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Manuela Tietsch

Die Artuslinde

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Die Krönungslinde, Artus Zeit

2 Die wunderbare Lichtung, Sommer 2003

3 Auf Burg Sommerstein, 2003

4 Das Erwachen

5 Auf Burg Sommerstein, 2003

6 Ritter Talivan

7 Das Messer

8 Die Jagd

9 In der Höhle des Löwen

10 Heiß und Kalt

11 Feinde, Fragen und ein Wörterbuch

12 Nähe

13 Auf Burg Sommerstein, 2003

14 Zu Artus Zeiten, auf Talivans Burg

15 Die Reise nach Camelot

16 Camelot

17 Die Entführung

18 Die Befreiung

19 Merlins Garten

20 Auf Burg Sommerstein, 2003

21 Hochzeit

22 Kampf

23 Die Truhe

24 Auf Burg Sommerstein, 2003

25 Rache

26 Das zweite Erwachen

27 Helenes Wohnung, Weihnachten 2004

28 Auf Burg Sommerstein, 2004

29 Helenes Wohnung

30 Das Ende - Der Beginn

Ein paar Worte zum Buch

Über mich:

Bisher sind folgende Romane als E-Bücher und oder als Taschenbücher erschienen:

Impressum neobooks

1 Die Krönungslinde, Artus Zeit

„Die Linde ist tatsächlich gewachsen! Solltest du noch ruhmreicher geworden sein, Artus?“

Artus lächelte über Merlins Worte und schaute seinen Freund und Berater an. Merlin mußte über hundert Jahre sein, Artus wußte es nicht genau; er sah jedoch aus wie ein Mann in den Fünfzigern. Nur sein langer, schlohweißer Bart und der weise Ausdruck in seinen Augen ließ den Betrachter erahnen, wie lange Merlin wirklich auf dieser Erde weilte. Es war viel Wasser den Fluß hinuntergeflossen, seit sie gemeinsam die Linde besucht hatten.

Der Anblick, der inzwischen an die fünfzehn mannslängen hohen Linde, ließ Artus´ Gedanken zurückwandern, bis zu dem Tag, an dem er zum König geweiht wurde. Damals war die Linde kaum größer als er gewesen. Er lächelte, sollte Merlin Recht haben? War sein Ruhm weiter gewachsen? Er trat einen Schritt in den Steinkreis. Seit dem Krönungstag war viel geschehen in seinem Leben. Nun stand er als reifer Mann hier, nicht mehr als sechszehnjähriger Knabe.

Die Krönungsweihe fiel ihm wieder ein. Er sah die zwölf Druiden um die winzige Linde stehen, als wäre die Weihung erst gestern gewesen. Merlin trug damals den Baum und rief Artus zu sich in den Druidenkreis. Unsicher hatte er außerhalb des Kreises auf sein Zeichen gewartet. Seine Hände waren schweißnass gewesen, und die Angst vor dem Königsamt und der Verantwortung hatten ihm die Kehle zugeschnürt. Merlin hatte ihn nur väterlich angesehen und gesagt, daß alles Sträuben das Unausweichliche nur hinausschieben würde; er sei der Auserwählte. Er hatte Merlins Blick standgehalten; sich seinem Schicksal ergeben, um den Kampf gegen das Übel in seinem Reich aufzunehmen.

Er hörte noch immer den kraftvollen, mit Magie behaftetenen Gesang der Druiden, fühlte noch, wie die Erde unter seinen Händen nachgab, als er die Linde zärtlich hineinpflanzte. Kaum hatte er damals die Lindenwurzel mit Erde bedeckt, begann diese zu wachsen. Sie wuchs und wuchs, und alle Pflanzen der Lichtung mit ihr. Und noch immer jagten ihm die Gedanken daran Schauer über den Rücken. Merlin hatte ihm erklärt, daß die Linde mit seinem, dem Ruhm des König Artus, wachsen würde.

Schon am Tag der Krönung erreichte sie eine Höhe, welche dreimal seine eigene Körpergröße überragte. Wörtlich erinnerte er sich an Merlins Weihespruch: „Mit deinen Taten, mit deinem Ruhm und deiner geistigen Größe, wächst auch diese Linde. Sie wird fortbestehen, solange du in den Herzen der Menschen lebst, und weit über deinen Tod hinaus. Allerdings wird sie, in den kommenden Jahrhunderten, für das menschliche Auge nur selten zu sehen sein; Wer nicht von ihr weiß, wird sie nie bemerken; es sei denn die Linde lädt ihn ein, oder du selbst. Diese Lichtung ist dein ureigener Kraftort.“

Danach ließen ihn die Druiden und Merlin allein mit der Linde. Und erst nach diesen drei Tagen und Nächten war er der König. Ein geachteter König, mit großer Macht und einem riesigen, friedliebenden Reich.

Artus fielen seine Ritter ein, die Ritter seiner Tafelrunde, an der nur die Besten saßen. Vor seinem inneren Auge tauchte das Gesicht Talivans auf, der einer seiner treuesten und bescheidensten Ritter war und der ihm auch dieses Mal wieder herzliche Gastfreundschaft entgegenbrachte, da sie bei ihm Zwischenrast hielten. Er wandte sich Merlin zu, dessen Blick wissend auf ihm ruhte.

„Findest du nicht, daß Talivan immer ernster und in sich gekehrter wirkt?“

Merlin wog nachdenklich den Kopf hin und her. „Sein Äußeres macht ihm mehr zu schaffen, als er es sich selber zugesteht, geschweige einem anderen!“

„Ich habe bemerkt, daß die Dame Brighid ihm schöne Augen macht!“

Merlin schüttelte den Kopf, schloß die Augenlider, wie um dahinter verborgene Geheimnisse zu enthüllen. Als sähe er dort Dinge, welche er mit offenen Augen nie wahrnehmen könnte. Als sich seine Lider wieder öffneten, lag ein Leuchten in seinem Blick. „Talivan braucht eine Frau, die seine seelischen Narben zu heilen versteht, und die seine körperlichen annimmt!“ Er nickte, wie um sich selber zu bestätigen. „Es gibt sie, Artus. Sie werden sich in einer anderen Welt begegnen.“

„Er braucht sie jetzt!“ warf Artus ein.

Merlin konnte nicht anders, er schmunzelte. Da stand dieser mächtige König Artus vor ihm, ein Mann, dem Tausende trauten, als ihren Obersten anerkannten, und gebärdete sich wie ein trotziger kleiner Junge. Seine hellbraunen Augen sprühten Funken, und seine blonden Locken flogen wild um seinen Kopf. Wären nicht die beeindruckende Größe und die breiten Schultern, so könnte Merlin leicht den Knaben wiederfinden, den er einst großzog.

„Du bist ein Heißsporn, Artus... doch du magst recht haben, Talivan wünscht sich eine Frau.“ Merlins Lächeln wurde breiter. „Weshalb versuchst du nicht, deine Schwägerin mit ihm zusammen zu bringen?“

Artus Blick schnellte zu Merlin, gerade sah er noch dessen breites Grinsen. „Bronwynn? Das ist nicht dein Ernst!“ Artus erwägte den Gedanken. „Aber..., die Vorstellung gefällt mir sogar. Talivan gehört zu meinen ehrlichsten Rittern; ich könnte einen schlechteren Schwager bekommen.“ Er überlegte. „Bronwynn wünscht sich Kinder; und Talivan wird nie in diesem Leben Vater eigener Kinder sein!“ Artus Blick wanderte nach oben, in die Lindenkrone. „Ich wünschte, die Frau, von der du sprachst wäre hier.“ Er schaute Merlin spitzbübisch an. „Könntest du nicht...?“

„Oh nein, Artus! Du weißt, daß ich niemals in das Weltgeschehen eingreife. Jedenfalls nicht, wie du dir das gerade vorstellst. Es gibt einen Eid, wie du weißt!“ Merlin ärgerte sich, wie konnte der Junge solche Fragen stellen!

Artus, offen für Merlins Empfindungen, spürte dessen Unmut. „Entschuldige. Es wäre jedoch nur gerecht, wenn es eine Möglichkeit gäbe.“ Er berührte zärtlich die Rinde des Baumes.

Merlins Blick entspannte sich. Er konnte Artus nicht ernsthaft böse sein. Wenn er ehrlich mit sich war, dann erfüllte er seinen Wunsch nur zu gerne, denn auch er mochte Talivan, und er wußte um Artus Schuldgefühle.

„Laß uns gehen, Artus. Wenn auch Talivan, als einer der wenigen, um die Zeitlosigkeit dieses Ortes weiß, so könnte er uns doch vermissen.“

Die Lindenblätter rauschten leise, als bewege sie ein Wind. Artus und Merlin schauten in die Krone.

„Seltsam! Wo kommt der Wind her?“ Artus blinzelte.

Zwei rotgoldene Blätter fielen tanzend hinunter, auf seine ausgestreckte Hand. Versonnen betrachtete er sie.

2 Die wunderbare Lichtung, Sommer 2003

Was nun? Unschlüssig stieg ich vom Rad. Der Weg gabelte sich an dieser Stelle. Welchen sollte ich nehmen? Den rechten oder den linken? Ich atmete ein paar mal tief durch und genoß die würzige Waldluft. Mit einem Griff vergewisserte ich mich, ob die Decke, und mein Rucksack auf dem Gepäckträger hielten. Ich blickte erneut die beiden Wege entlang. Der rechte lud ein, denn ein Schild kündigte einen See an. Trotzdem entschied ich mich für den linken. Möglicherweise lag es an den Sonnenstrahlen, die gebündelt durch das dichte Blattwerk der Buchen fielen und am Ende den Weg erleuchteten.

In diesem ungewöhnlich großen, unbesiedelten Waldgebiet fand ich sicherlich was ich suchte, Ruhe und Zufriedenheit, Abstand vom betriebsamen Alltag und dem Lärm der Stadt. Manchmal glaubte ich selbst in der Kleinstadt noch fehl am Platz zu sein, da mir die Natur viel näher war. Ich stieg wieder auf mein Rad und fuhr los. Wie um meine Gedanken zu strafen flog in diesem Augenblick ein Düsenflieger über mich hinweg. Ich zuckte zusammen, doch zum Ohren zuhalten kam ich nicht mehr. Er flog so tief, daß er beinahe die Baumkronen berührte. Ich blickte ihm böse hinterher.

Während der Fahrt, unter den hohen Buchen, genoß ich den kühlen Schatten, den sie spendeten. Buchen schafften Klarheit, wo gedankliches Durcheinander herrschte. Ein bißchen besserte sich meine Laune tatsächlich. Ich dachte nicht mehr ständig an diesen dummen Verleger, der meine Bilder und Geschichten nicht mehr wollte und mir grundlos gekündigt hatte. Eine bodenlose Frechheit. Mir wurde flau im Magen als ich an seine plumpen Versuche dachte, mich in sein Bett zu bekommen, indem er mir eine Vertragsverlängerung anbot. Von wegen. Und dabei waren meine Comics gut. Klar nicht jedem lag das Mittelalter, doch brachten die Bildergeschichten den heutigen Menschen die alte Zeit näher, und waren gleichzeitig unterhaltend. Mir gefielen sie jedenfalls und meinen Lesern auch.

Der Buchentunnel kam mir gerade recht, da selbst der Fahrtwind, der mir lauwarm durch mein rotes Baumwollkleid strich, keine Kühlung brachte. Schon seit Wochen hielt das warme Wetter an. Warm? Ach was, das beschrieb nicht annähernd die Wahrheit, es war brütend heiß. Nach einigen hundert Metern Fahrt endete der Buchentunnel unvermutet. Ich spürte, wie die Sonnenstrahlen an Kraft gewannen; denn als ich den Schattenkreis der Bäume verließ, wärmten sie mich wieder.

Nach etwa einem Kilometer Fahrt sah ich plötzlich linker Hand einen Hohlweg liegen. Beinahe wäre ich daran vorbeigefahren, ohne ihn zu bemerken. Ich stoppte meine Fahrt, stieg ab und schob mein Rad das kleine Stück zurück.

Ohne ersichtlichen Grund atmete ich mit einem Mal flach. Ich meinte, eine Stimme zu hören die meinen Namen rief und fühlte mich unweigerlich von diesem Pfad angezogen.

Er führte bergab, begrenzt von großen Eichen und dichtem Gebüsch. Ein seltsames Licht schimmerte innerhalb des Weges. Die Sonne versuchte ohne Erfolg, ihre Strahlen durch das dichte Geäst der Büsche und Bäume hindurchzuzwängen, trotzdem leuchtete der Pfad in einem weißlichen Licht. Er lockte mich, den ersten Schritt zu wagen. Trotz meiner seltsamen Empfindungen, und obwohl sich etwas in meinem inneren sträubte, stellte ich mein Rad an einer kleinen Birke außerhalb des Hohlweges ab, nahm meinen Rucksack und die Decke und wagte diesen ersten Schritt. Er war leicht, auch der nächste und übernächste. Was erwartete ich auch? Daß mich eine Raubkatze ansprang? Ich folgte, grundlos außer Atem, den Windungen des Pfades, bis mich eine wild gewachsene Buschhecke am Weitergehen hinderte. Sollte dieser wundervolle Weg eine Sackgasse sein? Mit den Augen suchte ich in dem knorpelig gewachsenen Gebüsch eine Öffnung und entdeckte tatsächlich eine Lücke. Gerade so groß, daß ich hineinpassen würde. Ohne weiter über das seltsame Gefühl in meiner Magengegend nachzudenken, zwängte ich mich hindurch und richtete mich schwer atmend auf der anderen Seite wieder auf, um im selben Augenblick die Luft anzuhalten.

Ich glaubte zu träumen, denn ich stand auf einer von Laub- und Nadelbäumen und der dichten Hecke umsäumten Lichtung. Jegliche Sicht nach außen war verwehrt. Ich konnte mich nicht erinnern, schon einmal Wundervolleres als diese Lichtung gesehen zu haben. Auf der Wiese wuchsen wilde Blumen, leuchteten bunt aus den vielfältigen Grüntönen der Gräser. Schmetterlinge, Bienen, Hummeln und vielerlei Kerbtiere und Käfer tummelten sich darauf.

In der Mitte der Lichtung lag ein Steinkreis, wie gewollt niedergelegt, bestehend aus zwölf Steinen ungleicher Gestalt und Farbe. Und in der Mitte des Steinkreises stand eine Linde: riesig, uralt und überirdisch schön.

In den Bäumen rund um die Lichtung zwitscherten die Vögel, und hoch über mir, über der Linde, sang eine Lerche ihr schwermütiges Loblied. Seltsam, in der Linde selber konnte ich keinen einzigen Vogel entdecken. Ich fühlte mich überwältigt. Bezaubert. Alles wirkte vollkommen, und doch unwirklich. Als wäre die Lichtung nicht von dieser Welt. Fehlte nur, daß ich eine Elfe auf einer der Blumen sitzen sah, oder einen Zwerg um einen der Bäume blickend. Verzaubert ging ich weiter und stellte mich unter die Linde. Mir wurde unheimlich zumute. Ich glaubte, diese starke Kraft des Baumes kaum ertragen zu können. Überwältigt von dem Gefühl, schluckte ich schwer. Es gab keinen Zweifel, ich befand mich an einem heiligen Ort, einer Kraftquelle. Einer Verbindung zwischen Himmel und Erde.

Offensichtlich war ich seit langem der einzige Besucher, denn menschliche Spuren sah ich nirgends. Das erschien mir allerdings mehr als seltsam. Wie konnte solch eine Lichtung keine Beachtung finden? An diesem Ort gab es heilige Kraft. Ich legte meine Sachen nachdenklich auf den Boden, trat dicht an die Linde und wagte es, den Baum zu umarmen. Ich spürte die raue Rinde an meiner Wange, während ein leiser Wind durch die Blätter rauschte.

Mir war, als hörte ich ein Lied, und es klang verrückt, als käme in diesem Lied mein Name vor. Gefühle von Freundschaft, Liebe und Verbundenheit mit der Erde, dem All, überwältigten mich so heftig, daß mir die Tränen kamen. Ich glaubte, die Lebensader des Baumes zu fühlen. Eine Kraftwelle erfaßte mich, trug meinen Geist in schwindelnde Höhen, hinauf in die Lindenkrone. Einer Ohnmacht nahe, schloß ich die Augen, drückte mich fester an den Stamm, um nicht zu stürzen. In meinem Kopf wirbelten Lichter und Farben durcheinander. Ich hatte das Gefühl, mein Blut kochte über, derweil das Lied immer mehr drängte. Erschrocken schaffte ich es, einige Schritte vom Baum wegzutreten. Diese ungeheure Kraft war zu stark für mich. Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder gesammelt hatte.

Um mich abzulenken, schaute ich mich erneut auf der Lichtung um. Erst jetzt entdeckte ich, daß diese von weiteren Tieren bevölkert wurde, als wären sie aus dem Nichts aufgetaucht. Kaninchen saßen im Gras, blickten kauend zu mir herüber und in einiger Entfernung lag ein zusammengerolltes Rehkitz, dicht bei ihm döste die Mutter in der Sonne. Eichhörnchen kletterten ohne Scheu in den Ästen der Hecke umher, und Haselmäuse tummelten sich zwischen den Gräsern. Zwei spielende Füchse versetzten mich in maßloses Erstaunen. Sie tollten umher, doch nicht eines der anderen Tiere schien über ihre Anwesenheit im Geringsten beunruhigt. Die Füchse ihrerseits kümmerten sich nicht um sie. Herrschten hier andere Gesetze? Wo waren die Tiere zuvor gewesen? Wie hatte ich sie übersehen können? Zumal keines Angst vor mir zeigte. Ich bückte mich vorsichtig und streichelte zaghaft, mit einem Finger eine Maus, ehe diese geschäftig und ohne Angst, davoneilte. Ich konnte es nicht fassen.

Noch immer stand ich unter der riesigen Linde und schaute verwirrt, als Winzling diesem Riesen in die Krone. Kopfschüttelnd breitete ich meine Decke aus und ließ mich darauf nieder, denn ich fühlte mich seltsam, dabei angenehm müde. Ich holte meine Wegzehrung, den Zeichenblock und die Bleistifte aus dem Rucksack. Die Äpfel lachten mich an, ich entschied mich jedoch, zuerst auf Papier zu bringen, was ich sah. Als ich das Deckblatt meines Blockes öffnete, stieg der Ärger wieder in mir auf. Bloß weil ich nun keine Arbeit mehr hatte, konnte ich die Verwirklichung meines Traumes vergessen. Trotzdem konnte ich den Gedanken, mir die Truhe bauen zu lassen, die ich einem inneren Bild zur Folge aufgezeichnet hatte, nicht ohne weiteres abschieben. Ursprünglich wollte ich ja einen Schauplatz für meine neue Geschichte zeichnen, da sah ich die Truhe vor meinem geistigen Auge stehen. Keltische Laufmuster zierten sie, und selbstredend hatte sie ein Geheimfach. Der Wunsch, sie in meiner kleinen Wohnung stehen zu haben, war übermächtig. Ich sollte schnellstens wieder einen Verlag finden, der sich für mittelalterliche Comics begeisterte und ich mußte gleich morgen bei der Burgschreinerei anrufen, denn meine Rohzeichnungen mit der Bestellung würden sicherlich inzwischen dort angekommen sein. Diese Angelegenheit hatte zu warten, dafür hatte ich im Augenblick wirklich kein Geld übrig.

Entschlossen, meinen Grübeleien ein Ende zu setzen, blätterte ich weiter bis zum nächsten leeren Blatt. Wenn es mir gelang, dieses unglaubliche Bild mit der Linde auf der Lichtung einzufangen, konnte ich die Zeichnungen gegebenenfalls ausstellen und fand sogar einen Käufer. Meine Hand flog nur so über das Papier. Es war unheimlich, als führte sie ein anderer, so schnell ging es.

Nachdem ich die letzte Zeichnung beendet hatte, verstaute ich den Zeichenblock und die Stifte wieder in meinem Rucksack. Nun konnte ich in Ruhe essen. Genüßlich biß ich in eine Scheibe Brot, während ich einen gold schimmernden Käfer beobachtete, der sich auf meine Decke verlaufen hatte. Auf der anderen Seite lief eine Kreuzspinne, die im Eilschritt versuchte, von den fusseligen Fasern der Decke herunterzuflüchten. Der Wind rauschte sacht in den Lindenblättern über mir. Mir wurden die Lider schwer.

Die Naturgeräusche, das Brummen und Surren der Käfer und Bienen, der Vogelgesang, die Lerche hoch oben, das Rauschen des lauwarmen Windes in den Blättern, das Zirpen der Grillen und die heißen Sonnenstrahlen ließen mich zufrieden und schläfrig, die Augenlider schließen. Ich fühlte ein Lächeln auf meinen Lippen, als ich mich auf den Rücken legte. Während ich die Arme unter meinem Nacken kreuzte, spürte ich wie sich mein Haarknoten löste und die Haare sich fließend auf der Decke ausrollten. Ich öffnete die Augenlider wieder und schaute in den Lindenbaum. Es fiel mir jedoch immer schwerer sie geöffnet zu halten, obwohl in meinem Kopf die Gedanken tobten.

Das mittelalterliche Lied Unter den Linden von Walter von der Vogelweide, kam mir in den Sinn. Leise summte ich es vor mich hin und verdrängte dadurch, für einen Augenblick, das seltsam lockende Summen der Lichtung und der Linde. Doch immer mehr driftete mein Geist ins Land der Träume ab, es war so unendlich schwer, sich zu sammeln. Die Geräusche verschwammen immer mehr, wurden leiser. Das Lied, das mich rief, wurde stärker, drängender. Ab und zu blinzelte die Sonne durch eine Lücke der Lindenblätter und der Sommer erfüllte die Luft. Das Sonnenlicht drang durch meine geschlossenen Augenlider. Ich hörte erneut meinen Namen, leise und eindringlich, keinen Widerspruch duldend. Dann ließ ich mich fallen. Ich hörte auf, dagegen anzukämpfen. Ich folgte dem Ruf und schlief ein.

Augenblicklich träumte ich: Mein Geist wanderte zur Linde, durch den Stamm hindurch arbeitete ich mich bis zum Kern des Lindenbaumes vor. Ich sah die Jahre des Baumes an mir vorbeiziehen, als blickte ich entgegen der Fahrtrichtung aus einem Zugabteil. Am Ende befand ich mich mitten in der Linde und verschmolz mit der Seele des Baumes. Ich konnte wie die Linde fühlen. Empfand Liebe zu allen Wesen. Ich wußte, die Linde hatte mich gerufen, wußte für Augenblicke alles, ...ehe die Ewigkeit mich umfing.

3 Auf Burg Sommerstein, 2003

Die Nacht war pechschwarz. Das Herz pochte wild in seiner Brust, er hörte jeden Schlag laut in seinen Ohren dröhnen. Als er die Augen öffnete, brauchte er erst eine Weile um sich zurechtzufinden. Beim zweiten Anlauf fand er den Schalter der Lampe. Der Raum wurde augenblicklich in ein angenehmes mildes Licht getaucht. Liam atmete laut aus. Er war klatschnaß geschwitzt. Diese Träume hatten es in sich. Sein Blick wanderte zu der alten keltischen Truhe, die neben seinem Bett an der Wand stand. Er schnitt ihr eine Grimasse. Hatte sein Bruder Brian recht? War sie am Ende tatsächlich Schuld an seinen eigenartigen Träumen und Erscheinungen? Er erinnerte sich überdeutlich an den Augenblick, als ihm das Fuhrunternehmen die Truhe vor die Tür stellte. Einen Absender gab es nicht, und der Empfänger war eindeutig er. Seine Familie und er standen vor einem Rätsel. Drei Tage nach dem Eintreffen der verschlossenen Truhe, kam dieser Brief aus England. Er enthielt den Schlüssel für die Truhe und lediglich einen schlecht lesbaren Satz auf einem kleinen, sehr alten Pergament:

„Da es nun an der Zeit ist, sende ich Dir Deine Truhe samt Inhalt! Ich wünsche Euch alles Glück, in tiefer Verbundenheit Euer ...“

Wer auch immer, Euer... war, und wen auch immer er mit Euer meinte, niemand konnte die Zeichen lesen, mit denen der Schrieb unterzeichnet war. Eine genauere Erklärung fehlte. Niemand hatte je von ihm gehört. Vermutlich hatte dieser Mensch sich doch getäuscht, und die Truhe war für einen anderen bestimmt? Sie waren alle verwundert, noch dazu, weil er der Empfänger war und nicht sein Vater oder Großvater, was die gerechte Erbfolge gewesen wäre, sofern es sich um einen Verwandten aus Schottland handelte.

Nachdem er mit zittrigen Fingern die Truhe geöffnet hatte, starrten sie alle in die gähnende Leere, die sie enthielt. Von dem angekündigten Inhalt fehlte jede Spur. Hatte er oder sie vergessen ihn hineinzulegen?

Versonnen hatte er auf das innere Holz des Deckels geblickt, plötzlich sah er darin das Gesicht einer Frau. Entsetzt war er einen Schritt zurückgesprungen. Sogar seine Nackenhaare hatten sich gesträubt, trotzdem konnte er die Augen nicht abwenden. Sogar jetzt lief ihm ein Schauer über den Rücken. Ja, er bekam erneut eine Gänsehaut, wenn er an das Gesicht dachte, daß ihn wie aus einem Spiegel entgegenblickte. Er war jedoch der Einzige, der sie gesehen hatte.

Von diesem Tag an häuften sich die Erscheinungen und die Träume. Alles glich sich. Immer schien die Frau verwirrt, auf der Suche. Sie flehte ihn ohne Worte um Hilfe an. Abgesehen davon, daß ihn das Gefühl, ihr nicht helfen zu können, berührte, ging ihm der Zauber auf die Nerven. Er brauchte seinen Schlaf, gerade jetzt.

Manchmal fragte er sich, wie sie hatten so dumm sein können, aus Schottland fortzuziehen und eine Burg in Deutschland zu kaufen? Nur, um darin mittelalterliche Märkte und Turniere zu veranstalten?! Klar, es war die Gelegenheit gewesen, trotz Schuldenberg. Und ein Zurück gab es vorerst nicht. Morgen würden sie mit ihrem ersten Fest und Turnier ins kalte Wasser springen müssen. Es stand in den Sternen, ob es so gut ankäme, wie sie es sich erhofften. Womöglich waren die Menschen schon übersättigt vom Mittelalterkram! Nun, wenn es so war, mußten sie die Schulden eben mit ihrer eigentlichen Arbeit begleichen, auch wenn das bedeutete, daß er sein Leben lang schreinern mußte. Es lag wohl an den Vorfahren, die ihre Bedürfnisse durch sie stillten. Weshalb sein Vater allerdings von Schottland ausgerechnet hierhergezogen war, würde ihm Zeit seines Lebens ein Rätsel bleiben.

Müde stand er auf. Ein Blick auf die Uhr, meinte er, berechtigte ihn zu gähnen, denn es war erst vier. Er warf sich seinen Morgenmantel über, während sein Blick schon wieder zur Truhe wanderte. Er kniete sich neben sie. Als Schreiner sollte es ihm doch möglich sein ihr Geheimnis zu ergründen? Seine Hände strichen sachte über die geschnitzten Muster. Sie fühlten sich seltsam vertraut an. Er schüttelte den Kopf und erhob sich. An Schlaf war nicht mehr zu denken, also zog er sich an. Nach einem letzten Blick auf die keltischen Laufmuster der Truhe verließ er sein Zimmer, um zur burgeigenen Bücherei zu gehen.

Zum Frühstück erschien er mürrisch und unausgeschlafen. Ein weiterer Schock suchte ihn heim, als er seine Post öffnete. Es handelte sich um die Bestellung einer Truhe von einem gewissen H. Linden, mit Rohzeichnung anbei, und es war genau die Truhe, die in seinem Zimmer stand. Unmöglich! Hier wollte ihn doch jemand auf den Arm nehmen?

Brian blickte seinen kreideweißen Bruder an. Er merkte, daß etwas nicht stimmte, ging zu ihm und legte ihm die Hand tröstend auf die Schulter. Liam starrte ihn erschrocken an, als käme er gerade aus anderen Welten zurück. In Brians Brust stritten die Gefühle. Er liebte seinen Bruder, oft hatte er jedoch den vernunftwidrigen Wunsch, ihn bei den Schultern zu packen und kräftig zu schütteln. Er fühlte sich für alle Mißgeschicke seines Bruders verantwortlich, und gab ihm andererseits für alles die Schuld. Dafür plagten ihn dann ständig Schuldgefühle, wofür er wiederum Liam verantwortlich machte. Obwohl er mit ihm fühlte, kamen seine Worte beißend über die Lippen, er konnte nichts dagegen tun.

„Wieder dein Gespenst?“

Liam blickte ihn ernst an. In seinen Augen erkannte Brian die unterdrückte Trauer darüber, daß er sich auf seine Kosten belustigte.

Warum nur mußte er immer sticheln? fragte sich Brian.

Liam zeigte den anderen den Schreinerauftrag, den sie erhalten hatten.

Er glaubte nicht einen Augenblick daran, daß dieser Linden die Truhe einer inneren Eingebung zur Folge entworfen und gezeichnet hatte. Doch woher wußte er von der Truhe?

4 Das Erwachen

Etwas stimmte nicht, dessen war ich mir bewußt noch bevor ich meine Lider öffnete. Ich zitterte am ganzen Körper. Als ich die Augen aufschlug, suchte ich sofort einen Anhaltspunkt in der Lindenkrone, doch mein Blick irrte wild suchend umher. Die Linde war nicht mehr da! Jedenfalls nicht in der gleichen Art wie zuvor. Die Linde, unter der ich jetzt lag, war ein höchstens dreißig, möglicherweise vierzigjähriger Baum. Ein unangenehmer, kalter Wind, der einen eisigen Regen vor sich herpeitschte, riss an seinen Ästen und an mir. Mit einem Ruck sprang ich auf die Beine. Ich fror so erbärmlich, und der Wind drückte mir das nasse Kleid an den Körper. Entsetzt stellte ich fest, daß ich zwar auf einer Lichtung stand, außer den angeordneten Steinen jedoch nichts der anderen Lichtung glich. Oder handelte es sich womöglich doch um dieselbe? Nur viel jünger! Die Hecke und die Steine glichen den anderen. Gleiche Anzahl, gleiche Farben und Gestalt der Steine.

Aber wo waren die Tiere? Ein leises Kribbeln wanderte meine Wirbelsäule hinunter. Ich näherte mich ungewollt einer übermächtigen Angst. Abgesehen von diesen erschreckenden Erkenntnissen, drang allmählich in mein Bewußtsein, daß der Hochsommer von einem kalten, regnerisch ungemütlichen Herbsttag abgelöst worden war. Die Blätter der Bäume leuchteten rot, gelb und braun, während sie von dem eisigen, starken Wind gebeutelt, wild tanzend auf die Erde nieder fielen.

Schlotternd flocht ich meine schweren, nassen Haare zu einem Zopf, zu dumm daß ich kein Gummi zum zusammenbinden mit hatte. Das konnte doch nur ein Alptraum sein, ein äußerst wirklichkeitsnaher allerdings, räumte ich mir ein. Ohne weiter auf meine klappernden Zähne zu achten und auf die Kälte, die mir durch Mark und Bein drang, dachte ich nach. Mit Vernunft mußte ich dem Spuk doch auf den Grund kommen und ihm ein Ende bereiten können. In der Hoffnung, mich damit wärmen zu können, hob ich meine Decke auf, doch meine Erwartung wurde jäh zerstört, denn sie hing bleischwer und naß in meiner Hand. Ich ließ sie fallen. Das war doch lächerlich! Ärgerlich nur, daß mir nicht nach Lachen zumute war. Ich nahm meinen Rucksack und schaute hinein. Er hatte Gott sei Dank dicht gehalten. Zufällig berührten meine Finger den Zeichenblock. Was fand ich wohl, wenn ich hineinsah? Vorsichtig, damit der Regen nicht auf die Papierblätter fiel, öffnete ich den Block und schaute nach. Ich hatte mich nicht getäuscht: Die Zeichnungen der Lichtung, der Tiere, das Selbstbildnis und die Zeichnungen der Truhe waren noch da. Ich lachte wider Willen.

„Ich habe doch nicht ein halbes Jahr verschlafen?“ Ich schnitt mir selber eine Grimasse. Was war denn jetzt Traum, was Wirklichkeit?

„Verdammt, wo ist denn hier die Vernunft?“

Im meinem Hinterkopf sang Herbert Grönemeyer, mich auslachend: „Was soll das?“

Ich mußte unbedingt zu meinem Rad, um ins Dorf zu fahren und andere Menschen zu sehen, sonst drehte ich durch. Gedankenversunken legte ich meine Decke zusammen, befestigte sie an meinem Rucksack und hängte ihn mir um. Ich versuchte mich zu sammeln, doch das Gefühl, neben mir zu stehen, ließ sich nicht vertreiben. Und wenn es doch bloß nicht so kalt wäre. Verzweifelt machte ich mich auf die Suche nach meinem Rad. Ich mußte so schnell wie möglich mit einem vernünftigen Menschen reden. Einem, der mir sagte, daß mein Erlebnis völlig alltäglich sei, und der für die seltsamen Ereignisse eine verständliche Erklärung verfügbar hatte.

Bestimmt war dies nur wieder ein Versuch der Mächtigen und Wissenschaftler, das Wetter der Welt zu beherrschen, welcher dieses Mal geglückt oder auch mißglückt war. Und diese riesige, uralte Linde? Die war ein Trugbild, Kraft meines Wunsches, eine solche einmal zu sehen, tatsächlich jedoch gar nicht vorhanden.

Die Linde! War es ihr betörender Duft, der mir die Trugbilder in den Kopf pflanzte? Am Ende bewahrheiteten sich die Geschichten von den Menschen, die nach einem Schläfchen unter einer Linde Wahnvorstellungen bekamen, oder gar nicht mehr aufwachten! Ich bekam Angst und je mehr Angst sich meiner bemächtigte, umso mehr fror ich. Fest drückte ich meine Arme an mich, als könnten sie mir Halt geben. Die Angst im Nacken, begann ich zu laufen. Ich lief in die Richtung, aus der ich glaubte, gekommen zu sein. Tatsächlich fand ich die Lücke wieder. Sie hatte sich ebenfalls verändert. Nachdem ich hindurchgeschlüpft war, verlor ich gänzlich den Weg. Kein Baum glich in Größe oder Aussehen denen, die ich zuvor gesehen hatte. Ich fand weder den Hohlweg, noch mein Fahrrad. Wurde es gestohlen? Es mußte doch hier sein!

So blieb mir also nur, zu Fuß zum Dorf zu laufen. Es lag nur wenige Kilometer entfernt von hier. Ein Schauer durchlief mich. Die Angst, das Dorf könnte sich nicht mehr an der Stelle befinden, wo ich es vermutete, ließ mich schneller laufen. Dem Himmel sei Dank, hörte der Regen auf.

Ich lief und lief so weiter, dennoch, die Gegend sah so anders aus. Wo waren die Wege? Wo die Kreuzung? Ich erkannte nichts wieder. Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich glaubte, eine sich windende Schlange darin zu fühlen. Ein Gutes konnte ich meinem schnellen Lauf abgewinnen: Mein Kleid und meine Haare, die sich wieder gelöst hatten, trockneten, und mein Körper erwärmte sich. Dafür schnürte ein eisiges Band mein Herz ein. Wie eine Klammer, welche mir die Luft zum Atmen nahm. Immer öfter flog mein Blick nun hinter mich, da ich das Gefühl nicht los wurde, daß mir jemand folgte. Das Gegenteil jedoch war der Fall, ich sah keine Menschenseele. Der Wald wollte und wollte kein Ende nehmen. Ich fand weder das Dorf, geschweige einen Menschen. Unbewußt hatte ich schon damit gerechnet, aber ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben.

Nach meinem Gefühl mußte ich wohl mindestens eine Stunde gelaufen sein, vermutlich länger, als ich, verzweifelt und erschöpft, am inzwischen erreichten Waldrand eine Pause einlegte. Ich ließ mich schwer auf die Erde fallen und lehnte mich matt an einen Baumstamm. Da entdeckte ich sie. Die fünf Jungen liefen, Fangen spielend, den Hang hinauf. Der heftige Regenguß vor etwa einer Stunde war von einem wärmenden Sonnenschein abgelöst worden. Wild stoben sie durch das Herbstlaub der vereinzelt stehenden Eichen und Buchen.

Überraschend blieb Bennet stehen. Die vier Nachfolgenden liefen auf, da sie ihre Köpfe gesenkt hielten um nach Eicheln auszuschauen. Ärgerlich blickten sie auf, um über Bennet ein Donnerwetter loszulassen, als auch sie den Grund seines unerwarteten Stehenbleibens entdeckten.

Eine Frau kam auf sie zu. Sie war keine gewöhnliche, denn sie trug einen Hauch von Stoff an ihrem Körper, der wie Feuer zu lodern schien. Ihre dunkelroten Haare wehten wild. Mit ihren schwarzen Augen starrte sie jeden einzelnen von ihnen an. Die Sonne schien sie von hinten in Brand zu setzen. Ihr Blick war wild und gehetzt. Sie schien erstaunt und blieb stehen. Bennet trat einen Schritt zurück, mitten auf Dub‘s Füße, da dieser geradewegs hinter ihm stand. Die Frau sprach sie an, oder doch nicht?

„GottseiDank, daßicheuchhiertreffe. Könntihr mirhelfen? Ich habemichirgendwieverlaufen!“

Bennet verstand kein Wort. Womöglich sprach sie gerade eine Beschwörung über sie? Angst griff wie eine Klaue nach seinem Herzen. Weg, sie mußten hier weg, und zwar sofort. Weg von dieser wilden Wicka der schwarzen Seite, die vermutlich nur darauf wartete, unschuldige Knaben zu opfern!

„Bestimmt verflucht sie uns gerade!“ Bennet sprach aus, was auch die anderen dachten. In wilder Aufregung stoben sie den Abhang hinunter.

Ich konnte es nicht fassen. Endlich hatte ich Menschen gefunden. Anstatt mich jedoch mit ihnen unterhalten zu können, flohen die Jungen vor mir. Weshalb hatten sie mich so angestarrt? War denn mein Anblick so schrecklich? Ich sah die Kinder den Hang hinunterhetzen. Es blieb keine Zeit weiter darüber nachzudenken, ich mußte hinterher. Schon zulange irrte ich in diesem Wald umher, ohne die geringste Spur oder einen Anhaltspunkt zu finden, der auf eine Stadt oder ein Dorf hinwies. Nicht nur, daß ich das Gefühl hatte, mich in einem anderen Wald zu befinden, denn dieser war viel wildwüchsiger und ursprünglicher als der andere, sogar die Beschaffenheit der Pflanzen schien mir fremd. Die Luft, die ich atmete, war rein und klar, schmeckte beim Luftholen gut. Die Bäume strahlten Gesundheit und Kraft aus. Dichtes Unterholz hatte mir ständig das Laufen erschwert, und ich hatte solch einen urwüchsigen Wald nie zuvor in meinem Leben gesehen. Ja, selbst die Kinder kamen mir fremdartig vor. Eher kleinwüchsig von Statur, doch gesund, stämmig und stark. Sie strahlten eine Leistungsfähigkeit aus, die nur in einer gesunden Umwelt zu erlangen war. Wüßte ich es nicht besser, ich glaubte, mich im Mittelalter zu befinden. Wußte ich es denn besser? Mein Unterbewußtsein nagte zweifelnd an meinem Schutzschild. Die Kleidung der Jungen ließ darauf schließen... ihr Gehabe... der Wald... Lächerlich, in welche Bahnen sich meine Gedanken verirrten. Wahrscheinlich spielten die Jungen gerade Robin Hood und schreckten vor mir zurück, weil sie niemanden erwartet hatten. Es schien hier auch recht einsam zu sein. Wie um alles in der Welt hatte ich mich derart verlaufen können? Ich erkannte nichts wieder, und das Dorf schien wie vom Erdboden verschluckt. Ich fühlte mich wie in einer meiner eigenen Bildergeschichten. War es möglich, daß sich jemand einen solch grausigen Scherz mit mir erlaubte und mich im Schlaf an einen anderen Ort gebracht hatte? Aber wer? Das war hirnrissig! Mein Schlaf war leicht, und meinen Freunden traute ich solch eine Gemeinheit nicht zu. Und was geschah dann? Da war sie wieder, die Angst, ohne Vorwarnung.

Ich lief hinter den Jungen her immer den gleichen Abstand haltend. Ich sah, daß die Kinder ihren Lauf beschleunigten, als sie merkten, daß ich ihnen folgte. Mein Herz klopfte bis zum Hals hinauf, und das Gefühl, daß hier nichts stimmte, verließ mich nicht mehr.

Schließlich erblickte ich vor mir ein paar kleine Häuser. Selbst diese, so stellte ich mit Unbehagen fest, sahen so gar nicht zeitgemäß aus. Klarer Fall! Endlich begriff ich. Ich befand mich auf dem Gelände eines Museumsdorfes. So mußte es sein! Hier veranstalteten Mittelalterliebhaber ihre Treffen. Aber wieso hatte ich nicht davon in der Zeitung gelesen? Und meines Wissens gab es in der Gegend kein Museumsdorf, das hätte ich mir doch nicht entgehen lassen.

Ich sah die Jungen wild mit den Armen gebärdend im Dorf ankommen. Sie riefen laut. Nach und nach kamen von allen Seiten Leute und hörten ihnen zu. Es dauerte nur wenige Augenblicke, ehe ich sämtliche Augenpaare auf mich gerichtet sah. Bisher war ich weitergelaufen, wenngleich bedeutend langsamer, doch jetzt, da ich die abweisenden Blicke der Menschen erkannte, blieb ich stehen. Es war nicht zu glauben, die Menschen dort vor mir trugen allesamt mittelalterliche Gewänder, und ich konnte an ihnen dieselbe Beobachtung machen wie zuvor bei den Jungen. Diese Leute paßten in jeden mittelalterlichen Film, nicht jedoch ins 21. Jahrhundert. Es war und blieb ein Alptraum. Die Frauen trugen Tücher und lange Kleider. Die Männer gröbere Kittel und Wämse. Ihre Schuhe erinnerten mich an germanische Schnürschuhe und Wikingerhalbschuhe. Zögernd ging ich weiter auf sie zu. So sicher wie eben zuvor, daß ich in einem Museumsdorf gelandet war, blieb ich nicht. Einige Schritte Abstand wahrend, hielt ich an. Ich sah Angst in den Gesichtern der Leute. Wovor hatten sie Angst, doch nicht etwa vor mir? Einer der Männer löste sich aus der Gruppe und kam mir entgegen. Er sprach mich an, doch ich traute meinen Ohren kaum, ich verstand kein Wort. Ich kannte mich doch gut mit Sprachen aus, war wenn ich meinen Sprachlehrern glauben durfte besonders sprachbegabt, aber hier? Ich wußte nicht einmal zu sagen, welche Sprache er dort sprach. Eine keltische, ja, aber...? Ich hatte keine Ahnung. Als der Mann merkte, daß ich ihn nicht verstand, versuchte er es mit Gebärden. Die Holzforke in seiner Hand senkte sich wie eine Waffe und er fuchtelte damit in Richtung Wald. Ich wollte nicht begreifen, was offensichtlich war. Er jagte mich fort. Mit einem Mal schien sämtliche mir noch verbliebene Kraft aus meinem Körper zu weichen. Tränen liefen mir über die Wangen, ohne daß ich etwas dagegen tun konnte. Sahen sie denn nicht, daß ich Hilfe brauchte? Daß ich völlig verloren war?

Eine Frau mittleren Alters kam näher. Sie schien zornig, schrie zuerst den Mann an, dann mich. Unerwartet und heftig kam ihre nächste Handlung. Sie bückte sich, hob einen vor ihr liegenden faustgroßen Stein auf und warf ihn mit aller Wucht gegen meine Schulter. Ich schrie vor Schmerz auf.

Schließlich mußte ich begreifen, trotz meiner Verzweiflung, daß mir nur die Flucht blieb, ehe diese Leute sich weitere Nettigkeiten einfallen ließen. So schnell ich konnte rannte ich in Richtung Wald davon. Ich blickte mich einmal um, doch die Menschen harrten bewegungslos vor ihrem Dorf und schauten mir nach. Ich lief und lief, bis ich glaubte, meine Lungen müßten platzen. Die Tränen der Empörung und Verzweiflung waren längst getrocknet. Völlig erschöpft ließ ich mich zu guter Letzt auf den Boden fallen. Meine Schulter schmerzte, es war jedoch Gott sei Dank nur eine Prellung, keine offene Wunde. Allmählich meinte ich, den Verstand zu verlieren. Eins nahm ich mir jedenfalls nach diesem Erlebnis vor: Dem nächsten Menschen, dem ich begegnete, würde ich mit mehr Vorsicht entgegentreten. So etwas wollte ich nicht noch einmal erleben. Plötzlich wandelte sich mein Schluchzen in überreiztes Lachen. Was für Gedanken spukten mir denn da im Kopf herum? Glaubte ich inzwischen tatsächlich, im Mittelalter gelandet zu sein? Wahrhaftig, es hatte mich erwischt, eine andere Erklärung gab es nicht. Ich fühlte mich so einsam und verlassen wie nie zuvor in meinem Leben. Aus meinem Lachen wurde wieder ein Schluchzen.

Es dämmerte bereits. Erst jetzt bemerkte ich, daß mein Magen knurrte. Sinnierend starrte ich auf den Boden. Seufzend holte ich mein Brot und einen Apfel aus meinem Rucksack. War dies meine Henkersmahlzeit? Ich wog den Apfel, als wäre er bleischwer; wann bekam ich wieder zu Essen? Nach der Mahlzeit trank ich einige Schlucke Wasser aus meiner Flasche, auch hier schrumpfte der Vorrat bedenklich. Schweren Herzens stand ich auf. Weitergehen! Nicht aufgeben! Ich mußte doch über kurz oder lang auf eine Straße oder irgendeine Stadt stoßen! Mir Mut zusprechend, ging ich los.

Ich mußte noch einmal gut eine Stunde unterwegs gewesen sein, die Sonne stand schon als rotglühender Ball recht tief am Horizont, jedoch war ich nicht einmal in die Nähe irgendeiner Stadt gelangt. Keine Wege, keine Straßen. Wohin mein Blick fiel, zeigte sich mir unberührte Natur. Die prächtigsten Wälder, Wiesen und Lichtungen.

Um mich herum raschelte und knackte es. Mein Gefühl sagte mir, daß diese Geräusche von Wildtieren des Waldes stammten, sehen konnte ich indes kein einziges. Trotzdem glaubte ich mich von Tausenden von Augenpaaren beobachtet, und das jagte mir Angst ein. Trotz meines schnellen Schrittes fror ich erbärmlich. Jetzt zur Nacht hin wurde es deutlich kälter. Während des Weitergehens fand ich mich mit dem Gedanken ab, daß ich mir, wohl oder übel, einen Schlafplatz suchen mußte. Mir blieb keine Wahl. Ärgerlich stellte ich fest, daß mein Kampfgeist, zumindest heute, aufgab. Ich fand doch heute sowieso niemanden mehr! Und morgen? Mir blieben drei Äpfel, eine halbe Flasche Wasser, eine feuchte Decke, mein Zeichenzubehör und mein Leben! Das war doch schon was! Was wollte ich mehr? Außerdem, ich würde nicht gleich verhungern, selbst wenn ich ein, möglicherweise zwei Tage weniger Essen bekam. Wasser gab es sicherlich irgendwo, in Gestalt eines Baches, und wenn dieses so rein und klar war wie die Luft, dann brauchte ich mir darüber nicht den Kopf zu zerbrechen.

Zum hundertsten Male kehrten meine Gedanken zu den Menschen zurück, die ich zuletzt gesehen hatte. Um welche Sprache handelte es sich? Irisch, schottisch? Oder walisisch? Vielleicht bretonisch? Die Lage war so unglaublich. Ja, ich glaubte an Wiedergeburt, an Leben nach dem Tod. War ich denn gestorben? Erlebte ich möglicherweise eine Rückführung? Hatte ich mich selber in Entrückung versetzt?

Meine Angst vor dem Ungewissen wuchs. Was ich zu glauben begann, überstieg trotz allem meinen Verstand. Ich hatte wirklich das widersinnige Gefühl, mich im Mittelalter zu befinden. Ich blickte fragend in den wolkenverhangenen Himmel, und erst da wurde mir überdeutlich bewußt, daß schon seit Stunden kein Flugzeug mehr über mich hinweggeflogen war. Ich hatte nicht ein einziges maschinell erzeugtes Geräusch vernommen. Und diese Tatsache allein reichte, um mich vollends zu verängstigen.

Ratlos suchte ich die Umgebung nach einem geeigneten Schlafplatz ab. Ein paar dichte Tannen fielen mir auf, denn sie eigneten sich sicherlich bestens, um darunter die Nacht zu verbringen. Während ich auf die Bäume zuging, faßte ich wieder Mut. Ich freute mich darauf, am nächsten Morgen wieder unter der Linde liegend aufzuwachen, um feststellen zu können, daß mein Erlebnis nur ein Alptraum war, nichts weiter.

Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als es hinter mir laut knackte. Ängstlich drehte ich mich um... und mir stockte der Atem... In etwa dreißig Schritt Entfernung stand ein riesiger Bär. Das Herz sank mir in die Knie. Fieberhaft überlegte ich, wie ich mich retten konnte, und hielt Ausschau nach einem geeigneten Baum, es mußte schnell gehen! Eine Eiche, deren Krone einladend hin und her schaukelte, schien mir genau die richtige. Trotzdem blieb ich, keiner Bewegung fähig, dem ebenso starren Bären gegenüber stehen. Die Eiche war so nahe, doch meine Beine brachten nicht einen Schritt zuwege. Der Bär schien ebenso erstaunt wie ich. Er beobachtete mich eine Weile, dann brummte er laut. Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Ein lautes Rauschen in meinen Ohren, kündigte mir eine nahe Ohnmacht an. Bestimmt kam er gleich wütend auf mich zu, und dann war es aus mit mir. Trotz allem, ich konnte mich nicht rühren. Er drehte ungeduldig den Kopf zur Seite, ehe das Unglaubliche geschah und er sich abwandte. Genauso überraschend wie er aufgetaucht war, verschwand er wieder. Erst nach einer Weile lösten sich meine verkrampften Muskeln. Ich zitterte, butterweich in den Knien, und sackte wie ein Kartoffelsack auf den Boden. Die zweite Lehre an diesem Tag... Unter den Tannen würde ich bestimmt nicht schlafen, das Sicherste war ein Schlafplatz auf dem Baum. Wenn es hier Bären gab, dann gab es womöglich auch Wölfe und Luchse oder andere Tiere, die einem Menschen gefährlich werden konnten, sofern sie sich bedroht fühlten. Ich atmete einige Male tief durch. Die Dunkelheit kroch wie ein böser Schatten über das Land, ich mußte mich beeilen.

Mit bleischweren Gliedern stand ich auf und ging hinüber zu der Eiche. Ängstlich spähte ich umher, um nicht ein weiteres Mal überrascht zu werden. Es könnte anders ausgehen. Wieder beschlich mich dieses unangenehme Gefühl... Wo gab es im 21. Jahrhundert in Deutschland solche Bären? Freilebend?

Inzwischen stand ich vor der nächsten Schwierigkeit. Die Eiche war hoch gewachsen, wie sollte ich dort hinaufgelangen? Ich zog meinen Rocksaum nach oben, befestigte ihn am Bund und prüfte den Sitz meiner Sachen, Ich lief um den Baum herum. Welch ein gewaltiges Werk der Schöpfung! Erst beim zweiten Umrunden entdeckte ich einen tiefhängenden Ast der mir geeignet erschien. Trotzdem reichte ich nicht einmal mit ausgestreckten Armen und auf Zehenspitzen heran. Es fehlte nur ein kurzes Stück, verdammt! Ich sprang und bekam ihn gleich beim ersten Versuch zu fassen. Nun mußte ich mich der nächsten Schwierigkeit stellen. Ich würde ein weitres Mal meine Kraft aufbringen müssen, um an dem Ast und Stamm hinaufzuklettern. Ich stemmte meine Füße dagegen und hangelte mich am Ast hoch. Immer wieder rutschten meine Sandalen an der Rinde ab. Mit einem Arm am Ast hängend, so wie Tarzan, zog ich mir mit der freien Hand meine Sandalen aus und ließ diese über sie auf meinem Arm entlanggleiten, um sie mit nach oben nehmen zu können. Ich versuchte, bald am Ende meiner Kräfte, den Aufstieg erneut, und dieses Mal mit Erfolg. Allerdings nahmen mir besonders meine Füße die Begegnung mit der rauhen Rinde übel. Ich hatte überall Schrammen und Kratzer. Schließlich hatte ich es geschafft, ich saß auf der ersten größeren Astgabel und ruhte mich aus. Nur nicht aufgeben! Bloß nicht wieder heulen, das half ja doch nicht. Stück für Stück arbeitete ich mich hoch, bis ich schätzungsweise fünf Meter über der Erde saß. Ich fand eine breite Gabelung, von der ich hoffte, darauf die Nacht verbringen zu können, ohne herunterzufallen. Ich mußte mich festklemmen. Nur wie? Und wenn ich schlafend den Halt verlor? Der Wind blies eisig hier oben, was mir jetzt, da ich zur Ruhe kam, auffiel. Die Nacht versprach kalt und unangenehm zu werden.

Schicksalsergeben holte ich meine Decke hervor und wickelte mich ein, besser feucht, jedoch nicht gänzlich dem eisigen Wind ausgesetzt. So könnte ich nicht viele Nächte überstehen. In plötzlicher Empörung über meine Gedanken biß ich die Zähne zusammen. Jetzt zweifelte ich schon wieder, dabei fand sich morgen sicher die Lösung meiner Schwierigkeiten!

Wenn ich mein Erlebnis später meinen Freunden erzählte, glaubte mir bestimmt niemand, geschweige denn, daß einer nachvollziehen könnte, was ich in diesem Augenblick empfand und durchlebte. So schrecklich einsam, so ängstlich!

Gedankenverloren aß ich einen Apfel und befestigte meinen Rucksack sorgsam an einem Ast, schräg über mir. Die Erschöpfung übermannte mich schließlich. Ich bat die göttliche Kraft um Hilfe, und tatsächlich, getröstet durch mein Gebet, schlief ich schließlich übermüdet ein. Ich übergab mich vertrauensvoll der Hülle des Schlafes und dem göttlichen Schutz. Ich schlief bis zum Morgengrauen durch, hörte nicht die Tiere der Nacht, die unter der Eiche umherstreiften, hörte nicht die Rufe der nächtlichen Greifvögel. Ich schlief einen heilsamen Schlaf, der meinem überforderten Geist und übermüdeten Körper eine Weile Ruhe schenkte.

5 Auf Burg Sommerstein, 2003

Sie lief und lief. Ab und zu drehte sie ihren Kopf, um zu sehen wie dicht ihr der Verfolger auf den Fersen war. Liam konnte das nackte Entsetzen in ihren Augen erkennen. Er wollte ihr zurufen stehenzubleiben; er wollte ihr doch nichts tun, doch kein Wort drang über seine Lippen.

Dann sah er wieder ihren gehetzten Blick. Sie lief weiter, er hinterher. Er fühlte sich wie ein Auge ohne Körper. Er versuchte, sie erneut zu rufen, doch nur ein gequältes Gurgeln kam heraus. Er stöhnte, dann wachte er auf.

Eine Weile lag er im Bett, seinen erregten Atemzügen lauschend, ehe er das Licht einschaltete. Es spendete ihm Trost und Sicherheit. Er stieg aus dem Bett. Unschlüssig stand er vor der Truhe. Sollte er sie verkaufen? Verschenken? Unter Umständen an den Mann, der ihm die Rohzeichnungen schickte? Oder sollte er sie zu Brennholz verarbeiten?

Das Ding war in diesem gut erhaltenen Zustand ein Vermögen Wert. Schon der Gedanke, sie aus den Händen zu geben, schnitt ihm ins Herz wie ein Messer. Nein, irgendwie mußte er sich mit ihr und ihrem Geheimnis auseinandersetzen, und mit dem, was sie ihm bescherte. Nur dann würde er seine Ruhe finden!

6 Ritter Talivan

Ich wachte durch den frühmorgendlichen Gesang der Vögel auf. Es dämmerte gerade, noch bedeckte dichter Nebel den Boden, bis hinauf in die Baumwipfel. Die Luft war kühl, so kühl, daß ich meinen Atem sehen konnte. Ich zitterte am ganzen Körper. Meine Glieder waren steif und schmerzten. Ich versuchte mich zu strecken, ohne vom Baum zu fallen. Nicht nur die Kälte trug Schuld an meinem Zittern, es lag auch an der Aufregung.

Meine Hoffnung, wieder unter der Linde aufzuwachen, war wie eine zu dünne Eisschicht zerbrochen. Mir wurde überdeutlich bewußt, daß ich in meinem Kleid, nur mit dieser leichten Decke, die zudem feucht war, nicht lange überstehen könnte. Die Decke war ekelhaft klamm, sie hielt lediglich den kühlen Wind davon ab, mir die Haut gänzlich von den Knochen zu reißen. Wärme spendete sie keine. Ich mußte sie unbedingt irgendwo zum Trocknen aufhängen. Wie sollte ich sie jedoch wiederfinden, wenn ich womöglich sonstwohin laufen mußte, um einen Bach zu finden, wo ich meinen Wasservorrat auffüllen konnte. Außerdem mußte ich mir einen besseren Schlafplatz suchen. Dieser war zwar vergleichsweise sicher, doch gemütlich beim besten Willen nicht.

Warum nur glaubte ich, daß ich auch heute nicht den richtigen Weg fand? Oder einen Menschen des 21. Jahrhunderts?

Als ich glaubte, meinem Körper wieder trauen zu können trotz der kalten Starre, die ihn bedrückte, begann ich mit dem Abstieg. Beim letzten Ast hielt ich mich mit den Händen fest und ließ mich nach unten gleiten. Ein paar Leibesübungen dehnten meinen steifgefrorenen Körper. Mein Magen knurrte. Sollte ich ihm meinen vorletzten Apfel anvertrauen? Gegebenenfalls fand ich ja ein paar Beeren oder Früchte? Ich aß ihn! Im besten Falle konnte ich das eine oder andere Wildgemüse sammeln? Vorausgesetzt ich fand mir bekanntes. Ich schickte ein Dankgebet an meine Großmutter, die trotz meines Streubens darauf bestanden hatte mir all ihre Kenntnisse in Kräuter- und naturkunde zu vermitteln. Hatte sie etwa damals schon eine Ahnung gehabt, daß ich sie einmal brauchen würde? Ich trank ein paar Schlucke Wasser. Schließlich fühlte ich mich wohler und für den kommenden Tag gestärkt. Die Sonne gewann zunehmend an Kraft. Der Nebel kroch nur noch in einzelnen Schwaden über den Boden. Tatsächlich versprach es ein angenehmer Tag zu werden, nicht so ein Trauerspiel wie gestern.

Als ich am Morgen aufwachte und feststellte, daß mein Traum nicht zu Ende war, womöglich weil es sich nicht um einen solchen handelte, hatte ich trotzdem mutig beschlossen, den Tag zu überstehen und alles andere, was kommen sollte. Vermutlich wurde ich ja inzwischen schon gesucht! Wie auch immer, der Schlaf hatte mir Kraft geschenkt. Ich sollte mich am besten südlich halten, also blickte ich zur Sonne hinauf. Selbst wenn das bedeutete in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, aus der ich vermeintlich gekomme war, würde ich bestimmt auf eine Straße stoßen. Auch auf die Gefahr hin, damit eine mögliche Suchmaßnahme zu erschweren. Würde mich denn schon jemand vermissen? Ich hängte mir meinen Rucksack mit der Decke um und tat einen weiteren Schritt in meine ungewisse Zukunft. Während des Gehens bemerkte ich überall um mich herum erwachendes Leben. Mäuse huschten durch das Unterholz, Eichhörnchen sprangen von Ast zu Ast. In der Ferne hörte ich Hirsche röhren und hoffte, ihnen nicht zu nahe zu kommen, denn mit brünftigen Hirschen war nicht gut Kirschen essen. Kirschen! Wie gerne hätte ich jetzt solche. Unweit hinter mir hörte ich Wildschweine in der Erde wühlen. Sie suchten sicherlich Bucheckern und Eicheln, während sie laut grunzten und quiekten. Bei jedem neuen Geräusch spürte ich meine Beine einen Schritt schneller werden, und mein Herz pochte laut in der Brust. Das mußte doch auch jedes gefährliche Tier hören! Mich wunderte, daß diese Tiere trotz der Helligkeit noch so geschäftig waren? Aber nein, ich hatte doch gelesen, daß all diese Tiere noch im frühen Mittelalter gar keine Dämmerungstiere waren, sondern nur durch den Menschen dazu getrieben wurden. Ein Schauer lief mir über den Rücken.

Ich war inzwischen gut eine halbe Stunde unterwegs, als ich es vor mir plätschern hörte. Ich lief erfreut darauf zu und entdeckte einen mittelgroßen Bach. Das mit Steinen übersäte, flache Bachbett schlängelte sich durch den Wald. Ich kniete am Rand nieder, um daraus zu trinken. Das Wasser sah so rein und klar aus, eine Köstlichkeit, süß und würzig. Solch ein Wasser hatte ich nie zuvor getrunken. Der Jahreszeit entsprechend war es schon recht kalt, genau das Richtige, um wach zu werden. Ich bildete mit den Händen eine Schale und spritzte mir von dem Naß ins Gesicht. Ich mußte scharf die Luft einziehen, so kalt war es. Es mußte sein, nur so konnte ich meinen Körper gegen die Kälte abhärten. Ich blickte mich um, ob mich jemand beobachtete, doch im selben Augenblick kam mir der Wahnwitz dessen in den Sinn: Ich sollte doch froh sein, wenn es so wäre! Ich nahm all meinen Mut zusammen, zog mich aus, hockte mich in den Bach und glaubte, meine Füße würden erfrieren, während ich mich prustend mit dem eisigen Wasser bespritzte. Um Atem ringend sprang ich ans Bachufer. Mit der klammen Decke versuchte ich, mich notdürftig zu trocknen, und zog mich eilig wieder an. Meine Durchblutung dankte mir die Schockbehandlung, mir wurde endlich wieder wärmer. Meine Haut fühlte sich jetzt straff an, und das ewige Zittern hörte auf. Nach meiner Kaltwasserbehandlung goß ich den restlichen Inhalt aus meiner Flasche aus und füllte sie mit dem köstlichen Wasser des Baches.

Schlagartig kam mir in den Sinn, wo Wasser floß, da lebten Menschen. Ich brauchte bloß dem Bachlauf zu folgen, der glücklicherweise in Richtung Süden lief, und er würde mich unweigerlich zum nächsten Dorf bringen. Frohen Mutes schloss ich mich dem Wasserlauf Bachabwärts an.

Ich mußte wiederum mindestens eine Stunde unterwegs gewesen sein, als ich endlich auf einen Weg stieß. Weg? Diese Bezeichnung verdiente er gar nicht. Worauf ich stieß, war eher ein Trampelpfad. Wenigstens ein solcher, schoss es mir gerechterweise durch den Kopf. Er würde mich sicherlich an eine Straße führen. Glücklich trat ich aus dem Wald auf den Pfad und folgte ihm.

Obwohl ich schon eine Weile unterwegs war, begegnete mir keine Menschenseele. Ich hörte eine gemeine Stimme in mir, die mir schadenfroh verkündete, daß ich die Hoffnung endlich aufzugeben hätte. Kindisch schnitt ich ihr eine Grimasse. Verdrossen kramte ich meinen letzten Apfel heraus und biß hinein, als wäre er mein ärgster Feind. Ich hatte die Nase voll von allem, war wütend und verzweifelt zugleich. Irgendwie mußte mein Verstand gelitten haben, anders konnte ich mir mein Erlebnis nicht erklären.

Mich an den Saum des Pfades setzend, vertilgte ich den Apfel. Eine lange Weile starrte ich kauend nur ins Leere, plötzlich vernahm ich ein Geräusch.

Pferde! Ich hörte Hufe auf dem Sandboden. Pferde auf einem Pfad, das bedeutete sicherlich auch Reiter. Mein Körper setzte schon zum Sprung in die Mitte des Pfades an, als mich eine Eingebung zurückhielt. Ich atmete ein paarmal tief durch. Mein Gefühl sagte mir, daß ich mich ins Gebüsch zurückziehen sollte. Ich konnte den Leuten ja hinterherrufen, wenn sich meine Vorsicht als unnötig entpuppte. Ich duckte mich also tiefer ins Gebüsch und presste meinen Rucksack eng an mich, als gäbe er mir Sicherheit. Die Augen richtete ich auf den Pfad, meine aufkommende Angst niederkämpfend.

Dann stockte mir der Atem. Die Reiter ritten in die Wegkrümmung ein. Eine Gänsehaut rieselte meinen Rücken entlang. Diese Reiter dort waren keine Freizeitreiter! ...Die Kappen dieser Reiter bestanden aus Metall, welches, säuberlich geputzt, sogar die spärliche Herbstsonne spiegelte. Und dort, wo ich eine Weste vermutet hätte, trugen sie feste Leinengewänder, über schweren Kettenhemden, die unter den Säumen hervorblitzten. Ihre Hosen waren mit Stoffbändern umwickelt und an ihren Gürteln baumelten schrecklich lange Schwerter und Dolche, deren Hefte und Griffe in der Sonne aufblitzten. Schwere Kampfrosse wirbelten mit mächtigen Schritten den Sand des Weges auf. Das konnte doch unmöglich wahr sein? Das waren keine Ritter! Niemals, auch nicht, wenn alles danach aussah! Diese gehörten zum Museumsdorf, wie die anderen, das stand fest! Und weshalb lief ich ihnen dann nicht hinterher, nagte mein Unterbewußtsein an meinem Selbsttäuschungsversuch? Die Reiter galoppierten den Pfad entlang, gleich würden sie aus meiner Reichweite entschwunden sein. Ich mußte ihnen folgen! Was immer sie wirklich waren, sie sahen verteufelt echt aus und blickten verbissen ihrem Ziel entgegen.

Im Nachhinein war ich mir unsicher, ob sie mich bemerkt hätten, wäre ich auf den Pfad gesprungen? Und wenn? Die Erinnerung an das grimmige Gesicht des ersten Reiters ging mir durch und durch. Diese Männer hatten nicht einen Hauch Ansprechendes an sich. Sie wirkten brutal und unaufhaltsam. Mir sackte das Herz in die Knie, und ich dankte meiner inneren Stimme zutiefst berührt, daß sie mich mit einer Eingebung gewarnt hatte, und dankte mir, daß ich auf sie gehört hatte. Mit einem Mal war ich mir sicher, daß diese Kerle nicht davor halt gemacht hätten, mir das Leben zu nehmen.

Die Hufschläge verklangen, die Ritter entschwanden gänzlich meinem Blickfeld. Das waren nicht die schimmernden Helden, von denen schwärmerische junge Mädchen träumten. Ihre Gesichter versprachen nichts Gutes!

Das war kein Spiel! Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Das waren auch keine Museumsleute! Ein neuer Gedanke versuchte, mich vor der aufsteigenden Angst zu bewahren... Wahrscheinlich wurde hier ein Film gedreht? Mein Bewußtsein bemühte sich, meine letzte Hoffnung zu retten, doch umsonst, es konnte nicht gegen das an, was mich mein Unterbewußtsein schon längst glauben ließ. Es gab nur eine Erklärung, da alle anderen mir auf Grund der Tatsachen unglaubwürdig erschienen: Sie waren echt!

Wieder und wieder liefen mir die Schauer über den Rücken. Ich schloß meine Augen und holte mir das Bild der Ritter ins Gedächtnis zurück, als wollte ich sie zu Papier bringen. Vierzehn Männer hatte ich gesehen. Ritter und Knappen. Die Reitpferde und vier Packpferde. Also waren sie für länger unterwegs! Wo wollten sie hin? Wo kamen sie her? Wohnten sie hier in der Nähe, oder waren sie auf Reisen und hatten einen weiten Weg vor sich? Ich beschloß, dem Pfad und ihnen trotz aller Ungewißheit zu folgen, allerdings soweit ich konnte für andere unsichtbar. Wenn ich eine Burg oder ein weiteres Dorf entdeckte, dann hielt ich erst einmal nach diesen Rittern Ausschau. Mein Gott, ich billigte das erstemal in Gedanken, womöglich tatsächlich im Mittelalter gelandet zu sein. Weiß Gott wie!

Was, wenn ich wirklich und wahrhaftig in eine ungewollte Zeitreise geraten war? Wie würde sie weitergehen? Sollte es bei einer Reise bleiben? Wie würde es enden? Würde ich ebenso unerwartet wieder in meiner Zeit erwachen? Schlagartig schnürte mir die Angst die Kehle zu. Was, wenn ich nie mehr zurückgelangte? Der Gedanke war kaum zu ertragen. Wie lange würde ich wohl hier überleben?

Ich stellte mir vor, wie ich ständig auf der Flucht vor diesen und anderen Rittern im Wald überleben mußte. Wie sollte ich jemals Nähe zu anderen Menschen finden? Oder würde ich von allen so aufgenommen werden wie von den Bauern am Tag zuvor? Inzwischen zweifelte ich nicht mehr daran, daß diese Menschen ihre Echtheitsbescheinigung verdienten. Ich erschrak vor meinen eigenen Gedanken, ich glaubte wirklich, was ich sah. Ich war mir sogar vollkommen sicher. Diese Leute hier wirkten viel robuster, als trügen sie gesündere und mehr Kräfte in sich als die Menschen meines Jahrhunderts. Eigentlich sollte ich mich glücklich schätzen, denn hier erlebte ich eine unversehrte Natur, wie ich sie mir gewünscht hatte.

Keine Maschinen verpesteten die Luft, das Wasser war rein und klar! Im Geheimen hatte ich doch schon immer den Wunsch gehegt, einmal in diese Vergangenheit blicken zu können, selbstverständlich nur als stiller Beobachter, nicht als Beteiligter. Warum sonst zeichnete ich Bildergeschichten die im Mittelalter spielten? Ich fühlte eine große, unerklärliche Angst in mir. Entschlossen stand ich auf, diese Ängste verdrängend, es half ja alles nichts, ich mußte hinterher!

Es mußte gut eine Stunde vergangen sein, ehe ich schließlich ermüdet, an den Rand des Waldes gelangte. Ich blieb im Dickicht stehen, um die Lage auszukundschaften. Da stand sie, die Burg, mit der ich schon gerechnet hatte. Irgendwie erstaunte mich diese Tatsache gar nicht mehr, obwohl ein flaues Gefühl im Magen nicht ausblieb, wahrscheinlich erst recht, weil ich mit meiner Vermutung richtig lag. Sie stand nicht weit entfernt von mir in einer ansprechenden, hügeligen Landschaft, auf höchster Erhebung. Ich konnte meine Augen weit schweifen lassen. Der Pfad, dem ich gefolgt war, lief weiter bis zur Burg und gabelte sich schätzungsweise fünfhundert Meter vor dem Tor. Unterhalb der Burg siedelten die Bürger. Allerdings wirkten ihre Häuser eher dörflich, enger zusammengerückt als das Dorf, daß ich am Vortag sah. Die Burg thronte über allem. Sie war keine Schönheit, eher eine verschönerte Festung, die Tore standen indes weit geöffnet und wirkten einladend.

Wie sollte ich denn nun weiter vorgehen? Angenommen, die Ritter von vorhin waren die Besitzer? Denen wollte ich auf keinen Fall wieder begegnen. Und was würde ich den Menschen erzählen? Ich konnte kaum die Wahrheit sagen, vorausgesetzt sie verstünden mich.

Und wenn ich ins Dorf schlenderte, das Beste hoffte und wartete, was passierte? Was könnte alles geschehen, falls ich mich wirklich im Mittelalter befand. Ich wollte diesen Gedanken lieber nicht weiterspinnen, so wie die Dörfler mich angeschaut hatten, hielten sie mich allesamt für eine Hexe. Ich beschloß, weiterhin im Versteck und vorerst bei der Beobachtung zu bleiben. Kummer bereitete mir nur mein Magen, der so heftig aufbegehrte, daß bald alle Burgbewohner in meine Richtung blicken würden, weil sie glaubten, ein Ungeheuer läge auf der Lauer und brüllte.

Der für mich eher ungewohnte, stramme Fußmarsch, zudem mit meinen zerkratzten Füßen hatte mich ordentlich hungrig gemacht. Ich suchte mit den Augen die Umgebung der Burg ab, gab es denn keinen Burggarten? Wie dumm, daß ich unterwegs nicht auf Brombeeren geachtet hatte, doch die Angst, entdeckt zu werden, hatte mich weitergetrieben. Ich konnte keinen Garten entdecken. Verdammt, ich mußte näher heran. Hier und da wuchsen Büsche am Weg, hinter denen konnte ich mich verstecken. Wenn ich all meinen Mut zusammennahm, gelänge es mir wahrscheinlich, unentdeckt näher heranzuschleichen. Immer vorsichtig, Stück für Stück, schob ich mich weiter. Den Pfad ließ ich links liegen, jedoch nicht unbeobachtet. Jetzt wieder dem kühlen Wind ausgesetzt, da mich das dichte Laubwerk der Bäume und Büsche nicht mehr schützte, begann ich erneut zu frieren. Vielleicht hundert Meter vor dem ersten Haus hielt ich an, ein dicker Busch bot mir die nötige Sicherheit. Jetzt konnte ich sogar einzelne Burgbewohner bei ihrem Tagwerk erkennen.

Ich sah einige Frauen an einem Brunnen, der zwischen den Häusern stand. Neben ihnen spielten Kinder. In der Burgschmiede wurde anscheinend fleißig geschmiedet, denn ich konnte den Hammer auf dem Amboß tanzen hören. Durch das offene Tor erblickte ich geschäftiges Treiben im Burghof. Meine Vermutung wurde erneut bestätigt, da alle Menschen mittelalterliche Kleidung trugen.

Eine Bewegung am Burgtor lenkte meine ungeteilte Aufmerksamkeit dorthin. Reiter ritten heraus. Die Angst griff wieder nach mir, das waren die Ritter von vorhin, und sie galoppierten in meine Richtung. So tief ich vermochte, drückte ich mich auf den Boden. Als sie an mir vorüberpreschten, fiel mir auf, daß ihre Gesichter noch grimmiger als vorher dreinblickten. Sie schauten weder nach rechts noch nach links, sodaß ich vor Entdeckung sicher zu sein glaubte. Bei der Gabelung bogen sie nach rechts ab. Dann waren sie also die Besitzer der Burg, wie ich vermutet hatte?

Weitere Unruhe am Tor ließ mich die Ritter vorübergehend vergessen. Eine weitere Gruppe ritt aus dem Tor. Diese Leute hatten es jedoch anscheinend nicht so eilig. Ich erkannte schnell den Grund dafür, hier handelte es sich offenbar um eine Jagdgesellschaft. Nein, ich konnte keine Hunde sehen und keine Greifvögel. So mußte dies eine Gesellschaft von Höflingen und edlen Damen sein. Sie trugen lockere, bunte Kleidung. Es blinkte kein Helm oder Schwert in der Sonne. Ein Ausflug also. Ihre Gewänder waren verziert und geschmückt. Einer fiel mir besonders auf, möglicherweise der Barde, der auf einem rotbraunen, ebenfalls geschmückten Pferd einherritt und am buntesten von allen gekleidet war.

Die Leute schienen bester Laune zu sein, und der mutmaßliche Barde ritt inmitten einer Schar lachender Damen. Unaufhaltsam näherten sie sich meinem Gebüsch. Ich versuchte, mich kleiner zu machen, wodurch ich mir zwar die Sicht auf die Leute nahm, mich jedoch sicherer fühlte, und hören konnte ich sie ja noch. Das allerdings nutzte mir herzlich wenig, denn ich verstand kein Wort, obwohl sie laut schwatzten und lachten. Der Barde spielte auf einer kleinen Flöte ein munteres Stück.

Da hörte ich sie, die Hunde! Sie liefen laut kläffend hinter der Gruppe her. Oh Gott, wenn die meine Witterung aufnahmen! Ich war verloren! Ich wagte einen kurzen Blick. Meine Angst schien unbegründet, da die Hunde viel zu aufgeregt zwischen den Pferdebeinen umherliefen. Sie hechelten der Gruppe hinterher, nahmen nichts anderes nebenher wahr. Ich war gerettet.

Die Gruppe bestand aus mindestens zwanzig Reitern, wenn ich richtig gezählt hatte, und ich ärgerte mich, daß ich jetzt nicht am Waldrand hockte, denn dann hätte ich sie viel besser beobachten können. Sollte sich der Burgherr unter diesen Leuten befinden? Konnte ich unter Umständen doch einen Vorstoß zu den Frauen am Brunnen wagen und um Essen bitten? Ich wagte einen weiteren Blick durch das Geäst des Busches. Die Gruppe war inzwischen am Waldrand angelangt.

Ich ließ eine Zeit verstreichen, ehe ich mich hinaustraute. Die Gesellschaft war längst im Wald verschwunden. Ich mußte es irgendwie schaffen, so auf dem Weg anzukommen, als wäre ich ihn, vom Waldrand her hinuntergegangen. Dann glaubten die Menschen von der Burg vermutlich, daß ich dem Burgherren begegnet wäre und er nichts gegen mich einzuwenden hätte, ja vielleicht sogar, daß er mich schickte. Also ging ich geradewegs auf den Brunnen zu, an dem inzwischen wieder andere Frauen standen. Sie entdeckten mich bald. Ich spürte ihre mißtrauischen Blicke wie Dolche durch meinen Körper dringen; ging jedoch unbeirrt weiter. Sie waren unterschiedlichen Alters. Die Jüngste schätzte ich auf allerhöchstens zwanzig. Ihr kleines Gesicht, bedeckt von Tausenden von Sommersprossen, wurde von feinen hellblonden Haaren umrahmt. Wahrscheinlich wirkte sie durch ihre zierliche Gestalt jünger, als sie tatsächlich war. Die beiden anderen waren dunkelblond. Die Ältere mußte die Mutter der Hellblonden sein, denn bis auf die Haarfarbe glichen sie sich. Die Dritte war mindestens einen Meter siebzig und recht kräftig gebaut. Sie bildete den krassen Gegensatz zu den beiden anderen. Eines hatten alle drei gemein: den fragenden, argwöhnischen Blick.

Ich überlegte, ob ich sie lieber gleich in Französisch oder Englisch ansprechen sollte? So sagte ich in drei Sprachen guten Tag, stieß den Blicken nach zu urteilen, mit jeder der Sprachen auf Unverständnis und beschloß deshalb, es mit Zeichensprache zu versuchen. Das verstand jeder! Ich rieb meinen Bauch und führte die Hand zum Mund. Ich hörte sie einige Worte wechseln, während sie mich nicht aus den Augen ließen. Allmählich empfand ich die Angelegenheit als ungemütlich. Ein Windstoß erfasste meine Haare und wehte den Rock hoch. Im selben Augenblick sah ich die erschrockenen Züge der Frauen. Anscheinend wirkte ich mindestens genauso fremdartig auf sie wie sie auf mich, warum wohl? War es die Farbe meines Kleides? Der Stoff? Den Slip konnte sie kaum gesehen haben. Trotzig wiederholte ich die Hungergebärde, obwohl ich lieber fortgerannt wäre. Die Größte der Frauen schüttelte schließlich entschieden den Kopf, während sie hinauf zur Burg zeigte. Da konnte sie lange warten! Ohne weiter nachzudenken, drehte ich mich um und rannte den Weg wieder zurück. Hinter mir hörte ich die Frauen rufen. Was riefen sie wohl? Die Neugier ließ mich doch einen Blick über die Schulter werfen. Einige der anderen Burgbewohner hatten sich inzwischen bei den Frauen versammelt. Wollten sie mir folgen?

Ich schaffte es, völlig außer Atem, bis zum Waldrand. Erst jetzt wagte ich einen weiteren Blick zurück. Wurde ich verfolgt? Nein! Gott sei Dank! Obwohl die Angst vor Verfolgung sich in meinen Gliedern festsetzte, tat ich so, als ginge ich gelassen in den Wald hinein. Ich folgte dem Weg, während ich inständig hoffte, nicht der Gesellschaft in die Arme zu laufen. Nach einigen Metern schlug ich einen Bogen und kehrte ungesehen zum Waldrand zurück, wo ich mir einen sicheren Platz unter einem Hollunder suchte. Wie sollte es denn bloß weitergehen? Ich war völlig ratlos. Den Winter überstand ich so sicher nicht, denn ich war mir bewußt, daß ein Winter in dieser Zeit, ein solcher war und ich ihn nicht mit einem seichten, verregneten Winter meiner Zeit vergleichen konnte. Ich mußte die Linde wiederfinden, das war meine einzige Hoffnung! Warum bloß hatte ich sie so achtlos hinter mir gelassen? Der Hollunder wuchs um eine dicke, verästelte Buche herum, an deren Stamm ich mich nun mutlos lehnte. Von hier aus konnte ich die Burg und den Weg bestens überblicken, ohne von einem anderen gesehen zu werden. Ich wickelte mich fester in meine Decke. Das ständige Zittern zerrte an meinen Nerven. Die Decke fühlte sich ekelhaft feucht und kühl an, am liebsten hätte ich sie wieder von mir geschmissen; sie erinnerte mich zu deutlich daran, daß ich sie trocknen mußte. Mir war so unendlich kalt! Mein Magen knurrte im Einklang mit meiner Laune. Was geschah, wenn ich die Linde nicht wiederfand? Wo sollte ich hin?

Vielleicht sollte ich nach einem Kloster Ausschau halten, sofern es solche in dieser Zeit schon gab! Möglicherweise war das Christentum noch gar nicht verbreitet? Und wenn doch, würden sie mich in meinem hauchdünnen Kleid nicht für eine schlimme Sünderin halten? Ich konnte doch nur nachteilig auffallen, was mir durch die Begegnung mit den Menschen bisher bestätigt wurde. Mir fielen die vielen Frauen ein, die im Namen der Kirche aufs Grausamste gefoltert und umgebracht wurden. Ich durfte nichts aufs Spiel setzen. Meine Verzweiflung wuchs, meine Lage schien mir ebenso unbegreiflich wie schrecklich. Ich wünschte mich in meine warme Wohnung, mit einem heißen Tee, auf meinem Sitzkissen ein spannendes Buch lesend.

Ich mußte wohl über meinen Gedanken eingeschlafen sein, erschrocken erwachte ich. Die Gesellschaft kehrte lautstark von ihrem Ausflug heim. In der Hast, mich besser zu verstecken, rutschte mir die Decke von der Schulter. Da kamen schon die ersten Reiter in Sicht, und mir blieb keine Zeit, den Fehler wiedergutzumachen, denn ich hatte Angst mich zu bewegen. Ich erstarrte. Einige der Frauen kamen dem Hollunder so nahe, daß ich, obwohl vor Entdeckung zitternd, ihre wunderschönen, warmen Kleider sehen konnte. Was gäbe ich darum, jetzt in einem solchen Kleid zu stecken! Wolle war so ziemlich das Schönste, was ich mir in diesem Augenblick auf meinem Körper vorstellen konnte. Die Stoffe leuchteten bunt und reich verziert mit Borten und Stickereien. Die Männer, die inzwischen ebenfalls in meinen Sichtkreis geritten kamen, trugen teils knielange, teils wadenlange Gewänder. Ich bewunderte die Haare beiderlei Geschlechts, denn sie trugen sie lang und üppig. Die Frauen trugen ihre Haarpracht zu einem oder zwei dicken Zöpfen geflochten, meist bis über den Po reichend. Die Männer ließen sie offen, bis auf die Schultern oder den Rücken hinunterhängen. Sie sahen alle so prunkvoll aus.

Die Gruppe war mittlerweile lang auseinandergezogen; die ersten Reiter und Reiterinnen entschwanden bereits meinem Blickfeld, als meine Aufmerksamkeit auf einen einzelnen Mann fiel. Er ritt seinen dunkelbraunen Hengst, als wäre er mit ihm zusammengewachsen. Seine Haare trug er länger als die anderen, durch ein Band im Nacken locker zusammengebunden. Überraschend wandte er sein Gesicht in meine Richtung und brachte sein Pferd zum Stehen, dem Busch bedenklich nahe. Sein Blick schien das Blattwerk zu durchlöchern, als spürte er meine Anwesenheit.

Mir stockte der Atem. Zum einen fürchtete ich eine Entdeckung, zum anderen hatte ich noch nie zuvor so ein Gesicht gesehen. Die tief dunkelbraunen Augen wurden von pechschwarzen Wimpern und Augenbrauen umrahmt. Seine ursprünglich wohlgestaltete Nase, von sonnengebräunter Haut überspannt, mußte er sich wohl irgendwann einmal gebrochen haben, denn sie hatte einen erkennbaren Knick, dennoch sah er gut aus. Erst auf den zweiten Blick sah ich das Offensichtliche: die riesigen Narben, die sein Gesicht überzogen, wie weiße Flüsse eine braungebrannte Landkarte. Sie mußten jedem Betrachter sofort ins Auge stechen, wieso hatte ich sie nicht gleich bemerkt? Eine lief vom Haaransatz über die rechte Augenbraue, die Wange entlang bis auf die Oberlippe, was diese allerdings nur umso sinnlicher betonte. Ich wunderte mich über die Richtung, in die meine Gedanken wanderten. Mein Blick blieb trotzdem eine lange Weile an diesen sinnlichen Lippen hängen, und ich fragte mich allen Ernstes, wie es wohl wäre, von diesen Lippen geküßt zu werden. Ich riß mich gegen meinen Willen von ihnen los und richtete meine Aufmerksamkeit auf die zweite große Narbe, die vom linken Ohr über die Wange zum Nasenflügel lief, was wiederum seine Nase betonte. Auch der Hals war übersät mit kleineren Narben, womöglich bedeckten sie seinen Körper in gleicher Art. Der Mann war höchstens dreißig und er strahlte eine tiefgehende Traurigkeit aus, die mein Herz anrührte und mir das Gefühl vermittelte, als trüge er den Seelenschmerz von Jahrhunderten in sich. Trotz seiner offensichtlichen Schwermut übte er eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus. Diese Kraft lockte mich, hinauszutreten und zu ihm zu gehen. Was sollte mir schon geschehen? Meine Glieder zuckten, bereit aufzustehen. Ich konnte mich gerade noch beherrschen. Es war nicht die Angst, die mich zurückhielt, denn ich fühlte mich seltsam verbunden und vertraut mit diesem Mann. Ich hatte das Gefühl, dort einen Freund wiederzusehen, den ich lange nicht mehr getroffen hatte. Ich mußte mich in die Wirklichkeit zurückholen. Sein Blick schien den Busch zu durchdringen, als suchte er etwas. Ich schaute schnell zur Seite, denn ich hatte das abwegige Gefühl, seine Augen blickten unmittelbar in meine und durch sie hindurch, geradewegs in meine Seele.

Was, wenn er mich nun doch entdeckte? Würden mich meine seltsamen Gefühle getäuscht haben, und dieser Mann bereitete mir die Hölle auf Erden, wenn er mich fand? Ich wagte kaum zu atmen, und als könnte er mich deshalb weniger entdecken, tat ich, was kleine Kinder tun, wenn sie nicht gesehen werden wollen, ich schloß die Augen und hielt die Luft an.

Talivan starrte in den Hollunderbusch. Er versuchte, ihn mit seinem Blick zu durchdringen. War da nicht etwas? Ein roter Schimmer? Das Blattwerk war zu dicht und trotzdem hatte er das Gefühl, daß der Busch ihn beobachtete. Um mehr zu entdecken, kniff er die Augen fest zusammen. Hockte da nicht jemand? Oder war es nur die Sonne, die ihm einen Streich spielte? Entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, schnalzte er mit der Zunge, um Lluagor noch näher an den Busch zu reiten.

Raban kam im selben Augenblick, laut krächzend, auf seine Schulter geflogen. Talivan lächelte, während er den Raben unter dem Schnabel kraulte. Raban ließ ein heiseres, wohliges Krächzen hören. Er hielt den Schnabel in die Höhe, damit Talivan bloß nicht auf den Gedanken kam, aufzuhören. Talivan mußte lachen. Was für ein seltsames Tier Raban doch war! Lachend wendete er sich wieder seinem Vorhaben zu. Er schnalzte erneut, Lluagor setzte sich in Gang. Sie kamen jedoch nicht weit, denn die Dame Brighid kam stürmisch herangeritten. Sie brachte ihre Stute schwungvoll vor Lluagor zum Stehen. Die Schönheit konnte offensichtlich wieder nicht ertragen, daß er ihr nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Er wendete Lluagor in Richtung Burg. Gegebenenfalls konnte er damit dem oberflächlichen Geplapper dieser Dame entfliehen. Er warf einen letzten Blick auf den Busch und wurde das Gefühl nicht los, daß dort jemand saß. Raban knabberte zärtlich an seinem Ohr. Er krächzte, als wollte er ihn auslachen.

„Sei still, du Vogel! Da gibt es gar nichts zu lachen!“ Er fing den befremdeten Blick Brighids ein, die sich offenbar ein weiteres Mal wunderte, wie und daß er mit dem Vogel sprach.

Brigidh bemerkte wohl, an Talivans Gesichtsausdruck, daß er sich über ihr Befremden erheiterte. Manchmal war dieser Mann doch recht merkwürdig, er blieb jedoch eine gute Wahl! Sie ließ ihm keine Gelegenheit mehr, tiefer in den Wald zu reiten, und während sie sich der Burg zuwandten, schwatzte sie munter drauflos.

Endlich! Ich wagte wieder zu atmen. Das war knapp. Er mußte mich bemerkt haben! Ich dankte der Frau, die mich, ohne es zu ahnen, vor einer Entdeckung bewahrte. Ich lachte innerlich über den Blick des Narbigen, als die Frau zu ihm geritten war: So war also die Angewohnheit, die Augen nach oben zu rollen und die Mundwinkel genervt nach unten zu ziehen, keine Eigenart des 21. Jahrhunderts, es gab sie schon immer! Irgendwie empfand ich diese Tatsache tröstlich.

Ich schenkte den nachfolgenden Reitern kaum Beachtung, denn meine Gedanken kreisten schon wieder um den einen. Ich wüßte zu gerne seinen Namen! Woher hatte er all diese Narben? Hatte er sie im Kampf erhalten? Oder durch einen Unfall? Nein, dafür schienen sie mir doch zu gleichmäßig, als hätte ihm jemand ein Kreuz über das Gesicht gezogen. Und die Frau? War sie seine Ehefrau? Oder eine Geliebte? Ich stellte mir vor, wie er sie in die Arme nahm, sie unter seiner Berührung dahinschmolz. Ich war eifersüchtig! Unglaublich! Ich konnte es nicht fassen. Wie konnte ich eifersüchtig sein?

Doch dieser Mann war zu tiefer Liebe fähig, das fühlte ich! So zärtlich wie er seinen Raben kraulte und so wie er das Pferd behandelte, er mußte empfindsam sein! Ich ertappte mich, daß ich tatsächlich den Wunsch hegte, an Stelle dieser Frau zu sein. Unbegreiflich!

Mit den Augen folgte ich dem Rest der Gesellschaft, bis hinunter zur Burg, ehe ich meinen Blick ein weiteres Mal über das Burganwesen schweifen ließ. Da entdeckte ich, was ich zuvor übersehen hatte: den Garten. Zwischen einigen Laubbäumen, am Rande der Siedlung, sah ich die Obstbäume stehen. Mein Herz hüpfte vor Freude. Nun brauchte ich nur auf die Dunkelheit zu warten, um meinen Vorrat aufzufüllen. Ohne es bewußt zu steuern, suchten meine Augen nach dem Einen. Er ritt zwischen den Häusern zum Burgtor hinauf. Ein anderer Mann ging wild gebärdend neben dem Pferdekopf her, ehe der Narbige unversehens anhielt.

Talivan brachte Lluagor zum Stehen. Braddock baute sich vor ihm auf. Als Dorfältester mußte Braddock ihm die Schwierigkeiten der Bürger vortragen und mit ihm besprechen, oder ihn gegebenenfalls um Hilfe bitten. Er hatte nicht alles verstanden, was Braddock ihm erzählt hatte, sodaß er ihn wiederholen ließ.

„Herr!“, sagte dieser erneut. Talivan nickte ihm auffordernd zu.

„Als ihr im Wald gewesen seid, ist eine eigenartige Fremde zu den Frauen an den Brunnen gekommen. Dalia, Fand und Adna konnten keines ihrer Worte verstehen. Mit Gebärden zeigte sie ihnen, daß sie Essen haben wollte. Ihr Gewand leuchtete feuerrot, ebenso wie ihre Haare. Die drei glauben, daß es sich um eine Zauberin der schwarzen Seite handelt und sie haben schreckliche Angst vor ihr.“ Er stocherte mit den Zehenspitzen im Boden herum. „Besonders Adna, da sie die Frau ungebührlich lange anblickte. Sie sagt, der Stoff ihres Gewandes sei so fein wie ein Windhauch.“ Er blickte zum Burgtor. „Fand schickte die Frau hinauf zur Burg, doch sie floh in den Wald zurück, als wären tausend Krieger hinter ihr her.“

Braddock setzte an fortzufahren, wenn er einmal sprach, war er kaum zu bremsen, doch Talivan gebot ihm mit einer Geste Einhalt. Er sah sich unter den Umstehenden um und winkte Adna zu sich, als er sie entdeckte.

„Was hast du zu berichten?“

Adnas Augen waren kugelrund, und ihre Stimme bebte vor Aufregung, als sie sprach. „Herr, ich habe niemals einen solchen Stoff gesehen! Nicht einmal bei den hohen Damen.“ Sie schluckte überreizt.

„Glaubt ihr, daß sie mich jetzt verfluchen wird?!“

„Warum sollte sie das tun, vorausgesetzt, sie ist eine Frau mit Zauberkräften?“

„Weil ich ihr rotes Gewand so anstarrte?“

Talivan fiel der rote Fleck im Busch wieder ein. Er hatte sich also nicht getäuscht!

Irgendwie hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. Die beiden Männer unterhielten sich jetzt schon eine Weile. Da konnte ich das Mädchen vom Brunnen erkennen, sie ging auf den Narbigen zu. Jetzt war ich mir sicher, über was sie sich unterhielten, mehr brauchte ich nicht zu sehen. Mich flach auf den Boden drückend, kroch ich so schnell ich vermochte, aus dem Busch heraus, tiefer in den Wald hinein. Als ich mir sicher war, daß sie mich von der Burg aus nicht mehr entdecken konnten, richtete ich mich wieder auf und lief geduckt weiter. Nach kurzer Zeit entdeckte ich einen Baum, in dessen Krone ich mich verstecken konnte. In etwa drei Metern Höhe drückte ich mich dicht an den Stamm. Zu meinem Glück konnte ich von hier aus den Busch und ein Stück des Weges sehen.

Raban flog laut krächzend von seiner Schulter auf und in Richtung Wald davon. Talivan sah ihm nach, wendete Lluagor und ließ ihn antraben. Er wollte zu dem Busch zurückreiten. Wahrscheinlich würde er nichts mehr vorfinden.

Da kam er bereits, der Ritter. Er ritt den Weg hoch, bis zum Busch hin. Er mußte mich also tatsächlich gesehen haben. Wie gut, daß ich so geistesgegenwärtig gewesen war, sonst hätte er mich jetzt gefunden.

Talivan hielt ohne Zögern vor dem Busch. Mit den Augen suchte er die Umgebung ab. Doch das hatte keinen Sinn, sie war längst über alle Berge. Er wendete Lluagor und ritt zurück in seine Burg.

Er kehrte um, und ich atmete erleichtert aus. Gerettet! Das war knapp. Ich war mir allerdings im Klaren darüber, daß mich nur der heutige Tag gerettet hatte, morgen konnte mich das Glück schon verlassen haben.

Ein unerwartetes sanftes Krächzen über mir, ließ mich erschrocken zusammenfahren und nach oben schauen. Da saß dieser Rabe und blickte mich neugierig an. Würde er jetzt seinen Herren rufen? Ich bewegte mich nicht, starrte nur zurück. Er watschelte wie ein Betrunkener auf dem Ast herum, während er weiter seine heiseren, kehligen Laute ausstieß, leise, als wollte er mich nicht erschrecken. Er hielt seinen Kopf schräg, wie ein Hund, derweil beobachteten mich seine kleinen, schlauen schwarzen Augen unentwegt. Ich hatte das vernunftwidrige Gefühl, als beobachtete mich jemand durch die Augen des Raben. So ein Unsinn! Ich versuchte, den durchdringenden Blick des Vogels nicht zu beachten und begann mit dem Abstieg. Er folgte mir gemächlich, Ast für Ast, ohne mich aus den Augen zu lassen, während er vor sich hinbrabbelte wie ein alter Mann. Als ich schließlich unten ankam, sprang er vor meine Füße auf die Erde. Ich hockte mich hinunter zu ihm, streckte zaghaft die Hand aus. Blitzschnell hackte er danach. Unerwartet krächzte er laut und durchdringend und flog auf, zurück zur Burg. Ich fühlte mich von diesem seltsamen Tier verraten. Sehnsüchtig blickte ich ihm nach.

Ich mußte mir dringend einen Schlafplatz in der Nähe suchen, denn in der Nacht hatte ich meinen Vorrat aufzufüllen. Außerdem sollte ich am Tage versuchen Bucheckern zu sammeln, eine gesunde und schmackhafte Nahrung. Schließlich fand ich einen mir geeignet erscheinenden Baum, auf dem ich mich häuslich einrichtete, denn die Nacht brach mit erstaunlicher Geschwindigkeit über den Wald herein. Ich versuchte, mein Unterbewußtsein auf Mitternacht einzustellen, da um diese Zeit, so hoffte ich, die meisten der Menschen hier schlafen würden, und die Gefahr entdeckt zu werden, sich verringerte. Wenn die Sonne schlafen ging, dann herrschte Dunkelheit, ob ich müde war oder nicht. Gewöhnlicherweise würde ich um diese Zeit zuhause mein Licht einschalten, mir einen Tee aufgießen, mich vor den Zeichentisch setzen und arbeiten. Was gäbe ich darum! Doch ich wollte nicht weiter darüber nachdenken, denn hier gab es keine Lichtschalter. Aber es gab einen außergewöhnlichen Mann!

Wahrscheinlich war es wirklich das Beste, ich schlief eine Weile, um für mein nächtliches Abenteuer frisch zu sein. Aber wie einschlafen, wenn doch die Gedanken im Kopf herumwirbelten, als herrschte dort oben Sturm? Außerdem knurrte ständig mein Magen, und die wildesten Ängste versuchten, meiner Herr zu werden. Das Bild des narbigen Ritters kam mir in den Sinn, wie er dort auf seinem braunen Hengst saß und in den Busch starrte. Wieso war er mir so sonderbar vertraut?

Ein lautes Geräusch unter dem Baum weckte mich wieder. Wildschweine wühlten geräuschvoll grunzend in der Erde. Mir wurde unheimlich zumute. Sie wühlten den Waldboden auf und durcheinander, schubsten sich gegenseitig von den besten Plätzen und bissen sich in die Ohren und Schultern, wohl um ihre Rangordnung zu bekräftigen. Ich wartete, bis die Tiere außer Hörweite waren, ehe ich mich von dem Baum herunterwagte. Der Gefahr, einem ungehaltenen Eber oder einer Bache über den Weg zu laufen, wollte ich mich nicht aussetzen. In der Dunkelheit sah der Wald völlig anders aus. Hatte ich vor dem Einschlafen gedacht, ich kannte mich inzwischen aus, so sah ich mich getäuscht. Ich brauchte ein Weile, um mich auszurichten. Der Vollmond stand ziemlich hoch, und Gott sei Dank war der Himmel klar, so daß ich mich schließlich doch zurechtfand. Wo ein Vorteil war, zeigte sich auch gleich ein Nachteil, der klare Himmel brachte eine eiskalte Nacht mit sich. Zitternd kletterte ich vom Baum. Hoffentlich fand ich diesen wieder, wenn ich zurückkehrte.

Langsam schlich ich zur Burg. Der Anblick, den sie mir im Mondschein bot, ließ mich einen Augenblick sprachlos verharren und genießen. Ein Bild wie aus dem Bilderbuch! Sie thronte oben auf dem Hügel, zu ihren Füßen hockten die Häuser der Bürger, und über allem leuchtete der Mond mit einem riesigen Vorhof. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf den Weg. Die Nacht schien mir eisig. Der erste Frost kroch über den Boden und mir war, als würde er ohne Umweg in mein Herz hineinkriechen. Plötzlich raschelte und knackte es laut hinter mir im Unterholz. Ich erstarrte. Was oder wer war das? Würde ich womöglich gleich den heißen Atem eines Drachen in meinem Nacken spüren?

Gab es in dieser Zeit Drachen? Würde ich all meinen unglaublichen Erlebnissen ein weiteres hinzufügen können? Mein letztes vermutlich? Gelähmt vor Angst zwang ich mich, den Kopf zu wenden. Da sah ich ihn... Keine zehn Schritte von mir entfernt stand ein gewaltiger Hirsch und putzte sein Geweih im Unterholz. Nur ein Hirsch! Ich atmete erleichtert auf. Mit einem Mal hob er seinen Kopf und blickte geradewegs in mein Gesicht. Ein Hirsch konnte gefährlich sein, gerade in dieser Jahreszeit, ich zwang mich, ruhig rückwärts zu gehen. Er behielt mich wachsam im Auge, während er den Kopf anhob. Für mich unerwartet, gab ein markerschütterndes Röhren von sich. Ich zuckte heftig zusammen, er stieß seinen weißen Atem aus. Meine Knie fühlten sich an wie Butter. Oh Gott, dachte ich, bloß jetzt nicht umkippen! Trotz meines Schocks schaffte ich es weiterzugehen. Als ich mich weit genug von ihm entfernt hatte, drehte ich mich um und lief hinunter zur Burg so schnell ich konnte.

Erst in der Deckung eines Busches hielt ich an, um zu verschnaufen. Ich zitterte heftig, doch nicht nur der Kälte wegen. Nach einer Verschnaufpause schlich ich weiter, immer in Deckung bleibend. Als ich endlich unter dem ersten Birnbaum stand, pflückte ich in aller Eile, bis der Rucksack halb gefüllt war, dann widmete ich mich einem Apfelbaum. Während ich erntete, aß ich mich an Birnen und Äpfeln satt.

Der Rückweg zu meinem Baum war beschwerlicher als ich dachte, denn der Rucksack war inzwischen richtig voll. Der Morgen graute schon, als ich wieder bei ihm eintraf. Den Baum samt schwerem Rucksack zu erklimmen, stellte mich vor eine erneute Schwierigkeit, nach drei Anläufen gelang mir jedoch auch dieses Unterfangen. Ich verstaute das Obst sicher, ehe ich mich in der Astmulde verkeilte, um noch ein wenig zu schlafen. Es gelang mir nicht. Ich war viel zu aufgeregt und verspürte eine gewisse Genugtuung, weil mir gelungen war, was ich mir vorgenommen hatte. Das erste Mal, seitdem ich unter der Linde erwacht war, empfand ich eine gewisse Zufriedenheit.

Während ich so dasaß, die Tierwelt unter mir beobachtend, und während das Morgenrot zu erglühen begann, beschloß ich, der Sicherheit wegen alle paar Nächte einen anderen Baum zu suchen. Die Aussicht darauf war wenig verlockend. Selbstverständlich mußte der Standort im Umkreis meiner Obstbaumjagdgründe bleiben und trotzdem weit genug von der Burg entfernt, um nicht wieder aufzufallen. Es war seltsam, wie wohl ich mich jetzt fühlte, nachdem ich mich satt gegessen hatte. An diesem Morgen erschien mir alles nur halb so schrecklich, und selbst die Gedanken, daß ich damit rechnete, weitere Tage so zubringen zu müssen, schreckten mich weniger. Ich begann den Tag mit neuer Kraft und voller Tatendrang.

7 Das Messer

Talivan hatte die letzte Nacht schlecht geschlafen. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu der seltsamen Frau zurück, obwohl er selbst sie nie gesehen hatte. Und seit einer guten Woche auch kein anderer. Trotzdem beschäftigte sie ihn. Er war sich ihrer Blicke nur zu bewußt gewesen. Außerdem beunruhigten ihn die Ritter Mruad und Rioc. Ihr Besuch letzte Woche war unheilverkündend und bedrohlich für das Reich von Artus gewesen. Er wußte genau, daß sie die Lage auskundschaften wollten, und sie würden weitere Burgen aufsuchen. Rioc hatte er noch nie leiden können. Mruad war ein Mitläufer, doch gefährlich waren sie beide. Sie verkörperten Grausamkeit und Gefühlkälte.

Talivan sprach empfindsam darauf an, seit der Folterung. Er schüttelte sich unwillkürlich. Die beiden Ritter waren unberechenbar in ihrer Art, das machte sie um so gefährlicher. Nun zogen sie wie ein giftiger Lindwurm durchs Land und vergifteten jedes Herz, das sich ihren schändlichen Worten öffnete. Sein Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken. Er war froh, daß er gleich einen Boten zu Artus gesandt hatte. Warum nur immer Neid, Mißgunst und Unverstand? Artus war ein guter und gerechter König. Talivan konnte nicht verstehen, aus welchem Grund jemand diesen König stürzen wollte. Sollte es denn immer wieder Kriege geben? Die Leidtragenden waren die Schwachen: die Kinder, Frauen und Alten und die Tiere. Ländereien wurden verwüstet, ohne Rücksicht, ohne Voraussicht! Dahinter stand Verlangen nach Reichtum. Dabei gab es wahren Reichtum doch allein im Herzen! Er konnte einzig bei sich selber anfangen, den Frieden zu leben! Er war froh, daß er durch seine frei denkende Familie und seine bedeutsamen Erlebnisse ein friedliches Denken in sich trug. Aus dieser Denkweise ergab sich seine Ehrfurcht vor jeglichem Geschöpf und jeglicher Lebensweise. Er schmunzelte. Nicht selten wurde er ob seiner weichlichen Denkweise schief angesehen. So dachten nur Frauen, keine Männer und erst recht keine Krieger! Aber er wollte kein Krieger sein, und das gab ihm das Recht so zu denken. Natürlich gab es nur eine Wahrheit, doch es gab viele Wege dorthin!. Gleiches Recht für alle. Im selben Augenblick wurde er sich der Widersinnigkeit dessen bewußt. Wo war denn das gleiche Recht für Unfreie oder Leibeigene? Sie kamen mit anderen Rechten auf die Erde als in den Adel Hineingeborene. Oder die Frauen? Wenn sie nicht genügend Rückgrat mitbrachten, dann hatten sie mancherorts weniger Rechte als ein Unfreier. Er konnte nicht glauben, daß dies in der Absicht der Schöpferkraft lag. Kein Mann war fähig, ohne eine Frau ein Kind in die Welt zu setzen, also gehörten sie doch untrennbar zusammen und hatten somit die gleichen Rechte. Ein bißchen Muskelkraft mehr machte die Männer glauben, über alles herrschen zu können, was schwächer war.

Talivan setzte sich in seinem Bett auf und reckte sich. In seiner Kammer war es kalt. Kein Wunder, denn der Winter kam unaufhaltsam näher. Er versuchte, seine vielen mißmutigen Gedanken zu vergessen. Heute war ein neuer Tag! Eine Gelegenheit mehr, aus seinem Leben das Beste zu machen. Raban saß wie immer oben auf dem Gestänge des Bettvorhangs. Er brabbelte leise vor sich hin. Als er merkte, daß Talivan ihm seine Aufmerksamkeit schenkte, hopste er hinunter auf das Bett und ließ sich von ihm unter dem Schnabel kraulen. Nach einer Weile gab ihm Talivan einen liebevollen Klaps, das sichere Zeichen, daß die Streichelstunde beendet war. Raban flog wieder auf das Bettgestänge, während Talivan nach seinem wollenen Untergewand griff. Die Luft war feucht, er sah seinen Atem. Schnell streifte er sich das Untergewand über. Während er seine Decke zur Seite auf´s Bett warf, schob er sich an die Bettkante, um seine Stiefel überzuziehen. Sein Obergewand greifend, hob er mit der anderen Hand seinen Gürtel auf, der von der Bettkante heruntergefallen war. Er knüllte alles zu einem Bündel zusammen und ging hinaus in den Gang, der zur Zeit völlig im Dunkel lag. In der Halle bereiteten unausgeschlafene Mägde und Knechte das Frühstück vor. Talivan grüßte sie freundlich, als er an ihnen vorbei hinaus in den Hof zum Brunnen ging.

Er zog seine Stiefel und das Untergewand wieder aus, um es mit den anderen Sachen auf den Brunnenrand zu legen. Er griff, die Luft anhaltend, nach dem Eimer Wasser, der für ihn bereitstand und goß ihn prustend über sich aus. Jetzt war er wach! Jemand reichte ihm ein Leinentuch zum Trocknen hin.

„Hier!“

Talivan lächelte seinen Bruder Gavannion an. Nachlässig wischte er sich erst sein Gesicht ab, ehe er flüchtig seinen Oberkörper und seine Arme, Lenden und Beine trocknete. Grinsend gab er Gavannion das Tuch zurück.

Gavannion konnte seine Gefühle kaum verbergen. Er hatte jeden Morgen erneut Schwierigkeiten, mit dem Anblick seines Bruders umzugehen. Ihm stieg die Galle hoch, doch er unterdrückte seine Rachegefühle. Er verstand Talivan nicht, der sich anscheinend mit allem abgefunden hatte.

Talivan zog sich an. Er kannte diesen Blick von Gavannion, doch er war nicht bereit, darauf einzugehen. Er wollte nur vergessen, weiter nichts. Rachegefühle halfen ihm nicht dabei, denn er hatte seine Peiniger nicht einmal gesehen. An wem sollte er also seine Rache verüben?

Gavannion zog sich ebenfalls einen Eimer Wasser herauf. Er entkleidete sich und wiederholte die Waschung.

Talivan reichte ihm das Leinentuch, während er sich die feuchten Haare aus dem Gesicht strich. „Hat irgendeiner ein Wort von Abreise verlauten lassen?“

Gavannion schüttelte den Kopf. „Sie fühlen sich sehr wohl!“ .

„Was muß ich denn tun, um sie rauszuekeln?“ Talivan schüttelte unwillig den Kopf, und seine Haare landeten wieder im Gesicht.

Gavannion, der sich anzog, war inzwischen bei den Stiefeln angelangt. Talivan zog eine Grimasse, was sein vernarbtes Gesicht unschön verzerrte. Gavannion blickte hastig zur Seite, weil er Angst hatte, daß Talivan den Schmerz sah, den er bei seinem Anblick empfand.

„Die fressen unsere Wintervorräte weg. Sodelb sagt nichts, ich sehe es an ihrem Blick. Außerdem lassen die Kerle die Mägde nicht in Ruhe!“ sprach Talivan weiter.

Gavannion schaute ihm ins Gesicht, er hatte sich jetzt wieder in der Gewalt. „Vielleicht können wir sie mit einer List fortlocken?“

Talivan zuckte die Schultern. „Darin bin ich nicht so gut.“

„Laß uns nachher darüber reden, wenn du zurück bist. Unter Umständen ist Morcant bereit, einen Köder zu fressen! Ich habe da schon einen Einfall.“

Sie gingen gemeinsam mit Verschwörermiene in die Halle zurück. Die Gäste lagen noch im tiefsten Schlummer, denn sie hatten wie üblich die Nacht durchgefeiert. Talivan fand diesen Brauch unsinnig und fragte sich, wer ihn wohl erfunden hatte. Sollten sich doch die mit irgendwelchen höfischen Gästen herumplagen, denen dies wichtig war. Er konnte es nicht ausstehen. Den Winter über zog die Rotte von Höflingen, jungen Rittern und Damen von Burg zu Burg, um sich durchzufressen und anderen Leuten auf die Nerven zu gehen. Er mußte dem eine Ende bereiten, denn seine Leute waren ihm wichtiger als diese Rotte.

Er beeilte sich, mit dem Essen fertig zu werden, damit er sich heute hoffentlich ersparte, einen von ihnen sehen zu müssen. Er hatte bestimmt bis weit in die Nacht zu tun, denn die Gerichtstage waren immer anstrengend. Doch das war er seinen Leuten schuldig, die oft weite Wege auf sich nahmen, um seinen Rat zu hören oder seine Rechtsprechung in Anspruch zu nehmen. Gestärkt verabschiedete er sich von Gavannion und ging in den Hof zurück. Die fünf Männer, die er zur Sicherheit mitnahm, warteten bereits. Sein Knappe Ganant stand mit Lluagor vor der Treppe. Er begrüßte ihn und die anderen freundlich, bevor er Lluagor eigenhändig sattelte. Mit einem Satz sprang er auf und ritt zügig hinaus.

Ich verbrachte die Tage jetzt tiefer im Wald, beobachtete die Natur, die Tiere, Pflanzen, und die Burg und ihre Bewohner. Jede zweite Nacht schlich ich hinüber und stahl mir meine Nahrung von den Bäumen. Ich hatte mir, selbst auf die Gefahr hin, daß Tiere meine Vorräte plünderten, ein kleines Loch gegraben, in das ich mein Obst legte. Der Baum, den ich inzwischen bewohnte, war mein vierter und der sicherste bisher. Ich hatte oben eine riesige Gabelung, auf der ich mich ausbreiten konnte. Kaum zu fassen, daß ich schon seit einer Woche hier war. Eine aufregende Woche in der Vergangenheit! Ich konnte es nicht glauben, egal wie greifbar mir alles erschien. Sicher war auf jeden Fall, daß ich nicht mehr lange so weitermachen konnte. Schade, daß meine verzweifelte Suche nach einer Höhle erfolglos war. Obwohl meine Angst, einen Bären aus seinem Winterschlaf zu erwecken, auch den Gedanken an eine Höhle in Frage stellte, war die Vorstellung trotzdem lockend.

Die Nächte waren mittlerweile empfindlich kalt, und jeden Morgen erwachte ich mit Reif auf meiner Decke. Die Kälte war grausam und unerbittlich. Sie kroch mir über die Füße, an denen ich lediglich Sandalen trug, bis hinauf in mein Herz. Und irgendwann gäbe es keine Äpfel und Birnen mehr. Gott sei Dank hatte ich im Wald Topinambur gefunden und eine Menge Bucheckern gesammelt, aber wie viele Tiere würden sich diese im Winter mit mir teilen wollen? Ein paar Brombeeren erweiterten meinen Speiseplan, doch die Brombeerzeit war schon längst vorbei. Ich wußte, daß die Indianer und wahrscheinlich auch die Wikinger sich Brot und andere Köstlichkeiten aus der Birke hergestellt hatten, doch wie sollte ich die Rinde vom Baum bekommen? Ich brauchte etwas Scharfes, Spitzes! Am besten ein Messer!

Wie sollte ich an ein Messer gelangen? Konnte ich es wagen, in der Nacht im Dorf unter der Burg nach einem zu suchen? Bestenfalls hatte jemand sein Messer draußen vergessen? Und möglicherweise fand ich eine Decke oder ähnliches, das mich warmhalten könnte. Mir war so erbärmlich kalt! Ich war ja schon dankbar, daß es in letzter Zeit nur zweimal geregnet hatte, denn bei Regen blieb mir lediglich, mich in ein möglichst dichtes Gebüsch im Wald unter großen Bäumen zu verkriechen. Der Gedanke, da drüben in das Dorf zu schleichen, mich viel näher, als mir lieb war, bei den Häusern und ihren Bewohnern aufzuhalten, und außerdem zwangsweise stehlen zu müssen, gefiel mir nicht. Ich hatte keine Wahl! Mein Überlebenssinn war geweckt. Meine Angst vor den Leuten hielt mich davon ab, ein weiteres Mal offen zu ihnen zu gehen, und ich konnte diese Angst nicht besiegen. Ich richtete mich so angenehm wie möglich auf meinem Baum ein, denn mir blieb noch eine Weile bis Mitternacht, meiner bevorzugten Zeit für Ausflüge dieser Art. Die Dauer des Wartens schien mir endlos. Wach in der Dunkelheit zu sitzen war schrecklich. Durch die grauen Wolkenfetzen konnte ich den Mond sehen, der inzwischen ziemlich hoch stand.

Ich schlich los. Mittlerweile kannte ich mich schon recht gut aus, sodaß mir das fehlende Licht des Mondes nicht allzuviel Schwierigkeiten bereitete. Ich hoffte und betete nur, daß mich kein Hund verriet. Vielleicht schliefen die Hunde tief und fest, so fest, daß sie mich überhörten. Übervorsichtig schlich ich von Haus zu Haus. Meine Hände ertasteten zitternd sämtliche Gegenstände in der Dunkelheit, ein Messer fand ich nicht. Beim sechsten Haus passierte dann das Schreckliche, ich hörte gerade noch das leise aber bedrohlich klingende Knurren, da schlug der Hund laut an. Der Schock setzte sich sofort in meine Glieder. Stocksteif stand ich da. Kurze Zeit später zeigte sich der erste menschliche Kopf im Türrahmen. Sämtliche Hunde begannen zu bellen. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, doch mein innerer Antrieb rettete mich und ich lief los. Ich hörte, wie sich weitere Türen öffneten. Stimmen flogen von Haus zu Haus. Unvermutet hörte ich ein sirrendes Geräusch, nahe meinem Ohr. Um Haaresbreite flog ein Pfeil an mir vorbei, in die dunkle Nacht hinein. Ich schluckte. Das war knapp.

Ich lief so schnell ich konnte und klammerte mich an meine einzige Hoffnung, daß ich mich in der Dunkelheit inzwischen viel besser auskannte als die Bewohner des Dorfes. Ich wunderte mich, daß sie mir nicht die Hunde auf den Hals hetzten. Tatsächlich gelang es mir, den Wald heil und wohlbehalten zu erreichen. Ich schien noch einmal mit dem Leben davon gekommen zu sein. Sie mußten eine Heidenangst vor der Nacht haben! Hatten Heiden Angst? Ich lachte unvermittelt. Doch in Wahrheit verdrängte ich damit nur den tief sitzenden Wunsch, am liebsten loszuheulen. Das Lachen verschaffte mir Entspannung. Mit letzter Kraft zog ich mich auf meinen Baum und wickelte mich, wie immer zitternd, in meine ewig feuchte Decke ein. Ich verfluchte meine Ungeschicklichkeit! Wie konnte ich nur so unvorbereitet eine solche Schwierigkeit angehen? Irgendwann überwältigte mich dann doch die Müdigkeit. Ich fiel in einen unruhigen, traumreichen Schlaf.

Früh am Morgen wurde Talivan unsanft aus dem Schlaf gerissen. In der Halle wartete Braddock und ein paar Bürger. Er zog sich in Eile an, denn es hieß, daß es wichtig wäre. Sein morgendliches Bad mußte warten. Seine Laune war den Umständen entsprechend nicht die beste. Die letzten Nächte hatte er zudem schlecht geschlafen, da ihn zu viele Gedanken über zu viele Schwierigkeiten plagten. Außerdem hatte Ganant ihn nicht gerade feinfühlig geweckt, wahrscheinlich weil er hoffte, daß er endlich ein richtiges Abenteuer erlebte.

Braddock stand in der Halle und knetete unsicher seine Hände. Er sah ebenfalls unausgeschlafen aus.

„Was gibt‘s, was nicht Zeit bis nach dem Frühmahl hat, Braddock?“

„Herr, es ist wieder wegen diesem Weib! Die Frauen haben Angst. Sie ist im Dorf herumgeschlichen. Wollte wohl stehlen. In den letzten Nächten ist ständig Obst verschwunden, jetzt haben wir die Schuldige ertappt, sie konnte jedoch entfliehen!“ Braddock holte kurz Luft. „Die Frauen fürchten weiterhin, sie könnte uns verfluchen. Wir bitten Euch um die Erlaubnis, sie suchen und fangen zu dürfen.“ Ein entschlossener Zug legte sich um seine Lippen.

Sie hielt sich also bis zu diesem Zeitpunkt im Wald auf. Wie seltsam, er hatte angenommen, daß sie schon längst weitergezogen wäre. Wer war sie? Was wollte sie hier? Mehr denn je wollte er ihr Geheimnis ergründen. Welche Schwierigkeiten veranlaßten sie, hier zu bleiben? Oder verfolgte sie tatsächlich einen üblen Plan? Gehörte sie womöglich zu Rioc und Mruad? Es gab nur einen Weg, das herauszufinden, er mußte sie finden! Tatsächlich konnte er sich eines gewissen Jagdeifers nicht erwehren. Sein Blick fiel auf Braddock, der auf seine Antwort wartete.

„Laß zehn Männer im Hof versammeln, wir reiten gleich los.“

Braddock schien sichtlich erleichtert, daß er dieser Aufgabe entledigt war.

Raban setzte sich auf Talivans Schulter, während dieser sich an seinen Knappen wendete.

„Ganant, bitte wecke Gavannion, ich möchte, daß er mitreitet.“

Ganant nickte eifrig und rannte los.

Als hätte er Blut gerochen, tauchte plötzlich sein Vetter Morcant auf, seinen Bruder Cadoc im Schatten. Talivan wäre tausendmal lieber ohne ihn losgezogen, bedauerlicherweise ließ sich das jetzt wohl nicht mehr einrichten. Er fand keine Begründung, ihm die Teilnahme an der Suche zu verbieten.

Morcant trug wie stets sein anmaßendes Lächeln auf den Lippen. Seine Kleidung saß, ebenso wie immer, tadellos. Cadoc wieselte wie eh um Morcant herum.

„Nun Vetter! Ich höre, Ihr wollt auf die Jagd gehen? Doch gewiss nicht ohne uns!“ Fragte Morcant leise.

Talivan gab sich geschlagen. „Natürlich nicht ohne Euch! Ihr solltet Euch jedoch im Klaren sein, daß es sich hier nicht um eine Jagd, sondern um eine Suche handelt!“ Talivan lächelte aufgesetzt, was Morcant mit einem gehässigen, leisen Lachen beantwortete.

Wenn Talivan wüßte, wie Morcant ihn, seinen Vetter haßte, dann würde er nicht so leichtfertig mit ihm umgehen. Talivan besaß alles! Die Gunst des Königs, Reichtum, Freunde! Eines besaß er allerdings nicht mehr, und daß es dazu gekommen war, dazu hatte er, Morcant, sein Bestes gegeben. Leider war Talivan zäher als erwartet, sodaß er die Folterung tatsächlich überlebt hatte. Doch wie sah er jetzt aus! Ha! Ein scheußliches Abbild seiner selbst, und das verdankte er ihm, seinem treuen Vetter Morcant! Er wußte es nur nicht. Morcant lachte innerlich, wenn er an die entsetzten Blicke der Damen dachte, die Talivan das erste Mal erblickten. Gegebenenfalls sollte er ihm einmal erzählen, wem er sein jetziges Antlitz zu verdanken hatte. Wie gut, daß er wenigstens seine Genugtuung in der Hinterhand hatte. Auch ihn gafften die Weiber an, wenn sie ihn das erste Mal sahen, doch aus gegenteiligen Gründen. Er wußte um sein gutes Aussehen.

Talivan war bereits auf dem Weg nach draußen, als Gavannion um die Ecke kam. Während sie zusammen weitergingen, erklärte Talivan seinem Bruder, worum es ging. Als sie aus der Tür traten erschrak er, denn Morcant hatte seine Bluthunde anleinen lassen.

„Was soll das? Sagte ich nicht gerade, daß es sich nicht um eine Jagd handelt!? Ich will die Hunde nicht dabei haben!“

Morcant blickte ihn überheblich an. „Sie finden die Spur hundertmal schneller als wir!“

Talivan überlegte eine Weile. Sie würden sicherlich schneller fündig werden, und in Anbetracht des Wetters, welches zusehends schlechter wurde, neigte er zum Nachgeben. „Aber sie bleiben angeleint!“

Morcant lächelte siegesgewiß. „Ich hatte nichts anderes im Sinn!“

Talivan glaubte ihm nicht. Er wendete sich, ohne ein weiteres Wort an Morcant zu verschwenden, seinen Männern zu.

8 Die Jagd

Kaum, daß sie aus dem Tor geritten waren, begann es fürchterlich zu regnen. Nur die dicken Wollumhänge hinderten den Regen daran, bis auf die Haut durchzudringen und sie völlig durchzuweichen. Talivan ritt Lluagor. Raban flog krächzend von seiner Schulter auf, er konnte Regen nicht ausstehen und flog laut schimpfend, denn andererseits liebte er die Aufregung, zurück in die Burg. Talivan mußte über ihn lächeln.

Die Hunde begannen mit ihrem fürchterlichen Gejaule, er bekam eine Gänsehaut. Er haßte dieses Jaulen. Nichts war schlimmer als eine auf Spur geführte Bluthundrotte. Morcant erfreute sich bester Laune, trotz des Wetters. Angewidert stellte Talivan fest, daß er von dem allgemeinen Jagdeifer angestachelt wurde. Hoffentlich verloren die Hunde bei diesem Regen die Witterung nicht zu schnell. Was würden sie vorfinden? Eine alte Druidin? Eine schöne und ebenso böse Zauberin? Er trieb Lluagor in eine schnellere Gangart. In straffer Geschwindigkeit ritten sie auf den Wald zu, die jaulenden Hunde zerrend an den Leinen.

Ich hörte die Hunde erst im Schlaf, doch als mein Traum von den Tieren nicht verschwinden wollte, wachte ich entsetzt auf. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. Eine Jagd, bei diesem Wetter? War das so üblich? Ich wußte unwillkürlich, daß diese Jagd mir galt. Dieses Mal war ich an der Reihe. Ich dachte nicht länger darüber nach. Hastig warf ich den Rucksack hinunter und kletterte in Windeseile hinterher. Während ich schon losrannte, hängte ich mir den Rucksack um. Verdammt! Ich hatte die Decke oben vergessen! Umzukehren wäre Wahnsinn! Wohin sollte ich denn laufen? Der Bach! Ohne Zweifel, dort könnte ich meine Spur verschwinden lassen. Im Wasser würden die Hunde meinen Geruch nicht mehr verfolgen können. Ach, wäre ich doch nie auf den dummen Gedanken gekommen, ein Messer haben zu wollen. Das hatte ich nun davon. Plötzlich wußte ich nicht mehr in welche Richtung ich laufen mußte, um den Bach zu erreichen. Mein Gedächtnis war wie ausgelöscht, und das, obwohl ich jeden Tag am Bach gewesen war! Dann hörte ich die Hunde lauter werden. Sie waren schon so nah! Viel zu nah...

Talivan und seine Gruppe entdeckten den Baum. Sie fanden das Vorratslager, und entdeckten eine Decke auf einem Ast in der Baumkrone. Ganant kletterte hinauf, um die Decke zu holen, damit sie diese den Hunden vorhalten konnten. Jetzt ging es erst richtig los. Sie nahmen Witterung auf. Ihr Gejaule ging Talivan durch Mark und Bein. Sie zogen an den Leinen. Talivan warf den Hundeführern einen scharfen Blick zu, sie sollten bloß nicht wagen, die Tiere loszulassen.

Zwischen Talivan und Morcant fand ein kurzer Blickkampf statt. Morcant war jedoch klug genug, sein Spiel nicht auf die Spitze zu treiben. Sie jagten den Hunden hinterher.

Da, gerade mußten die Hunde den Baum entdeckt haben. Ich hörte ihr überheiztes Aufjaulen. Lauf um dein Leben, dachte ich bei jedem Schritt. Lauf, lauf, lauf... Diese Worte gaben mir die nötige Gleichmäßigkeit und die Kraft, um weiterzulaufen. Was würde wohl mit mir geschehen, wenn sie mich einfingen? Oder täuschte ich mich doch? Waren sie gar nicht hinter mir her? Und wenn doch? Würden sie sich einen Spaß mit mir machen und mich anschließend um die Ecke bringen? Wie wurde Mundraub in dieser Zeit bestraft? Mit Schrecken erinnerte ich mich an Berichte aus dem Mittelalter von abgehackten Händen und ausgestochenen Augen! Gab es ein Gericht? Oder Vergeltung ohne Gericht? Verdammt, es war egal, wie ich umgebracht wurde, mit oder ohne Gerichtsbeschluss. Ich zitterte, nicht nur, weil mir eiskalt war und das nasse Kleid mir am Körper klebte. Die Angst gewann die Oberhand. Ich merkte, wie kopflos ich wurde, betete, daß alles nur ein böser Traum war und ich gleich in meinem Bett aufwachte. Umsonst! Nichts veränderte sich, außer dem Hundegejaule, das immer lauter wurde. Zweige klatschten mir ins Gesicht, hinterließen Schrammen, zerrissen mein Kleid. Ich blieb hängen, riß mich wieder los, lief weiter, immer nur weiter. Ich fühlte den Schock meine Glieder lähmen. Ich war so unendlich müde. Meine Lungen brannten. Ich fühlte den Tod nach meinem Herzen greifen. Doch mein Körper lief weiter. Egal wohin, nur weg von diesen gräßlich jaulenden Hunden. Wo war denn bloß der Bach geblieben?

Morcant ritt an der Spitze des Zuges. Er empfand die Jagd als überaus angenehmen Zeitvertreib. Talivan ritt dicht hinter ihm. Da ließ Morcant einen Freudenschrei los.

Talivan erblickte sie im selben Augenblick. Er konnte das rote Gewand erkennen. Also war es tatsächlich dieselbe Frau. Er trieb Lluagor an, um an Morcant und Cadoc vorbeizuziehen, denn er wollte auf jeden Fall als erster bei ihr sein.

Ich hörte die Hunde und Reiter jetzt unmittelbar hinter mir. Nur nicht umdrehen! Weiterlaufen! Doch ich hielt es nicht aus. Ich mußte mich umwenden, um zu sehen, wieviel Zeit mir blieb. Standen die Schutzengel mir bei? Ich blickte über die Schulter. Der Schreck fuhr mir in alle Glieder. Mich trennten nur noch höchstens fünfzig Schritte von den Reitern und den erregten Hunden. Neben den ersten Reitern liefen die Hundeführer. Ich erstarrte innerlich. Die Gesichter der beiden Reiter flößten mir bloßes Entsetzen ein. Sie wollten Blut sehen. Mein Blut! Sie wollten ihren grausamen Spaß haben. Für sie war alles nur ein Spiel, es ging ja nicht um ihr Leben. Die beiden wurden von einem anderen Reiter überholt. Der Narbige! Sogar ihm stand der Jagdeifer im Gesicht geschrieben. Anscheinend wollte er derjenige sein, der mich als erster erreichte. Wollte er mich schützen oder Besitzansprüche geltend machen? Ich wandte mich wieder meinem Fluchtweg zu, gerade rechtzeitig, denn ich war im Begriff, in einen an der Wurzel gegabelten Baum hineinzulaufen. Um ihn zu umrunden war es zu spät, ich mußte mich hindurchzwängen. Ich stützte mich mit der linken Hand am Stamm ab, während ich mich durch die v-förmige Lücke zwängte. Ein heftiger Schmerz in meiner Hand ließ mich innehalten und meinen Blick auf sie richten.

Der Schock traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ein Pfeil nagelte meine linke Hand am Baum fest. Das war zuviel! Ich lehnte mich an den Stamm hinter mir, und während mir die Tränen ungehindert über die Wangen liefen, schloß ich die Augenlider. Meine Knie waren butterweich. Jäh erfaßte mich die Wut. Wut über meine Lage, über diese Wilden, die mir dies antaten. Mein Blick flog anklagend zu den Reitern. Welcher von ihnen hatte mich derart verletzt? Etwa der Narbige? Die Hunde kläfften laut und wild. Nein, kein Zweifel, es war der andere, der höhnisch grinsend auf seinem Rappen saß. Er zog spöttisch an der Bogensehne, als spielte er eine Harfenseite ab. Ich mußte mich abwenden. Ich gab mir einen Ruck und sammelte alle Kraft, die ich noch aufbringen konnte. So sollten sie mich nicht niedermachen. Meine rechte Hand legte wie im Rausch den Weg zur linken zurück. Ich mußte den Pfeil brechen, um meine Hand frei zu bekommen.

Plötzlich fühlte ich einen kräftigen, warmen Händedruck auf meiner Schulter. Ich blickte auf, geradewegs in die dunklen Augen des narbigen Ritters. Ich wußte nicht warum, doch in diesem Augenblick fiel alle Angst von mir. Ich empfand unsinnigerweise tiefe Ruhe, hatte mit einem Mal das Gefühl, zu Hause zu sein, mein Ziel erreicht zu haben. Ich konnte es gar nicht in Worte kleiden, was in diesem Augenblick alles in mir ablief, doch es war wunderbar und vollkommen! Wie eine Heimkehr nach langer Suche. Ich hielt seinem Blick, den er unentwegt auf mich richtete, stand.

Talivan sah in ihre Augen, und was er erblickte, konnte er nicht begreifen. Eben noch hatte er die Angst und das bloße Entsetzen auf ihren Zügen gesehen, doch jetzt schienen diese Gefühle wie fortgewischt. Stattdessen entdeckte er einen zufriedenen, ruhigen Ausdruck. Die Angst schien verflogen. Er verlor sich in ihrem Blick, in ihren Augen. Nie zuvor sah er schönere. Er hatte das Gefühl, in einen klaren Moorsee zu sehen, um sich dort selber wiederzufinden.

Morcants dreckiges Lachen holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Talivan zog sein Messer und schnitt den Pfeilschaft ab. Ohne Vorwarnung zog er die Hand vom Baum und somit den Rest des Pfeiles heraus. Er blickte wieder zurück in ihre Augen, sah die Schwäche, die sie überwältigte, als der Schmerz bis zu ihrem Bewußtsein durchdrang. Wie hatte er Jagdeifer empfinden können? Ihre Tränen bekümmerten ihn. Er wollte sie fortwischen, aber dazu hatte er wohl kein Recht. Und wer gab ihm das Recht, sie auf diese Weise einzufangen? Trotzdem war er froh, sie gefunden zu haben. Sein Blick wanderte an ihr herunter und wieder herauf. Ein Wunder, daß sie bis jetzt zurechtgekommen war, in diesem hauchdünnen Kleid. Adna hatte nicht übertrieben. Das nasse, dadurch durchsichtige und zerrissene Gewand klebte eng an ihrem zitternden Körper und entblößte mehr, als es verbarg. Ihre Brust hob und senkte sich von der Anstrengung, und der Stoff des Kleides zwischen ihren Brüsten bewegte sich mit ihrem Herzschlag. Ihre Haare trug sie zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr bis über den Po reichte. Er pfiff, Lluagor kam zu ihm. Für einen Augenblick ließ er ihren Arm los, den er stützend gehalten hatte. Sie würde nicht mehr fortlaufen, dessen konnte er sicher sein. Er suchte aus seiner kleinen Tasche hinter dem Sattel ein Stück Leinen hervor, das er für alle Fälle immer bei sich hatte. Morcant tauchte ungeduldig hinter ihm auf. Talivan mußte verhindern, daß irgendjemand Hand an sie legte. Bevor Morcant oder ein anderer einen Einwand hervorbringen konnte, sagte er laut:

„Sie gehört mir!“ Er wandte sich an Morcant, „wenn Ihr dieser Frau noch ein Haar krümmt, lernt Ihr mich kennen!“ Er wendete sich ihr wieder zu. Sie hielt die verletzte Hand stützend, und um den Schmerz zu lindern, mit der rechten fest. Er wickelte das Leinentuch um die Wunde. Ihre Hand trug, außer leichten Abschürfungen und Rissen, wahrscheinlich vom Klettern, weder Schwielen noch andere Merkmale, die auf schwere Arbeit hindeuteten, fein und wohlgestaltet lag sie in seiner; den Dreck unter ihren Nägeln schob er dem Leben ihm Wald zu. Sie mußte also von hoher Geburt sein. Er ließ die Hand nur ungern los, während er wieder in ihre Augen sah, wo er deutlich die Frage las:

„Was werdet Ihr mit mir tun?“ Es fiel ihm unendlich schwer, sich von ihrem Blick zu lösen. Widerstrebend ließ er sie aus den Augen, nahm den Umhang von seinen Schultern und legte ihn über ihre. Die Geste besiegelte seine Worte und vermittelte ihr hoffentlich, daß er ihr nichts Böses wollte.

Morcant sah geringschätzend zu.

Talivan fing seinen überheblichen Blick auf.

„Ich könnte wetten, daß dieses Weib es nur darauf anlegte, Euch in ihren Bann zu ziehen. Womöglich steckt sie mit Rioc und Mruad unter einer Decke!“

Talivan wurde hellhörig, was hatte Morcant mit den beiden zu tun? „Wieso Rioc und Mruad?“ fragte er scheinbar teilnahmslos.

Morcant wurde eine Spur blaß, hatte sich jedoch sofort wieder in der Gewalt. Nur ein guter Beobachter wie Talivan bemerkte eine Veränderung. Er wechselte einen Blick mit Gavannion. Morcant stieg ärgerlich wieder auf seinen Rappen. Talivan gab seinen Männern das Zeichen, umzukehren.

Bevor Morcant seinen Hengst antrieb, wandte er sich, unterschwellig vor Wut kochend, an Talivan. „Sie gehört mir! Es war mein Pfeil, der sie aufhielt! Das solltet Ihr nicht vergessen. Ich überlasse sie Euch eine Weile, irgendwann, wenn ich den Drang verspüre, werde ich mein Eigentum einfordern!“ Er riß seinen Hengst brutal im Gebiß zerrend herum und sprengte davon. Cadoc und die Hundeführer folgten ihm verstört.

Comgal wagte einen Einwand. „Könnte es nicht wirklich geplant sein? Oder sie ist tatsächlich eine Zauberin!“ Prüfend blickte er die Frau an, entschlossen, seinen Freund und Lehrmeister zu verteidigen.

„Sie ist weder eine Zauberin, noch ein Spitzel! Ich bin mir sicher!“ Beschützend, ein bißchen besitzergreifend, legte Talivan seine Hand stützend unter ihren Ellenbogen.

„Mit Sicherheit ist sie von hoher Geburt. Ich nehme an, daß sie von ihren Begleitern getrennt wurde, womöglich entführt! Habt ihr den Stoff ihres Gewandes bemerkt?“ Wie zur Bestätigung blickte Talivan an ihr herunter. Obwohl von dem Kleid nur wenig zu sehen war, zeigte er auf das kleine Stück, das aus dem Umhang hervorlugte.

„Das ist feinste Ware, solches trägt nur eine edle Dame!“ Allerdings wunderte er sich, daß sie nur noch ihr Untergewand trug. Wo war ihr Überkleid?

Ich versuchte den Umhang vorne zu verschließen. Innen war er warm vom Vorträger, obwohl von außen regennaß. Ich schloß die Augen kurz und genoß das Gefühl, wärmenden Stoff an mir zu fühlen. Über was unterhielten sie sich wohl? Wollten sie mir jetzt mehr und andere Gewalt antun? Ich versuchte anhand der Gebärden und des Tonfalls zu verstehen. Sie schienen sich nicht einig zu sein. Anscheinend waren sie sich nicht sicher, was sie mit mir anstellen sollten. Der narbige Ritter wandte sich mir zu.

Talivan wollte wenigstens versuchen, mit ihr zu reden, vielleicht verstand sie ihn ja doch, und ihre Schwierigkeiten lösten sich von selbst. Er verneigte sich.

„Ich sollte mich erst einmal vorstellen, denn Ihr befindet Euch auf meinem Land. Ich bin Talivan, Sohn der Talhearn, Söhne der Rua. Dies,“ er zeigte auf Gavannion, „ist mein Bruder Gavannion. Der dort,“ er deutete zu Comgal hin, „ist Comgal Sohn des Fernvael. Ich wäre Euch überaus dankbar, wenn Ihr mir nun Euren Namen sagtet!“ Er lächelte aufmunternd.

Ich begriff, daß er sich vorgestellt hatte und anscheinend dasselbe von mir erwartete. Was sollte ich denn sagen? Ich spürte meine Gedanken wirbeln. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob mir meine Stimme gehorchte, nach allem, doch ich wollte es wenigstens versuchen.

„Eh, Helene.“ kam mein Name leise zögerlich über meine Lippen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob er es gehört hatte, oder ob ich nur in meiner Einbildung sprach. Eine Woche, ohne mit einem menschlichen Wesen gesprochen zu haben, hatte ihre Spuren hinterlassen. Und mir fiel kein Name ein, den ich hätte anhängen können, um wie eine Adlige Dame zu erscheinen. Der Narbige, wenn ich recht verstanden hatte, Talivan, lächelte als hätte ich ihm eine Kiste voll Gold zum Geschenk gemacht. Die anderen blickten nicht so überzeugt. Da offenbar er hier das Sagen hatte, schien es mir jedoch nicht so wichtig, was diese dachten.

Talivan wartete. Also hatte sie verstanden! „Verehrte Dame, wenn Ihr mir sagtet, wie Ihr in diese mißliche Lage geraten seid und wohin ich eine Nachricht schicken soll!“ Er lächelte sie erwartungsvoll an.

Ich wußte genau, daß er etwas von mir wollte. Bestimmt hatte er mir eine Frage gestellt! Ich schüttelte den Kopf, hoffentlich faßte er dies nicht als Unwillen auf.

„Ich kann dich nicht verstehen! Ich spreche deine Sprache nicht!“ sagte ich bedächtig, überdeutlich und erblickte seine in Falten gelegte Stirn. Offenbar hatte er erwartet, daß ich ihm in seiner Sprache antwortete. Ich bemerkte die mißtrauischen Blicke der beiden anderen. Talivan schüttelte den Kopf, als wollte er unwillkommene Gedanken vertreiben. Er verneigte sich ein zweites Mal vor mir. Dann zeigte er auf seinen massigen braunen Hengst und zog mich am Ellenbogen mit sich. Widerstrebend folgte ich ihm bis zu demHengst. Was erwartete mich wohl als nächstes? Ich überlegte, wie ich, ohne mir zu viele Schmerzen zu bereiten, da oben hinauf käme, denn das erwartete er offensichtlich von mir. Während ich darüber nachsann, spürte ich zwei starke Hände, die mich an meiner Körpermitte griffen und hochhoben, als wäre ich ein Federgewicht. Keinen Augenblick später saß er bereits hinter mir im Sattel und ritt los.

Bis hierhin war es mir gelungen, am Leben zu bleiben, würde mir das Glück weiterhin hold sein? So richtig begriff ich allerdings noch immer nicht, was mir in dieser Zeit widerfuhr, das volle Ausmaß meines seltsamen Erlebnisses. In seinen Umhang gehüllt, saß ich vor ihm im Sattel. Ich versuchte, eine angenehmere Haltung zu finden, denn die Sattelwand drückte bei jedem Schritt, doch der Mann mußte den siebten Sinn haben, denn er zog mich mit seinem rechten Arm weiter auf seinen Oberschenkel, näher an sich heran. Dadurch federten seine Schenkel die Schritte ab. Es war viel besser so, keine Frage, doch diese Lage trug Heikles und äußerst Sinnliches in sich. Ich verkroch mich tiefer in den letzten Winkel des Umhangs, denn ich fühlte mich diesem Mann viel zu nahe. So nah, daß ich ihm noch viel näher sein wollte, was ich mit Verlangen und einem gewissen Entsetzen feststellte.

Ich wußte nichts über ihn, außer daß er viele hundert Jahre älter war als ich, oder war es umgekehrt? Und doch! Das Gefühl breitete sich in meinem Körper aus. Ich genoß den Ritt, den Ritt ins Ungewisse.

9 In der Höhle des Löwen

Talivan hielt die Zügel locker in der Hand. Mir gefiel, wie er seinen Hengst ritt, ohne Zwang. Das Pferd schritt weit aus, wußte, der Weg führte nach Hause. Oder sollte ich mich darin täuschen? Führte uns der Weg woanders hin? Was hatte Talivan mit mir vor? Wollte er mich zu seiner Dirne erklären? Daß er den anderen Besitzansprüche geltend gemacht hatte, soviel hatte ich wohl aus der Gebärde und dem Tonfall verstanden, glaubte ich zumindest. Was er genau plante, blieb im Dunkel. Zu unseren beiden Seiten erschienen die beiden anderen Reiter, Gavannion und Comgal, wenn ich es richtig verstanden hatte. Der Junge, wahrscheinlich der Knappe, ritt anscheinend hinter uns her, wie die anderen Männer. Ich wagte keinen Seitenblick, versuchte meine Gedanken zu zerstreuen. Der unaufdringlich aufsteigende männliche Schweißgeruch meines Begleiters störte mich allerdings dabei. Ich ertappte mich, wie ich den Geruch einsog. Comgal, der uns zur Linken ritt, sprach einige Worte, bei denen sich der Körper Talivans verspannte, sodaß ich seine stahlharten, starken Muskeln überdeutlich wahrnahm. Ich war mir sicher, daß die Worte von einer Frau namens Helene handelten. Warum zum Teufel verstand ich nichts!?

Gavannion mischte sich ein, er ließ eine abfällig klingende Bemerkung fallen. Meinte er mich? Mir wurde schwindelig. So viele Eindrücke, so viel Geschehen! Die Hand schmerzte zunehmend, und die Angst, die ich für kurze Zeit zur Seite geschoben hatte, schnürte mir erneut die Kehle zu. Kam nun der krönende Schluß meiner Reise? Oder begann der Alptraum jetzt richtig? Von den Ereignissen überwältigt, schloß ich die Augen. Eine schwarze Welle erfaßte mich. Ich war einer Ohnmacht nahe, doch ich richtete meine Aufmerksamkeit auf meinen Herzschlag und gewann wieder die Oberhand.

Talivan spürte, wie ihr Körper für einen Augenblick schwer wurde, als würde sie ohnmächtig, doch sie fing sich wieder. Sie war die sonderbarste Frau, die er je gesehen hatte und die begehrenswerteste. Nur durch jenen dünnen Stoff verhüllt, hatte er jeden Umriß ihres Körpers deutlich wahrgenommen. Sie entsprach nicht den gängigen Schönheitsbildern, ungeachtet dessen gefiel sie ihm umso mehr. Ihre Haut war sonnengebräunt, so wie seine. Arbeitete sie doch auf den Feldern? Er mußte hinter ihr Geheimnis kommen, sonst fand er keine Ruhe mehr.

Eine Verräterin war sie nicht und eine Zauberin schon gar nicht. Obwohl ihm das Einfangen weniger brutal lieber gewesen wäre, war er doch froh, sie gefunden zu haben. Es stimmte schon, ungewöhnliches umhüllte sie. Noch während sie durchs Tor ritten, erblickte Talivan die wartenden Menschen, welche neugierig die Frau begutachten wollten. Bei der Treppe sprang er von Lluagor ab und half ihr hinunter. Oben am Eingang entdeckte er Morcant, Brighid den Arm stützend. Das passende Paar! Ihm war jedoch klar, daß weder Brighid für Morcant noch Morcant ernsthaft für Brighid empfänglich war. Brighid suchte Macht und Ansehen, egal, ob der Mann ihren äußerlichen Vorstellungen entsprach oder nicht. Ländereien besaß sie bereits. Falls Morcant eine Ehefrau suchte, lag sein Schwerpunkt ähnlich, allerdings mit deutlicher Betonung auf Macht und reichen Ländereien. Weder an Reichtum noch an Ansehen konnte Morcant es mit ihm aufnehmen. Doch ihm bedeutete das alles gar nichts, das war der Widersinn. Dabei schürte Morcant seinen Neid auf ihn immer wieder. Eines besaß allerdings Morcant, was ihm nicht mehr vergönnt war: das gute Aussehen, abgesehen von einem spöttischen Zug um die Mundwinkel, der mit den Jahren immer stärker wurde.

Das alles war für Brighid allerdings nicht von Bedeutung. Talivan wußte, ihr Augenmerk auf ihn beruhte einzig auf der Tatsache, daß er ein gern gesehener Gast beim König war. Den Namen Talivan nahm am Hofe jeder ernst. Daß diese Begünstigung ihn allerdings seine körperliche Unversehrtheit gekostet hatte, einschließlich der Fähigkeit, einmal Kinder zeugen zu können, brannte jedoch heiß in seiner Brust. Oft genug bemerkte er die angewiderten Blicke, die ihm die Damen, und selbst Brighid, zuwarfen, wenn sie sich von ihm unbeobachtet fühlten.

Er sah trotzdem Eifersucht in Brighids Augen, als er mit E-Helene die Stufen heraufstieg. Talivan wunderte sich darüber, denn sie brauchte gewiß nicht eifersüchtig zu sein. Sie war eine außergewöhnlich schöne Frau und brachte sogar eine gute Mitgift in die Ehe, allerdings war sie schon Mitte zwanzig.

E-Helene ließ sich nur widerstrebend in die Halle führen, doch er setzte seinen Weg unbeirrt fort. Verwundert bemerkte er, wie sie sich umsah, wie jemand, dem dies alles fremd war. Das jedoch erschien ihm unmöglich bei ihrer Bekleidung und den gepflegten Händen. Er schob sie weiter an Brighid und Morcant vorbei in die Burghalle hinein. Brighid schien sie mit Blicken aufzufressen, während Morcant sein wie üblich gleichgültiges, überhebliches Gesicht zeigte.

Krächzend flog Raban auf Talivans Schulter. Der Vogel begrüßte ihn freundlich, knabberte an seinem Ohr. Zärtlich gurgelnde Geräusche drangen aus seiner Kehle, ehe er seinen Blick plötzlich auf E-Helene heftete. Mit einem unerwarteten Satz sprang er auf ihre Schulter. Talivan bemerkte, daß sie zusammenzuckte. Raban wühlte mit seinem Schnabel in ihrem Haar herum. Vorsichtig hob E-Helene die unverletzte Hand und berührte den Raben an der Brust. Raban hielt einen Augenblick inne. Ein genüßliches Gurgeln kam aus des Vogels Kehle, welches sie mit einem weichen Lächeln anerkannte. Talivan konnte es nicht fassen. Noch nie saß dieser Vogel auf einer anderen Schulter als auf seiner. Wagte ihn jemand ungefragt anzufassen, hackte er oder flog schimpfend fort. Talivan tauschte einen Blick mit Gavannion. War das ein Zeichen? Es bestärkte ihn in dem Glauben, das Richtige getan zu haben, als er sich E-Helenes annahm.

Nun war ich in der Höhle des Löwen. Ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Kurzzeitig packte mich die Angst, der Vogel könnte mich doch hacken. Warum sollte er? Im Wald tat er es schon nicht. Ich mußte über die gurgelnden Laute, die aus seiner Kehle drangen, lächeln. Ebenso unerwartet wie er kam, sprang er wieder zurück auf die Schulter Talivans. Ich widmete mich weiter der Halle, auf deren Boden ausgestreute Binsen lagen und Kräuter ihren Duft verteilten. Die Halle schien mir recht groß, Talivan mußte ziemlich angesehen sein, und an Reichtum mangelte es ihm kaum. Gleich zwei große Feuerstellen erwärmten den Raum. Auf Böcke gelegte Bretter dienten als Tafeln, die u-förmig in der Mitte des Raumes standen. Einige Leute saßen bereits beim Essen, die anderen, die uns auf den Stufen erwartet hatten, setzten sich hinzu. Der Mann, der mir den Pfeil durch meine Hand gejagt hatte, ging unangenehm grinsend an mir vorbei. Er führte die wunderschöne Frau am Arm, in der ich die heranstürmende Reiterin wiedererkannte. Ich versuchte weiter auf die Umgebung zu achten. Die Halle wirkte, trotz des Lichtes, das durch die schmalen Fenster fiel, doch recht dunkel. An den Wänden hingen Kandelaber und Fackeln. Einige Fenster waren mit Stoffen oder Pergamenten abgehangen, nur wenige davon waren aufgerollt, um Licht hereinzulassen. Selbst in meiner kühnsten Erfindungsgabe hätte ich dieses lebendige Bild der Vergangenheit nicht entstehen lassen können. Die Mägde, Knechte und im Dienst stehenden Edelknaben liefen wie Wiesel umher, um die adligen Herrschaften zu bedienen. Am Ende der Halle, mir gegenüber, schälten sich gerade einige Leute aus dem Stroh, in dem sie wohl die Nacht verbracht hatten. Ich mutmaßte, daß es sich um die Musiker handelte, denn neben ihnen, an der Wand, standen eine Harfe und zwei Trommeln und in einem offenen Korb lagen Flöten. Neugierig sog ich alles mit meinen Blicken auf, doch unerbittlich drängte mich eine starke Hand weiter durch die Halle, auf eine Treppe zu. Sie mußte zu den anderen Stockwerken führen, oder zu irgendwelchen Kammern. Oder auf Umwegen zum Keller und den Verließen, schoß es mir durch den Kopf! Ein stechender Schmerz durchzog meine Hand. Durch die außergewöhnlichen Eindrücke hatte ich sie eine Zeitlang vergessen, dafür wurde ich ihrer jetzt umso bewußter.

Wir stiegen die Treppe hinauf in einen dunklen Gang hinein, der nur spärlich von wenigen Fackeln erleuchtet wurde. Nach kurzer Zeit erreichten wir eine massive Holztür, die von breiten Metallbändern gehalten wurde. Sollte sich dahinter mein Gefängnis befinden? Griff und Verschluß wirkten denkbar bruchsicher, viel zu sicher. Ich erwartete einen dunklen, kalten, karg eingerichteten Raum. Talivan öffnete die Tür. Zögernd ging ich, geschoben von ihm, in die Kammer und sah, daß ich nur in einem Punkt recht hatte: einzig eine Fackel beleuchtete den Raum, doch er war weder äußerst kalt noch karg eingerichtet. Ein großes Holzbett, das teilweise von dicken Vorhängen verdeckt wurde, hatte seinen Platz mir schräg rechts gegenüber an der Wand. Zwei Holztruhen befanden sich unter jeweils einem Fenster.

Jäh lief mir beim genaueren Betrachten ein Schauer über den Rücken. Eine dieser Truhen hatte ich vor wenigen Tagen gezeichnet. Wie war das möglich? Hatte ich an diesem Tag schon eine Ahnung von meinem Erlebnis? Meine Beine drohten wegzuknicken. Was geschah hier bloß mit mir? Um mich abzulenken, blickte ich mich weiter im Raum um. Ringsherum hingen Wandbehänge. Auch hier bedeckte den Boden eine Schicht Binsen und Kräuter. Im Kamin schwelten die Überreste eines Feuers, ein Schemel stand davor, ein weiterer vor einem verhangenem Fenster. Auf dem Boden vor dem Kamin lag ein dicker, wollener Teppich. Sollte dies in Zukunft - nein,... ich mußte innerlich über den Widersinn meiner Worte lachen - in der Vergangenheit, mein neues Zuhause sein? Mein Blick wanderte gegen meinen Willen wieder zurück zur Truhe, dann wieder zum Bett. Kuschelig warme Decken lagen verwühlt vom Schläfer darauf verteilt. Talivan schob mich zielstrebig darauf zu. Ein ungutes Gefühl kroch mir den Rücken hinauf. Wollte er mich jetzt vergewaltigen? Oder erwartete er, daß ich ihm zu Willen war? Womöglich glaubte er, daß ich ein käufliches Mädchen war? Ich befand mich auf jeden Fall in seiner Kammer.

Bevor ich weiter nachdenken konnte, drückte er mich auf das Bett hinunter. Ich war schon wieder im Begriff aufzustehen, wie eine Sprungfeder, als sich die Tür öffnete und eine Frau mittleren Alters eintrat. Sie trug ihre graubraunen Haare zu einem dicken Zopf geflochten. Ihr Gehabe schien mir entschieden, war sie seine Mutter? Nein, wohl nicht, denn sie trat ihm gegenüber trotz allem eher ehrerbietig auf. Sie wechselten einige Worte, während ihr Blick mich zu durchbohren schien. Entschlossen trat sie schließlich zu mir, griff nach dem Umhang, den ich fest zusammenhielt und öffnete ihn mit sanfter Gewalt. Ohne weiter zu hadern, schnappte sie sich daraufhin meine verletzte Hand.

„Bei allen guten Geistern! Wer hat denn dieses Glanzstück vollbracht? Nein, sagt es mir lieber nicht, ich will es gar nicht wissen!“ Während sie sprach, griff Sodelb nach dem behelfsmäßigen Verband. Urteilssicher begutachtete sie die Wunde und brummelte mißbilligend vor sich hin.

„Der Meisterschütze war Morcant!“ Talivan, der hinter Sodelb stand, trat ein paar Schritte zur Seite, um besser sehen zu können.

„Spricht sie nicht?“

„Bisher hat sie nur ihren Namen gesagt, glaube ich.“

„So? Und wie ist der?“

„E-Helene!“

„Und weiter?“

Talivan zuckte die Schultern wie ein ertappter Schuljunge.

Sodelb warf ihm einen wissenden Blick zu. „Ich kann nicht genug sehen, schafft mir mehr Licht heran!“

Talivan entzündete eine weitere Fackel und steckte sie in die dafür vorgesehene Halterung in der Wand. Sodelb beugte sich tiefer über die Hand.

„Wo bleibt denn Adna schon wieder? Eines Tages wird sie unterwegs einschlafen und eine Treppe hinunterstürzen!“ Ungeduldig blickte Sodelb zur Tür.

Talivan mußte über sie schmunzeln. Er kannte diese Frau seit seiner Geburt und war ihr dankbar, daß sie und ihr Mann ihm auf seine Burg gefolgt waren, besonders da sie eigens zu diesem Zweck sogar seine Eltern verlassen hatten. Er hätte sonst gar nicht gewußt, wie er mit dieser riesigen Burg, dem unnötigen Geschenk von Artus, zurechtgekommen wäre. Sodelb tat zwar immer ungnädig, konnte jedoch keiner Fliege ein Leid zufügen. Sie legte E-Helenes Hand auf deren Schoß ab, tätschelte ihr die Schulter und ging zielstrebig und schimpfend hinaus.

„Um alles muß ich mich selber kümmern,“ grummelte sie, ehe sie sich noch einmal zu ihm umwandte. „Wünscht Ihr ein Bad für die Dame?“

Daran hatte er nicht gedacht. Er nickte. „Das könnte Ihr gut tun, denke ich.“

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9783742774767
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