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Mara Laue

Das Collier

der Lady Ira

Ein Edinburgh-Krimi mit Glen Kincaid


Edinburgh-Krimi

Inhaltsverzeichnis

1 Das Collier der Lady Ira

2 1.

3 2.

4 3.

5 4.

6 5.

7 6.

8 7.

9 8.

10 9.

11 10.

12 11.

13 12.

14 13.

15 Wissenswertes

16 Impressum

Orientierungsmarken

1 Inhaltsverzeichnis

Das Collier der Lady Ira

Anmerkung der Autorin

Alle im Roman beschriebenen Orte sind authentisch, mit Ausnahme von Forthwater Manor, der Agentur Currie & Stewart und Glen Kincaids Haus. Diese Gebäude sind reine Fiktion. Wenn Sie aber den Ort besichtigen möchten, wohin Forthwater Manor gestellt wurde, so finden Sie ihn am Aussichtspunkt Cramond Causeway und erreichen ihn über die Cramond Road, Cramond Glebe Road und die Cramond Village Road. Im danebengelegenen The Cramond Inn kann man auch sehr gut essen.

Ebenfalls frei erfunden sind alle Personen und Handlungen. Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen oder Ereignissen wären Zufall.

1.

Donnerstag, 27. März

Gwyn Harrington blickte zum wiederholten Mal auf die Uhr. Acht Uhr siebenundzwanzig. Sie hasste Unpünktlichkeit. Erst recht, wenn sie einem Kunden einen so späten Abholtermin einräumte. Normalerweise schloss sie ihr Geschäft Punkt acht Uhr abends. War es zu viel verlangt, dass ein Kunde, wenn er schon nicht wie vereinbart pünktlich um fünf vor acht erschien, dann doch wenigstens innerhalb der sprichwörtlichen akademischen Viertelstunde auftauchte? Mit jeder Minute, die verstrich, nahm Gwyns Ärger zu.

Sie ging zum Eingang, öffnete die Tür und sah auf die Straße. Der Feierabendverkehr in Edinburghs Innenstadt war zumindest in der Clerk Street vorüber, und vor Gwyns Geschäft parkte kein Auto. Sie gab dem Kunden noch fünf Minuten. Sollte er dann nicht gekommen sein, würde sie den Laden schließen und nach Hause gehen. Die Schutzgitter vor den Fenstern waren bereits heruntergelassen und die Alarmanlagen bis auf die für die Eingangstür eingeschaltet. In den Auslagen befanden sich ohnehin nur die billigen Schmuckstücke zum Anlocken der Laufkundschaft und der Touristen. Sollten die gestohlen werden, konnte sie das verschmerzen, denn in den Laden selbst kämen Einbrecher nicht, weil hinter den Auslagen Stahljalousien die Fensternischen zum Verkaufsraum und den hinteren Räumen abriegelten.

Gwyn seufzte, kehrte in den Laden zurück und vergewisserte sich nochmals, dass der Tresor im Hinterzimmer abgeschlossen und dessen Alarmanlage ebenfalls aktiviert war. Die Türklingel ließ sie zusammenzucken, obwohl sie auf das Geräusch gewartet hatte. Trotzdem blickte sie erst auf den Überwachungsmonitor, der ihr zeigte, wer den Laden betreten hatte. Sie atmete auf, als sie den erwarteten Kunden erkannte.

Am liebsten hätte sie den Kerl zur Strafe für seine Verspätung wieder weggeschickt unter dem Vorwand, sie habe seine Bestellung im Tresor eingeschlossen, weil sie nicht mehr mit seinem Erscheinen gerechnet habe, und der Tresor ließe sich bedauerlicherweise vor Montag früh um acht Uhr nicht wieder öffnen. Letzteres entsprach zwar der Wahrheit, aber Gwyn hatte das Schmuckstück nicht dort deponiert.

Sie ging in den Verkaufsraum. Der Mann lächelte und machte ein zutiefst zerknirschtes Gesicht.

»Mrs Harrington, ich bitte tausendmal um Entschuldigung für die Verspätung! Ich wurde in der Firma aufgehalten. Ein dringendes Gespräch mit einem ausländischen Kunden, der auf der anderen Seite des Erdballs wohnt und dem nicht bewusst war, dass bei uns schon Abend ist. Erlauben Sie mir, Sie für die Wartezeit mit einem Bonus zu entschädigen.«

Gwyns Ärger verflog. »Das ist nicht nötig, Sir«, versicherte sie. »Bitte kommen Sie in mein Büro. Ich schließe nur schnell die Vordertür ab, damit niemand uns stört.« Sie deutete auf die Tür zum Büro.

Der Mann ging voran, und Gwyn schloss die Vordertür ab. Vorsichtig betrat sie anschließend das Büro. Vorsichtig deshalb, weil man nie wissen konnte, ob ein Kunde nicht nur vortäuschte, Kunde zu sein, um sie leichter überfallen und ausrauben zu können. Aber der Mann hatte sich in einen Sessel gesetzt und sah ihr erwartungsvoll entgegen.

»Einen Augenblick bitte, Sir, ich hole Ihr Schmuckstück.« Denn selbstverständlich befand sich der Safe für die Zwischenlagerung nicht im Büro, wo jeder Gast ihn sehen und möglicherweise auch erkennen konnte, welche Kombination Gwyn ins elektronische Schloss eintippte.

Zwei Minuten später legte sie eine blausamtene Schatulle vor den Kunden hin. Feierlich klappte sie sie auf und ließ ihn den Inhalt sehen. Hielt die Luft an und wartete gespannt auf sein Urteil. Seinem Gesichtsausdruck nach war er nicht nur zufrieden, sondern schwer beeindruckt. Das entlockte Gwyn ein erleichtertes Lächeln.

Dem Kunden ebenfalls. »Ein Meisterwerk!«, lobte er. »Meine Frau wird vor Freude aus dem Häuschen sein.« Er strich mit einem Finger sanft darüber und seufzte. »Echte Diamanten kann ich mir leider nicht leisten, sonst würde ich ihr die schenken. Aber so muss es eben die schmuckliche ›Zweitgarnitur‹ sein, wenn ich das mal so salopp sagen darf.«

»Sie dürfen. Die Superreichen, die sich einen solchen Schmuck mit echten Edelsteinen leisten können, sind eher auf der arabischen Halbinsel oder im Königshaus zu finden. Aber ich bin sicher, Ihre Frau versteht die Symbolik und ist begeistert. Denn ich versichere Ihnen, dass nur Fachleute erkennen werden, dass das gute Stück aus Halbedelsteinen besteht.«

»Das glaube ich gerne.« Er nahm das Schmuckstück und untersuchte es intensiv – Millimeter für Millimeter, wie Gwyn den Eindruck hatte.

Sie schielte zur Uhr. Viertel vor neun. Wenn sie nicht bald nach Hause kam, würde Ken ihr wieder eine Szene machen. Oder noch schlimmer: Er stand in den nächsten zehn Minuten vor der Tür, würde wissen, dass sie da war, weil im Verkaufsraum noch Licht brannte, und Sturm klingeln. Wenn sie ihm öffnete, würde er sofort ins Büro stürmen. War der Kunde dann noch da, wäre er überzeugt, Gwyn hätte heißen Sex mit ihm gehabt. Und sie wollte sich seine Reaktion darauf nicht ausmalen. Sie sollte sich scheiden lassen. Seine Eifersucht hatte inzwischen unerträgliche Ausmaße angenommen.

Doch davor hatte sie Angst. Er würde sie umbringen, wenn sie ihn verließ. Und sie konnte ihr gutgehendes Geschäft nicht Knall auf Fall aufgeben oder im Stich lassen, um vor ihrem Ehemann zu fliehen. Das würde Vorbereitungen erfordern, die er garantiert merkte.

Der Kunde legte das Schmuckstück endlich in die Schatulle zurück. »Hervorragende Arbeit«, lobte er und nickte anerkennend. »Wenn Sie mir die Rechnung geben, begleiche ich die sofort. Ich kann doch mit Kreditkarte bezahlen?«

»Selbstverständlich, Sir. Einen Moment bitte.« Sie ging zum Ablagekorb auf ihrem Schreibtisch, in den sie die Rechnung bereits gelegt hatte. In fünf Minuten konnte sie endlich nach Hause.

2.

Freitag, 28. März

Forthwater Manor. Glen Kincaid parkte seinen Wagen auf dem großen Hof vor dem imposanten Gebäude, das am östlichen Ufer der Mündung des Almond in den Firth of Forth lag. Er fühlte sich beim Anblick der Burg um Jahrhunderte zurückversetzt. Mauerwerk aus großen Steinen, deren Farben von sandgelb bis aschgrau reichten, angereichert mit vermutlich unbeabsichtigten Akzenten aus rostroten Steinen. Sie waren so angeordnet, dass sie wirkten, als habe ein Riese die Mauer mit einem Breitschwert verletzt, die aus dieser großen Wunde blutete, denn die roten Steine verteilten sich von dieser Ballung aus wie eine Fontäne aus Blutstropfen abwärts auf der Mauer.

Glen stieg aus und öffnete die hintere Wagentür. Sein blonder Labrador Shade sprang heraus, rannte zum nächsten Busch und hob das Bein. Glen nahm seinen Aktenkoffer aus dem Kofferraum, verriegelte die Tür und wartete, bis Shade sich erleichtert hatte, ehe er einen leisen Pfiff ausstieß und zum Haupteingang des Manors ging. Shade sprintete an seine Seite und trabte neben ihm her. Glen verzichtete auf eine Leine, wo er die nicht wegen irgendwelcher Vorschriften benutzen musste, denn er hatte Shade bestens erzogen, sodass der Hund ihm aufs Wort – oder Handzeichen oder Pfiffe – gehorchte.

Forthwater Manor stand unter Denkmalschutz, weshalb die Tür immer noch ein aus Eichenbohlen gefertigtes, mit silberfarbenen Beschlägen versehenes Monstrum war. In der Mitte prangte das schmiedeeiserne Clanwappen der Moncreiffes, die die Burg erbaut hatten: ein sich aufbäumender Löwe mit dem Clanmotto »Sur Esperance« – »über allem die Hoffnung« – halbkreisförmig darüber. Darunter befand sich ein riesiger Klopfer, der als »Klingel« fungiert hatte, bevor neben der Tür ein echter Klingelzug angebracht worden war. Glen zog daran. Tief in der Burg erklang ein Gong. Shade knurrte leise.

Glen warf ihm einen verweisenden Blick zu. »Benimm dich!«, forderte er den Hund auf. Shade sah ihn treuherzig an, wedelte mit dem Schwanz und hechelte, was aussah, als würde er Glen anlächeln. »Keine Chance! Auf die Unschuldsmiene fall ich nicht rein.«

Als hätte Shade ihn verstanden, ließ er die Ohren hängen.

Hinter der Tür erklangen gedämpfte Schritte. Sekunden später wurde sie von einem Mann um die fünfzig geöffnet. Dessen Lächeln gefror bei Glens Anblick, und er starrte ihn schockiert an. Zwar machte der Schock gleich darauf einer von Erröten begleiteten Verlegenheit Platz, aber der Mann konnte seine spontane Reaktion beim Anblick der Narben in Glens Gesicht, die sich über das Auge, die rechte Wange und den Hals bis unter den Hemdkragen zogen, nicht ungeschehen machen. Er war gewöhnt, dass man ihn entweder schockiert, mitleidig oder verächtlich ansah, denn die Narben fielen jedem als erstes ins Auge, selbst wenn er wie heute einen Anzug trug und wie aus dem Ei gepellt wirkte. Dennoch verspürte er immer noch jedes Mal einen Stich im Inneren.

Er enthob den Mann weiterer Verlegenheit. »Mr Ian Craig?« Glen reichte ihm eine Visitenkarte. »Glen Kincaid von der Versicherung Currie and Stewart. Ich komme wegen Ihres Antrags auf Versicherung eines Colliers.«

Der Mann nickte, nahm die Karte und blickte flüchtig darauf. »Ich habe Sie erwartet. Bitte, kommen Sie herein.«

»Darf mein Hund mit? Ich versichere Ihnen: Er weiß sich zu benehmen.«

»Gerne.« Craig öffnete die Tür weit, lächelte Shade zu und vermied, Glen noch einmal ansehen zu müssen. »Ich hatte früher auch Hunde. Traditionelle Jagdhunde, obwohl ich schon lange nicht mehr jage. Aber so eine ganze Meute frisst einem die Haare vom Kopf. Deshalb habe ich sie schließlich abgeschafft. – Hier entlang, bitte.«

Glen folgte dem Mann in ein relativ kleines Büro, dessen moderne Einrichtung in krassem Kontrast zum altertümlichen Äußeren der Burg stand.

Craig forderte ihn mit einer Handbewegung auf, vor einem Schreibtisch Platz zu nehmen, hinter den er selbst sich setzte. »Weil Forthwater Manor unter Denkmalschutz steht, darf ich das Äußere nicht verändern und muss auch einen großen Teil des Inneren erhalten. Aber wenigstens mein Büro konnte ich einrichten, wie ich wollte.«

Glen setzte sich, und Shade legte sich neben ihn. Der Hund kannte die Prozedur und wusste, dass er sich bei Kundenbesuchen möglichst ruhig und unauffällig zu verhalten hatte.

»Ja, Denkmalschutz ist Segen und Fluch zugleich«, stimmte Glen ihm zu. Er öffnete seinen Aktenkoffer, nahm einen Stapel Papiere heraus und reichte ihn Craig. »Wenn Sie sich den Vertrag bitte sorgfältig durchlesen wollen, Sir.«

Craig nickte, war aber in die Betrachtung der Visitenkarte vertieft. Er runzelte die Stirn und blickte Glen flüchtig an. »Sie sind – Versicherungs-Detektiv?«

Glen glaubte, einen Hauch von Entsetzen, in jedem Fall aber Empörung, in der Frage zu hören. »Im Hauptberuf. Aber da auch eine renommierte Versicherung wie Currie and Stewart nicht jeden Tag mit Versicherungsbetrug zu tun hat, fungiere ich auch als Bote, der Verträge überbringt.« Glen deutete auf den Vertrag, den Craig vor sich hingelegt hatte. »Und natürlich vergewissere ich mich in Fällen wie diesem, dass der zu versichernde Schmuck echt ist. Haben Sie das Gutachten über das Collier schon erstellen lassen?«

»Ja, wie gewünscht.« Craig zog eine Schublade auf, nahm einen Schnellhefter heraus und reichte ihn Glen. »Der Gutachter hat es erst gestern geliefert, obwohl ich ihn schon vor über zwei Wochen damit beauftragt hatte. Hatte angeblich zu viel zu tun.« Das klang vorwurfsvoll und ungläubig.

Glen nahm den Hefter und setzte seine Lesebrille auf, bevor er ihn öffnete. Im Briefkopf prangte das Logo von John Mac­Bean als vereidigtem Schmuckgutachter neben dem Clanwappen, einer aufgerichteten Katze, die eine Pfote auf einem Schild abgestützt und die andere wie zum Schlag erhoben hatte. Dazwischen standen MacBeans Name und Kontaktdaten. Mac­Bean war in der Branche ein bekannter und geachteter Mann. Seine Gutachten und Wertschätzungen galten als akkurat und korrekt.

MacBean hatte das Collier ausführlich beschrieben, bestehend aus einzeln in Gold gefassten einundzwanzig Saphiren im Altschliff – dem Vorläufer des Brillantschliffs – mit Rose Cut, bei dem die Steine ohne untere Spitze in die Fassung gebettet waren, die eine Köcherfassung mit massivem Goldboden darstellte. Den Mittelpunkt bildete ein lupenreiner schwarzer Diamant im Tropfenschliff, eingebettet in zwei Reihen aus dreiundvierzig einzeln gefassten Diamanten, ebenfalls mit Altschliff. Zwischen den Saphiren saßen zwanzig winzige goldgefasste Rubine wie Perlen, und einer verdeckte die goldene Öse des schwarzen Diamanten. Der war etwa fünfmal so groß wie die Saphire. Die Schließe bildeten zwei goldene Haken, die wie winzige Drachen geformt waren, die ihre Köpfe umeinander wanden, wenn sie geschlossen wurde. MacBean hatte die Karatzahl jedes einzelnen Steins angegeben und den reinen Materialwert mit 841.093 Pfund Sterling beziffert. Da es sich aber um ein verarbeitetes Schmuckstück und somit ein Kunstwerk und außerdem um eine Antiquität handelte, gestand MacBean ihm den Wert von anderthalb Millionen Pfund zu. Und zu diesem Preis wollte Craig das Collier versichern.

»Das Collier ist eine Legende«, erklärte Craig. »Zumindest eine Familienlegende. Einer meiner Vorfahren – Angus de Monncrefe, dessen Vater im siebzehnten Jahrhundert diese Burg bauen ließ – hat es für seine Frau, Lady Ira, als Hochzeitsgeschenk anfertigen lassen. Sie stammte aus einem Nebenzweig des Königshauses, und die Ehe war nur ein politisches Arrangement, mit dem eine Allianz zementiert werden sollte, die dem Haus Gloucester eine zusätzliche Zahl von Kämpfern sicherte. Vermutlich war das der Grund, warum die beiden – Ira und Angus – einander nie geliebt haben.«

Glen blickte von MacBeans Gutachten auf. »Lassen Sie mich raten: Ihr Vorfahre hat die Lady mit anderen Frauen betrogen.«

Craig nickte. »Mätressen waren zu der Zeit nicht ungewöhnlich. Und ein Laird wie Angus hat sich natürlich auch bei den weiblichen Untergebenen bedient. Den Skandal, der zu der Legende führte, hat aber Lady Ira verursacht. Sie nahm sich nicht nur ebenfalls einen Geliebten, der obendrein ein Pferdebursche und nicht standesgemäß war, sondern ist auch mit ihm bei Nacht und Nebel mitsamt ihrer Schmuckschatulle und diesem Collier verschwunden.« Craig deutete auf das Gutachten, in dem Glen soeben zu einem ganzseitigen Foto des Colliers geblättert hatte. »Zumindest glaubte man das. Angus jagte seine Leute hinter den beiden her, aber man fand sie nicht. Sie sind nie wieder aufgetaucht, und man glaubte schließlich, es sei ihnen gelungen, sich auf irgendwelchen Schleichwegen nach Irland oder Frankreich oder anderswo hin abzusetzen, weit weg von Schottland.«

Glen klappte den Schnellhefter zu, legte ihn zur Seite und setzte die Brille ab. »Was ein Irrtum war«, stellte er fest, denn der Fund des Colliers war vor drei Wochen durch alle Zeitungen gegangen. Da hing das Collier noch um den Hals der toten und offensichtlich ermordeten Lady Ira, deren sterbliche Überreste sowie die eines Mannes im Keller von Forthwater Manor bei Renovierungsarbeiten entdeckt worden waren.

Craig nickte. »Wie sich jetzt herausgestellt hat, hat Angus seine Frau und offenbar auch ihren Liebhaber umgebracht und im Schlosskeller einmauern lassen. Denn ich bezweifle, dass er das eigenhändig getan hat.« Er zuckte mit den Schultern. »Oder vielleicht doch, denn er konnte sich keine Mitwisser leisten.«

Glen vermutete eher, dass der Laird den einen Mann oder die höchstens zwei Männer, die die Drecksarbeit für ihn erledigt hatten, nicht aus den Augen gelassen hatte, bis ihre Arbeit vollendet war, und sie hinterher ebenfalls umgebracht hatte. Zwei Leichen in der Nacht im Forth verschwinden zu lassen, wäre nicht schwer gewesen. Und wenn die beiden nicht zum Stammpersonal der Burg gehört hatten, konnte man sie nicht mit Angus de Monncrefe in Verbindung bringen, falls sie irgendwo flussabwärts gefunden worden waren. Idealerweise waren sie ins Meer gespült worden, sodass man ihre Leichen nie gefunden hatte.

Craig seufzte. »Für die Polizei war das erst mal ein Tatort, weil man ja nicht wusste, wie lange die Leichen dort gelegen haben. Hätte ja sein können, dass ich jemanden umgebracht und die Leichen dort unten eingemauert habe.« Er lachte und schüttelte den Kopf. »Aber wer ist denn heutzutage schon so blöd und mauert eine Leiche im eigenen Haus ein.«

»Überraschend viele Leute, Sir, weil sie wie Ihr Vorfahre davon ausgehen, dass man bei ihnen zu Hause zuletzt sucht, wenn sie das Gerücht in die Welt setzen, die Betreffenden wären verreist, durchgebrannt, abgehauen oder etwas in der Art.«

Craig blickte ihn beinahe schockiert an. Vermutlich konnte er nicht glauben, dass so viel Dummheit existierte.

»Ich würde jetzt gerne das Collier sehen und vor allem den Ort inspizieren, an dem Sie es aufbewahren. Wie ich verstanden habe, wollen Sie es nicht in einem Banksafe deponieren.«

»So ist es.« Craig stand auf und deutete zur Tür. »Wenn Sie den Safe gesehen haben, werden Sie mir zustimmen, dass es dort am sichersten ist.«

Er verließ das Büro, und Glen folgte ihm. Shade trabte neben ihm her.

»Ich habe mir schon überlegt, ob ich das Ganze nicht als Touristenattraktion ausschlachten soll und statt der einfachen Renovierung des Kellers, die ich ursprünglich geplant hatte, ein Plastikskelett in die Mauernische setze, ihm eine Nachbildung des Colliers umhänge und weitere Nachbildungen aus Strasssteinen als Souvenirs verkaufe.«

»Die finden bestimmt reißenden Absatz, wenn Sie die Legende richtig vermarkten«, stimmte Glen ihm zu.

Pro forma. Er hielt nichts davon, den Tod von Menschen zur Touristenattraktion zu machen. Auch nicht, wenn sie seit Jahrhunderten tot und auf spektakuläre Weise ermordet worden waren. In seinen Augen war das pietätlos. Aber man hatte ihn schon öfter als Dinosaurier bezeichnet, der an überkommenen Moralbegriffen festhielt. Vermutlich hatten diese Leute Recht und Glens Einstellung war nicht mehr zeitgemäß. Aber er konnte sich gerade deswegen immer noch jeden Tag im Spiegel in die Augen sehen, ohne vor Scham im Boden zu versinken, weil er seine Ideale verraten oder missachtet hatte, nur weil fremde Menschen der Meinung waren, sie seien nicht mehr »zeitgemäß«. Als ob Moral und Anstand ein Verfalldatum hätten.

»Ich mache ja schon Führungen durch das Haus«, fuhr Craig fort, »aber die bringen nicht viel Geld ein. Zu wenig, um jemanden als Guide dafür anzustellen. Und ich kann die auch nur am Wochenende anbieten, weil ich mich um meinen Job kümmern muss. Ich bin Ingenieur und arbeite im IT-Bereich. Mikroprozessoren, künstliche Intelligenz und so.«

»Das stelle ich mir sehr interessant vor.«

Craig nickte. »Das ist es. Besonders die Forschungsarbeit.« Er lächelte; es wirkte gequält. »Wird zwar sehr gut bezahlt, aber das Manor frisst fast alles auf.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber es ist das Familienerbe seit Jahrhunderten. So was verkauft man doch nicht einfach.«

Er blieb in einem Bücherzimmer stehen, in dem fast jeder Quadratmeter Wand mit Regalen und Schränken verstellt und behängt war. Alle waren dicht an dicht mit Büchern gefüllt, von denen etliche sichtbar antiquarisch waren und bestimmt auch ein kleines Vermögen darstellten. Neben dem gemauerten Kamin stand eine mindestens zwei Meter große Standuhr mit Pendeln in einem geschnitzten Holzkasten, deren Ticken den Raum erfüllte. Auf der anderen Seite des Kamins thronte eine lebensgroße, halb nackte Frauenstatue aus poliertem weißen Stein, die in der einen Hand eine Schreibtafel und in der anderen einen Griffel hielt und demnach wohl Kalliope, die Muse der epischen Dichtung, darstellen sollte. Unter einem Fenster mit Blick auf den ausgedehnten Garten stand ein Schreibtisch. In der Mitte des Zimmers verteilten sich vier Ohrensessel um einen massiven Holztisch mit geschnitzten Beinen. Neben jedem Sessel standen eine Leselampe und ein Beistelltischchen.

Craig machte eine ausholende Handbewegung. »Finden Sie den Safe, Mr Kincaid.«

Glen blickte sich um. Die üblichen Verstecke für Safes hinter Bildern gab es hier nicht, weil nirgends ein Bild hing. Die Tische kamen ebenfalls nicht infrage, weil sie zu unsicher waren, selbst wenn sie gut versteckte Geheimfächer mit ausgeklügelten Öffnungsmechanismen hätten. Wenn man wusste oder vermutete, dass sich Wertsachen darin befanden, scheuten Diebe sich nicht, den ganzen Tisch zu zerschlagen, um das Fach zu öffnen. Die Statue der Kalliope konnte Glen ebenfalls ausschließen; es sei denn, der Safe wäre im Sockel versteckt oder im Boden darunter.

Er ging hinüber und ging leicht in die Knie. Nur leicht, weil er seit dem desaströsen Autounfall vor fünf Jahren ein Knie nur noch eingeschränkt bewegen konnte. Seit fast einem Jahr nahm er mehrmals wöchentlich Kampfkunstunterricht. Die Trainerin, Rowan Lockhart, verstand auch etwas von Akupunktur und hatte ihm entsprechende Sitzungen angeboten, um die Beweglichkeit des Knies zu verbessern, nachdem sie bemerkt hatte, dass er manchmal etwas hinkte und den Grund erfahren hatte. Glen war anfangs skeptisch gewesen, aber die Sache hatte Erfolg.

Der Sockel der Statue und auch die Figur selbst zeigten nirgends eine »Naht«, die darauf hingewiesen hätte, dass irgendwo ein Fach eingearbeitet war oder Sockel und Figur aus zwei Teilen bestanden. Offenbar war die gesamte Figur aus einem einzigen Stück Stein geschnitten und gemeißelt worden. Sie ließ sich auch nicht bewegen, und auf dem Steinboden sah Glen nirgends Kratzspuren, die darauf hindeuteten, dass die Statue irgendwann mal verrückt worden war. Vermutlich stand sie an dieser Stelle, seit sie im Schloss aufgestellt worden war.

Die Standuhr mit gut einem halben Meter Breite käme da schon eher infrage. Sie stand mit dem Rücken an der Wand, so dicht, dass allenfalls ein Blatt Papier dazwischen gepasst hätte. Jedoch war die Nische, in der sie zwischen dem Kamin und einem Bücherregal stand, zu schmal, als dass man sie hätte zur Seite schieben können, um einen Safe dahinter freizulegen. Aber nach vorne?

Glen blickte auf den Boden vor der Uhr. Im ersten Moment sah er nichts. Als er aber einen Schritt zur Seite trat, sodass das Sonnenlicht durch eines der Fenster auf den Boden fiel, erkannte er kaum wahrnehmbare Schleifspuren. Er zog an der Uhr, und sie glitt relativ leicht, aber nicht zu leicht, nach vorn. In der Wand dahinter befand sich die Tür eines eingemauerten Safes.

»Verdammt!«, entfuhr es Craig. »Ich dachte, der wäre dort absolut sicher.«

»Sehen wir davon ab, dass es absolute Sicherheit nicht gibt, Sir: Ich bin Profi. Ich sehe von Berufs wegen Dinge, die anderen nicht auffallen.« Glen deutete auf die Bücherregale und die Schränke. »Jeder Einbrecher vermutet einen Safe erst einmal hinter einem Gemälde oder Wandbehang, weil die Dinger dort am häufigsten versteckt sind, und wird sich deshalb alle Zimmer ansehen, in denen Bilder hängen. Als Erstes aber Ihr Büro und andere Räume, die wie Arbeitszimmer aussehen. Dieser Bibliothek wird man zunächst keine Beachtung schenken. Wie viele Zimmer hat das Manor?«

»Siebenundzwanzig. Plus fünf Badezimmer und drei Gästetoiletten. Und natürlich die Kellerräume und die ehemaligen Stallungen, die heute Lagerräume und Garagen sind.«

Glen nickte. »Wenn Diebe endlich auf die Idee kommen, dass ein Safe in diesem Raum sein könnte, werden sie ihn erst einmal hinter den Bücherregalen oder in einem Geheimfach in irgendeinem der Schränke vermuten, weil das nach den Bildern und Wandbehängen die nächsten üblichen Verdächtigen für Safeverstecke sind. Die Uhr macht einen sehr massiven und schweren Eindruck. Dass sie auf Rollen steht, die so in ihren Boden eingearbeitet sind, dass man sie unter der Zierblende nicht sehen kann, darauf kommt man so schnell nicht. Außerdem ist der Zeitfaktor ein guter Schutz. Diebe haben es eilig. Wenn sie nicht innerhalb von Minuten lohnende Beute gefunden haben, geben sie auf. Und«, Glen deutete in die Runde, »bei den teilweise antiquarischen Werken hier wird man sich eher an den Büchern bedienen, statt Zeit mit der Suche nach einem gut versteckten Safe zu vergeuden. Immer vorausgesetzt, die Diebe kämen an den Alarmanlagen vorbei, die Sie überall installiert haben.« Er blickte Craig an. »Weiß jemand von der Existenz dieses Safes?«

Craig schüttelte den Kopf. »Außer der Firma, die ihn vor zwanzig Jahren dort eingebaut hat – niemand. Das heißt«, er wiegte den Kopf, »meine Tochter Brenda weiß natürlich auch, dass er sich dort befindet. Aber erstens habe ich zu ihr schon seit Jahren keinen Kontakt mehr.« Er seufzte. »Sie gibt mir die Schuld am Tod ihrer Mutter, aber das war ein Unfall.«

Glen verspürte einen leichten Stich im Herzen und eine Welle von Mitgefühl für Ian Craig. Er konnte gut nachempfinden, wie der Mann sich fühlte. Seit dem Autounfall, der seine Frau Davina das Leben gekostet hatte, gab seine Schwägerin Blair ihm die Schuld daran und verfolgte ihn nimmermüde mit ihrem Hass.

»Zweitens«, fuhr Craig fort, »kennt sie den Öffnungscode nicht, denn ich benutze keine Allerweltskombination oder irgendeine leicht zu erratende oder zu recherchierende Ziffernfolge wie meinen Geburtstag oder den meiner Frau oder Tochter oder die in Zahlen umgewandelten Buchstaben meines Namens – oder was die Leute sonst so an leichtsinnigen Kombinationen wählen.« Er nickte Glen zu. »Wenn Sie sich bitte umdrehen würden, denn ich habe nicht vor, Sie die Zahlen sehen zu lassen, die ich eintippe.«

Glen gehorchte. Anhand der leisen Töne, die die gedrückten Tasten von sich gaben, konnte er erkennen, dass die Kombination aus elf Ziffern bestand und entweder zweimal dieselbe Taste doppelt gedrückt wurde oder zwei unmittelbar nebeneinanderliegende Tasten, weil der Abstand zwischen den anderen Tönen länger war.

»Aber um ehrlich zu sein«, ergänzte Craig, »ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass jemand, der mich sehr gut kennt, trotzdem auf diese Kombination kommt, wenn er oder sie Zeit genug hat, alle infrage kommenden Möglichkeiten auszuprobieren.« Er seufzte. »Wie Sie schon sagten: Absolute Sicherheit gibt es nicht. – Hier ist es.« Craig reichte ihm eine hölzerne Schatulle.

Glen öffnete sie. Lady Iras Collier strahlte ihm in seinem ganzen Glanz entgegen, gebettet auf einen samtartigen roten Stoff. Ein wunderschönes Schmuckstück, das jeden Penny wert war, den der Gutachter dafür veranschlagt hatte.

»Ich würde es mir gern in Ihrem Büro genauer ansehen, Sir«, bat Glen.

»Bitte.« Craig führte ihn zurück.

Glen nahm aus seiner Aktentasche die Lupenbrille, setzte sie auf und bewunderte das Collier in der Vergrößerung, durch die deutlich zu erkennen war, dass jedes Einzelteil Handarbeit war, denn alle hatten individuelle Merkmale, die das geübte Auge erkennen konnte.

»Sind Sie Juwelier oder so was?«, wollte Craig hörbar verblüfft wissen.

»Nein. Ich muss nur überprüfen, ob die individuellen Details des Schmuckstücks mit denen auf den Detailfotos, die der Gutachter gemacht hat, identisch sind.«

»Genügt Ihnen das Gutachten nicht?« Das klang deutlich empört.

»Nur bedingt.« Glen blickte Craig an. »Meine Versicherung vertraut bei einer so hohen Versicherungssumme nicht blind einem Gutachten. Auch Gutachter sind nur Menschen und nicht gegen Versuchungen gefeit. Und haben vielleicht Angestellte, die die Gunst der Stunde nutzen, um sich unrechtmäßig zu bereichern.«

Craig räusperte sich. »Sie haben ja mit einem ganz schönen Sumpf zu tun.«

Glen nickte und widmete sich wieder der Prüfung. »Sie ahnen nicht, auf was für Ideen Menschen kommen, um sich illegal zu bereichern.«

Craig setzte sich und ließ Glen nicht aus den Augen. Der verkniff sich ein genervtes Seufzen. Er mochte Gesellschaft nicht und zog das Alleinsein vor. Genau deshalb hatte sein Schwager Carson Stewart, der sein bester Freund und gleichzeitig Boss war, ihm diesen Job gegeben, der Glen zu Kontakten mit Menschen zwang. Andernfalls hätte er sich in seinem Haus eingeigelt, in Selbstmitleid gebadet und sich irgendeine Tätigkeit gesucht, bei der er zu Hause arbeiten konnte.

Anfangs hatten die Narben nicht nur hässlich, sondern richtig übel ausgesehen: Dicke, rötliche Gräben, deren Ränder sich aufwölbten und seine Züge ins Groteske verzerrten; immerhin war die Haut bis auf den Knochen aufgerissen gewesen. Ein Wunder, dass die plastische Chirurgin die Muskeln und vor allem die Nerven fast vollständig hatte zusammenflicken können. Inzwischen waren die Narben zu bleichen, aber noch breiten und unübersehbar tiefen Rillen verblasst, was zwar nicht mehr übel, aber immer noch hässlich aussah. Und wenn er lächelte, wurde der Anblick wieder grotesk. Deshalb hatte er sich angewöhnt, nach Möglichkeit gar nicht zu lächeln. Wenn er das doch einmal tat, dann nur mit der linken Gesichtshälfte.

Es gab nur sehr wenige Menschen, in deren Gegenwart er sich sicher genug fühlte, um richtig zu lächeln. Carson war einer von ihnen. Rowan Lockhart und ihr Co-Trainer und Ehemann Rory Lennox waren die beiden einzigen anderen. Und wann hatte er zum letzten Mal richtig gelacht? Er konnte sich nicht erinnern. Das war in jedem Fall vor Davinas Tod gewesen. Ebenso lange war es her, dass er sich glücklich gefühlt hatte. Wenn Shade nicht wäre …

Er spürte Craigs Blicke auf sich und fühlte sich belauert. Zwar konnte er verstehen, dass der Mann ihn und vor allem das kostbare Collier nicht aus den Augen ließ, aber es hätte genügt, nur anwesend zu sein und nebenbei irgendetwas anderes zu tun, statt Glen anzustarren. Er blendete das Starren aus. Auch eine Fähigkeit, die er beim Kampfkunsttraining gelernt hatte: sich auf das Wesentliche zu fokussieren und alles andere zu ignorieren.

Nach einer Weile hatte Craig wohl ein Einsehen und las sich den Versicherungsvertrag durch. Glen atmete auf.

Eine halbe Stunde später legte er das Collier zurück in die Schatulle. »Alles in Ordnung. Dem Vertragsabschluss steht von unserer Seite aus nichts im Weg.«

Craig schien auf dieses Signal gewartet zu haben, denn er unterzeichnete unverzüglich, beinahe schon hastig den Vertrag und reichte ihn Glen. »Wann erhalte ich den Versicherungsschein? Ich muss morgen früh eine mehrtägige Reise antreten und hätte die Papiere gerne vorher sicher deponiert.« Er lächelte entschuldigend. »Ich fühle mich dann einfach wohler.«

Das konnte Glen nachvollziehen. Wenn einem der Zufall einen Gegenstand mit so hohem Wert bescherte, dann wollte man höchstmögliche Sicherheit.

»Ich werde dafür sorgen, dass das noch heute über die Bühne geht«, versprach er. »Wenn Sie den ersten Beitrag sofort begleichen, ist das Collier mit Wirkung zum ersten April versichert.«

Ian Craig holte ein Scheckbuch aus einer Schublade. »Der erste Jahresbeitrag beträgt dreitausend Pfund?«, vergewisserte er sich.

Glen nickte. Craig schrieb den Scheck aus und reichte ihm den. Glen steckte ihn zusammen mit dem Vertrag und dem Gutachten in seine Aktentasche.

»Vielen Dank, Sir. Sie erhalten den Versicherungsschein heute noch. Wenn Sie erlauben, möchte ich mir Ihren Safe noch etwas genauer ansehen. Nicht den Inhalt, aber die Konstruktion.«

»Gern.« Craig stand auf, nahm die Schatulle und ging voran. »Ich habe eine zusätzliche Sicherung nachrüsten lassen. Wenn es jemandem gelingen sollte, den Safe gewaltsam aufzubrechen, wird bei der Sicherheitsfirma, die für die Grundstückssicherung zuständig ist, Alarm ausgelöst. Falls dort nicht schon vorher die Sirenen schrillen, weil die potenziellen Diebe erst mal ins Haus einbrechen müssen, bevor sie den Safe knacken können.«

Sie hatten die Bibliothek erreicht. Craig forderte Glen erneut auf, sich umzudrehen, bevor er den Code eintippte, legte die Schatulle in den Safe, verschloss ihn und lud Glen mit einer Handbewegung ein, ihn näher zu inspizieren. Glen setzte wieder seine Brille auf und besah sich die Konstruktion. Der Safe war nicht nur passgenau in die Mauernische eingelassen und die rückwärtige Wand vermutlich mit dem Mauerwerk verdübelt. Zusätzlich waren die äußeren Mauersteine an allen Frontseiten so weit nach vorne, nach unten und oben gezogen worden, dass sie den Rahmen verdeckten und nur die Tür freiließen. Das machte es unmöglich, den Safe aus der Mauer zu reißen, ohne vorher das halbe Mauerwerk abzutragen, weil kein Greifwerkzeug einen Ansatzpunkt fand. Glen vermutete, dass gerade die äußeren Steine innen miteinander und mit dem umgebenden Mauerwerk durch Bewehrungsstahl verbunden waren. Das Ding hätte man allenfalls aus der Wand bomben können, wodurch aber der Inhalt ebenfalls zerstört worden wäre.

Glen schob die Standuhr wieder an ihren Platz, und nahezu nichts deutete mehr darauf hin, dass sich in diesem Raum ein Safe befand. Er wandte sich Craig zu. »Ich würde mal sagen: Ihr Safeinhalt ist sicher, solange Sie niemandem die Kombination für das Schloss verraten.«

Craig hob abwehrend die Hände. »Ich werde mich hüten!«

»Aber Ihnen ist klar, dass gewiefte Diebe mit elektronischen Codeknackern arbeiten, die in wenigen Minuten alle Kombinationsmöglichkeiten ausprobiert haben und die richtige finden.«

Craig lächelte. »Bei normalen Schlössern, ja. Aber Ihnen ist sicherlich aufgefallen, dass die Tastatur nicht nur Ziffern, sondern auch Buchstaben und Sonderzeichen enthält. Darauf habe ich damals bestanden und mich im Vorfeld erkundigt, wie ich ein Passwort generieren muss, bestehend aus Ziffern, Sonderzeichen und Buchstaben. Mein Code ist elfstellig. Den knackt auch ein elektronischer Dietrich nicht so schnell.« Er winkte ab. »Und etwaige Diebe müssen das Ding erst mal finden. Wie Sie selbst sagten, ist der auch für die Profis gut genug versteckt. Also, haben Sie vielen Dank für Ihre Bemühungen. Ich werde Ihre Versicherung gerne weiterempfehlen. Und wenn ich das mit der Touristenattraktion realisiere, komme ich wieder auf Sie zu wegen einer Haftpflicht- und Unfallversicherung für die Touristen.«

»Jederzeit gerne, Sir. Auf Wiedersehen.«

Craig begleitete ihn hinaus. Als er die Tür hinter ihm schloss, hatte Glen das Gefühl, dass der Mann sehr erleichtert war, ihn los zu sein. Aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Seit er die Narben im Gesicht trug, war er in manchen Dingen ein bisschen empfindlich. Er ließ Shade sich noch einmal erleichtern und fuhr ins Büro.

3.

Detective Inspector Morven Boyd hätte an einen verfrühten makabren Aprilscherz geglaubt, wäre die Leiche im Laden von Harrington’s Fine Jewellery nicht echt gewesen. Gwyn Harrington, die Inhaberin, lag erdrosselt in ihrem Büro. Der Ehemann, der sie gestern Abend gefunden hatte, hockte weinend auf einem Stuhl und hatte die behandschuhten Hände vors Gesicht geschlagen. Seit Morven und ihr Team eingetroffen waren, weinte er fast ununterbrochen, weshalb sie darauf verzichtet hatte, ihn zu befragen. Kaum hatte er sich mal für fünf Minuten beruhigt, ging das Schluchzen wieder los. Sie konnte ihn aber auch nicht nach Hause schicken, obwohl nicht nur ihr sein Jammern mittlerweile gewaltig auf die Nerven ging. Solange nicht feststand, ob er etwas mit dem Mord an seiner Frau zu tun hatte, hätte er zu Hause Beweise beseitigen können. Da er aber offensichtlich entschlossen war, noch endlos weiterzuheulen, und ein Beruhigungsmittel des Notarztes abgelehnt hatte, reichte es ihr.

Sie trat zu ihm. »Sir, mein aufrichtiges Beileid zu Ihrem Verlust«, versicherte sie erneut. »Ich weiß, wie schlimm die Situation für Sie sein muss. Aber fühlen Sie sich trotzdem in der Lage, mir ein paar Fragen zu beantworten?«

Er nickte und nahm die Hände vom Gesicht. »Fragen Sie«, schluchzte er und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel seiner Jacke aus dem Gesicht. Seine Augen waren mittlerweile blutunterlaufen und geschwollen.

Morven zückte ihren Notizblock und einen Stift. »Wann genau haben Sie Ihre Frau gefunden?«

Er schüttelte den Kopf. »Weiß nicht. Muss so um halb zehn gewesen sein. Gwyn schließt den Laden immer um acht. Dann ist sie ungefähr um halb neun zu Hause. Heute – eh, gestern – hat sie gesagt, dass es später werden könnte, weil ein Kunde kurz vor Schluss noch was abholen wollte. Aber Abholen dauert doch nicht so lange.«

Täuschte Morven sich oder hörte sie tatsächlich Eifersucht in Ken Harringtons Stimme? »Kam das öfter vor?«, wollte sie wissen.

»Nein. Darum war ich ja so – beunruhigt, als sie auf meine Anrufe nicht geantwortet hat.«

Diesmal war die Eifersucht klar herauszuhören. Und die kurze Pause vor »beunruhigt« – bestimmt hatte er ein anderes Wort gebrauchen wollen, das seinen wahren Gefühlen näherkam: misstrauisch.

»Und dann?«, hakte Morven nach.

»Als sie um neun noch nicht da war, bin ich hergefahren. Im Verkaufsraum war alles dunkel, aber an der Vordertür war das Gitter nicht runtergelassen.« Er machte eine fahrige Geste zur Tür hin. »Als ich die Klinke runterdrückte, war die Tür nicht abgeschlossen. Ich bin rein, habe nach Gwyn gerufen, aber sie antwortete nicht. Ich bin hier ins Büro, habe das Licht eingeschaltet – und da lag sie! Tot!« Er deutete auf den Paravent des Tatortteams, hinter dem die Leiche lag, und fing wieder an zu weinen. »Ich habe noch ihren Puls gefühlt, aber sie war tot!«, heulte er.

Morven blickte sich um. Sie konnte keine Kampfspuren erkennen mit Ausnahme von Abriebspuren auf dem Fußboden, wo Gwyn Harrington vermutlich mit den Füßen gestrampelt hatte in dem Versuch, die Schlin­ge um ihren Hals zu lockern. Falls dabei etwas umgefallen war, hatte der Täter es wieder an seinen Platz gestellt. Aber würde eine Juwelierin, die Schmuck im Wert von zig Tausenden Pfund im Geschäft hatte, sich relativ spät am Abend allein mit einem Kunden treffen? Die mangelnden Kampfspuren deuteten darauf hin, dass sie ihren Mörder gekannt und ihm genug vertraut hatte, um ihm den Rücken zuzudrehen, denn sie war von hinten erdrosselt worden. Vermutlich mit einem Strick, aber der fehlte.

Etwas anderes fehlte auch: Einbruchspuren. Und wie es aussah, war auch nichts gestohlen worden. Sowohl der Tresor als auch der kleinere Safe im Büro waren unberührt. Zumindest gab es keine sichtbaren Spuren, dass jemand sich gewaltsam daran zu schaffen gemacht hätte. Aber das wollte nichts heißen.

»Mr Harrington, kennen Sie die Kombination zum Safe und zum Tresor?«

Harrington schüttelte den Kopf. »Das Geschäft gehört meiner Frau. Ich arbeite in einer Bank.«

War das ein Grund, dem Ehemann nicht die Kombinationen zu nennen, damit er in einem Notfall Zugriff auf den Inhalt hatte? Oder gab es einen anderen Grund für Gwyn Harrington, die Nummern für sich zu behalten?

»Ma’am!« Detective Sergeant Nathan Durie deutete auf den Computerbildschirm, vor dem er saß.

Sie ging zu ihm und blickte auf den Schirm. »Der Terminkalender der Toten, Ma’am. Wie Sie sehen, ist für gestern Abend kein Termin notiert. Der Letzte war gestern Nachmittag um drei für ein Paar, das Trauringe aussuchen wollte. Und sehen Sie hier.« Durie deutete auf den seitlich neben dem Computer stehenden Bildschirm, der offensichtlich zum Überwachungsequipment des Ladens gehörte. »Gemäß dem Timecode sind die Kameras um acht Uhr zwei ausgeschaltet worden. Der letzte Kunde hat das Geschäft um sieben Uhr siebzehn verlassen. Danach ist keiner mehr gekommen.«

Was bedeutete, dass der Täter nach acht Uhr zwei das Geschäft betreten haben musste.

»Ich habe noch etwas gefunden.« Durie hielt Morven sein Smartphone hin, mit dem er offensichtlich eine polizeiliche Abfrage zu den Harringtons gemacht hatte.

Morven zog die Augenbrauen hoch und warf einen Blick auf Harrington. Also hatte sie vorhin richtig gelegen mit der Eifersucht, die sie in seiner Stimme gehört zu haben glaubte. Seine Frau hatte mehrfach die Polizei gerufen wegen häuslicher Gewalt. In der Akte, die Durie aufgerufen hatte, war auch eine Drohung von Harrington dokumentiert, die den Mord in einem ganz anderen Licht erscheinen ließ.

»Mr Harrington.« Morven nahm Duries Smartphone und hielt es ihm hin. »Sie sind schon mehrfach wegen Gewalt gegen Ihre Frau aufgefallen. Beim letzten Mal, als die Kollegen Sie aus dem Haus entfernen mussten, haben Sie vor Zeugen gedroht, Ihre Frau ›kaltzumachen‹, sie ›abzustechen‹ und«, sie blickte ihn scharf an, »ihr ›die Lebensluft abzuschnüren‹.« Sie warf einen Blick auf die Leiche. »Haben Sie die Drohung gestern Abend in die Tat umgesetzt?«

Der Mann starrte sie sekundenlang mit halb offenem Mund an. »Sind Sie komplett verrückt geworden?« Er sprang auf und ballte die Fäuste. »Ich habe Gwyn geliebt!«

Morven legte vorsorglich die Hand an die Waffe. »Ja, so sehr, dass Sie sie mehrfach geschlagen, bedroht und einmal so übel zugerichtet haben, dass sie ins Krankenhaus musste. Wenn das Liebe ist, möchte ich nicht wissen, wie Sie Menschen behandeln, die Sie hassen.«

»Sie sind ja verrückt!«, schnauzte er.

»Das wird sich zeigen. Sie sind jedenfalls vorläufig festgenommen wegen des Verdachts, Ihre Frau getötet zu haben.«

Weiter kam Morven nicht. Harrington rannte zur Tür – und wurde nach wenigen Schritten von zwei Kolleginnen abgefangen, zu Boden gerungen und mit Handschellen fixiert.

»Unschuldige laufen in der Regel nicht weg«, meinte Morven und wandte sich an die Kolleginnen. »Ziehen Sie ihm die Handschuhe aus. Die müssen wir auf Spuren untersuchen. Und jemand soll nach einem Strick, Seil oder ähnlichem Ding suchen, mit der die Tote erdrosselt worden ist. Falls sich hier im Geschäft nichts findet, suchen wir auch in den Abfallbehältern der Umgebung. Und ich besorge einen Durchsuchungsbeschluss für Mr Harringtons Auto.« Allerdings glaubte sie nicht daran, dass er so dumm gewesen war, das Mordinstrument in seinen Wagen zu legen. Oder vielleicht doch, wenn er davon ausgegangen war, dass die Polizei ihm seine Story glaubte. Morven war jedenfalls zuversichtlich, Gwyn Harringtons Tod sehr bald aufgeklärt zu haben.

***

Glen öffnete die Eingangstür zur Agentur, und Shade rannte ihm erwartungsvoll voraus. Der Hund blieb vor dem Schreibtisch der Empfangssekretärin stehen und wedelte mit dem Schwanz.

Bell Robertson nickte ihm lächelnd zu. »Guten Tag, Mr Kincaid.« Sie stand von ihrem Platz auf und ging in die Knie. »Hi, Shade!«, säuselte sie. »Ja, wo ist denn mein süßer Hund?« Gesprochen in einer Fistelstimme, die bestimmt nicht nur Glen in den Ohren schmerzte. Außerdem war Shade nicht ihr Hund, sondern seiner.

Er fand die sinnfreie Ausdrucksweise, mit der manche Erwachsenen mit Hunden sprachen, ebenso lächerlich, wie wenn sie die Babysprache imitierten. Aber Shade gefiel sie. Oder ihm gefielen die Leckerli, die Bell immer für ihn parat hatte, und er ignorierte deshalb ihr Gesäusel. Er trabte zu ihr, ließ sich umarmen, die Ohren wuscheln, einen Kuss auf die Stirn drücken, nahm gleich darauf drei Hundekuchen in Empfang und forderte hechelnd mehr.

»Fresssack«, beschied ihm Glen. »Sie verwöhnen ihn viel zu sehr, Ms Robertson.«

Die Tür zu Carsons Büro wurde schwungvoll geöffnet, und der Vorraum wurde spürbar kälter; zumindest fühlte es sich für Glen so an. Seine Schwägerin Blair erstarrte bei seinem Anblick mitten im Schritt. Ihr eben noch lächelndes Gesicht wurde eisig. Wenn Blicke töten könnten, wäre Glen in diesem Moment tot umgefallen, durchbohrt von Dolchen aus Eis, die aus Blairs Augen schossen. Shades Nackenfell richtete sich auf. Er zog die Lefzen hoch und grollte tief in der Kehle.

»Wie wäre es, wenn du deinen Köter mal erziehst?«, zischte Blair. »Oder noch besser: Lass ihn einschläfern.« Hoch erhobenen Hauptes marschierte sie an ihm vorbei.

»Ich wünsche dir auch einen guten Tag, Blair«, schickte Glen ihr hinterher. Obwohl er sich beherrschen musste, um nicht heftig auf ihren Anwurf zu antworten, würde er ihr doch niemals den Triumph gönnen, ihn aus der Fassung gebracht zu haben.

»Blair!« Carsons Stimme hätte vorwurfsvoller nicht klingen können.

Doch seine Schwester zeigte ihm, vielmehr Glen, lediglich den Stinkefinger, ohne sich umzudrehen.

Carson schüttelte den Kopf und bat Glen mit einer Kopfbewegung in sein Büro. Shade folgte dieser Aufforderung als Erster, denn Carson hatte nicht nur ebenfalls Leckerli für ihn, sondern immer auch eine Wasserschüssel für Besucherhunde bereitstehen. Glen setzte sich unaufgefordert vor Carsons Schreibtisch und schnalzte missbilligend mit der Zunge, als Shade an der Schublade mit den Leckerli schnüffelte. Shade ließ die Ohren hängen und legte sich seufzend neben ihn.

Carson lächelte flüchtig und setzte sich ebenfalls, ehe er Glen ernst ansah. »Ich wünschte, du würdest Blair endlich die Wahrheit sagen. Oder mich das tun lassen.«

»Nein.«

Carson seufzte und schüttelte den Kopf. »Aber warum denn nicht, um alles in der Welt? Soll sie ewig glauben, dass du an Davinas Tod schuld bist, und dich hassen bis zum Jüngsten Gericht?«

»Damit kann ich leben.«

Carson seufzte erneut und sah ihm eindringlich in die Augen. »Ich weiß aber nicht, ob ich das auf Dauer kann.«

»Wirst du wohl müssen«, meinte Glen, zuckte mit den Schultern und wechselte das Thema. »Ich kann einen vollen Erfolg für uns vermelden.« Er holte den Vertrag und das Gutachten aus der Aktentasche und reichte beides Carson zusammen mit Ian Craigs Scheck. »Das Collier ist laut Gutachten echt und mindestens die anderthalb Millionen Pfund wert, für die wir es versichern. Liebhaber würden garantiert noch mehr zahlen, wenn es versteigert wird. Allein schon wegen der mit ihm verbundenen Gruselgeschichte.«

Carson zog die Augenbrauen hoch. »Gruselgeschichte?«

Glen berichtete ihm, was Craig über Lady Ira de Monncrefes mysteriöses Verschwinden erzählt hatte.

Carson nickte. »Gruselig in der Tat. Wie sieht es mit der Sicherheit für das Collier aus?«

»Solider, in die Wand gemauerter Safe, hinter einer Standuhr verborgen. Man muss schon detektivisches Gespür aufwenden und an ungewöhnlichen Stellen nach einem Safe suchen, um die winzigen Spuren auf dem Boden zu bemerken, mit der die Uhr zur Seite gerollt werden kann. Und Mr Craig versichert, dass er der Einzige ist, der die Kombination kennt, die aus elf Zeichen – Zahlen, Buchstaben und Sonderzeichen – besteht und angeblich nicht so leicht zu erraten ist.« Er nickte. »Das Collier ist darin mindestens so sicher wie in einem Bankschließfach.«

Carson seufzte erleichtert. »Beruhigend. Anderthalb Millionen Pfund auszahlen zu müssen, würde uns zwar nicht ruinieren, aber doch ein empfindliches Loch in die Kasse reißen. Zumindest für dieses Jahr.«

Das war auch Glen bewusst. »Das Collier wird wohl nicht lange dort bleiben. Mr Craig will es versteigern lassen. Zumindest hat er die Möglichkeit angedacht. Und er möchte gern heute noch die Police haben, weil er morgen beruflich verreisen muss.«

Carson stand auf, nahm den Vertrag, ging ins Vorzimmer und beauftragte Bell Robertson, unverzüglich die Police dafür zu schreiben. Anschließend kehrte er zu Glen zurück und setzte sich wieder. »Und wie geht es dir so, alter Freund?«

Glen hörte einen gewissen Unterton in Carsons Stimme, der seine inneren Alarmglocken schrillen ließ. »Warum fragst du so scheinheilig? Was hast du vor?«

Carson machte ein unschuldiges Gesicht. »Scheinheilig? Also bitte! Darf ich mich nicht nach deinem Befinden erkundigen? Schließlich bist du mein bester Freund.«

Glen nickte. »Und das letzte Mal, als du das in demselben Ton getan hast, hast du mich scheinheilig zu einem gemütlichen Fernsehabend eingeladen, um uns ›mal wieder einen tollen Männerabend zu machen‹ – und rein zufällig tauchte dann deine attraktive Nachbarin auf, die angeblich Hilfe brauchte, weil sie eine schwere Kiste nicht in den Keller bekam und du ebenfalls ganz zufällig dringend aufs Klo musstest, weshalb nur ich als Helfer übrig bleib.« Er schüttelte den Kopf. »Dein Manöver, mich zu verkuppeln, war mehr als deutlich. Und du erinnerst dich noch bestimmt, wie das ausgegangen ist.«

Carson errötete. »Tut mir wirklich leid. Ich konnte nicht ahnen, dass Billie so eine gefühlsblinde Idiotin ist. Den Eindruck hat sie auf mich nie gemacht.«

Vermutlich, weil sie noch nie mit einem »Krüppel« zu tun gehabt hatte, als den sie Glen ungeschminkt bezeichnet und taktlos gefragt hatte, wie es sich denn als solcher lebe und ob die »hässlichen Narben« in seinem Gesicht nicht durch eine Schönheits-OP getilgt werden könnten, damit sein Gesicht wieder »halbwegs gut« aussehe. – »Gefühlsblind« in der Tat! Glen hatte ihr kommentarlos die Kiste in den Keller getragen, sich höflich verabschiedet und ihr Angebot, mal gemeinsam essen zu gehen, ignoriert.

Carson machte ein reuiges Gesicht. »Aber diesmal …«

»Nein!« Glen hob abwehrend beide Hände. »Lass es! Ich bin durchaus in der Lage, mir selbst jemanden zu suchen, wenn ich das will.«

Carson nickte nachdrücklich. »Genau das ist das Problem: wenn du willst. Du willst aber offensichtlich nicht.«

»Was mein gutes Recht ist.« Er blickte seinen Schwager ernst und, wie er hoffte, warnend an. »Carson, wenn du mein Freund bleiben willst, dann unterlass bitte alle Verkupplungsversuche.«

Carson seufzte. »Es ist für mich nur schwer zu ertragen, wie du dich isolierst.«

»Ich isoliere mich nicht. Ich gehe mehrmals die Woche zum Sporttraining, arbeite in einem Job, in dem ich mit Menschen zu tun habe, besuche regelmäßig meinen Pub und die Heimspiele der ›Hearts‹. Meines Wissens sieht Isolation anders aus.«

Carson schüttelte den Kopf. »Komm mir nicht mit solchen Spitzfindigkeiten, denn du weißt genau, was ich meine. Ja, du gehst raus, aber du bist innerlich nicht beteiligt.« Er beugte sich ein Stück vor. »Glen, Vina ist seit gut fünf Jahren tot. Sie fehlt mir auch unendlich. Aber ich habe deshalb nicht aufgehört zu leben.«

Weil sie seine Schwester gewesen war und nicht die Frau, die er über alles geliebt hatte. Die zweite Hälfte seiner Seele, welche ihm gewaltsam herausgerissen worden war und eine Leere hinterlassen hatte, die durch nichts gefüllt werden konnte.

Auch Glen beugte sich ein Stück vor. »Carson, es geht mir gut. Zugegeben, mit Davina an meiner Seite ginge es mir noch sehr viel besser, aber ich habe mein Leben im Griff und bin zufrieden. Und ich empfinde deine Verkupplungsversuche als höchst unwillkommene Einmischung. Also lass sie bleiben. Ein für alle Mal!«

Bell Robertsons Eintreten enthob Carson einer Antwort. Sie brachte die ausgefertigte Police, legte sie Carson zur Unterschrift hin und verließ sein Büro. Carson unterschrieb, heftete ein Exemplar in eine Versicherungsmappe und reichte sie Glen.

Er nahm sie und stand auf. »Falls du keinen Sonderauftrag für mich hast, werde ich mir die Collins-Sache noch mal ansehen, nachdem ich Mr Craig die Police gebracht habe. Irgendwas an dem angeblichen Unfall, vielmehr an dem von Mrs Collins geschilderten Hergang, stimmt nicht mit dem Ergebnis des Gutachtens überein.«

Carson nickte. »Tu das.« Er zog eine Schreibtischschublade auf. Shade sprang auf, lief zu ihm und wedelte mit dem Schwanz. Carson schüttelte den Kopf. »Etwas diskreter bitte, Shade, sonst weiß dein Herrchen doch sofort, dass ich dich heimlich verwöhne.«

»Von wegen heimlich«, brummte Glen, schüttelte den Kopf und lächelte. »Komm, Shade, wir haben zu tun.« Er wandte sich zur Tür.

»Glen.«

Er blickte Carson über die Schulter hinweg an.

»Ich werde das Thema nie wieder anschneiden. Und du hast Recht: Es war eine Einmischung, für die ich dich um Entschuldigung bitte.«

»Okay«, nahm Glen sie an und verließ das Büro.

Carson meinte es gut, keine Frage. Trotzdem nervte gerade das, weil es Glen das Gefühl gab, hilfsbedürftig zu sein und nicht allein zurechtzukommen. Er schüttelte die düsteren Gedanken ab und konzentrierte sich auf seine Aufgabe.

Als er eine halbe Stunde später zum zweiten Mal an diesem Tag Forthwater Manor betrat, standen zwei gepackte Trolleys in der Eingangshalle.

»Danke für die schnelle Lieferung, Mr Kincaid.« Ian Craig nahm die Versicherungsmappe entgegen, schlug sie auf und überflog den Inhalt.

»Wohin geht die Reise, wenn ich fragen darf?« Das interessierte Glen zwar nicht, aber diese Art von Small Talk erwartete man in der Regel zur Überbrückung von Pausen, die sonst ein unangenehmes Schweigen verursacht hätten.

»Cambridge. Ich muss zu einem Seminar an der Universität. Gastvortrag.« Er lächelte flüchtig. »Manchmal buchen mich Firmen oder Universitäten für Vorträge.« Er klappte die Mappe zu. »Alles wie besprochen«, lautete sein Urteil. »Danke.«

»Gern geschehen.« Glen nickte ihm zu. »Gute Fahrt.«

»Danke.« Craig begleitete ihn zur Tür und ließ ihn hinaus. »Wiedersehen.«

Bevor Glen darauf antworten konnte, hatte Craig schon die Tür geschlossen, als könnte er es kaum abwarten, ihn los zu sein. Eine Reaktion, der er seit dem Unfall oft begegnete. Glen ließ Shade, der im Vorgarten gestöbert hatte, in den Wagen, stieg ein und fuhr nach Clovenstone, um Mrs Collins wegen ihres Autounfalls noch einmal auf den Zahn zu fühlen.

4.

Samstag, 29. März

Morven saß zusammen mit Nathan Durie im Verhörzimmer einem Häufchen Elend gegenüber. Ken Harrington hatte geweint. Sein Gesicht war gerötet und um die Augen herum leicht geschwollen. Falls er tatsächlich so gebrochen war, wie er wirkte, würde er gestehen, seine Frau erdrosselt zu haben. Dass die Tatwaffe noch nicht gefunden worden war, wollte nichts heißen. Der von der Rechtsmedizin ermittelte Todeszeitpunkt zwischen acht Uhr dreißig und neun Uhr und Harringtons Anruf bei der Polizei um neun Uhr achtunddreißig hatte ihm mehr als genug Zeit gegeben, das Corpus Delicti unauffindbar zu entsorgen.

Laut Obduktionsbericht und der Spurenanalyse stammten Faserspuren, die sich durch die Strangulation am Hals abgelagert hatten, von einem nagelneuen weißen Polypropylenseil, wie man es in jedem Baumarkt und Supermarkt kaufen konnte. Dass sich keine anderen Spuren und auch keine DNA außer der des Opfers an den Fasern gefunden hatten, deutete in doppelter Hinsicht auf eine vorsätzliche Tat hin. Offenbar hatte Harrington das Seil frisch gekauft, vermutlich nur für diesen Mord. Außerdem trug er, als Morven und ihr Team am Tatort eingetroffen waren, immer noch Lederhandschuhe, die er nicht ausgezogen hatte, obwohl es nicht so kalt war, dass man Handschuhe tragen musste – schon gar nicht in einem geheizten Raum. Außerdem hatte er behauptet, seiner Frau den Puls gefühlt zu haben. Das war mit Handschuhen nicht möglich.

»Mr Harrington, es sieht nicht gut für Sie aus«, eröffnete Morven das Verhör. Er blickte sie an, als hätte sie in einer fremden Sprache gesprochen und er kein Wort verstanden. »Sie haben für den Todeszeitpunkt Ihrer Frau kein Alibi. Theoretisch hätten Sie lange vor Ihrem Anruf bei der Polizei im Geschäft sein und die Tat begehen können. Sie hatten in der Zwischenzeit genug Gelegenheit, die Waffe und Ihre Kleidung mit den verräterischen Spuren der Tat zu beseitigen.«

Harringtons Augen füllten sich mit Tränen, die ungehindert seine Wangen hinunterliefen. Er schüttelte den Kopf, langsam zunächst, dann immer heftiger. »Ich habe ihr nichts getan!«, heulte er los. »Ich habe sie doch geliebt!« Er verbarg das Gesicht in den Händen und schluchzte.

Durie schnaubte. »Sie haben Ihre Frau mehrfach geschlagen, und zwar so sehr, dass Nachbarn die Polizei gerufen haben und Ihre Frau sogar zweimal im Krankenhaus behandelt werden musste. Das nennen Sie Liebe?« Er schüttelte den Kopf. »Dann möchte ich nicht erleben, wie Sie Ihre Feinde behandeln.«

Harrington antwortete nicht.

»Sie haben Ihre Frau mit Eifersucht verfolgt, die nach Aussagen Ihrer Nachbarn und Verwandten völlig unbegründet war«, fuhr Durie fort. »Das soll Liebe sein? Ich sage Ihnen mal was von Mann zu Mann. Wenn man eine Frau liebt, vertraut man ihr und bezichtigt sie nicht völlig grundlos der Untreue. Erst recht schlägt man sie nicht. Das tun nur Schlappschwänze.«

Morven zuckte bei der Verachtung in Duries Stimme zusammen, musste ihm aber Recht geben. Harrington reagierte immer noch nicht.

»Und ich sage Ihnen noch was, was Ihnen wahrscheinlich nicht gefallen wird. Eifersucht ist kein Ausdruck von Liebe, sondern von mangelndem Selbstwertgefühl des Eifersüchtigen und vor allem von mangelndem Vertrauen. Hätten Sie mal an sich gearbeitet, um Ihre Eifersucht und deren Ursachen in den Griff zu bekommen, wäre Ihre Frau noch am Leben.«

Das erzeugte endlich eine Reaktion. Harrington riss die Hände vom Gesicht und starrte Durie an. »Aber ich habe sie nicht umgebracht! Ich war das nicht! Das schwöre ich bei Gott, Jesus, Maria und allen Heiligen!« Er hob die Hand zum Schwur – und brach zusammen. Er legte beide Arme verschränkt auf den Tisch, vergrub sein Gesicht in der Armbeuge und weinte zum Gotterbarmen.

Morven empfand gegen ihren Willen Mitleid mit ihm. Außerdem glaubte sie ihm. Er müsste schon ein extrem guter Schauspieler sein, um auf Kommando echte Tränen produzieren zu können und eine solche Verzweiflung vorzutäuschen. Ausgeschlossen war das zwar nicht; Morven hatte schon einmal mit einem eiskalten Verbrecher zu tun gehabt, der eine ähnliche Show geboten hatte, die sich als Fake entpuppte. Aber der hatte nicht schon vor der Vernehmung geweint.

Doch wenn Harrington seine Frau nicht umgebracht hatte – wer dann?

»Bitte beruhigen Sie sich, Mr Harrington«, sagte sie sanft. »Können Sie uns ein paar Fragen beantworten? Wenn Sie wirklich unschuldig sind, können Sie uns vielleicht helfen, den wahren Täter zu finden.« Sie holte ein Päckchen Papiertaschentücher aus der Hosentasche und schob es ihm hin.

Er nahm es, zog mit zitternden Fingern ein Taschentuch heraus, wischte sich die Tränen ab und schnäuzte sich. Starrte erst auf die Tischplatte vor sich und warf Morven nach einer Weile mit gesenktem Kopf einen flackernden Blick zu. Schließlich nickte er. »Fragen Sie.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

»Danke. Zunächst ein unbedeutendes Detail. Sie haben vor Ort ausgesagt, dass Sie Ihrer Frau den Puls gefühlt haben.«

Harrington runzelte die Stirn, ehe er nickte.

»Der Verdächtige hat genickt«, diktierte Durie dem laufenden Aufnahmegerät.

»Ja«, bestätigte Harrington.

»Aber bei unserem Eintreffen haben Sie Handschuhe getragen.«

Wieder ein Stirnrunzeln. Schulterzucken. »Habe ich das?«

»Haben Sie«, bestätigte Morven. »Mit Handschuhen kann man aber keinen Puls fühlen. Sind Sie sicher, dass Sie Ihrer Frau den Puls gefühlt haben?«

Harrington starrte auf die Tischplatte, knetete das Papiertaschentuch und runzelte erneut die Stirn. »Ja«, antwortete er nach einer Weile. »Ich habe einen Handschuh ausgezogen.«

»Und ihn dann wieder angezogen?«, hakte Durie nach. »Das ist zumindest ungewöhnlich.

Kopfschütteln. »Daran erinnere ich mich nicht. Aber das muss ich wohl getan haben.« Harrington sah auf. »Ist das wichtig?«

»Wir versuchen nur, die Dinge logisch nachzuvollziehen«, beruhigte ihn Morven.

»Ich mag nicht gerne Dinge anfassen. Ohne Handschuhe fühle ich mich …« Er zuckte mit den Schultern. »Also, ich habe den vermutlich wieder angezogen. Als Reflex.«

Das war zumindest eine nachvollziehbare Erklärung, die aber noch zu prüfen sein würde.

»Hatte Ihre Frau Feinde?«, wollte Morven wissen.

Harrington schüttelte den Kopf, erinnerte sich aber wohl daran, dass seine Aussage aufgezeichnet wurde und ein Kopfschütteln oder Nicken als Antwort nicht genügte. »Nicht, dass ich wüsste«, fügte er hinzu. »Zumindest hat sie nie so was erwähnt.«

»Keinen Streit mit nervtötenden Kundinnen oder Kunden, die mit ihrer Arbeit unzufrieden waren?«, hakte Durie nach. »Manche sind ja so anspruchsvoll, dass sie sich über alles aufregen.«

Harrington nickte und schüttelte erneut den Kopf. »Klar, das kam ab und zu vor. Aber Gwyn hat nie erzählt, dass jemand sie bedroht hätte.«

»Was ist mit der Konkurrenz?«, fragte Morven. »Wie wir inzwischen wissen, hat Ihre Frau als Goldschmiedin einen hervorragenden Ruf. Sie hat sogar zweimal einen Designerpreis gewonnen. Das hat doch bestimmt so manchen Neider auf den Plan gerufen.«

Harrington zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Wenn ja, hat sie darüber nicht geredet.«

Morven schüttelte innerlich den Kopf. Wenn sie einen Partner gehabt hätte, sie hätte ihm als Erstem von solchen Vorkommnissen berichtet. Das gehörte für sie zu einer Partnerschaft. Man tauschte sich aus, wie der Arbeitstag gewesen war und was es an Neuigkeiten gab. Offenbar hatte in der Ehe der Harringtons so einiges nicht mehr gestimmt, und Ken Harringtons Eifersucht war nur eine Baustelle von vielen.

»Wie war das an ihrem Todestag? Sie haben vor Ort gesagt, Ihre Frau habe schon im Vorfeld ein verspätetes Heimkommen angekündigt wegen eines Kunden, der zu Ladenschluss oder vielleicht noch später etwas abholen wollte.«

»Ja.«

»Kam das öfter vor?«

Harrington schüttelte den Kopf. »Nein. Darum dachte ich ja …« Er warf Durie einen kurzen Blick zu. »Darum habe ich mir Sorgen gemacht, als sie eine halbe Stunde nach der üblichen Zeit noch nicht wieder zu Hause war.«

Nicht nur für Morven war offensichtlich, dass Harringtons »Sorgen« die pure Eifersucht gewesen war. Wieder einmal fand sie bestätigt, dass Eifersucht das logische Denken aushebelte. Kein Mensch, der den Partner oder die Partnerin betrog, würde das zu einem Zeitpunkt tun, der Misstrauen erregte wie ein vorgeschützter später Kundenbesuch, sondern den Betrug durchführen, wenn keine Gefahr bestand, erwischt oder im Vorfeld überhaupt verdächtigt zu werden: in der Mittagspause, bei einem angeblichen Meeting während der normalen Arbeitszeit …

»Mr Harrington, wissen Sie, wer Zugang zum Laden Ihrer Frau hat? Schlüssel, Passwörter für die Buchhaltung und so weiter.«

Harrington nickte. »Ihre Assistentin, Fiona Gall. Sie arbeitet im Verkauf, während Gwyn in der Goldschmiede …« Wieder flossen Tränen. »Sie hat so wundervolle Sachen hergestellt!« Wieder legte er den Kopf auf die Arme und heulte.

Morven sah keinen Sinn in der Fortsetzung der Vernehmung, die sowieso nichts brachte, weil Harrington zu wenig wusste. Mit etwas Glück konnte Fiona Gall ihnen mehr helfen. »Ende der Vernehmung: zehn Uhr fünfzehn«, sprach Morven ins Mikrofon und schaltete das Aufnahmegerät aus. Sie gab Constable Morris, der stumm in der Ecke neben der Tür stand, einen Wink, Harrington in die Zelle zurückzubringen. Seufzend lehnte sie sich zurück und schüttelte den Kopf, kaum dass Harrington draußen war.

»Sie glauben ihm seine Unschuldsbeteuerung?«, vergewisserte sich Durie.

»Sie nicht?«

Durie wiegte den Kopf. »Ich schließe nicht aus, dass er unschuldig sein könnte. Aber meine Vorgesetzte sagt immer, dass wir nur den beweisbaren Tatsachen glauben sollten.« Er zwinkerte ihr zu.

Morven grinste flüchtig. »Womit sie Recht hat«, stimmte sie ihm zu. Sie sah auf ihre Armbanduhr. »Wir können ihn noch bis Montag ohne Haftbefehl festhalten. Wenn wir bis dahin keine stichhaltigen Beweise oder zumindest Indizien für seine Schuld gefunden haben, müssen wir ihn gehen lassen.«

Durie wiegte den Kopf. »Der Knackpunkt ist das Seil. Wenn wir das finden, müssten sich daran außer DNA vom Opfer auch Faserspuren von Harringtons Handschuhen befinden. Vorausgesetzt, er ist der Täter. Und vorausgesetzt, er hat es nicht irgendwo entsorgt, wo alle Spuren zerstört oder kontaminiert wurden. Zum Beispiel in einem Gully.«

Morven schnitt eine Grimasse. »Dann würden wir es sowieso nicht finden, denn wir können nicht jeden Gully entlang der Straße, in der das Geschäft liegt, nach dem Seil absuchen. Ganz abgesehen davon, dass die Kanalisation es längst sonst wohin gespült hat, falls der Täter es tatsächlich in einen Gully geworfen hat.« Sie stand auf. »Wir befragen die Assistentin. Sicherlich kann sie uns mehr sagen.«

»Wenn sie nicht nur Mrs Harringtons Assistentin, sondern vielleicht auch ihre Freundin war, ganz bestimmt«, stimmte Durie ihr zu.

Sie verließen den Verhörraum. Vor der Tür kam ihnen Detective Sergeant Molly MacKay entgegen, einen Folder in der Hand, mit dem sie den beiden zuwinkte.

»Die Berichte über die Durchsuchung von Harringtons Haus und Auto und die Untersuchung seiner Kleidung, die er am Tatort getragen hat. Ich fasse kurz zusammen. Weder im Haus noch im Auto noch anderswo auf dem Grundstück wurde ein Seil gefunden oder ein Rest davon, das zu den Fasern an der Leiche passt. An seiner Kleidung befinden sich keine Spuren der Kleidung, die seine Frau am Todestag getragen hat. Die Handschuhe weisen ebenfalls keine signifikanten Spuren auf. Nur ein paar wenige Hautzellen seiner Frau, die aber zum Beispiel bei einem Handschütteln zum Abschied übertragen worden sein können oder dass sie die Dinger beiseite geräumt hat, als sie ihr im Weg lagen. Hätte er seine Frau erdrosselt, müsste erheblich mehr DNA vorhanden sein – und auch an anderen Stellen der Handschuhe, beispielsweise auf den Fingerrücken.«

Und Harrington hatte keine Zeit gehabt, die Kleidung zu wechseln, um unkontaminierte anzuziehen, bevor er die Polizei rief.

»Außerdem haben zwei Nachbarn unabhängig voneinander ausgesagt, dass Harrington am Tatabend um ungefähr neun Uhr weggefahren ist«, ergänzte Mac­Kay. »Man weiß das deshalb so genau, weil er, ich zitiere: ›mal wieder die Garagentür geknallt hat, dass die Wände wackelten‹. Offenbar hat er noch ein mechanisch schließendes Tor.« Sie reichte Morven die Akte. »Wie es aussieht, ist Mr Harrington nicht der Täter.«

»Scheiße«, murmelte Durie und schüttelte den Kopf. »Er hätte trotzdem verdient, im Gefängnis zu schmoren.«

Morven lächelte traurig. »Leider ist Eifersucht – krankhaft oder nicht – nicht strafbar.«

»Leider!«, stimmte er ihr nachdrücklich zu.

Sie schüttelte den Kopf. »Okay, Harrington ist höchstwahrscheinlich nicht der Täter. Hoffen wir, dass die Assistentin mehr weiß.«

***

Fiona Gall, eine Mittdreißigerin mit blauen Augen und einer flammenroten Lockenpracht, die an das Mädchen aus dem Film »Merida« erinnerte, war sichtlich mitgenommen vom Tod ihrer Chefin. Das Gesicht blass, der Ausdruck tieftraurig, die Bewegungen fahrig, und ihre Hand zitterte, als sie sich Tee einschenkte, den sie auch Morven und Durie anbot, die aber beide dankend ablehnten.

»Wer tut denn so was?«, fragte sie und trank einen Schluck Tee, an dem sie sich den Mund verbrannte, die Tasse klirrend auf die Untertasse setzte und auf den Tisch zurückstellte. »Wie kann ich helfen?«

»Mrs Harrington hat am Abend ihres Todes angeblich einen Kunden erwartet, der noch spät etwas abholen wollte«, antwortete Morven. »Zumindest hat sie das gegenüber ihrem Mann behauptet. Wissen Sie etwas darüber?«

Fiona Gall nickte. »John MacDonald. Er hatte bei ihr ein Schmuckstück bestellt, das er seiner Frau zum Geburtstag schenken wollte.«

Morven und Durie sahen einander an. Also hatte es den späten Kunden wohl tatsächlich gegeben.

»Aber in dem computergeführten Terminkalender war dieser Termin nicht eingetragen«, teilte Durie ihr mit.

»Was?« Fiona Gall schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein. Ich habe ihn selbst eingetragen, nachdem Mr MacDonald ihn am Tag zuvor telefonisch mit Mrs Harrington vereinbart hatte. Ich habe ihn noch extra rot markiert, weil er so spät war und Mrs Harrington immer sehr pünktlich Feierabend machte. Sie musste – wollte immer sehr pünktlich zu Hause sein.«

»Wollte sie das oder musste sie, weil sonst ihr Mann einen Eifersuchtsanfall bekommen hätte?«, hakte Durie nach.

Fiona Gall errötete leicht. »Das wissen Sie also schon.« Sie seufzte. »Sie musste. Mr Harrington hat einmal einen Riesenaufstand gemacht. Wir – also, Mrs Harrington und ich – saßen gemeinsam über dem Jahresabschluss. Irgendwas stimmte nicht, und wir haben verzweifelt den Fehler gesucht, der sich einfach nicht finden lassen wollte. Wir waren so vertieft darin, dass wir nicht auf die Zeit geachtet haben und Mrs Harrington deshalb vergessen hat, ihren Mann anzurufen und ihm Bescheid zu sagen, dass sie sich verspätet.«

Morven ahnte, wie die Geschichte weiterging.

»So ungefähr gegen neun Uhr platzte Mr Harrington ins Geschäft und machte eine Szene, weil er glaubte, seine Frau wäre mit einem anderen Mann zusammen.« Fiona Gall schüttelte den Kopf. »Er hat alles durchsucht, wo sich ein Mensch hätte verstecken können. Aber denken Sie bloß nicht, dass er an die Unschuld seiner Frau geglaubt hat, als er keinen nackten Mann im Kleiderschrank fand.« Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus, und sie verzog angewidert das Gesicht. »Stattdessen hat er ihr unterstellt, ihr Lover wäre schon gegangen, und er hätte ihn bloß verpasst. Und obwohl ich ihm versichert habe, dass ich die ganze Zeit mit seiner Frau zusammen war und wir wirklich nichts anderes getan haben, als den Fehler zu suchen, hat er das nicht geglaubt und mir ins Gesicht gesagt, dass ich lüge, um seine Frau zu decken.«

»Haben Sie?«, hakte Durie nach.

»Himmel, nein!« Fiona Gall hob abwehrend beide Hände. »Für so was gebe ich mich nicht her.« Sie schüttelte den Kopf. »Das würde ich nicht mal für meine beste Freundin tun.«

Womit sie klargestellt hatte, dass sie nur die Angestellte ihrer Chefin, aber nicht ihre Freundin gewesen war.

Sie blickte Morven und Durie bedrückt an. »Ich glaube, er hätte sie geschlagen, wenn ich nicht da gewesen wäre.« Sie schnaufte. »Wäre ja nicht das erste Mal gewesen. Mrs Harrington hat schon manches Mal ein blaues Auge gehabt. Und sie hat sich nur nicht scheiden lassen aus Angst, dass er sie dann umbringt.«

»Hat sie das gesagt?«

Fiona Gall nickte. »Mehrfach. Und an dem besagten Abend habe ich das auch mit eigenen Ohren gehört. ›Wenn du einen anderen hast oder mich verlässt, bringe ich dich um!‹, hat er gedroht. Und die Faust gegen sie geschüttelt. Wie gesagt: Ich bin mir sicher, dass er sie geschlagen hätte, wenn ich nicht da gewesen wäre.« Sie nickte heftig, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

Das warf ein neues Licht auf die Sache. Harrington hatte seine Frau vielleicht nicht selbst umgebracht, könnte aber durchaus jemanden dafür engagiert haben. Zum Beispiel Mr John MacDonald.

»Was ist mit diesem MacDonald?«, fragte Morven aus diesem Gedanken heraus. »Hatten Sie den Eindruck, dass es ein echter Auftrag ist oder nur ein Vorwand?«

Fiona Gall blickte sie verständnislos an. »Vorwand – wofür?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe nie mit dem Mann persönlich zu tun gehabt. Er war nur einmal da, um mit Mrs Harrington den Auftrag zu besprechen, und da war ich gerade in der Mittagspause. Und sie hat mir nichts weiter darüber gesagt, außer dass er ein Schmuckstück in Auftrag gegeben hat, dessen Anfertigung eine Weile dauern würde.«

»Um was für ein Schmuckstück handelte sich?«, hakte Durie nach.

»Das weiß ich nicht. Mrs Harrington hat mich in die Kundenaufträge nur eingeweiht, nachdem sie das jeweils bestellte Schmuckstück fertig hatte. Dann hat sie es mir gezeigt und nach meiner Meinung gefragt. Aber vorher durfte niemand etwas Konkretes wissen und es erst recht nicht ansehen, bevor es nicht fertig war.« Fiona Gall zuckte mit den Schultern. »Sie war in dem Punkt ein bisschen abergläubisch. Und ich habe auch nie nachgefragt. Ging mich ja nichts an. Aber ich glaube, es muss entweder eine mehrreihige Halskette oder ein dicht an dicht mit kleineren Edelsteinen besetztes Armband gewesen sein, denn andere Anfertigungen dauern – dauerten bei Mrs Harrington in der Regel nicht ›eine Weile‹ in dem Sinn, den sie gemeint hat.«

»Von welchem Zeitraum sprechen wir?«, erkundigte sich Durie.

»Mindestens vier Wochen. Und das auch nur, wenn sie die benötigten Zutaten – Materialien – vorrätig hatte oder sie leicht zu besorgen waren. Zum Beispiel das Besorgen eines schwarzen Opals dauert seine Zeit, weil diese Steine nicht nur selten sind, sondern sehr verschieden in der Qualität und natürlich im Grad ihrer Dunkelheit.« Sie lächelte flüchtig. »Denn im Gegensatz zu ihrer Bezeichnung sind schwarze Opale niemals vollständig schwarz. Sie haben immer diesen für Opale typischen perlmuttartigen Farbschimmer, sonst sind es keine Opale. Und natürlich mussten das Material auch schon weitgehend verarbeitungsfertig, also vorgeschliffen sein. Wenn sie zum Beispiel einen Rohdiamanten selbst komplett schleifen musste, dauerte das seine Zeit. Sie hat auch ein Zertifikat als Edelsteinschleiferin und die entsprechenden Gerätschaften in der Werkstatt.«

Morven empfand einen Anflug von Ungeduld. Sie wollte keinen Vortrag in Edelsteinkunde und deren Verarbeitung, sondern hatte einen Mord aufzuklären.

Fiona Gall musste ihr das wohl ansehen oder spüren, denn sie wurde ernst und räusperte sich, was verlegen klang. »Aber es gibt Akten über jeden Spezialauftrag«, kam sie wieder zum eigentlichen Thema zurück. »Die sind im Computer hinterlegt. Weil Mr MacDonald seine Bestellung an dem Abend abholen wollte, muss das Schmuckstück ja fertig gewesen sein. Mrs Harrington hat immer akribisch dokumentiert, was die Kunden wünschen, damit hinterher niemand behaupten kann, dass sie etwas nicht so gemacht hat, wie sie beauftragt wurde.«

»Kam das vor?«, wollte Durie wissen.

Fiona Gall nickte. »Mindestens einmal, aber das war vor meiner Zeit. Und seitdem hat sie diese Akten geführt, wie sie mir mal sagte. Und von jedem fertigen Schmuckstück hat sie natürlich auch Fotos gemacht und die der Akte beigefügt.« Sie lächelte flüchtig. »Falls mal ein Stück noch im Laden oder später beim Kunden gestohlen wird, hätte sie der Polizei mit dem Foto helfen können.«

Morven fand das sehr vorausschauend, denn nicht alle Menschen fotografierten für ebenso einen Fall ihre Wertsachen. »Hatte Mrs Harrington Feinde oder Neider, die ihr das Leben schwer gemacht haben?«, stellte sie eine der üblichen Routinefragen.

»Außer ihrem Mann, der meiner Überzeugung nach ihr größter Feind ist – war, wüsste ich niemanden. Sie hat immer ordentliche – nein: beste Arbeit geleistet, und die Kundschaft war immer sehr zufrieden; zumindest soweit ich weiß. Falls mal jemand unzufrieden war, habe ich das nicht mitbekommen.«

»Wie es aussieht, wurde im Geschäft nichts gestohlen, obwohl dort eine Menge Wertsachen quasi auf dem Präsentierteller liegen«, sagte Durie. »Können Sie sich vorstellen, wer außer dem Ehemann ein Motiv haben könnte, Ihre Chefin zu töten?«

Fiona Gall schüttelte den Kopf. »Niemanden.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wir haben auch nicht so besonders viel miteinander geredet. Ich war vorn im Laden und sie die meiste Zeit in der Werkstatt. Ab und zu saßen wir beim Tee zusammen, wenn wir Pause gemacht haben. Und da haben wir dann ein bisschen geplaudert. Aber Mrs Harrington hat außer ihrem Mann nie jemanden erwähnt, mit dem sie Ärger hatte. Aber das will ja nichts heißen.«

In der Tat. Persönliche Probleme, sofern sie einem nicht auf der Seele brannten, besprach man nicht mit Angestellten.

»Noch mal zurück zu dem Termin mit Mr MacDonald«, bat Durie. »Sie sind sich wirklich sicher, dass Sie den eingetragen haben?«

»Ja.« Fiona Gall nickte nachdrücklich. »Hundertprozentig. Ich habe den Eintrag noch am Donnerstagmorgen gesehen, als ich für nächsten Mittwoch einen Beratungstermin für ein Brautpaar eingetragen habe.« Sie schlug sich die Hand vor den Mund. »Oh Gott, ich muss alle Termine absagen. Das habe ich total vergessen.«

»Könnte es einen Grund geben, warum Mrs Harrington ihn vielleicht gelöscht hat?«, hakte Durie nach.

Kopfschütteln. »Das hat sie nie getan. Außer wenn ein Termin abgesagt wurde. Schließlich ist der Terminkalender auch ein Nachweis ihrer Arbeit. Manchmal hat sie nicht nach dem Wert des Endprodukts abgerechnet, sondern nach Stundenhonorar für die tatsächlich geleistete Arbeit. Sie hat ihn am Jahresende immer ausgedruckt und in den Ordner mit den Jahresabschlüssen geheftet.«

»Wann haben Sie am Donnerstag Feierabend gemacht?«, wollte Morven wissen.

»Um sieben. Ich musste noch etwas besorgen. Und um die Zeit, noch dazu am Donnerstagabend, war sowieso selten noch was los.«

Morven und Durie sahen einander an.

»Wann gehen Sie gewöhnlich?«

»Um acht oder kurz danach, je nachdem, ob es noch was aufzuräumen gibt.«

Offenbar hatte der geheimnisvolle Mr MacDonald bewusst den späten Abholtermin gewählt, weil er dann sicher sein konnte, dass Gwyn Harrington allein im Laden war. Möglicherweise hatte er den Laden beobachtet und gesehen, dass Fiona Gall schon früher gegangen war und er freie Bahn hatte. In dem Fall hätte er zwischen dem Mord und dem Eintreffen von Ken Harrington noch genug Zeit gehabt, um nicht nur zu verschwinden und vorher die Überwachungsvideos zu löschen, sondern auch die Tatwaffe unauffindbar verschwinden zu lassen.

Morven beugte sich leicht vor. »Hat Mrs Harrington zufällig erwähnt, ob Sie diesen John MacDonald persönlich kennt? Also, ob sie ihn schon kannte, bevor er ihr den Auftrag erteilte.«

Fiona Gall schüttelte den Kopf. »Nein. Aber – ausgeschlossen ist das natürlich nicht.«

»Kennt jemand außer Ihnen und Ihrer Chefin die Passwörter zum Computer, dem Sicherheitssystem, dem Safe?«

Erneutes Kopfschütteln. »Niemand. Und Mrs Harrington hat sie meines Wissens auch nie aufgeschrieben und ich ebenfalls nicht.« Sie blickte Morven und Durie abwechselnd an. »Was wird denn nun mit dem Geschäft?«

»Das muss am Ende Mr Harrington entscheiden«, antwortete Morven. »Er ist, falls seine Frau keine näheren erbberechtigten Verwandten hat, der Erbe. Im Moment ist das Geschäft sowieso noch ein Tatort. Also können Sie davon ausgehen, dass Sie bis auf Weiteres Urlaub haben. Und sicherlich wäre es nicht verkehrt, wenn Sie sich vorsorglich nach einem neuen Job umsehen.«

Fiona Gall nickte. »Das ist wohl das Beste.«

»Eine letzte Frage«, sagte Durie. »Wissen Sie noch, wann Mr MacDonald das Schmuckstück bestellt hat?«

Kurzes Nachdenken. »Vor ungefähr sechs Wochen. Wenn ich mich recht erinnere, war das etwa Mitte Februar.« Erneutes Nachdenken. »Um den zehnten herum, glaube ich, aber bestimmt nicht später als den fünfzehnten.« Sie nickte. »Ich weiß nicht, ob das wichtig ist, aber es muss wirklich ein besonderes Stück gewesen sein, denn ich glaube, schon am nächsten Tag hat Mrs Harrington fast nur noch in der Werkstatt zugebracht und Steine geschliffen.« Sie verzog das Gesicht. »Obwohl die schallgedämmt ist, hört man dieses jaulende Geräusch, das wie der Bohrer beim Zahnarzt klingt. Und nach dem Auftrag von Mr MacDonald lief das Ding fast den ganzen Tag. Also denke ich, dass sie da ausschließlich an seinem Auftrag gearbeitet hat.«

Morven reichte ihr eine Visitenkarte. »Falls Ihnen noch etwas einfällt, auch wenn es Ihnen unwichtig erscheinen sollte, melden Sie sich bitte. Und bestimmt haben wir später noch die eine und andere Frage. Außerdem brauchen wir den Code für den Safe. Vielleicht befindet sich etwas darin, was uns einen Hinweis gibt.«

Fiona Gall zögerte, nahm dann einen Zettel und notierte vier Zahlenreihen. »Der Erste ist für den Safe, der Zweite für den Tresor, der Dritte für den Computer und der Letzte für die Alarmanlage. Falls Sie den brauchen.«

»Vielen Dank, Ms Gall.«

Morven und Durie verabschiedeten sich und verließen Fiona Galls Wohnung.

»Also hat es den geheimnisvollen Kunden tatsächlich gegeben«, resümierte Durie auf dem Weg zu ihrem Dienstwagen. »Hat er den Termin gelöscht?«

Morven schüttelte den Kopf. »Dann müsste er das Passwort für den Computer kennen.«

Durie schüttelte ebenfalls den Kopf. »Als wir am Tatort ankamen, war der Computer noch eingeschaltet; zwar im Stromsparmodus, aber eingeschaltet. Wenn Mrs Harrington ihn noch gar nicht ausgeschaltet hatte, wäre es für ihn kein Problem gewesen, den Termin zu löschen. Und seine Akte gleich mit.«

»Scheiße«, murmelte Morven. »Wir sollten unbedingt nachsehen.«

Auf dem Weg zurück ins Präsidium betete sie inständig, dass wirklich nur der Termin gelöscht worden war.

***

Die »Hexe« warf Morven und Durie nur einen kurzen Blick zu, als sie deren Allerheiligstes betraten. Aber der sprach Bände und signalisierte die deutliche Warnung, sie bloß nicht zu stören.

»Tut mir leid, Ally, aber wir können auf dein Bedürfnis nach Ungestörtheit keine Rücksicht nehmen«, antwortete Morven auf die stumme Botschaft.

Allison Brady grunzte nur und ließ ihre Finger weiter über die Tastatur tanzen in einer Geschwindigkeit, dass Morven sich nicht zum ersten Mal fragte, wie sie überhaupt die richtigen Tasten treffen konnte, ohne ihre Finger zu verheddern. Nicht nur diese atemberaubende Geschwindigkeit im Tippen war für Allys Spitznamen verantwortlich. Sie war eine Hexenmeisterin am Computer und steckte nahezu alle Kolleginnen und Kollegen in ganz Schottland, wahrscheinlich sogar des ganzen Königreichs und etliche ausländische Koryphäen, in die Tasche.

»Was immer ihr wollt, die Antwort ist Nein«, beschied sie den beiden.

»Wie schade«, meinte Morven scheinheilig. »Ich wollte dich zum Essen einladen.«

»Nein«, beharrte Ally, zwinkerte ihr zu, und beide lachten.

Sie waren seit ihrer gemeinsamen Zeit auf dem Po­lice College befreundet. Vorübergehend hatten sich ihre Wege nach dem Abschluss getrennt, weil Ally eine Spezialausbildung zum Computercrack absolviert hatte, aber seit ein paar Jahren waren sie im selben Revier in Corstorphine und hatten ihre Freundschaft nahtlos fortgesetzt.

»Ich weiß schon, weshalb ihr gekommen seid«, war Ally überzeugt. »Die Überwachungsaufzeichnungen vom Computer aus dem Juweliergeschäft.« Sie schüttelte den Kopf und blickte Morven an, ohne das Tippen zu unterbrechen. »Gelöscht. Aber nicht einfach nur gelöscht, sondern mehrfach überschrieben. Da war ein Profi am Werk, der oder die genau wusste, was er oder sie tun musste, damit ich die Dateien nicht wiederherstellen kann.« Sie fletschte die Zähne und knurrte. »Ich hasse so was!«

»Du hast mein volles Mitgefühl«, versicherte Morven. »Aber wir sind nicht nur deshalb hier. Auf dem Computer befinden sich die Dateien über die Aufträge, die das Opfer ausgeführt hat. Der Auftrag, der uns interessiert, stammt von einem John MacDonald, und Mrs Harrington hat für ihn ein Schmuckstück angefertigt. Wir brauchen seine Adresse, die in der Akte stehen müsste.«

Ally rollte mit ihrem Stuhl zu einem Nebentisch, auf dem ein anderer Computer stand. Morven erkannte in ihm den, den sie aus Gwyn Harringtons Geschäft mitgenommen hatten. »Ich lasse auf dem Überwachungscomputer ein Suchprogramm nach versteckten oder kürzlich gelöschten Dateien laufen«, erklärte sie. »Aber Fehlanzeige. Wie gesagt, wer immer die Überwachungsaufzeichnung nach acht Uhr abends gelöscht hat, ist ein Profi.« Sie rief einen Dateiordner auf, der mit »Aufträge« bezeichnet war und öffnete ihn. »Ich finde hier fünf John MacDonalds mit unterschiedlichen Adressen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Kein Wunder. Die MacDonalds sind der größte Clan des Landes, und John ist kein seltener Vorname. Wann wurde der Auftrag erteilt?«

»Vermutlich zwischen dem zehnten und fünfzehnten Februar«, antwortete Durie.

Ally blickte auf den Bildschirm und schüttelte den Kopf. »Die Ordner für drei John MacDonalds tragen ein Bearbeitungsdatum von diesem Jahr, aber die letzte Bearbeitung stammt vom zwanzigsten Januar.«

»Würdest du uns die Dateien aller John MacDonalds ausdrucken?«, bat Morven.

Ally lächelte sie liebenswürdig an. »Wie war das mit der Einladung zum Essen?«

Morven lachte. »Heute Abend bei mir. Mein Onkel hat gestern Lachse geangelt und mir ein fangfrisches Exemplar gebracht. Babymöhren, dazu meine Spezialsoße und ein gepflegter Wein.«

»Deal«, stimmte Ally zu. Sekunden später erwachte ein Drucker zum Leben und spuckte fünfzehn Seiten aus, die Ally nahm und Morven reichte. »Und bevor du fragst: Keine Drohmails auf dem Computer, keine Malware, keine Erpressungen der Toten gegen irgendwen oder von irgendwem. – Bis heute Abend, dann!«

Morven nahm die Blätter, verabschiedete sich und ging mit Durie in ihr Büro. Sie setzte sich und reichte ihm die Hälfte der Ausdrucke. Sie las sich das erste Blatt durch. John MacDonald aus Morningside hatte einen Armreif aus massivem Gold bestellt mit einem ovalen Stein aus dunkelgrüner Jade, in den das Clanwappen eingraviert war und auf der Innenseite »Für Roana in ewiger Liebe«. Morven hoffte, dass die Liebe des Paares tatsächlich ewig halten würde. Und mit einem Anflug von Neid wurde ihr bewusst, dass noch niemand ihr ein so wertvolles Geschenk gemacht hatte. Aber wenn sie wollte, konnte sie sich das auch selbst schenken. Der mit vierhundert Pfund angegebene Preis war zwar der pure Luxus, aber ein solches Geschenk machte man sich nur einmal im Leben.

Der Armreif war bereits im November in Auftrag gegeben und laut Mrs Harringtons Eintrag Anfang Dezember fertiggestellt worden. Ein Weihnachtsgeschenk also, das der Auftraggeber in zwei Raten gezahlt hatte, die letzte im Januar. Der nächste MacDonald hatte einen Diamantring bestellt, der dritte eine Halskette aus Tigeraugen- und Goldperlen mit einem passenden Armband. Die beiden MacDonalds, deren Akten Durie sich angesehen hatte, hatten ein Halsband aus neun silbernen Efeublättern und ein Bernsteinhalsband mit einer Achatgemme bestellt. Kein Auftrag hatte laut Gwyn Harringtons Notizen länger als zwei Wochen gedauert. Demnach konnte keiner von diesen MacDonalds derjenige mit dem »eine Weile dauernden« Auftrag gewesen sein. Es sei denn, er hätte nur diesen gelöscht und frühere im Computer gelassen. Doch das erschien Morven wenig sinnvoll.

Sie griff zum Telefon und rief in der IT-Abteilung an. »Ally, wie lange braucht man, um Dateien so komplett zu löschen, dass nicht mal du sie wiederherstellen kannst?«

»Ein paar Minuten, wenn man nur eine einzige Datei löschen will und genau weiß, was man tut. Wenn man erheblich mehr löschen will«, Morven hörte das Grinsen in Allys Stimme, »formatiert man die Festplatte. Dann ist alles weg. Das hat nur den unbedeutenden Nachteil, dass man danach den Computer nicht mehr benutzen kann. Zumindest nicht, bis man das Betriebssystem neu aufgespielt hat. Aber alle gespeicherten Daten sind dann weg. Unwiederbringlich.«

»Nur ein paar Minuten also. Hm. Danke, Ally.« Morven legte auf und blickte nachdenklich auf die Ausdrucke vor sich.

»Stimmt«, sagte Durie.

»Was stimmt?«, fragte Morven irritiert.

Er lächelte. »Ihre Überlegung, dass der Täter mehr als genug Zeit hatte, Mrs Harrington umzubringen, alle Spuren einschließlich seiner Dateien und des Überwachungsvideos zu beseitigen und über alle Berge zu sein, ehe Mister Eifersucht angerast kam, um seiner Frau die Hölle heißzumachen. Was bedeutet …« Er blickte Morven bedeutsam an.

»Dass die ganze Sache sehr sorgfältig geplant wurde.« Sie lehnte sich zurück. »Wir können wohl zweifelsfrei davon ausgehen, dass Mrs Harrington das Ziel war.« Sie blickte nachdenklich auf das Bild der handgeschmiedeten Efeublattkette. »Die Frage ist nur: warum? Ist es etwas Persönliches oder hat es mit dem Schmuckstück zu tun, das sie für ihren Mörder angefertigt hat?« Sie deutete auf das Bild des vierhundert Pfund teuren Armreifs. »Möglicherweise war das Ding sehr teuer, und der Kunde hatte das Geld nicht.«

»Und deshalb bringt er die Goldschmiedin gleich um?«

Morven nickte. »Wir wissen doch, dass Menschen andere schon für weniger Geld umgebracht haben. Vielleicht hätte er sich das nie leisten können und hat von Anfang an den Mord zusammen mit der Bestellung geplant.«

Aber das erschien ihr doch recht abwegig, denn normale Menschen besaßen in der Regel eine hohe Hemmschwelle, um jemanden kaltblütig zu töten. Im Affekt, in Notwehr – kein Thema. Aber so akribisch geplant? Dazu gehörte nicht nur eine Menge krimineller Energie, sondern auch eine gehörige Portion Abgebrühtheit.

Morven griff wieder zum Telefon und rief Fiona Gall an. »Ms Gall, gibt es eine Möglichkeit festzustellen, welches Material in den letzten vier Wochen verbraucht wurde? Also, Edelsteine, Edelmetalle und so weiter.«

»Aber ja. Auch das wird akribisch in der Buchhaltung aufgelistet. Und zusätzlich im Materialverzeichnis. Wir müssen doch wissen, wann wir etwas nachbestellen müssen.« Kurze Pause. »Wenn Sie mir Zugang zum Computer geben, kann ich das für Sie herausfinden.«

»Danke, das schaffen wir schon. Aber können Sie heute Nachmittag trotzdem zu uns aufs Revier kommen? 28 Meadow Place Road. Vielleicht können Sie uns anhand der Listen sagen, was für ein Schmuckstück Mrs Harrington für diesen Mr MacDonald angefertigt haben könnte. Das ist doch möglich?«

»Ja klar, denn solche Spezialaufträge kommen nicht so häufig vor. Und wir haben erst Anfang Januar fürs neue Jahr die große Inventur gemacht. Ich muss nur die Listen der damaligen Bestände mit den aktuellen vergleichen, dann kann ich Ihnen zumindest sagen, welches Material verbraucht wurde und daraus wahrscheinlich auch einen Schluss ziehen, um was für einen Schmuck es sich handelte.«

»Das wäre super. Passt Ihnen nachher um vier?« Samstag oder nicht, bei einem Mordfall gab es leider kein Wochenende.

»Ich werde da sein«, versprach Fiona Gall.

Morven beendete das Gespräch, rief nochmals Ally an und bat um die Zusammenstellung der Listen aus Gwyn Harringtons Computer. Anschließend betrachtete sie die für die fünf MacDonalds angefertigten Schmuckstücke, während Nathan Durie die Auftraggeber durchtelefonierte und unter dem Vorwand, »einen wichtigen Zeugen namens John MacDonald« zu suchen, deren Alibis überprüfte und auch fragte, ob sie Mitte Februar bei Harrington’s Fine Jewellery ein neues Schmuckstück bestellt hatten.

Die Antworten fielen vorhersehbar negativ aus. Selbst wenn einer von ihnen der geheimnisvolle Kunde und mutmaßliche Mörder wäre, würde er garantiert nicht zugeben, über den dokumentierten Auftrag hinaus bei Gwyn Harrington etwas bestellt zu haben. Außerdem: Falls wirklich einer dieser MacDonalds der Täter sein sollte, hätte er sich bestimmt nicht die Mühe gemacht, nur diesen einen Auftrag aus dem Computer zu löschen, sondern seine gesamte Akte, damit nach Möglichkeit keine einzige Spur zu ihm führte. Obwohl die angegebenen Alibis selbstverständlich noch überprüft wurden, war Morven sich sicher, dass keiner der fünf der Täter war.

Doch was hatte der Mörder für ein Motiv gehabt?

»Ich glaube«, sagte Durie in ihre Gedanken hinein, »dass das Schmuckstück der Knackpunkt sein könnte.« Er blickte Morven bedeutsam an, hob die Hand und zählte an den Fingern auf. »Erstens: Edelsteine allein, selbst wenn sie bereits fertig geschliffen sind, sind nicht so viel wert wie ein daraus angefertigtes Schmuckstück. Zweitens: Die Dinger zu stehlen wäre recht aufwendig, weil Edelsteine immer sehr gut gesichert sind. Eine Person allein kann das kaum bewerkstelligen, weil der Transport schwer bewacht wird. Selbst Einzelkuriere liefern meines Wissens nicht ohne Bodyguards aus. Drittens: Gerade Diamanten sind, sofern sie aus seriösen Quellen stammen, nummeriert und entsprechend registriert. Wenn sie gestohlen werden, kann man sie trotzdem ganz leicht identifizieren, was ihren Verkauf weniger lukrativ macht, weil die Käufer sozusagen eine Gefahrenzulage vom Kaufpreis abziehen.«

Morven nickte. »Worauf wollen Sie hinaus?«

»Nehmen wir viertens an, dass Mrs Harrington wie immer akribisch den Materialverbrauch, dessen Kosten und die Registriernummern der verwendeten Edelsteine dokumentiert hat.« Er deutete auf die Ausdrucke der MacDonald-Aufträge. »Und nehmen wir ferner an, der Mörder hat sie erst umgebracht, nachdem sie ihm eine Rechnung übergeben hat.« Er blickte Morven bedeutsam an. »Wenn er sie getötet hat, bevor er sie beglichen hat – wovon wir wohl getrost ausgehen können –, dann hat er dadurch den Nachweis, dass er der rechtmäßige Eigentümer des Schmuckstücks ist. Mit anderen Worten: Er kann es jederzeit ganz legal verkaufen. Nachdem er seine Spuren in Mrs Harringtons System getilgt hat, kann man ihn nicht mit dem Mord in Verbindung bringen. Er hat praktisch ein gestohlenes Schmuckstück, von dem niemand weiß oder nachweisen kann, dass er es gestohlen hat, und kann es für Tausende von Pfund verkaufen.«

Morven überdachte das. »Der Knackpunkt ist aber seine falsche Identität. Die hypothetische Rechnung lautet auf John MacDonald. Wenn das nicht sein richtiger Name sein sollte …«

»Aber was, wenn es sein richtiger Name ist? Wie die Hexe – ich meine Ms Brady schon gesagt hat: MacDonald ist der größte Clan des Landes und John wahrlich kein seltener Vorname. Es dürfte alles in allem landesweit mindestens hundert John MacDonalds geben. Wenn er klug ist, wohnt er nicht mal in Edinburgh, sondern ist für den Coup extra angereist.« Durie nickte. »Und schon haben wir ein Szenario, das einen perfekten Sinn ergibt.« Er zuckte mit den Schultern. »Möglicherweise gehört er zu einer Bande, die das gewerbsmäßig macht oder er brauchte einfach nur viel Geld.« Er seufzte. »Und Sie wissen ja: Ohne einen konkreten Anfangsverdacht haben wir keine Handhabe, eine Wohnung auf die Vermutung hin zu durchsuchen, dass bei einem der zig John MacDonalds eine Rechnung nebst Schmuckstück von Harrington’s Fine Jewellery zu finden sein könnte.«

Morven nickte. »Und wenn er klug ist, bewahrt er beides sowieso nicht zu Hause auf.« Sie schüttelte den Kopf. »Falls Ms Gall tatsächlich herausfinden kann, welches Material verbraucht wurde, kann sie vielleicht auch Rückschlüsse daraus ziehen, um was für ein Schmuckstück es sich handelt. Dann wissen wir wenigstens, wonach wir bei potenziellen Verdächtigen Ausschau halten müssen.«

Durie schnitt eine Grimasse. »Wenn wir denn überhaupt erst mal einen vernünftigen Verdächtigen hätten«, brachte er das Hauptproblem auf den Punkt. »Nachdem Mister Eifersucht leider nicht der Täter ist, fehlen uns bislang alle Anhaltspunkte, wo wir suchen müssen.«

Da hatte er Recht. Morven hoffte, dass die gegenwärtig laufende Haus-zu-Haus-Befragung in der Nachbarschaft der Harringtons und des Geschäfts eine neue Spur lieferte. Wenn nicht …

***

Morven las sich die Liste, die Fiona Gall zusammengestellt hatte, zum dritten Mal durch und fühlte sich enttäuscht. »Und Sie sind sich wirklich sicher, dass das alles ist?«, vergewisserte sie sich zum wiederholten Mal.

»Ja.« Fiona Gall nickte. In ihrer Stimme lag ein deutlicher genervter Unterton. »Es tut mir leid, aber das sind die einzigen Materialien, die in den letzten Monaten verbraucht wurden. Wie ich Ihnen hier aufgeschrieben habe, sind die wertvollen Steine davon ausnahmslos diesen Kundinnen und Kunden zuzuordnen.« Sie deutete auf eine Spalte des obersten Blattes. »Falls Mrs Harrington nicht vergessen hat, etwas zu notieren, was ihr meines Wissens noch nie passiert ist, dann kann sie für den Auftrag von Mr MacDonald nur Halbedelsteine verwendet haben.«

Und damit war die Theorie, dass der Mörder sich mit dem Verkauf des gestohlenen Schmuckstücks hatte bereichern wollen, vom Tisch.

»Wie viel wären diese Sachen denn wert?«, fragte Morven dennoch.

»Bei der Menge«, Fiona Gall wiegte den Kopf, »ein paar Hundert Pfund. Der Arbeitslohn kostet erheblich mehr als das ganze Material. Falls sie nicht doch noch an etwas anderem gearbeitet hat, dann hat Mrs Harrington seit der Auftragserteilung wochenlang fast den ganzen Tag an diesem einen Schmuckstück gearbeitet. Und sehen Sie hier«, sie deutete auf eine andere Spalte, »sie hat die Steine als Rohlinge oder Trommelsteine gekauft, musste sie also erst in die bestellte Form schleifen.«

»Was sind Trommelsteine?« Morven kam sich gänzlich unwissend vor, was sie hinsichtlich Edelsteinen tatsächlich war.

»Steine, die nicht per Hand geschliffen werden, sondern in einer Stahltrommel mit Schleifsand. Die Rotation der Trommel schleift die Steine dann glatt. So ähnlich wie Kieselsteine vom Wasser glatt geschliffen werden, nur in erheblich kürzerer Zeit. Weil Trommelsteine schon vorgeschliffen sind, spart das Zeit, weil man dann nur noch die bestellte Form herausschleifen muss und nicht einen ungeschliffenen Rohling komplett bearbeiten muss.«

»Was könnte man denn aus diesen Steinen machen?«, wollte Durie wissen.

Fiona Gall blickte nachdenklich auf die Liste. »Nahezu alles. Von der Menge her würde ich sagen, entweder eine aufwendige Halskette oder eine Kette mit einem dazu passenden Armband. Je nachdem, wie groß Mrs Harrington die einzelnen Steine geschliffen hat, können es auch zwei Ketten oder zwei Armbänder sein. Ein Diadem käme auch noch infrage, aber so was wird nur selten gekauft, weil es kaum noch jemand trägt. Außer in Adelskreisen, und die begnügen sich nicht mit halbedlem Schmuck. Obwohl Mrs Harrington den natürlich perfekt imitieren konnte. Sie ahnen nicht, wie oft sie Kopien von Prinzessin Dianas Verlobungsring anfertigen musste, die vom Original nicht zu unterscheiden waren.«

Die Bemerkung weckte Morvens Neugier. »Wie das?«

»Nun, diese Bergkristalle zum Beispiel kann man wie Brillanten schleifen, und dann sehen sie auch genauso aus. Was das Funkeln und die Lichtbrechung betrifft, die an Diamanten so faszinieren, so wird das nur durch den Schliff, die Facetten und ihre Anordnung zueinander erzeugt. Man kann sogar Glas so schleifen, dass es wie Brillanten aussieht oder in gefärbter Form wie Smaragde, Rubine und andere klare Steine. Granate und Rhodolite gehen als Rubine durch, und Fluorit oder Uwarowit mit Smaragdschliff sehen aus wie ein echter Smaragd, wenn die Farbe nicht zu hell ist. Und notfalls kann man mit Wärmebehandlung nachhelfen und einen Stein dadurch nach Wunsch einfärben. Nur die Farbe sollte mit denen der edlen Steine übereinstimmen, dann muss man die schon mit Spektralanalyse untersuchen, weil auf den ersten Blick der Unterschied nicht zu erkennen ist.« Sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht kann sich Mr MacDonald echten Schmuck von diesem vermutlichen Umfang nicht leisten und hat deshalb einen aus Halbedelsteinen anfertigen lassen.«

»Möglicherweise«, stimmte Morven zu, obwohl sie daran nicht glaubte. »Haben Sie vielen Dank für Ihre Mühe, Ms Gall. Sollten wir noch Fragen haben, melden wir uns.«

Sie begleitete Fiona Gall aus dem Gebäude und kehrte ins Büro zurück. Durie saß an seinem Tisch und studierte die Liste.

Er sah auf, als Morven eintrat. »Die Theorie mit dem Diebstahl zwecks Bereicherung und Mord zur Vertuschung können wir wohl vergessen«, stellte er bedauernd fest. »Aber die Möglichkeit, dass das Ganze nur der Vorbereitung zum Mord diente, vielleicht sogar Auftragsmord, erscheint mir immer wahrscheinlicher.«

Morven setzte sich, lehnte sich zurück und überdachte das. »Das scheint mir aber ein bisschen viel Aufwand, nur um einen Mord zu begehen. Dafür hätte der Täter sich kein Schmuckstück anfertigen lassen und die Spuren seiner Bestellung hinterher wieder löschen müssen. Er hätte einen Beratungstermin machen und den so spät legen können, dass Ms Gall schon weg ist, damit er freie Bahn hat. Oder Mrs Harrington abpassen, wenn sie auf dem Weg zu ihrem Wagen gewesen wäre, und hätte das Ganze als Überfall tarnen können.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir den Auftragsmord ausschließen können.«

»Hm.« Durie nickte. »Auch wieder wahr. Wo also stehen wir?«

»Ich glaube, das Schmuckstück ist der Angelpunkt und höchstwahrscheinlich auch das Motiv für den Mord.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe nur noch keine Ahnung, wie das zusammenhängen könnte. Jemand lässt sich unechten Schmuck anfertigen, der wohl ziemlich aufwendig, aber nicht übermäßig viel wert ist, und bringt hinterher die Juwelierin um …« Sie schüttelte erneut den Kopf. »Das ergibt keinen rechten Sinn.« Sie seufzte. »Und wenn die Kollegen nichts bei der Befragung von Mrs Harringtons Umfeld ausgraben, haben wir nichts.« Was sie zutiefst frustrierte. Der Fall hatte so eindeutig ausgesehen, dass Chief Super Intendant Lamont nicht mal für nötig gehalten hatte, ein größeres Team für die Ermittlungen zu bilden. Und nun standen sie vor dem Nichts.

Der Gedanke ging wohl auch Durie durch den Kopf. »Wer sagt es dem Chef?«

»Ich«, entschied Morven. Schließlich war sie die Ranghöhere und Durie erst seit Jahresbeginn im Revier. »Aber erst sehen wir uns noch mal im Geschäft um. Vielleicht gibt es dort irgendwo einen Hinweis auf den geheimnisvollen John MacDonald. Und wir fragen Mr Harrington, ob er den Namen kennt.«

»Was seiner Eifersucht neue Nahrung geben dürfte«, bemerkte Durie süffisant.

»Vermutlich.« Sie blickte ihn nachdenklich an. »Warum reagieren Sie eigentlich auf eifersüchtige Männer so allergisch?«

»Weil ich mal mit so einem Exemplar liiert war, und er hat mir dadurch das Leben zur Hölle gemacht.« Er schnitt eine Grimasse. »Wahrscheinlich habe ich das immer noch nicht vollständig überwunden, und deshalb packt mich jedes Mal die Wut, wenn ich so einem Typen begegne. Ich reagiere übrigens auch ›allergisch‹ auf eifersüchtige Frauen.« Er schüttelte den Kopf. »Eifersucht ist, wie ich Harrington schon indirekt an den Kopf geworfen habe, einfach nur krank.« Er winkte ab. »Fragen Sie bei Harrington nach, und ich sehe mal, was die Tatortermittlung ergeben hat?«

Morven nickte und griff zum Telefon.

Doch beide Nachfragen ergaben nichts. Ken Harrington kannte keinen John MacDonald, und seine Frau hatte mit ihm grundsätzlich nicht über ihre Kunden gesprochen, allenfalls mal über die von ihr angefertigten Schmuckstücke. Nein, über den für Mr MacDonald anzufertigenden Schmuck hatte sie kein Wort verloren, nur erwähnt, dass sie seit ungefähr Mitte Februar einen größeren Auftrag bearbeitete.

Die Kriminaltechnik hatte zwar eine Menge Spuren gefunden, auch an der Kleidung der Toten, aber bisher keine, die einen Rückschluss auf den Täter zuließ. Die vielversprechendste Spur war ein kurzes, dunkles Haar, dessen DNA aber erst aufwendig geklont werden musste, bis eine Sequenzierung möglich war. Doch ob das dann zum Täter führte, war fraglich. Ganz abgesehen davon, dass das Haar schon vor längerer Zeit auf den Pullover gekommen sein konnte, zum Beispiel als Gwyn Harrington einer Kundin beim Anlegen einer Halskette geholfen hatte, bedeutete das DNA-Profil ohne eine Vergleichsprobe nichts. Und ohne einen Verdächtigen, von dem man eine DNA-Probe nehmen konnte und durfte, nützte das sowieso nichts.

Auch Ally hatte nichts Neues zu melden. Morven und Durie fuhren zum Geschäft und suchten in den Schränken, Schubladen und im Lager. Aber auch dort fand sich nichts, was einen Hinweis auf John MacDonald oder das Schmuckstück gegeben hätte, das Mrs Harrington für ihn angefertigt hatte.

Bevor Morven nach Hause fuhr, um das versprochene Abendessen für sich und Ally zuzubereiten, ging sie noch zu Superintendant Lamont, um ihm den Fehlschlag zu melden, damit sie das Unangenehmste hinter sich hatte. Lamont hörte sich ihren Bericht an und versprach, mehr Leute auf den Fall anzusetzen. Obwohl er kein Wort des Tadels äußerte, fühlte Morven sich dennoch als Versagerin. Vor allem, weil sie sich ohne konkreten Anhaltspunkt hilflos fühlte. Doch ein solcher war nirgends in Sicht.

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311 стр. 2 иллюстрации
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9783948483500
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