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Marcus Imbsweiler
Bergfriedhof
Kriminalroman

Zum Buch
DUNKLE VERGANGENHEIT Leichen gehören auf den Friedhof, auch im beschaulichen Heidelberg. Bloß wurde diese hier nicht ordnungsgemäß bestattet, sondern liegt auf dem Grab eines Kriegsopfers. Privatdetektiv Max Koller steht vor einem Rätsel. Wer ist der Tote? Und wer ist der Mann, der ihn mitten in der Nacht an diesen Ort beordert hat? Als Koller am nächsten Morgen zum Bergfriedhof zurückkehrt, ist die Leiche verschwunden. Eine mühsame Recherche beginnt, die den Ermittler in die wohlhabenden Kreise der Universitätsstadt führt, zu Burschenschaftern und Industriellen. Koller wird in studentische Grabenkämpfe verwickelt und holt sich mehr als nur ein blaues Auge. Immer an seiner Seite: sein phlegmatischer Freund Fatty und seine Exfrau Christine. Und irgendwann wird dem Detektiv klar, dass die Antwort auf all seine Fragen in der Vergangenheit liegt, in jenen Weltkriegstagen, als Bomben auf die ansonsten verschonte Stadt am Neckar fielen.
Marcus Imbsweiler lebt in Heidelberg. Der Germanist und Musikwissenschaftler arbeitete zunächst als freier Musikredakteur für Rundfunksender und große Sinfonieorchester. Im Jahr 2007 begann er mit dem Schreiben. Ein weiterer Schwerpunkt Imbsweilers gilt dem Thema klassische Musik. Hier legte er verschiedene Erzählungen und Romane vor. Der Autor ist Vater von fünf Töchtern und begeisterter Läufer. Unterwegs kommen ihm die besten Ideen.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Neuausgabe 2021
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von © eyetronic / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-3360-3
1
Das Theater, so habe ich einmal gelesen, hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Da haben reiche Säcke und arme Schlucker ihren Auftritt, Wichtige und Unwichtige, Pechvögel und Glückspilze. Die einen treten, die anderen werden getreten. Für die Besucher eines Theaters gilt das übrigens auch. Während sich unsereins um die letzten freien Plätze im Parkett prügelt, schauen die Spitzen der Gesellschaft aus ihren Logen belustigt auf uns herab. Und von den Leuten, die sich im dritten Rang auf den Stehplätzen drängeln, nimmt niemand Notiz. Mit denen wollen wir nichts zu tun haben.
Auch auf Heidelbergs Theater trifft dies zu und erst recht auf das größte Theater der Stadt: den Bergfriedhof.
Fährt man unten durch die Rohrbacher Straße, am Haupteingang des Bergfriedhofs vorbei, stellen sich sofort die entsprechenden Assoziationen ein: Da ist die weitläufige Ebene, die sich hinter dem klassizistischen Eingangsportal auftut, dann der sanft ansteigende, später immer steilere Hang des Odenwalds, von dem man über das Rheintal bis hinüber zum Pfälzer Wald blickt; da sind die terrassenartigen Grabreihen, die erhöhten Logenplätze, die wohltuende Stille … ein Theater, was sonst? Der Zuschauerraum eines Schauspielhauses für die verstorbenen Bürger Heidelbergs, denen ein letztes, grandioses Stück geboten wird: der Fluss der Deutschen auf seinem langen Weg zum Meer. Dieses Theater ist ausverkauft bis in die Ewigkeit.
Unten, im Parkett des Bergfriedhofs, herrscht graue Normalität. Da liegen die Müllers und Meiers, ihre Gräber sind rechteckig und einförmig, auf schlichten Marmorplatten stehen ewige Lichter, liegen frische Blumen. In den Logen darüber feiert die Steinbildhauerkunst Triumphe: trauernde Figuren, bittende Engel, Stelen, Sarkophage, Mausoleen. Und was für Namen stehen auf diesen Monumenten! Die Namen der Erfolgreichen und Großkopferten, der Heidelberger Ehrenbürger und promovierten Besserwisser: Ebert, Reichspräsident. Weber, Soziologe. Furtwängler, Dirigent. Speer, Architekt. Und dann gibt es noch die schmalen Terrassen, die sich schwindelerregend steil den Hang hinaufziehen, auf denen die Erde karg wird und der Bewuchs immer dichter. Das sind die Oberränge des Bergfriedhofs. Schattige, verwitterte Gräber, dem Fels abgezwungen und durch bemooste Kieswege verbunden. Ganz oben, an der Friedhofsgrenze, stemmt sich ein mannshoher Zaun gegen das Eindringen des Waldes.
Der Mann, der es sich vor mir auf einem dieser Gräber bequem gemacht hatte, war kein Theaterbesucher. Aber er passte hierher. Ein schlecht gekleideter, toter alter Mann.
So, wie er da lag, auf dem Rücken, alle viere von sich gestreckt, hätte man ihn für einen Penner halten können. Seine weit aufgesperrten Augen starrten in eine endlose Ferne. Hin und wieder fuhr eine ruppige Windbö durch sein graues Haar, schien ihn aufwecken, aufrütteln zu wollen. Schaff dich fort, Alter, fauchte der Wind, das hier ist kein Platz für dich, die Vorstellung beginnt. Weiß und trübe leuchtete der Mond zwischen hohen Kastanienbäumen hindurch, oben im Wald schrie ein Käuzchen, junge Blätter raschelten lispelnd, ansonsten hörte man keinen Laut. Bis auf ein heftiges Wummern in meiner Brust, dumpf und dröhnend wie von einer großen Glocke. Mich fröstelte.
Es war kurz nach 11 Uhr abends. Kein Zutritt nach Einbruch der Dunkelheit, stand auf einem Schild am Seiteneingang des Bergfriedhofs. Ich hatte es ignoriert, auftragsgemäß. Von einem Toten war bei dem Auftrag nicht die Rede gewesen. Nur von dem Treffpunkt auf dem Friedhof.
Ich beugte mich über den Mann. Er war unrasiert, das Haar zerzaust, sein Mund stand ein wenig offen. Kein Mantel, nur ein schäbiger Anzug über einem weißen Hemd. Und dieser Geruch … Er erinnerte mich an das Mottenpulver meiner Mutter. Die schlechten Zähne des Toten fielen mir auf, die dicken, gebogenen Fingernägel. Er hatte getrunken, nicht zu knapp offenbar, und der Alkohol dampfte noch durch seinen Leib. Vorsichtig berührte ich einen dunkel schimmernden Fleck, der sich über der Herzgegend ausgebreitet hatte.
Er fühlte sich warm an.
Ich schnellte hoch und sah mich um.
Nichts. Der Wind in den schweren Kastanienästen, sonst nichts. Der Mond war eine käsig helle Scheibe, in der Stadt gähnten die Menschen und schalteten den Fernseher ab, manche schliefen, andere konnten nicht schlafen. Es war alles in Ordnung.
Alles in Ordnung …
Ich suchte in meinen Taschen nach einem Gegenstand, mit dem ich mich notfalls verteidigen konnte. Kein Gegenstand. Ich gehöre zu jenen Privatdetektiven, die keine Waffe besitzen. Und besäße ich eine, wäre sie nicht auffindbar. Oder defekt. So schnell bringt mich nichts aus der Fassung, aber in diesem Moment wäre mir sogar eine defekte Waffe recht gewesen. Irgendetwas, an dem ich mich festklammern, hinter dem ich mich verstecken konnte.
Was sollte ich tun? Stehenbleiben? Davonrennen? Das eine konnte ebenso falsch sein wie das andere. Vielleicht wartete der Mörder des alten Mannes hinter einem Grabstein, bis die Luft rein war. Oder er schlich bereits Richtung Friedhofsausgang, nagende Angst im Nacken, ein gejagtes, wildes Tier. Ich durfte das Tier nicht provozieren.
Also tat ich nichts. Ich wischte mir bloß die Finger im Gras ab und schaute mich nach allen Seiten um. Es blieb ruhig.
Obwohl ruhig nicht das richtige Wort ist. Erst wenn man darauf achtet, wenn man den Atem anhält, merkt man, was für ein Spektakel sich mitten in der Nacht auf einem einsamen Friedhof ereignet. Wie belebt so ein Totenacker ist: Mal knackt es, mal schwirrt etwas vorbei, Schatten zucken und greifen nach einem. In der Ferne schrie wieder das Käuzchen, und um mich herum rauschten die Laubbäume mit ihren zarten, jungen Blättern. Sie wisperten und flüsterten, aber ihre Unterhaltung war nicht für menschliche Ohren bestimmt.
Und dann gab es noch ein Geräusch: ein fernes Rumpeln und Ächzen. Unten fuhr die Straßenbahn aus Leimen durch die Rohrbacher Straße, Metall presste auf Metall, Funken sprühten. Sie existierte also noch, die Welt jenseits der Friedhofsmauern, die Zivilisation mit ihren Alltagsgeräuschen, vom Quietschen der Bremsen bis zum Hüsteln der Passagiere.
Meine Muskeln entspannten sich. Akute Gefahr schien nicht zu drohen. Ich lebte, ich atmete, ganz im Gegensatz zu dem armen Teufel vor mir auf dem Grab. Er lag da, als hätte er schon immer an dem Platz gelegen. Als gehörte er hierher. Hätte er sich keine schönere Stelle aussuchen können? Das hier waren so ziemlich die armseligsten Ruhestätten, die der Bergfriedhof zu bieten hatte. Eine lange Reihe roh behauener Steinplatten, am Kopfende jeweils ein Holzkreuz, auf den Platten selbst der Name, die Lebensdaten, hie und da ein frommer Spruch. Dahinter die nackte Felswand des Berges, davor ein schmaler, verwachsener Pfad, den ein niedriges Geländer zum Tal hin begrenzte. Die reinsten Armengräber.
Wie alt der Mann wohl war? 75? 80? Er hatte wirklich etwas von einem Penner, selbst wenn er nicht unbedingt verwahrlost wirkte, trotz seines Alkoholatems und des muffigen Kleidergeruchs. Nein, er sah eher aus wie ein Mann, der es aufgegeben hatte, sich um seine äußere Erscheinung zu kümmern.
Und das sollte mein Auftraggeber sein?
Das Alter mochte stimmen, aber sonst stimmte überhaupt nichts. Der Mann, der mich telefonisch zum Bergfriedhof beordert hatte, war von ganz anderem Kaliber gewesen. Ein Mann mit Geld, mit Übersicht und Selbstbewusstsein. Einer, der wusste, was er wollte. Der sich niemals unrasiert, in einem derart abgewetzten Anzug auf die Straße gewagt hätte. Obwohl man sich in solchen Dingen ja irren konnte. Die Stimme eines Menschen am Telefon verriet einiges, aber nicht alles.
Wie auch immer, mein Honorar war futsch. Ich hatte die Verabredung eingehalten, Punkt 11 auf dem Bergfriedhof, und der Einzige, den ich antraf, war nicht in der Lage, mir die versprochene Anzahlung zu leisten. Wie heißt es doch? Das letzte Hemd hat keine Taschen …
Vielleicht fand sich etwas in den Taschen des Toten. Nachschauen kostete nichts.
»Ist er tot?«, fragte jemand hinter mir.
Ich fuhr herum.
Vor mir stand ein älterer Mann. Er musste sich auf Zehenspitzen angeschlichen haben: ein gut gebauter Senior in Kaschmirmantel und Hut, der offenbar sein Vergnügen an bizarren Auftritten hatte.
Ich sagte: »Wer sind Sie?« – weil mir nichts Besseres einfiel. Meine Stimme klang seltsam. Irgendwie krächzend.
Statt einer Antwort nieste der Alte. Er zog ein Stofftaschentuch aus einer Hosentasche hervor und schnäuzte hinein. Ich nutzte die kleine Pause, um ihn von Kopf bis Fuß zu mustern. Er war ein paar Zentimeter größer als ich, hielt sich kerzengerade, ein rüstiger Rentner mit klaren blauen Augen hinter der randlosen Brille. Unter der Hutkrempe lugten weiße Haare hervor. Sein faltiger Hals schmiegte sich in ein Seidentuch. Nur diese Falten und seine Haut verrieten, dass er die 70 bereits weit hinter sich gelassen hatte.
»Und?«, fragte er. »Ist der Mann tot?«
Ich nickte.
»Haben Sie ihn untersucht?«
»Verdammt, ich habe Sie was gefragt«, entfuhr es mir. »Wo kommen Sie jetzt plötzlich her?«
Sorgfältig zusammengefaltet, wanderte das Taschentuch zurück an seinen ursprünglichen Platz. Ein Lächeln huschte über die Lippen des Mannes.
»Habe ich Sie erschreckt?«, entgegnete er. »Dann entschuldigen Sie bitte vielmals, Herr Koller.«
Ich starrte ihn schweigend an. Wenn der Mann meinen Namen kannte, musste er es sein, der mich vor wenigen Stunden angerufen hatte. Ich hatte niemandem von der Verabredung auf dem Bergfriedhof erzählt, nicht einmal meinem besten Freund Fatty. Also stand ich meinem Auftraggeber gegenüber.
»Verstehe«, sagte ich. »Ihretwegen bin ich hier. Und das ist Teil Ihres Auftrags?« Ich zeigte auf die Leiche.
»Damit«, sagte er, »habe ich nichts zu tun. Aber auch nicht das Geringste.«
»Was?«, lachte ich. »Sie machen wohl Witze!«
Das war natürlich Unsinn. Ich hatte den Mann noch nie gesehen, aber dass er keine Witze zu machen pflegte, war offensichtlich. Einen Witz hielt er vermutlich für etwas Unanständiges. Oh, ich kenne diese Typen, in Heidelberg gibt es viel zu viele davon. Sie sind satt und intelligent, sie bekleiden wichtige Posten in der Industrie oder an der Universität, sie duzen eine Handvoll Bundestagsabgeordnete, tragen Seidenschals und italienische Lederschuhe, sie fördern harmlose Kunstprojekte und langweilen sich in ihren schicken Wohngettos zu Tode. Ab und zu stirbt einer von ihnen an Krebs, dann haben die Ärzte gepfuscht. Und wenn sie zusammensitzen, bestätigen sie sich gegenseitig ihre ungebrochene Potenz und lästern über die Einöde, in die es sie verschlagen hat. So einer war der Alte in meinen Augen.
Und weil es so schön passte, begann der Unbekannte mich mit einer Geringschätzigkeit zu mustern, die ihresgleichen suchte. Er legte den Kopf ein ganz klein wenig zur Seite und ließ seine Blicke über mich gleiten. Von oben bis unten, von rechts nach links, über meine komplette Durchschnittlichkeit hinweg. Wie ein Lehrer seinen schwächsten Prüfling examiniert. Abtreten, Koller. Versetzung gefährdet.
»Was soll das?«, herrschte ich ihn an. »Wer ist dieser Mann und warum sollte ich auf den Bergfriedhof kommen? Ihren Namen könnten Sie mir auch verraten.«
»Wie lange sind Sie schon hier?«
»Was weiß ich! 10 Minuten, eine Viertelstunde. Ich war pünktlich.«
»Und Sie haben den Mann so vorgefunden?«
»Ja.«
»Was ist ihm zugestoßen? Sie sind der Fachmann, Herr Koller. Ein Herzinfarkt?«
Mir platzte der Kragen. »Hören Sie mal, großer Häuptling«, rief ich, und es fehlte nicht viel und ich hätte ihn geschüttelt. Er wich zurück. »Sie halten mich wohl für bescheuert! Klären Sie mich gefälligst auf, was hier gespielt wird. Was ist mit dem Mann passiert? Warum liegt er auf dem Grab? Was tue ich hier? Und erzählen Sie mir nicht, Sie hätten den Kerl nie gesehen.«
»Bitte, Herr Koller.«
»Nichts da! Beantworten Sie meine Fragen.«
Er räusperte sich. »Ich kenne den Mann nicht. Glauben Sie mir.«
»Ach, nein? Und warum bin ich dann hier?«
»Tja, warum sind Sie hier?« Er sah mich ernst, fast sorgenvoll an. Plötzlich aber erblühte ein winziges Lächeln in seinen Mundwinkeln, ein kaum wahrnehmbares Zeichen dafür, dass er sich über irgendetwas prächtig amüsierte, und er sagte: »Vielleicht als Zeuge?«
»Wie?«
»Ja, als Zeuge für meine Unschuld. Für die Tatsache, dass ich mit dem Tod dieses Mannes nichts zu tun habe. Rein theoretisch natürlich, denn Sie werden keine Aussage machen müssen.«
»Als Zeuge, so ein Quatsch. Wer weiß schon, was Sie in der letzten halben Stunde getrieben haben.«
»Jedenfalls keinem meiner Mitmenschen Gewalt angetan«, sagte er bestimmt. »Sehe ich vielleicht so aus? Und hätte ich Sie dann herzitiert? Ich weiß nicht, wie dieser Mann zu Tode gekommen ist, und ich habe nichts damit zu tun.«
»Aber Sie kennen ihn. Sie wissen, wer der Mann ist.«
»Nein.«
»Verarschen kann ich mich alleine!«, brüllte ich in die Nacht hinaus.
Er schwieg. Hielt meinem wütenden Blick ein paar Sekunden stand, um dann erneut sein Taschentuch zu zücken und sich zu schnäuzen. Sogar diese Handlungen wirkten herablassend.
»Umgekehrt wird eher ein Schuh daraus«, erklärte er. »Womit haben Sie eigentlich die letzten 30 Minuten verbracht, Herr Koller?«
»Machen Sie sich nicht lächerlich«, schnaubte ich.
»Lächerlich, ich?«, fuhr er auf. »Wer sind Sie, dass Sie das behaupten können, Sie Privatdetektiv? Ich weiß nicht, ob und welche Erfolge Sie in Ihrem Leben schon gefeiert haben, aber ich wäre verdammt vorsichtig damit, einem Mann wie mir Lächerlichkeit vorwerfen zu wollen. Wenn Sie 100 Menschen fragen könnten, wem von uns beiden sie zutrauen würden, etwas mit dem Tod dieses Mannes zu tun zu haben, was würden diese 100 wohl sagen?«
Ich grinste. Der Mann gefiel mir. Er gefiel mir, weil er durch sein Verhalten all meine Vorurteile bestätigte, die ich gegen seinesgleichen hegte. Ich bin nicht stolz auf diese Vorurteile, ganz im Gegenteil, und ich weiß, dass sie im Einzelfall an der Realität scheitern. Trotzdem helfen sie einem, sich wenigstens grob im Dschungel des Lebens zu orientieren.
»Die verfolgte Unschuld«, höhnte ich. »Wusste gar nicht, dass Sie Laienschauspieler sind. Haben Sie es schon einmal bei einer studentischen Theatertruppe versucht? Die suchen immer Nachwuchs.«
Er antwortete wieder mit einem Niesen. Mit dreimaligem Niesen, um exakt zu sein. Hatte es ihm die Sprache verschlagen?
Nein, das war es nicht. Er zückte wieder sein unvermeidliches Taschentuch, widmete dem Auswurf einen müden Blick und sagte: »Pollen.«
»Bitte?« Ich kapierte überhaupt nichts.
»Pollen«, wiederholte er. »Sogar nachts quälen sie einen. Kennen Sie das?«
»Allergien kann ich mir nicht leisten«, brummte ich. »Sind was für Besserverdienende.«
Er nickte und nieste noch einmal. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie dieses Spielchen weitergehen sollte. Vielleicht tauschten wir am Ende alte Hausrezepte aus, oder wir empfahlen uns gegenseitig unsere Lieblingsärzte. Keine Ahnung. Ich wusste nur, dass ich allmählich müde wurde.
»Herr Koller«, sagte der Unbekannte, nachdem er fertig war mit seinem zermürbenden Geniese, »ich mache Ihnen einen Vorschlag.«
»Tatsächlich?«
»Lassen Sie uns gehen.«
»Gehen? Wohin?«
Einladend griff er nach meinem Oberarm, als wolle er mich mal eben zum Tanz auffordern. »Ich habe Sie in etwas überstürzter Manier um dieses Treffen auf dem Bergfriedhof gebeten. Gegen ein anständiges Honorar. Ich möchte nun, angesichts der veränderten Situation«, er gönnte dem Toten einen kurzen Seitenblick, »meinen Auftrag erweitern. Wieder gegen ordentliche Entlohnung, das versteht sich. Lassen Sie uns dieses Treffen vergessen. Sie sind niemals hier gewesen, ich auch nicht. Wir wissen von nichts und haben nichts gesehen. Was ja, im Großen und Ganzen, der Wahrheit entspricht. Einverstanden?«
Ich gebe zu, der Mann verblüffte mich. Er reagierte schneller auf Situationen, als man es bei seinem Alter hätte erwarten können. Dass er nicht mit dem Toten auf dem Grab gerechnet hatte, schien offensichtlich. Also disponierte er um. Gab neue Anweisungen. Dirigierte seinen Büttel Max Koller, wie es ihm gefiel.
»Sie wollen ihn«, sagte ich und zeigte auf die Leiche, »Sie wollen ihn hier liegen lassen und sich aus dem Staub machen? Einfach so?«
»Können Sie ihm noch helfen?«, gab er trocken zurück.
»Nein, aber wir könnten …«
»… herausfinden, wer der Mörder ist? Wenn es Ihnen Spaß macht, Herr Koller. Aber nicht in meinem Auftrag, bitte schön. Ich möchte nicht in diese Angelegenheit hineingezogen werden.«
»Sie sind schon drin, Herr … wie, sagten Sie, war der Name?«
Er lächelte schwach. »Es wird Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, dass ich Ihnen ein mehr als angemessenes Honorar in Aussicht gestellt habe. Daran halte ich mich. Aber nur, wenn wir beide diesen unangenehmen Ort verlassen. Und zwar so rasch wie möglich. Sie können meinetwegen von zu Hause die Polizei informieren. Nur lassen Sie mich aus dem Spiel. Im Gegensatz zu anderen Personen habe ich noch einen Ruf zu verlieren.«
Ich war zu sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, um seine letzte Bemerkung zu parieren. Er wollte mich kaufen. Gut, das taten alle Kunden, wenn sie sich an mich als Privatflic wandten. Normalerweise zahlten sie für meine Ermittlungen, der hier zahlte für mein Schweigen. Warum tat er das? Nur um seine Ruhe zu haben? Es hätte mich gereizt, das herauszufinden. Vor allem hätte mich gereizt, ihm die Antwort am Ende meiner Nachforschungen auf den Tisch zu knallen, gegen seinen erklärten Willen und mit der Überlegenheit dessen, der ein reines Gewissen hat. Hatte er ein reines Gewissen? Wohl kaum. In jedem Fall durfte man vom Alter des Mannes nicht auf seine Konstitution schließen. Er war kein tattriger, verkalkter Greis, sondern ein knallhart kalkulierender Silberrücken, ein hellwacher, abgeklärter Opa aus Granit.
»Noch mal zum Mitschreiben«, sagte ich. »Wir lassen die Leiche hier liegen, gehen unserer Wege, und bevor wir uns trennen, stellen Sie mir einen Scheck aus.«
»Richtig.«
»Und dann?«
»Den Rest erledigen unsere pflichtbewussten Gesetzeshüter. Wie gesagt, Sie können die Polizei gerne vom heimischen Herd aus anrufen, aber halten Sie mich und meinen Namen außen vor.«
»Interessant.«
»Finden Sie? Es ist eine einfache Abmachung, die wir treffen, und für deren Einhaltung zahle ich gerne. Sie haben sich spät am Abend hierher bemüht, Herr Koller. Ein solches Engagement schätze ich und möchte es honorieren.«
»Und der Mann dort?«
»Übermorgen werden Sie in der Zeitung lesen können, wie er umgekommen ist.«
»Was schlagen Sie vor?«
Er setzte zu einem Niesen an, ließ es jedoch bleiben.
»Selbstmord«, erklärte er.
2
Der Einzige, der in meiner Wohnung konstant arbeitet, ist mein Anrufbeantworter. Vom Kühlschrank abgesehen, aber der hat schließlich nichts mit meinem Beruf zu tun. Ich selbst liege auf dem Sofa, mache Besorgungen, starre auf den Fernseher oder denke mir Fälle aus, die nur ich zu lösen imstande bin – nicht unbedingt ein nachhaltiger Beitrag zum deutschen Bruttosozialprodukt. Meinem Anrufbeantworter ist das egal, er wacht stumm auf dem Schreibtisch und kommentiert meinen Lebenswandel nicht. Unliebsame Anrufer hält er hin, sein Band ist immer dann voll, wenn ein flüchtiger Bekannter seine Handynummer hinterlassen möchte, und blinkend verbreitet er gute Laune. Solche Mitarbeiter braucht man als selbstständiger Unternehmer, keine sonst.
Wozu auch? Den Rest der Arbeit erledige ich schon alleine. Ich bekomme selten Aufträge, und davon nehme ich nur einen Teil an. Manchmal passt mir die Nase eines Kunden nicht, dann schütze ich Überlastung vor, ein andermal ist mir die Sache zu widerwärtig. Dass eine Arbeit meine Kräfte überstiegen hätte, ist mir leider noch nicht passiert. Auf diesen einen spektakulären Auftrag, auf die große persönliche Herausforderung warte ich bislang vergebens. Was passiert schon bei uns in der Provinz? Eine Brieftasche wird vermisst oder ein Schoßhündchen, hier und da verliert ein gestresster Bankdirektor den Überblick über die aktuellen Liebhaber seiner Frau, zweitklassige Firmen lassen das Privatleben drittklassiger Bewerber durchleuchten, bevor sie sie nicht einstellen. Das wars. Keine Erpressungen, keine Entführungen, kein Mord im Halbweltmilieu, geschweige denn eine Halbwelt – und falls doch, rücken sofort die Bullen an, froh, dass sie auch mal was zu tun bekommen.
Unter die Privatdetektive geriet ich eher zufällig. Einige Jahre arbeitete ich ganz klassisch als Taxifahrer, für einen Ehrenmann aus dem Pfaffengrund, der sich jeden Sonntagmorgen mit Küsschen von seinen Kindern verabschiedete, um sich erst in den Gottesdienst und anschließend in den Puff zu begeben. Seine Angestellten verachtete er, mich ganz besonders, weil ich vorlaut war und meine Nase in Dinge steckte, die mich nichts angingen. Eines Tages aber kam ihm das gerade recht, er bestellte mich in sein Büro und gab mir die Anweisung, seiner Frau hinterherzuschnüffeln. Gegen ein Extrahonorar. Nun, ein Zubrot verdiente ich mir gerne, und wenn sich gleichzeitig ein Brandsatz in das morsche Ehegebäude meines Chefs legen ließ, umso besser. Also stellte ich der Frau nach, zu Fuß und im Taxi, mit einer geliehenen Kamera. Ich erwischte sie tatsächlich mit einem Liebhaber – schwer war es nicht, sie knutschten auf offener Straße –, später mit einem zweiten; einen dritten und vierten erfand ich hinzu. Meinen Chef traf fast der Schlag, als er meinen Bericht hörte. Und erst die Fotos! Natürlich ließ er sich nicht scheiden, der Feigling, er verprügelte seine Frau nicht einmal, wie er es sonst hin und wieder tat, und angeblich reduzierte er sogar seine Puffbesuche. Genau weiß ich das allerdings nicht, denn da hatte ich die Firma bereits verlassen. Mit dem Typen war es einfach nicht auszuhalten.
Anschließend tat ich eine Zeit lang nichts, ging meiner damaligen Frau auf die Nerven und hasste alle Welt. Bis mir klar wurde, welchen Ertrag das bisschen Schnüffelei gebracht hatte und dass mein natürliches Interesse an meinen Mitmenschen (beziehungsweise an deren Schwächen) ein Pfund war, mit dem ich wuchern konnte. Warum diese Begabung nicht zu meinem Beruf machen? Als ehemaliger Taxifahrer kannte ich die Stadt wie meine Westentasche, ich kannte die Verhältnisse, die Typen, die hier lebten, und was mir an Intelligenz fehlte, ersetzte ich durch Frechheit. Was sprach noch dagegen?
Gesagt, getan. Ich richtete ein Zimmer unserer Wohnung als Büro ein – das heißt, ich räumte meinen Schreibtisch auf – und schaltete eine Zeitungsannonce: Max Koller, Ermittlungen aller Art. Dann harrte ich der Dinge, die da kommen sollten.
Als Christine das sah, hielt sie mich endgültig für übergeschnappt. Ein knappes Jahr später trennten wir uns.
Ob das eine mit dem anderen etwas zu tun hatte, meine berufliche mit unserer persönlichen Neuorientierung nämlich – keine Ahnung. Es hat mich nicht interessiert. Die Sache ist vorbei, gegessen. Natürlich fand Christine mein Privatflicabenteuer kindisch, aber so urteilte sie über vieles, was ich anpackte. In dem einen Jahr, das wir noch gemeinsam verbrachten, hatte ich vielleicht ein Dutzend Aufträge. Für den Anfang ganz ordentlich; um einer ehrgeizigen Frau zu imponieren, jedoch viel zu wenig. Schwamm drüber.
Inzwischen hat sich die Zahl meiner Aufträge auf niedrigem, aber konstantem Niveau eingependelt. Ich komme über die Runden, das kann in Zeiten der Rezession nicht jeder von sich behaupten. Und im Gegensatz zu vielen, die ich kenne – an erster Stelle meine Exfrau – arbeite ich mich dabei nicht tot. Die freie Zeit nutze ich für Radtouren durch den Odenwald, für eine Schachpartie oder für ein Gespräch über Gott und die Welt im Englischen Jäger, meiner Lieblingskneipe. Mehr Aufträge könnte ich mir möglicherweise gar nicht leisten, höchstens besser honorierte.
Und die Konkurrenz? Bescheiden. Da gibt es eine Mannheimer Detektei, die regelmäßig in den Heidelberger Zeitungen und Anzeigenblättchen inseriert. Zwischen Discountern und Heimwerkermärkten, und genau da gehört sie auch hin. Wer ein paar Jungs braucht, die anpacken können, liegt bei ihr goldrichtig. Schließlich arbeitete ihr Geschäftsführer früher bei einer Sicherheitsfirma. Das Kontrastprogramm bieten zwei Einserjuristen in der Heidelberger Altstadt, jung, smart, gepflegte Büroräume, gepflegter Auftritt. Arbeit unter freiem Himmel gehört nicht zu ihren Spezialitäten, dafür der Bereich Wirtschaftskriminalität: globaler Wettbewerb, Industriespionage, Betriebsgeheimnisse, Patentklau und so weiter. Am liebsten durchforsten sie dickleibige Gesetzeskommentare und die Marianengräben des Internets. Nicht mein Ding. Ich kann keine Fälle am PC lösen, nur Daten und Zahlen vor Augen und als Dialogpartner eine Handvoll flimmernder Bits. Immerhin, der Laden der beiden scheint zu laufen. Sie sind auch privat ein Paar, heißt es, führen ein schickes Leben und verbringen die Hälfte des Jahres auf Bali. Abwechselnd, vermutlich.
Dann gibt es noch einen älteren Kollegen in Handschuhsheim, einen ehemaligen Polizisten, dessen Beine nicht mehr so recht wollen. Ein harmloser Kerl, beliebt bei der Klientel über 60, im Nebenberuf Winzer. Seine einzige erwähnenswerte Qualität besteht im Besitz eines badehandtuchgroßen Wingerts oberhalb der Bergstraße, den er seit drei Jahrzehnten eisern bewirtschaftet, trotz seiner Beine. Und zwar mit erstaunlichem Erfolg. Das Tröpfchen, das er seiner Handvoll Trauben abpresst, ist ein Gedicht; Wildschweine und Spaziergänger hält eine Selbstschussanlage Marke Eigenbau von seinen Rebstöcken fern. Gemeinsam nehmen wir manchmal einen zur Brust, und wenn er dann mit einer seiner heiligen Flaschen aus dem Keller (noch so ein Hochsicherheitstrakt) gehumpelt kommt, seine Frau ins Bett geschickt hat und im Westen eine rote Herbstsonne hinter den Pfälzer Bergen versinkt, erzählen wir die Geschichte vom Malteser Falken neu und wie wir an Nicholsons Stelle die Fortsetzung von Chinatown gedreht hätten.
So viel zu den schönen Momenten eines Privatfliclebens in der Kurpfalz.
Und die weniger schönen? Die gibt es natürlich auch: wenn sich über Wochen niemand mit einem Auftrag bei mir meldet, keine kühle Blondine in hochhackigen Schuhen, kein zwielichtiger Zigarrenraucher mit vernarbter Wange. Nicht einmal der besorgte Vater einer pubertierenden Tochter; man wird ja bescheiden. Auch in Heidelberg fällt das Geld nicht vom ewig blauen Himmel, und soll ich vielleicht meine Nachbarn zum Verbrechen ermuntern, nur damit bei mir die Kasse klingelt?
Ich nehme daher von Zeit zu Zeit einen dieser fragwürdigen Jobs an, bei denen fürs Leben zu wenig und fürs Sterben zu viel herausspringt und auf die sie drüben in den USA so stolz sind. Helfe bei der Spargelernte, klebe Plakate für die FDP, spende Thrombozyten. Manchmal, wenn sich mir die Waagschale der Konjunktur unverhofft zuneigt, darf ich Medikamente vor ihrer Markteinführung ausprobieren und frage mich anschließend, ob man von Placebos Zungenbläschen bekommt. Beklagt habe ich mich noch nie über dieses Leben. Dazu besteht kein Anlass. Nur, dass mein forscher Unternehmergeist so wenig gesellschaftliche Anerkennung findet, verstimmt mich ab und zu.
Aus diesem Grund bedeutete der Auftrag, der mir an jenem Freitagabend erteilt wurde, eine mehr als kleine Überraschung für mich. Ich war gerade zur Tür hereingekommen, Auberginen, Okraschoten, Olivenöl und Lammhack unterm Arm, als das Telefon klingelte. Kurz überlegte ich: das Gespräch meinem Anrufbeantworter überlassen oder selbst rangehen? Es hätte mein Freund Fatty sein können, also stellte ich das Olivenöl beiseite und nahm den Hörer von der Ladestation.
»Herr Koller?«
»Am Apparat.«
»Sind Sie heute Abend frei? Ich brauche Ihre Hilfe in einer dringenden Sache.«
Ich ging hinüber zum Kühlschrank und stieß ihn mit der Fußspitze auf. »Heute Abend? Wäre machbar. Worum geht es denn?«
»Das erzähle ich Ihnen später. Unter vier Augen.«
»Aha. Darf ich Ihren Namen erfahren?«
»Der Auftrag an sich ist nicht ungewöhnlich«, sagte der Anrufer, als habe er meine Frage überhört. »Es geht um einige Nachforschungen zu einer Person, um die ich Sie bitte. Mir ist nur eines wichtig: Diskretion.«
»Oh, ich kann wahnsinnig diskret sein«, lachte ich und begann, meine Einkäufe mit einer Hand in den Kühlschrank einzuräumen.
»Genau das verlange ich. Mein Name tut nichts zur Sache. Dafür garantiere ich gute Bezahlung. Verdoppeln Sie Ihren üblichen Satz.«
»Den kennen Sie doch noch gar nicht.«
»Verdoppeln Sie ihn. Und kommen Sie bitte heute Abend Punkt 23 Uhr zum Bergfriedhof, nicht zum Haupteingang, sondern oben zu der kleinen Seitentür am Steigerweg. Dort warte ich auf Sie, und dort können wir alles Weitere besprechen.«
»Wie bitte?« Ich blieb verdattert an der geöffneten Kühlschranktür stehen. »Auf dem Bergfriedhof soll ich Sie treffen? Was haben Sie denn da vor?«
»Erkläre ich Ihnen dort«, antwortete er müde.
»Moment, so einfach geht das nicht. Ich werde mich doch nicht mitten in der Nacht mit einem Unbekannten auf einem Friedhof …«
»Warum nicht?«
»… ohne zu wissen, um was es geht und was ich zu tun habe!«
»Warum nicht, Herr Koller? Ich möchte Sie beauftragen, aber anonym bleiben. Das ist alles. Und dass wir uns auf dem Bergfriedhof treffen, hat seinen Grund, den ich Ihnen vor Ort erläutern werde. Die Sache ist dringend, deshalb biete ich Ihnen ein doppeltes Honorar. Nehmen Sie an?«
Ich schwieg. Was war denn das für ein seltsamer Typ? Jedenfalls keiner, der lange um den heißen Brei herumredete. Klare Bedingungen, klare Gehaltsvorstellungen. So vergab man professionell Aufträge. Ja, wahrscheinlich hatte der Anrufer sein ganzes Leben lang Aufträge erteilt, und nun war eben Max Koller dran. Er klang völlig anders als später bei unserer Begegnung auf dem Bergfriedhof, ohne Sarkasmus, ohne Schärfe in der Stimme, eher gelangweilt, der Sache überdrüssig – so, als habe er sich die Finger wund gewählt und wolle endlich zu einem Ende kommen. Nehmen Sie an oder lassen Sie es, Herr Koller.
Dabei brannten mir verschiedene Fragen auf der Zunge. Warum erklärte er mir den Auftrag nicht am Telefon? Warum dieser alberne Treffpunkt mitten in der Nacht? Wie konnte der Anrufer anonym bleiben, wenn ich ihm gegenübertreten würde? Vielleicht wohnte er ja um die Ecke. Und was war so wichtig, dass er mir so viel Geld bot?
Liebend gerne hätte ich ihn all das gefragt. Aber es war klar, dass ich keine Antwort bekommen würde.
»Was ist, Herr Koller? Sind Sie interessiert? Oder soll ich mich an die Konkurrenz wenden?«
»Vergessen Sie die Konkurrenz«, entgegnete ich, und das war ja nicht einmal übertrieben. Wenn sich jemand auf seine haarsträubenden Bedingungen einlassen würde, dann nur ein Hallodri wie ich. »In Heidelberg werden Sie niemanden finden, der Ihre Spielchen mitmacht, das gebe ich Ihnen schriftlich. Für mich stellt sich ein anderes Problem.«
»Die Sache ist völlig ungefährlich. Da brauchen Sie …«
»Das meinte ich nicht«, unterbrach ich ihn. »Wenn ich Sie heute Abend treffen will, muss ich einen Termin verschieben. Und je nachdem, wie Ihr Auftrag sich gestalten sollte, wird das in den nächsten Tagen immer wieder der Fall sein. Ich habe schließlich nicht nur einen Kunden.«
»Natürlich«, sagte er, und vielleicht glaubte er mir sogar.
»Da ist mir die mündliche Honorarzusage durch einen Mann, der anonym bleiben will, ein bisschen dürftig, wenn ich ehrlich bin.«
Der Anrufer zögerte nicht eine Sekunde. »Sie bekommen heute Abend von mir 2000 Euro bar auf die Hand; und wenn ich Ihnen einen doppelten Tagessatz verspreche, dann bleibt es auch dabei. Um solche Peanuts zu feilschen, ist mir zu dumm.«
Peanuts! Er sagte es tatsächlich. Mir blieb der Mund offen stehen. 2000 Euro bar auf die Kralle, und er sprach von Peanuts. Hatte er die Scheine unterm Briefbeschwerer liegen? Am liebsten hätte ich ihm in die Fresse geschlagen. Von diesem Augenblick an war mir der Unbekannte zutiefst unsympathisch.
Nur die 2000 Euro waren mir nicht unsympathisch, die nicht.
»Und wenn ich den Auftrag, nachdem ich ihn kenne, nicht übernehme?«, hakte ich nach.
»Dann behalten Sie das Geld als Aufwandsentschädigung«, versprach er, und zum ersten Mal schwang ein wenig Ärger in seiner Stimme mit. »Was ist nun, Herr Koller? Kommen Sie oder kommen Sie nicht?«
»11 Uhr am Steigerweg? Die Seitenpforte?«
»Richtig.«
Die Kühlschranktür stand immer noch offen und ich davor. Meine Knie wurden allmählich kalt. Mit dem Lammfleisch wollte ich morgen die Auberginen füllen, vielleicht mit den Okraschoten als Beilage. Das Zeug war teuer gewesen, außerdem musste ich ja irgendwann eine Entscheidung treffen. Ich warf die Kühlschranktür zu.
»Okay«, sagte ich. »Ich komme. Zum Bergfriedhof.« Verdammt, war ich neugierig!
»Bis später«, erwiderte er und legte auf.
3
»Selbstmord?«, fragte ich. »Selten so gelacht. Wer hat Ihnen das denn eingeredet?«
»Für alle die beste Lösung. Keine Fragen, keine Nachforschungen. Niemand wird behelligt, weder ein Privatdetektiv von mäßigem Leumund noch sonst jemand.«
Mäßiger Leumund? Möglich. Aber woher wusste er das? Hatte er Erkundigungen über mich eingezogen oder sah man mir meinen Ruf an? Denkbar war beides. Es war sogar denkbar, dass sich der Mann gezielt an mich gewandt hatte: an einen Ermittler, der ab einer bestimmten Summe jeden Auftrag akzeptieren würde.
»Selbstmord«, nickte er nachdenklich. »Ich denke, damit können wir alle gut leben.«
»Wir, ja. Nur der Mann auf dem Grab nicht.«
Er schmunzelte leicht und nahm den Fuß vom Gaspedal.
Wir saßen im Wagen des Alten, einem beigefarbenen BMW mit schwarzen Ledersitzen und Furnierholz am Armaturenbrett. Seine bläulich-weißen Lichter strichen über die Stämme des Heidelberger Stadtwalds. Ab und zu kam uns ein Auto entgegen. Noch einige 100 Meter, dann würden wir auf Höhe des Schlosses in die Klingenteichstraße einbiegen. Der Weg hinab in die Stadt war kurvig. Mit einer Hand hielt ich mich am Griff über dem Beifahrerfenster fest.
»Ich möchte meinen Auftrag umformulieren«, sagte der Mann am Steuer. »Auch wenn Ihnen das ungewöhnlich vorkommen mag. Mein neuer Auftrag an Sie lautet: keine Nachforschungen. Vergessen Sie, dass wir uns begegnet sind. Das Treffen hat nie stattgefunden. Genießen Sie das Wochenende und den Feiertag. Das Wetter soll ja schön werden.«
»Quatsch«, sagte ich. »Es ist Regen gemeldet.«
»Dann ist eben Regen gemeldet. Auch gut.«
»Auch gut«, echote ich wütend. »Auch gut, Mister Unbekannt. Nun passen Sie mal auf: Mit mir haben Sie Pech. Ich bin neugierig. Eine Berufskrankheit, unheilbar. Genau wie Ihre Allergie.«
Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu und schaltete vor der nächsten Kurve einen Gang zurück.
»Verdammt neugierig sogar«, sagte ich. »Wer der Mann auf dem Grab ist, interessiert mich nämlich brennend. Mich interessiert, warum er da liegt und weshalb ich nachts um 11 auf dem Bergfriedhof erscheinen sollte. Meinen Sie wirklich, Sie können mir diese Neugier abkaufen?«
Nun gönnte er mir einen ausgiebigeren Blick.
»Natürlich«, sagte er verwundert. »Was denn sonst?«
Ich lachte.
»Natürlich kann ich das«, behauptete er in einem Ton, als hätte ich bezweifelt, dass zweimal zwei vier ist. »Ich beauftrage Sie, Ihre berufsbedingte Neugier, für die ich im Übrigen größte Sympathie hege, ausnahmsweise zu unterdrücken. Nur dieses eine Mal. So lautet mein Auftrag, und dafür zahle ich. Wenn Sie mein Honorar nicht akzeptieren, verhandeln wir. Sehen Sie, ich bin ein alter Mann …« – verdammter Lügner, dachte ich, denn er war alles Mögliche, aber nicht das, was man sich unter einem alten Mann vorstellte – »Ich bin ein alter Mann, Herr Koller, und mir ist meine Ruhe einiges wert. Wenn Sie einmal mein Alter erreicht haben, werden Sie das verstehen.«
»Ich bin gerührt. Darf ich Ihnen die Schnabeltasse reichen?«
Gelangweilt zuckte er die Achseln. Antworten wie diese hatte er wohl schon tausendmal in seinem langen Leben vernommen.
»Gut«, sagte ich. »Nehmen wir an, ich lasse mich auf den Deal ein und schnüffle anschließend trotzdem hinter Ihnen her. Was dann?«
»Warum sollten Sie das? Was bringt es Ihnen?«
»Keine Ahnung.«
»Eben. Also können Sie es auch gleich lassen. Wenn Sie hoffen, mir etwas anhängen zu können – vergessen Sie es. Mit der Leiche auf dem Grab habe ich nicht das Geringste zu tun. Ich wollte Sie in einer Familienangelegenheit um Ihre Hilfe bitten, aber nun ist mir die ganze Sache zu heikel geworden. Reichen Ihnen diese Informationen?«
»Wer ist der Tote?«
»Ich weiß es nicht.«
»Natürlich wissen Sie es. Ein alter Studienfreund vielleicht? Ein Kumpel aus dem Lions Club?«
»Herr Koller, bitte …«
»Oder hat Sie der Mann letzte Woche in der Fußgängerzone angeschnorrt?«
Ohne den Blick von der Straße zu wenden, verzog mein Chauffeur das Gesicht zu einer Grimasse, als würde ihm gleich ein Backenzahn gezogen; meine Anwesenheit schien ihm physische Schmerzen zu bereiten. Ein paar Sekunden verharrten seine Gesichtszüge in dieser Stellung, dann entspannten sie sich wieder. »Sehen Sie, Herr Koller …«, begann er. Er nahm die rechte Hand vom Lenkrad und tastete in dem Fach unterhalb des Radios nach einer Bonbondose. Auf der Hand wuchsen dunkle und einige schon ergraute Haare. Lange, starke Haare.
»Sehen Sie …«, wiederholte er, dabei gab es nichts zu sehen. Er kramte weiter in dem Fach herum und ließ die Fahrbahn nicht aus den Augen. Endlich wurde er fündig und warf ein Hustenbonbon ein.
»Es war ein anstrengender Tag, Herr Koller. Ich würde ihn gerne zu einem guten Ende führen. Akzeptieren Sie meinen Vorschlag, und ich werde Sie weiterempfehlen. In meinem Bekanntenkreis benötigt man immer mal wieder die Dienste eines verlässlichen Detektivs. Wenn ich ein gutes Wort für Sie einlege, werden Sie sich vor Aufträgen kaum noch retten können.«
»Leichen auf dem Bergfriedhof inklusive?«
»Apropos: Ich weiß nicht, ob Sie die Polizei über diesen … diesen Vorfall informieren möchten.«
»Erste Bürgerpflicht, finden Sie nicht?«
»Dann rate ich Ihnen, anonym zu bleiben. Zu Ihrer eigenen Sicherheit, verstehen Sie? Die Behörden hegen gewisse Vorurteile gegen Ihren Berufsstand.«
»Wer hegt die nicht?«, lächelte ich. »Was arbeiten Sie eigentlich, Herr …?«
»Oh, ich bin Rentner«, wehrte er ab. »Ich habe mein Berufsleben lange hinter mir.«
»Also doch Schnabeltasse. In welchem Altersheim verdämmern Sie wohl Ihren Lebensabend?«
Nun brachte er ein kleines Lächeln zustande; nicht zu viel, nicht zu wenig, gerade richtig, seiner Ansicht nach. Vermutlich fand er mich recht drollig und bemitleidenswert, weil ich so weit unten am Fuß der Gesellschaftspyramide beheimatet war, Lichtjahre von seiner eigenen Position entfernt.
»Es gibt mehr suizidgefährdete alte Menschen, als man ahnt«, murmelte er nachdenklich vor sich hin. Sein Bonbon wanderte von einem Mundwinkel in den anderen. Er war überhaupt nicht nachdenklich, tat aber so.
»Und seine Waffe?«, brummte ich. »Die hat er wohl verschluckt?«
»Die wird sich finden. Vielleicht haben Sie sie eingesteckt.«
»Habe ich. Und deshalb verraten Sie mir jetzt Ihren Namen, sonst gibt es ein Blutbad.«
»Oder es war ein Unfall. Nachts, im Dunkeln, wer weiß … Die Polizei wird es herausfinden, da vertraue ich auf unsere Behörden.«
Mir gefiel nicht, wie er ›unsere‹ sagte. Wahrscheinlich verachtete er Polizisten genauso wie Privatflics. Hielt sie wohl beide für käuflich. Natürlich, er als geschröpfter Steuerzahler, an dessen starke Schulter sich Vater Staat in Zeiten der Rezession lehnte. Ermittelt wurde immer mit seinem sauer verdienten Geld. Mit seinen Steueralmosen und seinen Honoraren. Deshalb verachtete er uns. Zugeben würde er das freilich nicht, beschwor vielmehr wortreich die Gemeinschaft der Werktätigen, holte uns alle in sein großes Wir-Boot, ohne dabei rot zu werden. Er musste ja nicht ewig lügen. Noch fünf Minuten, dann war er mich los.
Der Wagen surrte zufrieden. Unter uns leuchteten die Lichter der Altstadt. Wir hatten diesen Umweg nehmen müssen, weil der Steigerweg, der zur Seitenpforte des Bergfriedhofs führte, einseitig gesperrt war. Die halbe Straßenbreite hatten sie wegen Kanalarbeiten aufgerissen. Auf dem Hinweg war ich durch die Weststadt gekommen und am Alois-Link-Platz von der Rohrbacher Straße abgebogen. Der Rückweg führte uns notgedrungen weiter bergan, durch den Wald Richtung Schloss und in engen Serpentinen hinab in die Altstadt. Wir erreichten die Friedrich-Ebert-Anlage und bogen links ab. Die Straßen waren menschenleer, nur hinter den erleuchteten Fenstern strich ab und zu ein Schatten vorbei.
Wenn es wenigstens in dem BMW einen Hinweis auf den Besitzer gegeben hätte! Aber der Innenraum des Wagens war penibel aufgeräumt, da hing nicht einmal ein Talisman vom Rückspiegel. Ich sah mich um. Keine Musikkassette, die Hutablage verwaist, die Heckscheibe ohne einen einzigen Aufkleber. Nur die dämliche Bonbondose und ein paar Autokarten in den Türfächern. Der BMW erwies sich als genauso verschwiegen wie sein Besitzer.
Vielleicht war es die falsche Entscheidung gewesen, den Friedhof zu verlassen. Ich hätte den Toten untersuchen können; irgendein Hinweis auf seine Identität hätte sich bestimmt gefunden. Aber der Silberrücken hatte zum Aufbruch gedrängt. Er wollte fort von der Leiche, runter vom Friedhofsgelände. Mein Geld liege im Wagen, hatte er behauptet. Ich war ihm schließlich gefolgt. Wenn es eine Chance gab, seinem Namen auf die Spur zu kommen, dann jetzt. In seinem Wagen, im Gespräch mit ihm, an seiner Seite. Der Tote würde noch die ganze Nacht auf seinem Grab liegen. Auch wenn es gar nicht sein Grab war.
So kam es, dass ich in den BMW des Unbekannten eingestiegen war. Wenn ich während der Fahrt nichts über den Mann in Erfahrung bringen konnte, musste ich mir halt das Nummernschild des Wagens merken. Mein Fahrrad blieb einsam an der Friedhofsmauer zurück.
»Suchen Sie etwas?«, fragte der Alte, als ich mich im Innenraum des Wagens umschaute. Wir näherten uns bereits dem Bismarckplatz.
»Suchen wir nicht alle irgendetwas?«, murmelte ich und fixierte das verschlossene Handschuhfach. »Sind wir nicht ständig auf der Suche?«
»Wenn es um Ihr Honorar geht, machen Sie sich mal keine Sorgen. Ist Ihnen Barzahlung recht?«
In diesem Fall wäre mir ein Verrechnungsscheck mit Namenszug lieber gewesen. Ich öffnete das Handschuhfach, entnahm ihm ein Buch und einige Papiere. Lauter belangloses Zeug, das sah man auf den ersten Blick.
»Was soll das, Herr Koller?«, protestierte der Alte. »Das bringt doch nichts. Unsere Abmachung war …«
»Welche Abmachung?«, schnitt ich ihm das Wort ab. Bei dem Buch handelte es sich um die übliche technische Beschreibung des Wagens, die Papiere gingen in die gleiche Richtung. Was tun im Notfall? und So funktioniert Ihr Airbag.
»Nun lassen Sie doch die Finger von den Sachen!«, schimpfte er.
Fort mit dem Zeug. Es lagen noch weitere nichtssagende Zettel im Fach. Die neue fondorientierte Mittelkonsole, made in Germany. Ein alter Parkschein, bunte Prospekte, ein kleiner Faltplan der Frankfurter Innenstadt. Nichts, überhaupt nichts. Es war zum Heulen.
Der BMW kam zum Stehen. Wir waren jenseits des Neckars in Neuenheim angelangt, kurz hinter dem Brückenkopf. Nur wenige Fahrzeuge huschten über die sonst so stark frequentierte Brückenstraße mit ihren rundum erneuerten Straßenbahngleisen.
»Verdammt noch mal!«, herrschte mich der Alte an, aber nicht einmal diese Erregung schien mir echt. »Wollen Sie nun auf mein Angebot eingehen oder nicht, Herr Koller? Dann hören Sie auf, hier herumzusuchen. Es hat Sie nicht zu interessieren, wer ich bin und was ich ursprünglich von Ihnen wollte. Mein Auftrag lautet: Es hat nie einen Auftrag gegeben, verstanden? Also: Nehmen Sie an, ja oder nein?«
Ich grinste ihm ins Gesicht. »Es gibt nichts, was ich lieber täte«, sagte ich. »Ich werde meinem Wohltäter ewig dankbar sein und ihm eine Kerze anzünden, sobald ich zu Hause bin.«
»Ich bin nicht Ihr Wohltäter«, entgegnete er und schnallte sich los. »Ich will bloß meine Ruhe.«
»Richtig, Sie sind ja ein alter, pflegebedürftiger Mann.«
Er griff in die Innentasche seines Mantels und hielt mir einen Umschlag unter die Nase. »Das hier sind 5000 Euro, Herr Koller. 5000. Mein Honorar für Ihr Stillschweigen. Ich vertraue Ihnen.«
Er vertraute mir, wie schön. Ich musterte den Mann. Er hatte ein großes, quadratisches Gesicht, leicht gerötet und von weißen Haaren gekrönt. Eine markante Nase, rechteckige, randlose Brillengläser. Die wässrigen Augen eines Greises. Er benutzte ein würziges Aftershave oder eine Gesichtslotion, und er trug ein blaues, geblümtes Seidentuch. In der Hand hielt er einen Umschlag mit 5000 Euro, für ihn ein Klacks, aber ein satter Betrag für einen arbeitsscheuen Privatflic.
Zugreifen, sagte eine innere Stimme.
Und dann? Stillhalten? Die Hände in den Schoß legen?
Mal sehen. Seit wann zählt ein Versprechen gegenüber so einem Typen, der jede Menge Dreck am Stecken hat?
»Na los, nehmen Sie schon«, sagte der Alte. »Ich werde Sie weiterempfehlen. Diskretion ist ein wichtiges Argument, wenn man einen Privatdetektiv benötigt.«
Diskretion, da war das Wort wieder. Ich nickte und streckte eine Hand aus. Der Umschlag war dick und fühlte sich angenehm an. Sollte ich ihn öffnen? Nachzählen? Auf ein Scheinchen mehr oder weniger kam es dem Mann wohl kaum an.
»Ich vertraue Ihnen«, wiederholte er. »Trotzdem, Herr Koller … Es tut mir leid.«
Ich wandte den Kopf und blickte in die Mündung einer kleinen Spraydose. Als es zischte und ich die Augen schloss, war es bereits zu spät. Ich schrie auf. Das Zeug brannte wie Feuer, im ersten Moment glaubte ich, es würde mir die Pupillen wegätzen. Anstatt den Alten zu packen oder wenigstens wild um mich zu schlagen, krümmte ich mich und wischte wie ein Wahnsinniger in meinen Augenhöhlen herum. Mein Sicherheitsgurt wurde geöffnet, dann die Beifahrertür, und ich spürte seine Hände an meiner linken Seite. Im nächsten Moment lag ich auf dem Bürgersteig.
Er war wirklich alles andere als altersschwach, der Silberrücken.
4
»Pfefferspray!«, rief Fatty. »Verdammt noch mal! Da hat er dich aber ganz schön gelinkt.«
Ich zuckte die Achseln.
»Pfefferspray? Das haben doch sonst nur Frauen dabei, wenn sie abends joggen gehen. Ein Teufelszeug.«
»Hm«, machte ich.
»Mensch, Mensch, Mensch«, bemerkte Fatty kopfschüttelnd. »Das darf doch nicht wahr sein. Hat der dich zugerichtet! Der hätte dich, ja alles Mögliche hätte der dich, ist dir das klar?« Er war wirklich sehr besorgt.
»Reg dich ab und setz dich. Was willst du trinken?«
»Deine Augen sind immer noch knallrot. Wann war das? Gestern Abend? Ich würde es mal einem Arzt zeigen.«
»Was du trinken willst, Fatty.«
»Danke, nichts.«
»Hab ich nicht.« Ich lotste ihn durch die zwei Zimmer meiner Wohnung auf meinen Balkon. Eine Bonsaiausgabe von Balkon, schattig zudem, aber ich halte mich gerne dort auf. Wenn man einmal sitzt, sitzt man. Ringsumher Steine, keine Blumen, kein Grün, bloß nackte, kahle Backsteinwände und eine hohe Brandmauer. Über dir versperrt der Balkon der Nachbarn den Blick zum Himmel und nur im Hochsommer schafft es die Sonne, für ein paar Stündchen in den sorgfältig gefegten Hof zu lugen. Es sind seltene Augenblicke, in denen die Natur Mitleid mit den Mauerblümchen der Gesellschaft hat. Jetzt noch nicht, denn wir schrieben Ende April. Wenigstens war es warm genug, um sich am frühen Abend ein Stündchen draußen aufzuhalten.
Fatty stellte seinen Rucksack ab und zwängte sich an dem kleinen Esstisch vorbei auf seinen Platz.
»Komisch finde ich allerdings«, sagte er, »dass man von Pfefferspray auch blaue Augen bekommt. Genauer gesagt ein blaues Auge.«
»Ja, sehr komisch.«
»Wie kommts?«
»Erzähle ich dir. Schön der Reihe nach. Willst du wirklich nichts trinken?«
»Nein, danke. Erst mal nichts.«
Ich machte mir ein Bier auf, setzte mich und berichtete. Vom Anruf des Unbekannten bis zu seinem Verschwinden. Von dem Toten auf dem Grab, von unserer Fahrt durch die Nacht und meiner unsanften Bekanntschaft mit dem Neuenheimer Asphalt. Fatty klappte den Mund auf und zu und machte große Augen. Nachdem der Alte fortgebraust war, lag ich noch einige Minuten zusammengekrümmt auf dem Bürgersteig, bis mir ein besorgter Passant in Anzug und Krawatte aufhalf. Er kam gerade von einem Empfang, war verdammt lustig drauf und wollte mich unbedingt ins Krankenhaus bringen. Ich verzichtete; der Typ schwankte mehr als ich. Tränenblind und Verwünschungen gegen den Alten ausstoßend schleppte ich mich nach Hause.
»Konntest du den Weg überhaupt sehen?«, fragte Fatty.
»Nö. Bloß tasten. Und riechen.«
»Riechen?«
»Vor allem war ich nicht in der Lage, das Kennzeichen des BMW zu lesen. Und genau darum ging es dem Alten.«
»Verstehe.« Fatty nickte beeindruckt. »So sind sie, die Bonzen. Ledersitze, sagst du?«
»Ledersitze.«
»So sind sie, die Bonzen«, wiederholte er. »Verdammte Spießer, die sich die Finger nicht schmutzig machen wollen. 100 Prozent Arroganz im Blutkreislauf. Pfui Spinne.« Er lehnte sich zurück und seufzte tief. Über ihm rieselte etwas Sand von der Backsteinmauer.
Ich nahm einen Schluck Bier und schwieg. Friedhelm Sawatzki, genannt Fatty, zog eine sorgenvolle Miene, aber er war nicht besorgt, im Gegenteil. Er war hochzufrieden. All seine Vorurteile – bezüglich der Bonzen, ihrer Autos, ihres Auftretens – hatten sich wieder einmal bestätigt, und das machte ihn froh. Ein Beweis für die Korrektheit seines Weltbildes, das von der ewigen Feindschaft zwischen Ausbeutern und Arbeitern, Spießern und Entrechteten, Kapitalisten und Antikapitalisten lebt. Er selbst ist Erzieher in einem Heidelberger Kindergarten, und so erübrigt sich die Frage, auf welcher Seite der Gesellschaft er steht. Ja, Fatty hat vor vielen Jahren, während seiner pubertären Sturm-und-Drang-Zeit, einen revolutionären Schub bekommen, hat den Klappentext des Kapital studiert und nicht verstanden. Seitdem ist die Sache für ihn klar, und immer, wenn er von Begebenheiten wie der Geschichte mit dem Unbekannten erfährt, wirft er seine Floskeln unters Volk: »Siehst du, da haben wir es wieder … So sind sie, die Bonzen dieser Welt. Habe ich es dir nicht gleich gesagt, Max?« Natürlich hat er. Oft genug.
In den meisten Fällen decken sich Fattys Ansichten mit meinen. Im Gegensatz zu ihm verzuckere ich allerdings nicht jedes Ärgernis mit pseudomarxistischen Thesen, um es zu verarbeiten. Und schon gar nicht bin ich der Meinung, dass man an den Verhältnissen etwas ändern könnte, wie Fatty steif und fest behauptet. Er selbst ändert am allerwenigsten. Ich sage den Leuten zumindest bei Gelegenheit, was mir an ihnen nicht passt, Fatty hingegen entrollt die vergilbte Fahne der proletarischen Revolution, ruft von meinem Hinterhofbalkon zum aktiven Widerstand auf und steht am nächsten Morgen um halb acht wieder brav vor seinen Vierjährigen, der dickste und freundlichste Erzieher, den es in ganz Heidelberg gibt.
»Und du hast keine Ahnung, wer der Alte sein könnte?«, fragte er. »Keinen blassen Schimmer?«
»Nein.«
»Aber wiedererkennen würdest du ihn?«
»Das schon.«
»Dann musst du ihn suchen! Heidelberg ist doch ein Kaff. Oder hast du Schiss?«
»Schiss?« Ich winkte ab. »Sagen wir mal so: Ein Mann von 70 Jahren oder mehr, der es ohne sein Pfefferspray bestimmt nicht mit mir aufgenommen hätte …« – aus dem Mund eines, der gerade mal 67 Kilo auf die Waage bekommt, klang das allerdings etwas großmäulig –, »… dieser alte Knacker, so arrogant und überheblich er aufgetreten ist, hat es trotzdem geschafft, mir auf gewisse Weise Respekt einzuflößen.«
»Wie, Respekt?«
»Der Typ war hellwach, die gesamte Zeit über. Immer auf der Höhe des Geschehens. Den konntest du nicht mal so eben austricksen. Der überließ nichts dem Zufall, hat sein Vorgehen genau kalkuliert. Dass er mir eine Ladung Spray verpassen würde, wusste er, bevor ich in seinen BMW einstieg.«
»Ach, so meinst du das.«
»Unterschätzen sollte man ihn jedenfalls nicht.«
Fatty nickte. »Waren tatsächlich 5000 Euro in dem Umschlag?«
»5000.«
»Kleingeld für einen Bonzen, aber dafür, dass du keinen Finger gerührt hast, ein ordentlicher Stundenlohn.«
»Richtig.«
»Der Mann muss doch zu finden sein!« Fatty schüttelte den Kopf. »Wenn ich mir vorstelle, was dir hätte passieren können! Warum hast du mir nicht wenigstens gesagt, was du vorhast?«
»Ich bringe mal das Essen.«
Fatty seufzte. Ich stand auf und holte die gefüllten Auberginen aus dem Backofen. Kochen gehört zu den wenigen Dingen, die mir wirklich wichtig sind, und für gutes Essen verzichte ich auf einige andere Annehmlichkeiten. Daran hat sich auch durch meine Trennung von Christine nichts geändert. Zu einer befriedigenden Mahlzeit gehört meiner Meinung nach nämlich keine zweite Person, mir schmeckt es auch alleine gut.
Trotzdem deckte ich zwei Teller.
»Danke, für mich nichts«, wehrte Fatty ab. »Hab schon … hab schon gegessen.« Ich hätte ihm die Worte diktieren können.
»Was denn? Ein Löffelchen Cornflakes, heute Morgen?«
Er wiederholte stumm seine abwehrende Geste.
»Na, also.« Ich stellte die Auberginen auf den Tisch.
»Ach, gibt es wieder diese … diese Dinger da?«
»Auberginen«, half ich. »Eierfrüchte. Es gibt nichts Gesünderes. Bitte schön …«
»Nein, danke, wirklich nicht. Max, du weißt doch …«
Natürlich wusste ich. Wusste, dass er am Abnehmen war, seit 10 Jahren ungefähr. Bloß, es interessierte mich nicht.
»Sei brav, Fatty und gib den Teller her. Auberginen haben null Kalorien.«
»Und das fiese Zeug da, das Fett drumherum und all das?«
»Olivenöl. Ohne Olivenöl wären sie nicht so gesund.«
»Meinetwegen. Aber bitte kein Fleisch.«
»Seit wann macht Fleisch dick? Bestes mageres Lammfleisch? Der reinste Muskelspender!«
Seufzend beobachtete Fatty, wie eine gefüllte Auberginenhälfte auf seinen Teller wanderte und mit Soße übergossen wurde. Ein Stück Weißbrot, Öl zum Nachgießen, Salz, Pfeffer, alles da. Ich füllte meinen Teller, stellte die Kasserolle wieder in den Backofen, und als ich aus der Küche zurückkehrte, stand eine Flasche mit braunem Inhalt vor Fatty auf dem Tisch.
»Was ist denn das?« Ich zeigte auf die Flasche.
»Cola light. Bevor du auf den Gedanken kommst, mir Wein einzuschenken.«
»Ich glaube, ich spinne!«
»Wieso? Das Zeug hat viel weniger Kalorien als richtige Cola.«
»Du kannst dieses Gift verklappen, wo und wann du willst, aber nicht auf meinem Balkon. Nicht, wenn ich gekocht habe, Fatty. Außerdem, du als Antikapitalist …«
»Verdammt, sie hatten nur noch Cola in dem Laden.«
»Und die Saccharine? Die Süßstoffe, die da drin sind? Was würden die Zuckerrohrbauer der Dritten Welt dazu sagen, wenn sie wüssten …«
»Max«, rief Fatty und hob die Arme, »lass mich einfach hier sitzen und trinken, was ich möchte. Ich bin ja bereit, deine … deine gefüllten Eierbomben da zu essen, aber halts Maul und gönne mir meine Cola.«
»Marx würde sich im Grab umdrehen«, stellte ich fest und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Marx wurde auch nicht von Engels derart gemästet«, entgegnete Fatty finster.
»Wenn du die Fortsetzung meiner Geschichte hören willst, dann weg mit dem braunen Gift.«
»Will ich gar nicht«, sagte er und zog einen Flunsch.
»Kann ich verstehen. Sehr spannend ist sie nicht gerade. Ein blaues Auge, Gott ja … Chaos in der Altstadt … Max Koller wird gejagt … die geheimnisvolle Leiche auf dem Grab … würde mich auch nicht interessieren.«
Fatty schaute beleidigt. »Dummes Geschwätz. Das sagst du nur, um mich rumzukriegen.«
»Steck die Flasche weg. Aubergine ohne Rotwein geht nicht.«
Er schwieg trotzig.
»Na, komm. Abnehmen kannst du morgen noch.«
»Ach, hols der Teufel«, seufzte er. »Ein letztes Mal. Aber du bist schuld, wenn wir beide mit diesem Balkonwrack in die Tiefe stürzen.«
Ich grinste und schenkte ihm ein. Seit Deutschland nur noch aus Fitnessstudios und Wellnesstempeln besteht, haben es Leute wie Fatty schwer. Er ist umzingelt von laufenden, steppenden, hüpfenden, walkenden Mitbürgern, die Lifestylezeitschriften lesen, Kuren und Diäten machen oder sich die Fettpolster absaugen lassen. In den Talkshows reden sie darüber, in der Werbung zeigen sie ihm, wie er auszusehen hat. Seine Kolleginnen im Kindergarten bejubeln jedes Gramm, das sie abgenommen haben. Ringsum Erfolgsmeldungen. Friedhelm Sawatzki dagegen schwabbelt vor sich hin wie eh und je.
Dabei war das nicht immer so. Der Junge ist deutlich älter als sein Spitzname. Wir kennen uns seit Schulzeiten, besuchten dasselbe Gymnasium, machten uns in derselben Tanzstunde lächerlich. Von fett konnte bei ihm damals noch keine Rede sein. Er war spindeldürr und ich ein mopsiger Teenager mit Pickeln. Im Sommer radelten wir zusammen mit Schulfreunden durch Frankreich, den Tour-de-France-Etappen nach, und er immer vorneweg. Essen konnte er wie ein Scheunendrescher, aber das konnten wir alle. Mit 17 nahmen wir die Pyrenäen in Angriff, peitschten uns gegenseitig die Hänge hoch, die Etappen wurden länger und länger. Dann leisteten wir uns, ausgehungert und dehydriert, an einem heißen Sonntagmittag ein gigantisches Festmahl, eine Wurstplatte vorweg, Fleischberge hinterher und Käsequader zum Abschluss. Alle lagen wir in den Büschen, krümmten und übergaben uns. Nur einer nicht: Friedhelm Sawatzki. Er schwang sich aufs Rad, nahm den Tourmalet in Angriff, ließ sich auf dem Gipfel von Touristen knipsen und kippte plötzlich aus dem Bild. Kreislaufkollaps. Am nächsten Tag besuchten wir ihn im Krankenhaus. Er konnte nicht einmal Piep sagen. Dafür sagte der Arzt ihm einiges und es klang verdammt ernst. Seitdem hat er sich nie wieder überfressen. Und ging auf wie ein Hefeteig. Ein Ernährungswissenschaftler versuchte, es uns zu erklären: Durch den Zusammenbruch war in Friedhelms Stoffwechsel irgend etwas umgekippt, zerstört, und nun legte der Körper Fettpolster an für kommende harte Tage. Verstanden hat das keiner von uns. Aber wir erfanden bald einen Namen für seine Krankheit: das Tourmalet-Syndrom. Und ihn nannten wir Fatty.
Längst erweist er diesem Namen alle Ehre. 115 fröhliche Kilos auf knapp 1,80 m verteilt – das ist eine Kampfansage an den Schlankheitswahn unserer Tage. Sport treibt Fatty keinen, wie er sich überhaupt ungern bewegt, nur auf Diäten verlegt er sich alle sechs Monate, wenn es ihn überkommt. Sein Abendbrot besteht dann aus einem traurigen Stillleben: Knäckebrot, ein Scheibchen junger Gouda, Gurke, Stilles Wasser. Und dahinter, ein dickes Häuflein Elend, mein Freund Fatty. Erfolge zeitigen diese Fastenkuren natürlich nicht.
»Prost«, sagte ich und stieß mit ihm an.
»Schlecht ist er nicht, dein Wein. Bloß … Wein. Alkohol.« Auch das Essen schien ihm zu schmecken, denn er verlor kein schlechtes Wort mehr über die gefüllten Dinger mit dem fiesen Fettzeug drumherum. »Okay, zurück zu deiner Geschichte. Wie war das? Der Alte über alle Berge, du halbblind und auf dem Bergfriedhof ein toter Mann … Was hast du gemacht?«
»Was werde ich gemacht haben mit Augen voll Pfefferspray? Mich ins Bett gelegt und geheult wie ein Schlosshund.«
»Warst du nicht in der Lage, zurück zum Friedhof zu fahren und die Leiche zu untersuchen?«
»In dem Zustand? Nein, kein Gedanke. Aber auch sonst wäre es eine Überwindung gewesen, mitten in der Nacht den ganzen Weg bergauf noch einmal in Angriff zu nehmen. Als ich zu Hause ankam, habe ich den Wecker auf sechs Uhr gestellt …«
»Und zwar sobald du wieder sehen konntest«, merkte Fatty unschuldig an.
»Korrekt. Sobald ich meine rasenden Schmerzen mit Morphium bekämpft hatte und die Welt wieder in Umrissen wahrnahm, stellte ich den Wecker, um heute möglichst früh auf dem Friedhof zu sein.«
»Sechs Uhr«, nickte Fatty. »Wusste gar nicht, dass dein Wecker so eine Zeit im Programm hat.«
»Der Wecker schon.«
»Du auch?«
»Frag nicht. Noch ein Auberginchen, der Herr?«
»Wenn es weg muss.«
»Muss.«
»Wann warst du vor Ort? Sieben? Halb acht?«
»Um Viertel nach acht.«
»So spät? Kurz vor Mittag?«
»Wie mans nimmt«, sagte ich düster. »Mir persönlich war nicht klar, wie viele wache Menschen sich um diese Uhrzeit in den Straßen herumtreiben.«
»Erzieher zum Beispiel. Wenn auch nicht am Samstag. Aber Viertel nach acht kann nur eines bedeuten: dass die Polizei längst alarmiert war und sie den Friedhof großräumig abgesperrt hatte.«
»Die Polizei? Nein.«
»Oder die Friedhofsverwaltung, was weiß ich.«
Ich schüttelte den Kopf.
»War die Leiche denn noch nicht entdeckt? Das glaube ich nicht.«
»Welche Leiche?«
»Wie, welche Leiche? Dein Toter auf dem Grab!«
»Das Grab war da.«
»Natürlich war es da!«
»Aber die Leiche nicht.«
»Was? Sie war weg?«
»Ja. Weg. Fort. Perdu. Keine Leiche mehr. Ich habe genauso blöd geschaut wie du jetzt.«
5
Die Tendenz zum Zweitrad wird immer stärker, sagt man. Ich besitze vier Räder, dafür kein Auto. In Heidelberg selbst kommt man ganz gut ohne aus, und für berufliche Fahrten ins Umland steht mir Fattys Mini immer zur Verfügung. Fatty selbst würde das eventuell etwas anders formulieren. Vier Fahrräder also, auch wenn sie abwechselnd kaputt sind: ein altes, unansehnliches Rennrad; ein grellrotes Mitbringsel vom Sperrmüll mit einer Teufelsgesichthupe; für schnelle Besorgungen ein Damenrad mit Korb; und ein schönes stabiles Tourenrad, das ich in der Stadt nie verwende. Momentan war das Damenrad platt, die Rennmaschine stand am Bergfriedhof, sodass für die morgendliche Fahrt dorthin nur Nummer zwei, die rote Mähre, infrage kam. Ich saß auf und fuhr los.
Geschlafen hatte ich gut. Erstaunlich gut sogar. Keine Alpträume, keine längeren Wachphasen. Bloß die Augen hatten geschmerzt, als ich um halb eins ins Bett gefallen war, und sie schmerzten beim Aufwachen immer noch. Dieses verdammte Pfefferspray! Die Lider waren geschwollen, die Wimpern verklebt, alles juckte. Ich legte mir zwei kalte Waschlappen auf die Augen, seufzte auf – und nickte noch einmal ein. Max Koller ist wirklich alles andere als dämmerungsaktiv.
Gegen sieben schreckte ich hoch. Helles Frühlingslicht fiel durch die offenen Vorhänge. Vertan die Chance, als Erster den Bergfriedhof zu betreten. Die Frühaufsteher unter den Senioren zupften bestimmt schon das Unkraut von den Gräbern, die Friedhofswärter würden ihre Runde drehen. Die Polizei war längst alarmiert, wenn auch nicht durch den Silberrücken. Der hatte sich nach einem stillen Gebet und einem maßvollen Schluck Asbach Uralt zur Ruhe gelegt, um schmunzelnd seiner Pfeffersprayattacke und des übertölpelten Privatdetektivs zu gedenken. Am nächsten Morgen würde er gemütlich frühstücken und während des Studiums der Börsenkurse auf eine ganz bestimmte Radiomeldung warten: Gegen sechs Uhr 30 fanden Wärter des Heidelberger Bergfriedhofs eine bislang unidentifizierte männliche Leiche …
Ich ging ins Bad und wusch mir ausgiebig das Gesicht. Meine geröteten, geschwollenen Augen ließen sich nur halb öffnen: schmale Sehschlitze, durch die ich mich prüfend betrachtete. Ich war angeschlagen, übernächtigt und schlechter Laune. Am liebsten hätte ich mich wieder ins Bett gelegt, die Decke über den Kopf gezogen und von gefüllten Auberginen geträumt. Aber da war noch was.
Da war ein Mann mit weißen Haaren und Brille, ein Mann ohne Namen, der mich verachtete, weil ich nicht sein gesellschaftliches Niveau besaß. Der die Menschheit in Macher und Marionetten einteilte und mich, die Ermittlermarionette, einen ganzen Abend lang nach Gutdünken hatte herumtanzen lassen. Nur heute Morgen sollte ich nicht tanzen, da sollte ich brav im Bett liegen bleiben. Das war die Rolle, die er sich für mich ausgedacht hatte, und ich ertappte mich dabei, wie ich nach unten schielte, um die Fäden zu entdecken, an denen meine Marionettenglieder hingen.
So nicht, alter Mann. So nicht. Ich schüttelte mich, zog mir einen Pullover über und verließ meine Wohnung.
Um Viertel nach acht stellte ich die rote Mühle zu meinem Rennrad neben den Seiteneingang. Unten bollerten die Autos über das Kopfsteinpflaster der Rohrbacher Straße. Ich schwitzte, aber die frische Luft hatte meinen Augen gut getan.
Eine Weile stand ich nur da und lauschte. Es gab nichts Besonderes zu hören. Auch nicht zu sehen. Nur das Übliche: Fußgänger auf dem Weg in die Stadt, Kinder, die hinter offenen Fenstern spielten, ein Bus, der sich langsam an der Baustelle vorbeiquälte. In den Baumkronen des Bergfriedhofs sangen Vögel, irgendwo hustete jemand laut. Alles wie immer, alles normal, und das fand ich überhaupt nicht normal.
Wo war die Menschenansammlung, wo waren die Absperrungen, der Notarztwagen, der Leichenbestatter? Selbst wenn der Mann auf dem Grab keine medizinische Hilfe mehr benötigte und selbst wenn er auf die diskreten Dienste der Pietät Soundso verzichten konnte – schließlich lag er im Prinzip schon dort, wo er hingehörte –, selbst dann vermisste ich jemanden.
Wo blieb die Polizei?
Es klickte leicht, als ich den Ständer meines Fahrrads mit dem Fuß umlegte. Ich schloss es ab und steckte den Schlüssel ein. Die ganze Sache kam mir komisch vor. Die Seitentür des Friedhofs stand offen. Ich betrat das Gelände, sah mich um und ging langsam denselben Weg wie gestern Abend um 11. Eine ältere Frau kam mir entgegen, klein und energisch, bestimmt schon seit Stunden wach. Sie nickte mir kurz zu. Nach einigen Metern blieb ich stehen und schaute hinunter ins Parterre des Bergfriedhofs. Morgendliche geschäftige Betriebsamkeit. Verwelkte Blumen wurden auf den Kompost geworfen, neue eingepflanzt, Frauen – kein einziger Mann war zu sehen – harkten, schnitten und putzten, gossen und begutachteten. Ganz in der Nähe spielten drei Kinder zwischen den Gräbern Verstecken, ihre junge Mutter hielt sie nur mühsam im Zaum. Die Sonne lachte vom Himmel. War das derselbe Ort, an dem ich keine 10 Stunden zuvor einen Toten gefunden hatte?
Ich bog um eine Ecke und sah die Grabplatten von gestern vor mir. Die Gräber – aber keinen Toten. Da war der schmale Weg, da waren die Büsche, die Wurzeln, die Steinplatten, die Namen darauf und sonst nichts. Kein Aufruhr, keine Absperrbänder, kein Polizist und vor allem: keine Leiche. Tabula rasa.
Ich stand unter den mächtigen, leise rauschenden Kastanienbäumen und kratzte mich im Nacken. Natürlich, wo es keine Leiche gab, brauchte man auch keine Behörden. Aber wer hatte den Mann weggebracht? Und wohin, warum, wann?
Oder war ich vielleicht, nein, Unsinn. Irrtum ausgeschlossen: Ich war punktgenau an der richtigen Stelle gelandet, hatte exakt den Weg von gestern Abend eingeschlagen. Die Gräber waren nicht zu verfehlen, es waren schließlich die einzigen weit und breit, die man schmucklos, fast unansehnlich gelassen hatte. Rechteckige Grabplatten aus den Kriegsjahren, roh behauen, darüber ein paar schäbige Holzkreuze. Die üblichen mitteleuropäischen Abschiedsworte: Hier ruht in Frieden …, Der Herr spricht …, auf manchen lediglich der Name, die Daten. Spatzen saßen auf einem Kreuz. Ein warmer Frühlingstag, sonnig.
Eins der drei spielenden Kinder rannte vorbei und stolperte über die eigenen Füße. Wie ein junger Hund, der noch keine Kontrolle über seine tapsigen Gliedmaßen hat. Es rappelte sich auf, lachte über das ganze dreckige Gesicht und rannte zu seiner Mutter zurück. Diesmal unfallfrei. Ich sah ihm nach und rieb mir das Kinn. Verdammt noch mal, wo war der Kerl?
Wo steckte er? Im Grab vielleicht? Auf welchem hatte er überhaupt gelegen?
Dann ein Déjà-vu-Erlebnis: das leichte Zittern der Erde, ein rumpelndes Geräusch von unten, aus der Ebene. In der Rohrbacher Straße fuhr die Straßenbahn aus Leimen Richtung Stadt.
Ich schaute mich um; niemand beachtete mich. Eine Hand am Kinn, wiederholte ich langsam die Schritte, die ich tags zuvor gemacht hatte. Ging noch einmal zurück zum Seiteneingang, kehrte um, versuchte mich an Details der Umgebung zu erinnern. Wie lange hatte ich gebraucht, wo hatte ich gestanden, wo genau war ich gestolpert? Am Ende gelangte ich zu einer der mittleren Grabstellen. Jakob Burkhardt stand auf dem altersdunklen Kreuz. Er war 17 Jahre alt gewesen, als er starb. Sie hatten ihm die gleiche nackte Steinplatte gegeben wie den anderen auch, er hatte ihr Schicksal geteilt. Rechts neben ihm lagen Männer mit polnisch klingenden Namen, links eine Frau, Margarete Neubusch, und alle waren sie im letzten Kriegsjahr umgekommen. Nur auf dem Grab der Frau standen frische Blumen.
Burkhardt … ich glaube, ich hatte mal einen Schulkameraden, einen Alkoholiker, der so hieß.
Und meine Leiche?
Ich setzte mich auf Jakobs Grab, riss ein paar Grashalme aus und überlegte. Theoretisch gab es mehrere Möglichkeiten, die Abwesenheit der Leiche zu erklären. Theoretisch. Zum Beispiel die: Der Tote war gar nicht tot, sondern scheintot und, nachdem er mich ordentlich erschreckt hatte, quietschfidel aufgesprungen und in die nächste Kneipe geeilt. Prima Vorschlag.
Möglichkeit zwei: Der Silberrücken war zurückgekommen, hatte die Leiche in den Kofferraum gepackt und irgendwo entsorgt. Schon besser. Möglichkeit drei: Ein ganz anderer war aufgetaucht, der den Toten kannte oder auch nicht, und hatte aufgeräumt. Aber wer sollte das gewesen sein? Und schließlich viertens: Die Polizei hatte noch in der Nacht einen anonymen Anruf erhalten, den Toten identifiziert und den ganzen Fall aufgeklärt. Das war nicht nur unwahrscheinlich, sondern ausgeschlossen. Man weiß, wie deutsche Behörden arbeiten.
Nein, eines war sicher: Sobald die ersten Wärter oder Besucher des Friedhofs hier ihre Runden drehten, hatte die Leiche nicht mehr an ihrem Platz gelegen. Sie war weggebracht worden, von meinem Freund, dem Pfeffersprayer, oder von einem anderen.
Ich stand auf und ging zurück zum Seiteneingang. Ein Weg von mindestens 100 Metern. Sollte der Silberrücken dazu imstande sein? Ein 70-Jähriger sollte einen ausgewachsenen Mann geschultert, zum Auto geschleppt und in den Kofferraum verladen haben? Sicher, er konnte den Wagen direkt vor dem Seiteneingang geparkt haben, um Anstrengung und Risiko zu minimieren. Trotzdem: eine beachtliche Leistung.
Zurück am Grab begann ich, die nähere Umgebung nach Spuren abzusuchen. Das war eigentlich die einfachste Sache der Welt. Nur, dass ich nicht wusste, wonach ich suchte. Die Wege zwischen den Gräberreihen bestanden aus festgetretenem Kies und Sand; abgesehen von der einen, mir wohlbekannten Baumwurzel waren sie eben und wiesen keine Schleif- oder Trittspuren auf. Ich spähte über sie hinweg. Ich ging in die Hocke. Ich ließ mich auf die Knie nieder. Erstaunlich, wie vielfarbig Kies ist, wenn man ihn aus der Nähe betrachtet. Nach einigen Minuten wandte ich mich dem Gras zu, das zwischen den Gräbern wuchs. Und dort wurde ich zum ersten Mal fündig: ein Knopf, klein und braun, mit vier Löchern. Ein Allerweltsknopf, überhaupt nichts wert. Der konnte von jedem Friedhofsbesucher jeglichen Geschlechts stammen. Aber besser als nichts. Ich steckte ihn ein.
Und so ging es weiter: Je weiter ich meine Nachforschungen ausdehnte, desto mehr fand ich. Nichts davon wies in eine eindeutige Richtung. Zu dem Knopf gesellte sich der morsche Holzgriff eines kleinen Küchenmessers; dann kamen Papiertaschentücher hinzu, ein Einmachgummi, ein Bonbon, eine Zigarettenschachtel, ein Fetzen Papier mit unleserlicher Aufschrift, eine kaputte Trillerpfeife, ein weiterer Knopf und ein Gießkannenaufsatz. Und ein nagelneuer Euro, immerhin.
Das also war das Ergebnis meiner Nachforschungen: ein Geldstück und wertloses Strandgut der Zivilisation. Machte hier niemand sauber? Das Papier versuchte ich zu entziffern, aber die Schrift war vom Tau so verwaschen, dass man nur mit Fantasie den Namen Kurt oder Karl und eine sechsstellige Zahl, vielleicht eine Telefonnummer, hineinlesen konnte. Murrend und meinen Beruf verfluchend, suchte ich auf allen vieren weiter, bis ich zwei Schuhe fand.
Zwei braune Schuhe. Schuhe, in denen noch die Füße der Besitzerin steckten.
»Nun sagen Sie mal«, schallte es aus der Höhe herab. »Was machen Sie denn da unten?«
Ich richtete mich auf. Vor mir stand die Frau, der ich am Friedhofseingang begegnet war. Eine mindestens 80-jährige Großmutter, Urgroßmutter, mit schluchtentiefen Falten im Gesicht, die Gießkanne in der einen, die Harke in der anderen Hand. Sie war keine eins 60 hoch, aber ihre hellen Augen blitzten wach und misstrauisch.
»Na, was ist, junger Mann? Suchen Sie was?«
Die hatte mir gerade noch gefehlt. Ich stand auf und klopfte mir den Sand von den Knien.
»Sozusagen, ja«, brummte ich.
»Wissen Sie, wie das aussah? Als würden Sie den Boden abschnuppern.«
»Wenn Sie das sagen …«
»Und wozu, wenn ich fragen darf?«
Natürlich durfte sie. Ihre Stimme erinnerte mich an meine Großmutter. Ein Pfälzer Knochen mit eisernen Prinzipien und viel Humor, auch wenn das widersprüchlich klingt. Von ihr bekam ich mehr Ohrfeigen als von der gesamten Restverwandtschaft, dennoch habe ich sie in bester Erinnerung. Sie brachte mir bei, dass Erwachsene auch nur Menschen sind, fragwürdig wie alles andere, und dass ich meinen eigenen Vorstellungen folgen sollte, nicht den verquasten Plänen meiner Eltern. Wenn die gute Frau wüsste, was aus mir geworden ist … Im Übrigen war meine Großmutter die Einzige ihrer Generation, mit der man über das reden konnte, was vor 1945 geschehen war. Die Einzige, die das Wort Schuld in den Mund nahm.
Die alte Frau auf dem Bergfriedhof war ganz anders als meine Großmutter. Aber ich glaubte zu bemerken, dass ihre scheppernden Worte von einem fröhlichen Zwinkern im Augenwinkel begleitet wurden. Einem versteckten Zwinkern freilich.
»Das ist ein Test«, sagte ich. »Man schnuppert hier herum, weil … wir nennen es Schnuppertest.«
Sie kniff die Augen zusammen und schwieg.
»Das ist natürlich nicht der offizielle Name. Schnuppertest. Da geht es um so eine Art Voruntersuchung. Wir vom Landesamt für Naturschutz …«
»Naturschutz?«, blaffte sie mich an. »Auf dem Friedhof?«
»Gerade da. All die Leichen, ich meine die Bestatteten, mit ihren Prothesen und Goldzähnen und den vielen Tabletten. Haben Sie sich mal überlegt, wo das Zeug hinsickert, wo das verbleibt? Ich weiß, das klingt jetzt nicht schön, aber technisch gesprochen ist es Giftmüll, was da aus den Särgen rausgeschwemmt wird. Schwermetalle, chemische Cocktails. Sicher, hier liegen Ihre Angehörigen, für Sie ist das etwas Besonderes. Eine Kultstätte. Aber aus Behördensicht ist der Bergfriedhof eine Halde voller Gefahrgut. Eine Zeitbombe. Und wenn die hochgeht, mein lieber Scholli.«
»Schnuppertest, nie gehört«, sagte sie. »Und was haben Sie mit Ihren Augen angestellt?«
»Das sind die Probleme, mit denen wir tagtäglich zu kämpfen haben. Der Widerstand der Bevölkerung. Handgreiflicher Widerstand. Dabei geht es nur um einen Schnuppertest.«
Sie schwieg. Das ermunternde Zwinkern in ihren Augenwinkeln war verschwunden. In der Hand hielt sie die Harke wie eine Waffe.
»Okay, ich habe etwas gesucht«, sagte ich. »Habs gestern Abend hier verloren, und jetzt ist es weg.«
»Soso«, machte sie.
Ich zuckte die Achseln und grinste schwach. Und als sie immer noch schwieg, sagte ich: »Tut mir leid. Ich quatsche halt gerne.«
»Schon gut«, meinte sie. »Viel Erfolg bei der Suche.«
Dann ging sie. Ich sah ihr nach, bis sie hinter einer Biegung des Weges verschwunden war. Sie schlurfte, hielt sich aber bemerkenswert aufrecht. Ein wenig ähnelte sie wirklich meiner Großmutter.
Die Lust auf weitere Schnuppertests war mir vergangen. Ich packte meine Fundstücke ein und verließ den Friedhof. Stieg auf mein rotes Fahrrad, ergriff die Lenkstange des anderen und fuhr davon. Den Kopf voller Gedanken, die Taschen voller Müll.
6
»Das kann doch nicht sein, Max!«, rief Fatty und ruderte mit seinen kurzen Armen. »Eine Leiche verschwindet nicht einfach so.«
»Sie war aber nicht mehr da.«
»Dann hat sie einer weggebracht. Dein Pfeffersprayer, wer sonst? Und den muss einer gesehen haben.«
»Wer denn?«
»Überleg doch mal, dieses Risiko. Da läuft einer mit einem Toten huckepack über den Friedhof und fährt ihn dann durch halb Heidelberg. Dafür muss es doch Zeugen geben!«
»Mitten in der Nacht? Nein, muss es nicht. Angenommen, der Alte hat einen guten Grund, den Mord zu vertuschen. Zum Beispiel weil er persönlich darin verwickelt ist, auf welche Weise auch immer. Dann muss er die Leiche beseitigen. Und so groß ist sein Risiko nicht. Dieser obere Teil des Friedhofs liegt ziemlich einsam, ein paar Meter nur, dann ist er am Ausgang, und wenn er seinen Wagen geschickt geparkt hat, sieht ihn kein Mensch.«
»Und der Einzige, der von dem Toten weiß, liegt kampfunfähig im warmen Bett. Du bist mir ein schöner Ermittler.«
Ich sah Fatty zu, wie er mit vorwurfsvoller Miene ein Stück Weißbrot in die Olivenöltunke stippte.
»Die Schmerzen«, sagte ich, »die Schmerzen waren einfach unerträglich. Schlimm war das. Schlimm.«
Er hielt inne und betrachtete mich eingehend von oben bis unten, bevor er das öltriefende Stück Brot in den Mund steckte.
»Schlimm«, wiederholte ich und schaute gequält zur Seite.
»Schmerzen machen stark«, bemerkte er kauend. Dann leckte er sich gedankenverloren die Finger ab. Er sah aus, als habe er gegen einen zweiten Teller Lamm und Aubergine nichts einzuwenden.
Lautes Klirren ließ uns hinunter in den Hof schauen. Eine Bewohnerin des Hinterhauses stieg gerade von ihrem Rad, im Lenkerkorb purzelten Bierflaschen in einer Plastiktüte durcheinander. Die Frau war dürr und hässlich und Zahnarzthelferin. Zumindest hatte sie Letzteres mir gegenüber einmal behauptet. Jeder im Block kennt sie, weil sie sich regelmäßig mit ihrem Freund streitet, der großformatige Aktbilder malt und möglicherweise sogar verkauft. Sie streiten lange und laut. Man hört es im Hinterhaus, im Vorderhaus, in den Nachbarhäusern. Einmal kam sogar der Besitzer der Apotheke vis-à-vis, klingelte und fragte, ob er helfen könne. Er hatte Pflaster und Mullbinden mitgebracht. Weswegen die beiden streiten, weiß ich nicht. Jedenfalls nicht wegen der Aktbilder. Der Mann malt immer nur aus dem Gedächtnis; Modelle kann er sich nicht leisten.
Die dürre Frau stellte ihr Rad ab und nahm die Plastiktüte mit den Bierflaschen aus dem Korb. Sie schlurfte zum Hintergebäude und kramte nach ihrem Hausschlüssel, ohne ihn zu finden. Kurz überlegte sie, dann stellte sie die Tüte auf den Boden und öffnete eine Flasche. Mit den Zähnen. Trinkend blickte sie sich schuldbewusst um; nach oben wanderte ihr Blick allerdings nicht.
Wir schauten uns schweigend an. Mit den Zähnen, Respekt. Und das von einer Zahnarzthelferin. Vielleicht kam sie billig an Prothesen.
»Der Tote«, begann Fatty, als die Frau im rückwärtigen Gebäude verschwunden war. »Hast du eine Idee, wer er sein könnte?«
»Schwer zu sagen.«
»Kein Anhaltspunkt? Nichts Besonderes an ihm? Beschreibe ihn mal.«
Achselzuckend stellte ich mein Glas auf den Tisch. »Ich habe ihn ja nur kurz gesehen. Er war im Pensionsalter, über 70 wahrscheinlich, mittelgroß, hageres, fast knochiges Gesicht, markante Nase und die Augen… starr und weit geöffnet halt. Braune Augen. Ein abgetragener Anzug. Dunkle Hosen, dunkle Schuhe, alles recht unansehnlich. Das Einprägsamste waren seine Augen.«
»Jean-Louis Trintignant.«
»Da gab es doch mal diesen jüdischen Nobelpreisträger aus New York, der so heißt wie ein Tier, na …?«
»Katzehundtiger?«, half Fatty freundlich.
»Nee, was Netteres. Egal. Ich komm schon noch drauf. Übrigens roch er nach Mottenpulver.«
»Nach Mottenpulver?«
»Ja, nach Mottenpulver. Kann ich auch nichts dafür. So wie es bei dir riecht, wenn du deinen Kleiderschrank öffnest.«
»Ich hab noch nie Mottenpulver benutzt. Weiß gar nicht, wie das riecht.«
»So wie der halt. Vielleicht war es auch etwas anderes, keine Ahnung. Eigentlich kam er mir vor wie ein …« Ich überlegte. »Ja, wie ein Ausländer.«
»Wie ein Ausländer?«
»Mhm …«
»Verstehe ich nicht.« Fatty runzelte die Stirn. »Wie riechen denn Ausländer?«
»Wieso riechen? Ich habe nicht gesagt, dass er wie ein Ausländer roch.«
»Natürlich hast du das.«
»Quatsch, ich habe gesagt, dass er mir wie ein Ausländer vorkam.«
»Du hast gesagt«, unterbrach mich Fatty, »dass er nach Mottenpulver roch, vielleicht aber auch nach etwas anderem, und du ihn deshalb für einen Ausländer hältst. Und nun frage ich mich, wie er deiner Meinung nach wohl riecht, der genormte Standardausländer? Nach Knoblauch? Nach Mülltonne?«
»Verdammt, Fatty, dreh mir das Wort nicht im Mund rum!«
»Ich drehe nicht. Du drehst!«
»Ich wollte bloß diesen Geruch beschreiben. Einen fremdartigen, ungewöhnlichen Geruch, klar?«
»Ungewöhnlich ist noch lange nicht ausländisch.«
Abwehrend hob ich die Hände. »Ich nehms zurück, okay?«
»Aber Ausländer …«, begann er.
»Vergiss es!«, schnitt ich ihm das Wort ab.
Er zuckte die Achseln.
Pause. Ich goss Wein nach.
Du meine Güte, ich bin doch nicht fremdenfeindlich! Nur weil ich hin und wieder eine unbedachte Bemerkung fallenlasse? Mein ganzes Dasein besteht aus unbedachten Bemerkungen, und die treffen Ausländer ebenso wie Einheimische. Dass mir bestimmte Menschen fremder sind als andere, Asiaten fremder als Europäer, Osteuropäer fremder als Westeuropäer – das sagt gar nichts. Ich bin nun mal im Südwesten der Bundesrepublik aufgewachsen, und ich lebe dort; das prägt. Ob mir allerdings Bayern, Lausitzer oder Nordfriesen näher stehen als Elsässer, Schweizer oder Luxemburger, wage ich zu bezweifeln, und beim Kochen verhalte ich mich eindeutig undeutsch. Mein Gaumen ist ein heimatloser Geselle. Daran denkt jemand wie Fatty natürlich nicht.
Trotzdem, das mit der weltoffenen Küche mag stimmen, aber es stellt bloß die eine Seite der Medaille dar. Auf der anderen Seite sind weniger schmeichelhafte Dinge verzeichnet. Zu diesen Dingen gehört meine reflexartige Abwehrhaltung, wenn sich Zugnachbarn einer Sprache bedienen, die ich für Serbisch halte. Dazu gehören meine Aversionen gegen türkische Halbstarke mit Gel im Haar und Goldkettchen an den Handgelenken, die gelangweilt auf dem Bahnhofsvorplatz herumlungern, gegen ihre verschleierten Mütter und ihre rauchenden, Filme glotzenden Väter. Nein, ich bin nicht so offen und tolerant, wie ich es gerne wäre und wie es die öffentliche Meinung verlangt. In der Schülerzeitung schrieb ich einmal, wir bräuchten mehr Exoten in diesem verstaubten Land, ohne Afrikaner oder Asiaten würden wir in unserem eigenen Mief ersticken. Die Provokation gelang prächtig, unser Religionslehrer bekam einen Wutanfall, und in einigen Fächern wurden meine Noten plötzlich schlechter. Aber dann kam der Tag, an dem mein Cousin eine Senegalesin heiratete und ich einsah, dass ich mir in die Tasche gelogen hatte. Mit einer Schwarzen leben? Das wäre mir im Traum nicht eingefallen. Warum nicht? Ich wagte nicht, genauer darüber nachzudenken. Und wenn man schließlich noch anführt, dass meine Eltern mich mit 14 zum Schüleraustausch in die Bretagne schickten und ich erst nach drei Wochen, nach drei schrecklichen Wochen, in denen ich heulte und mich übergab und heulte und abnahm, zurück nach Hause durfte, dann existiert möglicherweise doch der eine oder andere Hinweis auf eine tief in Max Koller verankerte Fremdenangst.
Mag sein.
Nur brauchte ich mir das nicht von einem Friedhelm Sawatzki vorhalten zu lassen. Nicht von einem politisch überkorrekten Kindergärtner mit schlesischen Vorfahren, der stets weiß, welche sozialkritische Stunde geschlagen hat, der mit 15 das Kapital … Aber das erwähnte ich ja schon.
Zurück zu unserem Abendessen auf einem der brüchigsten Hinterhofbalkone Heidelbergs.
»Okay«, sagte Fatty versöhnlich. »Lassen wir den Toten in Ruhe, Mottenpulver hin oder her. Schenkst du mir noch mal ein?«
Ich grinste.
»Was ist mit deinem Auftraggeber? Wer könnte das gewesen sein?«
»Keinen blassen Schimmer.«
»Lass uns logisch vorgehen. Ein Heidelberger? Auswärtiger? Wie sprach er? Kannte er sich aus?«
Ich überlegte. »Er sprach lupenreines Hochdeutsch, dialektfrei. Trotzdem schien er ein Ortsansässiger zu sein. Er kannte den Bergfriedhof, wusste, wie er über den Gaisberg zu fahren hatte.«
»Also ein Heidelberger. Was ist dir noch aufgefallen?«
Ich zuckte die Achseln. »Nichts Besonderes. Er hat Geld, Selbstbewusstsein, Bildung und er gibt gerne Kommandos, kommt sofort zur Sache, wenn nötig, kann bei Bedarf aber auch um den heißen Brei herumreden.«
»Das heißt?«
»Könnte ein Wirtschaftstyp gewesen sein. Ehemaliger Aufsichtsrat, Abteilungsleiter, so was in der Art. Vielleicht aber auch ein Juraprofessor oder ein Oberarzt.«
»Sein Wagen?«
»Ein beigefarbener BMW, ziemlich breit, ziemlich protzig.«
»Ausstattung?«
»Keine Ahnung. Normal, würde ich sagen.«
»Normal«, lachte Fatty verächtlich. »Und du willst Privatdetektiv sein? Schaff dir mal ein Auto an, vielleicht achtest du dann mehr auf das, was andere Leute fahren.«
»Mir reicht, wenn ich einen Mini von einem BMW unterscheiden kann.« Fatty liebt seinen Mini und hat ihm sogar einen Namen gegeben. Einen weiblichen natürlich.
»Das dachte ich mir.« Er kniff die Augen zusammen und spielte mit seinem Glas, in dem sich nur noch ein winziger Rest Wein befand. »Pass auf, Max: Morgen früh machst du einen Spaziergang an der Bergstraße entlang, einschließlich aller Nebenstraßen rechts und links, und hältst Ausschau nach deinem BMW. Spätestens um 14 Uhr hast du deinen Unbekannten gefunden.«
»Habe ich? Um 14 Uhr?«
»Oder 14.30 Uhr. Prost!«
»Interessant. Und wie kommt Friedhelm Sherlock Sawatzki zu dieser Annahme?«
»Durch Nachdenken«, entgegnete er ernst. »Durch die Kraft der reinen Vernunft. Grips, verstehste? Hier oben.« Er tippte an seinen runden Schädel.
»Wahnsinn«, meinte ich. »Wahnsinn im Quadrat. Wo holst du das nur her? Kannst du mir seine Adresse diktieren? Und seine Blutgruppe? Ich bin manchmal ein bisschen schwer von Begriff.«
Fatty rülpste zufrieden. »Bergstraße«, wiederholte er. »Bergstraße und nirgendwo sonst.«
»Nur weil er Kohle hat? Deswegen muss er gleich …«
»Nicht nur Kohle, Max. Stil, Statur, das richtige Alter. Schon mal was von soziologischem Profil gehört?«
»Nee.«
»Gibts auch nicht. Habe ich gerade erfunden. Aber Tatsache ist, dass solche Typen wie er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hier in Neuenheim am Hang wohnen, damit sie die Sonne genießen und dem Rest der Welt aufs Dach spucken können.«
»Neuenheim ist groß. Warum nicht am Neckar, in einer der Villen?«
»Zu laut, zu nahe am gemeinen Volk.«
»Und die Weststadt? Da ist es schön ruhig, und es gibt …«
»Weststadt? Vergiss es. Mit den Türkenläden im Erdgeschoss und der Studenten-WG im Hinterhaus? Nein, ausgeschlossen. In Handschuhsheim haust der Studienrat mit Gattin, und beide schielen neidisch nach Neuenheim. In der Altstadt will schon lange keiner mehr wohnen, da bleibt nur noch die Bergstraße. Das Paradies für die Spießerelite der Stadt.«
»Und was ist mit dem Schlosswolfsbrunnenweg auf der anderen Neckarseite?«
Fatty wiegte abschätzend sein Haupt. »Ja, möglich. Die einzige realistische Alternative. Wobei die Leute, die dort wohnen, nun wirklich stadtbekannt sind. Die stehen alle naslang in der Zeitung, und danach hörte sich dein Mann nicht an.«
»Bergstraße also«, sagte ich. »Gott, ja, ich kann es versuchen. Mit Soziologie hat das allerdings nichts zu tun, Fatty. Soziologie light vielleicht, passend zu deiner Cola.«
»Sehr witzig«, brummte er beleidigt. »Da lässt man sich herab und schüttet literweise Rotwein in sich hinein, nur damit … Pass auf, Max: Wir wetten drum. Bergstraße plus angrenzende Nebenstraßen; wenn du den Alten dort findest, zahlst du mir eine Kiste von dem Roten.«
»Eine Kiste?«, lachte ich. »Wer soll die trinken? Deine Oma vielleicht?« Fattys Großmutter stammt aus Polen und verträgt mehr als wir beide zusammen, selbst wenn uns eine durchschnittlich trinkfeste Seniorenfußballmannschaft verstärkt.
»Was ist? Wetten wir oder wetten wir?« Seine Augen funkelten vor Begeisterung.
»Wenns dir Spaß macht. Vielleicht weißt du ja auch, wo sich das Opfer befindet?«
Er überlegte. Nagte an der Unterlippe, drehte Däumchen. »Das ist nicht so einfach«, sagte er schließlich. »Obwohl man die Schwierigkeiten, eine Leiche verschwinden zu lassen, nicht unterschätzen sollte.«
»Das klingt, als hättest du jede Menge Erfahrung in dieser Hinsicht.«
»Denk doch mal nach, Max! Dein Unbekannter oder wer auch immer kommt mitten in der Nacht zum Friedhof, um den Toten wegzuschaffen. Er braucht erstens ein Auto. Zweitens einen Ort, an dem die Leiche so schnell nicht entdeckt wird, am besten über Jahre nicht. Wie war das noch mal mit der Todesursache?«
»Ich schätze, er hatte eine Schussverletzung. Wobei ich keinen Schuss gehört habe.«
»Vielleicht ein Schalldämpfer? Jedenfalls kann der Mörder so keinen Unfall vortäuschen. Die Leiche in einem Steinbruch zu deponieren, scheidet also aus. Was sonst? Ein stillgelegtes Bergwerk, eine Sondermülldeponie … nein.« Er entkorkte die Rotweinflasche und schenkte sich nach.
»Red nur weiter.«
»Ich würde ihn verbrennen. Besser als im See versenken oder klein gehackt einfrieren. Beim Verbrennen bleibt nichts übrig, wenn man es richtig macht.«
»Mit anderen Worten: Ich brauche nur in der Bergstraße nach heimlichen Feuerchen hinterm Haus Ausschau zu halten.«
»Das wäre zumindest ein Anfang. Natürlich musst du die Tatwaffe finden.«
»Wenn es weiter nichts ist.«
»Und du musst klären, warum dich der Alte zum Bergfriedhof bestellt hat.« Er nickte anerkennend. »Ein ordentliches Programm für die nächsten Tage, Respekt. Da heißt es, rechtzeitig aufzustehen. Der frühe Vogel fängt den Dings. Den Wurm.«
»Wiesel, richtig.«
»Vogel, nicht Wiesel. Wiesel fressen keine …«
»Der Nobelpreisträger. Jetzt fällt es mir wieder ein. Elie Wiesel hieß der. Und genau so sah mein Toter aus.«
7
Am Steigerweg hatten sie ganze Arbeit geleistet. Die Straße war von ihrem tiefsten Punkt am Alois-Link-Platz bis zum nördlichen Nebeneingang des Bergfriedhofs aufgebaggert, und nur auf einer Seite hatte man einen schmalen Streifen für den Verkehr freigelassen. Die Heidelberger Stadtbusse passten so eben hindurch, mussten allerdings den Bürgersteig mitbenutzen. Befahrbar war der Durchlass bloß in einer Richtung; wer hinunter in die Stadt wollte, musste, wie der Silberrücken in der gestrigen Nacht, den Umweg über den Gaisberg in Kauf nehmen.
Ich erwähne das nur, weil es Folgen für den weiteren Verlauf der Geschichte hatte. Natürlich ließ ich mich sofort hügelabwärts rollen, um den Steigerweg gegen die vorgeschriebene Richtung zu durchfahren. Keine Chance. Von unten kamen nicht viele Autos, aber sie kamen regelmäßig, und zwischen der Friedhofsmauer und der Baustellenabsperrung gab es keinen Platz zum Ausweichen. Außerdem war ich mit meinen beiden Fahrrädern – eines unter, eines neben mir – fast so breit wie ein PKW.
Ich wendete also schweren Herzens und fuhr bergauf. Noch vor der ersten Serpentine bog ich links ab und nahm eine Abkürzung durch den Wald, die mich zum Johannes-Hoops-Weg führte. Eine kurze Strecke musste ich schieben. Nassgeschwitzt kam ich oben an. Die restliche Strecke war kein Problem, es ging relativ eben an der Riesensteinkanzel vorbei und dann die Klingenteichstraße hinunter in die Altstadt.
Allerdings gab es hier deutlich mehr Verkehr, als ich erwartet hatte. Ob es an der Umleitung lag? Oder war das schon Heidelbergs Wochenendtourismus? Wie auch immer, ich war kaum in die talwärts führende Klingenteichstraße eingebogen, als sich auch schon eine lange Schlange hupender PKWs hinter mir bildete. Für die schmale Straße war mein Doppelsitzer einfach zu breit.
Ganz ruhig, sagte ich mir, bis nach unten ist es nicht weit, wir haben Samstagmorgen, kein Grund zur Eile. Leider sah der motorisierte Rest der Bevölkerung das anders. Ich glaubte, die Trompeten von Jericho hinter mir zu haben: Es wurde gehupt, Bremsen winselten, einer lehnte sich aus dem Beifahrerfenster und beschimpfte mich. Und was sie mir erst zuriefen, wenn sie mich überholten! Ich sehnte mich in die Stille des Bergfriedhofs zurück.
»Was erwartest du, Max?«, hätte Fatty gesagt. »Spießer sind das. Spießer, wie sie im Buche stehen. Und zwar in keinem schönen Buch.«
Vermutlich hatte er recht. Es waren Spießer, aber sie regten mich auf. Sogar ihre Autos regten mich auf, diese albernen Corollas und Civics und Passat Kombis. Es war immer dasselbe Spiel: Ein Motor heulte auf, man scherte nach links, zog an mir vorbei, gestikulierte und fluchte, dann sah ich nur noch die Hinterfratzen dieser scheußlichen Kleinwagen, regelrechte Metallgrimassen, die Rücklichter blitzten verächtlich, die Stoßstangen waren flach und breit und ähnelten zusammengekniffenen Lippen.
Wie elend lange diese Straße aber auch war! Und ich musste ja vorsichtig fahren.
Irgendwann löste sich meine linke Hand wie von selbst von der Lenkstange, fuhr zur Faust geballt nach oben und ließ den Mittelfinger gen Himmel zeigen. Ich weiß, man soll sich nicht auf das Niveau der anderen herablassen, aber es waren bloß noch ein paar 100 Meter hinab in die Altstadt, und danach gab es zweispurige Straßen, Platz zum Überholen, Abbiegemöglichkeiten. Außerdem tat es verdammt gut.
Hinter mir wurde gehupt.
Ich ließ die Hand in der Luft. Nebenbei gesagt, war es kein kleines Kunststück, sekundenlang freihändig eine steil abfallende Straße hinunterzurollen, mit der Rechten ein unbemanntes Rennrad zu dirigieren und mit der Linken nonverbal zu kommunizieren. Verständnis für diese akrobatische Leistung erwartete ich dennoch nicht.
Eine letzte Kurve, dann war es geschafft. Wieder hupte es hinter mir, lange und aufdringlich. Ich warf einen kurzen Blick über die Schulter und dann noch einen, um mich zu vergewissern. Ein Streifenwagen.
Das war natürlich Pech. Großes Pech sogar. Nicht ein einziger Polizist auf dem Bergfriedhof, und nun saßen sie mir im Nacken: zwei ehrgeizige Ordnungshüter auf der Jagd nach Verkehrssündern. Überm Steuer hing ein junger Sportsmann mit Schnauzbart, angespornt von einer kleinen Blonden, die eine hübsche Zahnreihe blitzen ließ, und beide sahen nicht gerade freundlich aus.
Was tun?
Bremsen? Aufgeben? Selbst wenn ich mich dazu entschlossen hätte – und einfach wäre es nicht geworden, bei meinem Tempo, mitten in der Abfahrt, zwei Fahrräder steuernd –, selbst wenn ich ihren Aufforderungen brav Folge geleistet und angehalten hätte, wären wir keine Freunde geworden. Ich hätte ihnen gestehen müssen, dass der Grund meiner rasanten Fahrt eine Leiche war, die sich in Luft aufgelöst hatte, dass mir ein Unbekannter im Kaschmirmantel die Augen verätzt hatte und dass ich ein Privatflic war, der sich mit anonymen Auftraggebern nachts auf einem Friedhof verabredete, einfach so. Eine nette Unterhaltung wäre das geworden.
Also tat ich nichts. Ich ließ den Dingen, das heißt: den Rädern, ihren Lauf und flitzte das letzte Steilstück der Klingenteichstraße hinab ins Tal, die Kirchtürme der Altstadt bedrohlich nahe vor Augen. Es war ein warmer Aprilmorgen, die Sonne schien mit erstaunlicher Kraft, ich schwitzte, hinter mir hupte es.
Die Klingenteichstraße mündet unten in die viel befahrene Friedrich-Ebert-Anlage, und spätestens dort war es vorbei mit der wilden Jagd. Ich würde an der Ampel halten müssen oder mich wie ein Lemming in die Kreuzung stürzen. Und selbst wenn ich es lebend über die vier Spuren der Anlage schaffte, würden sie mich bekommen. Ich hätte im Bett bleiben sollen.
Noch 200 Meter, noch 150 … Mein Doppelsitzer war kaum zu kontrollieren. Ich flitzte an parkenden Autos und überraschten Fußgängern vorbei, an einer etwas heruntergekommenen Jugendstilturnhalle, in der ich eines vergangenen, eines sehr fernen, sehr schönen Tages einmal Fußball mit einer Gruppe trotzkistischer Philosophen gespielt hatte. Dann kam mir ein Gedanke.
Er kam mir in Gestalt des Klingentores entgegen, eines ebenso pittoresken wie nutzlosen Baus rechts der Straße, vom Stadtteilverein liebevoll gepflegt und vom Tourismus missachtet. Es ist ein schmales Tor, zwei Fahrräder passen mit Mühe hindurch, allerdings hat bei seiner Errichtung im Mittelalter niemand an Fahrräder gedacht, denn der Torweg besteht aus Kopfsteinpflaster, das in einige Treppenstufen übergeht. Daran dachte ich allerdings in diesem Moment nicht. Ich sah nur das Klingentor und die Möglichkeit, meine Verfolger abzuhängen.
Jetzt oder nie! Ich riss meine beiden Fahrräder nach rechts, der Polizeiwagen schoss an mir vorbei und ich mitten durch das Klingentor hindurch. Szenenapplaus. Nun kamen die Stufen. Vier Räder, und alle verloren sie den Bodenkontakt. Ich biss die Zähne zusammen, ohne die Lenkstangen loszulassen. Dann der Aufprall. Keine Ahnung, wie ich es schaffte, aber ich stürzte nicht.
Links und rechts quietschten Reifen. Die Friedrich-Ebert-Anlage. Mein eigenes Bremsmanöver kam zu spät, umso schneller reagierten die übrigen Verkehrsteilnehmer. Wahrscheinlich hatte ihre Ampel gerade erst auf Grün geschaltet, ihr Tempo war nicht besonders hoch. Gleichwie, sie verhinderten eine Katastrophe. Ich schlitterte über die vierspurige Anlage, die Peterskirche vor Augen, bis zum Beginn der Grabengasse. Hinter mir wieder ein Hupkonzert.
Wenn ich nun geglaubt hatte, die Jagd sei zu Ende, dann hatte ich mich geirrt. Einige 100 Meter entfernt, in Höhe der Einmündung der Klingenteichstraße, heulte ein Martinshorn auf. Die beiden Polizisten verschafften sich an der Kreuzung, Gott weiß wie, freie Bahn, bogen verkehrswidrig rechts ab und preschten über die Friedrich-Ebert-Anlage auf mich zu. Verflucht, waren die empfindlich! Ich nahm wieder Fahrt auf, wollte zunächst der Grabengasse folgen, mitten hinein ins Herz der Altstadt, doch dann kam mir eine bessere Idee. Links von der Universitätsbibliothek, die ich inzwischen erreicht hatte, zweigt die Plöck ab, ein schmales Altstadtsträßchen, nur in eine Richtung befahrbar. Genauer gesagt gilt der Einbahnstraßenpfeil für Kraftfahrzeuge, nicht für Fahrradfahrer; wenn ich nun in westlicher Richtung in die Plöck einbog, verhielt ich mich völlig korrekt. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass kein Verkehrsplaner an einen Doppelsitzer gedacht hatte, wie ich einen fuhr.
Im Prinzip war ich gerettet.
Leider nur im Prinzip, denn ich hatte nicht mit der Entschlossenheit meiner Verfolger gerechnet. Vielleicht gehörten sie einer neuen Generation an, der athletische Schnauzbart und seine blonde Kollegin, vielleicht wollten sie sich gegenseitig etwas beweisen, vielleicht auch verwechselten sie die Situation mit einem Videospiel, und ich, Max Koller, war ein Alien auf vier Rädern, den sie so schnell wie möglich wegpusten mussten, um den nächsten Level zu erreichen. Was interessierte da ein ›Durchfahrt-verboten‹ Schild?
Ich war bereits einige Häuser weit gekommen, als ich das Martinshorn hinter mir durch die Plöck schallen hörte. Sie ließen also nicht locker. Sie wollten mich haben, unbedingt.
Ich fuhr weiter. Trat in die Pedale, so schnell ich konnte, die linke Hand bremsbereit, denn die Plöck war schmal und belebt. Vor mir stoben drei junge Mädchen auseinander, als ich sie anbrüllte, eine Gruppe behelmter Mountainbiker, die mir entgegenkam, machte bereitwillig Platz. Fußgänger drückten sich unter wütenden Zurufen an die Hauswände. Wenn mir nur kein Lieferwagen mit quadratischer Vorderfront begegnete! Ein kleines Auto dagegen wäre mir gerade recht gekommen: eines, an dem ich knapp vorbei passte, nicht aber meine Verfolger.
Doch da war kein Auto, bloß die Mountainbiker, die Fußgänger, fassungslose Passanten. Sie hörten das Martinshorn, und sie sahen einen Mann auf zwei Fahrrädern, der von einem Streifenwagen verfolgt wurde. Was sie wohl dachten? Ich hatte keine Gelegenheit, dem nachzugehen, denn im nächsten Moment war meine Jagd zu Ende. Es war kein Auto, das mich stoppte, kein Lieferwagen, auch kein überraschter Tourist.
Sondern eine Schule.
Eine Schule und davor 30, 40 Schüler mit Pausengetränk und Kippe. Sie standen einfach da und glotzten in meine Richtung. Wer hatte denn Schulstunden an einem Samstagmorgen? Fatty meinte hinterher, es müsste sich um Nachhilfeunterricht oder ein Blockseminar gehandelt haben, vielleicht auch um ein Theaterprojekt oder Orchesterproben. Egal. Jedenfalls standen sie da, Samstag hin oder her, sie sahen die Gefahr, die sich ihnen näherte, aber sie reagierten nicht. Zumindest nicht schnell genug. Die Ersten ließen ihre Kippe fallen, die Nächsten begannen zu schreien, andere rannten los, wieder andere stolperten ihnen entgegen, sie fielen schon übereinander, bevor ich in sie hineinraste.
Die Katastrophe war unvermeidlich. Ich konnte nicht ausweichen, überall standen sie, diese 14-, 16-, 17-Jährigen, und bis sich so eine träge Meute mal in Bewegung setzt… Kurz vor dem Aufprall, immer noch hoffend, da würde sich eine winzige Lücke auftun, bremste ich. Zu spät.
Ich weiß nicht genau, was geschah. Alles wirbelte durcheinander: die Schreie der Jugendlichen, Sirenengeheul und Bremsenquietschen, ich sah bunte Flecken vor mir, rote, schwarze, blaue, Farbtupfer, die wohl von Schulranzen und Jeansjacken herrührten, ließ mein Rennrad los und tauchte ein in diese gigantische Malerpalette. So ähnlich dürften sich Hippies in ihren Kifferträumen gefühlt haben, beim Sprung in prallbunte, dreidimensionale Halluzinationen, beim Planschen im Innern einer Hammondorgel. Sogar eine olfaktorische Seite hatte dieses Erlebnis: Ein intensives, billiges Parfüm wehte mir um die Nase, schrecklich, mit was sich diese Halbwüchsigen begießen! Dann prallte ich gegen weiche Gegenstände, wurde gebremst von Bäuchen und Brüsten, Schenkeln und Hintern und landete schließlich in einer Hecke, die einen kleinen Spielplatz begrenzte. Dort roch es auch; allerdings nicht mehr nach Parfüm.
Ich schnappte nach Luft und rappelte mich auf. Zwei bleiche Jungs mit Elvis-Tolle starrten mich entsetzt an. In einiger Entfernung quietschten Reifen. Schüler kauerten am Boden, es gab Hilferufe und Tränen, Schulhefte flatterten durch die Luft. Vor mir lag meine rote Mühle, das Vorderrad noch in wilder Drehbewegung. Jemand schrie mich an, einfach so, ohne Sinn und Verstand.
Ich hasse Schule, dachte ich und hob das Rad auf.
Sekundenbruchteile später saß ich wieder im Sattel und setzte meine Flucht fort.
8
Diese Geschichte machte mich bei Maria zum Helden. Einzubilden brauchte ich mir allerdings nichts darauf. Jeder, der sich mit den Bullen anlegt, wird im Gasthaus Zum Englischen Jäger, so heißt Marias Kneipe offiziell, zum Revolutionär erklärt, da gilt schon ein Sozialhilfeempfänger als Robin Hood. Und von Sozialhilfeempfängern wimmelt es bei Maria. Was hier herumlungert, würde so manchem anständigen Heidelberger schlaflose Nächte bereiten: Penner, gescheiterte Akademiker, linke Jugend, Bettler, Punks und Freaks. Aber auch das genaue Gegenteil dieser Kundschaft, nämlich alt eingesessene Heidelberger, deren Horizont exakt vom einen Ende der Bergstraße bis zum anderen reicht, keinen Meter weiter. Hier begegnen einem Gestalten, denen einfach alles zuzutrauen ist, knorrige Fremdenlegionäre mit Tätowierungen am Hals, vernarbt und schweigsam, am selben Tisch friedliche Trottel, die sich abends von ihrem Betreuer ins Heim bringen lassen, außerdem selbsternannte Propheten, Ökofritzen, Aussteiger, Wanderprediger, Hausbesetzer und Ex-Knackis. Alle vereint ein und derselbe schlichte Wunsch: in Ruhe ein billiges Bier zu trinken und über die oberen Zehntausend herzuziehen.
Hier war ich goldrichtig.
Ich traf am Sonntagnachmittag gegen drei ein, um von meinen Abenteuern zu berichten und dem schönen Herbert zu zeigen, wie man Schach spielt. Übrigens gleichzeitig, doch das störte keinen, am wenigsten Herbert. Beim Spielen hat er keine Eile: überlegt, kratzt sich knirschend die Bartstoppeln, überlegt, stopft sich die Pfeife, puhlt in den Zähnen herum, verzieht sich aufs Klo, um dort weiter zu überlegen … Ich quatsche derweil mit Maria, der Glatzköpfigen, bestelle ein Bier nach, lese Zeitung. Irgendwann kehrt Herbert zurück, legt die Pfeife zur Seite, macht eine fatalistische Geste und entschließt sich unter Seufzen und Wehklagen vielleicht zu einem Zug. Je inbrünstiger er dabei jammert, desto sicherer stehe ich vor dem baldigen Matt.
»Die Eröffnung, Max«, lautet sein Lieblingsspruch. »Schon meine Eröffnung war ein Fiasko.« Heute bekam ich ihn dreimal zu hören.
Der schöne Herbert ist zwar nicht schön – angeblich war er das nie –, aber bemerkenswert pessimistisch – das war er schon immer –, und er hat nur einen Arm. Ob das eine mit dem anderen zusammenhängt, wage ich nicht zu beurteilen. Vielleicht hat er als Jugendlicher noch ein wenig fröhlicher in die Welt geblickt, bevor ihm ein Blindgänger den rechten Arm bis zur Schulter abriss. Das war im Jahr 48 in Mannheim-Feudenheim, als er und seine Freunde taten, was alle Jungs ihres Alters taten: Sie liefen durch die Gegend, buddelten in der Erde herum und spielten mit den Gegenständen, die sie fanden. Zwei von ihnen überlebten es nicht, Herbert verlor seinen Arm. Da war er sieben. Aus irgendeinem Grund wurden seine Eltern viel zu spät benachrichtigt, und als er aus der Operation erwachte, war lediglich eine Krankenschwester im Raum, die ihm erklärte, worauf Vater und Mutter bei der Pflege zu achten hätten. Meine Mutter ist verschüttet, sagte Herbert, und mein Vater in Stalingrad vermisst; die Schwester wurde blass, doch eine Viertelstunde später standen Herberts Eltern im Zimmer und verpassten ihm eine Ohrfeige. Warum auch immer.
Herbert erzählt diese Geschichte gerne, um seine Zuhörer zu amüsieren, aber wann er selbst zum letzten Mal herzhaft gelacht hat, weiß keiner. Mit links kommt er prima zurecht, behauptet er. Wird schon stimmen.
Jedenfalls gaben seine langwierigen Denk-, Kratz- und Pfeifenstopfpausen mir Gelegenheit, häppchenweise von meinem heroischen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu berichten. Die halbe Kneipe lauschte aufmerksam: die Schachkiebitze an unserem Tisch, die Alten vom Stammtisch, zwei langhaarige Motorradfahrer an der Theke und natürlich Maria. Außer Hörweite, auf der anderen Seite des Raumes, saßen noch ein knutschendes Pärchen, drei Penner, von denen einer sanft entschlummert war, und ein träger Dicker, der gelangweilt an seiner Limo nippte.
Als ich berichtete, wie meine Verfolger mit Blaulicht, aber gegen die Fahrtrichtung in die Plöck eingefallen waren, gab es kein Halten mehr.
»Sind die jetzt gedopt?«, rief Tischfußball-Kurt begeistert; an der Theke lachten die beiden Motorradfahrer, dass ihre Wampen wackelten. Ein Langer mit Nickelbrille auf der spitzen Nase, den ich für höchstens 35 hielt, stammelte ergriffen: »Wie damals! Wie damals!« und erklärte zu meiner Überraschung, er habe schon 1968 vom Dach der Alten Aula herab zum bewaffneten Kampf und zur Bildung von Bürgerwehren aufgerufen, was ihm drei Wochen Knast eingebracht habe; da wollten die anderen nicht zurückstehen und prahlten mit den 70er-Jahren in Heidelberg, als letztmals Seminare geräumt, Studenten verhaftet und Brandreden gehalten wurden. Der heiße Herbst, jawohl! Berufsverbote, Staatsterrorismus, denen haben wir es aber gezeigt! Das waren noch Zeiten, schrieen die Altrevoluzzer und klopften mir anerkennend auf die Schulter.
Selbst der schöne Herbert lächelte trübsinnig vor sich hin.
»Schon gut«, wehrte ich ab. »Im Grunde wollte ich doch nur, dass die zwei mich nicht kriegen …«
Maria brachte Nachschub an Bier. »Auf die Räterepublik!«, schrie einer. Laune und Umsatz stiegen.
»Und wie ging es weiter?«, fragte Tischfußball-Kurt, der Mann, der sich ausschließlich von Orangensaft ernährt.
Ich erzählte von meiner Flucht durch die Plöck und von den Schulkindern, die mir als Puffer dienten.
»Das ist verdammt typisch«, kommentierte die Nickelbrille. »Typisch für die heutige Jugend. Träge, weiche Masse. Bremst alles ab. Kein revolutionärer Impetus.«
»Na, ich war froh drum«, sagte ich. »Fliege nach der Vollbremsung in hohem Bogen durch die Gegend, links und rechts kippt das Gemüse zur Seite, rennt auseinander, fängt an zu flennen.«
Schade, ich war gerade so schön am Fabulieren. Weiter kam ich nicht, denn nun geschah etwas völlig Unerwartetes. Es war nicht ganz so verheerend wie der Blindgänger von Mannheim-Feudenheim, aber ähnlich eindrucksvoll.
Im ersten Moment hätte ich auf ein fernes Erdbeben getippt. Das Grollen eines geschundenen Planeten, tektonische Verschiebungen unterhalb des Englischen Jägers. Gläser klirrten, Stühle rumpelten, eine leere Flasche fiel zu Boden. Die Revolutionäre an meinem Tisch drehten sich um und hielten den Atem an. Plötzlich wurde es sehr still in der Gaststube.
Das Epizentrum des Erdbebens schien drüben beim Stammtisch zu liegen. Ich bemühte mich, zwischen den Köpfen und Schultern meiner zahlreichen Zuhörer hindurchzulugen. Ohne Erfolg; doch dann tauchte über ihnen ein anderer Kopf auf wie ein Krake aus der Tiefsee. Der Kopf war rot, rund und groß. Es ließ sich erahnen, welche Ausmaße der dazugehörige Körper hatte. Aber als meine zurückweichenden Vorderleute die Sicht freigaben, war ich doch überrascht. Was für ein Klumpen Fleisch! Solange die Stammtischler saßen, achtete man nicht auf ihre Statur, und sie saßen eigentlich immer.
»Was ist los?« fragte ich.
In dem großen Kopf befand sich ein großer Mund, und dieser Mund öffnete sich wie ein Scheunentor. »Du warsch des also«, dröhnte es aus dem Mund. »Du!«
Eine scheppernde Bassstimme, aber es war kein Mann. Es war eine Frau, und sie schwankte, als sie ihren tonnenschweren Leib auf unseren Tisch zu bewegte.
»Du also«, keuchte sie. »Wart du nur …«
»Moment, Moment«, sagte ich.
Ich konnte mir nicht helfen, in diesem Augenblick musste ich an ein Bilderbuch aus meiner Kindheit denken. Es erzählte, wie die Soldaten Alexanders des Großen von den Elefanten der indischen Heere in Angst und Schrecken versetzt wurden. Alles an der Frau war breit und mächtig, ihre Hüfte, ihre Brust, von den Oberarmen ganz zu schweigen. Auf der Oberlippe sprossen dunkle Bartstoppeln, über dem Kehlkopf schaukelte träge ein mächtiges Doppelkinn. Hinter ihr feixten ihre Freunde, diese Clique von Bergstraßen-Mafiosi, die von ihren Mieteinnahmen leben wie die Maden im Speck und sich trotzdem nur Marias billigsten Landwein leisten.
»Du warsch der Dorschgegnallde«, grollte die Naturerscheinung, »vun dem mei Ängelin vazählt hett. Des ahme Schessica!«
»Was? Wie?«, stotterte ich.
»Des ahme Schessica.«
»Jessica?«
Sie rückte näher. Alles, was im Weg stand – Stühle, Tische, Gäste –, räumte sie mit rudernden Armbewegungen beiseite. »Kommt des Mäde geschdern hemm, flennt Rotz unn Wassa unn vazählt vun so nem Beglobbde uffem Rad, wos iwwerfahre hett. Is de ganze Dah nur noch am Flenne, des ahme Ding!«
»Das tut mir sehr leid«, stammelte ich hilflos, »aber …«
»Mensch, er war doch auf der Flucht«, sprang mir Tischfußball-Kurt dankenswerterweise bei. »Die halbe Polizei der Stadt war hinter ihm her.«
»Schessica«, schnaufte die Frau unbeeindruckt, »mei ahmes Schessica« – und schon befand ich mich in Reichweite ihrer astdicken Arme. Sie schien zum Äußersten entschlossen. Meine Revolutionäre wichen zurück, drückten sich an die Wand, und der mit der Nickelbrille hätte fast seine Zigarette verschluckt. Ich war starr wie ein Kaninchen im Scheinwerferlicht. Diese Tonne war doch kein Gegner! Da holte sie auch schon zum Schlag aus. Ich duckte mich, wich zur Seite aus und sprang über ein paar Stühle, bis ich hinter Herbert Deckung fand. Bevor sich entschied, ob mir das Weib nachsteigen würde, trat ihr Maria in den Weg. Und das war keine Selbstverständlichkeit. Denn die glatzköpfige Wirtin war zwei Köpfe kleiner als das tobende Monstrum und dreimal so leicht. Doch die Angst um ihr Mobiliar verlieh ihr Löwenkraft.
»Basta!«, schrie sie. »Schluss jetzt! Boxe kennt ihr drauße, signorina, aber net in meine trattoria. Finito!«
Das half. Marias kurpfälzisch-sizilianischer Mischmasch wirkte wahre Wunder; schnaubend zog sich die Dicke zurück, dann gab es eine Flasche Rotwein aufs Haus, und ein paar Minuten später war das Donnergrollen vorüber.
Wir atmeten auf.
Bewacht von Maria, blieb Jessicas Großmutter folgsam, wenn auch finstere Verwünschungen murmelnd, vor einem winzigen Weinglas sitzen; ringsum meckerten die Stammtischler vor Freude über den gelungenen Auftritt, bohrten in der Nase und fragten sich, wann sie zum letzten Mal so herzlich gelacht hatten. Wir Helden nahmen still an unserem Tisch Platz, die grimmigen Blicke der Alten brannten wie Feuer auf uns. Eine Zeit lang sprach keiner.
Auch ich schwieg. Das war das Ende meiner schönen Geschichte. Selbst wenn sie nach der Fortsetzung verlangten, würde ich sie ihnen nicht erzählen, diesen Hasenfüßen. Räterepublik, von wegen. Dach der Alten Aula, lachhaft. Sie würden nie erfahren, was ich auf dem Bergfriedhof und in der Umkleidekabine der Boutique in der Plöck erlebt hatte. Mich so im Stich zu lassen!
Immer noch herrschte betretene Stille, unterbrochen nur vom Klicken der Feuerzeuge und dem leisen Klirren behutsam abgesetzter Gläser; dann aber merkte ich, dass Herbert in aller Seelenruhe einen Zug getan hatte. Einen verdammt guten Zug. Ich fluchte. Meine Dame war in akuter Gefahr und meine Konzentration dahin.
»Meine Eröffnung«, sagte Herbert entschuldigend. »Wenn die erst mal verkorkst ist, geht nix mehr.«
»Man siehts, alter Jammerlappen«, brummte ich.
Herbert zog nachdenklich an seiner Pfeife, dann nahm er sie aus dem Mund, zeigte auf mein linkes Auge und meinte: »So ganz haben dich die Jessicas dieser Welt aber nicht auffangen können, oder?«
»Die haben halt nicht die Konsistenz ihrer Großmütter«, flüsterte ich zurück. Die Alte am Stammtisch spitzte bestimmt ihre fetten Ohren. Hätte mein prächtiges Veilchen gerne um ein weiteres ergänzt. Oder mir die Nase krumm geschlagen. Ich verzichtete dankend. Lieber flüstern.
Ich machte einen Zug mit dem Springer. Gut war er nicht, aber er lenkte ab. Sollten Herbert und die anderen ruhig denken, ich hätte mir die Schrammen beim Sturz zugezogen. Diese Maulhelden ahnten ja nicht, was man in Heidelberg so alles erlebte.
9
Zumindest erlebte man etwas, wenn man zum falschen Zeitpunkt durch die Plöck raste und auf eine träge Masse von Schulkindern traf. Lauter Jessicas – aber das wusste ich gestern Mittag noch nicht. Ich saß auf meinem roten Fahrrad und schaute mich um. Wer war bloß auf den unglückseligen Gedanken gekommen, die Straße zum Schulhof zu machen? Und wo befanden sich meine Verfolger?
Ich sah sie nicht. Wahrscheinlich hatten sie ihren Wagen rechtzeitig zum Stillstand gebracht und kämpften sich nun zu Fuß durch die Menge. Lange würden sie nicht auf sich warten lassen. Ich schob ein paar Halbwüchsige beiseite, blaffte Mädchen in rosa T-Shirts an – ja, glotzt nur blöd, ich bin ein Meteorit! – und hatte endlich wieder freie Bahn. Von meinem Rennrad keine Spur. Unter so vielen Anstrengungen hatte ich es hierher geschleppt, doch nun musste ich es der Ordnungsmacht opfern. Verdammt ärgerlich war das.
Egal. Ich musste weiter. Rechts und links von mir stob alles auseinander.
Aber ich kam nicht recht vorwärts. Das Hinterrad schien verzogen zu sein, der Reifen schleifte am Rahmen. Eine Folge des Sturzes wahrscheinlich. So ein Mist! Ich biss auf die Zähne, machte unter äußerster Kraftanstrengung ein wenig Boden gut, fuhr an einer Zeitungswand vorbei, wo ich in früheren, besseren Zeiten oft gestanden hatte. Morgen würde ich wieder dort stehen: in der Zeitung.
Aber noch war ich frei und unerkannt. Ich fluchte, ich kämpfte, ich schwitzte – und brachte mit Mühe einen guten Steinwurf zwischen mich und die Unglücksstelle. Dann verfehlte mein linker Fuß die Pedale, und ich stürzte hin. Ich rappelte mich sofort wieder auf, aber nun blockierte das Hinterrad vollständig. Was tun?
In diesem Moment kam mir zum ersten Mal ein Auto entgegen; kein Kleinwagen, sondern eine schwarze Geländemaschine mit Breitreifen und Stoßstangen, die dir auf Safari einen ausgewachsenen Elefanten weghauen. Sehr langsam fuhr der Jeep, zögerlich fast. Das kam mir gerade recht. Ich packte mein Rad, warf es in eine Hofeinfahrt, wartete, bis der Wagen an mir vorübergeschlichen war, und schlüpfte, hinter ihm Deckung suchend, in das nächstbeste Geschäft. Eine helle Klingel ertönte.
Dann war endlich Ruhe.
Wohltuende Ruhe.
Als sich die Ladentür sanft schloss, hielt ich mich irgendwo fest und atmete erst einmal tief durch. Ließ die Lungenflügel arbeiten wie ein vorm Ertrinken Geretteter. Wenn die Rettung auch nicht von Dauer war: Wenigstens diese eine Tür befand sich zwischen mir und meinen Verfolgern. Hier war das Paradies. Fehlte nur noch der Engel mit dem Flammenschwert, der den beiden Uniformierten den Eintritt verweigerte. Oder eine Schlange oder ein Teufel, egal.
In meinem Paradies, immerhin, musste man nicht nackt herumlaufen. Nicht ganz jedenfalls. Da gab es Blusen, T-Shirts, Unterwäsche, Dessous … eine Damenboutique. Klassische Musik rieselte aus Deckenlautsprechern. Vor einem hohen Spiegel stand eine schlanke Verkäuferin neben einer weniger schlanken Kundin. Sie nickte mir geschäftig zu.
»Meinen Sie?« fragte die Kundin. »Ich weiß nicht. Ich bin wirklich verunsichert. So kann ich meinem Mann nicht kommen.«
Ich ging nach hinten und betrat eine Umkleidekabine. Ohne Kleidungsstück, aber es war ja auch eine Damenboutique. Ich zog den Vorhang vor und ließ mich auf einen gepolsterten Hocker fallen.
Jetzt trennten mich eine Tür und ein Vorhang vom Rest der Welt.
Was soll ich groß erzählen? In solchen Momenten, in denen die Spannung halbwegs von einem abfällt und Furcht an ihre Stelle tritt, ereignet sich nicht viel Berichtenswertes. Ich saß auf diesem blöden Hocker und starrte gegen den dunkelroten Vorhang. Er bewegte sich leicht im Luftzug. Die Stimme der Kundin drang gedämpft zu mir.
Ich saß da und wartete. Ganz ruhig. Mein Hintern wärmte den Hocker, der Hocker war gepolstert. Meine Füße standen flach auf dem Boden, schön parallel nebeneinander, wie es sich für Füße gehört. Ganz ruhig. Die Knie rechtwinklig, die Unterarme auf den Oberschenkeln, die Hände gefaltet. Ich wartete. Den Kopf hielt ich ein wenig gesenkt, ich starrte auf eine Stelle des Vorhangs, die sich annähernd einen Meter über dem Erdboden befand. Nein, eher weniger, ich will nicht übertreiben. Vielleicht 85 Zentimeter. Es käme auf meine Entfernung vom Vorhang an, das heißt auf die Entfernung des Hockers, an dessen Platzierung ich nichts geändert hatte, und somit auf die meiner Augen vom Vorhang. Wäre diese Entfernung bekannt, könnte man mithilfe einer einfachen Winkelgleichung – natürlich flösse meine spezifische Kopfneigung mit in die Rechnung ein – die Höhe jener Vorhangstelle exakt ermitteln. Ich will nicht für kleinkariert gelten, aber mir liegt an der korrekten Beschreibung meiner Haltung, denn sie soll verdeutlichen, dass ich mich in diesen Minuten nicht mehr rührte als der Schlussstein der Alten Brücke und dass ich rein äußerlich vom Inventar der Boutique nicht zu unterscheiden war.
Die Betonung liegt auf äußerlich.
In meinem Kopf hingegen spielte ein halbes Dutzend Kinos lauter verschiedene Filme zur gleichen Zeit ab, und sie brachten mich beileibe nicht alle zum Lachen. Einige Horrorszenarien waren auch dabei. Ich sah vermummte Polizisten mit gezogener Dienstpistole durch die Plöck hasten, Haustüren aufbrechen, in Megaphone brüllen, harmlose Passanten links und rechts gegen die Wand schleudern. Ich hörte das Trommeln ihrer Stiefel auf dem Asphalt. Sie wurden immer mehr und mehr, Mannschaftswagen, grüne Minnas kamen von allen Seiten, spuckten Hundertschaften aus, MGs im Anschlag, Helikopter kreisten, Gullydeckel hoben sich, Laternenmasten fingen an loszuballern. Polizeihunde schnüffelten hechelnd herum, schlugen bei meinem Rad an, fanden meine Fährte, hetzten in Richtung Boutique, wo sich zwei Frauen ängstlich hinter dem Ladentisch verkrochen.
Draußen blieb alles ruhig. Ich blieb ganz ruhig.
Ich wechselte das Kino. Ein anderer Film: kleines Fernsehspiel. Alle meine Freunde kamen darin vor, sie formierten sich zum Chor einer griechischen Tragödie und riefen gemeinsam: Du verdammter Idiot!
Ich schwieg, denn ich wusste, sie hatten recht.
Du verdammter Idiot! hallte es durch meinen Schädel, welcher Teufel hat dich geritten, eine Verfolgungsjagd mit der Polizei anzuzetteln? So etwas darf einem Privatflic einfach nicht passieren. Darf es nicht, Max! Deinen Job kannst du an den Nagel hängen. Oder such dir eine andere Stadt. Hier kommst du auf keinen grünen Zweig mehr, zieh Leine.
Vielleicht … vielleicht finden sie mich ja nicht.
Kennst du eine griechische Tragödie mit Happy End? – Ich sah meine Ex-Frau mitten in dem Chor stehen; sie blickte am vorwurfsvollsten von allen.
Ich kenne überhaupt keine griechische Tragödie. Außerdem sind wir hier in Heidelberg.
Vergiss es, Max. Die Geschichte mit dem Toten auf dem Bergfriedhof kannst du abhaken, ein für allemal. Außer Spesen nichts gewesen. – Abgang Chor zur Seite.
Ganz ruhig. Ein Zeh meines linken Fußes juckte ein wenig. Ich rührte mich nicht. Sie hatten ja recht. Es war vorbei. Außer Spesen nichts gewesen. Nix, absolut nix gewesen. Nur gelesen, die Besen, der Tresen. Im Senegal wohnen die Senegalesen. Und wer wohnte auf dem Bergfriedhof? Keiner, der sich reimte.
Ich horchte. Das Spielfilmchaos in meinem Kopf verebbte. Der Abspann lief.
Ganz, ganz ruhig.
Okay, noch hatten sie mich nicht, und vielleicht gab es eine kleine Chance, unerkannt hier herauszukommen. Aber sie brauchten bloß meine beiden Fahrräder zu finden, schon war ich geliefert. Das Rennrad trug eine registrierte Seriennummer.
Draußen ging die Türklingel.
Ich lauschte angestrengt. Es war nichts Deutliches zu vernehmen: zwei, drei leise Stimmen vielleicht. Nach bewaffneten Hundertschaften hörte sich das nicht an.
Der Vorhang bewegte sich wieder sachte. Ich hob zum ersten Mal nach langer Zeit den Blick und ließ ihn langsam, sehr langsam den dunkelroten Vorhang hinaufwandern. Einen Zentimeter, noch einen Zentimeter … Bis ich meinen Kopf gerade hielt.
Die Minuten verstrichen. Nichts passierte, nichts war zu hören. Totenstille.
Was war da los? Stand die geballte Staatsmacht der Bundesrepublik Deutschland mit Gewehr im Anschlag vor dem Geschäft und wartete, bis ich auftauchte? Unsinn. Ich sah zu viel fern. Es herrschte Stille in der Boutique, es herrschte Stille vor der Boutique, und der naheliegendste Grund hierfür war der, dass mich meine übermotivierten Verfolger aus den Augen verloren hatten. Entweder tappten sie immer noch verzweifelt durch das Labyrinth aus Schulkindern, oder mein simples Manöver mit dem Geländewagen hatte gefruchtet. Vielleicht gelang es mir sogar, meine Fahrräder zu retten. Es bestand also noch Hoffnung.
Ich wartete. Nun juckte auch ein Zeh rechts.
Nach endlos langer Zeit, in der wirklich überhaupt nichts passierte – was war eigentlich mit der dicken Kundin? –, nach quälend leeren, ereignislosen Minuten entschloss ich mich, mein Versteck zu verlassen. Der Entschluss war das eine. Es dauerte aber fast noch einmal so lange, bis alle meine lädierten Körperteile, von den juckenden Zehen bis zum brummenden Schädel, sich bereit und willens zeigten, diesem Entschluss Folge zu leisten.
Und dann war es so weit: Langsam schob ich den roten Vorhang einen klitzekleinen Spalt zur Seite.
Als Erstes traf mein Blick auf einen kurzen blauen Rock, der zwei Meter entfernt an einem Kleiderbügel hing. Das freute mich. Was ich als Nächstes sah, freute mich weniger. Zugegeben, es war nur ein kurzer freudloser Moment, aber der hatte es in sich.
Für den Bruchteil einer Sekunde erkannte ich deutlich und klar eine Faust vor meinen Augen. Eine Faust: geballt und kräftig und bereit zuzuschlagen.
Der Vorhang dämpfte den Schlag minimal; mit einem Seufzen sank ich in mein Versteck zurück und fiel gegen den gepolsterten Hocker.
10
Die Küchentür des Englischen Jägers öffnete sich. Ein Tablett, auf dem sich etliche Portionen Pommes frites türmten, wurde hereingetragen; dahinter glänzte der kahle Schädel der Wirtin. Maria musste ihre kurzen Arme ganz ausstrecken und das Kreuz durchbiegen, um unter ihrer Last nicht zusammenzubrechen. Sie zwängte sich durch den engen Gast-raum, am voll besetzten Stammtisch vorbei, verscheuchte einen Langhaarigen, der im Weg stand, schob einen Stuhl mit der Hüfte zur Seite, verlor unterwegs aber nicht ein einziges Pommes-Stäbchen. An unserem Tisch stellte sie das Tablett ab und verteilte die Portionen.
»Ketchup«, sagte Tischfußball-Kurt. »Nicht Mayo, verdammt.«
»Cool«, strahlte der mit der Nickelbrille.
Jeder am Tisch bekam seine Portion. Der eine ertränkte sie in Mayonnaise, der andere bestellte Salz nach. Und natürlich Bier, wegen des Salzes.
»Ich auch ein Bier.«
»Weizen. Kannst gleich zwei bringen. Aber nacheinander.«
»Orangensaft«, bellte Tischfußball-Kurt. »Ohne Eiswürfel, verdammt.«
»Mensch, Maria«, sagte der schöne Herbert, »deine Portionen waren auch schon mal größer.«
Das stimmte natürlich nicht. Marias breite Pizzateller werden immer bis zum Rand gefüllt. Ihre Pommes-frites-Portionen sind Legende, und daran wird sich so schnell nichts ändern. Das wusste auch Herbert, und deshalb zeigte sich zum ersten Mal so etwas wie Zufriedenheit auf seinem trübsinnigen Antlitz, was er durch seinen Kommentar zu verbergen suchte. Er schnappte sich zwei Pröbchen Ketchup, die Maria in die Mitte des Tischs geworfen hatte, bevor Tischfußball-Kurt sie alle einheimsen konnte, und vergaß für einen Moment sein geliebtes Schachspiel. Kurt moserte noch ein wenig herum, doch seine Lippen glänzten bereits fettig.
»Ich würd auch noch eins nehmen«, sagte ich und hielt Maria mein leeres Bierglas hin. Nickend und stumm die Bestellung memorierend, zog sie sich zurück.
Ich sah ihr nach. Manche Dinge werde ich nie verstehen. Warum tut diese Frau das alles? Warum ist sie so, wie sie ist? Jeden Tag 15 Stunden in einer schäbigen, verqualmten Kneipe, kein Ruhetag, eine Woche Urlaub über Weihnachten, die Klientel fragwürdig, der Verdienst minimal. Einer wie Maria würden die Neuenheimer Wohlstandsbürger nicht einmal die Hand schütteln wollen. Sogar ihre Kundschaft vorne am Stammtisch verachtet sie und kommt nur wegen der günstigen Preise. Maria ist Sizilianerin, sie hat eine Glatze, spricht schlecht Deutsch, und wenn sie irgendwann einmal aufgibt, wird der Englische Jäger sofort in eine Tapas-Bar oder einen Sushi-Treff verwandelt.
Aber sie gibt nicht auf. Für die unteren Einkommensklassen hat die kleine Frau mehr getan als alle Sozialgesetze der letzten 10 Jahre. Sie ist es, die Heidelbergs dritten Stand vor dem Hungertod bewahrt. Inflation, Erhöhung der Mehrwertsteuer, explodierende Preise, sinkendes Durchschnittseinkommen … na und? Marias Fritten kosten immer noch das, was sie kosteten, als ich nach Heidelberg kam. Nur, warum das so ist, konnte mir noch niemand erklären. Weil Maria zum Samariterorden gehört? Weil sie die Gesetze der Marktwirtschaft nicht kapiert hat? Weil sie schwer von Kapee ist? Vielleicht. Nichts davon ist auszuschließen. Vielleicht aber auch, weil sie weiß, dass ihr die paar Cent, die sie ihren Quartalstrinkern und all den anderen Angeschwemmten aus den löchrigen Taschen ziehen könnte, nicht weiterhelfen würden. Oder weil Menschen wie Maria grundsätzlich auf der Verliererseite des Lebens stehen. Ich fände das sympathisch.
Denn, wie es der Zufall will, da stehe ich auch. Kein Mitleid, bitte schön, man muss den Tatsachen ins Auge sehen. Als ich einmal vor der Wahl stand, mit dem attraktivsten Mädchen des Landkreises zum Abschlussball der Tanzstunde oder ohne sie zu einem Europapokalspiel des 1. FC Kaiserslautern zu gehen, baute sich meine Mutter mächtig vor mir auf und fragte mich mit bebender Stimme: Willst du denn ewig auf der Seite der Verlierer stehen, Max? Ich verstand damals nicht, was sie meinte. Die Roten Teufel aber schieden zu Hause gegen eine dieser Knochenbrechermannschaften aus dem Ostblock aus – welche war es noch? Steaua Bukarest? Universitatea Craiova? –, und ich stand heulend in der Westkurve, über die gerade ein Wolkenbruch niedergegangen war. Mein Vater hatte sich an diesem Tag nicht eingemischt, weil er ein grauenhafter Tänzer war und mich als Fünfjährigen in die Kultstätte Betzenberg eingeführt hatte. Seine Stunde schlug zwei Jahre später, als ich durchs Abitur rasselte. Der Sohn eines Pfarrers, und wegen Latein durchgefallen! Das traf ihn tief.
Es traf ihn so sehr, dass er mir wohl am liebsten eine gescheuert hätte. Ich war nämlich zu spät und übernächtigt zur entscheidenden Klausur erschienen und hatte deshalb die nötige Punktzahl verfehlt. Dann aber kam meinen Eltern zu Ohren, dass ich die Nacht vor der Prüfung im Hause des Gemeindebibliothekars, dessen Tochter als läufiges Mädchen galt, zugebracht hatte; und schon regte sich in meinem Vater (der vor seiner theologischen Laufbahn ein echter Schwerenöter gewesen war) ein klein wenig Verständnis für seinen triebgesteuerten Sohn, auch wenn er es nicht zugab. Wieder etwas später jedoch machte ein neues Gerücht die Runde, und dieses besagte, dass es mein bester Freund jener Zeit, unser Schulsprecher, gewesen war, der sich mit dem Mädchen vergnügt hatte, während ich mit ihrem Bruder, dem Sohn des Gemeindebibliothekars also, bis zur Morgendämmerung im Hobbykeller gesessen und gekifft hatte, was die Lunge hergab.
Als mein Vater das hörte, zitierte er mich, schwer getroffen an Körper und Seele, in sein Arbeitszimmer. Er wies auf die vergilbten Fotos, die über seinem Schreibtisch hingen: Schau dir unsere Vorfahren an, sagte er. Sie alle waren Meister darin, erfolglos, nutzlos, verantwortungslos durchs Leben zu stolpern, und nun hast du dich ihrer als würdig erwiesen.
Wieso?, fragte ich. Haben die auch gekifft?
Max, antwortete mein Vater ernst, und man sah, wie schwer es ihm fiel, die richtigen Worte zu finden. Max, sagte er, über unserer Sippe liegt ein Fluch, glaub mir das. Ein Fluch. Wer den Namen Koller trägt, den hat das Schicksal zum Verlierer bestimmt.
Sicher, mein Vater ist Pfarrer, und er hielt sich für die einzige Ausnahme seines unglücklichen Geschlechts. Trotzdem habe ich damals nicht über seine pathetischen Worte gelacht, und genauso wenig lache ich heute darüber. Das Abi holte ich im Folgejahr nach, aber auch das änderte nichts. Leute wie ich mögen schneller sein als ein Streifenwagen, dem Fluch entkommen sie nicht.
Ich betrachtete die Schachfiguren vor mir. Die Partie stand auf Messers Schneide. Meine Türme waren zur Bewegungslosigkeit verurteilt, dafür wurde es für Herberts Dame allmählich eng. Es war ein gutes Gefühl, vor dem Schachbrett sitzen und in Ruhe ein Bier trinken zu können, ein gutes Gefühl, dem Chaos in der Plöck entronnen zu sein – aber was hiervon war mein Verdienst? Was hatte ich dazu beigetragen? Hier lief doch ein Spiel, dessen Regeln mir keiner mitgeteilt hatte. War ich ein Turm, ein Springer? Oder reichte es mal wieder nur zu einem Bauern?
Der schöne Herbert verzog sein Gesicht zu einer leidenden Grimasse. Nun konnte es nicht mehr lange dauern, bis er mich matt setzte.
Ich befühlte meine linke Augenpartie. Der Bluterguss über dem Jochbein schmerzte. Es war dreist gewesen, mir in diesen Damenwäscheladen zu folgen und so lange vor der Umkleidekabine zu warten, bis ich aus einem Vorhangspalt herauslugte. Wer tat so etwas? Wer konnte so kräftig und präzise zuschlagen? So präzise, dass ich nicht ohnmächtig geworden war, sondern nur eine Weile bewegungsunfähig auf dem Boden herumgelegen hatte, wie in dicken, wattierten Nebel eingehüllt. Während ich vor mich hinstöhnte, waren in der Ferne gedämpfte Frauenstimmen und das helle Bimmeln der Türklingel zu hören.
Und dann? Irgendwann gelang es mir, mich aufzurappeln. Ich stellte den Hocker wieder hin und ließ mich auf ihn fallen. Rücken und Kopf an die Wand gelehnt, stöhnte ich ein Weilchen weiter, betastete die schmerzenden Stellen und versuchte einen Sinn hinter all diesen absurden Handlungen zu entdecken. Warum hatten es plötzlich alle auf mich abgesehen? Ein Silberrücken mit Pfefferspray, zähnebleckende Streifenpolizisten, ein geheimnisvoller Boxer. Liefen nur noch Verrückte durch die Stadt? War zu viel Testosteron in der Luft?
Es blieb bei diesen stummen Fragen. Keiner antwortete, keiner half mir. Ich richtete mich auf, setzte zwei wacklige Beine in Bewegung, torkelte an der Verkäuferin vorbei und trat hinaus auf die Straße.
Alles ruhig. In der Hofeinfahrt gegenüber lag mein rotes Fahrrad.
Eine halbe Stunde später war ich zu Hause.
»Jaja«, brummte Herbert von der anderen Seite des Schachbretts. »Jaja, schau, schau.« Er wusste längst, dass er das Spiel gewonnen hatte. Zugeben würde er es nicht. Denk doch nur, Max, bei der Eröffnung, bei dem Katastrophenbeginn … Wie soll man da erwarten, dass am Ende … Da hab ich aber noch mal Glück gehabt.
Gegen Herbert zu verlieren, ist keine Schande. Ich machte einen Verlegenheitszug.
Wir saßen zu sechst am Tisch. Die revolutionäre Brigade hatte sich verzogen, nur der lange Nickelbrillentyp leistete uns noch Gesellschaft, unterhielt sich aber hauptsächlich mit seinem Schnaps. Ihm gegenüber kraulte Tischfußball-Kurt seine beiden Dackel, flankiert von einem Intellektuellen mit grauem Rauschebart und einem Zimmermann auf Wanderschaft, der seinen Mund nur für einen gelegentlichen Rülpser öffnete. Maria hatte ein waches Auge auf den Koloss am Stammtisch, während im Hintergrund die drei Penner Skat kloppten; das knutschende Pärchen und der Dicke mit der Limo hatten sich nicht von der Stelle gerührt. Die Teller mit den Pommes frites wurden mit atemberaubender Geschwindigkeit geleert.
Was sich genau auf dem Bergfriedhof abgespielt hatte, hatte ich meinen Zuhörern verschwiegen. Es genügte, wenn sie wussten, dass mich ein namenloser Geldprotz erst beauftragt und dann in die Wüste geschickt hatte – was meinen Glauben an die Menschheit derart erschüttert hatte, dass ich mich mit zwei Fahrrädern gleichzeitig vom Schlossberg hinunter in die Stadt gestürzt hatte. Nachfragen wehrte ich ab. Tut mir leid, Leute, die Sache ist heikel. Ihr wisst ja, als Privatdetektiv … Man kommt da mit unschönen Dingen in Kontakt. Ja, das verstanden sie im Englischen Jäger.
»Okay, Herbert«, sagte ich kurz darauf und kippte meinen König mit dem Zeigefinger um. »Das wars.« Soeben verließ Jessicas Großmutter die Kneipe, nicht ohne mir einen drohenden Blick zuzuwerfen.
»Ach, komm«, machte Herbert enttäuscht. »Schon aufgeben? Schau dir mal deinen Turm da an. Und die zwei Bauern.« Wollte mich noch ein wenig zappeln lassen, der einarmige Bandit.
»Vergiss es. Bin heute nicht bei der Sache. Außerdem brauche ich eine Auskunft von euch.« Ich winkte Maria heran, um ihr und den anderen meinen Auftraggeber so ausführlich wie möglich zu schildern. Beschrieb sein Auftreten, seine Kleidung, seine Stimme und natürlich seinen Wagen. Ahmte seine Haltung nach, seinen Gang, seine Gesten.
»Und? Habt ihr eine Idee, wer das sein könnte?«
»Nee«, sagte Herbert.
»Könnte jeder sein«, rief Tischfußball-Kurt. »In Neuenheim jeder.«
»Aber nicht jeder fährt so einen Wagen. Absolut auffällig, die Karre.«
Einhelliges Achselzucken. Kopfschütteln.
»Überlegt doch mal: so ein satter Rentner, könnte hier um die Ecke wohnen. Ehemaliger Großverdiener, Expolitiker, Manager, Ehrendoktor … na, dämmert euch was?«
Nichts dämmerte. Auch Maria schüttelte den Kopf. »No«, sagte sie. »Nie gesehe, Max.«
»Moment«, sagte der Intellektuelle mit dem Rauschebart. Er hört auf den schönen Namen Leander und ist allgemeiner Einschätzung nach zu gut für diese Welt. »Moment.« Dann schwieg er.
»Wie, Moment?«, fragte ich.
Er sah mich aus wasserblauen Augen an. Sagte aber keinen Ton.
»Was ist? Kennst du den?«
»Ich überlege«, antwortete er würdevoll.
Herbert machte eine abwehrende Geste und trank sein Bier aus. Ich blickte Leander auffordernd an. Er behauptete zu überlegen, sah aber nicht danach aus. Sah eher aus, als durchforste er die Mundhöhle mit der Zungenspitze nach Pommesresten.
»Ich bin ganz Ohr«, meinte ich. Immer freundlich.
Er nickte. Dann kniff er die Augen zusammen und fragte: »Wie, sagtest du, heißt dein Mann?«
»Welcher Mann? Der, den ich suche?«
»Ja.«
»Ich weiß nicht, wie er heißt. Das versuche ich gerade herauszufinden.«
»Ach so. Verstehe.«
Jetzt schwiegen wir beide. Er musterte mein lädiertes Auge.
»Aber hast du nicht eben …?«, begann er, sah sich hilfesuchend am Tisch um und schnappte nach Luft. »Hast du nicht … geht es nicht um diesen Professor?«
»Was für ein Professor?«
»Na, dieser Soziologie …«
»Soziologieprofessor? Ein Soziologe?«
»Nein, ein … ein Professor der Soziologie, der …«
»Der was?«
»Nicht so hektisch, Max«, warf Tischfußball-Kurt ein und hob einen seiner Dackel auf den Schoß, um ihn abzuknutschen.
»Ja, schon gut. Also, Leander, was für ein Professor?«
»Der mit dieser Villa oben am Philosophenweg … diese schöne Villa … mit der schönen Frau drin …«
»Ach, der«, sagte Herbert. »Fehlalarm, den kenne ich. So’n Männchen mit Halbglatze. Keine ein Meter 60 hoch.«
Leander fing an zu zittern. »Aber seine Frau, eine schöne Frau ist das. Und in der Garage ein Boot, das weiß ich genau.«
»Ja«, sagte Herbert.
»Ein schönes Boot …«
»Schon gut«, meinte ich.
»Damit fährt er jedes Jahr nach Irland, an die Westküste, um zu diesen Inseln im Atlantik, diesen … diesen schönen Inseln …, und zwar mit seinem Boot …« Leanders helle Stimme kippte ins Schrille, als er den längsten Satz, den er an diesem Abend begonnen hatte, nicht zu Ende brachte.
»Jaja«, nickten wir und tätschelten beruhigend seine Hand.
»Seine Frau ist auch dabei«, sagte er abschließend und hatte den Satz also doch noch fast zu Ende gebracht.
»1,58«, murmelte Herbert. »Höchstens.«
»Tut mer leid«, sagte Maria. »Kenn den Mann net.«
Dann ließ Tischfußball-Kurt plötzlich eine Faust auf den Tisch krachen, dass der Dackel auf seinem Schoß jaulend das Weite suchte.
»Verdammt, ich habs«, rief er. »Du musst den Schorsch fragen, Max.«
»Schorsch? Welchen Schorsch?«
»Welchen Schorsch?« Er sah mich an, als hätte ich ihn gefragt, wo sich die Öffnung einer Bierflasche befindet. »Den Ungarn natürlich!«
»Er meint György«, erklärte Herbert. »Den Rennfahrer.«
»Ja, verdammt, dann halt György, elender Besserwisser!«
»Ach so, György«, sagte ich. »Der Ungar.«
»Sag ich doch die ganze Zeit. Beziehungsweise der Sohn vom Schorsch.« Er fuchtelte mir mit dem Zeigefinger vor den Augen herum. »Schorschs Kleiner, der Dings, na, wie heißt der Depp gleich?«
»Ah, Francesco«, half Maria. Sie warf einen Blick auf die fast blinde Uhr über dem Durchgang zur Küche. »Sì, sì, komme gleich her. Le due. Giorgio e Francesco.«
Dann eben Giorgio e Francesco. Oder Schorsch und Franz. Je nachdem, ob man wie Maria aus Piazza Armerina stammt oder wie Kurt aus Ilvesheim. Im Prinzip sprechen sie alle die gleiche Sprache.
»György«, wiederholte ich. »Das ist doch dieser Typ, der schon ewig hier lebt, nicht wahr? So ein Kurzer, Zappeliger?« Ich kannte den Mann nur flüchtig. Kleine Kanonenkugel nannten sie ihn im Englischen Jäger.
»Und ein Schwätzer vor dem Herrn«, nickte Tischfußball-Kurt. »Wenn alle Ungarn so sind, will ich da nie hin. 1956 hat er rübergemacht.«
»In den goldenen Westen«, brummte Herbert und verdrehte die Augen.
»Richtig, in den goldenen Westen, und seitdem sitzt er da und quatscht dich voll.«
»Und sein Sohn?«
»Der Franz?« Kurt zündete sich eine Zigarette an. »Also, der Franz ist ein Depp. Volldepp.«
»Was heißt das, ein Depp?«
»Na, wie würdest du das nennen, wenn einer ein bisschen gaga ist? Leicht gestört, plemplem, ein Idiot eben.«
»Ein Depp«, nickte Herbert.
»Aber völlig fanatisch, was Autos angeht«, ergänzte Kurt.
»Ach so. Jetzt kapiere ich.«
»Der Junge kennt jeden Wagen in Heidelberg«, sagte Kurt begeistert und aschte versehentlich in Herberts Bier. »Und wenn ich sage jeden, dann meine ich jeden. Der leiert dir die Seriennummern aller Neuzulassungen runter. Ohne Punkt und Komma. Ein Depp, aber ein Zahlenwunder. Max, der verrät dir, wo dein BMW steht, bevor du piep sagst. Und den Kilometerstand gleich dazu.« Seine beiden Dackel kläfften zustimmend. Er nennt sie Coppick und Hansen, nach zwei berühmten Gladbach-Spielern aus den 70ern, wie er behauptet. Komisch; hießen die nicht Köppel und Jansen? Egal. Jedenfalls verdankte ich Kurt den Tipp mit György und seinem Sohn.
Gut, dann hieß es also nur noch warten. Gedankenverloren schaute ich Coppick und Hansen zu und betastete mein schmerzendes Veilchen. Vielleicht war ein Depp aus Ungarn der erste Hauptgewinn in diesem Spiel.
Es wurde allmählich auch Zeit.
11
Bevor ich mich aufmachte, den Sonntagnachmittag im Englischen Jäger zu verbringen, hatte ich meinen Freund Marc Covet angerufen. Für einen Lokaljournalisten wie ihn musste die Identifizierung meines anonymen Auftraggebers doch ein Klacks sein.
Dem Journalismus widmet Marc allerdings nur die eine Hälfte seiner Aufmerksamkeit, die andere gilt dem Trinken. In beiden Arbeitsgebieten ist er zu Höchstleistungen fähig, bewundert von Chefredakteuren und Kneipiers, gefürchtet von der Konkurrenz. Es hat schon viele gegeben, die ihn aus der Redaktion schreiben oder unter den Tisch saufen wollten und grandios scheiterten.
Außerdem, was heißt das schon: trinken? Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, sich Flüssigkeiten hinter die Binde zu kippen, dass man sie keinesfalls über einen Kamm scheren sollte. Im Englischen Jäger kann man einige von ihnen studieren. Da gibt es den Quartalstrinker und den Dauertrinker, den Gelegenheits- und den Anlasstrinker. Manche trinken Marias Roten, weil er ihnen schmeckt, den alt Eingesessen von der Bergstraße schmeckt er nicht, aber ihr Geiz lässt ihnen keine Wahl. Die einen trinken mit schlechtem Gewissen, die anderen mit gutem. Der schöne Herbert behauptet, er trinke nur, damit Maria einen Verdienst habe; fehlt nur noch, dass Maria eines Tages sagt, sie betreibe ihre Kneipe bloß, damit wir was zu trinken hätten. Mein Freund Fatty gehört zu den Leuten, die sich ein Besäufnis vornehmen wie einen Theaterbesuch; sie schauen in den Kalender, suchen sich einen günstig gelegenen Freitag aus und streichen ihn rot an: Hoch die Tassen! Ich selbst würde mich eher als einen Bauchtrinker bezeichnen, der dann zum Alkohol greift, wenn es die innere Stimme befiehlt. Selbst wenn sie es mitten in der Woche um 10 Uhr morgens befiehlt. Ob das ein Laster ist, sollen andere entscheiden. Christine machte einmal eine Andeutung in diese Richtung, da verwies ich nur auf Tischfußball-Kurt, der niemals Alkohol trinkt. Nie! Dafür Orangensaft in rauen Mengen, pur, als Schorle, im Müsli, auf Vanilleeis, mit Früchten. Grauenhaft.
Bei Marc ist das alles anders. Marc trinkt äußerst ernsthaft, nicht einfach zum gelegentlichen Vergnügen oder nebenher, sondern gründlich, mit Vorsatz und Kenntnis, wie einer, der Bodenproben in einem Naturschutzgebiet nimmt. Bier lässt er in der Regel links liegen, Wein reichen sie ihm bei den zahlreichen Empfängen und Premieren, die er besuchen muss; seine Leidenschaft aber gilt schärferem Zeug, Whisky, Grappa, Aquavit. Über schottische Brennmethoden und französische Destillationstricks weiß er alles. Bevor der Absinth wieder in Mode kam, hielt Marc Covet als einziger Heidelberger – man verzeihe die Formulierung – dessen Fahne hoch. Nicht ohne Eitelkeit übrigens, denn Covet ist ein verdammt selbstgefälliger Snob. Macht gerne einen auf Zyniker und Kunstkenner; und wenn sich in der Nähe ein Weiberrock blicken lässt, läuft er zur Hochform auf: Showmensch Marc Covet. Seine größte Rolle allerdings spielt er, wenn er sich selbst nachahmt. Covet imitiert Covet und lacht sich darüber kaputt: wie er säuft, wie er seine Marotten pflegt, wie er sich über Gott und die Welt beklagt. Alle Achtung, diese Fähigkeit haben nur wenige.
Wahrscheinlich muss er deshalb so viel trinken.
Wie auch immer, attraktiv ist der Mann. Und er weiß das. Rennt Woche für Woche zum Friseur, um diese Attraktivität zu bewahren; sein Bart ist stets auf dieselbe Millimeterlänge gestutzt, seine Lockenpracht immer in dem gleichen satten kastanienbraunen Ton gehalten. So etwas schafft Eindruck. Sein Friseur säuft übrigens auch. Reine Schutzmaßnahme, sagte Marc, als ich ihn wieder einmal wegen seines Schönheitswahns und seines notorischen Durstes aufzog; Präparation von innen und von außen, um gegen die Hässlichkeit dieses Lebens gefeit zu sein. So sagte er und schaute ungewöhnlich ernst drein, aber ich glaubte ihm nicht.
Auch Marc Covet gelang es nicht, die Identität des Pfeffersprayers zu lüften. Dabei kennt er nach eigener Aussage und nach der seines Chefs jeden Stein in Heidelberg, jeden Einwohner, der einmal in der Zeitung gestanden oder einen zähnebleckend aus dem Lokalteil angegrinst hat, kennt sämtliche Affären, jedes Getuschel, jeden Klatsch. Er weiß, was politisch gespielt wird und wer sich mit wem über wen oder was zerstritten hat. Marc Covet ist, mit einem Wort, der Chronist unserer Epoche. Noch ein Grund für seine Sauferei.
Und ein Grund für seinen Arbeitgeber, über seine Eskapaden hinwegzusehen. Zur einzigen Heidelberger Tageszeitung, den stockkonservativen Neckar-Nachrichten, hatte es bis in die 90er-Jahre hinein eine ernst zu nehmende, wenngleich ideologisch kaum unterscheidbare Konkurrenz gegeben; man befehdete sich nach Kräften, und die härtesten Kämpfe wurden auf den Lokalseiten ausgefochten. Irgendein pfiffiger Schreiberling der Neckar-Nachrichten hatte eines schönen Tages die Idee, den jungen Covet in die Lokalredaktion zu berufen, und kurz danach machte das andere Blatt dicht. Es wird nicht allein an dem neuen Redakteur gelegen haben, aber mitentscheidend war dieser Schachzug schon. Marc ist Perfektionist, sein Stil unnachahmlich, und was er schreibt, ist gründlicher recherchiert, stichhaltiger, aktueller als der Rest der Zeitung. Vor allem aber haben seine Beiträge jenes gewisse journalistische Etwas: eine Mischung aus distanzierter Anteilnahme, kumpeligem Schulterschluss und kauziger Selbstironie – Eigenschaften, die sich, so könnte man meinen, ausschließen. Nicht bei Marc Covet. Er hätte ein Lokalblatt im Alleingang aufmachen können, und es wäre der Renner geworden. Aber er wollte noch Zeit für seinen Grappa haben. Und für die Weiber natürlich.
Ich erwischte ihn ausnahmsweise zu Hause. Das ist deswegen die Ausnahme, weil er dort nur eine eiserne Ration Alkohol aufbewahrt. Nicht, dass er in den eigenen vier Wänden keinen Tropfen hinunterbekäme; er trinkt nun mal lieber in der Öffentlichkeit, unter den Leuten, die sich tags darauf in seinen Artikeln wiederfinden.
Covet saß also nicht in seiner geliebten Hinterbühne, dem Theatercafé, sondern lag zu Hause auf dem Sofa und lauschte meinem Bericht. Ich beschrieb ihm den beigefarbenen BMW, entwarf ein Phantombild des Alten – er schüttelte nur den Kopf. Jedenfalls denke ich mir das, schließlich telefonierten wir.
»Marc, streng dich ein bisschen an«, sagte ich. »Du hast einen Ruf zu verlieren.«
»Ruf?«, gab er unwirsch zurück. »Ich habe überhaupt nichts zu verlieren und schon gar keinen Ruf.«
»Na, hör mal, du als Heidelberger.«
»Als Heidelberger Lokalgröße, ja? Wolltest du das sagen? Ich danke. Aber jetzt pass mal auf, du komischer Schnüffler: Ich versuche mir die ganze Zeit jemanden aus dem Kreis hiesiger Besserverdienender vorzustellen, der dich engagieren würde.«
»Und?«
»Gibt es nicht.«
»Aber der Typ hat mich engagiert.«
»Ein Widerspruch in sich. Ein Oxymoron. Schwarzer Schimmel.«
»Apropos: Der BMW hatte schwarze Ledersitze. Außen beige. Fällt dir dazu was ein?«
Er gähnte. »Nein, nichts. Was ist das überhaupt für eine Farbe: beige? Die gibt es nicht als Autolack. Wahrscheinlich meinst du ocker oder gelbbraun.«
»Meine ich nicht. Ich meine beige.«
»Eklige Farbe«, murmelte er.
»Wieso eklig? Die gleiche Farbe wie bei deinen Whiskys, die du immer …«
»Was?«, brüllte er. »Gehts dir noch gut? Whisky ist nicht beige! Du hast ja keine Ahnung, Max! Goldgelb, bitte schön, so sieht ein Whisky aus. Oder bernsteinfarben, so wie durchsichtiges Messing, wie der Flaum einer Rotkehlchenbrust. Verstehst du das?«
»Bravo, Marc, so kenne ich dich! Endlich bist du wach. Fangen wir noch mal von vorne an.«
Er seufzte. »Du kannst mich mal, Max …«
Pause. Schenkte er sich ein? Spülte er bernsteinfarbenes Hochlandgold durch seine Hirnwindungen? Oder linste er hinüber zu dem großen Spiegel und kontrollierte seine Frisur?
»Was ist los, Marc? Schlechter Tag heute?«
»Kann man wohl sagen«, seufzte er wieder.
»Hast du Besuch?«
»Leider nicht. Oder Gott sei Dank. In meinem derzeitigen Zustand … Weißt du, gestern Abend … im Grunde ist Hopper daran schuld.«
»Hopper? Der Schauspieler?«
»Nein, der Maler. Edward, nicht Dennis. Der mit den bunten Schwimmbecken.«
»Verstehe. In einem von denen bist du gestern abgesoffen.«
»So ungefähr. Der Kunstverein hatte Ausstellungseröffnung.« Jetzt gähnte er wieder. »Jugendskizzen von Hopper. Total minderwertiges Zeug, nicht ein Stück von Belang dabei. Das muss er unter der Schulbank zusammengekritzelt haben.«
»Interessant.«
»Superinteressant, du sagst es. Das Beste an der ganzen Ausstellung war der Trollinger, und das Beste am Trollinger war, dass wir ihn um zwei ausgetrunken hatten. Sonst läge ich jetzt noch im Koma.«
»Und wie soll ich da meinen Fall aufklären? Hast du dir das vielleicht mal überlegt, hm?«
»Ich hasse diese Kunstbanausen«, murmelte er. »Beige soll mein Whisky sein, das muss man sich mal …«
»Kunstbanause stimmt«, sagte ich, »aber mit intakter Leber.«
»Spießer. Was wolltest du nun von mir wissen?«
»Denk noch mal nach, wer der Typ vom Bergfriedhof sein könnte. Du kennst doch diese Leute alle.«
»Den nicht. Der muss von auswärts sein.«
»Ein Mann mit Kohle und Einfluss, das kann doch nicht so schwer sein. Ein Politiker vielleicht, mit zu viel Übergangsgeld. Wirtschaft. Rhein-Neckar-Mafia.«
»Mafia?«
»Kurpfälzer Camorra, was weiß ich. Na, komm schon!«
»Tut mir leid, da muss ich passen. Keine Aktennotiz vorhanden. Dieser Mann ist in keinem Heidelberger Verein Kassenwart, kein Straftäter, kein Lokalpolitiker und auch nicht das alles zusammen. Über den habe ich noch nichts geschrieben.«
»Hättest du wenigstens eine Idee, wie ich weitermachen soll? Wo ich mit meiner Suche anfangen könnte?«
»Tja«, sagte er. »Tja.«
Eine schöne Hilfe, dieser Journalistenfreund. Derart fantasielos war er sonst nur in stocknüchternem Zustand.
»Fatty meinte, ich solle es in Neuenheim versuchen. Vorzugsweise die Gegend um die Bergstraße und darüber, am Hang.«
»Ja, klingt vernünftig. Wenn er gegen alle Wahrscheinlichkeit in Heidelberg wohnen sollte, dann dort.«
»Oder im Schlosswolfsbrunnenweg.«
»Nein«, entgegnete Covet, und zum ersten Mal klang er, als wüsste er, wovon er sprach. »Dort oben nicht. Diese Pappenheimer kenne ich alle persönlich, jeden Einzelnen. Samt Vergangenheit. Und Zukunft. Such dir nächstes Mal einen von denen aus, dann erzähle ich dir eine Romantrilogie über deinen Klienten.«
»Werde ich mir merken.«
»Apropos Neuenheim. Hör doch mal in deiner Lieblingskaschemme nach, dem Englischen Jäger. Wenn der Typ dort in der Nähe wohnt, kennt man ihn und seinen unappetitlichen Wagen. Von deinen Proletariern hat bestimmt schon einer gegen diesen BMW gepinkelt.«
»Meine Proletarier«, erwiderte ich, »pinkeln nicht gegen bernsteinfarbene, pardon: beigefarbene Bonzenkarossen. Die haben den bewaffneten Kampf aufgegeben und vertrauen nun ganz auf die Macht des Wortes. Das der liberalen Presse zum Beispiel.«
»Dazu müssten sie lesen können«, murmelte er. Unsere Diskussionen, wie lange Marc noch guten Gewissens der Reaktion (jawohl, der Reaktion, aber natürlich auch der Redaktion) seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen und wann er endlich zur taz oder wenigstens zur Süddeutschen wechseln werde, sind Legion. Wenigstens Freiberufler könnte er doch werden. Tausendmal habe ich ihm vorgerechnet, dass ihm Marc Covets Spirituosenführer Millionen einbrächte. Wenn er ihn nur einmal schriebe. Alles vergebens.
»Im Ernst«, meinte er, »da sitzen doch genug von diesen Eingeborenen rum, die den Neckar nur mit Reisepass überqueren. Hör dich dort mal um.«
»Danke für den Tipp, Marc. Aber auf den Gedanken bin ich selbst schon gekommen.«
»Weil er angesichts von Marias Pommesportionen so naheliegend ist. Klar. Wie würdest du eigentlich die Farbe frischer Pommes frites beschreiben? Ist das auch beige für dich?«
»Nein, whiskyfarben natürlich«, lachte ich. »Wie fritierte Rotkehlchenbrust. Kartoffel im Messingbad.«
»Schade, dass ich keine Flasche Trollinger mehr dahabe. Um sie dir über den Schädel zu ziehen.«
»Das würdest du nicht, wenn du wüsstest, wie ich aussehe.«
»Weiß ich doch. Und zu verschlimmern gibt es da nichts.«
»Hör zu, Hemingway, wenn dir in der Redaktion eine Vermisstenmeldung begegnet, sagst du mir Bescheid. Ein hagerer Mann um die 70, dunkle Augen, Hakennase, leicht verwahrlost. Okay?«
»Jaja.« Er seufzte mal wieder.
»Leute wie dich kann man immer brauchen.«
»Schön wärs.«
Mehr war an diesem Tag nicht aus dem Journalisten herauszuholen. Er versprach mir noch, einen Kollegen zu fragen, der einen kannte, dessen Schwester einen Polizeihauptmeister geheiratet hatte. Oder heiraten wollte. Vielleicht war dort eine Vermisstenanzeige eingegangen, oder es gab Hinweise auf meinen anonymen Auftraggeber. Erwarten solle ich aber nichts, sagte Covet; aus diversen lokalpolitischen Gründen sei die Zusammenarbeit mit der Polizei momentan nicht optimal. Na, wem sagte er das! Wir jammerten noch ein wenig über die schlechten Zeiten, dann legten wir auf.
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