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Marko Wagner:

Gefällt mir!

Alle Rechte vorbehalten

© 2017 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: JaeHee Lee

Gestaltung: Lucas Reisigl

ISBN 978-3-99001-252-9

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

1:0 für Team Wagner

Wie alles begann

Ein ganz schlechter Start

Mein Leben als Facebook-Star

Warum mir (fast) nichts mehr peinlich ist

Geschäftsmodell Facebook-Star

Vorwort

Dieses Buch ist die Geschichte eines unwahrscheinlichen Aufstiegs. Im Ernst, ich war dabei, und ich hätte mir am allerwenigsten vorstellen können, dass so etwas passiert. Ich bin zwar nicht vom Tellerwäscher zum Millionär geworden, aber doch immerhin vom Fruchtkoch in einer großen Fruchtverarbeitungsfirma zum Facebook-Star mit mehr als 400.000 Fans und einem Nummer-eins-Hit in den österreichischen Charts.

Ich habe dieses Buch aber nicht geschrieben, um mit meinen Erfolgen anzugeben, die sowieso jeder via Facebook mitverfolgen kann, der sich für mich interessiert. Stattdessen möchte ich meine Leser ein bisschen hinter die Kulissen blicken lassen. Normalerweise trenne ich mein Privatleben ziemlich strikt von meinem öffentlichen Auftritt. Was in meine Facebook-Fotos und -Videos an Privatem Eingang findet, ist immer ganz genau kalkuliert, weil ich meine Familie keinen zu neugierigen Blicken aussetzen möchte.

Gerade deshalb hat es mich sehr gereizt, einmal ausführlich zu schildern, wie meine Karriere begonnen hat, wie ich sie Schritt für Schritt aufgebaut habe und was das alles heute für mein tägliches Leben bedeutet. Ich habe in den Text dieses Buches außerdem 35 Tipps eingefügt, mit denen ich versuchen möchte, dem interessierten Leser ein bisschen etwas von den Erfahrungen weiterzugeben, die ich gemacht habe, seit die sozialen Medien für mich von einem Hobby zu einem Business-Modell geworden sind.

Als ehemaliger Fruchtkoch weiß ich, dass es nie das eine Rezept gibt, das besser ist als alle anderen. Das gilt nach meiner Erfahrung auch für den Umgang mit sozialen Medien. Dennoch gibt es Strategien und Leitlinien, die jeder berücksichtigen sollte, der auf Facebook und anderen Plattformen mehr als nur seinen erweiterten Freundeskreis erreichen und eines Tages vielleicht sogar davon leben will, hunderttausende Menschen zu begeistern. In diesem Sinne habe ich mit meinen 35 Tipps versucht, meine Erfahrungswerte nach bestem Wissen und Gewissen weiterzugeben.

Habe ich keine Angst, dass jemand meine Tipps dazu nutzen könnte, mir alles nachzumachen und mir damit meinen Erfolg und meine Fans abzugraben? Überhaupt nicht. Eine der wesentlichsten Lektionen, die ich auf Facebook gelernt habe, ist, dass authentisch zu sein über allem anderen steht. Wer keine eigenen Ideen hat, sondern nur versucht, die Einfälle anderer zu kopieren, der wird niemals wirklich erfolgreich sein. Ich denke, das gilt in der sogenannten realen Welt wahrscheinlich genauso sehr wie in der vermeintlich virtuellen Welt der sozialen Netzwerke.

Noch ein weiteres Anliegen verbinde ich ganz stark mit dem Erscheinen dieses Buches:

Ich möchte, dass vor allem junge Menschen, die es lesen, aus meinen Fehlern lernen. Ein wesentlicher Teil dieses Buches handelt von meiner schwierigen Kindheit und von den Fehlentscheidungen, die ich in meiner Pubertät und meinen jungen Erwachsenenjahren getroffen habe. Für manches davon geniere ich mich heute ein wenig, aber ich habe trotzdem beschlossen, es so ehrlich wie nur möglich niederzuschreiben und in dieses Buch aufzunehmen.

Denn erstens kann nur derjenige verstehen, was mein Aufstieg zum Facebook-Star für mich persönlich wirklich bedeutet, der auch weiß, wie tief unten ich im Leben davor schon einmal war. Und zweitens möchte ich jungen Leuten damit zeigen, dass es immer eine Möglichkeit gibt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und etwas Gutes daraus zu machen. Egal wie tief du drin steckst, egal wie aussichtslos alles manchmal scheinen mag, es zahlt sich immer aus zu kämpfen.

Mein Leben ist der beste Beweis, den ich dafür vorbringen kann.

Viel Vergnügen mit meinem ersten Buch wünscht

Euer Marco Wagner

1:0 für Team Wagner

Ich bin Steirer, aber glühender Fan der Fußballmannschaft Rapid Wien. Diese Kombination ist, vorsichtig gesagt, eher selten. Bei mir war es schon von klein auf so, weil auch mein Stiefvater Rapidler war und mich ins Stadion mitnahm, wenn unsere Mannschaft ein Auswärtsspiel gegen einen der Grazer Bundesligaklubs absolvierte.

In meiner Klasse war ich mit dieser Einstellung natürlich ein Außenseiter. 29 von 30 Kindern waren entweder Anhänger des GAK oder von Sturm Graz. Ich hatte es also nicht leicht, wenn ich am Montagmorgen laut jubelnd und Triumphgesänge anstimmend ins Klassenzimmer kam, weil Rapid die Grazer Lokal-Heroes am Vortag in ihrem eigenen Stadion wieder einmal ordentlich paniert hatte (was nicht selten vorkam). Aber schon damals empfand ich eine diebische Freude dabei, Außenseiter zu sein, als Einziger gegen die Masse zu stehen und dieser Masse auch noch provokant auf der Nase herumzutanzen.

»Wie kannst du als Steirer Rapid-Fan sein? Hast du keine Heimatverbundenheit?« Manche beschimpften mich richtiggehend. Aber solange ich ihnen nach gewonnen Spielen mit meinem Rapidschal vor dem Gesicht herumfuchteln konnte, war meine Welt damals mehr als nur in Ordnung.


An diese Zeiten musste ich sofort zurückdenken, als mich vor zwei Jahren ein Video der U14-Mannschaft von Sturm Graz erreichte: »Lieber Marco Wagner! Du und deine Videos gefallen uns. Wir wissen, du bist Rapid-Fan, und möchten dich herausfordern. In der Halbzeit unseres Heimspiels gegen Rapid möchten wir gegen dich Elfmeter schießen. Wir sind fünf Burschen, such du dir auch vier andere. Traust du dich, vor 10.000 Leuten im Stadion?«

Ich fragte mich, ob sie tatsächlich glaubten, dass ich den Schwanz einziehen und die Herausforderung ablehnen würde. Erstens war das nicht mein Stil. Ich hatte selbst schon solche Herausforderungen an Prominente wie Christian Fuchs oder Andreas Gabalier versendet, das war quasi mein Markenzeichen.

Zweitens generierte das Video eine Menge zusätzliche Aufmerksamkeit für mich. Überall poppte es innerhalb kürzester Zeit in den sozialen Netzwerken auf. Viele meiner Fans hatten es geliked und weiterverbreitet und das mit Aufforderungen an mich verbunden, den Vorschlag unbedingt anzunehmen.

Tipp: Die Währung der sozialen Medien heißt Aufmerksamkeit. Alles, was dir Aufmerksamkeit bringt, vergrößert deine Reichweite, die dein größtes Kapital darstellt.

Natürlich waren wie immer auch ein paar Hater dabei, die ich, wie ich es immer tue, für meine Fanseite sofort blockierte: »Da wirst du einmal ordentlich auf die Goschn kriegen, du eingebildete Sau!« Ja, solche Dinge schrieben manche Leute. Ich fragte mich dann immer, was für ein trauriges Leben sie wohl haben mussten. Aber es war nicht an mir, das herauszufinden, und auch nicht, mich mit ihren Beleidigungen auseinanderzusetzen. Ich drückte ganz einfach den Blockier-Button und überlegte dabei bereits, wie ich meine Mannschaft für das Elfmeter-Duell zusammenstellen würde.

Tipp: Füttere keine Facebook-Trolle. Wer dich beleidigt, wird ohne Diskussion blockiert, so hältst du deine Seite frei von Hatern und schaffst ein positives Klima.

Eines war klar: Wenn wir in der Pause eines Bundesliga-Matches zwischen Sturm Graz und Rapid gegen die U14 von Sturm Elfmeter schossen, dann vertraten wir gewissermaßen die Farben von Rapid. Und natürlich mussten wir dieses Duell genauso gewinnen, wie Rapid das Bundesligaspiel, das den Rahmen für unseren kleinen Auftritt bilden sollte.

Eine Woche vor dem großen Tag hatte ich meine Mannschaft zusammen: Drei gute Freunde und mein Schwiegervater, keine Antikicker dabei, alles paletti. Trotzdem legten wir ein paar Tage vor der Veranstaltung eine Elfer-Trainingssession ein, blamieren wollten wir uns vor den 10.000 Zuschauern im Stadion schließlich auch nicht. Es lief nicht so schlecht, aber ich musste daran denken, dass nur mein guter Freund Berni und ich Rapid-Fans waren. Die anderen standen normalerweise auf der Seite unserer Gegner. Natürlich waren sie loyal und wollten, dass wir gewinnen, aber ich machte mir doch ein klein wenig Sorgen, dass ihnen im entscheidenden Moment der Fuß zittern könnte, wenn sie gegen die U14-Mannschaft ihres Lieblingsvereins antreten würden.

Allein, es half nichts, mehr Rapid-Fans als Berni und ich waren im Raum Graz und Umgebung eben nicht aufzutreiben. »Gegen Marco Wagner in Liebenau«, hieß es inzwischen auf einer eigens von Sturm ins Leben gerufenen Facebook-Seite, die innerhalb kürzester Zeit eine beachtliche Anzahl an Fans gewonnen hatte. Viel Feind, viel Ehr, dachte ich und rieb mir vor meinem Computerbildschirm die Hände. Ein Rapidfan aus den eigenen Reihen als Pausen-Kasperl, um mehr Zuschauer ins Stadion zu locken, so stellten sie sich das vor. Oder sollte ich eher das Krokodil sein? Auch dagegen hatte ich nichts einzuwenden, solange am Ende die »Falschen«, also wir als Sieger vom Platz gingen.

Seitdem ich mit meinen Fotos und Videos auf Facebook populär geworden war, hatte ich schon ein paar Discos gefüllt und war der Stargast auf kleineren bis mittelgroßen Veranstaltungen gewesen. Aber ein Fußballstadion? Das war noch einmal eine etwas andere Sportart. Normalerweise schaute ich mir alle Rapid-Spiele in Graz selbstverständlich im Auswärtssektor an, denn für die Dauer des Spiels war ich kein Steirer, sondern Unterstützer meiner aus Wien angereisten Lieblingsmannschaft. Aber diesmal waren meine vier Freunde und ich von der Clubleitung von Sturm Graz eingeladen, das Spiel im VIP-Sektor zu beobachten. Wir bekamen davor eine Tour durch das Stadion und durften den Mannschaften beim Aufwärmen zusehen. Mit einem Wort, wir wurden nicht wie gegnerische Fans, sondern eher wie Prominente behandelt. Das war natürlich nicht übel, aber ich beschloss, mich davon nicht einlullen zu lassen und gab die Parole auch an meine Mitspieler aus: »Wir machen sie trotzdem fertig«, flüsterte ich meinem Team in einem unbeobachteten Moment zu. Alle nickten entschlossen.

Zur Halbzeit stand es eins zu null für Rapid, was ja schon einmal nicht schlecht war. Das Stadion war bummvoll, und sämtliche Sturm-Fans wünschten sich in der Pause natürlich nichts sehnlicher, als dass wenigstens ihre U14-Auswahl dem Verräter Marco Wagner zeigen würde, wo der Bartel in Graz Liebenau den Most holt. Das brachte mich auf eine Idee.

»Die verlassen sich auf euch«, sagte ich zu den fünf U14-Burschen, unmittelbar bevor wir ins Stadion einliefen, »lassts eure Fans nicht im Stich, das müssts ihr jetzt umdrehen!« Mein Team schickte mir verständnislose Blicke, aber ich wusste schon, was ich tat. Noch ein bisschen mehr Druck für unsere Gegner konnte bestimmt nicht schaden.

Als wir ins Stadion eintrabten, blieb mir wirklich ein bisschen die Spucke weg. Die Moderatorin eines regionalen Radiosenders zelebrierte unseren Auftritt wie den Einmarsch der Gladiatoren. Wobei die Rollen klar verteilt waren: »Unsere Sturm-Jugend!«, rief die Moderatorin begeistert, und die tausenden Zuschauer jubelten ihrer Jugendauswahl zu. »Und jetzt das Team von Marco Wagner«, kündigte sie uns gleich darauf an. Nun hätten wir zumindest auf ein bisschen höflichen Applaus hoffen können. Oder es wäre einfach ruhig geblieben.

Nichts davon. Ein Großteil des Publikums buhte und pfiff, dass der ganze Fußballplatz davon dröhnte. Was mich dabei besonders beeindruckte war, dass wirklich die allermeisten Zuschauer auf ihren Plätzen geblieben waren, um sich die Chance nicht entgehen zu lassen, den steirischen Judas Marco Wagner auszubuhen. Normalerweise nutzte das Publikum die Halbzeitpause, um die Blase zu entleeren und sich Nachschub an Bier und Hotdogs zu beschaffen. Auf all das hatten die Besitzer dieser von Wut und teilweise auch Hass verzerrten Gesichter, die ich auf den Rängen um uns sah, verzichtet, um mich verlieren zu sehen.

Ich spuckte auf den Rasen. Die Flüssigkeit in meinem Mund war wieder da, die Pfiffe und »Marco, du Arschloch!«-Rufe waren genau, was ich brauchte, um die Situation so richtig zu genießen. Ich fühlte mich wieder wie damals zu Schulzeiten. Nur, dass ich diesmal selbst auf dem Platz stand und den Mob gegen mich hatte. Ein geiles Gefühl.

Während ich mir die Tormannhandschuhe überstreifte, suchte ich Blickkontakt mit meinen vier Mitspielern. Sie bemühten sich, cool zu wirken, aber ich befürchtete, dass der eine oder andere von ihnen womöglich die Hosen voll hatte. Nun, das würde sich gleich herausstellen. Als Kapitän hatte ich mir die Doppelbelastung zugemutet, sowohl selbst zu schießen, als auch bei den Schüssen unserer Gegner im Tor zu stehen.

Von den fünf Schüssen konnte ich immerhin einen parieren. Dem gegnerischen Torwart erging es genauso, oder besser gesagt: Berni, einer meiner besten Freunde und Teil unseres Teams, war so nervös, dass er froh sein musste, die Kugel überhaupt ungefähr Richtung Tor getreten zu haben.

Auch der Schiedsrichter war nicht unbedingt auf unserer Seite. Als mein Freund Marco mit Schießen an der Reihe war (ja, er heißt wirklich so) und den Ball sicher versenkte, erklärte der Schiedsrichter den Schuss aus irgendeinem Grund, den keiner verstand, für ungültig und bestand darauf, dass der Elfmeter wiederholt wurde. Jetzt lastete natürlich doppelter Druck auf Marco, und ich hatte ein ganz übles Bauchgefühl, dass er verschießen würde. Aber er behielt die Nerven und versenkte den Ball ein zweites Mal – unhaltbar für den gegnerischen Torwart. Menschen, die Marco heißen, sind eben oft coole Hunde.

So ging es jedenfalls ins Stechen, und als die Rampensau, die ich nun einmal bin, nominierte ich mich selbstverständlich als ersten Schützen unseres Teams. Zuerst aber musste ich selbst noch einmal die Handschuhe anlegen.

Von der Tribüne regnete es Feuerzeuge, während ich ins Tor spazierte, um mich ein weiteres Mal zwischen die zwei Stangen zu stellen. Die Buhrufe waren jetzt noch lauter, und ich genoss jeden einzelnen Schritt. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich den gegnerischen Schützen. Er schluckte gut sichtbar, während er sich den Ball zurechtlegte und vermied jeden Augenkontakt.

»Schreit nur noch lauter«, dachte ich, »je mehr ihr buht, umso mehr Druck hat der Kleine.«

Der Schütze lief an. Ich beschloss, so lange wie möglich stehen zu bleiben und erst zu springen, wenn ich zu erkennen meinte, wohin er schießen würde. Als ich gerade dabei war, mich für die linke Ecke zu entscheiden, sah ich, wie der Fuß des Schützen tief unter den Ball fuhr und die Kugel hoch vom Boden abhob.

»Entweder geht der ins Kreuzeck, oder drüber«, schoss es mir durch den Kopf, während ich in der falschen Ecke auf den Rasen krachte. Ein Raunen ging durchs Stadion. Ich drehte den Kopf. Kein Ball zappelte im Netz. Der Schütze schlug die Hände vors Gesicht. Er hatte drübergeschossen.

Jetzt musste ich nur noch selbst verwandeln, und die Sache war gelaufen.

Ich habe in meiner Jugend vereinsmäßig Fußball gespielt, inzwischen kicke ich noch maximal einmal die Woche. Aber meine Elfmeter-Taktik habe ich mir schon als junger Bursche angewöhnt und seither nicht mehr geändert. Ich schieße scharf in die rechte Ecke und versuche dabei, den Tormann durch eine Körpertäuschung in die falsche Richtung zu schicken. Erwischt er die richtige Ecke, dann ist der Schuss meistens immer noch hart und platziert genug, um dem Goalie keine Chance zu geben.

Da ich an diesem Tag als einer von fünf Schützen bereits geschossen und getroffen hatte, kannte der Nachwuchstormann von Sturm Graz meine Technik bereits. Ich beschloss trotzdem, das Ganze noch einmal so durchzuziehen, wie ich es einstudiert hatte. Die Pfiffe waren so laut, dass ich eigentlich überhaupt nichts mehr hörte. Ich konzentrierte mich einzig und allein auf meine Aufgabe, die darin bestand, mit einem Tor die meistgehasste Person dieses Tages im Raum Graz zu werden.

Anlauf, Körpertäuschung, harter Schuss.

Tor! Der Tormann war tatsächlich in die falsche Richtung gesprungen. Entweder er war zu nervös, um sich an meinen ersten Schuss zu erinnern, oder er hatte geglaubt, dass ich nicht die Nerven habe, ihn zweimal mit demselben Trick zu foppen.

Tja, falsch gedacht. Team Marco Wagner: 1, Sturm Graz: 0! Meinen Torjubel hatte ich mir natürlich bereits zuvor zurechtgelegt. Ich lief genau auf die Fankurve von Sturm Graz zu und ließ mich dort plötzlich wie ein toter Fisch zu Boden fallen. Meine vier Freunde rannten mir nach und begruben mich jubelnd unter sich.

»Das ist also das Leben eines Facebook-Stars«, dachte ich, während das Gewicht über mir zunahm und ich immer noch die laut gellenden Pfiffe und Buhrufe hörte. »Könnte schlechter sein.«

Wenn ich diesen Elfmeter nicht verwandelt hätte, dann hätte ich bestimmt einige Nächte sehr schlecht geschlafen. Es ging dabei auch nicht nur um die Ehre, es war eine Wette: Hätte ich verloren, dann wäre ich gezwungen gewesen, mich einen ganzen Tag lang in den Fanshop von Sturm Graz zu stellen und Merchandise-Artikel an die Fans zu verkaufen. Wahrscheinlich wäre ich in diesem Fall von jedem einzelnen Fan mit Häme dafür überschüttet worden, das Elfmeterschießen verloren zu haben.

Nun, da wir gewonnen hatten, sah die Sache allerdings etwas anders aus. Auch Rapid stellte in der zweiten Halbzeit noch auf 2:0, und ich feierte beide Siege bis in den späten Abend. Am nächsten Tag war ich zwar verkatert, aber das Video meines Triumphes auf meine Facebook-Seite hochzuladen und zuzusehen, wie die Likes in den fünfstelligen Bereich kletterten, vertrieb meine Kopfschmerzen besser als jede Medizin.

»Ich fühl mich heute so großzügig«, sagte ich zu meiner Freundin, die froh war, dass ich es endlich aus den Federn geschafft hatte.

»Du willst mir was schenken?«, fragte sie, und Sonnenschein machte sich auf ihrem schönen Gesicht breit.

»Äh … nein. Eigentlich wolle ich sagen …«

Und schon war der Sonnenschein wieder weg.

»Versprich keine Sachen, die du dann nicht hältst, Marco!«, sagte sie.

»Aber ich hab doch gar nicht …«

Sie war bereits im Nebenzimmer verschwunden. Ich notierte mir im Kopf, Dinge, die ich zu mir selbst sagen wollte, nicht mehr laut auszusprechen, sondern nur zu denken, und übte gleich einmal fleißig: »Hätten wir das Elferschießen verloren, dann wäre es mir saumäßig peinlich gewesen, als Loser dort im Fanshop zu stehen. Aber jetzt, wo wir gewonnen haben und auch Rapid gewonnen hat …«

Das war es, was ich mit Großzügigkeit gemeint hatte. Ich sah mich schon im Grazer Fanshop stehen, von allen als guter Gewinner geehrt, der eine Wettschuld begleicht, die gar nicht vorhanden ist. Alles, was ich persönlich im Handverkauf einspielte, sollte schließlich der U14 von Sturm Graz zu Gute kommen. Marco Wagner, der selbstlose Förderer des österreichischen Nachwuchsfußballs.

Na ja, vielleicht hatte ich mich etwas zu sehr in diese Fantasie verliebt. Zwar nahm Sturm Graz mein Angebot zunächst hocherfreut an, aber letzten Endes fand die Sache nicht statt. Als der Club die Aktion auf seiner Facebook-Seite ankündigte, hagelte es Drohungen von einigen Spinnern, die ankündigten, mich einmal so richtig auseinandernehmen zu wollen, wenn ich im Sturm Fanshop auftauchen sollte. Leider gibt es unter den Fußballfans einige Idioten, und im Gegensatz zu Facebook lassen sie sich in der realen Welt nicht mit einem einfachen Klick blockieren.

Mein Samaritertum für die Fußballjugend kam damals also nicht zustande. Aber immerhin bleibt der Welt und mir das Video meines Triumphes erhalten, solange es Facebook gibt.


Wie alles begann

Es war ein ganz gewöhnlicher Sonntag Nachmittag im Jahr 2013. Mein Freund Berni und ich hingen gemeinsam bei ihm ab und zockten ein Computerspiel nach dem anderen. Nachdem ich ihn zum xten Mal hintereinander bei FIFA 14, einer Fußballsimulation vernichtet hatte, wollte Berni seltsamerweise nicht mehr weiterspielen.

»Lass uns irgendwas Cooleres machen, Marco«, sagte er.

Ja, aber was? Wir waren in unserer Heimat Großpesendorf, einem sehr kleinen Ort in der Nähe von Graz, und es war Winter. Das Haus, in dem wir uns befanden, gehörte Bernis Eltern. Keiner von uns beiden hatte Geld, keiner von uns hatte eine Freundin. Es gab einfach nichts zu tun. Natürlich hätten wir ins Ortszentrum gehen und uns dort in ein Café hocken können, aber was hätte das geändert?

»Wir könnten irgendein verrücktes Foto machen und es auf Facebook stellen«, sagte ich spontan. Ich war selber nicht so begeistert von diesem Vorschlag, der mir wenig originell vorkam. Wenn Berni abgelehnt und etwas anderes vorgeschlagen hätte, ich hätte meiner Idee keine Sekunde nachgetrauert.

»Ja, das is gut, das machen wir«, sagte Berni zu meiner Verwunderung. »Aber was für ein Foto?«


Ich überlegte einen Augenblick und schaute dabei aus dem Fenster.

»Draußen liegt Schnee«, sagte ich.

»Wow, ist dir das auch schon aufgefallen, du Genie? Und was sollen wir fotografieren? Die Schneelandschaft vielleicht?«

»Nein, nein, aber wie wärs, wenn … nein, das ist wahrscheinlich zu blöd«, sagte ich und winkte ab.

»Was denn? Sag schon!«

Ich zögerte einen Moment.

»Was, wenn wir uns unsere Badehosen anziehen, Sonnenbrillen aufsetzen, uns zwei Dosen Bier aufmachen. Und dann setzen wir uns mit all dem draußen in den Schnee.«

Berni brach in Gelächter aus.

»Haha, Marco, ja, das is geil, das machen wir! Ich borg dir eine Badehose.«

Wenig später waren wir so weit und stapften in unseren Badehosen hinaus in den Garten des Hauses von Bernis Eltern. Es war saukalt, aber wir gewöhnten uns rasch daran. Als wir uns in Position begeben hatten, versuchten Berni und ich eine entspannte Körperhaltung einzunehmen, während ich auf den Auslöser meines Smartphones drückte.

Zurück im Haus lud ich sofort das Foto auf meine private Facebook-Seite hoch, während Berni sich rasch umzog.

»Was schreiben wir drunter?«, rief ich ihm zu.

»Was Lustiges!«, rief Berni.

Sehr hilfreich, so weit war ich auch alleine schon gekommen. Ich überlegte ein paar Sekunden, dann poppte eine Phrase in meinem Kopf auf.

»Den letzten Schnee genießen«, schrieb ich unter das Foto. Der Frühling war immerhin nicht mehr weit weg. Ich verlinkte noch Bernis Profil mit dem Foto, dann ging ich ins Bad, streifte die Badehose ab und zog mir wieder normale Kleidung an.

Als ich zurück ins Zimmer kam, war auch Berni wieder normal angezogen, nur die Sonnenbrille hatte er immer noch auf der Nase.

»Irgendwie dunkel hier«, sagte er.

Ich nahm ihm die Brille von der Nase und drückte sie ihm in die Hand.

»Was glaubst du, Berni, wie viel Likes wir für das Foto kriegen?«

»Na ja, so 20 oder 30 müssten schon drin sein. Is schon ein cooles Foto«, sagte Berni, während er das Bild noch einmal auf meinem Smartphone betrachtete.

Nach ein paar weiteren Partien Computer-Fußball machte ich mich auf den Heimweg. Als ich ihn bei der Haustür verabschiedete, zückte er sein Handy.

»Schauen wir doch gleich noch einmal«, sagte er. »Wow! 80 Likes!«

»Cool!« Wir schlugen ein. Der Nachmittag hatte sich also doch noch gut entwickelt.

Einen Tag später hielten wir schon bei hundert Likes, was mich veranlasste, Berni anzurufen.

»Hey, wir haben noch 20 dazugekriegt, zum Teil von fremden Leuten!«, sagte ich.

»Ja, ich weiß. Hätte ich nicht geglaubt.«

Einige Leute, die ich nicht kannte, hatten Kommentare wie »Ihr Verrückten! Ist das geil!« auf meiner Seite hinterlassen. Das stachelte mich ordentlich an.

»Lass uns nächstes Wochenende was noch Gestörteres ausdenken«, meinte ich.

»Okay, dann am Sonntag bei mir, Marco.«

So fanden wir uns also am folgenden Sonntag im Haus von Bernis Eltern ein. Diesmal hatte ich die Idee schon mitgebracht. Ich wollte, dass wir ein Huhn aus dem Hühnerstall vor Bernis Haus ausborgten und damit auf sein Dach kletterten. Einfach so, ohne irgendeinen logischen Grund.

»Ich weiß nicht, Marco«, sagte Berni, »ich finde das grauslich, dieses flatternde Huhn anzugreifen.«

»Geh bitte, Berni, willst du Likes oder nicht?«

»Ja schon, aber … wenn wir schon mein Huhn nehmen, dann kannst ja dafür du das Huhn mit aufs Dach nehmen, oder? Ist ja auch deine Idee.«

Ich wollte schon einen Spruch über Feigheit loslassen, aber dann überlegte ich es mir anders. Ich brauchte Bernis Huhn und Bernis Dach. Und Berni. Ich wollte ihn mit auf dem Foto haben.

»Okay. Aber inzwischen rufst du noch wen an, der das Foto von uns macht, wenn wir oben sind, damit alles bereit ist.«

Davor hatte Berni zum Glück keine Angst. Ich schnappte mir das Huhn und rannte damit durch das Haus und hinauf aufs Dach. Das arme Tier hatte wohl Angst und erleichterte sich unterwegs, auf Deutsch gesagt schiss es mehrere Male in Bernis Haus, während ich mit ihm die Stiegen hinaufeilte.

Berni erledigte, was ich ihm aufgetragen hatte, und spurtete mir nach, sobald unser Fotograf da war. Das Huhn flatterte wie verrückt, und mir kam der Gedanke, dass das eines dieser Selfies werden könnte, mit denen wir posthum den Preis für den dümmsten Tod gewinnen könnten: Beim Versuch, sich mit einem Huhn am Dach zu fotografieren, heruntergefallen und das Genick gebrochen.

Aber es ging alles gut. Als wir wieder abgestiegen waren, lud ich das Foto auf Facebook hoch, verlinkte Berni und schrieb dazu: »Wenn du mit einem Hendl auf dem Dach warst, hast du alles in deinem Leben erreicht.«

Diesmal hatte ich keine Sekunde überlegen müssen, der Spruch war mir sofort eingefallen.

Am nächsten Tag zählte das Posting bereits über 150 »Gefällt mir«. Auch die Kommentare waren noch mehr geworden. »Machts noch mehr, ihr Spinner!«, schrieb ein mir unbekanntes junges Mädchen unter unser Bild.

Es war also sonnenklar, dass wir hier an etwas Großem dran waren. Als wir uns dem nächsten Wochenende näherten, rief ich selbstverständlich wieder Berni an: »Hey, am Wochenende wieder bei dir? Ich hab schon eine neue Idee mit einem Staubsauger, wir müssen nur …«

»Sorry, Marco, nächstes Wochenende hab ich keine Zeit«, unterbrach mich Berni.

»Was, warum!? Musst du die Welt retten? Jetzt läufts grad so gut, wir knacken sicher die 200 Likes, wenn wir …«

»Nein, ich kann wirklich nicht. Hab meinem Vater versprochen, dass ich ihm im Haus helfe.«

»Okay. Dann bekomm ich den ganzen Ruhm halt alleine.«

»Nichts für ungut, Marco.«

»Alles klar, Berni. Kein Stress. Ich schaff das schon.«

Das war möglicherweise gelogen. Für die Idee mit dem Staubsauger hätte ich mindestens zwei Personen und ein Huhn benötigt. Aber vielleicht wäre das mit dem Huhn sowieso eine Doublette und deshalb ein bisschen langweilig geworden, dachte ich.

Ich warf einen Blick auf meine Facebook-Seite. Seit gestern waren schon wieder 15 Likes und mehrere Aufforderungen dazugekommen, weitere Fotos hochzuladen. Die Leute schienen schon ganz gierig nach meinen nächsten Verrücktheiten zu sein. Das gefiel mir, und es gab mir zu verstehen, dass ich jetzt nicht nachlassen durfte.

Tipp: Wenn du in den sozialen Medien Erfolg hast, bleib unbedingt dran. Lässt du zu viel Zeit verstreichen, dann stehst du wieder bei null.

Die verbleibenden Tage bis zum Wochenende vergingen zäh und langsam. Ich arbeitete damals bei der Agrana, einem Fruchtzubereitungshersteller, wo Obst für Fruchtsäfte und andere industriell gefertigte Produkte gekocht und zubereitet wurde. Die ersten paar Jahre hatte ich in der Produktion gearbeitet, wo es meine Aufgabe gewesen war, Früchte abzuwiegen und Konzentrate hinzuzufügen. Das war körperlich ziemlich anstrengende Arbeit, denn wir reden hier nicht von ein paar Marmeladegläsern, sondern von Hunderten von Kilo an Obst, die zur Verarbeitung vorbereitet werden müssen.

Nach zwei Jahren hatte ich den Aufstieg ins Labor geschafft, wo ich danach als Koch arbeitete. Das bedeutete, dass ich keinen Schichtdienst mehr leisten musste, sondern ganz normale Tagesarbeitszeiten und eine 40-Stunden-Woche hatte. Ich bekam dafür eine sehr anständige Bezahlung, und eigentlich war der Job als Fruchtkoch für mich eine Traumarbeit. Ich arbeitete im Labor der Produktentwicklung des zentralen Standortes für ganz Europa. Große Lebensmittelkonzerne wie Danone, Bauer und wie sie alle heißen, kauften bei uns die Fruchtzubereitung an. Wenn sie neue Sorten wollten, entwarfen unsere Produktentwickler ein neues Produkt, und ich, sowie die anderen Köche, bereiteten es nach ihrem Rezept zu - aber nicht nur einmal, sondern 10 bis 20 Mal, immer wieder. Denn die Produktentwickler kosteten jeden unserer Versuche und hatten immer Vorschläge für Verbesserungen parat: »Na, ein bisschen weniger von diesem Aroma vielleicht«, sagten sie dann. »Und dafür ein bisschen mehr von dieser Frucht.«

Dann wurde das neue Produkt zu unseren Kunden geschickt. Jetzt waren die Tester der großen Firmen an der Reihe zu kosten, ob ihnen die neue Mischung schmeckte. Hatten sie noch etwas auszusetzen, dann gaben sie uns ihre Änderungswünsche bekannt, nach denen unsere Produktentwickler ihr Rezept modifizierten. So ging es zumeist einige Male hin und her, bis unsere Abnehmer zufrieden waren und das von uns gekochte Produkt am Ende im Regal landete. Tonnenweise wurde es dann mit LKWs ins In- und Ausland zu den Abfüllfirmen geliefert. Darüber denkt man sonst wenig nach, wie das Joghurt eigentlich in den Becher kommt, aber da steckt viel Arbeit dahinter, wie wahrscheinlich bei jedem Lebensmittel. Mir machte es Spaß, an einer Schnittstelle dieses Prozesses zu arbeiten und zu wissen, dass meine Leistung geschätzt wurde.

Aber in dieser Woche hatte ich Schwierigkeiten mich zu konzentrieren, weil ich in Gedanken die ganze Zeit damit beschäftigt war, meine nächste Fotoaktion für das Wochenende zu planen. Endlich war der Freitag Nachmittag da, und ich bereitete mich auf mein Dienstende vor. Als ich gerade dabei war, meine Arbeitskleidung abzulegen und wieder in meine Privatkleidung zu schlüpfen, hörte ich mit einem Ohr zufällig das Gespräch zweier Arbeitskollegen mit:

»Da, schau, das musst du dir geben, das Video!«

»Hahaha, wie geil. Gibt’s noch mehr von denen? Ich könnt mir das stundenlang anschauen.«

Ich hatte keine Ahnung, was sich die beiden da gerade auf dem Smartphone ansahen, aber ihr Gespräch brachte mich trotzdem auf eine Idee. Ich hatte die ganze Zeit nur überlegt, wie ich ein noch verrückteres Foto hinbekommen könnte. An die Möglichkeit eines Videos hatte ich bis jetzt noch überhaupt nicht gedacht. Dabei war es doch ganz simpel: Wenn ich die Leute schon mit einem verrückten Foto zu einem Like animieren konnte, dann musste mit einem verrückten Video doch noch viel mehr drin sein, oder?

Apropos verrückt, ich muss damals wirklich einen besonderen Schub gehabt haben. An einem der folgenden Wochenenden lernte ich in einer Disco ein junges Mädchen kennen. Später vertraute sie mir an, dass sie nur deshalb auf mich aufmerksam geworden war, weil ich in betrunkenem Zustand alleine auf der Tanzfläche eine so abgedrehte Performance hinlegte.

»Ich hab noch nie gesehen, dass jemand alle seine Arme und Beine so unrhythmisch gleichzeitig bewegt. Was ist das nur für ein Volltrottel?«, dachte sie sich. Ich bemerkte ihre Blicke und entschloss mich zu einer charmanten Kontaktaufnahme: »Was schaust du so deppat? Wenn du schon deppat schaust, dann kannst du auch was trinken.« Mit diesen Worten begann ich Kerstin, so hieß sie nämlich, schwer lallend auf einen Drink nach dem anderen einzuladen, wobei ich nicht mitbekam, dass sie jedes Glas, das ich ihr brachte, im Blumentopf ausleerte, weil sie als Autofahrerin nichts trinken durfte. Ich hingegen trank fröhlich weiter, weshalb ich mich am nächsten Tag auch an nichts mehr davon erinnern konnte.

Das klingt zugegeben alles nicht danach, als ob ich mit meinem Verhalten besonders positiv bei Kerstin in Erinnerung geblieben wäre. Aber es ist wie bei meinen gestörten Facebook-Fotos: Irgendetwas muss ich dabei wohl richtig gemacht haben, denn bald darauf wurden Kerstin und ich ein Paar. Wir hatten dann noch ein romantisches zweites Treffen, das für mich eigentlich das erste war, weil mir der Alkohol unsere tatsächliche erste Begegnung nachhaltig gelöscht hatte.

Vielleicht war ich von diesem freudigen Ereignis ein bisschen abgelenkt, auf jeden Fall beschloss ich, mir die Sache mit dem Video noch ein wenig aufzuheben. Ich wollte mit den Fotos weitermachen, von denen viele meinten, sie müssten dem Hirn eines Irren entsprungen sein und vielleicht gerade deshalb auf den »Gefällt mir«-Button drückten. Das sah dann zum Beispiel folgendermaßen aus: Ich ging mit einer riesigen Regentonne zu McDonald’s und fotografierte mich neben der Getränkeausschank: »Es hat geheißen, man darf nachfüllen, so oft man will.« Ich klebte mir mein Handy mit einer Menge Tape ans Ohr und fotografierte mich damit auf dem Fahrersitz meines Autos: »Jetzt hab ich endlich auch eine Freisprecheinrichtung und muss nicht mehr 50 Euro zahlen, wenn mich die Polizei erwischt.« Ich machte ein Foto, auf dem mich Kerstin mit Hundehalsband und Leine spazieren führte und ließ sie darunter schreiben: »Böse Zungen behaupten, der Marco sei jetzt wieder an der kurzen Leine. Ich finde, sie ist lang genug.«

Fast mit jedem Foto, das ich machte, vergrößerte sich die Zahl an Likes und Kommentaren, und zusätzlich bekam ich immer mehr Freundschaftsanfragen von Menschen, die ich überhaupt nicht kannte. Die Leute wurden auf mich aufmerksam, weil Freunde von ihnen meine Bilder gereposted hatten, und jetzt schickten sie mir Freundschaftsanfragen, damit sie in Zukunft keinen meiner Streiche mehr verpassten. Ich ließ mir immer wieder etwas Neues einfallen und beschränkte mich nicht auf bestimmte Themen oder Abläufe. Auf diese Weise machte es mir selbst am meisten Spaß und gleichzeitig gelang es mir so, die verschiedensten Menschen anzusprechen.

Tipp: Beschränk dich in den sozialen Medien nie nur auf ein Thema, denn die Leute suchen Abwechslung. Lass dir immer wieder Neues einfallen, dann wird deine Fanbase wachsen.

Nach wie vor spannte ich immer wieder Berni und andere Freunde ein, um mir bei den komplizierteren Aktionen zu helfen, und auch Kerstin konnte ich oft überreden, bei meinen Spinnereien mitzumachen. Aber ich merkte ganz genau, dass niemand das Ganze für mehr als eine Blödelei hielt. Nicht, dass ich selbst es zu diesem Zeitpunkt schon wirklich ernst genommen hätte. Aber mit jedem erfolgreichen Posting stieg meine Motivation, mit dem nächsten Einfall noch mehr Leute zu erreichen und noch begeistertere Reaktionen hervorzurufen. Und wenn ein Foto einmal floppte und meine sich bildende Fanbase sich in den Kommentaren beschwerte, dass mir anscheinend langsam die Ideen ausgingen, dann stachelte mich das nur umso mehr an, mit meiner nächsten Aktion wieder einen Volltreffer zu landen.

Schritt für Schritt und Posting für Posting wurde das Ganze fast zu einer Art Sucht für mich. Schon lange wartete ich nicht mehr auf das Wochenende, um meine Bilder aufzunehmen und meine lustigen Sprüche ins Netz zu stellen. Die Frequenz hatte sich auf ungefähr eine Meldung pro Tag gesteigert, und so war ich immer öfter auch in der Arbeit mit meinem Facebook-Account beschäftigt.

»Machst du nur Blödsinn im Internet, oder arbeitest du hier auch?«, fragte mich mein Chef einmal, als er mich in mein Smartphone vertieft entdeckte. Zum Glück meinte er es aber nicht böse. Auch bis zu ihm hatte sich schon herumgesprochen, dass ich als steirischer Facebook-Komiker immer mehr Fans zufriedenstellen musste, und solange ich mein Arbeitssoll erfüllte, hatte er auch gar kein Problem damit.

Das Meiste erledigte ich ja auch tatsächlich nicht direkt während meiner Arbeitszeit, sondern in den Pausen. Die gingen großteils dafür drauf, Leuten zu antworten, die mich anschrieben, um mir für meine Bilder zu danken oder mich zu fragen, ob ich nicht noch diese oder jene verrückte Sache machen könnte. Ich freute mich über jede einzelne solche Meldung und bemühte mich deshalb, jedem, der mir schrieb, einigermaßen zeitnah zu antworten, was aber natürlich bald in Arbeit ausartete.

Als ich eines Abends gerade von der Arbeit nach Hause kam, rief Kerstin mich an: »Na, Marco, mach ma heute einmal was gemeinsam, oder bist du wieder mit deinen Fotos beschäftigt?«

»Natürlich machen wir was gemeinsam. Wir … wir gehen ins Kino«, sagte ich. Eigentlich hatte ich zu Hause schon alles für mein nächstes Bild aufgebaut, aber Kerstins Stimme verriet mir, dass es angebracht war, das aufzuschieben.

Wir trafen uns also im Kino und suchten gemeinsam einen Film aus. Zuerst verweigerte ich alle Romantic Comedys, die Kerstin vorschlug – dann sperrte sie sich gegen sämtliche Action-Movies. Also einigten wir uns auf den Horrorfilm »Evil Date«. Wie schlimm konnte es schon werden?

Es wurde ziemlich schlimm. Als wir das Kino verließen, versuchte ich, den Coolen zu spielen und Kerstin nicht zu zeigen, dass ich die Hosen ordentlich voll hatte.

»Haha, jetzt hätt ich gern ein Video von dir, Marco, wie du so bibbernd aus dem Kino herauskommst«, sagte Kerstin. Diese Frau kannte mich einfach zu gut.

»Ein Video …«, sagte ich.

»Marco, is alles okay mit dir? Hat dir der Film das Gehirn geröstet?«, fragte Kerstin.

In gewisser Weise hatte er das, aber das war nicht der Grund, warum ich in der Kino-Vorhalle stehen geblieben war. Vielmehr war mir wieder eingefallen, dass ich doch ursprünglich einmal den Plan gefasst hatte, ein Video zu drehen. Aber dann war es mit den Fotos und den dazugehörigen Sprüchen so gut gelaufen, dass sich bis jetzt gar kein Anlass dafür ergeben hatte. Jetzt war genau der richtige Zeitpunkt dafür gekommen.

Das einzige Problem: Für meine Video-Idee benötigte ich Kerstin, und sie zu überreden war in diesem Fall eine schwierigere Übung als bei den Fotos.

»Nein, Marco, ich bin doch keine Schauspielerin, das is mir peinlich«, sagte sie. »Mach das doch mit einem von deinen Freunden.«

»Schatz, das geht nicht, es geht doch um den Film, in dem wir grad waren. Das haut nur mit dir hin«, flehte ich.

Irgendwann hatte ich sie so weit. Ich erklärte Kerstin den Ablauf, dann begannen wir mit meinem Handy im Garten vor dem Haus meiner Großeltern zu drehen.

»Wir waren grad in einem Horrorfilm«, berichtete Kerstin in die Kamera. »Jetzt schauts euch amal den Marco an, ich glaub, dem gehts nicht so gut«, sagte sie mit gespieltem Ernst. Dann schwenkte sie das Handy, so dass man mich in der Wiese sitzen und wie in einer Psychose versunken vor- und zurückwippen sah. Dann packte ich das volle Repertoire aus: Ich rannte wie ein Verrückter durch die Gegend, schrie, krachte gegen die Hausmauer, zeigte die ganze Palette an Panikreaktionen, die ich drauf hatte, und Kerstin hielt alles für Facebook und die Nachwelt fest.

Innerhalb kürzester Zeit, nachdem ich das Video hochgeladen hatte, war die Tausend-Like-Grenze überschritten. Und es ging weiter nach oben. In den Kommentaren forderten die Leute sofort mehr und drückten ihre Begeisterung darüber aus, dass es jetzt auch ein Marco-Wagner-Video gab.

Tipp: Facebook ist ein visuelles Medium. Fotos sind gut, Videos sind besser. Kein noch so guter Text wird dir so viele Likes bringen, wie ein wirklich witziges Video.

In den nächsten Tagen und Wochen legte ich nach, so gut ich konnte. Ich drehte ein verrücktes Video nach dem anderen, zwischendurch schoss ich natürlich auch weiterhin Fotos und garnierte sie mit abgedrehten Sprüchen. Die Freundschaftsanfragen und Likes vervielfachten sich in dieser Zeit rasant: von ein paar hundert war meine Reichweite nur durch den Schritt zum Video bald auf ein paar tausend Leute gestiegen.

Eines Tages stellte ich fest, dass ich zwei neue Freundschaftsanfragen, die ich bekommen hatte, nicht annehmen konnte. »Hab ich jetzt Facebook gesprengt, oder was?«, dachte ich. Dann entdeckte ich eine Info darüber, dass ich die maximale Zahl an Freunden erreicht hatte: 5.000. Mehr ging nicht.

Das fand ich nicht lustig. Gerade lief alles so gut, mehr und immer mehr Leute wollten meine Späße sehen, und jetzt wollten die mir mein Publikum aussperren? Verdammtes Facebook. Es musste einen Weg geben, diese Blockade zu umgehen. Wütend drückte ich immer wieder auf den »Freundschaftsanfrage annehmen«-Button, aber es tat sich überhaupt nichts.

Schließlich beschloss ich, einen Freund anzurufen, der, was Computer betraf, nicht so total auf der Nudelsuppe dahergeschwommen war wie ich, um ihm mein Problem zu schildern.

»Marco, du musst einfach nur freischalten, dass man dich abonnieren kann. Dann kannst du so viele Follower haben, wie du willst«, sagte mein Kumpel.

Tipp: Informier dich gründlich über die technischen Möglichkeiten, die Facebook dir bietet. Nur, wenn du die Plattform kennst, die du bespielen willst, kannst du aus einem Hobby ein Geschäftsmodell machen.

So einfach ging das? Vielleicht war Facebook ja doch nicht so schlecht. Ich bedankte mich artig und klickte auf ein paar Knöpfe, um die Abonnier-Funktion einzuschalten. Dann sah ich zu, was passierte.

Die ersten paar hundert Abonnements waren schnell beisammen. Ein paar Tage später übersprang ich die Tausend-Abonnement-Grenze. Natürlich drehte ich fleißig weiter Videos und knipste meine Bilder, von nichts kommt bekanntlich nichts.

Eines Tages bekam ich eine Nachricht von einem alten Freund, von dem ich schon länger nichts mehr gehört hatte: »Schämst du dich nicht, Marco? Du bist doch kein kleiner Bub mehr. Ein erwachsener Mann, und so einen Blödsinn machen. Mir wär das peinlich, echt.«

Zugegeben, das war nicht die einzige Nachricht dieser Art, die ich bekommen hatte. Von harmlosem Spott bis zu Drohungen à la »Wenn ich dir irgendwo begegne, dann hau ich dich nieder, du Depp!«, war in den vergangenen paar Monaten seit Bernis und meinem ersten verrückten Posting schon so ziemlich alles vorgekommen. Ich hatte das immer als bedeutungslos abgetan und mir gedacht, dass das Internet eben voll von verkorksten Leuten und Neidern ist. Immerhin zwang ich ja niemanden, sich meine Bilder und Videos anzuschauen, oder? Warum sich jemand so über etwas aufregte, das er stattdessen einfach wegklicken konnte, wenn es unbeabsichtigt auf seinen Bildschirm geraten war, konnte ich einfach nicht verstehen.

Aber jetzt hatte ich das erste Mal eine negative Nachricht von jemandem bekommen, der mir einmal nahe gestanden war. Das gab mir zu denken. In den kommenden Tagen achtete ich mehr darauf und stellte fest, dass es ein paar Leute aus meinem Bekanntenkreis gab, die, zunächst fast unmerklich, von mir abrückten oder mich mit anderen Augen zu sehen schienen.

Interessanterweise sollten es ein paar Jahre später mitunter genau die Leute sein, die sich als meine besten Freunde aufspielten, als ich plötzlich über die Grenzen von Facebook und der Steiermark hinaus Erfolg hatte.

Tipp: Wenn du Erfolg in den sozialen Medien hast, wird das manche Menschen ärgern. Setz dich nicht mit den Neidern auseinander, sondern konzentrier dich auf deine Fans, um deinen Erfolg zu vergrößern.

Zugleich hatte ich bald nach Aktivierung der Abonnement-Funktion meines Facebook-Profils auch die ersten Erlebnisse, die mir vor Augen führten, wie Prominente sich im öffentlichen Raum fühlen mussten. Ich wurde nun hin und wieder von Menschen auf der Straße erkannt, die mich fragten, ob ich nicht der mit den verrückten Videos sei und die sogar manchmal um ein Foto oder ein Autogramm baten. Danach fühlte ich mich regelmäßig wie ein Rockstar und berichtete Kerstin, wenn sie nicht dabei gewesen war, wie ein Kind, dem jemand ein Eis geschenkt hat, von meinem Erlebnis.

»Schön, dass es dir so viel Spaß macht, Marco«, sagte Kerstin dann, »aber übertreibs nicht, es ist nur ein Hobby.«

Da hatte Kerstin natürlich Recht, es war nur ein Hobby. Zwar war es ein Hobby, das mir inzwischen verflucht viel Spaß machte, aber trotzdem durfte ich den Rest meines Lebens darüber nicht vernachlässigen. Ich hatte einen 40-Stunden-Job als Koch in der Fruchtverarbeitungsfirma zu erledigen, ich hatte eine Beziehung, und ich lebte immer noch als Mitbewohner meiner Großeltern in deren Haus in Großpesendorf. Ich war kein Rockstar, und wegen ein paar im Internet erfolgreicher Fotos musste ich auch nicht beginnen, mich wie einer zu fühlen.

Ich dachte daran, dass ich meinen Großeltern nicht erklären hätte können, was Facebook eigentlich war, nicht einmal, wenn ich es gewollt hätte. Es war für sie wie für die meisten Menschen ihrer Generation einfach nicht Teil der realen Welt. Und vielleicht hatten sie mit dieser Einstellung ja sogar Recht? Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich mit meinen Bildern und Videos etwas Reales geschaffen hatte, denn hinter den zigtausenden Likes, die ich inzwischen bekommen hatte, standen doch auch reale Menschen, die sich diese Bilder anschauten, darüber lachten und deshalb auf den »Gefällt mir«-Button klickten.

Wieder einmal musste ich an meine Schulzeit zurückdenken, in der ich mit meiner Begeisterung für Rapid Wien zwar eine Außenseiterrolle eingenommen hatte, davon abgesehen aber auch irrsinnig darauf abgefahren war, als Klassenkasperl beklatscht zu werden. Ich hatte keinen Blödsinn ausgelassen, um meinen Mitschülern zu demonstrieren, was für ein verrückter Hund ich war und wie weit ich gehen konnte, wenn ich nur wollte. Außerdem hatte ich immer schon ein gutes Gespür dafür gehabt, was andere lustig finden. Wenn ich mir eine Komödie im Fernsehen oder im Kino ansah, dann musste ich selbst meistens kaum lachen, aber ich wusste ganz genau, welche die Momente waren, bei denen meine Freunde in Gelächter ausbrechen würden.

In der Schule nahm ich sogar Strafen in Kauf, wenn die Leute über mich lachten, denn das gab mir das Gefühl, von ihnen geschätzt und akzeptiert zu werden. So vereinbarten wir zum Beispiel einmal unter den Schülern in der Pause einen Wettbewerb, bei dem es darum ging, wer sich am längsten stehen zu bleiben traute, nachdem der Lehrer die Klasse betreten hatte. Nachdem alle aufgestanden waren, um den hereinkommenden Lehrer zu begrüßen, sagte der wie immer: »Bitte setzen.«

Alle blieben stehen, und die ganze Klasse lachte.

»Witzig seid ihr«, sagte der Lehrer, »aber jetzt setzt euch bitte wirklich, damit wir mit dem Unterricht beginnen können.«

In etwa die halbe Klasse folgte seiner Aufforderung, die andere Hälfte blieb immer noch stehen. Der Lehrer schlug jetzt einen ernsteren Ton an: »Es ist ja sehr lustig gewesen, aber jetzt möchte ich, dass ihr euch alle setzt, und zwar sofort!«

Nun setzten sich natürlich die allermeisten, nur ein paar vereinzelte Sturköpfe, zu denen auch ich gehörte, blieben weiterhin stehen. An diese Widerständigen trat der Lehrer einzeln heran und bekam bei seiner Schimpftirade langsam einen roten Kopf: »Das ist nicht mehr witzig. Ihr setzt euch jetzt auf der Stelle hin, oder ich hole den Direktor!«

Als der Lehrer wütend das Klassenzimmer verließ, setzten sich alle noch stehenden Schüler nieder – bis auf mich und einen anderen, der mir den Sieg in diesem kleinen Wettstreit nicht einfach so überlassen wollte. Jetzt wurde der Rest der Klasse langsam nervös, weil die Sache zu eskalieren drohte.

»Ihr seid so krank! Setzt euch nieder. Er holt schon den Direktor! Was ist los mit euch?«, das riefen und flüsterten uns unsere Mitschüler zu. Mir war sonnenklar, dass ich bis zuletzt stehen bleiben würde. Ich war immer schon ein sturer Teufel gewesen – mein Kollege aber leider auch, also standen wir beide weiterhin kerzengerade hinter unseren Tischen.

Nach einer Ewigkeit tauchte der Lehrer mit dem Direktor im Schlepptau wieder auf. Unsere Mitschüler versteckten sich hinter ihren Pulten oder taten demonstrativ unbeteiligt, weil ihnen die Sache schon so unangenehm war.

»Was ist hier los?«, herrschte mich der Direktor an. »Warum setzt du dich nicht? Wenn du dich nicht sofort niedersetzt und weiterhin den Unterricht störst, rufe ich deinen Vater an!«

»Dann rufen Sie ihn halt an«, antwortete ich ruhig. Nervöses Gelächter war kurz von den Schülern zu hören. Dann verstummten sie auf einen Blick des Direktors hin, dessen Gesicht in puncto Zornesröte das des Lehrers inzwischen überholt hatte.

»Hör auf jetzt, setzen wir uns hin«, raunte mir mein Kontrahent unerwartet zu.

»Du kannst dich gerne hinsetzen«, antwortete ich, »aber ich setze mich erst nach dir.«

Wieder lachte die Klasse auf. Der Direktor murmelte etwas von Konsequenzen, die das alles haben würde, und verließ die Klasse. In diesem Moment setzte sich mein letzter verbliebener Gegner.

»Jawohl, gewonnen!«, rief ich und zeigte die Becker-Faust, bevor ich mich ebenfalls in meinen Sessel fallen ließ.

Als mein Vater die Schule erreichte, der dafür extra seinen Arbeitsplatz hatte verlassen müssen, wurde ich aus dem Klassenzimmer gerufen, um ein Gespräch mit ihm und dem Direktor zu führen. Das Gespräch war ziemlich langweilig und voller Floskeln.

»Warum tust du das?«, fragte mich mein Vater, als wir die Direktion zu zweit verließen. »Was ist der Sinn dahinter? Du wirst nachsitzen müssen und kriegst nichts als Probleme!«

»Mir egal«, sagte ich. »Ich bin stolz darauf, gewonnen zu haben.«

Während ich so in Träumereien meiner Vergangenheit als Klassenkasperl vertieft war und darüber nachdachte, ob meine Facebook-Späße die logische Fortsetzung davon waren, registrierte ich eine neue Nachricht in meinem Postfach. Diesmal war es weder ein Fan noch jemand, der mich kritisieren wollte.

Es war der Vertreter einer Firma, der anfragte, ob ich nicht Lust hätte, bei einem Model-Contest in Wien in der Jury zu sitzen. Als Aufwandsentschädigung bot er mir 500 Euro an.

Ich konnte es zuerst gar nicht glauben. Ich, Marco Wagner, sollte in einer Jury sitzen und dafür auch noch Geld bekommen? Und das alles, weil ich nicht aufgehört hatte, der sture Klassenkasperl von früher zu sein und meine Freizeit damit verbrachte, verrückte Fotos und Videos auf meine Facebook-Seite zu stellen?

Ich holte Kerstin ins Zimmer und ließ sie mir die Nachricht vorlesen, damit ich sicher war, nicht verrückt geworden zu sein. Es klang wie Musik in meinen Ohren.

»Siehst du, Kerstin, von wegen das ist nur ein Hobby!«

Das konnte ich mir in diesem Moment einfach nicht verkneifen.

»Gratuliere, Marco. Kaufst du uns von dem Geld, das du bei dem Contest verdienst, dann eine eigene Wohnung?«

Das saß. Meine Freundin war gerade zu mir gezogen und wir hatten uns den oberen Stock des Hauses meiner Großeltern schön hergerichtet. Wir hatten auch einen eigenen Hauseingang, und es war fast wie eine eigene Wohnung. Aber natürlich blieb es trotzdem das Haus meiner Großeltern, in dem sie das Erdgeschoß bewohnten. Mehr war finanziell einfach nicht drinnen. Kerstin bemerkte meine Niedergeschlagenheit.

»Entschuldige Marco, ich habs nicht so bös gemeint. Super, dass dir die was zahlen für diesen Model Contest. Und vielleicht gewinnst du ja …«

Wir mussten beide lachen. Ich, als Model gestylt, in High Heels mit blonder Perücke, wie ich mich über den Laufsteg quälte, das würde Kerstin bestimmt gefallen. Und das war eigentlich schon wieder eine Idee für ein neues Video.

Natürlich sagte ich zu, als Jurymitglied an dem Model-Contest teilzunehmen. Aber bis dahin waren noch einige Wochen Zeit, und es ergab sich, dass ich in der Zwischenzeit noch eine weitere, kurzfristigere Anfrage für einen Auftrag erhielt. Der Besitzer einer Gleisdorfer Disco mit angeschlossener Pizzeria meldete sich bei mir und fragte mich, ob ich nicht als Stargast in seiner Disco auftreten könnte. Mehrere Leute hätten ihn darauf angesprochen und er erwarte sich ein volles Haus, wenn er auf die Plakate für seine nächste Party »Stargast Marco Wagner« schreiben dürfe. 300 Euro und unbegrenzte Freigetränke am Abend der Party würde er dafür springen lassen.

Selbstverständlich hatte ich nichts dagegen: Party machen, und dafür auch noch bezahlt werden, wie geil ist das denn?

In der letzten Nacht vor dem geplanten Event schlief ich allerdings verdammt schlecht.

»Was, wenn dich dort alle auslachen oder ausbuhen, Marco?«, dachte ich. »Du bist kein DJ, du bist kein Sänger oder Tänzer, was zum Teufel sollst du in dieser Disco vorführen, damit du deine 300 Euro wert bist?« Ich malte mir aus, wie ich vor einer Handvoll Leuten in der fast leeren Disco Witze erzähle, bis der Chef des Lokals die Veranstaltung abbrechen, mir meine Gage verweigern und eine Getränkerechnung vorlegen würde. Marco Wagner, der Disco-Star – wie hatte ich mich in meinem Größenwahn nur zu so einem Blödsinn überreden lassen können?

»Stress dich nicht so, Marco«, sagte Kerstin zu mir, während wir beim Frühstück saßen. »Der Chef von der Disco ist ein Geschäftsmann. Wenn der dir 300 Euro zahlt, dann weiß er schon, warum. Und wenn nicht, dann ist es seine eigene Schuld. Es war ja schließlich nicht deine Idee.«

Ich sagte nichts, weil ich nicht überzeugt war. Kerstin bekam einen besorgten Gesichtsausdruck.

»Es war doch nicht deine Idee, Marco, oder? Bitte sag, dass das nicht auf deinem Mist gewachsen ist.«

»Natürlich nicht, Schatzi«, sagte ich. Meine Freundin traute mir also zu, dass ich auf eigene Faust einen Disco-Betreiber anquatschte und ihm 300 Euro dafür herausleierte, dass ich sein »Star-Gast« sein würde. Ich wusste nicht, ob ich beleidigt sein oder mich geehrt fühlen sollte. Wahrscheinlich beides.

Als ich am Abend das Lokal erreichte, stand eine Schlange von Leuten vor der Disco, die auf Einlass wartete. »Na gut, immerhin hat mein Name auf den Plakaten sie nicht vertrieben«, dachte ich. Ich machte mich auf den Weg zum Hintereingang, wie es mit dem Chef vereinbart war.

»Hey, du bist doch der Facebook-Marco!«, kreischten zwei Mädchen, die mich in der Masse erkannt hatten. Sofort wurden noch mehr Leute auf mich aufmerksam. Bevor mir recht bewusst wurde, was los war, hatte schon ein Dutzend Leute Selfies mit mir geschossen, auf denen ich wahrscheinlich einen ziemlich perplexen Gesichtsausdruck hatte.

Dann hakte mich der Chef des Lokals unter, der mich in der Menschenmenge ausgemacht hatte, und eskortierte mich zum Hintereingang.

»Die sollen erst Eintritt zahlen und danach mit dir Fotos machen«, sagte er und zwinkerte mir zu. Ich konnte mir ehrlich gesagt immer noch nicht vorstellen, dass ein wesentlicher Teil dieser paar hundert Leute wegen meines Namens auf dem Plakat gekommen sein sollte.

Das änderte sich, als mich etwas später der DJ als Stargast des Abends begrüßte und mich ans Mikrofon bat. Die Disco jubelte und johlte, als wäre gerade Gigi D’Agostino angesagt worden. Mit etwas weichen Knien kam ich aus dem Backstage-Bereich hervor und nahm das Mikrofon entgegen. Direkt vor mir kreischten mich ein paar ziemlich junge Mädchen an, schossen mit ihren Handys ein Foto nach dem anderen von mir und riefen meinen Namen. Was sollte ich tun? Ein Lied hatte ich nicht vorbereitet. Der DJ deutete mir, dass ich etwas sagen sollte, um meine Fans zufriedenzustellen. Also versuchte ich einfach, so locker und gelassen wie möglich zu wirken und sagte dabei ins Mikro: »Hi, ich bin der Marco Wagner, und ich bin heute da, um mit euch gemeinsam zu feiern!«

Riesiger Applaus, »Marco«-Rufe und kreischende Mädchen. Ich fühlte mich wie ein Mitglied der Beatles in den 60er-Jahren, auch wenn keiner von ihnen Marco geheißen hatte. Nach meiner erfolgreichen Begrüßungsaktion war meine Nervosität wie weggeblasen. Die Hütte war voll, der Chef zufrieden, und das Publikum erwartete offenbar nichts anderes von mir, als dass ich mich unters Volk mischte und gute Stimmung verbreitete. Wenn es sonst nichts war, das hatte ich doch jedenfalls drauf.

Na gut, eine weitere Sache wurde doch noch von mir erwartet: Einige Fans meiner Fotos und Videos wollten sich nicht mit den neumodischen Selfies zufriedengeben, sondern baten mich tatsächlich um ein Autogramm. Da ich über keine Autogrammkarten verfügte, signierte ich alles, was mir unter den ausgeborgten Stift gehalten wurde. Zettel, Eintrittskarten, Gesichter, Zigarettenschachteln. Auch Brüste wären sicher drinnen gewesen, aber ich war schließlich in einer festen Beziehung und hatte keine Lust, meiner Freundin morgen einiges erklären zu müssen, falls jemand gerade auf den Auslöser seines Smartphones drückte, während ich mit einem Kugelschreiber im D-Körbchen irgendeiner aufgeputschten Blondine herumfuhrwerkte. Nein, danke. Den Gratis-Drinks, die ja Teil der Vereinbarung waren, sprach ich allerdings schon ziemlich tüchtig zu, man gönnt sich ja schließlich sonst nichts.

Gegen vier Uhr früh, als sich die Disco langsam zu leeren begann, nahm mich noch einmal der Chef beiseite und steckte mir die 300 Euro zu, die wir als Gage vereinbart hatten.

»Danke, Marco, war super.«

Ja, verdammt, das war es. Ich hatte gerade 300 Euro bar auf die Hand bekommen, und wofür? Dafür, dass ich einen launigen Begrüßungssatz in ein Mikrofon gesprochen und eine Nacht lang Party gemacht hatte. Oder aber dafür, dass ich aus jeder verrückten Idee, die mich heimsuchte, ein Foto oder ein Video gemacht und es auf meine Facebook-Seite gestellt hatte? Wie auch immer: Wenn das ein Traum war, dann wollte ich auf keinen Fall aufwachen. Und wenn das mein Leben war, dann gefiel es mir jetzt aber schon verdammt gut.

Nach diesem extrem positiven Erlebnis hätte ich dem Model-Contest in Wien eigentlich etwas entspannter entgegensehen können. Aber nein, ich war nur noch nervöser als bei meinem Disco-Auftritt. Immerhin musste ich eigens nach Wien reisen. In Gleisdorf war das Ganze zumindest eine Art Heimspiel gewesen, aber in Wien kannte ich doch keinen Menschen. Und bei einem Event wie einem Model-Contest war die Peinlichkeit ungleich größer, wenn sich jeder im Publikum fragte, wer eigentlich dieser komische, völlig unbekannte Typ war, der neben der berühmten Ski-Fahrerin Renate Götschl saß und sich als Jury-Mitglied aufspielte. Ja, tatsächlich, die Veranstalter hatten mir wenige Tage vor dem Event mitgeteilt, dass Ski-Star Renate Götschl mit mir gemeinsam die Jury bilden würde. Natürlich fühlte ich mich davon irgendwie geehrt, aber zugleich schien mir das noch deutlicher zu machen, wie wenig ich geleistet hatte, um in diese Jury aufgenommen zu werden. Ich war nicht unter Lebensgefahr steile Hänge hinuntergerast, hatte keine WM- und Olympia-Medaillen erobert. Ich hatte einfach nur ein paar lustige Fotos und Videos gemacht.

In der Nacht vor meiner Fahrt nach Wien wurde ich von Albträumen heimgesucht. Der Moderator des Model-Contests stellte in meinem Traum die Jurymitglieder vor, brach aber selber in Lachen aus, als er meinen Namen und meine Verdienste verlas. Das Publikum lachte mit und auch Renate Götschl konnte bald nicht mehr an sich halten. Am Ende wurde ich hinter die Bühne gelotst und dazu gezwungen, ein enges Kleid und High Heels anzuziehen, mit denen ich dann unter allgemeinem Gejohle über den Laufsteg stöckeln musste.

»Damit du das Geld, das wir für dich verschwendet haben, wieder hereinbringst!«, feixte der Moderator und schlug mir derb auf den Hintern.

Ich erwachte schweißgebadet. Ich schüttelte Kerstin, die neben mir friedlich schlief, bis sie wach war.

»Kerstin, ich kann dort nicht hinfahren. Das ist eine Falle«, sagte ich.

»Marco, beruhig dich. Es ist doch alles gut. Du hast doch in der Disco gesehen, wie super das hinhaut.«

»Ja, aber das war in Gleisdorf. In Wien warten sie doch nur darauf, mich depperten Steirer vorzuführen.«

Ich weiß nicht mehr wie, aber Kerstin schaffte es, mich ein wenig zu beruhigen. Wahrscheinlich gelang es ihr, mich davon zu überzeugen, dass ich unter Lampenfieber litt und mich einfach ein bisschen zusammenreißen musste.

Am nächsten Tag ritt ich im Kaufpark Alterlaa ein, als wäre ich ein alter Profi, der schon hunderte Models bewertet hat. Nicht, dass meine Nervosität weg war, ganz im Gegenteil. Aber ich hatte beschlossen, dass Angriff die beste Verteidigung war und ich deshalb so tun würde, als ob die Veranstalter froh sein konnten, dass ich mich für ein paar hundert Euro extra auf den Weg gemacht hatte. Ich wurde vom Moderator begrüßt und zu meinem Platz geführt, wo ich auch Renate Götschl kennenlernte, die sehr freundlich und unprätentiös war. Wir bekamen beide je einen Stapel mit kleinen Punktetafeln, die wir hochhalten sollten, um die Models in ihren verschiedenen Outfits zu bewerten.

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9783990012529
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