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Inhalt
1 Cover
2 Titelei
3 Die Mission der Maru Tai
4 1.
5 2.
6 3.
7 4.
8 5.
9 6.
10 7.
11 8.
12 9.
13 10.
14 11.
15 12.
16 Epilog
17 Wissenswertes
Mara Laue
Die Mission der
MARU TAI
Space Opera

Science-Fiction
Laue, Mara : Die Mission der Maru Tai. Hamburg, Plan9 Verlag 2021
Originalausgabe
EPUB-ISBN: 978-3-948700-20-1
Dieses Buch ist auch als Print erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.
Print-ISBN: 978-3-948700-19-5
Lektorat: global:epropaganda Michael Haitel
Korrektorat: Claudia Lezár
Satz: 3w+p GmbH, Rimpar
Umschlaggestaltung: Agentur Guter Punkt, München
Umschlagmotiv: Großes Raumschiff: © freestylephoto/GettyImages, Bildnummer: 1159450909, kleines Schiff: © Sylphe_7/GettyImages, Bildnummer: 494188960, Planet: © Aphelleon/GettyImages, Bildnummer: 472679632, Asteroiden: © dottedhippo/GettyImages, Bildnummer: 977816826
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© Plan9 Verlag, Hamburg 2021
Alle Rechte vorbehalten.
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Die Mission der Maru Tai
1.
Terranisches Raumschiff MARU TAI im Orbit um Diadem 7
23. 04. 2403 Bordzeit
Botschafter Hamid al Mahdi trat zu Yora Davidoff und schüttelte ihr die Hand. »Danke, Lieutenant! Durch Sie und Ihr Team habe ich mich während der Verhandlungen unglaublich sicher gefühlt. Aber wie haben Sie es nur geschafft, angesichts der martialischen Aggressivität der Ganuti so ruhig zu bleiben?«
Yora lächelte. »Das ist mein Job als Sicherheitschefin, Herr Botschafter. Und eine Frage der Vorbereitung auf die Mission. Die Ganuti haben ihr aggressives Gebaren ritualisiert. Mit anderen Worten: Das ist nur Show. Die man übrigens Ihnen zu Ehren veranstaltet hat, um zu zeigen, wie furchtlos das ganutische Volk ist. Gefährlich wäre es erst geworden, wenn einer oder mehrere ihr Spiralarmband abgenommen hätten.«
Hamid al Mahdi schüttelte den Kopf. »Wäre das eine Herausforderung gewesen, so wie auf der Erde im Mittelalter die Ritter einander den Fehdehandschuh hingeworfen haben?«
»Nein. Diese Armbänder sind Hightechwaffen. In der Schließe, die zugleich der Griff ist, befindet sich ein Mechanismus, der die Armbandschnüre in eine Art Laserpeitschen verwandelt. Was immer die Dinger treffen, es wird tranchiert.«
Al Mahdi schluckte. »Umso froher bin ich, dass die Ganuti nun endgültig auf unserer Seite stehen.« Er lächelte. »Diadem sieben – Ganutara, wollte ich sagen, schließlich nennen die Ganuti ihre Welt so – ist ab sofort das neueste Mitglied der Ikan Muron Union.«
»Herzlichen Glückwunsch, Herr Botschafter.«
»Sind alle an Bord?«, ertönte die Stimme von Captain Yin Chen aus dem Lautsprecher in der Hangarschleuse und enthob al Mahdi einer Antwort.
»Ja, Captain«, bestätigte Yora. »Mission erfüllt, keine Zwischenfälle, keine Verletzten oder Erkrankten, keine Verluste.«
»Gut. Bringen Sie den Botschafter in meinen Besprechungsraum.«
»Ja, Ma’am«, bestätigte Yora, aber Captain Chen hatte die Verbindung schon unterbrochen. Sie lächelte al Mahdi zu. »Sie haben den Captain gehört, Herr Botschafter. Ich darf Sie zu ihr geleiten.« Sie deutete auf die Schleusentür, die in diesem Moment zur Seite glitt, und ging mit al Mahdi zum Lift, der sie zum Besprechungsraum neben der Zentrale bringen würde.
Captain Chen war immer kurzangebunden und hielt sich nicht mit Höflichkeitsfloskeln auf, eine Eigenheit, an die Yora sich erst hatte gewöhnen müssen. Aber die Aufforderung hatte nicht nach Chens üblicher Wortkargheit geklungen, sondern ... Yora lauschte im Geist ihrer Stimme nach und kam zu dem Schluss, dass Chen wegen irgendetwas besorgt war. Sie bezweifelte allerdings, dass sie das ihr gegenüber preisgeben würde. Yin Chen war eine Kommandantin alter Schule, die den Standpunkt vertrat, dass die Schiffsführung alles, die leitenden Offiziere wenig und die Crewmitglieder nichts wissen mussten, sofern es nicht überlebensnotwendig war. Leider machte sie auch bei ihrer Sicherheitschefin keine Ausnahme.
Dass sie Yora aufgefordert hatte, den Botschafter persönlich zum Besprechungsraum zu bringen, war kein gutes Zeichen, denn das hatte sie nie zuvor getan. Chen hatte al Mahdi eine persönliche Ordonnanz zugeteilt, die für diese Dinge zuständig war. Yora hatte lediglich dafür zu sorgen, dass er immer von mindestens zwei Sicherheitsleuten begleitet wurde. Zwar war wenig wahrscheinlich, dass irgendein Crewmitglied sich ihm gegenüber unangemessen verhielt, aber nicht jedem gefiel seine Mission. Mit ehemaligen Feinden, die noch bis vor kurzem Krieg gegen die Ikan Muron Union geführt hatten, ein Bündnis zu schließen und sie der IMU einzugliedern, stieß manchem sauer auf, auch hier an Bord. Menschen, die durch den Krieg Angehörige und Freunde verloren hatten, könnten auf den Gedanken kommen, im harmlosesten Fall den Botschafter nur anzupöbeln und im schlimmsten Fall handgreiflich zu werden – bis zum Mordversuch. Doch das wusste Yora zu verhindern, denn sie hatte ihre Sicherheitscrew für alle Eventualitäten gut trainiert.
Yora hatte den Posten auf der MARU TAI erst vor fünf Monaten übernommen und gehofft, er würde sich als weitere Stufe auf ihrem Weg zu einem eigenen Kommando erweisen. Schließlich war das Schiff ein hochmoderner Kreuzer der Chamäleon-Klasse. »Chamäleon«, weil es durch modifizierbare Module der Innen- und Außenwände wandelbar war und als nahezu alles eingesetzt werden konnte: Kampfschiff, Aufklärer, Forschungsschiff, Handelsschiff, Frachtschiff, Passagierschiff, Kurierschiff und notfalls sogar als Gefangenentransporter. Oder als Diplomatenschiff, um einen Botschafter der IMU zu anderen Welten zu bringen.
Der Posten als Sicherheitschefin war anspruchsvoll und abwechslungsreich. Yora hatte nicht nur für die Sicherheit der Crew und der Passagiere innerhalb des Schiffes zu sorgen oder im Fall einer Außenmission auf fremden Welten als Bodyguard zu fungieren. Sie war auch dafür verantwortlich, dass die Sicherheitsschaltungen des Schiffes einwandfrei funktionierten. Bei Frachttransporten musste sie sicherstellen, dass die Ladungen ordentlich verstaut waren und keine Unfallgefahr bildeten. Und im Fall von Streitigkeiten unter Crewmitgliedern oblag ihr die Schlichtung oder als Teil der Polizeigewalt in der Terranischen Raumflotte die Verfolgung und Aufklärung eines Verbrechens. Abwechslungsreich in der Tat.
Wäre da nicht Captain Chen, die eine Sicherheitschefin an Bord ihres Schiffes für völlig überflüssig hielt und aus dieser Haltung keinen Hehl machte. »Ich habe mein Schiff und meine Crew mitsamt der Sicherheit im Griff«, hatte sie Yora bei ihrem Dienstantritt unverblümt gesagt. »Sie, Lieutenant Davidoff, sind nur hier, weil das Flottenkommando neuerdings eine Sicherheitsabteilung für alle Schiffe vorschreibt. Seien Sie mir nicht im Weg, dann kommen wir miteinander aus. Ansonsten lasse ich Sie versetzen.«
So viel zur Sprosse auf der Leiter zum eigenen Schiff. Da wären ein paar lobende Worte von Botschafter al Mahdi in den Ohren des Flottenkommandos erheblich nützlicher. Doch dazu hatte al Mahdi keine Veranlassung, denn wie Yora ihm gesagt hatte, tat sie nur ihren Job. Und da auf Diadem 7 nichts passiert war – was hätte er loben sollen?
Der Lift hielt neben der Zentrale. Die Tür glitt auf und gab den Weg ins Herz des Schiffes frei. Die Besatzung der Zentrale, fünf Frauen und Männer, stand geschlossen auf und grüßte al Mahdi. Yora spürte eine Anspannung, die noch nicht da gewesen war, als sie und al Mahdi zu den Ganuti aufgebrochen waren. Irgendetwas musste in der Zwischenzeit passiert sein. Das zeigten auch die ernsten Gesichter der Anwesenden.
Yora betätigte den Melder an der Tür zu Chens Bereitschaftsraum, die sich neben dem Lift befand. Die Tür glitt auf. Chen und Commander Pol Wendt, der Erste Offizier, erwarteten sie bereits. Auch ihre Gesichter waren sehr ernst.
»Botschafter al Mahdi, Ma’am, Sir!«, meldete Yora und wartete, bis der Mann eingetreten war, ehe sie sich abwandte.
»Bleiben Sie, Lieutenant«, befahl Chen und bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung einzutreten.
Yora gehorchte und blieb neben der Tür stehen, während al Mahdi unaufgefordert vor Chens Arbeitsstation neben Commander Wendt Platz nahm.
»Die Mission war ein voller Erfolg, Captain«, teilte al Mahdi der Kommandantin mit. »Wir können unser nächstes Ziel anfliegen.«
»Das können wir nicht«, widersprach Chen. »Alle Schiffe, die nicht bei der Grenzsicherung eingesetzt sind oder für Versorgungstransporte gebraucht werden, wurden zurück–beordert.« Für einen Moment drückte ihr Gesicht Wut aus, ehe sie sich wieder im Griff hatte. »Die MARU TAI muss sich mit anderen Schiffen der Chamäleon-Klasse schnellstmöglich auf Frachtbasis sieben-drei-drei einfinden, Fracht aufnehmen und danach Tema anfliegen. Sie, Herr Botschafter, werden unterwegs von einem Kurierboot abgeholt und zu einem anderen Schiff transportiert, das Sie auf Ihrer weiteren Mission begleiten wird.«
Al Mahdi schüttelte den Kopf. »Was ist passiert?«
Das interessierte auch Yora brennend. Dass alle Schiffe von ihren aktuellen Einsätzen zurückbeordert wurden, sofern sie keine für die Gemeinschaft der IMU oder Terra lebensnotwendigen Aufgaben zu erfüllen hatten, kam einer Mobilmachung gleich. Yora stöhnte innerlich. Der letzte Krieg gegen die Flottenverbände des Arsan-Bundes lag erst fünfzehn Jahre zurück. Yora hatte ihn als junge Offizierin erlebt und seine Schrecken immer noch in lebhafter Erinnerung.
»Auf Tema gab es vor einer Woche eine Naturkatastrophe. Sämtliche Vulkane des Planeten sind nahezu gleichzeitig ausgebrochen und haben verheerende Verwüstungen angerichtet. Nach aktuellen Meldungen ist ein Viertel der Bevölkerung dabei ums Leben gekommen: zwei Milliarden Temanai. Die Zahl der Verletzten ist mindestens ebenso hoch, die Zahl der Obdachlosen nicht abzuschätzen.« Chen schüttelte den Kopf. »Ob der Planet in ein paar Wochen oder Monaten überhaupt noch bewohnbar sein wird oder evakuiert werden muss, steht noch nicht fest.«
»Bei der Liebe Allahs!« Al Mahdi fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Was für eine Katastrophe!«
Yora teilte seine Fassungslosigkeit. Die Temanai waren ein hochzivilisiertes Volk, das den meisten Völkern der IMU wie auch denen des Arsan-Bundes technisch weit voraus war. Schon vor Jahrhunderten ihrer Zeitrechnung war ihnen mithilfe ihrer fortschrittlichen Technik gelungen, die vulkanischen Aktivitäten ihres Planeten zu zähmen und deren Energien nutzbar zu machen. Dass auch nur ein einziger Vulkan auf Tema ausbrechen konnte, ohne dass im Vorfeld Dutzende Warnsysteme das rechtzeitig registrierten und die Eindämmungsmechanik den Ausbruch verhinderte, war extrem unwahrscheinlich. Dass alle Vulkane gleichzeitig ausbrachen, war unmöglich. Es sei denn ...
»Sabotage«, war Yora überzeugt.
Chen warf ihr einen verweisenden Blick zu, weil sie unaufgefordert gesprochen hatte, aber Commander Wendt nickte.
»Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit«, gab er ihr recht. »Und wir brauchen wohl nicht allzu lange oder überhaupt zu überlegen, wer dahinter steckt.«
Al Mahdi nickte. »Die Arsans.« Er schüttelte den Kopf. »Und über den Grund brauchen wir auch nicht zu spekulieren.«
Der lag auf der Hand. Die Temanai verfügten nicht nur über technische Errungenschaften, die bei nahezu allen Völkern permanente Begehrlichkeiten weckten. Auf ihrem Planeten und in dessen gesamtem Sonnensystem gab es auch ausgedehnte Rohstoffvorkommen, von denen einige nur dort existierten; zumindest waren sie bisher nirgendwo anders gefunden worden. Einer davon, die Kamurkristalle, stellte eine extrem leistungsfähige Energiequelle dar. Wurden sie zu entsprechenden Passstücken geschliffen und in Relais eingesetzt, konnte man sie für nahezu alles verwenden. Waffen- und Verteidigungssysteme, die mit ihnen betrieben wurden, galten als unschlagbar.
Eben deshalb weigerten sich die Temanai, irgendwem auch nur einen einzigen Kamurkristall zu verkaufen, und blieben politisch betont neutral. Die Arsan-Völker würden die Kristalle zweifellos zur Kriegführung benutzen, und das wäre das Ende der IMU und der Freiheit ihrer Mitglieder. Ikan Muron – »freie Völker« in der Verkehrssprache der IMU. Denn die Arsans und ihre Bündnispartner lebten die Prämisse, dass der Stärkere das Recht hatte, sich alles zu nehmen, was er wollte und erobern konnte. Was der Grund für den vergangenen Krieg und die Gründung der Ikan Muron Union gewesen war.
Vor fünfzehn Jahren war ein Waffenstillstand nur dadurch erreicht worden, dass der IMU genug Völker beigetreten waren, um die Kampfkraft des Arsan-Bundes zwar noch nicht vollständig auszugleichen, aber eine Pattsituation zu erreichen. Eine Fortsetzung des Krieges hätte in einem Pyrrhussieg für eine der beiden Seiten geendet. Selbst wenn die Arsan-Völker ihn errungen hätten, wären sie hinterher so geschwächt gewesen, dass sie ihr erobertes Sternenreich nicht mehr hätten zusammenhalten können. Ein Teil der von ihnen unterdrückten Völker hätte rebelliert und die Gelegenheit genutzt, das Arsan-Joch endgültig abzustreifen. Die Füße, Tentakel und sonstigen Gliedmaßen vorläufig stillzuhalten, war die einzige Möglichkeit gewesen, ihr Reich zu behalten. So lange, bis sie einen Weg gefunden hatten, ihre Eroberungen fortzusetzen.
Was nur mithilfe von kamurkristallbetriebenen Waffen und Schutzschilden möglich wäre. Yora war sich sicher, dass die Arsans vor fünfzehn Jahren schon nach einem Weg gesucht hatten, Kamurkristalle zu bekommen, und zwar nicht nur eine begrenzte Anzahl, sondern sich die Quelle vollständig einzuverleiben: Tema. Und die Vorbereitung für diesen Coup hatte entsprechend viele Jahre gedauert.
Wenn Yora sich recht erinnerte, gab es auf Tema 1538 aktive Vulkane. Jeder besaß eine eigene Station, die seine Tätigkeit überwachte und seine Energie in die richtigen Bahnen lenkte. Wenn man alle Vulkane gleichzeitig ausbrechen lassen wollte, musste man mindestens einen Saboteur in jeder dieser Stationen haben. Da die Temanai politisch und wirtschaftlich neutral waren und weder der IMU noch dem Arsan-Bund angehörten, gab es auch nur wenige Nicht-Temanai, die auf Tema arbeiteten. Und diese wurde nicht an neuralgischen Stellen eingesetzt, wo sie Sabotage hätten betreiben können.
Die Arsans mussten also im Laufe der vergangenen Jahre ihre Saboteure unter den Temanai rekrutiert haben. Yora würde nie verstehen, warum jemand sein eigenes Volk verriet. Erst recht nicht an Wesen wie die aus dem Arsan-Bund. Welches Wesen, das seinen Verstand noch beisammenhatte, half Feinden nicht nur, Milliarden Leute des eigenen Volkes zu töten, sondern auch noch einen Großteil des Planeten zu verwüsten?
Andererseits waren die Arsans Meister der Verführung und beherrschten virtuos die Taktik, die Schwachpunkte ihrer Gegner auszumachen und diese gegen sie zu verwenden. Und zwar in einer Art, dass die Gegner manchmal gar nicht oder erst viel zu spät merkten, dass sie getäuscht worden waren. Diese Fähigkeit war auch der Grund, weshalb etliche Völker des Arsan-Bundes sich den Arsans, die ihn gegründet hatten, freiwillig angeschlossen hatten.
Wenn die Geschichtsschreibung in diesem Punkt nicht irrte, hatte das Volk der Arsans – eine humanoide und sehr kriegerische Rasse – ihre ersten Nachbarplaneten erobert, indem es unter dem Deckmantel der Etablierung von Handelsbeziehungen genug kampfkräftige Leute auf den jeweiligen Planeten stationiert und sogar die Regierungen unterwandert hatte. In einem wohlvorbereiteten Handstreich hatten sie gezielt zugeschlagen und die Macht an sich gerissen. Danach hatten sie die Bevölkerung mit Vergünstigungen und anderen Vorteilen davon überzeugt, dass die Eroberung ihrer Welt und die Herrschaft der Arsans zu ihrem Besten war.
Nach dem, was man von den Geflüchteten dieser Völker erfahren hatte, wurden alle, die sich weigerten, die Arsans als die neuen Herren ihrer Welten anzuerkennen, inhaftiert, als Aufrührer hingerichtet oder von ihrer Heimatwelt vertrieben. Wer sich den Arsans beugte, konnte in ihrer Hierarchie aufsteigen und reich werden oder einen prestigeträchtigen Posten in ihrer Eroberungsflotte bekleiden. Deshalb bestand die Arsan-Flotte nicht nur aus Schiffen der Arsans selbst, sondern auch aus solchen, die keine Arsan-Konstruktionen waren.
Andere Völker hatten sich ihnen freiwillig angeschlossen, um ebenfalls in den Genuss dieser Vorteile zu gelangen. Nicht zuletzt, weil ein starker Verbündeter Schutz bot und aggressive Expansion Profit brachte. Vorausgesetzt man konnte die Gegner mit einer Übermacht oder überlegener Technologie angreifen und dadurch die eigenen Verluste minimieren. Mit Sicherheit war Letzteres der Grund für die Sabotage der temanischen Vulkanstationen.
»Die durch die geballten Vulkanausbrüche verursachten Erdbeben und Tsunamis müssen verheerende Folgen haben«, vermutete Botschafter al Mahdi.
Chen und Wendt nickten.
»Ein durch und durch beabsichtigter Effekt«, stellte Yora fest, nachdem sie sich sicher war, dass sich weder der Captain noch der Erste Offizier dazu äußern wollten.
Al Mahdi sah sie verständnislos an. »Wie meinen Sie das?«
»Kamurkristalle sind vergleichsweise langlebig, aber sie halten nicht ewig. In regelmäßigen Abständen müssen sie ausgetauscht werden. Die Temanai haben zwar keine Kriegsflotte, weil sie nie Krieg führen, aber sie haben auf ihrem Planeten Schutzschirmgeneratoren.«
Yora blickte Chen und Wendt an, ob einer von ihnen die Ausführungen fortsetzen wollte. Doch die beiden hörten ihr ebenso aufmerksam zu wie al Mahdi. »Ursprünglich«, fuhr sie fort, »dienten die Schutzschilde nur der Abwehr von Kometen und Meteoriten, die im temanischen Sonnensystem häufig vorkommen. Aber selbstverständlich kann man mit ihnen den Planeten auch gegen eine angreifende Flotte verteidigen.«
Wendt nickte. »Ich ahne, worauf Sie hinauswollen. Aber fahren Sie fort, Lieutenant.«
»Ja, Sir. Etliche kamurbetriebene Schildgeneratoren dürften durch die Katastrophe vernichtet worden sein. Und sämtliche Abbaugebiete der Kristalle, die sich ausnahmslos in den Wänden der Vulkane befinden, sind mit Sicherheit durch die Eruptionen auf Monate, wenn nicht auf Jahre hinaus verschüttet, sodass die noch vorhandenen Kristallmodule entsprechend lange Zeit nicht ersetzt werden können. Davon abgesehen werden die noch vorhandenen Ersatzkristalle und neue Kristalle, wenn sie endlich wieder gefördert werden können, in erster Linie für lebensnotwendige Dinge wie medizinische Geräte und Nahrungserzeugung benötigt, sodass die Schilde für noch längere Zeit als gewöhnlich mit den Kamurkristallen funktionieren müssen, die jetzt in ihnen stecken.«
Al Mahdi schüttelte den Kopf und blickte Yora fragend an. »Ich gestehe, ich verstehe nicht so ganz.«
»Die Vulkanausbrüche«, übernahm Chen das Wort, bevor Yora antworten konnte, »wurden gezielt herbeigeführt. In dem Punkt ist man sich sicher. Ebenfalls geht man davon aus, dass das Ziel des Attentats ist, die Kamurvorkommen für einige Zeit auf Eis zu legen, damit die Verteidigungswaffen nicht neu bestückt werden können.« Sie sah al Mahdi ernst an. »Sie wissen, wie das mit Energiemodulen ist, die sich nicht selbstständig neu aufladen oder ersetzt werden können. Sobald ihr letztes Quäntchen Energie verbraucht ist, sind sie nutzlos.«
Al Mahdi erbleichte. »Oh Allah! Das heißt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Arsan-Flotte Tema angreift.«
Chen nickte. »So ist es. Und deshalb bereiten sich auch alle IMU-Flotten darauf vor, den Temanai zu Hilfe zu eilen und ihren Planeten gegen die Arsans zu verteidigen.«
Also hatte Yora mit ihrer Vermutung recht gehabt, dass der Rückruf aller Schiffe, die nicht anderweitig gebraucht wurden, der Mobilmachung galt.
Al Mahdi schüttelte den Kopf. »Haben die Temanai diese Hilfe erbeten? Denn dadurch würden sie ihre bisherige Neutralität aufgeben.«
Chen schüttelte ebenfalls den Kopf. »Genau aus diesem Grund haben sie das bisher nicht getan. Und solange sie das nicht tun, dürfen wir nicht in Kämpfe eingreifen, die von den Arsan-Völkern mit Sicherheit in absehbarer Zeit gegen Tema geführt werden, sondern nur friedlich Hilfsgüter liefern. Aber die Führungsspitze der IMU ist davon überzeugt, dass die Temanai uns in absehbarer Zeit um militärische Hilfe bitten werden, bevor sie zulassen, dass ihre Welt in die Klauen der Arsan-Völker fällt.«
Al Mahdi seufzte tief. »Deshalb ist meine Mission wichtiger denn je. Wir brauchen noch mehr Verbündete, noch mehr Mitglieder in der IMU, um dem Arsan-Bund gewachsen zu sein.«
Weshalb al Mahdi nicht der einzige IMU-Botschafter war, der im Dauereinsatz die raumfahrenden Völker kontaktierte, die weder dem Arsan-Bund noch der IMU angehörten, um ihnen einen Beitritt zur IMU schmackhaft zu machen. Soweit Yora wusste, lehnten viele einen Beitritt aus Angst ab, dadurch in absehbarer Zeit in einen Krieg mit dem Arsan-Bund verwickelt zu werden. Dabei war gerade eine möglichst große Zahl kampfkräftiger IMU-Mitglieder die Garantie dafür, dass die Arsan-Völker ihre Eroberungspolitik in andere Richtungen ausdehnten und die Ikan Muron Union in Ruhe ließen.
Womit es vorbei wäre, sollte ihnen gelingen, Tema zu erobern und die Kamurkristallvorkommen auszubeuten. Danach wären die Arsans in der Lage, jeden Krieg zu gewinnen, sofern man ihnen nicht mit einer vielfachen Übermacht entgegentrat.
»Hoffentlich machen die Ganuti keinen Rückzieher und erklären ihren IMU-Beitritt für nichtig«, überlegte Chen. »Denn sobald sie von der Katastrophe auf Tema erfahren, dürfte ihnen klar sein, dass es zum Kampf kommen wird, an dem sie sich gemäß dem frisch unterzeichneten Beitrittsvertrag zu beteiligen haben. Und sie wären nicht die Ersten, die den Standpunkt vertreten, in guten Zeiten Freunde zu sein und durch Abwesenheit glänzen zu dürfen, wenn die Zeiten rau werden.«
Al Mahdi wiegte den Kopf. »Die Ganuti sind ein sehr kämpferisches Volk. Dass sie kneifen, kann ich mir nicht vorstellen. Aber wenn sie vielleicht glauben, dass wir schon von der Tema-Katastrophe wussten, bevor wir in die Verhandlungen mit ihnen eintraten und ihnen das verschwiegen haben ...« Er blickte Yora an. »Wie ist Ihre Einschätzung, Lieutenant Davidoff? Was haben wir von den Ganuti zu erwarten?«
Man sah Chen an, dass ihr die Frage des Botschafters nicht passte. Vielmehr, dass er Yoras Rat einholte.
»Loyalität ist eine ihrer primären Tugenden«, antwortete Yora. »Nachdem sie sich der IMU angeschlossen haben, werden sie an unserer Seite bis zu ihrem letzten Atemzug kämpfen. Sie geben niemals auf. Selbst wenn die Vernunft gebietet, sich zu ergeben, um weitere Verluste von Leben zu verhindern, tun sie das nie. Nicht einmal dann, wenn ein fortgesetzter Kampf die Auslöschung ihres gesamten Volkes bedeutete.«
Chen schnaubte. »Lieutenant Davidoff ist keine Expertin für Xenopsychologie.«
»Nein«, stimmte al Mahdi ihr zu, »aber sie ist Soldatin und Sicherheitsspezialistin. Ich habe von ihr den Eindruck gewonnen, dass sie sich auf die Mission nicht nur bei den Ganuti sehr gut vorbereitet hat und aufgrund ihrer Expertise die militärischen Fähigkeiten und Kapazitäten dieses Volkes besser einschätzen kann als ich.«
Trotz dieser diplomatischen Formulierung war Chen klar, dass al Mahdi meinte, Yora könne die Ganuti auch besser einschätzen als Captain Chen. Das bewies der kalte Blick, den sie Yora zuwarf.
»Fahren Sie fort, Lieutenant«, forderte al Mahdi sie auf. »Wenn ich Sie recht verstehe, würden die Ganuti uns unterstützen, sollte es zu einem Krieg mit dem Arsan-Bund kommen.«
Yora nickte. »Und zwar bedingungslos. Sobald die IMU zu den Waffen ruft, werden sie jedes Schiff in den Kampf schicken, das sie entbehren können und das kampftauglich ist. Nach meinen Informationen wäre das eine reguläre Kampfflotte von hundertfünfzigtausend Kriegsschiffen plus ungefähr noch einmal so vielen umfunktionierten Handelsschiffen, deren Feuerkraft aber nicht annähernd an die der Kriegsschiffe heranreicht. Diese Schiffe wären allenfalls das, was man früher verächtlich als Kanonenfutter bezeichnet hat.«
Al Mahdi seufzte. »Ich wünschte, wir hätten mehr Verbündete wie sie.«
Chen schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust. »Die haben wir aber nicht. Und über wie viele Kampfschiffe verfügt doch gleich der Arsan-Bund, Davidoff?«
Gesprochen in einem Ton, der andeutete, dass Yora die genaue Zahl kaum kennen dürfte.
Sie verkniff sich ein Lächeln. »Ich erspare Ihnen die Aufzählung der jeweiligen Flottenstärke der einzelnen Arsan-Völker, Captain, und fasse zusammen: Nach den letzten uns bekannten Zahlen ist die Flotte sechs Millionen und zweihunderteinundfünfzigtausend Schiffe stark. Plusminus ein paar Hundert.«
Chen runzelte finster die Stirn.
»Aber das ist nur die offizielle Zahl«, fuhr Yora fort. »Niemand außer vielleicht den Geheimdiensten weiß, wie viele ihrer angeblich minimal oder unbewaffneten Schiffe anderer Flottenabteilungen in kürzester Zeit kampffähig aufgerüstet werden können oder das im Geheimen schon sind. Ich schätze, dass wir es mit zehn Millionen kampffähigen Schiffen zu tun haben könnten, wenn sie alles aufbieten, was sie haben.«
Was aber gar nicht nötig wäre, denn um einen einzigen Planeten zu erobern – schutzschildgeschützt oder nicht –, brauchten sie nur einen Bruchteil ihres Kontingents. Und sobald sie die Kamurkristalle in den Händen hatten, genügte ein Viertel ihrer Flotte, um die IMU zu überrollen.
Al Mahdi sah Yora aufmerksam an. »Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung, Lieutenant?«
»Das ist eine strategische Überlegung, Sir. Nach allem, was wir über die Arsan-Völker wissen und über die Arsans selbst, leben sie für Eroberungen. Dieses Ziel aufzugeben ist keine Option für sie. Erst recht geben sie sich nicht mit einem erzwungenen Waffenstillstand zufrieden. Jeder fähige Stratege – und von denen dürften die Arsan-Völker eine ganze Reihe haben – fährt in der gegebenen Situation mindestens zweigleisig. Plan eins war die Sabotage der Tema-Vulkane. Plan zwei muss gewesen sein, bereits unmittelbar nach Beginn des Waffenstillstands aufzurüsten, aber im Geheimen, weil sie wissen, dass alle IMU-Geheimdienste ein scharfes Auge auf ihre Aktivitäten haben.
Wenn ich Arsan und davon überzeugt wäre, dass ich in absehbarer Zeit Kamurkristalle für meine Waffensysteme zur Verfügung habe, würde ich mich nicht damit aufhalten, Großkampfschiffe zu bauen, sondern kleinere, von denen ich hinsichtlich Materialverbrauch und Bauzeit erheblich mehr herstellen kann, als wenn ich mich auf große Schiffe konzentriere. Diese kleinen Schiffe sind kamurbetrieben pro Stück in ihrer Kampfkraft so viel wert wie ein größeres. Berücksichtigt man die potenzielle Herstellungszeit je kleinerem Schiff und rechnet sie auf fünfzehn Jahre hoch, dann ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass die Arsan ihre Kampfflotte inzwischen fast verdoppelt haben und nur noch darauf warten, die Kamurkristalle in die Finger zu bekommen, um zum Großangriff nicht nur gegen die IMU zu blasen.«
Al Mahdi schüttelte den Kopf und fuhr sich erneut mit beiden Händen über das Gesicht. »Das ist ein Albtraum.«
Und zwar einer, den nicht nur Yora unter keinen Umständen erleben wollte. Allerdings sah sie keine Möglichkeit, wie die drohende Katastrophe abgewendet werden könnte. Und das bedeutete, dass der Krieg unvermeidlich war.
Al Mahdi sah Chen an. »Wann ist das Rendezvous mit dem Kurierschiff, das mich abholt?«
Chen warf einen Blick auf die Uhrzeit, die digital auf eine Wand des Raums projiziert wurde. »In vier Stunden.«
»Dann werde ich meine Sachen packen gehen. – Captain, Commander. Lieutenant.« Er nickte ihnen zu und eilte hinaus.
»Sie bleiben noch, Davidoff«, verlangte Chen, bevor Yora fragen konnte, ob sie noch gebraucht wurde.
Yora bewahrte ein gleichmütiges Gesicht. Garantiert bekam sie gleich einen Rüffel, weil ihre detaillierten Ausführungen Chen gegenüber al Mahdi hatten alt aussehen lassen.
»Was haben Sie mit Ihren Ausführungen bezweckt, Lieutenant?«, verlangte Chen prompt zu wissen. »Für eine Angeberin, die sich profilieren will, ist in meiner Crew kein Platz.«
»Ich habe lediglich die Fragen des Botschafters und die Ihren bestmöglich beantwortet, Captain.« Die reine Wahrheit. »Und dem Botschafter dadurch demonstriert, dass jedes einzelne Crewmitglied der MARU TAI auf dem eigenen Fachgebiet absolut kompetent ist. Die Fragen nicht so detailliert oder gar nicht beantworten zu können, hätte ein schlechtes Licht auf die MARU TAI geworfen und auf Sie als deren Kommandantin.«
Dagegen konnte Chen kaum etwas sagen. Commander Wendt lächelte leicht.
»Unsere nächste Aufgabe ist, zusammen mit anderen Schiffen Hilfsgüter, die wir auf Frachtbasis sieben-drei-drei laden werden, nach Tema zu bringen.« Chens Tonfall nach gefiel ihr der Auftrag nicht sonderlich. »Sorgen Sie dafür, dass alle nicht anderweitig benötigten Räume zu Frachträumen umfunktioniert werden.« Sie reichte Yora ein Datenpad. »Hier finden Sie die Liste aller Güter, die wir aufnehmen werden. – Wegtreten!«
Yora grüßte und verließ den Besprechungsraum. Die Räum–lichkeiten zu verändern, um die Fracht aufzunehmen, war eigentlich nicht ihre Aufgabe, sondern die der technischen Abteilung. Einer speziell ausgebildeten Unterabteilung oblag die Handhabung der verstellbaren Wände und Böden. Dass Chen Yora damit beauftragt hatte, war garantiert als Strafe gedacht. Da Yora ohnehin nichts anderes zu tun hatte außer Routineaufgaben, machte ihr das nicht viel aus. Und hätte es ihr etwas ausgemacht, wäre das sowieso nicht von Bedeutung gewesen, denn Befehl war Befehl. Sie machte sich an die Arbeit.
2.
Raumhafen Frachtbasis 733 auf Acubens 5
30. 04. 2403
Yora betrat Frachtraum 11 und kontrollierte zum wiederholten Mal die Ausmaße und die Verankerungen, mit denen die Container in Position gehalten wurden, sobald sie abgestellt worden waren. Die ersten zehn Frachträume waren bereits gefüllt und die Roboterkolonne mit den nächsten Containern auf dem Weg zu Nummer 11. Yora prüfte anhand des Displays neben der Eingangstür, ob der Boden und die Außenwände des Raums für die zusätzliche Last noch stabil genug waren.
Die Veränderungen der Räume in der Chamäleon-Klasse wurden durch ausklappbare Wand-, Decken- und Bodenteile erzeugt. Waren alle Teile eingeklappt, hatte man sehr dicke Wände, Böden und Decken. Je nachdem, wofür ein veränderter Raum genutzt wurde, regelten strenge Vorgaben, wie stark die verbliebenen Teile sein mussten. Davon hing ab, wie viele Trennteile man ausfahren konnte.
In diesem Fall waren aber etliche Teile eingeklappt worden, um mehr Platz zu schaffen. Die Mannschaftsunterkünfte waren verknappt und je zwei Crewmitglieder in eine Kabine verlegt worden, statt dass jeder wie üblich eine eigene Kabine hatte. Lediglich die Führungsoffiziere genossen noch das Privileg, allein zu wohnen. Alle Freizeiträume waren bis auf einen leer geräumt worden, und die Beiboote hatte man in nur einem einzigen Hangar untergebracht statt in den dreien, die dafür vorgesehen waren.
Yora stellte fest, dass in Frachtraum 11 alles in Ordnung war. Fast alles, denn die Raumgröße stimmte nicht mehr. Sie war in der Länge um 1,10 Meter verkürzt. Das wäre nicht weiter verwunderlich, wenn ein zusätzliches Separee für schmale Container gebraucht würde. Aber auf der Frachtliste standen keine solchen Container. Auch keine noch Schmaleren, von denen man je zwei hätte nebeneinanderstellen und stapeln können.
Und noch etwas war ungewöhnlich. Die Tür zu diesem Separee hätte von dem großen Vorraum aus erreichbar sein müssen, weil die Wandmodule entsprechend aufgebaut waren. Doch da war keine Tür.
Yora verließ den Frachtraum und ging auf dem Gang davor zu dem Teil der Wand, hinter dem sich das Separee befinden musste. Auch hier gab es keine Tür. Sie betrat Frachtraum 12. Möglicherweise war das Separee von hier aus eingerichtet worden, dann befand sich die Tür hier. Doch da war keine. Also blieb nur ein Zugang vom Hauptgang aus, der zwischen Frachtraum 9 und 10 auf der einen Seite und 11 und 12 auf der anderen verlief.
Und da war die Tür. Sie war wie alle Frachtraumtüren mit einem Codeschloss gesichert. Yora nahm ihr Datenpad und scrollte durch die Zugangscodes der Räume, die Captain Chen sie hatte einrichten lassen. Der Zugangscode war ebenso wenig verzeichnet wie das Separee selbst. Was kein Hindernis darstellte, denn als Sicherheitschefin der MARU TAI besaß Yora Spezialcodes, die ihr überall Zugang verschafften. Doch als sie den Generalcode eingab, blieb die Tür geschlossen. Sie versuchte einen anderen Code mit demselben Ergebnis. Sie gab der Reihe nach alle Override-Codes ein, aber die Tür rührte sich nicht.
Sie aktivierte ihr Sprechgerät. »Lieutenant Davidoff an Captain Chen.«
»Ja?«, kam fast augenblicklich die knappe Antwort.
»Ma’am, ich befinde mich im Gang zwischen den Frachträumen neun und elf. Zwischen den Räumen elf und zwölf hat jemand ein einen Meter zehn schmales zusätzliches Raumsegment eingefügt, das in meiner Liste nicht verzeichnet ist und dessen Tür ich nicht öffnen kann.«
»Ich kümmere mich darum. Begeben Sie sich zur Personenschleuse drei, Lieutenant. Dort trifft in ein paar Minuten unser neuer Chefingenieur ein. Damit Sie sich nicht wundern: Er ist ein Skusann.«
Neuer Chefingenieur? Abgesehen davon, dass man Yora in ihrer Eigenschaft als Sicherheitschefin von einem Wechsel in der Crew im Vorfeld hätte unterrichten müssen, damit sie die Person gemäß den Vorschriften überprüfte: »Was ist mit Lieutenant Commander Gonzales?«
»Sie wurde aufgrund eines familiären Notfalls vorübergehend von ihren Pflichten an Bord beurlaubt und befindet sich bereits auf dem Rückweg zur Erde. Der Skusann ist der einzige Ingenieur, der auf Frachtbasis sieben-drei-drei zur Verfügung stand und für die Basis entbehrlich ist.«
»Wie ist sein Name?«
»Lepathu. Und, Lieutenant, weil keine andere Unterkunftsmöglichkeit mehr frei war, werden Sie Ihr Quartier mit ihm teilen.«
Das auch noch! Chen hasste sie, keine Frage, denn mit Sicherheit hätte es eine andere Unterbringungsmöglichkeit gegeben. »Ja, Ma’am«, bestätigte Yora in dem gleichmütigsten Tonfall, den sie zustande brachte. »Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen müsste, Ma’am?«
»Nein.«
Chen hatte die Verbindung unterbrochen, bevor Yora antworten konnte. Sie erwog, für den Skusann ein eigenes Quartier einzurichten; über Chens Kopf hinweg. Aber vermutlich wartete der Captain nur auf so eine Gelegenheit, um Yora ordentlich einheizen zu können. Immerhin war die Unterbringung des Skusann in Yoras Quartier eine dienstliche Anweisung, die zu ignorieren einer Befehlsverweigerung gleichkam. Also war es besser zu gehorchen.
Sie seufzte und ging zu ihrer Kabine. Sie aufzuteilen war nicht besonders schwer, denn sie bestand, neben der Nasszelle und einem Nahrungs- und Getränkespender, aus einem kombinierten Schlaf- und Wohnbereich. In die Möbel waren Antigravmodule eingearbeitet, mit denen sie bequem vom Boden gelöst und ohne Anstrengung verschoben werden konnten.
Yoras Bett stand ohnehin in einer Raumecke. Sie schob einen Sessel und ihre Arbeitsstation daneben. Sie ließ das Notbett und die Ersatzarbeitsstation aus der gegenüberliegenden Wand klappen und stellte den zweiten Sessel zwischen beide. Anschließend ließ sie Trennwände hochfahren. Wenn man nun die Hauptkabine betrat, befand man sich einer Trennwand mit zwei Eingängen zu separaten Räumen gegenüber. Lagerfächer für Kleidung und persönliche Gegenstände waren in jeder Kabinenaußenwand eingearbeitet.
Yora räumte ihre Sachen aus den Schränken der einen Raumhälfte in die andere und begutachtete ihr Werk. Weil die Raumteilungssegmente eigentlich nur der persönlichen Gestaltung dienten, gab es keine Tür, die man hätte schließen können. Eine echte Privatsphäre war also nicht möglich, bis die Hilfsgüter auf Tema abgeliefert waren und das Schiff innen wieder seine normalen Dimensionen annehmen konnte. Aber das würde schon gehen. Yora verließ die Kabine.
»Schleusenwache an Sicherheitschefin«, kam eine Meldung über ihr Armbandsprechgerät.
»Ja«, meldete sie sich, was sowohl signalisieren sollte, dass sie die Meldung empfing wie auch, dass sie wusste, worum es darin ging.
»Hier ist ein Skusann, der behauptet, er gehöre ab heute zur Crew.« Die Stimme der Schleusenaufsicht klang misstrauisch. Kein Wunder.
»Ich komme«, versicherte sie und stieg in den Lift, der sie zur Schleuse 3 brachte.
Als sie ankam, stand der Skusann vor dem großen Hauptbildschirm im Schleusenraum, der die Umgebung des Schiffes zeigte, und beobachtete die Roboterkolonnen, die aus dem Frachtzentrum strömten und Container zur MARU TAI beförderten. Yoras erster Eindruck von ihm war: blau. Zwar wusste sie, dass alle Skusann eine blaue Haut hatten, aber sie war noch nie zuvor einem Vertreter dieses Volkes begegnet.
Skusaros, ihr Heimatplanet, umkreiste die Sonne Alwaid im Sternbild Drache, 365 Lichtjahre von der Erde entfernt. Zu den Skusann gab es wenig Kontakt, nicht nur wegen der relativ großen Entfernung. Zwar hatten sie sich vor fünf Jahren der Ikan Muron Union angeschlossen, aber sie blieben dennoch weitgehend für sich. Als ob die Bedrohung durch die Völker des Arsan-Bundes sie nichts anginge. Eine Einstellung, die nicht ganz ungerechtfertigt war, denn zwischen der Grenze des Territoriums, das die Arsans beanspruchten, und Skusaros lagen über fünfhundert Lichtjahre. Da die Arsan-Völker bei ihren Eroberungen systematisch vorgingen, würden noch Jahrzehnte vergehen, bis sie Skusaros erreichten, falls sie jemals so weit kämen.
Ein Umstand, der bei manchen Leuten die Überlegung hatte laut werden lassen, die Skusann seien womöglich Feiglinge. Ihr Beitritt zur IMU habe sie zwar zu Feinden der Arsans gemacht, aber einen Angriff von ihnen hatten sie noch lange nicht zu befürchten, weshalb sie mit dem Beitritt kein Risiko eingegangen waren. Darüber hinaus galten sie als undurchsichtig und unberechenbar.
Yora hatte noch nie gehört, dass einer von ihnen Karriere bei einem anderen Volk der IMU gemacht hatte. Doch auf Lepathu musste das wohl zutreffen, denn er trug die hellgraue Uniform der Terranischen Raumflotte und besaß gemäß deren Abzeichen den Rang eines Lieutenants. Er drehte sich um, als er Yoras Schritte hinter sich hörte, und ihr Eindruck von »Blau« wurde verstärkt.
Seine kräftige königsblaue Hautfarbe kam durch die Haarlosigkeit seines Schädels besonders intensiv zur Geltung. Seine aprikosengroßen Facettenaugen erstrahlten in verschiedenen Blautönen, die durch die Lichtbrechung in den Facetten irisierend erschienen. Das gesamte Gesicht wirkte wie ein Luftballon. Hautüberzogene Knochenplatten umrahmten es, die wie die gespreizte Halskrause einer Kobra wirkten und auf der Stirn über den Augen handbreite Wülste bildeten, die sich zur Stirnmitte verjüngten. Dadurch wirkte das gesamte Gesicht im ersten Moment, als habe man einen Ballon mit einem blauen Herzen umrandet.
Obwohl es bis auf die Facettenaugen eindeutig humanoid war, fehlten die bei Menschen üblichen Vorwölbungen von Mund und Nase. Die Nase bestand nur aus drei mit einer Hautfalte verschließbaren Löchern unterhalb der Augen, eine lippenlose schmale Öffnung bildete den Mund und zog sich von einer Wange bis zur anderen.
Der Skusann stand stramm. »Lieutenant Lepathu meldet sich zum Dienst, Meeem!«
Yora brauchte einen Moment, ehe sie begriff, dass er mit »Meeem« »Ma’am« gemeint hatte, denn sein Flottenenglisch hatte einen deutlichen Akzent.
Yora grüßte zurück. »Willkommen an Bord, Lieutenant Lepathu. Ich bin Yora Davidoff, Sicherheitschefin. Ihren Überstellungsbefehl, bitte.«
Der Skusann zog ein Datenpad aus der Brusttasche seiner Uniform und reichte es ihr. Seine vier Finger, die ohne eine erkennbare Hand direkt an seinem Arm saßen, wirkten wie kleine Tentakel, von denen jeder ungefähr zwanzig Zentimeter lang war. Oder wie kleine Schlangen, die sich um das Pad gewunden hatten und es schlängelnd losließen, als Yora es ergriff.
Sie aktivierte das Pad. Als Erstes wurde das unfälschbare Siegel des Flottenoberkommandos eingeblendet, danach der Versetzungsbefehl, gemäß dem Lieutenant Lepathu mit sofortiger Wirkung der MARU TAI als Chefingenieur zugeteilt wurde. Darauf folgte das DNA-Profil des Skusann.
Yora nahm ihren Handscanner vom Gürtel und scannte Lepathu. Das Sekunden später eingeblendete DNA-Profil stimmte mit dem auf dem Pad hinterlegten überein. Sie nickte. »Nochmals: Willkommen an Bord. Folgen Sie mir bitte. Ich zeige Ihnen Ihre Unterkunft und danach alles andere.« Sie ging zum Lift.
Lepathu nahm die Reisebox auf, die er neben sich abgestellt hatte, und folgte ihr.
Sie betraten den Lift. In der Enge der Kabine wurde Yora erst richtig bewusst, dass der Skusann sie um ungefähr einen halben Meter überragte. »Wir werden uns eine Kabine teilen«, eröffnete sie ihm. »Um den größtmöglichen Stauraum für die Hilfsgüter zu haben, wurde alles an Platz freigeräumt, was möglich war. Was bedingt, dass auch Unterkünfte zusammengelegt wurden.«
»Das ist sinnvoll«, stimmte Lepathu der Maßnahme zu. Er richtete eines seiner Augen auf Yora, während das andere weiterhin geradeaus blickte. »Ich hoffe, das macht Ihnen nichts aus.«
Es machte ihr eine Menge aus. »Warum sollte es?«
»Weil sich Menschen nach meinen Informationen unwohl fühlen, den Wohnraum mit einem andersgeschlechtlichen Wesen zu teilen, das weder Verwandter noch erwählter Sexualpartner ist.«
Offenbar hatte er ihre Frage wörtlich genommen. Falls das die Art der Skusann war, konnte das Zusammenwohnen heiter werden.
»Ich wollte mit meiner Frage ausdrücken: Nein, das macht mir nichts aus«, präzisierte Yora. »Für Sie ist das auch kein Problem?«
»Nein.«
Der Lift hielt auf dem Mannschaftsdeck. Yora stieg aus und schlug den Weg zu ihrer Kabine ein, wobei sie Robotern auswich, die unterschiedlich große Container durch die Gänge transportierten.
»Haben Sie schon mal auf einem Schiff der Chamäleon-Klasse gearbeitet, Lepathu?«
»Nein, aber mir ist das Prinzip der wandelbaren Wände selbstverständlich vertraut.«
»Jede Umwandlung und die damit einhergehende Veränderung der Raumaufteilungen wird automatisch an die persönlichen Datenpads aller Besatzungsmitglieder übermittelt, damit sich niemand verläuft«, erklärte Yora. »In einem Notfall könnte sonst wertvolle Zeit verloren gehen.«
Sie hatten ihre Kabine erreicht. Yora deutete auf ein ovales Touchfeld neben der Tür. »Legen Sie bitte Ihre Hand oder nur die Fingerspitzen darauf«, forderte sie Lepathu auf.
Der Skusann gehorchte. Yora aktivierte den Scanner des Feldes, der Lepathus DNA-Code speicherte, und ihn als zum Betreten der Kabine autorisierte Person registrierte. Die Tür glitt zur Seite. Yora deutete auf den rechten Raum.
»Ihr Quartier.«
Lepathu ging hinein und stellte seine Reisebox ab. »Wo finde ich Captain Chen?«
Yora aktivierte ihr Kom-Gerät. »Captain Chen, der neue Chefingenieur ist an Bord und will sich Ihnen vorstellen. Wohin soll ich ihn bringen?«
»In meinen Bereitschaftsraum«, kam die Antwort.
Yora deutete mit dem Kopf zur Tür. »Gehen wir.«
Der Skusann folgte ihr. Yora stellte zwei Dinge fest. Lepathu bewegte sich fast lautlos. Hätten seine Schuhsohlen nicht bei jeder Berührung mit dem Boden ein leises Geräusch verursacht, sie hätte ihn nicht gehört. Außerdem passte er seine Schrittlänge ihren Schritten an, setzte sogar in perfekter Synchronisation dasselbe Bein vor wie sie. Ob das eine besondere Bedeutung hatte? Oder war das lediglich eine skusarische Eigenheit?
Captain Chen erwartete sie zusammen mit Commander Wendt. Yora reichte ihr das Datenpad mit Lepathus Versetzungsorder. »Warten Sie draußen, Davidoff«, wies Chen sie an.
Yora war sich sicher, dass Chen ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen hätte, wenn das möglich gewesen wäre. Zum Glück verhinderte die Gleitmechanik eine derartige Geste. Aber dass Yora nicht beim Erstgespräch mit dem Skusann dabei sein durfte, sollte zweifellos eine Demütigung darstellen oder war als Disziplinarmaßnahme gedacht, auch wenn Yora keine Ahnung hatte, womit sie die verdient haben sollte. Sie machte nur ihren Job als Sicherheitschefin und das so gut sie konnte. An den Blicken, die ihr die Besatzung der Zentrale zuwarf, erkannte sie, dass denen das ebenfalls bewusst war. Und das trug nicht gerade dazu bei, Yoras Autorität zu stärken.
Warrant Officer Yvonne Moreau, die am Navigationspult saß und bis zum Startbefehl nichts zu tun hatte, wandte sich halb zu Yora um. »Darf ich eine Frage stellen, Lieutenant?«
Mit Sicherheit handelte es sich um etwas, das sie sich nie getraut hätte, Chen oder Wendt zu fragen. »Bitte.«
»Die MARU TAI ist ein hervorragendes Schiff mit im–mensem Potenzial. Ist das nicht verschwendet, wenn wir jetzt dazu verdonnert sind, Hilfsgüter nach Tema zu liefern? Ein großes Frachtschiff, vielmehr eine ganze Flotte davon, könnte doch sehr viel mehr Material befördern.«
Die anderen Mitglieder der Zentralencrew spitzten ebenfalls die Ohren, auch wenn einige sich den Anschein gaben, mit ihren Instrumenten und deren Routinekontrolle beschäftigt zu sein.
»Weshalb auch ganz sicher Frachtschiffe bereits nach Tema unterwegs sind. Die MARU TAI hat aber den Vorteil, schneller zu sein als die großen Frachter. Außerdem dauert das Beladen nicht mal halb so lange wie bei den Großraumtransportern, weshalb wir schneller vor Ort sind als die. Tema braucht dringendst jede noch so kleine Lieferung so schnell wie möglich. Und zu guter Letzt sind wir erheblich besser bewaffnet als ein Frachtschiff.«
Taktikoffizier Lieutenant Hino Yamato schnaubte. »Wer sollte uns denn angreifen? Wir transportieren doch nur Hilfsgüter.«
»Abgesehen davon, dass sich überall Piratenbanden herumtreiben können, gibt es mit Sicherheit noch andere üble Subjekte, die die Katastrophe auf Tema ausnutzen, um sich zu bereichern, und die vor nichts zurückschrecken, wenn sie sich davon Profit versprechen«, erinnerte Yora ihn. »Und auch Armut und der damit verbundene Kampf ums Überleben treiben manche Leute zu Verbrechen an. Nicht zu vergessen die Opportunistischen, die jede Gelegenheit ergreifen, wenn sie sich Chancen ausrechnen, ungeschoren davonzukommen. Und gerade diese Leute werden sich hüten, ein gut bewaffnetes Schiff anzugreifen.«
Ihre Argumente überzeugten die Leute nicht, das spürte sie deutlich. Sie verstand das sehr gut. Wenn man eines der modernsten und leistungsfähigsten Schiffe zur Verfügung hatte, dann stand einem nicht der Sinn nach einfachen Frachttransporten. Und auch nicht danach, einen Botschafter von einem Planeten zum nächsten zu bringen und die Zeit während der in der Regel sehr langen Dauer seiner Verhandlungen mit belangloser Routine totschlagen zu müssen. Allein die auf Ganutara hatten fünf Wochen gedauert, und das war noch zügig gewesen. Jetzt auch noch Frachtdienst obendrein – das empfanden viele Crewmitglieder als eine Art Abstieg. Als eine Geringschätzung ihrer Fähigkeiten. Was die Stimmung an Bord nicht gerade hob.
»Noch eine Frage, Lieutenant«, wagte Warrant Officer Moreau einen weiteren Vorstoß. »Stimmt es, dass die Katastrophe auf Tema durch Sabotage verursacht wurde?«
Das hatte sich also schon herumgesprochen. Yora fragte sich wie. Denn sie hatte über diese Theorie kein Wort verlauten lassen, und Captain Chen und Commander Wendt hatten das ganz sicher auch nicht getan. Allerdings lag diese Ursache so klar auf der Hand, dass darüber auch in den Medien spekuliert worden war.
»Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber es deutet alles darauf hin«, gab sie zu.
Die Tür zu Chens Bereitschaftsraum glitt auf, und Lepathu trat heraus. Chen selbst blieb auf der Schwelle stehen. »Lieutenant Davidoff, zeigen Sie Lieutenant Lepathu seinen Arbeitsplatz und den Rest des Schiffes. Danach machen Sie sich wieder an Ihre eigene Arbeit.«
Die nächste Demütigung, denn einem neuen Crewmitglied seinen Aufgabenbereich zu zeigen, gehörte definitiv nicht zu den Pflichten einer Sicherheitschefin. Aber das ließ Yora sich nicht anmerken. »Ja, Ma’am.« Zusammen mit Lepathu verließ sie die Zentrale.
Wieder passte der Skusann seine Schritte Yoras an. »Ich freue mich auf die Zusammenammenarbeit mit Ihnen, Lieutenant Davidoff.«
Wie kam er denn auf diesen Gedanken? »Arbeitsmäßig werden wir nicht viel miteinander zu tun haben. Sie sind Ingenieur, und außer Routinerundgängen, die ich im ganzen Schiff mache, habe ich mit Ihrem Arbeitsbereich wenig zu tun.«
Er wandte ihr das Gesicht zu und blickte sie mit beiden Augen an. »Auch eine zeitlich geringe Zusammenarbeit ist eine Zusammenarbeit.«
»Da haben Sie recht«, musste Yora ihm zustimmen. »So gesehen freue ich mich auch auf die Zusammenarbeit.« Sie erwiderte seinen Blick. »Ich hoffe, Sie empfinden meine Frage nicht als aufdringlich, aber sind Sie der erste oder einzige Ihres Volkes, der in der Terranischen Raumflotte dient?«
»Ja. Andere Skusann arbeiten in wissenschaftlichen Bereichen auf Terra sowie bei anderen Völkern und in anderen Raumflotten, aber in Ihrer Flotte bin ich der Einzige, soweit ich weiß.«
»Warum haben Sie sich ausgerechnet für unsere Flotte entschieden?«
Lepathu wandte seinen Blick von ihr ab. »Ich hatte Gründe.«
Wenigstens hatte er ihr nicht ins Gesicht gesagt, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. »Ich wollte mit meiner Frage nicht unhöflich sein.«
»Das habe ich auch nicht so empfunden. Warum sind Sie in der Flotte und nicht bei den Sicherheitskräften auf Ihrer Heimatwelt?«
Yora lächelte. »Weil die Arbeit in der Flotte erheblich abwechslungsreicher ist. Außerdem habe ich nur so die Möglichkeit, fremde Welten zu sehen und Mitglieder anderer Völker kennenzulernen. – Möchten Sie zuerst Ihren Arbeitsplatz sehen oder den Rest des Schiffes?«
»Alles andere zuerst, bitte. Dann verstehe ich die internen Funktionen des Schiffes und der Maschinen besser.«
Yora erkannte zwar keinen Zusammenhang zwischen dem Abgehen der Räumlichkeiten und der Funktion der Maschinen, aber sie war nicht die Ingenieurin. Sie führte Lepathu herum, zeigte ihm auch die Freizeiteinrichtung, die nicht der Raumverknappung zum Opfer gefallen war, und nutzte den Gang durch die Lagerräume, um einen Teil ihrer Inspektionsarbeit damit zu verbinden. Der Skusann sah sich interessiert überall um, hörte Yoras Erklärungen zu, stellte aber keine einzige Frage. Am Ende des Rundganges kehrten sie zum Maschinenraum zurück und traten ein.
Eine weitere Besonderheit der Chamäleon-Klasse war, dass die Maschinen sich zwar nicht genau in der Mitte des Schiffes befanden – der Platz war der Zentrale vorbehalten –, aber nur zwei Decks darunter mit den Wohn- und Freizeitdecks dazwischen. Auch die Antriebssektion befand sich hier, und ihre Energie wurde von hier aus zu den Motoren im Außenbereich geleitet. Dieses Arrangement gehörte zum Sicherheitskonzept der Chamäleon-Schiffe. Im Fall eines Angriffs konnte man zwar die äußeren Bereiche beschädigen oder sogar vernichten, aber wenn man das Schiff zur Explosion bringen wollte, indem man die Energiegeneratoren zerstörte, musste man einen gezielten Beschuss bewirken, der sich durch das halbe Schiff ins Innere fraß. Und das war nicht so leicht möglich.
Im Maschinenraum tat nur eine Notbesatzung Dienst, die ebenso wie die Zentralencrew gegenwärtig nicht viel zu tun hatte. Erwartungsvoll blickten sie zur Tür. Die Augen aller weiteten sich bei Lepathus Anblick. Ein Crewmitglied sprang deutlich erschreckt auf und stolperte rückwärts.
Yora bedachte den Mann mit einem missbilligenden Blick und schüttelte verärgert den Kopf. Man flog seit über zwei Jahrhunderten routinemäßig ins All, hatte Kontakt zu unzähligen anderen Völkern, sogar Bündnisse mit ihnen, aber rassistische Ressentiments waren einfach nicht totzukriegen. Auf der Erde hatte es sehr lange gedauert, bis die Vorurteile und die damit verbundene Diskriminierung endlich ausgerottet worden waren; weitestgehend, denn einige ideologieverblendete, unbelehrbare Idioten gab es immer noch. Unzählige andere Menschen hatten die Diskriminierung einfach »ausgelagert« und übertrugen sie auf nichtirdische Völker.
»Ladys und Gentlemen, dies ist Lieutenant Lepathu, der neue Chefingenieur«, stellte Yora den Skusann vor. »Er vertritt Lieutenant Commander Gonzales auf unbestimmte Zeit. Lieutenant Lepathu, sollte es irgendwelche Probleme geben«, sie blickte den Mann an, der bei seinem Anblick zurückgestolpert war, »geben Sie mir Bescheid. Ich regle das dann.«
Sie nickte in die Runde und nickte auch Lepathu zu, ehe sie den Maschinenraum verließ und zu den Frachträumen zurückkehrte. Sie hegte jedoch keinen Zweifel, dass der Skusann sich auch gegen mögliche rassistische Anfeindungen zu behaupten wusste. Schließlich diente er schon länger in der Flotte und begegnete sicherlich nicht zum ersten Mal Ressentiments gegenüber seiner Person.
Yora stellte fest, dass sich der schmale Frachtraum zwischen Raum 11 und 12 immer noch nicht öffnen ließ. Dabei hatte sie Captain Chen schon vor über einer Stunde über dieses Problem informiert. Und solange die MARU TAI nicht wieder gestartet war, hatte Chen wie alle anderen Leute der Schiffsführung nichts zu tun. Genau genommen war Yora die Einzige, die arbeitete. Zwar hätte sie die Kontrollen der Frachtsicherung Ihrem Team überlassen können, aber sie wollte Chen keinen Grund für einen Tadel oder weitere Schikane geben. Dass sie sie mit Lepathu zusammengepfercht hatte, reichte ihr für den Rest der Reise. Die in diesem Punkt recht lange dauern konnte, denn unter Umständen würde die MARU TAI für weitere Hilfsgütertransporte nach Tema eingesetzt werden und die damit einhergehende Wohnraumknappheit bis zum Ende der Mission bestehen bleiben.
Yora machte sich wieder an die Arbeit und kontrollierte systematisch diejenigen Frachträume, die bereits bis auf die erforderlichen Manövriergänge zwischen den einzelnen Containerstapeln voll beladen waren. Alle Haltevorrichtungen, sowohl die magnetischen wie auch die Verstrebungen und »Bremsklötze« waren in Position und aktiviert. So oft es ging, begab sich Yora in den Gang vor Frachtraum 11 und 12. Doch kein einziges Mal sah sie einen oder mehrere Roboter ihn bestücken. Während der letzte Frachtraum noch beladen wurde, ging sie erneut hin, diesmal mit einem Handscanner bewaffnet. Sie schaltete ihn ein und richtete ihn auf die Tür.
»Darf ich fragen, was Sie hier tun?« Captain Chens schneidende Stimme ließ sie zusammenzucken.
Yora wandte sich ihr zu. »Ich überprüfe den Frachtraum, zu dem ich aus mir unerklärlichen Gründen keinen Zutritt habe, obwohl ich als Sicherheitschefin befugt bin, jeden Raum zu betreten und im Vorfeld zu öffnen. Wieso diesen einen nicht?«
»Weil ich das so verfügt habe.« Chens Tonfall hätte eisiger nicht sein können.
»Bei allem schuldigen Respekt, Ma’am, aber das widerspricht dem Sicherheitsprotokoll der Flotte.«
»Das ich hiermit für diesen Raum gemäß meinen Befugnissen als Kommandantin dieses Schiffes außer Kraft setze. Sie werden diesen Raum ignorieren. Und das ist ein Befehl.« Chen starrte sie in einer Weise an, die man nur als drohend bezeichnen konnte.
»Ja, Ma’am. Darf ich nach dem Grund für diese Maßnahme fragen?«
»Sie dürfen nicht. Sie haben nur Ihrer Arbeit nachzugehen und meine Befehle zu befolgen. Ist das klar?«
»Ja, Ma’am.«
Yora steckte den Handscanner ein, nickte Chen zu und ging den letzten Frachtraum inspizieren, fest entschlossen, das Geheimnis des Frachtraums zu lösen. Denn es gab keinen vernünftigen Grund, ihr den Zutritt zu diesem einen Raum zu verweigern. Es sei denn, in ihm würde etwas transportiert, das nicht den Vorschriften entsprach. Der Verdacht war genau genommen ungeheuerlich.
Gerade für einen Posten in der Raumflotte wurden alle Bewerberinnen und Bewerber nicht nur auf ihre Fähigkeiten, sondern auch auf ihren Charakter getestet, bevor sie überhaupt zur Flottenakademie zugelassen wurden. Danach erfolgten weitere psychologische Tests in jedem Semester. Einer folgte unmittelbar nach dem Abschluss, bevor jemand offiziell in die Flotte aufgenommen wurde, und ein Letzter vor dem ersten Einsatz auf einem Raumschiff. Auch danach war man von solchen Tests nicht befreit, denn auf jedem Schiff gab es ein psychologisches Team, und ein Gespräch mit einem von ihnen war einmal im Monat für jedes Besatzungsmitglied Pflicht.
Dass jemand mit kriminellen Neigungen es überhaupt in die Flotte schaffte, war zwar nicht unmöglich, aber doch sehr unwahrscheinlich. Die Flotte nahm nicht einmal Leute auf, die dazu neigten, auch schon mal alle Fünfe gerade sein zu lassen oder die auch nur den winzigsten Mangel an Disziplin zeigten. Dass jemand auf die Dauer einen Hang zu unlauteren Machenschaften verbergen konnte, war nahezu ausgeschlossen.
Aber Menschen änderten sich im Lauf der Zeit. Das galt besonders für solche, die in der Raumflotte dienten. Obwohl man alles dafür tat, dass die Flottenmitglieder an Bord ihrer Schiffe größtmöglichen Komfort genossen und alles zur Verfügung hatten, was sie für ihr Wohlbefinden brauchten, stellte der monate- und manchmal jahrelange ununterbrochene Aufenthalt auf einem Schiff eine hohe psychische Belastung dar, die auf Dauer durchaus die Moral erodieren konnte. Besonders bei Menschen, die wie Captain Chen schon seit über dreißig Jahren in der Flotte dienten und mehr als einen Krieg mitgemacht hatten.
Und selbstverständlichen waren auch die Mitglieder der psychologischen Teams nicht dagegen gefeit. Wenn eine Person – zum Beispiel Captain Chen – jemanden von ihnen auf ihre Seite bringen konnte, der oder die daraufhin sämtliche ihrer Testergebnisse als unauffällig bescheinigte, konnte sie durchaus in die Kriminalität abrutschen, ohne dass es publik wurde. Yora mochte einerseits Chen nichts dergleichen unterstellen. Sie war zwar eine kompromisslose Kommandantin, aber kompetent und eine wirklich gute Führungskraft. Andererseits musste es einen gravierenden Grund dafür geben, dass sie Yora verboten hatte, den ominösen Frachtraum zu kontrollieren. Und so sehr Yora auch versuchte, einen logischen Grund dafür zu finden, ihr fiel keiner ein, der irgendeinen Sinn ergab; zumindest keinen, der im Einklang mit den Vorschriften und Gesetzen stand.
Bis auf einen. Es könnte sich um eine Falle handeln, die Chen Yora stellte, um ihre Kompetenz zu testen. So ein Manöver traute sie der Kommandantin unbesehen zu. Wenn Yora die Vorschriften befolgte, musste sie den Raum überprüfen, auch wenn sie damit einem direkten Befehl zuwiderhandelte. Sollte Chens Anordnung aber einen ganz anderen Grund haben und sich als berechtigt entpuppen, wäre Yora wegen Befehlsverweigerung dran. Was im günstigsten Fall nur ein Disziplinarverfahren zur Folge hätte, im weniger günstigen eine Degradierung und im schlimmsten Fall nach einem Strafverfahren in ihrer unehrenhaften Entlassung aus der Flotte gipfelte. Was also sollte sie tun? Was war das Richtige?
Ein Dilemma. Das sie aber nicht jetzt entscheiden musste. Sie checkte den letzten Frachtraum besonders sorgfältig und war damit fertig nur wenige Minuten, nachdem der letzte Frachtroboter das Schiff verlassen hatte.
»Davidoff an Zentrale! Die Fracht ist vollzählig an Bord und ordnungsgemäß gesichert. Von der Sicherheit her steht einem Start nichts im Weg.«
»Verstanden«, antwortete Chen. »Wir starten sofort.«
Yora warf einen Blick auf die Uhr. Ihr Dienst war eigentlich schon seit einer halben Stunde zu Ende. Aber sie hatte das Gefühl, heute besser keinen Dienst nach Vorschrift zu tun. Deshalb diktierte sie ihren Abschlussbericht der Kontrollen in ihr persönliches Datenpad und brachte es zu Captain Chen in die Zentrale, damit sie den Bericht abzeichnete. Was diese nach gründlicher Prüfung des Inhalts tat.
»Falls Sie keine weiteren Befehle für mich haben, Ma’am, beende ich meinen Dienst.«
»Tun Sie das, Lieutenant.« Das klang beinahe wohlwollend. Aber eben nur beinahe.
»Lieutenant Davidoff meldet sich ab«, verabschiedete Yora sich und machte, dass sie aus der Zentrale kam, bevor Chen ihr doch noch mit einer Sonderaufgabe den Feierabend versauen konnte.
Sie erwog, den geheimnisvollen Frachtraum sofort zu untersuchen. Chen war in der Zentrale beschäftigt und hatte anderes zu tun, als ein Auge auf den Raum zu haben. Aber Yora hielt es nicht für einen Zufall, dass Chen vorhin in genau dem Moment aufgetaucht war, als sie den Raum hatte scannen wollen. In jedem Gang und jedem Raum des Schiffes mit Ausnahme der Privatquartiere gab es Kameras, die alles aufzeichneten. Offenbar hatte Chen ein permanentes Auge auf die Kameras in dem Gang vor dem Geheimraum, andernfalls sie Yora nicht rechtzeitig hätte abfangen können.
Wenn sie also den Raum untersuchen wollte, musste sie das tun, wenn Chen dienstfrei hatte und idealerweise schlief. Außerdem sollte sie sicherheitshalber vorher die Kamera in der Sektion deaktivieren. Aber es wäre sicherlich nicht verkehrt, erst einmal so zu tun, als würde sie Chens Befehl befolgen und sich ein paar Tage lang nicht um den Raum kümmern.
Yora ging in den Speiseraum und stellte fest, dass die halbe Crew dort versammelt war und zu Abend aß. Auch hier herrschte eine strenge Hierarchie. Ein separater Tisch war Captain Chen und Commander Wendt vorbehalten, an dem auch Botschafter al Mahdi als VIP hatte sitzen dürfen. Gegenwärtig saß dort nur Commander Wendt. Deutlich davon getrennt waren fünf Tische für die leitenden Offiziere reserviert. Zwei davon waren mit jeweils drei Leuten besetzt, an einem anderen saß Lepathu allein – mit zwei freien Tischen zwischen sich und den anderen Offizieren. Yora hatte den Eindruck, dass nicht er derjenige war, der sich diese demonstrative Trennung ausgesucht hatte.
Die Sektion für die Führungsriege war vom Rest des Raums mit einer Phalanx aus Grünpflanzen getrennt, vor denen der Gang zu den Nahrungsautomaten verlief. Auf der anderen Seite standen die Tische für die restlichen Crewmitglieder. Vier große Wandbildschirme übertrugen abwechselnd Nachrichtensendungen und mit Musik untermalte Naturbilder.
Yora ging zum Automaten, wählte ein Gemüsegericht mit Sojasteak, Obstsaft und ein Stück Fladenbrot und ging zu Lepathus Tisch.
»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«
»Gern«, stimmte er zu und zog seinen strichförmigen Mund in der Imitation eines menschlichen Lächelns in die Breite.
Yora stellte ihr Tablett auf den Tisch und setzte sich. »Wäre Ihnen eine Unterhaltung angenehm oder ziehen Sie es vor, schweigend zu essen.«
»Unterhaltung beim Essen ist eine menschliche Sitte, die ich zu schätzen gelernt habe, Lieutenant Davidoff. Für mein Volk ist Nahrungsaufnahme eine heilige Handlung, die mit dem gebotenen Ernst und damit einhergehender Schweigsamkeit zelebriert wird.« Lepathu richtete eines seiner Augen auf Yora, während das andere auf den Teller vor ihm blickte. »Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die nahrungsspendenden Götter sich weniger geehrt fühlen, wenn ich meine Verehrung mich unterhaltend teile.« Er neigte den Kopf zur einen Schulter, danach zur anderen. »Aber ich bin kein Priester, dass ich das sicher behaupten könnte. Doch ich bin überzeugt: Sollten die Götter daran Anstoß nehmen, werden sie es mich wissen lassen.«
Eine sehr pragmatische Sichtweise. »Dann guten Appetit«, wünschte ihm Yora.
»Danke, den habe ich. Die menschliche Nahrung ist zwar ganz anders als die skusarische, aber keineswegs weniger schmackhaft.«
Yora blickte auf seinen Teller: Gemüse, Obst und Reis.
Lepathu schaute ebenso interessiert auf ihren. Er deutete auf das Sojasteak. »Sojasteak.« Sein Tonfall klang nachdenklich. »Nach meinen Informationen bedeutet ›Steak‹, dass das betreffende Nahrungsmittel aus einem toten Tier geschnitten wurde. Sie essen tote Tiere?«
Yora schüttelte lächelnd den Kopf. »Nicht mehr. Evolutionsbedingt haben die frühen Menschen ihren Eiweißbedarf weitgehend aus dem Fleisch von Säugetieren, Vögeln und Fischen gedeckt, bevor sie den Ackerbau erfanden. Zu dem Zweck haben sie noch bis vor knapp dreihundert Jahren Tiere gezüchtet, nur um sie ihres Fleisches wegen zu schlachten.«
»Wie grausam!«
Yora nickte. »In der Tat. Diese Ansicht setzte sich auch immer mehr durch. Die Bevölkerung wuchs ständig und die Futtererzeugung für die Tiere band zu viele Ressourcen und erzeugte unangemessen hohe Verschmutzungen von Erde, Grundwasser und Luft. Außerdem stimmte die ökologische Bilanz nicht, weil man für die Erzeugung von einem Kilo Fleisch je nach Tierart zwischen fünf und zwanzig Kilo Futtermittel benötigte, die auch von Menschen gegessen wurden.« Sie deutete auf das Sojasteak. »Zum Beispiel Soja. Deshalb wurde die Nutzviehhaltung im Jahr 2132 komplett abgeschafft. Was natürlich zunächst zu riesigen Protesten führte.«
Lepathu hörte ihr interessiert zu. »Warum hat man protestiert?«
Yora trank einen Schluck Saft. »Die Viehzuchtbetriebe fürchteten Einnahmeverluste und zu hohen Kostenaufwand für die Umstellung auf reinen Ackerbau. Und die Leute, die liebten Fleisch zu essen, wollten auf den Genuss nicht verzichten. Aber die haben recht schnell den Fleischersatz akzeptiert, weil die Rezepturen durch die Zutat von Gewürzen und anderen Geschmacksträgern schließlich wie echtes Fleisch schmeckten.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich kann das nicht beurteilen, denn ich habe noch nie Fleisch gegessen.«
»Interessant.«
Lepathu schob sich einen Löffel voll Gemüse in den Mund. Das tat auch Yora und wunderte sich, warum diese Informationen offenbar völlig neu für ihn waren. Er war Lieutenant in der Raumflotte und lebte entsprechend lange schon unter Menschen. Hatte er nie einem Kameraden, einer Kameradin diese Frage gestellt?
»Wie lange sind Sie schon in der Raumflotte, Lepathu?«
»Sieben Jahre. Und Sie?«
»Fünfzehn.«
Nur sieben Jahre – dann konnte er nicht die Akademie besucht haben und jetzt schon Lieutenant sein, denn sieben Jahre war das Minimum der Ausbildungszeit an der Akademie. Je nachdem, ob man sich für die Offizierslaufbahn oder Unteroffizierslaufbahn entschied, verließ man sie im Rang eines Midship Officers oder als Space Officer. Danach konnte man frühestens nach jeweils drei Jahren befördert werden, sofern man nicht wie Yora wegen außergewöhnlicher Verdienste, zum Beispiel während eines Krieges, vorzeitig befördert wurde. Lepathu hätte also für den Lieutenantsrang mindestens zwölf Jahre in der Flotte dienen müssen. Es sei denn, er hätte schon vorher auf Skusaros einen entsprechenden Rang bekleidet, der von der Raumflotte übernommen worden war.
»Sind Sie so etwas wie ein Austauschoffizier?«, fragte sie aus diesem Gedanken heraus.
»So könnte man es nennen.«
Trotzdem hatte er doch bestimmt schon früher nach der Sache mit dem Steak gefragt. Yora konnte sich nicht vorstellen, dass er darauf keine Antwort bekommen hatte. Oder war er nur höflich, machte Small Talk und thematisierte deshalb Dinge, die ihm schon bekannt waren? Sie stellte fest, dass sie rein gar nichts über die Skusann wusste, außer dass und wo sie existierten. Sie sollte das schleunigst ändern, bevor sie bei Lepathu in ein vermeidbares Fettnäpfchen trat. Schließlich trafen sie sich nicht nur beim Essen, sondern teilten dieselbe Kabine.
Sie plauderte noch eine Weile mit ihm über unverfängliche Dinge, bis er seine Mahlzeit aufgegessen hatte und sich verabschiedete. Yora blieb noch und wischte nachdenklich die restliche Gemüsesoße mit Brotstücken vom Teller. Lepathu hatte noch andere Dinge nicht gewusst, die er nach sieben Jahren unter Menschen hätte wissen müssen. Zum Beispiel dass die ersten Schiffe der Chamäleon-Klasse erst vor fünf Jahren in Dienst gestellt worden waren. Solche Dinge wurden in der gesamten Flotte publik gemacht.
Der Rest – Yora mochte nicht glauben, dass seine mangelnden Kenntnisse auf rassistische Ausgrenzung zurückzuführen waren, die er hatte erdulden müssen. Ja, es gab Ressentiments gegenüber anderen Völkern, aber mehrheitlich Menschen wie Yora, die ihnen aufgeschlossen gegenübertraten. Sie beschloss, sich seine Personalakte genau anzusehen. Ein Vorteil ihres Postens bestand darin, dass sie dazu jederzeit befugt war.
Lieutenant Giorgia Sansonetti, ihre Stellvertreterin im Sicherheitsteam, trat an ihren Tisch. »Darf ich Sie einen Moment stören, Ma’am?«
»Bitte.« Yora deutete auf den Platz, den Lepathu vorher geräumt hatte. Sansonetti setzte sich. »Was gibt es?«
»Ich habe auf meinem Kontrollgang vorhin bemerkt, dass ein nicht registrierter Frachtraum zwischen den Räumen elf und zwölf existiert, der sich nicht öffnen lässt.«
Yora nickte. »Captain Chen hat die Anweisung erteilt, diesen Raum zu ignorieren.« Verdammt! Das hatte sarkastisch geklungen. Wie die Kritik an Chens Befehl, die Yora tatsächlich meinte. Aber man kritisierte Befehle von Vorgesetzten nicht gegenüber Untergebenen.
»Verzeihung, Ma’am, aber«, Sansonetti räusperte sich, »kommt Ihnen das nicht ...« Sie suchte nach Worten. »Finden Sie das nicht merkwürdig?«
Yora fand nicht nur das merkwürdig. Aber das konnte sie gegenüber Sansonetti nicht zugeben. Denn man diskutierte Befehle ebenfalls nicht mit Untergebenen. Der Preis der Führungsposition. Die sich in diesem Moment recht einsam anfühlte.
»Captain Chen wird ihre Gründe haben«, antwortete sie Sansonetti. »Wir befolgen ihre Befehle.«
Sansonetti verstand den unsubtilen Hinweis. »Ja, Ma’am.« Sie grüßte und ging.
Yora fühlte sich ein wenig beruhigt, weil der geheime Frachtraum auch Sansonetti misstrauisch gemacht hatte. Aber sie hatte sich immer noch nicht entschieden, wie sie in der Sache vorgehen wollte. Ob sie überhaupt etwas unternehmen sollte. Immerhin war die Chamäleon-Klasse für alles Mögliche einsetzbar. Das schloss auch Geheimaufträge des Flottenkommandos oder sogar der Regierung mit ein. Was, wenn es sich um eine solche Geheimsache handelte? Wenn Yora allzu intensive Nachforschungen anstellte, könnte das die Mission gefährden. Wenn sie es nicht tat, könnte sie einem Verbrechen Vorschub leisten.
Sie beschloss, den Raum im Auge zu behalten und vorläufig Chens Befehl zu befolgen, sich nicht weiter um ihn zu kümmern.
Die vier Bildschirme im Speisesaal blendeten eine leuchtendrote blinkende Umrandung ein, das Zeichen, dass wichtige Nachrichten übertragen wurden. Eine Sekunde später zeigte ein Bild innerhalb dieses Rahmens den Planeten Tema aus dem All. Nicht nur Yora stockte der Atem, denn der Planet war von Tausenden Schiffen der Arsan-Flotte umzingelt, die ununterbrochen auf ihn feuerten. Die Geschosse prallten unmittelbar außerhalb der Atmosphäre auf ein Hindernis, das unter dem Beschuss weiß-grün schimmerte. Unten im Bild lief ein Spruchband, das »Eilmeldung!« verkündete.
»Diese Bilder erreichten vor einer Stunde unseren Sender«, sagte ein Sprecher aus dem Off. »Die Quelle – ein aggyonischer Raumkreuzer, der Hilfsgüter nach Tema liefern wollte – berichtet, dass insgesamt zwölftausend Schiffe der Arsan-Flotte den Planeten eingekreist haben und ihn unter Dauerbeschuss halten. Tema kann sich gegenwärtig noch mit einem den gesamten Planeten umspannenden Abwehrschild schützen, wie wir auf der Aufzeichnung sehen. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis er zusammenbricht und die Temanai der offenbar geplanten Invasion schutzlos ausgeliefert sind. Der IMU-Rat wurde bereits zusammengerufen, um zu beraten, welche Gegenmaßnahmen zu ergreifen sind. Doch wie sich die Lage darstellt, gibt es nur zwei Optionen: Krieg oder Flucht vor der Versklavung durch den Arsan-Bund.«
Und wohin hätten die Evakuierten fliehen können? Mit kamurbetriebenen Waffen und Antrieben gäbe es für die Arsan-Völker keine Grenzen mehr. Früher oder später würden sie auch jene Planeten zu erobern versuchen, auf denen die Evakuierten Zuflucht gefunden hatten. Davon abgesehen gab es auf keiner Welt genug Raumschiffe, um die gesamte Bevölkerung mit allem zu evakuieren, was sie brauchten, um einen anderen Planeten zu besiedeln oder auch nur, um ihre persönlichen Sachen zu einer bereits besiedelten Welt zu bringen, dessen Volk sie aufzunehmen bereit wäre. Auf der Erde müssten nach Yoras Schätzung mindestens achtzig Prozent der Bevölkerung zurückbleiben. Und wer wollte entscheiden, wer in die trügerische Freiheit fliehen durfte und wer der Eroberung der Arsan-Völker ausgesetzt wurde?
Allerdings hatte sich durch diese neue Entwicklung für die MARU TAI der Flug nach Tema erübrigt, denn die Arsan-Schiffe würden sie kaum passieren lassen, um ihre Hilfsgüter abzuliefern. Außerdem hätten die Temanai zu dem Zweck ihren Schutzschild zumindest in einem Teilsegment deaktivieren müssen, um das Schiff durchzulassen. Und das hätten die Arsans gnadenlos ausgenutzt.
Yora blickte zu Commander Wendt, der immer noch an seinem Tisch saß und unverwandt auf einen der Bildschirme starrte. Sein Gesicht zeigte einen besorgten Ausdruck, und seine Lippen bewegten sich, als würde er lautlos etwas sagen. Möglicherweise sprach er ein Gebet. Das hatten die Temanai auch nötig.
»In den vergangenen Tagen«, fuhr der Nachrichtensprecher fort, »sind bereits Vermutungen laut geworden, dass die Naturkatastrophe auf Tema das Ergebnis gezielter Sabotage war. In Anbetracht des Angriffs der Arsan-Flotte kann man das wohl als Fakt betrachten. Die Frage ist jetzt, was die IMU tun sollte oder überhaupt tun kann, um die dadurch entstandene Bedrohung abzuwenden oder zumindest in Schach zu halten. Der regierende Rat von Terra rät allen Menschen, Vorkehrungen für eine Evakuierung zu treffen, betont aber, dass kein Grund zur Panik besteht. Bis die Arsan-Flotte Tema erobert hat, vergehen nach fundierter Schätzung von Expertinnen und Experten mindestens vier Wochen. Bis sie ihre Schiffe mit Kamurkristallen bestückt haben werden, wird es mindestens weitere zwei Monate dauern, wenn nicht länger. Die Regierung rät: Handeln Sie besonnen.«
Yora hatte genug gehört. Der Rat zur Besonnenheit war zwar gut, aber er verfehlte seine Wirkung. Zumindest bei den im Speisesaal Anwesenden spürte sie Angst, Wut und Besorgnis. Abgesehen davon teilte sie die Schätzung der zur Vorbereitung verfügbaren Zeit nicht. Sicherlich war diese Angabe nur ein Beruhigungsmittel für den nichtmilitärischen Teil der Bevölkerung, denn wer in der Flotte diente, wusste selbstverständlich, dass man immer vom schlimmsten Fall ausgehen und auf diesen vorbereitet sein musste, wenn man überleben wollte.
Sie trommelte den wachhabenden Teil ihrer Sicherheitscrew zusammen und ging mit den Leuten in den letzten verbliebenen Aufenthaltsraum des Schiffes. Alle Crewmitglieder, die dienstfrei hatten, hatten sich inzwischen dort eingefunden, um die unerwartet aufgetauchte Bedrohung zu diskutieren. Die Präsenz der Sicherheitsleute sorgte dafür, dass die Diskussionen gesittet verliefen und nicht zu hitzig wurden oder dass jemand von Panik übermannt wurde. Inhaltlich drehte sich alles um die gleichen Dinge, über die Yora sich auch schon Gedanken gemacht hatte.
Nur in einem waren sich alle einig: dass die MARU TAI unverrichteter Dinge umkehren würde.
3.
MARU TAI, auf dem Weg nach Tema
1. Mai 2403
Die Stimmung an Bord war angespannt, um nicht zu sagen: miserabel. Captain Chen hatte schiffsweit verkündet, dass die MARU TAI auf Befehl des Flottenkommandos ihre Mission fortzusetzen und die geladenen Hilfsgüter auf Tema abzuliefern hatte. Vorausgesetzt, dass sie dazu eine Möglichkeit fand. Woran alle zweifelten und daraus keinen Hehl machten. Mit Ausnahme von Captain Chen und Commander Wendt. Vermutlich zweifelten auch sie am Sinn der fortgesetzten Mission, aber sie gaben dem mit keiner Geste oder Miene, geschweige denn mit Worten Ausdruck.
Die Hauptaufgabe von Yoras Team bestand seitdem darin, den Unmut der Crew im Zaum zu halten. Die Aufgabe als solche war nicht allzu schwer, denn die allgegenwärtige Präsenz von Sicherheitsleuten im Speisesaal, im Aufenthaltsraum und als Zweierpatrouillen in den Gängen sorgte dafür, dass die Leute ihren Missmut nur verbal ausdrückten. Auch dabei hielten sie sich zurück und achteten darauf, nichts zu äußern, was man als Aufwiegelung zur Meuterei interpretieren konnte. Schwieriger war für Yora und ihre Leute, ihre eigene Disziplin zu wahren und nicht preiszugeben, dass sie die allgemeine Ansicht über das Scheitern der Mission und die Sinnlosigkeit ihrer Fortsetzung teilten.
Und es gab noch ein weiteres Problem: Lepathu. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Skusann. Yora hatte ihn auf einem ihrer routinemäßigen Rundgänge, die auch einen regelmäßigen Besuch im Maschinenraum erforderten, dabei ertappt, wie er an seinem Terminal die Schaltpläne der Mechanik studierte, die die Veränderungen der MARU TAI im Inneren und Äußeren steuerte. Als ob er die noch nie zuvor gesehen hätte. Was unmöglich war, denn man hätte ihn ohne fundierte Kenntnis gerade dieses Bereiches garantiert nicht auf einem Chamäleon-Schiff stationiert. Was sie aber misstrauisch machte, war die Tatsache, dass Lepathu eine andere Datei aufgerufen hatte, als er merkte, dass Yora sich seiner Station näherte. Ganz so, als wollte er verhindern, dass sie sah, welchem Teil des Schiffes er besondere Aufmerksamkeit schenkte. Und hätte er nur zwei Sekunden früher umgeschaltet, wäre ihr das tatsächlich entgangen.
Das hätte durchaus ein Zufall sein können. Yora hatte sich zudem schon verdächtigt, Lepathus Verhalten nur deshalb für seltsam zu halten, weil er kein Mensch war und sie noch nie mit einem Skusann zu tun gehabt hatte. Aufgrund dieses Mangels an Erfahrung konnte sie sein Verhalten nicht einschätzen. Was ihr als Versuch der Verdeckung seiner wahren Absicht erschien, mochte für ihn ein ganz normales Verhalten sein. Doch als Sicherheitschefin durfte sie sich nicht darauf verlassen.
Außerdem war seine Personalakte immer noch nicht in die Schiffsdatenbank übertragen worden, sodass Yora sie nicht überprüfen konnte. Das entsprach nicht den Vorschriften, aber sie wollte sich nicht schon wieder bei Captain Chen in die Nesseln setzen, indem sie nach der Akte fragte. Chen hätte das nur zu leicht als Kritik an ihrer Person interpretieren können, weil Yora damit angedeutet hätte, dass sie ihrer Aufgabe als Kommandantin nicht vorschriftsmäßig nachkam. Zu der gehörte schließlich auch, die Personalakten neuer Crewmitglieder in die Datenbank des Schiffes einzupflegen, nachdem sie sie gelesen hatte.
Von der fehlenden Akte abgesehen, schien Lepathu Yora aus dem Weg zu gehen. Wann immer sie in ihre Kabine kam, war er nicht da. Und bisher war er auch nicht später gekommen, was der Fall hätte sein müssen, wenn er sich nach dem Ende seiner Schicht in die Kabine zurückgezogen hätte. Er war inzwischen seit vierunddreißig Stunden an Bord und musste doch irgendwann mal schlafen. Vielleicht wich er ihr aus, weil er sich von den Fragen, die sie ihm beim Essen gestellt hatte, belästigt gefühlt hatte und eine weitere »Inquisition« fürchtete, zu der er ihr keine Gelegenheit geben wollte.
Yora setzte sich an die Arbeitsstation in ihrer Kabine. Auch der Bereitschaftsraum der Sicherheitswache war in einen Frachtraum umgewandelt worden, sodass die Sicherheitscrew sich während des Bereitschaftsdienstes in ihren Kabinen aufhielt. Sie rief Lepathus Dienstplan auf und stellte fest, dass der nicht existierte. Nicht einmal sein Name als Crewmitglied war schon registriert worden. Eine weitere Nachlässigkeit, die Yora sich nicht erklären konnte. Captain Chen hatte das garantiert nicht zu verantworten; dazu war sie zu akkurat in allem, was sie tat. Hatte sie Commander Wendt damit beauftragt, und er hatte das versäumt? Aber auch er neigte nicht zu Nachlässigkeiten.
Yora versuchte, auf die Flottendatenbank zuzugreifen und Lepathus Akte dort einzusehen. Sie stieß auf eine Versiegelung, die ihr unmissverständlich mitteilte, dass die Akte, die sie zu lesen wünschte, ausschließlich den Mitgliedern des Flottenkommandos zugänglich war und Yoras Zugriff in diesem Moment dort gemeldet wurde. Außerdem wurde ihr ein weiterer Zugriffsversuch unter Androhung von Strafe wegen Befehlsverweigerung untersagt. Das war allerdings mehr als seltsam. Leitende Sicherheitsoffiziere hatten immer Zugriff auf die Personalakten aller Besatzungsmitglieder des Schiffes, für dessen Sicherheit sie verantwortlich waren, auch wenn sie die nicht im Bordcomputer, sondern im Hauptquartier der Flotte einsehen wollten. Was hatte diese Ausnahme zu bedeuten?
Sie beschloss, sich erst einmal umfassend über die Skusann zu informieren, bevor sie falsche Schlüsse zog, und rief in der Schiffsdatenbank die Datei über Lepathus Volk auf. Sie überflog die Historie und die Natur von Skusaros und konzentrierte sich auf die biologischen und vor allem soziologischen Aspekte.
Biologisch stellten sie in mehr als einer Hinsicht eine Besonderheit dar. Sie besaßen kein Skelett. Ihr Körper bestand ähnlich wie der von Tintenfischen nur aus Muskeln, Sehnen, Haut und Organen und war entsprechend beweglich. In ihrer Kultur gab es drei Geschlechter: weiblich, männlich und monmuti, was der Beschreibung nach einem Hermaphrodit entsprach. Interessanterweise konnten sie ihr Geschlecht im Jugendstadium frei wählen. Erst wenn der körperliche Reifeprozess mit dem Übergang ins Erwachsenenstadium abgeschlossen war, was innerhalb eines Tages geschah, manifestierte sich dauerhaft das Geschlecht, das sie in diesem Moment hatten. Lepathu hatte sich offenbar entschieden, ein Mann zu sein.
Immerhin erklärte die skusarische Biologie auch, warum er bis jetzt noch nicht geschlafen hatte. Der skusarische Tag dauerte nach irdischer Zeitrechnung dreiundfünfzig Stunden, und die Skusann brauchten nur vier Stunden Schlaf, um sich vollständig zu regenerieren. Allgemein galten sie als gesellig und kommunikativ. In diesem Punkt war Lepathu wohl eine Ausnahme. Oder seine Zurückhaltung lag daran, dass er von den Menschen wie ein Exot behandelt wurde.
Yora hätte zu gerne gewusst, warum er sich entschieden hatte, ausgerechnet in der Terranischen Raumflotte zu dienen, obwohl die skusarische ihm erheblich mehr Entwicklungsmöglichkeiten bot. Gerade Ingenieure bekamen dort Forschungsmittel ohne Ende und vom Staat alles zur Verfügung gestellt, was sie brauchten, um neue Ideen oder Verbesserungen umzusetzen oder auszuprobieren.
Immerhin lieferte ihre Nachforschung auch eine Erklärung für etwas, worüber sie sich ebenfalls schon gewundert hatte: Skusann besaßen nur einen einzigen Rufnamen. So etwas wie einen Familien- oder Clannamen gab es bei ihnen nicht. Zwei gleichlautende Namen angeblich auch nicht, sodass eine eindeutige Identifizierung durch den einzigen Namen gewährleistet war. Was auf den ersten Blick unglaublich klang, wunderte Yora bei näherer Betrachtung nicht. Das skusarische Alphabet besaß dreiundfünfzig Buchstaben mit einundzwanzig Vokalen, und es gab keine Beschränkung hinsichtlich der Länge eines Namens. Das ermöglichte Milliarden von Buchstabenkombinationen und somit möglichen Namen.
Das alles waren interessante Informationen, aber sie erklärten nicht die Dinge, die Yora aufgefallen waren. Nicht alle.
Die Kabinentür öffnete sich, und Lepathu kam herein. Er blieb stehen, als er Yora sah.
»Ich störe Sie hoffentlich nicht?«, vergewisserte er sich.
»Nein. Abgesehen davon, dass dies auch Ihre Kabine ist und Sie sich darin aufhalten können, wann immer Sie wollen, habe ich Bereitschaftsdienst. Ich habe mir die Zeit damit vertrieben, mich über Ihr Volk zu informieren. Ich wollte wissen, ob es irgendein Tabu gibt, das ich beim Zusammenwohnen mit Ihnen beachten muss. Leider geben die vorhandenen Daten darüber keine Auskunft.« Sie sah ihn auffordernd an und hoffte, dass er ihre Miene richtig deutete.
Lepathu ließ sich in einer fließenden Bewegung, die Yora tatsächlich an einen Tintenfisch erinnerte, auf dem Fußboden vor ihr nieder. Trotzdem überragte er sie immer noch, weil sie ebenfalls saß.
»Ein Tabu – nein«, beantwortete er ihre Frage und neigte den Kopf erst zur einen, dann zur anderen Schulter.
Schultern? Obwohl er gar kein Skelett besaß?
»Aber das bezieht sich natürlich auf unsere eigenen kulturellen und soziologischen Vorstellungen. Menschen sehen sicherlich Dinge, die für uns normal sind, als ungewöhnlich oder sogar als Tabu an. Da ich bisher noch nie eine Kabine mit einem Menschen teilen musste, fehlen mir entsprechende Erfahrungen.«
Yora nickte. »Dann sagen Sie mir doch einfach, was ich nicht tun sollte.«
Wieder neigte er den Kopf zu beiden Seiten. »Sie sollten mich nur nicht stören, wenn ich mich in akinimi befinde – Meditation ist das Wort, das diesem Zustand in der menschlichen Sprache am nächsten kommt.«
»Kein Problem«, versicherte Yora. »Ich vermute, Ihr akinimi erkenne ich wie eine menschliche Meditation daran, dass Sie irgendwo regungslos sitzen oder liegen.«
Er hob eine Hand wie zum Gruß. »Aber etwas extremer als bei einem menschlichen Körper. Wenn ich alle Muskeln entspanne, passiert das.«
Sein Körper zerfloss zu einem kompakten Haufen, dessen Gliedmaßen mehr Tentakeln ähnelten als Armen und Beinen. Auch seine Gesichtsumrandung, die Yora für Knochenplatten gehalten hatte, erschlaffte, blieb aber in ihren Konturen erhalten. Lepathu richtete sich wieder auf und blickte Yora intensiv mit beiden Augen an.
»Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass Menschen sich wohler fühlen, je menschenähnlicher ihr Gegenüber ist, halte ich meinen Körper so geformt, dass er möglichst menschlich aussieht.«
Deshalb also täuschte er Schultern vor, die er gar nicht hatte. Yora lächelte. »Ihre natürliche Form ist mir persönlich ebenso angenehm«, versicherte sie. »Fühlen Sie sich also bitte nicht verpflichtet, in meiner Gegenwart möglichst menschlich auszusehen.«
»Danke.« Erneut blickte er sie intensiv an. »Das ermutigt mich, Sie zu fragen, ob es üblich ist, einem Menschen Freundschaft anzubieten.«
Jahre des Lebens unter Menschen – und er wusste das nicht? Yora fand das mehr als seltsam. Aber auch dafür mochte es eine plausible Erklärung geben. Trotzdem war das aufgrund der Umstände eine ungewöhnliche Frage.
»Das kommt darauf an. Wie Sie wissen, verbieten die Dienstvorschriften intime Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, und auch Freundschaft wird in diesem Bereich nicht gern gesehen, ist aber nicht verboten. Wenn Sie als Vorgesetzter einem Untergebenen Freundschaft anbieten, wäre das in der Tat ebenso unpassend wie anders herum. Sollte sie sich jedoch im Lauf der Zeit ohne ›Absprache‹ ergeben, wäre das eine andere Sache, solange diese Freundschaft die Arbeit nicht beeinträchtigt.«
Lepathus Augen schillerten, als hätte er im Inneren eine Lampe eingeschaltet. »Da wir eine Kabine teilen, den gleichen Rang besitzen und nicht in derselben Abteilung arbeiten – wäre es unangemessen, Sie meiner Freundschaft zu versichern?«
»Durchaus nicht.« Worauf wollte er hinaus? Denn Yora war sich sicher, dass er mit seiner Frage – seinem Angebot? – nicht nur Small Talk machte. »Verzeihen Sie meine Frage, aber warum wenden Sie sich in diesem Punkt gerade an mich? Dass wir eine Kabine teilen, ist wohl kaum der einzige oder überhaupt ein Grund.«
Er zwinkerte mit beiden Augen, wodurch deren Facetten noch schillernder wirkten. »Braucht Freundschaft bei Menschen einen Grund?«
Auch das hätte er nach sieben Jahren unter Menschen wissen müssen. Was war los mit ihm? Er konnte in all den Jahren doch nicht so vollständig oder weitgehend isoliert gewesen sein und keine Freundschaften geschlossen haben.
»Nein, das nicht«, antwortete sie ihm. »Aber in der Regel entwickeln sich Freundschaften nicht spontan nach nur wenigen Stunden des Kennenlernens.«
Er stieß ein leises Zischen aus. »Ich verstehe. Bei meinem Volk ist das anders. Uns genügen wenige Augenblicke des Kontaktes, um eine Sympathie festzustellen, die unserer Definition von Freundschaft entspricht.«
»Das ist eine wunderbare Fähigkeit. Wie hoch ist die Quote der Irrtümer?«
Lepathu zwinkerte heftig. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«
»Nun, wie oft kommt es vor, dass Sie später feststellen, dass der erste Eindruck von Sympathie doch nicht ausreichend war für eine fundierte Freundschaft?«
»Solche Irrtümer gibt es nicht.«
Stimmte das? Oder wollte Lepathu sich bei ihr einschmeicheln? Yoras Intuition warnte sie vor ihm. Irgendetwas an ihm passte nicht zusammen. Und sie war sich sicher, dass das nicht an seiner Herkunft lag oder daran, dass sie noch nie zuvor mit einem Skusann zu tun gehabt hatte. Was immer er vielleicht vorhatte, sich mit der Sicherheitschefin anzufreunden war die beste Methode, um harmlos zu wirken. Sie beschloss mitzuspielen.
»Dann darf ich Sie im Gegenzug auch meiner Freundschaft versichern«, antwortete sie.
Seine Augen strahlten auf. »Ich freue mich, in Ihnen eine Person gefunden zu haben, die mir die Dinge menschlicher Eigenheiten erklären kann.«
»Das tue ich gerne«, versicherte Yora. Schon deshalb, weil sie dadurch die beste Gelegenheit hatte, hinter Lepathus Geheimnis zu kommen. Oder seinen Plan. Sie stand auf. »Es ist Zeit für meinen Kontrollgang durch das Schiff. Wir sehen uns.«
»Selbstverständlich.«
Yora verließ ihre Kabine. Vor der Tür wartete Giorgia Sansonetti auf sie. »Alles ruhig soweit«, meldete sie. »Allerdings hat sich die allgemeine Stimmung nicht verbessert.«
Das war auch kaum zu erwarten, denn seit dem Befehl, die Mission trotz ihrer Aussichtslosigkeit fortzusetzen, waren noch keine vierundzwanzig Stunden vergangen.
»Wir sollten aber ein besonders wachsames Auge auf den Maschinenraum haben.«
»Warum?«
Sansonetti wiegte den Kopf, ehe sie mit dem Kinn zu Yoras Kabinentür deutete. »Die Leute sind nicht begeistert davon, einen Skusann als Vorgesetzten zu haben. Und einige machen hinter seinem Rücken daraus keinen Hehl.«
»Das hat uns gerade noch gefehlt«, murmelte Yora. Am besten gab sie an ihre Crew die Anweisung heraus, Lepathu betont wie einen normalen Kameraden zu behandeln. Ihm im Speisesaal Gesellschaft zu leisten, sich mit ihm zu unterhalten und so weiter. Aber diskret, damit das ganz natürlich wirkte.
Sie marschierte mit Sansonetti systematisch durch das ganze Schiff, kontrollierte jeden Raum außer den Privatquartieren und inspizierte auch die Frachträume, als wären sie eben erst beladen worden. Dass sie dabei einen Handscanner benutzte, um zu sehen, ob die durch die Container verdeckten hinteren Halterungen intakt waren, war eine normale Vorgehensweise. Dass sie ihn eingeschaltet und auf die Wand gerichtet hielt, nicht. Dennoch tat Yora das während des gesamten Rundgangs, denn auf die Weise scannte das Gerät auch das Innere des geheimen Frachtraums zwischen F11 und F12, ohne dass auf den Kameraaufzeichnungen in dem Gang davor irgendetwas Ungewöhnliches zu sehen war. Das wäre doch gelacht, wenn sie nicht herausfand, was darin verborgen wurde.
Yora und Sansonetti betraten den Maschinenraum.
»... muss wirklich viel, also, megaviel gesoffen haben, um nicht nur blau zu sein, sondern auch noch so auszusehen«, hörten sie eine Männerstimme. Der Sprecher lachte über seinen eigenen Witz, und die drei weiteren Anwesenden stimmten darin ein.
»Sehen Sie, was ich meinte?«, fragte Sansonetti leise.
Yora nickte. Forsch baute sie sich mitten im Raum vor den Leuten auf und fixierte den dunkelhäutigen Mann, der gesprochen hatte. Laut dem Namensschild auf seiner Uniform hieß er Galba und hatte den Rang eines Ensign.
»Ensign Galba.« Yora ließ ihre Stimme so eisig klingen, wie es ihr möglich war. »Haben Sie sich gerade tatsächlich in absolut ungebührlicher Weise über Lieutenant Lepathu, Ihren Vorgesetzten, lustig gemacht?«
Galbas Haut wurde dunkler, und die anderen Crewmitglieder wurden rot. Er schluckte. »Das war doch nur so daher gesagt«, verteidigte er sich. »Nicht ernst gemeint.«
»Nur so daher gesagt?«, schnauzte Yora ihn an. »Nicht ernst gemeint? Was Sie von sich gegeben haben, war eine rassistische Beleidigung! Lieutenant Lepathu ist Mitglied der Terranischen Raumflotte genau wie Sie. Er trägt die gleiche Uniform wie Sie, hat dieselben Eide geleistet und ist Ihr Vorgesetzter. Sie schulden ihm ein Mindestmaß an Respekt, an dem Sie es soeben gewaltig haben mangeln lassen. In der Flotte sehen wir nicht auf die Herkunft oder das Aussehen, sondern nur auf die Leistung!«
Galba hatte den Kopf gesenkt. »Ich bitte um Entschuldigung.«
Doch Yora war mit ihm und seinen Kameraden noch lange nicht fertig. »Gerade Sie, Ensign, sind so ziemlich der Letzte, der rassistische Äußerungen von sich geben sollte. Die Zeiten sind noch gar nicht so lange vorbei, in denen Menschen mit Ihrer Hautfarbe eben deswegen diskriminiert wurden. Und ausgerechnet Sie machen einen Witz über die Hautfarbe Ihres Vorgesetzten!«
Galba senkte den Kopf noch tiefer und zog die Schultern hoch.
»Und Sie!«, fuhr Yora die anderen an. »Sie erdreisten sich ebenfalls, über Ihren Vorgesetzten zu lachen, statt Ensign Galba in seine Schranken zu weisen!« Sie machte aggressiv einen Schritt vorwärts. Die Leute wichen zurück. »Wenn mir noch ein einziges Mal zu Ohren kommt, dass Lieutenant Lepathu nicht mit dem gebührenden Respekt behandelt wird oder dass sich irgendjemand über sein Aussehen, seine Herkunft oder was auch immer lustig macht, dann melde ich Sie alle Captain Chen. Verstanden?«, brüllte Yora sie an.
Die Leute standen reflexartig stramm. »Jawohl, Ma’am!«, bestätigten sie im Chor.
Yora trat noch einen weiteren Schritt auf sie zu. Diesmal traute sich keiner zurückzuweichen. »Und nur zur Erinnerung: Ich bin die Sicherheitschefin dieses Schiffes. Ich habe meine Augen und Ohren überall. Deshalb weiß ich auch, dass dies nicht der erste Vorfall dieser Art war, obwohl Lieutenant Lepathu erst einen einzigen Tag an Bord ist. Damit ist Schluss. Oder Sie bekommen ernsthaft Ärger. Nicht nur mit mir.«
Sie wartete keine Antwort ab, sondern begann mit der Inspektion der sicherheitsrelevanten Dinge und machte eine Show daraus, sie besonders gründlich durchzuführen. Bevor sie den Maschinenraum verließ, warf sie noch einen eisigen Blick in die Runde und hoffte, dass ihre Standpauke Wirkung zeigte. Allerdings setzte sie den Vorfall als Fußnote in das Prüfprotokoll. Falls Captain Chen das las, bekämen die Leute den Ärger mit ihr schon jetzt. Aber Chen hatte nur in den ersten drei Monaten nach Yoras Antritt als Sicherheitschefin jedes ihrer Protokolle gelesen. Inzwischen begnügte sie sich damit, nur ab und zu eine Stichprobe zu machen. Nachdem sie die bereits gestern getätigt hatte, war es unwahrscheinlich, dass sie das heute schon wieder tat.
Den Vorfall zu verschweigen, kam jedoch nicht infrage. Denn sollte Chen aufgrund eines weiteren und vielleicht schwerwiegenderen ähnlichen Vorfalls herausfinden, dass der nicht der Erste seiner Art war, Yora das aber im Protokoll nicht gemeldet hatte, bekäme sie ebenfalls Ärger. Und wie sie Chen inzwischen kannte, hätte sie keine Nachsicht zu erwarten, ganz gleich, was sie als Begründung angab.
Sie und Sansonetti beendeten den Rundgang und Yora ging zu ihrer Kabine zurück. Sie konnte kaum erwarten, die Aufzeichnungen des Handscanners anzusehen und endlich zu erfahren, was sich in dem geheimen Frachtraum verbarg.
Als sie ihre Kabine betrat, stand Lepathu am »Fenster« neben dem Eingang zu seinem Kabinenteil und blickte in die Schwärze des Alls. Das Fenster war nichts anderes als ein Bildschirm, auf den eine Außenkamera das Realbild der Umgebung des Schiffes projizierte. Vereinzelte Lichtblitze zeigten an, wo eine Sonne passiert wurde. Yora lächelte bei dem Gedanken daran, wie sich die Literatur- und Filmschaffenden früherer Zeiten den Vorbeiflug von Sternen mit mehrfacher Lichtgeschwindigkeit vorgestellt hatten. Entweder als langsam vorbeigleitende Lichtpunkte in großer Zahl oder als schwarze Leere oder irgendwelche anderen Fantasieformen und Farben, weil ihrer Meinung nach Überlichtgeschwindigkeit nur möglich war, indem man ein besonderes Energiefeld um das Schiff herum erzeugte und es dadurch in einen übergeordneten Raum versetzte. Oder indem ein künstliches, »farbloses« Wurmloch erschaffen wurde, das es von einem Ort zum anderen brachte.
Die Realität war viel einfacher. Die MARU TAI flog im normalen Raum, nur eben überlichtschnell. Weil aber der Abstand zwischen den einzelnen Sternen immer mehrere Lichtjahre betrug, teilweise sogar mehrere Hundert Lichtjahre, konnte das bloße Auge sie nur als flüchtige, vereinzelte Lichtpunkte wahrnehmen, die für den Bruchteil einer Sekunde aufblitzten. Trotzdem war es ein faszinierender Anblick. Yora hatte ebenso wie Lepathu schon oft vor einem Fenster gesessen, das Phänomen betrachtet und sich davon meditativ einlullen lassen. Das half ihr immer, ihren Geist zur Ruhe kommen zu lassen.
Lepathu drehte den Kopf ein Stück zur Seite, sodass eines seiner Augen Yora ansehen konnte. »Was sehen Sie, wenn Sie diese Darstellung betrachten?« Er wedelte mit einer Hand. »Ich muss meine Formulierung korrigieren: Wie interpretieren Sie das, was Ihre Augen dort sehen?«
»Als einen Eindruck von absoluter Unendlichkeit.« Sie stellte sich neben ihn und betrachtete ebenfalls das Bild. »Wir könnten bis ans Ende unseres Lebens immer geradeaus fliegen – und natürlich Sonnen ausweichen, um nicht mit ihnen zu kollidieren – und würden doch nie ein Ziel erreichen, einen Endpunkt. Nicht einmal, wenn wir Tausende von Jahren leben würden und unsere Geschwindigkeit verzehnfachen oder verhundertfachen könnten. Das macht mir jedes Mal bewusst, dass wir alle nur eine Art Staubkorn im Universum sind und nichts, was wir tun oder nicht tun, für das Universum von Bedeutung ist.«
»Weil es so unendlich größer ist als wir«, stimmte Lepathu ihr zu.
»Was sehen Sie?«
»Eine lebensfeindliche Umgebung, die gerade wegen ihrer Unendlichkeit faszinierend ist. Sie macht mir meine eigene Endlichkeit bewusst und auch, dass ich selbst nicht wichtig bin.« Wieder blickte er sie an. »Dass aber meine Taten einen Einfluss auf ein winziges Stück dieser Unendlichkeit haben, weshalb ich mein Leben so gestalten sollte, dass es für diesen kleinen Teil eine Bedeutung hat.«
»Ein guter Vorsatz.« Den man positiv, aber auch negativ interpretieren konnte. »Lepathu, falls Sie Probleme mit Ihren Untergebenen haben sollten, lassen Sie es mich wissen.«
Er wandte sich ihr vollständig zu. »Warum?«
»Weil es auch zu meinen Aufgaben als Sicherheitschefin gehört, mich um solche Dinge zu kümmern. Respektlosigkeiten muss sich niemand gefallen lassen.«
»Befürchten Sie, dass man mir solche entgegenbringen könnte?«
Sie nickte. »Die Stimmung an Bord ist, wie Sie sicherlich schon mitbekommen haben, angespannt. Und Sie sind die einzige Person an Bord, die zu einem anderen Volk gehört. Menschen neigen leider manchmal dazu, ihre Frustration an anderen auszulassen. Wenn jemand aufgrund einer besonderen Eigenheit als Außenseiter wahrgenommen wird, konzentriert sich der Frust auf ihn.«
Er blickte sie eine Weile aus schillernden Augen an. »Ich weiß Ihre Sorge zu schätzen, Yora Davidoff. Aber sie ist unnötig. Ich komme zurecht.«
Sie nickte nur und setzte sich an ihre Arbeitsstation, verband den Handscanner mit dem Gerät, übertrug die Daten und spulte die Aufzeichnung vor, bis sie den Teil zeigte, als sie an dem geheimen Frachtraum vorbeigegangen war. Sie ließ diesen Part Bild für Bild in dreifacher Zeitlupe ablaufen und beugte sich gespannt vor. Das Gerät zeigte – nichts. Eine automatisch generierte Analyse gab an, dass der Raum nicht hatte gescannt werden können, weil er im Inneren mit einem Antiscannerfeld umgeben war.
Yora lehnte sich zurück und starrte auf den Bildschirm. Ihr Verdacht, dass es mit diesem Raum etwas Besonderes auf sich hatte, war soeben bestätigt worden. Aber was? Die wichtigere Frage war, ob sie die Sache weisungsgemäß auf sich beruhen lassen sollte oder nicht. Mit Captain Chen brauchte sie gar nicht erst zu reden, denn die hatte ihren Standpunkt mehr als deutlich gemacht. Blieb also Commander Wendt als Anlaufstelle. Ein Blick in die aktuellen Dienstpläne zeigte ihr, dass er dienstfrei hatte. Ein Blick auf die Uhr ließ sie hoffen, dass er nicht schon im Bett lag und schlief. Sie verließ die Kabine und ging zu ihm.
*
Wendt empfing sie in legerer Freizeitkleidung, einer weiten dunkelgrünen Hose aus schimmerndem Stoff und einem locker sitzenden Hemd, das ihm bis übers Gesäß fiel, aus vermutlich dem gleichen Stoff, nur in Dunkelblau. Ein ungewohnter Anblick, da Yora ihn bisher ausschließlich in Uniform gesehen hatte.
»Verzeihen Sie die Störung, Sir. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gern mit Ihnen sprechen.«
»Ihr Kommen zu dieser späten Stunde bedeutet hoffentlich nicht, dass Sie eine Hiobsbotschaft zu melden haben, Lieutenant.« Er winkte ab. »Nein, natürlich nicht, denn die hätten Sie als Erstes dem Captain gemeldet. Also, worum geht es? Ich hoffe, Sie wollen sich nicht darüber beschweren, dass Sie die Kabine mit Lieutenant Lepathu teilen müssen.« Er bat sie mit einer Handbewegung herein und bedeutete ihr, sich zu setzen.
»Nein, Sir.« Yora registrierte mit einem Anflug von Neid, dass weder er und mit Sicherheit auch nicht Captain Chen ihr Quartier mit einer anderen Person teilen mussten. Das Privileg des höheren Rangs. Sie setzte sich in einen Sessel, nachdem er in einem anderen Platz genommen hatte.
»Es geht um den nicht registrierten Frachtraum, der zwischen F11 und F12 eingerichtet wurde. Ich habe keinen Zugang zu ihm. Aber er unterliegt denselben Sicherheitsvorschriften wie alle anderen Räume. Seinen Zugangscode nicht für den Generalcode zu Sicherheitsüberprüfungen freizuschalten, widerspricht den Vorschriften, Sir.«
Wendt blickte sie an, das Gesicht ausdruckslos. »Ich nehme an, Sie haben das Problem bereits mit Captain Chen besprochen.«
»Ja, Sir.«
»Und was hat sie Ihnen gesagt?«
»Zunächst nur, dass sie sich darum kümmern wird. Als ich das Rauminnere scannen wollte, hat sie das verboten und mir befohlen, den Raum zu ignorieren.«
Wendt zog die Augenbrauen hoch. »Und warum befolgen Sie diesen eindeutigen Befehl nicht, Lieutenant?«
»Aufgrund von Paragraf zwo-einunddreißig A, Absatz eins der aktuellen Dienstvorschriften, Sir: Die Leitung der Sicherheitsabteilung ist berechtigt, Befehle von Vorgesetzten zu ignorieren, wenn der begründete Verdacht besteht, dass durch diese die Sicherheit des Schiffes gefährdet ist oder gefährdet werden könnte.«
Wendt lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Und was macht Sie glauben, dass irgendetwas in diesem ominösen Frachtraum gefährlich werden könnte?«
War das eine Fangfrage? Schließlich lag die Antwort auf der Hand. »Diese Möglichkeit besteht rein theoretisch zu fünfzig Prozent, Sir. Und solange ich den Raum nicht überprüft habe, kann ich eine Gefährdung nicht ausschließen.«
Wendt nickte, aber der Blick, mit dem er sie ansah, war spöttisch. »Klar, auf einem Frachtschiff, das Hilfsgüter nach Tema bringt, werden gefährliche Dinge transportiert.« Er lächelte, aber das wirkte alles andere als freundlich. Er beugte sich vor. »Lieutenant Davidoff, Sie sind noch nicht lange an Bord, und ich verstehe Ihr Bedürfnis, sich zu etablieren. Und vielleicht auch, sich zu profilieren.«
Profilieren? Diese haltlose Anschuldigung verschlug ihr die Sprache. Sie hatte Mühe, ein gleichmütiges Gesicht zu wahren und sich das nicht anmerken zu lassen. Sie hoffte, dass ihr das gelang.
»Aber ich empfehle gerade deshalb, dass Sie Captain Chens Befehl befolgen und sich nicht um diesen Frachtraum küm–mern.«
Yora war nicht bereit, klein beizugeben. »Bei allem Respekt, Sir, wenn mir die Kontrolle des Raums weiterhin verweigert wird, muss ich davon ausgehen, dass der Grund dafür möglicherweise – und ich betone: möglicherweise – illegaler Natur ist.«
Wendt verengte die Augen. »Vorsicht, Davidoff! Sie begeben sich hier auf sehr gefährliches Terrain.«
Das war Yora nur allzu bewusst. »Die einzige andere mögliche Erklärung für Captain Chens Befehl ist, dass sich die MARU TAI auf geheimer Mission befindet und das Geheimnis in diesem Raum verborgen ist. Aber gerade dann sollte ich als Sicherheitschefin darüber informiert sein, damit ich Maßnahmen ergreifen kann, um ein solches Geheimnis zu schützen.« Erwartungsvoll sah sie Wendt an.
Er stand auf und trat dicht an Yora heran. Sie erhob sich ebenfalls und erwiderte seinen stechenden Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.
»Sie haben einen Befehl des Captains erhalten, Lieutenant. Und ich gebe Ihnen hiermit denselben Befehl: Sie lassen den Frachtraum komplett in Ruhe und unterlassen alle Versuche, ihn zu kontrollieren oder auch nur herauszufinden, was er enthält. Sollten Sie diesen Befehl ebenfalls missachten, sorge ich dafür, dass Sie wegen Befehlsverweigerung vors Flottengericht kommen. Haben Sie das verstanden, Lieutenant Davidoff?«
»Ja, Sir.«
»Wegtreten!«
Yora grüßte vorschriftsmäßig und verließ seine Kabine. Wendt hatte ihr soeben indirekt bestätigt, dass sich in dem Raum etwas Illegales befand. Und er steckte offensichtlich mit Captain Chen unter einer Decke. Denn wäre die MARU TAI auf einer Geheimmission, hätten beide Yora darüber informieren müssen. Zumindest Captain Chen hätte das getan, weil ihre akkurate Korrektheit eine Missachtung der Vorschriften nicht zuließ.
Nun gut. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit war noch nicht gesprochen. Yora würde Wendts und Chens Befehl befolgen. Aber sobald der geheime Raum wieder abgebaut worden war, würde sie die entsprechenden Schiffsteile, die seine Wände gebildet hatten, scannen. Mit Sicherheit fand sie dort noch Rückstände, die darauf schließen ließen, was in ihm transportiert worden war. Diese Beweise würde sie dem Flottenkommando vorlegen. Dann würde Wendt schon sehen, wer vor Gericht landete.
Sie kehrte in ihre Kabine zurück. Lepathus Wohnteil war dunkel. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Yora schnupperte, konnte ihn aber nicht identifizieren. Vielleicht eine Art Duftstoff, der religiösen Zwecken diente wie Weihrauch auf der Erde. Er wirkte jedenfalls auf seltsame Weise belebend. Als würden ihre Sinne geschärft. Die Umgebung erschien ihr heller. Obwohl nur eine schwache Lichtquelle den Vorraum gerade genug beleuchtete, dass man unfallfrei zum Nassraum und den beiden Separee-Eingängen gelangen konnte, hatte Yora den Eindruck, die Lampe sei auf maximale Leistung eingestellt. Die Farben der Wände, der Decke und des Bodens erschienen ihr viel intensiver. Als Yora ihre Hände betrachtete, glaubte sie, um sie herum eine Aura zu sehen, die silberweiß schimmerte.
Außerdem hörte sie die normalen Schiffsgeräusche erheblich lauter. Die Vibrationen der Maschinen auf dem Deck unter ihr schienen sie durchzuschütteln und pochten unnatürlich laut in ihren Ohren.
Sie schnappte nach Luft, denn auch das Atmen ging ein paar Sekunden lang nur schwer. Hatte Lepathu etwa eine Droge konsumiert, die diesen Effekt verursachte? Denn anders konnte sie sich das nicht erklären. Sie blickte in den dunklen Raum seines Separees und sah die Umrisse seines unförmigen Körpers auf dem Bett liegen – ebenfalls eingehüllt in eine Aura, die aber bläulich schimmerte.
»Lepathu!«
Zwei Lampen strahlten auf und schillerten in blauen Facetten. Yora brauchte ein paar Sekunden, ehe sie begriff, dass das seine Augen waren.
»Yora Davidoff.« Er formte seinen Körper zu menschenähnlicher Gestalt. »Licht an!« Das Licht in seinem Separee strahlte auf. Lepathu blickte Yora an. »Ist etwas vorgefallen?«
Er trug keinen Faden am Leib, und Yora vermied betont, auf die Körperregion zu blicken, wo bei Menschen die Geschlechtsteile saßen.
»Hier im Raum ist ein Geruch – ein Stoff, der bewirkt, dass ich ... dass meine Sinne offenbar schärfer sind als sonst. Haben Sie vielleicht ein stark riechendes – Genussmittel konsumiert?« Diplomatisch formuliert, denn »Droge« klang kriminell.
»Genussmittel? Nein. Ich habe Maimatu benutzt.«
»Maimatu?«
Er zögerte. »Eine Duftsubstanz, mit der wir uns immer umgeben, wenn wir Zwiesprache mit der Einen halten, die in allem ist.«
Die Eine, die in allem ist? »Sie meinen eine Gottheit? Sie haben – gebetet?«
Er hob kurz eine Hand und ließ sie wieder sinken. »So nennt man das bei Ihnen. Ja. Mir war nicht bewusst, dass Maimatu auf Menschen einen sinnesstimulierenden Effekt hat, da ich noch nie ein Quartier mit einem Menschen teilte.«
Yora glaubte ihm nicht. Sie konnte ihr Misstrauen zwar an keinem Indiz festmachen, aber sie hatte trotzdem das Gefühl, dass er ihr nicht die Wahrheit sagte. Zumindest nicht voll–ständig.
»Wie lange hält der Effekt an?« Denn ihr Puls beschleunigte sich und sie fühlte sich aufgedreht, als hätte sie mindestens zwei Liter Kaffee getrunken.
»Das weiß ich nicht. Auf uns Skusann hat Maimatu nur die Wirkung, dass wir den Geruch als angenehm empfinden und er uns in eine sakrale Stimmung versetzt. Ich werde die Luftreinigung einschalten und meine Tür mit einem Energiefeld verschließen, bevor ich Maimatu benutze.«
»Das halte ich für eine sehr gute Idee«, stimmte Yora ihm zu.
»Ich bitte um Verzeihung, dass ich daran nicht vorher gedacht habe. Das wird nicht wieder passieren.«
»Schon gut. Ist ja nicht tragisch. Ich gehe davon aus, dass diese Substanz keine Schäden bei mir verursacht.«
»Sie ist nicht giftig«, versicherte Lepathu und schaltete die Lüftung ein.
»Gute Nacht, Lepathu.«
»Gute Nacht, Yora Davidoff.«
Yora ging in ihr Separee und schaltete auch hier die Lüftung ein, die die vorhandene Luft durch frische ersetzte. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Sie fühlte sich so aufgekratzt, dass sie die Wände hätte hochgehen können. Und das Dröhnen der Maschinen wummerte wie Trommelwirbel durch ihren ganzen Körper. Schließlich stand sie auf. Wenn sie schon nicht schlafen konnte, konnte sie die schlaflose Zeit auch sinnvoll nutzen. Sie hatte sich während ihres Aufenthaltes auf Diadem 7 von den Ganuti eines ihrer Spiralarmbänder gekauft. Sie holte es aus dem Schrank, legte es an und ging in den Trainingsraum. Wenigstens der war nicht dem Umbau zum Opfer gefallen. Nicht ganz zumindest, man hatte ihn nur verkleinert.
Das Armband sah tatsächlich wie ein Schmuckstück aus. In den Griff waren vier quadratische Kristalle eingearbeitet, die violett, gelb, weiß und grün schimmerten. Drückte man auf den Gelben, wurde der Verschluss aktiviert. Der Grüne öffnete ihn, und der Violette aktivierte die Laserenergie in der Spirale. Die »Peitschenschnur« bestand aus drei feinen Strängen, die sich miteinander verdrehten, sobald das Armband angelegt wurde, und auf diese Weise komprimiert wurden. Der weiße Kristall spaltete die Schnur wieder in drei Einzelstränge.
Yora legte den Griff auf ihren Handrücken, sodass er zwar das Gelenk berührte, es in seiner Bewegungsfreiheit aber nicht behinderte. Die über zwei Meter langen, aus goldfarbenem Metall bestehenden Peitschenfäden hingen auf den Boden. Yora drückte den gelben Knopf. Mit leisem Summen erwachten die Fäden zum Leben, verdrehten sich miteinander zu einer erheblich kürzeren Schnur, die sich um Yoras Arm bis fast zum Ellenbogen hinauf wickelte. Die blauen Kristalle am Ende jedes Fadens bildeten einen winzigen Dreizack. Das ganze Gebilde lag zwar eng am Arm an, behinderte sie aber nicht, wie Yora feststellte, als sie ihn bewegte und die Muskeln abwechselnd anspannte und lockerte. Das Metall passte sich jeder Bewegung an, als wäre es ein Teil ihres Arms.
Yora umfasste den Griff und drückte auf den grünen Kristall. Die Schnur löste sich in nur drei Sekunden vollständig von ihrem Arm. Yora wagte noch nicht, den Laser einzuschalten. Erst musste sie die Waffe vollständig beherrschen, damit sie sich nicht versehentlich selbst tranchierte, wenn die Schnur nicht das tat, was Yora wollte. Was schon beim ersten Versuch der Fall war. Statt elegant in einem Bogen über ihrem Kopf nach vorn zu schwingen, streifte die Schnur ihre Beine und ihren Bauch und hätte beides vom restlichen Körper abgetrennt oder zumindest tiefe und vor allem tödliche Wunden verursacht. Das Ding war eine wirklich gefährliche Waffe.
Yora trainierte, bis sie nach einer knappen Stunde feststellte, dass die Wirkung des Maimatu nachließ. Bevor sie in ihre Kabine zurückkehrte, rief sie auf ihrem persönlichen Datenpad die Informationen über die Skusann auf und suchte gezielt nach Maimatu. Lepathu hatte die Wahrheit gesagt. Dieser Stoff, der aus den Ausscheidungen einer skusarischen Insektenart gewonnen wurde, wurde mit Wasser verdünnt und in Duftlampen elektrisch erhitzt. Er wurde ausschließlich in religiösen Zeremonien verwendet.
Eine Aufschlüsselung der chemischen Bestandteile wurde ebenfalls angezeigt. Auf den ersten Blick schien es keinen Stoff zu enthalten, der halluzinogen wirkte. Aber Yora war keine Biochemikerin oder Ärztin, sodass sie das nicht mit Bestimmtheit sagen konnte. Und bisher war eine Wirkung des Maimatu auf andere Organismen als die der Skusann nicht getestet worden.
Yora ging in ihre Kabine zurück. Die Luft darin war wieder sauber, denn sie fühlte keine Beeinträchtigung. Sie zögerte. Vielleicht war ihr Misstrauen gänzlich unangebracht, aber sie wollte auf Nummer sicher gehen. Sie nahm einen Scanner und überprüfte die Luft in der Kabine. Wie sie vermutet hatte, gab es noch geringe Rückstände des Fremdstoffes, sehr wenige zwar, aber sie reichten aus für eine Analyse. Es handelte sich um einen unbekannten Stoff mit ebenso unbekanntem Ursprung.
Und seine chemische Struktur war nicht identisch mit der des Maimatu!
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