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Manfred Eisner

Crescendo bis Fortissimo

Zweiter Roman

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Wenn man hier im Lande mit der Verfolgung

einer gewissen Gruppe unserer Landsleute anfängt,

nur um ihrer Abstammung willen, dann ist es

christliche Pflicht zu rufen: „Das ist gegen das

Grundgesetz im Reiche Christi, die Barmherzigkeit“,

und das ist verabscheuungswürdig für jedes nordische Denken ...

Ein christliches Volk, das tatenlos zusieht,

wenn seine Ideale mit Füßen getreten werden,

gibt dem tödlichen Keim der Verwesung Einlass

in seinen Sinn, und Gottes Zorn wird es treffen!

Kaj Munk, dänischer Pastor und Schriftsteller, * 13.01.1898 in Maribo, Lølland, † 05.01.1944 in Vedersø, auf Anordnung Hitlers und Himmlers ermordet von SS-Schergen.

Diesen Roman widme ich mit höchster Anerkennung und in tiefer Dankbarkeit all jenen Mutigen, Aufrichtigen und Anständigen, die sich während des nationalsozialistischen Terrors selbst unter eigener Gefährdung nicht scheuten, den Verfemten, Verfolgten und in Lebensnot Geratenen tatkräftige Unterstützung, Hilfe und Schutz zu gewähren.

Manfred Eisner

Brokdorf, im Frühjahr 2014.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Zitat

Vorwort

1. Gottesdämmerung

2. Rückblende

3. Crescendo

4. Lieber Besuch

5. Hans-Peters Bekehrung

6. Bedrängnis

7. Josefs Bekümmernisse

8. Aus Clarissas Tagebuch

9. Üble Machenschaften

10. Weihnachtsbeichte

11. Prost Neujahr 1936!

12. Silkes Gewissen

13. Verlobung

14. Heikle Recherchen

15. Des Oskars Rätsel

16. Das fehlende Glied

17. Stammbaum

18. Schlupfwinkel

19. Magerer Bescheid

20. Haschende Profiteure

21. Unheilvolle Enthüllung

22. SOS

23. Heiligabend

24. „Muss i’ denn ...“

25. Geschichte an zwei Orten

26. Fortissimo

27. Clarissas Reisebericht

Nachwort

Der Autor

Danksagung

Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es sind einige Jahre über Oldenmoor, die imaginäre, irgendwo in der holsteinischen Marsch gelegene Kleinstadt, hinweggezogen, seit unsere liebenswerten Hauptpersonen aus „Leise Musik aus der Ferne“ endlich ihrer Liebe gewahr wurden.

Sie, als Eingeweihter, pflichten dem Autor hoffentlich bei, dass es doch eigentlich bedauerlich gewesen wäre, es dabei bewenden zu lassen und diese Szenerie samt ihren imaginären Darstellern so mir nichts, dir nichts aus den Augen und aus dem Sinn zu verlieren.

Deshalb setzen wir nun die Geschichte fort und begleiten Clarissa und Heiko bei ihrem alltäglichen Bemühen, den sich ausbreitenden Widrigkeiten und Verfolgungen inmitten Deutschlands während der neunzehnhundertdreißiger Jahre mit mutiger Aufrichtigkeit und menschlichem Anstand zu begegnen und letztendlich zu entkommen.

Die harsche politische Realität dieser Zeit stellt dabei wiederholt gefährliche Klippen ins Fahrwasser, die es geschickt zu umschiffen gilt.

Dazu weht ihnen ein anschwellend eisiger Gegenwind ins Gesicht, denn die zeitlichen Wirren spitzen sich rasant zu – bis zum unausweichlichen Orkan.

1. Gottesdämmerung

Heiko sitzt in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch und liest mit ernstem Gesichtsausdruck den Courier, das Lokalblatt Oldenmoors. Auf der ersten Seite dominiert die Überschrift in großen Lettern:

Deutschland ist wieder gesund! Der Führer schafft klare Verhältnisse.

Darunter ein Bericht über die Sitzung des Deutschen Reichstages anlässlich des Parteitages der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei. Es folgt eine Zusammenfassung der in Nürnberg am Vortage verkündeten neuen Gesetze: das „Reichsbürgergesetz“ sowie das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“.

Mit jeder gelesenen Zeile steigert sich Heikos Betroffenheit. Sein besorgter Blick wendet sich von der Zeitung ab und fixiert das sich von Wand zu Wand erstreckende Bücherregal, vollgestopft mit zahlreichen antiquarischen und modernen Büchern, die in Leder, Leinen und Karton eingebunden sind.

Ein kalter Schauer fährt Heiko den Rücken hinab. Er ist dreiundzwanzig, ein maskuliner Typ, groß und schlank gewachsen und in den vergangenen Jahren vom rebellischen Jüngling zu einem gestandenen jungen Mann herangereift. Nicht wissend, ob er wegen des soeben Gelesenen oder der Kälte seines Arbeitszimmers fröstelt, erhebt er sich, geht an die Tür und öffnet sie.

„Silke!“, ruft er mit heiserer Stimme hinunter.

Unten sind Schritte zu hören, danach das Öffnen einer Tür. „Jawohl, Herr Keller?“

„Seien Sie so gut, bringen Sie den Kohleneimer und machen Sie den Ofen in meinem Zimmer an. Es ist ziemlich kalt hier oben.“

„Komme sofort!“ Die Tür schließt sich wieder.

Heiko geht zurück an den Schreibtisch und setzt sich in den Drehsessel. Verloren in ernsten Gedanken, spielen seine Hände unbewusst mit dem Totenschädel (eine von Harald Suhls Hinterlassenschaften), den er mit seiner Rechten vom Schreibtisch gegriffen hat. Die Finger der linken Hand gleiten auf der elfenbeinfarbenen Schädeldecke langsam hin und her.

Als „Onkel“ Harald Suhl vor einigen Jahren starb und ihm sein gesamtes Vermögen vererbte, zog Heiko von seinem Kellerzimmer im Herrenhaus der von Steinbergs in dieses Haus um. Während inzwischen in den anderen Wohnräumen des Hauses zahlreiche Umbauten durchgeführt wurden, blieb dieses Zimmer unberührt. Mit Ausnahme der neuen Tapeten befand es sich noch im selben Zustand wie beim Ableben des kauzigen Alten. Heiko liebte dieses Arbeitszimmer, da es mit zahlreichen Erinnerungen an seine Kindheit verbunden war.

Onkel Suhl, ein langjähriger Freund der Familie und unerwidert gebliebener Jugendliebhaber von Heikos Großmutter Alexandra, war sozusagen „Oldenmoors Institution des Wissens“ gewesen. Trotz seines exzentrischen Verhaltens und seiner für seine Gesprächspartner oft unverständlichen Ausdrucksweise hielt man ihn für eine Kapazität. In der Tat war er sehr belesen und hinterließ eine ansehnliche Bibliothek. Heiko hatte einige Mühe, seine eigenen, ebenfalls zahlreichen Bücher in dem bereits ziemlich vollen Bücherregal unterzubringen.

An der gegenüberliegenden Wand hängt ein in dezenten Pastelltönen gemaltes Bild: ein sehr hübsches, etwa sechzehn Jahre altes Mädchen mit himmelblauen Augen, langlockigem, kastanienbraunem Haar und wohlgeformten Lippen, das den Betrachter mit einem leicht angedeuteten Lächeln ansieht. Unter dem Signum „Heiko Keller“ und der Jahreszahl 1930 am unteren Bildrand steht in kleinerer Schrift: „Bildnis der Prinzessin von der madigen Erbse, die in einem verzauberten Schloss an der alten Esche gefangen gehalten wurde“.

Heiko hört Schritte auf der Treppe. Die Tür öffnet sich und eine robuste, etwa siebzehnjährige stämmige Deern mit blauen Augen und langen, blonden Zöpfen betritt freundlich lächelnd das Zimmer. Sie trägt den Kohleneimer in der einen und einige alte Zeitungen in der anderen Hand.

„Ich mache Ihnen sofort das Feuer an, Herr Keller“, sagt sie eifrig und geht vor dem kleinen Kachelofen in die Knie.

Durch das Eintreten des Hausmädchens aus seinen tiefen Gedanken herausgeholt, nickt Heiko stumm. Beklommen blickt er auf den Totenschädel in seiner Hand und deponiert diesen schließlich auf dem Zeitungsartikel über das Blutschutzgesetz. Er steht auf und geht langsam im Zimmer umher. Plötzlich bleibt er vor dem Bücherregal stehen, greift nach einem Band und blättert suchend darin. Nachdem er die gewünschte Stelle gefunden hat, liest er ein paar Seiten, schüttelt den Kopf und schiebt das Buch in seine Lücke zurück.

Sein Blick bleibt an einem Wandkalender haften, der anzeigt, dass heute der 16. September 1935 ist.

„Die gnädige Frau ... lässt Ihnen ausrichten, dass ... es bald Abendbrot ... geben wird“, sagt Silke, wobei sie ihren Satz mehrmals zum Tief-Luft-Holen und In-das-Feuer-Blasen unterbricht. In der Feuerstelle des Kachelofens lecken bereits einige rötliche Flammenzungen gierig an den fetten, schwarzen Kohlen.

„Danke, Silke. Haben die Kinder schon gegessen?“

„Sie waren gerade dabei, als ich hochgekommen bin.“

„Gut, dann gehe ich schon mal runter.“

Heiko steigt die Treppe hinab und schleicht auf Zehenspitzen durch die Diele bis hin zur Küche. Leise öffnet er die Tür, bleibt im Türrahmen stehen und betrachtet mit einem stummen Lächeln das lebendige Bild, das sich vor ihm auftut. Am Küchentisch sitzt eine auffallend hübsche, junge Frau, die eine große Ähnlichkeit mit dem Portrait in seinem Arbeitszimmer hat. Aus der damals mädchenhaften Clarissa ist inzwischen eine besonders aparte Erscheinung geworden. Mit fürsorglichem Mutterblick wacht sie über das Abendessen ihrer beiden Kinder. Ein etwa zweijähriger, strohblonder Bube sitzt auf einem Kinderstuhl und rührt eifrig mit dem Löffel in seinem Schüsselchen herum, wobei der Brei darin überzuschwappen droht. Währenddessen gibt Clarissa dem Baby auf ihrem Schoß die Milchflasche.

„Oliver! Hör bitte auf, in deinem Brei herumzustochern. Mit dem Essen darf man nicht spielen.“ Clarissa spricht ihren Verweis in einer ruhigen, versöhnlichen Stimme aus.

Oliver hebt seinen Blick von der Schüssel und sieht Heiko in der Tür stehen. Seine blauen Äugelein strahlen vor Freude und er fuchtelt wild mit dem Löffel in der Luft herum, während er gleichzeitig in seiner Kleinkindersprache in hohen Tönen quiekt.

Verwundert blickt sich Clarissa um. Mit einem warmen Lächeln begrüßt sie ihren Mann, der auf das Trio zueilt und jeden von ihnen zärtlich umarmt und küsst. Heiko nimmt Oliver den Löffel aus der Hand und füttert ihn geduldig, bis er seinen Brei aufgegessen hat.

Unterdessen berichten sich die jungen Eltern gegenseitig von ihrem Tagesablauf. Während er Clarissa zuhört, denkt Heiko, dass sie sich seit jenem Frühlingsabend vor vier Jahren, an dem ihr endlich ihre Liebe zu ihm bewusst wurde, äußerlich kaum verändert habe. Sicherlich, sie ist inzwischen reifer geworden, aber die zweimalige Mutterschaft hat weder ihrem Gesicht noch ihrer Figur nachteilige Veränderungen zugefügt. Sie ist noch genau so erfrischendnaiv-aufrichtig-bildhübsch wie damals, gesteht sich Heiko mit Bewunderung ein.

„Ich war heute mit den Kindern zu Besuch im Herrenhaus“, erzählt Clarissa. „Der Papa und die Mama haben sich sehr gefreut. Tante Therese kam später auch noch dazu. Sie alle lassen dich grüßen.“

„Danke für die Grüße. Ich habe euch aus dem Fenster meines Arbeitszimmers gesehen. Der beeindruckende Konvoi zweier Kinderwagen unter Führung eines bezaubernden Kommodores entging nicht meiner Aufmerksamkeit.“

Von Heikos Bürofenster in der Backwarenfabrik blickt man direkt auf das Herrenhaus der Familie von Steinberg. Dieses gehört allerdings schon seit einigen Jahren Heiko. Er löste damals mit einem Teil des von Onkel Suhl geerbten Geldes eine fällige Hypothek ab und konnte somit seinen zu der Zeit noch zukünftigen Schwiegereltern – gleichzeitig Großonkel und Großtante – ihr Heim erhalten.

Clarissa nimmt das Kompliment ihres Mannes mit einem Lächeln an. Während sie das Baby halb über ihre Schulter hält, klopft sie rhythmisch und zart auf dessen Rücken. Elisabeths wiederholtes, lautes Aufstoßen bestätigt der Mutter die Wirksamkeit dieser Methode, die ihr Sanitätsrat Dr. Schmitthofer zur Entfernung der lästigen Luft aus dem Babybäuchlein empfohlen hat. „Und wie war dein Arbeitstag, mein Liebling?“

„Nichts Ungewöhnliches, alles Routine. – Hast du heute schon die Zeitung gelesen?“

„Ja, aber nur oberflächlich. Ich ...“ Abrupt unterbricht Clarissa den angefangenen Satz, als Silke in der Tür erscheint. Sie steht auf und hebt spielerisch ihr Baby in die Luft. „... bringe jetzt die Kinder ins Badezimmer und danach geht’s ab in die Heia! Silke, bringen Sie bitte Oliver mit?“ Im Vorbeigehen küsst Clarissa ihren Mann rasch auf den Mund und ist danach auch schon aus der Küche verschwunden. Silke folgt ihr mit Oliver auf dem Arm. Der Bub protestiert laut und wirbelt mit seinen Ärmchen wild in der Luft herum.

Nach einem kurzen Augenblick erlischt Heikos Lächeln, das sich durch Clarissas überraschende Liebkosung auf seine Lippen geschlichen hatte. Seufzend setzt er sich wieder an den Küchentisch und rührt gedankenverloren mit dem Kinderlöffel in Olivers leerer Breischüssel. So weit sind wir also schon gekommen, gesteht er sich verbittert ein. Man kann seine Gedanken nicht einmal mehr im eigenen Heim offen zum Ausdruck bringen. Jeder hat – ja, jeder muss vor jedem Angst haben. Man redet zwar nicht offen darüber, aber man weiß, was mit jenen passiert ist, die es gewagt hatten, das zu sagen, was sie dachten. Sie verschwanden plötzlich und man hat die meisten von ihnen nicht wieder gesehen. Und die wenigen, die zurückgekommen sind, schweigen sich aus.

* * *

Heiko und Clarissa sitzen im Esszimmer. Silke hat soeben den Tisch abgeräumt und verlässt, vollbeladen mit Tellern und Besteck, den Raum. Während des Abendessens ist keine richtige Unterhaltung zwischen den beiden zustande gekommen, sie haben die meiste Zeit nur schweigend gegessen.

Besorgt sieht Clarissa ihren Ehemann an. „Was hast du, Heiko? Du siehst so bedrückt aus. Ist etwas passiert?“

Heiko blickt vielsagend in Richtung Tür. „Jetzt nicht – später!“ Er nimmt sich zusammen und versucht, seine Frau mit einem Lächeln zu beruhigen. Er greift nach ihrer Hand, und nachdem Clarissa ihm diese überlassen hat, streichelt er sie liebevoll, versinkt aber schon nach einigen Sekunden abermals in seinen Gedanken.

„Möchtest du noch etwas, Heiko?“

„Nein, Prinzessin, vielen Dank. Wollen wir nicht hinübergehen?“

In ihrer Kindheit spielten sie mit ihren Spielkameraden oft „Entführung der Prinzessin“. Heiko, Anführer der Bande und damals ein ziemlich rüder und eigensinniger Einzelgänger, verlieh Clarissa den wenig schmeichelhaften Namen „Prinzessin der madigen Erbse“, worüber sie verständlicherweise sehr enttäuscht war, hatte sie sich doch einen viel wohlklingenderen Namen erhofft. Noch in den Jahren danach sprach Heiko Clarissa immer dann mit „Prinzessin“ an, wenn er sie bewusst ärgern wollte. Nach ihrer Verlobung und der Hochzeit wurde daraus jedoch ein Kosename.

Beide stehen auf und gehen Hand in Hand ins Wohnzimmer, in dem ein loderndes Kaminfeuer dazu einlädt, sich gemütlich niederzulassen. Der geräumige Salon ist mit dunkel gebeizten Möbeln im neuen Renaissancestil ausgestattet. Vor dem Kamin stehen rund um einen passenden Sofatisch ein bequemes Sofa und drei große Sessel mit gewaltigen Löwentatzen als Füße. Genüsslich lässt sich Clarissa auf dem Sofa nieder und zieht ihren Mann an ihre Seite. Heiko legt seinen Arm um ihre Schulter und sie schmiegt sich an ihn.

Als Heiko in das hellbraun getünchte Haus mit dem markanten Balkon umgezogen war, plante und verwirklichte er sehr sorgfältig und weitsichtig dessen Umbau. Boie Sötje, ein ehemaliger Schulfreund vom Gymnasium und Sohn des Inhabers des größten Baugeschäftes in Oldenmoor, stand damals kurz vor der Beendigung seines Architekturstudiums und unterstützte ihn mit Rat und Tat. Die Bauarbeiten führte die Firma Sötje aus.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Aus dem alten und ziemlich heruntergekommenen Gebäude, das Onkel Suhl in seinem Einsiedlerleben sehr vernachlässigte, ist ein wohnliches, einladendes und komodiges Heim geworden, mit allen Raffinessen, welche die moderne Technik zu bieten hat: Spülklosett, Badezimmer, fließend kaltes und warmes Wasser – ja sogar ein elektrischer Herd mit Backröhre und ein Kühlschrank schmücken die Küche. Auch ein Fernsprecher ist nunmehr im Haus vorhanden. Das obere Geschoss, das vormals mit Ausnahme von Onkel Suhls Arbeitszimmer ungenutzt war, wurde ausgebaut. Neben den beiden Kinderzimmern befinden sich dort jetzt ein Gästezimmer, ein Zimmer für das Hausmädchen und ein kleines Badezimmer mit Dusche und Spülklosett.

Heikos größte Freude an dem gelungenen Umbau ist die Tatsache, dass man dem Haus von außen nichts von den inneren Veränderungen ansieht. Das kunstvoll aus Eisen geschmiedete, grün lackierte Geländer des Balkons mit seinen wohlgeformten, weißen Schwänen thront an der Fassade und gibt dem Haus sein ganz besonderes Gepräge.

Obwohl schon vier Jahre seit Heikos Einzug vergangen sind, wird dieses Haus in Oldenmoor immer noch „Harald Suhls Hus“ genannt. Darüber freut sich Heiko ganz besonders, weil die Menschen auf diese Weise seinem Gönner, dem lieben alten Spaßvogel, der so viele Oldenmoorer Bürger (natürlich ohne deren Wissen) mit seinen Pseudoweisheiten hinters Licht führte, so etwas wie ein Denkmal gesetzt haben.

Alle diese und noch viele andere Erinnerungen wandern gerade durch Heikos Gedanken.

„Was bedrückt dich, Deichkater?“, flüstert Clarissa in Heikos Ohr. „Du machst mir ernsthafte Sorgen.“ Jedes Mal, wenn sie Heiko mit seinem Spitznamen anspricht, muss sie unwillkürlich an den rebellischen Spielgefährten ihrer Kindheit denken, der diesen Namen wegen seines zeitweisen Untertauchens in einer aus Weiden selbst gebastelten Hütte am Elbdeich trägt.

„Ach, mein Schatz, es ist die augenblickliche Lage, die mir so sehr an die Nieren geht.“ Auch Heiko spricht ganz leise. „Wir rasen immer schneller dem Abgrund entgegen und es sieht so aus, als ob es niemand merkt. Und von denjenigen, die es zumindest ahnen, will es sich keiner eingestehen. Alle schreien vor Begeisterung Hurra und ich vermute, das Denken dieser Menschen ist wohl ausgerastet. Was ich da heute wieder gelesen habe ...“

„Ja, ich weiß. Und auch, wie du darüber denkst, wir haben uns ja schon öfter über dieses Thema unterhalten. Ich finde es ebenfalls sehr schlimm und all diese armen Menschen tun mir furchtbar leid. Aber unserer Familie droht doch keine Gefahr, oder?“

„Doch, Clarissa, aber ja!“

Clarissa legt ihre Hand vor Heikos Mund, weil sein Ausruf heftig und laut war. Er hält einen Moment inne und küsst ihre Finger. Clarissa lächelt und nickt ihm zu – eine stumme Aufforderung, seine Behauptung zu erläutern.

Heiko fährt in leisem, jedoch markantem Ton fort: „Begreifst du denn nicht, dass es hier um die elementarsten Menschenrechte geht? Ist dir nicht bewusst, dass das, was hier heute geschieht, ein gellend schreiendes Unrecht gegen alle Völker der Erde ist, für das wir Deutschen eines Tages, ob wir es gewollt haben oder nicht, ob wir aktiv mitgemacht oder es nur tatenlos geduldet haben, vor der Welt Rechenschaft werden ablegen müssen?“

„Ich fühle genau wie du, Heiko. Auch ich empfinde ein großes Unbehagen. Was ist nur in all diese Menschen gefahren? Nicht mal mehr ein freundliches ‚Guten Morgen‘ oder ein lächelndes ‚Guten Tag‘ beim Treffen mit Freunden und Bekannten ist noch drin. Nein! Bis heute kriege ich dieses primitive ‚Heil Hitler!‘ nicht über meine Lippen.“

„Wenn es nur das wäre!“, seufzt Heiko. „Das Ganze geht noch weiter, es kommt noch viel schlimmer. Jeder Deutsche muss jetzt den Beweis erbringen, dass er Arier ist! Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man über diesen Humbug schallend lachen!“

„Na, wenn uns nichts Schlimmeres passiert!“, witzelt Clarissa und versucht Heiko auf diese Weise aufzumuntern. Das Lächeln, das Heiko darauf erwidert, ist ein trauriges. „Ja, ja, für dich, Clarissa von Steinberg, du Prinzessin der madigen Erbse, ist das kein Problem. Da gibt es ja auch nicht den geringsten Zweifel an deiner Herkunft und dass in deinen Adern rein arisches Blut fließt! Außerdem ist all dies einfach zu belegen. Aber wie sieht es für mich, den Heiko Keller, aus?“

Pause.

Mit ernstem Blick sieht Clarissa ihren Mann an. Auch Heikos Mutter war eine von Steinberg, eine Cousine des Papas. Trotz des Widerstands der Familie heiratete Elisabeth aus Liebe den Kunstmaler Oskar Keller, über den man nichts Genaues wusste – weder über seine Herkunft noch über seinen späteren Verbleib, hatte er doch Frau und Kind kurz nach Heikos Geburt genauso unauffällig verlassen, wie er einst auf der Bildfläche erschienen war. Elisabeth konnte diesen Kummer nicht bewältigen und nahm sich kurz darauf das Leben. Heiko wurde daraufhin von seiner Großmama, Tante Alexandra, aufgezogen.

„Ich verstehe, Deichkater. Du sorgst dich, weil du glaubst, dass es schwierig sein könnte, die Herkunft deines Vaters zu erforschen.“

„Ja, oder besser gesagt: nein! Es ist ekelhaft, so etwas überhaupt tun zu müssen, verstehst du? Wäre ich denn ein anderer, ein schlechterer Mensch, wenn sich herausstellen sollte, dass mein Vater kein reiner Arier gewesen ist?“

„Natürlich nicht ...“ Clarissa hält inne, als Silke mit dem Teeservice hereinkommt.

„Ist die gnädige Frau damit einverstanden, wenn ich schon jetzt den Tee serviere? Weil ich doch heute noch ausgehen müsste, das heißt, wenn Sie nichts dagegen hätten.“

„Ist schon gut, Silke, servieren Sie jetzt den Tee und danach können Sie sich gern den Rest des Abends freinehmen.“ Clarissa hilft ihr beim Verteilen des Geschirrs.

„Danke, gnädige Frau.“

„Wo soll’s denn hingehen, Silke?“, fragt Heiko, während sie seine Tasse mit dem bernsteinfarbenen Aufguss füllt.

„Zum Heimabend beim BDM.“

„Ach so, natürlich, da dürfen Sie keineswegs fehlen!“, entfährt es Heiko wie aus einer Pistole geschossen. Häme schwingt in seiner Stimme mit. Bund Deutscher Mädchen! Diese dämonischen Verführer machen auch vor der noch unschuldigen Jugend keinen Halt.

Nachdem Clarissa zunächst Heiko einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen hat, sieht sie besorgt auf Silkes Gesicht, um zu erspähen, wie das Hausmädchen seine unvorsichtige Bemerkung aufgenommen haben könnte. Silkes klarer, aufrichtiger Blick jedoch beruhigt sie.

„Na ja, dann wünsche ich ’ne gute Nacht. Heil Hitler!“, sagt das Mädchen, während es das Wohnzimmer verlässt.

„Gute Nacht, Silke.“

Das Ehepaar bleibt in der Stille sitzen, bis ein Geräusch verrät, dass gerade die Haustür ins Schloss fällt. Endlich sind sie allein.

„Heiko, du darfst nicht ...“

„Ich weiß, Clarissa, du hast recht, aber manchmal überfährt es mich und ich kann einfach nicht an mich halten!“

„Mein lieber Herr Gemahl, du wirst lernen müssen, dich zu beherrschen, oder du bringst dich und deine Familie in größte Gefahr. Denk doch an die Kinder!“

„Natürlich hast du recht, Prinzessin! Es bleibt mir leider keine andere Wahl, als mich zukünftig im Kuschen und Duckmäusern zu üben. Denn trotz meiner Überzeugung und meiner Verachtung für diese germanischen Götter des Unheils kannst du mir das eine glauben: Überleben will ich – koste es, was es wolle! Und dass ich jegliches Unheil von meiner geliebten Familie fernhalten möchte und werde, brauche ich dir wohl nicht zu versichern, oder?“ Zärtlich nimmt Heiko seine Clarissa in die Arme und küsst sie liebevoll auf Augen, Nasenspitze und Mund.

2. Rückblende

Clarissa betritt den kleineren Raum im Erdgeschoss – ihr eigenes Zimmer und Privatsphäre in diesem Hause. An den Wänden hängen die Bilder, die sie am meisten liebt. Bis auf eines sind sie alle von Heiko gemalt worden, lange bevor sie sich in ihn verliebt hat. Ein Bildnis zeigt Onkel Suhl, genauso portraitiert, wie ihn ihre Erinnerung festhält: ein verschmitztes Lächeln mit ironischem Blick, schneeweißes Haar, ein spitzes Bärtchen.

An der Wand gegenüber ein kleineres Bild mit schwarzem Rahmen. Es zeigt einen schönen, rötlichen Vogel, der in den blauen Himmel fliegt. Unten, auf der Erde, sitzt ein kleiner Junge im Schatten eines Baumes und beobachtet den Flug des Vogels. Am unteren Bildrand steht in schwarzer Schrift: „Neid“. Es war damals Heikos größte Sehnsucht, in die weite, weite Welt hinauszuziehen. Jedes Mal, wenn Clarissa dieses Bild betrachtet, muss sie vergnügt an jenen Tag denken, an dem der Deichkater ihr erklärt hat, dass ihn nur ein ganz bestimmtes Ereignis von diesem Entschluss abbringen könne. Ach, wie war sie doch damals noch naiv, nicht gleich zu verstehen, was er damit ausdrücken wollte!

Eine Miniatur, die in einem verkupferten Rahmen hängt, ist das einzige Andenken, das Heiko von seinem Vater besitzt: Clarissas heißgeliebte Sommerwiese vor ihrem Elternhaus, voller bunter Blumen, die von einer strahlenden Sonne am tiefblauen Himmel beschienen werden. Es heißt, dass Heikos Vater und Mutter sich kennenlernten, während dieses Bild entstand.

Nach ihrer Hochzeit mit Heiko zog Clarissa hierher. Kurz darauf schlug ihr Mann vor, ihr diesen Raum als Arbeitszimmer einzurichten. Damals war sie noch Lehrerin in der Schule in Oldenmoor und benötigte einen eigenen Platz, um ihren Unterricht vorzubereiten. Clarissa nahm beim Umzug außer dem Bett sämtliche Möbel aus ihrem Mädchenzimmer mit. Sie hing vor allem an ihrem kleinen Schreibtisch und genoss es, sich in ihr Reich zurückzuziehen, um in Ruhe zu schreiben oder zu lesen.

Als Sohn Oliver geboren wurde, gab Clarissa das Lehramt auf. Neben der liebenden Ehefrau entwickelte sie sich zu einer fürsorglichen Mutter und sehr gewissenhaften Hausfrau. Minutiös wurden sämtliche Ausgaben für den Haushalt in ihrem Rechnungsbuch festgehalten. Obwohl Clarissa, anders als vormals ihre Frau Mama, nach ihrer Heirat keineswegs dazu genötigt war, jeden Pfennig mehrmals umzudrehen, hatte sich die durch mancherlei widrige Umstände erzwungene Sparsamkeit der Frau Annette von Steinberg als eine Selbstverständlichkeit auf ihre Tochter übertragen.

Clarissa pflegte nach wie vor eine Gewohnheit, die sie schon in ihrer Jugendzeit lieb gewonnen hatte: Mit steter Regelmäßigkeit hielt sie mit ihrer schönen und ausgeprägten Handschrift wichtige Ereignisse in einem Tagebuch fest. Seit jenem unvergesslichen Tage vor vier Jahren, an dem sie, eilig dem Ruf ihrer Mutter folgend, unvorsichtigerweise das offene Tagebuch auf dem Schreibtisch liegen gelassen und damit Heiko Einsicht in ihre intimsten Empfindungen ermöglicht hatte, ging sie damit besonders sorgfältig um und hielt behutsam diesen Spiegel ihres Inneren stets unter Verschluss. Zudem blieb die Sammlung ihrer Tagebücher, bereits fünf an der Zahl, in einem geheimen Fach ihres Schreibtisches versteckt. Der französische Tischler, der vor mehr als hundertfünfzig Jahren dieses besondere Möbelstück konzipiert und gebaut hatte, musste ein wahrer Meister seines Metiers gewesen sein. Es war dem Tisch von keiner Seite her anzusehen, dass dieser ein verborgenes Fach enthielt.

Jedes Mal, wenn Clarissa nach einer Eintragung ihr Tagebuch verschloss und es in seinem Versteck wieder in Sicherheit brachte, erinnerte sie sich mit Freude an Heikos freche Neugier, hatte doch diese eine entscheidende Wende in ihrer gegenseitigen Beziehung ausgelöst: Die anfängliche tiefe Abneigung, die sie seit ihren Kinderjahren füreinander empfunden hatten, begann nach einer ersten Aussprache zu schwinden. Allmählich näherten sie sich einander an, bis schließlich Liebe daraus wurde.

Durch Betätigung eines in der mittleren Schublade verborgenen Hebels öffnet Clarissa das Geheimversteck im Schreibtisch und entnimmt daraus eines ihrer früheren Tagebücher. Sie setzt sich und beginnt in der Vergangenheit zu blättern.

Ich kann es immer noch nicht fassen! Wie kann eine junge Frau in meinem Alter (man kann doch von einer Lehrerin wirklich nicht mehr als „Mädchen“ sprechen!) noch so unbedarft und naiv sein! Ich habe lang, allzu lang, dazu gebraucht, um mir einzugestehen, dass ich in Heiko verliebt bin. Eigentlich, liebes Tagebuch, habe ich dies schon seit längerer Zeit geahnt. Ich konnte es Dir aber nicht einfach so anvertrauen, dazu fehlte mir der Mut. Ich hoffe, Du kannst es verstehen und nimmst mir diesen Mangel an Ehrlichkeit nicht allzu übel. Aber jetzt will ich alles nachholen: Ich liebe Heiko mit der ganzen Kraft meines Herzens!

Einige Tage (genauer gesagt: vier!) sind seit jenem wunderbaren Abend verstrichen, an dem ich endlich die innere Kraft aufbrachte, meine Hemmungen zu überwinden und meinen Empfindungen freien Lauf zu lassen. Als ich Heiko entgegenlief, er mich in seine Arme nahm und seine Lippen die meinen zärtlich berührten, brannte es auf meinem Mund wie Feuer und mein Herz pochte so wild, dass ich dachte, es würde mir aus der Brust springen.

Wenn ich das soeben Geschriebene lese, finde ich es ganz schön albern. Aber es fallen mir einfach keine schöneren Worte ein, um es zu beschreiben. Jetzt, wo ich dieser Seite das größte und wichtigste Geheimnis meines Lebens anvertraut habe, muss ich mehr denn je darauf achten, dieses Tagebuch immer gut unter Verschluss zu halten. Am sichersten, ich verstecke es im Geheimfach meines Schreibtisches. Dort wird es mit Bestimmtheit niemand finden!

Ich habe jetzt ziemliche Angst vor der Zukunft. Mit Sicherheit wird meine Familie sehr erbost sein, sollte sie von unserer Liebe erfahren. Der Papa wird vor Wut schäumen: Seine Tochter und der Tunichtgut von Heiko? Undenkbar! Der ist doch keine Partie für ein Fräulein von Steinberg. Dass diese Welt immer Wermutstropfen in das Glück einträufeln muss!

Bewegt blättert Clarissa weiter.

Heute herrscht bei uns wieder eine bedrückte Stimmung. Die Hypothek für das Herrenhaus ist in zwei Wochen fällig und der Papa teilte uns beim Mittagessen mit, dass er kein Geld habe, um sie abzulösen. Als er damals das Geld aufnahm, um Onkel Ewalds Kur im Sanatorium in Schleswig zu bezahlen, hatte er sich vorgenommen, mit dem Rest des Betrages ein Geschäft zu eröffnen. Auch diesmal blieb es leider beim Vorsatz, ohne dass er etwas unternahm. So zerrannen Zeit und Geld. Nachdem Heiko in Onkel Suhls Haus umgezogen ist und uns keine Miete mehr bezahlt, ist mein kleines Gehalt als Lehrerin die einzige Einkommensquelle, die dazu beiträgt, wenigstens einen Teil des Haushalts zu bestreiten. Es ist so deprimierend, dass weder der Papa noch Onkel Johann bereit sind, etwas für den Unterhalt der Familie zu tun. Auch Tante Therese, Mamas Schwester, lebt immer noch bei uns, da ihr Verlobter, Hein Piepenbrink, nicht genügend Geld verdient, um sie zu heiraten. Wie soll das nur weitergehen? Ich weiß es wirklich nicht! Wenn es dem Papa nicht gelingen sollte, irgendwie doch noch das Geld zu beschaffen, dann werden wir wohl ausziehen müssen. Wie auch bei den anderen Häusern werden die Rembowskis, von denen wir das Geld geliehen haben, darauf bestehen, dass wir das Herrenhaus räumen. Sie wollen es sicher für die Erweiterung ihrer Backwarenfabrik verwenden. Ich mache mir große Sorgen um unsere Zukunft.

Es ist etwas Unglaubliches passiert. Als heute der Papa zu den Rembowskis ging, um wegen einer Verlängerung der Hypothek vorzusprechen, sagten sie ihm, dass sie diese Forderung an jemand anderen abgetreten hätten. Der Papa konnte aber den Namen des neuen Gläubigers nicht erfahren, da dieser ausdrücklich zur Bedingung gemacht habe, dass sein Name nicht genannt werde. Niemand kann sich dies erklären. Wer und was steckt dahinter?

Heiko und ich treffen uns jetzt fast täglich im Café Petersen am Markt. Als ich ihm heute Abend davon erzählte, sah er mich sehr amüsiert an und sagte, ich solle mir nur keine Sorgen machen, es werde mit Sicherheit eine gute Lösung für dieses Problem geben. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie wir aus dieser Klemme herauskommen sollen und woher der Deichkater seinen Optimismus nimmt. Er hat sich inzwischen bei der Bäckerei Rembowski sehr rasch hochgearbeitet. Der alte Herr Rembowski hat ihn in der letzten Woche neben seinem Sohn Josef (ich muss mich jetzt immer zusammennehmen, damit ich Josef nicht mehr „Klumpfuß“ nenne, wie früher, in meiner Kindheit) zum gleichberechtigten Geschäftsführer ernannt und ihm eine entsprechende Gehaltsaufbesserung gegeben.

Nach unserem heutigen Treffen begleitete mich Heiko nach Hause. Als wir an der Haustür standen, nahm er mich zärtlich in seine Arme und küsste mich. Danach sah er mir tief in die Augen und fragte mich, ob ich seine Frau werden wolle. Ich empfand ein solch großes Glück, dass ich augenblicklich alle diese Sorgen vergaß. Ja, auch ich möchte so sehr den Deichkater heiraten. Aber jetzt, wo mein Herz noch vor lauter Aufregung bis zum Hals hinauf wild schlägt, überlege ich, wie schwierig doch alles für uns sein wird. Trotz der wiederholten Versuche, die ich bisher unternommen habe, um die Familie umzustimmen, meinen vor allem der Papa und Onkel Johann, dass der Deichkater das schwarze Schaf der Familie ist und bleibt. Als die Mama neulich versuchte, den Papa davon zu überzeugen, dass Heiko sich grundlegend geändert und jetzt eine sehr gute Stellung habe, wo er viel verdiene, brach zwischen den beiden ein großer Streit aus. Der Papa wurde sehr wütend und ging laut schimpfend aus dem Esszimmer. Werden Heiko und ich je seine Einwilligung zu unserer Hochzeit bekommen? So sehr ich mir dies wünsche, kann ich es kaum glauben.

Clarissa schließt dieses Tagebuch und greift zum nächsten Band. Langsam blättert sie darin. Schließlich findet sie die gesuchte Stelle:

Ich glaube, dass mein Leben sich zurzeit wie in einem Roman abspielt. Anders kann ich alles, was heute passiert ist, nicht beschreiben. Heute gab es eine riesige Aufregung in unserem Hause. Es war der Fälligkeitstag der Hypothek. Der Papa war äußerst gereizt und nervös. Niemand wusste, was auf uns zukommen würde. Als die Türklingel läutete, während wir bei der Nachspeise waren, horchten alle auf und richteten automatisch ihre Blicke auf den Papa. Kathrein, unser einziges Hausmädchen, seit das Lenchen vor drei Monaten verstarb, öffnete die Tür und kam mit eigenartig verkniffenem Gesicht ins Esszimmer, um zu melden, dass ein Herr, der seinen Namen nicht genannt haben wolle, um ein persönliches und vertrauliches Gespräch mit Herrn Hans-Peter von Steinberg ersuche.

Der Papa sprang erregt auf, befahl Kathrein, die Tür zwischen Esszimmer und Salon zu schließen und den Herrn in Letzteren zu führen. Danach strich er nervös mit seiner Hand durch die Haare und ging ein paar Schritte auf und ab. Schließlich sah er jeden von uns an, zuckte mit den Schultern und eilte hinüber in den Salon. Wegen der verschlossenen Tür konnten wir den Besucher nicht erspähen.

Schweigend saßen wir alle wie auf Kohlen am Esstisch, bemüht, irgendein Geräusch aus dem Nebenzimmer zu hören. Mit einem Mal konnten wir die laute Stimme des Papas ausmachen, allerdings ohne seine Worte zu verstehen. Danach wurde es wieder ruhig und wir konnten nichts mehr vernehmen, bis plötzlich die Tür aufging und der Papa mit blassem Gesicht hereintrat. Mit einem eigenartigen Blick musterte er zunächst mich, dann die Mama. „Annette und auch Du, Clarissa, kommt bitte herein!“, bat er mit heiserer Stimme.

Liebes Tagebuch, mit welchen Worten soll ich meine Empfindungen niederschreiben? Als ich sah, wer der Besucher war, blieb ich wie angewurzelt stehen und mein ganzes Blut muss augenblicklich in mein Gesicht geschossen sein, denn ich empfand darin eine brennende Hitze! Vor mir stand niemand anderer als Heiko, in einen sehr eleganten, schwarzen Anzug gekleidet, der mich breit lächelnd anstrahlte und mir mit einem Auge zuzwinkerte.

Der Papa legte mir beide Arme auf die Schultern und drehte mich zu sich herüber. Er hob langsam mein auf den Boden gesenktes Gesicht mit einem Finger hoch, bis ich ihm in die Augen sehen musste. Danach sagte er mit bewegter Stimme: „Dieser Herr hier hat behauptet, dass Ihr beide Euch liebt, und er hat auch noch um Deine Hand angehalten. Was hast Du mir dazu zu sagen?“

Ich musste meinen gesamten Mut aufbringen, um dem Papa meine volle Erwiderung von Heikos Gefühlen zu beichten und ihm zu gestehen, dass für mich eine Heirat mit Heiko das größte Glück auf Erden bedeuten würde. Als dann der Papa die Mama ansah und sie um ihre Meinung bat, fing sie an zu weinen, nahm mich in ihre Arme (zum ersten Mal, seit ich denken kann!) und wünschte uns von ganzem Herzen, dass wir miteinander sehr glücklich werden sollten. Dann sah der Papa den Deichkater an und sagte: „Nun gut, in Gottes Namen, mir bleibt sowieso keine andere Wahl! Meinen Segen hast Du, Du Halunke, aber pass mir bloß gut auf meine Clarissa auf. Du bist mir ab heute für sie verantwortlich!“ Dann machte er bewegt kehrt und ging Hand in Hand mit der Mama ins Esszimmer hinüber. Galant reichte mir Heiko seinen Arm und wir folgten ihnen. Trotz der Tränen, die inzwischen reichlich aus meinen Augen flossen, blickte ich mit großer Genugtuung in die erstaunten Gesichter der restlichen Familienmitglieder, als der Papa ihnen eröffnete, dass Heiko und ich uns soeben verlobt hätten! Nur Tante Alexandra, Heikos Oma, weinte, allerdings vor Glück. Aus ihrem Schaukelstuhl hielt sie mir ihre dünnen Arme entgegen, damit ich sie umarme, und sprach mir dann ihren Segen aus. Leider ist sie wegen ihres hohen Alters nicht mehr ganz zurechnungsfähig und spricht oft nur wirres Zeug. Trotzdem, ich weiß von früher, dass sie Heiko sehr liebt und ihm immer die Stange hielt, als die ganze Familie gegen ihn war.

Als nach all diesen aufregenden Ereignissen Heiko und ich endlich allein gelassen wurden und wir uns einen langen, innigen Verlobungskuss gegeben hatten, fragte ich ihn trotz meiner Atemnot, wie er es denn geschafft hätte, den Papa so rasch herumzukriegen. Darauf hat er nur gelacht und gesagt, ich würde es später schon noch erfahren. Das Wichtigste sei doch, dass dieser letztendlich zugestimmt habe. Ich gab ihm recht und fragte nicht weiter.

Wieder blättert Clarissa einige Seiten weiter.

Heute zeigte mir Heiko Onkel Suhls letzten Brief an ihn, den ihm Notar Dr. Looft nach der Testamentseröffnung überreichte. Wahrscheinlich war es auch der einzige Brief, den er je von Onkel Suhl empfangen hat. Durch diesen ist mir alles klar geworden. Ich erfuhr die wahren Gründe, die Onkel Suhl zu seinem Entschluss bewogen haben, sein Haus und Vermögen Heiko zu hinterlassen.

Trotz meines früheren Widerstrebens erkenne auch ich heute leider die Tatsache an, dass die Familie, aber vor allem der Papa und Onkel Johann, nur in den grandiosen Träumen ihrer Vergangenheit schwelgt. Sie sind deswegen absolut unfähig, sich den Tatsachen ihrer hoffnungslosen finanziellen Lage zu stellen. Sie rühren keinen Finger und sind auch nicht bereit zu arbeiten. Sie glauben immer noch, ihnen stünde es einfach zu, dass andere für sie zu sorgen hätten. Auch Onkel Suhl sprach dies voller Bedauern sehr deutlich in seinem Brief aus und begründete damit seine Entscheidung zugunsten Heikos.

Da er selbst keine Familie und somit auch keine Nachkommen hatte, machten sich die Mitglieder unserer Familie ziemliche Hoffnungen, ihn nach seinem Tode zu beerben. Da aber Onkel Suhl sehr klar voraussehen konnte, dass das Erbe früher oder später den gleichen Weg wie das bereits zerronnene Habe der von Steinbergs gehen würde, ersann der listige Alte einen Umweg, um uns wenigstens in einen Teilgenuss seines Besitzes kommen zu lassen, ohne dass der Familie ein direkter Zugriff auf dessen Substanz ermöglicht werde.

Der an Heiko gerichtete Brief enthielt neben allgemeinen Ratschlägen für die Anlage der Güter einige Bitten. Die vordringlichste war, er möge die Hypothek auf das Herrenhaus ablösen, um dessen Verlust abzuwenden, da sonst die gesamte Familie von Steinberg auf der Straße stünde.

Als ich Heiko fragte, ob er derjenige gewesen sei, der den Rembowskis die Hypothek abgekauft hätte, bejahte er mit einem frechen Grinsen. Auch ich musste darüber lachen, konnte ich mir doch jetzt Papas Entsetzen vorstellen, als er es an jenem Tage erfuhr, als Heiko uns besuchte und um meine Hand anhielt. Lächelnd sagte ich zum Deichkater: „Du mieser Schuft, so hast Du also den Papa um die Herausgabe der Tochter erpresst, nicht wahr?“ Heiko umarmte mich laut lachend und erwiderte, ich solle ihm dies nicht allzu sehr übel nehmen, es sei doch nur eine winzig kleine, süße Rache gewesen für all jene Erniedrigungen und Bosheiten, die er in seiner Kindheit und auch noch später von dem Papa und dem Rest der Familie über sich hätte ergehen lassen müssen. Zudem könne nunmehr die Familie von Steinberg auch weiterhin im Herrenhaus frei wohnen. Hätte er dies nicht getan, wäre unser Heim mit Sicherheit für immer verloren gegangen. Gern und auch mit tiefem Dank gab ich dem Deichkater hierfür recht.

Des Weiteren empfahl Onkel Suhl in seinem Brief, dass Heiko in seinem Haus wohnen und es in seinem Besitz erhalten möge. Ich musste sehr stutzen, als ich den Satz las: „Du wirst sicherlich bald ein Heim benötigen, um jemanden (den wir beide sehr gut kennen und der uns teuer ist) dorthin zu führen. Ich spreche Euch beiden meinen innigsten Segen aus.“ Hatte etwa Onkel Suhl bereits alles geahnt, bevor wir uns selbst darüber im Klaren waren? Seltsam! Als ich Heiko darauf ansprach, nickte er nur. Danach sagte er mir, er wolle das Haus umbauen und modernisieren lassen. Sein letzter Satz gefiel mir am besten: „Sobald alles fertig ist, heiraten wir!“

Besonders schmunzeln musste ich über eine weitere, eindringliche Bitte, die Onkel Suhl an Heiko gerichtet hatte:

Sollte dieser nämlich irgendwelche „Besonderheiten“ an seinem Teleskop oder an anderen Gegenständen der Hinterlassenschaft entdecken, möge er diese Entdeckungen unbedingt für sich behalten und niemandem verraten. Natürlich konnte Onkel Suhl nicht ahnen, dass Heiko und ich bereits kurz nach seinem Tode im Arbeitszimmer herumstöbern würden. Dabei hatten wir sein falsches Teleskop mit den von ihm speziell präparierten Abbildungen von Mond, Sonne und Sternen entlarvt. Damit hatte er uns schon als Kinder genauso hereingelegt, wie er die Bürger von Oldenmoor hinters Licht führte. Er hatte sich dadurch einen Ruf als bedeutender Astronom und Gelehrter geschaffen und wollte nun (auch nach seinem Tode) nicht bloßgestellt werden.

Nur Heiko hatte damals instinktiv den Alten durchschaut. In seinem Abschiedsbrief zollte daher Onkel Suhl Heiko seinen Respekt und Dank dafür, dass dieser es zwar gewusst, aber nie darüber gesprochen habe. Armer Onkel Suhl! Du brauchst Dich nicht zu fürchten. Weder der Deichkater noch ich werden davon jemals ein Sterbenswörtchen verraten. Dieses Geheimnis bleibt zwischen uns dreien!

Ein Lächeln auf Clarissas Lippen verrät, dass sie auch heute noch über die Schelmereien Onkel Suhls amüsiert ist. In der Stadt hält man ihn immer noch in ehrenvollem Andenken. Der Papa hat vor Kurzem bemerkt, dass es sehr schade sei, dass es unter der heutigen Jugend Oldenmoors anscheinend keinen würdigen Nachfolger mit dem Wissen und der Weisheit Onkel Suhls gäbe.

Elf dumpfe Schläge der Standuhr im Wohnzimmer bringen Clarissa abrupt in die Gegenwart zurück. Sie steht auf, legt die Tagebücher in das sichere Versteck und eilt in die Küche, um für das Mittagessen zu sorgen.

3. Crescendo1

„Heil Hitler!“

Der mittelgroße, schlanke Mann mit blassem Gesicht und traurigem Ausdruck in den braunen Augen fährt mit einer knochigen Hand durch das schüttere Haar. Von seinem Schreibtisch aus blickt er mit Sorge und verunsichert auf die hünenhafte, in der braunen Parteiuniform gekleidete Gestalt, die sich am Türrahmen seines Arbeitszimmers zeigt und deren rechter Arm stramm in die Höhe ragt.

Mit der schwachen Andeutung eines „deutschen Gegengrußes“ und ein hastig heruntergemurmeltes „...tler!“ steht er rasch auf und geht auf den Besucher zu. „Treten Sie doch näher, Herr Ortsgruppenleiter. Was verschafft mir die Ehre?“

„Na ja, Herr Dr. Struwe, da ist etwas von besonderer Wichtigkeit, über das ich meine, mit Ihnen sprechen zu müssen.“

Dr. Struwe schluckt. Er ist nach dieser Eröffnung nicht gerade beruhigt. Unsicher blickt er in das großflächige Gesicht mit der hohen Stirn und den eiskalten, glasig blauen Augen, die ihn durch die runden Gläser, die von einer sehr dünnen, schwarzen Brillenfassung gehalten werden, höhnisch ansehen.

„Ist es etwas Privates oder bin ich in meiner Eigenschaft als Amtsrichter gefragt?“

„Nun, lieber Struwe, kein Grund zur Besorgnis“, versichert ihm der Besucher mit einem schwach angedeuteten Lächeln. „Gewissermaßen trifft wohl beides zu. Können wir uns nicht setzen?“

„Aber selbstverständlich, Herr Straßner. Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen nicht schon gleich einen Stuhl angeboten habe. Ich ...“

„Aber warum denn so förmlich, lieber Struwe. Wir sind doch Freunde und Parteigenossen. Nun machen Sie sich bloß keine Sorgen, ich meine wegen meines unangemeldeten Erscheinens. Ich wollte nur mit Ihnen einige Gedanken austauschen, das ist alles.“

Die beiden Männer sind hinüber zum Schreibtisch gegangen und sitzen sich jetzt gegenüber.

„Nun gut. Worum handelt es sich?“

„Sie müssen mich über einige Einzelheiten aufklären, mein lieber Struwe, bevor ich Ihnen alles erzähle. Sie kennen doch – oder besser, so habe ich mir sagen lassen, Sie kannten – eine gewisse Frau Clarissa Keller, damals ein Fräulein von Steinberg, nicht wahr?“

Das blasse Gesicht des Amtsrichters wird noch blasser. Seine Haut wirkt fast durchsichtig und es bilden sich Schweißperlen an seinem Haaransatz.

„Ja, Herr Straßner, gewissermaßen stimmt es. Aber was ...?“ „Nur Geduld, mein Lieber, haben Sie doch noch etwas Geduld. Wie gut kannten Sie diese Dame?“

Willibald Struwe schluckt abermals. Gute Frage. Wie gut kannte er Clarissa von Steinberg wirklich? Er war in dieses bildhübsche junge Mädchen sehr verliebt gewesen. Er hatte Clarissa den Hof gemacht, hatte mit allen Mitteln versucht, ihr seine Liebe zu erklären. Aber nie war er so richtig an sie herangekommen. Immer wieder war in ihm das Gefühl aufgekommen, dass sie ihn nicht für voll nahm und sich sogar über ihn lustig machte. Sicher, sie hatten bei den Tanzvergnügen im Colosseum öfter miteinander getanzt und sich angeregt unterhalten. Einmal, daran kann er sich noch genau erinnern, hatte er bei einer dieser Gelegenheiten sogar das sichere Gefühl verspürt, dass er nun endlich fast am Ziel seiner Wünsche angelangt sei. Und kurz darauf, als er erfuhr, dass Clarissa und ihr ungehobelter Vetter sich verlobt hatten, traf ihn diese Nachricht, als ob man ihm mit einem riesigen Holzprügel auf den Schädel geschlagen hätte. Wie konnte sich nur seine edle Clarissa in diesen wilden und unkultivierten Mann verliebt haben? Wie war es möglich, dass sie diesem Nichts von Heiko ihm, dem Amtsrichter von Oldenmoor, vorgezogen hatte? Ihre Entscheidung war ihm völlig unerklärlich. Er hatte sogar versucht, sich mit ihr zu treffen, um eine Begründung für ihr Verhalten zu erbitten. Einmal hatte er sie am Markt gesehen, als sie im Begriff war, das Café Petersen zu betreten. Er folgte ihr, schlich sich aber eilends davon, als er sah, dass sie sich an den Tisch zu Heiko Keller setzte. Da gab er endlich auf. Er wurde sogar krank und ließ sich für einige Wochen vom Dienst beurlauben. Er hatte diesen Verlust und die Verletzung seiner Gefühle bis zum heutigen Tage nicht überwinden können. So manches Mal befielen ihn wilde Träume, in denen er seinen Nebenbuhler im wütenden Kampf besiegte und die untreue Geliebte aus seinen Fängen befreite.

Die kalte Stimme des Ortsgruppenleiters holt Dr. Struwe in die Gegenwart zurück: „Ich hatte Sie gefragt, wie gut Sie diese Dame kannten!“

„Nun ja ... Ich habe ihr vor einigen Jahren den Hof gemacht und sie gelegentlich getroffen. Wir tanzten, unterhielten uns ... Eben wie das so ist, wenn man einer jungen Dame den Hof macht.“

„Aber, um es klar und deutlich zu sagen, sie hat Ihnen einen Korb gegeben und diesen Keller, Heiko Keller, geheiratet, nicht wahr?“

Durch die brutale Offenbarung dieser Wahrheit gedemütigt, blickt Dr. Struwe betroffen auf den großen Tintenfleck auf seiner Schreibunterlage. Er bleibt stumm und nickt.

„Dieser Keller ist doch ein Vetter von ihr, oder?“

„Tja, ein Großvetter. Soweit ich mich erinnere, war seine Mutter eine Cousine von Clarissas Vater, Hans-Peter von Steinberg.“

„Und Kellers Vater? Wissen Sie irgendetwas über dessen Vater?“

„Ich habe einmal munkeln gehört, dass er ein Bohemien war, so ein dahergelaufener Kunstmaler. Ich glaube kaum, dass es bekannt sein dürfte, woher er kam. Er hat damals jenes Fräulein von Aulendorf gegen den Willen der Familie geheiratet.“

„Elisabeth, wenn ich richtig informiert bin?“

„Ihr Name war mir nicht geläufig, sie kann durchaus Elisabeth geheißen haben. Nun gut, er heiratete sie und nach einiger Zeit zogen sie fort aus Oldenmoor, ich glaube nach Kiel. Später erzählte man sich, dass Frau Kellers Mutter sie und ihren Sohn zurück nach Oldenmoor holte, als der Maler seine Familie verlassen hatte. Nach einigen Jahren nahm sich ... ach ja, Elisabeth ... Elisabeth nahm sich das Leben. Der Junge wuchs bei den von Steinbergs auf.“

„Ja, ja, so ähnlich habe ich diese Geschichte auch schon gehört. Aber mich interessiert vor allem der Vater dieses Heiko Keller. Wissen Sie, was aus ihm geworden ist?“

Dr. Struwe denkt angestrengt nach. „Nein. Aber man könnte ja mal in seinen Heiratsakten nachsehen, woher er stammt, vielleicht würde das helfen.“

„Ich wäre Ihnen sehr verbunden, das ist keine schlechte Idee.“

„Darf ich fragen, warum Sie sich so sehr für diesen Mann interessieren?“

„Also gut. Ich hatte Ihnen ja versprochen, diese Angelegenheit zu erläutern. Sie kennen doch die Großbäckerei dieses widerlichen Polacken Rembowski. Heiko Keller ist dort anscheinend leitender Angestellter oder sogar Geschäftsführer.“

Dr. Struwe stimmt nickend zu.

„Die neuen Gesetze, die der Führer zum Schutze des deutschen Volkes erlassen hat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu erläutern. Sie sind sicher mit mir einer Meinung, dass demzufolge ein für Oldenmoor so wichtiges Unternehmen wie diese Bäckerei unmittelbar in reine, deutsche Hände zu überführen ist und nicht weiter von einem dieser Untermenschen geführt werden darf. Da die Bäckerei andererseits voll funktionsfähig gehalten werden muss – das Stopfen vieler Münder hängt davon ab –, dachte ich daran, das Ganze in die Hände dieses Heiko Keller zu legen, der ein recht tüchtiges Bürschlein zu sein scheint. Jedoch ...“

Dr. Struwe fühlt in seinem Inneren das Aufkommen einer heimlichen Schadenfreude. „Ach so, Herr Ortsgruppenleiter, ich glaube zu verstehen. Sie hegen ernsthafte Zweifel an der rein arischen Herkunft dieses Heiko Keller?“

„Wohl, wohl, lieber Struwe. Auch das. Außerdem fällt unangenehm auf, dass er bisher nicht in die Partei eingetreten ist, obwohl ich ihn persönlich mehrmals dazu aufgefordert habe. Eine derart wichtige Funktion könnte selbstverständlich nur einer vollends vertrauenswürdigen Person übertragen werden.“

„Gut, Herr Ortsgruppenleiter. Ich werde meine Nachforschungen anstellen und Ihnen alsbald berichten.“

Nach erneutem Austausch der üblichen Grußformeln trennen sich die beiden Männer.

Als der Besucher fort ist, eilt Dr. Willibald Struwe mit beschwingtem Gang an ein Wandschränkchen und entnimmt ihm einen größeren Schlüssel. Mit diesem in der Hand geht er hämisch grinsend in Richtung Aktenkeller.

* * *

Silke kniet vor dem großen Regal in Heikos Arbeitszimmer und staubt die zahlreichen Bücher ab. Sie entnimmt jeweils einen Band und stellt ihn nach der Reinigung sorgfältig an seinen Platz zurück, bevor sie den nächsten reinigt. Ab und zu öffnet sie das eine oder andere Buch, blättert darin und legt es kopfschüttelnd zurück. Die verschiedenen Werke Tucholskys, Erich Mühsams, Remarques, Kellermanns und vor allem „Das Kapital“ von Karl Marx entgehen neben den zahlreichen Büchern in verschiedenen Fremdsprachen nicht ihrer Aufmerksamkeit.

Als das Hausmädchen seine Arbeit nach eineinhalb Stunden beendet hat, bleibt es für einige Augenblicke unentschlossen vor dem Regal stehen. Es geht an den Schreibtisch, entnimmt ein Blatt Papier aus einer Schreibmappe und einen Bleistift aus einem runden Topf. Danach geht Silke an das Regal zurück und beginnt jene Bücher aufzulisten, die ihr besonders aufgefallen sind.

Sie ist derart in ihre Arbeit vertieft, dass sie nicht bemerkt, wie sich hinter ihr die Tür öffnet und Clarissa im Türrahmen erscheint. Clarissa verharrt wie versteinert, als sie diese Szene wahrnimmt. Nach einigen Sekunden schließt sie sehr behutsam und leise die Tür. Sie ist unbemerkt geblieben.

Nachdem Silke die Auflistung vervollständigt hat, faltet sie das beschriebene Blatt Papier sorgfältig zusammen und versteckt es unter dem Kittel in ihrer Bluse. Sie legt den Bleistift an seinen Platz zurück und verlässt eilig das Arbeitszimmer.

* * *

„Ich mache mir große Sorgen, Annette.“

Während er diese Worte zu seiner Frau spricht, geht Hans-Peter von Steinberg im Esszimmer des Herrenhauses unruhig auf und ab, die Hände auf dem Rücken gefaltet. Der gut gekleidete, grau melierte Mittfünfziger mit den buschigen Augenbrauen macht ein sorgenvolles Gesicht.

„Weshalb, Hans-Peter? Was hast du?“

„Man hat heute in aller Herrgottsfrühe Friedrich Winkler, den Redakteur des Couriers, verhaftet.“

„Wieso, Hans-Peter, was hat er denn verbrochen?“

„Man weiß nichts Genaues. Alles nur Mutmaßungen. Ich habe es heute Vormittag von Detlef Bartels, dem Referendar in der Anwaltskanzlei von Dr. Looft, erfahren. Winklers Frau rief gegen neun Uhr sehr aufgeregt in der Kanzlei an. Zwei Männer der Geheimen Staatspolizei seien extra aus Berlin eingetroffen und hätten ihren Mann um sechs Uhr morgens geradewegs aus dem Bett verhaftet und mit unbekanntem Ziel mitgenommen. Bartels rief daraufhin Dr. Looft zu Hause an. Dieser machte sich sofort auf den Weg zu Frau Winkler, um Näheres zu erfahren. Viel soll dabei nicht herausgekommen sein. Nur dass man seine Papiere durchwühlt und verschiedene Bücher aus seiner Bibliothek konfisziert habe – mit der Bemerkung, es handele sich bei diesen um staatsfeindliche Werke. Als Winkler von den beiden Männern Aufklärung über den Grund seiner Verhaftung erbat, schlugen sie ihn brutal zusammen. Der eine brüllte: ‚Das wirst du noch früh genug erfahren, du verräterische Sau!‘ Und der Frau riet man, unbedingt zu schweigen, wenn ihr daran gelegen sei, ihren Mann wiederzusehen. Was sind das bloß für Zeiten, mein Gott!“

„Und was ist danach geschehen?“, murmelt Frau Annette sehr leise, ergriffen von der Schilderung ihres Gatten. Sie ist eine gutmütig anmutende, vollschlanke Frauengestalt und mit jener klassischen Schönheit gesegnet, der das wahre Alter kaum anzusehen ist.

Hans-Peter setzt sich in den Sessel am großen Eichentisch und erzählt: „Dr. Looft rief bei der hiesigen Polizei an. Zunächst tat man so, als ob man von der ganzen Angelegenheit nichts wisse. Als er später mit einem der Polizisten unter vier Augen sprach, gab dieser zu, etwas gehört zu haben – ganz inoffiziell, versteht sich. Ortsgruppenleiter Straßner hatte sich an einem Kommentar Winklers zu den Rassengesetzen im Courier gestoßen und sich daraufhin schriftlich an das Reichspropagandaministerium gerichtet, um bei Dr. Goebbels persönlich Beschwerde gegen Winkler einzulegen. Wahrscheinlich haben sie ihn deswegen abgeholt. Der Courier musste vorübergehend sein Erscheinen einstellen.“

Hans-Peter macht eine Pause. Er sieht seine Frau mit feuchten Augen an.

„Annette, ich beginne zu ahnen, dass ich – nein, wir alle – einen schwerwiegenden Denkfehler begangen habe, für den wir noch bitter bezahlen werden. Ich gebe zu, ich habe damals den Tag herbeigesehnt, an dem hier jemand an die Regierung kommt, der endlich wieder einmal für Recht und Ordnung sorgt, der jenem widerlichen und sinnlosen politischen Hin-und-her-Gerangel der Weimarer Republik ein Ende setzt. Ja, ich gebe auch zu, dass ich damals in Adolf Hitler jenen Mann sah, der dies schaffen könnte, und dass ich deswegen bei jeder Wahl meine Stimme für ihn abgegeben habe.“

Nach einer kurzen Denkpause fährt Hans-Peter fort: „Ich erinnere mich an die wütende Diskussion, die Heiko und ich am Tage der Machtergreifung führten, weil er mein Handeln wahnsinnig und verantwortungslos nannte. Heute muss ich kleinlaut zugeben, dass Heiko wahrscheinlich recht hatte. Er hat damals so ziemlich genau das vorausgesagt, was wir alle heute erdulden müssen: die totale und gnadenlose Unterwerfung eines jeden Menschen. Der Preis, der uns für solch eine Friedhofsordnung und für dieses Unrecht einmal in Rechnung gestellt werden wird, wird ungeheuerlich sein. Und das Schlimmste ist – und auch da muss ich Heiko heute recht geben –, dass kaum jemand gemerkt hat, wie ahnungslos das deutsche Volk in sein düsteres Schicksal hineingeschlittert ist. Da stehen sie bei jeder Gelegenheit und jubeln fanatisch jenen zu, die sie ins Verderben führen. Am Anfang habe auch ich mitgejubelt. Heute ist mir das Jubeln gründlich vergangen und mir wird jedes Mal schlecht, wenn diese Massenhysterie ausbricht. Die Wenigen, die noch klar denken und die bittere Wahrheit durchschauen und noch dazu den Mut aufbringen, laut zu warnen, werden als Volksschädlinge erbarmungslos beseitigt. Nach der damaligen Auseinandersetzung mit Heiko habe ich mir die Mühe gemacht, Hitlers ‚Mein Kampf‘ sehr aufmerksam zu lesen. Wenn der das alles in die Tat umsetzt, was er sich vorgenommen und darin niedergeschrieben hat, dann gnade uns Gott!“

„Konnte denn Dr. Looft nichts ausrichten?“, fragt Frau Annette ihren Mann.

„Detlef Bartels sagte mir, er habe gehört, wie Dr. Looft zunächst mit der Reichsanwaltskammer in Berlin telefoniert habe, um sich beraten zu lassen. Annette, begreif doch, hier hat jeder Angst, es herrscht der reinste Terror! Wenn irgendjemand etwas Falsches tut oder sagt, blüht ihm das Gleiche. Auch wir müssen jetzt verdammt vorsichtig sein!“

Pause.

„Nein. Kurzum: Dr. Looft kann für Friedrich Winkler so gut wie nichts tun. Es heißt, er befände sich in Schutzhaft. Die deutsche Volksgemeinschaft sei vor diesen Volksschädlingen zu schützen. Dies hat man ihm klipp und klar aus Berlin mitgeteilt. Ein solcher Fall bewege sich zunächst ‚außerhalb des Rechtsweges‘. Erst wenn Anklage erhoben werden sollte, hätte der Angeklagte ein Recht auf Verteidigung. Davor stünde ihm keinerlei Rechtsbeistand zu.“

„Und was wird jetzt aus der armen Frau Winkler? Können wir ihr nicht irgendwie helfen?“

„Um Gottes willen, Weib, halt an dich! Habe ich nicht soeben gesagt, dass wir von nun an sehr vorsichtig sein müssen?“

„Aber Hans-Peter, mach dich doch nicht lächerlich! Es wird wohl noch erlaubt sein, einer alleinstehenden Frau behilflich zu sein!“

„Du verkennst die Lage, meine Liebe. Nicht wenn diese Frau die Ehefrau eines Mannes ist, der unter schwerstem Verdacht steht, ein schlimmes Vergehen gegen diesen Staat begangen zu haben.“

Hilflos stützt Hans-Peter seinen Kopf mit beiden Händen. „Du hast recht, Annette. Sieh dir nur an, auch ich bin schon in Schweiß gebadet, nur bei dem bloßen Gedanken, dieser armen Frau beistehen zu wollen. Aber wir müssen äußerst vorsichtig sein, es hat wirklich keinen Sinn, sich unnötig in Gefahr zu bringen.“

Frau Annette nickt zustimmend.

„Wir müssen unbedingt mit Clarissa sprechen. Sie muss ernsthaft mit Heiko reden. Dieser Trotzkopf wird sich mit seinen offenen Meinungsäußerungen noch fürchterlich den Schnabel verbrennen. Wenn er schon nicht an sich denkt, so muss er es wenigstens für seine Frau und seine Kinder tun.“

„Ja, Annette, stimmt. Ich hatte auch schon daran gedacht. Und ich tue es noch heute, ohne Aufschub. Morgen könnte es schon zu spät sein. Wie bei diesem bedauernswerten Friedrich Winkler.“

* * *

Die beiden jungen Frauen gehen schweigend nebeneinander her. Die eine ist ganz in Schwarz gekleidet und trägt einen großen Asternstrauß in der Hand. Die Begleiterin, deren Gesicht der schwarz gekleideten Frau zum Verwechseln ähnlich sieht, trägt ebenfalls dunkle Kleidung. Am Friedhof angelangt, öffnet diese das eiserne Tor, über dessen Bogen die Inschrift ‚Ehre den Helden des Vaterlandes‘ ins Auge fällt, und lässt der Schwester den Vortritt.

„Geh du voraus, Gesche.“

Die beiden Frauen gehen wortlos an den zahlreichen Gräbern vorüber, bis sie an ihrem Ziel angelangt sind: das durch eine grüne Hecke eingefriedete Familiengrab der Carstens. Dort befindet sich ein mächtiger, geschliffener, schwarzer Marmorstein, auf dem zu lesen ist:

Siegfried Thode

* 30. Januar 1908

† 11. September 1932

Gesche Thode legt den mitgebrachten Blumenstrauß auf die schwarze Grabplatte. Tränen überströmen das rundliche Gesicht mit den geröteten Wangen und der kleinen, knolligen Nase.

Zwillingsschwester Gesine nimmt sie liebevoll in ihre Arme und versucht sie zu trösten, indem sie ihr zärtlich über das Haar streicht.

„Wwwwwarum mmmmussste denn ausggggerechnet Ssssiegfried stststerben?“, stottert Gesche mit verzweifelter Stimme. „Er wwwar sssso gut zzzu mmmmmir, ich ffffinde dddoch nnnnnie wwwwieder s... sss...“

„Beruhige dich doch, Gesche. Ganz ruhig, meine Liebe, ganz ruhig.“ Während Gesine versucht, ihre Schwester zu trösten, laufen vor ihren Augen die Ereignisse aus dem Jahre 1932 wie ein Film ab.

Gesche Carstens und Siegfried Thode hatten sich 1930 während eines Sommerurlaubs in Saßnitz auf der Insel Rügen kennengelernt. Siegfried stammte von einem Bauernhof in Dithmarschen und war der jüngste Sohn der Familie Thode. Da Gesches früh verwitwete Mutter, die Witwe Carstens, in der Nähe Oldenmoors ein großes Gut, den Uhlenhof, besaß und zudem keine männliche Nachkommenschaft hatte, war die Familie über diese Freundschaft und die daraus entstandene Verlobung hocherfreut. Gesche und Siegfried heirateten kurz nach der Bekanntgabe der Verlobung von Heiko und Clarissa – Gesches und Gesines enge Freunde aus der Kindheit. Clarissa und Rollo, der ebenfalls einer der Spielgefährten und damals schon Gefreiter des Heeres gewesen war, waren die Trauzeugen. Drei Tage lang feierten über zweihundert Gäste und Familienangehörige auf dem Uhlenhof die Vermählung des Paares, das nach der Trauung nach Saßnitz in die Flitterwochen fuhr.

Einige Monate nach der Hochzeit ließ sich Siegfried von Knut Eggers, dem Gutsherrn des benachbarten Holstenhofes, dazu überreden, in die SA einzutreten. Dies hatte eine merkliche Abkühlung der Freundschaft zu Heiko und Clarissa zur Folge, sodass man sich danach aus dem Wege ging. Siegfried engagierte sich zunehmend in der SA und nahm oft an deren Versammlungen teil sowie an den kämpferischen Einsätzen und Auseinandersetzung vor allem mit KPD- und SPD-Anhängern. So geschah es, dass Siegfried bei einem Anschlag auf ein Versammlungslokal der KPD in Brunsbüttel im September 1932 durch das unvorsichtige Hantieren eines seiner SA-Kameraden mit Sprengstoff ums Leben kam.

Gesche war damals im vierten Monat schwanger und der grausame Tod ihres Mannes verursachte eine schwerwiegende Fehlgeburt, an deren Folgen sie beinahe selbst gestorben wäre. Sie erholte sich nur sehr langsam und lebt seit damals zurückgezogen auf dem Uhlenhof. Lediglich ihre Schwester, Gesine, bekommt man gelegentlich in Oldenmoor zu Gesicht.

Von der Wärme und dem Streicheln ihrer Schwester etwas beruhigt, hört Gesche auf zu weinen und trocknet ihre Tränen mit einem Taschentuch. Lächelnd nickt Gesine ihr zu. Die Zwillingsschwestern haken sich ein und gehen gemächlich durch das Friedhofsportal.

Plötzlich bleibt Gesche stehen und sagt zu Gesine: „Wwwwweißt du, an wwwwwwaaaas ich dddenke?“

„Nein, Gesche, an was denn?“

„Wwwas mmeinst du, wwwwennn wir Cl...?“

„Du meinst, wir sollten Clarissa besuchen? Meinst du wirklich? Hast du dir das auch gut überlegt?“

Gesche nickt heftig mit dem Kopf.

„Gut, wenn du es willst. Ich bin mir nicht sicher, ob sie uns nach alledem mit Freude empfängt. Du weißt ja ...“

„Gggggehen wwwir gleich, ja?“ Gesche wirkt ungeduldig.

„Also einverstanden! Du magst recht haben. Es sind ja inzwischen einige Jahre vergangen!“

Mit neu gewonnener Freude machen sich die Zwillingsschwestern auf den Weg in Richtung „Onkel Suhls Haus“.

4. Lieber Besuch

Clarissa sitzt mit dem kleinen Oliver auf dem Boden und hilft ihm beim Bau einer Burg, die aus hölzernen Bauklötzen entstehen soll. Mit diebischem Lachen und lautem Freudengeschrei bringt Oliver von Zeit zu Zeit eine Wand zum Einsturz, indem er sehr geschickt einen Baustein mit dem kleinen Zeigefinger aus ihr herausdrückt.

Clarissa schüttelt dabei mit gespieltem Bedauern den Kopf, was die Belustigung und die Freudenausrufe des Buben noch steigert. Ab und zu steht Clarissa auf und geht in das Nebenzimmer, um nach der kleinen Elisabeth zu sehen, die sanft in ihrer Wiege schläft.

Das sich stets wiederholende Spiel mit ihrem Sohn vermag jedoch nicht, die ernsthaften Sorgen aus Clarissas Gedanken zu vertreiben. Ununterbrochen muss sie an das vor dem Bücherregal in Heikos Arbeitszimmer kniende Hausmädchen denken – und an die auf dem Boden liegende Bücherliste. Was hat das zu bedeuten? Werden sie bespitzelt? Weshalb? Von wem?

Wie oft hat sie Heiko schon gewarnt, er solle sich endlich dieser politischen Bücher entledigen. Wie kann man nur verhindern, dass diese Liste außer Haus gelangt? Wenn bloß Heiko rasch nach Hause kommt, denkt sie, damit wir beraten können, was nun zu tun ist!

In diesem Moment läutet die elektrische Klingel an der Haustür. Rasch erhebt sich Clarissa, sagt ihrem Sohn ein eiliges „Spiel nur weiter, Oliver, Mami kommt gleich wieder!“ und läuft geschwind die Treppe hinunter, um noch vor dem Hausmädchen an der Tür zu sein.

„Lassen Sie nur, Silke, ich gehe schon!“, ruft sie dem verwunderten Mädchen im Vorbeigehen zu, das sich, von der Waschküche kommend und seine Hände in der Schürze trocknend, gerade auf den Weg zur Haustür begeben wollte, um den Besuch hereinzulassen.

Mit großer Erleichterung erkennt Clarissa auf den matten Glasscheiben die Umrisse einer vertrauten Männergestalt. Ungeduldig öffnete sie die Haustür. „Oh, Papa!“, ruft Clarissa freudig und fällt mit Tränen in den Augen ihrem Vater in die offenen Arme. „Wie schön, dass du gerade jetzt gekommen bist!“

Äußerst überrascht von der Heftigkeit dieser Begrüßung umarmt Hans-Peter von Steinberg liebevoll seine Tochter.

„Komm doch herein, lass uns ins Wohnzimmer gehen. Trinkst du mit mir eine Tasse Tee?“ Sie hilft ihrem Vater aus dem Mantel und weist, ohne auf seine Antwort zu warten, Silke an: „Sie sind doch sicher bald fertig mit dem Waschen, Silke. Bitte bereiten Sie danach den Tee und servieren Sie ihn im Wohnzimmer.“

„Guten Tag, Herr von Steinberg. – Ich gehe sofort in die Küche, Frau Keller, und setze das Wasser für den Tee auf.“ „Guten Tag, Silke.“

Vater und Tochter gehen Arm in Arm durch die Diele in das Wohnzimmer.

„Wie geht es dir, mein Kind?“, fragt Hans-Peter mit besorgter Stimme. „Du hast doch etwas. Was ist los?“

Im Gehen nähert Clarissa ihr Gesicht dem ihres Vaters, lehnt sich an seine Schulter und flüstert ihm leise ins Ohr: „Nicht jetzt, Papa, nachher!“

Während es sich Hans-Peter in einem der großen Sessel gemütlich macht, setzt sich Clarissa auf das Sofa. Mit einem Mal spürt sie die Kälte im Raum. Sie steht auf und geht an den Kamin. „Es ist kühl hier. Ich zünde uns ein paar Holzscheite an.“ Sie entnimmt drei kleine weiße Alkoholpastillen aus einer Blechschachtel und legt sie unter das im Kamin gestapelte Holz. Von einem brennenden Streichholz springt rasch die Flamme auf die Pastillen über. Bald fängt auch das trockene Holz an zu brennen und rasch verbreitet sich wohlige Wärme im Wohnzimmer.

Um den Papa zu beruhigen, dem eine große Unruhe ins Gesicht geschrieben steht, macht Clarissa beschwichtigende Gesten, während sie die Zeit mit belangloser Konversation vertreibt.

Nachdem Silke mit dem Tablett hereingekommen ist und den Tee serviert hat, bittet Clarissa sie, nach oben zu gehen und auf die Kinder aufzupassen. Nach einigen Augenblicken schleicht sie sich vorsichtig hinaus, um sich zu vergewissern, dass die Deern tatsächlich in das obere Stockwerk gegangen ist. Als sie wieder ins Wohnzimmer zurückkehrt, setzt sie sich auf die Sessellehne neben ihren Papa. Sehr leise erzählt sie ihm, wie sie Silke bei der heimlichen Auflistung der Bücher beobachtet habe.

Tiefe Sorgenfalten durchziehen Hans-Peters Stirn beim Zuhören. „Ach, mein Kind, gerade deswegen wollte ich heute mit euch sprechen.“ Und er erzählt Clarissa ausführlich von dem, was an diesem Morgen Friedrich Winkler widerfahren ist, und auch von seinem darauf folgenden Gespräch mit Clarissas Mutter.

Clarissa ist entsetzt. „Papa, das ist ja schrecklich! Was sollen wir nur tun? Ich weiß einfach nicht weiter. Ich habe solche Angst um Heiko. Er ist sowieso schon sehr wütend über dieses verwünschte Reichsbürgergesetz. Wie soll er nur die Herkunft seines Vaters nachweisen? Und jetzt werden wir auch noch im eigenen Haus bespitzelt. Was soll bloß aus uns werden?“

„Nun beruhige dich erst einmal, mein Kind. Nur keine Panik. Mit Angst im Herzen kann das Gehirn nicht kühl denken.“ Aber in seinem Inneren muss sich auch Hans-Peter eingestehen, dass er vollkommen ratlos ist.

In diesem Moment klingelt es wieder an der Haustür. Clarissa blickt verdutzt auf die Standuhr. Wie auf Befehl schlägt diese halb vier. Wer kann das sein? Um diese Zeit?

Clarissa springt auf und eilt an die Haustür. Die zwei weiblichen Umrisse auf den Glasscheiben sind ihr nicht geläufig. Oder doch?

Als sich die Tür öffnet, sehen sich die drei Frauen für einen Augenblick erstaunt und zunächst wortlos an. Dann fallen sie sich in die Arme.

„Gesche und Gesine. Welche Überraschung! Wie schön, euch nach so langer Zeit wiederzusehen! Kommt herein, kommt herein, der Papa ist auch gerade da.“

Während die beiden Besucherinnen ihre Mäntel ablegen, blickt Clarissa die Treppe hoch und sieht die oben stehende Silke, die gerade die kleine Elisabeth im Arm hält.

„Silke, bringen Sie bitte die Kinder herunter und machen Sie doch für meine beiden Freundinnen noch etwas Tee! – Kommt herein, ihr Lieben, kommt herein!“

Gesine und Gesche folgen Clarissa und sehen sich anerkennend im Hause um. Auch sie haben in ihrer Kindheit zusammen mit Heiko und Clarissa Onkel Suhl hier besucht und mit seinem sagenumwobenen Teleskop den Mond beobachten dürfen. Sie sind von den baulichen Veränderungen sehr angetan.

Im Wohnzimmer erhebt sich Hans-Peter und begrüßt herzlich die Sandkastenkameradinnen seiner Tochter, wie er sie scherzhaft nennt. „Wie schön, euch nach so langer Zeit wieder zu Gesicht zu bekommen, Gesche und Gesine. Wie geht es denn eurer lieben Frau Mutter?“

„Danke, Herr von Steinberg“, antwortet Gesine, „leider nicht so gut. Sie leidet sehr unter ihrem Rheuma und kann sich kaum noch bewegen.“

„Ja, ja, wir werden eben alle nicht jünger. Das Alter verlangt uns seinen Zoll ab.“

Hans-Peter denkt eine Weile nach, während sich die drei jungen Frauen angeregt unterhalten, um sich gegenseitig auf den derzeitigen Stand zu bringen. Dann sagt er, mitten hinein in eine Redepause: „Ich glaube mich erinnern zu können, dass gerade das Bürgerwehrfest stattfand – es muss im Februar 1931 gewesen sein –, als wir uns das letzte Mal sahen. Da haben wir alle gemeinsam im Herrenhaus gefeiert. Tja, damals lebte Onkel Suhl noch.“ Plötzlich verstummt er. Ihm fällt ein, dass er doch später noch bei Gesches Hochzeit im Uhlenhof zu Gast war. Dann blickt er betreten auf die schwarz gekleidete Gesche und schweigt. „Ssssie wwwwwaren dddddoch noch bbbei uuuuns-unserer Hoch...“

„Hochzeit, Herr von Steinberg“, eilt Gesine ihrer Schwester zu Hilfe.

„Ach ja, natürlich, ihr habt ja recht, das hatte ich tatsächlich total vergessen. Da seht ihr, wie das bei uns Alten ist. Bei eurer Mutter ist es das Rheuma, bei mir das Gedächtnis“, scherzt Hans-Peter erleichtert.

Durch die offene Tür kommt eine kleine Prozession herein: Angeführt von Oliver folgt Silke, die vorsichtig mit einer Hand einen Teewagen schiebt, während sie auf dem anderen Arm Elisabeth trägt.

Clarissa eilt dem Hausmädchen zu Hilfe. Sie nimmt ihm Elisabeth ab, sodass Silke den beiden Schwestern den Tee servieren kann. Oliver bemächtigt sich sofort des Schoßes seines Großvaters und kichert vergnügt, während er an dessen Schnurrbart zupft. Hans-Peter lässt ihn fröhlich gewähren, während er wie ein aufgebrachter Dackel grunzt und bellt. Oliver kann sich vor Lachen kaum auf dem Schoß halten, sodass ihn der Großvater vor dem Herunterfallen bewahren muss.

„Oliver, benimm dich! So darfst du doch nicht mit deinem Großpapa umspringen!“, versucht Clarissa lächelnd zu zürnen.

„Ach, lass ihn doch, Clarissa“, lacht der Papa belustigt. „Er ist so herzerfrischend!“

Ein Schatten fährt über Clarissas Gesicht. Wie recht du hast, lieber Papa, denkt sie. Wir haben in diesen Zeiten doch wirklich nicht viel, über das man lachen könnte. Unbewusst drückt sie ihr Baby fester an sich.

„Ddddarf ich ddddas Bb...?“ Gesches feuchte Augen blicken Clarissa bettelnd an.

„Aber natürlich, Gesche. Hier, Lissy, jetzt darfst du zur Tante Gesche auf den Arm.“

Hans-Peter erhebt sich von seinem Sessel und stellt Oliver vorsichtig auf die Füße. „So, junger Mann, und nun muss dein Großvater wieder nach Hause, denn sonst macht sich deine Großmama Sorgen um ihn.“ Freundlich schüttelt er Gesche und Gesine die Hände. „Meine herzlichsten Grüße und Wünsche zur raschen Genesung an Ihre Frau Mama.“ Mit einem Blick auf Clarissa ergänzt er: „Liebes, begleitest du mich noch an die Tür?“

„Aber selbstverständlich, Papa. – Ihr entschuldigt mich bitte einen Augenblick?“

Gesche und Gesine nickten.

Während Clarissa in der Diele dem Papa in den Mantel hilft, sagt dieser: „Schade, wir konnten unsere Unterhaltung nicht zu Ende führen. Es wäre aber sehr wichtig, darüber ausführlich zu sprechen. Komm doch mit Heiko heute Abend zu uns zum Tee. Sagen wir, so gegen neun Uhr, ja? Dann sind wir ungestört.“

„Sehr gut, Papa, ich rufe gleich Heiko im Büro an, damit er heute nicht allzu spät nach Hause kommt. Also, gegen neun bei euch! – Grüß mir herzlich die Mama!“, ruft sie ihrem Vater hinterher, der sich auf der Straße nochmals umdreht und mit einer übertriebenen Geste sowie einem Lächeln auf den Lippen den Hut sehr tief vor seiner Tochter zieht.

Ebenfalls lächelnd kehrt Clarissa zurück zu ihren Besucherinnen. Silke geht mit den beiden Kindern in das obere Stockwerk.

„Ddddddein Pppppappa ssssieht abbbber ss...“, stottert Gesche.

Gesine beendet ihren Satz: „Ja, dein Papa sieht sehr gut aus.“ Nach einer Pause fügt sie hinzu: „Weißt du, Clarissa, irgendwie habe ich mir früher immer vorgestellt, dass Hans-Peter von Steinberg auch mein Papa ist, weil ja unser Vater sehr früh gestorben ist und wir ihn nie richtig kennengelernt haben. Und da wir in unserer Kindheit fast ständig zusammen waren und uns öfter in eurem als in unserem Hause aufhielten, habe ich ihn immer als eine väterliche Figur betrachtet. Es ist eigenartig, vor einigen Tagen sprachen Gesche und ich davon. Sie hat es mir nie vorher gesagt, aber sie empfand dasselbe, stimmt’s, Gesche?“

Gesche nickt eifrig.

Clarissa ist von dieser Offenbarung ihrer Freundinnen sehr gerührt.

„Ja, sie waren wirklich schön, die Jahre unserer Kindheit. Sehr oft muss ich daran denken – an Heiko, natürlich auch an euch, an den Klumpfuß und an Rollo und Heide.“

„Hast du etwas von den anderen gehört?“, fragt Gesine. Wir leben ja so abgeschieden, dass wir kaum Kontakt mit der Außenwelt haben.“

„Nun ja, dass mein Deichkater – ich nenne ihn immer noch so, ihr braucht gar nicht so zu grinsen – beim Klumpfuß – ich meine, bei Josef Rembowski – in der Backwarenfabrik arbeitet, das wisst ihr sicher noch, oder?“

Die Zwillinge nicken.

„Kurz nachdem der alte Tadeusz Rembowski starb, hat Josef Heiko zum gleichberechtigten Geschäftsführer gemacht. Es ist kaum zu glauben, aber die beiden verstehen sich sehr gut. Obwohl ich ihn aus alter Gewohnheit immer noch ‚Klumpfuß‘ nenne – natürlich nur, wenn er es nicht hört –, muss ich zugeben, dass Josef in der letzten Zeit sehr viel selbstbewusster geworden ist und ihn sein krummer Fuß anscheinend nicht mehr deprimiert, wie wir es von früher kennen. Jedenfalls versucht er nicht mehr, den Fuß zu verbergen. Ich freue mich sehr für ihn. Heiko hat mir erzählt, dass Josef sich verliebt haben soll. Er kämpft jetzt mit sich selbst, um den Mut aufzubringen, sich seiner Erwählten zu erklären. Der Arme!“

„Wwwwer ist es dddddenn?“

„Ich weiß es leider nicht. Angeblich jemand aus der Umgebung Oldenmoors.“

„Iiiiich ggglaubbbbe, ich wwwee...“

„Was, Gesche, du weißt, wer es ist? Wieso? Erzähl schon!“ Gesine bedrängt derart ungeduldig ihre Schwester, dass diese vor Aufregung kaum noch ein Wort hervorbringen kann.

Dann erzählt Gesche mit Hilfe von Gesines Ergänzungen, dass sie von ihrem Hausmädchen erfahren habe, dass vor einiger Zeit häufiger ein hinkender Herr bei Frauke Eggers, Tochter des Gutsherrn, auf dem Holstenhof zu Besuch gewesen sei. Allerdings sei der alte Knut Eggers über diese Besuche nicht sehr erbaut gewesen und es habe deswegen einen ernsten Krach zwischen Vater und Tochter gegeben. Seitdem hätten auch keine Hausbesuche dieses Herrn auf dem Hof mehr stattgefunden. Gelegentlich ließe sich Frauke Eggers durch den Gutsverwalter, Olaf Lütjens, ausfahren. Man vermutet, dass sie den hinkenden Herrn irgendwo heimlich trifft.

Nachdem diese prickelnde Romanze von den drei Freundinnen bis ins Einzelne kolportiert und kommentiert worden ist, fragt Gesine: „Ist Rollo immer noch bei der Reichswehr? Und hast du etwas von Heide gehört?“

„Ja! Roland Claaßen ist jetzt Obergefreiter und immer noch bei seinem Infanterie-Regiment 46 in Neumünster. Aber den Rest der Geschichte, den werdet ihr mir bestimmt nicht glauben!“ Clarissa macht eine Pause, um die Spannung zu erhöhen.

„Eerzzzzz...“, beginnt Gesche aufgeregt und Gesine vervollständigt: „Nun sag schon, Clarissa. Was ist denn mit Heide?“

„Also gut. Wie ihr wisst, war Heide sehr krank und lebte unter äußerst ärmlichen Bedingungen mit ihren beiden Kindern im ‚Jammertal‘. Heiko und ich haben sie damals dort besucht und wir dachten, dass sie sterben würde, weil es ihr so schlecht ging. Als Heiko Onkel Suhls Vermögen erbte, ließ er Heide sofort nach Aukrug ins Sanatorium bringen. Die beiden Jungs wurden zunächst auch dort untergebracht, und zwar im Kinderheim. Man päppelte sie auf, weil sie vollkommen unterernährt waren. Heide blieb fast achtzehn Monate im Sanatorium und konnte danach erfreulicherweise vollständig geheilt entlassen werden.“

„Oh, dddasss iiissst abbbber wwwunddderbbbbar ...!“ Eine Träne rollt aus Gesches Auge.

„Da die Kinder nach Neumünster zur Schule mussten“, fährt Clarissa fort, „besorgte ihnen Rollo dort eine Pflegestelle. Er hat sich während der ganzen Zeit sehr intensiv um die beiden gekümmert. Als Heide entlassen wurde, stellten sie und Rollo überrascht fest, dass sie sich sehr mochten, und haben dann, nach einigen Monaten, kurz entschlossen geheiratet! Sie leben dort in einer kleinen Wohnung und sind gesund und zufrieden.“

„Wie schön für die beiden“, sagt Gesine, ebenfalls sichtlich bewegt.

„Nnnnnein, ffffür ddddie vvvvvvier!“, meint Gesche.

„Natürlich, Gesche, wie recht du hast. Rollo hat nämlich die beiden Jungen adoptiert. Heide schrieb mir vor etwa zwei Wochen. Sie wollen uns am zweiten Weihnachtstag besuchen. – Oh! Ich glaube, ich habe eine gute Idee: Was haltet ihr davon, wenn wir uns alle, die ganze Bande, am zweiten Weihnachtstag hier treffen?“

Mit glänzenden Augen wird Clarissas Vorschlag von den beiden Schwestern begeistert aufgenommen.

„Wie herrlich!“, seufzt Gesine. „Ich freue mich schon jetzt riesig darauf!“

„Und wie ist es euch in der letzten Zeit ergangen? Wir haben uns ja sehr lange nicht mehr gesehen“, sagt Clarissa nach einer kurzen Pause.

„Ssssag nnnur allllles, ddddu wwwweißt ...“, spricht Gesche ihre Schwester an.

„Nun, Clarissa, du weißt ja, unter welch tragischen Umständen Siegfried, Gesches Mann, ums Leben kam. Seit seinem Tode leben wir sehr zurückgezogen auf dem Uhlenhof. Die Mama hat einen Verwalter, Herrn Siemsen, eingestellt. Er kümmert sich um die gesamte Landwirtschaft. Zurzeit haben wir große Sorgen, dass die in der Marsch sich rasch verbreitende Maul- und Klauenseuche auch auf unseren Viehbestand übergreifen könnte. Das wäre sehr schlimm. Bei Eggers sollen auch schon einige Tiere erkrankt und notgeschlachtet worden sein. Es ist so schrecklich!“

„Ja, es ist wirklich schlimm! Letzte Woche las ich es im Courier.“ Bei der Erwähnung der Lokalzeitung befallen Clarissa plötzlich wieder düstere Gedanken und sie verfällt in Schweigen.

Nach einigen Augenblicken bricht Gesine die Stille, die lediglich durch das Ticken der Standuhr untermalt worden ist. „Ich habe es damals sehr bedauert, dass Heiko und Siegfried nicht miteinander auskamen. Es ist so schade, dass wir uns deswegen auseinandergelebt haben.“

„Ja, auch mir tat es furchtbar leid“, antwortet Clarissa. „Aber ihr kennt ja Heiko gut genug. Er hat nun einmal seine feste Meinung und es ist sehr schwer, ihn davon abzubringen. Ihre Grundeinstellungen waren zu konträr. Es war vielleicht auch besser so, es hätte sonst nur Streitereien gegeben.“ Clarissa seufzt.

„Wie kommt er denn jetzt zurecht? Mit der heutigen Lage, meine ich.“

„Ach, er vertieft sich in seine Arbeit. Damit hat er den Kopf voll genug. Er arbeitet von früh bis spät und kommt abends todmüde nach Hause. Trotzdem sind wir als Paar und mit unseren Kindern sehr glücklich!“

Gesche und Gesine blicken sich gegenseitig an.

„Wwwwir mmm...“, beginnt Gesche und Gesine vervollständigt den Satz: „... müssen jetzt wieder nach Hause. Herr Siemsen wartet sicher schon mit dem Automobil auf dem Marktplatz.“

Die drei jungen Frauen erheben sich und gehen gemeinsam zur Garderobe in der Diele.

„Also abgemacht? Ihr kommt am zweiten Weihnachtstag zum Mittagessen und bleibt dann bis zum Abend bei uns. Die anderen lade ich auch ein. Sagen wir, um halb eins, ja?“ „Vielen Dank, Clarissa, wir freuen uns schon bannig auf dieses Wiedersehen.“

Als Clarissa die Haustür öffnet, weht draußen ein kräftiger, eiskalter Wind. Liebevoll umarmt Clarissa ihre beiden Sandkastenfreundinnen und steht noch so lange in der Tür, bis sie mit einem letzten Winken um die Straßenecke verschwinden.

Nachdem sie die Haustür geschlossen hat, geht sie in Heikos Arbeitszimmer und lässt sich von der Dame im Telefonamt mit Heikos Büro in der Backwarenfabrik verbinden.

„Deichkater?“

„Hallo Prinzessin. Was gibt’s Neues?“

„Der Papa war vorhin hier. Wir müssen etwas sehr Wichtiges besprechen. Kommst du bitte heute mal früher nach Hause? Wir sollen nach dem Abendessen ins Herrenhaus zum Tee kommen. Bitte, Heiko“, fleht sie ihn an, „es ist sehr wichtig, verstehst du?“

„Was hast du denn, Liebes, was ist los?“ Heiko ist beunruhigt, als er die Eindringlichkeit in Clarissas Stimme wahrnimmt.

„Ach, mach dir nur keine Sorgen. Aber bitte, bitte, komm bald.“

„Gut, mein Schatz, ich verspreche es. Ich erledige hier noch rasch etwas sehr Wichtiges und komme dann sofort. Zufrieden?“

„Ja, Deichkater, ich liebe dich!“ Clarissa hängt auf. Sie verlässt, sehr nachdenklich auf das Bücherregal blickend, Heikos Arbeitszimmer und schließt die Tür. Danach geht sie in Elisabeths Zimmer, wo Silke gerade dabei ist, dem Baby die Windeln zu wechseln.

5. Hans-Peters Bekehrung

In diesem Jahr stellen sich die Herbststürme recht früh ein. Als Heiko den Hörer auf die Gabel zurücklegt, blickt er bedrückt aus dem Fenster hinaus. Am grauen Himmel jagen große, schwarze Wolken einander hinterher. Der heftige Sturm, der mit Orkanstärke über der Nordsee tobt, fegt unbarmherzig über das Land und ertränkt es mit sintflutartigem Regen. Weite Flächen der tiefer gelegenen Marschländereien stehen gänzlich unter Wasser. Draußen herrscht eine dramatisch wirkende Dunkelheit. Wie beim Weltuntergang, denkt Heiko und dreht am Schalter seiner Schreibtischlampe. Wie in der Hexenszene von Macbeth, ja, genau so dunkel und unheimlich ist es.

Heiko ist alarmiert wegen des soeben mit Clarissa geführten Gesprächs. Warum war sie nur derart erregt? Ihre Stimme hatte etwas Eigenartiges, ja, einen fast an Verzweiflung grenzenden Unterton. Von dieser Sorge erfüllt, blickt Heiko auf die Pläne des neuen Backofens mit Seitenfeuerung, den man in Kürze in der Fabrik installieren will und mit dessen Auftragsvergabe er sich gerade beschäftigen wollte, als Clarissa anrief. Er blickt auf die Zeichnungen, ohne sie wahrzunehmen.

Es hat heute keinen Sinn mehr, denkt er. Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich höre jetzt auf und gehe nach Hause. Dieser Anruf lässt mir keine Ruhe.

„Fräulein Matthiessen?“

„Ja, Herr Keller?“

Heikos Sekretärin, eine große, stattliche Fünfzigerin mit im Dutt streng zusammengebundenen Haaren, erscheint in der Tür.

„Ich muss jetzt weg. Wissen Sie, wo Herr Rembowski ist?“

„Soviel ich weiß, hatte er für heute ein Gespräch beim Orts-Handwerksführer auf dem Terminkalender.“

Verdammt!, denkt Heiko. Da hätte wohl lieber ich hingehen oder ihn wenigstens begleiten sollen. Warum hat er mir nichts davon gesagt?

„Also gut. Wenn Sie ihn noch sehen sollten, dann richten Sie ihm bitte aus, dass ich heute etwas früher gegangen bin und den Wagen mitgenommen habe. Haben Sie sonst noch etwas für mich?“

„Nein, Herr Keller. Nur Ihre Termine für morgen.“

„Gut. Vielen Dank, die können bis morgen früh warten. Ich habe es jetzt eilig. Dann noch einen schönen Abend.“

„Guten Abend, Herr Keller.“ Fräulein Matthiessen verlässt den Raum.

Heiko geht an den Wandschrank, entnimmt Regenmantel und Hut, schaltet die Tischlampe aus und verlässt das Büro. Er eilt die Treppe hinunter und gelangt durch eine Hintertür auf den Hof der Backwarenfabrik. Es regnet in Strömen, und obwohl er den Hof rennend überquert, ist er völlig durchnässt, als er in der ehemaligen Stallung eintrifft, wo nun die Lastwagen untergestellt werden.

„Dat is ja hüüt een Schietwetter, Chef“, begrüßt ihn Hinnerck Reimers, der in einen schwarzen Gummiumhang gehüllt ist.

Heiko kennt Hinnerck seit seiner Kindheit, als dessen Vater und er noch fahrende Gemüsehändler waren und das Herrenhaus der von Steinbergs täglich mit „Grointüch“ aus der Karre belieferten. Vor zwei Jahren war Hinnerck in finanzielle Schwierigkeiten geraten und musste sein Geschäft aufgeben. Als die Backwarenfabrik per Inserat im Courier einen Verantwortlichen für den Fuhrpark suchte – der neben den beiden Geschäftslimousinen mittlerweile aus drei größeren Last- und zwei Kastenwagen bestand –, hatte er sich beworben und die Stelle erhalten.

„Jo, mien Hinnerck, so is dat!“, stimmt Heiko ihm zu und schüttelt das Wasser von der Kleidung ab. „Föhrst man dien Laster een beeten to de Siet, ick wull mit mien Wogn rutföhrn.“

„Geiht klor, Chef! Ick wull noch mit di wat beschnacken, ick hef da so ’n Idee hat!“

Heiko nickt seinem Fuhrparkmeister freundlich zu. „Gut, Hinnerck. Kum mol moin to mi int Kontor.“

Nachdem Hinnerck den Lastwagen zur Seite gefahren hat, steigt Heiko rasch in den Opel Kapitän, lässt den Motor an und rollt langsam, zunächst über den Fabrikhof und danach durch das Tor, auf die Straße. Es regnet derart heftig, dass die Scheibenwischer es nicht schaffen, die Wassermassen beiseitezudrängen und ein klares Blickfeld zu hinterlassen. Heiko schleicht deshalb sehr behutsam durch die überfluteten Straßen, bis er vor seiner Haustür angelangt ist.

In diesem Augenblick scheint der Regen etwas nachzulassen, sodass Heiko mit dem Schlüssel in der Hand schnell über den Gehweg eilt und in das Haus gelangt.

„Clarissa, Liebes, ich bin da!“, ruft er freudig, indem er sich des nassen Hutes und des triefenden Regenmantels entledigt.

Clarissa stürmt geradezu die Treppe hinunter und fällt ihrem Mann in die offenen Arme. „Ach, mein Deichkater, ich bin ja so froh, dass du schon ...!“

Ihre letzten Worte werden von dem Kuss erstickt, den ihr Heiko auf die Lippen drückt.

„Warum bist du nur derart aufgebracht, mein Schatz? Was hast du denn?“ Heiko sieht sie fragend an.

„Ach, es ist nicht so schlimm, jetzt, wo du wieder bei mir bist. Wir können uns später über das kleine Problem unterhalten. Komm jetzt. Wir wollen erst einmal zu Abend essen.“

„Haben die Kinder schon gegessen?“, fragt Heiko, immer noch verunsichert.

„Ja, Silke bringt sie gerade ins Bett.“

„Dann will ich ihnen vorher noch kurz einen Gutenachtkuss geben. Ich komme gleich wieder.“

Eilig nimmt er auf der Treppe immer zwei Stufen auf einmal und geht zunächst in Elisabeths Zimmer. „Guten Abend, Silke. Na, was macht denn mein kleines Prinzesschen?“

„Guten Abend, Herr Keller.“ Silke überreicht Lissy ihrem Vater, der sie liebevoll in seine Arme schließt.

„Na, du kleines Wurzelweiblein, wie geht es dir?“ Spielerisch drückt er den Zeigefinger auf das Bäuchlein des Kindes, das vergnügt lacht und ihn anstrahlt. Mit einem Mal hebt Heiko das Baby hoch und dreht es rasch in der Luft herum. „Sieh dir nur die kleine fliegende Ente an!“, ruft er belustigt, während Lissy vor Vergnügen laut kreischt. Heiko hört mit dem Herumtoben auf, als er sieht, dass Clarissa lachend in der Tür steht. Er nimmt Elisabeth wieder auf den Arm und bringt sie zu ihrer Mutter, die ihr einen Kuss auf die Stirn drückt. Danach kriegt sie auch noch einen fetten Schmatzer von ihrem Papa, der sie sanft in das Kinderbettchen legt und ihr ins Ohr flüstert: „Schlaf gut, kleines Prinzesschen. Der Papa und die Mama gehen heute Abend noch aus. Wir sind aber morgen früh, wenn du aufwachst, wieder bei dir, mein Kleines!“

Clarissa und Heiko gehen ins Nebenzimmer, zu Oliver, der bereits sehnsüchtig wartend und mit ausgestreckten Armen am Gitter seines Bettes steht. Der Junge strahlt vor Freude, als seine Eltern in der Tür erscheinen, und strampelt ungeduldig mit den Beinchen.

„Na, mein Herr Sohn, was hast du heute wieder angestellt?“, fragt Heiko mit vorgespielter Strenge.

Oliver lacht freudig seinen Vater an, der ihn aus dem Bette hebt. Nachdem Heiko ihn für einen Augenblick gehalten und ihm über das blonde, gelockte Haar gestreichelt hat, kriegt er von der Mama und vom Papa je einen lieben Gutenachtkuss und wird wieder in sein Bett gebracht und zugedeckt.

„So, Oliver, schlaf recht schön. Wir besuchen noch den Großpapa, aber morgen früh sind wir beide wieder bei dir.“ Während sie die Treppe heruntergehen, fragt Clarissa: „Warum erzählst du den Kindern, dass wir weggehen wollen? Sie verstehen es doch noch gar nicht.“

„Ach, Clarissa, ich hatte als Kind immer Angst, wenn meine Großmama abends wegging und ich im alten Reetdachhaus allein bleiben musste.“

„Was, der große Deichkater hatte auch Angst?“, fragt Clarissa ungläubig.

„Ja, sogar panische Angst! Meistens waren sie ja alle weg, auch deines Vaters Brüder. Onkel Ewald, um seine Drogenabhängigkeit zu befriedigen, und Onkel Johann, um seinen Bierdurst in der Kneipe zu stillen. Das alte Reetdachhaus war für mich voller Gespenster und ich habe mich oft davor gegrault. Jetzt musst du lachen, nicht wahr? Natürlich, als ich dann etwas älter wurde, zwang ich mich dazu, keine Angst mehr zu empfinden.“

„Und ich habe immer geglaubt, dass der Deichkater mutig und furchtlos auf die Welt gekommen sei!“, witzelt Clarissa und lächelt Heiko an.

„Weißt du, Prinzessin? Mutig sein heißt keineswegs, sich nicht zu fürchten. Mutig ist man vielmehr erst dann, wenn man imstande ist, die Angst, die einen befällt, zu überwinden.“

„Um auf deine Frage zurückzukommen“, sagt Heiko, nachdem die beiden am Esstisch Platz genommen haben, „ich glaube fest daran, dass es immer ratsam ist, den Kindern stets ehrlich alles zu sagen, ohne sie – und auch nicht im Spaß – irgendwie zu hintergehen. Das Schönste, das uns die Kinder schenken können, ist ihr volles Vertrauen. Deswegen haben wir nicht das Recht, es auch nur im Geringsten zu missbrauchen.“

„Oh, mein weiser Deichkater, das hast du mal wieder sehr schön gesagt. Ja, ich denke, dass du recht hast. Damit nimmt man ihnen – sicherlich auch für später – die Angst vor dem Alleinsein.“

„Kluges Mädchen, du hast mich genau verstanden“, sagt Heiko zufrieden und füllt sich mit großem Appetit die aromatisch duftenden Birnen mit Bohnen und Speck auf, die ihnen Silke während dieser Unterhaltung aufgetischt hat.

Als das Abendessen beendet ist, geht Clarissa in das Schlafzimmer, um sich umzuziehen.

Heiko sucht die Zeitung, kann sie aber nirgendwo finden. „Silke, wissen Sie, wo der Courier geblieben ist?“, ruft er in die Küche hinein.

„Heute ist keine Zeitung gekommen, Herr Keller. Ich weiß nicht warum.“

„Seltsam“, murmelt Heiko etwas enttäuscht und begibt sich ebenfalls in das Schlafzimmer. Dort fragt er Clarissa: „Weißt du vielleicht, warum wir heute keine Zeitung bekommen haben?“

„Ja, Heiko. Der Courier ist heute nicht erschienen. – Man hat Friedrich Winkler abgeholt“, flüstert sie ihm leise zu. „Frage mich bitte jetzt nicht weiter, wir sprechen lieber später darüber.“

Beide ziehen sich schweigend um und machen sich zum Ausgehen fertig. Danach gehen sie gemeinsam in die Diele hinaus.

„Silke“, sagt Clarissa zum Hausmädchen, „wir sind bei meinen Eltern. Passen Sie bitte gut auf die Kinder auf. Sollten Sie uns brauchen, rufen Sie die 305 an, Sie wissen schon.“

„Ist gut, Frau Keller, machen Sie sich nur keine Sorgen.“ Nach einer kurzen Pause fragt sie: „Dürfte ich bitte im Salon noch den Rundfunk anhören? Heute gibt es im Reichssender Hamburg ein schönes Programm.“

„Ja, ist gut. Aber bitte schauen Sie ab und zu nach den Kindern, ja?“

„Vielen Dank, Frau Keller. Selbstverständlich passe ich gut auf die Kinder auf. Ich wünsche noch einen schönen Abend.“

„Vielen Dank, Silke, ebenfalls gute Nacht.“

Heiko geht als Erster hinaus, um den Wagen aufzuschließen. Es hat aufgehört zu regnen, aber es bläst noch ein sehr starker Wind. Als er die Tür geöffnet hat, gibt er Clarissa ein Zeichen. Diese zieht rasch die Haustür hinter sich zu und steigt in den Wagen. Heiko setzt sich ans Steuer und fährt los.

„Ach, Heiko, endlich kann ich mit dir allein sprechen!“ Clarissa atmet erleichtert auf und rückt ganz nahe an den Deichkater heran.

Nachdem sie um die Ecke gefahren sind, hält Heiko den Wagen an und sieht seine Frau fragend an. „Was ist los, Clarissa? Du bist ja ganz aus dem Häuschen. Seit dem Tag unserer Hochzeit habe ich dich nicht mehr derart aufgeregt gesehen. Was ist denn passiert?“

Clarissa erzählt Heiko, wie sie Silke in seinem Arbeitszimmer beim Auflisten seiner Bücher überrascht hat.

Heiko schmunzelt und versucht sie zu beruhigen. „Aber, aber, mein Schatz. Das ist doch alles nicht so schlimm. Wer weiß, was sie überhaupt damit anfangen will.“

„Das ist noch nicht alles. Heute haben zwei Gestapomänner Friedrich Winkler verhaftet. Und zwar wegen eines Kommentars, den er im Courier über das Blutschutzgesetz geschrieben haben soll. Er wurde von Ortsgruppenleiter Straßner in Berlin bei Dr. Goebbels denunziert. Erinnerst du dich noch? Dieser widerliche Straßner, der sich damals bei meinem Rektor in der Schule beschwerte, dass sein Sohn in meiner Klasse neben dem Judenbub Moses Kovacs sitzen musste.“

„Und was soll das mit meinen Büchern zu tun haben? Überhaupt, von wem hast du dies alles?“

„Der Papa war heute bei uns und erzählte, dass die beiden Gestapoleute Friedrich Winklers Bibliothek durchgesehen und dabei mehrere Bücher beschlagnahmt haben, die sie als volksverräterisch bezeichneten. Sie haben ihn übrigens auch noch brutal zusammengeschlagen, bevor sie ihn abführten. Oh, Heiko! Auch du hast so viele Bücher über Kommunismus und Politik, die heute so gefährlich sind. Und ich bin sicher, dass Silke gerade diese aufgelistet hat. Verstehst du? Ich habe eine solche Angst!“

„Nun beruhige dich erst einmal, Clarissa.“ Heiko umarmt seine Frau, die jetzt ihren Tränen freien Lauf lässt. Er küsst sie zärtlich und drückt sie fest an sich.

Währenddessen denkt Heiko fieberhaft nach. Wer oder was könnte hinter Silkes Tat stecken? Sie selbst? Nein. Unwahrscheinlich. Plötzlich kommt ihm ein Gedanke: BDM! Versammlung beim Bund Deutscher Mädchen. Dort tummeln sich wahrscheinlich auch die älteren Parteigenossen. Vielleicht sogar der feine Herr Ortsgruppenleiter Straßner persönlich. Könnte nicht vielleicht dieser ...? Andererseits, welches Interesse hätte dieser Herr Straßner an mir – Heiko Keller? Moment mal, hat er mich nicht schon mehrmals aufgefordert, der NSDAP beizutreten? Sollte es deswegen sein? Auch nicht sehr wahrscheinlich. Warum nur, verdammt noch mal, warum nur?

Clarissa hat aufgehört zu weinen. Mit einem Taschentuch wischt ihr Heiko sorgfältig die Tränen aus dem Gesicht.

„Nun, Prinzessin der madigen Erbse, bemühen Sie sich einmal gütigst, Ihrem Erretter ein strahlendes Lächeln zu schenken. Sehen Sie, so ist es schon viel besser!“ Als Anerkennung erhält Clarissa einen Kuss auf die Nase.

„Übrigens, noch etwas, Heiko, aber dieses Mal wenigstens etwas Lustiges!“

„Was denn?“, fragt Heiko neugierig.

„Gesche und Gesine waren heute auch zu Besuch bei uns. Es hat die beiden einfach so zu uns getrieben. Wir haben uns sehr freundschaftlich unterhalten. Als ich ihnen von Rollo und Heide erzählte und erwähnte, dass die Familie Claaßen uns am zweiten Weihnachtstag besuchen wird, da kam mir eine Idee. Oh, Deichkater, ich hoffe, dass du deswegen nicht böse bist!“

„Es wird schon nicht so schlimm sein, also erzähl!“

„Ich habe auch Gesche und Gesine für den zweiten Weihnachtstag zum Mittagessen eingeladen. Ich dachte, wir machen daraus ein Treffen mit der ganzen Bande. Was sagst du dazu?“

Heiko lächelt sie amüsiert an.

„Prinzessin, das war mal wieder einer deiner lieben, wunderbaren Einfälle. Ich finde die Idee sehr gut. Morgen werde ich auch Josef dazu einladen.“ Nach einer Pause fügt er hinzu: „Schön, die ganze Bagage mal wieder zusammenzuhaben! Prima Idee! Hast dir noch einen Nasenkuss verdient.“

Als er Clarissa ihre Prämie überreicht hat, lässt Heiko den Motor wieder an und sie fahren durch die menschenleeren Straßen Oldenmoors, bis sie am Herrenhaus angelangt sind. Unterdessen berichtet Clarissa dem Deichkater ausführlich von ihrer Unterhaltung mit den Zwillingen.

Kathrein öffnet ihnen die Haustür.

„Guten Abend, Frau Clarissa. Guten Abend, Herr Heiko. Schön, Sie wiederzusehen“, grüßt sie freundlich lächelnd. „Einen schönen guten Abend, Kathrein, wie geht es dir?“ Clarissa und Heiko geben Kathrein die Hand und betreten das Herrenhaus.

* * *

Nach dem Tod von Lenchen, dem treuen Faktotum der von Steinbergs, die bereits bei Clarissas Großvater im Dienst der Familie gestanden hatte, war Kathrein das Kommando über die Küche des Herrenhauses übertragen worden. Geflissentlich erledigt sie die Pflichten eines Hausmädchens, da jetzt nur noch drei Personen in diesem Haushalt zu versorgen sind.

Neben Hans-Peter und Frau Annette wohnt Johann von Steinberg, Hans-Peters Bruder, im Herrenhaus. Ewald, der dritte Bruder, ist nach seinem vormaligen Aufenthalt im Sanatorium in Schleswig nicht mehr nach Oldenmoor zurückgekehrt. Er hat bei der dortigen Forstverwaltung eine gute Stelle gefunden und fühlt sich glücklich und zufrieden inmitten seiner Wälder.

Tante Alexandra, Schwester des alten Oliver von Steinberg und Heikos Großmama, die diesen nach dem tragischen Tode seiner Mutter aufgezogen hatte, starb wenige Tage nach der Hochzeit von Clarissa und Heiko. Frau Annette meinte damals, Tante Alexandra habe sich nur deshalb so lange am Leben gehalten, um ihren über alles geliebten Heiko glücklich und in gesicherten Verhältnissen zu wissen. Tante Therese und ihr langjähriger Verlobter, Hein Piepenbrink, heirateten endlich, als Hein schließlich die ihm lange versprochene Gehaltserhöhung bei der Lederfabrik Christiansen erhielt. Er vermochte sowohl dem beständigen Drängen seiner Braut als auch den eindringlichen Vorhaltungen Hans-Peters, endlich die längst fällige Ehe einzugehen, nicht länger zu widerstehen.

Nachdem auch Tante Therese ausgezogen war, herrschte eine große Ruhe im Herrenhaus. Eine viel zu große Ruhe, wie Hans-Peter sich selbst häufiger eingestehen musste. Ach, was waren es herrliche Zeiten, damals ...

Nachdem er – zu der Zeit wider Willen, weiß Gott! – der Verlobung Clarissas mit Heiko zugestimmt hatte, traf es ihn wie ein Schlag, auch noch erfahren zu müssen, dass Heiko die auf das Herrenhaus lastende Hypothek von den Rembowskis erworben hatte und er jetzt sozusagen der Mieter seines zukünftigen Schwiegersohnes war. Na ja, „Mieter“ war nicht der richtige Ausdruck, denn von welchem Geld hätte Hans-Peter seine Miete bezahlen sollen?

Hans-Peter von Steinberg war stets ein sehr traditionsbewusster Mann. Er lebte deshalb früher in dem festen Glauben, dass man es seiner Familie schuldig war, diese ohne Gegenleistung zu erhalten. Es stünde doch der Familie von Steinberg selbstverständlich zu! Waren sie nicht früher Herren über fast das gesamte Oldenmoor? War nicht sein Vater, der ehrenwerte und von allen respektierte Oberst Oliver von Steinberg, ein sehr wohlhabender Mann, der all denjenigen zu Hilfe kam, die sie benötigten? Jetzt, wo Hans-Peter und seine Familie einer derartigen Hilfe bedürften, sei es doch nicht zu viel verlangt, diesen Anspruch wiederum an jene zu stellen, denen man früher so großzügig geholfen habe. Nach und nach musste aber Hans-Peter die bittere Erfahrung machen, dass ihm niemand für das früher Gehabte etwas herausrückte.

Diese Erkenntnis vertrieb nur allmählich die Nebelschwaden der Großherrlichkeit aus Hans-Peters Gehirn. In seinen Gedanken erdachte er sehr oft – ja man könnte sogar sagen: täglich – ertragreiche Geschäfte oder wichtige Aufgaben. In die Tat setzte er allerdings nichts davon um. Erst an jenem Tage, an dem er mit der bitteren Realität konfrontiert wurde, dass er von nun an ein Mieter im eigenen Hause sei und darüber hinaus diese Miete nicht einmal bezahlen könne, wuchs sein gekränkter Stolz über seine bisherige Trägheit und Indifferenz hinaus.

Tief in seiner Seele begrub er also seinen Stolz und begab sich kleinlaut zur Eisenwarenhandlung des Herrn Hannes Timm in der Deichstraße. Hannes Timm hatte ihm bereits vor einigen Monaten eine Stellung in seinem Geschäft angeboten. Hans-Peter war damals über diese Dreistigkeit äußerst erbost gewesen. Er hatte angenommen (oder ehrlicher gesagt, es als Ausrede vor sich selbst und seiner Familie behauptet), dass Hannes Timm ihm nur deshalb ein solch „übles“ Angebot gemacht haben könne, um sich später über ihn und seine Familie in ganz Oldenmoor lustig machen zu können. Er hatte deshalb das Angebot schroff abgelehnt, sodass Hannes Timm beleidigt und zugleich wütend weggegangen war.

Hans-Peter empfand den Weg bis zur Eisenwarenhandlung wie den Gang nach Canossa. Er hatte das Ganze aber reiflich überlegt und sich vorher mit seiner Gattin ausführlich beraten. Je näher er seinem Ziele kam, desto langsamer wurden seine Schritte. Vielleicht hätte ihm sogar am Ende der Mut zum Hineingehen gefehlt, hätte sich nicht zufällig gerade in dem Augenblick, als er vor der Tür des Geschäftes angelangt war, diese plötzlich geöffnet.

Vor ihm stand Hannes Timm und blickte ihn überrascht an. „Sie hier, Herr von Steinberg?“

„Ja, ich bin es, Hannes Timm. Haben Sie einen Augenblick Zeit für mich? Ich weiß, ich bin Ihnen noch eine Erklärung schuldig.“

„Na ja, Mann, denn kommen Sie man rinn!“

Zackig drehte sich Hannes Timm auf den Absätzen herum und schritt, gefolgt von Hans-Peter, durch das Geschäft in sein Kontor. Als sie dort angelangt waren, zeigte er stumm auf einen Stuhl und schloss die Tür.

„Was verschafft mir die Ehre?“, fragte er bissig.

„Zunächst möchte ich mich in aller Form bei Ihnen entschuldigen, Herr Timm, für mein törichtes Beneh...“

„Geschenkt, von Steinberg. Ich war zwar damals stinksauer wegen Ihrer so grimmigen Absage, die einem Rauswurf sehr nahe kam. Später habe ich oft darüber nachgedacht. Es muss Ihnen vorgekommen sein, als ob ich Ihnen ein Almosen hinwerfen wollte. Das ist natürlich für einen Herrn von Steinberg unzumutbar, von Ihrer Warte aus gesehen. Nein, nein, unterbrechen Sie mich nicht! Ich möchte Ihnen nur noch sagen, wie leid es mir tat, dass wir derart erzürnt auseinandergingen. Ich hatte es nur gut mit Ihnen gemeint, das müssen Sie mir glauben.“

„Ich glaube und danke Ihnen sehr für Ihre freundlichen Worte. Dennoch muss ich auf meine Entschuldigung bestehen. Wie dem auch sei, ich hätte mich Ihnen gegenüber einfach nicht derart unhöflich benehmen dürfen. Ich bitte Sie, meine Entschuldigung gütigerweise annehmen zu wollen, Herr Timm.“

„Na denn, wenn es Ihnen auf der Seele brennt, mein lieber von Steinberg, dann wollen wir doch Ihren Qualen ein Ende setzen und Ihnen die Absolution erteilen. Also dann: Entschuldigung vollständig angenommen, Konto ausgeglichen!“

Hannes Timm lächelte und auch Hans-Peter war sichtlich erleichtert. Die beiden Männer gaben sich die Hand.

„Un dat ward nu glix or’nlich fiert, wie sich dat ’hört!“

Vergnügt leerten die beiden einige Gläser Korn. Als Hans-Peter von Steinberg leicht beschwipst den Weg zurück ins Herrenhaus beschritt, war er der glückliche Inhaber einer Anstellung im Kontor des Herrn Timm. Und von dem Verdienst, so sagte er sich auf dem Nachhauseweg, von dem Verdienst können wir leben! Und sogar meinem Herrn Schwiegersohn in spe seine Miete bezahlen!

6. Bedrängnis

Clarissa sitzt in ihrem Zimmer und schreibt in ihr Tagebuch:

Gestern Abend waren wir bei den Eltern. Der Papa hat Heiko ernsthaft ins Gewissen geredet, damit er endlich seine Bibliothek von jenen politischen Büchern bereinigt, deren Besitz heute so gefährlich ist. Als der Papa noch dazu empfahl, auch die „undeutschen“ Bücher zu entfernen, wurde der Deichkater sehr zornig und es gab eine hitzige Diskussion. Ich verstehe Heiko sehr gut und muss ihm recht geben. Was bedeutet überhaupt „undeutsch“? Wie können Bücher, die von weltberühmten deutschen Schriftstellern in einer so herrlichen deutschen Sprache geschrieben wurden, als „undeutsch“ bezeichnet werden? Nur weil deren Verfasser vielleicht anders dachten und denken als diejenigen, die heute – leider – bei uns das Sagen haben? Wer gibt ihnen dieses Recht? Warum hat eigentlich das Leben so viel mit Politik zu tun? Die Antworten auf meine Fragen, wenn es sie überhaupt gibt, kommen und verschwinden im Rauschen des Windes. Ich befürchte sehr, dass sich dieser Wind eines Tages zu einem Orkan steigern wird, der über uns alle hinwegfegt.

Der Papa und auch die Mama haben schließlich Heiko grundsätzlich recht gegeben, aber ihm dennoch sehr ans Herz gelegt, an uns alle zu denken. Jetzt, nachdem unsere Hausgehilfin (Silke hat mich nach ihrem letzten BDM-Abend belehrt, dass sie jetzt nur noch so bezeichnet werden möchte, das hätte die Vorsitzende der NS-Frauenschaft so verkündet) sich derart an seinen Büchern zu schaffen gemacht habe, sei es höchste Zeit, das Richtige zu tun. Natürlich haben meine Eltern damit auch recht. Aber was ist jetzt noch das Richtige? Gegen Ende dieser Unterhaltung war der Deichkater äußerst wortkarg. Man konnte ihm ansehen, dass er sehr angestrengt darüber nachdachte, was er nun unternehmen solle.

Gerade als wir aufgestanden waren, um nach Hause zu gehen, kam Onkel Johann, eingehüllt in seine übliche Bierfahne, von seiner Stammkneipe. Trotzdem war er sehr nett zu uns und wir blieben noch ein Weilchen. Er erzählte von Friedrich Winklers Verhaftung. Es habe im Gasthof einen ziemlich heftigen Wortwechsel über dieses Thema gegeben. Als die Diskussion in Streiterei auszuarten drohte, habe der Wirt bei der Polizei angerufen. Weil Onkel Johann dies bemerkte, habe er schnell gezahlt und sei nach Hause gegangen.

Obwohl mein Patenonkel nicht ganz vom Bier ablassen kann, trinkt er jetzt nicht mehr so viel wie früher. Nachdem er schwer erkrankt war, musste er eine Abmagerungskur machen und sieht heute wieder besser aus. Er ist nicht mehr so apathisch wie früher, aber ich muss trotzdem noch jedes Mal schmunzeln, wenn er mit fast geschlossenen Augen und mit den über dem Leib gekreuzten Händen auf dem Sofa thront und so aussieht, als ob er eingeschlafen sei. Nur dann und wann öffnet er ein wenig die Augen und gibt sein seufzendes „Ach, mein lieber Gott!“ von sich.

Onkel Johann ist für mich eine tragikomische Figur. Obwohl er eine kaufmännische Lehre absolvierte, gelang es ihm nie, sich dazu zu entschließen, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Selbst als der Papa anfing, bei Hannes Timm zu arbeiten und ihm seitdem immer wieder vorhielt, dass es auch für ihn notwendig sei, seinen Unterhalt zu verdienen, machte er keinerlei Anstalten, sich um eine Stellung zu bemühen. So liegt er nach wie vor der Familie auf der Tasche. Heiko wird jedes Mal wütend, wenn dieses Thema aufkommt. Abgesehen davon bin ich sehr glücklich darüber, dass der Papa und die Mama sich jetzt mit dem Deichkater gut verstehen, was ja beileibe nicht immer so war.

Als wir dann endlich nach Hause fuhren, war Heiko entspannt und ausgelassen. Er pfiff fröhlich vor sich hin. Ich war über seinen Frohsinn sehr verwundert. Unser ernstes Problem ist doch noch keineswegs gelöst. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er lächelnd: „Machen Sie sich nur keine Sorgen mehr, Prinzessin, der böse Drachen ist schon so gut wie besiegt!“ Was hat er bloß wieder vor? Ich hoffe nur, dass es das Richtige ist.

Ich freue mich schon riesig auf den zweiten Weihnachtstag. Die ganze Bande wieder beisammen! Heiko rief heute Morgen vom Büro aus an und sagte mir, dass der Klumpfuß (ich muss mir endlich abgewöhnen, den Josef so zu nennen!), also dass Josef, nach eindringlichem Zureden schließlich eingewilligt hat, auch dabei zu sein. Ich bin so froh, dass wir uns alle nach so langer Zeit wieder treffen werden!

Ach, liebes Tagebuch, wie gern möchte ich Dir all die vielen Gedanken anvertrauen, die mir in diesem Augenblick durch den Kopf gehen. Leider kann dies für uns alle gefährlich werden, jetzt mehr denn je. Aber Du verstehst mich, nicht wahr?

„Frau Keller!“ Silkes Ruf kommt von der Diele.

Clarissa legt den Füller nieder und schließt eilig das Tagebuch. Sie geht rasch an die Tür.

„Was ist los, Silke?“

„Hier ist ein Junge, den ich nicht kenne. Er sagt, er möchte Sie sprechen. Seinen Namen will er aber nicht nennen.“

Clarissa geht einige Schritte vor. Als sie sieht, von wem da die Rede ist, sagt sie, indem sie ihre Aufregung zu verbergen sucht: „Ach, du bist es! Junge, bist du aber gewachsen! Es ist schon gut, Silke, es ist einer meiner früheren Schüler. Komm bitte herein, am besten gleich hier in mein Arbeitszimmer.“

Clarissa hält einem etwa zwölfjährigen, blassen und mageren Jungen in kurzen Hosen die Tür auf. Verängstigt knetet er mit beiden Händen seine Schiebermütze. Er geht an Clarissa vorbei und diese schließt die Tür, nachdem sie sich durch einen schnellen Blick in die Diele vergewissert hat, dass Silke wieder in der Küche verschwunden ist.

„Moses Kovacs, bin ich richtig?“, flüstert sie leise, während sie ihn neugierig mustert.

Der Junge schaut sie mit seinen dunklen Augen an und nickt wortlos. „Fräulein von St..., entschuldigen Sie, Frau Keller“, stammelt er verlegen.

„Wie hast du mich überhaupt gefunden?“

„Ich habe im Telefonbuch Ihren früheren Namen gesucht und die Nummer, die dort angegeben ist, angerufen. Ihre Mutter hat mir gesagt, dass Sie jetzt Keller heißen und hier wohnen. Da bin ich einfach hergekommen.“

„Und was führt dich zu mir, Moses?“, fragt Clarissa beklommen. Sie ahnt, dass der Junge all dies nur wegen einer bitteren Not auf sich genommen hat.

„Frau Keller, entschuldigen Sie bitte, dass ich zu Ihnen gekommen bin, aber ich wusste wirklich nicht mehr, was ich jetzt tun soll!“, entfährt es Moses. Eine Träne entweicht einem seiner Augen und kullert über die inzwischen von Erregung errötete Wange.

„Ist ja gut, Moses, beruhige dich. Setz dich erst einmal. Willst du etwas zu trinken haben?“

Nachdem der Junge den Kopf geschüttelt hat und sich beide gesetzt haben, fragt Clarissa: „So, und jetzt erzählst du mir in aller Ruhe, was dich bedrückt. Du brauchst vor mir keine Angst zu haben, das weißt du doch?“

„Ja, Frau Keller. Sie sind der einzige Mensch, zu dem ich noch Vertrauen habe. Deswegen bin ich ja zu Ihnen gekommen.“ Er macht eine Pause.

„Also gut, was ist los?“ Clarissas Stimme klingt weich und freundlich, um dem Jungen die Angst zu nehmen.

„Der Rektor hat mich gestern aus der Schule geworfen! Weil ich doch Jude bin!“

Die Inbrunst, mit der diese Klage an Clarissa herangetragen wird, erschüttert sie mehr als die Tatsache selbst. Sie hält einen Moment inne, um sich die richtigen Worte zurechtzulegen.

„Ja, Moses, ich weiß. Es ist sehr schlimm und auch sehr ungerecht. Aber so, wie die Dinge heute stehen, ist es kaum möglich, etwas dagegen zu tun. Haben deine Eltern nicht mit dir darüber gesprochen? Hast du von den neuen Gesetzen gegen die Juden gehört?“

Moses nickt. „Ja. Mein Vater und meine Mutter sind ganz verzweifelt. Wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen. Die Mutter sitzt nur noch zu Hause und weint den ganzen Tag. Vater ist Schuster und hat Arbeit beim Schuhmachermeister Lorenzen. Der Meister ist sehr gut zu ihm, aber seine Frau, die Ulrike, die hackt in der letzten Zeit immer auf Vater herum. Er hat neulich gehört, wie sich die beiden seinetwegen in der Küche gestritten haben. Sie hat gesagt: ‚Wenn du den Jud’ nicht bald auf die Straße setzt, werden die Leute nicht mehr bei uns kaufen!‘ Ach, Frau Keller, ich bin so unglücklich. Was soll nur aus uns werden? Warum machen die das mit uns? Was haben wir ihnen nur getan, dass sie uns so hassen?“

„Moses, ich kann sehr gut nachfühlen, wie dir zumute sein muss. Ich kann dir aber auch nur sagen, dass es mir sehr leidtut. Die heutige Lage ist schwierig, auch für uns! Es fällt mir nicht gerade leicht, einem zwölfjährigen Jungen etwas derart Kompliziertes zu erklären. Weißt du, die meisten Erwachsenen können es auch nicht verstehen, das kannst du mir glauben.“

Clarissa macht eine Denkpause. Danach fährt sie fort:

„Vielleicht kann ich es dir so verständlich machen: Es gibt gute und böse, starke und schwache Menschen. Ist die Mehrzahl der guten Menschen stark, dann ist alles in Ordnung. Sind dagegen die Bösen stark und in der Überzahl, hingegen die Guten zu schwach, um sich deren Machenschaften zu widersetzen, dann machen die Bösen mit den Guten, was sie wollen und es kommt zu solchen Situationen, wie wir sie jetzt erleben.“

Moses sieht Clarissa mit einem Ausdruck an, der ihr verrät, dass der Junge sichtlich enttäuscht ist. Er hat doch Hilfe von ihr erwartet. Sie hat ihm bisher nichts anderes gegeben als Worte.

Clarissa fühlt Hilflosigkeit. Was soll sie, was kann sie für ihn tun? „Nun, Moses, in diesem Moment kann ich dir wirklich nicht genau sagen, was für euch das Beste ist. Haben deine Eltern schon mal darüber nachgedacht auszuwandern? In ein anderes Land zu gehen?“

„Ja, ich habe zwei oder drei Mal gehört, wie sie darüber sprachen. Mehr weiß ich nicht. Ich will aber nicht von hier weg! Warum auch? Hier habe ich doch alle meine Fr...“ An diesem Punkt unterbricht Moses den Satz. Bittere Tränen kullern jetzt aus seinen Augen. Zutiefst gedemütigt muss er an die gestrige Szene denken, als er unter den lauten Rufen seiner Klassenkameraden („Ohne Jud’ ist sehr gut! Jud’ ans Messer ist noch besser!“) vom Rektor aus der Schule geworfen wurde. Er hat in seiner Erinnerung aber auch die Gesichter derjenigen drei Freunde festgehalten, die nicht mitgeschrien, sondern nur traurig geguckt haben. Ja, Frau Keller hat schon recht: die wenigen, schwachen Guten.

„Was willst du wegen der Schule machen?“

„Rektor Schneider sagte mir, dass ich von jetzt an in die Judenschule gehen solle, da gehören meinesgleichen hin. Soviel ich weiß, soll es in Kiel eine jüdische Schule geben. Aber wie komme ich von Oldenmoor nach Kiel?“

„Nein, das geht wirklich nicht.“ Clarissa denkt einen Augenblick nach. „Weißt du, Moses, ich habe eine Idee. Jetzt gehst du erst einmal nach Hause. Ich werde heute Abend, wenn mein Mann von der Arbeit kommt, alles mit ihm besprechen. Er ist ein sehr guter Mensch und ich bin mir sicher, er wird viel Verständnis für eure Lage aufbringen. Er hat auch immer gute Einfälle, wie man aus solchen Schwierigkeiten herauskommen kann.“

Clarissa macht eine Pause. Überlege jetzt genau, sagt sie sich, was du dem Jungen sagst!

„Am besten, du gehst in zwei Tagen noch mal zu meiner Mutter – du weißt schon. Sie wird mich dann benachrichtigen und ich werde ihr wiederum sagen, was sie dir ausrichten soll, wenn du sie wieder besuchst – sagen wir, einen Tag danach. Bitte versteh das nicht falsch, aber ...“

„Ich habe genau verstanden, Frau Keller. Ich möchte Ihnen keine Schwierigkeiten verursachen. Es war nur so, ich wusste wirklich nicht mehr ...“

„Ist schon gut, mein Junge. Und sage niemandem, dass du heute hier gewesen bist. Versprichst du mir das?“

„Ja, ich verspreche es Ihnen. Auch meine Eltern wissen nicht, dass ich zu Ihnen gekommen bin.“

Clarissa begleitet den Jungen zur Haustür. Er gibt ihr die Hand und macht einen tiefen Diener. Danach verschwindet er in der nebligen Dunkelheit.

Nachdem sie die Haustür geschlossen hat, geht Clarissa in Gedanken versunken in ihr Arbeitszimmer zurück. Sie nimmt den Füller und schreibt:

Hatten wir nicht ohnehin schon genügend Sorgen? Und jetzt auch das noch! Armer Junge, arme Leute. Aber was kann ich, was können wir wirklich für sie tun? Noch dazu in einem Moment, in dem wir selbst nicht genau wissen, wie wir die eigenen Probleme lösen sollen? Außerdem: Woher den Mut nehmen, für diese Rechtlosen und Entehrten gegen den herrschenden Meinungsstrom einzutreten? Und uns damit selbst der Gefahr auszusetzen, wie diese Rechtlosen und Entehrten behandelt zu werden – ihr grausames Schicksal teilen zu müssen? Oder sollen wir lieber doch Augen, Ohren und Herzen verschließen und von alledem nichts wissen wollen? Es ist nicht unsere Schuld, wir haben nicht dazu beigetragen, dass diese Regierung an die Macht gekommen ist! Hoffentlich fällt dem Deichkater etwas Passendes ein!

Clarissas Gedanken werden durch den Ruf einer fröhlichen, vertrauten Stimme unterbrochen: „Liebe Prinzessin, dein Göttergatte ist wieder da!“

Clarissa schließt das Tagebuch sehr vorsichtig im Geheimfach ihres Schreibtisches ein, löscht das Licht und verlässt das Zimmer.

* * *

Nach dem Abendessen sitzen Clarissa und Heiko vor dem brennenden Kamin im Wohnzimmer. Clarissa hat ihr Nähzeug auf dem Schoß und versucht sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Während des gesamten Essens ist es ihr nicht gelungen, die vielen quälenden Gedanken zu vertreiben.

Heiko geht an den Volksempfänger, hört den Nachrichten des Deutschlandsenders mit verkniffenem Gesicht zu und schaltet ihn danach wieder aus. Er vermisst seine Zeitung.

Danach sieht er Clarissa an, zwingt sich ein Lächeln ins Gesicht und sagt mit lauter Stimme: „Morgen früh erhalten wir Besuch, Clarissa.“

Clarissa blickt ihren Mann verwundert an: „Wer kommt denn?“

„Nun erschrick bitte nicht: Herr Ortsgruppenleiter Straßner persönlich gibt uns die Ehre!“

Trotz Heikos Vorwarnung ist Clarissa zutiefst erschrocken. „Wieso? Was soll das ...?“, ruft sie sehr aufgeregt.

Heiko setzt sich neben Clarissa auf das Sofa, nimmt ihr das Nähzeug aus der Hand und legt einen Arm über ihre Schultern. „Mein Schatz, beruhige dich. Es ist alles beileibe nicht so schlimm, wie es sich vielleicht im ersten Moment anhören mag. Im Gegenteil. Lass dir also erzählen: Das Haus, in dem wir leben, habe ich mitsamt seinem Inhalt von Onkel Suhl geerbt. Aus dieser Erbschaft stammt auch die umfangreiche Büchersammlung. Es ist meiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, dass sich in jenem großen Bücherregal, das in meinem Arbeitszimmer steht, so manche Werke befinden, die heute nicht mehr in die Bibliothek eines anständigen deutschen Volksgenossen gehören.“ Heiko hat eine bedeutsame Miene aufgesetzt und blinzelt Clarissa mit einem Auge an.

Clarissa nickt. Obwohl sie noch nichts Genaues weiß, ahnt sie, dass Heiko mal wieder einen Ausweg gefunden hat. Etwas erleichtert, aber auch mit eifriger Neugier, unterbricht sie ihn: „Ach so! Und was ...?“

Heiko nickt ebenfalls, legt ihr einen Finger über die Lippen und fährt fort: „Nun, ich mache mir über diese Tatsache schon seit einigen Wochen ernsthafte Gedanken. Ununterbrochen überlege ich, wie man diese unangenehme Angelegenheit bereinigen könne. Und da kam mir heute ein, wie ich glaube, sehr guter Einfall.“

Um die Spannung noch zu steigern, macht Heiko wiederum eine Pause und zwinkert noch einmal mit dem Auge.

„Ich habe mich bei Herrn Straßner in der NSDAP-Ortsgruppe angemeldet. Danach habe ich ihn heute Nachmittag besucht und bat ihn um seinen Rat, wie man dieses ernste Problem lösen könne. Stell dir nur vor, wie entgegenkommend er sich zeigte. Er war äußerst erfreut über meine ehrliche Gesinnung als deutscher Volksgenosse und bot mir sogar freundlicherweise an, persönlich mit seinen Leuten in unser Haus zu kommen, um die in Frage kommende Schundliteratur auszusondern und abtransportieren zu lassen.“

Clarissa muss sich doch sehr dazu zwingen, über das, was ihr Heiko mit einem frechen, ironischen Unterton erzählt hat, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.

„So ist das also“, versucht sie mit einem ähnlichen Unterton Heiko nachzuahmen, „eine wahrhaft noble Hilfestellung dieses Herrn Straßner, nicht wahr?“

„Ja, eben“, pflichtet Heiko ihr bei. „Ich bat ihn auch, diese doch derart wichtige Angelegenheit nicht auf die lange Bank zu schieben, sodass wir uns schließlich darauf geeinigt haben, die Sache gleich morgen früh abzuwickeln. Sie werden gegen neun Uhr hier sein. Du solltest auch das Hausmädchen ...“

„Silke hat mich belehrt, dass man sie ab jetzt ‚Hausgehilfin‘ zu nennen habe, bitte merke dir das!“, sagt Clarissa, indem sie den gleichen Ton wie Heiko anschlägt.

Amüsiert lächelnd antwortet dieser: „So, so. Sieh mal einer an. Nun denn, teile demzufolge unserem werten Fräulein Hausgehilfin mit, dass sie sich morgen als Beistand der beiden Herren zur Verfügung zu halten habe.“

Clarissa setzt sich bei ihrem Mann auf den Schoß, gibt ihm einen Kuss auf die Nase und flüstert ihm ins Ohr: „Deichkater, diese Hausaufgabe hast du mal wieder mit Auszeichnung gelöst!“

Nachdem sie die Erleichterung eine Weile genossen hat, fällt Clarissa der Besuch ihres früheren Schülers ein. Schlagartig ist die soeben empfundene Freude merklich getrübt. Sie sieht dem Deichkater in die Augen und sagt: „Da war heute noch so ein Besucher, Heiko, von dem ich dir berichten möchte.“ Und sie erzählt ausführlich, was sie bei der Unterhaltung mit Moses Kovacs erfahren hat, welche Ohnmacht sie dabei empfand und was sie ihm schließlich für ein Versprechen gegeben hat. „Entschuldige, Heiko, dass ich derart über dich verfügt habe, ohne dich vorher überhaupt zu fragen, aber ich wusste wirklich nicht mehr weiter! Andererseits konnte ich den armen Jungen nicht einfach ohne ein Zeichen der Ermutigung ziehen lassen. Er tat mir so furchtbar leid!“

„Ist doch gut, mein Schatz! Du hast genau das Richtige getan. Wir haben ja noch ein paar Tage Zeit. Irgendetwas wird mir schon einfallen, um der Familie zu helfen. Aber bitte denke auch du immer daran, dass wir wegen unserer Kinder jeder Gefahr aus dem Weg gehen sollten. Glaube mir, was ich heute getan habe, habe ich nur für euch getan, für meine Familie! Obwohl ich mich einerseits sehr freue und mich darüber lustig mache, dass wir sie dieses Mal mit ihren eigenen Waffen geschlagen haben, kocht es in meinem Inneren vor Wut.“

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22 декабря 2023
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362 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783957444363
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