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Marc Späni

Zünftig

Kriminalroman


Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Christine Braun

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © © Roland Fischer, Zürich (Switzerland) – Mail notification to: roland_zh(at)hispeed(dot)ch /

Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 Unported

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2013_Sechsel%C3%A4uten_-_Lindenhof_-_M%C3%BCnzplatz_2013-04-15_14-03-05.JPG

ISBN 978-3-8392-7016-5

Zünftig

Das Adjektiv »zünftig« geht auf die spätmittelalterlichen Handwerks-Zünfte zurück und bedeutete ursprünglich »fachgemäß«, nämlich »so, wie es die Zünfter machen«, nach strengen Regeln. Es ist verwandt mit dem Verb »ziemen«; »zünftig« ist also auch, was sich ziemt.

Heute wird das Wort in der Bedeutung von »bodenständig«, »währschaft« oder »deftig« verwendet. So kann man etwa »zünftig feiern«, und das auch, wenn man nicht Mitglied in einer der 26 Zürcher Zünfte ist.

Wahre Zünfter würden übrigens niemals »zünftig« oder »Zunft« sagen. Von gewöhnlichen Zürcherinnen und Zürchern heben sie sich unter anderem durch die altzürcherische Aussprache »Zouft« und »zöiftig« ab.

PROLOG

»Einmal nahm mich Jo mit nach Zürich. Ich erinnere mich an ein mächtiges, düsteres Gebäude mit vielen Balkonen, Türmchen und farbigen Glasfenstern, das in seltsamem Kontrast stand zu dem hellen Park, in dem es sich befand. Man ließ mich natürlich nicht an dem Gespräch teilnehmen. Ich wartete, zuerst auf der Terrasse, wo mir Bedienstete etwas zu trinken brachten, dann im Garten. Als wir gingen, war Jo außer sich. Die ganze Rückfahrt über sagte er immer wieder, der Mann, den wir besucht hätten, sei ein Teufel, ein Dämon, vielleicht sogar der Satan selber. Ein paar Monate später geschahen die Morde.«

*

Zuerst sah es nach einem gewöhnlichen Brand aus, als die Feuerwehr in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 1994 in die Freiburger Gemeinde Cheiry ausrückte. Doch dann machten die Männer in den Kellerräumen des scheinbar menschenleeren Gebäudes eine furchtbare Entdeckung. In einer Art Sanktuarium lagen, sternförmig angeordnet, 21 Leichen, zwei weitere Tote fand man in anderen Räumen des Hauses: zwölf Frauen, zehn Männer und ein Kind. Wie man bald herausfand, gehörten sie alle dem »Ordre du Temple Solaire« an, dem »Orden des Sonnentempels«, kurz OTS, einer Sekte, die seit den 80er-Jahren in der Westschweiz, in Frankreich und in Kanada aktiv war. 20 der Toten waren durch Pistolenschüsse getötet worden, einige trugen Plastiksäcke über dem Kopf.

Während Feuerwehrleute und Polizeibeamte noch sprachlos vor dem grausigen Fund standen, stießen Rettungskräfte in drei ebenfalls durch einen Brand zerstörten Chalets im Walliser Bergdorf Granges-sur-Salvan, weniger als 100 Kilometer von Cheiry entfernt, auf die verkohlten Körper von weiteren 25 Menschen. Sie waren gleich angeordnet wie diejenigen in Cheiry, auf dieselbe Art umgekommen.

48 Sektenmitglieder hatten in dieser Oktobernacht den Tod gefunden, darunter fünf Kinder. Es war das schlimmste Verbrechen, das die Schweiz je erlebt hatte.

Dokumente, die den Behörden zugespielt wurden oder die den Brand unbeschadet überstanden hatten, gaben Einblick in die verworrene Ideologie, mit der die Sonnentempler ihre Tat rechtfertigten: ein Gemisch unterschiedlicher esoterischer Lehren, die auf die fatale Überzeugung hinausliefen, dass der körperliche Tod die Voraussetzung für eine spirituelle Reise, den »Transit«, zum Stern Sirius sei. Im Tod sollten die Auserwählten einer drohenden Apokalypse entkommen.

Die monatelangen Untersuchungen ergaben aber, dass höchstens 15 dieser Personen freiwillig in den Tod gegangen waren. Andere waren mit Betäubungsmitteln willig gemacht, sieben sogar explizit als Verräter hingerichtet worden. Man hatte die Mitglieder über Monate auf den »Transit« vorbereitet und Gesinnungstests unterzogen. Unwillige hatte man in der Nacht des Übergangs skrupellos in die Todesfalle gelockt.

Zwischen 1994 und 1997 kamen in Frankreich und Kanada weitere 25 Sonnentempler ums Leben. Unter den 73 Todesopfern waren neun Kinder.

Nach den Massenmorden in der Westschweiz befassten sich auch die kantonalen Vormundschaftsbehörden mit den Sonnentemplern. Es ging um die Frage, ob der Staat das Recht habe, überlebenden Sektenmitgliedern das Sorgerecht für ihre Kinder zu entziehen, um diese vor weiteren Gewalttaten zu schützen.

Kapitel 1

Am zweiten Tag seines Aufenthalts in Freiburg fuhr der Zürcher Kommissar Pascal Felber nach Cheiry, eine gute Stunde mit S-Bahn und Postauto von der Kantonshauptstadt entfernt. Er wusste, dass nichts mehr zu sehen war. Das Haus war abgerissen, das Grundstück überwachsen. Auf der Webseite der Gemeinde hatte er nur einen einzigen Hinweis auf die traurigen Ereignisse gefunden, im historischen Abriss. Zwischen einem alten Artikel über die örtliche Blaskapelle und einem Beitrag über die Eröffnung einer Hauswirtschaftsschule stand die kurze Meldung über den geplanten Abriss des Sonnentempler-Hauses drei Jahre nach dem Drama. Man wolle nicht, hatte der damalige Präfekt des Kantons Freiburg erklärt, dass der Ort zu einer Pilgerstätte werde.

Trotzdem fuhr Pascal Felber hin, an einen der Orte, die auch mit seinem Schicksal verbunden waren. Sein Vater hatte für die Freiburger Behörden die Fälle betreut, bei denen es um die Entziehung des Sorgerechts für die Kinder der überlebenden Sonnentempler ging.

Auf der Wiese, wo das Haus gestanden hatte, grasten Schafe, weiter hinten schwarz-weiß gefleckte Freiburger Kühe. Einheimische traf er an diesen Nachmittag im 400-Seelen-Dorf keine an.

*

Zwei Tage später saß Felber im Intercity nach Zürich, in der 1. Klasse. Zwei Wochen hatte er sich gegeben. Zwei Wochen, um in Freiburg eine Spur des Unbekannten zu finden, der für die Entführung und den Tod seiner Frau Deborah verantwortlich war.

Schon kurz nach Olten hatte er seine Notizen und Ausdrucke in die Tasche geschoben, sich ins Polster zurückgelehnt und ließ seither die Landschaft an sich vorbeiziehen. Dabei versuchte er, das Geschnatter einer Seniorenreisegruppe zwei Abteile weiter hinten auszublenden. Die Aare war gespickt mit Gummibooten und Luftmatratzen. An den Ufern wimmelten Sonnenhungrige, was sich seltsam ausnahm aus dem Intercity-Zug, der so stark herunterklimatisiert war, dass man das Gefühl hatte, in einem Kühlschrank durch das Schweizer Mittelland zu fahren.

Jahrelang hatte Felber geglaubt, den Entführer und Mörder seiner Frau im Umfeld seiner ehemaligen Klienten suchen zu müssen, unter den Leuten, die von seiner Ermittlungseinheit überführt und danach zu teils langen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren. Während der vier Jahre von Deborahs Verschwinden bis zu ihrer Ermordung hatte Felber in regelmäßigen Abständen seltsame Todesdrohungen in Form von Trauerzirkularen erhalten. Vor wenigen Wochen war er in der Wohnung seiner Mutter versehentlich auf eine identische Todesdrohung gestoßen, die nicht Deborah, sondern seinem Vater gegolten hatte und von 1999 datierte. Zuerst hatte er sie für ein gewöhnliches Trauerzirkular gehalten, doch dann war ihm der falsche Todestag aufgefallen. Sein Vater war einen knappen Monat zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen, also vor dem Zeitpunkt, der ihm in der Todesanzeige bestimmt worden war.

Hatte der wahnsinnige Täter mit der Entführung und Tötung von Deborah ein Vorhaben zu Ende gebracht, das durch den unerwarteten Tod von Felbers Vater unmöglich geworden war? Hatte er Pascal Felber stellvertretend für seinen Vater quälen, sich an ihm rächen wollen?

Felber wusste, wie absurd das alles klang. Sein Freund, der Polizeipsychologe Peter Hofmann, hatte es ihm mehr als einmal gesagt. Aber es war die einzige Spur, und wenn er dieser nicht nachging, würde er weiterhin keine Nacht ruhig schlafen können.

Auf der Höhe des Schlosshügels von Lenzburg rief er seine Freundin Sara an und teilte ihr mit, dass er auf dem Rückweg sei. Sie war in der kleinen Kunstgalerie im Zürcher Niederdorf, die sie zusammen mit einer Künstlerfreundin betrieb. Ob er etwas gefunden habe, wollte sie wissen.

»Ein paar Hinweise, viele Erinnerungen«, sagte Felber unbestimmt.

Was er mit nach Hause brachte, war tatsächlich ernüchternd wenig. Viele Fakten, viel Papier, dennoch nur ein paar vage Hinweise, nicht mehr. Mithilfe der lokalen Polizei und des Archivs der Vormundschaftsbehörde hatte Felber die fünf Kinder aus Sonnentempler-Familien eruiert, die unter seinem Vater fremdplatziert worden waren. Er hatte ihre Lebensläufe nachgezeichnet, ihre Wohnorte zum Zeitpunkt der Entführung Deborahs und des Mordes an ihr, mögliche Beziehungen zur Aargauer Gemeinde Wettingen, wo man Deborahs Leiche gefunden hatte, Verbindungen zum Spital, wo sie bis zu ihrer Entführung gearbeitet hatte – nichts.

Einer war gestorben, zwei waren nachweislich zum Entführungszeitpunkt im Ausland gewesen. Eine war Musikerin geworden und würde morgen in Zürich ein Konzert geben, für das sich Felber von Freiburg aus eine Karte besorgt hatte. Der fünfte war 1997 in Kanada verschollen. Felber hatte mit den Pflegeeltern ein Treffen vereinbart, für weitere Auskünfte würden ihm aber die Kollegen weiterhelfen müssen. Das war allerdings etwas schwierig, weil er zurzeit dispensiert war und die Auflage hatte, sich einer Burn-out-Therapie zu unterziehen und sich regelmäßig mit dem Polizeipsychologen zu treffen. Stattdessen war er sofort, nachdem er seine Auszeit eingefädelt hatte, nach Freiburg gefahren.

Wie er sich so durch die Landschaft fahren ließ, fragte er sich – einmal mehr –, ob er sich nicht in etwas verrannte. Ob er vielleicht doch der falschen Spur nachging, was mehr als wahrscheinlich war. Die Sache glitt ihm wie Sand durch die Finger. Vermutlich musste er Hofmann recht geben, der bei ihrem letzten Gespräch auf der Beerdigung ihres Kollegen Christoph Altherr gemeint hatte, er jage einem Phantom nach und habe gute Chancen, in einer geschlossenen Anstalt zu landen. Aber irgendjemand hatte Deborah gefangen, sie getötet, irgendjemand hatte ihm ihren abgeschnittenen Ringfinger geschickt, jemand hatte ihre Leiche in einem Acker abgelegt. Und solange dieser Jemand frei herumlief, stellte er eine Bedrohung für Felber und vor allem für seine Kinder, Meret und Linus, dar.

Felber seufzte und schloss die Augen. Die Seniorengruppe war offenbar in Aarau ausgestiegen, man hörte nur noch regelmäßige Beats aus einem Kopfhörer auf der anderen Seite des Wagens.

Kurz vor halb vier traf er am Zürcher Hauptbahnhof ein. Zu Fuß ging er Richtung Rigiplatz und von dort bis zum gelb-weiß bemalten Wohnblock am Hadlaubsteig, wo er im Hochparterre mit seinem Sohn Linus wohnte.

Der hatte sich mit seinem Laptop auf der Terrasse eingerichtet, in Shorts und T-Shirt, mit Kopfhörern auf den Ohren. Er schreckte zusammen, als Felber von innen an die Scheibe klopfte.

»Alles gut bei dir?«, fragte Felber.

Linus nahm die Hörer ab und nickte. »Klar. Bei dir?«

»Alles gut. Ich geh duschen.«

»Ja, ist eine Scheißhitze.«

Später, als er im Schrank nach einem Anzug suchte, der ihm noch passte und nicht allzu zerknittert war, stand Linus plötzlich hinter ihm im Zimmer.

»Erschreck mich doch nicht so!«

»Was suchst du denn?«

»Ich brauch was Anständiges zum Anziehen. Ich geh morgen in ein Konzert.«

»Und da brauchst du was Schickes?«

»Es ist ein klassisches Konzert.«

»Du?«

»Mhm.«

»Mit Sara?«

»Nein«, brummte Felber und zog einen braunen Blazer hervor.

»Ein Fall?«

»Sozusagen.«

Linus fragte nicht weiter. Er nahm an, dass es um die Sache mit seiner Mutter ging. Deswegen war sein Vater ja auch zehn Tage in seiner alten Heimat gewesen und hatte mit irgendwelchen alten Beamten über die alten Fälle seines eigenen Vaters gesprochen, der gestorben war, als Linus vier gewesen war.

»Wenn du einen hast, der passt, kannst du ihn gleich draußen lassen. Für Meret und Jan.«

»Für die Hochzeit? – Doch nicht dieses alte Ding.«

»Hast du was Besseres?«

»Sara organisiert mir was.«

Linus pfiff anerkennend durch die Zähne und ging aus dem Zimmer.

Felber tat es ihm nach. In seinem Arbeitszimmer machte er sich Notizen zum weiteren Vorgehen. Morgen Konzert in der Tonhalle, am Dienstag Termin bei der Sektenberatung. Dann wollte er noch eine Anfrage an die Polizei von Québec schicken, um nähere Informationen über den Verschollenen zu bekommen.

Nachdem er alles aufgeschrieben hatte, nahm er sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich zu Linus auf die Terrasse. Die riesigen alten Bäume legten ihren kühlenden Schatten auf Haus und Garten. Auch bei der schlimmsten Frühsommerhitze ließ es sich am Hadlaubsteig recht angenehm leben. Aber Frieden stellt sich nicht ein, wo einmal die Angst Einzug gehalten hat.

Kapitel 2

Das Konzert trug den Titel »World of Eternal Sounds« und wurde in der Maag-Halle aufgeführt, einem topmodernen Konzertlokal in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Zahnradfabrik, gleich neben dem Bahnhof Hardbrücke. Obwohl es schon kurz nach sieben war, lag noch immer eine drückende Schwüle über der Stadt. Nichtsdestotrotz war die Ausgangsmeile im Kreis 5 voller Leute. Sie zogen zu den vielen Eventlokalen, standen in Gruppen beisammen oder saßen vor Bars und Cafés, aus denen laute Musik drang.

Als Felber am Fuß des Prime Towers vorbeiging, erinnerte er sich an ein Treffen mit einem Kleinkriminellen vor knapp zwei Monaten. Kurz darauf war der von der Mafia erschossen worden.

Auch auf dem Gelände vor der Tonhalle waren schon viele Leute versammelt. Der Saal, eine Konstruktion aus hellem Holz, die man eigens wegen des Umbaus der Tonhalle am General-Guisan-Quai in die Fabrikhalle eingesetzt hatte, war jedoch nur zur Hälfte gefüllt. Felber fand seinen Sitzplatz in der Mitte des Saales. Er hatte ein klassisches Orchester erwartet, das mit dem quälenden Stimmen der Instrumente beginnen würde, aber auf der großen Bühne standen nur ein einsamer Konzertflügel samt Hocker und ein weiterer Stuhl mit Notenpult. Egal, Felber bereute ohnehin längst, hierhergekommen zu sein. Er hielt es lieber mit Blues und R ’n’ B, vielleicht noch mit Jazz, wenn er nicht zu abgehoben war. Mittlerweile bezweifelte er, durch das Konzert mehr über diese Carole Michelet zu erfahren, als er aus den Akten wusste, mehr als ihm ein pensionierter Kollege seines Vaters im Seniorenwohnheim von Düdingen erzählt hatte. Hatte er tatsächlich geglaubt, er würde neue Erkenntnisse gewinnen, indem er zuhörte, wie die Frau einen Abend lang auf ihrem Instrument herumgeigte?

Carole Michelet kam kurz darauf allein auf die Bühne, eine vollschlanke junge Frau, deren Gesichtszüge Felber von seinem Platz aus nicht genau ausmachen konnte. Sie richtete Instrument und Bogen aus und begann ganz allein zu spielen, laut Programmheft eine Suite von Max Reger in d-Moll.

Felber wusste natürlich, wie ein Cello klang, aber das, was die junge Frau aus ihrem Instrument herausholte, war etwas ganz anderes. In hohen, langgezogenen Melodiebögen drückte Carole Michelet Nuancen von Gefühlen aus, die Felber unmöglich benennen konnte. Gebannt lauschte er den ungewohnten Klängen, und als das Cello in tiefere Lagen drang, schien es ihm, als rühre es im Grund seiner Seele, zu dem er selber keinen Zugang hatte.

Das zweite war ein Fantasiestück, las Felber im Programm, während der Applaus noch anhielt, Opus 73 von Robert Schumann. Er glaubte sich zu erinnern, dass das ein Romantiker war. »Am Brunnen vor dem Tore« kam ihm in den Sinn, oder war das Schu-bert gewesen? Für dieses Stück betrat ein Pianist die Bühne, auch er jung und auffallend dünn. Er begann mit filigranen Klangtrauben, in die sich das Cello nach wenigen Sekunden hineinwob, ein Über- und Ineinander feinster Wellenbewegungen, das noch intensiver von Felbers Innerstem Besitz ergriff als das letzte Stück. Voller Verwunderung spürte er, wie ihn ein wohliger Schmerz durchströmte, wie er mit dem, was geschehen war, versöhnt schien, wie sich die Anspannung, die quälende Angst und die fiebrige Verzweiflung aufzulösen schienen.

Einen Moment erinnerte er sich daran, wie ihn vor wenigen Wochen ein seltsamer Heimatschützer im Zürcher Oberland in einer unterirdischen Militäranlage eingesperrt und ihm unbeabsichtigt einen Moment voller Frieden und Ruhe beschert hatte. Auch der war mittlerweile tot. Von der Mafia ermordet.

Wieder anders, aber nicht weniger gefühlsintensiv, ging es nach einer kurzen Pause weiter, während der Felber gedankenversunken sitzen geblieben war. Die Nocturne einer Lili Boulanger wurde nun wiedergegeben, von der Felber noch nie gehört hatte, aus dem frühen 20. Jahrhundert, ebenfalls mit Piano, ein Stück voller Zartheit, das Klavier zwischendurch fast schon jazzig, jedoch wie mit Samthandschuhen gespielt, das Cello leicht und schwebend.

Es folgte ein weiteres Solostück. Carole Michelets Finger zuckten nur so über das Griffbrett, der Bogen tanzte über die Saiten, da war tiefe Gefühlskraft gepaart mit unglaublicher technischer Präzision. Lächerlich, sagte Felber sich immer wieder, lächerlich und absurd der Gedanke, dass diese Frau eine Mörderin sein soll, dass ein Mensch mit so feinem Gefühl einen anderen Menschen entführt, jahrelang gefangen gehalten und am Ende kaltblütig getötet haben soll. Absolut lächerlich.

Der Schlussapplaus riss ihn aus dem traumartigen Zustand, in den ihn das letzte Stück gezogen hatte. Benommen und verwirrt folgte er dem Publikum, das sich fröhlich über die Kunstfertigkeit der beiden Musiker, die herrliche Akustik des Saales und die Stückauswahl austauschte. Er wartete, bis eine Gruppe den Durchgang zur Tür freimachte, als ihn jemand sanft am Arm packte.

»C’est bien vous, Monsieur Felber?« Sie sind doch Herr Felber?

Vor ihm stand Carole Michelet, die eben noch mit ihrem Cello Felbers Gefühlswelt auf den Kopf gestellt hatte, und musterte ihn erwartungsvoll.

»Woher wissen Sie, dass ich … wer ich bin?«, fragte er auf Französisch.

»Pierre hat es mir gesagt«, erklärte sie.

Pierre Armand, der ehemalige Arbeitskollege von Felbers Vater, hatte viel über die junge Frau erzählt. Dass der mittlerweile über 80-Jährige bis heute mit ihr in Kontakt stand, hatte er offenbar vergessen zu erwähnen.

Wenige Minuten später saßen Felber und Carole Michelet in einer Nische hinter der Bühne. Bühnentechniker gingen mit Werkzeugkoffern vorbei, wünschten eine gute Nacht.

»Ihre Musik ist fantastisch«, sagte Felber und kam sich gleich blöd vor. Er fühlte sich auf Französisch nicht immer ganz treffsicher.

»Es hat Ihnen gefallen?«

»Ich verstehe nicht viel von Musik. Ich kann es nicht beschreiben, aber es hat mich sehr bewegt.« Wieder ein mühsamer Satz, der nicht ganz das ausdrückte, was er auf Deutsch gesagt hätte.

Carole musterte ihn mit lebhaften Augen. »Pierre hat gesagt, dass Sie nach den Kindern suchen, die man damals fremdplatziert hat.«

»Was hat er Ihnen erzählt?«

»Nur das.«

Felber atmete hörbar ein und aus. »Mein Vater, Louis Felber, hat damals für die Vormundschaftsbehörde gearbeitet, Sie müssten sich an ihn erinnern.«

Die Musikerin blickte lange ins Leere. »Es kann sein«, sagte sie dann langsam und leise. »Die Erinnerungen sind diffus geworden, und das ist gut so.« Plötzlich schaute sie ihn an und fragte mit veränderter Stimme: »Sie sind auch Romand?«

»Ich bin in Fribourg aufgewachsen. Als das Ganze passierte, in Cheiry und Granges, waren wir aber schon in Zürich.«

Bei der Nennung der beiden Ortschaften zuckte sie leicht zusammen. »Was ist mit Ihrem Vater?«

»Er ist gestorben, vor 20 Jahren.«

Ihr Blick ging wieder ins Leere, zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine kleine Falte. »Was suchen Sie?«, fragte sie nach einer Weile. »Versöhnung? Wiedergutmachung?«

Felber schaute sie irritiert an.

»Aus Sicht der Behörden war es sicher gerechtfertigt«, fuhr sie tonlos fort, »aber als Kind … Können Sie sich vorstellen, was das für ein Kind bedeutet?«

Felber schüttelte den Kopf.

Zwei Arbeiter schoben große Kesselpauken unter Stoffbezügen vorbei, wahrscheinlich für ein größeres Konzert am nächsten Tag.

»Jemand hat meine Frau entführt«, sagte Felber nach einer Weile, »vier Jahre gefangen gehalten und dann getötet.« Dieser Satz gab dem Gespräch augenblicklich eine andere Wendung. Er spürte es daran, dass Carole zwar nach wie vor seinem Blick auswich, aber aufrechter dasaß, angespannt.

»Davon hat Pierre nichts gesagt«, murmelte sie.

Felber hatte angefangen, dann konnte er auch gleich alles erzählen, von den seltsamen Todesanzeigen mit Hinweisen auf Deborahs Tod, vier an der Zahl, die er in unregelmäßigen Abständen im Briefkasten gefunden hatte. Von dem abgetrennten Finger, den man ihm per Post an die Kantonspolizei geschickt hatte. Wie man vergangenen Frühling Deborahs Leiche auf einem Acker in der Zürcher Agglomeration gefunden hatte und wie er unter den Sachen seines Vaters auf eine ähnliche Todesanzeige gestoßen war, datiert auf einen Zeitpunkt, nicht ganz einen Monat nachdem dieser bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

»Mein Gott, so viel Leid«, murmelte Carole, als Felber seine Ausführungen beendet hatte.

Die Last des Gesprächs lag zentnerschwer in der Luft. Felber spürte seinen Atem, seine kalten Hände auf den Knien. Sein Blazer spannte an den Schultern.

»Entschuldigen Sie bitte«, unterbrach er nach einer Weile die Stille und räusperte sich. »Es war dumm von mir, herzukommen und Ihnen das alles zu erzählen.« Er machte Anstalten aufzustehen, aber Carole blieb sitzen und blickte ihn ruhig an.

»Sie glauben«, sagte sie ganz ohne Sarkasmus, »eines der Kinder von damals wollte sich rächen? An Ihrem Vater und dann an Ihnen?«

Felber seufzte. »Ich weiß, es klingt absurd.«

»Wie viele sind es?«

»Wie viele was?«

»Wie viele Kinder, die man damals aus ihren Familien gerissen und in Pflegefamilien untergebracht hat?«

»Es sind nur vier.« Felber war selbst überrascht gewesen. In seiner Erinnerung hatte man viel mehr »Schützlinge«, wie seine Mutter sie genannt hatte, nach den Massakern von 1994 fremdplatziert. Er zählte die Namen der anderen drei auf. »Sandrine Vernet, Serge Duverney, Joël Dalimier.«

»Sie sind gekommen, um zu sehen, ob ich als Täterin infrage komme«, konstatierte sie leise.

Felber zog entschuldigend die Schultern hoch. »Es ist meine einzige Spur. Ich muss meine Familie schützen.«

Carole schien ihm nicht übelzunehmen, dass er sie verdächtigt hatte. »Ich habe nicht mehr alle präsent«, fuhr sie fort. »Aber ich bin mir sicher, dass da noch jemand war. Patrick … Patrick Luyet.«

»Patrick Luyet, ja«, bestätigte Felber. »Er ist vor drei Jahren bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen, in Spanien.«

»Tatsächlich«, sagte sie, und es klang mehr wie eine Feststellung. »Mit Sandrine habe ich noch ab und zu Kontakt. Sie lebt in Singapur.«

Das hatte Felber mithilfe von Linus über das Internet bereits herausgefunden. Sandrine Vernet hatte im Zeitraum von Deborahs Verschwinden bis zu ihrem Tod in Singapur gelebt, wo sie eine Art Yoga-Zentrum führte. Auch sie fiel als Täterin weg.

»Und Joël wollte nach Kanada auswandern, glaube ich.«

Felber nickte. Aber in Kanada verlor sich Joël Dalimiers Spur Ende der 90er-Jahre. Die Pflegeeltern, die Felber übernächste Woche traf, würden auch nicht viel mehr sagen können.

»Die Ordensleute glaubten, in Québec sei eine Art Schutzzone«, erklärte Carole, »ein Ort, der von der Apokalypse verschont würde. Von der Endzeit, die dann doch nicht gekommen ist … oder anders, als man sie sich vorgestellt hatte.«

Tatsächlich anders, dachte Felber bitter, in Form von Gewalt, Mord und unsäglichem Leid.

Carole knetete einen Augenblick ihre Finger, dann schaute sie auf. »Ich glaube nicht, dass eines der Kinder Ihnen das angetan hat. Und von den Erwachsenen sind die meisten mittlerweile tot, entweder in Cheiry und Granges oder im darauffolgenden Jahr bei Grenoble gestorben. Meine Mutter …« Sie stockte. »Meine Mutter hatte damals erbittert für das Sorgerecht gekämpft.«

Felber hatte in den Akten gelesen, dass Délphine Michelet noch in den 90er-Jahren Jakob Brunegg, einen schwerreichen Zürcher Industriellen, geheiratet hatte. Zusammen hatten sie alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Entscheid der Vormundschaftsbehörde rückgängig zu machen. Felbers Vater hatte sich allerdings erfolgreich dagegengestellt, weil Michelet im engsten Kreis der Sekte verkehrt und er die Gefahr einer weiteren Gewalttat als zu hoch eingeschätzt hatte.

»Ich war damals 13. Drei Jahre darauf, mit 16, hatte ich von Gesetzes wegen wieder die Möglichkeit, den Kontakt zu meiner Mutter zu suchen.«

»Und das haben Sie?«

Sie nickte. »Wir haben noch immer ein gutes Verhältnis. Damals, nach der Sorgerechtssache, hätte meine Mutter sicher Grund gehabt, Ihren Vater zu hassen. Aber so viele Jahre später …«

Felber war klar, dass das keinen Sinn ergab.

»Was würden Sie tun«, fragte Carole, »wenn Sie ihn finden?«

Felber zog die Brauen hoch. Er biss sich auf die Lippen, schüttelte leise den Kopf, schaute weg. Er wusste es schlicht nicht.

Carole Michelet versprach, ihre Mutter nach dem verschollenen Joël Dalimier zu fragen. Sie tauschten ihre Telefonnummern, dann verabschiedeten sie sich.

Felber ging zu Fuß durch die mittlerweile leere Eingangshalle, anschließend unter den Säulen der Hardbrücke durch und fuhr mit dem Lift hoch zur Bushaltestelle. – Ja, was würde er tun, wenn er Deborahs Mörder finden würde? Er war für ihn weit mehr als bloß ein Täter, den man der Gerichtsbarkeit zuführen musste. Er war zu seinem persönlichen Feindbild geworden, einem Gegenüber, das übermenschliche Dimensionen angenommen hatte und ihn bis in seine Angstträume hinein verfolgte. Was er wollte, war die Gewissheit, dass Meret und Linus außer Gefahr waren, außerdem wollte er wieder ruhig schlafen können, ohne diese ständige Angst. Oder war es doch mehr? Wollte er auch Rache?

Felber erinnerte sich an ein Gespräch mit Linus über ein philosophisches Gedankenexperiment zur Frage, ob man einen Menschen töten dürfe, um andere zu retten. Es ging dabei um eine Straßenbahn, deren Bremsen versagten und die man durch Umstellen einer Weiche auf ein anderes Gleis leiten konnte, wo statt fünf Arbeitern nur einer stand. Durfte man einen Menschen töten, um damit die Sicherheit von anderen zu gewährleisten? Machte es einen Unterschied, ob dieser Mensch ein Mörder war und die anderen die eigene Familie?

Der Konzertabend und die Begegnung mit der Cellistin hatten ihn aufgewühlt. Während er auf das weite Gleisfeld und die unzähligen Lichter der Stadt blickte, fiel er vollends in eine seltsame Mischung aus Melancholie und innerer Unruhe, die ihn einmal mehr nicht schlafen lassen würde. Er zog sich eine Zigarette aus der Jackentasche, zündete sie an und blies den Rauch in den samtenen Nachthimmel. Der Verkehr rauschte über die Hardbrücke, weit hinten kam ein 31er-Bus.

Kapitel 3

»Jetzt halt doch mal still!« Sara zog am Ärmel des dunklen Vestons, den Felber über das T-Shirt angezogen hatte, und markierte mit Stecknadeln die Armlänge.

»Warum müssen solche Anlässe eigentlich so steif sein?«, seufzte er.

Sie lachte und machte sich am anderen Ärmel zu schaffen. »Für deinen Sohn kann es nicht elegant genug sein.«

Auch wenn Linus für gewöhnlich mit abgewetzten Jeans und bedruckten, nicht immer ganz frischen T-Shirts daherkam, das Haar wild durcheinander, legte er für die Hochzeit seiner Schwester Wert auf piekfeine Garderobe. Schon früher hatte er manchmal die Familie erstaunt, wenn er bei einem Familienfest, das man in lockerem Rahmen abzuhalten vereinbart hatte, partout mit Hemd und Krawatte erscheinen wollte – einer Kinderkrawatte mit Gummibändchen, wie sich Felber schmunzelnd erinnerte.

»Deine Tochter heiratet ja nur einmal«, nuschelte Sara, eine Stecknadel zwischen den Lippen. »Wäre blöd, wenn du als Einziger wie eine Vogelscheuche daherkommst.«

Felber zuckte mit den Schultern. »So komme ich mir vor wie ein Pinguin, das ist auch nicht besser.«

Meret heiratete ganz traditionell, was Felber nicht erstaunte. In solchen Sachen kam sie definitiv nach Deborah, nicht nach ihm. Der ursprüngliche Hochzeitstermin war Ende März gewesen, doch dann hatte man Deborahs Leiche gefunden und das Fest verschoben. Nun schien es, als wollten Meret und Jan den Aufschub durch doppelten Pomp wettmachen: zivile Trauung im Stadthaus an der Limmat, Apéro im Kirchgemeindehaus über dem Bahnhof Enge, Nachtessen im Belvoirpark-Restaurant etwas weiter stadtauswärts über dem See. Das Etablissement wurde von der Hotelfachschule geführt und hatte einen erstklassigen Ruf. Dabei waren die Preise vernünftig, was Felber sehr recht war, hatte er sich als Brautvater doch anerboten, für das Festessen aufzukommen. Der Lohn eines Kantonsbeamten in seiner Position war zwar anständig, aber Linus’ Ausbildung hatte lange Jahre an den Ersparnissen gezehrt, zudem war die Mietwohnung am Hadlaubsteig schweineteuer – wie mittlerweile überall in der Stadt.

Immerhin konnte er für seinen zukünftigen Schwiegersohn, der mit irgendwelchen Start-ups wahrscheinlich ein Vielfaches von Felber verdiente, mit einem besonderen Geschenk aufwarten, ohne noch einmal in die Tasche greifen zu müssen: Ihm schenkte er den Chrysler, Baujahr 1976, der Felbers Vater zu Lebzeiten gefahren hatte und der seither unbenutzt in der Tiefgarage der Liegenschaft am Hadlaubsteig stand. Mit Felbers Segen hatte sich Jan letztes Jahr darangemacht, den Oldtimer aufzumöbeln. Rechtzeitig zur Hochzeit hätte er ihn so weit, dass er den Wagen aus der Garage herausfahren könnte. Wenn Felber das restliche Gerümpel weggeräumt hatte, würde er den Parkplatz endlich aufgeben können.

Er sah schon vor sich, wie ihn Meret und Jan an schönen Frühlingstagen mit zwei, drei Kindern aus dem Altersheim abholten, für ein Ausfährtli mit dem Oldtimer, und sie gemeinsam zu Onkel Linus fuhren, der irgendwo im Appenzellerland einen Bauernhof betrieb, einen digitalisierten Hightech-Bauernhof vermutlich.

»Pascal, bitte!« Sara blickte zu Linus, der eben ins Wohnzimmer trat. »Dein Vater macht mich noch verrückt.«

Felber drehte den Kopf, so gut das in dieser Position eben ging.

»Hast du dir jetzt überlegt, ob du auch eine Produktion machst?«, fragte Linus, während er kritisch Felbers Aufmachung musterte.

»Du glaubst doch nicht etwa, dass ich mich vorne hinstelle und einen Sketch vortrage oder Kindergeburtstagsspiele anleite!«

»Es wäre noch Platz für zwei, drei Vorführungen«, warf Linus ein.

Felber verdrehte die Augen.

»Jans Vater hat eine Drehorgel für den Einzug in den Belvoirpark organisiert.«

»Toll, dann deckt er ja den Bereich Unterhaltung vollständig ab. Meret erwartet wohl nicht von mir …«

Linus winkte ab. »Nein, sie nicht, aber ich in meiner Funktion …«

»Lass dir ja nicht einfallen, mich überraschend nach vorne zu holen!«, drohte Felber, doch Linus war schon auf dem Weg in sein Zimmer.

Vom Flur aus rief er: »Übrigens, morgen ist Schifferstechen. Geht ihr auch hin?«

»Was für ein Stechen?«, fragte Felber, überrascht von Linus’ plötzlichem Themenwechsel.

»Das Schifferstechen«, übersetzte Sara.

Felber zog entschuldigend die Augenbrauen hoch.

Linus, der bis zur Tür zurückgekehrt war, schüttelte entgeistert den Kopf. »Man könnte meinen, du seist erst vor Kurzem nach Zürich gezogen. Aber vom Sechseläuten hast du schon mal gehört?«

»Sagt mir etwas.«

»Das Schifferstechen ist der zweitwichtigste Anlass der Zürcher Zünfte nach dem Sechseläuten!«, erklärte Sara.

»Eine Art Ritterturnier«, ergänzte Linus. »Mit Weidlingen auf dem Wasser.«

»Klingt faszinierend«, murrte Felber.

»Bei dem Wetter wird es Unmengen von Zuschauern haben«, gab Sara zu bedenken.

»Ein guter Grund, nicht hinzugehen«, schloss Felber das Thema ab.

Sara blinzelte Linus zu und hob entschuldigend die Schultern.

Der verschwand in seinem Zimmer.

»Du meinst doch nicht etwa, dass Linus tatsächlich vorhat…«, begann Felber.

Sara schüttelte den Kopf. »Dafür nimmt er sein Amt viel zu ernst.«

Meret hatte Linus nämlich gebeten, an ihrer Hochzeit den »Tätschmeister« zu spielen, wie man hierzulande den Zeremonienmeister nennt. Auch wenn er es nicht zugeben mochte, war er unglaublich stolz darauf. Felber war überzeugt, dass er mit Hingabe und vollem Einsatz an die Aufgabe herangehen würde. So schwierig und unnahbar er als Kind gewesen war, so seltsam und unfreundlich er auch jetzt noch oft wirkte, legte er doch immer wieder eine Fähigkeit an den Tag, besondere Momente besonders zu gestalten. Einmal hatten Deborah und Felber bemerkt, dass sie ihren Hochzeitstag vergessen hatten. Sie waren losgegangen, um im Denner einen Prosecco zu kaufen. Als sie zurückkamen, war die Wohnung abgedunkelt, Kerzen brannten auf dem Tisch, auf ausgebreiteten Servietten lagen Teller mit Gebäck, aus der Stereoanlage drang Vogelgezwitscher und Meditationsmusik.

Felber waren Anlässe mit vielen Leuten in Anzügen und Krawatten ein Graus. Natürlich freute er sich für seine Tochter, mit der Mischung aus Stolz und Schmerz, die wohl alle Väter angesichts der Hochzeit ihrer Kinder empfinden. Gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass er zurzeit keinen Sinn für solche Dinge hatte. Zu sehr beschäftigte ihn die Frage nach Deborahs Mörder, die ewige Sorge, auch Meret und Linus könnten auf der Todesliste des Wahnsinnigen stehen. Er fragte sich, ob sich das je ändern würde, ob er je die Fragen beantworten, die Sache abschließen könnte.

Im Moment zumindest konnte er es nicht. So saß er wieder einmal abends in seinem kleinen Arbeitszimmer neben der Essnische. Auf dem Schreibtisch hatte er eine Landkarte von Kanada ausgebreitet. Er hatte für August eine Bahnreise mit dem »Ocean« geplant, nur für sich und Linus, von Halifax nach Montréal, von da weiter nach New York. Dort würden sie Sara treffen, die ihrerseits einige Wochen bei ihrer Tochter Noélia in New Jersey verbringen wollte. Die Reise war ein kleines Zugeständnis an Linus, weil Felber für Meret und ihre Hochzeit so viel Geld aufwendete, während Linus keine Anstalten machte, sich fürs Leben zu binden.

Die Karte hatte er aber in einem ganz anderen Zusammenhang aufgeschlagen: Ein pensionierter Beamter der »Sûreté du Québec« hatte sich auf seine Anfrage hin per Mail gemeldet. Alex Fortin schrieb, er habe damals, 1997, die Ermittlungen bei den Sonnentempler-Morden von Morin-Heights und Saint-Casimir geleitet und wolle Felber gern bei seinen Untersuchungen weiterhelfen. Er bat ihn, ihm präzise Fragen zukommen zu lassen, und bot ihm an, sich in einigen Tagen über Skype zu besprechen.

Während Sara bei leiser orientalischer Musik im Wohnzimmer an seinem Anzug nähte und Linus pfeifend zwischen der Küche und seinem Zimmer hin- und herging, formulierte Felber seine Fragen. Die erste war diejenige nach dem Verbleib von Joël Dalimier.

»Was machst du denn mit diesem altertümlichen Ding?« Linus war vor der Bürotür stehen geblieben. Nun trat er zum Tisch und musterte die Karte. »Unsere Strecke?«

Felber nickte.

Linus folgte der Bahnlinie mit dem Finger und nahm dann die Reiseunterlagen in die Hand, die daneben lagen. Plötzlich stockte er. »Du hast Sleeper Touring Class gebucht?«, fragte er fassungslos.

Felber nickte lachend. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, für die zweitägige Fahrt die teurere Kabine mit Zugang zum Panoramawagen zu reservieren.

»Das ist … Das ist … wow!«

Als Felber Linus kurz darauf am Kühlschrank hantieren und vor sich hin pfeifen hörte, nahm er seine Kartenstudien wieder auf. Nicht allzu weit von der Bahnstrecke entfernt lagen zwei kleine Ortschaften: Morin-Heights und Saint-Casimir, wo sich in den 90er-Jahren zwei Morde im Umfeld der Sonnentempler-Sekte ereignet hatten. Sollte sich wirklich eine Spur des verschollenen Joël Dalimier finden, dann hier. Von Montréal aus, rechnete Felber, waren es rund 100 Kilometer, in unterschiedliche Richtungen. Zwar hatten Linus und er dort einen Tag Aufenthalt geplant. Aber wie würde Linus darauf reagieren, wenn er ihn auf der gemeinsamen Reise allein ließ, um seinen eigenen Ermittlungen nachzugehen?

Kapitel 4

Von kräftigen Ruderschlägen vorangetrieben zogen zwei Weidlinge in gerader Bahn aufeinander zu. Die beiden Stecher hatten sich bereits auf das Podest im Heck gestellt, hoben nun mithilfe der vorne Sitzenden die Lanzen in Richtung des entgegenkommenden Bootes. Die Münster-, die Rathausbrücke und das Limmatufer waren voller Zuschauer, auf der Wühre, dem schmalen Fußweg auf der linken Flussseite, war kein Durchkommen mehr. Auch auf den Trottoirs des Limmatquais stand man dicht gedrängt, und von den regelmäßig durchfahrenden Trams sah man hinter Wurstbuden und Festzelten nur die Stromabnehmer hin- und herfahren.

Nur noch wenige Meter trennten die beiden Boote. Schon schien der Zusammenprall unvermeidlich, da erfolgten zwei kräftige Stöße mit den stumpfen Lanzen. Mit wenigen Zentimetern Abstand schossen die Boote aneinander vorbei. Die Stecher rangen einen Moment lang um ihr Gleichgewicht, dann stürzte einer von ihnen, es war der Vertreter der Stadtzunft, in voller Kleidung in die Limmat. Applaus und Hurra-Rufe aus den Zuschauerrängen, ein Punkt für die Zunft zum Kämbel. Die Boote wurden gewendet, der Besiegte schwamm zur Anlegestelle, wo man ihm aus dem Wasser half.

Der »Storchen«, Hotel, Restaurant und Tagungsort im Herzen der Zürcher Altstadt, war das Stammlokal der Zunft zur Schiffleuten, die zusammen mit dem Limmat-Club alle drei Jahre das Schifferstechen organisierte. In diesem Jahr hatte man sich wegen der steigenden Besucherzahl des gleichzeitig stattfindenden Züri-Fäschts dazu entschlossen, den traditionsreichen Anlass bereits einen Monat früher stattfinden zu lassen.

Gastgeber und geladene Gäste anderer Zünfte hatten sich unter den Arkaden des blumengeschmückten Gebäudes am Limmatufer versammelt, mit Blick auf das Turniergeviert und das Grossmünster mit seinen eigentümlichen Doppeltürmen, auf denen aus Anlass des Tages die weiß-blauen Kantonsfahnen wehten. Die meisten Anwesenden trugen Trachten, die an die Goethe-Zeit erinnerten, die Schiffleuten-Zünfter breitkrempige schwarze Hüte und blaue Gehröcke, andere Dreispitz oder Zylinderhut. Alles in allem eine bunte Blütenlese der »besseren« Zürcher Gesellschaft, wie schon seit der Gründung der Zünfte im späten Mittelalter.

Délphine Michelet stand zwischen Vater und Sohn Brunegg, mit einem schwarzen Sommerkleid und dunkler Sonnenbrille. Sie beteiligte sich nicht an den Gesprächen und wurde von niemandem angesprochen. Ihre Gedanken kreisten um den Anruf ihrer Tochter Carole am Vorabend. Der Wettkampf der jungen Zünfter ging völlig an ihr vorbei. Sie schaute höchstens kurz von ihrem Weißwein auf, wenn das Johlen der Menge anzeigte, dass wieder jemand seinen Kontrahenten ins Wasser befördert hatte und seine Zunft in die nächste Runde brachte. Mit halbem Ohr hörte sie, wie Jakob Brunegg mit Altregierungsrat Meienberg Small Talk hielt, über Wetter, Zunftanlässe und Familie, worüber man halt so sprach an einem solchen Tag.

Seine Nichte, erzählte der Weißhaarige, sei bei der Polizei, Kriminalpolizei, Leiterin einer Dienststelle.

Jakob zog bewundernd die Brauen hoch, mit diesem etwas spitzbübischen Ausdruck, der offenließ, was er wirklich dachte.

Jakob Bruneggs Sohn Thomas erklärte derweil einer hübschen jungen Frau in einem luftigen Sommerröckchen und einer großen Blume im Haar, dass man das Schifferstechen im Mittelalter mit Harnisch, Schild und Helm ausgeführt habe. Dabei seien immer wieder Wettkämpfer von ihrer Rüstung nach unten gezogen worden und ertrunken. Das sei bestimmt um einiges spannender gewesen als das hier.

Délphine rieb sich die Arme, sie hatte eine Gänsehaut bekommen. Sie zwang sich, ihren Stiefsohn zu ignorieren, aber es gelang ihr nicht. Die brutalen Züge um die Mundwinkel, die Kälte in seinen Augen … Sahen das die anderen denn nicht? Nun, man musste eben genau hinsehen. Nicht wie diese dummen Mädchen mit ihren Sommerröckchen und Sandalettchen.

So wie Délphine Michelet nie heimisch geworden war unter den Zunftleuten, hatten auch diese sie nie als ihresgleichen akzeptiert, auch nicht 25 Jahre nachdem der alte Brunegg ihretwegen seine Frau verlassen hatte, Erbin einer steinreichen Bankiers-Familie. Délphine war fast 20 Jahre jünger als Jakob, stammte aus einfachen Verhältnissen, hatte in ihren jungen Jahren als Stripperin gearbeitet und beschäftigte sich nun seit Längerem mit Persönlichkeitsentwicklung und Bewusstseinserweiterung, mit »Okkultismus und Sektendingen«, wie die anderen sagten. Aber sie hatte in all den Jahren auch nie die Akzeptanz dieser Gesellschaft gesucht. Wenn sie ehrlich war, empfand sie bloß Verachtung gegenüber diesen Leuten, die krampfhaft versuchten, ihren gesellschaftlichen Status zu betonen. CEOs, Anwälte, Politiker, in ihrem Gefolge Frauen mit Sandaletten und Sommerröckchen, die in dieser Männerdomäne nur Dekorationswert hatten, an bestimmten Zunftanlässen nicht einmal im gleichen Saal wie ihre Männer essen durften! Wenn man die jungen Männer betrachtete, die sich um Leute wie Jakob scharten, um Kontakte zu knüpfen, für Praktikumsstellen in international tätigen Anwaltskanzleien oder Handelskammern, dann war das jedoch auch eine Form der Prostitution.

Nein, sie hatte nur Verachtung für diese Gesellschaft und ihre spießbürgerlichen Traditionen und Anlässe übrig. Immerhin würden diese aufhören, wenn Jakob nicht mehr war. Denn auch wenn er mit seinen 80 Jahren noch stattlich daherkam, »etwas darstellte«, wie man sagte, in Tracht und Zylinder, so fraß doch der Krebs in ihm. Natürlich redete man in einer Familie wie der Brunegg’schen nicht darüber. Man stockte nur stillschweigend das Pflegepersonal auf und ließ von Zeit zu Zeit neues medizinisches Inventar liefern.

Aber die Zeichen standen auf Veränderung. Es war ein Mondjahr. Im März hatte man im Thurgau Hunderte toter Vögel gefunden. Wie Steine seien sie vom Himmel gefallen. Die zuständigen Behörden hatten keine Erklärung für das Phänomen. Dabei war es klar: Es waren Zeichen. Zeichen für Veränderung. Veränderungen waren unumgänglich, doch diese machte Délphine Angst. Nicht so sehr der Verlust von Jakob, vielmehr dass sie mit Thomas allein zurückbleiben würde. Ein Widder im Sternzeichen, Venus und Mond superdominant – eine hochproblematische Ausgangslage. Zwar machte die astrologische Konstellation einen Menschen nicht automatisch zum Psychopathen, aber in diesem Fall war es eben so.

Und nun auch noch dieser Anruf von Carole. Der Name Felber. Der Sohn des alten Felber forsche den damaligen Sorgerechtsfällen nach. Es war, als tauche der Geist des alten Beamten aus der Vergangenheit auf. Die schrecklichen Bilder vom vergangenen Winter kamen in ihr hoch, vom Herbst vor vier Jahren, Gedanken an die Fehler von damals vor über 20 Jahren. Das alles wirbelte auf, legte sich schwer um sie, während die Zünfter blind ihre immer gleichen sinnentleerten Veranstaltungen abhielten, Schifferstechen und Sechseläuten, Martinimahl und Bott, geordnet, verhalten, konventionell.

2004 war sie zusammen mit Jakob knapp dem Tsunami in Thailand entronnen. Sie erinnerte sich, dass nicht einfach eine Flutwelle gekommen war, sondern dass sich zuerst das Meer vollständig zurückgezogen hatte, völlige Ebbe, Schiffe lagen umgekippt auf dem Sand. Und dann, erst dann war die Welle gekommen und mit ihr Tod und Verwüstung.

Die Glocken von St. Peter schlugen 15 Uhr, es ging in die Finalrunde.

Kapitel 5

Neben einer Apotheke führte eine Glastür ins kühle Treppenhaus. Die Sektenberatung befand sich im dritten Stock, die anderen Stockwerke beherbergten Zahnärzte, Physiotherapeuten, Psychologen und anderen Dienstleister für Körper und Seele. Felber war froh, dass er im Wartezimmer allein war. Er blätterte in einigen Broschüren, legte sie aber bald wieder zur Seite, ging im nüchternen Zimmer herum und blickte durch das doppelverglaste Fenster. Von hier aus hatte man eine herrliche Aussicht über das Universitätsviertel bis hinunter zum See.

Der kleine Mann mit dem schütteren Haar, der ihn nach einigen Minuten abholte, stellte sich als Herr Lüönd vor und führte Felber durch einen langen Gang in ein Besprechungszimmer auf der anderen Hausseite. An den Wänden hingen moderne Malereien, die aussahen wie das Gekleckse, das Meret und Linus ein paar Jahre lang aus Spielgruppe und Kindergarten nach Hause gebracht hatten. Lüönd wies Felber einen Platz auf einem schwarzen Ledersessel zu und setzte sich hinter einen Schreibtisch mit Glasplatte.

»Sie haben wegen den Sonnentemplern geschrieben«, resümierte er nach einem Blick auf seinen kleinen Laptop.

Felber nickte.

»Mir ist nicht ganz klar geworden, aus welcher Motivation heraus Sie Informationen suchen. Sie sind mit der Gruppierung wohl kaum in Berührung gekommen?«

Felber schüttelte den Kopf. »Schauen Sie: Mein Vater hat lange Zeit für die Vormundschaftsbehörde des Kantons Freiburg gearbeitet. Als sich die Dramen von Cheiry und Granges-sur-Salvan ereigneten, war ich etwas über 20. Wir lebten bereits in Zürich, aber mein Vater hat sich noch mit den Sorgerechtsfällen befasst, bei denen es darum ging, ob man Sektenmitgliedern die Kinder wegnehmen und zu ihrem eigenen Schutz in Pflegefamilien unterbringen durfte.«

Der Sektenexperte nickte langsam. »Verstehe ich also richtig, dass Sie hier sind, um Ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten?«

Felber nickte langsam.

»Wissen Sie, eigentlich beraten wir Menschen, die unsicher sind, weil sie mit Gruppierungen in Berührung gekommen sind, von denen sie nicht wissen, ob es Sekten sind; Eltern, deren Kinder sich von ihnen abwenden oder sich radikalisieren, Leute, die in Abhängigkeit geraten sind und Hilfe für den Ausstieg suchen.«

Felber reagierte nicht. Aus unzähligen Einvernahmen wusste er genau, welche Redestrategien zum Ziel führten. In vielen Fällen war es das Beste, nichts zu sagen.

»Also Familiengeschichte«, schloss Lüönd etwas irritiert ab.

»Gibt es heute noch Ableger des OTS hier in Zürich?«, fragte Felber.

»Der Orden des Sonnentempels war in der Romandie aktiv, daneben gab es Gruppen in Frankreich und in Kanada, aber in Zürich …«

»Die Führungsriege«, fuhr Felber fort, »hat sich immer wieder auf sogenannte Meister in Zürich berufen, die auf die Entscheide Einfluss genommen haben sollen. Wer war das?«

Lüönd lehnte sich vor und lächelte verschwörerisch. »Diese Meister in Zürich«, erklärte er, »waren wohl Di Mambros Finanzbeziehungen.«

Felber runzelte die Stirn.

»Man weiß heute, dass die Sektenführung, also Jo Di Mambro und Luc Jouret, das Ganze auf zwei Ebenen betrieben haben: Zum einen verfolgten sie eindeutige finanzielle Interessen, und da spielten diese Beziehungen in Zürich bestimmt eine wesentliche Rolle. Auf der zweiten, der spirituellen Ebene konnten sie diese sogenannten Meister aber auch gut brauchen, um die Leute in Schach zu halten.«

Felber verstand noch immer nicht ganz. »Waren das Banken?«

Der Experte zuckte mit den Schultern. »Das hat man nie herausgefunden«, sagte er geheimnisvoll. »Di Mambro ist vor dem Transit mehrmals nach Zürich gefahren. Offenbar ging es um Geld. Wer dahinterstand, weiß man nicht.«

»Und heute? Gibt es heute noch Ableger?«

»Mir sind keine Aktivitäten des OTS bekannt. Wir haben ein Wirrwarr von neuen Gruppierungen, der islamistische Extremismus ist ein großes Thema. Es ist schwierig, die Übersicht zu behalten.«

Felber nickte verständnisvoll.

»Die Sonnentempler wurden eine Zeitlang noch observiert, aber irgendwann hat sich die Gruppe aufgelöst. Ihr Gedankengut ist übrigens ein Amalgam verschiedenster esoterischer Richtungen, wie man sie auch bei anderen Gruppierungen findet. Nicht nur bei esoterischen Geheimbünden, auch bei Anthroposophen …«

»Vor einem Jahr«, unterbrach ihn Felber, »hatte ich mit einem Fall von Cybermobbing zu tun. Ein Mädchen sagte aus, sie gehöre zu einer Gemeinde von Rosenkreuzern oder Sonnentemplern – ich erinnere mich nicht an die genaue Bezeichnung.«

»Einen Fall?«, fragte der Experte kritisch.

»Kriminalpolizei. Wir hatten damals …«

»Moment mal, sind Sie jetzt als Polizeibeamter hier oder als Privatperson?«

»Ich bin im Moment nicht im Dienst und wegen der … Familiengeschichte hier«, erklärte Felber.

»So, so«, murmelte Lüönd und schien zu überlegen, ob er Felber seine Hilfe weiter angedeihen lassen sollte oder nicht. »Warten Sie«, sagte er schließlich und hämmerte eine Zeitlang auf seinem Laptop herum. »Es gibt eine Gruppe, die sich als Rosentempler bezeichnet – wie originell! Wie ich der Übersicht entnehme, sollen auch Leute darunter sein, die aus dem Umfeld des OTS stammen, Überlebende, die sich wieder zusammengefunden haben. Interessant, war mir nicht bekannt.«

Felber war hellhörig geworden. »Das verstehe ich nicht: Da sind über 50 Menschen brutal getötet worden, und diese Leute können einfach weitermachen, als ob das eine kleine Panne gewesen wäre?«

Der Experte musterte ihn. »Das ist ein Phänomen, das man nach solchen Ereignissen häufig beobachtet. Zuerst sind die Überlebenden schockiert, die Medien decken schreckliche Dinge auf, man redet von Verbrechen, von Wahnsinn. Aber nach und nach finden sie sich wieder zusammen, beginnen die Sachen umzudeuten, geben Einzelnen die Schuld, um an den Glaubensinhalten festhalten zu können. Wer jahre- oder jahrzehntelang in einer solchen Struktur gelebt hat, kann das nicht von einem Tag auf den anderen ablegen.«

Das leuchtete Felber ein.

»Das Gedankengut des Ordens«, fuhr der Schüttere fort, »ist in seinem Kern ungefährlich. Gefährlich ist, was Einzelne daraus gemacht haben: Sie haben die Leute in Abhängigkeit gebracht, sie genötigt, alle anderen Beziehungen abzubrechen, und das bedeutete gegenseitige Kontrolle, totale Überwachung, Fronarbeit und finanzielle Ausbeutung. Dann, gegen Ende, kamen die Polizeiermittlungen dazu, Paranoia, Endzeitstimmung …«

»Die Gruppe steht also nicht mehr unter Beobachtung?«, hakte Felber nach.

Der andere schüttelte den Kopf. »Seit Ende der 90er-Jahre nicht mehr. Dazu kommt, dass dieser Ableger, wie ich hier lese, keine neuen Mitglieder rekrutiert. Es scheint eine kleine, fast private Gemeinschaft geworden zu sein.«

»Gibt es Teilnehmerlisten?«

»Nein, natürlich nicht.«

Felber kratzte sich am Nacken. »Wenn ich diese Leute kontaktieren wollte, an wen müsste ich mich da wenden?«

Lüönd blickte ihn mit einem Ausdruck von spöttischem Unglauben an. »Mein Guter, wir sind eine Sektenberatung, keine Sektenvermittlung!«

Es gab sie also doch, sagte sich Felber, als er mit dem 6er-Tram zurück ins Zentrum fuhr, inmitten von lärmenden Schulklassen, die wahrscheinlich den Zoo besucht hatten. Lukas Baumgartner würde ihm weiterhelfen müssen. Er würde seinen Kollegen und momentanen Stellvertreter um die Informationen bitten, wenn er morgen das Gespräch mit der Dienstchefin hatte.

Es war so heiß, dass die Studentinnen von Uni und ETH kaum mehr als Hotpants, Trägershirts und Wasserflaschen trugen. Ums Unispital heulten ununterbrochen die Sirenen von Krankenwagen, die Hitzeversehrte aus den umliegenden Alters- und Pflegeheimen einlieferten. Die News-Anzeige im Wageninneren gab bekannt, dass wieder ein neuer Hitzerekord verzeichnet worden war: 34,2 Grad. Es folgte die Ankündigung eines massiven Stellenabbaus bei einer Großbank, danach die Meldung, ein lokaler Jungpolitiker sei in der Zürcher Allmend tot aufgefunden worden. Felber war froh, dass ihn solche Dinge im Moment nichts anzugehen brauchten.

In einer plötzlichen Eingebung rief er Sara an. Sie war im Kunsthaus, ganz in der Nähe also, hatte eine Klasse durch eine Ausstellung geführt und eben verabschiedet. Sara arbeitete als Lehrerin für Kunstgeschichte an einem Zürcher Gymnasium. Sie schlug vor, vor dem Kunsthaus auf ihn zu warten.

Dieses war vor einigen Jahren renoviert worden. Auf der gegenüberliegenden Seite, wo früher ein altehrwürdiges Schulhaus gestanden hatte, hatte man ein weiteres Gebäude, einen architektonisch hochmodernen Würfel gebaut, der noch mit Baufolie verdeckt war. Von Weitem schon sah Felber Sara, die sich im museumseigenen Café einen Platz unter einem Sonnenschirm gesichert hatte, neben einer schwarzen Plastik, die mit viel Fantasie eine Meerjungfrau darstellte.

Sie hatte mit einer fünften Gymi-Klasse eine Ausstellung von Picasso, Gorky, Kandinsky und weiteren Künstlern besucht und war vor allem hingerissen von der Arbeit einer französischen Malerin, die Farbe, Unmengen von Farbe, auf große Leinwände spritzte. Sie zeigte ihm eines der Bilder im Katalog. Spritzer, Schlirggen. »Diese Dynamik … diese Kraft!«

Das Bild weckte bei Felber vor allem einen unbändigen Durst. Während Sara ihre Begeisterung zum Ausdruck brachte, sah er sich nach einem Kellner um, als könne er ihn allein durch die Kraft seiner Blicke an den Tisch ziehen.

Als Sara es bemerkte, hielt sie inne und legte das Buch sorgfältig in ihren Rucksack zurück. »Und du?«, fragte sie.

»Sektenberatung.«

»Wegen … Wegen der Sache?«

Er nickte und hoffte, sie würde nicht weiterfragen. Sie redeten selten, eigentlich nie darüber, aber Felber entging es nicht, dass sie sich Sorgen machte. Sorgen, dass er sich verrannte, dass ein richtiges Burn-out drohte, dass er paranoid wurde.

Er versuchte, das Thema auf etwas anderes zu lenken.

Nach einer Weile legte Sara lächelnd ihre Hand auf seine. »Du bist nicht bei mir.«

Er zog entschuldigend die Brauen hoch und war froh, dass in diesem Moment der asiatische Kellner die zuvor georderten eisgekühlten Getränke brachte.

Felber erzählte Sara, um überhaupt etwas zu sagen, dass er morgen mit Petra Meienberg über seine Wiedereinstellung reden würde.

»Übernächste Woche, da steigst du wieder ein, oder?«

»Mhm.«

Kapitel 6

Übernächste Woche sollte er wieder anfangen, darauf beharrte auch Petra Meienberg, Dienstchefin und Felbers direkte Vorgesetzte. Sie war es zwar gewesen, die Felber mehrmals nahegelegt hatte, eine Auszeit zu nehmen, um die Sache mit seiner Frau zu verarbeiten (als ob man so etwas in ein paar Wochen verarbeiten könnte!), aber jetzt schien ihr doch sehr daran gelegen, ihn bald wieder im Team zu haben.

Er saß in ihrem Büro mit den gerahmten Stichen und Gemälden von Landschaften am Zürichsee, sie ihm gegenüber hinter ihrem dunklen Schreibtisch, mit der Goldbrille, dem ledergebundenen Notizbuch und den Markenkleidern. Im Lauf der Jahre hatte Felber die Mittfünfzigerin schätzen gelernt. Sie war es gewesen, die ihm vor einigen Monaten unter vier Augen mitteilte, dass die Aargauer Polizei eine Leiche entdeckt hatte – sehr wahrscheinlich diejenige seiner Frau. Und sie hatte, nach Abschluss des Vermisstenfalls von Wald, seinen Antrag auf eine Auszeit aus gesundheitlichen Gründen gutgeheißen.

Heute wirkte sie auf Felber ein wenig steif. Sie schien unsicher, wie sie die Dinge ansprechen sollte. Sie begann mit den laufenden Ermittlungen im Mordfall Deborah. Ein Team von Kollegen, unterstützt von Beamten der Kriminalpolizei Aargau, war seit März damit beschäftigt, die Erkenntnisse aus dem Leichenfund auszuwerten und neuen Spuren nachzugehen. Christoph Altherr, der am Anfang die Ermittlungen geführt hatte, als man noch nicht wusste, dass es sich um Mord handelte, war im Mai einem Krebsleiden erlegen.

Mit der neuen Ermittlungsgruppe um Peter Egloff, Sascha Hayo und Denise Glauser hatte Felber seine liebe Mühe. Sie arbeiteten seriös, nach Reglement, nach Polizeischule, gaben ihm aber wenig Einblick in die Untersuchung, da sie es für unprofessionell hielten, dass er als direkt Betroffener sich nicht raushielt.

Felber hingegen war überzeugt, dass er – gerade weil er direkt betroffen und weil er nicht an die gängigen Ermittlungsrichtlinien gebunden war – einen viel besseren Zugang hatte. Statt mit reglementarisch festgelegten Detailuntersuchungen, Laborberichten und staatsanwaltlich abgestimmten Ermittlungsschritten Zeit zu vergeuden, konnte er viel zielgerichteter vorgehen. Allein während seines Aufenthalts in Freiburg hatte er mit Sicherheit viel mehr interessantes Material zusammengetragen, als es die Kollegen in Jahren korrekter Polizeiarbeit tun würden. Das Problem war nur, dass er mit seinen Erkenntnissen nicht bei ihnen anklopfen konnte, weil sie ihn nicht ernst nahmen. Und wenn er ganz ehrlich war, wollte er das auch nicht. Bei der Sache mit den geheimnisvollen Todesanzeigen war er mehrmals angebrannt.

»Petra, du weißt selber, dass die Ermittlungen nicht vorankommen. Da ist nichts Neues, keine einzige Spur«, verbesserte er die viel zu positive Schilderung der Dienstchefin.

»Was würde denn deiner Meinung nach etwas bringen?«, versuchte sie ihn aus der Reserve zu locken, aber Felber winkte nur müde ab.

»Ich bin mir schon bewusst, dass du es mir nicht sagen würdest, wenn du auf eigene Faust ermittelst.« Sie schaute ihm über den Rand ihrer Brille streng in die Augen.

Felber hob fragend die Augenbrauen und schwieg.

Nach einer Weile senkte sie seufzend den Blick. »Du kennst meine Vorgaben, ich möchte mich nicht wiederholen.«

Felber nickte ergeben. Das Gespräch hatte einen seltsamen Charakter angenommen. Nicht wie unter zwei Vertrauten, die offen miteinander redeten, es war eher ein vorsichtiges gegenseitiges Umkreisen.

»Die Auszeit hatten wir an therapeutische Maßnahmen geknüpft. Siehst du Hofmann regelmäßig? Habt ihr etwas Weiterführendes aufgegleist?«

»Nun ja, ich kann diese Woche mal zu ihm gehen.«

»Was hast du in den letzten zwei Wochen gemacht?«, fragte sie ungewohnt streng.

Felber zuckte mit den Schultern und gab keine Antwort. Vor dem Fenster kreuzten sich die Stromabnehmer zweier Trams, mehr war vom ersten Stock aus nicht zu erkennen.

Petra Meienberg musterte ihn lange und schüttelte dabei langsam den Kopf. »Pascal, ich bin in einer schwierigen Lage. Ich will, dass du bald zurückkommst. Solche … Probleme kommen vor, und dafür macht der Kanton ein Case Management. Aber ich bin auf deine Kooperation angewiesen. Das Personalamt, ja, wir alle wollen, dass du bald wieder einsatzfähig bist. Und zwar voll und ganz.«

»Ja, klar.«

»Wir wollen ausschließen, dass jemand nach einer Auszeit zurückkommt und auf der gleichen Schiene weiterfährt wie vorher, dass sich das Problem hinzieht, verschlimmert …« Sie starrte auf die Brille, die sie abgenommen hatte und in der Hand hielt. »Ich weiß, dass es nichts bringt, aber ich sage es dir doch: keine Privatermittlungen, Pascal! Du hast keinen Ermittlungsauftrag, und vor allem hast du während der Auszeit keinen Zugriff auf Ressourcen der Kriminalpolizei. Alles, was du an Ideen hast, kannst du den Kollegen weitergeben, die den Fall untersuchen. Dein persönlicher Kreuzzug darf keinen Einfluss auf deinen Job haben.«

Nach dem Gespräch ging Felber zu seiner Abteilung, wo man ihn freudig überrascht, aber auch etwas verlegen begrüßte. Felber war erstaunt, wie weit er sich in den wenigen Wochen von seiner Arbeit distanziert hatte. Er kam sich vor wie die Kollegen im Ruhestand, die ab und zu mal auf einen Schwatz vorbeischauten und mit alten Geschichten aufwarteten. Oder wie die pensionierten Kollegen seines Vaters, mit denen er in den letzten Wochen in Freiburg geredet hatte. Man hörte ihnen höflich zu, um sich nach dem Besuch wieder den ernsthaften Fällen, der professionellen Polizeiarbeit zu widmen.

In diesem Moment konnte sich Felber schwer vorstellen, zurückzukehren, ein Rädchen in diesem ewig gleichen Getriebe zu sein. Aber gut, dieses Gefühl hatte er schon länger, wahrscheinlich war es ihm durch die Auszeit nur bewusster geworden. Doch er war nun mal Kriminalpolizist und in etwas mehr als einer Woche wieder im Dienst. Er hoffte, bis dahin endlich die Sache mit Deborah gelöst zu haben oder wenigstens für sich ablegen zu können.

Lukas Baumgartner war noch unterwegs. Pamela Galtzidis, die charmante Sekretärin, machte Felber einen Kaffee, plauderte über dies und das, als wäre er nie weg gewesen. Der Hausmeister mit der getönten Brille, dieser Monn, kam kurz vorbei, zog sich aber bei Felbers Anblick sofort wieder zurück.

Baumgartner tauchte nach einer Viertelstunde auf. »He, Chef, schön, dich zu sehen!«

»Chef«, wiederholte Felber und folgte ihm in sein Büro.

»Komm, nimm dir einen Stuhl, setz dich.«

»Baumgartner, ich komme nicht aus dem Pflegeheim!«

Der groß gewachsene Beamte, der im letzten Jahr so viel an Profil gewonnen hatte, dass es Felber ihm gegenüber sogar ein-, zweimal angedeutet hatte, setzte sich auf den Drehstuhl und zog sich an der Tischplatte ein Stück zum Chef rüber. »Wir machen beim Toten von der Allmend mit, dem Politiker«, sagte er voller Stolz, als handle es sich um einen Song Contest oder eine Quizshow mit Riesengewinn.

»Spannend«, entgegnete Felber ohne eine Spur von Begeisterung und wechselte das Thema. »Erinnerst du dich noch an den Fall Leandra Winter?«

»Winter?« Baumgartner musste kurz überlegen. Dann nickte er. »Ja, klar.«

»Da war außerdem Sabrina Malic, die junge Frau, die diesem Léon Nacktfotos geschickt hatte. Ihre Kolleginnen hatten die Bilder im Netz verbreitet.«

Baumgartner nickte ernst. Die Handelsschülerin aus einer serbischen Familie hatte sich daraufhin mit Medikamenten aus der Hausapotheke das Leben genommen.

»Eine dieser Kolleginnen, die wir wegen Cybermobbing einvernommen hatten, war Mitglied einer religiösen Gemeinschaft.«

Baumgartner folgte gebannt Felbers Ausführungen.

»Kannst du mir ihre Personalien geben?«

Baumgartner grinste. »Haben wir gleich.«

Dass Baumgartner kooperativ sein würde, damit hatte Felber gerechnet. Aber dafür, dass er ihn nicht einmal fragte, warum und in welcher Sache Felber die Informationen brauchte, schrieb er ihm ein paar Extrapunkte gut.

Felber schaute ihm von der Seite zu, wie er geübt am Computer hantierte und die gewünschten Informationen an den Drucker schickte. »Scheinst gut zurechtzukommen«, stellte er fest.

Baumgartner hob fast entschuldigend die Schultern.

»Gewöhn dich nur nicht zu sehr daran. Übernächste Woche bin ich wieder da.«

»Da bin ich froh, Chef, ganz ehrlich. Die Leitung des Teams ist ein Heidenstress. Ist mir erst jetzt bewusst geworden, was du da immer leistest!«

Felber legte ihm väterlich eine Hand auf die Schulter, bevor er mit dem gewünschten Ausdruck die Abteilung verließ.

Am Abend googelte Felber die »Rosentempler« und fand tatsächlich eine Webseite, die im Stil der 90er-Jahre gehalten und auf den ersten Blick total unübersichtlich war. Es wimmelte von religiösen Sprüchen und Zitaten irgendwelcher spirituellen Meister und Bildern von Leuten auf Versammlungen. Eine ganze Seite verwies auf weiterführende Literatur: »Das Leben der Meister im Osten«, »Die großen Eingeweihten«, Bücher von Osho und einem Aleister Crowley über spirituelle Suche, Meditation und Bewusstseinserweiterung.

Dann gelangte Felber auf eine Art Porträtgalerie und stellte mit Befremden fest, dass es sich bei den Porträtierten um Personen handelte, die in Cheiry und Granges-sur-Salvan ums Leben gekommen waren. Er wurde nicht schlau daraus. Handelte es sich um Nachrufe, eine Warnung, eine Hommage? Einmal war von »Opfern des Transits« die Rede, gleich darauf wurde die »spirituelle Reise« in den herrlichsten Farben verklärt.

Auf einer Unterseite fand er Texte, die offenbar aus dem Nachlass der Sonnentempler stammten: »Transit in die Zukunft«, »Das Rosenkreuz«, »An alle, die die Stimme der Weisheit noch zu hören vermögen …«, schließlich sogar eine Abschrift des Briefs der Selbstmörder von Saint-Casimir an die Behörden von Québec vom März 1997.

Wer stellte so etwas ins Netz? Wozu? Und vor allem: Wer schaute sich so etwas an?

Kapitel 7

Thomas Brunegg ließ den sanften Sprühregen noch einige Sekunden lang seinen Körper massieren, dann stellte er die Regenwald-Dusche ab, schwang sich ein Handtuch um die Hüfte und ging zurück ins Schlafzimmer, wo er sich auf einen der Vitra Lounge Chairs setzte und die Nachrichten auf seinem Handy checkte. Auf dem Tisch stand vom Vorabend noch die leere Champagnerflasche neben dem Eiskübel und drei Gläsern. Am Boden, zwischen Reizwäsche und anderen Kleidungsstücken, lagen Handschellen, Lederriemen und Kondome, auf dem runden King-Size-Bett die beiden Frauen von Esplendid-Escort. Die eine, eine dunkelhaarige Tschechin, hatte sich in die Jersey-Decke eingewickelt und ließ nur einen Fuß sehen, die andere lag nackt auf dem Bauch, eine Nordafrikanerin, deren Rückgrat im gedämpften Licht eine perfekte Wellenlinie bildete.

In Gedanken ließ Thomas Brunegg die wilde Nacht Revue passieren, dann las er weiter. Roth hatte geschrieben wegen des Kredits. Thomas überlegte sich, wie er ihn am besten dazu bringen konnte, zu tun, was er wollte.

Währenddessen hatte sich die Tschechin aus der Decke gewickelt. Sie zog sie sich wie einen Umhang über eine Schulter, tänzelte zu ihm herüber und schmiegte sich an ihn. »Hey, Sweetheart …«

Er schob sie unsanft weg. »Zieht euch an und verschwindet!«

Jetzt war auch die andere wachgeworden – er konnte sich nicht an den Namen erinnern, wahrscheinlich Vanessa, Samantha, Sandy, irgend so was. In seiner Vorstellung hießen alle Nutten so. Sie setzte sich auf den Bettrand, ein wildes Tier. Aber dann machte sie alles zunichte, indem sie fragte, ob er gut geschlafen habe.

»Verpisst euch!«, schrie er und schlug mit der Hand auf den Glastisch, dass das Sektglas auf den weißen Shaggy fiel, ging mit dem Handy in die Ankleide und knallte die Tür hinter sich zu. Er bezahlte nicht fünfstellige Beträge, um am nächsten Morgen den Babysitter für die Tussen spielen zu müssen. Aus dem Wandschrank suchte er Unterwäsche, eine dünne Leinenhose und ein gebügeltes Poloshirt, wählte Roths Nummer und stellte das Handy auf Lautsprecher, um sich während des Gesprächs anzuziehen.

Der Arzt war sofort am Apparat und wiederholte seine Bitte, die Rückforderung des privaten Kredits aufzuschieben.

Thomas Brunegg gab vor, nicht zu verstehen, was Roth wolle. »Die Bedingungen sind doch klar.«

Natürlich hatte Roth das Geld nicht. Er hatte sich verspekuliert, sich eine teure Wohnung, einen Sportwagen leisten wollen, um seiner Freundin zu imponieren. Brunegg hatte ihm ausgeholfen, gegen gewisse Dienstleistungen, und nun bettelte Roth um Stundung. Er behauptete, Brunegg habe ihm eine flexible Rückzahlung versprochen.

»Die Dinge haben sich geändert, das Geld ist fällig.«

Vom Schlafzimmer her hörte er die beiden Mädchen tuscheln.

»Das ist nicht mein Problem«, sagte er kühl.

Roth bemühte die Freundschaft, die Zunftbruderschaft. Brunegg schlüpfte in ein Paar Louis Vuitton Loafers. Wie erwartet verlegte sich Roth nach einer Weile aufs Drohen.

»Es ist umgekehrt«, erklärte Brunegg ruhig. »Wenn du dich nicht an meine Regeln hältst, dann lasse ich deinem Spital Informationen zukommen, über unsauber deklarierte Medikamente, andere Unregelmäßigkeiten … Du weißt schon.«

Er kämmte sich das Haar, zog einen Seitenscheitel und brachte mit beiden Händen Gel auf, während Roth zappelte und sich wand.

»Es gibt keine Hinweise auf mich, das weißt du genau! Das ist nicht mein Problem, wie gesagt.«

Ob er wenigstens sicher sein könne, dass die Sache aus der Welt wäre, wenn er das Geld irgendwo beschaffen würde, fragte Roth.

»Ich werde es mir überlegen.«

Endlich erkannte Roth, dass er nicht mehr rauskommen würde, egal was er machte. Brunegg sei ein Teufel, meinte er, er höre nie auf.

Thomas lachte nur. Er hatte Roth genau dort, wo er ihn haben wollte. »Teufel ist gut. Aber du hast recht, ich werde vielleicht nie aufhören. Das hättest du dir vorher überlegen sollen.«

Als der Arzt ausfällig wurde und ihn als verdammtes Arschloch betitelte, legte Brunegg auf. Er ging durch das lichtdurchflutete Wohnzimmer. Auf dem Tisch war das Frühstück angerichtet, Speck, Rühreier, Kaffee, Toast, Backwaren. Er nahm sich ein Vollkornbrötchen. Auf der anderen Seite der Villa war ein Angestellter auf der Sonnenterrasse dabei, mit einem langen Wischer den Pool zu reinigen.

Kurz darauf fuhr Thomas Brunegg mit seinem BMW Cabrio von der Villa über dem Zürichsee los und durch die Rebberge Richtung Seestraße. Der Zürichsee lag spiegelglatt zwischen den Hügelzügen, die Gipfel der Innerschweizer Alpen waren im Dunst nur zu erahnen. Auf der Höhe eines großen Bauernhofs kam ihm eine Limousine mit abgedunkelten Scheiben entgegen. Esplendid-Escort holte seine Ladys ab.

Es herrschte wenig Verkehr auf der Seestraße. Brunegg donnerte mit überhöhter Geschwindigkeit Richtung Stadt. Auf der Höhe von Erlenbach musste er allerdings wegen des Lastwagens einer Blumenhandlung stark abbremsen. Zwei Kleinwagen trauten sich offenbar nicht zu überholen. Er hupte, fuhr nahe auf, schwenkte Richtung Mittellinie, um nach vorne zu schauen, und drückte dann das Gaspedal durch. Der Motor heulte auf, der Wagen überholte die drei Fahrzeuge. Wie in Zeitlupe nahm er das entgegenkommende Fahrzeug wahr. Er drückte das Gaspedal ganz durch, die Scheinwerfer des anderen fest im Blick, spürte das Adrenalin, den Kick. Im allerletzten Moment schwenkte er wieder ein. Der andere war auf die Bremse gegangen, auf den Pannenstreifen gelangt und hupte langanhaltend. Thomas Brunegg raste fröhlich die letzten Kilometer Richtung Zürich.

Kapitel 8

Orte um den Zürichsee, an denen vorrömische Naturheiligtümer, Ritualplätze, Steinkreise oder Kulthügel nachgewiesen werden können, sind ausnahmslos in Relation zu Sonne oder Mond gesetzt, sind ausgerichtet auf den Sonnenaufgang an Mittwinter, die große südliche Mondwende und andere Einschnitte im astrologischen Kalender. Sie zeugen davon, dass lange vor unserer Zeitrechnung, wahrscheinlich schon in den matriarchalen Gesellschaften der Jungsteinzeit, ein tiefes Bewusstsein für das harmonische Zusammenspiel der Jahreszeiten, der Lebewesen wie auch der Gestirne bestand. Oft sind es Kraftorte mit besonderer feinstofflicher Energie. Eine solche Stelle mit Kraftwerten von bis zu 700.000 Boviseinheiten (!) befindet sich nur wenige Kilometer außerhalb von Zürich, auf der Forch bei Aesch. Hier kreuzen sich nämlich mehrere sogenannte Ley-Linien, Energie-Adern, die prähistorische Kraftorte wie Stonehenge, die Pyramiden, die Extern-Steine oder das Labyrinth von Chartres verbinden. Der Architekt Otto Zollinger, der 1922 beauftragt wurde, dort ein Denkmal für die Zürcher Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu bauen, muss die spirituelle Bedeutung des Ortes erkannt haben; ist die 18 Meter hohe Flamme auf dem Stufensockel doch nichts anderes als ein Obelisk, Symbol für die Verknüpfung der materiellen mit der geistigen Welt.

Auch Otto Froebel, der Ende des 19. Jahrhunderts den Garten der Villa Brunegg entworfen hatte, musste tiefe Ahnung vom geheimen Zusammenwirken universeller Prinzipien gehabt haben. Im Gegensatz zu anderen Zürcher Villengärten dieser Epoche war derjenige der Villa Brunegg ein wahrer Mikrokosmos voll innerer Harmonie und Symbolik. Im Zentrum, als Herzstück, die Rosenbeete; in jeder Himmelsrichtung ein Wasserelement: der Springbrunnen beim Haus vor der unteren Loggia, das flache Bassin auf der Westseite, die Nymphengrotte hinter dem Laubengang in Osten, der großzügige Neptunbrunnen in Norden. Dahinter der kleine Tempel auf dem Belveder. Geschwungene Wege, kleine Stützmauern, Kaskaden, Statuen antiker Gottheiten von einem venezianischen Bildhauer, Symmetrie ohne Starrheit. Eine Anlage, dafür geschaffen, die großen Einschnitte im Kalender zu begehen, wie die Sommersonnenwende in ein paar Wochen. Als spürten sie die Kraft des Ortes, hatten sich in den letzten Jahren Glühwürmchen angesiedelt, die in Sommernächten den Bereich um das Rosenbeet bis zum Nympharium in ein Meer magischer Lichtpunkte verwandelten.

Es war ein besonderes Jahr, ein Mondjahr, ein Jahr der Veränderung. Zuerst im Mai der Blutmond: Sie war allein mit Jakobs Mercedes zur Forch hochgefahren, zu diesem einmaligen Kraftort neben der Flammenskulptur, um sich dem energetischen Einfluss des riesigen Mondes hinzugeben. Wenig Leute waren oben gewesen, mehrheitlich Familien, aber abseits. Der Himmel war wolkenlos gewesen, wie seit Längerem wieder. Kein Regen, keine Wolken. Auch das waren Zeichen.

Früher hatten sie manchmal auf dem Jura-Bölchen, an diesem magischen Berg, Holzfeuer entfacht, aber das war lange her. Noch früher waren sie ums Holzfeuer im Garten der Pyramide in Genf getanzt – vor mehr als 25 Jahren. Von den Leuten von damals war heute niemand mehr dabei, die meisten waren tot. Es war eine neue Gemeinschaft, eine kleinere, friedlichere, passend zu dem Garten der Industriellenvilla, passend auch zu einem Jakob Brunegg, der immer teilnahm, wenn auch nur am Rande.

Für die Feier müsste die Brunnenanlage repariert werden. Die Verwaltung würde morgen jemanden vorbeischicken, um die Sache anzuschauen. Durch das Alter des Brunnens und die Vorgaben der Denkmalpflege könnte es allerdings schwierig werden.

Sie setzte den Strohhut auf und machte sich mit dem Kugelschreiber eine Notiz in ihre kleine Agenda. Um den Brunnen war mit hellem und dunklem Kies eine Art Sonnengeflecht auf den Boden gezeichnet. Mit Holzfackeln würde sie den Kreis verstärken, diesen dann dreimal abschreiten, das Licht aufnehmen, die höheren Kräfte anrufen, gewahr werden der Macht des Rituals. Vielleicht gemeinsam das »Awen« singen, auf die eine oder andere Form sich das Vergangene vergegenwärtigen, es rituell zum Abschluss bringen mithilfe des Feuers oder in einer kleinen Retraite auf dem Belveder beim Tempelchen. Niederschreiben, was einen beschäftigte, die Papiere später dem reinigenden Feuer übergeben. Oder doch lieber ohne Stift und Papier, intuitiver, vielleicht mit schamanischen Holzstäben? Danach aber auf jeden Fall etwas Gemeinsames … Sie hatte so viele Ideen, und hinter jeder taten sich neue Bezüge auf. Sie würde sich beschränken müssen. Ja, das war es, Beschränkung, Beschränkung auf ein, zwei einfache, archaische Rituale. Das allein wäre der Wende würdig.

Von der Rückseite des Hauses hörte sie einen Automotor, dann das Zuschlagen einer Tür, kurz darauf Schritte auf dem Kies. Thomas. Délphine Michelet verkrampfte sich.

In gemächlichem Schritt kam er auf sie zu, ohne eine Geste des Grußes, als wäre sie eine der vielen Statuen.

»Das Zeug ist total verrostet«, bemerkte er mit Blick auf den trockenen Neptunbrunnen.

»Die Handwerker werden das anschauen.«

»Steht eine hohe Feier an?«

»Erst in ein paar Wochen«, sagte sie knapp.

»Was betet ihr diesmal an, die Sonne, den Baal, den Golem?«

»Wir feiern die Sonnenwende.«

»Die Sonne, die allmächtige – Mutter.« Er schaute seine Stiefmutter schräg an.

»Ja, die Sonne«, sagte sie trotzig, »der Quell allen Lebens und …« Immer wenn sie mit ihm redete, kamen ihre Worte schal und floskelhaft heraus, die Sätze versiegten halb ausgesprochen.

»Ich bin kein Kenner dieser hohen Wissenschaft«, fuhr Thomas großspurig fort, »aber ist die Sonnenwende nicht auch das Fest der Vergänglichkeit?«

»Ein Moment in einem Zyklus, der zur Wiedergeburt und in einen neuen Jahreskreis führt, immer wieder.«

»Die alte Illusion, dass alles ewig weitergeht.«

»Das geht es auch, es ist eine Kontinuität über den Einzelnen hinaus …«

»Ich habe nie verstanden, wie man sich für eine Kontinuität begeistern kann, die über den Einzelnen hinausgeht«, erklärte er. »Entscheidend ist, wann der Einzelne geht, und da gibt es sehr große Unterschiede.«

Sie zuckte trotzig mit den Schultern und drehte den Strohhut zwischen den Händen. Warum sollte sie mit ihrem Stiefsohn diskutieren? Es ging ihm nur um Provokation und Spott.

»Macht ihr auch Opferrituale?«, fragte er.

Sie holte tief Luft, bevor sie ihm antwortete, dass sie das natürlich nicht vorhatten.

»Schade.«

»Es geht darum, den Jahreskreis, die Wiederkehr zu feiern, eine Art Reinigung, wie schon unsere Vorfahren seit Urzeiten …«

»Aber gerade bei den Kelten war die Sühne ein wichtiges Element in diesem Zusammenhang. Rituelle Opferungen, um Sühne zu leisten.«

Sie schüttelte den Kopf und blickte auf das leere Wasserbecken, in dem sich trockene Blätter angesammelt hatten.

»Es sühne, wer zu sühnen hat«, stichelte er weiter.

»Ich habe mir nichts vorzuwerfen«, fuhr sie auf, schaute jedoch gleich wieder weg. Eine Sekunde lang hatte sie das Bild der toten Frau im Foyer vor Augen. Sie bekam trotz der Junihitze Gänsehaut.

»Qui tacet consentire videtur«, sagte Thomas und zeigte mit dem Finger auf sie.

Sie verstand kein Latein und fragte sich, ob er extra vor ihren Treffen immer ein Zitat heraussuchte, bloß um sie zu demütigen.

»Wie geht’s ihm heute?«, wechselte er plötzlich das Thema.

Sie wusste, dass er seinen Vater meinte. »Mäßig. Die Pflege ist seit einer halben Stunde da.«

»Also dann«, sagte er fröhlich und wandte sich zum Gehen. »Weiterhin frohes Hokuspokus!« Er schnipste mit den Fingern in der Luft und ging pfeifend über den Kiesweg auf die Villa zu, die mit ihrer efeubewachsenen Fassade, den Loggien und Balkonen im Schatten alter Bäume stand.

Délphine blickte ihm nach und versuchte, das Gesicht der Toten zu verdrängen. Doch mit den Bildern war die Angst wieder da, die Angst und das Bewusstsein, selber Teil des Verbrechens zu sein, auch wenn sie nur das Schlimmste hatte verhindern wollen.

Wieder wurde ihr klar, dass Thomas sie umbringen würde, wenn sich die Gelegenheit ergäbe. Ohne mit der Wimper zu zucken, wie bei der anderen. Nicht nur wegen der Erbschaft, die ohnehin zum größten Teil schon als Vorbezug an ihn übergegangen war, sondern weil sie zu viel wusste. Sühne – damit lag er nicht einmal falsch. Sühne war ein wichtiger Schritt auf dem Lebensweg, viele Kulturen hatten Rituale dafür geschaffen, verstanden Sühne nicht als bloßes Entschuldigen und dann Weitergehen, sondern als ein Eingestehen der Schuld, als Bedingung für eine Versöhnung. Aber für Thomas war Sühne Aburteilen, Strafen. Sie diente nicht der Wiederherstellung der Harmonie, an die er ohnehin nicht glaubte, sondern der Befriedigung seiner Lust an Schmerz, an Gewalt und dem Leid anderer.

Der Dunsthimmel lag wie ein Leichentuch über dem Garten, als habe sich allein mit dem Auftauchen ihres Stiefsohnes alle Energie verflüchtigt. Wie jedes Mal, wenn er in ihre Gegenwart trat.

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22 декабря 2023
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243 стр. 6 иллюстраций
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9783839270165
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