauses ein, in dem Gadi wohnte – zusammen mit sechs anderen Familien im Erdgeschoss. Gadi sagte, das Haus sei ein Hotel gewesen, als die Stadt ein Badeort war. Es war breit, vierschrötig, aus gelben Ziegelsteinen unter einem roten Ziegeldach, das noch aus den Zeiten übrig war, als Wetter darauf herniederging. Quer über die ganze Vorderseite hatte einst eine Veranda zum Sitzen eingeladen, aber alles Holz war längst den Lumpensammlern zum Opfer gefallen, und jetzt hatte jede der zahlreichen Türen eine eigene, zusammengeschusterte Treppe zur Erde.

Sie schlichen die alte Feuertreppe hoch zum Obergeschoss mit den vielen kleinen, unbenutzten Räumen. »Stell dir die Dienstmädchen vor«, sagte Gadi. »Wie Sklaven.«

»Sie waren keine Sklaven.« Shira schaute ihn stirnrunzelnd an. Er mochte es schon immer, alles zu dramatisieren. »Sie wurden bezahlt.«

»Mit Papiergeld«, sagte Gadi streng. Er schob das Fenster hoch. Sie hatten es mit Seife eingerieben, damit es leichter aufging. Er kletterte leichtfüßig, gewandt hinein und hielt ihr die Hand hin. Gadi war in den letzten anderthalb Jahren rasch gewachsen; jetzt war er acht Zentimeter größer als Shira. Sie gab die Hoffnung auf, noch weiterzuwachsen. Sie fand sich damit ab, so klein zu bleiben wie Malkah. Malkah erzählte ihr, dass über Generationen alle größer wurden als ihre Eltern, aber jetzt nicht mehr. In Tikva aß man richtige Nahrungsmittel, aber die meisten Menschen aßen Bottichnahrung aus Algen und Hefen. Sie hatte das Zeug auf einer Schulfahrt probiert; es war abscheulich. Als sie daran würgten, hielt ihnen ihr Lehrer einen Vortrag über die zwei Milliarden Menschen, die in der Hungersnot umgekommen waren, als die Meere über die Reisfelder und Brotkörbe der Deltaländer wie Bangladesch und Ägypten stiegen, als die Großen Prärien verdorrten und in Staubstürmen davonflogen, die den Himmel verdunkelten und frühen Winter brachten, als die Wüsten Afrikas und die neue Wüste am Amazonas sich Monat um Monat ausbreiteten. Ohne Bottichnahrung war der größte Teil der Welt zum Hungertod verurteilt, wie die Zahllosen in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Sie kletterten ins Treppenhaus und zogen die Schuhe aus, bevor sie den staubigen Flur entlangschlichen. »Wo gehen wir hin?«

»Ins blaue Zimmer.«

Es war das freundlichste der Zimmer und hatte immer noch Möbel. Die Wände zeigten das gleiche ausgeblichene Graubraun wie die anderen Zimmer, aber auf dem Fußboden lag ein blassblauer Teppich; auf dem Metallbett bot eine zerlumpte baumwollene Tagesdecke bescheidene Gemütlichkeit. Die Räume hier oben waren kaum groß genug für ein Einzel- oder Doppelbett, einen Schrank, einen Stuhl. Zu Hause konnte sie Gadi nie mit in ihr Zimmer hinaufnehmen, ebenso wenig, wie er sie in seins mitnehmen konnte. Als sie kleiner waren, hatten sie in ihren Zimmern zusammen gespielt, aber wenn sie jetzt die Tür zumachten, fragten ihre Familien nach dem Grund. Wie jedes andere Mädchen in Tikva hatte sie in der Pubertät ein Implantat bekommen zur Verhütung von Schwangerschaften, aber Jugendliche in ihrem Alter hatten sich einfach nicht für Sex zu interessieren. Natürlich taten sie es alle, auf ängstliche, alberne Art.

Gadi setzte sich im Lotussitz auf das Bett und sie setzte sich genauso ihm gegenüber. Das Licht vom Fenster verwandelte sein feines, lockiges Haar in einen Heiligenschein aus Flaum. »Was haben wir zu essen?«

Sie zog ein halbes Roggenbrot aus ihrer Tasche. »Graubrot aus der Bäckerei und das Übliche.« Telapia war eine der Lebensgrundlagen der Stadt und Teil von ihrem Makro – Fischzucht, Anbau von Gurken, Tomaten, Paprika, das geschlossene Selbstversorgungssystem unter der Hülle. Sie waren damit aufgewachsen, mindestens fünfmal in der Woche Fisch zu essen: immer den gleichen.

Gadi stöhnte, aber er griff zu. Er hatte ständig Hunger. Mahlzeiten in seinem Hause waren dem Zufall überlassen. Er aß ein paarmal in der Woche bei Malkah – irgendwie war seine Anwesenheit am Mittagstisch selbstverständlich, nichts Außergewöhnliches. Shira knabberte ein wenig, um ihm Gesellschaft zu leisten. Von unten kam das Vibrieren von Maschinen, ein hoher Summton, laute Stimmen, die dann leiser wurden. Das Haus war solide gebaut und gab ihnen genügend Ungestörtheit, wenn sie sich in Acht nahmen. Avram war in seinem Labor. Sie konnte sich vage daran erinnern, wie Sara im Labor mit ihm gearbeitet hatte. Jetzt hatte er einen jungen Assistenten, David.

Sie kuschelten sich aneinander, Gadi legte seinen langen Arm um sie, ihre Beine verknoteten sich unter der Steppdecke. »Rabbi Berger hatte keinen Grund, so mit dir zu reden«, sagte Gadi. »Du hattest recht, ihm gefiel nur nicht, wie du es gesagt hast.«

Sie zuckte die Achseln, drückte sich näher an ihn. »Er sagt, ich habe eine schlechte Einstellung.«

»Gut. Bleib dabei.«

»Er ist so knochig. Meinst du, er klappert, wenn er die Treppen runterrennt?«

»Bin ich zu mager?«

»Du bist überhaupt nicht zu irgendwas, Gadi.«

»Das sagst du jetzt. Glaubst du, wir werden mal wie andere Ehepaare? Ständig Krach und Sticheleien. Meine Eltern waren nicht so, soweit ich mich überhaupt erinnern kann, wie es war. Sie sprachen immer ihre eigene Sprache, in Höchstgeschwindigkeit. Sie arbeiteten den ganzen Tag zusammen, und abends redeten sie dann ohne Punkt und Komma, als hätten sie sich wochenlang nicht gesehen.«

Gadis Zuhause roch wie ein Krankenhaus. Es war unnatürlich still. Shira war eine fröhlichere und geschäftigere Atmosphäre gewohnt. Malkah glaubte an die leiblichen Genüsse: gutes Essen, hübsches Geschirr, Vorhänge an den Fenstern, bequeme, gesunde Sitzhaltung an den Computern, die Kontakte immer gereinigt, sterilisiert. »Wär das nicht schön, wenn wir in meinem Haus leben könnten?«

Gadi küsste sie leicht, streifte sie nur mit den Lippen. »Dein Haus ist der gute Ort meiner Träume. So war es schon immer.«

»Wegen des Innenhofs. Wie die Synagoge.« Ein ganzes Makro innerhalb der Mauern ihres Hauses, alles grün und blühend, wie das Paradies. »Wär das nicht schön, wenn wir den Mut hätten, jetzt da zu sein?«

»Eines Tages werden wir ihn haben. Wir ziehen uns völlig aus und liegen im Gras unter dem Pfirsichbaum. Du bist mein Pfirsich. Ich könnte dich verschlingen.«

Er küsste sie wieder, härter diesmal, ihre Lippen waren weich und feucht und gierig, sie schnappten und saugten, ihre Zungen schlangen sich umeinander. In letzter Zeit schufen ihre Körper einen eigenen hitzigen Raum. Jahrelang hatten sie sich in den Armen gehalten und manchmal geküsst, doch dieser Teil wurde stärker und mächtiger. Er schob ihren Pullover hoch, um ihre Brüste zu berühren. Sie wuchsen und er spielte gern damit. Sie fühlte sich dann wie geschmolzen, als ob das Gewicht sich in ihr nach unten verlagerte. Küssen war früher immer Teil der Phantasievorstellungen, Teil der Spiele, doch in letzter Zeit wurde es etwas Eigenes.

Er ließ von ihr ab und lehnte sich lächelnd zurück. »Mach die Augen zu, Shira. Ganz fest zu. Ich mache meine auch zu. Jetzt taste. Wir sind blind. Wir sind ohne Augen. Wir sind zwei blinde Geschöpfe, die sich begegnen, um einander zu erforschen. Und wir sprechen verschiedene Sprachen, also können wir nicht reden. Wir können uns nur berühren und Geräusche machen.«

Langsam, langsam erbaute sie sich seinen Körper aus der rötlichen Dunkelheit ihrer zusammengekniffenen Lider. Seine Hemdknöpfe fühlten sich riesengroß an. Der Verschluss an seiner Hose war stachlig und rau unter ihren tastenden Fingern. Sie brauchten Stunden, so kam es ihnen vor, um sich gegenseitig auszuziehen, bis sie zusammen glatt, heiß, nackt waren. Sie spürte sein Herz an ihrer Wange rasen. Heiß und kalt, lockig und glatt, fest und seidig, drahtig, metallisch. Sein Körper war eine weitläufige Stadt, sie füllte ihren Kopf.

Seine Hand glitt zwischen ihre Beine, berührte sie an der gleichen Stelle wie vor einer Woche, als sie im warmen, seichten Wasser der Bucht waren und den Haien zum Trotz schwammen, den Haien mit Flossen und den Menschenhaien, die nach Fleisch jagten. Trotzig schwammen sie ohne Schutzfett, nackt unter der giftigen Sonne und der giftigen Luft. Damals hatte sie ihn überrascht weggestoßen. Jetzt brannte sie und ihr Fleisch toste um ihn wie ein Feuer im Wind. Sie drückte sich an seine Hand. Er machte ihre Finger von seinem Penis los und ließ ihn an ihr entlanggleiten. Anfangs konnte er nicht hinein. Sie hatte Angst, aber sie konnte das Spiel nicht brechen, sie fragte nicht, was er tat, sie protestierte nicht. Nie brach sie das Spiel. Es war ein Bann. Es war das, worauf sie sich zubewegt hatten, das wussten sie beide.

Er stöhnte. Es tat beiden weh. Sie stießen ihre Körper ineinander in verbissener Konzentration. Schließlich schaffte er es, ziemlich weit einzudringen, aber dann schrie sie vor Schmerz auf und er erschlaffte in ihr. Er glitt hinaus. Beide lachten und hielten einander.

»Es ist nicht so leicht, wie es sich in den Stimmies anfühlt.«

Sie prustete abfällig. »Woher willst du das wissen? Deine Eltern haben deine verschlüsselt, genau wie Malkah meine.«

»Ich habe sie rückprogrammiert. Ich kann jeden Abdruck haben, den ich will.«

»Fühle ich so gut wie die Schauspielerinnen?«

Er lachte. »Nur du weißt, wie du fühlst. Ich wollte dir nicht wehtun.«

»Es tut nicht echt weh. Willst du es noch mal versuchen?«

Er war ungefähr halb eingedrungen und sie küssten sich leidenschaftlich, da schreckte sie ein lautes Geräusch auseinander. »Was ist das?«, fragte sie leise.

»Psst! Jemand auf dem Flur?« Er sprang auf und zog sich an. Nachdem sie angespannt gelauscht hatte – niemand schien oben zu sein, das war es nicht, was sie erschreckt hatte –, sprang sie aus dem Bett und griff sich ihre Sachen.

Dann hörten sie es wieder, jemand schrie unten. Ein lautes Krachen und dann, unverkennbar, das Geräusch einer verbotenen Laserwaffe. Gadi riss die Tür auf und lief zur Treppe, Versteck hin, Versteck her. Sie blieb nur stehen, um sich die Schuhe anzuziehen, dann jagte sie ihm nach, knöpfte sich im Laufen das Hemd zu und die Hose.

Niemand war auf dem Flur, als Gadi die Tür der Mansarde aufmachte. Während er zum Labor stürzte, nahm sie sich die Zeit, die Tür zu schließen. Sie wollte nicht, dass Avram dahinterkam, wie oft Gadi und sie das Dachgeschoss benutzten. Sollte sie ihm nachgehen oder einfach hinausschlüpfen? Dann hörte sie Gadi von unten schreien und rannte zu ihm. Ihr fiel wieder das Geräusch der Waffe ein. Sie rief seinen Namen und rannte schneller. Hier war es recht friedlich gewesen. Sie erinnerte sich, was sie in der Schule über den letzten hässlichen kleinen Krieg gelernt hatte, in dem fast ein Viertel der Stadtbewohner umgekommen war, bis endlich Cybernaut den miteinander Krieg führenden freien Städten Frieden aufgezwungen hatte. Mehrere dieser Städte versorgten Cybernaut mit Programmen, Schimären, Fisch, Algen und Medikamenten aus dem Meer. Die Multis bestanden auf Frieden.

Gadi war nicht im Vorraum, sondern schon weitergegangen. Avram arbeitete an einem Projekt für einen Multi, Olivacon. Anders als Malkah, die sich mit Fehlinformation beschäftigte, mit Pseudoprogrammen, abgefälschten Daten, dem Aufbau von Strukturen, die Basen durch Irreführung schützten und Schimären genannt wurden (ein Ausdruck, den Malkah selbst vor dreißig Jahren dafür geprägt hatte), arbeitete Avram an künstlicher Intelligenz. Er baute Verteidigungssysteme zur Abwehr von Einbrüchen in einen Multi oder eine Stadtbasis; die Konzerne beraubten sich ständig gegenseitig und Informationspiraten stahlen und verkauften Daten und Systeme. Der einfachste Weg, jemanden zu ermorden, war, ihn eingestöpselt zu erwischen und hirntot zu brennen. Was sie jedoch sah, als sie Gadis Stimme durch die nächsten beiden Räume in einen Teil des Labors folgte, den sie noch nie betreten hatte, war Avram, der sich über seinen Assistenten beugte. David lag zusammengekrümmt an der hinteren Wand. Noch jemand lag auf dem Boden, jemand, den sie noch nie gesehen hatte. David schien bewusstlos zu sein, obwohl seine Lider flatterten. Gadi beugte sich unschlüssig über seinen Vater, der David hielt und auf ihn einsprach. Eine Werkbank und ein Werkzeugständer waren umgestürzt und lagen inmitten wie wahnsinnig aufblinkender und summender Geräte.

Sie blieb bei dem Fremden stehen. Er war offensichtlich tot. Nein. Sie schaute fassungslos. Ein Teil des Kopfes war weggeschossen, aber sie sah kein Blut, kein Gehirn. Es war eine Maschine, ein Apparat. Es hatte zwei Einschüsse, einen durch den Körper im Bereich der menschlichen Brust und einen durch den Kopf. Eine milchige Flüssigkeit lief heraus, anstelle von Blut. Es schien halb Maschine zu sein und halb neu erschaffenes biologisches Gebilde.

David stöhnte und schlug die Augen auf. Jetzt erst bemerkte Avram Gadi und Shira. »Was macht ihr Kinder denn hier?«

»Wir hörten Schreie, Lasergeräusche«, sagte Gadi. »Und wer ist das?«

»Es ist ein Roboter«, sagte Shira. Sie war schockiert, denn Roboter waren immer ganz offensichtlich mechanische Apparate in Gestalt der Maschinen, die sie ersetzten. Künstliche Intelligenz war das Reich körperloser Computer, nicht das der Roboter, die überall niedere Arbeiten ausführten. Die Computerintelligenzen waren ungeheuer, aber Roboter besaßen nur genug Intelligenz, um für einfache Tätigkeiten programmiert werden zu können: Reinigung, Reparaturen, Bergbau, Fabrikation.

Avram ließ David an die Wand sinken und sprang auf, packte sie am Arm. Er tat ihr weh, aber sie hatte zu viel Angst, um sich zu beklagen. Avram hatte eine leuchtend weiße Haarmähne, seine blitzenden blauen Augen glitzerten wie Glasscherben. »Du hast das nicht gesehen.«

»Was ist hier los?«, sagte Gadi und trat auf seinen Vater zu. »Shira hat nichts getan. Wir haben die Waffe gehört. Wo hast du sie her?«

»Das geht euch beide nichts an. Euch geht gar nichts hier an. Das ist einfach nur ein erfolgloses Experiment. Wir vergessen es und Schluss.«

»Was ist passiert?«, rätselte Shira und versuchte wiederholt, ihren Arm loszureißen. Roboter reinigten die Straßen und die Häuser von denen, die sich welche leisten konnten, reparierten alles von Wasserleitungen bis zu Fahrzeugen, taten die gewöhnliche Schmutzarbeit. Mittelstandskinder wuchsen mit wenigstens einem Spielzeugroboter auf, und reiche Kinder hatten Roboter in allen möglichen Gestalten, um darauf zu reiten oder damit zu spielen, aber das hier war ein seltsamer, menschenartiger Roboter.

»Nichts«, sagte Avram. »Der hier kann nicht repariert werden.«

»Warum hast du ihn zerstört?«, fragte Gadi. »Wo hast du eine Waffe her?«

Nur Konzernsicherheitskräfte und die Ökopolizei hatten legale Waffen. Alle anderen mussten sich Waffen auf dem Schwarzmarkt beschaffen oder bei Raubzügen erbeuten.

»David ist gestürzt und hat sich verletzt. Es ist wichtiger, eine Rettungsmannschaft zu holen, als hier herumzustehen und zu schwatzen.« Aber was tat Avram? Er ließ sich von Gadi und Shira helfen, den Roboter auf einen Tisch zu legen, wo er rasch damit begann, ihn auseinanderzunehmen. Der Roboter war wesentlich schwerer als ein Mensch. Sie hatte noch nie einen in Menschengestalt gesehen. Es war illegal, sie so zu machen. Genauso illegal war es, Roboter mit menschenähnlicher Intelligenz zu erschaffen. Die obere Hälfte des Gesichts war zerstört, aber er hatte ein menschliches Kinn. Die Oberfläche fühlte sich wie Haut an, aber trockener. Er war tot. Nein, eine Maschine konnte nicht sterben. Maschinen gingen einfach kaputt.

Avram brach den linken Arm am Ellbogen ab und dann an der Schulter, tat das Gleiche mit dem rechten Arm. »Tut mir leid, dass es sich anhörte, als wäre ich böse auf dich, Shira, aber das ist sehr wichtig für mich.«

»Ich sage es auch niemandem.« Sie versuchte immer wieder, sich bei Avram beliebt zu machen. Manchmal hatte sie den Eindruck, er mochte sie, und manchmal schien er einfach durch sie hindurchzublicken. Manchmal versetzte ihn ihre bloße Anwesenheit in gereizten Zorn.

»Gadi, hol jetzt Hilfe. Sag ihnen, David ist von einer Leiter gestürzt und hat sich den Kopf angeschlagen. Shira, du solltest gehen. Malkah muss bald nach Hause kommen. Versprich mir, dass du ihr nichts davon erzählst.« Seine hellen Augen bohrten sich in ihre.

»Ich verspreche es. Ich sage kein Wort.«

Er fuhr herum und funkelte sie an. »Gut. Denn wenn ich höre, dass du das Malkah erzählt hast oder irgendjemand sonst, dann bekommst du Ärger mit mir. Ich werde dafür sorgen, dass du nichts mehr mit Gadi zu tun hast, und ich meine nichts. Ich werde ihn ins Internat schicken.« Avram führte sie zur Treppe.

Avram drohte immer damit, Gadi in ein strenges Internat zu stecken, das ihm Disziplin beibringen sollte. Shira nickte heftig zum Zeichen ihrer Zustimmung. Als Avram sie weiter anstarrte, sagte sie: »Ich sage zu keinem Menschen ein Wort, ich verspreche es. Ich verstehe das sowieso nicht.«

»Natürlich nicht … Sara! Was tust du denn da, wieso bist du nicht im Bett?«

Sie stand am Fuß der Treppe, dünn, mädchenhaft in ihrem blauen Morgenrock und den langen braunen Haaren, die über ihre Schultern fielen. »Ich hörte … Geschrei. Laserfeuer. Ich hatte Angst um dich.« Sie stolperte und Avram stürzte die Treppe hinunter, um sie in die Arme zu nehmen und in ihre Wohnung zu führen.

»Es war nichts, nichts«, sagte er. »Reg dich nicht auf.« Er schloss die Tür hinter sich.

Draußen auf der Straße sagte sie zu Gadi: »Avram hätte einen Arzt über den Com-con rufen können. Uns zu schicken ist Zeitverschwendung.«

»Er muss das Ding noch verstecken. Was für eine Art Roboter kann einen Menschen verletzen? Sie sind alle so programmiert, dass sie sich selbst zerstören, bevor sie jemand Schaden zufügen.« Gadi schüttelte den Kopf. »Da geht etwas sehr Merkwürdiges vor.«

»Wie konnte das Ding David verletzen? Vielleicht hat sich dein Vater mit David geprügelt?«

»Mit einem Lasergewehr?« Gadi rollte die Augen.

»Das macht keinen Sinn.«

»Muss es aber«, sagte Gadi. »Was Vater tut, macht immer Sinn, sogar, wenn er sich irrt. Er würde nie eine Prügelei vom Zaun brechen. Sag ja nichts Malkah.« Gadi blieb vor der Straße stehen, die zum Krankenhaus führte, und packte sie bei den Schultern. »Er schickt mich sonst weg, Shira!«

»Ich erzähle ihr kein Wort. Ich habe dem Haus gesagt, dass ich bei Zee bin. Malkah hasst es, wenn ich lüge – ich meine, wenn sie mich ertappt.«

Sie trennte sich von ihm an der Ecke und ging weiter zu ihrem Haus, am Ende des Blocks auf der anderen Seite einer alten Gasse. Sie hoffte, Malkah würde noch nicht zu Hause sein, damit sie Zeit hatte, über das nachzugrübeln, was eben geschehen war. Dann fiel ihr ein, dass sie keine Jungfrau mehr war, und einen Moment lang musste sie darüber lächeln, unschlüssig, während sie zögerte, sich auszuweisen. Es war keine große Sache, aber es war doch etwas, so wie ihre Barmizwa, beides Riten, zur Frau zu werden. Sie hatte nicht geblutet, aber sie war wund. Sie legte ihre Hand auf die Platte, die Tür ging auf und das Haus begrüßte sie: »Komm herein, Shira. Malkah ist noch nicht hier. Sie möchte, dass du aus der Kantine Abendbrot holst. Dann mach einen Salat aus dem Garten.«

Sie schloss die Tür, ohne zu antworten, aber anstatt in die Küche zu gehen, ging sie langsam in ihr Zimmer und schaute in den Spiegel. »Ich liebe Gadi«, sagte sie dem Spiegel, wie schon viele hundert Mal.

Das Haus, das wie gewöhnlich zuhörte, antwortete ihr. »Liebe ist wichtig, Shira, an ihrem Platz in einem ausgewogenen Leben, aber in deinem Alter ist die Liebe deiner Familie am wichtigsten. Du willst doch nicht Malkah verärgern, indem du versäumst, Abendbrot zu holen und den Salat zu machen.«

Jetzt gab ihr ein Computer Ratschläge über die Liebe: ein körperloser Computer, oder vielmehr einer, dessen Körper sie bewohnte, dessen Körper das Haus war. »Jetzt gehören wir einander mehr denn je«, sagte sie dem Spiegel, aber stumm, damit das Haus sie nicht um Erklärung bat, was sie damit meinte, jemand anderem zu gehören. Stattdessen fragte sie laut: »Warum gibt es ein weltweites Übereinkommen, dass Roboter Menschen nicht ähneln dürfen? Seit ich zur Schule gehe, höre ich das. Warum müssen Roboter einfältige Maschinen sein?«

»Als Roboter mit genügend künstlicher Intelligenz zur Ausführung komplizierter Aufgaben erschaffen wurden, erhob sich eine Oppositionsbewegung, Shira, etwa um 2040. Malkah hat mich belehrt, dass die Menschen die ersten humanoiden Roboter niedlich fanden, faszinierend, aber dann sehr rasch beängstigend. Krawalle entstanden und die Aufstände der Maschinenstürmer. Die Leute hatten Angst, dass die Maschinen sie ersetzen würden, nicht bei den gefährlichen Arbeiten, sondern bei den gut bezahlten und angenehmen Arbeiten. Roboter fielen Sabotageakten zum Opfer und vernichtende Unruhen brachen selbst in den Konzern-Enklaven aus –«

»Verstehe. Aber ich finde es albern.« Sie lächelte in den Spiegel.

»Menschen fürchten manchmal intelligente Maschinen, Shira, besonders Menschen, die nicht mit einem hochentwickelten Computer aufgewachsen sind. Oder sie haben nichts gegen stationäre Computer, aber haben Angst vor einem, der einen Körper hat und umherlaufen kann. Ich erachte solche Gesetze für wichtig, um den Menschen das Gefühl von Sicherheit zu geben.«

»Aber, Haus, was geschieht mit jemand, der gegen dieses Gesetz verstößt?«

»Das ist nicht direkt ein Gesetz, Shira, sondern ein Konzernübereinkommen mit mehr als Gesetzeskraft. Künstliche Intelligenz hohen Ranges ist auf das Netz und die Basen beschränkt, auf stationäre Computer wie mich. Mobile Roboter müssen auf den ersten Blick als Maschinen erkennbar sein und dürfen nur mit genügend Intelligenz für ihre mechanischen Aufgaben ausgestattet sein. Die Strafe ist sofortige Ächtung und Tod.«

»Tod?« Shira fuhr herum, sie musste an Avrams Gewehr denken. »Bist du sicher?« Das war eine törichte Frage an einen Computer. »Ich meine, Tod, ich kann es kaum glauben. Wer würde dich töten, wenn du einen illegalen Roboter baust, der sehr schlau ist und wie ein Mensch aussieht? Die Ökopolizei?«

»Das untersteht nicht ihrer Gerichtsbarkeit. Bei den Sicherheitstruppen der Multis arbeiten Berufsmörder, Shira. Es gibt auch hochbezahlte Freiberufler, die aus der Megalopolis operieren oder aus den küstennahen freien Städten. Steht diese Information in Zusammenhang mit deiner Schularbeit? Soll ich dir auf deinem Terminal eine Karte der küstennahen freien Städte abbilden, die Piraten- oder Auftragskillerenklaven sind? Ich bin programmiert mit den Einzelheiten der Konzernübereinkommen und der Geschichte der Cyberaufstände, falls du dich mit irgendwelchen Aspekten dieser Ereignisse beschäftigen möchtest.« Der Computer klang hoffnungsvoll. »Ich kann dir auch Unterricht in elementarer Roboterkunde erteilen.«

»Nicht nötig. Ich war nur neugierig«, sagte Shira und fragte sich, was das alles zu bedeuten hatte. »Das ist so etwas, was die Leute immer wieder sagen: Roboter können nicht wie Menschen gestaltet sein – und dann fragst du dich eines Tages, warum.«

»Wenn ich mobil wäre, könnte ich kochen und Botengänge für dich erledigen, doch jetzt verstehst du, warum das gänzlich unmöglich ist. Wird es nicht Zeit für dich, das Abendbrot aus der Kantine zu holen?«

6Shira
Wir wissen zu viel und zu wenig

Zwei Tage vor ihrem siebzehnten Geburtstag sagte ihr das Haus, es sei eine versiegelte Nachricht für sie da – kodiert und nur ihr zugänglich. Es war der Bezirkserziehungsausschuss, der die Ergebnisse ihrer Versteigerung bekannt gab. Schüler, die die Große Prüfung innerhalb der obersten zwei Prozent bestanden, wurden von Universitäten ersteigert. Vierzehn Hochschulen hatten für sie geboten. Sofort strich sie die heraus, die sie auf keinen Fall besuchen wollte, ganz egal, wie viel sie ihr zahlten. Dann druckte sie die Liste aus und sprang auf, um Gadi zu suchen. Er musste auch seine Ergebnisse bekommen haben. Die allgemeinen Zulassungen gingen zur gleichen Zeit heraus wie die Versteigerungsergebnisse. Sie mussten ihre Auswahl aufeinander abstimmen.

Er hatte ihr gesagt, er müsse Avram helfen. Seit sie zufällig in das Experiment mit dem ersten Cyborg hineingestolpert waren, Alef, das sich als gewalttätig erwiesen hatte, traute Avram ihnen zu, dass sie seine Geheimnisse für sich behielten, und rief sie, wenn er Hilfe brauchte. Bet war die Cyborg-Entsprechung eines Autisten und war auseinandergenommen worden. Gimel verrichtete Arbeiten im Labor, aber Avram fand seine Intelligenz mangelhaft.

Sie identifizierte sich an der neu verstärkten Labortür, die sie Avram ankündigte und dann, offensichtlich auf seinen Befehl hin, einließ. Sie sah Gimel auf einem Laborhocker sitzen, kerzengerade. Wäre es ein richtiger Mensch gewesen, hätte sie gesagt, es habe einen Besenstiel im Hintern, wie ihr Portugiesischlehrer. Gimel hatte die gleichen angenehmen, freundlichen Züge, die zuvor Bet und Alef getragen hatten. Bisher hatte Avram Gimel nicht zerstören müssen. Es schien fügsam, die Cyborg-Entsprechung von langsam. »Ich habe die Verbindungen im rechten Kniegelenk fertiggestellt«, sagte es in einer tiefen Männerstimme, die ausdrucksloser war als die Stimme ihres Hauses. »Na dann verbinde das linke Gelenk«, schnauzte Avram. Sie wartete darauf, dass Avram von der Armschale aufblickte, in die er ein Netzwerk von Sensoren einbaute. Sie hütete sich, ihn zu unterbrechen. Sie wünschte sich einen Augenblick, er würde sie auffordern, an dem Knie mit Gimel zu arbeiten oder an dem Arm mit ihm. Sie mochte die Laborarbeit. In der Schule hatte sie dieses Jahr einen Robotertaucher gebaut. Gadi hasste es, eng mit Avram zusammenzuarbeiten, aber sie hatte es sogar gern, wenn Avram ihre Mithilfe befahl.

Schließlich wandte sich Avram zu ihr um. Seine Augen hefteten sich auf ihre Schuljacke. »Kleine Shira«, sagte er und lächelte. »Falls du Gadi suchst, er ist oben. Wie erträgst du nur meinen anspruchsvollen Sohn?«

»Gadi ist … wundervoll, Sir. Er ist gescheit und –«

»Wenn er gescheit ist, warum zeigt er das nicht in der Schule, wo es zählt? Die Ergebnisse sind doch heute herausgekommen, nicht? Wie viele Universitäten bieten für dich?«

Sie zeigte ihm die Liste. »Gutes Mädchen. Wärst du doch meine Tochter, Shira! Malkah platzt vor Stolz, wenn sie über dich redet.«

»Echt?« Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Malkah so viel Aufhebens machte.

Sie dankte ihm und lief hinaus, mit Gimel im Gefolge, das hinter ihr die Tür sicherte. Gadi war wohl oben und lernte. Avram war schon seit langem dahintergekommen, dass Gadi und sie die alten Dienstbotenschlafkammern benutzten, doch Shira spürte eine unausgesprochene Übereinkunft. Avram würde so tun, als wüsste er nicht, was sie trieben, und sie würden niemals zu irgendjemand etwas sagen von seiner illegalen Arbeit mit Cyborgs in Menschengestalt. Avram war ein Mann, der immer in Eile war, ein Getriebener, aber sie hatte gemerkt, dass er sie inzwischen mochte. Vielleicht meinte er, sie sei ein ausgleichender Einfluss auf Gadi. Hoffentlich war sie das.

Sie stieg hinauf, und ihre Schritte verlangsamten sich immer mehr. Sie hoffte, sie betete, während sie die Treppen emporschlich, dass wenigstens eine Universität für Gadi geboten (oder ihn wenigstens zugelassen) hatte, die für sie auch in Frage kam. Er hatte sich nicht wie sie vorbereitet. Er stritt sich ständig mit Avram. Seit Saras Tod verfiel das Haus. Natürlich nahmen sie die meisten Mahlzeiten in der Allmende-Kantine ein und ein Reinigungsroboter, der wie eine Kreuzung aus einem Dackel und einem altmodischen Staubsauger aussah, hielt das Haus benutzbar, aber ihre Wohnung wirkte wie ein instand gehaltener, doch unpersönlicher öffentlicher Ort, ein Hotel oder eine Herberge. Über Saras sterbenden Körper hinweg hatten Vater und Sohn Haltungen gegenseitiger Schuldzuweisung eingenommen; jetzt, ein Jahr später, konnten sie von ihren Angriffs- und Verteidigungsposen nicht ablassen, nur weil der Vorwand begraben war. Das Haus war merkwürdig, eine Art Museum für antikes Spielzeug, das Avram seit neuestem sammelte. Maschinen schluckten altmodische Münzen, man stieß eine Kugel durch ein blinkendes Labyrinth; in Spielen, die man in der Hand hielt, glitten winzige Silberkügelchen über Löcher in gezeichneten Gesichtern und Landschaften. Kleine Stückchen ließen sich zu Gemälden zusammensetzen. Es war, als hätte Saras Tod Avram freigegeben für eine zweite, gesetzte Kindheit der Spiele.

Gadi war ruhelos, gereizt. Gelangweilt. Er wickelte die Lehrerinnen um den Finger und kam recht gut aus mit einigen der jüngeren Männer, aber mit den älteren Lehrern stand er auf dem Kriegsfuß, in ihnen sah er Ebenbilder von Avram. Sie kannte ihn so gut, wie sie ihren eigenen Körper kannte, ihr eigenes Zimmer mit der Kletterrose um das Fenster, aber das hieß nicht, dass sie ihm helfen konnte. Sie schwebte den Flur entlang in einem Nebel der Ungewissheit, in der linken Hand hielt sie die Hochschulliste. Die Stille des Hotels, ihre alte Gewohnheit, hier oben leise und verschwiegen zu sein, hielt sie davon ab, seinen Namen zu rufen.

Dann hörte sie seine Stimme aus ihrem blauen Zimmer. Warum redete er mit sich selbst? Er lernte wohl: gut. Er hatte Schwierigkeiten mit Fremdsprachen, denn er hasste es, sich wie ein Kind zu fühlen, unfähig, sich auszudrücken. Vielleicht lernte er Chinesisch oder Portugiesisch, denn er brauchte in beidem eine gute Note. Wahrscheinlicher war, dass er am Computer arbeitete. Im Design-Unterricht hatte er strahlende luftige Brücken aus dünnem Metall entworfen, Spinnweben aus Licht und Raum. Er stahl die Zeit von anderen Fächern, um daran zu arbeiten. Sie konnte ihm kaum einen Vorwurf machen. Sie waren schön. Sie beruhigten den Geist zu Kontemplation.

An der Tür klopfte sie sacht, diese leichte Berührung, die sie beide füreinander benutzten, dann öffnete sie sofort. »Gadi?« Zwei Schritte im Raum blieb sie stehen und starrte. Einen Augenblick lang fühlte sie überhaupt nichts, denn sie glaubte einfach nicht, was sie sah. Es war unmöglich. Es war nicht einmal Stoff aus einem Alptraum, denn diese Szene hatte sie sich in ihrer Phantasie nie vorgestellt.

Gadi war nackt auf dem Feldbett, auf dem sie viele hundert Mal gelegen hatten, aber mit ihm verschlungen war ein anderer Körper anstelle des ihren, den sie fast dort zu sehen erwartete, denn bei Gadi musste Shira sein. Nein, das nackte Mädchen, das unter ihm ausgestreckt lag, war Hannah, die einen scharfen Schrei ausstieß wie ein Tuch, das reißt, und dann tat sie, was sie immer tat, sie kicherte.

Gadi … Gadi starrte sie wütend an. »Spionierst du mir nach?«

Sie konnte nicht sprechen. Ihre Kehle schnürte sich zu. Sie konnte nicht aufschreien oder Luft holen. Stattdessen stolperte sie den Flur entlang, taumelte gegen Wände, die Treppe hinunter wie eine fallende Schachtel, rutschte und glitt, zerbrach in Stücke. Sie musste so viel Lärm gemacht haben, dass Avram sie gehört hatte, denn er stand unten im Treppenhaus. »Leise«, sagte er und packte sie hart am Arm. »Mit wem ist er da oben?«

»Hannah Leibling«, würgte sie heraus und riss sich von ihm los.

»Ich dulde niemand anders da oben«, sagte Avram und stieß die Hände in die Taschen seines Kittels. Er schien sie trösten zu wollen. »Ich werde sie für dich hinauswerfen, kleine Shira.« Da begann sie zu weinen, die Tränen erstickten sie. »Geh du an eine gute Universität und vergiss meinen nichtsnutzigen Sohn. Er ist deine Anhänglichkeit nicht wert, Shira. Die besten Universitäten sind in Europa. Geh und genieße.«

Sie schluchzte zu heftig, um zu atmen. Sie konnte nicht ertragen, dass jemand sie sah. Sie rannte an ihm vorbei die Treppe hinunter auf die Straße.

Avram rief ihr nach, seine Stimme war scharf vor Besorgnis: »Shira, sei ruhig! Sei ruhig! Das bedeutet ihm nichts.«

Sie rannte zu dem Schuppen, wo sie ihre alten Schutzhäute aufbewahrten. Sie streifte ihre über und machte sich auf den Weg in die Ödnis. Sie ging nicht weit. Sie kletterte auf eine Düne und fiel in den warmen Sand. Auf der einen Seite erstreckte sich die weite, flache Bucht, die Ruinen der zerstörten Stadt lugten aus den Wellenstrudeln. Nach Süden konnte sie über die automatische Entsalzungsanlage hinweg aufs Meer schauen. Der Kühler in ihrer Schutzhaut summte. Sie konnte die kleine rote Zeile in der Ecke ihrer Gesichtsplatte lesen, die ihr die Temperatur anzeigte. Es waren achtundzwanzig Grad Celsius, ein schwacher Backofen, ein typischer später Maitag in Neuengland.

Sie dachte, vielleicht war sie gestorben, denn eine tiefe Starre überkam sie. Aber es war nur das Tal der Schmerzwoge, die einen Augenblick später über ihr zusammenschlug. Sie wusste nicht, was mit sich anfangen. Sie fühlte sich wie ein zerfetztes Ding, ein Kaninchen, das in einen Ventilator gerannt war.

Wie konnte Gadi mit dieser ordinären Ziege schlafen? Sie hatten Hannah immer ausgelacht. Hannah hatte Gadi seit Jahren schöne Augen gemacht. Shira konnte ihr lautes Kichern hören, ein Gegluckse wie Wasser, das in einem Rohr abfließt. Wie konnte Gadi nur? Sie wollte Zorn auf ihn spüren, aber der Schmerz verdrängte ihn völlig.

Sie würde ihre Schutzhaut ausziehen und sich der mörderischen Sonne aussetzen, deren Strahlung sie umbringen würde. Sie würde sterben, und Gadi würde verstehen, wie sehr sie ihn geliebt hatte und wie sehr sein Treubruch sie verletzt hatte. Sie sah sich selbst voller Frieden auf einem Brett liegen. Sie sah den schlichten Steinhaufen auf ihrem Grab. Gadi würde dorthin kommen, um zu trauern.

Das war ein langsamer Tod, Hitze und Austrocknung. Strahlung brauchte Monate, um zu töten. Sie würde ihren Anzug nicht ausziehen, ganz egal, wie sehr ihr nach Sterben war. Malkah hatte sie zu nüchtern erzogen. Außerdem konnte sie die Vorstellung nicht ertragen, was Hannah den anderen Mädchen erzählte: Ach weißt du, ich fühle mich ganz schrecklich. Shira hat sich wegen Gadi und mir umgebracht. Er konnte einfach nicht von mir lassen und das arme Mädel hat sich vor Eifersucht verzehrt. Shira krabbelte auf die Knie, dann stand sie auf. Eifersucht war hässlich, peinlich, abscheulich. Sie stolperte zurück. Die Schutzhülle glitzerte wie falsche Hoffnung, die über der Stadt schwebte.

Sie ging nach Hause. Als sie zur Tür sprach, wusste sie nicht, wie sie dorthin gelangt war. Hermes lag im Innenhof und sonnte sich – die Sonne, die durch die Hülle drang, war gefiltert, sicher, warm, aber nicht sengend. Er war jetzt in mittleren Jahren, zwölf, und so massig wie immer, nicht fett, sondern kräftig, ernsthafter und gelassener als früher. Sie warf sich neben ihn auf die warmen Fliesen, begrub ihr Gesicht in seinem heißen braunen Fell und weinte hemmungslos.

»Leidest du Schmerzen, Shira?«, fragte das Haus sanft. »Soll ich Malkah rufen? Brauchst du Hilfe?«

»Ich will in Ruhe gelassen werden!«

»Erzähle es mir. Du weißt, ich bewahre deine Geheimnisse. Was fehlt dir?« Das Haus wusste zu erweichen. Früher war es ihre zweite Mutter. Hielt es wirklich Geheimnisse vor Malkah zurück, die es programmiert hatte?

»Lass mich bloß in Ruhe!«

Sie hörte Malkah nicht kommen und bemerkte sie erst, als sie neben ihr hockte und sehr leise sagte: »Ich mache schav, Kleines. Manchmal kann etwas so Saures helfen.«

Für einen Augenblick bohrte in ihr der Verdacht, dass Malkah wusste, dass jeder wusste; dann gewann ihre Nüchternheit, und ihr wurde klar, dass ihre Stellung ihren Zustand verriet. »Ich habe keinen Hunger.«

»Dann iss mir zu Gefallen. Ein bisschen Suppe, wie hungrig musst du dafür sein?«

Sie spürte, wie unwürdig das war, wie sie da mit dem Gesicht nach unten auf den Fliesen lag, und setzte sich auf. Malkah nannte sie »Kleines«, war aber gleich groß, nur ein paar Pfund fleischiger. Sie hatten das gleiche dunkle Haar, schwarz im Lampenlicht, mit Rottönen in der Sonne; die gleichen großen, sehr dunklen Augen, riesig in ihren herzförmigen Gesichtern; aber Malkah war natürlich eine alte Frau, einundsechzig Jahre alt. Sie trug ihr dunkles Haar in einem Zopf um den Kopf geflochten und oben festgehalten mit einer silbernen Spange in Form eines Delfins. Ein Rettungstaucher hatte sie ihr geschenkt. Erst vor kurzem war Shira eingefallen, dass er damals wahrscheinlich ihr Liebhaber war. Shira war zu der Zeit zu jung, um es zu verstehen, neun, zehn, elf; und Malkah war diskret. Kein Mann hatte je in diesem Haus gewohnt. Malkah hatte nie geheiratet. Wenn du heiratetest und ein Mann tat dir weh, so erkannte Shira, dann hattest du keinen Ort, an den du dich flüchten konntest, keinen Ort, an dem du dich verstecken und deinen Schmerz verheilen lassen konntest.

Malkah gab ihr ein großes Taschentuch. »Ich muss nach meiner Suppe sehen. Hast du deinen Freund da gefüttert?«

»Noch nicht.« Sie hatte es vergessen, und Hermes hatte sie nicht daran erinnert. Jetzt stand er auf, streckte und reckte sich, machte sich auf den Weg zur Küche und schaute sich erwartungsvoll nach ihr um.

Sie wischte sich das Gesicht ab. Wie konnte sie mit so viel Schmerz leben? Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie weitermachen sollte.

Sie aß die Suppe doch. Malkah hatte recht: Sie besänftigte auf kleine Weise. Sie war froh, dass Malkah heute Abend gekocht hatte. An den meisten Abenden holte eine von ihnen die Mahlzeit aus der Allmende-Kantine; manchmal aßen sie dort mit der halben Stadt. An anderen Abenden kochte Malkah, und hin und wieder ließ sie Shira durch das Haus bitten, abends zu kochen. Malkah tat das manchmal, wenn sie wusste, dass Gadi zum Abendessen kam. Ein anderer Teil von Shiras Leben, der nun brachlag, so zerstört wie die weiten Flächen toter Bäume, die einmal Ahornbäume waren, vor dem sauren Regen, bevor das Klima zu warm für sie wurde. Würde ihn jetzt Hannah zum Abendessen nach Hause mitnehmen? Wie kam er nur auf Hannah?

»Sind heute nicht deine Versteigerungsergebnisse gekommen?«

»Oh.« Shira blinzelte. »Was habe ich bloß damit gemacht? Ich hatte sie dabei, als ich … ich hole sie. Ich habe sie im Hof fallen lassen.« Sie stand vom Tisch auf und lief den Ausdruck suchen.

Malkah nahm ihn ihr aus der Hand, überflog ihn. »Offensichtlich war es nicht das, was dich so erschüttert hat.«

Shira schaute in ihre leere Suppenschüssel. »Mir geht’s wieder gut.«

»Dein junger Mann also.«

»Er ist nicht meiner. Nicht mehr.«

»Shira, ihr seid zu jung, um euer Lebtag zusammengeschweißt zu bleiben. Du hast nie auf mich gehört, wenn es um Gadi ging, und du wirst jetzt nicht damit anfangen, ich weiß. Ich konnte dich nicht davon abhalten. Niemand kann verliebte Kinder davon abhalten, nur räumliche Trennung. Aber du wirst nie erwachsen werden, wenn ihr einander nicht loslasst.«

»Ich will nicht darüber reden.« Shira stand auf. »Ich räume jetzt den Tisch ab, wenn du mit Essen fertig bist.«

»Trotzdem, irgendwann müssen wir reden.« Malkah fixierte sie mit ihrem dunklen Blick, einem Strahl aus Energie und Willenskraft. »Wir müssen auch über die Versteigerung entscheiden.«

»Was kümmert mich das noch?«

»Gadi wäre nie in die gleichen Universitäten gelangt, die sich um dich reißen, Shira. Du wirst dafür bezahlt, dass du hingehst. Avram wird für ihn bezahlen müssen.«

»Er ist gescheit! Er ist genauso klug wie ich.«

»Aber fauler. Und verzettelt.«

»Aber er ist begabter als wir alle … Nein, ich will ihn nicht mehr verteidigen, ich will ihn nicht erklären. Ich hasse ihn!« Shira begann abzuräumen.

»Du liebst zu heftig. Das besetzt die Mitte und zwängt deine Stärke hinaus. Wenn du in deiner Mitte arbeitest und am Rand liebst, wirst du am Ende besser lieben, Shira. Du wirst großzügiger geben ohne aufzurechnen, und was du bekommst, wirst du genießen.«

Malkah wusste nicht, was Liebe war. Shira weigerte sich, weiter darüber zu reden.

Nach dem Abendessen saßen beide schweigend im letzten Ebenholzzwielicht des Hofes. Malkah war im Netz, hatte sich eingestöpselt in die totale Projektion. Alle in Tikva waren mit Schnittstellen ausgestattet. Sie hatten nicht die üppigen Stimmiespektakel, für die andere Städte sich begeisterten, sie hatten keine Hochempfindlichkeitsfolien oder Windkabinen, aber jedes Kind, das der Stadt geboren wurde, war ausgestattet für direkten Zugriff zum Netz, war Erbe des gesamten Wissens aller Zeitalter.

Das Netz war eine öffentliche Einrichtung, an die Gemeinwesen, Konzerne, Städte, sogar Einzelpersonen angeschlossen waren. Es enthielt die allseitige Information der Welt, lebende Sprachen und viele tote. Es hatte Inhaltsverzeichnisse aller zugänglichen Bibliotheken und bot entweder den vollständigen Text an oder Zusammenfassungen von Büchern und Aufsätzen. Es war das allgemeine Kommunikationsmittel und akzeptierte Bilder, Code oder Stimme. Es war auch ein Spielplatz, ein Irrgarten von Spielen und von Knotenpunkten für Spezialinteressen, ein großes Clubhaus mit vielen tausend Räumen, ein Ort, wo Menschen sich begegneten, ohne sich jemals zu sehen, außer sie zogen es vor, ein Abbild von sich zu zeigen – das ihrem tatsächlichen Aussehen entsprechen mochte oder auch nicht.

Shira hatte ebenfalls die Augen geschlossen. Hermes lag ungeschickt auf ihrem Schoß, für den er viel zu groß war, während sie vorgab zu lernen. Stattdessen war sie angeschlossen an ein Netzprogramm aus Farben und Figuren, die sich vor ihren geschlossenen Augen bildeten, an Wasser erinnerten, schimmernde Grau-, Grün- und Brauntöne. Sie war nicht total projiziert, sondern distanziert, schaute von außen, ließ den Schmerz sanft in sich hineinströmen wie fließendes Wasser.

Plötzlich, um zwanzig Uhr dreißig, kündigte das Haus Gadi an. Shira schoss empor, der Kater verlor den Halt. Die Buchse wurde aus dem Anschluss in ihrer Schläfe gerissen, ihr wurde übel von der plötzlichen Unterbrechung. Das Haus war seit Jahren programmiert, Gadi zu erkennen und einzulassen, also hatte es ihm einfach aufgemacht. Dummes Haus!

Shira beschloss, in würdigem Schweigen dazustehen und abzuwarten. Aber sowie er mit lockeren, langen Schritten in den Hof geschlendert kam, brach es aus ihr heraus: »Was hast du hier zu suchen? Wieso bist du nicht bei ihr?«

Malkah war da, aber nicht mit ihrem Bewusstsein, blind und taub, total in das Netz projiziert. Gadi warf ihr einen Blick zu, erkannte ihren Zustand, und beide verhielten sich, als sei sie ein Möbelstück.

»Ach komm, das hatte nichts zu bedeuten«, begann Gadi in einem Tonfall, als gelte es, ein krötiges Kind zu besänftigen. »Hier bin ich, bei dir wie immer. Wärst du heute nicht so reingeplatzt, würdest du dich überhaupt nicht aufregen.«

»Ach, du kannst alles machen und es ist meine Schuld, wenn ich es rausbekomme!«

»Sind wir verheiratet? So benimmst du dich. Seit unserem siebenten Lebensjahr sind wir verheiratet, das reinste Gefängnis!«

»Wenn du denkst, ich halte dich gefangen, dann flieh doch! Die Tür steht offen. Bedien dich.«

»Das habe ich auch vor. Ich habe ein Recht zu leben, andere Menschen kennenzulernen, zu erkunden, wer ich bin und wer sie sind.«

»Und, war es eine transzendentale Erfahrung, Hannahs Möse zu erkunden?«

»Shira, wir sind siebzehn Jahre alt. Frag Malkah, ob wir nicht offen sein sollten, andere Menschen kennenzulernen.«

Beide schauten zu Malkah – versunken, die Augen geschlossen. Vielleicht stellte sie Nachforschungen an, vielleicht hielt sie ein Seminar ab mit zwanzig anderen projizierten Teilnehmern, vielleicht flirtete sie mit jemand oder diskutierte.

Shira zitterte vor Empörung. »Ach, auf einmal regiert der gesunde Menschenverstand, die Erwachsenen haben recht, komm, wir vergessen einfach, dass wir uns lieben, und spielen Bilderbuch-Teenies.«

»Wieso kamst du überhaupt rübergerast? Weil du deine Versteigerungsergebnisse hattest, stimmt’s?«

»Ich wollte darüber reden, was wir mit der Universität machen.«

»Wir? Zeig mir mal deine Versteigerungsergebnisse. Na los, zeig sie mir.«

»Dir zeige ich überhaupt nichts.«

»Sie reißen sich doch um dich, oder? Sie glauben, sie können dich zu Geld machen. Schufte einfach vier Jahre so weiter, und dann kriegen sie einen guten Preis für dich, wenn die Multis für dich bieten. Wer will schon einen Künstler? Der alte Avram wird dafür bezahlen müssen, mich auf die Universität zu bringen, hart für ihn. Wie du siehst, haben wir eben nicht die gleichen Alternativen!« Mit wutverzerrtem Gesicht ging er auf sie zu.

»Nicht, wenn es deine Alternative ist, Hannah in dem gleichen Bett zu vögeln, das wir geteilt haben.«

»Das ist mein Haus und mein Zimmer.«

»Du wolltest, dass ich hereinspaziere. Du wusstest genauso gut wie ich, dass die Ergebnisse heute Nachmittag kommen. Du bestrafst mich, weil du nicht so gut abgeschnitten hast. Aber darauf kommt es nicht an, Gadi! Ich glaube an dich!«

Er ging von ihr fort, blieb in der Mitte des Hofes stehen und schaute sich misstrauisch um, als könnte das Haus ihn jeden Moment angreifen. Er benahm sich so, als schlüge er sie tatsächlich. Das Haus würde selbstverständlich mit Sonar angreifen, sollte er ihr körperlichen Schaden zufügen. »Ich muss raus, Shira. Wir sterben, alle beide. Wir sterben zusammen. Fühlst du das denn nicht?«

Sie starrte ihn an, wie er aufrecht dastand, größer schien als je zuvor, oder vielleicht waren es ihre Knie, die nachgaben. Er war für sie verloren. Sie wollte sterben. Sie war nicht mehr Shira, nur noch blutendes Fleisch, ein tosendes Vakuum. Sah er denn nicht, dass er sie beide umbrachte? Sie waren ein doppelter Organismus, ein Wesen. »Ich fühle jetzt nichts als Schmerz.« Sie würde einen Ozean zwischen ihn und sich bringen. Sie würde Malkah dafür bestrafen, dass sie ihre Liebe beleidigt hatte, und Gadi dafür, dass er sie verraten hatte; sie würde weit, weit von beiden weggehen, nach Europa. Sie würde Avrams Rat befolgen und sich fortbegeben, nach Paris, nach Prag, nach Edinburgh. Irgendwohin weit fort von hier.

7Malkah
Unter keinem Mond

Was ihm erschien, steckt dem Maharal im Fleisch wie ein Speer. Weder kann er sich dazu durchringen, es auszuführen, noch kann er sich gestatten, davon abzulassen. Ist es ungezügelter Ehrgeiz? Unaufhörlich prüft er sich selbst. Die Erschaffung eines Golems gilt als Meisterwerk eines wahren Adepten der Kabbala. Fürchtet er zu versagen? Hat er Angst um sich selbst bei diesem äußersten Versuch, die Macht des Wortes im Schöpfungsvorgang zu zügeln? Hat er Angst vor dem Misslingen oder hat er Angst vor dem Gelingen? Er ist ein Mann des Friedens gewesen, ein Rabbi, ein Lehrer, ein Weiser, dessen Einfluss durch die Macht des Gesetzes wirkt, durch die Kraft des Geistes, durch das Charisma eines starken Charakters. Der Gedanke an die Herstellung einer Waffe schließt deren Anwendung ein. Er ist auf halbem Wege, eine Kraft zu erschaffen, die der Gewalt fähig ist. Ist das nicht eine Abkehr von den Werten, nach denen er gelebt hat – Studium und Gebet und gute Werke?

Er überlegt, an wen er sich wenden kann. Seine Frau? Die rebezn Perl ist vier Jahre älter als ihr Mann und weise auf völlig andere Art: Sie hat über die Jahre gelernt, wie einen Haushalt von Hoffnung bestreiten, wie aus Wenigem Feste bereiten, wie Geld verstecken vor einem Mann, der den letzten Heller hergibt, wie vermitteln zwischen Judah und seinen Kindern, die heiliger zu sein haben, als ihnen lieb ist. Judah und Perl waren zehn Jahre lang verlobt, bevor der Rabbi Geld genug hatte, um sie zu heiraten. Ihr eigener Vater verlor all sein Geld (es war nie beträchtlich außer in seinen Erinnerungen), als sein Geschäft zusammenbrach. Sie wartete die ganze Zeit, betrieb eine Bäckerei und sparte auf den Tag, an dem sie endlich als Mann und Frau zusammenkamen.

Als sie dreißig war und er sechsundzwanzig, heirateten sie schließlich. Perl gebar sechs Töchter und einen Sohn, dies waren die Kinder, die das Säuglingsalter überlebten. Sie fing spät an und sie hörte spät auf. Sie trug ihre letzte Tochter, als sie zweiundfünfzig und ihre älteste Tochter ebenfalls schwanger war.

Zu sagen, dass Perl Judah verehrt, wäre wahr; zu sagen, dass sie ihn anbetet, nicht. Sie ist vielleicht der einzige Mensch, der Judah gut kennt, aber sein Temperament nicht fürchtet, denn sie hat ein eigenes. Sie ist gewohnt, Befehle zu erteilen, eine Bäckerei zu leiten, sich um alles zu kümmern, um Kleinigkeiten und Pfennige. Sie ist eine große Frau mit einem immer noch hübschen, rotbackigen Gesicht. In mittleren Jahren war sie saftik, doch das Alter hat an ihr geschnitzt, so dass ihre Knochen jetzt mehr ins Auge treten als ihr Fleisch. Sie hat kräftige Hände, groß genug, um die schlanken, wohl gestalteten Hände Judahs zu umschließen. Ihr Pelz weißer Haare ist stets zu kleinen Löckchen geschoren, wie Lammfell unter der hennaroten Perücke, die sie als züchtiges Eheweib trägt, um mit ihrem Haar nicht die Engel in Versuchung zu führen.

Alle Töchter heirateten, zwei von ihnen denselben Itzak Cohen, denn nachdem seine junge Braut Leah an Lungenentzündung starb, zu der sich eine harmlose Erkältung ausgewachsen hatte, heiratete er die nächste Schwester, Vogele. Drei ihrer eigenen Kinder hat Perl überlebt, zwei Töchter und ihren einzigen Sohn; die anderen will sie nicht überleben. Lass sie mich begraben und nicht umgekehrt, betet sie zum Ewigen. Sie betet in Jiddisch, denn wie die meisten Frauen hat sie nie Hebräisch gelernt.

Judah weiß, was sie ihm raten würde. Vergiss diesen Unsinn. Pass auf deine Enkelkinder auf, die zu schnell heranwachsen, pass auf deine Gemeinde auf, denn es gibt zwei ehebrecherische Paare, von denen ich jetzt schon weiß. Nein, Perl würde über solch ein gefährliches Experiment schimpfen.

Chava würde verstehen, aber es scheint nicht angemessen, die eigene Enkeltochter zu Rate zu ziehen. Im Jahr zuvor kehrte Itzaks Tochter Chava zurück, um bei ihnen zu leben. Chava hatte jung geheiratet und war jung verwitwet. Sie ist zufrieden, die Witwe Bachrach zu sein.

Chava ist anziehend und gebildet und hat immer Freier. Perl hat keine Eile, Chava wieder verheiratet zu sehen, denn Chava ist ihr eine große Hilfe. Perl wird immer langsamer vor Arthritis. Sie möchte nicht allein zu Haus gelassen werden mit dem Maharal, der, wie er selbst weiß, einer Frau ein schlechter Gesellschafter ist. Chava arbeitet als Hebamme im Ghetto und sie hat die Pflichten ihres Vaters Itzak als Sekretär des Maharal übernommen.

Auch der Maharal verspürt keine Eile, ihr einen zweiten Ehemann zu suchen, obwohl er mit jedem Mitglied seiner Gemeinde hart ins Gericht gegangen wäre, das sich so verhalten hätte, wie er es tut. Er hat es oft bemerkt und glaubt es immer noch: Chava ist sein aufgewecktestes Kind. Sie hat die Triebfedern, die seinem eigenen Sohn fehlten. Wie hat er versucht, Bezalel voranzutreiben, den Verstand seines Sohnes zu bilden, damit er seinen eigenen überträfe. Er hat ihn zu hart angetrieben. Er hat seinen Sohn vertrieben. Jetzt ist Bezalel tot und es gibt kein zweites Mal.

Er selber hat Chava Hebräisch gelehrt und sogar Aramäisch, wie einen Sohn. Sie hilft ihm bei seinen Forschungen, sie schreibt seine Predigten und seine Werke für ihn ins Reine in ihrer schönen hebräischen Handschrift und sie überwacht den Druck seiner Bücher bei Gersonides, der hebräischen Buchdruckerei von Prag. Nein, er will sie nicht verlieren an irgend so einen Tölpel von Ehemann, der sie durch eine Kindsgeburt nach der anderen auslaugt. Natürlich muss sie noch mehr Kinder gebären neben dem Sohn, den die Schwiegereltern hüten; sie muss fruchtbar sein und sich mehren, mit dem richtigen Ehemann. Auch Perl heiratete erst, als sie dreißig war, und gebar das erste Kind, als sie einunddreißig war, und sie ist gesund und kräftig bis auf den heutigen Tag, bis auf ein wenig Arthritis letztens. Viel Zeit.

Chava für ihr Teil zeigt wenig Interesse an jungen Männern, sogar den frommen, die der Maharal kurz für sie in Betracht zieht. Sie arbeitet gern als Hebamme und verdient sich ihren eigenen Lebensunterhalt. Judah hat sie zu Perl sagen hören, ich habe Tag und Nacht mit Neugeborenen zu tun. Alle Neugeborenen hier sind meine. Meine Familie ist jetzt schon riesengroß. Warum vermutet er, dass Chava in der Erschaffung des Golems – angenommen, er wagte sich wirklich daran – einen Übergriff nicht nur auf die Macht des Ewigen sehen wird, sondern auch auf die Macht der Frauen zu gebären, Leben zu spenden? Nein, etwas so Heiliges mit einer Frau besprechen, er kann es nicht.

Der Maharal und seine Familie wohnen im ersten Stock, die dritte Tochter, Jentel, mit Mann und Kindern über ihnen, und unten Samuel, ein Schneider, der auch mit getragenen Kleidungsstücken handelt. Das zweistöckige Haus hat eine Toreinfahrt, die zum Hof führt und einem weiteren Haus, wie im Ghetto eben alles zusammengequetscht ist, auf jedem freien Fleckchen, schmale Häuser, die sich zum Himmel recken wie von Lichtmangel halb verhungerte Schösslinge. Im Hof wohnt der Astronom und Historiker David Gans, in dem schmalen Haus seines Bruders. Vom Fenster ihrer guten Stube kann Perl über die wenigen Fußbreit zwischen den Gebäuden hinweg sprechen. »Komm und teile unser geringes Abendbrot, Davidl.« Sie redet ihn wie einen Sohn an, obwohl er in den Fünfzigern ist; er wirkt jünger, denn er ist behände und neugierig.

David ist blitzgescheit, aber nüchtern und jedem Streit abhold. Er hat moderne Ideen über die Astronomie. Er ist willkommen in dem Observatorium, das Tycho Brahe unter Rudolfs Schirmherrschaft erbaute, das beste und präziseste Observatorium in ganz Europa. Sein Werk, neue Entdeckungen in der Geografie dem Volk bekannt zu machen, schließt einige der vortrefflichsten Karten ein, die von der Neuen Welt gefertigt werden. Aber David Gans ist kein Kabbalist. Geistesdingen gegenüber ist er scheu. Er liebt es, Ideen zu erörtern, aber solche, die sich mit der für ihn realen Welt beschäftigen, der Welt der Materie.

Soll Judah seinen Schwiegersohn und früheren Sekretär zu Rate ziehen, Itzak Cohen? Itzak ist ein guter Mann, ein gescheiter Mann, aber er folgt der Führung des Maharal. Die Antwort, um die er sich bemühen wird – würde ihm die Fragestellung vorgelegt –, wird die sein, die der Maharal von ihm hören möchte. Er ist Judah doppelt kostbar, weil er zuerst Leah heiratete, dann, nach ihrem Tod, Vogele, und weil er der Vater von Chava ist, Judah von allen am teuersten, aber Itzaks Meinungen einholen heißt, in einen wässerigen Spiegel schauen.

Itzak Cohen ist Anfang fünfzig, sein Bart buschig und weiß. Draußen in der Welt ist er ein berühmter Gelehrter, ein Mann, dessen Rat gesucht wird, der als weise gilt und auch als klug in Geschäftsdingen, ein seltenes Zusammentreffen. Sobald er mit dem Maharal ist, überkommt ihn jedoch die ehrfürchtige Scheu vor seinem Lehrer. Seine Stimme wird etwas höher. Er scheint kleiner. Er wird wieder zum Knaben.

Vielleicht hätte er die Rolle des Ersatzsohnes füllen können, wäre sein eigener Vater weniger stark in Erscheinung getreten. Mit seinem leiblichen Vater ist Itzak fest, großzügig, versöhnlich; er vertritt Vaterstelle an seinem eigenen, glücklosen Erzeuger, gewährt ihm in seinem Hause Obdach. Der ältere Cohen ist der geborene Lackmeier, den ein Schwindler nach dem anderen schröpft.

Was ist mit Judahs begabtestem Schüler, Jakov Sassun ha-Levi? Jakov ist zwanzig Jahre jünger als Itzak; er erhellt des Rabbis alte Tage mit seinem hervorragenden Verstand. Er ist undiszipliniert; in ihm erkennt der Maharal seine eigene Liebe zu Wortschlachten. Judah sucht dieses Feuer zu läutern mit Weisheit und Urteilskraft. Nein, Jakov würde auf der Stelle einen Golem machen wollen, einfach weil es gefährlich ist und am Rande der Blasphemie. Er hat immer noch ganz stark das Bedürfnis, sich zu beweisen, dieser Jakov Sassun.

Jakov Sassun ist ein schlanker, lederner, hochgewachsener Mann, seit kurzem Witwer. Er ist mit drei Kindern zurückgeblieben, alles Söhne, und schaut sich nach einer Frau um. Er hat schon sein Interesse an Chava bekundet, die ihn höflich, aber deutlich zurückwies. Jakov ist hartnäckig, überzeugt, dass er sie überreden kann. Ihm liegt mehr daran, in die Familie des Maharal zu heiraten, als ihm daran liegt, Chava zu heiraten, aber sie ist anziehend und gescheit. Jakov lahmt ein wenig, von einer Straßenschlägerei mit Christenraufbolden in seiner Jugend. Er hat eine schöne, kräftige tiefe Stimme und er singt oft in geselliger Runde, nicht nur religiöse Lieder, auch jiddische Lieder über wundertätige Rabbis und liebeskranke junge Leute und Heiraten und Todesfälle. Musik verzückt ihn, bis die Augen in seinem langen, hageren Gesicht leuchten. Judah hat ihn gern, wäre nicht allzu abgeneigt, wenn Chavas Wahl auf ihn fiele, doch Jakovs Urteilsvermögen muss erst noch geläutert werden, durch Erfahrung und mehr Weisheit.

Jakov wohnt nicht weit, im Haus von Chaim dem Silberschmied, der zu einigem Wohlstand gelangt ist und der für die Altneuschul eine wunderschöne silberne Krone für die Torarolle macht, zu Rosch Haschana soll sie fertig sein. Sie ist ein Geschenk von ihm. Etliche Synagogen haben schon Waschbecken und Kandelaber, die Chaim gemacht hat, aber sie wurden von reichen Spendern wie Mordechai Maisl bezahlt. Dies ist das erste Mal, dass Chaim meint, solch einen Beitrag selbst leisten zu können, aus seiner eigenen Werkstatt und seiner eigenen Tasche. Der Maharal hat mit Chaim mehrere Nächte über der Ausgestaltung der Krone zugebracht. Auf das Silber soll eine Methode angewandt werden, wie sie oft in kalligrafischen Zeichnungen benutzt wird: Viele winzige hebräische Buchstaben werden zu Gegenständen wie Blüten und Blättern zusammengesetzt.

Die Ereignisse entscheiden für Judah. Was ihn zu einem Entschluss bringt, ist die Verhaftung von Chaim dem Silberschmied. Er wird beschuldigt, gemeinsame Sache mit den Türken gemacht und militärische Geheimnisse weitergegeben zu haben, aber er ist in Schwierigkeiten, weil er in aller Stille begonnen hat, feine Kandelaber und Kultgegenstände von eigenständiger und eindrucksvoller Gestalt anzufertigen, eine Konkurrenz für die christlichen Silberschmiede. Er wird im Gefängnis gefoltert und kein noch so hohes Bestechungsgeld von Seiten seiner Frau oder seiner Familie scheint seine Freilassung bewirken oder ihm wenigstens den Tod ersparen zu können. Der Maharal geht zu Fuß ins Rathaus, zum Statthalter des Kaisers. Er sucht Pater Jiri auf, mit dem er vorsichtig verkehrt. Alle Fürbitten prallen gegen eine Wand aus Eisen.

Die Ergreifung des Silberschmieds aufgrund einer so herbeigesuchten Beschuldigung ist dem Maharal eine deutliche Warnung, dass er das Wetterleuchten richtig liest und sich ein Blutsturm zusammenbraut. Am Tage, an dem Büttel mit Pikenieren ins Ghetto kommen, um die Besitztümer des Silberschmieds zu beschlagnahmen und seine Familie auf die Straße zu setzen, bittet der Maharal Itzak und Jakov, zu ihm zu kommen, leise, unauffällig und ohne jemandem davon zu sagen. »Beginnt zu fasten. Geht heute Abend in die Bäder und reinigt euch. Dann kommt um Mitternacht zur Altneuschul. Ich werde dort sein.« Es ist Rosch Chodesch, Neumond.

Er hat beschlossen, nur Itzak und Jakov mitzunehmen. Er dachte daran, auch David aufzufordern, verwarf es aber rasch. David würde unablässig Fragen stellen und Notizen machen wollen. Ferner befürchtet der Maharal, dass David sich schwertun würde, das nächtliche Unterfangen nicht als Physikexperiment zu betrachten, und auch kaum davon abzuhalten wäre, eine ausführliche Niederschrift nebst dazugehörigen Erklärungen anzufertigen. Nein, nur Itzak und Jakov dürfen ihn begleiten.

Um Mitternacht steht er im Tor zur Altneuschul, wo ich selber gestanden habe, wenn auch nie um Mitternacht. Sie ist ein kleines, aber kraftvolles gotisches Bauwerk, dessen Stirnmauer wie eine ausgezackte Menora gestaltet ist. Europas älteste Synagoge, an Pomp und Prunk das Gegenteil einer Kathedrale, ist klein, schmächtig und doch von ergreifender, schlichter Erhabenheit. Willst du sie betreten, steigst du hinab, und dann erheben sich deine Augen zu den schmalen Fensterschlitzen in den hohen weißen Wänden. Aus der Altneuschul holt der Rabbi eine Tora, wickelt sie sorgfältig in einen Überwurf ein und dann in einen noch größeren darüber, gegen den feuchten Märzwind, der zwischen den Häusern hindurchglitscht, die krummen schmutzigen Gassen entlang, und sich dann auf dem Friedhof jenseits der Synagoge entfaltet. Der Maharal führt seine Helfer auf den Friedhof, er sieht sie beklommene Blicke tauschen. Was macht er mitten in der Nacht auf dem Friedhof? Hat ein Dybbuk einen der ihren besessen oder erhebt sich ein Gespenst wegen irgendeiner Ungehörigkeit bei der Grablegung?

»Jeder nehme eine Schaufel.« Er öffnet den kleinen Schuppen des Friedhofsdieners. Jede Nacht werden in Prag die Pforten des Ghettos verschlossen, die Juden sind für die Nacht eingesperrt, die Christen angeblich ausgesperrt: gerade so, wie wir uns hinter unseren elektronischen Mauern verbergen, unseren Überwachungsgeräten, unseren Amateuraufpassern, um zu überleben. Aber eine Mauer kann überklettert oder untertunnelt werden, oder ein paar strategische Steine können leise gelockert werden. Der Maharal kennt jeden Ziegelstein des Ghettos. Es ist ein enges Beieinanderleben, jeder riecht, was andere zu Abend essen, und hört, worüber andere streiten. Privatleben, Intimsphäre, soll das ein Witz sein? In Prag auf dem jüdischen Friedhof sind sogar die Toten zusammengepfercht, übereinander begraben, die Steine wild nebeneinandergezwängt wie schiefe Zähne. Die Toten können nicht umgebettet werden, das würde die nötige Ehrerbietung vermissen lassen, aber den Juden ist nicht erlaubt, ihre Toten außerhalb des Ghettos zu begraben. Deshalb wird regelmäßig eine frische Erdschicht über die Gräber geschüttet, die Grabsteine werden zur neuen Oberfläche hochgeholt, ein frisches Grab wird ausgehoben und ein weiterer Grabstein der Menge hinzugefügt, es geht zu wie in den U-Bahnen, wenn sie nach Arbeitsschluss die Konzern-Enklaven verlassen.

Der Maharal geht voran, mit der Tora und einer Blendlaterne. Dahinter trabt Itzak, klein und untersetzt, sein weißer Bart hebt sich leuchtend von seinem dunklen Überwurf ab, und zu seiner Linken Jakov, hochgewachsen wie der Maharal, hager, auf einen seiner leicht hinkenden Schritte kommen zwei von Itzak, beide mit Schaufeln über den Schultern wie Pikeniere, die in die Schlacht marschieren, und Jakov trägt dazu einen großen, aber leichten Holzrahmen, den ihm der Maharal gegeben hat.

Sie sind verängstigt, aber sie vertrauen ihm und sie gehorchen ihm. Am Ende der Weidenstraße, in der nicht ein Baum wächst, aber wo der Überlieferung nach einst ein Bach floss, der sich immer noch durch die Keller schlängelt, kennt Judah eine schwache Stelle in der Ghettomauer. Der gleiche Bach, der sich wie ein Gespenst durch die Erde des Ghettos stiehlt, fließt hier hinaus zur Moldau. Hier kann man im Schutze der Dunkelheit aus dem Ghetto kriechen. Schweigend huschen sie durch die verbotenen Christenstraßen, hin zu offenem Gelände.

In den Wäldern am Ufer des Flusses ist die Nacht kalt und klamm, ohne Licht außer dem der Blendlaterne mit ihrem schwachen Schein, und der Fluss dahinter murmelt über seine Steine wie schwarze changierende Seide. Das Laub hat noch nicht einmal begonnen, die Knospen zu sprengen. Die kahlen Winterzweige reiben aneinander im kühlen Wind. Von fern ruft eine Eule auf der Jagd.

Sie machen sich daran, Lehm aus dem Flussufer zu graben, während der Maharal einen leisen Singsang ertönen lässt, die ganze Zeit über betet, während er, der uralte Mann, sich verbissen ins Zeug legt, erst Itzak die Schaufel wegnimmt und dann Jakov, schneller gräbt als sie. Sie starren ihn an in großer Furcht, Furcht, er wird plötzlich sterben, denn wie kann ein einundachtzig Jahre alter Mann sich bücken und heben, sich bücken und heben und schleppen wie ein Achtzehnjähriger? Furcht, denn was tun sie da, welches gewaltige Grab heben sie aus?

Schließlich ist der Maharal zufrieden, sie haben genug Lehm ausgegraben und er legt den Holzrahmen hin. Sie sehen, dass er wie ein Mann geformt ist. Sie häufen den Lehm in die Form, kneten daraus einen Leib. Wieder, über den Kopf des murmelnden Rabbis hinweg, tauschen sie Blicke der Verwunderung und der Furcht. Ist der Maharal verrückt geworden? Ist er plötzlich altersschwachsinnig? Der Tod seines einzigen Sohnes hat ihn in tiefe Schwermut geworfen, aber dies ist Wahnsinn. Was tun sie hier, verbotenerweise außerhalb des Ghettos, tollen am Flussufer unter dem Neumond umher, backen einen riesigen Sandkuchen in Gestalt eines Mannes?

Die Form, die der Maharal auf die Erde gelegt hat, ist größer als ein normaler Mann, so hünenhaft wie der stärkste Soldat. Der Maharal bückt sich und arbeitet an der Gestalt der Lehmpuppe. Er formt die Haare, das Gesicht, die Organe. Dann beginnt der Maharal zu beten, die Arme hoch über den Kopf gereckt. Der Wind hat sich gelegt und Nebelschwaden steigen aus der silbrigen Schwärze des Flusses. Mit weit ausgestreckten Armen betet er lauter, er wiegt sich, er davenet, er singt. Itzak sträuben sich die Nackenhaare und er sucht Trost bei Jakov, doch Jakov steht der Mund offen, auch er betet seltsame Worte, die sich in der Luft zwischen den Männern zusammenzuballen scheinen wie eine Wolke aus öligem Rauch.

Das Gesicht des Maharal ist bleich vor Ekstase. Er fühlt, wie ihn die Kraft zu durchströmen beginnt. Das ist die Kraft der Schöpfung. Sie ist immer gefährlich. Sie ist der Blitz, der in den Turm einschlägt, und die Welt steht Kopf. Sie ist immer der Eingang des Wortes in die Materie, und alles wird neugeboren. Er fühlt die Energie von etwas Sonderbarem und Neuem und Schrecklichem, gebündelt zu einem Speer, der durch ihn hindurchfährt und in den Lehm vor ihm. Er sieht seine eigenen Hände mit einer bläulich-weißen Strahlkraft leuchten. Seine Hände knistern. Sein Haar steht zu Berge vor Elektrizität.

Alle Verbindungen der Konsonanten und Vokale singt er, und die verborgenen Namen G-s spricht er, und die heiligen Zahlen, welche die Atome des Universums bildeten. Er ist durchscheinend geworden von der Kraft, die ihn durchströmt. Sein Fleisch ist geschwärzt wie Glas, das im Feuer gestanden hat. Seine Augen sind Silber wie der Mond, ohne Pupillen oder Iris. Er weiß in diesem Augenblick mehr, als er je in seinem Leben gewusst hat, und mehr, als er in fünf Minuten wissen wird.

Blaues Feuer knistert über die Lehmpuppe, als flössen Rinnsale von Quecksilber über die Oberfläche und sänken dann ins Innere. Der Lehm beginnt zu rauchen und sich zu dunklem Rot zu erhitzen und dann heller und heller. Er ist rot wie ein aufgerissenes Herz, wenn das arterielle Blut herausspritzt; jetzt ist er orange und jetzt brennend gelb und jetzt weiß, ein Weiß, das sie nicht anschauen können. Itzak und Jakov weichen zurück. Sie sind geblendet. Als der stechende Schmerz in ihren Augen nachlässt und sie sich die Lider reiben und hoffen, wieder sehen zu können, kühlt die Puppe von Orange zu Rot und dann matter bis nahe zur Farbe ihrer Haut. Was sie sehen, ist nicht mehr Lehm, sondern Fleisch.

Jetzt steigt aus den erhobenen Armen des Maharal ein frischer kalter Wind auf, der Regen bringt. Ein kleines Unwetter geht auf ihre Köpfe hernieder, der Wind reißt an ihren Kleidern und Haaren und Bärten, er rüttelt an den kahlen Zweigen der Bäume und bricht sie los. Für einen Augenblick ist der Regen alles, eine feste Wasserwand, ein Guss, in dem sie fast nicht atmen können. Dann lässt der Regen nach, der Wind legt sich und die Puppe liegt da, ein Mann aus Fleisch, dem jetzt Haare sprießen von matter rötlicher Farbe und rötliche Schamhaare um das schlaffe Organ zwischen den mächtigen Schenkeln, der neue Nägel hat und Wimpern und rote Lippen, der, wenngleich riesig, so wohlgeformt ist wie jeder von ihnen.

Itzak schaut Jakov und Jakov schaut Itzak an. Itzak flüstert lautlos: »Ein Golem?«, und Jakov nickt, der Mund steht ihm immer noch offen. Sie sind bis auf die Haut durchnässt und zittern vor Furcht. Sie umklammern sich bei den Händen und jeder weiß, auch der andere möchte am liebsten Reißaus nehmen.

Nun wendet sich der Maharal Jakov zu und flüstert ihm ins Ohr, was er singen soll, und schickt ihn sieben Mal von links nach rechts um den Körper. Er flüstert Itzak zu und zwingt auch ihn zu singen, zu kreisen, ein feierlicher Rundtanz. Dann beginnt er einen Sprechgesang, das Bart- und Haupthaar gesträubt, die Augen silbern, Runde um Runde, seine Stimme tönt so unheimlich wie das Heulen eines Wolfes. Während der Maharal kreist, beginnt die Brust des Golems sich langsam zu heben. Seine Lippen teilen sich. Ein Atemzug wie ein langes, tiefes Stöhnen, dann noch einer, und der Mann aus Lehm beginnt sich zu regen. Seine Augen klappen auf, doch sie sind glasig, blicklos. Der Maharal ergreift die mitgebrachte Torarolle und kreist sieben Mal und tanzt, als wäre Simchat Tora. Schnellere Atemzüge durchbeben den Leib des Golems. Er ächzt. Er blinzelt, und jetzt sehen seine grauen Augen, er schaut sie an und er sieht sie. Er blickt sich um, hebt den Kopf und schaut von Seite zu Seite wie eine große Schnappschildkröte, die den Kopf aus dem Wasser steckt. Er lebt, er ist ein lebendiger Mann, und doch ist etwas Massiges, Unbewegliches, Urgeschichtliches an ihm. Er ist ein Echsen-Mann, denkt Itzak, er ist ein Mann aus Schieferton.

Itzak und Jakov weichen unwillkürlich vor ihm zurück, entsetzt. Der Maharal zuckt auch zurück, aber dann sammelt er sich, tritt vor und beugt sich über den Mann, der Lehm gewesen ist, den Mann, den er gemacht hat.

Ich liege in meinem hohen antiken Bett und höre die ungewohnten Geräusche von Shira in ihrem Zimmer, endlich, endlich wieder bei mir. Die Einbringung einer kostbaren Ernte. Sie leidet unter dem Verlust ihres Sohnes und vielleicht sogar unter dem Verlust ihres unnützen Ehemannes, aber sie ist mir wiedergegeben. An diesem Punkt der Geschichte pflegte sie immer einzuwenden: Wie kann ein Mann aus Lehm lebendig werden? Sie war in ihrem Denken immer auf der wörtlichen Seite. Wie du ja auch, mein lieber Yod. Ihr solltet euch auf dieser Ebene gut verständigen können. Sie wird rasch lernen, dich zu erreichen, du wirst sehen.

Ich erinnere mich, wie ich zu ihr von der Macht des Benennens sprach. Was wir nicht benennen können, sagte ich, darüber können wir nicht reden. Wenn wir etwas in unserem Leben einen Namen geben, dann können wir ihm damit Macht geben, so, wenn wir einen Lustreiz Liebe nennen, oder wenn wir unseren Neid Redlichkeit nennen; oder wir können uns selbst Macht geben, denn jetzt können wir über etwas denken und reden, was uns wehtut, wir können mit anderen zusammenkommen, die den gleichen Schmerz verspürt haben, und so können wir versuchen, etwas damit anzufangen.

Aber ich redete in der befangenen Art, in der man zu Kindern spricht. Die Bühne des Lebens ist voller kleiner Wahrheiten, die nicht ganz zusammenpassen. Ich weiß, was der Maharal empfand, denn in aller Schöpfung, in Wissenschaft wie Kunst und in Bereichen wie meinem, wo Wissenschaft und Kunst sich treffen und mischen, in der Erzeugung von Schimären aus Pseudodaten, Desinformation und inneren Phantasiewelten, ist ein wirkliches Neuerschaffen. Wir nehmen an der Schöpfung teil mit ha-schem, dem Namen, dem Wort, das uns spricht, dem Atem, der Leben durch uns singt. Wir sind Werkzeug und Gefäß und Wille. Wir stehen in Verbindung durch Kräfte, die unser eigenes, bruchstückhaftes Bewusstsein übersteigen, mit dem Rest des Lebewesens, das wir alle zusammen ausmachen. Die Kraft fließt durch uns hindurch ebenso wie durch den Tiger und durch die Eiche und durch den Fluss, der über seine Felsen bricht, und wir kennen in unserem Kern das Feuer, das die Sonne nährt.

Ich verstehe, was Avram, mein einstiger Geliebter, empfand, als er in seinem Labor eine Person erschuf, denn das Gleiche geschah, als er seinen Schwanz in Sara steckte und sie zusammen Gadi machten. Denn das Gleiche geschah, als ich Riva gebar und sie neben mir lag, real und rot und schreiend. Jedes Leben ist neu. Jedes Wort spricht sich ständig zum ersten Mal: Geburt, Liebe, Schmerz, Sehnsucht, Verlust. Jede Mutter formt Lehm zu Cäsar oder Madame Curie oder Jack the Ripper, unwissend, in blinder Hoffnung. Aber jede Künstlerin erschafft mit offenen Augen, was sie im Traum sieht.

Ich habe an Rosch Chodesch in der Finsternis des Waldes bei dem flüsternden Strom gestanden, und ich habe die Kräfte gerufen, dass sie durch mich etwas zu Leben befeuern, was noch nie gewesen ist. Das hätte ich ehrlicherweise Gadi und Shira erzählen müssen, als sie im Hof beim blühenden Pfirsichbaum mit seinen rosa Blüten mir zu Füßen saßen und ich ihnen diese Geschichte erzählte. Ich hätte sagen müssen, ich bin der Maharal und ich mache den Golem mit den besten und kraftvollsten Momenten meines ganzen Lebens, und das tut auch Avram, und das, meine Lieben, werdet einst vielleicht auch ihr tun. Schöpfung ist immer lebensgefährlich, denn sie gibt wahrhaft Leben dem, was noch nicht begonnen hatte, und Stimme dem, was stumm war. Sie bringt Kunde, die unbekannt war und ohne deren Wissen es vielleicht um unsere Seelenruhe besser bestellt war. Das Neue ist notwendigerweise gefährlich. Auch du wirst das an deiner Natur akzeptieren müssen, Yod, denn du bist wahrhaft neu unter der Sonne.

8Shira
Wie soll ich dich anreden?

Als Shira in Avrams altes Labor im ersten Stock eines ehemaligen Hotels eingelassen wurde, wollte sie wissen: Ist Gadi noch da? Sie wünschte, sie könnte einfach hineingehen und Avram ohne Umschweife fragen, denn sie würde sich wesentlich befreiter konzentrieren können, war das erst einmal abgehakt. Das Gebäude beunruhigte sie. Ihr Magen krampfte sich zusammen und ihre Hände ballten sich zu feuchten Fäusten. Sie fühlte sich, als sei sie wieder siebzehn, unwissend, bange, ein Geschöpf ganz aus stürmischen Gefühlen und Schmerz.

Ein Standard-Dienstroboter, mit aufrechtem Gang, aber mit Gesichtsplatte und vier Metallhänden, ließ sie ein. »Ich bin Gimel. Folge mir bitte.« Die Stimme war so ausdruckslos wie ein Fahrstuhl oder ein Speiseautomat. Gimel war das dümmliche Cyborg, den Avram in ihrem letzten Jahr daheim gebaut hatte. Sein Gesicht und seine Hände waren nicht mehr mit künstlicher Haut verkleidet. Vielleicht hatte Avram es aufgegeben, verbotene Cyborgs zu bauen, die Menschen ähnelten. Sie musste im äußeren Labor warten, während Gimel im verschlossenen inneren Labor rückfragte.

Gimel führte sie durch eine Reihe von Sicherheitsschleusen. Als sich die Tür schließlich öffnete, stand ein dunkelhaariger Mann auf der anderen Seite, von mittlerer Größe und kräftigem, gedrungenem Körperbau – offenbar eine Sicherheitswache, denn er stand unmittelbar bei der Tür in geduckter Verteidigungshaltung, die Hände schlagbereit. Sie war genug übersensibilisierten, reizbaren Sicherheitsaffen begegnet, um sofort stehen zu bleiben, unwillkürlich hielt sie den Atem an, hielt die Hände vollkommen still und sichtbar. Zuletzt hatte sie einem Affen gegenübergestanden, als sie sich über Aris Verbringung auf die Pazifika-Plattform beschweren ging. Dr. Yatsuko, der korpulente Leiter der Abteilung für Künstliche Intelligenz, hatte sie persönlich empfangen, zum allerersten Mal, seit sie dort arbeitete. Es war fast ein Skandal, vor ihn gebracht zu werden, aber sie war viel zu sehr außer sich vor Kummer und Sorge. Zwei Affen hatten ihm während ihres vierminütigen Wortwechsels zur Seite gestanden, als könnte ihre empörte Mutterliebe sie dazu verleiten, mit Zähnen und Nägeln über ihn herzufallen.

»Yod! Es besteht keine Notwendigkeit, mich zu verteidigen.« Avram kam auf sie zu und rieb sich munter die Hände. Sein Haar war vollkommen weiß und seine Augen blitzten so hart und hell wie in ihrer Erinnerung. »Willkommen, Shira.«

Der Wachmann zog sich an die Wand zurück. Seine Augen blieben auf die Tür gerichtet, bis sie zuging und die Schlösser automatisch einrasteten. Sie drückte sich, immer noch etwas ängstlich, an ihm vorbei. Sie hoffte, Avram würde den Wachmann wegschicken, damit sie ohne seine rastlose Anwesenheit reden konnten. Niemals hatte es in der Zeit, als sie dort aufwuchs, professionelle Affen in Tikva gegeben. Die meisten Bewohner übernahmen Wachpflichten, und der Sicherheitsbeauftragte wurde in einer Stadtversammlung gewählt. Sie war enttäuscht, dass professionelle Sicherheit hier Einzug gehalten hatte.

Avram nahm ihren Ellbogen und lenkte sie zu seinem Arbeitstisch. »Yakamura-Stichens Verlust ist mein Gewinn. Ich brauche deinen Sachverstand, Shira. Ich biete dir Vergleichbares zu dem, was du dort gemacht hast – das habe ich dir schon gesagt.«

»Aber was kann ich tun … Dr. Stein?« Sie dachte an ihn als Avram, aber wenn sie für ihn arbeitete, konnte sie ihn nicht so anreden.

»Ich habe deine Arbeiten gelesen über das Felddichte-Schocksyndrom in der Projektion und über das Schwinden des Zeitgefühls bei ausgebrannten Benutzern. Zu dem, was du hier tun kannst – du hast ja mein Projekt bereits kennengelernt. Yod: Tritt vor!«

Der Wachmann betrachtete sie unverhohlen. Die Neugier stand ihm so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass sie sich fragte, ob er ein wenig einfältig war. Sein Blick war offen, eindringlich, fragend. Die Regenbogenhaut seiner Augen war dunkelbraun mit grünen Tupfen und hob sich von dem ungewöhnlich porzellanartigen Weiß ab. Sein Haar war fast so dunkel wie ihr eigenes; sein Teint oliv. Er wirkte keineswegs ungewöhnlich unter den verschiedenen Erscheinungstypen in der kleinen Stadt. Er schien mediterraner Abstammung.

Avram stand seitlich zwischen ihnen. »Shira, das ist Yod.«

»Yod? Ein seltsamer Name …«, begann sie, dann brach sie ab, weil sie begriff. Yod war der zehnte Buchstabe des hebräischen Alphabets. Alef, Bet, Gimel … Yod. »Es ist ein Cyborg?«

»Der Cyborg«, verbesserte Avram voll Genugtuung. Er gab Yod einen Klaps auf den Rücken. »Darauf habe ich hingearbeitet. Endlich. Und gerade noch rechtzeitig, wie du bald erfahren wirst. Unsere Situation hier verschlechtert sich radikal. Unsere Basis wird von Informationspiraten angegriffen.«

Sie ging näher, beugte sich vor, um seine Wange zu berühren. Die künstliche Haut fühlte sich warm an, der Oberfläche menschlicher Haut sehr ähnlich, wenn auch trockener. Sie spürte, wie das Cyborg sich unter ihren Fingern spannte, was sie überraschte. Es gab ihr ein Gefühl, als benähme sie sich ungehörig, aber das war absurd. Man fragte einen Computer nicht um Erlaubnis, wenn man ein Programm aufrief. Computer zuckten nicht zusammen, wenn man sie anfasste. »Verkaufst du es an Olivacon?«

Als Reaktion wandte sich Yod zu Avram und schaute ihn entsetzt an. Avram hatte ausgezeichnete Arbeit geleistet beim Einbau einer Entsprechung feinster Muskulatur in den Gesichtsbereich der Maschine, damit ein Scheinbild menschlicher Reaktionen geboten werden konnte. Sie war neugierig auf die Programmierung, die das Cyborg wählen ließ, welche Reaktion es in halbwegs angemessener Weise zu produzieren hatte. Malkah hatte mit Avram gearbeitet; war dies das Projekt gewesen? Offensichtlich hatte Avram die hochkomplizierte Technologie menschlicher Implantate, Ersatzorgane und -glieder beim Bau des Cyborgs angewandt, aber er hatte alles ihr Bekannte weit übertroffen. Natürlich, angesichts der Geheimniskrämerei der Konzerne konnten Forscher nie wissen, was sich wirklich auf ihrem Gebiet im Verborgenen bei einem anderen Multi tat. Industriespionage war ein höchst lohnendes Geschäft.

Avram nahm sie fest beim Arm. »Yod ist ein Geheimprojekt von mir selbst. Was soll Olivacon mit ihm? Die haben ihre Sicherheit, schießwütige Affen, die mit Steroiden und Adrenophin großgezogen wurden. Yod wird unsere Sicherheit sein, unser Beschützer. Wenn wir schon keine Waffen haben können, so haben wir jetzt eine Ein-Mann-Armee.«

»Aber Roboter sind darauf programmiert, sich selber zu zerstören, bevor sie jemanden verletzen. Wie kann ein Roboter kämpfen?«

»Yod ist ein Cyborg, kein Roboter – eine Mischung aus biologischen und maschinellen Bestandteilen. Er ist darauf programmiert, uns zu beschützen – unsere Stadt, ihre Einwohner, unsere Basis. Das ist seine Hauptaufgabe. Aber um sie auszuführen, kann er nicht so naiv und ungeschickt bleiben, wie er jetzt ist. Da bist du gefordert.«

»Avram, meine ganze Arbeit bisher drehte sich um Megahirne in öffentlichem oder Konzernbesitz. Ich habe im Grunde keinen Sachverstand zu bieten, wenn ich mit geringerer als menschlicher –«

»Meine Speicherkapazität liegt im Bereich der künstlichen Gehirne, mit denen du gearbeitet hast, und ich kommuniziere mit solchen Computern wesentlich besser, als ein Mensch es je könnte«, sagte Yod und verschränkte die Arme. »Ich habe ebenfalls deine Arbeiten gelesen, die im Netz zur Verfügung stehen.« Es hatte eine angenehme, nicht allzu tiefe Stimme, die sie im Zweifelsfall nicht von einer menschlichen hätte unterscheiden können. »Soll ich meine Fähigkeit zur Computerkommunikation jetzt demonstrieren?«

»Später. Yod hat umfangreiche kybernetische, mathematische und systemanalytische, wahrscheinlichkeitstheoretische sowie auf den neuesten Stand gebrachte naturwissenschaftliche Kenntnisse von enzyklopädischen Ausmaßen. Er ist ferner programmiert mit Weltgeschichte, vierzig Sprachen, der Tora, dem Talmud, dem halachischen Recht – wir können ja schließlich keinen Sicherheitsexperten haben, der bei den Leuten Anstoß erregt. Aber du wirst dich zweifelsohne in den nächsten Wochen durch seine Programmierung hindurchfinden.«

Shira war erstaunt, aber skeptisch. Yod war ein ungeheurer Durchbruch, aber Avram schrieb seinem Cyborg Dinge zu, die ihr unglaubwürdig vorkamen. »Du nennst das Cyborg ›er‹, wie mir auffällt. Ist das nicht Vermenschlichung? Mir wäre es lieb, wenn wir uns darauf einigen könnten, objektiv vorzugehen und nicht in Form von Wunschdenken.«

Yod sprach wieder. »Wie soll ich dich anreden?«

»Ich habe dir gesagt, sie heißt Shira«, sagte Avram. »Es ist dir gar nicht möglich, etwas zu vergessen.«

»Mir sind verschiedene Anredeformen aufgefallen. Sie hat dich erst mit Dr. Stein und dann mit Avram angeredet. Dadurch stellt sich die Frage, wie sie von mir angeredet werden möchte. Ich denke, wir sollten ihr erklären, dass es korrekt ist, von mir als einem ›er‹ zu sprechen. Ich bin kein Roboter, wie es Gimel jetzt ist. Ich bin eine Verschmelzung von Maschine und laborerzeugten biologischen Bestandteilen – ähnlich wie Menschen häufig Verschmelzungen aus Fleisch und Maschine sind. Einer von uns sollte auch erklären, dass ich anatomisch männlichen Geschlechts bin, so wie du mich geschaffen hast.« Das Cyborg schien Avram fast ein wenig pikiert anzureden. Es hatte sich von ihr abgewandt. Ihr würde es wohl ebenso schwerfallen wie offensichtlich Avram, stets zu bedenken, dass menschliche Gestalt noch kein menschliches Geschöpf ausmachte.

»Tatsächlich? Warum hast du das getan?«, fragte sie Avram. Ja, was hieß es eigentlich, davon zu sprechen, dass ein Maschinenwesen überhaupt ein Geschlecht hatte? Gewiss urinierte es nicht durch seinen Penis, und womit wollte es denn Geschlechtsverkehr haben, vorausgesetzt, eine Maschine konnte wollen, was sie ihr nicht zubilligen mochte. Maschinenverhalten richtete sich nach fallweise variierenden Zuständigkeiten und Prioritäten. Sie hatten über- und untergeordnete Aufgabenstellungen und versuchten sie auszuführen. Aber ›wollen‹ war ein Wort, das auf Biologie beruhte, auf dem Bedürfnis nach Essen, Wasser, Schlaf, dem Vermehrungstrieb, dem Verlangen nach sexueller Befriedigung.

Avram sah leicht verlegen aus. Er schaute weder zu Yod noch zu ihr, sondern zur Decke und hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt. »Ich war der Überzeugung, je mehr er einem menschlichen Wesen gleicht, desto geringer ist die Gefahr seiner Entdeckung. Es wird für ihn notwendig sein, sich unter Menschen zu begeben, und er muss ihnen so gleich erscheinen wie möglich. Ich musste häufig die Leistungsfähigkeit einer überzeugenden Fassade und überzeugendem Benehmen opfern. Ich konnte keinen Grund erkennen, ihn … verstümmelt zu erschaffen.«

»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte Yod. Die Stimme klang beleidigt.

»Wenn wir zusammen arbeiten werden, kannst du mich ebenso gut Shira nennen. So nennt mich mein Haus.«

»Shira. Das heißt Lied.«

»Du kannst Hebräisch?«

»Natürlich.« Es sagte das genau so, wie Avram es getan hätte. Sein Tonfall.

»Das ist genau der Punkt«, sagte Avram und trat zwischen sie, »wo ich deine Hilfe brauche. Ihm muss beigebracht werden, wie er mit Menschen reden soll, wie er sich in Gegenwart anderer verhalten soll, wie er mit seinen Funktionen umgehen soll. Er muss bestehen können, verstehst du? Ich bin schon furchtbar im Rückstand mit meiner Vertragsarbeit für Cybernaut. Ich kann mit ihm höchstens zwei oder drei Stunden am Tag arbeiten. Er schläft nicht, und er muss die ganze Zeit über beschäftigt sein, lernen. Als Gadi hier war, konnte ich ihn überhaupt nicht runterbringen –«

»Also ist er abgereist.« Shira hatte das Gefühl, der Raum wurde plötzlich weiter. Vielleicht war die Arbeit ganz interessant, zumindest als Übergangsbeschäftigung, während sie verhandelte, wahrscheinlich zuerst mit Olivacon und Cybernaut. Sie würde sich einen Monat der Entspannung gönnen und dann auf Stellensuche gehen.

»Vor zwei Tagen.« Avram konnte ein erleichtertes Lächeln nicht unterdrücken. »Jetzt sollte ich in der Lage sein, meine Vertragsarbeit nachzuholen, und trotzdem noch ein bisschen Zeit haben, um mit Yod zu arbeiten.«

»Gadi weiß also nichts von dem Cyborg?«

»Natürlich nicht. Wozu sollte er auch?«

»Wer weiß es denn?«

»Malkah. Ich brauchte ihre Hilfe beim Programmieren. Sie hat die seltene Gabe der Diskretion, weißt du«, sagte er, als verriete er Shira ein großes Geheimnis über ihre Großmutter. »Malkah redet zu viel, aber sie redet nicht über das, was sie für sich behalten möchte. Das ist ungewöhnlich für eine Frau.«

»Ich würde denken, das ist ungewöhnlich für einen Mann. Aber was ist aus David geworden? Deinem Assistenten. Er weiß Bescheid.«

»David hatte einen Unfall. Er weilt nicht mehr unter uns.«

Während sie redeten, schaute Yod vom einen zum andern, der Kopf ging hin und her wie bei den Zuschauern eines Tennisspiels. Im Ruhezustand drückte seine Miene nervöse, gespannte Neugier aus. Yods Gesichtszüge waren wohlgestaltet und fein modelliert. Es ähnelte nicht dem, was sie von Gimel erinnerte, als das noch ein Gesicht gehabt hatte, also musste Avram wohl irgendwann eine neue Matrix entwickelt haben. Es war mit weiten, hässlichen Kleidungsstücken angezogen, in grellen Farben, Orange und Gelbgrün und matt glänzend, von der Art, wie sie unathletische Männer trugen, die sportlich wirken oder kundtun wollten, dass sie im Urlaub waren. Immer wenn Yod sich bewegte, machten seine Hosen leise, raschelnde Geräusche wie ein Mäusenest. Vielleicht war das Allererste, ihm neue Sachen auszusuchen und ihm beizubringen, wie man sich kleidete. Sie hatte das für Josh tun müssen. Ein Cyborg konnte kaum weniger Sinn für Kleidung haben als ihr Exmann. Hätte sie Josh doch auch umprogrammieren können!

»Was ist aus den Modellen zwischen Gimel und diesem hier geworden?« Sie nahm an, er hatte bei Alef angefangen und sich durch das hebräische Alphabet gearbeitet. Yod fuhr auf ein Geräusch von außen hoch, sprang über den Tisch zur Wand, presste sich dagegen und lauschte. Kam langsam zurück, lauschte dabei weiter. Diese Schreckhaftigkeit würde schwer zu ertragen sein. Sie fragte sich, ob Avram es überhaupt abschalten und seine Energiequelle herunterregeln konnte. Ein hyperaktives Cyborg. Es erinnerte sie an einen jungen Wachhund, einen unreifen Dobermann, außer dass es sich mit erstaunlicher Grazie bewegte. Es bewegte sich nicht wie der andere Roboter, Gimel, langsam und offensichtlich nach einem algorithmischen Programm für die Bedienung jedes Fingers. Es bewegte sich wie eine große Katze, schneller als menschliche Reaktion, aber geschmeidig. Diese Geschwindigkeit und diese Grazie waren unbehaglich bei etwas Mechanischem, aus welchen Bestandteilen es auch immer gebaut war.

»Die hatten alle Funktionsstörungen«, sagte Avram. »Einige waren unkontrollierbar gewalttätig. Deshalb habe ich schließlich Malkah bei der Software hinzugezogen. Es war aberwitzig teuer, bis mir Yod gelang. Bisher macht er sich gut.«

Yod sagte leiser, als es zuvor gesprochen hatte: »Ich bin der Erste, der die Aufträge meines Vaters ausführen kann.«

»Deines Vaters?«

Avram zuckte die Achseln und sah verlegen drein. »Seit Yod mit dem Studium menschlicher Gesellschaftsorganisation begonnen hat, bezeichnet er mich manchmal so. Schließlich habe ich ihn gemacht, und bei ihm habe ich mich besser angestellt als bei Gadi, das muss ich sagen. Zu schade, dass Gadi nicht ein Viertel von Yods Fähigkeit hat, sich zu konzentrieren und zu lernen.«

»Jedenfalls bin ich nicht deine Mutter«, sagte Shira unverblümt. »Ich habe einen Sohn.«

»Avram ebenfalls«, sagte Yod. »Außer mir. Aber es ist mir verboten, Gadi kennenzulernen. Werde ich deinen Sohn kennenlernen?« Es überwachte ständig den Raum, es verhielt sich, als rechnete es damit, dass ein Stuhl sie ansprang und attackierte.

»Es wäre schön, wenn das möglich wäre«, sagte sie. »Er ist mir weggenommen worden.«

»Malkah hat mir davon erzählt«, sagte Avram. »Eine Schande. Aber immerhin hat dich das hergebracht, nicht wahr?«

»Es hat mich hergebracht, ja.« In einer Anwandlung heftiger Verzweiflung wandte sie sich von beiden ab. Als sie heranwuchs, war ihr Avram nie wie ein richtiger Vater vorgekommen, so wie die Väter ihrer Freundinnen, er war vielmehr genial, fremd, gepanzert. Sie selbst hatte nie einen Vater gehabt. Deshalb hatte sie beschlossen, dass ihr Kind beide Eltern haben sollte, auf altmodische Art. So viel zu diesem Hirngespinst. Jetzt betrachteten alle beide sie mit gleicher, hellwacher Neugier, kalt, eindringlich, aber distanziert: der Blick eines Jagdfalken. Dennoch, wenn dieses Yod nur ein Zehntel so intelligent war, wie Avram voreilig behauptete, versprach ihre Arbeit für eine Weile interessant zu sein. Das würde ihr die Zeit vertreiben, sie beschäftigen. Wenn sie sich ein wenig hineingefuchst hatte, konnte sie sich nach richtiger Arbeit umsehen, bei einem neuen Multi. Sie musste immerhin zwei Jahre überstehen; zwei Jahre, um sich wieder in Stellung zu bringen für den Kampf um Ari, sobald er zur Erde zurückkehrte.

9Shira
Das Familienalbum wird umgeschrieben

Shira war angenehm überrascht, dass Malkah sie nahezu ohne jeden Vorwurf willkommen hieß. Sie hatte vergessen, wie viele Freundinnen Malkah hatte, andere Frauen, die mit kleinen Geschenken vorbeikamen, mit Geschichten, mit Problemen, mit Klatsch. Sie hatte sich ihre Großmutter als alleinlebend vorgestellt, aber sie war selten allein, außer sie wünschte es – und sie schätzte das Alleinsein. Malkah beteiligte sich auch an unterschiedlichsten Diskussionsforen und Spielen im Netz. Shira sah Malkah oft im gefilterten Sonnenlicht des Hofes sitzen oder unter dem Pfirsichbaum in ihrem Lieblingssessel, mit geschlossenen oder halb geschlossenen Augen, und sie dachte dann, dass die alte Frau döste, bis sie merkte, dass Malkah ins Netz eingestöpselt war und umherstreifte oder in der Basis arbeitete und die ausgetüftelten Schimären konstruierte, die einer der Exportartikel von Tikva waren, gekauft von Multi- und Stadtbasen als Schutz.

»Ich flirte mit allen möglichen Leuten«, sagte Malkah. »Keiner kann mich sehen, es sei denn, ich will es.«

»Du verrätst ihnen also nicht dein Alter?«

»Einem sage ich dies, anderen das. Die meisten fragen nicht. Das ist ein Kongress der Köpfe, nicht der Körper.«

»Also hast du geistige Liebhaber?«

»Liebhaberinnen auch. Hast du nie dein Geschlecht gewechselt, Shira, nicht mal für einen Abend? Ich habe eine Freundin in Foxdale, der ich den Hof mache und die mich für einen Mann von zweiundvierzig hält. Sie würde mich umbringen, wenn sie mir begegnete, von Feindin zu Feindin, aber in den Freiräumen des Netzes spielen wir miteinander.«

»Mit Ari habe ich ununterbrochen gespielt. Ich war wieder Kind.« Shira legte die Arme vor ihre Brüste. »Eine Mutter ohne ihr Kind ist ein Karren, der versucht, auf drei Rädern zu rollen«, sagte sie zu Malkah, die in ihrem tiefen Lieblingssessel saß und Shira mit zufriedenem Gesichtsausdruck betrachtete.

»Ein Dreiradkarren ist ein Schubkarren und er funktioniert einwandfrei. Du wirst deinen Sohn zurückbekommen. Am Ende werden wir sie schlagen. In der Zwischenzeit hast du die kostbare Familienfruchtbarkeit. Krieg noch eins.«

»Ich will nicht noch eins.« Sie hatte gestern Abend erneut versucht, ihn übers Netz zu erreichen, aber wieder einmal war der Ruf nicht angenommen worden. »Ich will Ari.«

»Hast du je erwogen, mit deinem Dybbuk ein Kind zu haben?« Shira wusste sofort, dass Malkah Gadi meinte. »Ach, ist Gadi tot, dass sein Geist in mich fährt?«

»Er ist tot auf die gleiche Art wie du, meine Shira. Er kann sich auf keine Frau einlassen, und du kannst keinen anderen Mann wirklich lieben.«

Shira zuckte zusammen. Bittere Widerworte füllten ihren Mund, dann schluckte sie sie hinunter. »Vielleicht ist das schlimmste Schicksal für eine Frau, den Mann, den sie will, zu früh zu kriegen. Wir konnten nicht zusammenbleiben – wir waren Kinder. Aber ich kann niemand anders gehören, nicht so, wie ich mit ihm zusammen war.«

»Ich wollte nie jemandem gehören. Ich wollte sie mir nur eine Weile ausleihen, für das Vergnügen, die Zärtlichkeit, ein bisschen Lachen.«

»Wie viele Liebhaber hattest du?«

Malkah blickte versonnen. Sie schwieg einen Augenblick. »Ich weiß nicht. Ich habe sie seit Jahren nicht mehr gezählt. Ich erinnere mich, als ich wesentlich jünger war, bin ich in schlaflosen Nächten davon eingenickt, dass ich sie gezählt habe. Und ich bin nie bis zu Ende durchgekommen, weil ich immer überlegt habe, ob der eine, an den ich mich kaum erinnern konnte, nun wirklich mein Liebhaber war oder nicht. Ich bestand darauf, chronologisch vorzugehen, also musste ich, wenn ich merkte, ich hatte einen ausgelassen, ganz von vorn anfangen. Es hat immer funktioniert und mich zum Einschlafen gebracht.«

Sie betrachtete erstaunt ihre Großmutter, versuchte, in der untersetzten Frau mit den Zöpfen um den Kopf, aus denen am Nacken und über den Ohren ein paar Haare ausbrachen, eine Femme fatale zu erkennen, die ihre Liebhaber nicht zählen konnte. »Malkah, ich hatte nur fünf. Insgesamt.«

Malkah lachte, dann hielt sie sich verlegen die Hand vor den Mund. »Ich muss sagen, ich hatte fünf, bevor ich zwanzig war. Ich war immer neugierig auf den Geschmack eines neuen Mannes, wie er sein würde. Ich wollte in ihn hineinbeißen.«

Sie war überrascht und ein wenig schockiert, dass ihre Großmutter so offen mit ihr redete. Vielleicht sah Malkah jetzt, da sie verheiratet gewesen war und ein Kind bekommen hatte, in ihr eher eine Gleichrangige. »Also wie viele gab es?«, drängte sie. »Zwanzig? Dreißig? Zweihundert?«

»Um die fünfzig, würde ich schätzen. Ich müsste sie mal zusammenzählen. Ich leide immer noch an Schlaflosigkeit, aber jetzt erzähle ich mir Geschichten, statt Männer zu zählen.«

»Aber so viele … Warst du hinter ihnen her? Bist du auf sie zugegangen und hast ihnen einen Antrag gemacht?«

Malkah lachte. »Ich war nie eine Schönheit. Du bist viel hübscher, als ich je war. Aber ich hatte einen guten Körper und riskierte gern ein Auge. Sie kamen immer auf mich zu, wenn ich das wollte … Avram war ein ganz schöner Rumtreiber, bevor er sich in Sara verliebt hat, weißt du. Bevor er mit ihr nach Kalifornien ging.«

»Avram? Das glaube ich nicht.« Nein, sie konnte es nicht glauben. Kalt, getrieben.

»Er war einfach von blendender Schönheit als junger Mann. Ich muss sagen, wenn ich Gadi anschaue, dann sehe ich Avram, wie er einmal war.«

»Du hattest nie was mit Avram, sag mir, dass du nichts hattest.«

»Ich kann dir sagen, dass ich nichts mit ihm hatte. Hatte ich aber. Einen Sommer lang trafen wir uns immer im Weinberg und breiteten zwischen den Rebstöcken versteckt eine Decke aus. Als er Sara begegnete, verliebte er sich heftig in sie. Ich glaube nicht, dass er je eine andere Frau angeschaut hat.«

Er hat mich angeschaut, dachte Shira mit etwas Widerwillen. Er schaut immer meinen Körper an.

»Als die Dinge aufgrund ihrer Krankheit zwischen ihnen verdorrten, starb, glaube ich, der Sex in ihm. Einige Menschen haben weiter Verlangen danach, solange sie leben, aber andere Menschen, sie lassen ihn los, als wäre es ein Kleidungsstück, das verschlissen ist. Ich finde, das sind Narren.« Malkah nickte zum Nachdruck heftig. »Ich bin voller Freude, dass du bei mir zu Hause bist, Shira. Das verleitet mich dazu, Unsinn zu schwatzen.«

»Es wird jetzt anders zwischen uns sein, nicht wahr?«

»Warum soll alles immer gleich bleiben?« Malkah zog ihren Sessel näher und beugte sich mit hochgezogenen Augenbrauen zu Shira. »Also, was hältst du von Yod?«

»Avram stellt astronomische Behauptungen auf über seine Intelligenz und Leistungsfähigkeit.«

»Yod ist erstaunlich. Aber naiv. Oi, ist der naiv! Deine Aufgabe ist, ihm beizubringen, wie er mit Menschen umgehen soll. Bei seiner Kraft und seinem Verstand kann er, ohne es zu wollen, eine Menge Schaden anrichten, wenn er nicht richtig erzogen wird. Ich bin verantwortlich für seine interpersonelle Programmierung, aber er hat keine Gelegenheit gehabt, diese Fähigkeiten auszuprobieren.«

»Ein Gerät zu erziehen ist kein Konzept, das mir sonderlich einleuchtet. Er – jetzt hast du mich so weit. Es ›er‹ zu nennen.«

»Er ist eine Persönlichkeit, Shira. Keine menschliche Persönlichkeit, aber eine Persönlichkeit.«

»Nachdem du ein Leben lang mit künstlicher Intelligenz gearbeitet hast, wie kannst du da ein Cyborg vermenschlichen? Du könntest genauso gut glauben, das Haus sei wirklich eine Frau, wie es kleine Kinder tun. Oder deinem Reinigungsroboter einen Namen geben und mit ihm reden. Für einen kleinen Jungen wie Ari ist es angemessen, seinen Koalaroboter für ein lebendiges Kuscheltier zu halten und eine emotionale Bindung dazu zu entwickeln, aber wir sollten Erwachsene sein.«

»Die großen Wale – wir hatten sie gerade so ziemlich alle ausgerottet, da begannen wir, ihre epische und lyrische Dichtung zu übersetzen. Waren sie Personen? Waren die Affen, die lernten, sich in der Zeichensprache mitzuteilen, intelligente Wesen? War Hermes eine Realpräsenz?«

»Er hatte eine Persönlichkeit, gewiss. Sogar eine starke. Es ging mir so schlecht, als du mir von seinem Tod geschrieben hast.«

»Er war ein alter Kater, Shira. Er ist zwanzig Jahre alt geworden. Zuletzt hatte er einen Gehirntumor und er war zu schwach, um noch einmal operiert werden zu können.«

»Malkah, du hast dein ganzes Leben lang mit Computern gearbeitet. Ein gutes heuristisches Programm kann eine künstliche Intelligenz befähigen, stichhaltige Pläne zu machen und Strategien und Taktiken zu entwickeln, aber um Zielsetzungen oder Verhaltensweisen abzuwandeln, musst du die Programmierung ändern.«

»Beim Netz und den Basen-KIs sind Art der Programmierung und Umfang der zugelassenen Unabhängigkeit eng begrenzt. Avram ist darüber hinausgegangen, und ebenso, mein Liebes, bin ich es. Ich betrachte Yod als Person. Ich genieße seine Gesellschaft.« Malkah warf ihr ein so spitzbübisches Grinsen zu, dass Shira sicher war, ihre Großmutter führte sie an der Nase herum. »Jetzt, wo ich keine verantwortliche Erwachsene mehr bin, die ein Kind erziehen muss, kann ich unbekümmert und leichtsinnig sein. In seiner Programmierung sind einige abenteuerliche Joker. Von einigen weiß nicht mal Avram, dass sie da sind.«

»Malkah, du versuchst mich mit einem Trick dazu zu kriegen, dass ich diese Arbeit übernehme. Warum? Warum sozialisierst du es nicht selber?« Shiras Stirn runzelte sich vor Argwohn.

»Ich habe Yod gegeben, was ich ihm zu geben hatte. Überdies habe ich dir alles gegeben, was ich zu geben hatte, Shira.« Malkah seufzte. Sie legte ihre Hände auf die Knie und setzte eine fast grimmige Miene auf. »Jetzt, wo du erwachsen bist und ein paar Schläge einstecken musstest, kann es sein, dass deine Mutter dir etwas zu geben hat.«

»Meine Mutter? Riva?« Shira war überrascht und ein wenig aufgebracht. »Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit ich zum Studium fortging. Wir reden nicht mal über das Netz miteinander.«

»Es kann sein, dass sie herkommt. Es ist noch nicht ganz klar, aber möglich.«

»Ist sie nicht bei Alhadarek? Warum sollten die sie denn hierherschicken?«

»Sie ist nicht bei denen.« Malkah sprach ärgerlich ausweichend.

»Kommt sie, weil sie erwartet, Ari zu kriegen? Oder weil sie mir seinetwegen Vorwürfe machen will?«

»Nein, nein! Ich könnte mir denken, dass du sie eine interessante Frau findest, Shira. Aber wir wollen sehen, was geschieht. Sprich zu niemandem darüber.«

»Warum nicht? Was soll die Geheimniskrämerei? Angst, dass ein anderer Multi sie kidnappt?«

»Oh, sie ist ungeheuer gesucht. Aber nicht, um sie anzuheuern.«

»Du hörst dich an, als gäbe es einen Preis auf ihren Kopf.«

Malkah nickte. »Riva ist eine Informationspiratin, Shira. Sie spürt verborgenes Wissen auf und befreit es.«

»Riva?« Shira hatte wenig Erinnerungen an ihre Mutter. Als sie klein war, war ihre Mutter oft gekommen. Dann, als Alhadarek sie kaufte, war sie nach Kapstadt versetzt worden, und sie sahen sich nur einmal im Jahr, an Shiras oder Malkahs Geburtstag. Bei Shiras Hochzeit hatte ihre Mutter sich entschuldigt. Sie hatte Riva seit zehn Jahren nicht gesehen. Riva war einige Zentimeter größer als sie beide, aber grundsätzlich erinnerte Shira sie als hektische, verhuschte Frau, die immer mit vielen Geschenken kam, alle nicht eingewickelt und im Gepäck versteckt. Dass solch eine Frau Informationspiratin sein sollte, war nicht zu glauben. Industriespionage war bis zu einem gewissen Umfang Bestandteil des Systems, Multi gegen Multi, aber die Piraten waren völlige Außenseiter, Abtrünnige, die Standardschurken in den Stimmies. Zuerst war das Cyborg eine Person, und jetzt das! Malkah nahm sie entweder auf den Arm oder wurde langsam senil und konnte Phantasie und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden.

Malkah grinste. »Ich bin nicht verrückt, Shira. Komm, ich zeige dir was.«

Shira folgte ihrer Großmutter zum Hauptterminal. Alle in der Stadt wechselten sich beim Wachdienst ab und in schwierigen Zeiten trug jeder verbotenerweise, was sie an Waffen besaßen. Sicherheitsinformationen standen allen offen. Alle Welt hatte Zugriff auf diese Netzdatei, die Malkah jetzt aufrief. Während Shira immer noch über Malkahs Geisteszustand grübelte, erschien eine Liste der Verbrechen von Riva Shipman auf dem Bildschirm, dazu eine Warnung vor der Gefahr, die sie für die bestehende Konzernordnung darstellte. Sie hatte die Basen der Hälfte aller großen Multis infiltriert und geplündert. Sie wurde verantwortlich gemacht für den Zusammenbruch des Allevium-Marktes: Allevium hatte sich als wirksam erwiesen gegen die neueste Form der Kisrami-Seuche – die Krankheit, die Malkahs eigene Mutter dahingerafft hatte. Riva hatte offenbar die Medikamentenformel gestohlen und ins Netz gestellt, damit alle sie benutzen konnten. Jede kleinere Region hatte daraufhin ihr eigenes Heilmittel produziert.

»Wie lange weißt du schon über meine Mutter Bescheid?«

»Ich kenne sie, seit sie geboren wurde, weißt du«, sagte Malkah mit dem gleichen spitzbübischen, spöttischen Lächeln. »Mir ist seit Jahren bekannt, was sie tut.«

»Warum hast du es mir nie gesagt?«

»Was hätte es dir geholfen, wenn du es gewusst hättest?«

»Was hat es mir geholfen, es nicht zu wissen?«

»Du hast dich dadurch sicherer gefühlt. Es gab dir die Freiheit, deinen eigenen Weg zu wählen.«

»Jetzt werde ich mich immer fragen, ob einer der Gründe für meine Vernachlässigung bei Y-S war, dass Riva als gefährliche Rechtsbrecherin gilt.«

»Nicht ausgeschlossen. Obwohl wir niemals offen miteinander Kontakt haben. Ich könnte mir vorstellen, dass wir sie nicht einmal erkennen, wenn sie kommt – falls sie kommt.«

»Warum denkst du, dass sie jetzt kommen könnte? Hatte sie die Absicht zu kommen, weil sie Ari will?«

»Nein, Liebling, sie hatte nie vor, Ari zu nehmen. Ihr Leben ist zu gefährlich, um irgendein Kind bei sich zu haben. Als du Kind warst, habe ich dieses kleine Märchen über unsere Familie erfunden, um dir zu erklären, warum du bei mir aufgewachsen bist und nicht bei deiner Mutter. Damit du keine Fragen stellst. Deine Mutter ist ein politischer Flüchtling und sie lebt von ihrer Geistesgegenwart und ihren Verbindungen.«

Shira ertappte sich dabei, wie sie die Augen aufriss und ihr der Kiefer herunterfiel. »Willst du mir damit sagen, dass ihr nicht bei euren Großmüttern aufgewachsen seid, seit der zehnten Generation?«

»Es war eine gute Geschichte, stimmt’s?«, sagte Malkah stolz. »Ich hatte den Eindruck, sie gefiel dir.«

Aber Shira hatte ein Gefühl, als ob alle Räume ihrer Kindheit plötzlich die Plätze tauschten. Sie war ärgerlich, sogar wütend auf Malkah, weil sie sie angelogen hatte, weil sie sie zum Narren gehalten hatte. In Kinderbüchern buken bobes Kekse und strickten; ihre Großmutter tanzte wie eine Primaballerina durch die Spinnennetze der künstlichen Intelligenz und zählte sich mit früheren Liebhabern in den Schlaf.

Als Shira an diesem Abend im Bett lag, wirbelten ihr Bruchstücke des Tages durch den Kopf. Jetzt verstand sie ihre ungewöhnliche Position bei Y-S. Wenigstens hatte es nicht an ihren Fähigkeiten gelegen, ihren Arbeitsergebnissen. Durch diese Information fühlte sie sich gerechtfertigt, rehabilitiert, aber gleichzeitig wurde ihre ganze Vorstellung von ihrer fremden Mutter auf den Kopf gestellt. Wenn Riva wirklich bald kommen würde, dann konnte das leicht heißen, dass Shira Ari nie zurückgewinnen würde. Ja, wie konnte sie überhaupt hoffen, ihn Y-S abzuringen? Seine Testergebnisse waren jetzt schon glänzend. Noch auf der Pazifika-Plattform würde Y-S damit beginnen, ihn auszubilden, zu erziehen, zu formen. Auf der Pazifika-Plattform würde es für Josh viel schwerer sein, die Marrano-Identität zu bewahren. Er würde den Einfluss auf Ari verlieren. Y-S würde Ari verschlingen und ihn zu einem ihrer faden Klone machen.

Warum hatte sie Josh nicht lieben können? Es war ihre alte Ruhelosigkeit. Es war der Wurm in ihrem Herzen, der jeden Apfel zerfraß. Was Malkah zu Recht ihren Dybbuk nannte. So würde sie leben, bis sie eine alte, alte Frau war, und immer von dem Leben träumen, das sie mit dreizehn gekannt hatte, und sich immer in ein Paradies zurücksehnen, aus dem sie herausgewachsen war, als sei es ein hübscher Kinderlackschuh, halb so groß wie ihr erwachsener Fuß.

Malkah wollte sie offensichtlich dahaben und versuchte, es ihr schmackhaft zu machen, indem sie so tat, als glaube sie Avrams astronomische Behauptungen über seine Maschine. Vielleicht war Malkah einsamer, als es schien. Shira war aufgefallen, dass sie Probleme mit den Augen hatte. Die alte Frau versuchte, ihr schwindendes Augenlicht zu verheimlichen, aber sie bewegte sich sehr viel rascher im Hellen und sehr viel langsamer im Halbdunkel. Sie sah nicht immer Gegenstände, die Shira von ihrem angestammten Platz entfernt hatte. Das musste bald, aber taktvoll zur Sprache gebracht werden. Avram und Malkah spielten beide immer wieder auf die Gefahr an, aber Tikva machte nicht den Eindruck einer belagerten Stadt. Sie hatte beide im Verdacht, stark zu dramatisieren, um ihr Interesse zu wecken. Unnötiger Wirbel; sie wusste zurzeit sowieso nicht, wohin sie sonst gehen sollte.

10Malkah
War es gut, das zu tun?

Als Riva noch ganz klein war, hatte sie schon einen unbändigen Willen. Selbst als Säugling schwoll sie vor Zorn, sie schrie sich krank oder sie hielt den Atem an, bis ich vor Sorge außer mir war. Mit zwei gewöhnte sie sich an, in höchster Lautstärke Nein zu sagen. Ich sehe sie immer noch in der Mitte des Hofes stehen und dieses eine Wort sagen, bis die Wände davon widerhallten, und dann verstummte sie und weigerte sich, auch nur einen Ton von sich zu geben. Wie sind wir dazu gekommen, uns schon so früh in einem Wettkampf des Willens zu verkeilen?

Sie glich einer Katze darin, dass sie geschlossene Türen hasste. Eine abgeschlossene Schublade, ein unzugänglicher Kasten, ein geschütztes Programm, ein vor ihr verstecktes Buch machten sie unersättlich, so wie andere Kinder nach Bonbons oder Pommes Frites verlangen. Der Tipp, dass etwas ihr Verständnis übersteige, brachte sie dazu, sich jeden Wälzer einzuverleiben. Sie liebte es, sich leise heranzuschleichen, während ich mit anderen schwatzte, nur um Geschichten zu belauschen, die ihr nichts bedeuten konnten, über Leute, die sie kaum kannte. Bereits mit zwölf Jahren wühlte sie in der Basis herum, in jedermanns Personalakte, rein und raus, mein kleiner stupsnasiger Maulwurf. Dann schrie ich sie an: »Das Privatleben ist heilig! Du kannst nicht einfach in anderer Leute Geheimnissen herumstöbern.«

»Das, was wir nicht wissen, macht uns dumm«, sagte sie dann mit trotzig hochgezogenen Schultern. Sie war nicht bereit, sich zu schämen. Wir sollten alle alles wissen.

Wenn ich an mich selber mit zwanzig denke, sehe ich ein leidenschaftliches, konfuses Geschöpf, das nach Gefühlen grapschte und nach Ideen schnappte, so ungeduldig wie mein eigenes Kind nach Antworten und Befriedigung ihrer Neugier. Ich versuchte immer wieder, sie davon zu überzeugen, es so zu machen wie ich, versuchte, ihr Gehorsam einzureden. Meine Worte fluteten über sie hinweg, suchten ihre Granitklippen abzutragen. Ich redete und redete; sie stand stumm, verstockt.

Du hast dich anfangs auch gesträubt zu sprechen. Weißt du noch, Yod? Manche sagen, dass Judahs Golem – was ›Masse, Klumpen‹ bedeutet – nicht sprechen konnte, aber das ist ein Irrtum, der auf anderen Golems der Legende beruht. Er plappert nicht, sondern ist schweigsam, wie es sich für einen Mann aus Lehm gehört. Aber als er in dieser Nacht von Rosch Chodesch im Monat Adar die grauen Augen aufschlägt, fragt er den Maharal: »Vater, war es gut, das zu tun?«

»Es war notwendig. Und du sollst mich nicht Vater nennen.« Der Maharal hatte mit seinem einzigen Sohn, Bezalel, eine Beziehung durchgemacht, die stürmisch genug war. Bezalels Tod ist im Gefühl des Maharal immer noch ebenso bitter wie unnatürlich. Deswegen ist ihm die Anrede des Golems ein besonderes Ärgernis. Ein Sohn sollte seinen Vater begraben, nicht umgekehrt. Bezalel starb an einer Unpässlichkeit, einem Schnupfen, der auf die Lungen übergriff, genau wie Leah. Es war ein absurder Tod, der den Maharal immer noch grämte. Judah hatte versucht, seinen Sohn zu seinem Nachfolger als Hoher Rabbi von Prag bestimmen zu lassen, aber er war gescheitert, und Bezalel war im Zorn gegangen. Dieses Geschöpf, das er ins Leben gerufen hat, ist nicht sein Sohn. »Du sollst mich Rabbi nennen. Dein Name ist von nun an Joseph.«

Der Maharal gibt dem Golem den Überwurf, in den er die Tora eingewickelt hatte, um seine Nacktheit zu bedecken, denn die drei haben ihn als Mann geformt. Sie haben es getan, ohne darüber nachzudenken oder zu sprechen. Der Maharal hätte wahrscheinlich gesagt, er glaube nicht, diese Formgebung verbessern zu können. Sie machten einfach einen Mann aus Lehm.

»Joseph«, wiederholt der Golem gehorsam. Er kommt schwerfällig auf die Füße, schwankt und scheint zu stürzen, während der Maharal Itzak und Jakov vorschickt, ihn von beiden Seiten zu stützen. Sie empfinden offensichtlich Widerwillen, ihn zu berühren. »Kannst du gehen, Joseph? Schau, einen Fuß und dann den anderen. Einfach so.« Der Maharal macht es geduldig vor. »Wir müssen schleunigst vor der Dämmerung ins Ghetto zurück. Kommt, wir müssen ihm helfen. Ich kann die Dämmerung schon riechen. Wir müssen uns beeilen, sonst fangen uns die Wachen.«

Aber niemand tritt vor, den Golem zu berühren. Der Maharal selbst verspürt einen Widerwillen, seine Hand auf dieses seltsame Fleisch zu legen. Würde er kalt sein wie Lehm? Würde er sich anfühlen, als sei er tot? Der Maharal muss mit gutem Beispiel vorangehen, und er legt einen Arm um das riesige Wesen.

Der Golem schwankt vorwärts, den Mund leicht geöffnet, das Gesicht zusammengezogen vor Konzentration auf die Anstrengung. Er biegt sich wie eine Eiche in starkem Wind, er ragt über dem Maharal auf. Er hat kurzes rötliches Strubbelhaar und eine erdige Gesichtsfarbe. Der Maharal hat nicht auf Ansehnlichkeit geachtet, als er ihn machte, doch er ist auch nicht missgestaltet. Er hat einen kräftigen Nacken, breite Schultern, einen vierschrötigen Körper und massige, etwas flächige Züge, die an Tataren erinnern.

Joseph tut zuerst einen Schritt, der ihn aus dem Gleichgewicht bringt, und wieder muss er gestützt werden. Jetzt endlich nehmen Itzak und Jakov auf beiden Seiten Stellung, bieten ihm Halt. Sein Gewicht wirft sie fast zu Boden. Dann tut er einen winzigen Schritt. Das funktioniert. Er tut noch einen winzigen Schritt. Auf die Art werden sie die ganze Nacht brauchen, um aus dem Wald zu gelangen. Ihn zu tragen steht völlig außer Frage, denn er ist größer als jeder von ihnen, und allein das Gewicht seiner Hand auf ihren Schultern verrät den beiden jüngeren Männern, dass er in der Tat schwer ist. »Ein wenig schneller, Freund«, ächzt Itzak unter Josephs Gewicht.

Schließlich lässt Joseph sie los, und mit ungeschickten, ruckartigen Bewegungen geht er endlich. Schritt für Schritt. Dann stolpert er über einen Baumstamm. Er stürzt vornüber, schlägt mit dem Kinn dumpf auf den Boden. Als sie versuchen, ihn hochzuziehen und er sich müht, auf die Beine zu kommen, kracht er hintenüber.

Es braucht alle drei von ihnen, dass er wieder hoch und in Gang kommt. Itzak fragt: »Rabbi, was werden wir den Leuten sagen, wenn sie fragen, wo dieser riesige Mann herkommt?«

»Sagt, aus Galizien. Die Leute glauben alles über Galizier. Seine Mutter hat ihn fortgeschickt, damit er nicht zu den Soldaten musste. Ich habe ihn auf der Straße gefunden, einen schwachsinnigen Bettler. Er wird Schammasch in der Synagoge.« Kürzlich wurden ihrem Schammasch seine Aufgaben zu schwer. Er ist ein alter Mann, er braucht seine Ruhe. Der Maharal wendet sich an den Golem. Er spricht kälter zu Joseph als zu Itzak und Jakov. »Du wirst Holz sägen, Wasser holen, die Feuer anzünden, die Asche hinaustragen, den Boden der Altneuschul fegen, unserer schönen Synagoge. Verstehst du?«

»Ich werde tun, was du sagst. Wie kann Lehm verstehen?«

Der Maharal ist nicht sicher, ob ihn der Golem verspottet, aber er zieht es vor, seinem Zweifel nicht nachzugehen. Er wendet sich um und macht sich auf den Weg zur Stadt, hastig gefolgt von Itzak und langsamer von Jakov, der nur ein kleines Stück vor dem Golem herspaziert und seine Furchtlosigkeit zur Schau stellt. Jakov hat seine Würde zurückgewonnen und ist bemüht, sie nicht wieder zu verlieren. Der Golem schreitet schwerfällig hinterdrein, beglotzt jeden Baum, jeden Busch. Der Flug einer Eule durch die Dunkelheit bringt ihn dazu, mit offenem Munde stehen zu bleiben. Der Maharal spürt seine einundachtzig Jahre, seine Erschöpfung. Diese Nacht hat ihn seiner letzten Kräfte beraubt. Sein Kopf wimmert vor Fieber. Es ist schwer voranzuschreiten, als trüge ihn eine innere Kraft, wenn er sich eigentlich auf die Erde legen möchte. Er kann sich Schlaf nicht einmal vorstellen, denn er ist zu lange von Schlaflosigkeit geplagt, von Ärger, von Sorge, von Gewissensqualen. Seine ganze Hoffnung ist, in Wärme und Trockenheit auszuruhen.

Der Golem hat das Gehen jetzt gemeistert. Er bewegt sich gut und kraftvoll. Von Zeit zu Zeit bleibt er stehen, um seine Arme auszustrecken oder einen über den Kopf zu recken, um den Kopf zu schütteln wie ein Hund, der Wasser abschüttelt, um zu nicken oder zu blinzeln, um den Kiefer zu bewegen, als ob er etwas zerkaue. Dem Maharal wird klar, dass Joseph verschiedene Körperfunktionen ausprobiert, seine großen und kleinen Muskeln bewegt, experimentiert. Er wackelt mit den Ohren und mit der Nase wie ein Kaninchen. Der Maharal hat den Drang, Joseph wegen seiner Grimassen zu ermahnen, wie er es mit einem Jungen im Cheder tun würde, aber er hält sich zurück. Der Golem ist erst ganz kurz auf der Welt. Er wird Disziplin lernen, sobald der Maharal mit seiner Unterweisung beginnen kann, doch so nahe der Stadt müssen sie leise sein.

Als sie an der Stelle in der Mauer ankommen, wo der Bach sich hindurchschlängelt, sehen sie zwei Wächter mit ihren Piken, die darauf warten, sie gefangen zu nehmen. Sie können gehängt werden; sie können gefoltert und dann gehängt werden. Was immer sie erwartet, es sieht nach einem grässlichen Tod aus, es sei denn, die Männer können bestochen werden. Der Maharal hat ein paar Kupfermünzen in der Tasche, einen prächtigen Gürtel mit goldener Schnalle, aber das ist es auch. Er denkt nicht, dass sie das loskaufen wird. Wächter bekommen einen Anteil an dem Vermögen der Männer, die sie verhaften.

»Joseph«, sagt er sacht zu dem Geschöpf, das ihn überragt. »Wir sind in Gefahr. Diese beiden Wächter wollen uns nicht zurück ins Ghetto lassen. Wir werden sterben, es sei denn, du kannst sie kampfunfähig machen. Sie haben uns nicht gesehen und sie kennen dich noch nicht. Schau, ob du dich anschleichen und ihnen eins auf den Kopf geben kannst, damit sie nicht sehen, wie wir durch die Mauer in Sicherheit gelangen.«

»Ich gehorche«, antwortet der Golem. Rasch und geräuschlos gleitet er durch die Dunkelheit. Die Wächter drehen sich um und sehen ihn erst, als er sich auf sie stürzt. Sie haben nur Zeit, einmal aufzuschreien, bevor er sie packt, jeden in einer Hand, und ihre Köpfe gegeneinanderschmettert. Er lässt sie fallen.

Der Maharal läuft hinzu und beugt sich über ihre Körper. Ihre Schädel sind zermalmt. Blut sickert heraus. »Joseph, du hast sie getötet!«

»Sie sind so leicht zerbrochen.« Joseph runzelt verwirrt die Stirn. »Habe ich etwas falsch gemacht? Bist du böse auf mich, Vater Lehrer?«

»Töten ist falsch«, beginnt der Maharal, aber schließlich ist der Golem geschaffen worden, um zu beschützen. »Du solltest nicht mehr Kraft gebrauchen, als jeweils notwendig ist.«

»Aber ich habe dich beschützt. Jetzt können sie nicht darüber reden, wer heute Nacht aus dem Ghetto kam.«

»Aber ihre Leichen vor der Mauer werden auf den geheimen Ausgang aufmerksam machen. Juden werden die Schuld an dem Mord bekommen. Joseph, du sollst uns vor Schwierigkeiten bewahren, nicht uns in Schwierigkeiten bringen.«

»Lass ihn sie zum Fluss bringen und hineinwerfen. Dann wird uns nichts mit ihnen verbinden«, sagt Jakov. »Ich gehe mit ihm, Rabbi. Warte drinnen.«

Itzak und der Maharal verbergen sich im Gebüsch und warten. Schon ist der Himmel durchsetzt mit dem bleichen Grau der ersten Dämmerung, nicht, als ob das Licht käme, sondern als ob die Dunkelheit sich abnutzte. Der Wind hackt bitterkalt auf sie ein und schneidet durch ihre Kleider. Der Maharal fühlt sich schwach. Er lehnt sich an Itzak. Sein langes Fasten hat ihn eingeholt.

Itzak nutzt die Schwäche des Maharal, um zu sagen: »Lehrer, vielleicht war das ein Fehler. Wir könnten ihn leicht sofort in Lehm zurückverwandeln und niemand würde je davon erfahren. Niemand außer uns hat ihn gesehen.«

»Bis auf die Wächter«, sagt Judah leise. Die Morde haben ihn tief erschüttert. Natürlich hat er gesehen, wie Leute auf dem Marktplatz hingerichtet oder von Raufbolden überfallen und erschlagen wurden; dies sind gewalttätige Zeiten und niemand mit Augen im Kopf kann vermeiden, frische Leichen zu sehen. Aber an diesem Verbrechen fühlt er sich beteiligt, und das ist neu und erschreckend.

»Maharal, wir können ihn wieder zu Lehm machen. Als hätte es ihn nie gegeben.«

Judah nimmt seine Kräfte zusammen, um sich aufzurichten. In wenigen Augenblicken wird er in sein eigenes warmes Bett sinken und Perl wird ihn umsorgen. Perl wird ihn erwarten, das weiß er. Sie wird ihn schelten, weil er sich so verausgabt, weil er die ganze Nacht draußen bleibt, weil er sich zu Tode hungert. Sie wird ihn mit warmer Suppe füttern, sie wird ihm einen warmen Ziegelstein ins Bett legen und ihn mit einem Federbett zudecken. Er wird nicht mehr frieren und er wird schlafen. »Was ich getan habe, ist richtig. Mir wurde eine Vision geschickt und gesagt, was ich zu tun habe. Er ist unser Beschützer. Er wird lernen. Und er ist gehorsam. Wir müssen nur Acht geben, was wir ihm auftragen – wir müssen genau sein, wir müssen sorgfältig darauf achten, was wir sagen. Denn was wir befehlen, wird er ausführen.«

Der Maharal ist unsicher, ob er wirklich froh ist, den Golem aus der dünner werdenden Dunkelheit schreiten zu sehen, oder ob er insgeheim hoffte, der Golem sei in die Nacht entschwunden und nur Jakov käme zurück.

»Joseph«, beginnt der Maharal, sobald sie drinnen in Sicherheit sind. »Töten ist falsch. Du wurdest geschaffen, um für uns den Frieden zu wahren.«

»Ich habe dich beschützt. So, wie ich es muss.« Der Golem steht da, plattfüßig, geduldig. Er schaut aus, als könne er den ganzen Tag so stehen und die Mauern anstarren, die Steine der engen, gewundenen Gasse. Die Häuser der Armen sind aus rohen Baumstämmen gebaut; die besseren Häuser aus behauenem Holz oder Stein. Alles fasziniert ihn: eine Katze, die über eine Mauer in Sicherheit schlüpft, ein paar Grashalme, die zwischen den Pflastersteinen hervorbrechen. »Warum bist du böse auf mich?«

»Du musst vorsichtiger sein, Joseph. Deine Kraft ist groß, aber dein Geist ist schwach.«

»Vielleicht kann er wachsen, Lehrer. Vielleicht kann mein Geist auch stark sein. Aber ich muss dich schützen.«

So beginnt der Dienst des Golems für die Juden von Prag, während der Maharal von bitterem Zweifel erfüllt ist. Was hat er ins Leben gerufen? Welche Gewalt hat er auf die Welt losgelassen? Er ist ein Mann des Friedens. Er will nur seine Herde behüten. Alle Gewalt in seinem Leben war die Gewalt der Worte. Die Gebete, die er in der Synagoge führt, sprechen unablässig vom Frieden – schalom, schalom –, obwohl der Frieden für die Juden selten anhält. Was sie an Frieden kennen, ist der Friede der wenigen ohne Macht oder Waffen, umgeben von den vielen mit beidem. Thaddeus predigt jede Woche gegen sie. Die mächtigen Handwerksgilden haben schon ein Opfer gefordert, Chaim den Silberschmied, dessen verstümmelten Körper – jeder Nagel ausgerissen, das Auge auf der zerfetzten Wange baumelnd, zahnlose Kiefer, zerschmetterte Füße – er unwillkürlich sieht, wenn er die Augen schließt. Niemand, der das Ghetto verlässt, entgeht Schmähungen, vereinzelten Überfällen in den Straßen der Stadt. Etwas gärt und brodelt, etwas, das von warmem, frischem Blut lebt wie eine Zecke.

Judah hat seine rabbinischen Nebenbuhler mit Worten bekämpft. Mit Worten zertrümmert er ihre Schlussfolgerungen, mit Worten drischt er auf ihre Werke aus Worten ein, ihre Bücher, ihre von Hand zu Hand gereichten Manuskripte, ihre Predigten und Vorträge. Mit Worten schuf er diesen Golem. Aber dieses Ungeheuer kämpft nicht mit Worten.

11Shira
Er, Sie und Es

Yods Augen waren seltsam, dachte sie, obwohl die Farbe keineswegs ausgefallen war, ein Braun, heller als ihre Augen, mit grünen Tupfen in der weiten Iris. Aber die Augen fixierten sie mit ungerührtem und durchdringend neugierigem Blick, rund, glänzend und hart wie die eines Falken. Wäre das Cyborg eine große Katze oder ein sehr großer Vogel gewesen, sie hätte sich vorstellen können, dass es sich fragte, ob dieses Ding, nämlich sie, wohl gut zu fressen sei. Während es auf Eingaben wartete, hatte es da Gedanken in irgendeinem Sinn, den ein Mensch verstehen konnte? Saß es nicht vielmehr leer und untätig da wie jede andere Maschine vor dem Startbefehl?

Yod hatte eine Präsenz, vielleicht hatte Malkah das gemeint, als sie es eine Person nannte. Gimel war einfach bloß, mit ebenso wenig Ausdruck wie ein Reinigungsroboter oder ein Getränkewagen. Yod hingegen stellte eine ganze Reihe von Forderungen, einfach, indem es sie mit diesen hungrigen Augen fixierte und wartete … worauf? Wissen, Beachtung, Kenntnisse, die es verschlingen konnte: Schließlich war sie dazu da, um dies zu vermitteln. Aber sie mochte nicht als übergroßes Kind an es denken, dem sie Gouvernante sein sollte.

Sie begann jedoch, wie sie es bei einem Kind getan hätte, mit einer Versuchsreihe. Für den Rest des Tages plante sie die üblichen Tests. Zur Mittagszeit war sie müde, Yod natürlich nicht. Sie hatte das Gefühl, es hätte am liebsten dagesessen und ein ganzes Jahr lang Tests gemacht. Fragen zu beantworten und Information aufzurufen war eine seiner Funktionen, und das konnte es ewig tun. Wie hatte Gadi Prüfungen gehasst! Avram hatte in gewissem Sinn den Schüler geschaffen, den er gewollt und in seinem Sohn nicht bekommen hatte: eine Lernmaschine. In manchen Bereichen intellektueller Entwicklung und Fähigkeit lagen Yods Leistungen weit über menschlichen Grenzen; in anderen war es durchaus innerhalb normalmenschlicher Parameter. Es war wie ein aufgewecktes Kind, vielleicht so ein Kind, wie Josh es gewesen war, frühreif in seinen naturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnissen, doch ziemlich zurückgeblieben in seinem Verständnis für menschliche Beziehungen und innere Werte. Metaphorisches Denken schien es aus dem Konzept zu bringen. Es neigte dazu, Gespräche wörtlich zu verstehen.

An ihrem zweiten Tag miteinander begann sie da, wo sie aufgehört hatte: bei metaphorischem Denken, der Fähigkeit, Analogien herzustellen. Sie führte einen einfachen Test durch, der für sehr kleine Kinder vorgesehen war. Yods Resultat war null.

Sie probierte das Gedicht von Robert Burns aus:

Oh, mein Lieb ist wie die Rose rot,

Die frisch im Juni blüht.

Oh, mein Lieb ist wie die Melodie,

Die süß zum Herzen zieht.

Es war ein Reinfall. »War er ein Botaniker? Ein Musiker?«

»Yod, denk an eine Rose.«

»Eine Rose ist eine Blume, die mit einer Reihe von essbaren Früchten nahe verwandt ist. Ihre Hagebutten werden manchmal als Suppe oder Gelee gegessen, aber normalerweise wurden sie in der Vergangenheit von Vögeln geerntet. Rosen sind ein übliches Geschenk, um Zuneigung zu zeigen. Sie besitzen Farbe, Duft, Form –«

»Hast du je eine Rose gesehen?«

»Im Lexikonprogramm.«

»Ich meine eine richtige Rose.«

»Nein.« Es gelang Yod, mit seiner tiefen Stimme Bedauern nachzuahmen.

»Rosen wachsen auf der Südseite dieses Gebäudes, alte Rosenstöcke, rot und rosa. Hast du sie nie bemerkt?«

»Ich habe noch nie die Außenseite dieses Gebäudes gesehen.«

»Du bist noch nie aus dem Labor herausgekommen?«

»Ich bin in Avrams Wohnung gewesen, bevor Gadi zu Besuch kam. Fast jede Nacht gehe ich ins Kellergeschoss, wo Avram eine Sporthalle eingerichtet hat. Dort übe ich mit Gimel meine asiatischen Kampfsportarten. Er reicht aus, um mir die Herausforderung zu bieten, die ich von einem menschlichen Partner nicht bekommen könnte.«

»Aber du warst noch nie draußen?«

»Noch nie. Avram sagt immer, ich bin nicht bereit. Kannst du mich bereitmachen?«

»Ich glaube nicht, dass du je bereit sein wirst, wenn wir im Labor bleiben. Ich werde dich gleich jetzt mit hinausnehmen, in mein Haus.« Ihr kam der Gedanke, dass Avram wütend sein würde, aber sie musste auf ihre eigene Weise vorgehen. »Also, auf der Straße haben wir nur zwei Block weit zu gehen – du weißt, was ein Block ist?«

»Der Plan der Stadt befindet sich in meinem Gedächtnis.«

»Solange wir draußen sind, gehst du neben mir und hältst deinen Mund.«

Yod schloss fest den Mund, als müsse es einen großen Happen drinbehalten.

»Ich meine das nicht wörtlich. Ich meine, du sollst zu niemandem etwas sagen außer Hallo, wenn du direkt angesprochen wirst. Wenn ich dich vorstellen muss, heißt du … Yod Oblensky. Du bist ein Vetter von Avram. Ansonsten überlässt du das Reden mir. Hast du verstanden?«

Es grinste so breit, dass sein Gesicht aufzuplatzen schien. »Danke, Shira. Ich habe mich danach gesehnt hinauszugehen. Ich denke jeden Tag daran. Ich habe sogar erwogen, heimlich auf eigene Faust zu gehen, aber Avram schließt mich ein, und ich bin nicht geneigt, das Schloss aufzubrechen.«

»Könntest du das denn? Es ist ein Hochsicherheitsschloss.«

»Ich könnte es aufbrechen.«

Sie war erschreckt von Yods Geständnis, dass es daran gedacht hatte, sich Avram zu widersetzen. Sie hatte immer gemeint, ein Roboter könne sich nicht widersetzen. Letztlich hatte es das auch nicht getan, aber dass es eine solche Möglichkeit überhaupt in Erwägung ziehen konnte, erstaunte sie. Sie musste schnellstens herausfinden, ob seine angebliche Fähigkeit, neue Situationen zu meistern, tatsächlich vorhanden war, und ob es in einem Maße lernfähig war, das über das Sammeln und wieder Ausspeien von Fakten hinausging. Yod mit hinauszunehmen war ihr erster Schritt im Erkunden seiner wahren Möglichkeiten.

Wie sie erwartet hatte, waren zu dieser Vormittagszeit wenig Menschen auf der Straße. Das zweite Drittel eines normalen Arbeitstages war angebrochen, und sogar Leute, die in Schichten oder früh oder spät arbeiteten, waren alle an ihrem Arbeitsplatz. Die Kinder waren in Tagesstätten oder in der Schule. Nur ein Reinigungsroboter kam die Straße entlanggeklappert, hielt immer wieder an, um Abfall aufzuheben und zu fegen.

Als das Gerät in ihre Nähe kam, schoss es vor, um Unrat aufzuspießen. Sofort stürzte sich Yod darauf, packte es, schmetterte es gegen die Bordsteinkante. Der Bordstein zersplitterte unter dem Aufprall. »Yod! Das ist ein Straßenkehrer. Komm. Schnell. Ich möchte das nicht erklären müssen.«

Yod beugte sich über den zertrümmerten Apparat. »Es hätte eine Bombe sein können. Jetzt verstehe ich. Ein Reinigungsapparat?«

»Wie fühlst du dich, wenn du so einen Apparat siehst? Fühlst du eine Art Verwandtschaft?« Sie musste drauf und dran sein, ihren Verstand zu verlieren, eine Maschine zu fragen, wie sie sich fühlte.

Yod stand auf und ging zu ihr. Wenn es sich nicht im Sicherheitsmodus befand, bewegte es sich mit erstaunlicher Grazie. »Fühlst du eine Art Verwandtschaft, wenn du Tilapia isst?«

»Warum sollte ich?«

»Du bist biologisch mit diesem Fisch so nah verwandt wie ich mechanisch mit diesem Reinigungsroboter. Vielleicht sogar näher.«

Sie warf ihm einen Blick von der Seite zu. »Da hast du mir ja schön den Kopf zurechtgesetzt, was?«

»Zurechtgesetzt?« Behutsam griff es an ihre Schläfen. »Sitzt er denn nicht richtig?«

»Ich habe metaphorisch gesprochen. Du sollst gar nichts zurechtsetzen. Geh einfach weiter, bitte.«

Das Cyborg reckte den Hals und spähte umher, plötzlich schoss es herum, um die Straße hinter ihnen zu mustern. Unvermittelt sprang es in Angriffsstellung.

»Du wirst lernen müssen, Metapher und Vergleich anzuwenden, Yod, wenn du dich jemals halbwegs menschlich anhören sollst. Übrigens, das ist ein Hund. Das ist kein Kampfhund, der angreift. Das ist ein Spaniel und er tut mir nichts.«

»Dieses Gleichsetzen von ungleichen Dingen auf eine Weise, die andeutet, dass eine gewisse Gleichartigkeit wichtig ist, verwirrt mich.« Widerwillig wandte sich Yod von dem schwanzwedelnden Hund ab. »Wie willst du wissen, ob dir solch ein Tier nichts tut?«

»Hier drin.« Die Tür öffnete sich auf ihre Berührung. »Kampfhunde greifen an. Vielleicht knurren sie vorher oder sie greifen sofort an. Die meisten Hunde aber wedeln mit dem Schwanz und warten ab, um deine Absichten zu erkennen. Wir verständigen uns mit ihnen von Säugetier zu Säugetier, aber offen gestanden, ich weiß nicht, wie du für einen Hund riechst.«

»Willkommen, Shira«, sagte das Haus. »Was ist das für ein Apparat bei dir?«

»Das ist ein Cyborg namens Yod. Du sollst es wie eine Person behandeln. Beschütze es.«

Das Haus antwortete nicht sofort. Dies war einer der Augenblicke, in denen sie das Gefühl hatte, als sei die Persönlichkeit des Hauses, unverändert seit Shiras frühesten Erinnerungen, keine künstliche, sondern eine natürliche. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass das Haus ihren Auftrag missbilligte. Schließlich sagte das Haus: »Auftrag vermerkt, Shira.«

»Ich danke dir«, sagte Yod. »Das war sehr freundlich von dir. Darf ich jetzt reden?«

»Haus, lass niemand herein außer Malkah. Ja, du darfst reden.«

»Der Himmel ist nicht blau. Aufgrund der Information, die mir in meinem Lexikon gegeben wurde, hatte ich erwartet –«

»Du siehst also Farben.«

»Ich nahm an, du hast Avrams Konstruktionspläne durchgesehen.«

»Yod, das Material darüber ist so umfangreich wie eine komplette Enzyklopädie. Ich habe das Wichtigste quer gelesen.«

»Ich könnte alles in wenigen Stunden durchlesen. Ja, ich sehe Farben so wie du, obwohl ich meine Sicht ändern kann, um, wenn notwendig, auf Infrarot oder Ultraviolett umzustellen – zum Beispiel in einer Überwachungssituation.«

»Der Himmel ist nicht blau wegen des Treibhauseffekts. Wir hoffen, dass der Himmel eines Tages wieder blau sein wird … Warst du enttäuscht?«, fragte sie als Experiment. Sie wollte sehen, ob das Cyborg das Prinzip verstand.

»Er war nicht so, wie ich es erwartete.« Yod machte eine Pause und runzelte die Stirn. Es war mit einer komplexen Programmierung ausgestattet, um Entsprechungen menschlicher Gesichtsausdrücke nachbilden zu können, und zuweilen fand sie sein künstliches Einfühlungsvermögen irritierend. »Ich nehme an, es ist korrekt zu sagen, dass ich enttäuscht bin, wenn Enttäuschung beinhaltet, dass etwas nicht meinen Erwartungen entsprach.«

Sie führte ihn geradenwegs in den Hof. »Schau. Also das ist eine Rose.«

Yod ging darauf zu und streckte eine Hand aus, um eine Blüte zu untersuchen. Dann zog es mit einem Ausruf seine Hand zurück. »Sie ist bewaffnet.« Es packte die gewaltige alte Kletterrose, riss sie mitsamt Spalier und Krampen von der Wand und zerrte die Wurzeln aus der Erde.

»Yod! Was hast du getan!« Sie schlug ihn, bevor sie nachdenken konnte, im Zorn. Ihn zu schlagen fühlte sich ganz so an, als schlüge sie einen Menschen, nur dass er nicht zusammenzuckte. »Dieser Rosenstrauch war sechzig Jahre alt. Ich habe diese Rosen geliebt!«

Das Cyborg stand da und schaute auf die gewaltige Ranke, die es von der Hofmauer gerissen hatte. »Ich habe dich erzürnt.«

»Yod, ich hätte dich nicht schlagen sollen.« Es wusste es ja nicht besser.

»Ich möchte dich nicht ärgerlich und unglücklich machen. Shira, ich habe nie verstanden, warum Menschen sich entschuldigen, aber jetzt habe ich das Bedürfnis, es zu tun. Sie versuchen, dieses Gefühl loszuwerden, im Unrecht zu sein. Sie drücken den Wunsch aus, das ungeschehen zu machen, was sie getan haben, aber es ist getan und Bedauern ist sinnlos. Was kann ich tun, um das zu reparieren?« Es begann in der Erde zu scharren und pflanzte die ausgerissenen Wurzeln wieder ein. »Bitte, Shira, sag mir, was ich tun soll, um rückgängig zu machen, was ich beschädigt habe.«

»Ich fürchte, sie wird eingehen, aber wir werden sie zurückschneiden und es versuchen.« Sie holte einen Spaten aus dem Gartenschuppen. »Warum hast du sie angegriffen?«

»Sie hat mich zuerst angegriffen, Shira … Das war ein Dorn?«

»Spürst du Schmerz? Ist das möglich?«

»Ich wurde mit Lust- und Schmerzzentren gebaut. Ich mutmaße, dass Avram mich dadurch kontrollieren wollte und dass es mich motivieren soll, neben meiner Hauptprogrammierung zu Schutz, Überleben und Informationsbeschaffung.«

»Ich habe dich hergebracht, um die Rose kennenzulernen. Was davon übrig ist.« Sie seufzte, und mit der Schere, mit der sie die alte Kletterrose zurückgeschnitten hatte, entfernte sie aus dem Haufen abgehackter Zweige einen Stängel mit gelben Blüten.

Yod streckte behutsam eine Hand aus. Es ergriff eine Rose, pflückte sie geschickt und führte sie an sein Gesicht. »Die Farbe, der Duft und die Form entsprechen genau der Information in meinem Speicher. Aber sie hat auch eine seltsam angenehme Haptik. Ich denke, man könnte es beschreiben als … wie Samt, vielleicht? Benutze ich einen Vergleich korrekt?«

»Ausgezeichnet, Yod.« Sie ertappte sich dabei, dass sie lächelte. Lächeln, wie fühlte sich das eigenartig an; wie wenig hatte sie in ihrer jüngsten Vergangenheit zu lächeln gehabt.

»Ich muss jedoch anmerken, dass die Samt-Analogie äußerst unvollkommen ist. Ich kann die einzelnen Bestandteile des Samt-Flors erspüren – ich kenne das Material von den Vorhängen des Wohnzimmers in Avrams Wohnung. Im Falle des Tasterlebnisses der Rose ist die sanfte Glätte gleichmäßiger als ein Flor, und es ist mehr Feuchtigkeit vorhanden.«

»Trotzdem, erinnerst du dich an das Robert-Burns-Gedicht?«

Yod sagte es mit perfekter Imitation ihrer Intonation auf.

»Also, was meint er damit?«

»Er meinte, dass die Frau schön war wie diese Blume, und vielleicht, dass sie nach Parfüm roch.«

»Woher weißt du, dass die Rose schön ist?«

»Meine Basis sagt mir, sie wird von Menschen dafür gehalten: dass Blumen schön sind, obwohl es andererseits auch scheint, dass Menschen oft verschiedener Meinung darüber sind, wer oder was schön ist, und dass jede Epoche andere Ansichten hat. Schönheit ist kein Begriff, den ich nützlich finde. Ich verstehe nicht, was er bedeutet, außer Eleganz im Design.«

»Das Gedicht hat noch einen weiteren Sinn. Weißt du, wie lange Rosen sich halten?«

»Nein.« Yod neigte den Kopf und wartete.

»Blumen sind zumeist Geschöpfe des Augenblicks. Diese Rose da beginnt schon zu welken. Wenn du ihren Stängel in Wasser stellst, wird sie sich ein paar Tage halten.«

»Deswegen bedeutet ein Blumenvergleich kurze Dauer.«

»Richtig.«

Es runzelte die Stirn. »Dann ist es ein trauriges Gedicht.«

»Nicht direkt. Aber da ist ein Unterton von Sterblichkeit. Bei uns gibt es oft einen Unterton von Sterblichkeit.«

»Ich bin auch sterblich, Shira. Ich kann abgeschaltet werden, außer Dienst gestellt werden, zerstört werden.«

»Und du kannst Schmerzen fühlen, was mich überrascht. Aber wie empfindlich bist du?«

»Ich bin überhaupt nicht empfindlich. Menschen sind erstaunlich empfindlich, wenn ich eure Konstruktionspläne recht verstehe.«

»Der Gedanke von Konstruktionsplänen für Menschen ist metaphorische Sprache, Yod, da wir nicht konstruiert oder gebaut werden, sondern geboren.«

»Ich versuche die Bindung zu verstehen, die durch den Geburtsvorgang entsteht. Sie ist ziemlich stark?«

»Es gibt keine stärkere Bindung.«

»Ich kann deinem Gesicht ablesen, dass meine Erwähnung der Mutterschaft dich bestürzt hat.«

»Sie ist kein Thema, mit dem ich objektiv umgehen kann, noch nicht, vielleicht nie. Ich versuche die ganze Zeit über, nicht an meinen Sohn zu denken.«

»Ich möchte mein Mitgefühl ausdrücken – ist das die richtige Begrifflichkeit? –, aber ich weiß nicht, wie ich das tun kann, ohne dich weiter an das zu erinnern, was du vergessen möchtest.«

»Ich habe nicht die Absicht, es zu vergessen, Yod, aber ich danke dir.« Warum erzählte sie einer Maschine von ihrem Schmerz? Es war, wie sich beim Haus ausweinen, als sie ein sehr kleines Mädchen war und noch nicht verstand, dass das Haus nicht lebendig war. »Wir sollten ins Labor zurückkehren.«

»Aber das Gedicht, das du mir beigebracht hast, ist doppelsinnig. Woher weißt du, dass er von der Frau spricht? ›Meine Liebe gleicht einer roten Rose‹ könnte seine eigenen Gefühle für sie meinen. Sie könnten das sein, was er als schön preist und als vergänglich ankündigt.« Er hob eine Augenbraue, lächelte ihr leicht zu und wartete.

»Daran habe ich noch nie gedacht.« Sie schaute Yod erstaunt an. »Offen gestanden, ich würde das Gedicht weniger mögen, wenn ich dächte, dass Burns es so gemeint hat. Auf seine Beziehung passt diese Deutung wahrscheinlich, so wie auf die meisten, aber das ist kein Grund zum Feiern. Du hast das Thema gewechselt. Wir sollten zurückkehren.«

»Müssen wir? Ich würde gern alles von deinem Haus sehen. Die Bäume interessieren mich auch. Ich habe sie von Avrams Fenstern aus gesehen, aber ich bin ihnen noch nie nahe gekommen.« Er benahm sich anders mit ihr, als er es im Labor mit Avram getan hatte. Er war ein bisschen weniger schreckhaft und sehr viel ausdrucksvoller. Er war ihr gegenüber viel lebhafter geworden, seit sie ins Haus gekommen waren. »Die Blätter sind an jedem anders. Ist das … Obst?«

»Das sind unreife Pfirsiche.«

Es entstand eine Pause, während Yod abfragte, was ein Pfirsich war. Als er die Frucht untersuchte, wollte sie ihn schon warnen, sie nicht abzureißen, aber dann bemerkte sie, wie außerordentlich präzise und sorgfältig er seine Hände gebrauchte. Sie gewöhnte sich langsam an das leicht verdutzte Stirnrunzeln der Konzentration, das ihn überkam, wenn er neue Informationen aus seinen Datenbanken abrief. »Hast du hier ein Zimmer? Gadi hat ein Zimmer in Avrams Wohnung. Avram hat auch ein Zimmer, das nur seins ist. Dazu gibt es Gemeinschaftsräume wie die Küche, wo die Nahrung zubereitet wird –«

»Das ist üblich. Ja, obwohl ich vor Jahren von zu Hause weggegangen bin, hat Malkah das Zimmer für mich so bewahrt, wie ich es verlassen habe. Vor der Kisrami-Pest von ’22, so wurde mir erzählt, wohnten mehrere Familien in diesem Haus, aber jetzt nur noch wir beide.«

Er kam ein letztes Mal zur Kletterrose zurück. »Geschöpf einer Stunde. Doch auch meine Vorgänger waren zumeist Geschöpfe einer Stunde. Außer Gimel. Er wird mich wahrscheinlich überdauern. Aber er ist nicht lebendig.«

»Hältst du dich selbst für lebendig?«

»Ich bin mir meiner Existenz bewusst. Ich denke, ich plane, ich fühle, ich reagiere. Ich nehme Nährstoffe zu mir und gewinne daraus Energie. Ich wachse geistig, wenn ich auch nicht körperlich zunehme, aber macht mich das Unvermögen zur Fettleibigkeit weniger lebendig? Ich spüre das Verlangen nach Gesellschaft. Wenn ich nicht zeugungsfähig bin, so sind das viele Menschen auch nicht. Wird nicht die Hälfte eurer Bevölkerung von Unfruchtbarkeit heimgesucht?«

Sie beschloss, auf dieses Thema nicht weiter einzugehen. Stattdessen führte sie ihn in die Küche. »Was meinst du damit, deine Vorgänger waren Geschöpfe einer Stunde?«

»Benutze ich die sinnbildliche Sprache nicht korrekt?«

»Das kann ich nicht sagen, bevor du es weiter erklärst.«

»Du kennst das Schicksal von Alef. Du warst zugegen, nicht wahr?«

»Avram hat dir davon erzählt?«

Yod blieb stehen und wandte sich zu ihr um. Seine Augen bohrten sich in sie. »Avram hat mir nichts erzählt. Ich verschaffte mir Zugriff zu seinen Aufzeichnungen. Außer Gimel, den man völlig zu Recht zurückgeblieben nennen kann, hat Avram jeden meiner Brüder zerstört.«

»Alle Cyborgs, die dir vorangingen, meinst du.«

»Sie hatten alle ein Bewusstsein, Shira, außer Gimel. Einen völlig lebendigen Geist.«

»Das verstört dich.«

»Wenn deine Mutter vor deiner Geburt acht Geschwister von dir umgebracht hätte, weil sie nicht ihren Vorstellungen entsprachen, wärst du da nicht beunruhigt?«

»Du fürchtest, dass er dich auch zerstören wird?«

»Ich wäre töricht, wenn mir dieser Gedanke nicht gekommen wäre.« Dann lächelte er, mit melancholischem Ausdruck. »Deshalb rede ich ihn mit Vater an.«

»Bitte was?«

»Es ist ein schwacher Versuch, eine Bindung herzustellen, die mich vielleicht bewahren wird. Woher weiß ich, dass er nicht beschließt, mich zu verschrotten? … Also zeige mir das Haus.«

»Warum interessierst du dich dafür?«, fragte sie, führte ihn aber dennoch in das zentrale Computerarchiv, Malkahs Büro daheim und das Gehirn des Hauses. Ihr war bewusst, dass er das Thema zweimal taktvoll gewechselt hatte, und sie merkte außerdem, dass sie ein anderes Fürwort dachte: ›er‹.

Er setzte sich an den Computer und koppelte sich rasch an die Schnittstellen. Sie nickte ihm zu, dass er ihren Stecker benutzen konnte. Schließlich würde Yod sie nicht mit Keimen infizieren. Sie bezweifelte, dass Bakterien auf ihm gediehen; er gab wohl keinen fruchtbaren Nährboden ab. »Sogar in ihren Programmen«, bemerkte er ein paar Minuten später, während er die Verbindung löste, »erhält man einen starken Eindruck von Malkahs Persönlichkeit, ist dir das aufgefallen?«

»Ich denke, das gilt für alle kreativeren Systeme.«

Er wartete darauf, dass sie ihn führte, also tat sie es, durchs Wohnzimmer, dann hinauf zu den oberen Zimmern. Doch als sie die Treppe hochkamen und den im ersten Stock rundum laufenden Balkon betraten, kündigte das Haus Malkah an. Yod beugte sich über das Geländer und winkte. »Malkah! Schau, ich bin zu Besuch. Shira hat mich hergebracht.« Sofort stieg er über die Brüstung und ließ sich wie eine Katze auf die Steinfliesen im Hof fallen. Shira beugte sich vor. »Yod! Alles in Ordnung?«

»Vollkommen.« Er wirkte verwundert. Er eilte auf Malkah zu, die ihm ihre weit geöffneten Arme entgegenstreckte. Shira stöhnte und stieg langsam die Treppe hinunter. Malkah mochte ja ein Stück weit recht haben, man musste Yod als eine Art Wesenheit behandeln, eine Maschine mit Bewusstsein, aber ihn in die Arme zu schließen schien mehr als abstrus.

Als sie zu ihnen stieß, hatte sich Malkah in ihren gewohnten Sessel gesetzt und Yod kniete vor ihr, er redete sehr viel schneller, als sie ihn je hatte sprechen hören, die Worte überkugelten sich: »… wie sehr ich dich vermisst habe. Über die Datenleitung zu kommunizieren ist nicht das Gleiche, wie dich zu sehen, das verstehe ich jetzt.«

»Avram entschied, dass ich einen schlechten Einfluss auf Yod hatte, also schloss er mich aus.«

»Einen schlechten Einfluss?«, fragte Shira.

»Ich bin für einen Teil von Yods Programmierung verantwortlich. Avram hat mich als letzte verzweifelte Karte ins Spiel gebracht, um das Projekt zu retten.«

»Malkah, ich habe hier heute etwas Schlimmes getan. Ich habe deine Kletterrose zerstört.« Er erklärte es rasch.

»Yod, du kannst nichts für deine gewalttätigen Triebe, aber ich habe versucht, ein Gegengewicht einzubringen. Mit der Zeit wirst du vielleicht lernen, deine Kraft klüger einzusetzen.«

»Malkah ist meine Freundin. Die Einzige, die mich als Person behandelt und nicht als Werkzeug.« Er strahlte sie beide an, ein offenes, unschuldiges Lächeln der Freude. »Aber du hast mich heute mehr zu einer Person gemacht, indem du mich in die Welt hinausgebracht hast.«

»Aber, Malkah, wieso bist du so früh nach Hause gekommen?« Shira las die Zeit auf ihrer inneren Uhr ab. Es war 14:35:11. Bald musste sie Yod ins Labor zurückbringen.

Malkah lehnte sich in ihrem Sessel zurück, erschöpft oder von etwas bedrückt. »Yod informierte mich über die Datenleitung, dass er hier ist.«

»Du bist sehr schnell«, sagte Shira zu ihm. Sie hatte es überhaupt nicht gemerkt.

Er nickte, immer noch strahlend. »Der Schnellste.«

»Wir hatten heute Vormittag wieder einen Unglücksfall«, sagte Malkah und rieb sich heftig die Augen. »Aviva Emet.« Sie seufzte, ihre Hände umklammerten die Armlehnen ihres Sessels.

»Was meinst du damit, wieder ein Unglücksfall?«, fragte Shira.

»Im letzten Jahr wurden fünf unserer Programmierer getötet und zwei weitere zu menschlichem Gemüse reduziert. Es passiert, während sie in die Basis eingestöpselt sind und arbeiten. Überdies wird uns unser Zeug gestohlen. Wir nehmen an, dass es Piraten sind. Sie morden, und dann stehlen sie.«

Plötzlich verstand Shira. »Und Yod soll darauf vorbereitet werden, sich in die Basis zu begeben und diese Bedrohung zu bekämpfen?«

Malkah nickte. »Unter anderem.«

»Ich kannte Aviva Emet gar nicht. War sie eine Freundin?«

»Sie war jünger als du, Shira, und hochintelligent. Sie kam letzten Herbst her und hat sich alles selber beigebracht. Das, wofür sie sie umbrachten, um es zu stehlen, war etwas, was wir zu einem sehr guten Preis verkaufen wollten. Es war für den Verkauf noch nicht vollständig genug, aber offensichtlich genügte es, um gestohlen zu werden.«

Shira fragte Yod: »Verstehst du, was sie mit dir vorhaben?«

»Ich wurde geschaffen, um zu dienen.« Yod zuckte die Achseln. »Ich bin besser dazu geeignet, diese Überfälle zu untersuchen als irgendjemand sonst. Vielleicht bald.« Er stand auf und schaute sich nach etwas um, worauf er sitzen konnte. Da kein passender Stuhl vorhanden war, hob er einen Granitblock auf, eine alte Pferdetränke, die im Garten stand, und stellte ihn beiläufig neben Malkahs Sessel, zu einer Gesprächsrunde. Malkah warf Shira einen amüsierten Blick zu. Sie nahm sich sichtlich zusammen, wie sie es immer nach einem seelischen Schock tat. Malkah hatte Shira in dem Glauben aufgezogen, dass die richtige Antwort auf einen Schicksalsschlag ist, sich aufzurichten und voranzuschreiten. Falls Malkah der getöteten Frau nahe gestanden hatte, so würde Shira das nur nach und nach herausfinden, denn sie trauerte langsam und nur dann und wann.

Shira beobachtete immer noch Malkahs Verhalten gegenüber Yod. Es war fast kokett. Es schockierte sie etwas. Malkah reagierte auf Yod eindeutig wie auf ein männliches Wesen. Shira hatte erlebt, wie Malkah mit Katern flirtete, aber mit einer Maschine?

Wie Shira befürchtet hatte, war Avram wütend. Er wies Yod an, in das innere Labor zu gehen, aber Yod setzte sich still in die Ecke.

»Ich habe dir befohlen hinauszugehen.«

»Es wäre aber nicht vernünftig für mich, es zu tun. Das hier betrifft mich, Vater.«

Avrams Augen glitzerten vor Zorn. Es gibt Menschen, die vor Zorn anschwellen, dachte Shira, aber Avram schien davon heller zu strahlen. »Wie kannst du es wagen, ihn aus dem Labor rauszubringen?«

Sie zwang sich, nicht zu katzbuckeln und möglichst ruhig zu klingen. »Er braucht mehr Erfahrung, mehr Anregung, als er sie eingesperrt hier drin erhält. Es wird Zeit für ihn, unter Menschen zu kommen. Er muss lernen, in Gesellschaft zu funktionieren. Avram, wir müssen irgendwo anfangen. Wenn wir zusammen sind, werden die meisten Leute sich damit beschäftigen, dass ich zurück bin und welchen Klatsch sie gehört haben. Yod wird ein wenig geschützt sein.«

»Wo hast du ihn hingebracht?«

»Nur in mein Haus und dann zurück.«

»Wir haben Malkah gesehen«, gab Yod unaufgefordert von sich. »Sie kam nach Hause. Ich war sehr froh darüber, mit ihr zu reden.«

Wie Shira auffiel, erwähnte er nicht, dass er Malkah gerufen hatte.

Avram wandte sich wieder ihr zu. »Hast du sie allein gelassen?«

»Nein«, sagte sie. »Ich war die ganze Zeit mit Yod zusammen. Wovor hast du Angst?«

»Lass sie ja nie allein zusammen. Ich traue Malkah nicht.«

»Ich schon«, sagte Yod leise. »Sie ist meine Freundin.«

Avram schnaubte. »Wie auch immer, ich gebe zu, dass er schon Fortschritte gemacht hat. Aber sei außerordentlich vorsichtig. Lass ihn vorläufig noch mit niemand reden und gib keine komplizierten Erklärungen ab. Sollen wir uns auf eine Tarnung einigen? Wir werden sagen, er ist mein Vetter, wie du vorgeschlagen hast, und er ist gekommen, um als mein Laborassistent zu arbeiten. Alle wissen, dass ich seit Davids Unfall keinen hatte.«

Sie war erleichtert, dass Avrams Zorn besänftigt war. Es machte sie zuversichtlicher für die Zusammenarbeit mit ihm. Hinter Avrams Rücken schrieb Yod etwas in die Luft: den hebräischen Buchstaben Chet, die Ursache von Davids tödlichem Unfall.

12Shira
Das Meer bringt Wandel

Shira stand im Labor, knapp einen halben Meter von Yod entfernt. Er warf ihr einen Blick zu, den sie nur als komplizenhaft deuten konnte. Sie spürten beide, dass etwas los war. Sie wunderte sich nicht mehr darüber, dass sie ihm Emotionen zuschrieb: Es mochten nur Abbilder menschlicher Gefühle sein, aber da ging etwas in ihm vor, das ihren eigenen Reaktionen entsprach, und die ständige Haarspalterei war reine Energieverschwendung.

Vor ihnen tigerte Avram auf und ab. Mit dem Handrücken fegte er einen Bücherstapel und Speicherkristalle zu Boden. Automatisch schlüpfte Gimel dazwischen und flitzte hin und her, um die Ordnung wiederherzustellen, während Avram tigerte. »Ist er wirklich mein Sohn? Manchmal frage ich mich! Oh, ich weiß, Sara war mir treu, aber in der Klinik, da kann ein Fehler passiert sein. Man hört von so was. Wenn man nicht den Genabdruck prüft. Was ich getan habe. Irgendwas ist danebengegangen. Irgendwas ist falsch gelaufen, und ich schwöre, er müsste verschrottet werden, wie man ein Experiment verschrottet, in das man seine Jahre und sein Geld gesteckt hat und das man schließlich abschreiben muss!«

Selbst jetzt wollte sie Gadi instinktiv beschützen, ihn verteidigen. Sie zwang sich, so zu klingen, als sei sie kaum interessiert. »Was hat Gadi denn angestellt?«

»Er hat sich wieder in Schwierigkeiten gebracht. Große Schwierigkeiten.«

»Welcher Art?«, fragte Shira vorsichtig. Sie war sich nicht sicher, ob sie es wissen wollte, aber sie hatte kaum die Wahl. Nichts würde heute geschehen, bevor sie Avram nicht beruhigt hatte, bevor er aus dem Weg war und sie arbeiten ließ. Yod beizubringen, als Mensch durchzugehen, war mehr als eine Ganztagsbeschäftigung, aber oft amüsant, denn sie spielten miteinander Szenen durch wie aufgeweckte Kinder, übten im Spiel die Interaktionen, die er bald im Ernst mit den Menschen der Stadt führen musste. Seine Fragen verblüfften sie. »Was bedeutet ›entschuldigen Sie‹? Entschuldigen für was? Wenn ich etwas nicht tun sollte, warum es tun? Wenn es zulässig ist, warum um Verzeihung bitten?«

Wie wenig Zeit hatten sie beide gebraucht – die gerade mal sechs Wochen, die sie nun zusammenarbeiteten –, um sich gegen Avram zusammenzutun, still, fast insgeheim, vertrauten sie einander mehr als ihrem Chef. Yod nahm sich zusammen, aber Avrams Anspannung weckte offensichtlich seinen Verteidigungsdrang, denn er ballte immer wieder die Fäuste. Er bebte vor dem, was bei einem Menschen Sorge gewesen wäre. Bei Yod war es ihrer Vermutung nach der unerfüllte Drang zu handeln: sich zu bewegen, zu verteidigen, anzugreifen. Unwillkürlich schloss sich seine Hand um die Tischkante und brach ein Stück des Metallrandes ab. Er sah verlegen aus und stopfte es in die Tasche der Shorts, die sie ihm gekauft hatte.

Avram blieb endlich stehen und wandte sich zu ihnen um. »Das darf nicht aus diesem Zimmer gelangen, obwohl wir vielleicht nicht verhindern können, dass es rauskommt. Gadi hat … Er hatte sexuelle Kontakte mit einem fünfzehnjährigen Teenager.«

»Einem männlichen oder einem weiblichen?«, fragte Yod ausdruckslos.

»Einem Mädchen. Mein Sohn ist ein eitler Geck, aber er ist geradezu eintönig heterosexuell.«

Die Sexualität war einer der Bereiche, die von Multi zu Multi, von Stadt zu Stadt, völlig unterschiedlich waren. Was an einem Ort die Norm war, war an einem anderen verboten. Bei Uni-Par, Gadis Multi, war die üblichste Eheform eine Triade. Shira empfand einen siedend heißen Mischmasch von Gefühlen, wie ein Topf voll zäher Karamellmasse kurz vor dem Überkochen, nur dass keinerlei Süße darin lag, sondern bloß Groll, Schuld, Mittäterschaft. Versuchte Gadi immer noch, jenen verlorenen geheimen Ort aus reiner Zuckersüße, verschmelzenden Körpern und Herzen wiederzuerschaffen? Sie wusste, eine Zeitlang hatte er diese verlorene Ekstase im Drogenrausch gesucht, doch vergeblich. »Wo ist das passiert?«

»In Aserbaidschan. Er kann von Glück sagen, dass er mit heiler Haut da rauskommt. Man hat ihn öffentlich ausgepeitscht. Wenn Uni-Par ihn nicht so überbewerten würde, wäre sein Kadaver längst Stoff für ein Recyclingkraftwerk. Wegen seiner Atmos haben sie eine Prügelstrafe ausgehandelt und dürfen ihn im geschlossenen Schwirrer wegschaffen.«

»Er entwirft die imaginären Welten der Stimmies?«, fragte Yod. »Und die Leute schätzen die Begegnung mit exotischen Landschaften?«

Shira und Avram nickten beide, ohne Yod anzuschauen. Shira fragte, wobei das Zittern ihrer Stimme sie verriet: »Und wohin?«

»Hierher. Er ist in Ungnade gefallen. Oh, sie werden ihn zurückholen. Bei Uni-Par hat niemand ein Gedächtnis von mehr als sechs Monaten.«

Sie fühlte sich in der Falle. Sie musste heraus. Sie konnte nicht. Sie merkte, dass ihr Atem sich beschleunigt hatte. Yod, dessen Gehör abnorm empfindlich war, wollte etwas sagen, doch sie bat ihn mit einer Geste zu schweigen. Er verstand.

»Ich möchte, dass du weißt, Shira, ich habe ihn nicht hierher eingeladen. Ich fand seinen letzten Besuch strapaziös genug, und das war nur ein verlängertes Wochenende. Wie mein Sohn und ich es sechs Monate unter einem Dach aushalten sollen, ist mir völlig rätselhaft. Wie kann er nur so ein schmock sein? Er handelt, ohne zu denken, genau wie als Kind. Er ist nie erwachsen geworden, nie!«

Sie merkte, sie konnte nur kurze Sätze bilden, wollte sie ihre Stimme, ihre wachsende Panik beherrschen. »Wann kommt er?«

»Morgen.«

»So bald …«

»Ja, nicht?« Avram schaute sie durchdringend an. »Du freust dich auch nicht mehr auf ihn als ich.«

»Ich fühle mich wohl, wenn ich mit ihm von Bild zu Bild rede. Diese angenehme elektronische Distanz gibt mir Sicherheit.«

»Das ist wirklich unangenehm. Und gerade, wo wir etwas vorangekommen sind. Yod hat sich von Tag zu Tag entwickelt, seit du mit ihm arbeitest. Sein Fortschritt liegt durchweg über der von mir projektierten Kurve.«

Yod warf ihr einen verstohlenen Blick der Dankbarkeit zu. Sie zwang sich zu einem schwachen Lächeln für Avram. »Ich bin auch der Meinung, wir machen Fortschritte.«

Als Avram sie schließlich verließ, versuchte sie, einen der kognitiven Tests durchzuführen, aber plötzlich konnte sie nicht anders: Sie riss sich den Stöpsel aus der Schläfe und ließ das Programm abstürzen. »Yod, ich muss ins Freie. Außerhalb der Hülle. Hast du eine Schutzhaut oder soll ich allein gehen?«

»Du meinst, in das, was die Ödnis genannt wird? Licht und Luft ohne Schutz? Ich benötige keine Schutzhaut. Ich wurde so gebaut, dass ich die Ödnis ohne Schutz ertragen kann.«

»Trotzdem werden wir dir eine suchen. Niemand darf deine einzigartigen Fähigkeiten entdecken. Ich wette, Gadis Schutzhaut ist noch da, wo er sie immer aufbewahrt hat.« So war es. Shira eilte kurz nach Hause, um ihre zu holen, und stieß dann wieder zu Yod.

Die Stadtgrenzen wurden viel schärfer bewacht als sonst üblich, deshalb meldete sich Shira ordnungsgemäß ab. Sie ging schnell. Die Bucht. Sie wollte den Trost des Meeres. Seit ihrer Rückkehr war sie noch nicht einmal schwimmen gewesen; in all den Jahren bei Y-S war sie nicht schwimmen gewesen. Yod hielt leicht mit ihr Schritt, sein Kopf schnellte hin und her in unablässiger Überwachung. »Was ist das?« Er ging in Verteidigungsstellung.

»Ein Aasgeier.« Er hatte ein totes Kaninchen gefunden. Kaninchen hatten die UV-Strahlung überlebt, indem sie zu Nachttieren wurden. »Das sind Vögel, die in der Ödnis leben können. Nicht beachten.« Sie hastete über die Dünen und durch kleine morastige Mulden mit Preiselbeeren und blühendem Schlehengestrüpp. Die Luft roch salzig. In den Dünen war es wirklich heiß. Sie schwitzte ausgiebig unter dem Hartgel. Sie ging zur versunkenen Stadt hinunter. Es war Ebbe, deshalb lagen einige der alten Straßen trocken, Tang nistete zwischen den zerborstenen, jahrhundertealten Betonplatten. Sie mussten an etlichen Ruinen vorbeilaufen, dann vorbeiwaten, bis sie an einen guten Badestrand kamen. Seit die Bucht über versunkenes Marschland, über Küstenhäuser und Straßen gestiegen war, seit verheerende Wirbelstürme sie jedes Jahr heimsuchten und Trümmer von Gebäuden, Fahrzeugen und Gerätschaften unter Wasser zurückließen, war ein guter Strand einer, wo sie in der Hoffnung schwimmen konnte, nicht von verborgenen Wrackteilen verstümmelt oder aufgespießt zu werden.

Sie hockten auf einer Ruinenmauer, die einmal zum Erdgeschoss eines Hauses gehört hatte, inzwischen fortgespült und halb begraben. Sie schälte sich aus ihrer Schutzhaut, nahm das wasserdichte Fett, das sie schützen sollte, zögerte dann, sich vor Yod weiter auszuziehen. In Tikva wurden Kindern keine Tabus über Nacktheit eingepflanzt. Niemand unter zwölf zögerte, sich seiner Kleider zu entledigen, mit dem Ergebnis, dass niemand über zwölf ein natürliches Schamgefühl besaß.

Sie hatte seitdem in Kulturen wie Y-S gelebt, die strikte Vorschriften besaßen, welche Körperteile zu welchen Gelegenheiten hergezeigt werden durften. Das ging mit starren Geschlechterrollen einher – natürlich nicht bei der Arbeit, denn da konnte sich solchen Unsinn niemand leisten, aber in jedem anderen Lebensbereich. Frauen, die sich zum Dinner umzogen, entblößten auf Y-S-Empfängen oft ihre Brüste, wohingegen die Beine stets bis zur Mitte der Wade züchtig bedeckt blieben. Der Rücken blieb üblicherweise nackt; der normale Dienstanzug mit seinem tief ausgeschnittenen Rücken sollte sowohl bei Männern als auch bei Frauen die Muskulatur und die Kondition zeigen. Für Frauen war es jedoch Sitte, die Ohren und den Nacken bedeckt zu halten, ihr Haar hatte wenigstens schulterlang zu sein und war oft künstlich glatt gezogen. Malkah hatte Shiras Haar erst in der letzten Woche zu einer schnittigen Kappe gestutzt. Bei Uni-Par, Gadis Multi, war Nacktheit ein Statussymbol. Je höher man in der Pyramide stand, desto weniger trug man, um desto besser die Ergebnisse der neuesten kosmetischen Operationen an seinem Körper zur Schau zu stellen. Bei Aramco-Ford trugen Frauen meterlange Stoffbahnen und kurze, durchsichtige symbolische Schleier.

Sie hatte nie einen Badeanzug besessen, und sie wollte schwimmen. Sie wollte das Salzwasser spüren, wollte es an all den winzigen Hautverletzungen und Abschürfungen ihres Körpers brennen spüren wie wohltuendes Sandpapier; sie sehnte sich danach, die Heilwirkung vom Salz zu fühlen, sich außen nass zu fühlen und trocken im Innern. Warum zögerte sie, sich vor einer Maschine auszuziehen?

»Kannst du schwimmen, Yod?«

»Ja, obwohl das eine Fertigkeit ist, die ich noch nie aufgerufen habe. Ich bin programmiert, es zu genießen, all meine Funktionen auszuüben. Schwimmen wir in diesem bewegten Wasser?«

»Das ist die Massachusetts-Bucht und ja, wir schwimmen darin.« Sie hockte immer noch in Slip und Shirt da. Schließlich zog sie das Tanktop aus, ließ nur Bustier und Slip an, steckte das Harzmesser in den Saum, rieb sich mit Schutzfett ein und watete ins Wasser. Yod zog sich sogar noch schneller aus. Er stand auf der Kante der zerfallenden Mauer und sah skeptisch drein. Er sog Luft in langen, pfeifenden Atemzügen ein, während sein Mittelteil sich sonderbar blähte. Natürlich; er war viel schwerer als ein Mensch gleicher Größe. Er musste sich extra aufpumpen, um nicht unterzugehen. »Komm rein«, rief sie.

»Das Wasser ist radioaktiv und hoch verschmutzt mit toxischen Chemikalien, darunter Petrokohlenwasserstoffe, Essigsäure, Chloroform –«

»Das ist der einzige Ozean, den wir in unserem Hinterhof haben. Er wird uns genügen müssen.«

Sie schaute zu ihm hinüber, wie er da unschlüssig am Rand des Wassers stand. Sein Körper hatte überall genau die gleiche Farbe, ein sattes Olivbraun. Er besaß Schamhaare, wenngleich nahezu keine Brustbehaarung. Er war mit einem Bauchnabel ausgestattet, absurderweise, und auch einem Penis, von dem sie rasch den Blick abwandte. Er sah aufgedunsen aus, prallvoll mit Luft. »Wenn du nicht kommst, warte da auf mich.«

»Shira, das ist gefährlich. Warte.« Sie hörte ein gewaltiges Aufklatschen und dann lautes Strudeln.

Sie trat Wasser und wartete. Er kam mit seiner Programmierung noch nicht ganz zurecht. Er spritzte nach allen Seiten, planschte, fuchtelte und strampelte. Sie schwamm zu ihm zurück. Sie bewegte sich kräftig, geschmeidig. Wie immer, seit sie schwimmen konnte, fühlte sie sich im Wasser sofort zu Hause. Seltsam, dass sie gerade heute den Wunsch hatte zu schwimmen, denn das war etwas, was sie immer mit Gadi getan hatte oder, als sie noch viel kleiner war, mit Malkah, die gar nicht abgeneigt gewesen war, sich zur Bucht davonzustehlen, zu einer Zeit, als es noch nicht so gefährlich war wie jetzt. Je höher das Wasser stieg, desto mehr Fallen verbargen sich darin, außerdem gab es viel mehr Organpiraten. Das Meer war seit jeher ihre große Zuflucht, vor der Schule, vor zu Hause, vor Spannungen.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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9783867548748
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