Читать книгу: «Blutige Maiglöckchen zum Hochzeitstag»
Manfred Eisner
BLUTIGE
MAIGLÖCKCHEN
ZUM HOCHZEITSTAG
Roman
Nili Masal ermittelt (6)
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2019
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Das Titel-Originalfoto der Maiglöckchen ›Lilly of the Valleys‹ wurde von der Webseite von CCO Creative Commons ausgewählt und ist dort ausdrücklich zur kommerziellen Nutzung freigegeben. Dessen fototechnische Bearbeitung verdankt der Autor seiner langjährigen Freundin, Frau Rachel Hirsch, Fotografin aus Ramat Gan, Israel.
Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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»Was du liebst, lass frei.
Kommt es zurück, gehört es dir – für immer!«
[Konfuzius (551–479 v. Chr.), chinesischer Philosoph]
»Wehe, wenn sie losgelassen!«
[Friedrich Schiller (1759–1805), deutscher Schriftsteller.
Zitat aus ›Das Lied von der Glocke‹ (1798)]
»Gewalt ist Analphabetentum der Seele.«
[Dr. Rita Süssmuth (1937), deutsche CDU-Politikerin,
Ex-Bundesfamilienministerin]
»Gewalt hört da auf, wo die Liebe beginnt.«
[Petra Kelly (1947–1992), deutsche Politikerin der Grünen und M. d. Bundestages: Rede vor der Generalversammlung der Jugend bei der UNO, New York (1985)]
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort: »Wo rohe Kräfte sinnlos walten …«
Nili und Waldi
Tot aufgefunden
Rückblenden
Ränkespiele
Ermittlungen
Ertappt!
Spurensuche
Aus Nilis Tagebuch
Analogien
Nachforschung
Neuansätze
Wieder ein Fall
Überraschendes Ereignis
Makabrer Fund
Mosaiksteinchen
Entlarvung
Kehraus
Kulinarisches
Danksagung
Der Autor
Vorwort
»Wo rohe Kräfte sinnlos walten …«1
Besonders schwer tat sich der ›junge Wilde‹ in mir bei der Wiederkehr in die Bundesrepublik Deutschland Anfang der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit dem deutschen Rechtsbegriff ›Körperverletzung‹.
Nach mehr als siebzehn Jahren Exil im südamerikanischen Bolivien und zuletzt in Uruguay erschien mir hier vieles fremd, neu und ungewohnt. Überall mahnten unübersehbare Verbotsschilder – Betreten des Rasens, Anlehnen von Fahrrädern, Zutritt für Unbefugte, Spielen und Lärmen der Kinder –, kursierten tadelnde Winke wie »So etwas tut man nicht!« oder es fielen Bemerkungen wie »Wo steht denn das geschrieben?«, wenn auf eine bestimmte Verhaltensregel hingewiesen wurde.
Ziemlich unverständlich fand ich nicht zuletzt jenen Paragraphen 223 des StGB, der jemandem, der einem anderen – und sei es noch so berechtigt – eine aufs Maul haut, bis zu fünf Jahre Gefängnis oder eine saftige Geldstrafe androht. Dort, von wo ich gerade hergekommen war, gab es zwar ebenfalls bindende gesellschaftliche Anstandsregeln, sie waren allerdings nicht allgegenwärtig von den Wänden und Türen abzulesen oder in etwaigen Gesetzbüchern festgeschrieben; die Eltern lebten sie meistens ihren Kindern vor und man hielt sich einfach daran. Darüber hinaus aber herrschten ganz andere Sitten und Gebräuche; so hatte zum Beispiel jeder ehrbare Macho (was genau übersetzt im eigentlichen Wortsinn nichts anderes als ›männliches Wesen‹ bedeutet und mitnichten mit Machismo-Gebaren gleichzustellen ist!) stets selbige männliche Würde unter Beweis zu stellen: Wurde man selbst oder ein Nahestehender beleidigt, über die Maßen belästigt, genötigt oder gar angegriffen, wehrte man sich so kräftig, wie man nur konnte. Es fand ein überwiegend fairer Boxkampf statt, der zumeist nach den traditionellen Queensberry Rules ausgefochten wurde. Deswegen herrschte allgemein das eiserne Verhaltensgesetz, dass man sehr wohl mit den Fäusten deftig auf den Kontrahenten einprügeln durfte, solange er sich noch wacker auf den Beinen hielt. Sobald er aber gefallen war, wartete man ›gentlemanlike‹, bis er wieder aufstand oder die Aufgabe signalisierte. Keiner von beiden musste allerdings befürchten, deswegen vor den Kadi zitiert oder gar bestraft zu werden. Aber auch: Keineswegs würde – wie heute leider immer wieder zu beklagen ist – ein am Boden Liegender hemmungslos mit Füßen getreten. So etwas galt als infam, perfide und widerwärtig, eines Mannes absolut unwürdig. Eine solche Gewalt, von der uns tagtäglich anschaulich berichtet und die von geltungssüchtigen Individuen in den sogenannten ›Sozialen Medien‹ im Netz verbreitet wird – wie wir sie auch in beklagender Weise wiederholt in Fernsehproduktionen vorgeführt bekommen –, zeugt von einer schlimmen mentalen Gefühlsdegradation, die in unserer Gesellschaft grassiert.
Kein Wunder dann auch, dass ein zweites, in meinen beiden früheren Heimatsländern geltendes Anstandsgesetz, namentlich, dass ein Mann NIEMALS seine Hand gegen eine Frau erheben dürfe, heute offensichtlich bei uns nur noch beschränkte oder auch gar keine Geltung mehr hat. Aus dem Bericht des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden (BKA) für das Jahr 2015 geht hervor: »Mehr als 100.000 Frauen pro Jahr werden in Deutschland Opfer von Gewalt in der Partnerschaft!« Nicht weniger alarmierend klingt der einschlägige Bericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im selben Jahr: »Frauen sind von häuslicher Gewalt mehr bedroht als durch andere Gewaltdelikte – jede vierte Frau erlebt Gewalt durch ihren Lebenspartner.« Des Weiteren besagt die Statistik, dass rund 25 Prozent der Frauen im Alter von 16 bis 85 Jahren mindestens einmal Gewalt in der Ehe erlebt haben.
Körperliche Misshandlungen umfassen ein breites Spektrum unterschiedlich schwerwiegender Gewaltanwendung. Die Gemeinheiten reichen von wütendem Wegschubsen und Ohrfeigen bis hin zu Schlagen mit Gegenständen, Verprügeln und sogar Gewalttaten mit Waffen. Die Angaben zu sexuellen Übergriffen beziehen sich auf eine enge Definition erzwungener sexueller Handlungen, das heißt Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. Zwei Drittel der von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen haben schwere oder sehr schwere körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlitten. Immerhin gibt es aber desgleichen – allerdings meist aus Scham nur unter vorgehaltener Hand zugegeben – nicht wenige Fälle, in denen Frauen ihren männlichen Partner ebensolche psychische, bisweilen sogar minderschwere oder schwere physische Gewalt antun.
Hält sich der betroffene Mann an die oben zitierte Verhaltensregel, dass er sich nicht in gleicher Weise tatkräftig gegen eine aggressive Frau wehren darf, gerät er in die ebenso prekäre defensive Situation wie gleichgenötigte Frauen. Aus einer solchen misslichen Lage gibt es eigentlich nur einen konsequenten Ausweg: den Partner anzuzeigen und sich schleunigst von ihm zu trennen. In – viel zu – vielen Fällen tun es die Leidtragenden jedoch nicht. »Ich liebe ihn/sie doch, er/sie hat es nicht so gemeint, liebt mich doch auch, hat sich dafür entschuldigt und mir heilig versprochen, damit aufzuhören!«, sind die in den meisten Fällen angeführten Ausreden des betroffenen Partners und dessen fadenscheiniger Grund, von diesem einzig folgerichtigen Schritt zurückzuschrecken. Bis es dann – erfahrungsgemäß – dennoch wieder und immer wieder vorkommt. Zahlreiche Fallstudien über häusliche Gewalt in den Beziehungen zwischen hetero- sowie homosexuellen Lebenspartnern belegen, dass der Mensch im Grunde seine animalischen Instinkte nur durch eine angepasste Erziehungsweise zur Gewaltlosigkeit im Zaum zu halten vermag. Geraten solche Charaktereigenschaften wie zum Beispiel Angst, Wut, Gier, ungebremstes Sexverlangen oder Eifersucht – nicht zuletzt verbunden mit Alkohol- oder sogar Drogenkonsum – außer Rand und Band, agieren er oder sie gemäß solchen ungebremsten Ur-Verhaltensweisen.
Die in diesem Roman geschilderten Geschehnisse sowie sämtliche darin vorkommende Namen und Positionen sind fiktiv und von mir frei erfunden. Eine etwaige Übereinstimmung mit real existierenden Personen oder Begebenheiten wäre rein zufällig. Ich greife dieses Thema auf Anregung einer lieben Schriftstellerkollegin auf, weil wir beide der Meinung sind, dass dieser schändliche Makel unserer Gesellschaft nicht oft genug angeprangert werden kann. Jedenfalls betrachte ich es heute deshalb als durchaus angebracht, dass wir den § 223 in unserem Strafgesetzbuch haben, um solche verachtungswürdigen Verhaltensabgründe zu ahnden.
Manfred Eisner, im Winter 2018
Nili und Waldi
»Mira! Komm!«
Doktor Knut Treibert, ein athletisch anmutender und hellblonder Mann Mitte dreißig, ruft seiner Jagdhündin hinterher, die plötzlich wie ein Blitz losgepirscht und im Walddickicht verschwunden ist, bevor der Jäger sie zurückhalten konnte. Zur Bekräftigung des Befehls bläst er einen kurzen Doppelpfiff auf der Signalpfeife, die an einer Kordel um seinen Hals hängt. Der tüchtige Zahnarzt mit der gut gehenden Praxis in der Kieler Innenstadt hat das eigene Jagdrevier des vor Kurzem verstorbenen Vaters geerbt beziehungsweise die dazugepachteten Flächen, die an seine eigene etwa einhundertzwanzig Hektar große Länderei angrenzen, mit übernommen. Dichter Mischwald alterniert hier und dort mit weiten Ackerflächen, auf denen bereits der erste knallgelbe Raps mit betörendem Duft blüht oder Winterweizen und Gerste für dieses Jahr kräftiges Wachstum andeuten. Der Doktor lauscht in den Wald hinein: Nur das Rauschen des Windes im hellgrünen Frühlingslaub ist zu vernehmen. Dann hört er in einiger Entfernung das vertraute, jedoch wütende Gebell seiner rotgoldenen Magyar-Vizla-Vorsteherhündin, die ihm damit signalisiert, eine Beute ausfindig gemacht zu haben. Der Jäger ist etwas verwundert, war er doch eigentlich auf dem Wege zu seinem Hochsitz, denn ab dem 1. Mai ist die Jagdsaison auf Rehböcke eröffnet. Lautes Rauschen unterbricht die Stille, zwei jüngere Bachen huschen, weil offensichtlich von Miras Erscheinen aufgescheucht, in wildem Galopp an ihm vorbei.
Während er in die Richtung eilt, aus der er Miras Bellen ausmacht, mutmaßt Treibert, ob es sich vielleicht um ein von benachbarten Jägern angeschossenes Tier handeln könne, das sich verwundet in sein Revier verkrochen hat.
»Halt, Mira! Und down!«, befiehlt er und pfeift einen längeren Triller hinterher. Als er zu der Stelle gelangt, an der die Hündin mit hechelnder Zunge brav dem Befehl folgend vor einer offensichtlich frisch gegrabenen leichten Erderhöhung im Waldboden liegt, lobt er sie mit wiederholten Streicheleinheiten und legt sie an die Leine, um sie einige Meter von der makabren Fundstelle zurückzuziehen. Längst hat er mit Schrecken die blutigen Überreste eines menschlichen Arms entdeckt, der seitlich aus dem Tumulus herausragt. Die Wildsauen hatten offensichtlich kurz zuvor die Stelle aufgespürt und sich bereits daran zu schaffen gemacht, als sie dabei von Mira gestört und verjagt wurden.
Der Zahnarzt zieht sein Smartphone aus der Tasche und geht einige Schritte weiter bis zu einer nahe gelegenen Lichtung, an der endlich ein Empfangssignalstrich auf dem Display erscheint. Er tippt auf die App, mit der er das GPS aktiviert, und stellt die genaue Ortung fest. Dann wählt er die 110.
*
Ein langer Abend steht an diesem Freitag Kriminalhauptkommissarin Nili Masal, ihres Zeichens Leiterin des vierköpfigen Teams für Sonderermittlungen im Kieler LKA, und ihrem direkten Vorgesetzten und Lebensgefährten, dem Ersten Kriminalhauptkommissar Walter Mohr, bevor: der festliche Empfang, mit dem Nilis Freundin Dr. jur. Kathja Harmsen, Tochter des Oberstaatsanwalts Hinrich Harmsen, ihren frisch erworbenen Doktorhut in den urigen Räumen der ›Hafenwirtschaft‹ in der Kieler Kanalstraße feiert. Die geräumige Gastwirtschaft bietet just genügend Raum für die zahlreichen geladenen Gäste. Kitt, wie sie im vertrauten Umfeld genannt wird, ist die einzige Tochter des prominenten Juristen und stolzen Vaters, der zusammen mit seiner Ehefrau Hannelore und ihr selbst die nach und nach eintreffenden Ankommenden begrüßt. Dabei handelt es sich neben Familienmitgliedern und engen Freunden naturgemäß um zahlreiche VIPs sowie namhafte Persönlichkeiten aus juristischen, polizeilichen und gesellschaftlichen Kreisen. Nach dem Empfangscocktail nehmen alle Anwesenden an ihren Tischen Platz und Kitts ebenso ehrsinniger Doktorvater, Prof. Dr. Joachim Traube – neben seiner Professur an der juristischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel auch Erster Vorsitzender der von ihm ins Leben gerufenen ›No-to-Drugs e.V.‹ Drogenbekämpfungsvereinigung – hält die Laudatio auf seine Doktorandin.
Es folgt eine Rede des Zweiten Vorsitzenden des Vereins, Diplom-Betriebswirt und Steuerberater Heinz Westphal, der die besondere Bedeutung von Dr. jur. Kathja Harmsens Erkenntnissen für die Bekämpfung der illegalen Einfuhr und Einschleusung der Kokaindroge in Europa würdigt und erklärt, dass sein Verein sehr stolz sei, Kitts Forschungsreise maßgeblich mitfinanziert zu haben.
Nili hatte vor mehr als einem Jahr die angehende Juristin als beschützende Weggefährtin auf ihre Forschungsreisen begleitet. Ziel war es zu recherchieren, auf welchen verschlungenen Wegen die Droge Kokain von ihren Ursprungsländern Kolumbien, Peru und Bolivien bis zu uns nach Europa gelangt. Aufgrund der ihnen gemeinsam widerfahrenen und teilweise risikoreichen Erlebnisse war zwischen den beiden jungen Frauen eine wahre Freundschaft entstanden. Nili wurde zudem zur maßgeblichen Mitakteurin an der daraus entstandenen Doktorarbeit2 und deswegen in Kitts Dankesrede als Ehrengast begrüßt und gebührend gewürdigt.
Nachdem der als Vorspeise gereichte schmackhafte Büsumer Krabbencocktail von den Gästen genüsslich konsumiert worden ist, ergreift Nili das Wort und bedankt sich für die nette Eloge ihrer Freundin. Dann kündigt sie eine kleine Überraschung an. Die Lichter im Salon werden gedimmt, eine große Leinwand fährt von der Decke herab und ein starker Beamer projiziert die Grüße und Glückwünsche der damaligen Unterstützer aus den nahen und fernen Ländern, die diese Kitt zum besonderen Anlass gesendet haben. Die Gratulationen, die neben Deutsch teilweise auch auf Flämisch, Französisch, Englisch und Spanisch formuliert sind, hat Nili übersetzt und mit der Hilfe ihres ehemaligen Oldenmoorer Vorgesetzten und begabten Videohobbyisten Boie Hansen als Lauftexte eingebracht. So erscheinen jetzt nacheinander in Wort und Bild auf der Leinwand jene wackeren Polizeibeamten und Helfer aus Antwerpen, Rotterdam, Las Palmas de Gran Canaria, Bogotá, Lima und La Paz, mit denen sie teilweise sehr spannende Episoden durchlebt haben. Sie übermitteln ihre allerherzlichsten Grüße sowie beste Wünsche für Kitts bevorstehende Juristenkarriere. Sehr geschickt hat der routinierte Polizeihauptkommissar zwischen den Texten einige der Clips mit den markantesten Episoden des Abenteuers eingeblendet, und so erhalten die Gäste einen guten Einblick in die teilweise sehr risikoreiche Expedition der beiden jungen Frauen. Besonders aufschlussreich sind die Aufnahmen von den ideenreichen Verstecken, mit denen die Drogenschmuggler ihr schändliches Gewerbe betreiben, zumal sie stets bestrebt sind, das verhängnisvolle Kokaingift in Europa einzuschleusen. Spannend ebenso die nimmer enden wollende Jagd auf illegale Plantagen des Cocastrauchs und die primitiven Labors im undurchdringlichen Dschungel, in denen der Blättersaft in eine todbringende Droge verwandelt wird. Nicht zuletzt werden kurze Szenen von ihrer Geiselnahme durch die FARC-Rebellen eingeblendet, ebenso Ansichten, die sie während der Gefangenschaft in dem in der kolumbianischen Wildnis gut getarnten Guerillacamp zeigen. Trotz der Gefahr, in der sie sich befanden, konnten sie diese Szenen mit ihrer verdeckten Minikamera drehen. Die etwa zwanzigminütige Vorführung wird mit großem Interesse verfolgt und viel Applaus belohnt. Die Lichter gehen wieder an.
Zutiefst gerührt und mit Tränen in den Augen geht Kitt zu Nili und umarmt sie. »Was für eine tolle Idee, Nili! Du hast uns allen damit eine unheimlich große Freude gemacht. Vielen Dank an dich und ebenso an Boie Hansen für dieses wunderbare Video.«
»Es war auch für uns ein Riesenspaß, liebe Kitt! Aber das war ja noch nicht alles! Siehst du dort die markante Figur mit dem Camcorder im Hintergrund?« Nili deutet mit einem breiten Lächeln in Richtung der Theke.
Als Kitt sich suchend umdreht, richtet der Kameramann sein Objektiv auf die beiden und winkt ihnen freundlich zu.
»Ich habe Boie Hansen – natürlich mit Erlaubnis deines Vaters – hier hereingeschmuggelt, damit er einige Aufnahmen von deiner prachtvollen Feier macht. Daraus schneidet er für dich ein Erinnerungsvideo, das du dann auch an all die Freunde versenden kannst, die dir so herzlich gratuliert haben. Du müsstest nur noch ein paar Dankesworte hinzufügen.«
Als Nächstes folgt ein erlesenes Fünf-Gänge-Menü, mit dem die Gastgeber die Anwesenden verwöhnen. Den Anfang macht eine edle Steinpilz-Consommé, gefolgt von frittierten pikanten Rind- und Hühnerfleisch-Blätterteigtäschchen als Tramezzini. Nach dem Intermezzo mit Flieder-Champagner-Sorbet reicht man den Gästen zartrosa gebratene Rehmedaillons mit Spargelröllchen im Schinkenteig und Käsespätzle als Hauptgang. Bereits während der Vollendung des Diners mit einem ausgefallenen Erdbeertiramisu spielt im Hintergrund eine Fünfmann-Combo leise Unterhaltungsmusik. Zu den standesgemäßen Klängen des Blaue-Donau-Walzers eröffnet Kitts Vater Hinrich Harmsen den Tanz mit Ehefrau Hannelore. Nach einigen Takten trennen sich die beiden und holen Professor Traube und Kitt auf die Tanzfläche; der Professor wechselt kurz danach wiederum zu Nili, während sich Kitt deren Waldi schnappt – denn so wird Doktor Walter Mohr allgemein von Kollegen und Freunden genannt. Nach und nach kommen weitere Paare hinzu und bald kreisen sie alle im beschwingten Dreivierteltakt umher.
Professor Traube zeigt sich besonders begeistert von dem gezeigten Video. »Wäre es möglich, sehr geehrte Frau Masal, von diesen Aufnahmen eine lehrreiche Reportage für unseren ›No-to-Drugs‹-Verein anzufertigen? Ich denke, eine solche würde zur Untermauerung unserer Arbeit zur Drogenbekämpfung besonders hilfreich sein.«
»Selbstverständlich, Herr Professor, sehr gern! Ich glaube auch, Sie haben da eine sehr gute Idee. Am besten, ich mache Sie gleich mit meinem früheren Vorgesetzten, dem Polizeihauptkommissar Boie Hansen, bekannt, der das Video für uns produziert hat und gerade einige Aufnahmen von dieser Feier macht. Sie könnten alles mit ihm direkt besprechen.«
Nachdem sie die beiden Herren zusammengeführt hat, lässt sie ihren Blick durch das Lokal schweifen, um ihren Waldi in der Menge ausfindig zu machen. Dieser begleitet soeben Nilis langjährige Intimfreundin Melanie Westphal nach dem Tanz zu ihrem Tisch. Da an diesem zwei Plätze frei werden, setzen sich die drei zusammen und unterhalten sich so lange, bis das Paar, das gerade aufgestanden ist, wieder vom Tanz zurückkehrt. Waldi fordert Nili auf und beide gehen auf die Tanzfläche. Nilis Liebster ist nicht gerade das, was man einen begnadeten Tänzer nennen würde, aber er gibt sein Bestes, um beim Cha-Cha-Cha im Takt zu bleiben und Nili nicht allzu oft auf die Füße zu treten. Als jedoch anschließend eine noch flottere Salsa ertönt, streicht er mit leidender Miene die Segel und Nili hilft ihm galant aus der Bredouille, indem sie sich bei ihm einhakt, damit er sie zurück an ihren Tisch führen kann.
Des Öfteren wird Nili zum Tanz aufgefordert. In der Zwischenzeit unterhält sich Waldi der Höflichkeit halber mit den beiden etwas trocken wirkenden Tischnachbarn – ein emeritierter Richter und seine mindestens zehn Jahre jüngere, noch praktizierende Arztehefrau – und beobachtet dabei mit sichtlichem Behagen die grazilen rhythmischen Tanzbewegungen seiner besonders attraktiven Gefährtin. Wie so oft bewundert er die groß gewachsene hübsche Frau mit den kurz gestylten, brünetten Haaren. Das immer noch betont jugendlich wirkende Gesicht, in dem zwei alert und zumeist lustig blickende braune Augen über der perfekt geformten Nase und den vollen roten Lippen auffallen, harmoniert bestens mit dem grünschwarzen, eng taillierten Kleid, das den Busen und ihre weiblichen Rundungen betont. Derart in seine anhimmelnde Betrachtung vertieft, vernimmt er nur am Rande die abschätzigen Äußerungen seines Gegenübers, der sich mit Bedauern über die schleppende Arbeitsleistung seiner gegenwärtig amtierenden Kollegen und Staatsanwälte auslässt.
»… so etwas wie gerade in der letzten Woche geschehen«, donnert der frustrierte Kadi a. D., »dass zwei in Untersuchungshaft sitzende Täter unverrichteter Dinge erzwungenermaßen laufen gelassen wurden, weil man nicht imstande war, innerhalb der vorgeschriebenen Frist die Klageschrift vorzulegen. Ist doch unhaltbar, oder? So etwas hat es während meiner Amtszeit niemals gegeben!«
Als Waldi ihm zustimmt und ebenfalls bedauert, dass es aufgrund des strikten Sparkurses der Bundes- und Landesregierungen auch bei der Polizei zu einem eklatanten Personalmangel gekommen sei, erntet er allerdings ein »Papperlapapp, mein geschätzter Herr Erster Kriminalhauptkommissar! Dann müssen sich die werten Herren eben etwas länger auf den Hosenboden setzen und sich mit ihrer Arbeit an den Riemen reißen! Uns hat damals auch niemand gefragt, ob wir mehr Personal brauchen, wir haben eben unsere Aufgaben gewissenhaft und effizient erledigt und haben erst danach Feierabend gemacht oder sind in den Urlaub gefahren, wenn überhaupt! Kein Wunder, dass sich die Aktenstöße der unerledigten Fälle türmen! Da hätte man uns von oben ganz schön die Leviten gelesen, das kann ich Ihnen versichern!«.
Zu Waldis Glück kommen Nili und ihr Tanzpartner in diesem Augenblick an den Tisch zurück, sodass er aufsteht, um ihr den Stuhl anzubieten, und dadurch den hohlen Law-and-Order-Sermon des aufgebrachten Emeriten beenden kann. Er wendet sich Nilis Begleiter zu, dem Kriminalrat Dr. Ronald Lindner vom BKA, mit dem er damals Kitts und Nilis ›Operation Coca-Trail‹ koordiniert und geleitet hatte, den er aber ebenso von verschiedenen Treffen und Seminaren in Wiesbaden gut kennt.
»Endlich hatte ich Gelegenheit, Ihre charmante Kriminalhauptkommissarin persönlich kennenzulernen und sogar mit ihr tanzen zu dürfen, mein geschätzter Doktor Mohr. Ich danke Ihnen sehr, geehrte Frau Masal! Es war mir ein besonderes Vergnügen!« Der Kriminalrat verbeugt sich förmlich vor Nili. Selbstverständlich kommt im anschließenden Small Talk das hochaktuelle Umzugsthema des BKA nach Berlin zur Sprache; sehr ungern wolle der Kriminologe in die Bundeshauptstadt umziehen, er hoffe doch inständig, mit seinem Dienstsitz in Wiesbaden bleiben zu dürfen. Keineswegs wolle er mit der Familie in diesem Moloch wohnen, er nehme dann doch eher das beschwerliche wöchentliche Hin- und Herpendeln in Kauf.
Es ist schon nach Mitternacht, als Nili und Waldi sich von den Gastgebern verabschieden und in das Taxi steigen, das sie zu Waldis Wohnung in der Niebuhrstraße im ehemaligen Kieler Marineviertel Ravensberg bringt. Eng aneinandergeschmiegt sitzen sie im Wagenfond und lassen noch einmal die Erlebnisse des Abends Revue passieren. Dann allmählich geht die Konversation in ein stummes Wohlbehagen über, sie legt ihren Kopf an seine Schulter. Während der Weiterfahrt schwelgt jeder von ihnen in seinen eigenen Gedanken. Waldi sinniert, welch Glück er hat, diese geliebte und bewundernswerte junge Frau als Kollegin, aber noch viel mehr als seine Lebensgefährtin an seiner Seite zu wissen, er muss aber auch daran denken, was für ein vertracktes Schicksal hinter ihrem Lebenslauf steckt.
Nili Masal wurde in einem israelischen Kibutz am Fuße der Golanhöhen sehr nah an der damaligen Grenze zu Syrien geboren. Ihr jüdischer Vater Rubén Glickmann stammte aus Polen und fand, ebenso wie ihre in Schleswig-Holstein geborene Mutter Elisabeth Keller, von allen Lissy genannt, samt Kindern Asyl vor der Naziverfolgung in Bolivien. Rubén machte in La Paz seine Lehre und arbeitete anschließend in der Bäckerei von Lissys Vater Heiko Keller. Kaum war Israel 1948 zum jüdischen Staat im eigens dafür geteilten Palästina ausgerufen worden, überfielen es feindlich gesinnte Araber, sowohl jene im eigenen Territorium als auch die aus den umliegenden Nachbarländern. Weil wohl die Vernichtung Israels durch die gewaltige Überzahl sowie die übermächtige militärische Ausrüstung der Angreifer drohte, wanderte Rubén ebenso wie Tausende jüdische Männer und Frauen aus aller Herren Länder herbei, um ihr zurückerworbenes Heimatland zu verteidigen. Nach dem Ersten Weltkrieg, der nach blutigen und verzweifelten Kämpfen mit einem Waffenstillstandsabkommen endete, trat Rubén in den Kibutz Halonim ein. Dort nahm er, wie viele andere auch, einen sinngemäß übersetzten hebräischen Nachnamen an: aus dem jiddischen Glickmann wurde Masal, was gleichwohl ›Glück‹ bedeutet.
Nachdem Nilis Großeltern, Heiko und Clarissa Keller, Anfang der fünfziger Jahre aus dem langjährigen Exil in Bolivien nach Oldenmoor zurückgekehrt waren, verbrachte ihre Mutter Lissy, damals noch ein Teenager, ihre beiden letzten Jahre bis zum Abitur in Hamburg. Danach machte sie ihren bereits in Bolivien gefassten Entschluss wahr, nach Israel auszuwandern. Da ihr Großvater Oskar Keller Jude gewesen war, meinte Lissy, sie sei zwar ja nur ›eine vierteljüdische Deutsche‹, jedoch hatten sie die gravierenden Begleiterscheinungen der argen nationalsozialistischen Ära, die sie, ihren Bruder Oliver und ihre Eltern zur Auswanderung genötigt hatten, derart geprägt, dass sie sich innerlich uneingeschränkt dem Judentum verbunden fühlte. Dies allerdings in einer absolut konfessionslosen Manier, denn ebenso wie ihr Vater und auch ihr Bruder hielt sie absolut nichts von irgendeinem rituellen Glauben oder dessen Religionsausübung. In Israel eingetroffen, trat Lissy ebenfalls in den Kibutz Halonim in Galiläa ein und gesellte sich dort zu den vielen Vereinskameraden ihrer vormaligen Lapazer jüdischen Jugendbewegung. Bereits während der Kindheit war sie betont naturverbunden gewesen. In den zumeist auf der Hacienda ihrer Nennonkel und -tante verbrachten Schulferien3 hatte sie sich immer schon besonders für die Aufzucht und die Hege von Federvieh interessiert. Diese Vorliebe brachte sie auch bald dazu, im großen Hühnerstall des Kibutz, dem Lul, zu arbeiten.
Es dauerte dann auch nicht lange, bis sie bei der Kibutzleitung den Antrag stellte, Geflügelzucht wissenschaftlich studieren zu dürfen. Nun war Halonim erst zwei Jahre vor der Staatsgründung Israels von den aus mehreren südamerikanischen Ländern eingewanderten jungen Chalutzim4 gegründet worden und deshalb auch noch lange nicht wohlhabend. Trotzdem wurde ihr und einem Kollegen gestattet, an einer spezialisierten Ausbildungsstelle zu studieren, und man sagte ihr die Übernahme der dadurch entstehenden Kosten zu.
Wegen ihrer riskanten Grenzlage wurde die Siedlung des Öfteren von marodierenden Eindringlingen aus dem syrischen Golan heimgesucht und die Bewohner standen deswegen stets in angespannter Wachsamkeit in Bereitschaft. Lissy war nach einiger Zeit eine engere Beziehung mit Rubén Masal eingegangen. Liliths – Lissys neuer israelischer Name – Liebesbeziehung zu dem ehemaligen Kameraden aus La Paz blieb nicht lange ohne Folgen, und so brachte sie ihren Sohn fast gleichzeitig mit dem erfolgreichen Abschluss ihres Studiums zur Welt. Beide hatten im Kibutz geheiratet und konnten nun von ihren bisherigen Junggesellen-Schlafgemächern zusammen mit dem Neugeborenen in ihren bescheidenen Shikun – eine kleine Behausung für Ehepaare – einziehen. In Erinnerung an Lissys Großvater, Hans-Peter von Steinberg, gaben sie ihrem Nachwuchs den Namen Hanan-Peres, sodass die Anfangsbuchstaben übereinstimmten. Kurz danach konnten sich beide wieder ihren Aufgaben – Rubén in der Bäckerei, Lilith bei ihren Hühnern – voll widmen. Wie in allen Kibutzim üblich, umsorgten tagsüber Kleinkinderbetreuerinnen alle neugeborenen Babys im gemeinsamen Hort. Lilith machte den Lul-Ausbau zu ihrer Lebensaufgabe. Die Stallungen wurden erweitert und den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst. Allerdings entschied man sich schon seit den Anfängen für eine artgerechte Bodenhaltung der Tiere, anstatt sie in jene engen Legebatterien zu pferchen, die gerade damals überall grassierten, weil als ›state of the art‹ gefeiert. Lilith sah ihre Schützlinge eher als Geschöpfe und eben nicht als nackte Brathändelspießkost oder Eierlegemaschinen an.
Das friedliche Schaffen in der kommunalen Landwirtschaftsgemeinschaft wurde immerfort durch grausame Kriegsausbrüche jäh unterbrochen. Israel war seit der Staatsgründung ständig der Bedrohung der umliegenden feindlichen Nachbarn ausgesetzt, zu der sich nun auch der blutige Terror der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO unter Jassir Arafat summierte. Die während der ersten Befreiungskämpfe teils aus dem Territorium Israels geflüchteten, teils verjagten Araber hatten zwar in den angrenzenden Ländern ungeliebte Zuflucht, aber keinerlei Integration erfahren oder gar eine neue Heimat gefunden. Sie wurden von den Regierenden in Ägypten, Syrien, Libanon und Jordanien absichtlich in elenden Flüchtlingslagern unter sehr prekären Bedingungen zusammengedrängt und lebten dort wie ein wucherndes Geschwür. Es war in der Tat eine probate Methode, um ihren Hass auf Israel zu wahren und noch weiter zu schüren. Neben den immer wieder vorkommenden militärischen Kriegsscharmützel, die meist von der israelischen Armee erfolgreich abgewehrt werden konnten, waren es die oft vorkommenden Kommandoaktionen der PLO-Attentäter, die alle Grenz-Kibutzim und -städte zur kontinuierlichen und erhöhten Wachsamkeit zwangen. Auch Halonim befand sich in einer dieser unmittelbaren Gefahrenzonen und blieb nicht von solch hinterhältigen Attacken verschont. Da die mordlüsternen Täter meist im Schutz der Dunkelheit heranschlichen, waren an den strategisch relevanten Stellen Wachposten aufgestellt, die aufmerksam das umliegende Gelände observierten. Und dennoch geschah es eines Tages, dass es einem dieser Meuchelmörder gelang, sich während der sengenden Mittagshitze unbemerkt bis an den Kinderhort heranzurobben und durch ein offenes Fenster zwei Handgranaten auf die wehrlosen Kleinen zu werfen. Eine der Betreuerinnen schaffte es gerade noch, sich zu opfern, indem sie versuchte, mit ihrem Körper die Granatenexplosion vor den Kindern abzuschirmen. Die andere Granate explodierte jedoch ungehindert im Raum und verursachte ein Massaker: Sieben Kinder, darunter auch der gerade einjährige Hanan-Peres Masal, waren auf der Stelle tot, vierzehn andere teils schwer verwundet. Leider eine halbe Minute zu spät entdeckte man den Attentäter vom Wachturm aus und tötete ihn mit gezielten Schüssen.
Der gewaltige Schock traf die Gemeinschaft zutiefst. Mit einem Schlag hatte der Mörder fast zwei Drittel der Kibutz-Nachkommenschaft vernichtet oder schwer verletzt. Untröstlich die Eltern der Getöteten, schwer traumatisiert jene der Verletzten. Verständliche Rachegefühle wurden geweckt, und während eines nächtlichen bewaffneten Überfalls auf ein unweit gelegenes syrisches Dorf auf dem Golan, in dem sich auch ein PLO-Stützpunkt versteckte, gelang es, fünf weitere dieser Terroristen unschädlich zu machen. Aber auch dies konnte das junge verblutete Leben nicht zurückbringen. Lilith musste drei Monate in einem Nervensanatorium verbringen, um über ihre schwere Depression hinwegzukommen. Als begleitende Therapie begann sie wieder die Flöte zu spielen, was ihr schon als Kind in Bolivien und danach während ihrer Hamburger Gymnasialzeit so viel Freude bereitet hatte. Das vom längst verstorbenen Familienfreund Onkel Suhl stammende Instrument hatte sie während ihrer Auswanderung nach Israel begleitet, ohne dass sie bisher hier dazu gekommen war, ihr vormals so geschätztes Hobby weiter zu betreiben.
Mit der Zeit schwand allmählich der tiefe Elternschmerz über den grausamen Verlust und es stellte sich mit dem Lauf der Jahre wieder ein gewissermaßen normaler Alltag ein. Als dann 1972 Lilith schon fast achtunddreißig Jahre alt war, schenkte sie Rubén eine Tochter, die sie Nili nannten. Bald danach schlug abermals das grausame Schicksal zu: Israel war nach den vergangenen für sie erfolgreich beendeten Kriegen fatalerweise gegenüber den unterlegenen Feinden zu hochmütig geworden und wog sich in einer unheilvollen, falschen Sicherheit. Während des Jom-Kippur-Krieges im Herbst 1973, der den Staat für einen Moment an den Rand des Untergangs brachte, fiel Rubén bei einem schweren Artillerieangriff der Syrer, die danach trachteten, ihre im Sechstagekrieg von 1967 eingebüßten Golanhöhen zurückzuerobern. Der simultan ausgeführte ägyptischsyrische Überfall, der gerade am heiligsten jüdischen Feiertag begann, wurde nach tagelangen Kämpfen im Sinai und am Golan mit äußerst hohem und bitterem Blutzoll zurückgeschlagen und endete abermals mit der militärischen Niederlage der heimtückischen Angreifer. Der Kibutz Halonim wurde dabei schwer getroffen, Liliths langjähriges Aufbauwerk, ihre Hühnerstallungen im Lul, wurden Opfer der feindlichen Granateneinschläge. Oliver holte kurz danach seine abermals traumatisierte und nun verwitwete Schwester samt der gerade einjährigen Nili zu sich nach Oldenmoor, wo sie von da an verblieben.
*
Das Bremsen des Taxis unterbricht abrupt Waldis Gedankenfluss. Nachdem er bezahlt hat, steigen er und Nili aus und gehen ins Haus. Es ist eher selten, dass das Paar ein Wochenende hier verbringt, denn wann immer es ihnen möglich ist, genießen sie ihre Freizeit im Onkel Suhls Haus – Nilis Familiensitz – in der Elbmarschenkleinstadt Oldenmoor. Es ist nach jenem lieben Familienfreund benannt, der es ihren Großeltern zur Hochzeit vererbte und in dem nun Nilis Omi, Abuelita Clarissa, und ihre Mutter, Ima Lissy, wohnen.
Das Marineviertel in Kiel-Ravensberg ist ein Wohngebiet, das in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts vor allem für Angehörige der Reichsmarine und ihre Familien entstand. Es besteht aus einigen Reihen sehr ansehnlicher und mit schönen Ornamenten verzierter, offensichtlich immer noch mit Liebe erhaltener Häuser. Waldis Großvater, Leutnant zur See Rudolf Mohr, zog dort mit seiner frischgebackenen Ehefrau Waltraut kurz vor der NS-Machtergreifung ein. Er verstarb im Dezember 1939 auf dem Panzerkreuzer Graf Spee bei der Seeschlacht am Rio de la Plata vor der Küste Montevideos durch einen Kanonentreffer des britischen Gegners. In diesem Hause wurden Walters Vater sowie dessen beide Schwestern geboren, die nach ihrer Heirat wegzogen. Waldi, einziger Sohn des Ehepaars Reiner und Irmi Mohr, wuchs hier auf und besuchte sowohl die Grundschule als auch das Gymnasium bis zum Abitur. Nach dem Studium erwarb er seinen Doktortitel in Politikwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, bevor er beim Landeskriminalamt in den gehobenen Polizeidienst eintrat. Er verdiente sich die ersten Sporen bei der Drogenfahndung und avancierte zu deren Leiter.
Der meist in einen edlen Anzug aus Harris-Tweed gekleidete, gut aussehende und gerade zweiundvierzig Jahre alt gewordene stattliche Herr mit seiner leicht grau melierten lockigen Haarmähne, der altmodisch wirkenden vernickelten Brille und seinem gepflegtes Kinnbärtchen, mutet wohl eher wie ein Gelehrter als wie ein gehobener Beamter des Landeskriminalamtes an. Wegen nachgewiesener guter Führungseigenschaften wurde Waldi Ende des vorigen Jahres zum Ersten Kriminalhauptkommissar befördert, amtiert zudem als stellvertretender Leiter und ist somit Nilis direkter Vorgesetzter im Dezernat SG212 – Organisierte und Rauschgiftkriminalität –, in dem sie ihr Team von drei Mitarbeitern für besondere Sonderermittlungen befehligt.
Nachdem sein Vater und nur wenig später vor vier Jahren seine Mutter gestorben war, wurde das geräumige Elternhaus zweigeteilt. Für sich selbst beansprucht Waldi das Erdgeschoss, in dem es neben dem gemütlichen, noch aus Opas Zeiten eingerichteten Salon mit Kamin und dem Schlafzimmer nur noch einen weiteren Raum gibt, in dem er sein Arbeitszimmer eingerichtet hat. Die altehrwürdige Küche sowie das Badezimmer stammen räumlich noch aus der ursprünglichen Bauzeit und wurden anlässlich des stattgefundenen Umbaus zeitgemäß umgestaltet. Das neu entstandene Apartment im Obergeschoss ist – nach entsprechendem Um- und Einbau von Küche und Badezimmer – an den Kollegen Lutz Krause vermietet, seit Kurzem zum Ersten Kriminaltechniker im jüngst gegründeten Kriminaltechnischen Institut im LKA avanciert, der es mit seiner Frau Marion und den Teenagern Jan und Tim bewohnt.
Nili, ehemalige Oberkommissarin von der Polizeidienststelle in Oldenmoor, und Waldi, der damalige Leiter der Drogenfahndung, lernten sich anlässlich eines brisanten Falles kennen, bei dem sie dank ihrer fließenden englischen, spanischen und Iwrith-Sprachkenntnisse von Oberstaatsanwalt und LKA um Unterstützung bei der Befragung der festgenommenen Täter gebeten worden war. An einigen weiteren Ermittlungsfällen arbeiteten die beiden gelegentlich sehr gut zusammen und kamen sich dabei allmählich nahe; vor einigen Monaten gingen sie eine innige und äußerst harmonische Beziehung ein. Von einem gemeinsamen Heim oder gar von Heirat war bis heute allerdings noch nicht die Rede, wohl weil sie neben der täglichen Zusammenarbeit stets ihre Freizeit gemeinsam gestalten, sobald sich hierfür eine Gelegenheit bietet.
Nach einer eiligen Dusche vereinigt sich das Paar im zärtlichen Liebesspiel, das sie bald bis zur wonnigen Sinnesekstase bringt. Völlig ermattet sinkt Nili danach in die Arme des Geliebten und sie fallen in enger Umarmung bald danach in tiefen Schlaf.
Tot aufgefunden
»Weibliche Leiche, Körpergröße einhundertachtundsechzig Zentimeter, geschätztes lebendes Körpergewicht etwa achtundsechzig Kilo, vermutliches Alter zwischen dreißig und fünfunddreißig Jahre, dunkelblondes Haar, blaue Augen. Zahngebiss bis auf zwei fehlende Weisheitszähne vollständig; massive prämortale Hämatome im Gesicht sowie an Oberkörper und Extremitäten. Sie muss des Öfteren heftig geschlagen worden sein. Auch das Nasenbein scheint gebrochen. Außerdem zeigen die Hämatome an den Handgelenken, dass sie gefesselt gewesen sein muss. Daran ist sie aber nicht gestorben. Nach einem massiven Schädel-Hirn-Trauma, das entweder von einem stumpfen Gegenstand am Hinterkopf oder vielleicht von einem heftigen Sturz herrührt, verstarb sie an der anschließenden epiduralen Blutung – so bezeichnet man medizinisch eine innere Verblutung im Hirn – etwa ein bis zwei Stunden nachdem man ihr diese Verletzung zugefügt hat. Die Frau wurde schätzungsweise ungefähr sechs Stunden nach dem Todeseintritt an diesen Ort gebracht und unbekleidet in einer Mulde im Waldboden abgelegt, dann notdürftig mit etwas Erde, Laub und Reisig abgedeckt, sodass der Leichnam sehr rasch von den herumstöbernden Wildschweinen aufgespürt und vier Finger von dessen rechter Hand fast vollständig abgebissen wurden. Auch der Unterarm wurde teilweise angefressen.«
Der jüngere Arzt, der von den Polizeibeamten zur Leichenschau angefordert wurde und den Bericht diktiert, richtet sich auf: »Ich darf mich vorstellen: Assistenzarzt Finn Engelmann, zurzeit Doktorand bei Professor Christoff Klamm, Leiter des Gerichtsmedizinischen Instituts an der Kieler Universitätsklinik, der mich an seiner Stelle zu diesem Leichenfundort beordert hat.«
»Vielen Dank, Herr Engelmann, das war recht umfangreich und reicht uns für den Augenblick.« Kriminalrat Harald Sierck, Leiter der Mordkommissionen von der Kieler Bezirkskriminalinspektion Blumenstraße, nickt anerkennend angesichts der umfassenden Angaben.
»Was meinen Sie, Breiholz, noch Fragen an den Herrn Doktor?«, erkundigt er sich bei seinem Begleiter.
»Nett gemeint, aber bitte keine vorzeitige Promotionsverleihung, Herr Kriminalrat«, interveniert der Assistenzarzt. »Die Doktorsporen muss ich mir erst noch erarbeiten, und ich befürchte, das wird noch ein Weilchen dauern«, scherzt er.
Kriminaloberkommissar Sascha Breiholz grinst. »Nur keine falsche Bescheidenheit, Doc. Das, was wir soeben von Ihnen zu hören bekamen, hätte Ihr verehrter Herr Professor auch nicht besser vortragen können. Aber eine Frage hätte ich noch: Können Sie schon jetzt abschätzen, wie lange die Leiche hier liegt?«
»Die letzte Nacht war sehr kalt und die Leiche unbekleidet. Beides macht es mir nicht unbedingt leicht, Ihre Frage genau zu beantworten. Dennoch, da die Totenstarre vollständig ausgeprägt ist, trat der Exitus schätzungsweise vor etwa vierundzwanzig bis dreißig Stunden ein. Wie gesagt, die livores mortis – also die Leichenflecken«, ergänzt er beflissen auf den plötzlichen stirnrunzelnden Ausdruck des Fragenden, »deuten auf etwa sechs Stunden danach, da die Leiche offensichtlich für den Hertransport vollkommen umgelagert wurde. Demnach schätze ich grob, circa achtzehn bis vierundzwanzig Stunden. Einen genaueren Todeszeitpunkt erfahren Sie dann im Obduktionsbericht.«
Steffi Hink, die gerade hinzugekommene Kollegin der Moko, rechnet zurück.
»Das würde bedeuten, dass die Tat in der Nacht vom letzten Mittwoch zum Donnerstag begangen und die Leiche gestern am sehr frühen Morgen hier deponiert worden sein muss.«
Der Leiter der Mordkommission nickt zustimmend.
»Danke, Herr Engelmann, das hilft uns erst einmal. Grüßen Sie den Herrn Professor von uns.«
»Ich darf mich dann verabschieden, wünsche Ihnen noch einen schönen Tag«, murmelt der Arzt im Gehen.
Harald Sierck ruft hinüber zu den Kollegen der SpuSi: »Wie weit seid ihr vom KTI? Kann die Leiche in die Gerichtsmedizin?« Er deutet auf die beiden Männer in grauen Anzügen, die in der Nähe mit ihrem geöffneten Metallsarg in Wartestellung sind.
»Kann sie abtransportiert werden?« Der angesprochene erste Kriminaltechniker Lutz Krause wendet sich ihnen zu und zeigt mit dem Daumen nach unten. Er ruft etwas Unverständliches zu einer weiteren, in einen weißen Schutzanzug gekleideten schlanken Figur, die sich daraufhin in ihre Richtung in Bewegung setzt.
»Guten Morgen, Herr Kriminalrat, Kollegen! Annegret Prinz. Ich bin die Fallanalytikerin vom KTI. Wir müssen noch ein wenig den Boden um die Leiche herum untersuchen, bevor wir sie abheben. Überlassen Sie bitte alles Weitere uns, wir geben dann den Leuten für die Überführung in die Gerichtsmedizin Bescheid, wenn es so weit ist!«
Die drei Kripobeamten beäugen ein wenig verwundert den nahezu asketischen Gesichtsausdruck der erst kürzlich ins Team gekommenen Spezialistin der Spurensicherung.
»In Ordnung, Frau Prinz, dann machen wir uns hier vom Acker. Kommt, Leute, es gibt Arbeit!«, fordert der Kriminalrat seine beiden Kriminaloberkommissare auf, die der Kriminologin, die neuerdings als zuständige Teamkoordinatorin für Operative Fallanalyse am Kriminaltechnischen Institut amtiert, kurz zunicken, um sogleich ihrem Chef zum Dienstwagen zu folgen.
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Sein mehrfaches Klingeln bringt keinen wahrnehmbaren Erfolg, deshalb trommelt Lutz Krause so laut er kann an Waldis massiver Wohnungstür. Dann versucht er es abermals mit wiederholten, kurz unterbrochenen Klingelzeichen. Endlich scheint sich in der Wohnung etwas zu bewegen. Ein verschlafenes weibliches Gesicht erscheint an der nur einen Spaltbreit geöffneten Eichentür. Lutz kann sich ein breites Lächeln nicht verkneifen.
»Wohl spät geworden gestern, ihr Schlafmützen?«
»Ist ja unmenschlich, Leute so ungestüm mitten in der Nacht zu wecken, du Unhold!«, vermag ihm Nili mit einem Gähnen entgegenzuhalten.
»Was heißt hier Mitternacht? Es ist bereits halb elf am Vormittag und dazu noch ein Scheißwetter draußen, aber ihr sollt trotzdem zu uns zum Brunch heraufkommen! Marion wartet schon sehnsüchtig auf dich, Nili, sie hat bereits alle Zutaten für die Katiuschka parat – oder wie das Zeug heißt, für das sie dein Rezept bekommen hat. Die soll gleich ausprobiert und zusammen mit dir gebrutzelt werden. Also, was ist? Schafft ihr es heute noch aus den Federn?«
»Lieb von euch! Klar, Lutz, wir kommen gern. Aber eine schnelle Dusche müsst ihr uns noch zubilligen. Das Gericht heißt übrigens Shakshouka und ist sehr lecker, wirst schon sehen! Gib uns bitte zwanzig Minuten, ja?« »Okay, aber keine Minute länger, damit das klar ist – ich sterbe nämlich vor Hunger!«
Etwa eine halbe Stunde danach stehen die beiden Frauen am Herd. Nachdem das Tomaten- und Paprikagemüse, vermischt mit Chilischoten, Zwiebel- und Knoblauchscheiben, die halbierten Oliven und Kabanossiwürfel in den beiden Pfannen in heißem Olivenöl gut durchgeschmort sind, macht Nili darin die Mulden für die sechs Setzeier frei, und nachdem diese darin vorsichtig deponiert wurden, erhält jede Pfanne einen Deckel und die Herdplatten werden ausgeschaltet.
»Nun sollen die Eier etwa fünf Minuten lang poschieren, dann ist die Shakshouka5 fertig!«, verkündet Marion verheißungsvoll.
»Wird auch wirklich Zeit, Mama, mein Magen knurrt schon ziemlich laut!«, raunt Tim, der jüngste Sohn der Krauses, scherzend. Tims Bruder Jan, ihr Vater Lutz und Waldi sitzen ebenso ungeduldig harrend am Tisch in der Wohnküche.
Lutz greift nach dem Korb mit den Brötchen und reicht ihn herum. »Du könntest uns schon mal den Kaffee einschenken, junger Mann!«
Tim, der nach seinem Fachabitur vor einigen Monaten eine Lehre als Mechatroniker bei den Lübecker Drägerwerken angetreten hat und bisweilen nur das Wochenende ›bei Muttern‹ genießt, steht grienend auf und folgt der Aufforderung. »Bist ja ebenso schlimm wie mein Meister, Vadder! Für den muss ich auch dauernd was holen!«, beklagt er.
»Mach dir nicht ins Hemd, Kleiner!«, witzelt Jan. »Jammern gilt nicht! Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre, das is ’ne alte Weisheit, nicht wahr, Vater?«
»Und du mach dich nicht so wichtig, mein Großer«, ermahnt ihn die Mutter. »Noch bist du kein Herr Professor!« Grinsend droht sie ihm mit dem Pfannenheber. »Holt man schon die Teller heran, damit wir Nilis leckerere Kreation auf den Tisch bringen können!«
Jan macht eine duale Ausbildung: Weil er in die Fußstapfen des Vaters treten möchte, belegt er neben seiner bereits fast abgeschlossenen Lehre als chemischer Labortechniker in Kiel ein Fernstudium am Institut für Kriminologie an einer privaten Hochschule in Berlin. Sein Ziel ist der Bachelor-Abschluss.
»Wie auch immer, Nili, das Warten hat sich wirklich gelohnt, deine Katiuschka schmeckt wirklich hervorragend!«, lobt Lars und schmatzt bewusst laut.
Alle lachen und stimmen ihm zu.
»Ich will mich ja nicht mit fremden Federn zieren«, klärt Nili auf, »aber das Rezept für die Shakshouka habe ich von unserer Habiba bekommen und sie hat uns damit schon des Öfteren verwöhnt.«
»Hat keinen Sinn, Lars zu korrigieren«, stellt Waldi grinsend fest. »Du musst dich damit abfinden, Nili, dass dein famoses Gericht soeben unwiderruflich umgetauft wurde!«
Als sie sich alle satt gegessen und ausreichend Kaffee dazu getrunken haben, der Tisch abgeräumt und Geschirr samt Besteck in die Reinigungsobhut der Spülmaschine übergeben wurden, gehen die Erwachsenen hinüber ins Wohnzimmer, um ein gemütliches Plauderstündchen als Ausklang zu genießen. Die beiden jungen Leute ziehen sich in ihre Zimmer zurück, der Ältere, um zu lernen, sein Bruder, um am PC zu spielen.
Nachdem Waldi und Nili abwechselnd von der gestrigen Feier berichtet haben, bemerkt Lutz: »Wir hatten’s nicht so behaglich wie ihr beiden!«, und erzählt von dem Leichenfund im Forst. »Das war ganz schön hübsch hässlich, würde unser seliger Father Brown alias Heinz Rühmann bei einem solch grausigen Anblick bemerkt haben. Mit der düsteren Erscheinung von durch Gewaltverbrechen Getöteten musste ich mich ja inzwischen wohl oder übel abfinden, aber diese da, die hat mich total schockiert. Nicht nur, weil sie schon von Wildschweinen angefressen war, sondern vielmehr weil Gesicht und Oberkörper des Opfers total verunstaltet waren. Wer auch immer der armen Frau all das angetan hat, muss eine bestialische Wut in sich gehabt haben. Unglaublich!« Offensichtlich wirkt der furchtbare Eindruck noch nach, denn der sonst kühl und nüchtern daherkommende Kriminaltechniker scheint zutiefst bestürzt.
Nach einer Pause meldet sich Nili zu Wort: »Ich kann dir das absolut nachfühlen, lieber Lutz! Jedes Mal, wenn ich einen Tat- oder Fundort betreten muss, befällt mich tiefe Beklemmung, und wenn ich mit einer so tristen Aufgabe konfrontiert werde, ergreift mich große Trauer. Nie werde ich mich ganz daran gewöhnen können. Auch wird es mir kaum gelingen, die gebotene mentale Distanz zum Opfer zu halten, die unsere psychologischen Betreuer uns abverlangen. Es passiert mir immer wieder, an jedem Ort eines Gewaltverbrechens, dagegen kann ich nichts tun.«
Waldi nimmt sie in den Arm. »Lass es gut sein, Nili, ich halte es für durchaus normal, dass sich bei derart erschütternden Anlässen derart starke Gefühle melden.«
Um das Thema zu wechseln, fragt Nili plötzlich: »Habt ihr irgendwelche Spuren gefunden, die auf die Identität der Frau hinweisen?«
»Siehste, Waldi, da erwacht die sprichwörtliche Witterungslust in unserer lieben Frau Kriminalhauptkommissarin! Gut, dass du fragst, Nili, denn da war in der Tat etwas, was ich beinahe vergessen hätte!« Rasch schwingt sich Lutz aus dem Sessel und eilt hinaus in den Flur. Kurz danach kommt er mit einem Plastikbeutelchen in der Hand zurück. »Ich will euch keineswegs den Verdauungsplaisier der soeben genossenen ›Katiuschka‹ vermiesen – die hat übrigens tatsächlich wunderbar geschmeckt, ehrlich! –, aber da Nili so direkt fragt, kriegt sie auch ’ne direkte Antwort.« Er legt das Tütchen auf den Couchtisch.
Waldi und Nili schauen ihn fragend an.
»Na ja, ihr wundert euch vielleicht, dass dieses Beweisstück noch in meinem Besitz ist. Lasst es euch erklären: Ich hatte eigentlich gestern einen freien Tag, um Überstunden abzubummeln, aber Kollege Andresen rief mich im Auftrag unserer Fallanalytikerin Frau Prinz an. Die bat mich, zum Tatort zu kommen. Ich fand dies zufällig, nachdem man längst die Spurensuche beendet hatte und die Kollegen bereits abgefahren waren. Als ich mich gerade meiner Schutzkleidung entledigte, fiel mir der Kuli aus der Tasche, und während ich ihn aufhob, bemerkte ich einen Blutfleck und in dessen Mitte lag das da.« Er zeigte auf das Tütchen. »Die Bache, die dem armen Opfer die Finger abgebissen hat, muss ihn wieder ausgespuckt haben! War wohl nicht ganz ihr Geschmack!«
Nili greift nach dem Tütchen. »Sieh mal, Waldi, ein Ehering!« Sie blickt auf die Innenseite: »In ewiger Liebe – Berti und 07.05.2009 sind da eingraviert«, liest sie vor.
»Nicht gerade erleuchtend, um die Frau anhand dessen zu identifizieren, nicht wahr?«, meint Lutz trocken. »Und bevor ihr die Frage stellt: Ja, die Liste der eingegangenen Vermisstenanzeigen wird bereits geprüft.«
Nili reicht das Beweisstück an Waldi weiter, dann meint sie: »In der Tat kein großer, aber immerhin ein Ansatz. Wenn man im Institut nichts dagegen hat, könnte ich meinen bewährten Kollegen Ferdl daran setzen, bei den Standesämtern im Kieler Umkreis die Liste der Ehen anzufordern, die an diesem Datum geschlossen wurden. Wenn wir Glück haben, finden wir vielleicht den besagten Berti und seine Angetraute.«
»Das ist eine gute Idee, Nili!«, räsoniert Waldi und gibt das Tütchen an Lutz zurück. »Am besten, du informierst eure Fallanalytikerin Frau Prinz, damit sie im Bilde ist.«
Lutz schüttelt den Kopf. »Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du das für mich übernehmen würdest, Waldi. Unsere ›Eiserne Jungfrau Annegret‹ ist nämlich sehr zimperlich, wenn es um die Einhaltung der vorschriftsmäßigen Richtlinien für die fallanalytische Arbeitsweise geht. Sie nimmt das mit ihrer Aufgabe penibel ernst und kann ’ne wirklich ungemütliche Kratzbürste sein, wenn man ihr in ihrem Metier zu nahetritt. Wahrscheinlich ist sie sowieso sauer, wenn sie erfährt, dass ich hierüber mit euch schon gesprochen habe, ehe sie davon erfährt.«
»Ruhig Blut, Kumpel, lass das mal meine Sorge sein. Ich konnte die Dame bereits bei der Arbeit beobachten und sie schien mir trotz ihrer Pingeligkeit durchaus kompetent. Liegt aber in der Natur der Aufgabe, dass systematische Genauigkeit nun mal eine Grundlage für den Erfolg der Fallanalyse ist, mein Lieber! Das weiß doch niemand besser als du, denn im Grunde bist auch du nicht sehr viel anders: stets besonnen und methodisch, dabei auch mal grantig, wenn’s dir gegen den Strich geht.«
»Mein Lutz ist eben ein kleiner Chauvi, wenn es um Damen im Beruf geht!«, ulkt Marion und streicht ihrem Mann liebevoll über die Haare.
Nili schmunzelt. »Hoffe doch sehr, dass ich davon ausgenommen bin.«
»Ist doch gar nicht wahr!«, protestiert Lutz heftig. »Auf diese äußerst unfaire Beschuldigung brauche ich einen ordentlichen Schluck Verteiler. Noch jemand? Ouzo, Korn, Sankt Margarethener?«
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Behaglich sitzen Nili und Waldi im Wohnzimmer vor dem wohlige Wärme spendenden Kamin und hören klassische Musik; sanft erklingt gerade das Adagio aus Mozarts einundzwanzigstem Klavierkonzert, das der virtuose Wladimir Ashkenazy mit den Berliner Philharmonikern meisterhaft interpretiert. Waldi labt sich währenddessen beim Rauchen seiner Pfeife, ein Genuss, den er sich nur noch seltener gönnen darf, ist doch fast überall das Rauchen – und zudem jenes einer Pfeife –, wenn schon nicht gar verboten, doch zumindest arg verpönt. Nili sitzt neben ihm auf dem Sofa und schnuppert den aromatischen Geruch des gesottenen Latakia-Shags. Sie tippt auf der Tastatur ihres Laptops und gibt ihrem sachkundigen IT-Fachinspektor Ferdinand Csmarits – dem jüngstens dem Sonder-Ermittlungsteam zugeordneten österreichischen Austauschkollegen aus Eisenstadt – die kargen Daten per E-Mail durch, die sie vom Ehering der aufgefundenen toten Frau entnommen hat.
»Ist ziemlich dürftig, geschätzter Ferdl, aber seien Sie bitte so nett und sehen Sie zu, ob Sie etwas daraus machen können. Noch ein schönes Wochenende wünschen Ihnen Dr. Mohr und Nili«,schreibt sie als Letztes und klickt auf ›Senden‹.
»Der Ferdl ist wirklich ein Glückstreffer für uns, Waldi. Bis jetzt war er mit seiner gewieften Sucherei im Netz immer erfolgreich!«
Seit dem grauen Morgen hat es den ganzen Tag über heftig geregnet und sie haben sich deshalb nach dem üppigen Brunch bei Krauses in Waldis vier Wände zurückgezogen. Gerade als sie gegen Abend am Küchentisch sitzen und ein karges Mal aus Schwarzbrot mit Wilstermarschkäse und ein paar Scheiben von einem bereits ziemlich trocken gewordenen Salamizipfel zu sich nehmen, macht sich Nilis Laptop mit einem Piep bemerkbar. Rasch geht sie ins Wohnzimmer hinüber und kehrt, freudig auf das Display ihres Laptops zeigend, zurück: »Siehste, ich hab’s doch gewusst: Auf uns Ferdl ist Verlass!«
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Das launige Aprilwetter setzt sich – wie stets seit Anfang Mai – zunächst fast ununterbrochen fort. Gelegentlich weicht das sonnige und schon lauwarme Wetter unverhofft einem kräftigen Schauer, der dann auch von heftigen Windböen begleitet wird. Wenige Augenblicke später scheint wieder die Sonne ganz unschuldig zwischen den vom Westwind abgetriebenen Wolken herab, als ob nichts geschehen wäre. Nur die um etliche Grade abgefallene Temperatur erinnert dann noch an die jähe Unterbrechung. So auch an diesem Sonntagmorgen, als Nili und Waldi trotz des unsanften Wolkenbruchs, der unverhofft auf sie niederprallt, tapfer ihr morgendliches Joggingpensum absolvieren. Völlig durchnässt und bibbernd vor Kälte, obwohl vom Schweiß gebadet, landen sie wieder in Waldis Zuhause, ziehen sich rasch die nassen Sachen aus und eilen gemeinsam unter die Dusche. Hier, unter dem wiederbelebenden heißen Wassererguss, erwacht in beiden ein heftiges Verlangen, das in einem leidenschaftlichen Liebesspiel gipfelt. Völlig ermattet kriechen sie wieder unter die Federdecke und sind im Nu in enger Umarmung eingeschlafen.
Es ist schon fast fünf Uhr nachmittags, als Nili sich aus der Umklammerung des Liebsten löst und auf den Wecker schaut. Sie setzt einen zarten Kuss auf Waldis Stirn, der nur mit einem leichten Grunzen quittiert wird. Grinsend dreht sie sich um und will gerade aus dem Bett steigen, als ein fester Griff an ihrem Handgelenk sie daran hindert. Mit einem kräftigen Ruck landet sie wieder an Waldis Brust.
»Die Flucht vor dem Feind ist arge Feigheit und wird auf der Stelle strengstens bestraft«, ertönt es von unterhalb der Bettdecke, unter die sie nun gezogen wird.
»Ich bekenne mich schuldig und sehne mich nach deiner Bestrafung«, flüstert Nili, indem sie Waldi auf den Mund küsst und sich anschließend auf ihn legt. »Was gibt’s hier heute Leckeres zum Abendbrot?«, fragt sie spitzbübisch, weiß sie doch ziemlich genau, dass Waldi fast nie etwas Nennenswertes, weder in seinem Kühlschrank noch in der Speisekammer, vorrätig hält.
»Was für dich der ›Grieche um die Ecke‹, deine Taverna Syrtaki mit dem liebenswerten Georgios und seiner Marita ist, ist bei mir mein ›grande amico‹ Massimo in der Feldstraße«, antwortet Waldi mit einem breiten Lächeln. »Nachdem uns Lutz und Marion bereits einige Male bei sich zum Essen hatten, habe ich die beiden für heute Abend eingeladen und einen Tisch bestellt, denn erfahrungsgemäß ist dort am Sonntag immer ›full house‹!«
»Ja, ich weiß, Waldi«, sagt Nili, küsst ihren Liebsten ein weiteres Mal und steigt aus dem Bett. »Wir waren ja schon einmal bei ihm. Aber für mich heißt es heute definitiv: nur eine Insalata Caprese zum Dinner. Sieh mal, ich kriege die Hose kaum noch zu!«
»Deine gute Absicht in Ehren, meine Liebe. Aber warte mal ab, bis du einen Blick auf Massimos Menükarte geworfen hast. Ich möchte nicht mit dir wetten, ob du dann noch bei deinem heroischen Entschluss bleibst!«
»Du mieser Schuft!«, schimpft Nili laut lachend und zieht sich an. »Aber ich möchte bitte keine Klagen hören, wenn du deswegen bald eine fette und hässliche Polizistin umarmen must!«
Ein wenig später sitzen beide Paare im Ristorante da Massimo an einem Tisch am Fenster, durch das man auf die Straßenterrasse mit Glasdach und -fensterwände blickt, für die es allerdings zurzeit in den frühen Abendstunden noch etwas zu kühl ist. Massimo, bei dem Waldi schon seit vielen Jahren Stammgast ist, heißt sie mit einem breiten »Benvenuti, carissimo dottore ed amici!« herzlich willkommen. »Wunderbar, Sie gerade ’eute zu mir da sind fur meine Spezial Osso buco! ’abe extra gemackt fur buoni amici mit Kalbs’axe kommt von Bio’of Kuhl in Krumbeck; due Kalbe hat er esclusivi fur meine Ristorante geschlachtet!«
»Dann muss ich mich eben wohl oder übel meinem Schicksal ergeben!«, seufzt Nili resigniert, nachdem keiner ihrer Einwände Massimos begeisterndem Redeschwall gewachsen war.
Waldi grinst. »Habe ich dir doch prophezeit, oder?« Er lauscht in Richtung eines der Nachbartische, wo Massimo gerade seinen Block gezückt hat, um die Bestellung aufzunehmen.
»Qui bei Massimo nix Pizza! Hier eccellente Ristorante! Wenn du Pizza wollen, dann geh’ Bahnhof!«, dröhnt die empörte Stimme des ›Padrone‹. Vergnügt beobachtet die Viererrunde den aufgebrachten Ein-Stern-Gastronomen, der sogleich die Banausen, die es gewagt haben, bei ihm eine Pizza zu bestellen, zur Tür hinauskomplimentiert.
»Salve, dottore Walter, buona sera, signori«, begrüßt wenig später eine adrette Frau mittleren Alters die Runde und stellt eine dunkle Flasche Olio di oliva extravergine dal Vall’Prino der Marke Frantoio Banzini, Dolcedo sowie eine Schale mit kleinen schwarzen Taggiasca-Oliven und einen Korb mit selbst gebackenem Brot auf den Tisch. »Come sempre, dottore! Wünsche wie immer buon appetito mit dem ›Primuruggiu‹ meines Zio Alberto.« Sie lächelt ihnen freundlich zu und entschwindet genauso lautlos, wie sie an den Tisch gekommen ist.
»Mille grazie, carissima Laura!«, ruft Waldi ihr hinterher. »Massimos Tochter«, erläutert er. »Dieses Primuruggiu ist ein wahres Juwel unter den nativen Olivenölen aus Ligurien. Ich lernte es vor fünf Jahren kennen und schätzen, als Massimo mir anbot, in seinem kleinen Häuschen Urlaub zu machen. Es liegt in dem malerischen Bergdorf Canneto Soprano inmitten von Olivenbäumen an einem Südhang oberhalb von Imperia. Das Dorf zählt vielleicht gerade mal zwanzig Häuser, von denen etwa die Hälfte noch von einheimischen Olivenbauern bewohnt ist. Die restlichen Häuser gehören heute Deutschen, Schweizern und Franzosen, die dort nur gelegentlich einige Urlaubswochen verbringen. Ich lernte im Ort sehr liebe Nachbarn kennen, denn dank meiner dafür gerade noch ausreichenden italienischen Sprachkenntnisse gelang es mir, rasch mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Besonders freundete ich mich mit dem Olivenbauernehepaar Maria und Angioletto an. Eines Tages nahm mich Angioletto mit in das Nachbardorf Dolcedo zum sogenannten Frantoio – das ist eine Ölmühle. Dorthin brachte er seine am Vortag so mühsam an den terrassenförmigen und sehr steilen Hängen von Hand geernteten kleinen Taggiasca-Oliven zur Pressung. Es war früh im Februar und die in diesem Monat geernteten Früchte sind bei der Familie Banzini – ein Schwager unseres Massimo – ziemlich begehrt, weil Lauras Onkel Alberto daraus diesen besonderen ›Nektar der Götter‹ – wie er ihn bezeichnet – herstellt. Zu Saisonbeginn und wenn sofort verarbeitet, haben nämlich Oliven einen markant hohen Anteil an ungesättigten Ölsäuren, was sie, von Diätetikern empfohlen und von Kennern besonders begehrt, sehr wertvoll und teuer macht. Diese Taggiasca-Oliven – nach der kleinen Ortschaft Taggia in der Nähe von San Remo benannt –, die nur an den Hängen der ligurischen Täler gedeihen, sind zwar klein, haben aber einen sehr aromatischen und charakteristischen Geschmack, wie ihr hier selbst feststellen könnt.« Waldi pickt demonstrativ ein paar Oliven mit einem ZahnstocTitleher und probiert sie. Nachdem er die abgenagten Kerne auf dem kleineren Teller abgelegt hat, führt er fort: »Stimmt doch, oder? Also, obwohl heute die Oliven nach dem Aussortierern und Waschen üblicherweise von modernen Trommel-Mahlwerken samt ihren Kernen zu Brei gemahlen werden, bedient sich Alberto für dieses spezielle Öl noch immer eines althergebrachten ›Mulino a pietra‹, des traditionellen Naturmühlensteins, der auf dem ebenfalls steinernen Mühlenbett langsam kreisend die Olivenkerne behutsam zerquetscht und zum Brei maischt. Die Maische wird anschließend in aus Naturfasern selbst geflochtene korbähnliche Biete überführt und diese in der handbetriebenen Holzpresse gestapelt. Nun wird der Pressstempel heruntergefahren und nur ganz leicht auf das Maischepaket gelegt, sodass das fast klare Öl aufgrund des Eigengewichts von selbst langsam aus den Körben herabtröpfelt und sich in der Abflussrinne der Presse ansammelt. Von dort wird es in den Vorratstank oberhalb der Flaschenfüllanlage gepumpt und sofort abgefüllt. Das ist der berühmte Primuruggiu, ein Ausdruck im ligurischen Dialekt, den man sinngemäß mit ›erstem Erguss‹ übersetzen kann: das pure, reine Öl, die Seele der Olive, wie mir Angioletto verklärt vermittelte.«
Waldi öffnet die Flasche und gießt eine Portion des hellgrün schimmernden und leicht trüben Öls auf einen Teller. Dann greift er sich eine Scheibe von dem Brot, bricht davon ein kleines Stück ab und stippt es hinein.
»Probiert es! Für den ungeübten Gaumen mundet es vielleicht ein wenig pikant, aber mit Sicherheit habt ihr noch nie ein besseres Öl genossen!«
Alle machen es ihm nach und sind ebenfalls von dem außerordentlich gut schmeckenden Erzeugnis begeistert. Tatsächlich erweist sich der nach fast einer halben Stunde servierte Osso buco – wie von dessen Urheber versprochen – als ebenso vorzüglich. Der trockene rote Brunito Toscana aus Montalcino ist ein würdiger Begleiter und wird ebenfalls genüsslich dazu getrunken.
Plötzlich merkt Nili auf, zieht einen Zettel aus der Tasche und überreicht ihn Lutz. »Damit du gleich morgen früh deine ›Jungfrau Annegret‹ besänftigen kannst«, sagt sie auf seine fragende Miene hin.
Lutz stutzt kurz, schaut sich dann aber das Schriftstück näher an. Ein erfreutes Lächeln breitet sich über sein Gesicht aus. »Das müsst ihr euch unbedingt anhören: Sehr geehrte Frau Chefin, nachstehend alles, was ich bisher herausfinden konnte: Als besagter Berti käme ein gewisser Bertram Klinck in Frage: Leutnant zur See, Bundesmarine (geb. 07.07.1979 in Kiel), und seine Frau Jenny, geb. Bartels, Stenotypistin (geb. 28.10.1982 in Oldenmoor); sie schlossen die Ehe am 07.05.2009 um 10:30 Uhr auf dem Standesamt Eckernförde.
Lt. z. S. Klinck ist gegenwärtig Erster Offizier auf der M 1049 Olpenitz, ein Minenjagdboot vom Typ 332, das zum 3. Minensuchgeschwader gehört und im Tirpitzhafen – Marinestützpunkt Kiel – beheimatet ist. Das Paar soll sich bereits vor etwa vier Monaten, kurz bevor der Ehemann für längere Zeit auf See ging (Grund unbekannt), getrennt haben (telefonische Aussage einer Nachbarin, Frau Karin Weiden, Am Steinweg 2, Suchsdorf).
Jenny Bartels-Klinck, die Ehefrau, ist bei der Verwaltung der SecurVita Versicherung in Kiel tätig. Sie verließ die gemeinsame Wohnung und zog nach der Trennung von ihrem Ehemann zu ihrem Jugendfreund Julian Volkmann – Anlageberater (geb. 07.12.1981 in Maasholm/Schlei) –, ist auch daselbst gemeldet am Jütlandring 9 in Kiel Mettenhof. Hoffe, Sie können damit was anfangen. Ihnen und dem Herrn Doktor noch einen schönen Sonntag. Csmarits, Ferdinand, Fachinspektor.« Begeistert setzt er hinzu: »Mann, euer Ferdl ist wahrlich ein Tausendsassa!«
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Drei Tage zuvor.
»Mach auf, Irmgard, du verfluchtest Biest, oder ich trete die Tür ein!«, dröhnt die wutentbrannte männliche Stimme durch die Badezimmertür, während zwei geballte Fäuste wild von draußen darauf eintrommeln.
Die Frau sitzt auf dem gefliesten Boden des Badezimmers, den Rücken gegen die Tür gelehnt, und wischt sich das Blut, das ihr aus der Nase rinnt, mit Papiertüchern aus der neben ihr stehenden Cleanex-Box. Sie hat es gerade noch geschafft, hierher zu flüchten und die Tür abzusperren, nachdem ihr Ehemann sie bereits beim Heimkommen überfallen und sofort mit heftigen Schlägen und Hieben traktiert hat.
»Wo hast du dich herumgetrieben, bist wohl mal wie so oft in Hitze, du streunende Hündin!? Hast wieder mit deinem Macker in der Firma rumgemacht, was? Mach auf, sag ich dir zum letzten Mal, oder du kannst was erleben!«
Mit Tränen in den Augen greift die verzweifelte Frau zu ihrem Handy und wählt die 110. Flüsternd bittet sie um Hilfe, gibt keuchend ihren Namen und die Adresse durch. »Kommen Sie bitte schnell, er bringt mich um!«, fleht sie. Ein erneuter Tritt mit nachfolgendem Knall hallt durch das Badezimmer, wie um ihre Aussage zu bestätigen.
»Mit wem quatschst du da?«, ruft er mit noch lauterer Stimme als zuvor. »Mach endlich auf, du schändliches Geschöpf! Betrügst deinen Mann am helllichten Tag! Hast du überhaupt keinen Anstand, du Hure!«
»Warum bist du nur so gemein zu mir, Torben?«, entgegnet sie mit schwacher Stimme. »Das stimmt doch alles gar nicht, was du mir da vorwirfst! Woher nimmst du immer solche abwegigen Gedanken? Du weißt doch genau, dass ich nur dich liebe und dir immer treu gewesen bin! Also warum das Ganze?«
»Du lügst schon wieder, so wie du mich immer und von Anfang an belogen hast! Seit deiner Jugend machst du mit diesem Mirko rum, auch damals, als wir uns kennenlernten! Und ich kann mir nicht einmal sicher sein, ob unsere Marion wirklich mein Kind oder ob sie ein Bastard von diesem räudigen Hund ist, der dir dauernd unter den Rock greift. Aber wart’s nur ab! Dieses Mal lass ich mich nicht von dir bequatschen! Jetzt wird ein Vaterschaftstest gemacht, ich muss mir endlich Gewissheit verschaffen!« Nochmals rüttelt er wütend an der Badezimmertür, dann wird es plötzlich ruhig in der Wohnung.
Kurz sind Schritte im Flur zu vernehmen, die Haustür geht auf und wird geräuschvoll wieder zugeschlagen. Draußen heult ein Motor laut auf, dann wird es gespenstisch still.
Die Frau verharrt einige Minuten im Badezimmer, bis sie das Geräusch eines heranfahrenden und anhaltenden Wagens vernimmt. Es klingelt an der Haustür.
»Hier ist die Polizei! Bitte machen Sie auf!«, ruft eine weibliche Stimme.
Ächzend vor Schmerzen erhebt sich die Frau, schließt die Badezimmertür auf und schleppt sich mühsam den Flur entlang, um den Beamten zu öffnen. »Tut mir leid, mein Mann ist soeben weggefahren, es ist alles wieder in Ordnung!«, beteuert sie.
»Von wegen in Ordnung! Haben Sie sich mal im Spiegel betrachtet, beste Frau?« Der Streifenbeamte blickt die blutverschmierte Gestalt, deren Gesicht bereits an einigen Stellen anschwillt, mitleidig an.
Seine Kollegin ergänzt: »Ich denke, wir sollten Sie zur Untersuchung ins Krankenhaus bringen, damit Sie einen Beweis für Ihre Anzeige wegen körperlicher Misshandlung in Händen haben.«
»Aber nein«, wehrt sich die Frau, »das brauchen Sie wirklich nicht, es wird keine Anzeige geben. Mein Mann hat sich beruhigt, als sich herausstellte, dass alles nur ein Missverständnis war. Er hat sich auch entschuldigt, musste dann aber dringend zur Arbeit fahren. Danke, dass Sie sich herbemüht haben. Sie können mir jedoch glauben, dass wirklich alles in Ordnung ist. Es tut mir sehr leid, dass ich Sie umsonst hierhergerufen habe, bitte entschuldigen Sie! Ich wünsche Ihnen noch einen guten Abend.« Sie nickt den beiden Streifenbeamten freundlich zu, wobei ihr erzwungenes Lächeln eher wie eine schmerzliche Grimasse anmutet, ebenso wie die klaffende Lücke in ihrem Mund einen offensichtlich ausgeschlagenen Zahn erkennen lässt, und schließt dann langsam die Haustür.
»Immer wieder die gleiche Scheiße mit diesen verstocTitlekten Weibern«, schimpft der Streifenbeamte, »ich kann das einfach nicht verstehen! Da vertrimmt der Mann sie nach Strich und Faden und prügelt sie krankenhausreif, und sie erduldet das Ganze und tut es einfach ab – bis zum nächsten Mal! Und immer, immer wieder! Wer soll so etwas verstehen? Kannst du mir das erklären, du bist doch eine Frau, Paula! Wieso?«
»Tut mir leid, Frank, das kann ich ebenso wenig begreifen wie du. Aber eins sage ich dir: Sollte es mal irgend so ein Hundskerl überhaupt nur wagen, seine Hand gegen mich zu erheben, dann trete ich ihm so lange in die Eier, bis er zum Eunuchen wird, das schwöre ich dir!«
*
Am Tag darauf.
Der Mann steigt aus seinem Auto und geht hinüber zum Wagen der Frau, die soeben auf den Parkplatz des Restaurants gefahren ist. Sie stellt den Motor ab und notiert noch rasch den Kilometerstand in ihrem Fahrtenbuch. Galant öffnet der Mann ihr die Tür, sie steigt aus und die beiden geben sich kurz die Hand, bevor sie ihren kleinen Mazda abschließt und den Schlüssel in ihre Handtasche steckt. Die beiden betreten das Lokal durch den Hintereingang. Die etwas ältere asiatische Bedienung begrüßt sie freundlich, nimmt ihnen die Mäntel ab. Sie führt sie an den reservierten Tisch und reicht ihnen die Menükarten. Er blickt zunächst in die Weinliste, deutet auf die gewählte Marke. Sie gibt ihr Einverständnis zum Grauen Burgunder vom Kaiserstuhl. Sie wählen einige Gerichte aus und unterhalten sich. Er redet auf sie ein, offensichtlich bemüht, sie für sich zu gewinnen. Sie scheint nicht unbedingt ablehnend, aber eben noch nicht ganz bereit dazu, entzieht ihm mehrmals die Hand, die er zu fassen versucht. Die Bedienung bringt den Wein, zieht den Korken, schnuppert daran und gießt die obligate Kostprobe ein. Sie darf probieren, nickt zustimmend. Sie prosten sich zu. Eine Aushilfe bringt die Warmhalteplatten, dann folgen die bestellten Schüsseln mit den diversen Speisen ihrer Wahl. Er benutzt mit geübter Hand die Stäbchen, zeigt ihr, wie es geht. Sie gibt nach einem kurzen Versuch auf und wechselt zu Gabel und Löffel. Sie trinken, er füllt ihr Glas immer gleich nach. Sie gibt zu bedenken, dass sie ja mit dem Auto da sei, noch fahren müsse. Macht nichts, sagt er, es gäbe ja auch Taxis. Erneut versucht er vergebens, ihre Hand zu tätscheln. Offensichtlich missmutig aufgrund seiner wiederholten plumpen Anbiederungsversuche, gibt sie ihm das zu verstehen. Sie steht auf, entschuldigt sich und geht zur Toilette. Er steht ebenfalls auf, folgt ihr wenige Meter und bittet mit einem reumütigen Lächeln um Vergebung.
»Warts nur ab, du Zicke, ich krieg dich noch!«, murmelt er sehr leise, während er stehen bleibt und ihr voller Erregung hinterherblickt. Er schaut sich um, setzt sich rasch wieder und zieht ein dunkles Fläschchen aus der Tasche seines Sakkos. Ein paar Tropfen genügen fürs Erste, denkt er sich.
Wenig später kommt sie zurück. Hat sich im Bad entschieden: Sie will gehen, und zwar sofort und allein! Er verlangt die Rechnung, überredet sie, zumindest noch das Glas Wein auszutrinken. Sie tut es widerwillig, trinkt das ganze Glas in einem Zug leer, sie will nur weg und den aufdringlichen Kerl endlich loswerden. Die Kellnerin bring die Rechnung, er zahlt in bar, dann gehen sie zur Garderobe. Er hilft ihr galant in den Mantel. Sie gehen zum Parkplatz hinaus, niemand ist dort zu sehen. Irgendwie fühlt sie sich plötzlich komisch, ihr wird flau in den Beinen, aber sie schafft es noch bis zu ihrem Wagen. Als sie versucht, den Autoschlüssel aus ihrer Tasche zu fischen, fällt ihr dieser aus der Hand, sie knickt zusammen. Der Mann kann sie gerade noch auffangen, lehnt sie an die Motorhaube. Er greift nach dem Schlüssel, drückt auf die Automatik für die Türöffnung, manövriert die Frau auf den Beifahrersitz und legt ihr den Gurt an. Dann setzt er sich ans Steuer.
*
Der Mann hat die halb bewusstlose und wehrlose Frau in den karg eingerichteten und beheizten Kellerraum gebracht, sie auf das breite Bett gelegt und bis auf BH und Höschen entkleidet. Er fesselt ihre Handgelenke an die soliden Messingpfosten und klebt ein dickes Plastikband über ihren Mund. Mit lüsternen Blicken zieht er sich aus, stülpt ein Kondom über sein stark erigiertes Glied. Geblendet von der heftigen Gier tritt er an das Bett und reißt der Frau die restlichen Kleidungsstücke vom Leib. Als er sich über sie beugt, um in sie einzudringen, ist sie halb wach, keucht wütend mit erstickten Schreien und versucht, sich ihm zu entziehen. Keinerlei Skrupel befallen ihn, als er ihre schwachen Abwehrversuche mit heftigen Hieben ins Gesicht und auf den Kopf ahndet, um sie fügsam zu machen. Gelegentlich sind die Schläge derart wuchtig, dass ihr Schädel gegen das massive Messingkopfende schlägt. Wütend fluchend trennt er ihre krampfhaft zusammengepressten Schenkel und verschafft sich Zugang zum ersehnten Ziel. Völlig enthemmt vergeht er sich wiederholt an der wehrlosen Frau; irgendwann hält er inne, als er merkt, dass sie vollkommen reglos unter ihm liegt und keinerlei Reaktion mehr zeigt. Erschrocken lässt er von ihr ab, verschwindet in einem kleinen, nebenan gelegenen Waschraum, in dem sich früher einmal eine Duschkabine befand. Mit einem Seil zieht er an einer an der Decke befestigten Gießkanne und lässt das Wasser über sich rieseln, bis sie ganz geleert ist. Langsam trocknet er sich ab und zieht sich wieder an. Er sieht sein Opfer an und zieht mit einem Ruck die Knebelfolie vom Gesicht. Ihr Kopf wackelt dabei hin und her, aber sie zeigt keinerlei Regung. Von Panik ergriffen, fühlt er nach ihrem Puls an der Halsschlagader, kann aber keinen spüren. Vergeblich ruft er sie beim Namen, hebt sie hoch, leblos fällt der Kopf zurück auf das Kissen, und erst jetzt bemerkt er die blutende Wunde am Hinterkopf. Von tiefer Panik ergriffen, wirft er ihr ein schmutziges Laken über, löscht das Licht und rennt aus dem Raum, weiter durch ein Labyrinth aus Gängen, Sälen und Räumen, in denen der überall herumstehende Krankenhausschrott auf eine ehemalige Klinik oder ein Pflegeheim hinweist. Schnaufend klettert er die Treppe empor ins Freie, steigt in ihren roten Mazda und lässt sein tränenüberströmtes Gesicht auf das Lenkrad sinken. Nach einigen Minuten gelingt es ihm, sich zu beruhigen. Mit einem Taschentuch wischt er sich die Tränen aus dem Gesicht, startet den Wagen und fährt davon. Etwa zwei Stunden später kommt er in einem schwarzen Opel Kombi zurück und schaltet den Motor aus. Von der Ladefläche entnimmt er zwei große Plastikkanister und verschwindet mit diesen über die Treppen hinunter in das ruinöse Labyrinth.
*
Im Lichtschein einer starken LED-Lampe, die von seiner Stirn herabstrahlt, befördert der Mann die tote Frau auf einem ächzenden eisernen Krankenbettgestell durch die Korridore bis zu einem ehemaligen Badezimmer. Er trägt einen Schutzanzug, dazu eine lange weiße Gummischürze, ebensolche Handschuhe, hohe Stiefel, Haarbedeckung und Atemschutzmaske. Den Inhalt der mitgebrachten Kanister gießt er in die alte, ziemlich verrostete Badewanne, dann fügt er die Flüssigkeit aus einer Fünfliterflasche hinzu und verrührt das Ganze mit einer großen, langstieligen Badebürste. Er manövriert das Bettgestell neben die Wanne, hebt es seitlich hoch und lässt den leblosen Körper in die Flüssigkeit rutschen. Anscheinend gänzlich unberührt von dieser Tat, zieht er die Frau an den Fesseln hoch, sodass Kopf und Haare vollständig in die Flüssigkeit eintauchen. Gemächlich schrubbt er den gesamten Körper mit der Bürste minutiös ab, erst an der Vorderseite, wendet dann die Leiche, um deren Rücken ebenso akribisch von jeglichen Spuren zu befreien. Während die Flüssigkeit aus der Wanne abläuft, schneidet der Mann eine große Plane von einer zwei Meter breiten PVC-Folienrolle ab und breitet diese auf dem Bettgestell aus, dann fasst er den Leichnam unter den Achseln, zieht ihn aus der Wanne und bettet ihn darauf. Der Mann bedeckt die Leiche mit der Folie und schiebt seine makabre Last bis an die Treppe, die nach oben ins Freie führt. Er zwängt den mit der Folie umhüllten Leichnam in einen dünnen Schlafsack, den er über die Stufen mühsam schnaufend die Treppe emporzieht. Dort wirft er sich diesen über die Schulter und bringt die Last bis zum Wagen, wo er sie auf der Ladefläche deponiert. Stark pustend kehrt er zurück in den Keller, um sich der Schutzkleidung zu entledigen, dann verbarrikadiert er die Eingangstür. Tief atmend steigt er in den Opel, setzt sich ans Steuer und zündet sich eine Zigarette an. Er schaut auf die Uhr, sie zeigt ihm an, dass es fünfundzwanzig Minuten nach zwei ist. Wenig später startet er den Wagen und macht sich auf den Weg in den Kieler Forst.
Ränkespiele
»Moin, moin, liebe Kollegen! Ich hoffe, ihr hattet ein geruhsames Wochenende!« Beschwingt betritt Kriminalkommissarin Margrit Förster das Arbeitszimmer, in dem das vierköpfige LKA-Sonderermittlungsteam zurzeit mit der Aufarbeitung von Cold-Case-Fällen beschäftigt ist. Auf jedem ihrer Schreibtische türmen sich Akten von bisher – aus welchem Grund auch immer – ungelöst gebliebenen Straftaten aller Art. Vor allem sind es mysteriöse Tötungs- und schwere Körperverletzungsfälle, teilweise schon vor mehreren Jahren begangen, die sich diese Arbeitsgemeinschaft mit dem Ziel vornimmt, den oder die ominösen Täter zu entlarven und sie ihrer längst fälligen und gerechten Strafe zuzuführen.
»Grues di, Margrit!«, tönt es hinter dem Bildschirm hervor, an dem Fachinspektor Ferdinand Csmarits gebannt die Daten screent, die er vor seinen Augen langsam herunterscrollen lässt. Der neben ihm stehende Kriminalkommissar Robert Zander, der ebenfalls aufmerksam auf Ferdls Bildschirm schaut, hebt kurz den Kopf, nickt ihr mit einem Lächeln zu und sagt lediglich: »Hallo, Margrit!«, bevor er wieder den Blick auf die Mattscheibe senkt.
»Da hammer’n, das feine Bürscherl!«, ruft Ferdl erfreut aus und deutet auf die Datei mit dem digitalisierten Bild und die Personenbeschreibung des Gesuchten. »Dieser Habermann Karl ist eindeutig der Pülcher, der auf dem Überwachungsvideo das junge Madel bedrängt, das man später unter der Bahnbrück’n verg’waltigt und erwürgt aufg’funden hat. Und der Oasch hat an Akt so lang wie Wagners Nibelungenring: Sei Highlights: Drei Mal hams ean scho einkastelt wegen Erpressung, bewaffneten Raubs und zuletzt wegen Totschlags. A feins Früchterl! Is erst vor a paar Monate aus der JVA Neumünster freikemmen und steckt scho wieder mit beid’n Hax’n tief im braunen Eimer! Wan der Richter nur an Zentimeter Gripps hat, Spezi, geht’s für di lebenslänglich ins Häfer! Da bin i mir sicher!«
»Gute Arbeit, Kollegen!«, lobt Nili ihr Team. »Wieder ein gelöster Fall mehr und eine Akte weniger.« Sie wendet sich an Ferdl: »Seien Sie so gut und leiten die Daten an Frau Staatsanwältin Doktor Bach in Itzehoe weiter. Ich rufe unseren ›Hein Gröhl‹ bei der Kriminalbezirksinspektion in der Großen Paaschburg an, um ihn ins Bild zu setzen, damit er den Verdächtigen festnageln kann. Da haben wir bei unserem Herrn Kriminalrat Stöver mal wieder einen gut. Und auch nochmals vielen Dank für Ihre gestrige Blitzaktion, Ferdl! Sie haben dem KTI-Kollegen Lutz Krause mit dem Ergebnis wirklich kolossal imponiert. Übrigens auch Herrn Doktor Mohr und mir mit den umfassenden Daten, die Sie herausgefunden haben. Und das nur aufgrund eines Eherings. Wirklich toll! Wie machen Sie das nur?«
»Steht doch bei Matheus 7, Vers 8 in der Bibel, Chefin: ›Wer suchet …‹ Hams doch sicher scho mal g’hört, oder?«
»Stimmt, Ferdl, aber was leider nicht dahinter steht, ist ›Gewusst wo!‹.« Grienend greift sie zum Telefonhörer und wählt.
»Was sollen wir als Nächstes angehen, Nili?«, fragt Robert, nachdem sie den Hörer wieder aufgelegt hat und nach ihrem Kaffeekrug mit der Aufschrift ›Mi querido tinto‹ greift. Während sie einige Schlucke ihres ›geliebten Schwarzen‹ zu sich nimmt, sinniert sie einen Augenblick lang, wie es wohl ihrer Freundin Sandra und ihren kolumbianischen Kollegen gehen mag, mit denen die junge Kitt Harmsen und sie damals den Dschungel auf der lebensgefährlichen Suche nach Coca-Plantagen und Kokainbrauern durchkämmt haben. Auch sie war sehr berührt, als sie am Freitagabend die bekannten Gesichter auf dem Videofilm wiedergesehen und ihre Stimmen gehört hat.
Nili blickt auf und der fragende Blick des Kollegen bringt sie in die Gegenwart zurück. Sie berichtet kurz über die furchtbar verunstaltete Frauenleiche, die man im Forst in der Nähe Kiels aufgefunden hat. Das bringt sie auf einen Gedanken: »Ich denke, wir sollten mal unseren Aktenstoß nach ungelösten Fällen von derart verwerflichen Gewaltakten gegen Frauen durchforsten. Es ist wirklich krank, was sich da so mancher Ehemann oder Lebenspartner gegenüber seiner Frau oder Freundin an Gewalttätigkeiten und Misshandlungen herausnimmt, ohne dass die Missetäter dafür zur Verantwortung gezogen werden!«
»Das Ganze hapert doch meistens an der Scheu oder auch Scham der Geschädigten, ihren Peiniger anzuzeigen«, relativiert Robert, während er sich seine Akten vornimmt, um dem Vorschlag Folge zu leisten. »Und wenn sie es doch mal wagen, dann ziehen sie kurz darauf reumütig die Anzeige wieder zurück, weil …« Er stocTitlekt, weiß er doch gerade nicht, wie er es richtig formulieren soll.
Margrit kommt ihm zu Hilfe. »Weil sich solche Frauen in ihrem Innern immer noch dem Mann untertänig fühlen oder ihm blauäugig vertrauen. Sie verzeihen ihm sogar, wenn er ihnen heilig verspricht, sie nie wieder zu verprügeln.« Während auch sie ihren Aktenstapel durchforstet, setzt sie hinzu: »Was meinen Sie, Ferdl?«
Der Fachinspektor liest gerade in der offenen Akte und schüttelt ungläubig den Kopf: »Das müsst ihr euch mal anhören, Kollegen: Da hab i an Fall derwischt, der vor sechzehn Monate hier in Kiel passiert is. Wann’s das so hörst, wirst ganz schö krawutisch! Gehns, seins so guat, Robert, lesen’s vor, Ihr Hochdaitsch is besser als meins!« Er reicht dem Kollegen den Ordner hinüber.
Robert überfliegt das Geschriebene. Offensichtlich betroffen, räuspert er sich und berichtet: »Ich fasse mal zusammen, was hier drinsteht: Eine gewisse Cindy Frohm, siebenundzwanzig Jahre alt, und ihr Bekannter Rafael Kohlmann, achtunddreißig, waren bei Freunden auf einer Party, bei der ziemlich heftig gebechert wurde. Beide waren mittel bis stark alkoholisiert. Besagter Rafael hatte vergeblich versucht, eine andere Frau anzumachen, die ihn aber abblitzen ließ. Entsprechend wütend bemerkte er plötzlich, dass seine Cindy inzwischen sehr intim mit einem anderen Mann tanzte und es anscheinend willig geschehen ließ, dass dieser – entschuldigen Sie bitte, meine Damen, denn jetzt wird’s etwas krass, also ich zitiere – ihr sein in der Hose markant erigiertes Glied zwischen die Schenkel drückte. Von Eifersucht getrieben, riss er das Paar auseinander und wollte den Mann tätlich angreifen. Nur mit großer Mühe konnten ihn die in der Nähe stehenden Gäste bändigen und ihn von der Gewalttätigkeit abhalten. Nachdem sich die Lage einigermaßen beruhigt hatte, bat der Hausherr die beiden zu gehen, damit die Feier unbelastet fortgeführt werden konnte. Rafael ließ seinen Wagen stehen und das Paar machte sich zu Fuß auf den Nachhauseweg. Unterwegs überschüttete der Kerl seine Begleiterin mit argen Vorwürfen bezüglich ihres unmöglichen Verhaltens, das sie damit rechtfertigte, dass er es ja ebenso mit dieser Bitch im Wintergarten getrieben hätte. Während sie laut streitend durch eine abgelegene Gegend gingen, riss Rafael der Geduldsfaden und er prügelte Cindy windelweich, bis sie mit gespaltener Lippe, blutender Nase und angebrochenem Nasenbein auf den Gehweg stürzte und dort liegen blieb. Angeblich hielt Rafael darauf ein vorbeifahrendes Taxi an und fuhr einfach davon. Ein zufällig vorbeikommender älterer Mann, der seinen Hund Gassi führte, hatte den Vorfall beobachtet und half Cindy wieder auf die Beine. Er griff nach seinem Handy, um die Polizei zu benachrichtigen, Cindy hielt ihn aber davon ab und bat darum, er möge ihr nur ein Taxi rufen. Kurz nachdem sie weggefahren war, kam ein Streifenwagen vorbei und der Zeuge namens Marco Thieslaff, neunundsechzig Jahre alt, schilderte den Beamten den stattgefundenen Vorfall. Diese fertigten daraufhin ein Protokoll an. Nachdem Cindy die ganze Nacht schlaflos und mit starken Schmerzen in einem Hotelzimmer verbracht hatte, fuhr sie in aller Frühe ins Städtische Krankenhaus, wo man neben einem blauen Auge und dem geschwollenen Gesicht auch noch Hämatome auf Brust und Armen feststellte. Man versorgte die Wunden und richtete die Nase. Die behandelnde Ärztin in der Notambulanz – eine Frau Doktor Wohlgast oder Wohlgarten – machte vorsichtshalber Fotos von den Blessuren für das Krankenhausarchiv. Auf die Weigerung der Patientin, Kopien der Fotos mitzunehmen, empfahl sie Cindy jedoch, gegen ihren Freund unbedingt Anzeige wegen körperlicher Misshandlung zu erstatten. Deswegen soll sich Cindy danach doch noch bei einer Polizeistation gemeldet haben. Da sie sich nicht so gut in Kiel auskennt, kann sie sich jedoch nicht mehr genau erinnern, wo diese gelegen war. Sie zeigte Rafael Kohlmann dort namentlich wegen Körperverletzung an. Gemäß ihrer Darstellung wurde zwar die Anzeige von einem Beamten schriftlich aufgenommen, ihr allerdings weder ein Protokoll zur Unterschrift vorgelegt noch eine Aktenzeichennummer bekannt gegeben, sodass sie von dem Vorgang keinen Beleg erhielt. Man soll ihr angeblich nahegelegt haben, die formelle Anzeige an ihrem gemeldeten Wohnort, Gemeinde Schönberg, zu erstatten. Dazu werde sie von der dortigen Polizeistelle eine schriftliche Anforderung erhalten. Eine solche hat sie allerdings nie zu Gesicht bekommen. Als sie in der dortigen Polizei-Zentralstation in der Ostseestraße zwei Wochen später vorstellig wurde, um danach zu fragen, wusste man angeblich nichts von dem Vorgang. Weil sie keine Aktenzeichennummer besaß, konnte man ihr auch hier nicht weiterhelfen. Zwei Monate später erhielt sie überraschenderweise ein Schreiben des Amtsgerichts, in dem ihr auf Antrag der Staatsanwaltschaft – gemäß Paragraph 170, Abs. 2 StPO – ich zitiere: ›Verfahrenseinstellung mangels eines hinreichenden Tatverdachts‹ mitgeteilt wurde. Die Begründung lautete, es stünde Aussage gegen Aussage, da der Beklagte Kohlmann ihrer Schilderung des Tathergangs widersprochen habe und diese als glatte Lüge bezeichnete. Die Frau sei vollkommen betrunken gewesen, deshalb gegen einen Laternenmast gelaufen und gestürzt. Als er ihr zu Hilfe eilen wollte, habe sie ihn unflätig beschimpft und ihn aufgefordert, ›sich zu verpissen‹. Darauf sei er in ein vorbeifahrendes Taxi gestiegen, habe aber mit seinem Handy den Polizeiruf 110 gewählt und ihre Verletzung gemeldet. Deshalb sei wohl auch ein Streifenwagen dort vorstellig geworden.«
Robert legt eine Verschnaufpause ein. Während er stumm weiterliest, meint Margrit: »Wenn man das so hört, da möchte man sich doch so einen gemeinen Kerl vornehmen und ihn ordentlich verdreschen, nicht wahr?«
Robert nickt und ergreift wieder das Wort: »Aber jetzt kommen einige wirklich außergewöhnliche Anmerkungen, und es ist mir unerklärlich, wie so etwas hier auftaucht. Hört euch das mal an: Unhaltbare Zustände! Wieso gibt es kein amtliches Protokoll von der Anzeige der Geschädigten? Der Zeuge wurde nicht vernommen – dabei hätte ja die Aussage der Frau bestätigt werden können. Und in der Mitteilung der Verfahrenseinstellung vom Amtsgericht fehlt ebenso der obligate Hinweis auf die gesetzlich geregelte Möglichkeit zum Widerspruch oder zur Beschwerde-Einreichung. Frau Frohm ließ diese aus Unkenntnis verstreichen und konnte nichts mehr unternehmen, sodass der üble Täter unbestraft bleibt! Eine Schande ist das!«
Es folgt allgemeine Ratlosigkeit. Walter Mohr hatte den Arbeitsraum des Teams gerade in dem Augenblick betreten, als Robert Zander mit der Tatschilderung begann. Er meldet sich jetzt zu Wort: »Guten Morgen, Kollegen! In der Tat, eine ziemlich außergewöhnliche Darstellung, die mir da eben zu Ohren gekommen ist! Woher kommt überhaupt diese Akte?«
»Moin, moin!«, klingt es unisono seitens Margrit und Robert.
»Guat’n Morgen, Herr Doktor!«, antwortet Ferdl ebenfalls. »Die hob i heit zufällig auss’n Stapel nauszog’n!« Robert übergibt Waldi den Ordner. Der sieht sich diesen genauer an und es erscheinen einige Falten auf seiner Stirn.
»Diese Fallakte scheint mir ziemlich getürkt! Da hat offensichtlich jemand auf einem älteren Aktendeckel herumradiert und diesen dann neu tituliert.« Er geht an den Telefonapparat auf Nilis Schreibtisch und wählt. »Guten Morgen! Hier spricht EKHK Mohr. Ist zufällig Herr Treumann in der Nähe? Danke, ich warte!« Er blickt hinüber zu Nili, diese nickt ihm zu. »Gut, sollten Sie ihn erreichen, richten Sie ihm bitte aus, er möchte unverzüglich ins Sonderermittlungsbüro kommen, man benötigt hier dringend seine Hilfe. Vielen Dank, Frau Schmeling, und noch einen schönen Tag.« Er beendet das Gespräch und schaut auf. »Wenn der Bote kommt, fragt ihn, woher er die Akte hat, denn die ist nicht koscher. Ich muss jetzt aber weiter, gebt mir dann bitte beim Mittagessen in der Kantine Bescheid!«
Als Waldi aus der Tür ist, meldet sich Nili zu Wort: »Ferdl, seien Sie so gut, schauen Sie mal in unserem Netz nach, ob Sie irgendetwas über den Fall finden, zum Beispiel Anschriften von besagter Cindy Frohm, dem Zeugen Marco Thieslaff und dem mutmaßlichen Missetäter Rafael Kohlmann. Margrit und Robert, Sie fahren bitte zur Polizei-Zentralstation in Schönberg und versuchen, dort Näheres zu erfahren. Fragen Sie deren Leiter, warum man Frau Frohm nicht weitergeholfen hat. Ich kümmere mich um das Städtische Krankenhaus, denn ich will die Ärztin ausfindig machen, die Cindy behandelt hat, und sie fragen, ob wir Kopien ihrer Fotos bekommen können.«
»Chefin, I schau mal ah, ob i vielleicht das Streif’nrevier z’fassn krieg, das die Zeug’naussage aufgn’nomm’n hat! An Datum hamma ja!«, volontiert Ferdl.
Nili nickt ihm anerkennend zu.
»Haben wir überhaupt einen Fall, Nili?«, fragt Margrit ein wenig verunsichert. »Ich meine, weil doch die Akte anscheinend ein Fake sein könnte.«
»Das entscheiden wir, wenn wir ein paar Fakten zusammengetragen haben. Ich vermute, dass jemand diese Akte bewusst und sehr gezielt in unsere Hände manövriert hat, damit in dieser bösen Sache endlich etwas passiert. Die darin geschilderte Darstellung erscheint mir dennoch durchaus plausibel und ich frage mich ernsthaft, ob da nicht irgendwer etwas vertuschen wollte. Jedenfalls ist es der Sachverhalt wert, dass wir ihm nachgehen. Also los, Leute, an die Arbeit!«
*
»Herzlichen Dank, Frau Prinz, sehr gute Arbeit, meine Damen und Herren vom Kriminaltechnischen Institut!«, lobt Staatsanwalt Dr. Uwe Pepperkorn die zum Lagebericht versammelte Ermittlungsmannschaft. »Besonders erfreulich, dass Sie so rasch die Identität der Leiche feststellen konnten!«
Lutz Krause wirft einen raschen Seitenblick auf Koordinatorin Annegret Prinz und räuspert sich, ist ihm doch klar, dass das, was er jetzt sagt, nicht unbedingt nach dem Geschmack der ehrgeizigen Fallanalytikerin sein wird. Dennoch möchte er es – wahrscheinlich gerade deshalb – klarstellen und meldet sich zu Wort: »Ich muss allerdings gestehen, dass dies nicht allein auf unserem Mist gewachsen ist. Es war Frau Kriminalhauptkommissarin Masal, mit der meine Familie und ich am Wochenende zum Essen verabredet waren, die den richtigen Spürsinn hatte und ihren Kollegen Csmarits vom Sonderermittlungsteam veranlasste, die kargen Daten, die auf dem von mir gefundenen Ehering eingraviert waren, weiter zu erforschen. Der wackere IT-Fachmann schlug sich mit der Suche den ganzen Sonntagnachmittag um die Ohren und war glücklicherweise so erfolgreich mit dieser reichhaltigen Ausbeute.«
Wie Lars Krause es erwartet hatte, zuckte die neben ihm sitzende Kriminologin Annegret Prinz merklich zusammen, blieb aber stumm.
Staatsanwalt Pepperkorn, dem die kontroverse Haltung der beiden SpuSi-Beamten nicht verborgen bleibt, interveniert: »Wie es auch gewesen sein mag, geschätzter Herr Krause, sind wir Ihnen allen zu Dank verpflichtet. Wir konnten dadurch rasch konkrete Hinweise gewinnen, denen wir nun unverzüglich nachgehen werden. »Was schlagen Sie vor, Herr Kriminalrat? Wie wollen wir vorgehen?«
Der Angesprochene sieht zunächst seine beiden Mitarbeiter, Steffi Hink und Sascha Breiholz, an, räuspert sich, und schließlich sagt er: »Wenn wir in Ermangelung des von Professor Doktor Klamm noch abzuliefernden Obduktionsberichts von dem vorläufigen Ergebnis der Leichenbeschau durch den Assistenzarzt Engelmann ausgehen, ist die tot aufgefundene Frau offensichtlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um die Person«, er blickt auf den schriftlichen Bericht, den er von Lutz Krause soeben erhalten hat, »der Jenny Bartels-Klinck, geboren am 28.10.1977 in Oldenmoor, Kreis Steinburg. Kollegin Hink konnte inzwischen feststellen, dass eine Frau mit diesem Namen und einer zu der Toten passenden Beschreibung am letzten Sonnabend, dem 8. Mai, um elf Uhr vormittags bei der Polizeistation Mettenhof am Skandinavienkai von einem Herrn Julian Volkmann als vermisst gemeldet wurde. Im vorliegenden Bericht wird Herr Volkmann als ihr Jugendfreund und gegenwärtiger Wohnungsgeber des Opfers bezeichnet. Offensichtlich ist jedenfalls, dass der Leichenfundort nicht der Tatort ist. Auffällig ist zudem eine Übereinstimmung des am Ehering eingravierten Heiratsdatums des 7. Mai mit dem Tag, an dem die Tat mutmaßlich begangen wurde. Eine Beziehungstat ist also naheliegend. Als erste Schritte werden wir besagten Jugendfreund sowie den geschiedenen Ehemann, Leutnant zur See Klinck, am Tirpitzhafen aufsuchen und befragen sowie zur Identifizierung der Leiche auffordern. Selbstverständlich werden wir aber auch in sämtliche weitere Richtungen ermitteln. Wir erstatten Ihnen Bericht, sobald wir Neuigkeiten haben. Wir dürfen uns jetzt empfehlen?« Er steht auf und nickt in die Runde. »Wir möchten uns unverzüglich an die Arbeit machen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«
*
»Ja, Frau Kriminalhauptkommissarin, ich muss Ihnen gestehen, dass ich der Autor dieser vorgetäuschten Akte bin!«, beichtet ein zerknirschter Hugo Treumann, der mit gesenktem Haupt vor Nilis Schreibtisch steht.
»Wie kommen Sie dazu, Treumann, was ist Ihnen da nur eingefallen?« Nili sieht ihn herausfordernd an. »Das kann böse Konsequenzen für Sie haben! Als Hausbote des LKA haben sie doch eine Vertrauensstellung, die Sie nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollten – noch dazu so kurz vor Ihrem Ruhestand!«
»Ich weiß, Frau Masal, Sie haben selbstverständlich recht! Aber ich konnte einfach mein armes Patenkind nicht mehr weiter so vergrämt sehen, das müssen Sie verstehen! Das Mädel leidet seit dem Vorfall unter schlimmsten Depressionen. Sie hat deswegen auch ihren vormaligen guten Arbeitsplatz bei den Stadtwerken sowie fast alle ihre Freunde und Bekannte verloren. Cindy lebt nun mehr schlecht als recht von der Stütze und verkriecht sich nur noch in ihrer Einzimmerwohnung. Dieser miese Kerl, den sie einst so sehr geliebt hat, hat sie kaputt gemacht und läuft unbescholten und frei herum. Das konnte ich nicht mehr mit ansehen und habe deshalb die wenigen Unterlagen, die Cindy in dieser Sache überhaupt besaß, zusammen mit dem von mir verfassten ›amtlichen Protokoll‹ in einen alten Aktendeckel – der bei uns zur Vernichtung anstand – eingebracht und diesen neu beschriftet. Es tut mir leid, ich wollte Sie und Ihre netten Kollegen keineswegs hintergehen, aber ich dachte mir, da Sie bei den letzten Cold Cases so erfolgreich ermittelt haben, wäre das Hineinschmuggeln in Ihren Aktenberg ein gangbarer Weg, damit das arme Kind vielleicht endlich zu ihrem Recht kommt. Ich bedaure sehr, dass ich Sie damit verärgert habe, Frau Masal, glauben Sie mir bitte!« Dicke Tränen laufen über die Wangen des Sechzigjährigen.
»Ist ja gut, Treumann, beruhigen Sie sich! Es wäre einfacher und ehrlicher gewesen, wenn Sie sich mit diesem Sachverhalt direkt an uns gewandt hätten. Seien Sie so nett, nehmen Sie die Akte wieder mit und bringen Sie sie mir in einem neuen und unbeschriebenen Aktenordner zurück. Abgesehen von Ihrem kleinen illegalen Dreh, über den ich ausnahmsweise hinwegsehen möchte, nehme ich Ihnen den darin geschilderten Tatbestand als durchaus plausibel ab und wir werden sehen, ob sich diese Untat irgendwie wieder aufrollen lässt. Jedenfalls benachrichtigen Sie bitte Ihr Patenkind, sie möchte sich morgen früh um neun hier melden, damit ich sie persönlich befragen kann. Außerdem benötigen wir von ihr die Zustimmung, das Städtische Krankenhaus von der ärztlichen Schweigepflicht zu entbinden, damit wir an die Behandlungsakte und die Fotos gelangen, die die behandelnde Ärztin gemäß ›Akteneinsicht‹«, Nili zwinkert mit den Augen, »von Frau Frohm am Tage danach gemacht hat. Anschließend können wir entscheiden, ob wir bei der Oberstaatsanwaltschaft vorstellig werden, um eine Neuaufnahme des Falles zu beantragen.«
Treumann wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. »Ich … ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken kann, verehrte Frau Krim…«, stottert er und wird jäh von Nili unterbrochen: »Nun gehen Sie schon, Mann, bevor ich’s mir anders überlege!« Breit lächelnd deutet sie mit einem Blick zur Tür.
Treumann nickt nur und eilt hinaus.
Dann dreht sich Nili zu Ferdl um, der sehr geschäftig an der Tastatur seines PCs hantiert. »Nach dieser Cindy brauchen Sie also nicht mehr zu recherchieren, Ferdl, die erscheint morgen früh bei uns. Wie sieht es mit dem Zeugen Thieslaff aus, irgendwas Neues?«
»Hab scho sei Anschrift: Marco Thieslaff, neunundsechzig Jahre alt, Rentner, gebürtig in Kiel, wohnhaft Paradiesweg 78 im Schwentinetal. Hab ebenfalls an g’wissen Rafael Kohlmann, achtunddreißig Jahre, auch in Kiel geboren, g’funden, der ist g’meldet am Hafkamper Weg 22 in Heikendorf, Kreis Plön.«
»Gut gemacht, mein werter Herr Fachinspektor! Dann rufe ich gleich Margrit und Robert an, sie sollen bei den Herren vorbeifahren und sie für morgen Vormittag zur Befragung einbestellen.«
Wenig später kommt Hugo Treumann herein und bringt einen unbeschriebenen Aktenordner. Nili, die gerade telefoniert, nickt ihm nur zu und deutet auf ihren Schreibtisch, auf dem der Bote die Akte deponiert. Sie blättert durch die vier beschriebenen Seiten, die sich darin befinden. Treumann verbeugt sich nur kurz und verlässt hastig den Raum.
»Ja, Herr Oberstaatsanwalt, wirklich ein sehr merkwürdiger Fall von unterlassener Tatverfolgung, von der uns heute zufälligerweise unser Hausbote berichtet hat. Ich habe vorsichtshalber erste Erkundungen veranlasst, vor allem eine Zeugenbefragung, um konkrete Fakten hervorzubringen. … Ja, es betrifft Herrn Treumanns Patenkind, eine junge Frau namens Cindy Frohm, die auf dem Nachhauseweg nach einer feuchtfröhlichen Feier bei Freunden mutmaßlich von ihrem Bekannten brutal zusammengeschlagen und dann auch noch hilflos auf der Straße liegen gelassen wurde. Ich denke, es ist wieder so ein arger Fall von Gewalt gegen Frauen, dem wir nachgehen sollten. Am besten, ich bringe Ihnen die Akte persönlich vorbei und trage vor, was wir wissen, dann können Sie entscheiden, ob und wie der Fall wieder aufgenommen werden kann. … Gut, dann morgen Nachmittag um halb vier, danke sehr für den raschen Termin! Übrigens, nochmals herzlichen Dank für das wunderschöne Fest. Herr Doktor Mohr und ich haben es sehr genossen. Bitte grüßen Sie herzlichst Ihre liebe Frau Hannelore und Kitt von uns. … Ach, die ist gerade bei Ihnen? Dürfte ich sie kurz sprechen? … Ja danke, Ihnen auch! … Hi Kitt, auch dir nochmals vielen Dank für deine herrliche Doktorhut-Party. … Ja, ja, okay, das Video hat auch uns Riesenfreude gemacht. Du, könnten wir uns heute Abend irgendwo treffen? … Ja, natürlich, in unserer Taverna Syrtaki wäre prima. Ich denke, ich hätte da eventuell eine Mandantin für dich. … Ja, darüber sollten wir uns auch unterhalten. Also schön, um sieben bei Georgios und Marita! Ich sehe zu, dass Waldi auch dazukommt. Freue mich! Pura vida!6 Tschüss!«
Nachdem Nili das Gespräch beendet hat, meldet sich das Städtische Krankenhaus. Zufrieden nickend nimmt sie das Gespräch entgegen. »Herzlichen Dank, geehrte Frau Doktor Wallgarten, dass Sie netterweise zurückrufen. Ich darf mich vorstellen, Kriminalhauptkommissarin Nili Masal vom Sonderermittlungsteam im LKA. Wir kümmern uns um sogenannte Cold Cases … Ach Sie haben schon davon aus den Medien erfahren, prima! Es handelt sich hier um einen Fall von ernster Misshandlung an der Person einer jungen Frau namens Cindy Frohm, der Mitte November vorvorletzten Jahres … gut, sehr schön, dass Sie sich daran erinnern können. Selbstverständlich, das wissen wir! Sie erhalten Frau Frohms Erklärung zur Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht, sobald sie diese morgen Vormittag hier bei uns unterschrieben hat. Es wäre nett, wenn Sie die Akte und vor allem die Fotos, die Sie laut Aussage der Geschädigten von ihr gemacht haben, raussuchen lassen. Ich schicke Ihnen so gegen vierzehn Uhr jemanden vorbei, der sie abholt und Ihnen im Gegenzug die Erklärung übergibt. … Prima, ich danke Ihnen sehr für Ihre Unterstützung! Schönen Tag noch.«
Als Nili auflegt, kommen Margrit und Robert herein.
»Ein Widerling, dieser Kohlmann!«, raunt Robert wütend. »Der hat uns abblitzen lassen wie dumme Jungs!«
Margrit stimmt ihm zu. »So ungehobelt, wie der Typ sich darstellt, traue ich ihm durchaus zu, dass er die arme Frau nach Strich und Faden verprügelt hat!«
Nili sieht die beiden mit fragender Miene an.
»Er hat uns an der Tür mit barschem Ton abgefertigt, als wir ihn darüber informierten, weswegen wir gekommen sind, und dass wir ihn vorladen wollten«, ergänzt Margrit. »Dann hat er uns angeschrien. Wir sollen uns gefälligst bei seinem Anwalt melden, wenn wir etwas von ihm wollen. Schließlich hat er einfach die Tür vor unserer Nase zugeknallt. Ein süßes Früchtchen, unser Rafael! Aber wer dieser Anwalt sein soll, hat er uns auch auf unser wiederholtes Klingeln hin nicht verraten.«
»Keine Bange, Leute«, sagt Nili besänftigend, »den kriegen wir schon noch bei den Hammelbeinen! Ich habe für morgen Nachmittag bereits einen Termin beim Oberstaatsanwalt, nachdem wir Frau Frohm befragt haben. Ich bin mir sicher, da bekommen wir eine amtliche Vorladung. Wie sieht es mit dem Zeugen Thieslaff aus?«
»Den haben wir nicht persönlich angetroffen, aber bei seiner Tochter unsere Karte und eine Benachrichtigung, dass er morgen früh hier aussagen soll, hinterlassen!«, berichtet Robert, der schon etwas ruhiger geworden ist.
Margrit ergänzt: »Und übrigens, noch etwas Eigenartiges: Bei der Polizei-Zentralstation in Schönberg weiß man angeblich überhaupt nichts von dem Fall. Keine Protokolleintragung bezüglich der Nachfrage einer gewissen Frau Cindy Frohm im vorvorletzten Monat November.«
»Sagte ich doch: Da ist etwas faul im Lande Schleswig-Holstein!«, dichtet Robert Shakespeares ›Hamlet‹ um.
*
»Evkaristo, lieber Georgios! Vielen Dank auch an deine Marita in der Küche! Diesen Oktopus-Salat haben wir bisher so noch nie bei dir gegessen, aber er hat wieder mal hervorragend geschmeckt!«, lobt Nili Wirt und Köchin der Taverna Syrtaki, wo sie sich mit Kitt und Waldi zum Abendessen getroffen hat.
»Ich gebe das Lob gerne weiter, aber ich muss gestehen, dass der Salat dieses Mal nicht von Marita, sondern von unserem neuen spanischen Küchenpraktikanten aus Vigo zubereitet wurde. Manolo, komm mal her!«, ruft er in die Küche.
Kurz darauf erscheint ein jugendlicher Schwarzzopftwen mit wachen und lustig lächelnden dunklen Augen an ihrem Tisch. Er trägt eine weiße Jacke und eine karierte Hose. »Vielen danken«, sagt er und blickt verlegen zu Boden, »fur meine ensaladilla de pulpo a la gallega hat gut geschmackt.«
Nili dankt ihm auf Spanisch und lobt noch einmal das leckere Gericht. Danach verziehen sich die beiden wieder in die Küche und Waldi schenkt roten Kamaris nach, den sie so gern und deshalb immer wieder bei ihrem ›Griechen um die Ecke‹ trinken.
»Also, wie sieht es aus, Kitt? Was meinst du? Wird dein Vater zustimmen? Wäre es sinnvoll beziehungsweise Erfolg versprechend, den Fall wieder aufzurollen?«
»Wenn das alles sich so darstellt, wie du es mir beschrieben hast, Nili, denke ich schon. Am besten wäre, wenn du die Akte mit der Aussage des Opfers sowie des Zeugen ergänzen könntest. Und ja, auch mit dem medizinischen Untersuchungsbefund und den Fotos des Krankenhauses. Ich glaube schon, dass Vater dir darauf eine amtliche Vorladung für den ominösen Täter ausstellen wird. In diesem Fall würde ich auch Frau Frohm sehr gern rechtlich vertreten, sollte sie einwilligen.«
*
Nachdem sie am nächsten Abend eine mit bestem Olivenöl reichlich beträufelte und aus fleischigen Cuore di-bue-Tomaten- sowie Mozzarella-di-bufala-Scheiben und Basilikumblättern selbst gemachte Insalata Caprese verspeist hat, sitzt Nili in ihrer Kieler Wohnung bei einer Tasse grünem Tee und tippt fleißig in ihr Tagebuch, in dem sie die wichtigsten Ereignisse und ihre interessantesten Fälle festhält. Sie folgt damit dem Beispiel ihrer Abuelita Clarissa, die schon seit früher Jugend die bedeutenden und intimsten Gedanken ihren Tagebüchern anvertraute und gelegentlich Tochter und Enkelin daraus vorliest. Nili konnte so wiederholt spannende Begebenheiten aus ihrer Familiengeschichte und von den ereignisreichen Tagen der Flucht der Großeltern Heiko und Clarissa, ihrer Mutter Lissy und ihres Onkels Oliver aus Nazi-Deutschland sowie aus ihrem langjährigen bolivianischen Exil erfahren. Nach dem Abitur und der längeren, durch eine unglückliche Liebesaffäre verursachten Unterbrechung begann sie erst wieder mit ihren Eintragungen, als sie zur Kriminaloberkommissarin befördert und von Hamburg zu ihrer Familie nach Oldenmoor zurückgekehrt war. Die getippten Berichte werden auf separaten, nur für sie selbst bestimmten Festplatten gesondert gespeichert.
Ich sitze heute hier allein, weil Waldi mal wieder nach Berlin zu einem Informationsaustausch beim BKA fahren musste. Die Indizien im Fall Frohm (ja, wir haben tatsächlich einen Fall!) haben sich konkret erhärtet. Also der Reihe nach: Pünktlich um neun Uhr erschien Cindy Frohm und berichtete ausführlich über die Geschehnisse, die sich in der Nacht vom 13. zum 14. November des vorvorigen Jahres zugetragen hatten. Im Großen und Ganzen deckte sich ihre Erzählung mit dem, was wir bereits aus Treumanns ›Akte‹ erfahren hatten. Mit ihren Angaben und der Hilfe Ferdls bei der Durchforstung der diversen Kommissariate Kiels konnten wir gemeinsam die wahrscheinlichste Polizeistation herausfinden, bei der sie ihre ergebnislos gebliebene Anzeige am Tag darauf gemacht hat: Da die Fete im Gebiet unweit des Tatorts in der Paradiesstraße im Schwentinetal stattfand, war dies wohl das nahe gelegene Revier am Seebrocksberg. Auf meinen Anruf hin bestätigte man mir, dass dort tatsächlich ein entsprechendes Protokoll angefertigt und dieses ordnungsgemäß an die Staatsanwaltschaft übersendet worden sei. Man mailte uns sofort eine Kopie von Cindys Anzeige, die sehr wohl eine Aktenzeichennummer trägt und von einem gewissen Polizeimeister Ullrich gegengezeichnet worden war. Man konnte mir allerdings nicht erklären, warum man der Anzeigenden nicht sogleich die Nummer des Aktenzeichens mitgeteilt hatte. Während Cindy auf ihr getipptes Aussageprotokoll wartete, um es zu unterschreiben, erschien auch der Zeuge Thieslaff. Er erkannte die Frau sofort, machte eine nochmalige und gleichlautende Aussage und unterschrieb ebenfalls sein Protokoll.
Mit Frau Frohms Bewilligung zur Entbindung von ihrem Patientengeheimnis schickte ich Robert zu Frau Doktor Wallgarten ins Städtische Krankenhaus. Sie mailte uns postwendend den medizinischen Untersuchungsbefund sowie die von ihr gemachten Fotos der Verletzungen als pdf- und jpg-Anhang. Die Verletzungen, die Rafael Kohlmann der armen Frau zugefügt haben soll, waren in der Tat äußerst brutal.
Den üblen Gesellen hätte ich mir liebend gern persönlich vorgeknöpft und ihn ordentlich verdroschen (Aber, aber, Frau Kriminalhauptkommissarin, so etwas dürfen Sie doch nicht einmal denken!). Unerklärlich bleibt für mich dennoch, wieso man damals den Vorfall seitens der Polizei und der Staatsanwaltschaft nicht weiter verfolg hat (Schlamperei oder bewusste Verschleierung?). Es lag ja die eindeutige Aussage des Zeugen Thieslaff bei den Streifenpolizisten vor. Ferdl hat inzwischen recherchiert, dass diese beiden, Polizeimeister Uwe Jochimsen und Axel Waldmann, die Meldung Thieslaffs ordnungsgemäß auf ihrem Revier weitergaben. Sie sagten jedoch ihm gegenüber aus – entgegen der Behauptung des mutmaßlichen Täters Kohlmann –, sie seien im Rahmen ihrer routinemäßigen Streifenfahrt rein zufällig und nicht auf den etwaigen Anruf beim Notruf 110 am Tatort vorbeigekommen. Bewaffnet mit all diesen Beweismitteln, machte ich mich auf den Weg zu Oberstaatsanwalt Harmsen und legte sie ihm vor. Auch er war sichtlich erbost, weil die Angelegenheit derart unprofessionell von Polizei und Strafverfolgung gehandhabt worden war, und veranlasste die Ausstellung einer Vorladung des Rafael Kohlmann zwecks Befragung. Dann rief er in meinem Beisein Staatsanwalt Dr. Uwe Pepperkorn an und bat ihn, sich des Falles anzunehmen und ein internes Ermittlungsverfahren in den beiden betroffenen Polizeistationen einzuleiten. Er meinte auch noch, er wolle selbst in Erfahrung bringen, wer hier als Staatsanwalt zuständig gewesen sei und weshalb dieser eine Einstellung des Verfahrens veranlasst habe. So, liebes Tagebuch, das war’s für heute. Schade, ich muss diese Nacht allein schlafen! Werde noch eine SMS an Waldi schicken und mich beklagen, dass ich ihn so sehr vermisse. Und dann ab ins Bett! Morgen früh nach dem Joggen geht’s mal wieder auf den Schießstand, bin schon drei Mal vom Kollegen Hummel angemahnt worden.
Ermittlungen
»Guten Tag, Herr Kapitänleutnant Hubermann. Wir sind von der Bezirkskriminaldirektion in der Kieler Blumenstraße: meine Kollegin Steffi Hink, ich bin Sascha Breiholz. Wir gehen davon aus, dass unser Vorgesetzter, Herr Kriminalrat Harald Sierck, Sie bereits über unser Kommen informiert hat.«
»Danke, Suhrbier, Sie dürfen abtreten!«
Der Obermaat, der die Beamten an Bord in Empfang genommen und sie hierher begleitet hat, salutiert und macht kehrt. Die beiden Kriminaloberkommissare zeigen ihre Dienstausweise.
Der Kommandant des Minensuchbootes Olpenitz nickt. »Jawohl, ich bin im Bilde. Ihr Herr Kriminalrat hat mir Ihren Besuch vor einer Stunde avisiert, allerdings nicht gesagt, worum es sich handelt. Bitte nehmen Sie Platz.« Er rückt einen Hocker neben den Mini-Schreibtisch in dem beengten Dienstraum, der obendrein auch noch seine Koje beherbergt. »Bitte entschuldigen Sie, aber Geräumigkeit kann ich Ihnen hier an Bord leider nicht anbieten. Darf ich nun den Grund Ihres Besuchs erfahren?«
Nachdem sie sich gesetzt haben, räuspert sich Sascha Breiholz. »Wir kommen in einer etwas heiklen Angelegenheit und müssten mit Ihrem Ersten Offizier, dem Herrn Leutnant zur See Bertram Klinck, sprechen. Am letzten Freitag wurde im Kieler Forst die Leiche einer jungen Frau aufgefunden, von der wir aus guten Gründen annehmen müssen, dass es sich um seine Ehefrau handelt. Wir wollten ihn bitten, die Tote zu identifizieren. Die Leiche liegt im Gerichtsmedizinischen Institut der Christian-Albrechts-Universität bei Professor Doktor Klamm. Könnten wir den Herrn Leutnant sprechen? Es wäre wichtig.«
»Das ist ja furchtbar, was Sie da erzählen!« Der Bootskommandant ist offensichtlich betroffen.
»Wir sind gerade erst am vorigen Dienstagnachmittag von unserer dreimonatigen UNIFIL-Mission vor der libanesischen Küste in unseren Heimathafen zurückgekehrt. Sie wissen sicherlich, dass wir dort im Auftrag der UNO und des Bundestages gemeinsam mit Marineeinheiten weiterer fünf Nationen für den Schutz von circa einhunderteinundzwanzig Kilometern Küstenlinie vor Waffenschmuggel für die kriegerischen Guerilla-Auseinandersetzungen im Lande sowie für die Einhaltung des Friedensabkommens zwischen Libanon und Israel zu sorgen haben und gleichzeitig dafür, die libanesischen Marinestreitkräfte auszubilden. Herr Leutnant zur See Klinck ist am Morgen des darauffolgenden Tages, also am Mittwoch, dem 7. Mai, zusammen mit etwa zwei Drittel meiner siebenunddreißigköpfigen Mannschaft an Land gegangen, um ihren wohlverdienten Urlaub zu genießen. Ich nehme an, er ist bei sich zu Hause anzutreffen. Haben Sie seine Anschrift?«
Steffi Hink zieht ihr Smartphone hervor und blickt suchend auf das Display, dann sagt sie: »Nicht direkt, aber wir haben die Anschrift einer Nachbarin: Am Steinweg 2 in Suchsdorf. Es müsste demnach ein Haus daneben oder gegenüber sein. Jedenfalls vielen Dank Herr Kapitänleutnant.«
»Wie lange hat der Herr Leutnant denn Urlaub?«, will Sascha noch wissen.
Kommandant Hubermann dreht den Bildschirm seines Computers zu sich und ruft mit einem Mausklick den Dienstplan auf. »Die Olpenitz geht morgen zur Überholung in die Werft. Der Herr Leutnant Klinck ist zur Beförderung zum Oberleutnant vorgesehen und soll zunächst kommissarisch das Kommando zur Überführung eines Schwesterschiffes zurück an die libanesische Küste übernehmen. Dieses soll planmäßig in vier Wochen, also am 12. Juni auslaufen. Demnach hat er sich spätestens drei Tage davor zum Dienst zurückzumelden. Hoffentlich haut ihn dieser böse Schlag nicht um. Ich weiß, er hat seine Frau Jenny sehr geliebt und besonders oft von ihr gesprochen. Ich habe die nette Frau allerdings nur einmal kurz bei einer Feier an Land kennengelernt. Es wäre furchtbar für ihn, wenn die Tote, die Sie gefunden haben, tatsächlich seine Frau ist!«
Steffi und Sascha bedanken sich nochmals und verabschieden sich.
Der Bootskommandant ruft den Gefreiten Hansi Stüber herbei, damit er die Kriminaloberkommissare von Bord bis an die Pier begleitet.
Während sie von der Brücke über eine Treppe zum Deck herabgehen, fragt Steffi ganz nebenbei den schlanken und sommersprossigen, rothaarigen jungen Seemann: »Wie is’n der so, der Erste?«
»Ach, Sie meinen den Klinck?«, fragt Stüber ein wenig verunsichert. »Warum wollen Sie das wissen, Sie sind doch die Bu… – ich meine, von der Polizei. Hat er was angestellt?«
»Nee, nur so«, entgegnet Sascha. »Der arme Kerl hat wohl gerade seine Frau verloren, deswegen.«
Der Gefreite sieht sich sorgfältig um, will wohl sichergehen, dass ihm niemand zuhört. Er bleibt an der Reling stehen und flüstert: »Von wegen armer Kerl! Wenn der Grobian sie genauso behandelt hat wie unsereins, dann dürfte sie wohl jetzt erlöst worden sein – Gott hab sie selig! Aber das ham Se bitte nich von mir, okay?«
»Wieso? Ist er so ein übler Vorgesetzter?« Sascha will es nun genauer wissen.
»Rücksichtslos gegenüber seinen Untergebenen, dem Alten aber kriecht er in den Arsch! Ziemlich gemein und harsch, das kann man wohl behaupten. Und hat sogar einigen von uns ’ne Backpfeife oder auch ’nen Tritt in den Achtersten verpasst, wenn sonst niemand dabei war. Wenn Sie mich fragen, verstehe ich nicht, wie man so ’ne schlimme Nummer auch noch befördern kann. Aber Vitamin B ist auch bei der Marine von großem Nutzen!«
»Wie meinen Sie das?«
»Na ja, wenn Vaddern Klinck Vizeadmiral ist und im Verteidigungsministerium ganz oben sitzt, schlägt Sohnemann ja wohl irgendwie Profit daraus, oder?«
Die Beamten sehen sich stumm an.
Steffi nickt. »Danke für die nette Begleitung, Herr Gefreiter, und alles Gute für Sie!«
Gefreiter Stüber grinst und salutiert zackig, als die beiden Kriminalhauptkommissare über die Gangway auf die Pier hinuntergehen.
Steffi dreht sich um und winkt ihm freundlich zurück.
*
Die Stimme von Kriminalrat Harald Sierck tönt aus dem Lautsprecher des Dienstpassats, in dem Steffi Hink und Sascha Breiholz das neue Ziel anvisieren: »Versucht es zunächst bei Leutnant Klinck in seiner Wohnung. Sollte er nicht anzutreffen sein, hinterlasst eure Visitenkarte mit dem Vermerk, er möge sich baldigst bei uns melden. Fahrt dann gleich weiter zur Zentrale der Holsteinischen Bank. Dort ist der Wohnungsgeber Herr Volkmann als Berater tätig. Am besten, ihr bringt ihn gleich mit in die Pathologie, sodass er die Leiche identifizieren kann. Gebt mir sofort Bescheid, dann treffen wir uns bei Professor Klamm. Also los, die Herrschaften!«
»Sind schon unterwegs, Herr Kriminalrat, melden uns dann«, bestätigt Steffi und hantiert gleichzeitig am Navi. »Ich geb mal die Wohnung der Nachbarin Frau Weiden, Am Steinweg 2 ein; von ihr erfahren wir die Hausnummer der Klincks.«
Wegen des dichten Verkehrs benötigen sie fast eine Dreiviertelstunde, um an die Tür von Klincks Nachbarin zu gelangen und dort zu klingeln.
Ihnen öffnet eine mittelgroße, blonde und sehr apart gekleidete Endvierzigerin, und nachdem sich die beiden Kriminaloberkommissare vorgestellt haben, bittet sie diese in die luxuriös möblierte Villa. »Ja, ich hatte schon von Ihrem Kollegen, einen Herrn, dessen Namen ich nicht mehr erinnere, der aber mit einem markanten österreichischen Akzent sprach – durchaus charmant, muss ich sagen –, vom traurigen Schicksal der armen Jenny erfahren.« Sie schnieft bedrückt.
Steffi nickt, während Sascha bestätigt: »Das wird der Kollege Csmarits vom LKA gewesen sein.«
»Stimmt, Herr Kommissar. Jetzt, wo Sie den Namen erwähnen: Jenny war im Gegensatz zu ihrem Mann eine besonders nette und im Grunde auch durchaus fröhliche junge Frau. Sie war wirklich nicht zu beneiden bei dem Wüterich, den sie da geheiratet hat. Das Paar zog kurz nach ihrer Hochzeit in das Nachbarhaus ein. Mit dem Leutnant hatten wir kaum Kontakt, er war ja meistens auf See. Ich habe mich mit der Zeit mit Jenny angefreundet. Oft war sie bei mir, um ihr Leid zu klagen. Fast immer gab es Streit, kurz nachdem ihr Mann von einem Einsatz zurückkam. Er war pathologisch eifersüchtig und warf ihr stets vor, sie habe ihn mit ihrem Chef betrogen. Sie arbeitet – oder arbeitete, muss ich ja jetzt sagen, oh mein Gott, wie schlimm das alles ist! – als Chefsekretärin bei einer Versicherung. Sie hat mir oft erzählt, dass dieser Herr Doktor Otfried Wohlgemuth, wie sie ihn genannt hat, sie sehr respektvoll behandelt und ihr niemals nähergekommen sei. Sie liebte ja ihren Berti – wieso, das ist mir in der Tat unverständlich – heiß und innig und ertrug deswegen auch seine oftmaligen Entgleisungen, etwas, was mein Mann und ich nicht nachvollziehen konnten. Der fiese Herr Leutnant konnte sehr brutal sein und hat sie des Öfteren geschlagen. Die lauten Schreie hörte man gelegentlich sogar bis hierher. Einmal floh sie vor ihm und klingelte mit blutenden Wunden im Gesicht an unserer Tür. Berti verfolgte sie bis hierher und wollte sie gewaltsam wieder nach Hause schleppen. Gottlob konnte mein Mann das verhindern, indem er ihn festhielt und ihm drohte, die Polizei zu rufen. Jenny verbrachte damals die Nacht bei uns. Natürlich konnten und wollten wir uns nicht einmischen, jedoch empfanden wir diese Situation als äußerst unangenehm. Wir hatten durchaus Verständnis für sie, dass sie es am Ende nicht länger aushielt. Vor einigen Monaten verließ sie ihn vor seinem letzten Einsatz und zog zu einem Jugendfreund, den sie aus ihrem Heimatort kannte.«
Frau Weiden schüttet ihre ganze Betroffenheit in einem Zuge vor ihnen aus. Sie erfahren zudem, dass das Klinck-Wohnhaus die Nummer 4 nebenan, er aber schon seit etwa drei Monate auf See und seitdem hier nicht mehr gesehen worden sei. Dann setzt Frau Weiden hinzu, dass dort gelegentlich eine Zugehfrau putzt und eine Gärtnerfirma sich um Hecken und Rasen kümmert.
Als sie das Angebot, ein Erfrischungsgetränk zu sich zu nehmen, dankend abgelehnt haben, verabschieden sich Steffi und Sascha und gehen hinüber zum Nachbarhaus. Sie klingeln an der Tür.
Ihnen öffnet eine jüngere Frau, die sich als Cora Stankowa vorstellt und gerade mit dem Staubsauger zugange ist. Sie stellt das heulende Ungetüm ab und bestätigt, dass der Herr ›Laitnant‹ zwar gestern angerufen habe, bis ›haite‹ aber nicht hergekommen sei. »Telefon von Haus der Eltern in Luneburger Heide kann ich geben!« Sie geht zu einem Garderobentischlein und zeigt den beiden Kriminaloberkommissaren einen Zettel, auf dem 05071-90 90 01 geschrieben steht. Steffi speichert die Zahlenreihe auf ihrem Smartphone, während Sascha »Bitte rufen Sie uns an, sehr wichtig!!!« auf eine Visitenkarte kritzelt und diese der Frau mit der Bitte übergibt, sie an einen Ort zu legen, wo der Herr Leutnant sie gleich vorfinden würde, käme er denn nach Hause.
Sie verabschieden sich und gehen zu ihrem Wagen. Sascha überträgt die Telefonnummer auf sein iPhone und wählt. Das Telefon klingelt mehrmals, dann meldet sich der automatische Anrufbeantworter: »Guten Tag! Momentan stehen wir für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Geben Sie bitte nach dem Signal Ihren Namen und die Telefonnummer bekannt und hinterlassen dann Ihre Nachricht. Gegebenenfalls werden Sie zurückgerufen. Danke!«
»Ganz schön überheblich!«, bemerkt Sascha, bevor ein Piepton im Hörer erklingt. »Guten Tag! Hier spricht Kriminaloberkommissar Sascha Breiholz von der Bezirkskriminalinspektion Blumenstraße in Kiel. Herr Leutnant zur See Bertram Klinck wird hiermit von Amts wegen ersucht, sich unverzüglich beim stellvertretenden Dezernatsleiter 21 im LKA, dem Ersten Kriminalhauptkommissar Herrn Doktor Walter Mohr, in einer dringenden Angelegenheit zu melden. Man erwartet bis spätestens morgen Mittag, zwölf Uhr Ihre entsprechende Rückmeldung. Danke, auf Wiederhören!«, spricht er im gleichen monotonen Tonfall wie die Automatenstimme und beendet die Verbindung. »Der Kerl wird mir von Minute zu Minute unsympathischer!«, setzt er gereizt hinzu.
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