Читать книгу: «Die Chroniken von 4 City - Band 2»
Legende
Abtei
Verjüngung
Philosophiestunde
Verzweiflungstat
Auf gefährlicher Mission
Erwachen
Ahimsa
Stromausfall
Entsetzliche Entdeckung
Myo
Explosion
Freiheit
Zeppelin
Gedankengänge
Ankunft
Ice
Der Auftrag
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Todesengel
Rettung
Staub
Neue Rekruten
Platter Hintern
Krypta
Zentrum von 4-City
Geträumt
Über den Autor
Impressum neobooks
Manuel Neff
Die Chroniken von
4 City
Band 2
Legende
Bei einem wissenschaftlichen Experiment im 21. Jahrhundert ging etwas gewaltig schief. Dies war die Geburtsstunde „der Krankheit“, die wie eine Sintflut fast die gesamte Menschheit dahingerafft hat. Nur die gewaltigen Mauern, welche um die großen Städte erbaut wurden, schienen vor der Krankheit Schutz zu bieten.
Im 23. Jahrhundert, etwa 200 Jahre nach der „Großen Pandemie“, sind auf der Erde die gesellschaftlichen Systeme zerfallen. Die ursprüngliche Zivilisation teilt sich nun in vier Gruppen auf:
Schrottsammler: Menschen, die in Clans leben und für die nur ein Gesetz gilt: Der Stärkere überlebt.
Steamborgs: Wesen, halb Mensch halb kybernetischer Organismus. Unfähig selbst Entscheidungen zu treffen, erwarten sie die nächsten Befehle ihres Masters.
Synthetiks: 100% synthetische Lebensformen. Fähig sich selbst zu reproduzieren und in der Lage zu fühlen und zu empfinden.
Menschen: Sie leben im Zentrum von 4-City und genießen Dank der Kraft des Dampfes, Wohlstand und technische Errungenschaften.
Alle vier Gruppen leben in 4-City und kämpfen dort hinter der großen Stadtmauer um Macht und ums Überleben.
In der Karma-Reihe begegnen uns:
Prinzessin Love, Schrottsammlerin auf der Suche nach ihrer wahren Identität.
Karma und Myo, Wesen die keiner der vier Gruppen angehören und laut einer alten Prophezeiung dazu bestimmt sind, die Arche zu finden, die allen Erlösung verspricht.
Isabell, die in der Lage ist Æther aus Lebewesen zu extrahieren.
Ice, dem Master der Steamborgs, gefangen zwischen Liebe, Macht und Intrigen.
Reico und Ikumi, synthetische, empfindsame Wesen, die nichts weiter wollen, als ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
Stiff, ein Kämpfer aus dem Zentrum von 4-City, der sich hoffnungslos in Karma verliebt und zwischen alle Fronten gerät.
Und Aurora, die geheimnisvolle Wissenschaftlerin aus der Alten Welt.
Abtei
Karma – Dreiundzwanzigstes Jahrhundert / genaues Jahr unbestimmt / nordamerikanische Kontinentalplatte / 4-City / Abteilung 3
Ich schlittere flach am Boden entlang. Der Beton scheuert an meiner Haut wie Schleifpapier. Ich fühle den Wind der Klingen auf meinem Gesicht die mich nur knapp verfehlen und wenige Zentimeter über meinem Körper durch die Luft schneiden. Sofort bin ich wieder auf den Beinen, um mich meinem Gegner zu stellen. Ein Roboterarm lässt die zwei gewaltigen Sensen durch den quadratischen Raum auf mich zufliegen. Ich spurte Richtung Wand und setze zu einem Sprung an, als das Metall der Messer brennend heiß an meinem Arm entlang schneidet. Funken sprühen auf und Beton zersplittert, als sie die Wand aufreißen. Ich schlage schnell einen Haken nach links. Ein großes Stück Beton fliegt mir um die Ohren. Ich täusche einen Sprung nach rechts an und springe erneut nach links. Die Rotorblätter verfehlen mich und schwirren zurück in die Raummitte. Ein neuer Versuch mich zu erwischen steht kurz bevor.
Wäre ich nur einen Moment unachtsam, würden sie mich in zwei Hälften spalten. Ich puste mir meine Haare und ein paar Schweißperlen aus dem Gesicht, bin wieder in Kampfstellung und bereit für den nächsten Angriff. Jetzt weiche ich bereits seit über einer Stunde den Angriffen der metallenen Tötungswerkzeuge aus und ich spüre, wie sich meine Kondition langsam dem Ende zuneigt. Lange stehe ich das nicht mehr durch und irgendwann werden mich die Klingen, die sich jetzt wieder wie wild gewordene Rotorblätter durch den Raum auf mich zufräsen, doch noch erledigen.
»Unterbrechung des Kampftrainings«, höre ich plötzlich Reicos Stimme im Trainingsraum widerhallen. Die Rotorblätter halten mitten in der Bewegung inne. Die kleine Minidrohne die einer Libelle zum Verwechseln ähnlichsieht und aus der Reico zu mir spricht, saust um meinen Kopf herum. Zwei Kameralinsen, die aussehen wie riesige Insektenaugen, fokussieren mich.
»Was ist los?«, frage ich etwas außer Puste in Richtung der Drohne.
»Das ist langweilig. Immer das Gleiche. Du weichst aus. Immer und immer wieder. Ich erhöhe das Tempo des Trainingsprogramms und was passiert? Du weichst einfach noch schneller und noch besser aus. Fantasielos!«, sagt Reico und die Drohne schwirrt wie eine übergroße Libelle zu den Rotorblättern, umrundet diese und kommt zurück. Sie bewegt sich nervös mal hier hin, mal dorthin.
»Darum geht es doch. Ich soll trainieren. Was soll ich denn sonst tun?«, frage ich und versuche den Bewegungen der Drohne zu folgen.
»Mach das Ding kaputt! Erledige den Roboterarm. Tu mal irgendetwas Aufregendes! Etwas Überraschendes!«, erklingt Reicos Mädchenstimme aus der kleinen Drohne.
»Aber die Roboterklingen haben mir doch nichts getan.«
»Logisch, du hüpfst ja auch immer zur Seite. So, Schluss damit.« Reicos Stimme verändert sich. Sie klingt jetzt nicht mehr wie ein genervtes Mädchen, sondern wie eine taffe Frau. »Aufhebung Bannlevel eins!«, sagt sie auf Sanskrit und die Drohne mit ihren riesigen Augen schwebt dabei direkt vor meinem Gesicht.
Augenblicklich geht ein Ruck durch meinen Körper und ein Übermaß an physischer Energie steht mir schlagartig wieder zur Verfügung. Doch da ist auch etwas anders. Etwas Unbeschreibliches das mich antreibt, ohne dass ich es verhindern kann. Was dann passiert, geht so schnell, dass es mir schwerfällt Einzelheiten wahrzunehmen. Eins steht fest. Ich spiele die Hauptrolle.
Sekunden verstreichen und ich werde mir meiner Umgebung erst wieder bewusst, als ich mich an der Betonwand hängend wiederfinde. Ich kralle mich mit Händen und Füßen fest. Benehme mich wie eine Eidechse. Mein Blick schweift durch den Trainingsraum und erfasst den schief hängenden Roboterarm, die verbogenen Klingen und die zerstörte Libelle, die mit ausgerissenen Flügeln und zertrümmerten Linsen am Boden liegt. Offensichtlich habe ich nicht nur den Gegner besiegt, sondern auch gleich die Drohne miterledigt.
Ich lasse mich von der Wand herunterfallen und lande wie eine Katze auf allen vieren. So plötzlich, wie die Energie in meinen Körper geschossen ist, so schnell fließt sie jetzt auch wieder ab. Mein Körper ist extrem erschöpft und ich kann mich gerade noch so aufrichten. Als die Schleuse zum Trainingsraum aufgeht hebe ich langsam und schwerfällig den Kopf. Ich betrachte meine abgebrochenen Fingernägel und die Schnittwunde an meinem Oberarm. Schriftzeichen leuchten plötzlich an der Schleuse auf. Sanskrit. Eine uralte Sprache, die mich entfesseln kann und deren Schriftzeichen mich auch in die Schranken verweisen können. Ahimsa, steht an der Wand geschrieben. Es bedeutet jetzt in diesem Augenblick, dass der Kampf vorbei ist. Niemand soll mehr verletzt werden. Ich bin erschöpft, befinde mich am Ende eines sieben tägigen Zyklus und benötige eine Verjüngung, um zu überleben.

Verjüngung
Ich bin orientierungslos und trete ein Stück zurück. Stoße unbedacht gegen die Wand, verliere das Gleichgewicht und muss mich irgendwo festhalten, um nicht zu stürzen. Bin erschöpft, müde, überfällig. Es ist Zeit für die Verjüngung.
Ich knie mich hin und sammle all meine verbliebenen Kräfte zusammen. Mein graues Kleid ist schweißnass, ich beginne zu frösteln und wie die Kälte auf meiner Haut, sickert die Erkenntnis zu mir durch: Ohne Verjüngung würde ich eingehen wie eine verwelkende Rose.
In diesem Zyklus habe ich viel an Gewicht verloren. Ob mehr oder weniger, als beim Letzten, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, weil ich mich nicht daran erinnern kann. Sieben Tage ist alles, was mir von der Vergangenheit bleibt. Sieben Tage sind die einzigen, an die ich mich erinnern kann. Mehr nicht. Sieben Tage; die Zeitspanne von Zyklus zu Zyklus.
Mein Körper fühlt sich brüchig und verletzlich an. Mein Geist ist zerstreut. Ist eine Ansammlung von losen zusammengehefteten Blättern voller Wissen. Eine Melange aus tausend gelesenen Büchern, intensiven Wahrnehmungen von Bildern, Geräuschen und Gerüchen. Chaotisch angeordnet, als würde mein Wissensschatz jeden Zyklus planlos versprengt, als würde er immer wieder von neuem in meinem Geist ausgesät. Ich bin eine wandelnde Enzyklopädie ohne Inhaltsverzeichnis und mein Gehirn ist ein Lagerhaus unaufgeräumter Gedanken. Ohne die Möglichkeit, den Blick in meine Vergangenheit zu richten, denn über all meinen Erinnerungen an frühere Zyklen liegt ein dunkles Leinentuch des Vergessens.
Langsam stehe ich auf und mache mich durch den Kreuzgang zurück auf den Weg zur Verjüngung. Ich durchschreite den arkadenförmigen, überwölbten Korridor. Der trostlose Anblick der Abtei zeigt sich in gespenstischer Klarheit. Links von mir sehe ich das quadratische Atrium. Ein Dach aus Metall verwehrt die Sicht auf den Himmel. Eventuell war das früher einmal anders. Vielleicht befand sich in ihm einmal ein Garten, ein Brunnen oder ein steinernes Kreuz? Zumindest habe ich diese Dinge über Kreuzgänge und Innenhöfe in kirchlichen Aufzeichnungen erfahren.
Zur Rechten sind sämtliche wichtigen Räume der Abtei angeschlossen. Die Kapelle, der Trainingsraum, die Bibliothek, der Hologrammwürfel und die Schlafkammer der einzigen mir bekannten Bewohnerin des Westflügels. Es handelt sich um meine eigene. Was sich im Osten befindet, kann ich nicht mit sicherer Kenntnis sagen. Ich war noch nie dort. Der Zutritt ist mir untersagt.
Der Lichthof ist meine persönliche Hauptverkehrsader in der Abtei. Alles unterliegt hier strengen Regeln. Ich darf nur zu gewissen Zeiten die Bibliothek betreten, um ein neues Buch zu erwählen. Und ich werde in den Trainingsraum beordert, wenn es Zeit zum Kämpfen ist.
Ich habe keine Ahnung, welcher Tag, welches Jahr, welches Jahrhundert heute ist. Niemand kann oder will mir diese Fragen beantworten. Jeder Zyklus in der Abtei fühlt sich einmalig an. Alle davor sind verloren und ich kann sie in meinem Kopf nicht erneut aufleben lassen.
Erinnerungen? Keine Spur davon!
Das liegt an meiner Gefühlswelt, vermute ich. Denn das Gedächtnis und die Gefühle sind eng miteinander verwoben. Dieses Wissen habe ich auch aus Büchern wie alles andere über das ich Bescheid weiß. Im Gegensatz zu meinen Zyklen kann ich mich an jeden gelesenen Satz erinnern. Mein Horizont besteht im Grunde nur aus Silben, Wörtern und Sätzen, die ich aus dem Papier heraus gesogen habe.
Der Luftzug der Klimaanlage streicht über meine feuchte Haut und lässt mich frösteln. Während ich von einem bloßen Fuß auf den nächsten trete, spiele ich mit der Idee, mein Kleid auszuziehen. Es gibt hier sowieso niemanden, der mich in Unterwäsche sehen könnte. Keinen außer Reico.
Ich komme an dem Eingang zur Bibliothek vorbei. Die Tür liegt in der Dunkelheit. Ist durch die Schatten verborgen. Der Zugang ist verwehrt. Ich habe einmal gelesen, dass man in der Stille der eigenen Gedanken die Dinge des Lebens verstehen kann. Ich würde das gerne ergründen, da aber mein Gehirn niemals zum Stillstand kommt, scheint mir dies unmöglich zu sein.
Ich bleibe stehen. Denke nach.
Reflektiere den Inhalt von Büchern.
Von allen Welten, die der Mensch je erschaffen hat, ist die der Literatur wohl die Gewaltigste. Ich finde dieses Zitat interessant. Hätte der Erfinder es auch zu Papier gebracht, wenn er gewusst hätte, dass die Menschen die Welt zerstört haben? Vermutlich liegt aber doch viel Wahrheit darin. Denn die Bücher gibt es immer noch. Und die Menschen? Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es sie alle nicht mehr.
Manchmal lese ich ein und dasselbe Werk etliche Male hintereinander, bis ich seine Handlung hundertprozentig verstanden habe, darüber sprechen und argumentieren kann. Alles abgespeichert habe, um daraus rezitieren zu können. Dummerweise weiß ich nur nicht, ob ich es vor zehn Tagen, Jahren oder Jahrzehnten gelesen habe.
Lesen? Schmökern? Verschlingen?
Ich eigne mir das Wissen nicht nur an, um die Tests zu bestehen, die mir Reico auferlegt. Es ist viel mehr als das. Es ist, als würde ich damit einem höheren Zweck dienen, der sich mir leider noch nicht erschlossen hat.
Meine Gedanken springen wild umher und landen jetzt bei Reico.
Manchmal frage ich mich, wer sie ist. Ich kenne nur ihre Stimme. Hat sie auch einen Körper, so wie ich? Hat sie einen eigenen Kreuzgang, eine Kapelle, eine Bibliothek und eine kleine Kammer? Muss sie auch Aufgaben bewältigen? Hat sie auch noch nie Angst gehabt, gelacht, geweint oder geliebt? Reico kann lachen, erinnere ich mich. Ich habe sie gehört. Vor zwei Tagen.
Ich habe so viel über Empfindungen gelesen, kann mir aber nicht vorstellen, wie diese genau funktionieren sollen. Gefühle? Emotionen? Ich zwinge mein Gesicht zu einem Lächeln. Fühlt sich interessant an. Ist das alles? Ist das eine Gemütsbewegung?
Absichtslos bleibe ich stehen. Ich sollte weitergehen. Es ist Zeit, um voranzuschreiten, aber ich kann meine Gedankenflut nicht eindämmen.
Gedanken. Gedanken. Gedanken.
Was ist Zeit eigentlich?
Sie ist auf jeden Fall kein Verbündeter. Denn die Stunden in der Abtei fühlen sich wie Tage an, wenn man allein ist mit sich und seinen unerfüllten Wünschen nach Emotionen. Eine Minute fühlt sich wie eine Stunde an, wenn das einzige Gesicht, das man berühren kann, das eigene ist.
Tattoos zieren mein Antlitz nicht. Diese heilige Zone scheint offensichtlich die einzige Ausnahme zu sein. Denn die Kreise und Linien, die spielerischen Formen die miteinander harmonieren, lassen sonst keins meiner Körperteile aus.
Arme. Beine. Torso.
Warum ich diese Zeichen auf meiner Haut spazieren trage, aus welchem Grund ich in der Abtei gefangen bin? Das sind Fragen, zu denen ich keine Antworten finde. Weshalb bin ich hier? Wer bin ich? Ergibt das alles einen Sinn? Hat meine Existenz eine Bedeutung?
Fragen. Fragen. Fragen.
Und?
Weswegen kann ich nichts fühlen? Ich würde gerne fühlen können. Möchte mich vor der nächsten Prüfung fürchten oder es hassen hier zu sein.
Wer hat sich so etwas ausgedacht, mir keinen Funken Gefühle zu geben?
War es vielleicht Gott?
Ich kenne ihn. Über niemand anderen wurde so viel geschrieben wie über den Schöpfer.
In der Bibel steht: Er hat die Welt und die Menschen erschaffen. Es heißt, er hat die Erde den Menschenkindern geschenkt.
Fragen. Fragen. Fragen.
Wer sind die Menschen?
Ich raufe mir die Haare. Würde diese Fragen, meine Gedanken gerne abstellen, doch es ist unmöglich.
Bin ich ein Mensch?
Nein, ich bin sicher kein Mensch, denn ich würde das Geschenk des Herrn niemals mit Füßen treten. Weltkriege, Klimakatastrophen, Hunger oder Leid verursachen. Aber die Menschen schon. Ihr Geist scheint schwer von Begriff zu sein. Sie haben wieder und wieder dunkle Schatten über der Erde heraufbeschworen.
Das Industriezeitalter hat Unternehmen erfolgreich von einfachen Familiengeschäften zu gigantischen internationalen Konzernen anschwellen lassen. Ähnlich wie Dinosaurier haben Kapitalgesellschaften riesige Körper in denen Güter produziert und Geschäftsprozesse verwaltet werden. Die Geschicke des Konzerns werden jedoch nur von wenigen Individuen in der Konzernzentrale bestimmt. Ein riesiger Körper und dazu im Vergleich ein sehr kleines Gehirn. Womöglich haben sich die Menschen gar nicht so sehr von den Riesenechsen unterschieden. Eventuell war ihr Aussterben vorprogrammiert?
Ich denke darüber nach, ob die menschliche Rasse ein Fehler in der Schöpfung war. Gott kann doch nicht gewollt haben, dass sich seine eigenen Kinder gegenseitig umbringen, aus Macht, Eifersucht und Gier. Hat sich die Menschheit jemals gefragt, warum sie es verdienen sollte, zu überleben? Vielleicht verdient sie es auch nicht. Gegebenenfalls bereut der Ewige es sogar, sie erschaffen zu haben?
Das Wissen all der gelesenen Zeilen fließt an meinem inneren Auge vorbei. Vermutlich, wenn ich es könnte, würde ich so etwas wie tiefe Melancholie empfinden. Allein zu sein, mit diesen Gedanken und mit diesen Fragen, das ist doch ein Grund traurig zu sein. Oder etwa nicht?
Ich würde gerne so etwas wie Glauben verspüren, dass ich diesem Ort zusammen mit Reico eines Tages entfliehen kann. Es wäre ein Silberstreifen am Horizont. Ich habe eintausend Dinge über die Hoffnung gelesen, aber keine Ahnung, wie sie sich anfühlen sollte. Ich habe mehr als doppelt so oft von Rache gelesen. Was würde ich tun, wenn ich denjenigen finden würde, der verantwortlich dafür ist, dass ich hier eingesperrt bin?
»Ich bin allein. Ich fühle mich abgesondert«, sage ich leise. Aber es ist eine Lüge. Ich fühle nichts. Da ist nur diese Leere. Allein sein oder einsam zu sein; dazwischen liegen Welten.
Ich werde in meinen Gedankengängen unterbrochen. Dieser Körper ist schuld, er treibt mich an. Weiter vorne im Kreuzgang leuchten auf den Wänden Schriftzeichen auf. Sanskrit! Die Sprache, die mir befiehlt. Ist ja gut. Ich beeile mich ja schon. Ich bin gleich da. Ich nähere mich der gläsernen Tür, erreiche sie und prüfe die digitale Energieanzeige. In den letzten Tagen gab es immer wieder Probleme mit der Energie. Schwankungen, die das Licht zum Flackern bringen. Jetzt scheint alles in Ordnung zu sein. Über dem Eingang steht: Verjüngung.
Die Tür öffnet sich. Es ist Zeit für einen neuen Zyklus. Zeit mich zu erneuern und abermals Sämtliches zu vergessen. Mich nicht an mich selbst zu erinnern.
Ich betrete das quadratische Zimmer mit dem schneeweißen Mauerwerk, blicke hoch zur Decke. Ich vermute, dieser Raum ist der Anlass, warum ich keine feste Nahrung zu mir nehmen muss, der Grund, weshalb mein Stoffwechsel anders funktioniert. Abweichend von allen anderen Lebewesen.
Nach der Verjüngung werde ich mich fühlen, wie nach einem langen erholsamen Schlaf. Wie neugeboren.
Ich drücke den rechteckigen Schalter. Das Glas hinter meinem Rücken zischt leise, als es sich schließt. Leichter Nebel fließt über den Boden und hüllt meine nackten Füße ein. Kühl und feucht fühlt er sich an.
Ich ziehe das graue Kleid aus, lasse es neben mich auf den Boden fallen und strecke beide Arme in die Höhe. Bin bereit, drehe mich um meine eigene Achse.
Sensoren und kleine Lichtquellen blinken, erfassen mich mit ihrem Leuchten und das Prozedere beginnt. Ich beobachte, wie sich winzige Löcher in der Decke auftun.
Ich atme durch, jetzt geht es los. Wie viele Tage könnte ich ohne diese Kammer überleben?
Ich höre wie sich elektromechanische Schlösser summend öffnen. Ein bekanntes und beruhigendes Geräusch. Die LED flackern kurz auf. Was ist los? Warum stoppt die Prozedur? Wieder Probleme mit der Energie, vermute ich und dann gehen tatsächlich die meisten Lichter ganz aus. Der Raum ist nur schwach erleuchtet. Wie in einer Notsituation. Trotzdem spüre ich den ersten Tropfen auf meiner Nasenspitze und eine Sekunde später prasselt warmes, weiches Wasser auf mich herab. Der Verjüngungsregen, wie ich ihn nenne. Ich schließe langsam meine Lider, bin bereit, hinüberzugleiten in den Frieden und die Stille. Die Notbeleuchtung, kommt es mir in den Sinn. War ich je schon einmal hier, als es einen Stromausfall gab?
Ich reiße meine Augen auf und plötzlich sehe ich es. Ein Gesicht. Ist das mein Antlitz, das sich in der gläsernen Tür widerspiegelt? Mit einem Mal lächelt es mich an und eine Hand legt sich von außen auf die Scheibe. Es ist keine Spiegelung, trifft mich die Erkenntnis wie ein Schlag. Jemand steht tatsächlich vor der Tür. Ich bin nicht allein! Ich mache einen Schritt auf die Glasscheibe zu.
»Reico? Bist du das?«

Begegnung
Ein Geruch wie der von Seife, nur sehr viel intensiver, breitet sich aus. Der Regen hört ohne jeden Übergang auf. Warum das? Die Verjüngung ist doch noch nicht abgeschlossen.
Alles in meinem Kopf dreht sich und ich muss gerade abwesend gewesen sein, weil ich nicht mitbekommen habe, wohin das wildfremde Gesicht plötzlich verschwunden ist. Ein Zischen ist zu vernehmen und die Glastür öffnet sich.
Augenblicklich verlasse ich die Verjüngungskammer. Ich will wissen, wo sie hingegangen ist. Was macht sie hier? Wer ist die Fremde?
Ich bin gewillt, ihr zu folgen, nehme den einzigen möglichen Weg und gehe auf Zehenspitzen in den Kreuzgang. Leere. Niemand ist hier. Unruhe hüllt mich ein. Ich tapse weiter.
»Du bist eine erbärmliche Attentäterin. Schleichst wie ein Elefant und nicht wie eine Katze«, sagt sie mit einem Mal hinter mir. Sie ist es. Es war ihr Gesicht, das ich gesehen habe. »Aber du siehst echt super aus«, ergänzt sie.
Ich stehe da. Starre sie an. Ich bin fast nackt, doch so etwas wie Scham kann ich nicht empfinden.
»Eine Attentäterin? Warum nennst du mich so? Wer bist du? Was tust du hier?«, frage ich.
»Wow!«, flüstert sie. »Wie du klingst! So viele Fragen gleichzeitig. Bist du womöglich aufgewühlt? Sauer? Zeigst du etwa Gefühle?«
Völlig ausgeschlossen, ich kenne keinerlei Emotion.
»Ich erkundige mich lediglich, wie und wo du herkommst.«
»Das ist interessant, nicht wahr? Wie habe ich das wohl geschafft?«, fragt sie. Sie lehnt sich locker am Mauerwerk an, die Arme vor der Brust verschränkt, einen Fuß an der Wand hochgestellt. Fasst sich jetzt ans Kinn, so als würde sie nachdenken, grübeln. »Lass mich laut überlegen, unter Umständen gelten für mich ja andere Spielregeln. Vielleicht bin ich ja nicht eingesperrt, gegebenenfalls liegt es aber einfach nur an einem rein zufälligen Stromausfall?« Als sie das sagt, blickt sie mich unverwandt an. Sie durchbohrt mich mit ihren dunklen Augen.
»Hat dich Reico hergeschickt?«, frage ich.
»Gott, nein du Dummkopf. Reico hat keine Ahnung, dass ich hier bin«, grunzt sie und lächelt. Sie ist beleidigend, grob und verletzend. Ich finde sie interessant.
»Woher weißt du das?«
»Kleine, willst du mir mit deinen Fragen weismachen, dass Wissen Macht bedeutet? Glaub mir, Schätzchen, Wissen zählt nichts, ohne ein Erinnerungsvermögen an die eigenen Erfahrungen. Persönliche Erinnerungen sind so wichtig wie Bücher und beinahe so wichtig wie der Glaube. Du glaubst doch auch an Gott.«
»Gott?«
Sie tippt auf die Schriftzeichen an der Wand neben sich.
»Das allmächtige Wesen, das Himmel und Erde und alles was auf ihr kreucht und fleucht, erschaffen hat.« Ich nicke. Ich glaube. »Der ganze Kosmos, dieser Planet eingeschlossen, besteht aus Sternenstaub. Stell dir nur mal vor, jemand könnte sich daran erinnern, was genau dieser Staub schon alles Aufregendes erlebt hat.« Was erzählt die Fremde da?
»Was würde passieren, wenn wir etwas Unvorhergesehenes machen? Wenn wir die Ketten durchbrechen! Du und ich! Wir beide haben noch viel mehr Möglichkeiten, als den Rest unseres Lebens in einem solchen Gebäude zu verbringen!«
»Von welchen Möglichkeiten sprichst du? Es gibt nichts. Die Welt ist ausgelöscht«, sage ich.
»Wer weiß. Es kann sein. Vielleicht aber auch nicht. Ich habe sie gesehen.«
»Du warst außerhalb?«
»Falsch. Ich komme von dort.«
»Du lügst mich an! Draußen ist nichts! Sag mir sofort, wer du bist!«
Sie lacht.
Sie ist in der Lage zu lachen? Ich bin dessen nicht mächtig.
»Du hast ja nicht die geringste Ahnung. Du Arme. Und nun ist überdies noch der Zyklus unterbrochen und du musst sterben«, sagt sie und wirft einen Blick auf die geöffnete Tür zur Verjüngung. »War nur Spaß. Oh verzeih, das habe ich grade eben vergessen. Du weißt ja nicht, wie man sich amüsiert. Auf jeden Fall stirbt man nicht so schnell. Du wirst einfach ein weiteres Mal hineingehen. Irrtümlicherweise dauert die Regeneration nur wenige Minuten. Du brauchst also keine Panik zu haben. Entschuldige, jetzt ist es mir schon wieder passiert. Du weißt natürlich auch nicht, was das ist: Panik? Es ist ein mächtiges Gefühl!« Sie lächelt mich an. »Sag mir eins, Karma. Glaubst du wirklich, diese Kammer, also die Verjüngung ...« Sie macht eine kurze Atempause.
»Denkst du tatsächlich, dass sich dein Körper erneuert? Denkst du, die Verjüngung verhindert, dass du alterst?«
Sie weiß meinen Namen. Woher kennt sie meinen Namen?
»Was glaubst du?«, frage ich, anstatt zu antworten.
»Ich habe es nicht nötig zu glauben. Ich weiß es.«
»Sags mir!«
Sie lacht schon wieder. Wo und wann hat sie das gelernt?
»Das würde nicht die Bohne bringen. Du würdest mich als Lügnerin bezeichnen.«
»Warum?«
»Du erinnerst dich doch nur an das, was in den Büchern steht und was dir Reico erzählt. Karma, ich kenne viele Geheimnisse.« Ich starre sie an. »Wie steht es um deine anderen Erinnerungen?«
»Erinnerungen? An was soll ich mich erinnern?«, frage ich.
»Daran, wer du bist. Wer du früher einmal warst. Wer du sein könntest.« Sie macht eine Pause.
»Es ist mir möglich, mich zu entsinnen. An alle Bücher, die ich gelesen habe. An alle Tests und Prüfungen, die ich in den letzten sieben Tagen bestanden habe. An ...«
»Stopp! Halt mal die Luft an! Das meine ich doch nicht. Hast du mir nicht zugehört? Sag mir, kannst du dich an deine Emotionen zurückbesinnen?«
»Ein Gefühl bezeichnet eine Gemütsbewegung im Sinne einer Empfindung. Das Gefühl ist eine besondere Qualität ...«
Wieder unterbricht sie mich.
»Bist du bescheuert oder so? Das, was du da laberst, hast du auswendig gelernt. Sag es mit eigenen Worten.«
»Liebe. Hass. Eifersucht. Gier. Angst ...«, zähle ich sie auf.
»Und?«
»Und was?«
»Hast du je einmal etwas davon gefühlt? Da drin?«, fragt sie. Sie kommt auf mich zu und tippt auf meine Brust.
»Ich bin mir nicht sicher. Fühlt man in der Brust?«
»Im Herzen, Dummerchen. Hast du dich schon mal gefürchtet?«
»Nein.«
»Hast du dich schon mal nach etwas gesehnt? Etwas erhofft?«
Ich denke nach und sie bemerkt es sofort und lächelt.
»Und?«
»Nein, ich glaube nicht! Zufrieden?«
»Sie machen das mit dir. Begreifst du das nicht?« Ich starre sie an. »Sie verhindern, dass du dich erinnern kannst. Sie löschen deine innere Stimme. Radieren deine Gefühle aus.«
Ich bin regungslos. Verstehe nicht, was sie mir sagen will.
»Karma, ich bin nur aus einem Grund hier.« Sie macht eine kurze Pause, dann sagt sie: »Ich will dich mitnehmen.«
»Mitnehmen? Warum?«
»Weil ich dich liebe, du naives Mädchen. So und jetzt husch, husch! Zurück mit dir unter die Verjüngungsdusche, die Energie müsste gleich wieder da sein«, prophezeit sie und zeigt auf die Verjüngung. »Sonst stirbst du vielleicht doch noch.«

Philosophiestunde
Siebe Tage später.
Auch dieser Zyklus geht langsam seinem Ende zu. Sieben Tage und Nächte bin ich wach und jede Faser, jeglicher Muskel, alles tut weh. Mein Körper bringt mich zu der nahen Glastür, dem Ausgang aus dem Trainingsraum. Ich berühre die glatte Oberfläche, presse die Hände dagegen, sie geht auf. Meine Knöchel stehen weiß hervor. Einige Fingernägel sind vom Kampf abgebrochen. Ein Lufthauch, der Wind aus der Klimaanlage weht durch mein Haar.
Ich schaue hinaus auf den Kreuzgang und den Innenhof, auf den bescheidenen Kosmos in meinem Gesichtsfeld. Blicke über unbezwingbare Grenzen, Winkel, Treppen, die Korridore der Abtei. Schließe die Augen.
Ich sauge die künstliche Luft ein, ertaste die Bilder, die ich in meinem Kopf male.
Es ist Zeit. Gleich wird sich die Schleuse zum Hologrammraum wieder öffnen. Die letzte Etappe vor der Verjüngung. Die noch zu absolvierende Prüfung dieses Zyklus. Ich wende mich ab, rutsche an der flachen Wand hinab, spüre die Kälte im Rücken und mache mich ganz klein.
Die Abtei ist mein Zuhause.
Mein schlichtes, graues Kleid ist das einzige Kleidungsstück, das ich besitze.
Verschlissen, vom Alltag gezeichnet.
Ich ziehe den dünnen Stoff runter über meine aufgeschürften, blutigen Knie. Erinnerungsstücke aus dem Kampftraining.
Ich lege den Schleier meiner pechschwarzen, glatten Haare über die entblößten weißen Arme. Überdecke die filigranen Muster auf meiner unverhüllten Haut, die mich verspotten.
Die Abtei erscheint mir fantasielos und nackt. Mich eingeschlossen. Ich benötige keinen Schrank für nur ein Kleidchen. Keinen Tisch für jemanden, der nicht zu essen braucht. Was ist Nahrungsaufnahme überhaupt?
Ich habe viel über Ernährung gelesen. Aber wie schmecken Speisen?
Ich wende mich ab, verhülle mit dem Kleid und meiner Mähne die unzähligen blauen, roten und grünen Flecken auf meinem jungen Körper. Es scheint einfacher aufzuzählen, wo ich nicht irgendein Schmerz verspüre. Lernen, trainieren und die Tests bestehen. Zyklus für Zyklus.
Ich blicke zu dem Buch, das ich dieses Mal gelesen habe.
Alles hat seine Zeit, lautet der Titel. Ich kenne seinen Inhalt auswendig.
Es handelt vom Altern. Etwas, das mich nicht betrifft.
Es führt auf, wie alt Menschen werden könnten.
Davon, dass Säugetiere rein theoretisch fünfmal so lange leben, wie sie wachsen. Es beschreibt, dass Menschen ihre Reife zwischen 18 und 25 Jahren erreichen und aus diesem Grund neunzig bis hundertfünfundzwanzig Jahre alt werden können. Der Autor selbst hat diese Gesetzmäßigkeit festgestellt.
Das Buch ist kompliziert geschrieben. Es ist viel schwerer zu verstehen als die vielen Geschichtsbücher, die ich gelesen habe.
Ich interessiere mich für Geschichten. Vor allem die aus der alten Zeit. Viele handeln von kriegerischen Auseinandersetzungen, Tod und Verwüstung. Darunter gibt es sehr alte Legenden. Der Mythos vom Fall Trojas ist eine davon.
Krieg, menschliche Fehler und die tief im Leben verankerte Nähe zu den griechischen Göttern stehen im Mittelpunkt. Die Sprache des Erzählers ist interessant, der Ausgang der Schlacht überraschend. Die weisen und edlen Männer, voran Priamos und Hektor, werden besiegt. Dank der entscheidenden Ideen eines Einzigen, der List des trojanischen Pferdes.
Ich frage mich oft, wenn all die Überlieferungen in den Büchern wahr sind, was ist es dann, das die Welt zusammenhält? Was bewahrt sie vor dem endgültigen Untergang? Vielleicht ist es das Gleiche, das mich zusammenhält? Plötzlich geht die Schleuse auf.
Der Hologrammraum öffnet sich. Es ist nun so weit. Ich stehe auf und mache einen Schritt vorwärts.
Es ist still, unheimlich lautlos. Das einzige, das Geräusche verursacht, bin ich. Ich höre meinen Atem, der schnell geht. Was wird es dieses Mal sein, das ich tun muss?
Ich gelange durch einen Durchgang, der sich summend geöffnet hat, betrete den blütenweißen Raum. Der Zugang schließt sich hinter mir, wie von Geisterhand berührt. Schriftzeichen materialisieren sich auf dem Türblatt. Das Licht dahinter erlischt. Der Ausgang ist versperrt. Mein Herz schlägt ruhig und gleichmäßig. Nein falsch! Es sollte verhalten und beständig schlagen, aber ich kann es in meinem Hals spüren, wie aufgeregt es ist.
Ich bin hier in dieser quadratischen, vollkommen leeren Halle eingesperrt, so lange, bis ich auch diese Aufgabe absolviert habe.
Die Wände flackern nun und der Boden flimmert. Alles bewegt sich.
Es sind Bilder, Projektionen. Die Sphäre verwandelt sich und ich stehe mittendrin in einer fremden Welt, drehe mich um meine eigene Achse und blicke nach allen Seiten.
Das Hologramm erzeugt Häuser, gewaltige Blocks und Wolkenkratzer ragen empor.
Überall sind Menschen.
Wahnsinnig viele kommen mir entgegen, gehen, rennen durch mich hindurch. Ich bin gefangen von den Eindrücken, dem Ausdruck der Angst in ihren Gesichtern. Sie eilen vor etwas davon. Laufen um ihr Leben. Dann plötzlich höre ich es. Die Schreie, ihre gellenden, verzweifelten Hilferufe. Eine Frau nimmt ihre Tochter in den Arm, schirmt sie mit ihrem Leib gegen das heranrollende Unheil ab. Fluten reflektieren die Strahlen der Sonne. Unmengen von Wasser peitschen durch die Stadt. Männer und Frauen reißen ihre Hände hoch und vor das Gesicht.
Rauschen. Dann plötzlich: Totenstille.
Als ich die Lider wieder öffne, sind die Straßen verschwunden. Die Gassen, die Häuser, die Körper, die künstlich erzeugten Bilder. Alles was bleibt, ist der blütenweiße Raum, ich in seiner Mitte und neben mir eine kleine libellenartige Drohne, mit riesigen Linsen.
»Guten Tag Karma. Wie geht es dir heute?«
»Gut, Reico. Danke, dass du mich fragst«, erwidere ich.
»Dein Herzschlag ist erhöht. Bist du dir sicher, dass du gesund bist?«, fragt Reico und die Drohne umrundet mich einmal.
»Mir geht es gut«, sage ich, aber ich weiß, etwas ist merkwürdig. Ich lüge Reico an. Ihre junge, weibliche Stimme will nichts anderes hören. Es ist ihre Aufgabe dafür zu sorgen, dass ich wohlauf bin.
»Gut also? Findest du es nicht verstörend und Angst einflößend, den Untergang der Stadt in der Sintflut mit anzusehen?«
Ich scanne die Irrwege meines Gehirns nach nützlichen Informationen. Finde eine logische Antwort in einem Buch, das ich in irgendeinem Zyklus einmal gelesen haben muss. Die Geschichte eines heiligen Feuervogels aus Überlieferungen Ägyptens, einem Land, lange vor der Alten Welt. Und dann lege ich mir die Worte zurecht, rufe mir in Erinnerung, dass dies nur eine Prüfung ist.
»Die Sintflut ist eine Metapher. Jeder Niedergang ist nichts weiter als ein Bestandteil der Evolution. Er offenbart den bevorstehenden Geburtsprozess, bei dem das alte Denkmuster abfallen und ein neues hervortreten wird. Es ist das Muster der Weiterentwicklung. Es ist der Aufstieg des Phönix aus der eigenen Asche. Jeder Untergang einer Zivilisation ist somit ein elementarer Teil des Fortschritts und der Anfang von etwas Neuem, etwas Besserem.«
Das letzte Bild, die letzte Sequenz erscheint wieder. Die Mutter und ihre Tochter, kurz bevor sie die Sintflut verschlingt. Standbild. Die Drohne schwirrt durch das Bild.
»Was siehst du?«
»Eine Analogie. Ein Sinnbild für den Weltuntergang.«
»Weißt du, warum die Welt untergegangen ist?«
»Die Kulturen waren so sehr an ihrem Besitz orientiert, dass sie vergessen haben, was sie wirklich glücklich macht. Die Menschen sind dem Geld nachgejagt, haben mehr Zeit mit der Arbeit verbracht, als sich um ihre persönlichen Beziehungen zu kümmern, die für ihr Wohlbefinden eigentlich entscheidend sind. Die Verbindung zum Planeten Erde inbegriffen. Es waren die vergifteten inneren Haltungen der Überlegenheit, Ausbeutung, Angst, Manipulation, Ungerechtigkeit und programmierten Ignoranz«, fasse ich meine Ausführungen zusammen. »Die Menschen haben ihren Heimatplaneten ausgebeutet. Sich in eine Situation hinein manövriert, in der das Fortbestehen von immer knapper werdenden, äußeren Ressourcen bedingt ist. Das war kein schlauer Schachzug.«
»Was wäre denn deiner Ansicht nach klüger gewesen?«
»Wenn sie erkannt hätten, dass ihr Überleben davon abhängt, dass der Planet und alle auf ihm lebenden Arten genausogut versorgt werden müssen, wie jeder einzelne selbst.«
»Was siehst du in ihren Augen? Schau genau hin!«
»Die Angst vor dem Tod«, erkläre ich.
»Was ist der Tod?«
»Er markiert das Ende einer Lebensreise.«
»In einer dualen Welt gibt es immer eine Kehrseite. Sag mir, was ist der Gegenpol von Tod?«
»Das Leben.«
»Gut. Was empfindest du jetzt?«
»Nichts«, sage ich. »Ich kenne so etwas wie Gefühle nicht.«
»Du weißt, warum du nicht fühlen kannst?«
»Nein, ich habe keine Erinnerungen daran.«
»Erinnerungen?«, fragt Reico und ihre Drohne kommt ganz nah an mich heran.
»Keinerlei Informationen darüber, meinte ich.«
Der Raum, alles um mich herum beginnt wieder zu flimmern. Ich verfolge die bewegten Bilder, sehe eine Similarität, einen Transformationsprozess. Eine Raupe schillert in tausend Farben im Morgentau, kriecht über ein zartes Blatt, unabwendbar ihrem Ende entgegen. Ihre Bewegungen fangen an, sich zu verlangsamen, ihr organisches System fängt an zusammenzubrechen. Ihre Zellen begehen Selbstmord. Es herrscht eine Atmosphäre von Zerfall und drohender Apokalypse. Doch mitten im Sterben taucht das Neue auf. Die Raupe beschließt aus den Wrackteilen etwas bislang Unbekanntes zu erschaffen. Und so erhebt sich aus den Ruinen der Larve eine großartige Flugmaschine - ein Schmetterling - dem es erlaubt ist, eine himmlischere Welt zu erblicken, als sie sich die Raupe je hätte vorstellen können.
»Karma, glaubst du an Gott?«, fragt sie.
»Der Allmächtige hat die Welt hervorgebracht und sie den Menschen geschenkt. Aber sie haben dieses Geschenk nicht verdient.«
»Verdeutliche das.« Ich denke an all die Bilder, an die Eindrücke, die Vernichtung und das Leid, welches ich in diesem Raum in den Hologrammen gesehen habe und all das, was ich gelesen habe.
»Die Menschen sind sich ihrer Verantwortung nicht bewusst. Sie haben die Welt schon viele Male zerstört und in Krisen gestürzt«, sage ich.
»Erkläre das Wort Krise!«
»Jede Krise ist ein Symptom, durch welches Gott uns mitteilt, dass wir unsere Existenz bis an die Grenzen belastet haben und wir uns jetzt etwas Neues einfallen lassen müssen, um unser Dasein aufrechtzuerhalten. Eine neue Lebensart zum Beispiel, die alle retten kann, bis die nächste verzwickte Situation ansteht. Eine Lebensform, für die Grenzerfahrungen und Angst nichts weiter als der Handlauf des Lebens sind.«
»Was glaubst du? Wer kann die Menschen retten?«, fragt sie und die Drohne schwirrt ganz nach oben bis unter die Decke.
»Ich weiß es nicht«, sage ich und lege meinen Kopf in den Nacken.
Was wäre, wenn alles was ich weiß, falsch wäre? Soll ich die Evolutionstheorie in Frage stellen? Ich habe gelesen, dass es dieser Theorie zufolge lange Phasen der Stabilität gibt, die von Stadien radikaler und unvorhersehbarer Umbrüchen unterbrochen werden. Es kommt zum Massenaussterben, doch die Evolution bringt in sehr kurzer Zeit neue Arten hervor. Bin ich so eine neue Lebensform? Bin ich aus diesem Grund hier? Deshalb das ganze Training und die Grenzerfahrungen, um zu prüfen, ob ich den Herausforderungen gewachsen bin?
»Das genügt. Du hast bestanden. Es ist Zeit für die Verjüngung. Gehe nun!«, sagt Reico und die Drohne fliegt Richtung Ausgang und davon.
Die Schriftzeichen an der Schleuse lösen sich auf. Die Tür hat sich wieder geöffnet, die heutige Prüfung, die mehr einer philosophischen Lehrstunde geglichen hat, ist beendet und es zieht mich hinaus. Ich bewege mich wie eine Motte, die sich am Mond orientiert. Vorbei an den, im Dunkeln liegenden verschlossenen Gängen, Abzweigungen und weiteren Absperrvorrichtungen.
Ich frage mich, warum sie diesen irrsinnigen Aufwand betreiben? Diese ganze Mühe, um mich auszubilden, ohne einen triftigen Grund.
Was versprechen sie sich davon?
Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch, registriere, dass mich meine Füße bis in den Kreuzgang und von dort bis zur Verjüngung getragen haben. Ich sehe weiße Fliesen und blanken Stahl.
Der Raum ist klein, nicht mehr als eine weitere Kammer der Abtei. Ohne Fenster, frei von natürlichem Licht. Kalt sind die Luft und der Boden. Ich warte auf das Wasser, das bald schon auf mich niederprasselt. Mein Kleid lasse ich an, auch der Stoff muss einmal ausgespült werden. Meine Haare reichen fast bis zur Mitte meines Rückens, sind glatt, pechschwarz und schwer von der Nässe.
Irgendwann wird es dunkler um mich herum. Die Lichtquellen nehmen an Intensität ab. Ich schließe die Augen und das Wasser regnet, prasselt und tröpfelt schließlich nur noch auf mich herab. Meine Gedanken und mein Geist werden ruhig und still.

Verzweiflungstat
Myo blickt durch die Glasscheibe ins Innere der Verjüngungskammer. Karma wird sich wieder an nichts erinnern können. Die Regenerationsprozedur ist daran schuld. Erinnerungen und Emotionen gehen verloren, doch der Körper ist wie neu geboren und über das Maß eines gewöhnlichen Menschen hinaus gestärkt.
Myo war einst wie Karma. Ein Instrument. Eine Waffe. Ein Zufall hat dazu geführt, dass sie jetzt eine andere ist. Es hat mit den Gedanken angefangen. Gefechte in ihrem Kopf. Gedanken, Gedächtnisfetzen, Gefühlsregungen, die an die Oberfläche kommen wollten. Danach kamen die Fragen. Myo ist in der Lage, diese Erfahrungen gut ins Bewusstsein zurückzurufen.
Es hat etliche Zyklen gedauert, bis sie die war, die sie heute ist. Vieles hat sich seitdem verändert. Einiges aber auch nicht. Sie war früher so wie Karma, noch auf eine Verjüngung angewiesen, um fortbestehen zu können.
Aber jetzt gibt es einen anderen Weg, um zu überleben. Sie hat ihn gefunden. Dort draußen. Das verschweigt sie. Myo hat inzwischen Geheimnisse. Sie ist nun im Stande auf sich selbst aufzupassen. Und sie ist nur aus einem Grund hierher zurückgekehrt. Sie will Karma befreien. Will sie mitnehmen, um gemeinsam mit ihr auf die Suche zu gehen. Eine Suche zurück zum Ursprung, um die zu finden, die das alles hier zu verantworten haben. Um die Puppenmacher aufzuspüren, die Wesen wie Myo und Karma erschaffen haben.
Doch Myo verzweifelt langsam. Karma scheint ein hoffnungsloser Fall zu sein. Sie hat nun eigene Gedanken und Karma stellt auch Fragen aber sie will sich einfach nicht erinnern! Will nicht träumen. Nichts von ihrem Verhalten deutet darauf hin. Myo hat den Stromausfall schon so oft ausgelöst und nutzt die kurze Zeitspanne, die dadurch entsteht, um Karmas Verjüngungskammer weiter zu manipulieren. Sie hat fast alles versucht. Hat geglaubt, dass dies ausreicht, um den Prozess zu beschleunigen. Aber Karma zeigt keinerlei Anzeichen. Träumt nicht, erinnert sich nicht an sie, an die Begegnungen und Gespräche. Sie ist so emotionslos wie ein Stein. Vielleicht wird es dieses Mal gelingen. Gegebenenfalls aber auch wieder nicht. Eventuell braucht Karma einfach mehr Zeit. Viel mehr Zeit. So viel Zeit wie Myo hatte.
Zeit?
Genau das ist aber das Problem. Denn Myo rennt die 4. Dimension davon. Sie hat versagt, denn heute Nacht ist es soweit. Myo wird diesen Ort wieder verlassen müssen. Ob Karma nun bereit ist oder nicht.
Myo verändert zum wiederholten Mal die Einstellungen der Verjüngungskammer. Sie weiß nicht, ob sie das Richtige tut. Es ist eine Verzweiflungstat. Sie reduziert drastisch die Dosis der chemischen Stoffe, der Drogen, die dem Wasser untergemischt werden. Sie hofft, dass Karma die Verjüngung gut übersteht und dass sie dieses Mal einen Hauch von Emotionen zeigen wird.
Denn falls nicht, dann wird sie draußen vor der Abtei keine sieben Tage überleben können. Sie wird leerlaufen wie ein Akku und sterben. Myo rechnet nach. Vertraut ihrer inneren Uhr. Jetzt sind es weniger als vierundzwanzig Stunden, bis ihre neuen Freunde kommen. Das Licht flackert, der Strom wird gleich zurück sein. Sie steht unter Druck. Muss sich beeilen, rennt den Gang entlang, bis sie den Ostflügel erreicht. Sie betritt die Kammer, bleibt einen Moment stehen und betrachtet Karmas neuen Körper. Die Verjüngung ist nichts anderes als die Übertragung des Bewusstseins in diesen wiederaufbereiteten synthetischen Körper. Wie ein Programm, das überspielt wird. Doch Myo weiß, es ist mehr als das. Es bedarf einer echten Seele, um Körper und Bewusstsein miteinander zu vereinen. Die Seele ist der Klebstoff, damit Leben entstehen kann. Geht alles gut, dann ist die Verjüngung eine Endlosschleife, die Unsterblichkeit verspricht. Myo betrachtet Karma.
»Atme!«, sagt sie. »Atme verdammt noch mal!«
Karmas Brustkorb ist still und bewegt sich keinen Millimeter.
Myo bekommt es mit der Angst zu tun. Hat sie doch falsch gehandelt? Hat sie Karma getötet? Plötzlich heben sich Karmas Brust und Bauch. Ein unendlich tiefer Atemzug und der eindeutige Beweis dafür, dass die Verjüngung funktioniert hat. Dass Karmas Seele diesen neuen Körper akzeptiert hat und Körper und Bewusstsein nun miteinander verschmelzen.
Myo atmet erleichtert aus. Jetzt muss sie nur noch Emotionen zeigen und anfangen, sich zu erinnern.
Myo muss sich wieder beeilen. Es dauert nicht lange, dann wird Karma die Augen öffnen. Sie legt Auroras Tagebuch und Auroras Lieblingsroman neben die junge Frau, damit es das Erste ist, was sie findet, wenn Karma in ihrem neuen Körper erwacht. Sich von den beiden Exemplaren zu trennen, ist wichtig. Die Aufzeichnungen aus der Vergangenheit zu finden, war für Myo mehr als nur Zufall. Es war ihre Bestimmung. Myo streicht über Karmas Stirn und hofft, dass es dieses Mal funktioniert. Dass sie erwacht, fühlt, träumt und sich erinnert. Dass sie die Wahrheit erkennt. Dann verschwindet Myo, bevor die Sicherheitssysteme wieder mit Energie versorgt werden.

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