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Mara Pfeiffer
Vergiftete Hoffnung
Mainz 05-Krimi

Alle Rechte vorbehalten · Societäts-Verlag
© 2020 Frankfurter Societäts-Medien GmbH
Satz: Julia Desch, Societäts-Verlag
Umschlaggestaltung: Julia Desch, Societäts-Verlag
Umschlagabbildung: Koonsiri – stock.adobe.com
E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
ISBN 978-3-95542-397-1
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Für Isa.
Beste, Prinzessin, Bitch.
Die Hollywoodschaukel wartet.
… und für Migo & Sol.
Kapitel 1
Jo öffnet langsam die Augen. Für einen Moment weiß sie nicht, wo sie sich befindet. Schläfrig dreht sie im stickigen Halbdunkel den Kopf zur Seite und nimmt den warmen Körper neben ihrem wahr. Sie lächelt und betrachtet den schlafenden Mann. Sein Atem geht ruhig und die Augen, über deren Farbe sie sich nicht ganz klar ist – grün oder doch ocker mit einem leichten Einschlag braun – sind geschlossen. Beim Gedanken an seine Blicke aus diesen Augen kribbelt es in Jos Magengegend. Sie seufzt leise und widersteht dem Bedürfnis, mit sanften Bewegungen die geschlossenen Lider nachzufahren. Vorsichtig dreht sie sich wieder auf den Rücken und betrachtet die länglichen Risse in der Decke. Die Luft im „Zimmer ohne Wetter“, wie sie ihre Unterkunft getauft haben, ist schlecht, aber das stört Jo nicht. Es gibt gerade ohnehin nichts, was sie stört, sie fühlt sich so entspannt und ausgeglichen wie lange nicht.
Es ist ihre Blase, die sie schließlich doch aus dem Bett treibt. Jo schafft es, die Tür zum Badezimmer ohne Quietschen hinter sich zu schließen und lässt sich auf der Klobrille nieder. Das Hotel ist klein und die Zimmer sind extrem einfach, aber sauber. Das allein zählt, damit sie sich wohlfühlen kann. Das Fenster neben ihr steht leicht offen, doch draußen ist nichts zu sehen als die nächste Wand, die so nah ist, dass Jo sie berühren kann, wenn sie den Arm aus dem Fenster streckt. Alle Zimmer auf dieser Seite des Hotels öffnen zu einem hohen, schmalen Schacht, in den kein Tageslicht fällt. In den anderen Stockwerken des Gebäudes, in dessen Treppenhaus es muffig riecht, befinden sich Wohnungen, lediglich hier auf der zweiten Etage sind einige Hotelzimmer. Das Frühstück können Gäste in einem deutlich größeren, moderneren Hotel zwei Straßen weiter einnehmen, doch sie beide haben sich dagegen entschieden und suchen lieber jeden Morgen ein neues Café in der Altstadt. Wobei Morgen in diesem Fall ein dehnbarer Begriff ist, denn so lange wie zuletzt hat Jo ewig nicht in den Tag hineingeschlafen. Auch jetzt ist es bereits nach zwölf.
Als sie aus dem Badezimmer zurückschleicht, fühlt Jo sich richtig beschwingt. Sie schlüpft lautlos unter die Decke und dreht sich wieder auf die Seite. Ein Blick aus den eben noch geschlossenen Augen streift sie zärtlich und Jos Herz macht einen Sprung. Wie so eine Teenagerin, denkt sie und lächelt.
„Hey. Hast du gut geschlafen?“
Nicken.
„Hunger?“
„Ja, auf dich.“
Er grinst, Jo muss kichern, dann wird sie ernst.
„Heute ist unser letzter Tag.“
„Du meinst, danach hören wir auf zu existieren?“
„Nein, aber wir müssen zurück nach Hause.“
„Wir können gerne in Barcelona leben. Aber ich warne dich, mein Spanisch ist wirklich schlecht und vielleicht bringe ich einen Ochsen vom Markt mit, wenn du mich Gemüse holen schickst.“
„Du willst wohl heimlich Fleisch essen.“ Sie grinst.
„Eher nicht. Und wenn, meinst du nicht, da gibt es unauffälligere Wege, als einen Ochsen mit nach Hause zu bringen?“
„Vermutlich.“
„Alles gut?“ Er streicht ihr die Haare aus der plötzlich gefurchten Stirn. Jo ringt sich ein Lächeln ab. „Ja. Bloß ein bisschen traurig, weil unser Urlaub schon vorbei ist. Und ich habe Hunger.“
„Da du auf meine Krabbeleien bislang nicht reagiert hast, nehme ich an, du meinst: Hunger auf etwas, das dir auf einem Teller und nicht einem Bettlaken serviert wird“, neckt er.
„Ist das okay?“
„Klar. Der Tag ist lang und ich kann dich auch später vernaschen.“
Aus dem Badezimmer ist das Rauschen des Wassers zu hören und Jo öffnet die Tür einen Spalt. „Ich geh schon runter, in dem kleinen Supermarkt gegenüber nach Flip-Flops schauen. Bis gleich.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, schließt sie die Tür und verlässt das Hotelzimmer. Im Flur fällt ihr auf, dass sie ihre Handtasche nicht mitgenommen hat, nur das Smartphone in ihrer Hosentasche. Leise fluchend dreht sie um und läuft zurück in den zweiten Stock. Aus dem Bad dringt nun das Fiepen des kleinen Hotelföhns. Sie muss sich beeilen, wenn sie noch in Ruhe alleine telefonieren möchte. Lautlos zieht sie die Tür hinter sich zu und eilt durchs Treppenhaus nach unten.
Die Sonne wärmt um diese Uhrzeit schon, dabei ist bereits Oktober. Zuhause liegen die Temperaturen aktuell so um die zehn Grad und die Vorstellung, ab morgen lange Hosen und bald eine Winterjacke zu tragen, schlägt Jo spürbar auf die Laune. Sie läuft ein paar Schritte, bis sie den Supermarkt erreicht hat, geht dann aber nicht hinein, sondern daran vorbei. Im kleinen Hof hinter dem Markt hat sie vor zwei Tagen eine Holzbank entdeckt, auf der sie sich niederlässt und mit zitternden Fingern die vertraute Nummer sucht. Solange sie eintaucht in die wunderbare Atmosphäre dieser Stadt, kann sie alles andere vergessen. Diese Anrufe aber zerstören den Moment, weil sie sich unfassbar mies fühlt und schäbig.
„Und womit, mit Recht“, murmelt sie hinter vorgehaltener Hand, während die Finger der anderen nervös auf der Bank trommeln. Als das Tuten erklingt, hört Jo ihren Herzschlag derart dröhnend, dass sie fürchtet, gar kein Gespräch führen zu können. Schließlich klackt es in der Leitung und aus weiter Ferne dringt Hans’ Stimme an ihr Ohr.
„Hallo?“
„Ich bin’s.“
„Jo, hi. Was. Habt ihr Mittagspause?“
Sie schluckt. „Ja, aber gleich vorbei.“
„Schön, dich zu hören.“
„Ja.“ Pause. „Dich auch.“
„Wie läuft es denn? Bist du schon schlauer als vor einer Woche?“
Sein ehrliches Interesse versetzt ihr einen Stich. „Das. Ja, auf jeden Fall. Die Dozentin ist … toll.“
„Das freut mich. Und gefällt dir die Bretagne?“
„Mhm.“
„Du fehlst uns.“
„Ja. Wie geht es Luca?“
„Wir sind gerade zusammen auf dem Markt.“
„Ist er nicht in der Schule?“
„Heute ist doch Samstag. Warte, ich gebe ihn dir.“
„Nein, musst du nicht, ich …“
„Mama!“
Jo kann Lucas Strahlen sehen, wenn sie die Augen schließt. Die Sonne steht hoch über ihr am Himmel, aber in diesem Moment ist ihr furchtbar kalt. „Hi, mein Schatz. Wie geht es dir?“
„Wir machen eine Männerwoche“, erklärt ihr Sohn stolz.
„Ich weiß.“ Jo flüstert nur noch.
„Kommst du bald nach Hause? Ich vermisse dich.“ Und fast ein wenig peinlich berührt schiebt er hinterher: „Ein bisschen.“
Jo lacht. „Ja, morgen bin ich wieder da. Aber wahrscheinlich so spät, dass du schon schläfst. Am Montag genießen wir dann den Ferienanfang mit einem gemütlichen Frühstück, ja? Luca?“
Ihr Sohn scheint plötzlich abgelenkt. „Ja, okay Mama, tschüss!“ Laut schmatzt er seine Küsse in den Hörer.
„Jo?“
„Ja.“
„Ich bin’s nochmal. Luca hat den Hahn entdeckt.“
Jo lächelt. Der Hahn auf dem Mainzer Wochenmarkt hat es ihrem Sohn schon seit langem angetan. Sie sieht ihn vor sich, wie er bei dem Tier steht und es aufgeregt betrachtet. Plötzlich vermisst sie ihn mit jeder Faser ihres Körpers.
„Sag deiner Kollegin, sie soll vorsichtig fahren, ja? Wir möchten dich gerne am Stück zurückhaben.“ Hans klingt zärtlich.
„Okay.“
„Sicher, dass wir dich nicht irgendwo abholen sollen?“
„Nein, alles gut. Sie nimmt mich mit bis Wiesbaden und von dort fahre ich mit der S-Bahn über den Rhein. Bis morgen, Hans. Und danke.“ Sie schluckt hart.
„Gar kein Problem. Wir haben Spaß. Bis morgen.“
Lange betrachtet Jo das Smartphone. Die Sonne knallt aufs Display und fast erwartet sie, es müsse unter der Hitze gleich in ihrer Hand explodieren. Als sie schließlich aufsteht, sind ihre Beine wackelig. Sie stapft in den Supermarkt, greift wahllos nach einem Paar roter Flip-Flops und kauft an der Kasse noch eine Flasche Wasser.
Als sie aus dem Laden tritt, kommt Adam ihr auf dem sonnigen Platz bereits entgegen. Er hebt winkend die Hand. Jo erwidert den Gruß und läuft schneller, immer schneller, bis sie ihn erreicht und mit einem Seufzen in seine Arme sinkt.
„Alles gut?“
„Ja, wieso?“
„Weil du Wasser ohne Kohlensäure gekauft hast.“
Jo betrachtet mit gerunzelter Stirn die Flasche in ihrer Hand. „Da war ich offenbar einen Moment unaufmerksam.“
„Wohl in Gedanken bei dem heißen Mann unter der Dusche deines Hotelzimmers, den du für ein Frühstück abgewiesen hast“, neckt Adam und küsst sie, erst zart in den Mundwinkel, dann voll auf die Lippen. Er schmeckt vertraut und selbstverständlich, alles daran ist wunderbar und alles daran ist schrecklich.
In keine Stadt hat Jo sich so rasch und vorbehaltlos verliebt wie in Barcelona. Und in keinen Mann so wie in Adam. Sie hat ihn kurz nach Lucas sechstem Geburtstag bei einer Lesung im „Bukafski“ kennengelernt, einer Buchhandlung unweit ihrer Wohnung. Statt den Worten Tijan Silas zu lauschen, der aus seinem Romandebüt „Tierchen unlimited“ las, schaute sie an jenem milden Maiabend immer wieder verstohlen nach diesem Typen, der, wie sie, alleine zu der Lesung gekommen war. Als sie anschließend noch in einer lockeren Runde zusammenstanden, um mit dem Autor über sein Buch zu sprechen, bemerkte Jo, dass der Unbekannte sie ebenfalls aus den Augenwinkeln beobachtete. Sie lächelte ihm zu und er hielt aufmerksam ihren Blick. Kurz darauf war er verschwunden, stand dann auf einmal mit zwei Flaschen Bier neben ihr und reichte Jo wortlos eine davon. Sie prosteten einander zu und lauschten weiter der Unterhaltung zwischen Silas und seinem Publikum.
Fast hätte Jo die Lesung an jenem Abend sausen lassen. Luca hatte gerade eine fiese Grippe hinter sich, während derer sie tagelang die Wohnung nicht verlassen konnte. Nun ging es ihm den ersten Tag besser und Nonna hatte angeboten, auf ihn aufzupassen. Eigentlich wollte Jo mit Hans ins Bukafski gehen, der hatte aber kurzfristig passen müssen, weil er sich nicht gut fühlte. Seine Absage hatte Jo seltsam erleichtert, was sie sich selbst nicht ganz erklären konnte. Zwischen ihnen hatte sich eine wohltuende Verlässlichkeit entwickelt, die immer mehr auch Luca einschloss. Ihr Sohn und der Polizist kamen prima miteinander aus und vielleicht war absurderweise genau das der Punkt, an dem für Jo plötzlich alles stockte. Zwar freute sie sich darüber, gleichzeitig hatte sie das Gefühl, dass Hans dadurch zu viel Raum einnahm. Er drängte auch sehr auf eine gemeinsame Wohnung, was für Jo zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht in Frage kam. Sie kannten sich schließlich erst seit ein paar Monaten.
Wie genau sie sich schließlich in die Affäre mit Adam verwickelt hat, vermag sie dennoch nicht zu sagen. Und sobald sie darüber nachdenkt, wird ihr unglaublich schlecht. Sie lügt seit mehreren Monaten zwei Männer an, die ihr mittlerweile beide viel bedeuten – und darüber hinaus so ziemlich ihr gesamtes Umfeld. Die Woche mit Adam in Barcelona ist in jeder Hinsicht der Gipfel, einerseits ihres Betruges, andererseits ihres verliebten Glücks, denn ja, sie ist tatsächlich fürchterlich verknallt – und möchte am liebsten jede Minute des Tages mit ihm verbringen. Dafür aber belügt sie ihn ebenso wie Hans. Und je länger beides geht, umso größer ist ihre Panik, den einen wie den anderen zu verlieren, wenn sie sich doch endlich dazu durchringt, ihnen die Wahrheit zu sagen.
Kapitel 2
Während sie die belebte Straße mit den vielen Cafés und Kneipen entlangschlendern, betrachtet Jo die Stadt zum ersten Mal mit den Augen ihres Sohnes. Sie weiß, dass es ihm hier gefallen würde, schon allein deshalb, weil vor jeder Taberna Schilder stehen, die Kartoffeln in allen nur denkbaren Darreichungsformen bewerben: Kroketten, Pommes, Tortilla und kein Ende. Luca liebt Kartoffeln, wenn er sich das Abendbrot immer selbst zusammenstellen dürfte, würde es bei ihnen grundsätzlich Beilage mit Beilage geben.
Auch die Nähe zum Meer, an dem sie mit Adam schon einige Tage verkuschelt hat, würde Luca bejubeln, und natürlich hätte er seinen Spaß an all den fliegenden Händlern, die bunte Strandtücher und kalte Getränke ebenso anbieten wie Massagen, Sonnenbrillen und aufgemalte Tattoos. Für den Sohn hätte sie vermutlich sogar ihre Höhenangst überwunden und die berühmte Seilbahn bestiegen, die vom Hafen aus auf den Berg zuführt. So hatte sie sich verweigert und mit klopfendem Herzen zugeschaut, als Adam aus wackligen Höhen in die Richtung winkte, in der er sie vermutete. Als er zu ihr zurückkam, hielt sie ihn so fest und atemlos im Arm, als sei er wochenlang weggewesen. Dann waren sie Hand in Hand zurück ins Hotel gelaufen, um miteinander zu schlafen.
In jener Nacht träumte Jo, Adam sei mit der Gondel abgestürzt und vor ihren Augen zerschellt. Als sie zurückkehrte nach Mainz, war Hans fortgelaufen und Luca in ihrer Abwesenheit verhungert. Sie war schließlich aus dem Schlaf hochgeschreckt und ins kleine Bad geflüchtet, wo sie lange auf dem Klodeckel kauerte, die Knie bis ans Kinn gezogen, und leise weinte. Es war, als wollte ihr Traum sie bestrafen, auch wenn sie wusste, wie unsinnig diese Annahme war, und dass ihr schlechtes Gewissen aus der verstörenden Folge von Bildern sprach, die ihr Unterbewusstsein ungnädig in Gang gesetzt hatte. Was sollte sie bloß tun? Die Frage hämmerte wieder und wieder in ihrem Kopf, prallte von seinen Innenwänden ab und verursachte ein solches Getöse, dass sie glaubte, innerlich taub davon zu werden. Es dauerte lange, bis sie in dieser Nacht in den Schlaf zurückfand und dann plagten sie erneut Albträume.
„Huhu, jemand zuhause?“
Jo stolpert aus ihren neuen Flip-Flops, als Adam sie anspricht. „Fuck. Aua. Was?“
Er lacht. „Hör’n Se mal, junge Frau, von wem träumen Sie denn?“
Jo grinst schief. „Immer noch von Frühstück.“
„Das trifft sich hervorragend. Ich habe nämlich gerade versucht, deine Aufmerksamkeit hierauf zu lenken.“ Adam deutet auf den Supermarkt am Ende der Strandpromenade, in dem sich auch ein kleiner Bäcker befindet. Sie haben hier bereits an ihrem ersten Tag gegessen, weil sie die Frühstückszeit verschlafen hatten.
Jo seufzt erleichtert. „Oh ja, darauf habe ich Lust. Mir ist langsam echt schon ein bisschen schlecht vor Hunger.“ Sie fasst sich an den Rücken und zieht dabei die Schultern nach hinten.
„Wo wird dir denn schlecht, im Steißbein?“, neckt Adam.
„Nein, der aufrechte Gang schafft Platz im Magen.“ Jo grinst.
Im Supermarkt bestellt Adam in flüssigem Urlaubsspanisch zwei Baguettes mit Tortilla und schwarzen Kaffee. Jo ist verliebt in die Idee der Spanier, Tortilla als Brotbelag zu benutzen – und sie ist verliebt in Adam, der jedes Wort so sorgfältig wählt und über seine schönen Lippen schubst, als ginge es um viel Bedeutsameres als ihr Frühstück. Wenn sie ihn von der Seite beobachtet, fürchtet sie, er könne die Sternchen in ihren Augen erkennen, also schaut sie schnell weg und legt die Hand auf ihr klopfendes Herz. Sie fühlt sich wie eine 17-Jährige; und sie tut es doch nicht, weil diese Verliebtheit eine fest entschlossene Ernsthaftigkeit in sich trägt, die sie damals noch nicht kannte.
„Erde an Jo. Erde an Jo. Bitte um Lastenverteilung.“ Adam wedelt mit den Baguettes vor ihrer Nase und deutet dabei auf die beiden Kaffeebecher, die dampfend auf der Theke stehen.
„Sorry.“ Jo zieht eine Grimasse.
Er beugt sich zu ihr. „Wir sollten das Hotelzimmer echt nicht ungefickt verlassen, du kannst dich ja gar nicht konzentrieren.“
„Bild dir nur nichts ein, Romeo, das ist der Unterzucker.“ Jo drückt ihren Unterleib gegen seinen, als sie nach dem Kaffee greift. Adam seufzt leise, woraufhin die Verkäuferin eine Augenbraue so weit hochzieht, dass es aussieht, als würde sie ihr auf den Hinterkopf wandern. Kichernd wie zwei Schulkinder stürmen Jo und Adam ins Freie, wo sie sich einen Platz an der Promenade suchen.
Jo balanciert ihr Baguette auf den Knien, während sie Kaffee aus dem Pappbecher nippt. Zuhause hat sie immer einen Mehrwegcup dabei. Die Vorstellung, wie viel Müll hier am Strand jeden Tag zurückgelassen wird, ärgert sie ebenso wie ihre eigene Unbesonnenheit – schließlich hätte sie den Becher ja mitbringen können. Adam hat schon aufgegessen. Er sitzt mit geschlossenen Augen neben ihr und hält sein Gesicht in die Sonne. Jo greift mit der freien Hand nach seiner und er schließt seine Finger sanft um ihre. Sie betrachtet seine Hand, die ihre hält, als wären beide genau dafür gemacht worden. Noch nie zuvor hat sie einen Mann mit so gepflegten Händen gesehen. Seine Nägel sind sauber gefeilt, die Haut ist unglaublich weich, und wenn er ihr beim Sex mit der ihm eigenen Entschiedenheit die Haare aus dem Gesicht streicht, kann sie die Feuchtigkeitslotion riechen, die er zur Pflege benutzt. Adam öffnet die Augen und Jo lacht über seinen verträumten Blick.
„Was ist so lustig?“
„Nichts. Alles. Keine Ahnung. Ich komme mir mit dir manchmal vor wie in meiner persönlichen Teenie-Rom-Com. Alles ist heillos romantisch und so kitschig, dass jede*r Zuschauer*in vermutlich vor Überzuckerung in den nächsten Mülleimer kotzen würde.“
„Hauptsache, du bist den Unterzucker los, bevor du davon kotzen musst. Und was zur Hölle ist eine Rom-Com, junge Frau?“
„Hast du eine schon leicht abgehalfterte Mittdreißigerin mit Hang zur Übermüdung gerade junge Frau genannt?“
„Lenk nicht ab, Missy. Rom-Com?“
„Ich dachte, du veräppelst mich, Grandpa. Das ist eine sogenannte romantische Komödie. Zeichnet sich durch sehr viel Kitsch und sehr wenig Glaubhaftigkeit aus und ist meist schwer zu ertragen.“
„Das wiederum glaube ich sofort.“
„Scherzkeks.“
„Immer redest du vom Essen.“
„Adam.“
„Jo.“
„Ich will nicht nach Hause. Da ist bald Winter und wir sehen uns viel zu selten.“
„Das könnten wir ja ändern.“
„Du hast magische Jahreszeitenverschiebungskräfte?“
„Witzig.“
„Ist genetisch bei mir. Mainz und so. Kannst du als Wiesbadener natürlich nicht nachvollziehen.“
„Disst du mich gerade für meine Herkunft?“
„Würde ich nie tun. Niemand kann etwas dafür, wo er geboren wurde. Die Frage ist nur: Warum bist du geblieben?“
„Hey. Wiesbaden ist toll. Ihr Mainzer habt bloß Vorurteile, weil ihr einen Minderwertigkeitskomplex mit euch herumtragt.“
„Das würde meine Rückenschmerzen erklären, aber: nein.“
„Jedenfalls. Wir können uns doch einfach öfter sehen. Was spricht dagegen? Die gemeinsame Woche haben wir gut ausgehalten.“ In Adams Blick liegt so viel offene Zärtlichkeit, dass Jo befürchtet, sich doch noch übergeben zu müssen. Was ist sie nur für eine ganz und gar niederträchtige und schreckliche Person. Sie schluckt hart. Adam beobachtet sie nachdenklich.
„Jo. Alles gut. Wir müssen nichts überstürzen.“ Seine Hand, seine wunderbare, weiche Hand, streift ihre Wange.
Jo möchte losheulen und ihm alles gestehen. Stattdessen zwingt sie sich zu einem Lächeln. „Nein. Ich fände das auch sehr schön, wenn wir uns häufiger sehen würden. Ich hoffe nur, dass ich das mit dem Job und meiner Großmutter tatsächlich hinbekomme.“
Adams Hand greift nach ihrer und drückt sie fest. „Keinen Stress wegen mir, okay? Ich bewundere das total, dass du deine kranke Großmutter pflegst. Sowas ist echt nicht selbstverständlich und es zeigt einfach dein großes Herz.“ Er küsst sie auf die Stirn und Jo ist dankbar, ihm in diesem Moment nicht ins Gesicht schauen zu müssen. Nonna zu einem Pflegefall vermärchent zu haben, ist von allen Lügen, die sie aktuell betreibt, die schlimmste. Aber wie sonst hätte sie Adam erklären sollen, dass sie manchmal von einer Sekunde auf die andere sämtliche Pläne umwerfen muss, ohne von ihrem Sohn zu erzählen? Gerade widert Jo sich selbst an.
Plötzlich ist sie furchtbar erschöpft. Den Kopf an Adams Schulter gelehnt, schaut sie auf das bunte Treiben am Strand und die Bucht, die sich so malerisch vor ihnen erstreckt. Die vergangenen Monate zerren an ihrem ganzen Wesen und Jo hat das Gefühl, sie müsste untergehen und ertrinken, wenn sie jetzt ins Meer laufen würde. Die Vorstellung, einfach von den Wellen verschluckt zu werden, hat etwas ungemein Tröstliches. Dann müsste sie wenigstens nicht die Entscheidung treffen, die unbarmherzig vor ihr steht. Adam oder Hans, Hans oder Adam – oder doch einfach Jo und Luca?
Kapitel 3
Mit der Straßenbahn zum Flughafen zu fahren, obwohl ihr Hotel ganz in der Nähe eines Bahnhofes liegt, stellt sich als idiotischer Fehler heraus. Adam und Jo sind eine gefühlte Ewigkeit unterwegs und müssen bei ihrem Umstieg nahe des Camp Nou mit einem gläsernen Lift so tief in die Erde hinabfahren, dass Panik Jos Kehle zuschnürt. In den folgenden, nicht enden wollenden 32 Minuten tief im Verdauungstrakt der Stadt benötigt sie ihre ganze Energie dafür, einfach sitzenzubleiben, statt panisch schreiend durch den Waggon zu rennen. Eine junge Frau, die einige Stationen nach ihnen einsteigt, beginnt Sekunden später, heftig zu husten, erst fast verschämt, dann immer lauter, schließlich mit blutigem Auswurf in ihr Taschentuch. Jo schließt die Augen. Dies ist die Apokalypse. Ein Horrorvirus bedroht die Menschheit. Nur einige wenige haben es in dieses unterirdische System geschafft, doch eine der Kranken ist ihnen gefolgt und wird nun alle, die bis eben noch Hoffnung aufs Überleben hatten, anstecken.
Als Adam ihre Hand zart drückt, schreit Jo auf. Die Menschen in der Bahn reagieren darauf ebenso wenig wie zuvor auf die hustende junge Frau, die sich energisch an eine Haltestange klammert.
„Ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Schon gut. Mir ist ein bisschen schwummerig.“
„Du sahst beim Frühstück schon nicht so gut aus.“
„Kaum eine Woche zusammen unterwegs, schon hast du dich an mir sattgesehen.“ Jo versucht ein Lächeln, es gelingt nur schief.
„Was, nein, so ein Unsinn, gar nicht.“ Adams Kuss trifft nur ihre Stirn, wie ein Streifschuss. „Jo, du bist total heiß.“
„Danke.“ Sie grinst. Ihr Kopf dröhnt.
„Nein, ich meine, natürlich, aber. Deine Stirn. Du glühst.“
Die Apokalypse. Jo schließt die Augen. So geht also alles zu Ende. Ihr ist zum Heulen zumute. Sie will zu Luca.
„Merkst du denn nichts?“
„Was?“
„Du hast Fieber, Jo. Ganz eindeutig.“
„Ich habe nie Fieber.“ Sie dreht sich grob aus seinem Versuch einer Umarmung. Alles fühlt sich falsch an.
„Wir müssen dir am Flughafen Medikamente besorgen.“
„Nein, müssen wir nicht. Es geht mir blendend.“
Jo sieht sich nach der hustenden Frau um, doch die muss in der Zwischenzeit ausgestiegen sein, ohne, dass sie es mitbekommen hat. Noch zwei Stationen bis zum Flughafen. Adam kramt in seiner Tasche nach Wasser und reicht ihr eine Flasche. Jo winkt ab und als er nach ihrer Hand greift, zuckt sie zurück und schiebt sie zwischen ihre Knie. Adams Blick, der irgendwo zwischen Irritation und Verletztheit changiert, ignoriert sie so gut wie möglich.
Mit der apokalyptischen Bahnfahrt ist das Drama noch lange nicht vorbei. Am Flughafen angekommen, stellen Jo und Adam fest, die S-Bahn-Haltestelle ist noch ein gutes Stück von ihrem Terminal entfernt. Um den provisorisch wirkenden Glasschlauch, der über die Straße führt, zu erreichen, müssen sie zunächst die Rolltreppe nehmen. Als sie auf die gemächlich schlängelnde Raupe zulaufen, stürzt vor ihnen eine ältere Frau, vom Gewicht ihres Koffers aus der Balance gebracht, die rollenden Stufen hinunter. Missmutig und wackelig auf den Beinen stapft Jo auf die Steintreppe nebenan zu und zerrt ihren Koffer knallend hinter sich her. Adam ist bemüht, Schritt zu halten. Als sie endlich das Gate erreichen, versucht er, sie mit einem Witz aufzuheitern, doch Jo zeigt keine Reaktion. Sie spürt, dass ihr Verhalten ihn irritiert, diese Seite kennt er nicht an ihr. Doch sie kann sich aus dem negativen Sog nicht befreien. Das Fieber jagt ihr die Gedanken durch den Kopf wie Flugpferde.
Der schlimmste von allen: Was, wenn sie abstürzt? Ihren Sohn niemals wiedersieht und mit der Frage zurücklässt, mit wem seine Mama da vom Himmel gefallen ist? Was wird Hans ihm erzählen? Wird er ihr Andenken zärtlich bewahren oder der Wut über den Betrug die Kontrolle über seine Erzählungen lassen? Plötzlich muss Jo an den Film „Stadt der Illusionen“ mit Kirk Douglas als rücksichtslosem Regisseur denken. Um in Ruhe mit einem Autor am Drehbuch seines Films arbeiten zu können, beauftragt Douglas einen anderen Mann, der Frau des Schriftstellers Gesellschaft zu leisten. Als der Autor nach Wochen das Drehbuch erfolgreich geschrieben hat und voll liebevoller Sehnsucht zu seiner Frau zurückkehren will, ist die zwischenzeitlich mit dem anderen Mann, in den sie sich natürlich verliebt hat, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Jo möchte losheulen, aber sie würgt die Tränen verzweifelt ab. Wie konnte sie nur ohne Luca und mit einer unheilvollen Kette aus Lügen im Rückspiegel ihrer Tage in diesen Urlaub fliegen? Was hat sie sich bloß dabei gedacht?
Adam kommt mit einem Becher, aus dem heißer Dampf aufsteigt, und einem Schokoriegel zurück. Jo hat gar nicht gemerkt, dass er nicht mehr neben ihr sitzt. Er hält ihr das Getränk hin.
„Ich kann jetzt keinen Kaffee trinken, Adam. Mir ist eh schon heiß. Und übel außerdem.“ Sie winkt ab.
„Das ist Tee.“ Adam lächelt verschwörerisch. „Mit einem Schuss Whisky. Das ist die beste Erkältungsmedizin.“
Jo schließt die Augen. „Danke.“ Ihre Stimme, ein Flüstern.
Adam setzt sich ganz nah zu ihr. Sie möchte von ihm abrücken, aber neben ihr endet die Bank und sie würde auf den Steinboden knallen. „Tut mir leid, dass es dir nicht gut geht.“ Sie nickt.
Als die Durchsage ertönt, ihr Flug habe zwei Stunden Verspätung, fängt Jo doch an zu weinen. Adams Versuch, ihren schüttelnden Körper in die Arme zu schließen, weicht sie aus und rennt los, um eine Toilette zu suchen. In der Kabine deckt sie die Brille mit mehreren Schichten dünnem Klopapier ab, auf denen sie sich erschöpft niederlässt. Ihr Handy zeigt eine neue Nachricht. Hans hat ein Foto geschickt, auf dem er mit Luca in die Kamera grinst. Obama klemmt mit missmutigem Gesichtsausdruck zwischen den beiden, Ohren aufgestellt, Schnurrhaare in Alarmposition. „Komm gut heim. Wir lieben dich!“ steht da, durchbrochen von unzähligen bunten Herzen. Darunter eine Sprachnachricht. Als Jo sie abspielt, purzelt Lucas Stimme aus dem Gerät, im Hintergrund hört sie Obama unwillig maunzen. „Mama, die Herzen sind alle von mir. Kommst du schnell zu uns nach Hause, bitte? Und du musst mich auch küssen, wenn ich dann schon schlafe.“ Pause. „Mama. Ich lieb’ dich. Tschüss!“
Jo heult hemmungslos. Sie will nichts lieber, als ihrem Kind eine Nachricht zurückzusprechen, aber sie möchte ihn nicht mit ihrer tränenschweren Stimme erschrecken. Also tippt sie zitternd: „Viel Verkehr heute. Wird leider später. Liebe dich auch, Cookie. Küsse euch und freue mich, bald daheim zu sein.“
Zurück im Wartebereich am Gate, kann sie Adam zunächst nicht finden. Kurz glaubt sie, er habe sich einfach aus dem Staub gemacht. Aber er ist noch da, wenn auch nicht mit allen Sinnen: In ganz verrenkter Pose liegt er auf der Sitzbank über ihren Taschen und schnarcht laut. Sein vollkommen friedlicher Gesichtsausdruck steht in totalem Gegensatz zu seinem verknoteten Körper. Dass er völlig ungerührt von ihrem persönlichen Drama einschlafen kann, ärgert Jo, auch wenn sie weiß, wie idiotisch das ist. Unsanft schiebt sie seine Beine zur Seite, um neben ihm zu sitzen. Sein linker Fuß verhakt sich im Griff ihrer Reisetasche, der rechte knallt auf die Fliesen, wo er ihren Teebecher trifft. Fasziniert beobachtet Jo, wie der Schuh durch die warme Lache rutscht, als führe er ein Eigenleben. Adam schläft davon unbeeindruckt weiter.
Die Zeiger der Uhr drehen unendlich langsam ihre Runden übers Ziffernblatt. Der Flug am benachbarten Gate konnte mittlerweile starten und die Halle ist deutlich leerer. Jo rechnet aus, bis wann sie spätestens abheben müssten, um zeitlich nicht in die Nachtruhe am Frankfurter Flughafen zu kommen. Der Gedanke daran setzt ihre Panik erneut in Gang. Zwei, drei Stunden Verspätung kann sie zuhause immer mit den angeblichen Zuständen auf französischen Autobahnen erklären, sollte sie aber erst am nächsten Morgen vom Flughafen wegkommen, dann bricht ihr Lügengebäude zusammen, bevor sie die Chance hat, Hans die Wahrheit zu sagen. Sie bittet einen Gott, von dessen Existenz sie nicht vollständig überzeugt ist, mit stummen Lippen, dass er ihr die Chance lässt, selbst reinen Tisch zu machen – mit Hans ebenso wie mit Adam. Und versucht dabei, die Tatsache zu verdrängen, dass sie sich dafür erst darüber klarwerden muss, was sie selbst eigentlich will.
Ob sie mit Hans vielleicht ebenfalls ein paar Tage wegfahren soll, nur sie beide? In den letzten Monaten haben sie vor allem Alltag miteinander erlebt, zu dritt in ihre kleine Wohnung gepfercht. Und bevor Adam in ihr Leben gestolpert ist, waren ihre Versuche, auch Momente mit Hans alleine zu erleben, sicher intensiver. Vielleicht könnte ihr eine romantische Auszeit zu zweit helfen, zu erspüren, wohin ihr eigener Weg von hier führen soll – und Luca könnte in diesen Tagen zu seinem Vater, der sie ohnehin ständig nervt, weil er mehr Zeit mit ihm verbringen möchte. Just während ihrer Tage in Barcelona konnte er den Sohn allerdings nicht nehmen, weil er bis Ende nächster Woche selbst verreist ist – also ausgerechnet in den Herbstferien seines Kindes. Was sie schon wieder reichlich typisch findet, aber das ist ein ganz anderes Thema. Zu viele Männer in ihrem Leben. Jo seufzt.
Das Handy vibriert, doch Jos Hoffnung, noch eine Nachricht ihres Sohnes erhalten zu haben, bestätigt sich nicht. Stattdessen leuchtet ein Name vom Display, den sie in ihrer Wut und Enttäuschung vollkommen aus ihren Gedanken verbannt hatte: Finn. Sie holt tief Luft. Dieser Tag scheint ihr keine Pause zu gönnen. Finn Ringer, der aufgehende Star am Himmel von Mainz 05. Der sein Coming-out mithilfe ihres besten Freundes Jonas geplant hatte. Was sein Berater nicht zulassen wollte, weshalb Jonas sterben musste. Finn, der danach nicht den Mut besessen hat, öffentlich zu machen, wie er lebt und liebt, sondern weiterhin mit einer jungen Frau am Arm zu offiziellen Terminen erscheint. Finn, der sie angefleht hat, sein Geheimnis nicht zu verraten. Finn, auf den sie eine solche Wut hat, dass sie manches Mal schon aus dem Stadion gegangen ist, wenn sein Name im Kader auftauchte, was immer häufiger der Fall ist. Sie knirscht unmerklich mit den Zähnen. Kurz ist sie versucht, die Nachricht zu löschen, doch dann siegt ihre berufliche Neugierde und sie öffnet missmutig das digitale Kuvert.
„Jo, ich weiß, bin nicht dein Lieblingsmensch. Aber brauche deine Hilfe. Ist nicht für mich selbst. Hier stimmt was nicht mit einem Spieler. Mehr will ich übers Handy nicht sagen. Können wir uns sehen? Am besten gleich morgen? Wann? Wo? Finn.“
Jo bläst Luft durch ihre Zähne. Der hat ja Nerven. Sich mit so etwas ausgerechnet an sie zu wenden. Denkt er, dass sie auch mit ihrem Auto aus der Kurve fliegen und künftig den Engeln beim Kicken zuschauen möchte? Sie spürt, dass die Wut sich in ihr ausbreitet wie ein Flächenbrand und löscht die Nachricht nun doch. Als sie aufschaut, wird gerade ihr Flug auf dem Gate-Display angezeigt. Das Boarding beginnt in 15 Minuten, ihre Maschine wird die letzte sein, die heute noch den Flughafen von Barcelona verlässt. In einer wilden Mischung aus Erleichterung und Schreck fährt Jo aus ihrer verknoteten Sitzposition hoch und schüttelt Adam unsanft.
„Wach auf. Wir fliegen nach Hause. Adam. Es geht los.“
Er dreht sich im Aufwachen von Jo weg und rubbelt die müden Augen mit zwei Fäusten, wie ein kleiner Junge. Dann nimmt Adam seinen nassen Schuh in der Teelache wahr und der Blick, mit dem er sie bedenkt, ist nicht gerade freundlich. Stumm greift er nach seinem Rucksack und reiht sich, ohne auf sie zu warten, hinter den anderen Passagier*innen ein. Jo starrt ihm nach. Natürlich weiß sie, mit der kalten Schulter reagiert er auf ihr seltsames Verhalten vorhin und es wäre eigentlich an ihr, sich zu entschuldigen. Stattdessen nimmt sie das Ventil dankbar an, welches er ihr unbewusst für die Wut auf sich selbst, die Verspätung und Finn bietet und bleibt wie ein bockiges Kind so lange auf ihrem Platz sitzen, bis Adam bereits im Flugzeug verschwunden ist. Am liebsten würde sie ihm ganz aus dem Weg gehen, aber ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich zu ihm zu setzen und diesen Flug irgendwie hinter sich zu bringen. Er scheint jedoch auf ihre Gesellschaft ebenso wenig Lust zu haben. Als sie bei ihrer Sitzreihe ankommt, stellt er sich schlafend, was er anschließend während des ganzen Fluges beibehält.
So hoch sie in den vergangenen Tagen unter der spanischen Sonne geflogen ist, so tief stürzt Jo in diesen zähen Stunden im Flugzeug emotional ab. Es ist, als hätte jemand ihren Glücksstecker gezogen. Zwar fühlt das Erwachen sich an wie die gerechte Strafe für ihre monatelangen Lügen und Heimlichtuereien, dennoch kann sie ihre Wut auf Adam nicht kontrollieren. Über den Wolken schwört sie sich in der lautlosen, dunklen Nacht, ihn nach diesem Tag niemals wiederzusehen. Es war ein Fehler, sich auf diese Geschichte überhaupt einzulassen, das sieht sie nun ganz deutlich. Eine Flucht aus ihrem Alltag voller Verpflichtungen und vor der Angst, Hans vollständig in ihr Leben und das ihres Kindes zu lassen. Ein Flirt mit dem Leben, das sie als Mutter schon vor Jahren aufgegeben hat. Ein Hirngespinst. Nichts von Dauer. Ende. Aus.
Am Flughafen in Frankfurt verabschieden Jo und Adam sich kühl und umständlich voneinander, dann steigt er in die S9 nach Wiesbaden und sie in die Regionalbahn, die sie zurückbringt nach Mainz, zu ihrem Kind, in ihren Alltag. Den immer noch glühenden Kopf an die kühle Scheibe des Zuges gelegt, beobachtet Jo ihre eigenen Tränen, ganz so, als hätte sie mit der Person in der Spiegelung oder deren Kummer nichts zu tun.
Kapitel 4
Jo wird davon wach, dass ihre Nase kitzelt. Als sie sich ins Gesicht greift, um daran zu kratzen, landet ihre Hand in Obamas weichem Fell. Der seufzt theatralisch und dreht sich so auf den Rücken, dass Jo keine Luft mehr bekommt unter seinem dicken Pelz.
„Puffel, I love you too, aber lass mich bitte am Leben.“
Der Kater reagiert mit einem empörten Schlag nach ihrer Hand, als sie sich erdreistet, ihn von ihrem Gesicht zu heben. Sie tastet im Halbdunkel nach dem Kissen neben sich, es ist leer. Vermutlich ist Hans bereits zur Arbeit gegangen.
Jos Magen krampft sich zusammen. Das Chaos der letzten Wochen trifft sie schmerzhaft. Adam. Hans. Luca. Adams Hände. Hans, der eine ganze Woche alleine mit ihrem Kind verbringt. Luca, der Erstklässler, der letzte Nacht unter müden Lidern in ihre Küsse gemurmelt hat, wie sehr er sich freut, sie wiederzusehen. Hans, der für sie gekocht hatte, Spaghetti Arrabiata, obwohl er selbst kein scharfes Essen mag. Dazu Merlot aus bauchigen Gläsern und viele Fragen zum Workshop, den sie angeblich in der letzten Woche in der Bretagne besucht hat. „Sportjournalismus heute“, sie hat ihm die Infoblätter gezeigt im Vorfeld. Erklärt, wieso es wichtig für sie ist, sich weiterzubilden auf dem Gebiet.
Weniger, weil sie das inhaltlich nötig hätte, als um zu beweisen, sie hat die neue Stelle nicht als Trostpflaster gegen den Tod ihres besten Freundes bekommen, sondern, weil sie das kann, was der Posten erfordert. Nur deswegen ist Sportchef Dave Wright auf sie zugekommen und hat ihr reichlich überraschend angeboten, Jonas’ Nachfolgerin im Sport zu werden. Was Jo zunächst vollkommen absurd erschien, dann aber schnell sympathisch wurde, so dass sie das Angebot schließlich annahm. Seit Saisonbeginn begleitet sie die 05er nun nicht mehr nur als Fan, sondern befasst sich auch journalistisch noch intensiver mit dem Verein und hat in der kurzen Zeit bereits festgestellt, wie sehr ihr die Aufgabe liegt.
Die Lüge war eine leichte gewesen. Hans hatte selbst angeboten, eine Woche bei Luca zu bleiben, damit Jo sich in dem Workshop weiterbilden konnte. Was sie ursprünglich auch wollte – bis die Geschichte mit Adam immer weiter ins Rollen kam und der eine Woche Auszeit in Barcelona vorgeschlagen hatte. Warum sie darauf eingegangen war, das funkt jede Faser ihres Körpers ganz deutlich, doch gerade versucht Jo, sich einzureden, was für ein vollkommener Blödsinn die ganze Geschichte gewesen ist. Und dass sie abgeschlossen sein muss, keine Fortsetzung mehr haben wird, in ihrer Vergangenheit liegt, unumstößlich.
Die Schritte, die leise ins Zimmer tapsen, erkennt Jo sofort als die ihres Sohnes. Sie weiß, wie gerne Luca sie weckt und schließt ihre Augen daher fest, um ihm die Gelegenheit zu geben. Auch durch die geschlossenen Lider nimmt sie wahr, wie sich das Licht im Schlafzimmer verändert, weil die Vorhänge geöffnet werden. Sie runzelt überrascht die Stirn. Seit wann schafft es Luca, die selbst zu bewegen? Der Duft, der sie trifft, ist eine Mischung aus allzu Vertrautem. Lucas Kinderatem, Kaffee, frisch gebrüht, feuchtes Papier und Hans’ Rasierwasser. Jo hört flüsternde Stimmen, schielt aus einem Auge ins helle Licht und schaut in zwei erwartungsvolle Gesichter. Ihr Herz macht einen frohen Sprung.
„Hase! Ich dachte, du bist im Präsidium?“
Hans strahlt, stolz auf seinen Coup. „Nee. Morgen ist doch Feiertag und ich habe heute frei genommen. Muss erst am Mittwoch wieder hin. Wir haben also zwei Tage zu dritt.“
Er beugt sich zu ihr und sein Kuss ist frei von Beiläufigkeit und Alltag. Es ist ein Kuss, den sie gerne ausbauen würde, was aber natürlich mit dem erwartungsvoll dreinschauenden Luca in ihrer Mitte nicht möglich ist. Hans drückt ihre Hand und zwinkert ihr zu und Jo erinnert sich dunkel, dass sie letzte Nacht eingeschlafen sein muss, während er in der Küche den Tisch abgeräumt hat. Kurz hatte sie da noch davon geträumt, sich an ihn zu drängen, wenn er zu ihr ins Bett kommen würde, ihn zu sich zu ziehen, mit Küssen zu bedecken, anzufassen, in sich zu spüren – dann hat der Schlaf sie mit sich fortgezogen. Nun bedauert sie das.
„Mama, hier ist deine neue Ahzett!“ Luca legt die nassgeregnete Allgemeine Zeitung auf ihrer Brust ab und lässt sich mit lauten Küssen in sie fallen. Jo spürt ihren Nacken rebellieren unter seiner Ruppigkeit, verkneift sich aber einen Tadel und streichelt seine wilde Haarpracht. „Dich müssen wir bald mal wieder zum Friseur bringen, Cookie!“
„Nee, Mama, das trägt man heute so.“
„Ach was, ist das so? Das musst du deiner alten Mutter erklären!“ Sie kitzelt ihn unter den Achseln, Luca strampelt und schreit.
„Mama, nicht, dein Kaffee!“ Seine nackten Füße stehen in der Luft und er bemüht sich sichtlich, sie nicht in Richtung des Nachttischs und in ihre Tasse abstürzen zu lassen.
„Kein Kaffeefußbad?“ Sie zieht ihn weiter ins Bett und mit einem lauten Schnaufen lässt ihr Sohn die Füße auf die Decke fallen.
„Mama, du bist uuunmöööglich!“ Er kichert und Jo bedeckt sein Gesicht und den blonden Schopf mit Küssen.
„Ich habe dich so vermisst, Cookie.“
„Mama. Ich bin kein kleines Kind mehr.“
„Ach nein? Du kommst mir aber noch ganz schön kurz vor.“
„Aber ich hab’ nicht einmal geweint, weil du weg warst. Hans sagt, ich war ganz schön erwachsen.“ Stolz richtet er sich auf.
„Du warst wirklich super, Luke. Komm, lass uns mal Frühstück machen, dann kann Mama in Ruhe den ersten Kaffee trinken und in der Zeitung schauen, was die 05er in ihrer Abwesenheit gemacht haben, okay?“ Er zieht den Jungen mit sich.
„Luke?“ Jo schaut skeptisch von einem zum anderen.
„Skywalker!“, rufen die beiden wie aus einem Mund. Jo erinnert sich vage, dass sie einen Star-Wars-Marathon zusammen machen wollten – offenbar hat der also stattgefunden.
Der Kaffee schmeckt nach Zuhause. Jo nippt vorsichtig, genießt dabei die Wärme in ihren Händen und den Geruch, der dampfend aus der Tasse aufsteigt. Die ersten beiden Seiten der Zeitung sind durch den Regen völlig verklebt. Sie schüttelt den Sport aus dem hinteren Teil und streicht die Seiten glatt, als er in ihren Schoß fällt. In diesem Moment klingelt ihr Handy auf dem Nachttisch.
„Was zur Hölle?“ Jo betrachtet ungläubig die Nummer. Es ist Finn. „Du traust dich ja was“, murmelt sie hinter zusammengebissenen Zähnen und lässt das Handy weiter klingeln.
Auf den Sportseiten überfliegt Jo die Berichte zu den anstehenden WM-Qualifikationsspielen gegen Nordirland und Aserbaidschan. Sie kann es nicht konkret begründen, aber die Nationalmannschaft interessiert sie aktuell kein bisschen. Schade, dass deren Spiele der Bundesliga gerade eine Pause verordnen, sie wäre gern mit Luca ins Stadion gegangen am Wochenende. So müssen sie sich eine Woche gedulden, dann steht ein Heimspiel gegen den Hamburger SV an. Wenigstens mal wieder eine ausverkaufte Partie. Sie seufzt und erschrickt, als im nächsten Moment ihr Handy piepst. Finn hat ihr eine Nachricht auf die Mobilbox gesprochen.
„Hey Jo.“ Pause „Darf ich dich überhaupt so nennen?“ Nervöses Lachen. „Es. Ich würde wirklich gerne mit dir sprechen.“ Sie kann ihn atmen hören, es klingt schwerfällig. „Schau, ich weiß, dass du auf mich nicht gut zu sprechen bist. Aber es geht nicht um mich. Jemand, der sie verdient hat, braucht deine Hilfe. Bitte melde dich doch mal bei mir. Du bist der einzige Mensch, der mir einfällt.“
Wütend schnaubt sie durch die Nase. Vor einem Jahr war Jonas der einzige Mensch, der ihm eingefallen ist. Und was hat das ihrem besten Freund gebracht? Den Tod. Was bildet sich dieser kleine, überbewertete Kicker eigentlich ein, sie mit seinem Schwachsinn zu belästigen? Das Handy piepst erneut. Eine SMS.
„Hast du die Nachricht abgehört?“
„Fick dich, Finn. Lass mich in Ruhe“, tippt Jo wütend.
„Okay, fair.“
„Was weißt du denn über Fairness?“
Finn Arscholch schreibt.
Online.
Online.
Finn Arscholch schreibt.
Online.
„Gib mir fünf Minuten.“
„Wieso sollte ich?“
Finn Arscholc h schreibt.
Online.
Finn Arscholch schreibt.
Jo muss lachen. Nicht, weil sie Finn statt des Nachnamens in ihrem virtuellen Telefonbuch ein „Arschloch“ verpasst hat, sondern, weil sie beim Abspeichern seiner Nummer offenbar so neben sich stand, dass sie das Wort falsch geschrieben hat. Dann ploppt ein Foto im Chat auf: ein schwarzer Jugendlicher mit neugierigen Augen, im roten Trikot der aktuellen Saison des 1. FSV Mainz 05.
„Sagt er dir was?“
„Nein. Sollte er?“
„Das ist Ugonna Okorie.“
„Okaaay.“
„Er ist in Schwierigkeiten.“
„Und warum ist das mein Problem?“
Finn Arscholch schreibt.
Online.
Finn Arscholch schreibt.
Am Küchentisch schlägt Luca laut und vernehmlich sein Messer auf den Rand seines Tellers. „Maaaamaaa. Es gibt Früüüühstück.“ Jo lässt das Handy ohne einen weiteren Blick aufs Bett sinken und verlässt das Schlafzimmer. Sie hat keine Lust, sich mit Finn und dem, was ihn beschäftigt, auseinanderzusetzen. Wie dumm von ihr, dass sie seine Nummer nicht schon vor Monaten gesperrt hat, dann könnte er sie jetzt einfach nicht erreichen. Sie beschließt, das nach dem Essen nachzuholen, um die Verbindung zwischen sich und dem Spieler zu kappen. Denn Finn kann sie mal kreuzweise. Und Ugonna, dings, unbekannterweise auch.
Kapitel 5
Aber Mama, das ist unfair.“
Luca stampft so fest mit seinem Fuß auf, dass Obama erschrocken Reißaus nimmt. Jo versteht nicht, warum der Kater so schreckhaft auf das Geräusch reagiert. Schließlich poltert ihr Sohn seit Jahren beinahe täglich durch die Wohnung, aber außer Lärm ist da nichts, keine Gefahr also für den Kater. Wieso hat der das in all der Zeit nicht kapiert? Sie schaut ihm hinterher, wie er den Gang hinunterflitzt und dann in ihr Schlafzimmer abbiegt, und würde gerne mit ihm tauschen. Einfach zurück ins Bett.
„Ich verstehe dein Problem nicht, Luca.“
„Nie hast du Zeit für mich. Immer musst du arbeiten.“
„Luca, wir haben jetzt zwei Tage zusammen hier abgehangen. Ich muss auch mal wieder ins Büro. Außer dir hat niemand Ferien. Und wieso willst du denn nicht zu Nonna?“
„Ich will bei dir bleiben.“ Luca lässt sich auf den Hintern fallen.
„Cookie, hör auf mit dem Quatsch. Du bist doch kein Baby, echt. Ich habe um elf eine Konferenz, und wenn ich dich nicht gleich bei Nonna abgebe, komme ich zu spät. Auf jetzt.“ Sie bückt sich nach ihrem Sohn, der schlägt mit den Füßen nach ihr und trifft hart ihre Brust. Jo zieht ihn am Fußgelenk in die Luft, Luca strampelt.
„Luca Zinn, hör auf mit dem Quatsch.“
Aber Luca hört nicht auf. Er strampelt und tritt, er heult und schreit. Alle Versuche, ihn überhaupt nur in einen aufrechten Stand zu bringen, scheitern. Jo fühlt sich total überfordert. Sie kann auf keinen Fall daheim bleiben heute. Andererseits ist sie gerade sehr empfänglich für die Szene ihres Sohnes: Ihr schlechtes Gewissen quält sie fürchterlich seit der Rückkehr aus Barcelona und sie ist ehrlich gesagt selbst noch gar nicht bereit für eine vorübergehende Trennung von Luca. Sie lässt sich mit ihm auf den Boden fallen und sitzt ein wenig ratlos neben dem wimmernden Kind.
„Cookie?“
Schniefen.
„Cookie, schau mich mal an.“
Keine Reaktion.
„Was hältst du davon, wenn ich dich zu Nonna bringe, um in meine Konferenz zu gehen. Dann mache ich mittags schon Schluss und wir zwei fahren nach Ingelheim zu den Tierhelfern?“
Luca hebt seinen Arm, darunter kommt ein verheultes Gesicht zum Vorschein. „Wo du Obama gekauft hast, Mama?“
„Nicht gekauft. Ich habe ihn da adoptiert und eine Gebühr gezahlt, weil es das Tierheim ja Geld gekostet hat, sich in den ersten paar Monaten um ihn zu kümmern.“
Luca zieht geräuschvoll die Nase hoch und setzt sich langsam auf. „Kriegen wir noch ein Katzenbaby, Mama?“
„Ich kann es nicht versprechen, weil ich nicht weiß, ob es gerade überhaupt Babys gibt. Aber wenn du magst, können wir uns die Katzen dort mal anschauen und vielleicht …“
Weiter kommt Jo nicht, weil Luca ihr mit Wucht in die Arme springt und sie nach hinten umreißt. Er liegt ihr schon seit Monaten wegen einer zweiten Katze in den Ohren.
„Mama, du bist die Beste!“
„Erstmal nur gucken, okay.“
Luca bedeckt ihr Gesicht mit klebrigen Küssen.
„Boah, du solltest doch Zähne putzen.“
„Keine Zeit, wir müssen schnell zu Nonna!“ Er steigt flugs in seine Gummistiefel und Jo beugt sich über ihren Sohn und kitzelt ihn. „Du freches, kleines Biest.“ Sie lacht.
Luca dreht sich zu ihr um und drückt sich an sie. „Ich hab dich lieb, Mama.“ Er seufzt. „Bitte lass mich nie wieder so lang allein.“
Die Uhr zeigt drei Minuten vor elf, als Jo auf dem Lerchenberg ankommt. Nun hier im Haupthaus zu arbeiten, statt unten in der Stadt, wo die Lokalredaktion ihren Sitz hat, ist etwas, woran sie sich noch immer nicht gewöhnt hat. Im Vorbeifahren scannt sie den Mitarbeiter*innenparkplatz – sieht schlecht aus. Mit dem Lupo steuert sie den Gästeparkplatz an. Als sie in der Lobby durch eines der beiden metallenen Drehkreuze hastet, nimmt sie neben sich Chefredakteur Schneider wahr. Der knufft sie in die Schulter.
„Na, Frau Zinn, starten Sie mit einer hübschen Extrawurst in die kurze Arbeitswoche?“ Er lacht wiehernd.
„Sorry, Herr Schneider. Ich blockier den Gästeparkplatz aber nur während der Konferenz, versprochen.“
„Lassen Sie mich raten: Danach gehen Sie ins Home-Office?“
„Das. Äh. War die Idee. Ist das ein Problem?“
„Sagen wir es so, Ihren Kollegen fällt schon auf, wie oft Sie daheim arbeiten. Das kennen die so nicht. Und viele Ihrer Regelungen im Lokalen liefen ja mehr so auf der persönlichen Ebene.“
Jo spürt die Hitze in ihre Wangen schießen, während sie mit ihrem Vorgesetzten in den Aufzug steigt, um in den zweiten Stock zu fahren. Schneider betrachtet sie von der Seite. Fast scheint es, als ob ihm seine kleine Rede bereits leidtäte.
„Ich will Sie gar nicht unnötig stressen, Frau Zinn. Sie dürfen gern Home-Office-Tage nehmen. Wir legen Familien da keine Steine in den Weg. Aber schauen Sie einfach, dass Sie eben auch hier sind – und ansprechbar für die Kollegen. Die sollen ja nicht denken, Sie hätten bei uns Sonderrechte, d’accord?“
Er blinzelt wohlwollend, dann betreten sie Schulter an Schulter den Konferenzraum. Unter den Blicken der 18 Kolleg*innen, die, von ihrem gemeinsamen Auftritt überrascht, neugierig tuscheln, sucht Jo mit gesenktem Kopf nach einem Platz in der Runde. Der einzige freie Stuhl ist neben Steffen. Der Polizeireporter grinst breit, als sie so geräuschlos wie möglich neben ihn gleitet.
„Zinnchen, Zinnchen. Den Schneider? Das hätte ich nicht von dir erwartet. Hat der nicht auch schon längst Rost angesetzt an seinen tieferliegenden Leitungen?“ Jo macht sich nicht mal die Mühe, ihm einen vernichtenden Blick zuzuwerfen. Als die sich ewig ziehende Konferenz endlich ein Ende nimmt, stürmt sie ohne ein Wort an Freund und Feind vorbei in die Sportredaktion.
„Dave?“
„Hi, Jo, schön, dass du wieder da bist. Wie waren die Tage daheim mit Mann und Kind?“
Jo beißt sich auf die Unterlippe. Langsam müsste sie mal einen Plan aufzeichnen, wem sie über die zurückliegende Woche welche Lüge aufgetischt hat. „Gut, danke.“
„Freut mich. Was kann ich für dich tun?“
„Wofür hast du mich denn vorgesehen diese Woche?“
„Schon mal Richtung kommendes Heimspiel. Um die Nationalelf kümmern sich Fred und Jakob, Thorsten ist wie immer mit dem NLZ beschäftigt und Gabi hat diese Woche frei.“
„Hat der Verein einen Spieler vorgeschlagen fürs Interview?“
„Ja, Adler. Wenig überraschend. Heute um zwei. Schaffst du das?“
„Klar. Und passt es für dich, wenn ich versuche, auch noch Latza zu kriegen?“ Jo weiß sehr wohl, dass Dave neben dem Spieler, dessen Aussagen vor einer Partie in sämtlichen Medien zu lesen sind, gerne noch eine Story exklusiv hat. Sie will ihm zeigen, dass sie mitdenkt.
„Wieso ausgerechnet Latza?“
„Der hat im letzten Heimspiel gegen den HSV im Dezember doch die drei Tore geschossen, erinnerst du dich?“
„Richtig, da war was. Unangenehm.“
„Aber nur, wenn man’s mit Hamburg hält.“
„Was soll ich machen? Hättest du 1983 als Siebenjährige gesehen, wie Felix Magath im Pokalfinale der Landesmeister das Siegtor gegen Juve schießt, würde es dir genauso gehen.“
„Nur, dass ich da erst ein Jahr alt war und mein einziges Interesse an Bällen darin bestand, sie abzulecken.“
„Den Ball, mit dem Magath das Tor geschossen hat, hätte ich auch sofort abgeleckt.“
„Ist ja widerlich.“ Jo grinst.
„Mach mal. Mit Latza. Schöne Idee.“
„Danke. Und Dave?“
„Hm?“
„Okay, wenn ich nach dem Interview mit Adler heute Nachmittag von zuhause schreibe?“
Der Sportchef dreht sich zu ihr um, schiebt seine Brille zurück in die langen Locken und betrachtet Jo nachdenklich. „Wenn du erst die Termine für die Interviews ausmachst, von mir aus. Aber dann schau bitte, dass du Donnerstag und Freitag hier sichtbar bist. Ich führe jetzt keine Stechuhren ein, aber ich will auch keine Meuterei auf der Bounty, weil die Kollegen denken, du liegst den ganzen Tag mit Kokosnüssen unter Palmen.“
Die Runde mit René Adler im Mediencontainer der 05er hinter dem alten Bruchwegstadion verläuft absolut angenehm. Insgesamt 13 Journalist*innen quetschen sich in den Raum. Meistens sitzen sie hier in kleinerer Runde zusammen, aber Gegner wie der HSV locken ein paar mehr Interessierte an. Zwischendurch steckt Sandro Schwarz kurz den Kopf durch die Tür und grüßt in die Runde, dann verschwindet er im Büro von Pressesprecherin Silke Bannick. Die wöchentliche Medienrunde, die meist am Dienstag stattfindet, ist aufgrund des Feiertages gestern ausgefallen. Auch die übliche Pressekonferenz wird es am Donnerstag wegen der Länderspiele nicht geben. Jo hat ihre Arbeitswochen gut zwischen den regelmäßigen Terminen eingerichtet und schätzt die Routine, die sich daraus ergibt. Ihre Tage in der Lokalredaktion waren viel weniger planbar. Aber sie vermisst Anda, ihre Plaudereien und die gemeinsamen Mittagspausen. Gerade sieht sie extrem wenig von ihrer Freundin, das muss sie dringend ändern.
Jo steht, ins Gespräch mit Alexander Bonengel von sky vertieft, vor dem Mediencontainer, als der Coach hinter ihnen das langfristige bauliche Provisorium verlässt. Sie entschuldigt sich beim Kollegen und nimmt die wenigen Schritte zu Bannicks Büro.
„Silke?“
Die Pressesprecherin schaut vom Handy auf. „Hi, Jo. Zurück aus dem Urlaub? Hattest du eine schöne Auszeit?“
„Ja, danke! Du, sag mal, gibt’s eine Chance, vor dem Heimspiel ein Interview mit Danny Latza zu bekommen?“
„Das sollte gehen. Ich checke das und melde mich später, ja?“
„Tausend Dank. Am liebsten ohne die anderen Kolleg*innen.“
„Das habe ich schon verstanden.“
Die Frauen grinsen sich an, dann klingelt Bannicks Telefon und Jo verlässt mit einem stummen Winken den Container.
Halb vier. Höchste Zeit, ihr Versprechen bei Luca einzulösen.
Kapitel 6
Auf dem Weg zum Auto klingelt Jos Handy. Hans. Kurz überlegt sie, einfach nicht dranzugehen. So sehr sie sich nach der Rückkehr aus Barcelona gefreut hat, ihn wiederzusehen, so schnell ist er ihr in den Tagen danach auch auf den Wecker gegangen. Es ist nicht so, dass er sich blöd verhält oder etwas falsch macht. Sie kann nur seine permanente Anwesenheit in ihrer Wohnung nicht ertragen. Thematisiert sie das aber, fängt er wieder davon an, dass sie doch zusammenziehen könnten – aus diesem Kreislauf scheint es kein Entkommen zu geben. Jo atmet tief durch und geht ran.
„Hi there, Sheriff.“
„Du willst nicht ernsthaft noch eine zweite Katze in diese kleine Wohnung holen.“
Sie spürt, wie etwas in ihrer Kehle heftig rumort. Es bringt sie auf die Palme, dass Hans, wenn er verärgert ist, keine Fragen stellt, sondern versucht, mit Ansagen Fakten zu schaffen.
„Dir auch einen schönen guten Tag.“
„Jo, was soll der Blödsinn?“
„Sag du’s mir. Ich habe nicht angerufen.“
„Was erzählt Luca mir da von einer neuen Katze?“
„Wann hast du mit Luca gesprochen?“
„Eben.“
„Und warum?“
„Ich wollte hören, was ihr heute noch vorhabt. Weil ich dich weder auf dem Handy noch im Büro erreichen konnte, habe ich bei Nonna angerufen und Luca gefragt.“
Das, was da in Jos Kehle rumort, wächst bei Hans’ Worten in alle Richtungen. Es umschließt ihr Herz, verstopft ihre Kehle und beschwert ihre Zunge.
„Jo?“
„Das geht so nicht, Hans.“
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Diese Hinterhertelefoniererei. Ich rufe doch auch nicht auf dem Präsidium an, wenn ich dich übers Handy nicht kriege. Oder bei deiner Familie.“
„Ich bezweifle, dass du da irgendeine Nummer hast.“
„Was zur Hölle soll das wieder heißen?“
„Als ob dich meine Familie interessieren würde. Wie oft waren wir bislang zusammen bei meinen Eltern?“
„Worüber willst du jetzt genau mit mir reden, hm? Meinen Sohn? Deine Eltern? Die Frage, wie viele Katzen ich in meiner Wohnung halten darf? Oder vielleicht doch was Grundsätzliches?“
Schweigen. Jo ist inzwischen am Auto angekommen und lässt sich auf den Fahrersitz des Lupos gleiten.
„Wenn du’s nicht weißt, Hans. Ich weiß es sicher nicht.“
„Vielleicht sollten wir mal grundsätzlich reden.“
„Be my guest. Aber nicht heute.“
„Weil du erstmal eine neue Katze anschaffen musst? Als wäre das nicht etwas, worüber wir vorher sprechen sollten?“
„Muss ich dich denn auch um Erlaubnis bitten, wenn ich mir neue Bettwäsche kaufe?“
„Jo, das ist was komplett anderes. Hier geht es um Verantwortung für ein Lebewesen. Und wenn wir irgendwann zusammenwohnen, möchte ich vielleicht mitreden dürfen, wenn es darum geht, wie viele Menschen und Tiere da beteiligt sind.“
„Wenn wir irgendwann mal zusammenwohnen sollten, kannst du dich da gerne auch einbringen. Aber vorher geht es dich echt einen feuchten Scheißdreck an.“
Noch bevor Jo auflegen kann, tönt ihr aus dem Hörer ein Tuten entgegen. Wütend knallt sie das Handy auf den Beifahrersitz und startet den Motor. Im Autoradio singt Gisbert zu Knyphausen
„Es gelingt nicht mehr
so zu tun als wär’ alles okay
für diese Scheinheiligkeit ist es zu spät
du hast einen Wurm im Ohr der dich verweht
wir sind immer unterwegs
aber überall zu spät.“
Jo unterdrückt das Bedürfnis zu heulen und brettert in Richtung Nonnas Wohnung durch den Nachmittag. Die Anrufe, die auf dem Weg dorthin mit unterdrückter Nummer bei ihr eingehen, nimmt sie erst wahr, als sie den Wagen am Ostergraben parkt, um Luca bei ihrer Großmutter einzusammeln. Sieben neue Nachrichten auf der Mobilbox. Was zur Hölle?
„Jo, bitte leg nicht gleich auf, hör dir erst …“
Es ist Finns Stimme, die sich da unerwartet in ihr Ohr schleicht. Jo hat seine Nummer seit dem letzten Anruf gesperrt, aber indem er sie unterdrückt, dringt er offenbar doch zu ihr durch. Sie schnaubt. Was für eine beschissene Dreckstechnik. Sicher auch super für die Opfer von Stalking, dass irgendwelche Arschlöcher nur absolute Basics bei der Bedienung eines Telefons draufhaben müssen, um einfach ungestört weiter zu nerven. Im Telefonbuch ihres Handys sucht Jo fahrig nach Finns Nummer, wählt daneben die kleine Sprechblase für eine SMS aus und tippt:
„Lass mich in Ruhe, du Penner. Sonst gehe ich zur Polizei.“
Beim Wort Polizei muss Jo an Hans denken, und dass er auf der Liste von Menschen, die sie gerade am liebsten nicht sehen will, den Platz direkt hinter Finn hat. Mit einem zynischen Lachen knallt sie die Tür ihres Lupos ins Schloss. Was für ein Scheißtag.
„Engelchen.“
„Nonna.“
Jo fällt ihrer Großmutter so heftig in die Arme, dass die alte Frau ins Wanken gerät. Mit beiden Armen fest um Nonna geschlossen, bringt Jo die Bewegung, die sie selbst ausgelöst hat, wieder unter Kontrolle. Sie küsst die Großmutter sanft auf den Kopf, tritt einen Schritt zurück und lächelt sie schief an.
„Alles gut bei dir?“
„Besser als bei euch, Kleines.“
„Wieso? Stimmt was nicht mit Luca?“
„Die Frage ist eher, was mit dir nicht stimmt. Eine zweite Katze?“
„Fang du nicht auch noch an.“
„Wieso auch?“
„Weil Hans mich schon nervt, in der Wohnung sei nicht genug Platz für noch ein Tier. Als ob es ihn was angeht.“
„Engelchen.“ Nonna greift nach ihrer Hand. „Mich geht es nichts an, wie viele Katzen in eure Wohnung passen. Aber du sagst seit Monaten, noch ein Tier kommt nicht in Frage. Jetzt versprichst du es deinem Sohn aus dem Nichts zwischen Tür und Angel. Mit solchen großen Gesten willst du meistens ein schlechtes Gewissen beruhigen. Ich muss es wissen, denn das hast du von mir.“
„Autsch.“
„Hm?“
„Treffer, versenkt.“
„Das weiß ich doch, Jo. Was ist los?“
„Kann ich dir das ein andermal erzählen, Nonna? Ich will wirklich mit dir drüber reden. Ich weiß nämlich nicht mehr weiter. Aber nicht jetzt. Ist das okay? Heute will ich einfach mit meinem Kind Katzenbabys flauschen. Das brauche ich gerade.“
Nonna führt Jos Hand, die sie immer noch in ihrer hält, zum Mund und haucht ihr einen sanften Kuss auf die Finger. „Wie du magst, Kleines. Aber denk dran, du kannst Luca nicht jedes Mal eine neue Katze schenken, wenn du dich ihm gegenüber schlecht fühlst. Und ich bin eine alte Frau und werde wohl nicht mehr ewig hier sein.“ Sie lächelt verschmitzt, trotz der Schwere ihrer Worte.
„Du wirst hundert, Nonna. Das hat der liebe Gott versprochen.“
„An den glaubst du doch gar nicht.“
„Aber Luca. Und der hat es mit ihm ausgemacht.“
„Mama?“
„Was denn, Cookie?“
„Möchtest du ein Mädchen oder einen Jungen?“
„Ich bin mit dir ganz zufrieden.“
„Orrr. Mama. Ich meine die Katze.“
„Da bin ich mit Obama ganz zufrieden.“
„Mama. Du bist unmöglich.“
Jo betrachtet den zappelnden Luca im Rückspiegel und muss über seine offensichtliche Ungeduld lachen.
„Hör mal, Cookie. Ich habe dir das mit der Katze noch nicht fest versprochen, okay? Es ist also nicht gesagt, dass wir da gleich mit einem neuen Mitbewohner aus dem Tierheim rausgehen.“
„Es ist aber auch nicht gesagt, dass wir es nicht machen.“
Jo grinst.
„Also, willst du ein Mädchen oder einen Jungen, Mama?“
„Ich bin mit meinem Jungshaushalt eigentlich ganz zufrieden. Du, Obama und ich – das klappt ganz gut, was meinst du?“
„Und Hans.“
„…“
„Mama?“
„Hm?“
„Warum hast du ein eigenes Zimmer und ich habe ein eigenes Zimmer und Hans hat kein eigenes Zimmer? Er weiß gar nicht, wo er seine Sachen hintun soll, wenn er bei uns ist.“
„Hat er das gesagt?“
Luca grübelt angestrengt.
„Cookie?“
„Du darfst nicht mit ihm schimpfen.“
„Wieso sollte ich mit Hans schimpfen?“
„Er sagt, du bist sauer, wenn er ein eigenes Zimmer will.“
„Sagt er das, hm.“
Nicken.
„Schau mal, Luca, als wir in die Wohnung gezogen sind, da gab es Hans doch noch gar nicht. Erinnerst du dich?“
„Ja. Da gab es Jonas.“
Jo beißt sich heftig auf die Unterlippe. „Stimmt, da gab es Jonas.“ Die plötzliche Erwähnung ihres besten Freundes versetzt ihr einen Stich. Sie macht eine mentale Notiz, in den kommenden Tagen zu seinem Baum im Friedwald zu fahren.
„Jonas hatte auch kein eigenes Zimmer, Mama.“
„Nein. Er hatte eine eigene Wohnung. Genau wie Hans.“
„Hast du ein Zimmer in Hans’ Wohnung?“
„Nein. Die ist dafür auch viel zu klein.“
„Und unsere ist zu klein für ein Hans-Zimmer.“
„Stimmt.“
Luca zwirbelt mit den Haaren in seinen Locken. „Mama.“
„Was denn, Cookie?“
„Hättest du gerne eine andere Wohnung?“
„Wie meinst du das?“
„Eine für uns alle. Mit Hans?“
„Hättest du das denn gerne?“
Jo fährt auf den Stellplatz neben dem Tierheim und dreht sich zu ihrem Sohn um. Luca betrachtet angestrengt seine Nägel, von denen die dunkelgrüne Farbe schon fast vollständig abgeblättert ist. Sie macht eine weitere gedankliche Notiz, schwarzen Lack zu besorgen. Den hat er sich als nächstes gewünscht und sie weiß, der Zwerg wird sie an die alte Farbe nicht ranlassen, ohne, dass sie neue besorgt hat, die sie ihm anschließend aufträgt.
„Ich mag Hans echt gerne, Mama.“
Sie drückt ihrem Sohn die feuchte Hand. „Ich auch.“
„Aber ist es okay, wenn ich keine andere Wohnung will? Auch, wenn Hans dann traurig ist?“
Jo quetscht sich so gut es geht zwischen den Sitzlehnen hindurch, um Luca zu umarmen. „Natürlich ist das okay, Cookie.“
Er schnieft.
„Und Hans ist auch gar nicht traurig.“
„Doch.“
„Nein. Mach dir keine Sorgen.“
„Aber er hat es mir gesagt.“
Jos Herz setzt einen Schlag aus. Sie nimmt das Gesicht ihres Sohnes in beide Hände. „Was hat er gesagt?“
„Dass er traurig ist, weil er nicht bei uns wohnen darf.“
Zähneknirschen.
„Als du weg warst.“
„Cookie. Das war nicht in Ordnung von Hans.“
„Du darfst nicht mit ihm schimpfen.“
Etwas in Jos Brust explodiert.
„Werde ich nicht, versprochen. Aber du darfst nicht mehr traurig sein, okay? Das ist ein Erwachsenenthema. Und Hans hätte nicht mit dir darüber sprechen dürfen. Ich rede mit ihm.“
„Mama, bist du sauer?“
„Auf keinen Fall.“
So viele Lügen. Und so viel Wut. Als Jo mit Luca an der Hand auf das Tor der Tierhelfer zustapft, ist ihr ein bisschen schwindelig. Sie könnte Hans umbringen für das, was er getan hat. Wie kann er es wagen, ihren Sohn in diese Diskussion hineinzuziehen? Das ist astreine Erpressung. Sie muss unbedingt mit ihm reden.
Als Jo die gusseiserne Klingel drückt, brummt ihr Handy. Sie zieht es ein Stück aus der Jackentasche, um aufs Display zu schauen. Es ist eine Nachricht von Adam. „Du fehlst.“
Mist.
Mist.
Mist.
Бесплатный фрагмент закончился.
