Читать книгу: «Die Königin von Verlorenherz»
Marcel Zischg
DIE KÖNIGIN VON VERLORENHERZ
Ein Märchen-Roman
für Leser von 12 Jahren an
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Lektorat: Moritz Siegel (Dresden)
Titelbild © Sergey Nivens
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
TEIL 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
TEIL 2
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
TEIL 3
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Weitere Informationen
TEIL 1
Kapitel 1
„Mama, es war super! Kenzo hat gleich in den ersten Spielminuten ein Tor für uns geschossen, 1:0. Aber dann haben die Löwen richtig Gas gegeben und ihre Abwehr war beinhart. Flori hat ziemlich ungenau zu Raffi geflankt und Raffi hat den Ball nach vorn gebracht, aber dann hat er ihn an einen gegnerischen Spieler verloren. Zu dumm – und Tor für die Löwen! Raffi ist wieder nach vorne gestürmt, hat aber weit am Tor vorbeigeschossen. Kenzo hat zwar geschickt übernommen, aber wir haben es einfach nicht nach vorn durch die Abwehr geschafft. So ist es eine Weile hin und her gegangen, bis zur allerletzten Spielminute – und immer noch stand es unentschieden. Da hat Raffi eine Chance gesehen: Er war nach vorne gestürmt, hat den Ball dann aber in allerletzter Sekunde zu mir gespielt – und ich hab getroffen, 2:1 für uns! Wir Füchse haben gewonnen! Du hättest dabei sein müssen, Mama!“
Begeistert erzählte Til beim Abendessen von seinem Fußballspiel. Er war dreizehn und sein Bruder Rafael zwölf. Sie spielten in derselben Schulmannschaft, bei den Füchsen. Allerdings hatte Rafael nicht ganz so viel Lust auf Fußball und machte eigentlich nur mit, weil Til hinging. Ihre Mutter Julia hatte an diesem Nachmittag arbeiten müssen und war deswegen nicht zum Spiel gekommen, aber ihr fehlten vor Bewunderung über Tils Erzählung die Worte. Sie stand vom Tisch auf und drückte ihn an sich, wobei er sich gleich losmachte und kicherte: „Ist ja schon gut, Mama!“ Sie setzte sich wieder hin und hörte ihm weiter zu.
„Es ist mein zwanzigstes Tor in dieser Saison!“, redete Til weiter. „Wenn ich so weitermache, werde ich Torschützenkönig!“
Die Mutter lächelte Til an – genauso, wie sie ihren Mann Felix angelächelt hatte, wenn sie stolz auf ihn gewesen war. Auch Felix war ein guter Fußballer gewesen, der als Stürmer für die erste Mannschaft der Stadt viele Tore geschossen hatte, und das hatte ihr immer gefallen. Leider war er vor vielen Jahren bei einem Autounfall gestorben – Rafael und Til waren damals noch sehr klein gewesen.
Rafael spielte nicht wie sein Bruder Til im Sturm, sondern nur im Mittelfeld, und er hatte noch nie ein Tor geschossen. Deswegen lächelte ihn seine Mutter auch nie so stolz an, wie sie Til anlächelte – da leuchteten ihre Augen vor Freude und Stolz. Und wenn sie zu Rafael sagte: „Das hast du gut gemacht“, dann klang das nicht ganz so freudig, wie es bei Til klang: Es klang eher so, als müsste sie es sagen, weil Rafael nun mal ebenfalls da war. Jetzt sah sie Rafael an und sagte zu ihm: „Wir können wirklich stolz sein auf Til!“
Da wurde es Rafael zu viel, er konnte seine Wut nicht mehr länger zurückhalten. Er sprang vom Stuhl auf und schluchzte: „Immer nur Til! Für mich interessierst du dich gar nicht! Ich bin dir doch ganz egal!“
„Ach, Raffi“, seufzte Til. Julia wollte etwas sagen – sie stand auf und wollte auf Rafael zukommen, aber Rafael wich ihr aus. Er lief aus dem Haus, schwang sich auf sein Fahrrad und sauste davon.
Es war Mai, die Sonne war soeben untergegangen. Rafael fuhr ein Stück die Straße hinunter bis zu einer Holzbrücke, die über einen kleinen Bach führte. Die Straße führte geradeaus weiter ins Zentrum der Stadt, aber Rafael bog in den Waldweg ein, der am Bach entlang verlief, und folgte dem Bach auf dem Weg immer weiter stromaufwärts.
Es war der einzige Bach der kleinen Stadt. Als Rafaels Vater gestorben war, war er durch einen heftigen Regen mit dem Auto von der Straße abgekommen, kurz vor der Holzbrücke über die Böschung in den Bach hinabgestürzt und unglücklich mit dem Kopf auf das Steuer geprallt. Er war auf der Stelle tot gewesen. Von seiner Mutter wusste Rafael nur, dass sein Vater zu Lebzeiten neben seinem leidenschaftlichen Hobby als Fußballer mehreren Gelegenheitsarbeiten nachgegangen war. So hatte Rafaels Vater beispielsweise gekellnert oder in einem Supermarkt gearbeitet. Aber das konnte sich Rafael nicht so gut vorstellen – er konnte sich seinen Vater bloß als ebenso starken Fußballer vorstellen, wie es Til war.
Weg und Bach führten durch ein kleines Wäldchen. Rafael weinte und als ihm Leute begegneten, sah er sie nicht an. Er überquerte den Bach über eine kleinere Holzbrücke und folgte auf dem anderen Ufer weiter dem Weg. Nach der Brücke ging es durch ein weiteres Wäldchen auf einen kleinen Hügel hinauf, immer am Bach entlang. Dieses Wäldchen war so dicht, dass die Wipfel der Bäume über Rafael ein Dach bildeten. Der Weg wurde sehr steil und Rafael musste einmal stehen bleiben, um zu verschnaufen, bevor er endlich auf einer Lichtung angekommen war.
Zu dieser Lichtung fuhr Rafael öfter, wenn er allein sein wollte. Dort war eine Wiese, die mit hohem Gras und wilden Sträuchern bewachsen war. Der Bach schlängelte sich durch die Wiese und hier endete der Weg im Nichts. Mitten auf der Wiese lag ein hohler Baumstamm am Bach. Rafael stieg vom Fahrrad, lehnte es an einen Strauch und setzte sich auf den Baumstamm. So saß er nun am Bach und blickte ins Wasser, das den Hügel hinabfloss und vor ihm stieg der Hügel noch weiter an, bedeckt von Nadelbäumen, die dunkel und dicht beieinanderstanden. Aus diesem dunklen Wald kam der kleine Bach geflossen. Rafael war nie weiter gegangen als bis zu der Lichtung und er hatte auch nie im Sinn gehabt, weiterzugehen, weil es ihm auf der Lichtung gefiel und er sich nicht vorstellen konnte, dass der Wald dahinter je enden würde.
Rafael blickte zum dämmrigen Himmel empor und weinte immer noch vor Wut. Er wollte eigentlich nur alleine sein, aber plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Da drehte er sich um und erkannte einen Jungen hinter sich, der war ganz schwarz gekleidet und hatte auch ganz schwarzes glattes Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte. Dieser Junge blickte ihn mitleidig an. Er war sehr dünn und hatte feine Gesichtszüge, in denen ganz dunkle Augen saßen, die Rafael an seinen verstorbenen Vater erinnerten. Natürlich konnte Rafael sich nicht mehr genau an seinen Vater erinnern, aber auf den Fotos, die er von ihm kannte, hatte sein Vater blaue Augen, in denen eine seltsame Tiefe lag, als hüteten sie ein Geheimnis – ganz genau so ein Geheimnis lag auch in den seltsamen Augen dieses Jungen im Wald!
„Was hast du denn?“, wollte der Junge nun wissen und setzte sich neben Rafael. Der Junge strahlte etwas so Vertrauenswürdiges aus, dass Rafael ihm plötzlich unbedingt alles erzählen wollte. Und so erzählte er, wie beliebt Til war, dass er viel mehr Freunde hatte und vor allem besser Fußball spielen konnte und dass er auch die besseren Schulnoten schrieb, sodass Rafael sogar glaubte, dass Mama Til mehr liebte als ihn. „Am liebsten möchte ich so sein wie Til!“, sagte er schließlich. Und dann erzählte Rafael noch etwas, das ihm sehr zu Herzen ging. Seine Mutter hatte es ihm erzählt, ansonsten hätte er es wohl vergessen gehabt: Als er ganz klein gewesen war, hatte er einmal mit Papas Ehering am Ufer des Baches gespielt und der Ring war ihm dabei in den Bach gefallen – man hatte den Ring nicht mehr gefunden. Das war kurz vor Papas Tod passiert. Da lächelte der Junge.
„Ich weiß, wie ich dir helfen kann“, sagte er und hielt plötzlich den verlorenen Ring in der Hand, von dem Rafael ihm erzählt hatte.
Rafael riss erstaunt die Augen auf. „Woher hast du den Ring?“, fragte er, aber der Junge sagte nur: „Rafael, hör zu: Du hast gesagt, du wärst am liebsten dein Bruder Til. Ich kann dir diesen Wunsch erfüllen. Du musst nur diesen Ring an deinen Finger stecken, dann verwandelst du dich in Til.“
„Nun gut“, zeigte Rafael sich einverstanden und überlegte gar nicht lange, denn er hatte es satt, immer der vernachlässigte Rafael zu sein. Der seltsame Junge reichte ihm nun den Ring und Rafael steckte ihn an seinen Finger. Im selben Augenblick drehte sich alles um Rafael herum wie ein großes Rad, sodass Rafael bald gar nichts mehr erkennen konnte als nur ein buntes Bild, in dem sich viele Farben und Formen mischten. Er hörte das geheimnisvolle Rauschen des Baches, in dem er damals den Ring seines Vaters verloren hatte und an dem er oft mit Til gespielt hatte – und im nächsten Moment fand er sich im Bett seines Bruders wieder. Til aber war verschwunden.
Es war heller Morgen, Rafael stand auf. Er fühlte sich größer und auch etwas kräftiger als sonst und als er in den Spiegel blickte, der am Schrank hing, erkannte er darin nicht sich selbst, sondern tatsächlich seinen Bruder Til. Und er hätte nun am liebsten laut gejubelt, als seine Mutter plötzlich ins Zimmer kam und ihn in die Arme nahm.
„Rafael ist nicht wiedergekommen“, schluchzte sie. Sie löste sich wieder aus der Umarmung und blickte Rafael an, den sie nun für Til hielt. In ihren Augen standen Tränen: „Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen! Ich bin ganz früh aufgestanden, um Rafael in der Stadt zu suchen, aber ich habe ihn nirgends gefunden! Ich habe solche Angst, Til!“
Rafael wollte etwas sagen, aber in diesem Moment läutete das Telefon im Flur und seine Mutter eilte sofort hin. Rafael bemerkte, dass es die Polizei war – seine Mama hatte sie also bereits verständigt. Da schauderte es ihn, aber er hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken, denn als er im Badezimmer war, stand seine Mutter schon wieder vor ihm und sagte: „Til, du bist doch heute für den Leichtathletik-Wettkampf der Jungs von der Schule freigestellt.“ Sie hatte ihm die Sachen für den Wettkampf schon zusammengepackt und reichte ihm nun Tils Rucksack. Dabei senkte sie ihren Blick und fragte wieder: „Wo ist Rafael nur?“
Einerseits tat Rafael seine Mutter ja leid, aber andererseits freute er sich auch, dass sie nun endlich eingesehen hatte, dass nicht nur Til wichtig war. Nur eines ging Rafael nicht aus dem Kopf: Während sich seine Mutter fragte, wo Rafael war, fragte er sich, wo eigentlich der richtige Til geblieben war.
„Wo ist Rafael nur?“, fragte sich die Mutter jetzt wieder und verließ das Haus, ohne etwas Weiteres zu sagen. In diesem Moment dachte Rafael darüber nach, ob er nicht wieder zu dem Jungen in den Wald gehen sollte, um alles rückgängig zu machen, denn nun tat ihm seine Mutter doch leid.
Aber erst einmal musste Rafael auf seinem Fahrrad zum Sportplatz fahren. Er war sehr aufgeregt, weil er ja noch nie an so einem Sportwettkampf teilgenommen und immer nur von der Tribüne aus seinem Bruder zugesehen hatte.
Kapitel 2
Als Til gewann Rafael überragend in drei Kategorien: Kugelstoßen, 100-Meter-Lauf und 1000-Meter-Lauf – er wurde insgesamt Bester des Jahrgangs und erhielt dafür eine große Goldmedaille. Er fühlte sich großartig, als ihn alle umjubelten und lobten, aber dann störte es ihn doch, dass alle ihn Til nannten und dass seine Mutter nicht auf der Tribüne saß, um zuzusehen. Eigentlich hatte sie sich für diesen Tag extra freigenommen, um Tils Wettkampf mitzuerleben – und nun suchte sie irgendwo in der Stadt nach Rafael, der ja eigentlich gar nicht verschwunden war.
Mittagessen durfte Rafael bei einem Freund von Til, der diesen zu sich eingeladen hatte, aber er redete die ganze Zeit über Fußball, was Rafael nervte. Am Nachmittag spielte Rafael mit Tils Freunden Fußball, aber diese Jungen waren ganz anders als seine eigenen Freunde und er fühlte sich unter ihnen gar nicht wohl. Nach dem Spiel gab ihm ein Mädchen aus Tils Klasse einen Kuss auf den Mund – das war großartig und Rafael lief ganz atemlos nach Hause.
Als er endlich heimkam, war es schon Abend. Eigentlich wollte er noch etwas zeichnen, denn er hatte als Rafael gerne Häuser und Landschaften gezeichnet, aber plötzlich fehlte ihm jede Lust dazu. Was soll’s?, dachte er, Mama hat sich ja sowieso nie für meine Zeichnungen interessiert. Er suchte seine Mutter, um ihr die Goldmedaille zu zeigen und da fand er sie in der Küche, wo sie seine Zeichnungen ansah und weinte. Da musste Rafael schlucken, um nicht selbst zu weinen; er ging aufs Zimmer und legte sich in Tils Bett. Aber er schlief lange nicht ein, sondern wälzte sich unruhig von einer Seite auf die andere. Immer wieder fragte er sich, wo Til war, und er war nun doch sehr traurig darüber, dass seine Mutter ihn so sehr vermisste.
Am nächsten Morgen rührte Rafaels Mutter nur schweigend in ihrem Kaffee und starrte aus dem Fenster. Rafael erzählte ihr als Til von der gewonnenen Goldmedaille, aber sie hörte ihm gar nicht richtig zu.
In der Schule fragten Rafaels Freunde: „Ist Rafael wiedergekommen, Til?“ Sogar die Lehrerin der Klasse, in die Til ging, fragte ihn: „Hast du etwas von Rafael gehört?“ So konnte sich Rafael überhaupt nicht auf den Unterricht konzentrieren und außerdem gefiel es ihm in Tils Klasse nicht, weil ihm seine besten Schulfreunde fehlten, mit denen er im Sommer oft Räuber und Bulle gespielt oder über Abenteuerbücher und seine vielen Zeichnungen dazu gesprochen hatte.
Nach der letzten Schulstunde rief ihn der Mathelehrer zu sich und hielt ihm eine Schularbeit hin mit den Worten: „Til, das hat doch nicht deine Mutter unterschrieben!“ Rafael blickte genauer hin: Til hatte eine fünf bekommen – eine fünf! Ausgerechnet Til! Wie ist das möglich?, überlegte Rafael. Til war doch immer der beste Schüler seiner Klasse gewesen! Und noch dazu hatte er die Unterschrift von Mama gefälscht, damit sie nichts davon erfährt. „Das lässt du sofort von deiner Mutter unterschreiben!“, sagte der Lehrer zornig und sah ihn streng an. Rafael schaute sich die Schularbeit an. Die Rechnungen darauf waren nicht so schwierig, fand Rafael. Wie konnte Til so etwas nur vermasseln?, fragte er sich.
Als Rafael mit dem Fahrrad auf dem Heimweg war, musste er von der Schule aus den Weg am Bach entlangfahren, bis dieser bei der Holzbrücke, an der sein Vater verunglückt war, in die Straße mündete. Dieser Straße musste er dann bis zu seinem Haus noch weiter stadtauswärts folgen.
Auf dem Weg am Bach zielte aber plötzlich Kenzo, ein Klassenkamerad von Til, mit einem harten Fußball auf ihn und traf seinen Bauch. Rafael fiel vom Fahrrad und landete im Bach – der Ball wurde von der hier etwas stärkeren Strömung des Bachs mitgerissen. „Hallo, Til!“, rief Kenzo und sah Rafael böse an. „Du Wunderkind!“, sagte er in verächtlichem Tonfall und stellte sich nun ganz gerade und mit herausgestreckter Brust vor ihm auf. Er war der größte Schüler in Tils Klasse, schon vierzehn Jahre alt, trug einen strengen Bürstenhaarschnitt und hatte ganz blaue Augen, die er nun zu Schlitzen verkleinerte. Rafael hatte ihn nie gemocht: Kenzo spielte nämlich ungern mit den anderen aus der Fußballmannschaft zusammen, weil er sich immer für besser hielt. Til hatte trotzdem immer versucht, mit ihm Freundschaft zu schließen – aber umsonst. Kenzo ertrug es erst recht nicht, wenn ein Stürmer wie Til mehr Tore schoss als er selbst. Er wollte unbedingt immer selbst der Beste im Fußball sein.
„Ich habe gesehen, wie du meine Freundin geküsst hast!“, rief Kenzo und dann lachte er plötzlich schallend laut, als er den vermeintlichen Til ansah, der ganz durchnässt und schmutzig aus dem Bach stieg. Im nächsten Moment wurde Kenzo aber wieder ernst und blickte Rafael mit seinen gemeinen blauen Augen scharf an. „Wenn du sie noch einmal küsst, wirst du dein blaues Wunder erleben! Kapiert?“
Kenzo war sicher, dass der sonst so brave Til jetzt eingeschüchtert war, denn immerhin hatte er ihm auch ein hübsches kleines Bad verpasst. Also wandte er sich ab und wollte schon gehen – aber mit einem Mal stürzte sich Rafael auf Kenzo und brüllte dabei: „Du lässt meinen Bruder in Ruhe!“ Damit hatte der starke Kenzo gar nicht gerechnet und fiel nun tatsächlich ins Gras. Rafael formte mit seiner Hand eine Faust, um sie in Kenzos Gesicht zu schlagen, und Kenzo, der nun auf dem Boden lag, sah Rafael mit offenem Mund ganz erstaunt an.
Dann überlegte Rafael aber und hielt inne: Er erinnerte sich an eine frühere Rauferei mit Til: Damals war er selbst neun gewesen und Til zehn. Rafael hatte seinen Bruder mit einem Stein heftig am Kopf verletzt und das hatte ihm so leid getan, dass er geschworen hatte, sich nie wieder zu prügeln.
Also ließ er von Kenzo ab, der ihn nun aber sofort packte. Mit beiden Armen hielt er Rafael am Kragen fest und drückte ihn mit dem Rücken gegen einen Baumstamm. Dann formte er mit bitterböser Miene eine Faust, um sie Rafael ins Gesicht zu rammen – aber im allerletzten Moment hörte Rafael plötzlich Til, der rief: „Aufhören, sofort aufhören!“ Da drehte sich Kenzo um und ließ Rafael vor Schreck los, denn auf einmal stand da noch ein Til, der sah genauso aus wie der Til, mit dem er sich gerade geprügelt hatte. Kenzo öffnete verwundert seinen Mund, aber er konnte vor Erstaunen gar nichts hervorbringen. Er blickte wieder zu Rafael zurück, der immer noch mit wackligen Knien am Baum stand und ganz blass im Gesicht war. Til überlegte nicht lange – er nahm seinen Bruder Rafael einfach an der Hand und zog ihn mit sich. Kenzo blieb stehen und blickte den beiden gleichen Brüdern nach, als hätte er gerade ein Ufo mit Außerirdischen gesehen.
Rafael fiel ein, dass er sein Fahrrad am Bach liegen gelassen hatte. Er würde es später holen, beschloss er – zuerst einmal wollte er jetzt nur weg von dem blöden Kenzo.
Als die beiden Jungen endlich aus Kenzos Blickfeld verschwunden waren, drehte sich Rafael zu Til und musste plötzlich erkennen, dass es gar nicht Til war, der neben ihm herging, sondern der Junge aus dem Wald. Der ließ nun endlich Rafaels Hand los. „Es ist doch nicht so schön, Til zu sein!“, sagte Rafael zu dem Jungen. „Bitte mach, dass alles wieder so wird, wie es war und dass mein Bruder wiederkommt!“
„Das habe ich mir schon gedacht“, sagte der Junge aus dem Wald. „Deswegen bin ich auch gekommen. Aber es ist gar nicht so einfach!“ Der Junge blieb nun neben Rafael stehen. Er sah ihn an und erklärte: „Du musst den Ring wieder vom Finger ziehen, den ich dir gegeben habe, aber du darfst es nicht selbst machen. Deine Mutter muss den Ring von deinem Finger nehmen, aber du darfst sie nicht darum bitten – es muss ganz von selbst passieren!“
Nach diesen Worten grinste der Junge und sprang in den kleinen Bach, der den Jungen in sich hineinzog wie einen Gegenstand, den das Wasser einfach verschluckte. Rafael schauderte. Er blickte erstaunt auf das Wasser, das nun wieder ganz langsam dahinfloss. Jetzt war Rafael wieder alleine und er blickte ratlos auf seinen Finger und den Ring.
Kapitel 3
Als Rafael in seinen nassen Kleidern zu Hause ankam, saß seine Mutter noch immer in der Küche – sie hatte gar kein Mittagessen gekocht und starrte nur aus dem Fenster. Rafael vermutete, dass sie am Vormittag auch nicht zur Arbeit gegangen war, weil sie immer noch im Schlafrock dasaß. Er setzte sich zu ihr und seine Mutter lächelte, als er sie ansah – aber es war ein gezwungenes Lächeln. Sie wischte sich Tränen aus ihrem verweinten Gesicht und sagte: „Ich habe viel telefoniert – mit Freunden, mit der Polizei. Aber keiner weiß, wo Rafael ist …“ Plötzlich blickte sie Rafael genauer an und sagte: „Du bist ja ganz nass, Til!“
Sie wollte sein T-Shirt berühren, aber da hob er die Hand mit dem Ring und wich ihr aus: „Das ist doch nicht schlimm, Mama!“
Mit einem Mal erstarrten ihre Augen und blickten auf den Ring an seinem Finger. „Woher hast du den Ring?“, fragte sie und zog ihn Rafael nun vom Finger. Sie betrachtete den Ring genauer, dann verzog sie ihr Gesicht, als müsse sie jeden Augenblick zu weinen beginnen. Endlich raffte sie sich auf und schaute Rafael fest in die Augen. „Das ist der Ring deines Papas, Til!“, sagte sie. „Rafael hat ihn verloren, als er noch ganz klein war. Woher hast du ihn?“
Rafael log: „Ich habe ihn wiedergefunden, am Bach.“ Seine Mutter sah ihn an, dann blickte sie wieder auf den Ring und nun begann sie plötzlich doch, zu weinen. Es war ein ruckartiges Weinen, als würde etwas in ihrer Brust festsitzen, das unbedingt heraus wollte. Im nächsten Moment sah sie Rafael mit verweinten Augen an, dann stand sie auf und nahm ihn ganz fest in ihre Arme. Dabei sagte sie: „Ach, hätte ich mich doch mehr um Rafael gekümmert, dann wäre er nie davongelaufen!“
Wie sie Rafael jetzt aber wieder losließ, da stand er plötzlich gar nicht mehr als Til vor ihr, sondern er spürte deutlich, dass er jetzt wieder Rafael war – der Zauber war gewichen! Im ersten Moment erschrak seine Mutter und machte große Augen: „Das ist doch nicht möglich!“, sagte sie, aber dann sah sie, dass hinter Rafael plötzlich Til stand. Und obwohl sie nicht wusste, wie alles vor sich gegangen war, war sie sehr glücklich über Rafaels Heimkehr, sie umarmte ihn wieder und sagte: „Es tut mir so leid!“
Dann wollte sie von Rafael wissen, wo er die ganze Zeit über gewesen war. Er antwortete nur: „Ich war im Wald und habe mich am Bach herumgetrieben. Es tut mir leid, Mama.“ Alles andere würde Mama mir sowieso nicht glauben, dachte er.
„Seltsam“, sagte sie, „ich dachte, ich hätte soeben mit Til gesprochen und ihn umarmt und plötzlich halte ich dich im Arm, Rafael!“
„Ich habe Rafael gefunden, Mama“, sagte Til.
„Aber warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“, wollte sie wissen, doch als Til darauf nicht antwortete, sagte sie: „Ich bin nur froh, dass Rafael wieder hier ist!“
Zwei Nächte und eineinhalb Tage war Rafael nun scheinbar verschwunden gewesen, aber Julia war so froh über seine Rückkehr, dass sie gar nicht mit ihm schimpfte.
Til musste an diesem Nachmittag noch zum Fußballtraining, während Julia mit Rafael zu Hause blieb und ihm, weil er scheinbar weggelaufen war, einige Fragen stellte, die ihm unangenehm waren, aber Rafael war kein schlechter Lügner. Dann sprach sie zum ersten Mal eingehend mit ihm über seine Bilder und lobte sein Talent – das hatte sie früher nie gemacht. Außerdem wollte sie wissen, was Rafael in Zukunft zeichnen wolle und sie sprach mit ihm über einige bekannte Künstler.
Rafael zeigte ihr den Jungen aus dem Wald, den er in der ersten Nacht gemalt hatte, nachdem Til verschwunden gewesen war: Der Junge war sehr dünn und hatte feine Gesichtszüge, in denen ganz schwarze Augen saßen, dazu dichtes schwarzes Haar. Gekleidet war er aber nicht schwarz wie der Junge aus dem Wald, sondern wie ein ganz gewöhnlicher Junge mit weißem T-Shirt ohne Aufschrift und kurzen roten Hosen – rot und weiß, das waren auch die Farben der Fußballmannschaft der Füchse, in der Rafael und Til spielten. Im Hintergrund des Jungen war ein undurchdringlicher Wald mit Bäumen mit übermächtigen Stämmen, deren Höhe nicht auszumachen war, weil die Größe des Blatts nicht mehr ausgereicht hatte, um ihre Kronen zu zeichnen.
Dieses Bild gefiel Rafaels Mutter besonders gut und sie lobte es sehr. Außerdem erzählte sie Rafael über neue Abenteuerbücher in ihrer Bibliothek, die ihn interessieren könnten, denn sie war Bibliothekarin. Seltsamerweise hatte sie bisher aber fast nie über Abenteuerbücher gesprochen, wenn sie zu Hause war. Sie ließ Til viel zu viel über Fußball erzählen oder redete mit ihm und Rafael über die Schule – das fand Rafael alles langweilig.
Rafael und Til teilten sich dasselbe Zimmer und schliefen in einem Etagenbett – Rafael unten, Til oben. Rafael fragte sich, was Til wohl über den Zauber wusste. Als er endlich alleine mit ihm im Zimmer war und sie beide im Bett lagen, fragte er ihn: „Til, wo warst du denn die ganze Zeit? Weißt du eigentlich, was passiert ist?“ Til gab keine Antwort. „Ich wusste gar nicht, dass du in Mathe eine Fünf geschrieben hast“, sagte Rafael. Wieder gab es keine Antwort. Da stieß Rafael mit dem Fuß gegen die Matratze, die über ihm lag: „Hey, Til, sag schon etwas!“ Als wieder keine Antwort kam, warf Rafael seine Bettdecke beiseite und sprang aus dem Bett. Schlief Til etwa schon? Rafael stieg die Leiter etwas hinauf, bis er in Tils Bett sehen konnte, und erschrak. Denn dort im Bett lag gar nicht sein Bruder und schlief, sondern der Junge aus dem Wald.
Kapitel 4
Als Til aufwachte, fand er sich neben einem Fluss wieder – auf einer Sitzbank vor einem großen Bahnhofsgelände in einer Stadt. Die Stadt hieß Verlorenherz – jedenfalls stand das so auf einem großen Ortsschild. Und in der Luft über dem Fluss, der Erzählfluss hieß, hing ein großes Bild. Auf dem Bild saß ein Mann auf einem Stuhl und hielt beide Hände vor sein weinendes Gesicht. Er trug blaue Hosen und einen blauen Pullover. Er saß an einem Kamin, in dem Feuer brannte.
Wo bin ich hier?, fragte sich Til. Es war ein bewölkter Morgen. Er konnte sich nur erinnern, dass er sich abends ins Bett gelegt hatte. Und jetzt war er in einer Stadt namens Verlorenherz? Das konnte nicht wahr sein! War das ein Traum?
Jetzt verschwand das seltsame Bild von dem alten Mann in der Luft.
Der Junge aus dem Wald hatte Til hierher gebracht. Er hatte Rafaels Wunsch erfüllt und Til in diese große Stadt gezaubert. Rafael und Til hatten sich oft gefragt, wohin der Bach ihrer Stadt floss, weil er in einem Tunnel endete und sie keine Stelle kannten, wo der Bach den Tunnel wieder verließ: Der Bach floss nach Verlorenherz, und hier hieß der Bach Erzählfluss – er floss ganz ruhig, aber sein Wasser war dunkel und der Fluss war sehr, sehr breit.
Zuerst einmal stand Til auf, blickte sich um und ging ins Bahnhofsgebäude hinein. Eigentlich sah alles aus wie auf einem gewöhnlichen Großstadtbahnhof: Es gab Gleise, Züge, Verkaufsstände, Fahrkartenschalter, Menschen – aber Augenblick mal!, dachte Til. Da waren Anzeigetafeln, die Zielorte wie Verlustig, Schwarzhausen, Konjunktivchen, Wortschatzlosen, Wüste Dehnung, Schloss Verlorenherz oder Ewige Dunkelheit anzeigten.
Und was machen die Menschen hier am Bahnhof nur?, fragte sich Til, denn während sie hektisch durch das Bahnhofsgebäude liefen, verloren sie allerlei Dinge: Wertvolle Uhren lösten sich von ihren Handgelenken, Mobiltelefone sprangen ihnen wie Kaninchen aus den Hosentaschen, Geldbörsen fielen auf die Straße – und das alles wurde vom Boden einfach aufgesaugt, wie wenn etwas ins Wasser fällt und darin versinkt! Die Menschen schienen gar nicht zu bemerken, dass sie etwas verloren; sie gingen einfach weiter eilig durch das Bahnhofsgebäude und sahen dabei sehr traurig und müde aus.
Plötzlich aber tanzte ein lustiger Mann durch die Menge auf Til zu: Er trug eine bunte Narrenmaske, ein gelbes Wams und grüne Strümpfe. Der Mann lief drei Meter, drehte sich dreimal im Kreis zwischen den traurigen Menschen, die Dinge verloren, lief wieder drei Meter, drehte sich wieder dreimal im Kreis zwischen den traurigen Menschen, lief wieder drei Meter und stand endlich vor Til.
Er setzte sich neben Til auf eine Sitzbank und blickte ihn mit großen blauen Augen aus seiner Narrenmaske an. „Ha!“, rief er erfreut, aber Til hatte keine Lust, zum Narren gehalten zu werden und sagte: „Was für ein blöder Traum! Du siehst aus wie Till Eulenspiegel – es fehlt nur noch ein blöder Spiegel!“
„Hahaha, du bist lustig!“, rief der merkwürdige Mann. „Du bist hier – in Verlorenherz! Ich bin zwar kein Till Eulenspiegel, aber ich besitze tatsächlich einen kleinen Zauberspiegel!“
Til schüttelte den Kopf. „Für wie dumm hältst du mich eigentlich?“, fragte er. „Ich bin dreizehn und kein Kleinkind mehr, das an Märchen glaubt!“
Da zeigte der lustige Mann Til einen kleinen, runden, silbrig funkelnden Taschenspiegel und sagte: „Dieser Spiegel zeigt dir, wohin du hier in Verlorenherz reisen musst. Dieser Roman wird eine lange Reise und ich kann dich gern auf dieser Reise begleiten – du bist dazu bestimmt, uns zu helfen!“
„Ich befinde mich in einem Roman?“
„Nun ja“, sagte der lustige Mann, „irgendetwas muss ich dir ja erzählen, wenn du mir schon nicht glauben willst, dass das hier mehr ist als nur ein Traum!“
Til sagte nichts mehr, weil er bemerkte, dass sich plötzlich ganz viele Menschen um ihn herum auf dem Bahnsteig versammelten, während eine lange schwarze Dampflokomotive sich auf den Schienen näherte und eine Ansage durch die Bahnhofshalle klang: „Achtung! Der Zug nach Verlustig fährt auf Gleis 2 ein. Vorsicht auf dem Bahnsteig!“
Verblüfft blickte Til die schwarze Dampflok an, auf der mit weißen Großbuchstaben geschrieben stand: VERLUSTIG-EXPRESS.
Der Lokführer, der den Zug anhielt und aus dem Fenster schaute, war ein seltsamer Mann mit bunten Haaren und einer weinerlichen Frauenstimme, die ungeduldig rief: „Abschied, Abschied, Abschied!“ Und die Menschen vor dem Zug umarmten einander und weinten sehr.
„Narr Silberspiegel“, sagte Til nun zu dem lustigen Mann, denn so nannte er ihn jetzt wegen seines silbern funkelnden Spiegels. „Wohin fährt denn dieser seltsame Zug und warum weinen die Menschen so sehr? Und weshalb verlieren die Menschen hier am Bahnhof ständig irgendwelche Dinge?“
Narr Silberspiegel machte hinter seiner Narrenmaske große blaue Augen und erzählte: „Du bist in einer Stadt, in der alle Menschen Dinge verlieren und es nicht einmal merken! Wenn sie es bemerken, dann ist es zu spät und sie weinen bitterlich, denn sie können ihre Sachen niemals zurückbekommen: Was man einmal verloren hat, gewinnt man hier in Verlorenherz nicht mehr zurück. Es gibt nämlich ein Gesetz im ganzen Land Verlorenherz: Niemand darf etwas Verlorenes zurückbekommen! Dieses Gesetz stammt von der Königin von Verlorenherz. Die Königin von Verlorenherz ist wirklich sehr hart. Sie verlangt, dass die Menschen, die etwas verloren haben, zu ihr kommen. Wenn jemand beispielsweise ein Haus verliert, weil die Königin es einstürzen lässt, dann erhält er von der Königin von Verlorenherz dafür ein neues. Und wenn er dieses neue Haus bald darauf wieder verliert, weil es die Königin in Luft auflöst, dann bekommt er von der Königin wieder ein neues und immer so weiter, aber lange behält hier in Verlorenherz leider keiner irgendetwas. Viele Menschen sind deshalb unglücklich und sie werden immer trauriger.“
„Wie bin ich denn hierhergekommen, Narr Silberspiegel?“, fragte Til. „Ist es wirklich kein Traum?“
Narr Silberspiegel schwieg. Er deutete auf die Menschen, die sich auf dem Bahnsteig verabschiedeten. Immer mehr Menschen wurden es. Viele von ihnen würden bald in den Zug VERLUSTIG-EXPRESS steigen.
Der Lokführer mit den bunten Haaren wurde immer nervöser: Die ganze Zeit rief er ungeduldig „Abschied, Abschied, Abschied!“, denn er wollte endlich losfahren, aber die Menschen umarmten sich weiter; sie begannen nun zu klagen und zu weinen und wollten ihre geliebten Freunde und Angehörigen gar nicht mehr loslassen.
Til flüsterte Narr Silberspiegel zu: „Die Menschen tun ja gerade so, als würden sie sich niemals wiedersehen!“
„Im Land Verlorenherz verliert man nicht nur Gegenstände“, erklärte Narr Silberspiegel ernst, „man verliert auch Menschen.“
„Menschen?“, fragte Til erstaunt.
Narr Silberspiegel nickte.
Til musste einen Augenblick an seinen Vater denken. „Verlustig … sie fahren also nach Verlustig …“, flüsterte er, und dann fragte er noch: „Was weißt du über dieses Land?“
„Das ist das Land, wohin die Menschen gleich fahren. Sie werden niemals wieder aus diesem Land zurückkehren. Verlorenherz ist eigentlich ein Land, in dem sich Menschen nach ihrem Tod wieder begegnen, Til – aber wegen der Königin ist es ein Land geworden, in dem sich alle Familien, die nach ihrem Tod zusammen gefunden haben, wieder trennen müssen. Die Menschen, die ihre Wertsachen verlieren, hatten in ihrem Leben keinen geliebten Menschen, weil ihnen materielle Dinge wichtiger waren, und so verlieren sie ständig Sachen. Alle Menschen, die nach Verlorenherz kommen, müssen eine schwarze herzförmige Muschel an ihr Ohr halten, die Vergissmeinmuschel. Dadurch vergessen sie allmählich die Trauer über ihr verlorenes Leben auf der Welt und haben Mut, hier in Verlorenherz ein neues Leben anzufangen. Aber wegen der Königin von Verlorenherz ist das hier ein sehr trauriges Land für die Menschen geworden, Til.“
„Weißt du denn auch, ob mein verstorbener Vater hier irgendwo in Verlorenherz ist?“, fragte Til, als er hörte, dass in diesem Reich die Menschen nach ihrem Tod lebten.
Aber Narr Silberspiegel seufzte nur, schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, Til. Das weiß ich leider nicht …“
Til beobachtete eine Familie: Zwei Jungen sollten sich gerade von ihrem Vater verabschieden, der in den Verlustig-Zug steigen musste. Die Familie war bei einem schlimmen Autounfall gemeinsam gestorben und hatte sich danach in Verlorenherz wiedergefunden, aber jetzt sollten sich die Söhne mit der Mutter von ihrem Papa trennen. Der ältere Junge war etwa zehn Jahre alt und musste weinen – es war ein heftiges Weinen, seine Brust bewegte sich auf und ab. Der Vater senkte den Blick und hatte einen Arm um die Schulter des weinenden Jungen gelegt. Der kleinere Junge war erst zwei Jahre alt. Er blickte nur ganz verwundert auf seinen großen weinenden Bruder. Die Mutter fasste den kleineren Jungen fest an der Hand und musste sich zusammennehmen, um nicht auch noch anzufangen zu weinen, denn um sie herum weinten fast alle Menschen, die ihre Liebsten nach Verlustig schicken mussten. Auch ein Mädchen, das etwa gleich alt war wie Til, mit grünem Sommerkleid und blondem Haar, musste in den Zug steigen und sich von seinem weinenden Papa verabschieden. Til tat das Mädchen leid. Es verhielt sich zwar tapfer und hielt sein Weinen zurück, aber die Wut, die in den dunklen Augen des Mädchens stand, konnte Til erkennen: Nur allzu gern hätte das Mädchen die Gesetze dieses Landes verändert …
„Warum ist die Königin von Verlorenherz denn so hart?“, fragte Til seinen Freund, den Narren Silberspiegel, aber der Narr gab ihm keine Antwort, sondern blickte nur weiter auf die traurigen Menschen.
Einige Menschen stiegen jetzt endlich in den Zug nach Verlustig ein, aber andere wurden von ihren Angehörigen immer wieder festgehalten und umarmt. Es gab viele Menschen, die die Hände ihrer Eltern, Kinder oder Freunde gar nicht loslassen wollten. Wieder rief der Lokführer mit den bunten Haaren „Abschied, Abschied, Abschied!“ – Da stiegen schließlich auch die letzten Menschen in den Zug und mussten ihre Angehörigen zurücklassen. Die Türen schlossen sich.
Viele Menschen liefen dem wegfahrenden Zug noch ein Stück hinterher. Sie winkten, schrien, weinten und verfluchten die Königin von Verlorenherz. Der Zug fuhr aus dem Bahnhofsgebäude heraus und verschwand dann weiter draußen in einem merkwürdigen weißen Nebel – es schien, als hätte dieser Nebel den Zug VERLUSTIG-EXPRESS einfach verschluckt.
Und Til dachte plötzlich: Vielleicht ist auch mein Vater dort? – In Verlustig!
Kapitel 5
Rafael traute seinen Augen nicht: In Tils Bett lag der Junge aus dem Wald! Das durfte nicht wahr sein! Hatte der Junge aus dem Wald nicht versprochen, alles rückgängig zu machen, sobald Mama den Ring von Rafaels Finger ziehen würde? Und wo war der Ring jetzt? Bei Mama? Rafael verstand nichts mehr. Am liebsten hätte er sich auf den Jungen gestürzt und ihn angeschrien: „Was hast du mit meinem Bruder gemacht?!“ Aber schließlich schlief seine Mama nebenan in ihrem Schlafzimmer. Also beschloss er, sich wieder in sein Bett zu legen und bis zum nächsten Morgen zu warten.
Er schlief lange nicht ein, weil er in der Dunkelheit immerzu an Til denken musste: Hatte der merkwürdige Junge aus dem Wald jetzt Tils Platz eingenommen? Woher kam er nur? Und was würde Mama dazu sagen? Niemals würde sie Rafael diese Geschichte glauben!
Wäre Til doch wieder Til und ich könnte mit ihm Fußball spielen, ganz allein mit ihm trainieren, wie wir es manchmal getan haben, dachte Rafael, auch wenn Til mich oft dazu zwingen musste, mit ihm auf der überwucherten Wiese am Straßenende zu trainieren, weil ich lieber im Haus geblieben bin und Bücher gelesen habe. Und wenn Til jetzt für immer wegbleibt? Nein, das darf ich nicht zulassen! Am liebsten würde ich den Jungen aus dem Wald ordentlich verhauen! Selbst kleine Zauberer, wie er wohl einer ist, sollten ihr Wort halten!
Am nächsten Morgen wachte Rafael früh auf – es war halb sieben Uhr morgens. Draußen war es schon hell, denn es war Mai, und durch die Vorhänge vor den Fenstern drang schon das Tageslicht ins Zimmer. Bald würde Mamas Wecker klingeln. Dann würde sie Frühstück machen und Rafael und Til wecken – die beiden Jungen müssten aufstehen, sich waschen, ihre Schultaschen packen, frühstücken und ihre Mama würde inzwischen zu ihrer Arbeit in die Stadtbibliothek fahren.
Til!, dachte Rafael und erschrak. Zuerst muss ich wissen, ob der Junge aus dem Wald immer noch oben im Bett liegt! Leise stieg er aus seinem Bett. Er wollte den Jungen nicht wecken, das traute er sich nicht, denn irgendwie hatte er Angst davor, was passieren würde, wenn dieser seltsame Junge erwachte.
Vorsichtig kletterte Rafael zwei Sprossen der Leiter des Etagenbetts hoch, damit er ganz ins Bett hineinsehen konnte. Aber das ist unmöglich!, dachte er: Im Bett lag nun wieder sein Bruder Til und schlief, als ob es überhaupt nie einen Jungen aus dem Wald gegeben hätte! Habe ich das alles vielleicht nur geträumt?, fragte sich Rafael, obwohl er sich das kaum vorstellen konnte.
Eine Zeitlang stand Rafael auf der Leiter und überlegte, was er jetzt tun sollte. Schließlich beschloss er, seinen Bruder aufzuwecken. Er flüsterte ein paar Mal „Til!“, doch der regte sich nicht: Er lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und atmete ganz ruhig. Sein dunkelblondes Haar fiel ihm zerzaust ins Gesicht – das erinnerte Rafael daran, wie Til oft aussah, nachdem er Fußball gespielt hatte: Verschwitzt, mit zerzaustem dunkelblonden Haar, aber glücklichen blaugrünen Augen und einem zufriedenen Lächeln. So kannte er seinen Bruder. Dieser Junge musste einfach Til sein!
Plötzlich stand Julia in der Tür. „Aufstehen, Rafael und Til!“, rief sie.
Rafael schauderte, als Til in diesem Moment die Augen aufschlug. Er sah genauso aus wie sein Bruder, gähnte einmal kräftig, streckte seine Glieder und richtete sich im Bett auf. Rafael war sich jetzt ganz sicher, dass es sein Bruder Til war …
Kapitel 6
„Narr Silberspiegel!“, sagte Til, der immer noch am Bahnhof von Verlorenherz stand. „Erkläre mir doch einmal, warum noch nie jemand aus Verlustig zurückgekommen ist!“
Narr Silberspiegel blickte auf die Menschen, die immer noch am Bahnhof standen und um ihre Angehörigen weinten, die soeben im VERLUSTIG-EXPRESS aus der Stadt gebracht worden waren.
„Es hat mit der Geschichte der Königin von Verlorenherz zu tun“, sagte er, blickte in seinen kleinen, runden Silberspiegel und begann, zu erzählen:
Es war einmal eine liebe Königin, die hatte einen noch lieberen Gatten, den Herrn König von Weichlieb. Sie liebte ihn von ganzem Herzen. Unter seiner Herrschaft herrschte überall im Reich Frieden und Glück und das Königreich hieß damals Weichlieb, nicht Verlorenherz. Der König von Weichlieb war ein lieber König und er wollte sein Glück mit allen Menschen in seinem Reich teilen. Es gab auch keinen Hass, keinen Neid und keine Eifersucht in diesem wunderbaren Reich, denn alle Menschen liebten und achteten einander.
Der König von Weichlieb unternahm gern weite Reisen auf magischen Teppichen, aber diese Fliegerei des Königs von Weichlieb gefiel der Königin leider gar nicht. Immer hatte sie Angst, dass der König von Weichlieb von seinen weiten Reisen nicht mehr zurückkehrte. Eines Tages musste sich die Königin wie so oft vom König von Weichlieb verabschieden, denn er plante wieder einmal eine weite Reise auf einem seiner magischen Teppiche. Es war ein warmer Herbstabend, an dem der König und die Königin im Schlossgarten unter zahlreichen bunten Bäumen Abschied nahmen. Die Bäume verloren schon ihre ersten Blätter und als die Königin das sah, überkam sie ein eigenartiges Gefühl der Trauer. Der König von Weichlieb schenkte ihr noch einen Abschiedskuss und flog dann munter auf seinem Teppich davon, der war so bunt wie das Laub der Herbstbäume. Es war das letzte Mal gewesen, dass die Königin ihn gesehen hatte. Der König wurde lange gesucht, aber nirgendwo gefunden. Die Königin war nun ganz allein und sehr traurig. Der ganze Hofstaat machte Anstalten, die Königin wieder zu verheiraten, doch keiner der Anwärter gefiel der Königin so wie ihr verschwundener König von Weichlieb.
Tagsüber blieb die Königin nun immer in ihrem Schloss. Manchmal schlich sie sich aber nachts nach draußen und ging dann durch die Straßen und Gassen der Stadt. Oft sah sie reiche Menschen, die sich an ihren Reichtümern erfreuten, an hohen Häusern oder teuren Autos, und sie sah Menschen, die jung gestorben, aber in Weichlieb glücklich wieder vereint waren und sich küssten und umarmten. Da wurde ihr bewusst: Ihrem Volk ging es besser als ihr selbst.
Das machte sie endlich so wütend, dass sie befahl, dass in ihrem Land fortan kein Mensch mehr etwas behalten sollte, weder einen geliebten Menschen noch ein Tier noch ein Haus noch auch nur den kleinsten Gegenstand. Wenn ein Mensch beispielsweise ein schönes Auto besaß, von dem er glaubte, dass es ihm nun gehörte, so verwandelte sich dieses Auto am nächsten Tag in ein neues und am übernächsten wiederum in ein neues und immer so weiter. Kein Gegenstand blieb in Verlorenherz länger als einen Tag bei einem Menschen, selbst Pullover, Hosen, Mäntel, ja sogar Zuckerdosen und Pfannen und so weiter gingen nach kürzester Zeit verloren. Dann mussten die Menschen stets zur Königin von Verlorenherz gehen und sie um neue Dinge bitten und die Königin hatte dann allerhand zu tun, den Menschen diese Dinge herbeizuzaubern, die sie brauchten, aber das lenkte sie wenigstens von ihrer eigenen Trauer ab.
Aber Menschen konnte die Königin natürlich nicht ersetzen – und es gab ein Gesetz im ganzen Land, das die Königin selbst eingeführt hatte: Die Menschen verloren ihre Liebsten, indem alle dreißig Tage der Zug Verlustig-Express in die Stadt einfuhr. Dieser Zug holte jene Menschen ab, welche die Königin von Verlorenherz dazu bestimmt hatte. Dadurch zerreißt die böse Königin bis heute ganze Familien! Aber niemand kann die Macht der Königin so einfach brechen, denn die Königin ist eine große Zauberin und als solche mächtig und gefürchtet. Und so müssen die Menschen in Verlorenherz wohl oder übel mit den Entscheidungen der bösen Königin leben und ebenso traurig sein wie sie selbst.
Die Geschichte von Narr Silberspiegel erinnerte Til an seinen Großvater, der seine Mama verlassen hatte – das hatte ihm seine Mama einmal erzählt: Sie war damals erst drei Jahre alt gewesen. Ihr Papa, Tils Großpapa, war immer gerne mit Kleinflugzeugen geflogen. An einem warmen Herbstabend stand die kleine Julia mit ihrer Mutter auf dem Flugplatz, um sich von ihrem Papa zu verabschieden. Die Bäume verloren ihre ersten Blätter und Tils Mutter erinnerte sich später noch ganz genau daran, wie sie sich zum letzten Mal von ihrem Papa verabschiedete. Er sagte zu ihr: „Wenn du größer bist, dann fliegst du mit und wir fliegen zusammen bis in die Wolken!“ Die kleine Julia wollte lieber gleich mit, aber ihre Mutter sagte: „Dafür bist du noch zu klein!“ Julia weinte und quengelte deshalb noch den ganzen Tag. Es war das letzte Mal gewesen, dass Julia ihren Papa gesehen hatte. Er kam nie wieder zurück, das Leichtflugzeug wurde lange gesucht, aber niemand konnte es finden. Man nahm an, es wäre irgendwo abgestürzt.
„Aber warum müssen denn alle Menschen in Verlorenherz mit den Entscheidungen der Königin leben?“, wollte Til wissen und fühlte sich wieder sehr traurig. „Da muss man doch irgendetwas dagegen tun können!“
Narr Silberspiegel überlegte scharf. Die Menschen um sie herum auf dem Bahnsteig wurden nun endlich weniger, aber es blieben immer noch einige zurück, die sehnsuchtsvoll und traurig um sich blickten und nicht glauben konnten, dass sie ihre Liebsten nun für immer verloren hatten. Til wurde auf einen Jungen aufmerksam, der seinen Vater verloren hatte. Nun saß er auf dem Bahnsteig und blickte stumm in die Richtung, in die der Zug verschwunden war. Und unweigerlich musste sich Til nun auch an seinen eigenen Vater erinnern:
Rafael und Til waren vier und fünf Jahre alt gewesen. Ihr Papa hatte sie zur Geburtstagsfeier eines Freundes von Rafael gefahren. Abends wollte er die beiden Jungen dann abholen, aber auf dem Weg zu ihnen geriet er in ein Gewitter. Durch den heftigen Regen, der sich wie ein weißer Vorhang auf seine Windschutzscheibe legte, war er mit dem Auto von der Straße abgekommen und in den Bach gestürzt. Til war bei der Beerdigung dabei gewesen, aber er erinnerte sich nur noch daran, wie traurig er gewesen war und dass er ständig sein Weinen unterdrückt hatte, weil seine Mama auch nicht geweint, sondern nur traurig ausgesehen hatte. Und er wusste noch, wie er dann eine Weile bei seiner Mama im Bett geschlafen hatte, die nachts oft geweint und ihn dabei umarmt hatte. Vielleicht hatte die Königin seinen Papa auch nach Verlustig geschickt? Dann musste Til ihn unbedingt zurückholen und vielleicht konnte er auch die anderen Menschen aus Verlorenherz wieder glücklich machen!
„Was ist denn das?“, fragte Til erstaunt, als er im Spiegel des Narren plötzlich tanzende bunte Buchstaben erkannte, die sich allmählich zu einem Satz zusammensetzten: Geh nach Verlustig! Nun blickte auch Til in die Richtung, in die der Zug nach Verlustig verschwunden war. Außerhalb des Bahnhofsgebäudes lag dort alles in einem weißen, dichten Nebel. Einen Augenblick lang überlegte Til, wie er überhaupt wieder zurück zu Mama und Rafael kommen konnte, aber dann dachte er wieder an seinen Papa und an die traurigen Menschen aus Verlorenherz und sagte entschlossen: „Gehen wir nach Verlustig und tun, was der Spiegel uns sagt, Narr Silberspiegel!“
Da lächelte Narr Silberspiegel. „Das ist recht: Tu, was der Spiegel dir sagt! Du hast hier eine Aufgabe zu erfüllen, Til. Meine Freundin Resi Redewendung, die du später noch kennen lernen wirst, hat mir den Zauberspiegel überlassen, um die bösen Mächte der Königin zu besiegen. Der Spiegel weist uns den Weg, und durch ihn kann uns die Königin nicht sehen, denn er macht uns vor ihrem eigenen schwarzen Zauberspiegel, mit dem sie sonst alles in ihrem Reich sehen kann, unsichtbar. Und im Laufe der Zeit wirst du auch erfahren, wie du wieder nach Hause kommst. Alles wird sich allmählich entwickeln!“
Til fand das alles sehr spannend. Abenteuerlustig, wie er nun plötzlich war, wollte er sofort nach Verlustig aufbrechen und fragte: „Narr Silberspiegel, wie gelangen wir nach Verlustig? Schaffen wir es ohne den Trauerzug?“
„Wir schaffen es mit Hilfe des Zauberspiegels!“, sagte Narr Silberspiegel.
„Was bedeutet denn das?“, fragte Til abermals erstaunt, als er im Spiegel des Narren nun wieder tanzende Buchstaben erkannte, die sich allmählich zu einem Satz zusammensetzten: Tanzt, denn nur lustig findet ihr nach Verlustig!
Da sprang Narr Silberspiegel auf, drehte sich einige Male im Kreis, tanzte lustig und ausgelassen auf dem Bahnsteig herum und rief voller Freude: „Ich habe meinen Sohn wieder!“, während ein paar traurige Menschen um ihn herum immer noch weinten. „Tanz mir nach, Til“, rief Narr Silberspiegel, „denn nur lustig kommst du nach Verlustig!“
„Was hast du denn mit deinem Sohn gemeint?“, fragte Til.
„Ich stelle mir vor, dass ich einen meiner verlorenen Söhne in Verlustig wiederfinde!“, sagte Narr Silberspiegel. „Und du musst dir beim Tanzen auch etwas ganz Schönes vorstellen, damit du lustig wirst, denn sonst kommen wir nicht nach Verlustig!“
Und obwohl Til sonst niemals tanzte, stand er nun auf und tanzte quer über den Bahnsteig. Er versuchte, Narr Silberspiegel in seinen schnellen Bewegungen, Schritten und Drehungen zu folgen. Er hätte diesen Tanz gar nicht beschreiben können: Sie tanzten so, wie sie sich eben fühlten, und Til fühlte sich großartig, denn er stellte sich vor, wie er ein Fußballspiel gegen das beste Team der Liga gewann und seine Mannschaft dabei zum vierten Mal in Folge die Meisterschaft für sich entschied; wie er selbst Torschützenkönig wurde und ihn alle bejubelten, wie es in den vergangenen Jahren schon geschehen war: Immer war es ein großartiges Gefühl gewesen. Aber da war noch ein viel größerer Wunsch in ihm, der ihn in Gedanken an seine Erfüllung unendlich glücklich machte.
Kapitel 7
Mama hat nichts bemerkt, dachte Rafael, wie auch? Der Junge aus dem Wald ist ja nun wieder Til. Mama hat einfach Frühstück gemacht wie jeden Morgen, hat sich mit Til über Fußball unterhalten wie jeden Morgen und ist dann in die Stadtbibliothek gefahren wie jeden Morgen.
Und nun ging Rafael mit Til zur Schule – wie jeden Morgen: Sie gingen nebeneinander die Straße in Richtung Stadtzentrum hinunter und Til erzählte Rafael, der aber in Gedanken war, viel über Fußball. Zur Schule gingen sie wie immer ihren eigenen Weg: Vor der hölzernen, ebenen Bachbrücke, über die man in die Stadt gelangte, bogen sie in einen kleinen Waldweg ein, der stromabwärts am Bach entlang führte. Der Weg führte schließlich weg vom Wald; es folgten Felder, Streuobstwiesen und Bauernhöfe, bis man über eine weitere Brücke des Bachs musste, die in die Stadt zurückführte und auch zur Schule. Obwohl dieser Weg viel länger war, als wenn sie durchs Stadtzentrum zur Schule getrabt wären, gingen Rafael und Til ihn immer sehr gern, denn so konnten sie noch länger miteinander reden, bis sie bei der Schule waren.
An der Holzbrücke, wo die Brüder immer den Waldweg betraten, war ihr Vater mit dem Auto von der Straße in den Bach gestürzt – daran musste Rafael immer denken. Rafael war erst vier Jahre alt gewesen und wusste nicht mehr genau, was damals alles geschehen war. Er konnte sich nur noch daran erinnern, dass er nicht zur Beerdigung seines Vaters gegangen war, sondern den ganzen Tag im Bett verbracht und sich gewünscht hatte, sein Vater würde bald nach Hause kommen wie sonst auch immer.
Nun trabten Rafael und Til nebeneinander auf dem erdigen Waldweg am Bach entlang, der hier breiter und tiefer war als an den anderen Stellen.
„Aber du bist gar nicht Til, richtig?“, fragte Rafael plötzlich, nachdem er eine Weile still gewesen war und Til einfach nur zugehört hatte. Obwohl dieser Junge sich genau so verhielt wie Til, hatte Rafael nun mit einem Mal nicht mehr das Gefühl, dass es sich wirklich um seinen Bruder handelte.
Der Junge sah Rafael an und fragte: „Willst du mich veräppeln, Rafael?“
Da sagte Rafael: „Til nennt mich doch immer Raffi! Warum nennst du mich heute ständig Rafael? Du tust nur so, als ob du Til wärst! Aber ich weiß, dass du es nicht bist! Du hast mich belogen! Du hast gesagt, du bringst mir meinen Bruder zurück, aber ich habe gesehen, wie du heute Nacht in seinem Bett geschlafen hast!“
Plötzlich bekam der Junge ganz dunkle Augen und auch sein Haar wurde immer dunkler. Wütend zog er die Augenbrauen zusammen, die nun finstere Schatten auf seine Augen warfen.
Rafael wurde nun erst recht wütend und brüllte den sonderbaren Jungen an: „Ich will sofort wissen, wo mein Bruder ist!“
In diesem Moment packte der Junge Rafael und drückte ihn ganz fest gegen den Stamm einer Eiche. Rafael konnte sich nicht befreien. Er fühlte sich schwach und dem Jungen hilflos ausgeliefert, er konnte seine Glieder gar nicht mehr bewegen – da bemerkte er mit einem Mal, dass der Junge ihm eine sonderbare Herzmuschel an sein Ohr hielt, die so schwarz war wie das schwarze Haar und die schwarzen Augen des Jungen aus dem Wald. Rafael konnte sich nicht mehr von der Stelle rühren und er konnte auch an nichts mehr denken!
Der Junge verkleinerte seine dunklen Augen zu Schlitzen, kam ganz nahe an Rafael heran und flüsterte mit tiefer und wütender Stimme: „Du hast es dir so gewünscht! Du wolltest so sein wie dein Bruder! Jetzt gibt es nichts mehr, das du tun kannst, um den Zauber rückgängig zu machen – versuch es besser gar nicht!“
Rafael biss die Zähne zusammen, denn der Griff des Jungen um seine Schultern wurde immer stärker. Das tat Rafael weh und er musste sich zusammenreißen, um nicht zu schreien.
Der Junge aus dem Wald grinste und sein Gesicht war halb bedeckt von einem tiefen Schatten, der sich über Stirn und Augen legte. „Du hast mich in dein Leben eingelassen, Rafael – in dem Augenblick, als du mir erlaubt hast, in deine Welt einzugreifen – in diesem Augenblick hast du mir die Tür zu deiner Welt geöffnet! Sei froh, dass ich Til bin, dass ich noch Til bin, denn bald werde ich es nicht mehr sein und dann wird deine Mutter Til vergessen haben – ja, sogar du wirst Til vergessen haben! Und dann werde ich dein Bruder sein!“
Rafael schrie, denn der starke Griff des Jungen tat ihm jetzt sehr weh. Im nächsten Moment nahm der Schmerz sogar noch ruckartig zu. Er schrie noch lauter und durch die Muschel an seinem Ohr hörte er ein lautes, unerträgliches Rauschen, das ihn endlich ohnmächtig werden ließ …
Als Rafael wieder zu sich kam, lag er unter der Eiche am Bach. Er spürte keinen Schmerz mehr an seinen Schultern, als er aufwachte. Vor ihm kniete sein Bruder Til im Gras. Seine blaugrünen Augen blickten freundlich.
„Wir müssen nach Hause!“, sagte Til.
Rafael erinnerte sich an den schwarzhaarigen Jungen, der ihn gegen den Baum gedrückt hatte, bevor er ohnmächtig geworden war. „Wo ist der böse Junge?“, fragte er.
„Welcher Junge?“
„Bin ich ohnmächtig geworden? Du bist der Junge, richtig? Du bringst mir sofort meinen Bruder wieder!“
Til stand auf und begann, herzhaft zu lachen: „Du hast geträumt, Rafael!“
„Wie sollte ich geträumt haben? Hältst du mich für doof? Glaubst du, ich liege aus Spaß hier im Gras und bin nicht zur Schule gegangen? Es ist ja schon Mittagszeit!“ Rafael richtete sich auf und stand nun vor seinem Bruder Til am Bach.
Der schüttelte den Kopf und erzählte: „Du Dummerchen! Wir sind am Bach entlanggegangen und waren auf dem Schulweg. Da kam mir die Idee, die Schule zu schwänzen, weil heute eine schwierige Mathearbeit ansteht. Du wolltest auch nicht zur Schule. Also haben wir mit meinem Fußball gespielt, dann haben wir uns ins Gras gesetzt und du hast angefangen, in einem deiner dicken Abenteuerbücher zu lesen. Dann bist du eingeschlafen. Den Rest musst du wohl geträumt haben, Raffi!“
„Ich habe alles nur geträumt?“, fragte Rafael und konnte es selbst kaum glauben. Warum erinnerte er sich plötzlich nicht mehr daran, wie sie gemeinsam beschlossen hatten, die Schule zu schwänzen? Außerdem passte Schuleschwänzen gar nicht zu Til. Seit heute Morgen hatte Rafael nur noch an den Jungen aus dem Wald gedacht. Hatten ihn dieser Junge und dieser Albtraum, wenn es überhaupt einer gewesen war, so sehr mitgenommen, dass er darüber vergessen hatte, mit seinem Bruder die Schule geschwänzt zu haben?
„Ich gehe jetzt nach Hause“, sagte Til, packte seine Schultasche, die im Gras lag und lief los. „Du kannst ja nachkommen!“, rief er noch, während er hinter einigen Bäumen verschwand.
Aber Rafael lief ihm nicht nach. Er dachte: Selbst wenn ich geträumt habe, dann hat mein Traum doch erst am Morgen unter der Eiche begonnen, aber vorher ist etwas passiert, das mich glauben ließ, dass der Junge, der mit mir zur Schule ging, gar nicht Til ist. Was ist geschehen?
Rafael stellte fest, dass er plötzlich ganz vergessen hatte, was vor dem heutigen Morgen geschehen war. Er hatte vergessen, wie der Junge aus dem Wald ihm erschienen war und er hatte mit einem Male den Rollentausch mit seinem Bruder vergessen, Tils Verschwinden – einfach alles! Er erinnerte sich jetzt nur noch an den Kampf gegen den unheimlichen Jungen an der Eiche und daran, dass er aus irgendeinem Grund glaubte, dass sein Bruder nicht sein Bruder war …
Kapitel 8
Til dachte an ganz viele schöne Dinge und tanzte und tanzte, bis er mit seinem Freund Narr Silberspiegel plötzlich von dichtem Nebel umhüllt war. In diesem Augenblick fühlte er sich mit einem Mal sehr traurig und er konnte sich gar nicht erklären, warum.
„Sind wir jetzt etwa in Verlustig?“, fragte er seinen Freund, den Narren. „Warum ist hier alles so neblig? Ich sehe nichts! Gibt es keinen Ausweg aus diesem Nebel?“
Narr Silberspiegel schüttelte den Kopf. „Einen Ausweg gibt es nicht – das ist das Schwierige am Land Verlustig. Hier im Nebel musst du nach den Menschen suchen, die wegen der Königin verschwunden sind. Die Königin hat Verlustig nach dem Verlust ihres Mannes, des Königs von Weichlieb, gegründet. Hierhin sind alle Menschen verschwunden, die die Königin mit dem Zug nach Verlustig geschickt hat.“
„Und wie lässt sich der Nebel auflösen?“, fragte Til, als er plötzlich spürte, dass er in ein Loch trat. Er stolperte und f* el!
„Was war das?“, fragte er.
„Oh ne*n!“, r*ef N*rr S*lbersp*egel. „Du b*st *n e*n Buchstabenloch getreten!“
„Was he*ßt das?“, wollte T*l w*ssen und stellte plötzl*ch fest, dass *n *hrem Gespräch nun e*n Buchstabe fehlte.
„Du musst besser aufpassen!“, mahnte Narr S*lbersp*egel. „Es g*bt *n Verlust*g Buchstabenlöcher – das wollte *ch d*r gerade sagen! Wenn man da h*ne*ntr*tt, verl*ert man *mmer mehr Buchstaben be*m Sprechen und Erzählen, b*s man gar n*cht mehr sprechen kann. Du w*rst h*er n*emanden f*nden, der noch sprechen kann, we*l v*ele Menschen *hre Sprache verloren haben und man d*e Buchstabenlöcher gar n*cht sehen kann – pass also auf, wo du h*ntr*ttst! We*l d*e Menschen *n Verlust*g n*cht mehr sprechen können, werden s*e noch v*el traur*ger und dann können s*e erst recht ke*nen Plan entw*ckeln, um aus Verlust*g herauszukommen! S*e werden *mmer dümmer und e*nfallsloser!“
„Dann müssen w*r gut aufpassen!“, sagte T*l und bl*ckte auf den Boden, aber er konnte gar n*chts sehen, nur undurchdr*ngl*chen Nebel. Also g*ngen s*e be*de, T*l und N*rr S*lbersp*egel, ganz vors*cht*g durch den Nebel – Schr*tt für Schr*tt tasteten s*e s*ch nach vorn.
Sogar *ch, der Erzähler d* eses Romans, habe nun e*nen Buchstaben wen*ger zum Erzählen!
Der Nebel hörte n*cht auf, d*e S* cht zu trüben, und T*l und N*rr S*lbersp*egel fanden ke*nen e* nz*gen Menschen h* er.
„W*e können w*r d*e Menschen retten, d*e schon sprachlos s*nd?“, wollte T*l w*ssen.
„Zuerst müssen w*r s*e f*nden und dann müssen w*r *hnen das Alphabet w* eder be*br*ngen.“
„Ob w*r *n dem Nebel überhaupt jemanden f*nden?“, fragte s*ch T*l. *m nächsten Augenbl*ck stolperte er aber schon w*eder! „Verd*mmt!“, r*ef er. „Zum Teufel! W*r sollten stehen ble*ben. Schon w*eder b*n *ch *n e*n Buchst*benloch gef*llen!“
Nun fehlte *hnen e*n we*terer w*cht*ger Buchst*be und T*l und N*rr S*lbersp*egel mussten s* ch noch besser zuhören, um s* ch verstehen zu können. Und *ch, der Erzähler d*eses Rom*ns, h*be nun zwe* Buchst*ben wen*ger zum Erzählen!
N*rr S*lbersp*egel tr*t plötzl*ch *uf e*n Brot und *ls er s*ch näher umsch*ute, s*h er, d*ss er neben e*nem Brotberg st*nd. Sofort beg*ben s*ch T*l und N*rr S*lbersp*egel *uf den Brotberg, um n* cht *n noch mehr Buchst*benlöcher h*ne*nzustolpern.
„Ste*gen w*r höher!“, schlug N*rr S*lbersp*egel vor, doch obwohl T*l und N*rr S*lbersp*egel *mmer höher den Berg h*n*ufst*egen, konnten s*e n* cht mehr sehen *ls undurchdr*ngl*chen gr*uen Nebel. S*e konnten *uch n*cht sehen, w*e hoch der Brotberg e*gentlich w*r, denn *mmer noch höher st* eg er *n. D* setzten s* ch N*rr S*lbersp*egel und T*l nebene*n*nder *uf den Berg von Brot und wussten n* cht we* ter.
„W*rum g*bt es h*er e*nen Berg *us Brot?“, wollte T*l w*ssen. „Und w*e hoch *st der Berg e*gentl*ch?“
N*rr S*lbersp*egel erzählte T*l nun d*e Gesch*chte vom Brot, so gut er d*es ohne d*e zwe* fehlenden Buchst*ben konnte: *ls d*e Kön*g*n von Verlorenherz d*e ersten Menschen n*ch Verlust*g sch*ckte, w*r e*n Junge n*mens Spr*chlos d*be*. We*l er se*ne F*m*l*e verloren h*tte, spr*ch er ke*n e*nz*ges Wort mehr, so tr*ur*g w*r er. Und we*l er n*e mehr spr*ch, wollte er *uch n*cht, d*ss d*e Menschen *n se*ner Nähe spr*chen. So zog er durch den Nebel von Verlust*g und st*mpfte g*nz w*ld vor Zorn dre*ß*g Löcher *n den Nebelboden, für jeden Buchst*ben des *lph*bets e*n Loch: B C D E F G H J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z und noch d*e dre* Uml*ute Ä Ö Ü sow*e d*s sch*rfe ß und n*türl*ch noch d*e zwe*Buchst*ben, d*e w*r verloren h*ben. *rgendw*nn s*nd *lle Bewohner von Verlust*g *n d*e Buchst*benlöcher h*ne*ngetreten und wurden, we*l s*e n*cht mehr sprechen konnten, noch v*el tr*ur*ger. D* d*chte d*e Kön*g*n von Verlorenherz: „Jetzt s*nd s*e so dumm w*e Brot!“
T*tsächl*ch h*tten d*e Bewohner von Verlust*g nur noch e*nen Berg von Brot zum Essen und stopften s*ch derm*ßen voll d*m*t, d*ss s*e b*ld g*nz tr*ur*g und dumm wurden. Und b*ld d*r*uf h*t der Kön*g von Brot, der für d*e Kön*g*n über d*s L*nd Verlust*g herrscht, *lle Menschen *n d*e we*ßen K*stenbrote verw*ndelt, d*e h*er heruml*egen. W*r s*tzen h*er *lso *uf den Bewohnern des Re*ches Verlust*g und unsere *ufg*be besteht d*r*n, d*esen Broten w*eder lesen be*zubr*ngen! D*zu müssen w*r *uf den höchsten Punkt des Berges ste*gen, wo uns der Kön*g von Brot erw*rtet sow*e se*n Diener, der Junge Spr*chlos. W*r müssen be*de vom Berg h*n*b *n d*e T*efe stoßen und d*nn zehnm*l d*s *lph*bet sprechen, bevor d*e be*den w*eder den Berg erkl*mmen – so h*t es m*r me*n Sp*egel nun ges*gt.
Und ohne d*e H*lfe des Sp*egels, der *lles vollständ*g *nze*gte, w*s N*rr S*lbersp*egel spr*ch, hätte T*l *uch überh*upt n*chts verst*nden. *ber zum Glück h*elt N*rr S*lbersp*egel *hn vor s* ch und T*l l*s d*r*n: Als die Königin von Verlorenherz die ersten Menschen nach Verlustig schickte, war ein Junge namens Sprachlos dabei. Weil er seine Familie verloren hatte, sprach er kein einziges Wort mehr, so traurig war er. Und weil er nie mehr sprach, wollte er auch nicht, dass die Menschen in seiner Nähe sprachen. So zog er durch den Nebel von Verlustig und stampfte ganz wild vor Zorn dreißig Löcher in den Nebelboden, für jeden Buchstaben des Alphabets ein Loch: B C D E F G H J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z und noch die drei Umlaute Ä Ö Ü sowie das scharfe ß und natürlich noch die zwei Buchstaben, die wir verloren haben: A und I. Irgendwann sind alle Bewohner von Verlustig in die Buchstabenlöcher hineingetreten und wurden, weil sie nicht mehr sprechen konnten, noch viel trauriger. Da dachte die Königin von Verlorenherz: „Jetzt sind sie so dumm wie Brot!“
Tatsächlich hatten die Bewohner von Verlustig nur noch einen Berg von Brot zum Essen und stopften sich dermaßen voll damit, dass sie bald ganz traurig und dumm wurden. Und bald darauf hat der König von Brot, der für die Königin über das Land herrscht, alle Menschen in die weißen Kastenbrote verwandelt, die hier herumliegen. Wir sitzen hier also auf den Bewohnern des Reiches Verlustig und unsere Aufgabe besteht darin, diesen Broten wieder lesen beizubringen! Dazu müssen wir auf den höchsten Punkt des Berges steigen, wo uns der König von Brot erwartet sowie sein Diener, der Junge Sprachlos. Wir müssen beide vom Berg hinab in die Tiefe stoßen und dann zehnmal das Alphabet sprechen, bevor die beiden wieder den Berg erklimmen – so hat es mir mein Spiegel nun gesagt.
Kapitel 9
Als Rafael nach Hause kam, saß sein Bruder bereits am Mittagstisch.
„Du bist heute mal wieder später dran, Rafael!“, sagte seine Mama. Rafael fiel auf, dass sie an beiden Händen einen Ring trug: ihren eigenen Ring und den von Papa.
Sie ging zum Herd und schöpfte Gemüsesuppe aus dem Topf. Etwas gereizt sagte sie dabei: „Dein Bruder ist schon seit zehn Minuten hier, wir haben noch etwas auf dich gewartet. Du hast wohl auf dem Heimweg wieder getrödelt!“
Das sagte Mama, weil Rafael nach der Schule oft mit Freunden über Bücher oder Filme sprach und darüber leicht die Zeit vergaß, während sein Bruder immer gleich nach Hause ging. Der brave Til blieb eben der brave Til! Rafael ärgerte das. Er blickte seinen Bruder an, der ihm gegenübersaß. Als Til von seiner Suppe aufblickte, bemerkte Rafael, dass seine Augen gar nicht mehr blaugrün waren wie sonst: Sie waren schwarz wie tiefe Löcher!
Der fremdartige Til flüsterte ihm zu: „Ich bin nicht dein Bruder Til, aber dafür bin ich dein neuer Bruder und es wird Zeit, dass du das einsiehst, wenn du nicht willst, dass ich dich auch verschwinden lasse!“
Was ist denn hier los?, fragte sich Rafael erschrocken. Warum ist Til verschwunden?
„Iss nun endlich deine Suppe, Rafael!“, forderte seine Mutter ihn auf, nachdem sie ihm seinen Teller hingestellt und sich wieder zu den beiden an den Tisch gesetzt hatte. Das Flüstern des Jungen schien sie nicht bemerkt zu haben.
„Mama, schau dir doch mal Tils Augen an“, sagte Rafael, „sie sind ganz schwarz!“
Die Mutter, die ihre Suppe bereits gegessen hatte, blickte Rafael verdutzt über ihren leeren Teller hinweg an und schaute dann zum falschen Til, der sie mit seinen schwarzen Augen anlächelte.
„Dieses Lächeln hast du von deinem Papa“, sagte die Mutter verträumt und im selben Moment fiel Rafael auf, dass Papas Ring an ihrem Finger ganz schwarz geworden war. Dann wandte sie sich wieder an Rafael: „Was redest du für einen Unsinn?“
Kapitel 10
T*l und N*rr S*lbersp*egel br*uchten dre* Stunden, um endl*ch den G*pfel des Brotbergs zu erkl*mmen. Dort s*ß *ber g*r n*cht der Kön*g von Brot, denn der w*r ger*de *rgendwo *n Verlust*g unterwegs, um neue spr*chlose Bewohner des Re*ches *n we*ße K*stenbrote zu verw*ndeln.
*uf dem G*pfel s*ß desh*lb nur der kle*ne D*ener des Kön*gs von Brot, der Junge Spr*chlos, *n e*nem gedeckten T*sch be*m Essen. *uf dem T*sch türmten s*ch H*mburger und Cheeseburger b*s *n den nebl*gen H*mmel h*n*uf. Neben den be*den Türmen von H*mburgern und Cheeseburgern st*nd e*ne große Schüssel Pommes. D*e Schüssel füllte s*ch *mmer w*eder *uf, eg*l, w*e v*ele Pommes der Junge *n s*ch h*ne*nstopfte – so wurde *hr *nh*lt n*e wen*ger. Noch selts*mer *ber w*r d*s *ussehen des Jungen: Se*n Kopf w*r e*n Cheeseburger m*t Ketchup und M*yonn**se und S*l*t und Zw*ebel d*r*n, d*e *ugen w*ren zwe* g*nz große *n*n*s-Sche*ben – *n*n*s *st übr*gens d*e süße, gelbe und ov*le Frucht *us *mer*k*. Er h*tte e*nen r*es*gen Ketchupmund und e*ne große unre*fe Tom*te *ls N*se. Der Rumpf des Jungen Spr*chlos w*r e*ne große, ekl*ge und schrumpl*ge Gurke. Und se*ne *rme und Be*ne w*ren Pommes Fr*tes.
*ls der Junge n*mens Spr*chlos T*l und N*rr S*lbersp*egel s*h, st*nd er *uf und wollte d*e be*den sofort vom Berg *n d*e T*efe werfen: Er ergr*ff zuerst T*l, dem es *ber gel*ng, dem Jungen *n se*ne *n*n*s-*ugen zu be*ßen, sod*ss Spr*chlos nun n*chts mehr sehen konnte. Jetzt w*r es für T*l n*cht mehr schw*er*g, den esssücht*gen Jungen vom Berg h*nunterzustürzen, doch d*s besorgte der Junge schon selbst, denn er t*ppte, bl*nd, w*e er nun w*r, unglückl*ch *n d*e T*efe und schr*e entsetzl*ch, *ls er f* el!
N*chdem d*e be* den s*ch von ihrem Schreck erholt h*tten, beg*nn N*rr S*lbersp*egel w*eder, zu erzählen: D*s w*r der D*ener Spr*chlos, der h*t d*e Buchst*benlöcher gem*cht. Und *ußerdem h*t er nur noch gegessen, T*g und N*cht, *mmer H*mburger und Cheeseburger und Pommes. D*e Menschen, d*e *n Verlust*g m*t ke*nem mehr reden können, bestehen b*ld nur noch *us dem Essen, d*s s*e zu s*ch nehmen. D*e me*sten werden zu Broten, we*l s*e sonst n*chts zu essen h*ben, denn d*s F*stfood *uf dem Bergg*pfel gehört nur dem Kön*g von Brot und se*nem D*ener. D*e be*den bew*chen Verlust*g *m *uftr*g der Kön*g*n von Verlorenherz und we*l der Junge Spr*chlos Buchst*benlöcher gem*cht h*t, d*rf er s*ch w*e e*n Mensch we*terbewegen, obwohl er *uss*eht w*e e*n Cheeseburger *uf Be*nen, oder? D*e verw*ndelten K*stenbrote *ber dürfen s*ch n*cht mehr bewegen …
Und der Z*ubersp*egel übersetzte für T*l, w*s N*rr S*lbersp*egel erzählt h*tte: Das war der Diener Sprachlos, der hat die Buchstabenlöcher gemacht. Und außerdem hat er nur noch gegessen, Tag und Nacht, immer Hamburger und Cheeseburger und Pommes. Die Menschen, die in Verlustig mit keinem mehr reden können, bestehen bald nur noch aus dem Essen, das sie zu sich nehmen. Die meisten werden zu Broten, weil sie sonst nichts zu essen haben, denn das Fastfood auf dem Berggipfel gehört nur dem König von Brot und seinem Diener. Die beiden bewachen Verlustig im Auftrag der Königin von Verlorenherz und weil der Junge Sprachlos Buchstabenlöcher gemacht hat, darf er sich wie ein Mensch weiterbewegen, obwohl er aussieht wie ein Cheeseburger auf Beinen, oder? Die verwandelten Kastenbrote aber dürfen sich nicht mehr bewegen …
N*rr S*lbersp*egel redete noch we*ter: „Jetzt müssen w*r zehnm*l d*s *lph*bet *ufs*gen, d*nn lernen d*e K*stenbrote w*eder *hre Spr* che und verw*ndeln s* ch zurück! Schnell, bevor der Kön*g von Brot von se*nem *usflug durch Verlust*g zurückkommt!“
Und der Z*ubersp*egel übersetzte w*eder für T*l, w*s N*rr S*lbersp*egel s*gte: Jetzt müssen wir zehnmal das Alphabet aufsagen, dann lernen die Kastenbrote wieder ihre Sprache und verwandeln sich zurück! Schnell, bevor der König von Brot von seinem Ausflug durch Verlustig zurückkommt!
„H*st du n*cht etw*s W* cht*ges vergessen, N*rr S*lbersp*egel?“, fr*gte T*l se*nen Freund.
„W*s denn?“, wollte N*rr S*lbersp*egel w*ssen.
„W*r können g*r n*cht d*s g*nze *lph*bet sprechen. Es fehlen uns doch zwe* Buchst*ben!“
N*rr S*lbersp*egel erschr*k. „Ne*n!“, rief er, „d*ss *ch so etw*s W* cht*ges vergessen konnte!“
R*tlos sch*uten d*e be*den Freunde s*ch an. Plötzl*ch *ber s*hen s*e be*de e*n Mädchen *uf s*ch zu kommen. D*s Mädchen h*tte g*nz rotes H**r, d*s *hm b*s zu den Füßen re*chte und *hre *ugen h*tten d*e unbest*mmte F*rbe von W*sser. Es trug e*n Sommerkle*d m*t *llen Bl*utönen der Welt d*r*uf. Es w*r g*nz *lle*ne n* ch Verlust*g gesch* ckt worden und h* tte se*ne Mutter zurückl*ssen müssen. Nun we*nte und schluchzte es vor Freude, d*ss es *ndere Menschen tr*f: „I** *i* ***i*a, ***a*** ****i*!“
Und der Z*ubersp*egel übersetzte für N*rr S*lbersp*egel und T*l: Ich bin Regina, genannt Reggie!
N*rr S*lbersp*egel me*nte: „Du b*st s*cher schon *n z*hlre*che Buchst*benlöcher h*ne*ngetreten. W*e he* ßt du gle*ch noch?“
D*s Mädchen schluchzte: „***i*a!“
Der Z*ubersp*egel übersetzte: Regina!
D*s Mädchen schluchzte w*eder: „***i*a!“
Nun musste T*l l*chen. „S*e *st e*n Esel!“, r*ef er.
D*s Mädchen bl*ckte verärgert und se*ne schönen *ugen verdunkelten s*ch. E*ne Träne r*nn über se*ne W*nge und T*l hörte *uf zu*l*chen, we*l *hm d*s Mädchen nun le*d t*t. Und *m nächsten Moment f*el *hm plötzl*ch d*e Lösung e*n: „D*s Mädchen *st unsere Rettung!“, jubelte er. „Es h*t wohl v*ele Buchst*ben verloren – *ber n*cht d*e be*den, d*e uns fehlen!“
N*rr S*lbersp*egel lächelte und h* elt dem Mädchen sofort den Z*ubersp*egel entgegen, der *hm s*gte, w*s nun zu tun w*r. D*s Mädchen verst*nd sofort, dass es glückl*cherwe*se noch gen*u d*e zwe* fehlenden Buchst*ben h* tte, d*e T*l und N*rr S*lberspegel br*uchten – und d*s w*ren d*e L*ute e*nes Esels.
Und nun wollten s*e *lle schnell d*s *lph*bet *uf dem G*pfel des Brotbergs *ufs*gen, bevor der Kön*g von Brot zurückkehrte!
Kapitel 11
Hat Mama die schwarzen Augen von Til wirklich nicht gesehen?, fragte sich Rafael, während er seine Hausaufgaben machte. Er konnte sich jetzt aber beim besten Willen nicht auf Mathematik konzentrieren.
Es war drei Uhr nachmittags und Rafael saß in seinem Zimmer am Schreibtisch neben dem Etagenbett, während sein Bruder mit einigen Freunden zum Fußballtraining aufgebrochen war. Rafael hatte gelogen, dass er starke Halsschmerzen hätte und deshalb zu Hause bleiben wolle.
Til ist weg, dachte er. Ich muss jetzt mit Mama reden! Sie sitzt im Wohnzimmer und liest die Zeitung, denn heute hat sie den ganzen Nachmittag frei und Til ist den ganzen Nachmittag fort. Jetzt oder nie!
Also ließ Rafael die Hausaufgaben sein, stand auf und ging ins Wohnzimmer – aber seine Mama war gar nicht mehr da!
Wo kann sie nur sein?, fragte sich Rafael und erinnerte sich nun wieder daran, wie sie mit Til und seinen schwarzen Augen am Mittagstisch gesprochen hatte, als wäre gar nichts passiert. Und der Ring an ihrem Finger! Rafael wusste jetzt gar nicht mehr, woher seine Mama ihn hatte – der Ring war ganz schwarz gewesen! Rafael wusste zwar, dass es der Ring seines Papas war, den sie vor vielen Jahren einmal am Bach verloren hatten, aber er konnte sich nicht mehr an die Begegnung mit dem Jungen im Wald erinnern, nur noch an das seltsame Aufwachen heute am Bach – alles, was vorher geschehen war, war aus seinen Gedanken gelöscht!
Na gut, dann fahre ich eben zu Til, wenn ich schon nicht weiß, wo Mama ist, dachte Rafael, denn er machte sich nun wirklich Sorgen und wollte nicht mehr alleine zuhause untätig herumsitzen.
Sogleich verließ er das kleine Haus am Ende der Straße und raste auf seinem Fahrrad davon. Ihm war zum Weinen zumute, weil er Angst um seine Mama hatte, obwohl ihm das eigentlich auch ziemlich blöd vorkam, denn alles erschien so unwirklich – wie konnte es möglich sein, dass sein Bruder gar nicht sein Bruder war? Er war froh, dass ihn in diesem Moment keiner seiner Mitschüler sehen konnte. Er hatte schon oft in der Schule geweint, wenn ihn andere Jungen gehänselt hatten, weil er der kleinste und pummeligste von allen war. Im Moment hätte er sicher kein Wort herausgebracht, weil ein dicker Kloß in seinem Hals steckte, den er immer wieder hinunterschluckte. An einer roten Ampel in der Stadtmitte an einer Straßenkreuzung musste er stehen bleiben.
„Kleiner Rafael!“, hörte er plötzlich eine tiefe Jungenstimme neben sich. Er blickte zur Seite und erkannte Kenzo.
Oh nein! Gerade jetzt!, dachte er. Er war um einen ganzen Kopf kleiner als Kenzo und Kenzo war ein Angeber und Wichtigtuer, der aus Wut über verlorene Fußballspiele bereits etlichen Jungen Prügel angedroht hatte. Ob Kenzo diese Drohungen auch wahrgemacht hatte, wusste Rafael nicht so genau, aber das wollte er eigentlich auch gar nicht wissen. Er wollte nur schnell weiter, um Til zu finden.
Sie standen nebeneinander an der Ampel, die inzwischen grün geworden war und Kenzo fragte nun verärgert: „Warum sagst du nichts, verdammt?“
Rafael steckte immer noch dieser Kloß im Hals, da half es auch nichts, dass er mehrmals schluckte. Weil ich dich hasse!, dachte er. Warum muss ich dich gerade jetzt treffen?
Kenzo stellte sich aber gar nicht bedrohlich vor Rafael hin, wie er es früher schon oft getan hatte. Das lag natürlich auch daran, dass er ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs war und viele Menschen in der Stadt an ihnen vorbeiliefen, doch Kenzos Gesicht war nicht einmal spöttisch, wütend oder drohend wie sonst. Nun sagte er sogar plötzlich vertrauensvoll: „Ich muss mit dir reden, Rafael. Es geht um Til!“
Was will er von Til?, fragte sich Rafael. An die Prügelei mit Kenzo am Bach, als Kenzo ihn für Til gehalten hatte, konnte er sich nicht mehr erinnern. Kenzo hatte Rafael eigentlich nie wirklich etwas getan, nicht einmal gehänselt hatte er ihn, wie es die anderen Jungen aus Rafaels Klasse oft taten. Aber auf Til war er meist wütend, weil er mit ihm im Sturm der Fußballmannschaft spielte und beide sich gar nicht vertrugen. Sie spielten sich fast nie den Ball zu, überließen ihn noch lieber dem Gegner und schossen auch fast immer im Alleingang ihre Tore – und Til schoss eben viel mehr Tore als Kenzo. Vielleicht sucht Kenzo Til, befürchtete Rafael, um ihn zu verprügeln. Aber warum ist er eigentlich nicht beim Fußballtraining?
Kenzo sagte jetzt entschlossen: „Komm mit, ich muss dir etwas erzählen! Ich will endlich, dass mir jemand glaubt, verdammt! Und wenn du mir nicht glaubst, dann gibt es was auf die Fresse – schließlich bist du sein verdammter Bruder!“
Rafael sagte gar nichts, er nickte nur. Obwohl er eigentlich vorgehabt hatte, seinen Bruder zu finden, war er nun neugierig geworden und folgte Kenzo auf seinem Fahrrad durch die Stadt.
Sie bogen in eine Promenade am Bach ein, der hier mitten in der Stadt zu einem kleinen Fluss geworden war, fuhren ein Stück den Weg entlang und setzten sich dann, als Kenzo unter einer hohen Kiefer anhielt, auf eine Sitzbank.
Kenzo erzählte Rafael von der Prügelei mit Til am Bach, die Rafael inzwischen wieder vergessen hatte: „Und plötzlich standen zwei Tils vor mir – zwei Tils, stell dir das vor!“, rief Kenzo. „Meine Mutter hat mir das natürlich nicht geglaubt! Hat Til einen Zwillingsbruder? Habt ihr denn noch einen Bruder?“
„Nein“, sagte Rafael und in diesem Moment konnte er sich plötzlich auch wieder an die Prügelei mit Kenzo erinnern und daran, dass er selbst damals Til gewesen war, als der richtige Til – oder derjenige, den jetzt alle für Til hielten – aufgetaucht war und die Rauferei zwischen Kenzo und ihm selbst beendet hatte. Allerdings konnte er sich nicht an die Begegnung mit dem Jungen aus dem Wald erinnern – das war in seinem Gedächtnis immer noch wie ausgelöscht.
„Rafael!“, rief Kenzo. „Sag jetzt etwas, verdammt!“ Kenzos blaue Augen blickten Rafael ganz ernst an. Das erinnerte Rafael daran, wie Kenzo Menschen ansah, wenn sie ihn nach seiner Mutter fragten. Kenzos Mutter war alleinerziehend und so traurig, dass sie sich nie aus ihrer Wohnung traute. Sie lebte von Sozialhilfe, Kenzo kaufte oft für sie ein und begleitete sie auch immer zum Sozialamt, ansonsten verließ seine Mutter ihre Wohnung fast nie, weil sie sich vor anderen Menschen fürchtete. Das hatte Rafael von seiner Mutter gehört und die hatte es von einer anderen Mutter gehört und die andere Mutter hatte es wiederum von einer anderen Mutter gehört.
Rafael fühlte plötzlich wieder diesen Kloß im Hals. Er konnte sich dank Kenzo daran erinnern, dass er selbst einmal wie Til ausgesehen hatte, als sie gerauft hatten. Aber warum war das alles geschehen?
„Glaubst du mir, Rafael?“, fragte Kenzo erneut.
Rafael nickte. „Kenzo, ich muss dir etwas sagen. Ich habe das Gefühl, dass Til gar nicht mehr Til ist.“ Jetzt verschwand der Kloß in Rafaels Hals allmählich und er erzählte von dem Erlebnis mit Til am Mittagstisch, als Tils Augen plötzlich schwarz waren, und dass er glaubte, dass irgendjemand die Rolle seines Bruders eingenommen hatte. „Und meiner Mutter fällt gar nichts auf!“, erzählte er. „Sie trägt diesen merkwürdigen Ring am Finger – es ist der Ring von Papa, den ich damals verloren habe und den wir nie wieder fanden. Aber heute Mittag war er da und wurde plötzlich richtig schwarz – wie Tils Augen!“
Kenzo hörte ihm mit großem Interesse zu. „Das ist ja voll abgefahren, verdammt!“, meinte er dann. „Wir müssen Til unbedingt zurückholen – der Typ mit den schwarzen Augen kann was erleben, Rafael, das sage ich dir!“
„Ja, aber was sollen wir denn machen?“, fragte Rafael.
„Dieser falsche Til muss gerade beim Fußballtraining sein, richtig?“, fragte Kenzo.
„Ich wollte gerade hinfahren“, sagte Rafael, „weil meine Mama auch plötzlich nicht mehr zu Hause ist und ich nicht weiß, wo sie hingegangen sein könnte. Kommst du mit zum Fußballplatz, Kenzo?“
„Schlag ein!“, rief Kenzo begeistert. „Ich bin dabei!“
Rafael und Kenzo fuhren auf ihren Fahrrädern zur Stadt hinaus bis zu den Sportstätten. Zuerst mussten sie an dem großen Fußballplatz der ersten Mannschaft vorbeifahren, dann kamen die Tennishalle und das Frei- und Hallenbad und erst ganz am Ende der Straße lag inmitten von Apfelbäumen vor einem hohen bewaldeten Berg der alte Fußballplatz, der für die Trainingsstunden der Jugendmannschaften verwendet wurde. Ein grüner Maschendrahtzaun säumte diesen Fußballplatz ein, auf dem die Mannschaft der Füchse heute für das Spiel am kommenden Sonntag trainierte, das die Füchse gewinnen mussten, um in ihrer Liga Meister zu werden.
Vorsichtig näherten sich Rafael und Kenzo auf ihren Fahrrädern dem Trainingsplatz. Dann hatte Kenzo die Idee, die Straße besser zu verlassen, bevor sie zum Trainingsplatz kamen, und einem schmalen Schotterweg zu folgen, der inmitten der Apfelbäume verlief, damit sie nicht von irgendjemandem aus ihrer Mannschaft durch den Maschendrahtzaun hindurch gesehen wurden. Schließlich ließen sie heute beide das Training sausen.
Sie bogen also in die Apfelbaumfelder ab und fuhren den kleinen Schotterweg entlang, der sie zu einem Hügel führte, der so hoch war, dass sie von dort aus den Fußballplatz überblicken konnten. Vor dem Hügel stellten sie ihre Fahrräder ab und gingen zu Fuß hinauf. Natürlich hielten sie sich zwischen Bäumen und Sträuchern versteckt, damit keiner sie aus der Entfernung auf dem Hügel sehen konnte.
Der Fußballplatz war nun etwa hundert Meter von ihnen entfernt. Rafael und Kenzo saßen im Schatten von Sträuchern und Nadelbäumen und beobachteten zunächst nichts Ungewöhnliches: Das Geschrei der Spieler, die Pfiffe des Schiedsrichters – aber Moment!
Am Maschendrahtzaun stand Rafaels Mama und rief Til zu: „Los, mein Junge! Schieß endlich ein Tor!“ Sie war die einzige Zuschauerin.
Und plötzlich, als Til den Ball an die gegnerische Abwehr verlor, brüllte sie wütend: „Was ist denn heute los, verdammt? – Schlafen kannst du zu Hause! Lauf, Junge!“
„So ein Muttersöhnchen!“, meinte Kenzo und grinste.
„Sei still!“, sagte Rafael. „Das ist ziemlich seltsam. Weißt du, Mama schaut eigentlich nicht mehr bei unseren Trainingsspielen zu, seit Til ihr vor zwei Jahren einmal gesagt hat, dass ihn das stört.“
„Du spielst richtig scheiße heute, Til!“, schrie die Mutter jetzt aus vollem Hals. „Zum Kotzen ist das mit dir! Du bist ein scheißschlechter Fußballer! Dein Vater war ein großartiger Spieler, aber du spielst richtig beschissen!“
„Hä?“, flüsterte Kenzo Rafael zu. „Was ist denn heute mit deiner Mutter los?“
„Scheiße spielst du! Geh nach Hause, Til!“ Die Mutter hörte nicht auf, zu fluchen.
Da blieb Til plötzlich stehen, obwohl er im Ballbesitz war, ließ sich den Ball abnehmen und lächelte seiner fluchenden Mutter freundlich zu.
Der Trainer blickte die Mutter böse an. „Seien Sie endlich still!“, rief er.
„Was geht hier vor?“, fragte Rafael Kenzo, aber der zuckte ratlos mit den Schultern.
Til stand nun ganz ruhig auf dem Platz und griff in seine Hosentasche.
„Was ist denn los, Til?“, rief der Trainer. Auch die anderen Spieler waren nun stehen geblieben und blickten verwundert auf Til, während der Fußball alleine weiter über den Rasen rollte. „Sollen wir deine Mutter nicht fortschicken?“, fragte der Trainer, während diese immer noch fluchte: „Scheiße, Til! Das ist eine gottverdammte Blamage!“
Aber Til lächelte nur zufrieden. Er nahm eine schwarze Herzmuschel aus seiner Hosentasche, hob sie in die Höhe und bekam ganz schwarze Augen, die wie Löcher aussahen. Dann rief er ganz laut: „Vergissmeinmuschel!“
Und in diesem Moment veränderte sich die ganze Umgebung: Vor Rafaels Augen verschwamm alles. Die schwarze Muschel fiel zu Boden und wurde immer größer – so groß wie ein Ball, so groß wie ein Hund, so groß wie ein Pferd, immer größer, und irgendwann fing sie an, wie ein Wirbelsturm alles in sich hineinzuziehen. Zuerst wurde nur ein vorbeifahrendes Auto auf der Straße aus der Spur gehoben und der Wagen schleuderte hin und her. Dann aber saugte der Wirbelsturm die ganze Fußballmannschaft, den Trainer, ja ganze Bäume in sich hinein, die er ausriss; Häuser, Bars, der ganze Sportplatz – alles flog durch die Luft und verschwand in einem schwarzen Trichter; der Sturm verschluckte, was er kriegen konnte. Selbst Rafael und Kenzo konnten sich bald nicht mehr an den Bäumen und Sträuchern in ihrer Umgebung festhalten und flogen direkt in das schwarze Auge des Wirbelsturmes!
Dann war mit einem Mal alles weg und sie standen auf der Tribüne des großen Fußballplatzes, wo die Bubenmannschaft der Füchse spielen durfte, weil es ihr letztes Meisterschaftsspiel war. Die Eltern und Freunde der Jungen jubelten und feuerten die Füchse kräftig an. Mama stand neben Rafael, deutete nach unten, klatschte in die Hände und sagte mit leuchtenden Augen: „Ach, Rafael! Silvan ist der Beste! Er spielt genau wie sein Papa! Sie liegen schon drei zu null in Führung und Silvan hat alle drei Tore selbst geschossen. Bald ist Schlusspfiff und dann sind wir Meister!“
„Ja, Silvan spielt wirklich gut“, sagte Rafael, der etwas traurig war, weil er selbst nicht auf dem Fußballfeld spielte.
Neben Rafael stand auch Kenzo. „Was ist los, verdammt?“, fragte er. „Wie sind wir hierhergekommen? Und warum spiele ich nicht dort unten mit, wenn das schon das letzte Meisterschaftsspiel ist?“ Im Gegensatz zu Rafael konnte Kenzo sich gut an den komischen Wirbelsturm erinnern und war ziemlich überrascht, dass sie nun plötzlich hier auf der Tribüne standen.
„Und wo ist dein Bruder Til?“, fragte er.
„Was redest du da für einen Mist!“, meinte Rafael. „Mein Bruder heißt Silvan.“ Er deutete auf einen blassen, schmalen Jungen mit dünnem schwarzem Haar und dunklen Augen, die wie Löcher aussahen, der auf dem Fußballfeld stand.
Kapitel 12
T*l, N*rr S*lbersp*egel und d*s Mädchen, d*s nur noch d*e be*den L*ute sprechen konnte, d*e e*n Esel von s* ch g*bt, st*nden *mmer noch *uf dem Brotberg. S*e mussten nun zehnm*l d*s *lph*bet *ufs*gen, um d*e Menschen, d*e dumm w*e Brot w*ren, zu erlösen.
*lso spr*chen T*l und N*rr S*lbersp*egel nun zus*mmen d*e L*ute des *lph*bets, *uch d*e Uml*ute Ä, Ö und Ü und d*s sch*rfe ß, und d*s Mädchen ergänzte d*e zwe* Buchst*ben, d*e *hnen noch fehlten.
*ls T*l, N*rr S*lbersp*egel und d*s Mädchen d*s *lph*bet zum zwe*ten M*l *ufs*gten, hörten s*e plötzl*ch den Kön*g von Brot her*nkommen! Der h*tte *uf se* nem Sp*z*erg*ng durch se*n Re* ch Verlust*g plötzl*ch festgestellt, d*ss *m g*nzen Re*ch d*s *lph*bet zu hören w*r und d*e Erde von Verlust*g scheußl*ch d*runter erbebte. D*durch wurden nun d*e gel*ebten Buchst*benlöcher des Kön*gs zerstört – d*s durfte er *uf ke* nen F*ll zul*ssen!
Der Kön*g von Brot w*r e*n Eckenbrot, denn er h* tte selbst e* ne Brotverw*ndlung durchgem*cht – früher e*nm*l w*r *uch er e*n Mensch gewesen. *ber *m Gegens*tz zu den *nderen verw*ndelten Broten h*tte der Kön*g von Brot d*e Spr*che und den Verst*nd e*nes Menschen beh*lten – näml*ch durch den W*llen der Kön*g*n von Verlorenherz.
Der Kön*g von Brot h* tte b*ld her*usgefunden, d*ss d*s bedrohl*che *lph*bet von dem G*pfel se*nes gel*ebten Brotbergs k*m. *ber bew* chte den n*cht se*n D*ener Spr*chlos?
Doch *ls der Kön*g zum Brotberg k*m, d* l*g der D*ener Spr*chlos, der v*el l*eber H*mburger, Cheeseburger und Pommes *ß *ls Brot, *n e*nem Buchst*benloch und w*r *nsche*nend über se*ner g*nzen Fressere* e*ngeschl*fen. W*e konnte er nur?, fr*gte s* ch der Kön*g wütend. Und wer zum Henker *st *uf dem Brotberg und spr*cht schon zum fünften M*l d*s *lph*bet?
Der Kön*g von Brot l*eß se*nen unnützen D* ener we* terschl*fen. V*el w*cht*ger w*r jetzt, her*uszuf*nden, wer d*e Ordnung *n se*nem gel* ebten L*nd Verlust*g gefährdete. Der Kön*g von Brot e*lte w*e e*n junges Reh *uf den Berg h*n uf, um d*e unerwünschten E*ndr*ngl*nge vom Berg *n d*e T*efe zu stürzen, während d*e bebende Erde se*ne gel*ebten Buchst*benlöcher we*ter zerstörte und d*s Brot unter se*nen Füßen plötzl*ch Be*ne, *rme, Köpfe und Bäuche bek*m und *hn zu umz*ngeln beg*nn. Denn *uf dem Berg gew*nnen d*e Menschen m*t der Zerstörung der Buchst*benlöcher nun *uch *hre menschl*che Gest*lt und *hre Spr*che zurück und e*ne Fr*u, welche ger*de von e*nem Brot *n e*nen Menschen m*t d*cken W*ngen zurückverw*ndelt worden w*r, er*nnerte s*ch *uch schon w* eder *n die Gesch*chte des Kön*gs von Brot, d*e w*r h*er *m folgenden K*p*tel jetzt erzählen wollen.
Kapitel 13
Eigentlich ist diese Geschichte gar nicht so traurig. Sie ist sogar ein wenig lustig. Der kleine Bruder der Königin von Verlorenherz, der König von Brot, war überall für seine Esslust bekannt. Er aß von früh bis spät: Am frühen Morgen aß er stundenlang Marmeladebrötchen, mittags zehn Schweinebraten mit zwanzig Speckknödeln und abends, wenn er Schweinebraten und Speckknödel endlich fertig verzehrt hatte, ging er zum größten McDonald’s der Stadt Verlorenherz und aß sich dort bis Mitternacht durch das ganze Menü. Da er seine ganze Zeit dem Essen widmete, vernachlässigte er natürlich seine Frau, sodass sie ihm schon bald davonlief.
Sie war zuvor eine Köchin gewesen und hatte ihn eigentlich nur geheiratet, um in die Königsfamilie aufgenommen zu werden. Deshalb hatte sie ihn so lange die schönsten Speisen serviert, bis er sie wegen ihrer Kochkünste geheiratet hatte. Hätte sie nach der Hochzeit weiter für ihn gekocht, dann wäre es mit den beiden vielleicht gut gegangen – das konnte sie aber unmöglich damit in Verbindung bringen, dass sie nun doch tatsächlich die Schwägerin der Königin von Verlorenherz war und es bei einer solchen Dienerschaft nun wirklich nicht mehr nötig hatte, selbst für das Essen zu sorgen. Ihr Mann sagte dazu gar nichts, sondern bestellte sich einfach immer weiter Schweinebraten und Speckknödel aus der Küche oder ging zu McDonalds. Daraufhin liefen die dicken, fleischigen Wangen der ehemaligen Köchin zornrot an und sie selbst auf und davon.
Ihr Gatte bemerkte das nicht einmal, denn er liebte ja eigentlich nur sein Essen und brauchte daher keinen Menschen in seinem Leben, solange er nur genug zu essen hatte. Er aß nun immer mehr; sein Hunger hätte für ein ganzes Regiment gereicht und bald aß er der Königin alle Speisekammern leer. Nun merkte die Königin von Verlorenherz bald, dass mit ihrem Bruder nicht viel anzufangen war. Seine ständige Esserei ging ihr immer mehr auf den Geist und sie wollte ihn endlich nur noch loswerden. Nachdem sie vom König von Weichlieb verlassen worden war, überlegte sie, ob der Bruder ihr vielleicht in ihrem Reich Verlustig dienen könnte, das sie soeben neu gegründet hatte, damit die Menschen aus ihrem Volk denselben Schmerz erlitten wie sie, indem sie sich voneinander trennen mussten. So verwandelte die Königin ihren Bruder in ein weißes Eckenbrot, nannte ihn König von Brot und stellte das Reich Verlustig unter seine Herrschaft.
Verlustig war zu dieser Zeit eine weite Wüste – die wohl langweiligste Landschaft, die man sich vorstellen kann, weil in der Verlustigwüste gar kein Lebewesen lebte; nicht einmal ein Pflänzchen. Aber bald schickte die Königin von Verlorenherz Menschen nach Verlustig. Diese Menschen wurden von ihren Liebsten getrennt und waren deswegen sehr traurig. Sie saßen in der Wüste herum und erzählten sich immerfort traurige Geschichten. Das ärgerte den König von Brot, der in der Wüste stets an einem fein gedeckten Tisch mit den besten Speisen saß, der nie leer wurde. Denn die traurigen Geschichten der Menschen und ihr Weinen und Klagen verdarben ihm dabei den Appetit.
Glücklicherweise schickte die Königin ihm schon am zweiten Tag einen Gehilfen in die Wüste: einen Jungen, der so traurig war, dass er gar nicht über sein Leid sprechen wollte. Als der Junge sah, dass die anderen Menschen immerfort über ihr Leid sprachen und sich dabei besser fühlten, wurde er zornig und stampfte lauter Löcher in die Erde – das waren die Buchstabenlöcher von Verlustig, durch welche die Bewohner von Verlustig allmählich ihrer Sprache verlustig gingen.
Der Junge gefiel dem König. Er nahm ihn mit offenen Armen auf und nannte ihn „Diener Sprachlos“. Dann zauberte der König von Brot einen dichten grauen Nebel herbei, durch den man in Verlustig nichts mehr sehen konnte – schon gar nicht den Boden, auf dem man ging! Und so traten die Menschen bald in jedes der Buchstabenlöcher, bis sie gar nicht mehr sprechen konnten und deswegen in eine tiefe Trauer versanken.
Als nächstes zauberte der König von Brot einen riesigen Berg voller Kastenbrote herbei, von dem die Bewohner essen sollten. Und da die Menschen nun nicht mehr über ihr Leid sprechen konnten, stopften sie sich zum Trost massenweise mit diesem Brot voll. Das Brot war aber ein Zauberbrot: Es verwandelte die Menschen, welche davon aßen, selbst in Kastenbrote, sodass sie dem König auch durch ihren traurigen Anblick nicht mehr lästig werden konnten.
Der Junge, der die Buchstabenlöcher in die Erde gestampft hatte, wurde zum Lohn für seinen Dienst auf den Brotberg gesetzt und erhielt ein eigenes Tischlein namens Donald deck dich!, das sich immer wieder von selbst füllte. An diesem Tischlein saß er Tag und Nacht und stopfte sich mit Hamburgern, Cheeseburgern und Pommes voll, bis er irgendwann genauso aussah wie das Essen, das er aß.
Die Köchin mit den dicken, fleischigen Wangen, die den König von Brot verlassen hatte, wurde eines Tages ebenfalls nach Verlustig geschickt. Sie hatte sich in Verlorenherz in einen anderen Koch verliebt, den sie nun verlassen musste. Darüber war sie so traurig, dass sie in Verlustig genauso endete wie alle anderen Menschen: Als weißes, sprachloses Kastenbrot auf dem Brotberg inmitten der nebligen Buchstabenlöcherwüste von Verlustig.
Kapitel 14
Endlich hatten Til, Narr Silberspiegel und das Mädchen Reggie das Alphabet zehnmal aufgesagt und damit nicht nur alle Buchstabenlöcher zerstört, sondern auch die Menschen auf dem Brotberg zurückverwandelt.
Der König von Brot schaffte es nicht mehr, bis auf den Gipfel seines Brotbergs zu gelangen, denn zu tausenden versperrten ihm die Menschen jetzt den Weg, die er einst in sprachlose Brote verwandelt hatte. Diese Menschen waren nun wirklich sehr böse auf den König von Brot und das ist beileibe auch verständlich.
Zu ihrem Glück hatten die Neuankömmlinge in Verlustig immer nur diejenigen Brote vom Brotberg gegessen, die keine verwandelten Menschen waren, denn die Menschenbrote waren gar nicht essbar gewesen und hatten ganz scheußlich geschmeckt. Außerdem hatte man sie gleich als verwandelte Menschen erkannt, denn kaum hatte man sie angefasst, hatten sie laut aufgeschrien.
Jetzt wurde der König von Brot von unzähligen wütenden Menschen auf dem Brotberg festgehalten, ja sogar seine frühere dickwangige Frau war darunter und schrie wütend: „Haltet das verdammte Brot!“ Alle Menschen hatten ihre Sprache zurückerhalten, nachdem Til, Narr Silberspiegel und das Mädchen zehnmal das Alphabet aufgesagt hatten. Nun herrschte plötzlich ein Stimmengewirr ohnegleichen.
Auf dem Gipfel des Brotbergs, der nun deutlich niedriger geworden war, standen Til, Narr Silberspiegel und das kleine Mädchen Reggie. Til kam das Mädchen nun wirklich sehr klein und ziemlich eigenartig vor – sie konnte nicht älter als vier Jahre sein! Aber sie hatte schönes rotes Haar, das ihr bis zu den Füßen reichte, und Augen, die die unbestimmte Farbe von Wasser hatten – und zudem trug sie ein Sommerkleid mit allen Blautönen der Welt darauf!
Nachdem Til, Narr Silberspiegel und Reggie sich vor Freude umarmt hatten, weil sie nun ebenfalls wieder alle Laute des Alphabets sprechen konnten, rüsteten sie sich zum Abstieg vom Brotberg, um mit den vielen erlösten Menschen zurückzukehren, nach Verlorenherz. Til hielt immer wieder nach seinem Vater Ausschau, von dem er ja hoffte, dass er ebenfalls als Brot verwandelt auf dem Brotberg gewesen war.
„Wie finden wir einen Ausgang aus Verlustig?“, wollte Til wissen, während Reggie, durch die vielen verärgerten und traurigen Menschen um sie herum erschreckt, sich plötzlich fest an ihn klammerte.
„Ich will zu meiner Mami“, sagte Reggie. „Sie heißt Resi Redewendung. Kannst du mich dorthin bringen?“
„Ja, kleines rothaariges Mädchen“, sagte Til, strich ihr übers Haar und sah sie freundlich an, „das mache ich gern!“ Das kleine Mädchen gefiel ihm sehr.
„Wir müssen nach dem Zuggleis suchen, das von Verlustig wieder nach Verlorenherz führt!“, rief Narr Silberspiegel, aber weiter kam er nicht, denn jetzt eilten plötzlich sehr viele Menschen auf ihn zu.
„Du weißt, wie wir hier wieder fortkommen!“, riefen sie alle durcheinander und waren sehr aufgeregt.
„Hört gut zu, Leute!“, rief Narr Silberspiegel und wurde ernst.
Til nahm die kleine Reggie bei der Hand und flüsterte: „Wir finden deine Mama, kleines rothaariges Mädchen!“
Das Mädchen lächelte und sagte plötzlich: „Und wenn wir meine Mama gefunden haben, dann will ich mit dir tanzen, lieber Til!“
„Aber zuerst müssen wir leise sein“, mahnte Til, „und Narr Silberspiegel zuhören!“
„Wenn ich euch aus Verlustig führen soll“, rief Narr Silberspiegel laut über die Köpfe der Menschen hinweg, die nun ganz still wurden, „dann müsst ihr mir sagen, wo hier das Bahngleis ist, das nach Verlorenherz zurückführt!“ Das wusste jedoch keiner der Menschen so genau, weil sich der dichte Nebel noch immer über die ganze Wüste legte. „Dann müssen wir eben im Nebel nach dem Gleis suchen“, sagte Narr Silberspiegel. „Das kann doch nicht so schwierig sein!“
Aus der Menschenmenge riefen einige jetzt plötzlich hervor: „Fragt doch den König von Brot selbst, wie wir das Gleis finden! Er soll den Nebel aus der Wüste fortzaubern!“
Nun hielten die Menschen auf dem Brotberg den König von Brot in die Höhe, der war ein stinknormales katzengroßes Kastenbrot, das aus Leibeskräften schrie: „Lasst mich sofort herunter! Selbst wenn ihr das Zuggleis findet, werdet ihr niemals nach Verlorenherz zurückkommen! Denn das Gleis dehnt sich, wenn man es zurückgeht, so unendlich weit, dass es hundert Jahre dauern würde, ehe man es zu Fuß zurückschafft – ihr müsstet immerfort gehen, gehen, gehen!“
„Du blödes Brot!“, maulte die kleine Reggie und schluchzte.
Und die Menschenmenge rief im Chor: „Nieder mit dem König von Brot! Nieder mit dem König von Brot! Nieder mit dem König von Brot!“
„Keine Sorge, kleines rothaariges Mädchen“, tröstete Til Reggie, „wir finden einen Weg – ganz bestimmt!“
Reggie jammerte: „Eigentlich hat die Fahrt hierher im Zug auch schon sehr lange gedauert – mir kam es vor wie eine ganze Woche!“
Til schüttelte ungläubig den Kopf und sagte: „Aber nicht doch, kleines rothaariges Mädchen! Das hat doch keine Woche gedauert von Verlorenherz bis nach Verlustig! Ich habe mit Narr Silberspiegel nicht einmal die Bahn benutzen müssen. Wir sind nur einige Meter auf dem Bahnhof von Verlorenherz herumgetanzt, am Gleis entlang, haben an etwas Schönes gedacht und im nächsten Moment standen wir auch schon in Verlustig … Moment mal! Vielleicht ist das ja die Lösung! Vielleicht müssen wir nur lustig sein und am Gleis von Verlustig entlangtanzen – sicher kommen wir dann auch ganz schnell wieder nach Verlorenherz zurück!“
„Du verdammter Schlaumeier!“, brüllte der König von Brot, der Tils Worte gehört hatte, denn er hatte sehr gute Ohren, obwohl er ein Brot war. Er wurde nun so zornig, dass sich sein kastenförmiger Brotlaib zu einer wütenden Brotkugel zusammenballte und rief den Menschen zu: „Traurig sollt ihr sein! Traurig und ohne Hoffnung! Nicht lustig!“
Aber Til wiederholte seine Idee nochmals laut vor allen Menschen in Verlustig. Abschließend rief er: „Nur lustig findet man wieder aus Verlustig!“
Der König von Brot gab sich noch nicht geschlagen: Als wütende Brotkugel schoss er plötzlich wie ein Fußball auf Til zu.
Kapitel 15
„Sag mal, bist du bescheuert, Rafael?“, rief Kenzo. Sie standen auf der vollen Tribüne und guckten aufs Fußballfeld hinunter, wo das Endspiel der Füchse gerade in seiner Schlussphase war. „Das da unten auf dem Fußballfeld ist nicht dein Bruder und dein Bruder heißt nicht Silvan, sondern Til!“
Rafael brüllte wütend: „Ach, hör doch auf, mich zu veräppeln!“ Dann lief er davon, weil er es hasste, veräppelt zu werden.
Rafaels Mama blieb zurück und jubelte mit den anderen Eltern auf der Tribüne den Spielern zu, als das Spiel in diesem Moment endete: Drei zu null für die Füchse – und die Mannschaft feierte jetzt nicht nur ihren Meistertitel, sondern auch den blassen, schmalen Jungen mit dem dünnen schwarzen Haar und den dunklen Augen, die wie Löcher aussahen: als ihren Torschützenkönig Silvan!
Der Junge mit dem Trikot Nummer 11, der Til sein sollte, war nicht Til – Kenzo konnte das selbst kaum glauben! Er verließ die Tribüne, lief davon und schwang sich auf sein Fahrrad.
Auf dem Heimweg in die Innenstadt dachte er angestrengt nach: Ich bin doch nur mit Rafael zum Trainingsplatz gefahren und plötzlich kam dieser Sturm auf und wir standen im nächsten Moment auf der Tribüne des großen Fußballplatzes, wo das Endspiel stattfand, das erst Tage später hätte sein sollen. Warum hat Rafael vergessen, wer sein Bruder ist? Und wo ist Til eigentlich? Warum merken die anderen nicht, dass er verschwunden ist? Was ist denn hier eigentlich los, verdammt?
Viele Fragen spukten in Kenzos Kopf herum, bis er endlich seine Wohnung aufschloss, und als er in die Küche kam, saß seine Mama dort am Tisch und aß Schokoeis. Das tat sie oft: Statt eines Abendbrots aß sie dann nur einen großen Teller mit Schokoeis. Sie hob ihren Kopf kurz vom Teller und sagte leise: „Hallo!“
Und Kenzo sagte nichts – sein Gruß war immer ein Lächeln und dann musste seine Mama auch lächeln. Meistens war seine Mama leider traurig. Oft weinte sie sich in den Schlaf. Sie war so traurig, dass sie nur noch still ihren Haushalt verrichtete, ja sie hatte seit einem Jahr außer „Hallo!“ kaum ein Wort mehr gesprochen und verließ auch kaum mehr das Haus. Sie hatte Angst – vor Menschen. Und das nannten die Nachbarn „depressiv“. Kenzo mochte dieses Wort nicht. Einmal hatte er depressiv im Internet nachgeschlagen, aber dort war es so kompliziert formuliert gewesen, dass er beschlossen hatte, dass seine Mama ganz bestimmt nicht depressiv war: Sie war sehr traurig, aber Kenzo wusste nicht genau, warum sie so traurig war. Sie hatte es ihm nie erzählt.
Kenzo und seine Mama lebten von Sozialhilfe und von dem Geld, das Kenzos Mama von ihrer Mama, also von Kenzos Oma, manchmal bekam. Einmal, als Oma vorbeigekommen war, hatte sie zu Mama gesagt: „Ich war auch mal jung und schön und habe mit einem jungen und schönen Mann was angefangen, das weißt du ja, aber er hat mich nicht geliebt und ich bin auch nicht daran zerbrochen und habe dich allein großgezogen. Also sei endlich stark, Kind!“
„Mein Papa hat mich nicht gewollt“, hatte Mama einmal erzählt. „Das war schlimm. Und meine Mama …“ Da hatte sie nicht mehr weiterreden können, weil sie weinen musste. Sie weinte nur selten vor Kenzo, sondern saß meist still vor ihm.
Mehr hatte seine Mama ihm nicht erzählt über ihre Eltern, aber wenn Oma sie besuchte, dann merkte Kenzo immer, dass diese Besuche kurz und selten waren und Oma meist nur wegen Geld kam: „Ich habe das Geld auch gebraucht, als ich dich allein großziehen musste. Was ich geben kann, das gebe ich gern!“, sagte sie oft zu Mama. Dann redete Oma über die Wohnung von Kenzo und seiner Mama, dass einige Möbel endlich einmal erneuert werden müssten, über irgendwelche Spesen, die viel zu hoch waren, und schließlich noch kurz über das Wetter, das für Oma oft viel zu scheußlich war. Und dann stand Oma schon wieder in der Wohnungstür, um sich zu verabschieden, eine Frau mit strengem Blick und wirrem, weißen Haar, das ihr über die Schultern hing. Aber einmal, da hatte sie anscheinend gar nicht gewusst, was sie zum Abschied sagen sollte, als Mama sie nur traurig ansah. Es gab eine kleine Pause, dann sagte Oma etwas gequält: „Wiedersehen!“
Kenzo hat oft nach seinem Papa gefragt. „Er hat uns verlassen“, hatte seine Mama einmal erzählt, „noch vor deiner Geburt“, aber irgendwann sagte sie fast gar nichts mehr, sie hatte nur ständig Angst, wachte nachts auf und nahm irgendwelche Tabletten, damit sie sich beruhigte. Warum hat sie Angst?, überlegte Kenzo manchmal. Sie hatte es Kenzo leider nie gesagt.
Kenzo hatte einmal geträumt, dass sein Papa an der Tür stand, aber seine Mama ihn nur traurig ansah.
Mama ist so verdammt still, sie sagt nie etwas, verdammt!, dachte Kenzo. Das ärgerte ihn immer wieder, aber seiner Mama zuliebe unterdrückte er diese Wut, wenn er bei ihr war. Ein paar Mal schon hatte er einen Jungen vor der Schule verprügelt, aber seine Mama hatte gar nichts dazu gesagt, obwohl die Lehrer gedroht hatten, dafür zu sorgen, dass er in ein Internat käme! Also hatte er damit aufgehört und angefangen, wenigstens jedem Jungen Prügelstrafen anzudrohen, der besser Fußball spielte als er. Kenzos Mama hatte auch nie etwas gesagt, als die Mamas dieser Jungen sich ständig bei ihr über Kenzo beklagt hatten, nicht einmal geweint hatte sie! Sie war einfach durch nichts zu bewegen, und das ärgerte Kenzo unsagbar!
Der Psychiater kam zu ihnen in die Wohnung. „Soziophobie“ nannte er das, was Kenzos Mama traurig machte. Kenzo durfte bei den Sitzungen nicht dabei sein und meistens war er dann in der Schule. „Soziophobie“, fragte Kenzo einmal, „was ist denn das, verdammt?“ Und der Psychiater antwortete: „Angst vor Menschen. Bei deiner Mama ist es vor allem die Angst, dass andere Menschen sie ablehnen könnten, wenn sie sich ihnen annähert.“ „Und wenn schon!“, schnarrte Kenzo mürrisch, „die Menschen reden manchmal wirklich böses Zeug, aber deswegen muss man doch keine Angst vor ihnen haben!“
Kenzo passte gut auf alles auf. Seit einem Jahr erledigte er vieles, was außerhalb der Wohnung getan werden musste, weil seine Mama Angst vor Menschen hatte und einfach fast nie aus dem Haus zu kriegen war. Höchstens zum Sozialamt ging Kenzos Mama, aber auch nur, wenn sie es musste. Und sie zitterte bereits, wenn sie nur in Anwesenheit Anderer ein Formular unterschreiben musste. Sie nahm sich dann wirklich sehr zusammen, fand Kenzo – er sah, wie sie sich auf die Lippen biss und versuchte, ihr Zittern zu unterdrücken. Kenzo bemerkte, wie ihr ganzer Körper bebte, und auf einmal rief er ganz wütend: „Sei still, verdammt!“ Da ließ Mama den Kugelschreiber fallen und lief weinend davon. Kenzo tröstete sie auf dem Heimweg und entschuldigte sich, aber sie ging nur mit gesenktem Kopf in die Wohnung zurück und schloss sich in ihrem Zimmer ein.
Jetzt setzte sich Kenzo zu seiner Mama an den Küchentisch und fragte: „Muss ich etwas einkaufen, Mama?“
„Nein“, sagte seine Mama nur und starrte auf ein Bild an der Wand.
Mama hatte viele Bilder von einem unbekannten Künstler namens Vincent, mit dem sie zur Schule gegangen war, wie sie Kenzo erzählt hatte, und sie blickte diese Bilder oft an. Die meisten davon hingen in ihrem Zimmer und für Kenzo waren sie nichts Besonderes, weil er sie zu verschwommen und undeutlich fand. Mama machte fast gar nichts mehr als diese merkwürdigen Bilder anzustarren – selbst die blöde Hausarbeit blieb jetzt oft an Kenzo hängen, wenn seine Mama zu müde dazu war, obwohl sie nicht viel tat – manchmal kam sie sogar den ganzen Tag nicht einmal aus dem Bett.
„Schau mich nicht so an, Kenzo!“, murrte die Mutter, als sie seinen verärgerten Blick spürte. Da wurde Kenzo noch wütender und ging in sein Zimmer.
Er hätte seiner Mama gern von der unglaublichen Geschichte erzählt, die er erlebt hatte – nun war er ganz allein in seinem Zimmer und wusste nicht, was er anfangen sollte. Am liebsten hätte er jemanden verprügelt. Mit dem Problem meiner Mama bin ich ja schon lange allein – wenn jetzt auch noch Rafael mich hängen lässt, dann muss ich auch das Problem mit dem unheimlichen Jungen selbst in die Hand nehmen, verdammt!, dachte er.
Kapitel 16
In seinem unbändigen Zorn hatte sich der kastenförmige König von Brot zu einer fußballgroßen Brotkugel zusammengerollt, die nun auf Til zuschoss, weil Til die rettende Idee gehabt hatte, wie die Menschen aus Verlustig wieder herausfinden könnten.
Dieser verdammte Schlaumeier!, brüllte der König von Brot vor Zorn, aber gerade seine Verwandlung in eine fußballgroße Brotkugel wurde dem einstigen Kastenbrot zum Verhängnis: Nicht umsonst war Til Fußballer – so schoss er die Kugel mit Leichtigkeit wie einen Fußball in den grauen Nebelhimmel, als sie auf ihn zuflog.
„Du verdammter, verdammter, verdammter Schlaumeier!“, brüllte die fliegende Brotkugel noch, bevor sie für immer irgendwo im Himmel verschwand.
Die Menschen jubelten und die kleine Reggie rief begeistert: „Großartig, Til! Du bist der beste große Bruder!“
„Kleines rothaariges Mädchen“, sagte Til ernst, „ich bin leider nicht dein großer Bruder.“
„Für mich bist du es“, sagte Reggie einfach – und so war es beschlossen. Auch für Til war das in Ordnung, denn er mochte das kleine rothaarige Mädchen sehr. Er spürte, dass sie irgendwie miteinander verbunden waren, auch wenn sie nicht wirklich Bruder und Schwester sein konnten. Aber wenn Til sich eine kleine Schwester hätte wünschen sollen, dann wäre sie genau so gewesen wie Reggie.
Als sie vom Berg stiegen, erlebten sie eine schöne Überraschung: Sie standen in einer weiten Wüste, die sich bis zum Horizont erstreckte – Buchstabenlöcher und Nebel waren fort! Wie jubelte die Menschenmenge – es waren wirklich tausende von Menschen, die sich das Ende der Herrschaft des Königs von Brot herbeigesehnt hatten und nun endlich erlöst waren. Auch der Brotberg hinter ihnen löste sich nun langsam auf und nachdem sie eine kurze Zeit durch die Wüste gewandert waren, die sich ganz kalt anfühlte, fanden die Menschen auch das Bahngleis wieder, welches sie nach Verlorenherz zurückführen sollte. Es war glücklicherweise auch nicht schwierig, die Richtung auszumachen, in der sie dem Gleis folgen mussten: Auf der einen Seite endete das Gleis nämlich im Sand, während es in der anderen Richtung weiter durch die Wüste führte. Sie benötigten auch gar keinen Zug, um zurückzugelangen.
„Nur lustig müssen wir aus Verlustig am Gleis entlangtanzen“, sagte Til.
Narr Silberspiegel klopfte Til stolz auf die Schulter und meinte: „Du bist wirklich ein außerordentlicher Junge!“
Das hatte Til schon so oft von seiner Mutter gehört, dass es ihn fast ärgerte, schon wieder gelobt zu werden. So sagte er einfach: „Ich weiß es nun mal – es muss der richtige Weg sein.“
Nun suchte sich jeder einen Tanzpartner, wobei die kleine Reggie sofort rief: „Til tanzt mit mir, nur mit mir, und wir tanzen so lange am Gleis entlang, bis wir wieder in Verlorenherz sind!“
Nur lustig mussten die Menschen tanzen und das fiel ihnen nicht schwer – jetzt, wo sie wieder erlöst waren! Tausende von Menschen begannen also, am Gleis von Verlustig in Richtung Verlorenherz entlangzutanzen – einige zu zweit, andere allein – und jeder tanzte so lustig, wie er sich gerade fühlte.
Durch ihren schwarzen Zauberspiegel, der jeden in eine ewige Dunkelheit schickte, der hineinblickte, hatte die Königin von Verlorenherz bereits einiges herausgefunden: vom Untergang ihres Bruders, des Königs von Brot, hatte sie ebenso erfahren wie davon, dass die Menschen aus Verlustig befreit worden waren. Allerdings erfuhr sie nicht, wer hinter dieser Tat steckte, weil ihr Zauberspiegel, ein schwarzer Standspiegel mit Rabenflügeln, Narr Silberspiegel und Til nicht sehen konnte. Dies lag daran, dass die beiden selbst im Besitz eines magischen Spiegels waren: des guten Silberspiegels, der sie vor den bösen Mächten der Königin schützte und ihnen weise Ratschläge erteilte.
Zornig wie sie war, atmete die böse Königin erst einmal tief durch, bis sie schließlich zum einzigen Fenster ihres schwarzen Thronsaals ging – einem klitzekleinen Fenster, so klein wie ein Mauseloch, aus dem sie von ihrem rabenschwarzen Palast herab auf ihr ganzes Reich blicken konnte. Bald würde dieses Reich sehr glücklich sein, wusste sie, wenn die verlorenen Menschen aus Verlustig zurückkämen. Wütend biss sie die Zähne zusammen und hätte am liebsten ihren eigenen rabenschwarzen Spiegel in Trümmer zerschlagen, so wütend war sie über die Freude der Menschen aus Verlustig, die ihr der Spiegel offenbart hatte.
Mit diesem schwarzen Spiegel konnte die Königin Menschen in die Ewige Dunkelheit verbannen – das war ein ganz schlimmes Reich, in dem man immerfort schlief und nicht wieder aufwachte, ja nicht einmal mehr träumte! Die Königin zwang denjenigen, der in die Ewige Dunkelheit geschickt werden sollte, in den Spiegel zu blicken – dann war er verloren. Aber die Königin wollte nicht alle Menschen in die Ewige Dunkelheit schicken. Sie wollte vielmehr, dass die Menschen hier in Verlorenherz ihr Leid ertragen mussten, wie sie selbst – und das hatte gut geklappt, solange es noch Verlustig gegeben hatte. Die Menschen waren den ganzen Tag nur mehr in ihren Häusern herumgesessen und hatten um den Verlust ihrer Liebsten geweint.
Seit ihr Gemahl, der König von Weichlieb, sie verlassen hatte, sah die Königin ganz furchterregend aus: Ein Kleid hatte sie an, das wie ein Vogelgefieder aussah. Normalerweise war es rabenschwarz, aber wenn sich die Königin ärgerte, dann glänzte es grün oder blauviolett. In diesem Gefieder konnte sie fliegen und sie besaß eine Flügelspannweite von hundert Metern – wie ein riesengroßer, bedrohlicher Vogel sah sie dann aus. Statt Augen hatte sie schwarze Löcher und eine schwarze Gesichtshaut spannte sich über ihr mageres Gesicht mit garstigen Tränensäcken vom vielen Weinen und Fluchen. An ihrer Kehle wuchsen Federn, die deutlich abstanden, wenn sie ihre Untertanen anschrie. Ihre Lippen waren ganz schwarz angemalt und ihr Haar war ebenso schwarz – es stand ihr zu Berge und war schrecklich verfilzt. Eigentlich sah ihr Kopf wie ein schwarzer Skelettschädel aus, nur dass dieser scheinbare Totenkopf noch die schwarzen Lippen, die garstigen Tränensäcke und das verfilzte Haar besaß – so furchtbar sah sie aus, die Königin von Verlorenherz.
Nun hockte sie auf dem Thron ihres Thronsaals, in dem alles finster und trostlos gewesen wäre, wären nicht die Bilder gewesen, die an den schwarzen Wänden hingen und die von einem Künstler namens Vincent stammten. Die Königin war so traurig. Deswegen besaß sie nur Bilder, die traurig aussahen und welche die Königin schön fand, weil sie traurig, düster und unheimlich wirkten. In ihrem Thronsaal befand sich ihr Thron, der bloß ein schwarzer Holzstuhl war, nicht einmal erhöht, und daneben stand ein weiterer leerer Holzstuhl für ihren Gatten, der nicht mehr da war. Und irgendwo standen noch ihr schwarzer Zauberspiegel und eine kleine Kerze, die schwach flackerte, auf dem Boden herum. Sonst war der große Saal leer.
Als die Königin nun wieder durch den rabenschwarzen Zauberspiegel blickte, da sah sie am Bahnhof von Verlorenherz die unzähligen Menschen aus Verlustig zurückkehren, die jetzt alle aufgeregt nach Hause liefen. Sofort rannte sie los und stürzte sich aus dem einzigen klitzekleinen Fenster ihres dunklen Thronsaals – keine Ahnung, wie sie aus dem Mauseloch-Fenster gekommen ist! Sie spannte ihre riesigen Flügel aus und flog voller Wut zum Bahnhof von Verlorenherz.
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