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Manu Ella
TRAVELLERS
Journey through Space and Time
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Reise ins Unbekannte
Ankunft in der Fremde
Bekanntes Territorium
Zurück in der einstigen Fremde
Weg in die Freiheit
Impressum neobooks
Reise ins Unbekannte
Brennend heiss scheint die Mittagssonne vom stahlblauen Himmel am letzten Freitag im August des Jahres 2013. Ebenso heiss ist es in Jessica’s Kopf! Mit überhöhter Geschwindigkeit braust die attraktive Frau, die eben ihren achtundvierzigsten Geburtstag feierte, in ihrem weissen Elektrofahrzeug auf dem hitzeflimmernden Asphalt in Richtung Berner Oberland. Unablässig rasen Jessica’s Gedanken. Sie fühlt sich wie auf einer wilden Achterbahnfahrt und ihre innere Anspannung spiegelt sich im raschen und kräftigen Pulsieren ihrer Schläfenarterien wider.
Das heftige Pochen ihrer Adern unter der Hautoberfläche erinnert Jessica an einen unlängst zurückliegenden Waldspaziergang, wo sie dem schnellen Hämmern eines Buntspechts gegen einen Baumstamm lauschte. Die Erinnerung an den idyllischen Moment zaubert ein Lächeln um ihre vollen, ungeschminkten Lippen und ihre angespannten Gesichtszüge werden augenblicklich weicher. Jessica liebt die Stille und Kühle des Waldes in den heissen Sommermonaten. Sie realisiert, wie sich ihr erhitztes Gemüt beim Abrufen der damaligen ruhigen Stimmung besänftigt. Gleichzeitig beruhigt sich die Horde umherspringender Affen in ihrem Kopf, als sie an den grünen, schattigen Laubwald zurückdenkt, wo sie sich geborgen fühlte. Schliesslich stoppt das Gedankenkarussell! Jessica lässt alle Emotionen und Gedanken, die sie noch beschäftigen, mit einer langen, tiefen Ausatmung los.
Fünfzehn Minuten sind vergangen, seit sie in ihren Wagen eingestiegen und von ihrem Elternhaus losgefahren ist. Dank ihrer jahrelangen Praxis mit spirituellen Techniken findet Jessica innert kurzer Zeit zu ihrer Balance zurück. Sie ist sich bewusst, wie wichtig das innere Gleichgewicht für den Erhalt ihrer langfristigen Gesundheit und für ihre positive Ausstrahlung ist. Wenn sie sich durch äussere Ereignisse aus der Bahn werfen lässt, schadet sie nur sich selbst. Die Gewissheit, dass sie ihr Denken und ihre Gefühle wieder unter Kontrolle hat, lässt Jessica entspannt durchatmen. Sanft und doch kraftvoll schmiegt sie ihren Rücken an die weich gepolsterte Lehne ihres Autositzes, der ihr in dieser herausfordernden Lebenssituation zusätzlichen Halt zu geben scheint.
Jessica’s Gedanken sind jetzt kristallklar und ihre Gemütslage hat sich vollkommen beruhigt. Weit weg scheint die soeben stattgefundene heftige Auseinandersetzung mit ihrem Vater zu sein. Dank ihrer Lebenserfahrung im Umgang mit selbstherrlichen Vertretern des männlichen Geschlechts hinterlassen die Wutanfälle und Demütigungen ihres Erzeugers heute keine Spuren mehr in ihrem Bewusstsein. Dies ganz im Gegenteil zu ihrer Kindheit, wo sich die traumatischen Erlebnisse in ihrem Unbewussten festsetzten und sie nachts während Jahrzehnten in ihren Träumen heimsuchten.
Im Laufe ihres Lebens wurde Jessica durch zahlreiche Herausforderungen und Kränkungen, die sie in ihrem Privat- und Berufsleben von Männern einstecken musste, abgehärtet. Als junge Frau entschied sie sich in einem männerdominierten Wirtschaftsumfeld für einen unkonventionellen Berufsweg und wurde während Jahren vom Rohdiamanten zum Diamanten geschliffen. In jener Zeit lernte sie, sich in einer patriarchalisch organisierten Arbeitswelt, wo viele Männer auf einer unbewussten Ebene von veralteten, frauenfeindlichen Bildern gesteuert wurden, mit intelligenten Verhaltensstrategien und natürlichem Charme durchzusetzen. Heute scannt Jessica ihre männlichen Gegenüber mit ihrer über die Jahre präzis entwickelten Beobachtungsgabe und ihrer scharfen Intuition, der nichts zu entgehen scheint. In Blitzesschnelle erkennt sie überholte Verhaltensweisen oder manipulative Absichten. Sieht sie sich bei der Einschätzung von Sachverhalten mit heuchlerischen Beurteilungen konfrontiert, die Männer aufgrund veralteter, unbewusster Vorstellungen fällen, lächelt sie freundlich, zieht aber für sich die notwendigen Konsequenzen, um die Zukunft in ihrem Sinne zu gestalten.
Dank ihres Wissens im Umgang mit autoritären Männern kann Jessica der Disput, der sich gerade mit ihrem Vater ereignet hat, nicht mehr verletzen oder nachhaltig erschüttern. Längst vorbei sind die Zeiten, als sie sich mit Urteilen und Vorstellungen einer teils noch immer konservativen Männerwelt in unserer Gesellschaft identifizierte. Das Beherrschen ihrer Gefühls- und Gedankenwelt und das Bewusstsein, Schöpferin ihrer eigenen Realität zu sein, geben ihr Kraft und Mut, ihrem Leben die Richtung zu geben, die sie allein als richtig empfindet. Unbeirrbar geht sie ihren eingeschlagenen Weg, auch wenn dieser durch innere und äussere Widerstände öfters beschwerlich ist und ihr bisweilen unkonventionelle Handlungsweisen abverlangt.
In Gedanken spielt Jessica nochmals die unerfreuliche Szene mit ihrem Vater durch. Sie erkennt, dass er während der letzten Wochen, wo sie sich in ihrem Elternhaus aufhielt, eine Maske trug, worunter sich sein wahres Gesicht versteckte. Hinter dem vorgetäuschten, liebevollen Verhalten verbirgt sich noch immer der frühere herrschsüchtige Mann: Er bleibt ein Patriarch, der die Kontrolle über seine Familie am liebsten bis in alle Ewigkeit behalten möchte.
Jessica’s hoch entwickeltes Mitgefühl lässt sie gleichzeitig erkennen, dass sich hinter den heftigen Demütigungen, die sie erdulden musste, auch Angst und Traurigkeit um ihr Wohlergehen verbirgt. Ihr Vater ist seinen heftigen Emotionen ohnmächtig ausgeliefert, weil er nicht imstande ist, seine Gefühlswelt zu durchschauen und somit zu beherrschen. Wegen seiner Ohnmacht und der über einen langen Zeitraum aufgestauten Gefühle verwandelte sich seine Angst und Trauer in Wut, die sich einem tosenden Wasserfall gleich über seine eigentlich geliebte Tochter ergoss.
Jessica weiss, dass sie an der zerrütteten Beziehung zu ihrem Vater gegenwärtig nichts ändern kann. Dessen ist sie sich ganz sicher! Zu stolz und zu verletzt ist er in seinen Gefühlen, als dass sie vernünftig miteinander reden könnten. Dazu hat sie zum jetzigen Zeitpunkt ihres Lebens, das während der letzten zehn Jahre von unzähligen Schicksalsschlägen heimgesucht wurde, nicht die Kraft, auf die Gefühlslage ihres Vaters Rücksicht zu nehmen. In ihrer Kindheit und Jugend hat sie dies zur Genüge getan! Erstmals ist sie sich in ihrem Leben bewusst, dass sie trotz ihres angeborenen, mitfühlenden Naturells nur für sich selbst schauen soll. Denn sie hat eben in einer ihr alles abverlangenden Lebenslage nicht die dringend benötigte Unterstützung von ihrem Vater erhalten.
Als Jessica auf der Autobahn dahinfährt, erinnert sie sich an einen besonderen Vorfall, der sich vor nicht allzu langer Zeit ereignete und den sie seinerzeit nicht abschliessend einordnen konnte.
Bei einem ihrer täglichen Abendspaziergänge fiel plötzlich ein Jungvogel von hoch oben aus dem Nest. Es geschah anfangs Juli, als sie während zwei Monaten bei ihrer Schwester wohnte, die mit ihrer Familie im gleichen Haus wie die Eltern lebt. Beim dumpfen Aufprall des zarten Geschöpfes auf dem spärlich mit Rasen bedeckten Boden hörte es sich im ersten Moment an, als würde ein Stein aufschlagen. Bei genauem Hinsehen entdeckte Jessica den hilflosen Winzling und wurde von grossem Mitgefühl ergriffen. Seine Flügel waren kaum entwickelt und dürftig mit Flaum bedeckt. Der schmächtige Vogelkörper bestand grösstenteils aus nackter Haut, die im Abendlicht der untergehenden Sonne zartrosa schimmerte. Mehrmals versuchte das fragile Geschöpf vergeblich, sich mit tapsigen Schritten fortzubewegen. Jessica beobachtete, wie es dem angrenzenden und steil abfallenden Flussufer bedrohlich nahekam. Schliesslich entschied sie sich, den Jungvogel zu retten, und brachte ihn zu einem in der Nähe wohnenden Tierarzt.
Als sie das kleine Lebewesen abgegeben hatte, das ihr in der kurzen Zeit ans Herz gewachsen war, fragte sie sich, ob der Arzt den Vogel nach ihrem Weggang tatsächlich seiner Katze als Festschmaus servieren würde. Er hatte eine subtile Andeutung in diese Richtung geäussert, da der zeitliche Aufwand, um den Jungvogel zu retten, zu gross sei. Beim Gedanken daran lief Jessica ein eiskalter Schauer über den Rücken. Für sie war die Härte der Menschen gegenüber einer so hilflosen Kreatur mit ihrem Herzen nicht nachvollziehbar!
Jetzt, wo Jessica gelassen und wieder in normalem Fahrtempo in Richtung Oberland fährt, erinnert sie sich an ihre Gedanken, als sie den Jungvogel vom Boden auflas. Sie hatte sich damals gefragt, ob der aus dem warmen Nest fallende Vogel womöglich ein Vorbote dafür sei, dass sie selbst bald kein Zuhause mehr haben würde. Zu jener Zeit verdrängte sie ihre merkwürdigen Überlegungen schleunigst, erschien ihr doch das schrecklich anmutende Szenario völlig irreal! Wie sie in der Zwischenzeit wusste, sollte sich ihre böse Vorahnung bewahrheiten: Zum ersten Mal in ihrem Leben ist Jessica heimatlos! -
Heimatlos in ihrer äusseren Lebenssituation, jedoch fest verwurzelt in ihrem Selbst. Diesen inneren Zufluchtsort nimmt Jessica seit ihrer jüngsten Kindheit intuitiv wahr, und er gibt ihr in ihrer herausfordernden Lage ein Gefühl von tiefer Geborgenheit. Seit jeher ist ihr göttliches Selbst, das sich durch nichts verwirren oder zerstören lässt, ihre geheime Rettungsinsel, die sie wie ein weiches Kissen auffängt und ihre Seele in diesen einsamen und kalten Stunden ein bisschen zu wärmen vermag.
Ankunft in der Fremde
Als Jessica in die schmale Einfahrt des wunderschön gelegenen Anwesens am Brienzersee einbiegt, ist es früher Abend. Sie ist etwas nachdenklich und fragt sich, was der bevorstehende Aufenthalt ihr wohl bringen wird. Langsam fährt sie die unebene Strasse, die zwischen uralten Laubbäumen mit knorrigen Stämmen eingebettet ist, in Richtung See hinunter.
Dabei erinnert sie sich ganz unverhofft, dass sie vor über zehn Jahren bereits einmal an diesem Ort war. Zu jener Zeit kam sie erstmals in ihrem Leben vermehrt in Kontakt mit spirituellen Themen und sie absolvierte hier mit ihrem einstigen Lebenspartner einen Feuerlauf. Der gemeinsame Besuch dieser Veranstaltung war gleichzeitig der Beginn des späteren Bruchs ihrer Partnerschaft, von der sie einst glaubte, sie würde für immer halten.
Der Anblick des türkisgrünen Wassers hinter dem Wohnhaus und die in der Ferne sichtbaren Bergmassive sind überwältigend! Bevor Jessica ihren Wagen auf einem der Parkplätze nahe dem Haus abstellt, hält sie inne und lässt die schöne Aussicht und die leuchtenden Farben in der umliegenden Natur für eine Weile auf ihre Seele wirken. - Die Stimmung könnte gegensätzlicher nicht sein, wenn sie an den Streit anfangs Nachmittag mit ihrem Vater zurückdenkt!
Jessica ist damit vertraut, dass der rasche Wechsel zwischen angenehmen und schlechten Erfahrungen an einem bestimmten Punkt auf dem Weg der Bewusstseinsentwicklung ein wichtiges Merkmal ist. Sie weiss, dass es in solchen Phasen darum geht, ob sie in glücklichen wie auch in traurigen Augenblicken zentriert bleiben kann, ohne das Erlebnis gedanklich oder gefühlsmässig zu bewerten. Das in seinem Ur-Zustand kristallklare Bewusstsein soll weder durch heitere noch traurige Ereignisse nachhaltig getrübt werden.
Sie empfindet es als Privileg, dass der Mensch - im Gegenteil zur Natur - durch Lenkung seiner Gedanken und Gefühle einen direkten Einfluss auf seinen Bewusstseinszustand nehmen kann. In diesem Zusammenhang kommt ihr ein häufig vorkommendes Naturphänomen in den Sinn: Wird die Wasseroberfläche eines Sees durch einen heftigen Sturm aufgepeitscht, ist das Wasser oft mehrere Tage danach noch trüb und dunkel. Genauso färbt und verdunkelt sich das Bewusstsein eines Menschen, der unfähig ist, in einer konfliktgeladenen Situation seine Gemütslage zu beherrschen. Wegen seiner destruktiven Gedanken und Gefühle bleibt seine Stimmung während Stunden oder manchmal Tagen düster, mit entsprechend negativen gesundheitlichen Folgen für sich selbst und sein soziales Umfeld.
Sie weiss aus eigener Erfahrung, dass der Mensch - im Gegensatz zur Natur oder zu Tieren - fähig ist, seine instinktiven Persönlichkeitsanteile zu transzendieren, sodass sein Bewusstsein von äusseren Umständen unberührt und klar bleibt.
Erfreut stellt Jessica fest, dass sie nach dem Disput mit ihrem Vater - trotz kurzzeitig aufwallender Gefühle und erhitzter Gedanken - innert weniger Minuten ihre innere Balance wiederfand. Sie weiss, dass solche vorübergehenden Gemütszustände auch auf einem fortgeschrittenen Bewusstseinsweg vorkommen dürfen. Entscheidend ist, sich emotional rasch zu beruhigen und keinen Groll oder Rachegelüste gegen den Menschen zu hegen, mit dem die Auseinandersetzung stattfand. Jessica ist für die zahlreichen, herausfordernden Lernprozesse auf ihrem Weg dankbar! Die Erfahrungen ermöglichen ihr, in dieser ausserordentlichen Lebenslage keine Wut gegenüber ihrem Vater zu empfinden. Ebenso wenig ist sie nach den heutigen Ereignissen traurig, was jedoch keineswegs bedeutet, dass sie gefühllos ist! Sie nimmt die derzeit verworrene Beziehung zu ihrem Erzeuger einfach in Liebe und Verständnis an - wohl wissend, dass ihr Vater das Zerwürfnis mit anderen Augen betrachtet.
Gerade als Jessica ihr kurzes Gedankenspiel beendet hat, öffnet sich die hölzerne Eingangstür des prächtigen Wohnhauses, das sich mit seinem schneeweissen Anstrich wie ein leuchtender Diamant von den dunklen Bergen abhebt. Ein kleiner, sportlich aussehender Mann mit grauem, leicht schütterem Haar tritt blinzelnd in die Sonne hinaus. Jessica steigt aus ihrem Wagen und begrüsst den Fremden mit einem Lächeln. Seine braun-grünen Augen strahlen freundlich aus dem gebräunten Gesicht und sein breites Grinsen verstärkt die lustigen Lachfältchen um seine Augen.
Nachdem Jessica einen ersten äusseren Eindruck des Mannes gewonnen hat, realisiert sie intuitiv, dass der Besitzer des Anwesens einen dandyhaften Wesenszug besitzt. Mit ihrer hochentwickelten Intuition erfasst sie innert Sekunden unterschiedliche Charaktereigenschaften auf verschiedenen Bewusstseinsebenen. Im Alltag ist ihre Begabung eine echte Herausforderung, denn als hochsensible Person wird sie dauernd mit einer enormen Flut an Informationen berieselt, die sie verarbeiten muss. Sie benötigt weitaus mehr Regenerationszeit als durchschnittliche Menschen, was in leistungsorientierten Gesellschaften ein grosser Nachteil ist und meist unverstanden bleibt. Allerdings hat ihre angeborene Fähigkeit dazu beigetragen, ihr Unterscheidungsvermögen im Laufe ihres Lebens zu schärfen und äusserst differenziert denken zu lernen.
Jessica schätzt den älteren Mann, der sich in der Zwischenzeit als Alan vorgestellt hat, auf etwa fünfundsechzig Jahre. Er geleitet sie auf eine runde, gedeckte Terrasse, die wiederum die prächtige Aussicht auf den See und die Berge freigibt. Jessica atmet tief durch und geniesst den gegenwärtigen Augenblick in vollen Zügen.
In einem bequem aussehenden Sessel aus geflochtenem Korb mit leuchtend orangenen Kissen räkelt sich eine knapp dreissigjährige Frau mit schwarz gefärbten Haaren. Genüsslich nippt sie an ihrem Aperitif. Jessica geht einen Schritt auf sie zu, streckt ihre Hand aus und begrüsst sie herzlich. Dankend lehnt sie hingegen das von Alan angebotene alkoholische Getränk ab, weil sie keinen hochprozentigen Alkohol verträgt. Seit Monaten hat sie keinen Tropfen mehr getrunken, um ihren feingliedrigen, wenn auch athletischen Körper in diesen herausfordernden Zeiten nicht zusätzlich zu belasten. Sie stösst mit Alan und seiner Begleiterin mit einem Glas Orangensaft auf ihren bevorstehenden Aufenthalt an diesem idyllisch gelegenen Ort an, wo sie hofft, nach den turbulenten Zeiten etwas zur Ruhe zu kommen.
Nachdem Jessica ihre wenigen Habseligkeiten im hübsch eingerichteten Zimmer im Untergeschoss verstaut hat, will sie sich nach dem heissen und anstrengenden Tag eine Abkühlung im Aussenpool des Hauses gönnen. Rasch schlüpft sie in ihren roten Bikini, rennt die Holztreppe hinauf ins Obergeschoss, um die letzten wärmenden Strahlen der untergehenden Sonne zu erheischen. Nach einer kurzen Dusche springt sie Kopf voran ins kühle Nass des kleinen Schwimmbeckens. Sie spürt, wie sich beim Abtauchen ihr langes braunes Haar durch den Sog des Wassers an ihren Kopf anschmiegt. Jessica liebt die Schwerelosigkeit ihres Körpers, wenn sie unter Wasser dahingleitet, und das befreiende Gefühl schenkt ihr binnen kurzem neue Energie. Nach einigen Schwimmzügen stösst sie sich mit ihren Füssen kraftvoll vom Beckengrund ab und ihr harmonisch geformter Körper schiesst wie ein Pfeil durch die Wasseroberfläche nach oben. Jessica fühlt sich vollkommen lebendig! Das Element Wasser hilft ihr, die erste unerfreuliche Tageshälfte loszulassen und mit Hoffnung und Zuversicht nach vorne zu schauen. Es ist eine ungewisse Zukunft, aber in diesem wundervollen Moment mag sie sich darüber keine ernsthaften Gedanken machen. Sie wird in den nächsten Wochen noch genügend Zeit dafür haben.
Den Rest des Abends verbringt Jessica mit Alan auf der Terrasse und sie diskutieren angeregt über eine Vielfalt an Themen, die in der Schweiz und weltweit aktuell sind.
Es ist weit nach Mitternacht, als sie sich müde und zufrieden in das weiche Kopfkissen ihres Bettes sinken lässt. Sie ist voller Demut und Dankbarkeit, dass sie dank einer lieben Freundin diese schöne Bleibe gefunden hat, bevor sie im Spätherbst ihre neue Wohnung beziehen wird.
***
Es ist bereits Mittag, als Jessica am nächsten Tag, noch etwas müde von den Ereignissen des Vortags, ihre rehbraunen Augen öffnet. Wie immer macht sie nach dem Erwachen ihre Entspannungs- und Atemübungen und führt mentale Techniken durch, um den Tag gelassen und zielgerichtet anzugehen. Ihr Morgenritual ist ihr heilig! Sie will zuerst etwas Gutes für sich selbst tun, bevor sie sich neuen Aufgaben stellt. Der alltägliche Brauch verleiht ihr Kraft, um die bedingungslose Liebe, die sie sich selbst und ihren Mitmenschen im Alltag entgegenbringt, stets von neuem zu kultivieren. So wie andere Leute regelmässig ihre Muskeln trainieren, stärkt Jessica täglich ihr Mitgefühl, und zwar gegenüber sich selbst und allem Lebendigen auf der Erde. Die zahlreichen Herausforderungen, die ihr auf ihrem Weg begegnen, nimmt sie liebevoll an, ohne sich allerdings von ihren Mitmenschen manipulieren oder ausnützen zu lassen. Im Verlaufe ihres Lebens hat Jessica gelernt, sich klar abzugrenzen und ein deutliches Nein zu äussern, wenn es die Umstände erfordern. Auf kluge und taktvolle Art setzt sie sich für ihre eigenen Interessen ein und achtet gleichzeitig darauf, andere Menschen nicht zu brüskieren.
Nach einem Frühstück aus Mandeln und rohen Apfelschnitzen, die sie mit wenig Kardamon bestreut, tritt sie anfangs Nachmittag mit frischer Energie ans Tageslicht hinaus. Sie will ihre Beine vertreten und zugleich ihre neue Umgebung erkunden. Da ertönt zu ihrer linken Seite ein freundliches „Hello“. Es ist Michael, dem sie bereits gestern Abend in der Küche des Wohnhauses begegnet ist, als sie mit Alan auf dem Weg zur Terrasse war.
Der erste Kontakt mit Michael fand im Vorbeigehen statt. Dennoch hat Jessica seine Persönlichkeit sofort erfasst und registrierte einen äusserst interessanten und gleichzeitig unnahbaren Mann. Er war gerade mit einem randvollen Wäschekorb unter dem Arm zur Waschküche unterwegs. Sein Oberkörper und besonders sein Hals waren beim Laufen nach vorne gebeugt, was auf einen Menschen hinweist, der primär intellektuell gesteuert ist. Die blauen Augen blitzten unter dem schulterlangen, leicht ergrauten Haar hervor und sein schelmisches Lachen verriet einen junggebliebenen Mann. Nach dem kurzen Zusammentreffen mit Michael verriet ihr Alan, dass sein Mieter ein wahres Genie in seinem Beruf als Ingenieur in der Medizintechnik ist.
Dem angenehmen Klang des „Hello“ folgend, dreht sich Jessica in die Richtung, woher die dunkle, melodiöse Stimme kam. Ein jungenhaftes Antlitz lächelt sie freundlich an. Michael erkundigt sich, ob sie spazieren geht und ob er sie dabei begleiten darf. Er könne ihr einen herrlichen Wanderweg zeigen, der ihr einen sagenhaften Fernblick auf den Brienzersee bietet. Erfreut nimmt Jessica sein Angebot an! Als Bewegungsnaturell ist es ihr wichtig, sich täglich während mindestens einer halben Stunde zu bewegen und in der Natur ihre leeren Batterien aufzuladen.
Spontan laufen die beiden los, wobei der Naturweg rasch in einen steilen Aufstieg übergeht. Jessica ist durchtrainiert und der Anstieg bereitet ihr keine Mühe. Michael, der grundsätzlich einen muskulösen Körperbau hat, jedoch wegen seines dauernden Naschens reichlich Bauchfett mit sich herumträgt, atmet bereits nach kurzer Zeit heftig. Trotz der körperlichen Anstrengung unterhält sich Jessica spielerisch in englischer Sprache und sie tauschen erste Informationen über ihre aktuellen Lebensumstände aus. Sie erfährt, dass Michael ursprünglich aus England kommt und seit etwa zwölf Jahren in der Schweiz lebt und arbeitet. Er ist lediglich drei Jahre älter als sie.
Jessica nimmt aufgrund ihrer Feinfühligkeit Michael’s energetische Schwingung auf und spürt zu ihrer Verwunderung eine unerklärliche Anziehung zu diesem fremden Mann, dem sie gestern zum ersten Mal begegnete. Seit über zehn Jahren führt sie bewusst ein Single-Leben, nachdem sie in ihrer letzten Beziehung schwer enttäuscht wurde, und ist nicht auf der Suche nach einer neuen Partnerschaft. Sie ist mit sich und ihrem Leben, trotz der seit längerem andauernden schwierigen Phase, zufrieden und es fehlt ihr grundsätzlich an nichts. Auch während der letzten herausfordernden Jahre konnte sie ihre innere Stabilität aufrechterhalten und war mit sich selbst in Harmonie und Frieden. Obschon sie seit langem allein lebt, ist Jessica nie wirklich einsam, weil sie sich mit allem verbunden fühlt: Mit der Natur, mit den Tieren und Pflanzen, mit den Menschen in ihrem Alltag, mit den winzigsten Organismen auf der Erde und dem unendlichen Universum. Sie ist allem Lebendigen in Liebe, Respekt, Toleranz und Dankbarkeit verbunden, was bewirkt, dass sie keine innere Leere verspürt, auch wenn sie allein durchs Leben geht. Diese tiefe, innere Verbundenheit mit der Welt ist Jessica‘s Geheimnis, das sie künftig mit anderen Menschen teilen möchte.
Jessica muss immer wieder innehalten und sich umdrehen, um die atemberaubende Weitsicht in der strahlenden Nachmittagssonne zu bestaunen. Die klare Sicht und die intensiven Farbtöne in der Natur verzaubern die Landschaft und verwandeln sie in ein malerisches Szenario. Ein solches Panorama hat sie lange nicht gesehen, obschon es in ihrer Herkunftsgegend in der Ostschweiz auch wunderschöne Orte gibt. Mit ihrem Smartphone schiesst sie mehrere Fotos, um sich später an diesen tollen Nachmittag erinnern zu können.
Während des ganzen Spaziergangs geniesst Jessica das inspirierende und bereichernde Gespräch mit ihrer neuen Bekanntschaft. Sie ist froh, diesem netten und aufgeschlossenen Menschen gleich zu Beginn ihres Aufenthalts in der Fremde begegnet zu sein. Sie weiss, dass dies nach den unerfreulichen Vorkommnissen, die sich kürzlich in ihrem Elternhaus ereigneten, nicht selbstverständlich ist.
Als sie sich nach einem zügigen Marsch voneinander verabschieden, bedankt sich Jessica voller Dankbarkeit bei ihren Schutzengeln für diese wunderbare Fügung.
***
Der erste Samstagabend in der Fremde. Jessica nimmt den Haupteingang des Anwesens, um in ihr Zimmer im Untergeschoss zu gelangen. Von weitem sieht sie Alan und seine junge Begleiterin auf der Terrasse sitzen. Schon wieder nippen die beiden an einem alkoholischen Getränk! Da Jessica selten Alkohol trinkt, hat sie ein feines Gespür für Menschen, die gerne und regelmässig Spirituosen geniessen. Schon gestern hatte sie den Eindruck, dass Alan jeweils abends dem Alkohol verfällt, auch wenn sie ihn erst seit kurzem kennt. Trotz dieser Feststellung begrüsst Jessica die beiden Genussmenschen offen und herzlich. Schliesslich steht es ihr nicht zu, über das Verhalten anderer Leute zu urteilen, solange sie selbst keinen Schaden davonträgt.
Alan begleitet Jessica in die Küche, um ihr zu zeigen, wo sie die Lebensmittel, die sie nach dem Spaziergang mit Michael noch eingekauft hat, versorgen kann. Sie hat in ihrem eigenen Kühlschrank in der Küche im Souterrain nur eine kleine Ablagefläche, wo sie ihre Nahrungsmittel aufbewahren kann.
Auf einmal wird sie von Alan in die Ecke eines schmalen Durchgangs zwischen dem Kochherd und einem an der Wand montierten Tisch gedrängt. Als freiheitsliebender Mensch bedarf Jessica in mancherlei Hinsicht viel Raum, um sich wohlzufühlen, und das beklemmende Gefühl, das sie gerade beschleicht, behagt ihr gar nicht! Dennoch bleibt sie innerlich ruhig und entspannt. Es geht ihr durch den Kopf, dass Alan - im Gegensatz zum intellektuell geprägten Michael - eher von seiner Körpermitte aus gesteuert ist, was bedeutet, dass er einen ausgeprägten Sexualtrieb hat, der seine Persönlichkeit dominiert. Bei seinem Gang sticht klar seine Körpermitte hervor, wo sein bestes Stück unter der Hose verborgen liegt.
In leicht angetrunkenem Zustand lässt Alan eine anrüchige Bemerkung fallen - dies einen Tag nach ihrer Ankunft! Seine zweideutige Anspielung zielt darauf ab, dass er sie nach dem gestrigen Gespräch auf intellektueller wie auch auf körperlicher Ebene anziehend findet. Aus seiner Aussage schliesst Jessica, dass diese Eigenschaft wohl nicht auf die Frauen zutrifft, die er üblicherweise umwirbt. In seinen Beziehungen scheint eher die rein körperliche Anziehungskraft im Vordergrund zu stehen.
Jessica fühlt sich von seiner spontanen Äusserung irritiert, da sie solche plumpen Annäherungsversuche nicht gewohnt ist. Eine Situation, wo sie verbal belästigt und körperlich in eine Ecke gedrängt wird, hat sie in ihrem Leben bis anhin nicht erlebt. Sie atmet kurz durch. Dann erinnert sie sich an ihre mentalen und kommunikativen Stärken, die sie sich im Laufe ihres jahrelangen Single-Daseins antrainiert hat. Als Alan mit seinen taktlosen Aussagen fortfährt und hämisch ergänzt, dass er ihr Unwohlsein spüre, platzt Jessica endgültig der Kragen. Sie bleibt sachlich, handelt jedoch konsequent. Mit knappen Worten weist sie den zudringlichen alten Mann in die Schranken, schiebt ihn mit sanftem, doch bestimmtem Druck zur Seite und bahnt sich ihren Weg bis in die Mitte der grossräumigen Küche zurück. Hier fühlt sie sich nach einer kurzen Phase der Verunsicherung wieder sicher! Schliesslich kennt sie Alan erst seit einem Tag. Dennoch kann sie kaum glauben, dass er ihr gegenüber seine gewohnte Masche im Umgang mit Frauen durchziehen wollte.
Jessica hat Alan schon kurze Zeit nach ihrer Ankunft durchschaut. Sie weiss, dass er jenen Männertyp repräsentiert, der in Bezug auf Frauen in alten Gedanken- und Verhaltensmustern verhaftet ist. Er hat eindeutige Machoallüren und benutzt verzweifelte oder unselbständige Frauen für seine eigenen Zwecke. Als Gegenleistung für Geschenke oder sonstige Dienste, die er den wehrlosen Opfern erweist, erwartet er von seinen Begleiterinnen Sex. Sein manipulierendes Verhalten ist für Alan zu einer richtiggehenden Sucht geworden, da er sein geringes Selbstwertgefühl dauernd über seine körperliche Potenz bestätigen muss.
Als Jessica endlich in ihrem Zimmer ist, sinnt sie über die erlebte Szene mit Alan nach. Sie reist gedanklich in der Zeit zurück: Stolz lächelt sie vor sich hin, als sie sich ihre Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung vor Augen führt, die sie seit ihrem jungen Erwachsenenalter durchlaufen hat.
Auch sie war einmal in einer Beziehung gefangen gewesen, die auf einer ungleichen Basis fusste. Damals fehlte es ihr an der nötigen Durchsetzungskraft, um sich gegen einen autoritären und machtbesessenen Mann konsequent und nachhaltig zu wehren. Zu jener Zeit fühlte sie sich stark von materiellen Dingen und einem grossen Bedürfnis nach Sicherheit angezogen. Ihre Werte haben sich im Laufe ihres Lebens grundlegend verändert! Es ist nicht so, dass sie keine Freude mehr an qualitativ hochstehenden Dingen hätte, aber sie würde sich nie mehr aus materiellen Gründen an einen Mann binden, der ihr emotional, spirituell, intellektuell und körperlich nicht gewachsen ist. Lieber zöge sie es vor, allein zu bleiben und sich mit weniger Sicherheit und Wohlstand zu begnügen.
Zu dieser späten Stunde erkennt Jessica wenigstens einen Grund, weshalb sie das Schicksal an diesen Ort verschlagen hat. Sie weiss, dass es ihre Bestimmung ist, den steinigen Weg der Erkenntnis zu gehen und dadurch ihre Bewusstseinsfrequenz laufend zu erhöhen.
***
Ein neuer Tag - ein neuer Anfang! Dies ist ein wichtiges Leitmotiv in Jessica’s Leben. Sie ist nicht der Typ, der nachtragend ist. Sie kann rasch verzeihen, weil sie die Oberflächlichkeit von Ereignissen meistens durchschaut und die tieferen Beweggründe menschlichen Handelns intuitiv erfasst.
Alan hätte es gestern Abend in einem nüchternen Zustand bestimmt nicht gewagt, sie so ungehobelt zu behandeln, wie er es unter Alkoholeinfluss tat. Durch sein plumpes Benehmen konnte sie wertvolle Erkenntnisse auf ihrem Weg der Bewusstwerdung gewinnen. Dies wäre ohne seine triebhafte, wenngleich im Moment sehr unangenehme Art, nicht möglich gewesen. Jessica ist ihm deshalb für den Zwischenfall vom Vorabend sogar dankbar!
Sie weiss, dass die Fähigkeit zur Erkenntnis bei vielen Menschen im Westen noch grosses Entwicklungspotenzial hat. Eine völlig andere Sichtweise der Dinge einzunehmen, als sie sich für unser Auge präsentieren, ist für die meisten Leute schwierig, da uns diese Art der Wahrnehmung nicht vertraut ist. Ebenso fällt vielen der Akt des Verzeihens schwer.
Jessica weiss, dass sich alle Menschen diese wunderbaren, friedvollen Fähigkeiten aneignen können, und zwar genauso, wie sie einen Beruf oder ein Hobby erlernen. Arbeitet jemand mit grosser Hingabe an der Entwicklung dieser Charaktereigenschaften und kultiviert sie über einen langen Zeitraum hinweg, wird es ihn unweigerlich zur Meisterschaft führen. Die süsse Frucht dieses Bewusstseinsentwicklungsweges ist ein gesundes, glückliches Leben.
Jessica fühlt eine grosse Dankbarkeit im Herzen, dass ihr diese Weisheiten vertraut sind. Das uralte Wissen macht sie innerlich frei und lässt die Lebensenergie in ihren Körpern ungehindert fliessen, was für den Erhalt von langfristiger, natürlicher Gesundheit und die vollkommene Erfüllung in allen Lebensbereichen unerlässlich ist. - Darum erachtet sie diese neue Sichtweise der Dinge und die Kraft des Verzeihens als wichtige Voraussetzung für eine gesunde und friedliche Zukunft von Individuen und der Menschheit als Ganzes.
Obschon es anfangs September ist, herrschen an diesem prächtigen Herbsttag erneut angenehme Temperaturen. Jessica hat sich nach dem Mittagessen ausnahmsweise für einen weniger anspruchsvollen Spaziergang entschieden. Der flache Weg verläuft am herrlichen Ufer des Brienzersees entlang und verlangt ihr körperlich keine grosse Anstrengung ab, sodass sie ihre Gedanken schweifen lassen kann. Als Denkerin und Philosophin ist sie dauernd damit beschäftigt über die grösseren Zusammenhänge des Lebens nachzudenken und sie sinniert beim Laufen über die Zeitformen von Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit nach.
Jessica findet, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besonders innerhalb eines Familienverbunds erkennbar sind. Es kommt vor, dass ein Familienmitglied - meist sind es die Heiler der Familie - auf seinem Weg der Bewusstseinsentwicklung sowohl unerledigte Aufgaben in seiner Herkunftsfamilie als auch ungelöste Themen von Tanten, Onkeln oder Grosseltern aufarbeitet. Die Früchte dieser Bewusstseinsarbeit, die über die verschiedenen Zeitachsen hinweg geleistet wird, ernten auch einzelne Familienmitglieder der nächsten Generation, und zwar unabhängig vom Verwandschaftsgrad mit dem Heiler. Die fortschreitende Bewusstseinsentwicklung innerhalb eines Familiensystems bewirkt, dass Nachkommen ein Leben führen können, das von mehr Freude, Frieden, Leichtigkeit und Liebe gekennzeichnet ist, was für ein gesundes, kreatives und erfülltes Leben entscheidend ist.
Beim Laufen bemerkt Jessica, dass sich die ersten Blätter der Laubbäume gelb verfärben. Ein Naturspektakel, das sie jedes Jahr von neuem fasziniert! Der Färbungsprozess zeigt an, dass die Bäume ihre Pflanzensäfte zu den Wurzeln zurückziehen, bevor die farbigen Blätter von den Herbstwinden durch die Lüfte davongetragen werden, tanzend zu Boden schweben und dort langsam verwelken. Alljährlich leitet der wiederkehrende Vorgang im Herbst den Entstehungsprozess für das Austreiben neuer Blätter im nächsten Frühjahr ein. - Die für unser Auge unsichtbaren Zusammenhänge offenbaren, dass Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zeitgleich existieren. Zeit ist eine menschliche Erfindung, um uns in der Welt besser zurechtzufinden, denn Zeit existiert nicht wirklich! Im ganzen Universum und überall auf der Erde sind alle Zeitformen im selben Augenblick gegenwärtig. Menschen, die achtsam und bewusst durch das Leben gehen, können dieses Phänomen überall wahrnehmen.
Jessica macht sich noch ein paar Gedanken zur Beschaffenheit der Berge, deren verschiedene Gesteinsarten ebenso aus unterschiedlichen geografischen Zeitepochen stammen. Sie ist sich bewusst, dass die heutigen Handlungen der Menschen in Wirtschaft, Industrie, Politik und Gesellschaft einen direkten Einfluss auf die künftige Gesteinsbeschaffenheit des Gebirges haben. Unsere aktuellen Taten beeinflussen wesentlich, ob das Gestein in Zukunft fest und stabil oder porös und unstabil sein wird. Letzteres wird unweigerlich zu vermehrtem Steinschlag und Felsrutschen führen.
Die Nachmittagsstunden draussen in der Natur sind wie im Flug vergangen. Als die letzten Sonnenstrahlen einen schmalen Streifen orange-gelber tanzender Lichtfunken auf das Wasser zaubern und die glühende Abendsonne hinter der imposanten Bergkulisse verschwindet, beendet Jessica ihre tiefgründigen Überlegungen. Sie beginnt zu frösteln, sobald die wärmende Sonneneinwirkung auf ihrem Gesicht ausbleibt, und kehrt langsam ins Hier und Jetzt zurück. Mittlerweile knurrt auch ihr Magen und sie macht sich auf den Heimweg.
***
Beim Betreten des Anwesens sieht Jessica Alan’s hagere Silhouette im halbdunklen Flur stehen. Ein kurzes, zischendes Geräusch ist in der beklemmenden Stille zu vernehmen und darauf erhellt ein bläulich-gelbes Flämmchen für wenige Sekunden den spärlich beleuchteten Gang. Alan ist dabei, sich mit leicht zittrigen Fingern eine Zigarette anzuzünden. Seit vielen Jahrzehnten ist er Kettenraucher und raucht täglich bis zu zwei Päckchen der tödlichen Glimmstängel. Genussvoll zieht er den ersten Zug seiner Zigarette bis tief in die Lungenspitzen hinunter und inhaliert die giftigen Stoffe. Dabei murmelt er eine unverständliche Begrüssung in Jessica’s Richtung und entlässt den restlichen Rauch mit einer langen, quälend anmutenden Ausatmung. Er sieht müde aus und seine Gesichtsfarbe erscheint im Halbdunkeln blass und aschgrau. Seine sonst freundlichen, braun-grünen Augen blicken düster unter den leicht hängenden Lidern hervor. Tiefe Ringe färben die dünne Haut unter seinen Augen dunkel und enden erst an den zahlreichen Lachfältchen am äusseren Augenrand.
Alan’s Laune scheint heute nicht besonders gut zu sein. Als Jessica durch den hellen, zur Terrasse führenden Vorraum schreitet, nimmt sie den beissenden Geruch von kaltem Rauch wahr. Die abgestandene Luft im ungelüfteten Raum reizt ihre empfindliche Rachenschleimhaut so stark, dass sie reflexartig husten muss. - Als präventiv handelnder Mensch berührt es sie dennoch zu beobachten, wie sich einst gesunde Leute wie Alan durch ihr jahrzehntelanges Suchtverhalten langsam zugrunde richten. Es beschäftigt sie auch, dass süchtige Personen wegen ihrer emotionalen Unausgeglichenheit ihre Mitmenschen verletzen, auch wenn sie dies meist unbewusst tun.
Gleich sollte sie Alan’s Impulsivität am eigenen Leib erfahren! Als sie zufrieden und erleichtert über ihr vorübergehendes Zuhause die Terrasse betritt, fährt er sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel von hinten an. Süffisant meint er, dass sie überhaupt noch nie erfahren habe, was es für einen Menschen bedeutet, ganz unten in der Gesellschaft leben zu müssen. Jessica ist infolge der unerwarteten Bemerkung erst einmal perplex. Alan’s Stimme ist laut, sein Tonfall aggressiv! Sie fragt sich, weshalb er sie nach ihren traumatischen Erfahrungen in ihrem Elternhaus so massiv angreift. Er weiss nämlich seit ihrer Ankunft über die traurigen Vorkommnisse, die in den vergangenen acht Wochen vorfielen, Bescheid.
Ist Alan erst einmal in Fahrt, ist er in seinem unablässigen Redefluss kaum mehr zu stoppen. Jessica holt tief Luft und unterbricht ihn mit einem lauten und bestimmten „Stopp“, worauf Alan augenblicklich verstummt. In ihrer vorbelasteten Situation muss sie sich von einem fremden Mann keine dermassen taktlosen Äusserungen anhören. Als sich Jessica abrupt umdreht, reflektiert sie Alan’s Bemerkungen, welche dieser über den sozialen Abstieg gemacht hat.
Sie teilt seine Ansichten keinesfalls! Jessica glaubt nicht, dass alle Leute zuerst auf der untersten Gesellschaftsstufe ankommen müssen, bevor sie sich in schwache Menschen hineinversetzen können. Dagegen kann sie sich gut vorstellen, dass Alan wegen seines ausgeprägten Egos als ehemaliger Pilot der Fliegerabwehrtruppen durch die harte Lebensschule musste. Erst nachdem er Armut am eigenen Leib erfahren hatte, konnte er seinen Stolz und seine Eitelkeit ablegen, die ihm den Blick auf bedürftige Mitmenschen lange Zeit versperrten. Ab dem Moment, als seine Wahrnehmung nicht mehr einzig auf sich selbst gerichtet war, war er fähig, Empathie für andere Menschen aufzubringen.
Jessica wurde hingegen mit einer anderen Persönlichkeit geboren. Die Aufgaben, die sie auf ihrem Lebensweg bewältigen muss, unterscheiden sich deutlich von den Herausforderungen, mit denen Alan konfrontiert ist. Ihr angeborenes Mitgefühl liess sie bereits in ihrer Kindheit das Leiden der Mitmenschen wahrnehmen. Mit ihrem bescheidenen Wesen, das für ihre Persönlichkeit prägend ist, war es in diesem Leben ihre Pflicht, ein starkes Ego zu entwickeln, um ihr angeborenes Heilwissen zu verkaufen und nicht zu verschenken. Bei Jessica ist das Ego nicht primär dazu da, um sich ein möglichst angenehmes Leben aufzubauen, sondern vielmehr um einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten. Ihre Lebensaufgabe ist das exakte Gegenteil von Alan’s zynischen Äusserungen. Sie besitzt so viel natürliches Einfühlungsvermögen, dass sie gesellschaftlich nicht zuerst auf die unterste Stufe absteigen musste, um Mitgefühl für andere entwickeln zu können. Davon ist Jessica überzeugt! Auch ohne diese Erfahrung war sie in den letzten Jahren bereit, auf gewisse Annehmlichkeiten eines modernen Lebens zu verzichten, um sich auf ihre Berufung als Heilerin und Coach für Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung vorzubereiten.
Im Zusammenhang mit herausfordernden Lebensphasen sinniert Jessica weiter über mögliche positive Aspekte von Krisensituationen nach. Sie realisiert, dass Menschen, die seit Jahrzehnten einem normalen Arbeitsalltag nachgehen, die Realität von Personen, die harte Schicksalsschläge hinnehmen mussten und gleichzeitig ein hochentwickeltes Bewusstsein haben, falsch einschätzen.
Dies bedeutet nicht, dass für Letztere das Bewältigen des Alltags in schwierigen Zeiten nicht genauso herausfordernd ist wie für Leute, die in ihrem Bewusstseinsprozess erst am Anfang stehen. Jedoch bleibt ihr Bewusstsein von schicksalhaften Geschehnissen, wie beängstigend diese auch sein mögen, langfristig unberührt. Sie sind sich bewusst, dass ihr inneres Selbst aus göttlichem Licht ist, das auch unter widrigsten Umständen unverwüstlich und unzerstörbar ist. Viele Personen, die ein geregeltes Leben führen, glauben aufgrund ihrer oberflächlichen Realitätswahrnehmung irrtümlicherweise, dass tragische Lebenslagen nur düstere Seiten haben.
Jessica weiss aus eigener Erfahrung, dass bei gewissen Menschen ein unverschuldeter Unterbruch eines bis anhin bürgerlichen Lebens durch Krankheit oder den Verlust des Arbeitsplatzes einen lebensverändernden Prozess einleiten kann. Sind die Betroffenen fähig, solche einschneidenden Ereignisse in Liebe, Vertrauen und Geduld anzunehmen, können sie sogar ihre wahre Bestimmung finden. In Leistungsgesellschaften ist unsere Berufung oft tief im Unbewussten vergraben, weil unsere freie Meinungsbildung seit jüngster Kindheit durch unsere Kultur und die Medien manipuliert wird. Lässt sich jemand darauf ein, seine Lebensaufgabe zu finden und setzt diese in der Welt erfolgreich um, wird er mit grosser Freude, tiefer Erfüllung und nachhaltiger Gesundheit belohnt. Jessica ist sich bewusst, dass dies langfristig mehr Wert ist als ein Vermögen auf einem heutzutage fast zinslosen Bankkonto zu haben und um dessen Verlust sich die meisten Menschen ohnehin nur sorgen.
Nach ihren tiefgründigen Gedanken, die jeweils Lichtblitzen gleich in ihrem Bewusstsein auftauchen, lässt Jessica den immer noch wie Rumpelstilzchen wetternden Alan einfach stehen und verlässt die Terrasse. Sie ist sich sicher, dass er bald wieder auf dem Boden der Realität ankommen und zu seinem eigentlichen, netten Wesen zurückfinden wird.
Um den Tag nach diesem unerwarteten Zwischenfall doch noch angenehm abzuschliessen, plant Jessica, sich ein leckeres Abendessen in ihrer Küche im Untergeschoss zuzubereiten. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie bereits das fertig gekochte Gericht: Ein Ring aus Basmatireis, gefüllt mit frischem Saisongemüse an einer milden Currysauce. Bei der Vorstellung läuft ihr das Wasser im Mund zusammen!
***
Fast jeden Nachmittag nimmt Jessica bei sonnigem und regnerischem Wetter den herrlichen Wanderweg, den Michael ihr kurz nach ihrer Ankunft zeigte, unter die Füsse. So auch an diesem wunderbaren Tag mitten im September.
Die unerfreuliche Szene, die sie gestern Abend mit Alan erlebte, hat sie auf der Gefühls- und Gedankenebene bereits wieder losgelassen. Sie weiss, dass solche Erfahrungen sonst in ihrer Aura haften bleiben und ihren Energiefluss nachteilig beeinflussen. Wenn sie negative Emotionen, die von aussen auf sie zukommen oder durch eigene Gemütsbewegungen hervorgerufen werden, nicht losliesse, blockieren sie zuerst ihre Lebensenergie, führen später zu Kraftverlust und langfristig zur Entstehung von Krankheiten.
Derzeit kann nichts und niemand ihr heiteres Gemüt trüben! Sie ist überglücklich, diesen wunderbaren Spaziergang entdeckt und in Michael einen ebenbürtigen Gesprächspartner gefunden zu haben. Sie geniesst während des Aufstiegs die warmen, wohltuenden Sonnenstrahlen, die winzigen Lichtfunken gleich auf ihrem Rücken zu tanzen scheinen.
Als Jessica den steilen Weg weiter hinaufsteigt und einen Blick zurück auf den See und die in der Abendsonne zart rosa leuchtenden Berggipfel wirft, erblickt sie in der angrenzenden Wiese fünf grasende Rehe. Ein seltener Anblick, so viele Tiere auf einmal im offenen Gelände zu sehen! Die Rehe haben sie nun ebenfalls erspäht. Mit erhobenen Köpfen und aufgerichteten Lauschern beobachten sie Jessica abwartend aus der Ferne. Sie bleibt regungslos stehen, um die scheuen Waldbewohner nicht zu erschrecken. Als die Wildtiere instinktiv realisieren, dass Jessica für sie keine Bedrohung darstellt, senken sie ihre Köpfe und zupfen weiter an den Grashalmen. Die Szene ruft bei ihr unmittelbar Erinnerungen wach, die sich fest in ihrem Gedächtnis eingeprägt haben.
Bei zahlreichen Begegnungen mit Rehen im nahen Wald ihres früheren, paradiesisch gelegenen Wohnorts inmitten der Natur hatte Jessica den Eindruck, dass das Verhalten der Tiere ihre eigene momentane Gefühlslage widerspiegelte. So auch jetzt: Innerlich ist sie, trotz ihrer unsicheren Lebensumstände, völlig ruhig und entspannt. Demzufolge verharren die fünf Rehe in der grünen Wiese, zupfen weiter an den zarten Gräsern und machen keinerlei Anzeichen, fluchtartig davonzuspringen.
An ihrem einstigen Wohnort beobachtete sie Rehe während mehr als zehn Jahren, wobei die zarten Geschöpfe stets unterschiedliche Verhaltenweisen zeigten. Zuweilen sprang ein Tier nach der Überquerung der Fahrbahn mit einem Satz in den Wald hinein. Ein anderes Mal hielt es am gegenüberliegenden Wegrand an, wendete kurz den Kopf, als müsse es sich versichern, in welche Richtung es weiterlaufen soll: Den gleichen Weg zurück oder den vor ihm liegenden Pfad? Dann wiederum kam es vor, dass das sonst scheue Tier langsam und ruhig in einigen Metern Distanz vor ihrem Auto vorbeilief.
Jessica’s wichtigste Erkenntnis bei ihren regelmässigen Begegnungen mit den Waldbewohnern war, dass deren Verhalten jeweils mit ihrer eigenen Gefühlslage übereinstimmte. Je nachdem, ob ihre Gemütslage nervös und unruhig, zögerlich und unschlüssig oder sicher und vertrauensvoll war, beobachtete sie, dass sich die Rehe stets entsprechend verhielten.
Trotz ihrer hohen Verbundenheit mit der Natur, der Tier- und Pflanzenwelt brachte dieses Phänomen sie regelmässig zum Staunen!
Als Jessica ihren Spaziergang oberhalb des Brienzersees fortsetzt, blicken die Rehe kurz zu ihr hinauf. Jessica’s Sinne sind für einige Sekunden nach innen gekehrt und sie geniesst die einzigartige Begegnung mit den Wildtieren. Es scheint, als bestünde eine magische Verbindung zwischen ihr und den Rehen. Dann, auf einmal, springen sie in grossen Sprüngen über die Wiese davon und verschwinden rasch hinter einem abfallenden Hügel. Jessica spürt dem kleinen Wunder in ihrem Herzen noch einmal nach. Sie ist dankbar für jedes Naturspektakel, welches Mutter Erde ihr in diesen harten Zeiten offenbart. Sie empfängt die aussergewöhnlichen Ereignisse jedes Mal wie ein Geschenk des Himmels!
Es dunkelt bereits ein, als Jessica am höchsten Punkt des Wanderwegs ankommt und den Abstieg in Angriff nimmt. Von ihrem früheren Wohnort in der Natur ist sie es sich gewohnt, in der Dunkelheit allein unterwegs zu sein, und sie hat auch an diesem verlassenen, unbekannten Ort keine Angst. Ihr Urvertrauen in das Leben blieb trotz aller Hindernisse, die ihr während der ersten fünfzig Lebensjahre in den Weg gelegt wurden, glücklicherweise unversehrt.
***
Es ist stockdunkel, als Jessica am Abend in den Weg abbiegt, der hinunter zum Anwesen am See führt. Langsam und achtsam schreitet sie voran, um nicht zu stolpern oder gar hinzufallen. Wie sie von Michael erfuhr, hätten die Glühbirnen in den neun Laternen, die den Weg säumen, bereits seit längerem ersetzt werden sollen. Bei Alan braucht eben alles seine Zeit! Für Michael ist die nachlässige Haltung seines Vermieters nicht immer nachvollziehbar und fordert ihm bisweilen viel Verständnis, Toleranz und Flexibilität ab. Als Jessica in der Ferne die hell leuchtenden Fenster des Wohnhauses erblickt, orientiert sie sich am spärlichen Licht, welches diese in der Dunkelheit auf den Weg streuen. Als sie sich dem Anwesen nähert, sieht sie Michael in der Küche stehen. Er hat in Alan’s Küche zusätzlichen Stauraum im Gefrierschrank gemietet, wo er verschiedene Saisongemüse, die er regelmässig blanchiert, einfriert und lagert.
Anstatt ihren eigenen Ausseneingang zu benutzen, beschliesst Jessica den Weg über die Küche des Wohnhauses zu nehmen, wo eine Treppe ins Souterrain zu ihrem Zimmer führt. Sie begrüsst Michael mit einem vergnügten „Hi there, how are you doing tonight?“ Er wirft einen kurzen Blick über seine linke Schulter und erhascht Jessica aus den Augenwinkeln. Soeben hat er den letzten Beutel des vakuumverpackten Gemüses in den Tiefkühlschrank gelegt. Mit einer schwungvollen Drehung auf dem Absatz seines linken Schuhs wendet er sich Jessica zu und begrüsst sie mit einem breiten Grinsen. Er lässt sie wissen, dass sein Abendessen in wenigen Minuten bereit ist. Vergnügt meint er, sie sei herzlich eingeladen, ihm dabei Gesellschaft zu leisten. Jessica nimmt seine überraschende Einladung gerne an! Sie ist froh, wenn sie nach dem langen Tag nicht selbst kochen muss und durch das gemeinsame Nachtessen für eine Weile von ihren Gedanken und bevorstehenden Herausforderungen abgelenkt wird.
Michael wohnt bloss wenige Meter neben dem Hauptanwesen in einem kleinen Haus, das einen ebenso traumhaften Blick auf den Brienzersee und die angrenzenden Berge gewährt. Sein Zuhause besteht eigentlich aus einem einzigen grossen quadratischen Raum, an den eine offene Küche grenzt. Michael hat seine Wohnung schlicht, jedoch mit sicherem Geschmack für Formen und Farben eingerichtet. Die indirekten Lichtquellen und die brennenden Kerzen in den herzförmigen Kerzenhaltern auf dem Tisch verbreiten eine warme Atmosphäre. Jessica fühlt sich augenblicklich vom modernen Liegesofa aus hellrotem Stoff angezogen. Mit einem leisen Seufzer lässt sie sich auf der weichen Couch nieder, entspannt sich und lässt ihren Blick im Raum umherschweifen. Trotz der begrenzten Raumverhältnisse besitzt Michael sämtliche modernen Kommunikationsmittel. Auch eine Spielkonsole fehlt nicht, was für einen Mann mit seinem jugendlichen Schalk durchaus normal ist, wie Jessica findet. Sie weiss, dass in jedem Mann - und sei er noch so erfolgreich in seinem Beruf - ein kleiner Junge steckt. Es ist genau diese herrliche Mischung aus jugendlicher Lebendigkeit und Verantwortungsbewusstsein, die für Jessica den umwerfenden Charme von Michael ausmacht.
Trotz seiner hübschen Gesichtszüge und seines entwaffnenden Lachens sieht Jessica, dass eine grosse Traurigkeit auf ihm lastet. Die Trauer nimmt sie oberhalb seiner Schultern wahr, ausgehend von der Mitte seines muskulösen Brustkorbs.
Ihrer angeborenen Fähigkeit, tief in die Seele der Menschen zu blicken, bleibt nichts verborgen. Jessica nimmt ungelöste Emotionen, die sich tief im Unbewussten vergraben haben und oft sogar aus früheren Generationen stammen, mit ihrer Hellsichtigkeit wahr. Während Jahrzehnten wusste sie nicht um ihre heilerische Begabung, die sie schon seit jüngster Kindheit besitzt. Erst nach mehreren schicksalhaften Ereignissen in ihrem Erwachsenenleben und durch die Beschäftigung mit Büchern über Heilung in feinstofflichen Bereichen fand sie heraus, dass sie dieses Talent hat. Inzwischen weiss Jessica, dass Menschen, die von Kindheit an nach ethischen Richtlinien handeln und mit offenem Herzen durch die Welt gehen, geborene Heiler sind. Solche Personen verfügen meistens auch über ein ausgeprägtes Mitgefühl, eine hohe Konzentrationsfähigkeit und eine endlos tiefe Liebe für die Menschen und alles Lebendige auf der Erde. Ihre Energien sind klar, rein und gebündelt. Deshalb ist ihre Heilkraft besonders stark und kann allein schon bei einer kurzen Begegnung mit einem Menschen Heilungsprozesse auf der unbewussten Ebene auslösen.
Jessica nimmt bei Michael wahr, dass sein Kronen-Chakra zu stark geöffnet und sein Wurzel-Chakra verletzt ist. Deshalb ist er in seinem Alltag verschiedenen Süchten erlegen. Ein Leben lang flüchtet er vor einer für ihn traumatischen Realität in seine eigene Welt, wo er sich aufgehoben und beschützt fühlt. Gleichzeitig hat er eine starke Persönlichkeit, sodass ihn seine Süchte bei der Ausübung seines verantwortungsvollen Berufs nicht beeinträchtigen. Jessica stellt weiter fest, dass sein Herz-Chakra stark verletzt ist. Ein gesundes Herz-Chakra ist die wichtigste Voraussetzung, dass die Energien im Körper frei fliessen können und der Mensch langfristig gesund bleibt. Sie nimmt auch wahr, dass das Problem des Wurzel-Chakras nicht aus diesem Leben stammt, sondern dass Michael dieses Thema von seinem Grossvater übernommen hat. Die Verletzung des Herzens stammt hingegen aus diesem Leben.
Intuitiv erkennt Jessica all diese Fakten innert Sekunden über ihr geöffnetes Drittes Auge. Während des Spaziergangs mit Michael hat sie einige oberflächliche Anhaltspunkte über sein Leben erhalten, die ihr freilich keine Hinweise auf die soeben gemachten Erkenntnisse gaben. Sie lässt das Gesehene einfach stehen, ohne sich weitere Gedanken darüber zu machen.
Währenddem sie das Abendessen einnehmen, führen sie eine sehr lebhafte und spannende Diskussion. Jessica geniesst es, sich mit jemandem auf einem hohen intellektuellen Niveau über spirituelle, philosophische, medizinische und naturwissenschaftliche Themen auszutauschen. Beide sind zudem an kreativen, künstlerischen und musischen Themen interessiert, wenngleich sie verschiedene Fachgebiete bevorzugen. Jessica realisiert, dass sie und Michael ähnlich empfinden, was die Wahrnehmung der realen und übersinnlichen Welt angeht, obschon sie beide völlig andere Mittel für den Zugang zu diesen Welten benutzen. Es kommt ganz selten vor, dass Jessica auf Menschen trifft, mit denen sie noch weitere Stunden verbringen möchte.
Als der grosse Zeiger ihrer Armbanduhr gegen Mitternacht vorrückt, bedankt sie sich für das ausgezeichnete Essen, das wegen ihres abwechslungsreichen Gesprächs ganz in den Hintergrund gerückt ist. Mit einem kurzen „goodbye, see you“ verabschiedet sie sich von Michael und geht selig schlafen.
***
Seit Jessica‘s Ankunft am Brienzersee sind sechs Wochen vergangen. Sie ist auch heute draussen unterwegs und lässt sich von den Farben und den Formen in der Natur inspirieren. Es ist jetzt fast Mitte Oktober und der Herbst präsentiert sich von seiner schönsten Seite. Fast täglich scheint die Sonne, der stahlblaue Himmel ist klar und hell. Bisweilen ziehen weisse Schleierwolken über die massiven Berggipfel hinweg und verleihen der Herbstlandschaft eine malerische Atmosphäre.
Fast alle Blätter der zahlreichen Laubbäume haben sich mittlerweile verfärbt und die kräftigen Gelb- und Rottöne leuchten als Blickfang in die Landschaft hinaus. An den in diesem Jahr selten bewölkten Herbsttagen heben sie sich jeweils kontrastreich zum dunkelgrauen Himmel ab.
Jessica ist fast die ganze Zeit für sich allein. Michael arbeitet tagsüber meist ausser Haus und Alan ist mit einem seiner unzähligen Projekte rund um das grosse Anwesen beschäftigt.
Nach dem mehrmaligen Aufeinanderprallen mit Alan kann sie ihn mittlerweile gut einschätzen. Sie spürt, wenn seine Launenhaftigkeit ihn zwischendurch einholt und zieht es dann vor, ihm zu ihrem Schutz auszuweichen. In ihrer Situation will sie sorgsam mit ihren Energien umgehen und sich nicht von jemandem, der selbst zu wenig Energie hat, ihre eigenen Kraftreserven nehmen lassen. Kürzlich hat Jessica den Besitzer des Anwesens nämlich als Energievampir entlarvt! Wie ein blutrünstiger Dracula holt er sich die ihm fehlende Energie bei seinen Mitmenschen, die meist völlig ahnungslos sind. Er tut dies, indem er seine schlechte Laune rücksichtslos an ihnen auslässt oder sich über gesellschaftliche Themen aufregt, ohne aber einen konstruktiven Lösungsbeitrag zu erbringen. Eine andere perfide Strategie von Energievampiren ist, dass sie ihre Mitmenschen demütigen oder ihnen die verdiente Anerkennung für eine gute Leistung absprechen. Jessica sind solche Typen zuwider!
Für einen Moment blickt sie in ihre Vergangenheit zurück. Sie erinnert sich, dass sie ähnliche Gegebenheiten, die ihr derzeit mit Alan widerfahren, bereits in ihrer Kindheit erlebte. Sie weiss noch, dass sie nach heftigen, lauten Streitigkeiten, die sich regelmässig in ihrer Herkunftsfamilie abspielten, vielfach traurig, müde und antriebslos war. Weshalb dies so war, wusste sie damals nicht. Sie nahm einzig wahr, dass sie im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern noch lange nach der Auseinandersetzung an einem Energiemangel litt. Heute ist sich Jessica sicher, dass schon ihr Vater ein schrecklicher Energievampir war!
Immer wieder ist es für sie beeindruckend zu beobachten, wie der Prozess der Bewusstwerdung funktioniert: Themen, die Jahrzehnte in unserem Unbewussten vergraben sind, werden durch äussere Ereignisse jäh in unser Tagesbewusstsein katapultiert, damit wir einen anderen Umgang mit ihnen finden oder sie für immer loslassen. Solche Erkenntnisse sind für Jessica Geschenke des Himmels, die sie ihre Schwierigkeiten vorübergehend vergessen lassen.
In ihrer derzeitigen Situation, wo sie ihre ganze Kraft für den Wiederaufbau ihres eigenen Lebens braucht, verspürt Jessica nicht die geringste Lust, Alan ihre natürlich fliessende Heilenergie weiter zukommen zu lassen. Genau dies ist nämlich während der letzten Wochen mehrmals passiert! Wenn sie eine kurze Antwort auf eine Frage wollte, verwickelte er sie jedes Mal in eine endlose Diskussion, die nichts mit ihrem Anliegen zu tun hatte. Während der für sie mühsamen Hinhaltetaktik saugte er ihre Energie ab, indem er sich negativ und aufbrausend zu Themen aus Politik, Wirtschaft, Industrie und Umwelt äusserte. Seit Jessica seinen Charakter durchschaut hat, versucht sie konsequent Diskussionen zu vermeiden, die ihr die Energie rauben.
Dabei gerät aber die Heilerin in ihr in einen inneren Konflikt und sie zweifelt dann, ob es aus karmischer Sicht richtig ist, Alan ihre natürliche Heilkraft vorzuenthalten. Jessica fragt sich, ob ihre Verweigerungshaltung zu einem späteren Zeitpunkt negative Folgen für ihr Leben haben wird. Eigentlich glaubte sie, sich zu dieser wiederkehrenden Thematik bereits früher eine klare Meinung gebildet zu haben! Vor einiger Zeit ist sie nämlich - nach ihren traumatischen Erfahrungen mit Menschen während der vergangenen Jahre - zum Schluss gekommen, dass es ihr legitimes Recht ist, ihre Energie für sich zu behalten, bis ihr eigenes Leben neu geordnet ist. Ein solches Verhalten ist für Jessica, die eine universelle Liebe für alle Leute empfindet, nicht immer einfach. - Es widerspricht schlichtweg ihrem Naturell!
Zugleich ist sie sich bewusst, dass es in diesem Leben ihre Aufgabe ist, eine Synthese zwischen der geistigen und der materiellen Welt zu bilden. In dieser Inkarnation soll sie ihre heilerischen Fähigkeiten nicht einfach verschenken, sondern einen materiellen Nutzen für ihre eigene Existenz schaffen. Sie weiss, dass viele Leute mit angeborenen Heilkräften es noch immer nicht wagen, einen angebrachten finanziellen Gegenwert für ihre Dienste an der Menschheit zu verlangen, was im 21. Jahrhundert eine überholte Vorstellung ist. Solche Heiler brennen im Laufe ihres Lebens langsam aus und leben im Alter oftmals in ärmlichen Verhältnissen. Dies soll keinesfalls ihr Schicksal sein! Sie ist zutiefst dankbar, dass sie nebst ihren intuitiven ebenso über intellektuelle und analytische Fähigkeiten verfügt. So kann sie Sachverhalte rational und differenziert beurteilen und die geistige und materielle Welt miteinander verknüpfen. Dies zu ihrem eigenen Wohl und demjenigen ihrer Mitmenschen.
Jessica taucht nochmals in die Vergangenheit ein. Nach ihrem dritten Burnout vor etwa fünf Jahren, als sie noch in der Wirtschaft arbeitete, musste sie sich ihrer heilerischen Fähigkeiten erst bewusst werden. Ihre angeborenen Heilkräfte wirkten in ihrem früheren Arbeitsumfeld während Jahrzehnten automatisch, ohne dass sie darum wusste. Sie realisierte dies erst, als sie sich als Autodidaktin umfassende Kenntnisse über Energie- und Geistheilung aneignete, während sie sich von ihrem Burnout erholte. Da es für sie natürlich ist, ihre Heilenergie überall und jederzeit fliessen zu lassen, musste sie lernen, ihre Heilkräfte gezielt einzusetzen und sich, wenn nötig, klar abzugrenzen. Gerade im Bereich der Fernheilung brauchte sie eine gewisse Zeit, um ihre geistigen Kräfte bewusst zu steuern und die Heilenergien nicht beliebig strömen zu lassen.
Jessica realisiert, dass ihr Aufenthalt am Brienzersee unter anderem dazu dient, sich nochmals wichtiger Aspekte in Bezug auf ihre künftige Heilarbeit bewusst zu werden. Es kommt ihr vor, als ob sie sich am Ende eines langen Ausbildungsweges zu ihrer Berufung als spirituelle Heilerin befindet - auch wenn sie ihre heilerischen Fähigkeiten bereits seit Kindheit unbewusst anwendete. Als Erwachsene hat sie ihre Berufung während vieler Jahre stets abgelehnt und war bis vor kurzem nicht bereit gewesen, sie anzunehmen. Warum dies so ist, kann Jessica sich bis heute nicht erklären. Erst nachdem sie ihr drittes Burnout in ihrem ehemaligen Beruf in der Wirtschaft erlitt, war sie innerlich bereit, ihre Berufung als neues Tätigkeitsfeld zu akzeptieren und sich ihrer Bestimmung auf Erden zu stellen.
***
Jessica’s Aufenthalt im Berner Oberland neigt sich bereits langsam dem Ende zu. Noch knapp zwei Wochen wird sie in dieser schönen Gegend am Brienzersee verbringen. Mit jedem weiteren Tag, den sie hier ist, wird ihre finanzielle Situation herausfordernder.
In solchen Momenten gehen ihre Gedanken zurück zum Zeitpunkt, wo sie sich vor einigen Jahren schweren Herzens bei der Invalidenversicherung anmeldete, nachdem sie ihr drittes Burnout erlitt. Damals musste sie sich eingestehen, dass der Dauerstress und die fehlende Menschlichkeit in der Wirtschaft sie ausbrennen und krank machen. Die Tatsache, dass sie nach ihrer Anmeldung von einem Versicherungssystem ins nächste abgeschoben wurde, macht sie bisweilen immer noch traurig. Ebenso spürt sie manchmal eine Wut wegen des damaligen IV-Entscheides: Kurze Zeit nach ihrer Anmeldung erfolgte eine Gesetzesänderung in der Invalidenversicherung, worauf sie mit der Diagnose Burnout keinen Anspruch mehr auf eine berufliche Umschulung hatte. Kurz zuvor wurden Menschen mit demselben Leiden noch umgeschult. Diese Tatsache war für Jessica enorm schwierig zu verdauen, hat sie doch mehr als dreissig Jahre Vollzeit gearbeitet und der Gesellschaft und den Sozialsystemen während Jahrzehnten gedient! Sie hatte seinerzeit Kontakt zu Leuten, die denselben medizinischen Befund erhielten und ihr bestätigten, dass sie die Rückkehr ins Berufsleben ohne die Unterstützung der Invalidenversicherung nicht geschafft hätten. Es gibt Tage, an denen Jessica noch Jahre danach Mühe hat, die ihr widerfahrene Ungerechtigkeit zu verstehen und mit dem Herzen zu akzeptieren. Dies umso mehr, da sie dadurch in den folgenden Jahren weitere gesundheitliche Schicksalsschläge hinnehmen musste, die schwerwiegende Folgen für ihre Zukunft mit sich brachten.
Als geborene Optimistin gibt Jessica selbst in schwierigsten Lebenslagen niemals auf. So auch jetzt nicht, wo sie in der Fremde fast kein Geld mehr hat. Dauernd sucht sie konstruktiv nach Lösungen, die ihr eine Zukunftsperspektive geben. Allerdings ist ihr Planungshorizont wegen ihrer desolaten Finanzlage sehr eingeschränkt, was für sie eine echte Herausforderung ist! Heute sieht sie sich veranlasst, ihre Ziele in Teilschritte aufzuteilen und nicht länger als eine Woche im Voraus zu planen. Früher konnte sie ihre Projekte in ihrem Berufs- und Privatleben immer auf lange Sicht hinaus planen. Dank ihrer spirituellen Haltung nimmt Jessica Ihre momentanen Lebensumstände in Liebe, Geduld und Vertrauen an. Die absolute Akzeptanz von dem, was gerade ist, gibt ihr Kraft, Mut und Gelassenheit, die gegenwärtigen Hindernisse ruhig und überlegt anzugehen.
Jessica’s Optimismus lässt sie sogar jetzt das Positive an ihrer Situation sehen. Seit Beginn ihrer Heimatlosigkeit vor etwa drei Monaten hat sie vor allem eines begriffen: Die extremen Lebensbedingungen, besonders für eine Frau in ihrem Alter, lassen sie noch bewusster im Hier und Jetzt leben.
Die aktuellen Umstände sind so herausfordernd, dass sie ihr Denken vollkommen ausschalten und einfach handeln muss. Sie tut einzig, was das Leben im Augenblick von ihr verlangt. Sie verschwendet weder überflüssige Gedanken an die Vergangenheit noch an die Zukunft. Konkret bedeutet es, dass sie keine anhaltende Wut auf vergangene Ereignisse empfindet oder sich Sorgen über ihre finanzielle Lage in den nächsten Jahren macht.
Der einzige Anspruch, den Jessica an sich selbst hat, ist glücklich zu sein. Jetzt - und zwar unabhängig von den äusseren Umständen. Dies ist ihr grosses Geheimnis! Sie ist trotz der schwierigen Lage und der nahezu unlösbaren Probleme, die ihr das Leben stellt, innerlich entspannt und zufrieden. Aufgrund ihrer spirituellen Einstellung bewältigt sie die unzähligen Aufgaben erfolgreich, ohne dass ihre Psyche daran Schaden nimmt.
Dank ihrer positiven Grundhaltung findet sie stets die Kraft weiterzumachen, wo andere Menschen längst aufgegeben hätten: Das Empfinden von grosser Dankbarkeit, auch wenn das Leben gegen einen ist, das Fühlen von tiefer Liebe, wo andere Hass empfinden, der starke Durchhaltewillen, wo andere aufgeben. Es sind dies die Früchte eines langen spirituellen Weges der Bewusstwerdung, die sie nun unterstützen, die schweren Zeiten zu meistern.
Jessica hat fast alles Materielle verloren, aber ihre Gesundheit wiedergewonnen. Ihre Liebesfähigkeit, Geduld und Toleranz versiegten trotz widerwärtigster Gegebenheiten nicht. Sie ist dankbar, in ihrem fortgeschrittenen Alter nochmals ein neues Leben erhalten zu haben, das sie nun ganz bewusst gestalten möchte.
Jessica überlegt, wer ihr Geld ausleihen kann, damit sie die nächsten Tage finanziell überleben kann. Hier in der Fremde ist Alan ihre nächste Bezugsperson. Er hat ihr trotz seines gelegentlich dreisten Verhaltens immer zu verstehen gegeben, dass es für alle Widrigkeiten, die einem das Leben in den Weg stellt, eine Lösung gibt. Obwohl sie seine autoritäre Haltung gegenüber schwachen Frauen überhaupt nicht billigt - weil es eine ihrer Lebensaufgaben war, sich aus einengenden, patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen zu befreien -, gibt sie sich in ihrer finanziellen Not einen inneren Ruck.
Sie überwindet ihren Ekel, den sie beim Gedanken empfindet, wie rücksichtslos Alan mit gewissen Frauen umgeht. Sie begibt sich in Richtung seines Arbeitszimmers, klopft einmal kräftig an die schwere Holztür und kommt nach einer kurzen Begrüssung direkt zur Sache. Sie ergänzt beiläufig, dass es sich lediglich um einen kleinen Betrag handelt, den sie jetzt benötigt.
Langsam und bedächtig zieht Alan seine Lesebrille ab und blickt Jessica völlig überrascht an. Seine Augen treten für den Bruchteil einer Sekunde aus den Tiefen seiner Augenhöhlen hervor und unterstreichen seine Verblüffung. Trotz seines früheren Angebots, ihr bei Bedarf zu helfen, scheint er nun verlegen, dass sie mit ihrem Anliegen an ihn gelangt. Jessica sieht, wie sein Adamsapfel vor Nervosität auf und ab hüpft. Alan schluckt einmal leer, öffnet leicht seine Lippen, als müsse er wie ein Fisch nach Luft schnappen. Schliesslich findet er seine Sprache wieder. Er stottert zaghaft hervor, dass er momentan selbst nur über wenige flüssige Mittel verfügt. Als Jessica insistiert, meint er dann doch, dass er ihr bis morgen Mittag einen kleineren Geldbetrag ausleihen kann. Sie vertraut seinem Wort und verlässt aufatmend das Haus.
Jessica’s Gefühle sind nach der kurzen Diskussion mit Alan gemischt. Sie hat keineswegs erwartet, dass er finanzielle Schwierigkeiten hat. Die Anzeichen dafür waren nicht gegeben. Es beschäftigt sie nun doch, dass sie von einem Mann Geld ausleihen wird, der Frauen regelmässig von sich abhängig macht, um damit sein geringes Selbstwertgefühl aufzuwerten.
Mit ihrem Tagesbewusstsein weiss Jessica, dass Alan sie mit seinem autoritären Machogehabe nicht erniedrigen kann. Sie ist sich zudem bewusst, dass sie sich wehren kann, wenn es die Umstände erfordern. Auf einer unbewussten Ebene schwingen aber ihre einstigen schlechten Erfahrungen mit diesem Typus Mann mit. Sie realisiert, dass diffuse Ängste aus früheren Zeiten aufkommen, als sie selbst noch in der Opferrolle war. Eine Rolle, die sie längst überwunden zu haben glaubte! Jessica begreift intuitiv, dass der jetzige Vorfall sie auffordert, alte und unbewusste Gefühls-, Gedanken- und Verhaltensmuster für immer loszulassen. Sie soll diese als Zeichen ihrer Wertschätzung für alle Erfahrungen, die sie ihr auf ihrem Entwicklungsweg ermöglichten, in Liebe und Dankbarkeit ins Universum zurückschicken. Jessica muss lächeln, als sie begreift, welche Lektion ihr das Leben gerade erteilte. Es ist vielfach so, dass der eigentliche Grund eines äusseren Ereignisses erst erkannt wird, wenn wir fähig sind, „die Dinge hinter den Dingen zu sehen“. Häufig sind es tatsächlich die unangenehmen Geschehnisse, die unsere Bewusstseins- und Persönlichkeitsentwicklung enorm beschleunigen.
Jessica empfindet Mitgefühl für Frauen, die dauerhaft im Hamsterrad von Macho-Männern gefangen sind, weil sie unselbständig sind oder ohne ihr eigenes Verschulden in Not gerieten. Solange sie in ihrer meist unbewussten Opferrolle verharren, bleiben sie zwangsläufig von machtorientierten Männern abhängig. Die innerlich unsicheren Frauen müssen zuallererst ein starkes Selbstvertrauen entwickeln, um sich aus den unbefriedigenden, autoritären Strukturen zu befreien - auch wenn ihnen der Gedanke an Freiheit anfangs grosse Angst bereitet. Sobald die Opfer ihre gedanklichen Barrieren loslassen, die sie fälschlicherweise glauben lassen, dass sie nicht auf eigenen Füssen stehen können, haben sie den ersten Schritt in Richtung Freiheit getan. Die Frauen müssen aktiv werden, um aus ihrem selbst erbauten Gefängnis auszubrechen, denn die männlichen Täter werden ihr Verhalten niemals ändern - dafür sind sie zu feige, zu bequem und zu wenig selbstsicher.
***
Am nächsten Mittag steht Jessica, wie mit Alan abgemacht, auf der Türschwelle zu seinem Büro. Sie will den Geldbetrag abholen, den er ihr versprochen hat. Alan wirkt nervös. Nach einer knappen Begrüssung lässt er sie wissen, dass er leider keine Zeit hatte, das Geld am Bankomat zu holen. Jessica glaubt ihren Ohren nicht zu trauen! Alan’s Äusserung ist für sie eine faule Ausrede. Ganz bestimmt will er ihr gar kein Geld ausleihen.
Sie ist gerade dabei, sich heftig aufzuregen, als sich ihr Schutzengel dazwischenschaltet und sie an der Nasenspitze kitzelt. Jessica fängt sich augenblicklich, wünscht Alan einen wunderschönen Nachmittag und dreht sich auf der Schwelle um. Sie erhascht gerade noch, wie Alan selbstgefällig lächelt, um seinen Minderwertigkeitskomplex zu verbergen, und sich erleichtert in seinen übergrossen Bürostuhl aus schwarzem Leder zurückfallen lässt.
Draussen muss Jessica zuerst einmal tief Atem holen und den heruntergeschluckten Ärger mit einer langen Ausatmung loslassen. Es macht sie gerade extrem nervös, dass sie bloss noch zehn Franken im Portemonnaie hat!
Anderseits ist sie ihren Schutzengeln überaus dankbar, sie davor bewahrt zu haben, in Alan’s Schuld und damit in seine Abhängigkeit zu geraten. Wegen ihres hohen Freiheitsbedürfnisses ist Jessica nämlich nichts mehr zuwider, als anderen Menschen etwas schuldig zu sein - vor allem, wenn es sich um Geld handelt.
Sie ist sich sicherer denn je, dass die gestrigen Ereignisse einzig dazu dienten, dass sie ihre früheren Erfahrungen mit Macho-Männern für immer loslassen konnte. In diesem Sinne war auch Alan lediglich ein Werkzeug in diesem göttlichen Spiel auf Erden! Dieser Gedanke entlockt Jessica ein lautes, befreiendes Lachen. Aufgrund ihrer Erkenntnis kann sie Alan auch nicht wirklich böse sein, wenngleich die Realität bezogen auf ihre finanzielle Lage sehr düster aussieht.
Jessica weiss jedoch aus Erfahrung, dass ihre Schutzengel nur dann so drastisch eingreifen, wenn sie auch eine Lösung für ihre Probleme bereithalten. Wichtig ist, dass sie eine offene und achtsame Haltung gegenüber dem Leben beibehält, sodass sie die Zeichen der Zeit erkennt. Die oft subtilen Hinweise müssen nicht unbedingt von aussen kommen, sondern können sich genauso in ihren eigenen Gedanken und Gefühlen zeigen.
Einmal mehr lässt Jessica sich ihre Lebensfreude nicht durch eine äussere Situation nehmen. Vertrauensvoll steigt sie in ihren Wagen und fährt in ein naheliegendes Shopping-Center. Trotz ihrer desolaten Finanzen, will sie sich als Trost einen Cappuccino gönnen und sich über ihre nächsten Schritte bewusst werden.
Wenngleich sie auf ihrem Bewusstseinsweg weit fortgeschritten ist und übernatürliche Fähigkeiten besitzt, ist es ihr wichtig, im Alltag ganz normale, menschliche Bedürfnisse zuzulassen. Sie ordnet sich keinen Dogmen oder Vorstellungen von Glaubens- oder Heilsystemen unter! Unter Berücksichtigung ihrer ethischen Werte und der Bereitschaft zu Verzicht, sollte ihr spiritueller Entwicklungsweg dies erfordern, entscheidet Jessica stets mit gesundem Menschenverstand über das klügste Vorgehen in einer bestimmten Situation.
Als Kontrast zu ihrem teils schon mystisch anmutenden Lebensstil liebt Jessica die Dynamik von grösseren Menschenansammlungen, wie sie in Einkaufszentren anzutreffen sind. Sie geniesst die Inspiration, die von Leuten unterschiedlichster Art und Herkunft ausgeht, und geht trotz ihrer Hochsensibilität bewusst an solche lebhaften Orte. Sie will sich frei bewegen können und lässt sich auch in diesem Bereich nicht einschränken. Indem sie sich täglich in der Natur aufhält, wo ihr das saftige Grün der Wiesen neue Energie schenkt, schafft sie es, die beiden unterschiedlichen Welten harmonisch zu verbinden.
Der Cappuccino, den ihr der freundliche Serviceangestellte wenige Minuten nach ihrer Bestellung bringt, sieht fantastisch aus. Der cremig aussehende Milchschaum türmt sich oberhalb der Tasse und ist mit einem Schokoladenherz hübsch dekoriert. Genauso muss für Jessica ein Cappuccino sein! Sie liebt es, den mit Schokoladenpulver bestreuten Milchschaum häppchenweise zu löffeln und ihn sachte und genüsslich zwischen Zunge und Gaumen zergehen zu lassen. So kann sie die Konsistenz und den Geschmack des Schaums voll auskosten! Der samtige Milchschaum und das süsse Schokoladenpulver haben für Jessica eine liebliche, tröstende Komponente, die sie gerade besonders zu schätzen weiss.
Nach dem Lesen der letzten Neuigkeiten in der Tagespresse befasst sie sich mit der Lösung ihres akuten Geldproblems. Alan kommt für eine finanzielle Unterstützung definitiv nicht in Frage. Auf einmal taucht Michael in ihrem Bewusstsein auf. Sie hat ihn seit längerer Zeit nicht mehr gesehen und bis anhin nicht daran gedacht, ihn um Hilfe anzufragen. Nun aber erwägt sie ernsthaft, ihn diesbezüglich aufzusuchen. Dafür wird sie ihren ganzen Mut aufbringen müssen! Jessica empfindet es in unserer leistungsorientierten Gesellschaft als grosse Herausforderung, andere Menschen um Geld zu bitten. Ganz besonders, weil in der reichen Schweiz das Erwerbseinkommen für die meisten Leute noch immer ein Tabu-Thema ist. Bei Michael kommt hinzu, dass er im Gegensatz zu Alan im Arbeitsprozess integriert und in einer guten beruflichen Position ist, was ihre Hemmungen, ihn um Geld anzufragen, eindeutig vergrössert. Weil er intelligent ist und gut zuhören kann, fällt es ihr gleichzeitig leichter, ihm ihre traurige Geschichte anzuvertrauen. Jessica weiss, dass es nicht einfach ist, Männern komplexe Sachverhalte verständlich zu machen, obschon sie Michael für einen der einfühlsameren Vertreter des männlichen Geschlechts hält. All dies ändert nichts daran, dass sie sich als ehemalige Kaderfrau schämt, in dieser unangenehmen Lage zu sein, auch wenn sie sich bewusst ist, dass die Hauptursache für ihre heutigen finanziellen Schwierigkeiten in der früheren Gesetzesänderung der Invalidenversicherung liegt.
Für eine Weile denkt Jessica über ihre Schamgefühle nach. Eigentlich weiss sie, dass sie sich für ihre jetzigen Lebensverhältnisse nicht zu schämen braucht. Dank ihrer spirituellen Einstellung begreift sie sich in ihrem Innersten als göttliches, unzerstörbares Selbst, das sich mit negativen Gefühlen wie Scham nicht identifiziert. Sie akzeptiert jede Lebenssituation, wie sie sich gerade präsentiert, ohne sie als gut oder schlecht zu bewerten.
Jessica ist sich bewusst, dass sie vom Universum geschätzt und geliebt wird, und zwar genauso, wie sie im Moment ist. Die universelle Liebe urteilt nicht und fliesst ihr ununterbrochen zu - unabhängig, ob sie reich oder arm, gesund oder krank, jung oder alt, attraktiv oder hässlich ist. Dies bedeutet, dass sie vor sich selbst kein Problem mit ihrer desolaten Finanzsituation hat, wenngleich diese in der Realität natürlich auch für sie herausfordernd ist.
Spricht Jessica hingegen mit fremden Leuten über ihr Schicksal und ihre Lebenslage, stellt sie fest, dass ihre Sichtweise des Selbst den wenigsten Menschen vertraut ist. Die meisten urteilen voreilig, oberflächlich und nüchtern über andere und sind unfähig, ihre Mitmenschen mit dem Herzen zu sehen. Wenn jemand mit dem Herzen sieht, ist er nicht mehr imstande, über andere - besonders Schwache in dauerhaft schwierigen Situationen oder Leute in zeitweilig herausfordernden Lebensumständen - ein Urteil zu fällen! Sie weiss, dass besonders in ländlichen Gegenden hinter vorgehaltener Hand noch häufig über Menschen gelästert wird, die nicht voll leistungsfähig sind.
Jessica realisiert, dass die intuitive Wahrnehmung dieser unmenschlichen Verhaltensweise der Grund ist, dass bei ihr kurzzeitig Schamgefühle aufflackern, wenn sie mit anderen über ihre Lebenssituation redet. Allerdings legen sich ihre Emotionen ebenso rasch wie das erlöschende Flämmchen eines Streichholzes. - Denn letztlich ist sie fest in ihrem Selbst verwurzelt und lässt sich nicht nachhaltig durch Dritte verunsichern.
Am Abend kocht sich Jessica seit langem wieder einmal Spaghetti an einer selbstgemachten Gemüsesauce, damit sie für das anstehende, heikle Gespräch mit Michael gerüstet ist. Nebst den Schamgefühlen, die sie am Nachmittag kurz befielen, gibt es einen weiteren Grund, warum es ihr schwerfällt, ihn um Hilfe zu bitten. Seit ihrer Kindheit hat Jessica für Gleichberechtigung und Freiheit gekämpft und sich aus dominierenden, patriarchalischen Strukturen herausgekämpft. Nun sieht sie sich emotional in die unangenehme Lage zurückversetzt, wo sie einen Mann um finanzielle Unterstützung bitten muss, was in ihrer empfindlichen Magengegend ein schales Gefühl hinterlässt.
Jessica versucht zu verstehen, was die gegenwärtige Situation für ihren spirituellen Weg - nebst ihrer gestrigen Erfahrung mit Alan - noch zu bedeuten hat. Sie erkennt, dass auch sie schwach sein darf und es für ihr persönliches Wachstum wichtig ist, Hilfe von anderen annehmen zu können. Und zwar ohne dabei in alte Verhaltensmuster von Hilflosigkeit und Ohnmacht zurückzufallen oder Schuldgefühle zu haben. Als sie diese subtilen Zusammenhänge erkennt, fällt ihr der Schritt, in wenigen Minuten an Michael’s Haustüre zu klopfen, bedeutend leichter. Sie bedankt sich bei ihren Schutzengeln für die wertvollen Erkenntnisse, zieht sich eine Jacke über und läuft in der Dunkelheit zu Michael’s Haus hinüber. Mittlerweile ist es neun Uhr geworden.
Sachte klopft Jessica an die massive Holztür und schon bald hört sie Schritte, die sich rasch dem Eingangsbereich nähern. Zu dieser späten Stunde steckt Michael nur seinen grauen Haarschopf aus dem Türspalt und späht mit leicht zusammengekniffenen Augen in die Finsternis hinaus. Als er Jessica erkennt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Er bittet sie mit einer einladenden Geste ins Haus und gibt ihr zu verstehen, dass sie ihm ins warme Wohnzimmer folgen soll.
Jessica nimmt kurz wahr, dass ihr der Grund für ihr Erscheinen wirklich peinlich ist. Doch Michael’s herzliche Gastfreundschaft lässt ihre unangenehmen Gefühle und Geldsorgen rasch in den Hintergrund rücken. Er bietet ihr einen Melissentee aus frischen Kräutern an, den er erst letzten Samstag im Bio-Laden des naheliegenden Bauernhofs gekauft hat. Es ist genau das richtige Getränk für Jessica’s leicht überreizte Nerven. Dankend nimmt sie sein Angebot an und wartet auf dem bequemen roten Sofa, während sie Michael in der Küche das Teewasser aufsetzen hört. Als er zurück ins Wohnzimmer kommt, setzt er sich neben sie.
Nach ihrem über zehnjährigen Single-Dasein ist die Nähe von Michael für Jessica wirklich ungewohnt. Gleichzeitig geniesst sie es, einem Mann wieder einmal so nahe zu sein! Dies umso mehr, da sie in seiner Anwesenheit keine innere Unruhe empfindet, wie sie es sonst bei Vertretern des männlichen Geschlechts erlebt. Michael ist, abgesehen von seinem Suchtverhalten, ein kultivierter und humorvoller Gesprächspartner. Er interessiert sich für zeitgenössische wie für spirituelle Themen und spricht gerne über tiefgründige Fragen des Lebens, wie sie schon bei ihrer letzten Begegnung erfuhr. Jessica fasziniert die Verbindung von Intellekt und Spiritualität, die sie bei Michael zu erkennen glaubt. Es ist selten, heutzutage jemandem mit diesen Eigenschaften zu begegnen! Überhaupt ist es das erste Mal in ihrem Leben, dass sie einen Mann kennenlernt, der beide Aspekte zu vereinen scheint - ein Charakterzug, den sie selbst auch besitzt.
Jessica wird durch das zischende Pfeifen des Teekessels jäh aus ihrem kurzen Gedankenspiel herausgerissen. Trotz seines Alters und leichten Übergewichts um den Bauch springt Michael wie ein junger Mann von der Couch hoch und rennt zur freistehenden Kochinsel. Augenblicklich verstummt das nervende Geräusch und eine angenehme Stille erfüllt die kleine, gemütliche Wohnung. Alsdann kehrt Michael mit einem Tablett aus glänzendem Chromstahl zurück und der liebliche Duft des frisch gebrühten Melissentees, den er in Design-Teegläsern serviert, entweicht in einer zarten Dampfschwade. Zu ihrer Freude erblickt Jessica auch ihre Lieblingsbiskuits: Bretzeli von Kambly! Insgeheim ist sie stets von neuem über die kleinen Gemeinsamkeiten, die sie und Michael teilen, erstaunt.
Nachdem sie zwei Stunden lebhaft über Gott und die Welt geredet haben, wird sich Jessica bewusst, dass sie zum eigentlichen Grund ihres Besuchs kommen muss. Sonst wäre ja ihr Bemühen, Michael heute Abend aufzusuchen, vergebens gewesen und sie wäre keinen Schritt weitergekommen. Zuerst weiss Jessica gar nicht, wie sie den Übergang von der unbeschwerten Stimmung zu ihrem belasteten Thema bewerkstelligen soll. Dann geht es auf einmal ganz automatisch und Michael hört ihr augenblicklich aufmerksam und konzentriert zu. Er zeigt viel Verständnis für ihre zahlreichen Schicksalsschläge, die sie in den vergangenen Jahren erlitt. Jessica staunt über seine mitfühlende Haltung, obgleich sie ihn von Anfang an so eingeschätzt hat. In den letzten Monaten hat sie von Seiten des männlichen Geschlechts ja nicht viel Gutes erfahren! Umso dankbarer ist sie, dass sie hier in der Fremde einen so netten Menschen getroffen hat. Als Jessica mit der Schilderung ihrer Lebenssituation fertig ist, schlägt Michael vor, ihr bis zum Zeitpunkt ihrer Abreise wöchentlich einen bestimmten Betrag zu geben, damit sie ihre alltäglichen Ausgaben bezahlen kann. Für Jessica handelt es sich um eine vorübergehende Ausleihe, was sie Michael ausdrücklich kommuniziert. Es ist ihre feste Absicht, ihm das Geld zurückzugeben, sobald ihre Finanzen wieder in Ordnung sind. In der Zwischenzeit zeigt Jessica’s Armbanduhr bereits nach Mitternacht an. Sie steht auf und bedankt sich bei Michael mit einer herzlichen Umarmung für seine bedingungslose Unterstützung. Sie fühlt sich gerade sehr erleichtert!
Als sie zurück in ihrem Zimmer ist, wird Jessica vom schönen Gefühl durchströmt, dass es auf der Erde doch noch Wunder gibt. Diese Erkenntnis ist für sie nach den traumatischen Erlebnissen mit ihrem Vater vor einigen Wochen und den unangenehmen Vorfällen mit Alan sehr tröstend. Sie weiss, dass sie bei Michael keine Angst haben muss, dass er irgendeine Gegenleistung erwartet, schon gar nicht sexueller Natur. Michael lebt nämlich seit zehn Jahren wie ein Mönch. Er hat ihr versichert, dass es für ihn in Ordnung ist, wenn sie ihm das Geld irgendeines Tages zurückbezahlt. Er akzeptiert aber auch, falls er es nicht zurückerhält.
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Während der letzten Wochen ihres Aufenthaltes am Brienzersee entspannt sich das Verhältnis zwischen Alan und Jessica merklich. Sie respektieren sich beide in ihrer Eigenart und haben nur noch selten angespannte Gespräche. Wenn nötig zieht sich Jessica in Situationen, die einen unerfreulichen Verlauf nehmen, rasch zurück. Sie will ihre angeschlagene Seele nicht mit leichtfertigen Sprüchen, die Alan des Öfteren äussert, zusätzlich belasten.
Bevor sich Jessica heute zu ihrem täglichen Spaziergang aufmacht, denkt sie über die Gründe nach, die sie hie und da veranlassen, sich aus heiklen zwischenmenschlichen Begegnungen zurückzuziehen. In ihrem reifen Alter entspringt der Auslöser für einen akuten Rückzug - im Gegensatz zu früher - ihrem Herzen, verbunden mit Respekt gegenüber der Person, mit der sie zusammen ist. Weicht sie heute Leuten aus, die ihrer Seele schaden, oder bricht sie eine unerträgliche Unterhaltung ab, so tut sie dies vor allem für sich selbst! Ihr Verhalten ist nicht gegen andere gerichtet - weder in ihren Gedanken, Gefühlen noch in ihrem Handeln.
Früher litt sie in der Nähe von Personen, die Alan ähnlich sind, stillschweigend vor sich hin. Als Kind widerten sie Erwachsene, die stark nach Zigarettenrauch oder Alkohol rochen, regelrecht an und bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr pflegte sie in mancherlei Hinsicht einen asketischen Lebensstil. Noch empfindsamer als auf den Dunst einer brennenden Zigarette reagierte sie auf abgestandenen Rauch, der von den ungelüfteten Kleidern eines starken Rauchers ausging. Genauso wenig konnte sie als junge Erwachsene das Verhalten von Leuten nachvollziehen, die zuerst grosse Mengen Alkohol trinken mussten, bevor sie entspannt auf ihre Mitmenschen zugehen konnten. Personen, die regelmässig Spirituosen konsumierten, hat Jessica schon immer gemieden, da sie ihre Freizeit ungern mit Menschen verbrachte, die tags darauf nicht mehr wussten, was sie am Vorabend geredet haben. Solche Diskussionen waren für sie reine Zeitverschwendung.
Auch heute sucht Jessica nicht bewusst die Nähe von Süchtigen, da ihre Grundeinstellung zu Suchtverhalten dieselbe geblieben ist wie in jungen Jahren. Sie findet, dass jegliche Art von Sucht aus der Sicht von vollkommener Gesundheit und Freiheit schlicht unakzeptabel ist. Im Laufe ihrer Tätigkeit in der Wirtschaft war sie für eine gewisse Zeit selbst starke Raucherin, da sich ihre Seele in der bisweilen kalten, berechnenden Wirtschaftswelt oft einsam fühlte, wodurch sich ihre Muskulatur stark verspannte. Das Rauchen half ihr, sich psychisch und körperlich zu entspannen. Es fehlte ihr damals an echten zwischenmenschlichen Beziehungen und spontanen Begegnungen in ihrem Arbeitsalltag. Heute begreift Jessica ihre Erfahrungen als Raucherin als Teil ihrer Ausbildung zur spirituellen Heilerin. Sie versteht heute umso besser, welche gesundheitlichen Schäden durch Süchte hervorgerufen werden und wie schwierig es ist, sich langfristig von ungesunden Verhaltensmustern zu lösen.
Die Tatsache, dass Jessica ein ausgeprägtes, angeborenes Mitgefühl hat und das Leid von süchtigen Menschen in ihrem Umfeld schon als Kind beobachtete, verstärkt heute ihren inneren Drang, ihre Berufung zu leben und süchtigen Menschen zu mehr Freiheit in ihrem Leben zu verhelfen.
Jessica geniesst die letzten schönen Tage dieses prachtvollen, sich bis spät in den Oktober hineinziehenden Herbstes und spaziert entlang der Seeuferpromenade am Brienzersee. Sie schlendert über eine Brücke, als sie eine junge Asiatin sieht, die mithilfe eines Handstativs umständlich ein Selfie für ihr digitales Fotoalbum auf dem Smartphone macht. Mit ihrer offenen, helfenden Wesensart fragt Jessica die Touristin in englischer Sprache, ob sie ein Foto von ihr schiessen soll. Freudig willigt die Asiatin ein und übergibt ihr das Handy. Als geübte Hobbyfotografin gibt Jessica der jungen, hübschen Frau einige Tipps, wie sie sich vorteilhaft ins Bild setzen kann. Dann drückt sie mehrere Male auf den Auslöser, um sicher zu sein, dass wenigstens ein tolles Erinnerungsfoto dabei ist. Sogleich trippelt die Asiatin mit kleinen Schritten vom Brückengeländer zu Jessica heran, um sich die Bilder anzusehen. Sie ist von den gelungenen Portraits entzückt, bedankt sich mit einem herzlichen Lachen und für einige Sekunden sind von ihren Augen nur noch schmale Schlitze zu sehen. Sie diskutieren noch eine Weile und Jessica erfährt, dass die zierliche Frau aus China kommt und alleine reist. Darüber ist sie sehr erstaunt! Allerdings ähnelt ihr die junge Chinesin vom Charakter her. Jessica ist ebenso der Ansicht, dass Alleinreisende authentischere Eindrücke von Land und Leuten erhalten als Menschen, die in Gruppen unterwegs sind. Es beflügelt sie, wenn sie auf ihrer oft einsamen Reise durch das Leben auf Seelenverwandte trifft! Sie wünscht der jungen Frau für ihren Kurzaufenthalt in der Schweiz weiterhin sonniges Wetter und sie verabschieden sich mit einem herzlichen Lachen voneinander.
Seit einigen Jahren sind für Jessica solche kurzen, inspirierenden Begegnungen weitaus wertvoller als langjährige, ausgeleierte Beziehungen. Dies besonders, seit sich ihr familiäres Umfeld und ihr früherer Freundeskreis wegen ihrer mehrmaligen Schicksalsschläge in den letzten Jahren allmählich in Luft auflöste. Sei es, weil Freunde sich mit der Zeit zurückzogen oder weil es ihr selbst an Kraft fehlte, um in Krisenzeiten regelmässig soziale Kontakte zu pflegen. Ausserdem empfand Jessica das ständige Erzählen ihrer Geschichte als sehr ermüdend! Nach ihrem Verständnis von nachhaltiger Heilung auf allen Ebenen des Seins - Geist, Seele, Körper - verlangsamt sich spiritueller Fortschritt, wenn die eigene Leidensgeschichte stets von neuem erzählt wird. So hat sie sich entschieden, ihren Weg allein im „Eins-Sein mit allem Lebendigen auf der Erde“ weiterzugehen.
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