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Max Brand

Der weiße Wolf

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2021 OK Publishing

EAN 4066338113634

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

2. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

1. Kapitel

Inhaltsverzeichnis

In einer der oberen Schluchten des Winnemago-River traf Gannaway zum erstenmal mit dem Riesen zusammen. Gannaway selbst war kein Zwerg. Unter sengender Sommersonne, im zerrenden Wintersturm über die Rocky Mountains zu wandern, hatte ihm Muskeln von Eisen gegeben. Man brauchte nur in Adam Gannaways Gesicht zu sehen, dann wußte man, daß diesem Manne der schlimmste Schneesturm ebensowenig anhaben konnte wie alle Schrecken der Wildnis. Seine Beschäftigung als Meteorologe ließ ihn jahrein, jahraus nicht zur Ruhe kommen. In seinem Wanderleben gab es niemals eine Pause, und da er ein nachdenklicher und stiller Mensch war, der gern und immer andere Bahnen ging als seine Mitmenschen, fühlte er sich oben in der Einöde der Berge am behaglichsten. Hier konnte man die Ellbogen gemütlich auf den Tisch stemmen. Fern von seinen Bergen war Gannaway ein befangener und ungeschickter Bursche.

Ein großer Jäger war er auch, unser Adam Gannaway, obwohl er sehr viel lieber mit der Kamera auf die Jagd ging als mit der Büchse. Das Ergebnis war, daß er vom Wesen der wilden Tiere mehr wußte als irgendeiner weit und breit. Aber all das verhinderte nicht, daß er bei seinem ersten Zusammentreffen mit Tucker Crosden sich wie ein verweichlichter Städter vorkam, der sich unversehens dem drohenden Antlitz der Natur gegenüber sieht. Der Stab, mit dem Tucker Crosden einherschritt, war schwer mit Eisen beschlagen und von solcher Länge und Dicke, daß Gannaway an die alten Sagen erinnert wurde. Gannaway hatte gewiß sehnige Arme, aber er hätte diesen Stab nicht einmal auf einem einzigen Tagesmarsch mit sich schleppen mögen. Die Finger des Riesen aber spielten damit wie mit einer dünnen Weidenrute. Von Zeit zu Zeit ließ er den furchtbaren Knüttel auf die Rippen eines kleinen Esels niedersausen, der mühsam und eilfertig vor ihm her kletterte. Jeder Schlag, der das geduldige Wesen traf, ließ Striemen zurück. Gemessen an der riesigen Größe seines Herrn sah der Esel wahrhaftig aus wie ein Schoßhündchen, nicht wie ein Lasttier.

Das Bündel, das er schleppte, war so schwer und das Tier so erschöpft von dem langen, mühsamen Marsch die steile Winnemago-Schlucht hinauf, daß ihm der Riese schließlich doch eine Rast bewilligte. Als sie Gannaway erreicht hatten, machte das Eselchen mit weitgespreizten Beinen halt.

In den San Jacinto-Bergen war die Gesellschaft eines Menschen so selten wie süße Musik und ein Erlebnis, nach dem man sich noch weitaus tiefer sehnte. Trotzdem war Gannaway nach kurzer Musterung überzeugt, daß der Mann seinen Weg fortgesetzt hätte, ohne ihm auch nur einen Gruß zu gönnen, wenn der Packesel besser bei Kräften gewesen wäre. Der Fremde warf dem Meteorologen einen mißtrauischen Blick zu, murmelte etwas Unverständliches, was ein Gruß sein konnte und fuhr dann fort:

»Habt Ihr was zu 'ner Zigarette bei Euch, Fremder?« Gannaway reichte ihm ein Heftchen braunes Zigarettenpapier und ein Restchen Durham-Tabak, das gerade noch den Boden des Leinwandsäckchens bedeckte. Dann sah er mit Erstaunen, wie die klobigen, dicken Finger des andern sich mühten, eine Zigarette zu rollen. Crosden vergeudete keine Zeit mit Dankesworten. Sobald die Zigarette brannte, trat er zu dem Packtier und hob aus einem der Tragkörbe einen mächtigen Bullterrier – ein Weibchen. Das Tier war hoch trächtig, und als Crosden es auf den Boden setzte, wurde es deutlich, daß seine schwere Stunde rasch heranrückte. Gannaway sah zu und wunderte sich, daß ein Mann wie der, der jetzt vor ihm stand, seinem einzigen Lasttier noch den Ballast eines Hundes aufgebürdet hatte.

Der Riese folgte der Hündin bis zum Fluß und beobachtete mit nachdenklich gerunzelter Stirn, wie sie das Wasser schlappte. Als sie fertig war – das Ufer stieg vom Wasser her steil an –, nahm er sie fürsorglich auf den Arm und trug sie auf den Weg hinauf. Das Tier stellte die Ohren auf und dankte ihm mit einem kurzen Wedeln. Dann strolchte es langsam durch das Gras davon.

Gannaway war verblüfft. Je länger es währte, desto größer wurde sein Erstaunen. Gewiß, was er mit angesehen hatte, war nicht mehr, als jeder warmherzige Mensch für einen Hund in diesem Zustand getan hätte, aber diesem Riesen warmes, menschliches Empfinden zuzuschreiben, schien ebenso töricht, wie Erbarmen bei einem Berglöwen zu suchen oder Wohltätigkeit bei einem Bären. Im übrigen hatte er den Eindruck, daß es nicht so sehr einem augenblicklichen Überschwang des Gefühls, sondern einem wohlüberlegten Plan zuzuschreiben war, wenn der klotzige Bursche so viel Fürsorge an den Hund verschwendete. Man konnte etwa annehmen, daß ihm eine große Belohnung dafür in Aussicht gestellt war, wenn er die Hündin sicher über die Berge brachte.

»Ein Prachtexemplar!« sagte Gannaway.

Der Grobian warf einen schiefen Blick zu ihm hinüber.

»So?« knurrte er gereizt und fuhr fort, düsteren Auges dem Tier bei seinem Hin und Her zu folgen.

Freilich war Gannaway kein Sachverständiger für Bullterriers, aber er war ein guter Kenner aller Wesen mit vier Beinen und wußte nicht nur über die Anforderungen Bescheid, die man im allgemeinen an Rassehunde stellt, sondern auch über den idealen Hund, der der stille Traum des Bulldoggenzüchters ist. Gannaway musterte das Tier noch einmal und mit größter Sorgfalt. Er betrachtete es von vorne und von hinten, von der Seite und von oben und konnte keinen Makel an ihm finden.

»Donnerwetter!« sagte er. »Wenn die Hündin nicht das Zeug zu einem ersten Preis in sich hat, will ich ein Narr sein!«

»Ihr seid nicht der einzige Narr auf der Welt!« meinte sein Gegenüber und wartete tückisch gesenkten Blicks, ob Gannaway bereit sei, den Fehdehandschuh aufzunehmen. Als der aber seine Ruhe bewahrte, ließ der Riese sich herbei, hinzuzufügen: »Aber es stimmt schon. Es ist ein preisgekröntes Tier.«

Gannaways Neugier war hellwach. In unserer Zeit der Degeneration wachsen erstklassige Bullterriers nicht auf jedem beliebigen Busch. Noch weniger ist man geneigt anzunehmen, daß eine preisgekrönte Hündin ihrer schweren Stunde ausgerechnet in der Wüstenei der San Jacinto-Berge entgegensieht, wo die armen blinden Hündchen, die immerhin einige hundert Dollars Wert repräsentieren, der Gnade und Ungnade der Winterstürme ausgeliefert sind.

»Wo hat sie ihren Preis bekommen? Wie heißt sie denn?« erkundigte sich Gannaway.

Der Riese drehte ihm den Rücken.

»Es ist Zeit, daß wir weiterkommen, Nell. Hierher, Nell!«

Die Hündin gehorchte augenblicklich, kam schwerfällig herangetrabt und wartete zu Füßen ihres Herrn gelassen auf weitere Befehle. Gannaway wurde es bei dem Anblick warm ums Herz, so unverschämt der ungeschlachte Bursche auch zu ihm gewesen war. Just in diesem Augenblick war sein Gegenüber mit seiner Zigarette zu Ende. Es drehte sich halb zu Gannaway herum und fragte über die Achsel: »Habt Ihr das Zeug zu 'ner zweiten?«

»Nein«, sagte Gannaway, »das war mein letzter Tabak.«

»Schon gut,« sagte der Riese, »ich bin auch mit Pfeifentabak zufrieden.«

»Der ist mir auch ausgegangen. Kein Krümelchen mehr ist übrig.«

Der Kerl starrte ihn ungläubig an, aber Gannaways blaue Augen waren die Aufrichtigkeit selbst. So machte sich Crosden in einem ungeheuerlichen Fluch Luft.

»Aber«, knurrte er, »Ihr habt doch nicht Euren letzten Tabak weggeschenkt?«

»Ich kann mich auch ohne Tabak behelfen. Ich hab's schon oft getan«, sagte Gannaway.

Der Grobian sah sich hilflos im Kreise um, als suche er beim Wind, bei der Sonne und den harten Felsen ringsumher vergeblich die Erklärung für eine Freigebigkeit so fürstlicher Art. Dann kam ihm, wie sein Gesicht verriet, ein anderer Einfall, eine Folgerung, gegen die er aus Leibeskräften kämpfte, die sich aber bei ihm zum Trotz behauptete.

»Kreuzhimmeldonnerwetter, Mann!« bellte er plötzlich. »Ihr müßt von der richtigen Sorte sein!«

Und seine kleinen Augen bohrten sich schweigend in Gannaway, als sei es etwas ganz Unerhörtes, in einem Mitmenschen inneren Anstand zu entdecken – als sei es ein Geheimnis, das allem Dagewesenen ins Gesicht schlug und sich ganz einfach nicht begreifen ließ.

»Habt Ihr 'ne Pfeife bei Euch?« fragte er schließlich.

»Jawohl.«

»Dann – stopft sie Euch!«

Er zog einen wohlgefüllten Tabaksbeutel aus der Tasche und hielt ihn Gannaway hin. Aber selbst dann noch, während Gannaway gehorsam und zufrieden seine schwarze Pfeife stopfte, musterte ihn der Fremde tief verwundert vom Kopf bis zum Fuß. Er schien damit beschäftigt, die besonderen Merkmale dieser neuentdeckten Sorte Mensch in seinem Gedächtnis einzugraben.

»Barnsbury Lofty Lady II. heißt sie«, platzte er schließlich heraus, »und ihren Preis hat sie drüben in New York bekommen, wie sich's gehört – wie alle anderen aus meiner Zucht. Die kleinen Ausstellungen im Land herum, das ist mir gar nicht erst der Mühe wert, 'ne große Sache für mich oder nichts!«

»Ein recht teures Vergnügen sowas – die Hunde so weit zu transportieren«, meinte Gannaway mit einiger Achtung.

»Oh – na ja, Geld kostet's schon, aber ich verdien' genug mit meinen Fallen. Ich verkauf' genug Pelzwerk, um die Hunde gut im Futter halten zu können. Der Familie paßt das mit den Hunden nicht. Der Teufel soll sie holen!«

Gannaway zog es vor, den letzten Teil dieser Erklärung zu überhören. Er antwortete bloß: »Der Hund macht einen ausgezeichneten Eindruck. Übrigens, mein Name ist Gannaway.«

»Gannaway«, sagte der Fallensteller. »Ich weiß nicht, was Ihr treibt, aber mit Hunden habt Ihr nichts zu tun. 's stimmt schon, Nelly sieht gut genug aus. Wie ich mit ihr nach dem Osten hinuntergekommen bin, ist sie ins Zuchtbuch eingeschrieben worden. Man hat ihr Becher genug zuerkannt, und die Leute haben mir die Hand geschüttelt und haben mir 'nen mächtigen Happen Geld für das Tier geboten. Kommt so 'n kleiner Narr daher, mit 'nem verkniffenen Gesicht, und sagt: ›Dreitausend Dollar!‹ ›Dreitausend Dollar für das Tier? – Ne! – Keine dreißigtausend – keine dreihunderttausend – Nicht mal drei Millionen! Mit Geld ist da nichts zu machen!‹«

Das war nicht einfach Irrsinn, es war derselbe göttliche Enthusiasmus, dem es einerseits zu verdanken ist, daß es prachtvolle Pferde und Hunde – und andererseits, daß es schöne Statuen und Gedichte gibt. Gannaway hatte Verständnis dafür und nickte voll Mitgefühl; hatte doch auch er sein Herz an einen fernen Stern gehängt.

»Ne – nicht, daß an dem Hund so viel ist«, fuhr der Riese fort, – er sprach mehr zu sich selbst als zu Gannaway – »nicht, daß an dem Hund so viel ist. Aber, Mann, die Zukunft, die in ihr steckt! Nelly hat das richtige Zeug in sich! Kann sein, es zeigt sich auch. Sie hat das richtige Zeug in sich!«

»Und was ist das?« erkundigte sich Gannaway behutsam.

Der Riese warf ihm einen gereizten Seitenblick zu. Dann aber gewann das, was ihn innerlich erfüllte, Gewalt über ihn. Er hob den Kopf, daß sein langes, dickes Haar zurückfiel, und ein Lächeln von ungeahnter Schönheit reinigte und verklärte plötzlich sein Gesicht.

»King!« flüsterte er. »King's Blut fließt in ihr und vielleicht zeigt es sich auch – vielleicht zeigt es sich jetzt, gerade jetzt, in dem neuen Wurf. Vielleicht – ich weiß es nicht – keiner kann's voraussagen – höchstens Gott!«

2. Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Ihr Weg ging nicht in derselben Richtung, aber Gannaway hatte gar nichts dagegen, von seinem ursprünglichen Kurs abzubiegen, der ihn quer über das Tal des Winnemago, über den Mount Spencer und Mount Lomas, nach Süden hinunter, hätte führen sollen. Statt dessen wanderte er mit seinem neuen Gefährten das Flußtal hinauf, bis sie gegen Abend die unteren Winnemago-Berge erreicht hatten, unter deren Fichten sie ihr Lager aufschlugen. Der Fremde wollte die Winnemago-Berge kreuzen und über den Mount Spencer nach dem Tal der Sieben-Schwestern gelangen. Daraus ergab sich, daß die beiden am nächsten Morgen sich trennen mußten. Gannaway war aber entschlossen, die Zwischenzeit gut zu benutzen. Vielleicht halfen ihm Klugheit und Geduld, das Rätsel zu lösen. Welches Geheimnis veranlaßte einen Mann, der seine Sinne beieinander hatte, das Leben eines Hundes, der gut seine dreitausend Dollar wert war, in den eisigen Höhenwinden in Gefahr zu bringen – und setzte er nicht ebenso die Existenz der Jungen aufs Spiel?

Es war nicht leicht, aus Crosden irgendwelche Auskunft herauszubekommen. Unverhohlener Neugier gegenüber benahm er sich wie ein Indianer – er schwieg. Und eines war Gannaway von vornherein klar. Der Hundezüchter war ein unverfälschter Gewaltmensch, den eine verzehrende Leidenschaft erfüllte: aus seiner Zucht den Bullterrier ohne Fehl und Makel hervorgehen zu sehen. Erst als sie ihre Abendmahlzeit zubereitet und gegessen hatten, erst als sie danach bei der zweiten Pfeife saßen, löste sich durch einen reinen Zufall Crosdens Zunge.

»Was die Leute auch an dem Tier noch auszusetzen haben mögen, sie hat einen fabelhaften Kopf«, sagte Gannaway und nahm Nellys Kopf zwischen die Handflächen.

Von alledem schien nur ein Bruchstück das Ohr seines ungeschlachten Gegenübers erreicht zu haben.

»Einen fabelhaften Kopf?« wiederholte Crosden mit träumerischer Stimme. »Es hat mal 'nen fabelhaften Hund gegeben. Hört Ihr das, Gannaway? Ihr seid ein Kerl von der richtigen Sorte, kann sein, daß Ihr's versteht. Es gibt Halunken und Schleicher in der Welt und verdammt wenig anständige Menschen. Soll man da Lust haben, zu solchem Gesindel darüber zu reden, was ein Hund ist, wie er sein soll? Das Pack da hinten im Osten – Geschmeiß! Das sind keine Männer. Aber, Gannaway, Ihr scheint mir von der richtigen Sorte, und 's kann sein, Ihr würdet mich verstehen. Angenommen: ich erzähl' Euch – soll ich Euch die Sache erzählen – warum nicht? Heraus damit! Vielleicht tut mir's gut, das Reden, vielleicht bringt's mich ganz um den Verstand.«

Er strich sich das allzu lange Haar aus dem Gesicht und starrte, die Faust fest um seinen riesigen Wanderstab gepreßt, ins Feuer. So saß er lange Zeit, ein seltsam melancholisches und dabei brutales Geschöpf, und brütete vor sich hin, und wenn das Feuer aufloderte, schien es, als ob die Funken in diesen starren Augen tanzten.

Plötzlich hob er den Kopf und starrte Gannaway an. Der zuckte ein wenig zusammen und mußte sich erst wieder fassen.

»Ich kann Euch sagen, Mann, früher, wie die Sache anfing, da gab's kaum einen, außer Newton und mir. 's gab auch andere, die Hunde hatten, und sie stellten sie aus und bekamen Preise dafür und redeten lang und viel, aber keiner von ihnen wußte, wie man's anstellt, daß so ein Bullterrier den richtigen Kopf auf den Schultern hat. Keinen gab's außer mir – und dann Newton! Er hat's von mir gestohlen, wie man's macht. Kann übrigens sagen, er verstand seine Sache. Auf die Hündinnen kommt's an. Man kann die besten Rüden von der Welt haben und 's nützt einem nichts. Aber wenn man eine Hündin hat, bei der das Auge sitzt wie's soll – und nicht zu leicht darf sie sein im Gestell – aber, na ja, Ihr seid kein Züchter.

Well, wir wollen's lassen. Ich wußte jedenfalls Bescheid und Newton auch. Ich wußte, daß er Bescheid wußte und er wußte dasselbe von mir. Manchmal brachten wir nicht viel heim, just 'ne rote Schleife oder 'ne gelbe und solches Zeug, aber ich hatt' mir's angewöhnt hinzugehen und Newtons Hunde anzusehen, und er kam zu mir herüber und sah sich meine an. Und jeder von uns wußte, daß der andere dicht daran war – 'nen Hund zu züchten, den man 'nen Hund nennen konnte.

Wir fingen auch an und brachten erste Preise heim, 's dauerte nicht lang, da schneiten sie reichlich dicht auf uns herab. Aber immer noch bleibt Newton dabei und schleicht um mich herum und paßt auf mich auf, und genau so mach' ich's ihm. Schließlich komm' ich wieder nach New York und wie ich in Madison Square Garden bin, seh ich, wie Newton sich an mir vorbeidrückt mit 'nem schuldbewußten Blick. Ich lang' aus und pack' ihn am Kragen. Newton ist 'n kleiner schwächlicher Tropf. Er fällt mir unter der Hand zusammen und schmeißt 'nen Arm hoch, als ob ich ihn hauen wollte.

›Laß die Pfoten von mir‹, sagt er. ›Wer hat dir's gesteckt?‹

Wie er das sagt, wußt' ich gleich, der Kerl hatte die Sache geschafft. Ich dachte gleich, daß er mich geschlagen hat – und ich war nah daran, ihm da auf der Stelle den Hals herumzudrehn – mächtig nah.«

Er hob seinen eisenbeschlagenen Stock und schlug damit auf einen dicken Felsklotz – der Stein barst wie verwitterte Kreide.

»Sag' ich: ›Du nimmst mich jetzt mit nach hinten und zeigst's mir –‹, sag' ich. ›Bei deinen Tieren hast du's nicht mit ausgestellt.‹

Denn ich hatte mir die Hunde angesehen, die auf seinem Stand ausgestellt waren.

Also nimmt er mich nach hinten und öffnet einen Verschlag, der in einer Ecke stand. Er schnippt mit den Fingern, und heraus springt ein Hund – der Hund, wie er sein soll!

Zuerst, wie das Tier so 'raus huscht, und ich seh' das weiße Fell – 's wurde mir richtig flau zu Mut um den Magen herum, bild' ich mir ein, Newton hätte das Kunststück geschafft und ich sei geschlagen. Sag' ich: ›New't‹, sag' ich, ›du hast's geschafft! Das ist der richtige Hund da!‹

Well, er sieht von der Seite an mir 'rauf und schüttelt den Kopf, Gott möge ihn segnen, ich hätt' ihn dafür küssen können. Sagt er: ›Früher, als das Vieh noch klein war, dacht ich auch immer, 's wird's erreichen. So wie's aussah, schien alles tadellos. Aber, Kamerad, wenn du just 'nen Schritt zurückmachst und schaust noch mal genau hin, dann siehst du auch, wo's fehlt. Am Kopf ist's irgendwo und am Hals – aber es ist nichts, was bei der Wertung mitzählt. 's ist nichts gegen den Standard.‹

›Hol der Teufel den Standard‹, sag' ich. Denn das hatten wir alle schon erlebt, daß ein Hund dem Standard entsprach, als wär's bestellt. Und dann wurde er von einem beliebigen Durchschnittsköter geschlagen, bloß weil der Köter das richtige Feuer in sich hatte. Also seh' ich mir die Hündin an und seh', Newton hat recht. Just um 'ne Idee stimmte was nicht am Kopf und am Hals. Und auch unter den Augen – just 'ne Idee.

Sag' ich: ›Wie hast du sie genannt?‹

›Königin‹, sagt er, ›ist der einzige Name, den ich ihr gegeben hab', The Queen‹.

›Newton Queen?‹ frag' ich.

›Nein, just Queen‹, sagt er, ›nichts weiter.‹

Well, Mann, den Namen hatte sie verdient. War just 'n junges Tier von nur zehn Monaten, aber in der Zuchtklasse wurde sie als Beste von 'nem guten Hundert Bullterriers preisgekrönt. Und damit war's nicht zu Ende. Schließlich wurde sie für den besten Terrier auf der ganzen Ausstellung erklärt. Und vielleicht wär' sie noch höher gekommen – geradeswegs bis oben 'rauf. Aber wann werden die Kerle auf der Richterbank einem Bullterrier die höchste Auszeichnung zusprechen? Niemals, bei Gott, solange nicht ein Hund daherkommt, der 'ne Krone auf dem Kopf ...

Aber das kommt später!«

Tucker Crosden stand auf und begann in großen Schritten auf und ab zu wandern. Man sah, wie mühsam er sich beherrschte.

»Newton, Mann, der kommt zu mir, wie die Ausstellung vorbei war, und sagt: ›Crosden‹, sagt er, ›ich will verdammt sein, wenn ich nicht mein bestes Pulver schon verschossen hab'. 's ist just 'n Stimmchen in mir, das verrät mir, daß ich mit meinen Hunden nicht mehr viel weiter kommen werde, als ich schon gekommen bin. Die ›Queen‹ ist mein bester Trumpf, wenn ich mich nicht draußen umschau und neues Blut in die Zucht bring'.‹

Ich sah gleich wo er hinauswollte, aber ich halt' fein den Mund. ›Wie willst du's anstellen, um die Zucht zu verbessern?‹ sag' ich, und nichts sonst.

›Ich weiß auch nicht‹, sagt er. ›Aber wie wär's, wenn wir einen von deinen Hunden nehmen würden für die Queen, alter Knabe.‹

›Was nicht gar. Ich stell' dir fünfzehn Jahre Arbeit und Plackerei zur Verfügung und du zahlst mir fünfundzwanzig Dollar Deckgeld, was? Und tust dich dann dick mit deinem Erfolg.‹

's kam ihn mächtig schwer an, aber er mußt' sich dreinfinden. Er versprach, er läßt mir die Hälfte von dem neuen Wurf. Wie's soweit war, mußt' ich damit herausrücken, daß ich im Augenblick nicht einen einzigen Hund hatte, an dem was besonders Berauschendes war. Aber Newton, der sagt: Auf den Hund käm's gar nicht so sehr an. Der richtige Stammbaum, das wär' die Sache. Also, was soll ich Euch sagen, wir suchten den besten von meiner ganzen Bande aus – 's war – Champion Barnsbury Moonstone, der hatte im Jahr zuvor den ersten Preis bekommen. Und 'n paar Monate später fuhr ich zu Newton hinüber – er hatte sich in Colorado niedergelassen – und ich war selbst dabei, wie der Wurf zur Welt kam. Das erste vom Wurf gehörte natürlich Newton, das zweite mir. Fünf waren 's im ganzen. Und 's war keiner darunter, über den man hätt' ein großes Geschrei anheben können, kein einziger. Dann geht 'ne Stunde rum und dann kommt das letzte von dem Wurf zur Welt. Und wie 's abgemacht war, gehört es mir.«

Tucker Crosden hob seinen schweren Stab grimmig zum sternübersäten Himmel auf und lachte.

»Klein war das Vieh und schwach und es war nicht viel dran. Newton, der wirft 'nen Blick drauf und dann sagt er: ›Hör mal, Kamerad! 's geht mir mächtig gegen den Strich, wenn ich sehe, wie du hier hereingefallen bist. Da sitzst du nun mit zwei Hündinnen, mit denen nicht viel los ist und einem kleinen Rüden, der aussieht wie 'ne krepierte Ratte und dabei bist du so weit gereist, um den Wurf kommen zu sehen. Hier – nimm den Rüden, der zuerst geworfen ist. Die Ratte will ich für mich behalten – vielleicht ersäuf ich sie auch, 's wird sich noch zeigen.‹

Ich schau mir Newton bloß an und lach' ihm ins Gesicht. ›Verdammter Schleicher, du‹, sag' ich, ›bildest du dir ein, ich bin nicht mit zwei Augen auf die Welt gekommen? Nein, alter Knabe. Meinetwegen kannst du die andern fünf alle miteinander behalten, aber ich bleib' bei dem hier.‹

Und ich hab's getan. Wie der Hund drei Monate alt war, stand er auf seinen Beinen, wie aus Marmor gehauen. Und wie er sieben Monate alt war, kam die Zeit für die große Ausstellung heran und Newton schrieb, um zu hören, was aus dem Vieh geworden sei. Ich besinn' mich nicht lang, setz' mich hin und schreib' auf ein Blatt Papier: »The King!« Und schick ihm das. Mit dem nächsten Zug war mein Newton schon da. Sagt er: ›Well, was ist mit deinem König? Laß ihn mal anschauen, zeig' mir mal den King.‹ Und lacht dazu mit so 'ner verdrehten Stimme, dünn und quietschend.

Sag' ich, wie gar nichts Besonderes: ›Ach, das Kleine? Nun, er muß irgendwo hier herum stecken.‹ Ich tu 'nen Pfiff – und mein King stolziert durch die Tür herein und bleibt da stehen vor dem dunklen Hintergrund, und der Hund macht die Augen halb zu und schaut uns so an.

›Großer Gott!‹ sagt Newton, ›o du gerechter Gott!‹

Jawoll, Mann, der Hund war so nah an 'nem Ideal von 'nem Hund, da ging kein Blatt Papier dazwischen. Newton und ich, wir fahren expreß nach New York, um ihn auf die Ausstellung zu bringen. Wir saßen miteinander im Gepäckwagen und ich hab' den Hund in den Armen, wie der Kladderadatsch kommt – wir fuhren gerade um 'ne Kurve – ein Zusammenstoß ...«

Gannaway fuhr sich mit der Hand über die Stirn, aber er verwandte kein Auge von dem von bitterer Pein erfüllten Gesicht seines Gefährten. Schweigen. Dann fuhr der Riese fort: »Ich hab' ihn begraben und wie ich zurückkomm', bind' ich meine Hunde an, alle in einer Linie und schieß' sie nieder, alle miteinander. Ich komm' ins Haus hinein und ruf' meine Frau und mein Mädel und sag' ihnen, sie sollen hinausgehen und die Kadaver verscharren. Sie tun's, wie ich sie geheißen habe. Aber kurz drauf kommt mein Mädel, die Molly, wieder herein. ›Daddy‹, sagt sie, ›einer lebt noch.‹

›Ich werd's ihm besorgen‹, sag' ich und saus' hinaus. Es war 'ne Hündin, 'n kleines Biest von grad zwei Monaten. Was meine Molly ist, die läßt sich auf die Knie fallen und drückt's an die Brust. Das Tier war ganz voll Blut. 'ne Kugel hatte es gestreift.

›Daddy‹, sagt sie, ›oh, Daddy, Gott hat's nicht gewollt, daß du sie umbringst.‹

Ich denk' mir, vielleicht hat die Kleine recht. Richtig abergläubisch war ich geworden und ich heck' mir aus, 's steckt vielleicht besonderes Glück in dem Tier. Also, wie sie soweit ist, schickt mir Newton 'nen Hund zum Decken – Champion Silverside. Ich laß' mir die Sache durch den Kopf gehen. Ich denk' mir, was meinen Hunden immer gefehlt hat, ist ein bissel rauheres Leben. Ihr versteht mich? – in der Wildnis draußen, wie andere Tiere. So denk' ich mir aus, ich will Nelly mit hier herauf in die Berge nehmen und ihre Jungen in der Zeit aufziehen, wo ich meine Fallen stelle und auf Pelze Jagd mache. Und so kommt's, Mann, daß Ihr Nelly jetzt hier bei mir seht.«

»Vielleicht gibt's einen zweiten King«, murmelte Gannaway.

»Das weiß bloß Gott«, sagte der Riese, »und der red't nichts!«

2. Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Ihr Weg ging nicht in derselben Richtung, aber Gannaway hatte gar nichts dagegen, von seinem ursprünglichen Kurs abzubiegen, der ihn quer über das Tal des Winnemago, über den Mount Spencer und Mount Lomas, nach Süden hinunter, hätte führen sollen. Statt dessen wanderte er mit seinem neuen Gefährten das Flußtal hinauf, bis sie gegen Abend die unteren Winnemago-Berge erreicht hatten, unter deren Fichten sie ihr Lager aufschlugen. Der Fremde wollte die Winnemago-Berge kreuzen und über den Mount Spencer nach dem Tal der Sieben-Schwestern gelangen. Daraus ergab sich, daß die beiden am nächsten Morgen sich trennen mußten. Gannaway war aber entschlossen, die Zwischenzeit gut zu benutzen. Vielleicht halfen ihm Klugheit und Geduld, das Rätsel zu lösen. Welches Geheimnis veranlaßte einen Mann, der seine Sinne beieinander hatte, das Leben eines Hundes, der gut seine dreitausend Dollar wert war, in den eisigen Höhenwinden in Gefahr zu bringen – und setzte er nicht ebenso die Existenz der Jungen aufs Spiel?

Es war nicht leicht, aus Crosden irgendwelche Auskunft herauszubekommen. Unverhohlener Neugier gegenüber benahm er sich wie ein Indianer – er schwieg. Und eines war Gannaway von vornherein klar. Der Hundezüchter war ein unverfälschter Gewaltmensch, den eine verzehrende Leidenschaft erfüllte: aus seiner Zucht den Bullterrier ohne Fehl und Makel hervorgehen zu sehen. Erst als sie ihre Abendmahlzeit zubereitet und gegessen hatten, erst als sie danach bei der zweiten Pfeife saßen, löste sich durch einen reinen Zufall Crosdens Zunge.

»Was die Leute auch an dem Tier noch auszusetzen haben mögen, sie hat einen fabelhaften Kopf«, sagte Gannaway und nahm Nellys Kopf zwischen die Handflächen.

Von alledem schien nur ein Bruchstück das Ohr seines ungeschlachten Gegenübers erreicht zu haben.

»Einen fabelhaften Kopf?« wiederholte Crosden mit träumerischer Stimme. »Es hat mal 'nen fabelhaften Hund gegeben. Hört Ihr das, Gannaway? Ihr seid ein Kerl von der richtigen Sorte, kann sein, daß Ihr's versteht. Es gibt Halunken und Schleicher in der Welt und verdammt wenig anständige Menschen. Soll man da Lust haben, zu solchem Gesindel darüber zu reden, was ein Hund ist, wie er sein soll? Das Pack da hinten im Osten – Geschmeiß! Das sind keine Männer. Aber, Gannaway, Ihr scheint mir von der richtigen Sorte, und 's kann sein, Ihr würdet mich verstehen. Angenommen: ich erzähl' Euch – soll ich Euch die Sache erzählen – warum nicht? Heraus damit! Vielleicht tut mir's gut, das Reden, vielleicht bringt's mich ganz um den Verstand.«

Er strich sich das allzu lange Haar aus dem Gesicht und starrte, die Faust fest um seinen riesigen Wanderstab gepreßt, ins Feuer. So saß er lange Zeit, ein seltsam melancholisches und dabei brutales Geschöpf, und brütete vor sich hin, und wenn das Feuer aufloderte, schien es, als ob die Funken in diesen starren Augen tanzten.

Plötzlich hob er den Kopf und starrte Gannaway an. Der zuckte ein wenig zusammen und mußte sich erst wieder fassen.

»Ich kann Euch sagen, Mann, früher, wie die Sache anfing, da gab's kaum einen, außer Newton und mir. 's gab auch andere, die Hunde hatten, und sie stellten sie aus und bekamen Preise dafür und redeten lang und viel, aber keiner von ihnen wußte, wie man's anstellt, daß so ein Bullterrier den richtigen Kopf auf den Schultern hat. Keinen gab's außer mir – und dann Newton! Er hat's von mir gestohlen, wie man's macht. Kann übrigens sagen, er verstand seine Sache. Auf die Hündinnen kommt's an. Man kann die besten Rüden von der Welt haben und 's nützt einem nichts. Aber wenn man eine Hündin hat, bei der das Auge sitzt wie's soll – und nicht zu leicht darf sie sein im Gestell – aber, na ja, Ihr seid kein Züchter.

Well, wir wollen's lassen. Ich wußte jedenfalls Bescheid und Newton auch. Ich wußte, daß er Bescheid wußte und er wußte dasselbe von mir. Manchmal brachten wir nicht viel heim, just 'ne rote Schleife oder 'ne gelbe und solches Zeug, aber ich hatt' mir's angewöhnt hinzugehen und Newtons Hunde anzusehen, und er kam zu mir herüber und sah sich meine an. Und jeder von uns wußte, daß der andere dicht daran war – 'nen Hund zu züchten, den man 'nen Hund nennen konnte.

Wir fingen auch an und brachten erste Preise heim, 's dauerte nicht lang, da schneiten sie reichlich dicht auf uns herab. Aber immer noch bleibt Newton dabei und schleicht um mich herum und paßt auf mich auf, und genau so mach' ich's ihm. Schließlich komm' ich wieder nach New York und wie ich in Madison Square Garden bin, seh ich, wie Newton sich an mir vorbeidrückt mit 'nem schuldbewußten Blick. Ich lang' aus und pack' ihn am Kragen. Newton ist 'n kleiner schwächlicher Tropf. Er fällt mir unter der Hand zusammen und schmeißt 'nen Arm hoch, als ob ich ihn hauen wollte.

›Laß die Pfoten von mir‹, sagt er. ›Wer hat dir's gesteckt?‹

Wie er das sagt, wußt' ich gleich, der Kerl hatte die Sache geschafft. Ich dachte gleich, daß er mich geschlagen hat – und ich war nah daran, ihm da auf der Stelle den Hals herumzudrehn – mächtig nah.«

Er hob seinen eisenbeschlagenen Stock und schlug damit auf einen dicken Felsklotz – der Stein barst wie verwitterte Kreide.

»Sag' ich: ›Du nimmst mich jetzt mit nach hinten und zeigst's mir –‹, sag' ich. ›Bei deinen Tieren hast du's nicht mit ausgestellt.‹

Denn ich hatte mir die Hunde angesehen, die auf seinem Stand ausgestellt waren.

Also nimmt er mich nach hinten und öffnet einen Verschlag, der in einer Ecke stand. Er schnippt mit den Fingern, und heraus springt ein Hund – der Hund, wie er sein soll!

Zuerst, wie das Tier so 'raus huscht, und ich seh' das weiße Fell – 's wurde mir richtig flau zu Mut um den Magen herum, bild' ich mir ein, Newton hätte das Kunststück geschafft und ich sei geschlagen. Sag' ich: ›New't‹, sag' ich, ›du hast's geschafft! Das ist der richtige Hund da!‹

Well, er sieht von der Seite an mir 'rauf und schüttelt den Kopf, Gott möge ihn segnen, ich hätt' ihn dafür küssen können. Sagt er: ›Früher, als das Vieh noch klein war, dacht ich auch immer, 's wird's erreichen. So wie's aussah, schien alles tadellos. Aber, Kamerad, wenn du just 'nen Schritt zurückmachst und schaust noch mal genau hin, dann siehst du auch, wo's fehlt. Am Kopf ist's irgendwo und am Hals – aber es ist nichts, was bei der Wertung mitzählt. 's ist nichts gegen den Standard.‹

›Hol der Teufel den Standard‹, sag' ich. Denn das hatten wir alle schon erlebt, daß ein Hund dem Standard entsprach, als wär's bestellt. Und dann wurde er von einem beliebigen Durchschnittsköter geschlagen, bloß weil der Köter das richtige Feuer in sich hatte. Also seh' ich mir die Hündin an und seh', Newton hat recht. Just um 'ne Idee stimmte was nicht am Kopf und am Hals. Und auch unter den Augen – just 'ne Idee.

Sag' ich: ›Wie hast du sie genannt?‹

›Königin‹, sagt er, ›ist der einzige Name, den ich ihr gegeben hab', The Queen‹.

›Newton Queen?‹ frag' ich.

›Nein, just Queen‹, sagt er, ›nichts weiter.‹

Well, Mann, den Namen hatte sie verdient. War just 'n junges Tier von nur zehn Monaten, aber in der Zuchtklasse wurde sie als Beste von 'nem guten Hundert Bullterriers preisgekrönt. Und damit war's nicht zu Ende. Schließlich wurde sie für den besten Terrier auf der ganzen Ausstellung erklärt. Und vielleicht wär' sie noch höher gekommen – geradeswegs bis oben 'rauf. Aber wann werden die Kerle auf der Richterbank einem Bullterrier die höchste Auszeichnung zusprechen? Niemals, bei Gott, solange nicht ein Hund daherkommt, der 'ne Krone auf dem Kopf ...

Aber das kommt später!«

Tucker Crosden stand auf und begann in großen Schritten auf und ab zu wandern. Man sah, wie mühsam er sich beherrschte.

»Newton, Mann, der kommt zu mir, wie die Ausstellung vorbei war, und sagt: ›Crosden‹, sagt er, ›ich will verdammt sein, wenn ich nicht mein bestes Pulver schon verschossen hab'. 's ist just 'n Stimmchen in mir, das verrät mir, daß ich mit meinen Hunden nicht mehr viel weiter kommen werde, als ich schon gekommen bin. Die ›Queen‹ ist mein bester Trumpf, wenn ich mich nicht draußen umschau und neues Blut in die Zucht bring'.‹

Ich sah gleich wo er hinauswollte, aber ich halt' fein den Mund. ›Wie willst du's anstellen, um die Zucht zu verbessern?‹ sag' ich, und nichts sonst.

›Ich weiß auch nicht‹, sagt er. ›Aber wie wär's, wenn wir einen von deinen Hunden nehmen würden für die Queen, alter Knabe.‹

›Was nicht gar. Ich stell' dir fünfzehn Jahre Arbeit und Plackerei zur Verfügung und du zahlst mir fünfundzwanzig Dollar Deckgeld, was? Und tust dich dann dick mit deinem Erfolg.‹

's kam ihn mächtig schwer an, aber er mußt' sich dreinfinden. Er versprach, er läßt mir die Hälfte von dem neuen Wurf. Wie's soweit war, mußt' ich damit herausrücken, daß ich im Augenblick nicht einen einzigen Hund hatte, an dem was besonders Berauschendes war. Aber Newton, der sagt: Auf den Hund käm's gar nicht so sehr an. Der richtige Stammbaum, das wär' die Sache. Also, was soll ich Euch sagen, wir suchten den besten von meiner ganzen Bande aus – 's war – Champion Barnsbury Moonstone, der hatte im Jahr zuvor den ersten Preis bekommen. Und 'n paar Monate später fuhr ich zu Newton hinüber – er hatte sich in Colorado niedergelassen – und ich war selbst dabei, wie der Wurf zur Welt kam. Das erste vom Wurf gehörte natürlich Newton, das zweite mir. Fünf waren 's im ganzen. Und 's war keiner darunter, über den man hätt' ein großes Geschrei anheben können, kein einziger. Dann geht 'ne Stunde rum und dann kommt das letzte von dem Wurf zur Welt. Und wie 's abgemacht war, gehört es mir.«

Tucker Crosden hob seinen schweren Stab grimmig zum sternübersäten Himmel auf und lachte.

»Klein war das Vieh und schwach und es war nicht viel dran. Newton, der wirft 'nen Blick drauf und dann sagt er: ›Hör mal, Kamerad! 's geht mir mächtig gegen den Strich, wenn ich sehe, wie du hier hereingefallen bist. Da sitzst du nun mit zwei Hündinnen, mit denen nicht viel los ist und einem kleinen Rüden, der aussieht wie 'ne krepierte Ratte und dabei bist du so weit gereist, um den Wurf kommen zu sehen. Hier – nimm den Rüden, der zuerst geworfen ist. Die Ratte will ich für mich behalten – vielleicht ersäuf ich sie auch, 's wird sich noch zeigen.‹

Ich schau mir Newton bloß an und lach' ihm ins Gesicht. ›Verdammter Schleicher, du‹, sag' ich, ›bildest du dir ein, ich bin nicht mit zwei Augen auf die Welt gekommen? Nein, alter Knabe. Meinetwegen kannst du die andern fünf alle miteinander behalten, aber ich bleib' bei dem hier.‹

Und ich hab's getan. Wie der Hund drei Monate alt war, stand er auf seinen Beinen, wie aus Marmor gehauen. Und wie er sieben Monate alt war, kam die Zeit für die große Ausstellung heran und Newton schrieb, um zu hören, was aus dem Vieh geworden sei. Ich besinn' mich nicht lang, setz' mich hin und schreib' auf ein Blatt Papier: »The King!« Und schick ihm das. Mit dem nächsten Zug war mein Newton schon da. Sagt er: ›Well, was ist mit deinem König? Laß ihn mal anschauen, zeig' mir mal den King.‹ Und lacht dazu mit so 'ner verdrehten Stimme, dünn und quietschend.

Sag' ich, wie gar nichts Besonderes: ›Ach, das Kleine? Nun, er muß irgendwo hier herum stecken.‹ Ich tu 'nen Pfiff – und mein King stolziert durch die Tür herein und bleibt da stehen vor dem dunklen Hintergrund, und der Hund macht die Augen halb zu und schaut uns so an.

›Großer Gott!‹ sagt Newton, ›o du gerechter Gott!‹

Jawoll, Mann, der Hund war so nah an 'nem Ideal von 'nem Hund, da ging kein Blatt Papier dazwischen. Newton und ich, wir fahren expreß nach New York, um ihn auf die Ausstellung zu bringen. Wir saßen miteinander im Gepäckwagen und ich hab' den Hund in den Armen, wie der Kladderadatsch kommt – wir fuhren gerade um 'ne Kurve – ein Zusammenstoß ...«

Gannaway fuhr sich mit der Hand über die Stirn, aber er verwandte kein Auge von dem von bitterer Pein erfüllten Gesicht seines Gefährten. Schweigen. Dann fuhr der Riese fort: »Ich hab' ihn begraben und wie ich zurückkomm', bind' ich meine Hunde an, alle in einer Linie und schieß' sie nieder, alle miteinander. Ich komm' ins Haus hinein und ruf' meine Frau und mein Mädel und sag' ihnen, sie sollen hinausgehen und die Kadaver verscharren. Sie tun's, wie ich sie geheißen habe. Aber kurz drauf kommt mein Mädel, die Molly, wieder herein. ›Daddy‹, sagt sie, ›einer lebt noch.‹

›Ich werd's ihm besorgen‹, sag' ich und saus' hinaus. Es war 'ne Hündin, 'n kleines Biest von grad zwei Monaten. Was meine Molly ist, die läßt sich auf die Knie fallen und drückt's an die Brust. Das Tier war ganz voll Blut. 'ne Kugel hatte es gestreift.

›Daddy‹, sagt sie, ›oh, Daddy, Gott hat's nicht gewollt, daß du sie umbringst.‹

Ich denk' mir, vielleicht hat die Kleine recht. Richtig abergläubisch war ich geworden und ich heck' mir aus, 's steckt vielleicht besonderes Glück in dem Tier. Also, wie sie soweit ist, schickt mir Newton 'nen Hund zum Decken – Champion Silverside. Ich laß' mir die Sache durch den Kopf gehen. Ich denk' mir, was meinen Hunden immer gefehlt hat, ist ein bissel rauheres Leben. Ihr versteht mich? – in der Wildnis draußen, wie andere Tiere. So denk' ich mir aus, ich will Nelly mit hier herauf in die Berge nehmen und ihre Jungen in der Zeit aufziehen, wo ich meine Fallen stelle und auf Pelze Jagd mache. Und so kommt's, Mann, daß Ihr Nelly jetzt hier bei mir seht.«

»Vielleicht gibt's einen zweiten King«, murmelte Gannaway.

»Das weiß bloß Gott«, sagte der Riese, »und der red't nichts!«

4. Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Wenn Nellys Junge echte Kinder der Wildnis gewesen wären, der ganze Wurf wäre verschwunden, lange ehe die Mutter tot war und hätte, listig versteckt, in allen Felsritzen und Löchern Zuflucht gefunden. Aber die Wildnis war ihnen fremd. Generationen lang hatten schon ihre Eltern und Voreltern ihren Witz nicht brauchen müssen, weil der Mensch schützend zwischen ihnen und dem Kampf ums Dasein stand. So rollten die jungen Terriers hilflos und quietschend übereinander, bis ihr Schicksal sie ereilte. Nur das Erstgeborene, das älteste, kräftigste und größte vom ganzen Wurf, war klug genug, schnurstracks die Flucht zu ergreifen. Der Schrecken lehrte, was der Instinkt versagt hatte.

La Sombra ruhte oben am Rand des Plateaus. Der Lärm hatte sie in die Nähe des Schlachtfeldes gelockt. Nun sah sie den Taten ihres Gefährten zu. Ihre lange, rote Zunge hing ihr lang aus dem Maul. Ihre Flanken bebten vor einem Lachen des Entzückens. Sie sah nichts von dem Hündchen, das sich stolpernd und unbehilflich über die harte Schneekruste hangaufwärts quälte. Die Sonne war gesunken. Neuschnee fiel in dünnen Schleiern. Vielleicht hatte die graue Schneeluft La Sombras Augen geblendet, so daß ihr das winzige Wesen nicht auffiel, das schnurstracks auf das Asyl ihrer Höhle zusteuerte, sich ängstlich im Eingang zusammenkauerte und schließlich im Innern verschwand.

Die Wärme, die dem Grottenmund entströmte, hatte das Hündchen angelockt. Je tiefer es ins Dunkle hineinwanderte, um so molliger wurde die Temperatur, bis es schließlich zu einem Knäuel weichpelziger, kleiner Geschöpfe gelangt war. Mitten in den Knäuel bohrte es sich hinein, lag noch eine Weile zitternd und bebend von dem überstandenen Schreck, – dann schloß es die Augen und schlief ein.

Rascher und dichter begannen die Flocken zu fallen. Früher als sonst breitete sich sanftes Dämmerlicht über die Welt da draußen. Schwarzwolf machte sich hinkend auf den Heimweg. Seine Gefährtin lief neben ihm. Zweimal mußte er unterwegs haltmachen. Zweimal leckte sie ihm mit behutsamer Zunge die tiefe Wunde am Vorderlauf. So gelangten sie schließlich an den Höhleneingang. Just zur selben Zeit begann drunten im Grund die gewaltige Stimme eines Riesen zu toben und zu wettern. Instinktiv zuckten die beiden zusammen.

»... aber«, sagte Schwarzwolf, »wer brächte es fertig, im frischfallenden Schnee eine Spur zu finden? Der Mensch? Der am wenigsten, der zweibeinige Teufel ist blind und hat keine Nase. Tot ist die ganze Brut. Keiner blieb übrig – aber es ist ein Tagewerk, an das ich noch lange werde denken müssen.«

Er beschnupperte die tiefen, blutigen Löcher in seiner Vorderpfote und humpelte auf drei Läufen weiter.

»Alle tot, sagst du?« rief La Sombra vom Höhleneingang her. »Alle tot? Hör, was ich dir sage. Es ist sogar eines in unseren Bau gekommen! Die Witterung ist so dick, wie die von frisch vergossenem Blut.«

Ein Ächzen stieg aus ihrer breiten Brust. Mit einem Satz war sie bei ihrem Wurf. Fieberhaft suchte und schnüffelte ihre Nase in dem dichten Knäuel, bis sie auf ein weiches, warmes Fellchen traf, das glatt war wie Seide, ganz anders wie die Pelze ihrer eigenen Brut. Knurrend entblößte La Sombra ihre furchtbaren Fänge. Aber sie schnappte nicht zu. Denn der fremde Gast hatte sich so tief in den Knäuel eingewühlt, daß seine eigene Witterung in dem durchdringenden Geruch der anderen Tiere so gut wie verschwunden war. Und La Sombra traute ihrer Nase, sie war das nie trügende Orakel, auf das sie sich verließ. Dreimal rollte sie das seltsame Geschöpf nachdenklich hin und her. Die Witterung blieb, wie sie war. Dann glitt sie suchend und schnuppernd in jede Ecke und jeden Winkel der Höhle. Die Hundefährte schien wie ausgelöscht. So entschloß sie sich, zu Schwarzwolf zurückzukehren.

»Wenn der Hund kam, ist er auch wieder gegangen. Mein Herz stockte, als ich die Spur fand. Ich sah schon meine eigenen Kleinen zerfetzt und zerrissen vor mir liegen, wie die Hundebrut. Aber sie sind heil und gesund. Von Gefahr ist keine Spur. Alles ist, wie's sein soll.«

Sombra, La Sombra, wie blind bist du gewesen!

Der junge Terrier lag inzwischen längst in festem Schlaf, als sei nichts geschehen, was ihn persönlich anging. Zwei Wochen lang schlief das Tierchen mehr als es wach war, und wenn es erwachte, umgab es noch immer das tiefe Dunkel der Höhle. Aber eines Tages stürzte sich Mutter Wolf auf die ganze Gesellschaft und trieb sie energisch aus dem warmen Nest. Beunruhigt rafften sie sich auf, faßten sich ein Herz und trollten durch den Höhlengang, bis sie zitternd und blinzelnd draußen in der Sonne standen. Sie waren verblüfft, aber es dauerte nur einen Augenblick, dann stürmten tausend Gerüche auf ihre kleinen schnuppernden Schnauzen ein, Dinge, die sie in der Tiefe der Höhle nur schwach und verschwommen, wie im Traum, gespürt hatten. Nun lag die Schönheit der weiten Welt nackt und blendend vor ihren erstaunten Augen.

Und was für eine Welt! Ein Maitag, an dem die ganze Kette der San Jacinto-Berge aus ihren kalten, winterlichen Leichentüchern hinausdrängte in die Frühlingswärme. An allen Hängen hingen duftige Schleier und funkelnde Stickereien von wilden Blumen. Die dünne Gebirgsluft schwang und dröhnte vom Orgeln der Dutzend von Wildbächen, die der schmelzende Schnee bis zum Rand gefüllt hatte. Alle sangen sie, vom gewaltigen Wasserfall mit seinem dröhnenden Baß bis zum kleinen Wiesenbach in nächster Nähe mit seinem glockenhellen Sopran. Das junge Wolfspack wälzte und rollte sich spielend auf der Wiese, aber La Sombra sah ihrem Spiel nicht lange zu. Sie reckte sich und sandte einen langen heulenden Ruf in die Ferne. Gleich darauf kam Antwort aus einer Gruppe hoher Fichtenstämme und Schwarzwolf kam in langen Sätzen auf die Terrasse gefegt, die vor dem Eingang der Höhle lag.

»Sieh!« sagte La Sombra. »Ich sah etwas, was meine Augen nie zuvor erblickten. Von weißen Wölfen habe ich erzählen hören, und wenn ich sie zu Gesicht bekam, waren es ausgebleichte gelbe Gespenster. Aber du und ich, Lieber, wir haben zusammen den wahren weißen Wolf in die Welt gesetzt.«

Schwarzwolf reckte den Hals. Sein Fell sträubte sich im Nacken und den Kamm seines Rückens entlang.

»Wolf?« sprach er. »Wolf? La Sombra, ein Hund ist's, den du aufgezogen hast! Ein Hund wie die, die ich da unten im Grund getötet habe!«

Dröhnend war Schwarzwolfs Stimme, so tief und gewaltig, daß alle Jungwölfe La Sombras sich furchtsam platt auf den Boden duckten und die kleinen, spitzen Ohren flach legten, bis sie im weichen Nackenfell fast verschwanden.

»Wolf?« wiederholte der Vater der Familie. »Kein Blut von mir rinnt in einem Wolf von solcher Art! Laß mich's beiseite schaffen, La Sombra. Wenn dies Geschöpf in unserem Familienkreis gesehen wird, wirst du zum Spott des ganzen Volks der Wölfe. Laß mich's wegschaffen – ich will sanft zu ihm sein – ich leg' es dort drüben in das weiche Gras, wo es weglaufen kann ...«

La Sombra ließ sich auf die Hinterschenkel nieder und legte nachdenklich den Kopf auf die Seite.

»Du redest wie ein Mann und wie ein Narr«, sagte sie. »Meinst du, eine Mutter kann sich in einem ihrer Kinder täuschen? Sieh die andern, wie sie zitternd am Boden kriechen, während der brave, kleine Kerl vor dir steht wie ein Held, und – Zurück! Scher dich zurück!«

Die grimmige Mahnung galt dem schwarzen Wolf. Denn als der Terrier auf seinen wackligen Beinchen auf das mächtige schattenhafte Untier losmarschierte, war in Schwarzwolfs Augen ein bösartiger grüner Funke aufgeglommen. Aber vor La Sombras drohendem Zähnefletschen wich er langsam zurück. Schon mancher Familienstreit hatte ihn gelehrt, wie scharf ihre Fänge waren.

Und sieh, das winzige weiße Hündchen reckte die Schnauze in die Höhe; und mit einem Eifer, daß ihm von der Anstrengung die Rute wackelte, stieß er ein wütendes, herausforderndes Gebell aus. La Sombra machte einen Luftsprung, als ob eine Falle nach ihrem Lauf geschnappt hätte.

»Hörst du's?« knurrte Schwarzwolf und leckte die gewaltige Narbe an seinem Vorderlauf. »Ist das die Stimme unseres Volks?«

La Sombra streckte zögernd die Pfote aus und warf das kleine Wesen auf den Rücken. Dann beschnüffelte sie es vom Kopf bis zur Rute.

»Es ist sehr seltsam,« sagte sie zögernd, »aber ...«

»Es ist nur halb so groß wie die andern. Das ist mal das erste«, bemerkte der Vater.

»Sein Haar hat noch nicht richtig angefangen zu wachsen«, entgegnete La Sombra.

»Schau dir doch die kleinen dreieckigen Augen an und – pfui! – sieh dir mal die rosa Schnauze an, mit der das Geschöpf herumläuft. Sie ist just wie der Rüssel des Schweins, das ich im letzten Sommer erlegte.«

»In dir ist kein Erbarmen«, sagte La Sombra. Sie wurde allmählich zornig gegen sich selbst, merkte sie doch, daß sie im geheimen ihrem Gebieter mindestens zur Hälfte recht geben mußte. »Alles ist ganz anders, solang das Kleine so jung ist. Gib dem weißen Wolf Zeit, bis er in seine wahre Gestalt hineingewachsen ist und er wird zu einem Sprößling werden, auf den ich noch stolz sein muß. Da – sieh! – sieh doch, wie tapfer er mit dem größten meiner anderen Söhne spielt!«

Der weiße Hund hatte ausgerechnet den stärksten der jungen Wölfe ausgesucht, um sich mit ihm zu belustigen.

»Der größte deiner anderen Söhne ist drauf und dran, es zu fressen«, grinste Schwarzwolf, denn das Wolfsjunge hatte das Hündchen bei der Kehle gepackt.

»Ah, ah«, murmelte die Mutter. »Das zarte, weiße Fell – aber es muß durch Erfahrung klug werden. Nichts ist besser für die Kinder, als durch Erfahrung klug zu werden und – sieh doch, es hat bereits den Spieß umgedreht!«

Der Terrier nämlich hatte die Pein, die ihm die nadelscharfen Zähne seines Milchbruders bereiteten, zunächst schweigend ausgehalten, jetzt aber machte er sich los und haschte nach dem ersten besten, was seine Zähne erwischen konnten – nach dem breiten, weichen, empfindlichen Ohr dieses Gegners. Und da blieb er hängen wie ein Blutegel, während das doppelt so große Wolfsjunge wild hin und her rannte, seinen Gegner mitschleifend und mitleiderregend um Hilfe winselnd. Schwarzwolf sprang hoch und fletschte die Zähne.

»Das erinnert mich an einen Tag, der war!« sagte er. »Es kitzelt in den Muskeln meiner Kinnbacken, wenn ich das mit ansehen muß, La Sombra!«

»Friede!« bellte die Mutter, so scharf, daß das Hündchen vor Schreck losließ und kopfüber in die Fichtennadeln rollte. »Trau dich nicht einen Schritt näher heran, mein Lieber! Ich kenne dich! Dir wässert das Maul danach, meinen weißen Sohn zu verschlingen! Komm näher, kleiner Schuft!«

Mit einem blitzschnellen Schlag ihrer Pfote hatte sie das Hündchen zu sich herangeholt und kauerte sich dahinter auf den Boden. Ihr Kopf lag leicht auf dem weißen Fell. Einem Instinkt gehorchend, hielt sich der Terrier mäuschenstill.

»In diesen Dingen«, sprach Schwarzwolf, »ist dein Wort Gesetz. Aber wenn du denkst, ich jage für dich und deine Brut, solange dieser abscheuliche Wechselbalg in deiner ...«

»Tu, was dir paßt«, bellte La Sombra verächtlich. »Aber ich sage dir ein für allemal: Dieser, mein kleiner, zarter Sohn, der ein so unerschrockenes Herz hat, ist mir teurer als alle andern. – Da – sieh, was er getan hat!«

Und damit leckte sie von dem Ohr ihres ältesten Sohnes die beiden Blutstropfen, wo die Zähne des Terriers zwei nadelstichartige Löcher hinterlassen hatten. Schwarzwolf aber machte kehrt und stelzte davon. In Abscheu und Zorn sträubte sich sein Nackenfell. Und von diesem Tage an steuerte er auch nicht einen Bissen zum Wohlergehen der Familie bei. Ja, ganze Wochen lang bekam man ihn überhaupt nicht mehr zu Gesicht. Höchstens zeichnete sich hier und da einmal auf dem Kamme eines Berges seine riesige Silhouette gegen den abendlichen Himmel ab, oder sein Schatten glitt undeutlich und gespenstisch durch die Dunkelheit des Unterholzes.

Es hätte für La Sombra, die acht Mäuler zu sättigen hatte, eine bittere Zeit werden können, und wahrhaftig, sie magerte auch beinahe zum Skelett ab, aber der Frühling dieses Jahres war besonders üppig und die breite Brust des Mount Spencer wimmelte von Kleinwild. Mühe und Plage bedeutete dieser Sommer für La Sombra, aber wenn man auch ihre eigenen Rippen mühelos hätte zählen können, gelang es ihr doch, ihren Nachwuchs hinreichend mit roher Fleischkost zu versorgen. Freilich blieb ihr wenig Zeit, ihre Familie geziemend in den Gesetzen und Künsten der Wildnis zu unterrichten. Deshalb forderte die Wildnis auch blutigen Zoll von ihr. Die erste Tragödie dieser Art trug sich unter den Augen der Mutter zu.

Sie hatte ein Hirschviertel mit nach Hause gebracht und lag schläfrig und die Ruhe genießend daneben, während die acht kleinen Bestien an dem Stück zerrten und rissen, als plötzlich ein Schatten über den Himmel glitt. Gleich darauf krallten sich die furchtbaren Fänge des Adlers, der hoch oben auf dem zerklüfteten Gipfel des Mount Spencer horstete, in den Leib von La Sombras Jüngstem. La Sombra schnellte hoch, elastisch wie eine Katze, aber es war längst zu spät. Mit schweren Flügelschlägen schraubte sich der Räuber bereits hoch, hoch in den leeren Himmel und nur ein letzter schwacher Todesschrei wehte von dort oben zu den Ohren der Mutter.

Der zweite Schlag dagegen fiel, als La Sombra weit von ihrem Heim entfernt war.

5. Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Auf seinen großen Stab gelehnt, stand Tucker Crosden mitten in seinem verwüsteten Lager und starrte auf die toten Tiere hinunter. Er hatte sie alle in eine Reihe gelegt und betrachtete sie brütend.

»Wölfe«, sagte er, »Wölfe, möcht' ich sagen, verstehen sich auf Hunde, wie wenn sie's studiert hätten. Sie wissen gute und schlechte auseinander zu halten. Da liegt die ganze Gesellschaft tot in 'ner so strammen Reihe, wie sich's 'n Christenmensch nur wünschen kann – aber das beste Tier aus dem ganzen Wurf – haben sie gefressen. Der Wolf, der geht her und sagt sich: ›Die ganze übrige Bande, die is' grad' gut genug, um ihnen das Lebenslicht auszublasen, aber der Hund hier, der ist das richtige zum fressen.‹ Und so haben sie ihn hintergeschluckt.«

Er fing an zu lachen. Er hatte getobt, geflucht, gestürmt. Das war vorbei. Aber kein Mensch hätte erraten, wie nahe er jetzt, in seinem Lachen, am Wahnsinn war.

Danach sattelte er den Esel. Er lachte wieder, er mußte daran denken, daß die Wölfe die Hunde getötet hatten, aber das arme versklavte Biest, den Esel, das Ding, das knapp zehn Dollar wert war, das hatten sie leben lassen. Als die Traglast auf dem Sattel geordnet und verschnürt war, machte sich Tucker Crosden auf den Heimweg, den langen Heimweg.

Hätte er einen weisen Gefährten gehabt, so hätte der ihm vielleicht geraten, zu bleiben, wo er war, und die wilde Leidenschaft, die in ihm kochte, verdampfen zu lassen. Aber kein Seher fand sich ein, um dem Riesen einen guten Rat zu geben. Wer hätte ihm diesen Freundschaftsdienst auch leisten können? Mußte man nicht über alle Donner des Himmels verfügen, um sich die trotzigen Ohren des ungeschlachten Menschen zu öffnen? Das Schicksal wollte nun einmal, daß Tucker Crosden den neuntägigen Marsch nach seinem Heim im Flachland unten machte. Neun eintönige Tage, neun Tage des Schweigens, in denen die Bitterkeit in ihm gärte und schwoll. Als er am Winnemago hinunterstrich, bekam Gannaway, der müde aus dem Süden zurückkehrte, ihn zu Gesicht; sah, wie er den Esel vor sich herprügelte, und die Art, in der Tucker Crosden einherschritt, schien Gannaway von einer Katastrophe zu erzählen, die geschehen war und von einer Katastrophe, die vielleicht noch bevorstand. Er machte nicht den geringsten Versuch, den Riesen einzuholen, aber er stand und sah ihm nach, bis er in der Ferne verschwand, die Brust erfüllt von bangen, unbestimmten Ahnungen.

Und so ließ der einzige Mann, dem Tucker Crosden all das Elend hätte beichten können, das ihn erfüllte, den Unglücklichen im Stich. Da ihm die Aussprache versagt war, blieben ihm nur noch Taten.

Und er führte seine Reise zu Ende, stieg durch das rauhe und zerrissene Felsgewirr der Winnemago-Schlucht in das grüne Ackerland hinunter und schlug den Weg südwärts, nach seiner Heimstatt, ein. Den Esel prügelte er erbarmungslos vorwärts, bis das Tier am Rande der Erschöpfung vor ihm her wankte und torkelte.

Crosdens Hof lag auf einem Stück welligen Boden, wo selbst die Bäume nicht recht gediehen, und wo die Ernten immer mager ausfielen. Früher einmal war es ein recht umfänglicher Besitz gewesen, vor langen Jahren, als er, damals noch ein junger Mann, sich hier niedergelassen und sein gutes Geld in den schlechten Boden gesteckt hatte. Seitdem war es Jahr um Jahr zusammengeschrumpft. Hypotheken hatten ein Stück ums andere gefressen. Jetzt konnte er kaum noch mehr sein eigen nennen als das kleine, roh zusammengeschlagene Wohnhaus und die Schuppen drumherum, nebst einem Stück Weideland für den Gaul und ein paar Kühe.

Das Küchenfenster war erleuchtet. Als der lange gelbe Lichtstrahl ihm weit durch die Nacht entgegenkam, machte Tucker Crosden halt und fragte sich selbst, warum er heimgekommen wäre. Er hatte in die Berge gehen wollen, um Fallen zu stellen, um Geld für den Unterhalt seiner Familie zu verdienen. Daß Nelly und ihr Wurf hatten sterben müssen, hätte eigentlich an diesem Teile seines Planes nichts ändern dürfen. Und, weiß der Himmel! – sie brauchten das Geld. Was würde Caroline sagen, wenn er mit leeren Händen zurückkam, ohne ein einziges Fell, das seine Abwesenheit rechtfertigen und beweisen konnte, daß er sich für sie bemüht hatte?

Ja, er hätte am liebsten kehrtgemacht und den Weg nach dem Gebirge eingeschlagen, aber es war, als wenn die Gespenster seiner toten Hoffnungen aufstünden und sich ihm entgegenstemmten. Es war schlimmer, als dem Tod zu trotzen. Dem Riesen war es, als sei er bei lebendigem Leib gestorben.

Es war eine dunkle, warme Nacht, die erste echte Frühlingsnacht, und obwohl der Schnee schon ganz geschmolzen war, hatte die Erde noch nicht alle Feuchtigkeit eingetrunken. Alle Wege, die er in den letzten drei Tagen entlanggestampft war, waren knöcheltief mit Schmutz bedeckt und bei jedem Schritt schleppte er den Lehm, der sich an seine Stiefel hängte, pfundweise mit. Aber die Wärme, die über den Feldern brütete, bedeutete, daß das Leben überall im Keimen war und daß in kurzer Zeit sich alles rasch mit Grün bedecken würde. Es war ein Gedanke, der Crosden keine Freude zu schenken vermochte.

Während des ganzen Marsches hatte nur eines ihm zu einer gewissen Ruhe und Gelassenheit verholfen: die selbstquälerische Grausamkeit, mit der er die lastende Ermüdung niederkämpfte und die erschöpften Muskeln zwang, weiter ihre Arbeit zu tun. Als er die Scheune auf seinem Hof erreicht hatte, nahm er dem Esel den Packsattel ab und ließ ihn auf die Weide. Das Tier blieb mit hängendem Kopf stehen. Selbst um nach einem Maulvoll Wasser zu suchen, war es zu erschöpft. Crosden warf den schweren Sattel über die Schulter und ging über den Hof nach dem Haus hinüber. Selbst jetzt noch war es ihm ein grimmiges Vergnügen daran zu denken, daß zwei normale Männer unter dem Gewicht, das er jetzt trug, gewankt hätten.

Vor dem dichtbeschlagenen Küchenfenster machte er halt und warf einen Blick hinein. Aber er konnte nichts sehen. Er hörte nur Stimmen, die seiner Frau, und die von Tante Abbey. Als er Tante Abbey sprechen hörte, runzelte er die Stirn.

»Jetzt geh doch zu Bett, Caroline.«

»Es ist doch noch nicht elf.«

»Und was macht's, wenn's noch nicht elf ist? Wozu brauchst du hier 'rumzusitzen?«

»Ich weiß auch nicht! Wenn Tucker nachts unterwegs ist, bleib' ich meistens bis elf auf und wart' auf ihn. Wenn er heimkommt und es ist keiner da, der ihm seinen Kaffee eingießt und so, dann wird er manchmal recht widerhaarig.«

Man hörte Tante Abbey wegwerfend schnauben: »Na, Gott sei Dank ist Tucker ja nicht da.«

»Um Gott, sag das nicht, Tante Abbey.«

»Dummes Mädel, hast du immer noch so 'ne Angst vor ihm? Wo er doch jetzt oben in den Bergen steckt?«

»Tucker, Tante Abbey, den wirst du nicht los. Man könnte just sagen, das ganze Haus hier ist von ihm getränkt – bis oben hin voll von Tucker, die ganze Bude. Da gibt's keine Minute, könnte man sagen, wo man nicht meint, er steht hinter der Tür. Da kann er so weit weg sein wie er will!«

»Ja, Kind,« sagte Tante Abbey, »er ist schlimmer als ein Alpdruck! Das war ein Unglückstag, wo du 'nen Kerl wie den zum Mann genommen hast.«

Draußen, im Dunkeln, hielt Crosden den Atem an und wartete auf eine Entgegnung. Aber Caroline antwortete nichts. Keine Entgegnung kam. Die Wahrheit traf ihn wie ein Hammerschlag vor den Kopf. Manchmal schon hatte er mit einem zynischen Lächeln sich heimlich gewünscht zu wissen, was seine Familie in Wirklichkeit über ihn dachte. Daß er der ganzen übrigen Welt verhaßt war, davon war er schon immer fest überzeugt. Aber es hatte ihn immer gelockt, zu wissen, wie die über ihn dachten, die unter seinem eigenen Dache lebten. Jetzt, wo er plötzlich der Lösung des Rätsels gegenüberstand, zuckte er davor zurück.

Mit aller Inbrunst seines Herzens wünschte er in diesem Augenblick, irgendwo anders zu stehen, nur nicht hier.

Er hörte Tante Abbeys essigsaure Stimme: »Natürlich, es laut sagen, traust du dich nicht, aber du denkst es! Und wenn du's denkst, is' es genau so gut, wie wenn du's laut herausgeschrien hättest. Bloß du schaffst dir's nicht vom Herzen. Du mußt's so haben, wie du dir's in den Kopf gesetzt hast! Dabei haßt du den Kerl und fürchtest ihn.«

»Ich haß' ihn nicht, Tante Abbey.«

»Nenn's wie du's willst. Das ändert nicht die Bohne dran. Hab' ich's nicht mit meinen eigenen Augen gesehen, wie du auf seine Hände aufgepaßt hast, als wenn du jeden Moment geglaubt hätt'st, er wird dich schlagen?«

Ah, auch Tucker Crosden hatte das gesehen, ein Gespenst der Furcht, das in den Augen seines Weibes hauste. Das Blut schoß ihm zu Kopf vor Wut. Es war bitter, zu wissen, daß auch andere genau dasselbe gesehen hatten wie er. Er ging zur Tür und öffnete sie mit einem Fußtritt. Er mußte sich bücken, um nicht mit dem Kopf anzustoßen, als er über die Schwelle trat.

Tante Abbey wurde leichenblaß, aber Tante Abbey gehörte zu den Crosdens, und ob Mann oder Weib, die Crosdens kapitulierten nicht vor der Gefahr. Sie sprang tapfer auf, um dem Ungetüm zu trotzen. Caroline duckte sich ängstlich in ihren Stuhl.

»Ihr seid höllisch froh, daß ihr mich wiederseht, nicht wahr?« höhnte Crosden. »Ihr wißt euch alle beide vor Freude nicht zu lassen. Man kann's euch am Gesicht absehen.«

Er ließ Pack und Sattel dröhnend auf den Boden fallen.

»Tucker!« preßte seine Frau heraus. »Du weckst das Kind.«

»Na und?« sagte Tucker Crosden. »Hat das Mädel schon nicht mehr das Recht aufzustehen, damit sie ihrem Vater guten Tag sagen kann?«

Aber seine Stimme verriet eine gewisse Unsicherheit. Leise schlich er an die Tür zum inneren Zimmer und öffnete sie ein wenig. Er hörte eilige, nackte Füßchen im Dunkeln. Ja, er hatte sie geweckt. Er ging und lehnte sich an den Ofen, als die kleine Molly hereinschoß. Sie stieß einen Jubelschrei aus und streckte ihm im Laufen die Arme entgegen. Als er ihr keinen Schritt entgegenkam, faßte sie wenigstens eine seiner großen Hände fest mit ihren beiden kleinen. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und starrte zu ihm hinauf.

»Hast du wieder Pech gehabt, Daddy?« sagte sie. »Aber trotzdem bin ich arg froh, daß du wieder bei mir bist.«

»Das Kind wird sich auf den Tod erkälten«, sagte Tante Abbeys eiserne Stimme.

Crosden beugte sich vor, schlang eine seiner mächtigen Tatzen um das Kind und hob es an die Brust. Er betrachtete Mollys nackte braune Füße, die vom vielen Barfußgehen knotig und entstellt waren, er betrachtete die dünnen Waden ihrer Beine, die unter dem Nachthemd heraussahen, ihren allzu hageren Hals, an dem man jede Sehne sehen konnte und das schmale Gesichtchen, ganz das Abbild von Carolinens Gesicht, aber schon jetzt, wo sie der Vater in den Armen hielt, hübscher. Das beste aber waren die tapferen braunen Crosden-Augen, die das Mädel im Kopf hatte.

Das Kind war nicht schön, aber sein Anblick berührte immer eine sanftere Seite in Tucker Crosdens Brust. Dies war immer so gewesen, seit er einmal in ihrem dritten Jahr sie mit einer Ohrfeige gezüchtigt hatte und Molly ihm mit wild hämmernden kleinen Fäusten ins Gesicht gesprungen war. Er sah in Molly immer etwas von einer kleinen Bestie und es gefiel ihm. Das war sein Blut, das ihm in dem Kinde Antwort gab, und immer in solchen Augenblicken hatte er große Lust, laut herauszulachen. Molly war jetzt zehn Jahre alt und obwohl die Zeit dahin ging, schien sie nicht weiblicher zu werden.

»Na, nu schau mal, wie du dir die Füße schmutzig gemacht hast«, sagte er, »hättest du nicht warten können, bis du dir Pantoffeln angezogen hast?«

Sie langte nach seiner Stirn und versuchte mit ihrer kleinen Hand die gerunzelten Brauen zu glätten.

»Na los, lach mal!« kommandierte sie.

Sein Lächeln brach hervor wie ein Blitz durch das Gewölk. Wie gut die Kleine ihn durchschaute. Er zitterte vor Freude.

»An der Hand hast du auch Schmutz«, sagte er, »oder ist das Blut?«

»Sst,« sagte sie, »Mutter darf's nicht hören!«

Er trug sie aus der Küche und legte sie wieder in ihr Bett.

»Na, jetzt sag mir's«, sagte er.

»Ich wollte es abends nicht wegwaschen, verstehst du? Morgen früh wollt ich's nochmals ansehen, Daddy. Das ist Sammy Maxwells Blut. Den hab' ich gehörig verdroschen.«

»Ach, das ist ja nicht wahr!«

»Und ob! Ich hab' ihm eine mitten auf die Nase gegeben. Aufgekreischt hat er und is' ausgerissen.«

»Wie alt ist Sammy?«

»'n bißchen über elf.«

»Ach, Molly, hätt'st du nicht 'nen fabelhaften Jungen abgegeben?«

»Was? Nicht wahr? Hätt' ich nicht, hätt' ich nicht? Und hätten wir nicht bombige Zeiten miteinander gehabt, Daddy? Warum kann man mich nicht in 'nen Buben verwandeln, irgendwie? Warum kann ich nicht 'n Junge sein?«

Sie reckte und streckte sich und schrie laut: »Ich will, ich will, ich will ein Junge sein!«

Er streichelte ihren Kopf. Gedankenlos ließ er im Dunkeln seine Finger über ihr Haar gleiten.

»Du bist schon recht, wie du bist. Ich möcht' nicht groß wünschen, daß man dich mir umtauscht. Übrigens deine Rippen kann man zählen. Hast du nicht genug gegessen? Du solltest 'n bißchen weniger dich mit den Jungen herumprügeln und nicht ewig auf den Bäumen herumklettern. Verstanden? Und fleißiger essen! Jetzt will ich dich mal was fragen.«

Denn die große Frage, die in seiner Brust schlummerte, war wach geworden und drohte ihn zu ersticken.

»Immerzu«, sagte Molly, »schieß los und frag mich.«

Aber er stand auf und schüttelte den Kopf.

»Denke, ich werd' es doch besser lassen.«

»'n Nacht, Daddy.«

»'n Nacht, Kleines.«

An der Tür machte er halt.

»Hör mal, Molly, wenn die beiden da draußen dir was sagen, mußt du's nicht immer für das reine Evangelium halten, verstehst du?«

»Ob ich's versteh'?« sagte Molly. »O je, und ob! Und ob!«

Blitzschnell fügte sie hinzu: »Ich hab' dich ja auch nicht nach Nelly gefragt.«

Er würgte heiser heraus: »Und warum nicht, kleiner Aff'?«

»Weil ich mir die große Neuigkeit für morgen früh aufspare. Ich spar' mir's zum Frühstück!«

6. Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Er schloß Mollys Tür hinter sich, blieb stehen, die Hand auf der Klinke. Er lauschte auf das Hämmern seines Herzens und dankte dem Herrn dafür, daß er ihm das Mädel geschenkt hatte. Das Kind würden die beiden Weiber niemals einwickeln. Molly war ein Mädel, das einen eigenen Kopf auf den Schultern trug und ihn zu gebrauchen wußte. Ihr Gesicht mochte sein wie es wollte, jedenfalls hatten die Augen die richtige Farbe – und ihr Blut auch.

Er ging in die Küche zurück und blickte in die nervös funkelnden Augen der beiden Frauen.

Er starrte Caroline finster an: »Du hast mein Kind sich hier herumtreiben lassen wie eine Wilde.«

Caroline öffnete die Lippen, um etwas zu erwidern, aber vor Furcht versagte ihre Stimme. Tante Abbey kam ihr zu Hilfe: »Wer hat's denn angefangen, wer ist dran schuld, daß das Kind wie 'ne junge Wilde herumläuft? Wer hat ihr das Boxen beigebracht, statt daß sie nähen lernt? Wer hat's ihr in den Kopf gesetzt, daß sie reiten und schwimmen muß, statt zu kochen und zu fegen?«

»'s tut mir mächtig leid, daß ich's getan habe«, sagte Tucker Crosden. »Kann sein, ich bin dran schuld. Jetzt rennt sie in der ganzen Nachbarschaft herum und verprügelt die Lausbuben, daß sie Schwielen auf der Hand kriegt. 's ist ein richtiges Kreuz für mich, das Mädel! Was denn! 's könnt mir just das Herz brechen, wenn ich dran denke, was für schlechte Manieren sie hat!«

Er legte den Kopf in den Nacken und stieß ein dröhnendes Lachen aus. Der Raum bebte. Selbst als er wieder stillgeworden war, schlugen noch die Tiegel und Pfannen, die in langer Reihe an der Herdmauer hingen, leise vibrierend und läutend gegeneinander.

Caroline, die sah, daß er jetzt besserer Laune schien, wagte an ihn heranzutreten und die Hand nach seinem Hut auszustrecken.

»Gib deinen Hut her und setz dich hin. Ich will dir 'ne Tasse Kaffee einschenken. Ich hab' auch Kuchen da, von dem gelben mit den Rosinen drin, den du so gern hast ... O du gerechter Himmel, Tucker, bist du aber voll Schmutz. Sieh dir das doch mal an, Tante Abbey, sowas hab' ich noch nie gesehen!«

Er ließ sich ein wenig benommen auf den Stuhl hinter dem Tisch fallen und streckte die Hände nach dem Ofen aus. Die Hitze war förmlich zum greifen. Er wunderte sich über sich selbst. Wußte er nicht, daß die Frau ihn nicht liebte? Wie komisch, daß er dann in ihrer Küche saß und sich von ihr bedienen ließ. Es war eine geradezu verblüffende Entdeckung, daß deshalb der Kaffee, der auf dem Ofen brodelte, nicht schlechter roch und daß der Kuchen nicht weniger verlockend aussah als jemals zuvor. Er kostete erst einen Brocken und nahm sich dann ein großes Stück. Es schmeckte gut, und die Blicke, die er Caroline zuwarf, wurden etwas freundlicher. Vielleicht war bloß Tante Abbey an allem schuld. Das Weib war ein Teufel in Unterröcken. Vielleicht hatte die Tante seiner Frau dumme Geschichten in den Kopf gesetzt. »Abbey«, sagte er. Sein Mund war noch voll Kuchen.

»Nun?« sagte Tante Abbey, die bolzengerade auf ihrem Stuhl saß und über die Art, in der er undeutlich durch den Kuchen murmelte, chokiert die Lippen verzog.

»Komischer Name – Abbey.«

»Findest du ihn komisch, Tucker?«

»Hab' niemals von 'ner verheirateten Frau gehört, daß sie so 'nen Namen trägt.«

Hohe Röte überflog jäh ihr dürres Gesicht. Tucker grinste schadenfroh.

»'s gibt Dinge, Tucker, die du nie hast begreifen können. Gute Manieren zum Beispiel. Höchstens, wenn du deine Hunde um dich hast.«

Diese Pointe ihrer Erwiderung ging Tucker stark auf die Nerven. Gereizt und hilflos blickte er um sich. Ein Zufall wollte es, daß sein Auge auf das Bild des King fiel, das an der Küchenwand hing. Er stand auf, ging hin und betrachtete es. Es wirkte auf ihn wie ein Talisman. Das Bild war nichts weiter als die Vergrößerung einer durchschnittlichen Amateuraufnahme. Es war matt, die Konturen waren verschwommen, und trotzdem hatte es noch immer etwas Besonderes an sich. Die Kamera hatte nicht nur das Körperliche, sie hatte auch etwas von dem Geist eingefangen, der das Tier erfüllte.

»Sieben Monate!« sagte Tucker und seufzte. »Wenn man sich bloß einmal vorstellt, was der Hund geworden wäre, wenn ...«

Er brach ab und stapfte zu seinem Stuhl zurück. Er ließ sich hineinfallen und versank in Gedanken. Inzwischen war der Kaffee fertiggeworden. Er kaute seinen Kuchen und trank dazu den Kaffee, traumverloren und in tierischem Behagen geräuschvoll schlürfend. Tante Abbey biß sich vor Widerwillen auf die Lippen.

Es war still. Schließlich fragte Caroline Crosden:

»Hast du vielleicht 'n bißchen Glück gehabt da oben, Tucker?«

»Meinst du?« erkundigte er sich.

»Ich möcht' fast sagen, ich weiß es.« Caroline beugte sich erwartungsvoll vor.« Sonst wärst du doch sicher nicht so rasch zurückgekommen, wenn du nicht was gefunden hättest – ich weiß auch nicht was – vielleicht – ein paar Silberfüchse. Was, Tucker?«

Ihr Gesicht war gespannt und hell. Er grinste sie an.

»Oder bist du vielleicht auf 'ne kleine Goldader gestoßen, die was abwirft, Tucker?«

Er grinste wieder.

»Oder vielleicht« – dies zögernd und weniger freudig, »hat eins von Nellys Jungen dir so besonders gefallen, daß du dir gedacht hast, du willst lieber zurückkommen – wo ihm hier nicht soviel passieren kann – war's vielleicht deshalb, Schatz?«

Tucker Crosden sah ihr Gesicht nicht mehr. Vor seinen Augen wallte ein roter Nebel und mitten in dem Nebel tauchten irgendwie sieben kleine, weiße Hundeleichen auf, über denen, in der Sonne blitzend, ein gieriger Häher flatterte.

»Sie sind alle miteinander tot«, sagte Crosden.

Caroline schloß die Augen. Aber Tante Abbey platzte heraus: »Nellys Junge? Natürlich! Wenn du sie ins Kalte hinaufschleppst! Da kann auch nur ein Narr drauf kommen, sie oben ins Gebirg' zu verschleppen! Wer sonst? Aber Nelly geht's natürlich gut?«

»Du wirst dir doch um Nelly keine Sorgen machen? Was? Oder?« fragte Crosden. Es belustigte ihn immer noch, mit dem furchtbaren Schmerz in der eigenen Brust sein Spiel zu treiben, genau so, wie er auf dem Heimmarsch mit seiner körperlichen Erschöpfung gespielt hatte. Es war ein so merkwürdiges Geheimnis, fühlte er, wie tief man mit unbarmherzigen Nägeln in sein eigenes Innere hinabwühlen konnte, und immer wieder und wieder entdeckte man eine neue Kraft zum Dulden.

»Ich hab' mir niemals aus dem widerwärtigen kleinen schlitzäugigen Scheusal etwas gemacht«, sagte Tante Abbey, »und ich habe, weiß Gott, nicht so getan, als ob ich mir was draus machte. Besonders, wenn ich mit ansehn muß, wie das Leben gewisser Leute durch die Viecher zugrunde gerichtet wird.« Dabei warf sie Caroline Crosden einen bedeutungsschweren Blick hinüber.

Sie hatte den ungeschlachten Mann an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Er wußte ganz genau, daß Caroline ein hübsches, junges Ding gewesen war, als er sie heiratete. Er wußte auch, daß sie jetzt ein abgehetztes Frauenwesen war, ein Geschöpf mit einem gequälten Ausdruck in den Augen, und obwohl er niemals sich recht klar darüber wurde, wieso das so gekommen war, wußte er doch, daß die Leute ihn für diese Verwandlung verantwortlich machten. Ja, in seiner eigenen Brust regte sich manchmal eine Stimme des Vorwurfs, die ihn zu unvermutet überfiel, als daß er sie hätte ersticken können.

Caroline blickte, beunruhigt durch Tante Abbeys Worte, zu ihm hinüber. Sie begegnete seinem Blick und fuhr zusammen.

»Sei still, sag doch nicht solche Sachen, Tante Abbey«, murmelte sie.

Und in ihren Augen lauerte wieder das ach so bekannte Gespenst der Furcht, als habe er schon die Hand gegen sie erhoben. Seine Hand gegen eine Frau! Wie widerwärtig! Und er genoß in tiefen Zügen zugleich die Abscheu und die Wut, die ihn erfüllte – ein raffiniert gemischter Gifttrank!

»Er wird dich doch nicht schlagen, Carrie, kleine Gans«, sagte Tante Abbey. »Immerhin ist er noch ein Crosden. Nur muß ich dir sagen, Tucker, ich frag' mich immer, warum du den Hund nicht verkaufst. Wenn er wirklich dreitausend Dollar wert ist – das ist doch ein Haufen Geld! –, warum verkaufst du Nelly nicht und bereitest deiner Familie ein anständiges Heim?«

»Ist dir's nicht anständig genug?« fragte Tucker.

»Da! Schau dir mal das Kleid an, das deine Frau auf dem Leib hat. Den Flicken! Und die Farbe! Das ist mal blau gewesen. Jetzt ist's so verwaschen, daß es beinah weiß ist. Schau dir doch dein Mädel an, noch nicht mal ein Paar Schuh hat sie anzuziehen. Und da, der Tisch, wo ein Bein mit Draht befestigt ist, weil das Mannsvolk auf dem Hof nicht genug Grütze im Kopf hat oder nicht genug Fleiß in den Knochen, um den Hammer zu nehmen und 'n neues Holzbein anzunageln. Schau dir das mal an, Tucker, und dann frag mich nochmals, ob du deiner Familie ein anständiges Heim bietest. Und dann will ich dir noch ein paar Gründe mehr aufzählen, warum du den elenden Köter endlich verkaufen solltest. Du lieber Himmel! Die ganze Nacht könnt' ich hier sitzen und dir neue Gründe aufzählen!«

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, daß die Lehne ächzte, und nickte und grinste ihr freundlich zu. Dies Lächeln war der helle Wahnsinn. Der fürchterliche Zorn, den er gewaltsam in sich zusammenpreßte, war schuld daran.

»Du mußt entschuldigen, Tante Abbey. Oder besser, du mußt Nelly entschuldigen. Nämlich, mußt du wissen, das Vieh is' hergegangen und is' krepiert, und der Markt für krepierte Hunde ist zur Zeit nicht so gut wie der für lebende.«

»Tot?« würgte Caroline heraus. »Oh Gott, Tucker! Dreitausend Dollar einfach in den Dreck geworfen für nichts! O ...«

Er schnellte von seinem Stuhl auf. Seine fürchterlichen Fäuste fuhren in die Höhe und stießen krachend gegen die Decke.

»Und sonst ist nichts dabei! Was? Bloß das jämmerliche Geld, das flötengegangen ist?« schrie er. Seine Stimme gellte ohrenzerreißend, als schmetterten plötzlich dröhnende Hörner los. »Caroline, 'raus mit der Sprache, merkst du nicht, daß es sich um noch was andres dreht als um das verdammte Geld?«

Sie wich ängstlich vor ihm zurück, als er in seiner ganzen furchtbaren Größe auf sie zutrat und sie anbellte. »Und daß du's endlich weißt, um was es geht – um Blut – bei Gott, um Blut! Um Blut! Um Blut! Um mein's und ihr's. Und darum, daß ich jahrelang geschuftet hab' und gehofft und gebetet – und jetzt find'st du nichts andres zu sagen – dreitausend Dollar! – aber merk dir das, nicht drei Millionen würden's wettmachen, du Hartherziges – schau mich an – sieh mir ins Gesicht!«

Er packte sie am Arm. Er tat sich sogar noch Gewalt an, um sie nicht zu hart anzufassen. Aber wie war er fähig zu berechnen, mit welcher Kraft seine fürchterlichen Tatzen zugriffen? Sie sah ihm ins Gesicht, wie er befohlen hatte, aber dabei malte sich Schmerz und Furcht in ihren Zügen und ihre Stimme gellte ihm schrill in die Ohren:

»Tucker, bring' mich nicht um! Großer Gott im Himmel, laß mir das bißchen Leben, ich hab's ja nicht bös gemeint! Ich wünschte selbst, Nelly wär noch am Leben – ich wünscht' ...«

Er schleuderte ihren Arm zur Seite. Der Ruck war rauh. Sie taumelte und fiel krachend gegen die Wand. Sie brach in die Knie und stieß immer noch ihr furchtbares, herzzerreißendes Kreischen aus.

Tucker Crosden schlug die Hände vor sein Gesicht. Der Teufel schien sein Spiel mit ihm zu treiben, schien es darauf anzulegen, daß er als der Mann dastand, der die Hand gegen seine Frau erhoben hat – eine Frau geschlagen – er – Tucker Crosden!

Mit einem erstickten Aufschrei raste er plötzlich in die Nacht hinaus.

Caroline konnte sich nicht rühren. Der Schreck hatte sie gelähmt. Nur ihre Lippen hatten noch die Kraft zu flüstern: »Schieb den Riegel vor. Er ist in den Schuppen und holt 'n Gewehr. Er kommt zurück und – er bringt uns um – er bringt uns beide um!«

Tante Abbey war nur ein Weib, aber sie war auch eine Crosden. Sie war nicht riesenhaft an Wuchs, aber sie war ein Riese an persönlichem Mut und so sagte sie jetzt: »Da könntest du ein Dutzend prima Schlösser brauchen. Der legt mit einem Tritt die Wand in Trümmer, als wär's nur eine Streichholzschachtel. Wir müssen's anders anfangen. Feuer kann man nur mit Feuer bekämpfen.«

Sie rannte ans Telephon und drehte wie wahnsinnig an der Kurbel.

Dann wartete sie, bis das Amt sich meldete – drei Sekunden, von denen jede ein Jahrhundert zu dauern schien. Endlich meldete sich die Zentrale. Abbeys Stimme blieb ruhig. Sie sagte:

»Hallo, ist da das Amt? Hier ist Miß Abbey Crosden am Apparat. Ich spreche von der Farm meines Neffen, Tucker Crosden. Tucker ist wahnsinnig geworden. Ich war eben Zeuge, wie er seine Frau mißhandelt hat. Er ist hinaus, um sich eine Flinte zu holen und hat die Absicht uns zu ermorden, wenn er zurückkommt.«

Der Schreckensschrei, mit dem das Fräulein vom Amt diese Mitteilung quittierte, schien für Tante Abbey nur eine lästige Unterbrechung zu sein.

Hinter sich hörte sie Caroline halberstickt schnattern: »Sag ihnen doch, daß sie gleich kommen müssen, so schnell als möglich! Ich bin nah am Sterben. Mein Herz hält's nicht mehr aus – ich ersticke!«

»Fräulein, Fräulein! Jetzt hören Sie doch mal! Alles hängt von Ihnen ab! Klingeln Sie so rasch als möglich bei den Morelands, bei Burtons und bei Charlie Heeney an. Ihre Häuser sind uns am nächsten. Klingeln Sie gleich an. Sie sollen um Gottes willen so rasch als möglich alle Leute hierher jagen, die sie auf die Beine bringen können. Nicht erst satteln! Sie müssen sich auf die Gäule schmeißen, wie sie sind. In fünf Minuten können sie hier sein, das ist Ihre Sache, Fräulein! Niemand kann uns helfen als Sie – gute Nacht!«

»Es ist ja alles nicht wahr!« schrillte ein dünnes Stimmchen hinter ihrem Rücken. Sie fuhr herum. Molly stand in der Tür. »Kein Wort ist wahr. Daddy, mein Daddy, der tut keinem Floh etwas zuleide. Ich – ich kann dich nicht ausstehn, Tante Abbey – ich – ich geh Daddy suchen ...«

»Halt das Kind fest, Abbey!«

»Molly, Kind, sei vernünftig. Lauf nicht hinaus. Wenn du ihm in die Hände läufst – ich weiß nicht, was er ...«

»Was! Ihr?! Ihr wollt mir vor Daddy Bange machen? Ich geh' hinaus und hol' ihn zurück. Bei der Hand bring' ich ihn zurück!«

Und damit schoß Molly in die Nacht hinaus.

7. Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Hinter dem Schuppen reihte sich eine Anzahl enger Hundezwinger. Vor jedem war ein langer, schmaler Auslauf eingerichtet. Zwinger und Ausläufe waren mit starken, dichtmaschigen Drahtzäunen abgegrenzt. Sämtliche Zäune waren nicht weniger als neun Fuß hoch. Bei einem Bullterrier genügt ein einfacher Drahtzaun nicht. So ein Tier klettert wie wilder Wein, wenn es ihm gerade paßt, und es springt, als hätte es Flügel. Sämtliche Drahtzäune setzten sich einen Fuß tief unter dem Erdboden fort. Denn wenn ein Bullterrier es sich einmal in den Kopf gesetzt hat, aus seinem Zwinger herauszukommen, dann wird er mit größter Wahrscheinlichkeit so lange an dem Problem kauen, bis er es gelöst hat. Trotz aller Vorkehrungen, die Tucker Crosden getroffen hatte, kam es immer noch gelegentlich vor, daß sich ein Hund einen Kanal ins Freie grub. Gewöhnlich erfuhr man dann von seiner Abwesenheit erst dadurch, daß einer der Farmer in der Nachbarschaft wie besessen anklingelte.

»Einer von Ihren verdammten weißen Kötern war hier bei uns und hat unseren Rex totgebissen – vor unsern Augen auch noch! Der verflixte weiße Teufel war von dem armen Vieh nicht loszukriegen – und ...«

Das also war das Gehege, das Tucker Crosden mit solcher Liebe und Sorgfalt für seine Hunde errichtet hatte, und wenn es im Hause ein Gewitter gegeben hatte, dann wußte Molly immer sofort, wo sie ihren Daddy zu suchen hatte. Sie brauchte nur nach dem Hundezwinger zu gehen, dann fand sie ihn. Aber in dieser Nacht war er nicht dort.

Immerhin gab es noch einen Platz, wo man ihn suchen konnte, die Brücke, die das kleine Flüßchen überspannte. Tucker Crosden hatte irgendeine tiefe Zuneigung für diese Stelle entwickelt. Bei Tag und bei Nacht konnte man ihn dort auf das Geländer gelehnt finden, das massive Kinn nachdenklich aufgestützt, die Augen träumerisch auf das wirbelnde, rasch dahinjagende Wasser gerichtet. Bei Nacht schien die Strömung ein lebendiges, kämpfendes, ein wenig unheimliches Geschöpf. Bei Tag lockte ihr grüner, undurchsichtiger Spiegel mit dem Reiz des Geheimnisvollen. Molly lief zur Brücke. Aber auch dort war ihr Vater nicht. Sie ließ sich auf der Brücke nieder, wo sie schon so oft gesessen hatte, starrte in die dahinrollenden Wirbel hinab. Wo mochte ihr Vater sein? Sie blieb sitzen, zerbrach sich den Kopf, versuchte es vergeblich zu erraten. Die Zeit verrann. Und sie hatte inzwischen, ohne es zu wissen, den Zeitpunkt verabsäumt, wo es ihr möglich gewesen wäre, Tucker Crosden zu begegnen und ihn vor sich selbst zu hüten.

Tucker Crosden war nicht nach dem Hundezwinger gegangen, denn die Hunde waren tot, er war nicht auf die Brücke über den Fluß gegangen, denn sein Hirn war des Geheimnisvollen müde. Er war blindlings in die Felder hinausgerannt, in die Felder, auf denen er sich einst mit solcher Hingabe geplagt und so bitterwenig dabei erworben hatte – in die Felder hinaus, wo er zum erstenmal hatte erfahren müssen, daß nicht immer ehrliche Arbeit ihren ehrlichen Lohn findet – wo er schließlich entdeckt zu haben vermeinte, was Fortuna in ihrer wirklichen Gestalt ist – eine boshafte Hexe und eine Betrügerin.

Er rannte blindlings weiter, bis sein Zorn ein wenig verraucht und sein Hirn etwas klarer war. Dann machte er sich langsam auf den Heimweg. Er hatte sich verhalten wie ein Kind oder ein naiver Naturmensch. Er hatte sich durch körperliche Bewegung das schlimmste Gift aus dem Leib geschafft. Es gab einen Gedanken, der ihn ein wenig tröstete und den er sich auf dem Weg nach Hause immer und immer wieder halblaut wiederholte:

»Das ist eben so. Alle Frauen sind 'n bißchen närrisch. Ja, so ist das. Die Frauen sind alle 'n bißchen närrisch!«

Er hatte noch nicht den halben Weg zurückgelegt, als er hinter sich drei Pferde in vollem Galopp die Straße entlang rasen hörte. Und ehe er den Zaun seines Besitztums erreicht hatte, kamen noch vier Reiter in einem dichten Klumpen dahergeprescht und bogen zu seinem Haus ab.

Er wunderte sich. Was war eigentlich los? Er beschleunigte seinen Schritt. Caroline mußte doch inzwischen Zeit gefunden haben, ein bißchen wieder zu sich zu kommen und einzusehen, daß nur ihre eigene Hysterie daran schuld war, wenn sie sich eingebildet hatte, er wolle sich an ihr vergreifen.

Er ging ums Haus herum zur Hintertür – zur Küchentür. Aus dem Haus hörte man halblaute, erregte Stimmen. Das verblüffte ihn. An der Küchentür stieß er auf zwei Männer. Als Tucker plötzlich in der Dunkelheit auftauchte, machten die beiden einen erschreckten Satz nach rückwärts. Er hörte Sam Watcheds Stimme, dünn und entstellt von Erregung und Furcht, schreien:

»Rühr du mich ja nicht an, Tucker Crosden! Du hast heute nacht schon genug angestellt!«

»Hör mal, Sam,« sagte der Riese gelassen, »mit deinem Gehirn is' was nicht in Ordnung. 's könnt einer ja denken, das Haus steht in Flammen, so stellst du an. Was willst du denn? Ich tu' dir doch nichts. Ich will ja nichts weiter als hineingehn.«

»Das wirst du bleiben lassen!« schrie Sam. »Ich hab' 'n Gewehr da, Tucker. Ich warne dich! Bleib weg! Nämlich, ich hab' 'n Gewehr und wenn du 'n Schritt weitermachst, drück' ich ab!«

»Sam,« antwortete Tucker, »bei dir is' glatt 'ne Schraube los. Was hab ich denn getan?«

»Kann sein, bei euch zu Haus ist's nichts Besonderes, wenn man seine Frau prügelt,« sagte Sam Watched, »aber hier herum im Land – paß auf, Tucker! Bleib weg – oder – bei Gott ...«

Aber es war zu viel für Tucker. Die Wut hatte ihn gepackt. Er sah und hörte nichts mehr. Er stürzte vorwärts. Ein Schuß krachte. Etwas zerrte heftig an seinem Rock. Dann griff er nach dem Gewehr und riß es dem andern, der kleiner war, so spielend aus der Hand, wie wenn Sam Watched ein Kind gewesen wäre. Aber Sam war eine Kampfnatur. Er sprang auf Tucker los und schlang seine Arme um den Riesen. Es war, wie wenn er den Stamm einer uralten Eiche umarmen wollte. Der andere Mann brüllte auf, drehte sein Gewehr um und holte mit dem Kolben nach Crosdens Kopf aus. Tucker schmetterte ihm den Handrücken in das verzerrte Gesicht. Mann und Büchse tauchten geräuschlos im Dunkeln unter. Dann sauste Tuckers Faust Sam Watched zwischen die Schulterblätter und der wackere Kämpe fiel wie ein Sack zu Boden.

Crosden rüttelte an der Klinke. Die Tür war verschlossen und verriegelt. Er schlug sie mit Sams Büchse ein. Kolben und Lauf trennten sich, als sei die Waffe nur aus Pappe gemacht. Ein Fußtritt, und die Trümmer der Tür gaben ihm den Weg frei. Undeutlich sah er mehrere Männer, Gewehrläufe blitzten. Er schleuderte seinen Gegnern das Wrack der Tür ins Gesicht. Weit, weit hinten schrie eine Frau laut auf. Es ging Tucker Crosden wie eine glühende Nadel durchs Hirn.

Plötzlich waren die Männer nicht mehr da. Sie waren ins nächste Zimmer gestürzt, hatten die Tür hinter sich zugeschlagen und verriegelt. Wie von weither hörte man von drinnen das Durcheinander ihrer Stimmen, Ratschläge, Befehle. Crosden blickte sich hilflos um.

Im Haus war er, aber was sollte er hier? Er konnte die zweite Tür einschlagen, wie er die erste eingeschlagen hatte. Aber was nützte ihm das? Höchstens geriet ihm einer der Kerle zwischen die Finger – und dann hieß es Mord. Aber nach und nach dämmerte es ihm, daß die Bewaffneten bei ihm nicht eingebrochen waren, ohne gerufen zu sein. Der Schrei vorhin, das hysterische Lachen, das er jetzt hinter der Tür hörte, dies alles sagte ihm, daß sie auf ausdrückliches Verlangen gekommen waren, um seine Frau gegen seine Brutalität zu verteidigen.

Das traf ihn wie ein Schwert. Plötzlich schien sein ganzes bisheriges Leben ausgelöscht. Er starrte umher und erblickte das einzige, was in sein künftiges Leben mitzunehmen ihm noch der Mühe wert erschien – Kings Bild an der Wand.

Er riß es aus dem Rahmen, faltete es sorgsam zusammen und schob es in die Brusttasche. Dann schritt er durch die gähnende Öffnung, wo einst die Tür gewesen war, in die Nacht hinaus. Zwei dunkle Gestalten lagen auf dem Boden und ächzten. Er hatte kein Wort für sie. Auf der Schulter trug er den Sattel mit dem schweren Pack, den er vor so kurzer Zeit dem Esel abgenommen hatte. In der Koppel fand er seinen einzigen Gaul, einen Grauen. Er schnallte ihm den Packen auf und sah sich hilflos um. Ringsum ertrank alles in gleichmäßiger Dunkelheit, nur gegen Osten hob sich die äußerste Bastion der San Jacinto Berge scharf vom bestirnten Himmel ab. Diese Richtung schlug er ein. Er erreichte den Weg. Die lange Reise, die er hinter sich hatte, hatte in umgekehrter Richtung neu begonnen.

Von den Hüften abwärts war sein Körper steif und gefühllos vor Müdigkeit. Er wurde sich dessen nicht bewußt. Bild um Bild blitzte durch sein Hirn, alles was sich seit seiner Heimkehr ereignet hatte, Bild um Bild, von einem seltsamen roten Brandlicht überstrahlt. Da hörte er hinter sich eine Stimme. Die einzige Stimme, die ihn dazu bewegen konnte, haltzumachen. Er wartete, bis im Dunkeln die kleine Gestalt auftauchte und in seine Arme stürzte.

»Oh, Daddy,« rief Molly, »das ist doch nicht wahr! Sie sagen, Nelly ist tot?«

»Nelly, ja. Gott, das hab' ich schon vergessen«, sagte Crosden. »Aber ich will dir mal sagen, worauf's wirklich ankommt. Da war ein Junges in dem Wurf, das sah aus wie King, als der noch klein war. Wie King sah's aus, nur besser. Da war nicht ein Fehl an ihm. Oft hab' ich am Lagerfeuer gesessen und das kleine Vieh in der Hand gehalten, und da hascht doch der kleine Köter nach meinem Daumen und beißt – und wie er gebissen hat! Manchmal da hab' ich gesagt: ›Herr im Himmel, wenn an dem Tier der kleinste Makel ist, dann zeig ihn mir.‹ Aber da war nicht das winzigste bißchen. Er war tipptopp. Well, Molly, der ist auch dahin, wie all die andern.«

Er wartete. Was hatte seine Frau gesagt, als sie es erfuhr? »Dreitausend Dollar zum Teufel.«

Aber Molly?

»Armer, armer Daddy!« sagte sie. »O du armer, unglücklicher Daddy! Da muß dir ja just das Herz zerspringen!«

»Molly, Gott dank dir's! Ich gehe. Ich bleib' weg, bis ich mit genug Geld zurückkomme, daß ich dich wie eine richtige feine Lady halten kann. Wirst du's glauben?«

Sie packte seine Rockschöße und zerrte daran.

»Daddy, hörst du mich?«

»Ja, Liebling, was ist?«

»Was soll ich denn zu Haus, wenn du so lang von uns wegbleiben willst?«

»Sag mal, Molly, hast du dir's vielleicht in deinen närrischen Kopf gesetzt, daß du mit mir in die Berge hinauf willst, Fallen stellen?«

»Ich habe doch meinen dicken Mantel an, was brauch' ich sonst? Kann ich vielleicht nicht für dich kochen und flicken? Ist das nicht besser, als zu Haus zu hocken, zuzusehen, wie Mutter die Hände faltet und weint?«

»Und was soll aus ihr werden?«

»Was schon? Sie zieht zu Tante Abbey.«

»Es ist nicht recht, Molly. Ich versteh' mich nicht besonders darauf, zu sagen, was richtig und was falsch ist, aber ich, ein Kerl mit solchen Händen – sind das Hände, die dazu geschaffen sind, ein Mädel aufzuziehen, wie es sich gehört?«

»Daddy, 's gibt in der ganzen Welt keine Hände, die mich großziehen könnten, wie ich mir's wünsche, außer deinen.«

Er antwortete nicht. Gram, Bedenken und – Freude erfüllten ihn zu sehr, aber mit einemmal merkte er, daß er bereits ein langes Stück marschiert war, das Pferd am Zügel führend, Mollys kleine Finger fest mit der andern Hand umschlossen haltend. Molly war furchtbar müde, aber sie kämpfte tapfer, um in dem grundlosen Schmutz des Weges mit ihm Schritt zu halten.

Er hob sie auf, um sie auf das Pferd zu setzen. Statt dessen ließ er sie auf seine Schulter gleiten und marschierte stetig weiter in die Finsternis hinein. Ein kleines bißchen Schuldbewußtsein mischte sich in seine tiefe Freude, aber die Seele, die in dem klotzigen Körper eingesperrt war, deuchte es, daß doch alles in Ordnung sein müsse. Hätten die Sterne so schimmern können, wenn das nicht recht war, was er tat? Hätte nicht vielmehr der Himmel, der jetzt breit und heiter auf ihn herablächelte, in düsterem Grimm auf ihn hinabgestarrt?

Als Molly in Schlaf gesunken war, legte er sie behutsam oben auf die Traglast und wanderte langsam neben dem Pferd einher, einen Arm um das Kind geschlungen und das Herz berstend vom Überschwang der Trauer und der Freude.

8. Kapitel

Inhaltsverzeichnis

An diesem Schicksalstage war Mutter Wolf früh auf, denn am Tage zuvor war die Jagd hart und die Beute dürftig gewesen. Sie hob den Kopf und blickte auf ihre Brut. Die jungen Wölfe lagen dicht an ihre Flanke gedrängt und schliefen. Aber augenblicklich richteten sich die kurzen Lauscher in die Höhe und die blanken Augen öffneten sich. Nur der weiße Wolf, der zwischen ihren Vorderpfoten lag, rührte sich nicht. Im Schlaf lief ein leises Beben durch seinen Balg. Das war alles. Sie berührte ihn liebkosend mit der Nase und fragte sich im stillen verwundert, wie dieses kleine Wesen einmal fähig sein sollte, den Gefahren der schrecklichen Welt außerhalb der Höhle zu trotzen. Wie dumm, wie träge waren die Sinne, die Mutter Natur ihm auf den Weg mitgegeben hatte. Selbst wenn ihre Nase sein samtiges Fell berührte, zuckte er nicht, und als sie behutsam ihre Vorderpfoten wegzog, wälzte er sich bloß im Schlaf herum und schmiegte sich dichter an ihre Brust.

La Sombra öffnete ihren roten Rachen und lachte geräuschlos vor sich hin, ein Lachen, im dem sich Lust und Leid mischten. Sie stand auf. Jetzt entschloß sich auch Weißwolf, die Augen zu öffnen und starrte ihr traurig nach, als sie nach dem Höhleneingang schritt. Schlappohr, La Sombras Erstgeborener und der kräftigste im ganzen Wurf, schlich sofort seiner Mutter nach. Sie machte kehrt und kniff ihn gerade so viel, daß er winselte.

»Bleibt im Bau und liegt still!« knurrte La Sombra. »Rührt euch nicht, bis die Sonne am heißesten ist. Und auch dann geht nicht weiter als zehn Sprünge von der Höhle weg. Ich wittere eine Gefahr in der Luft dieses Morgens.« Sie streckte die Nase nach oben und schnüffelte: »Die Witterung kommt das Sieben Schwestern-Tal herauf,« sagte La Sombra, »aber wenn ihr euch still verhaltet, wie es sich für kleine Wölfe schickt, wird euch nichts geschehen.«

Sie trat aus der Höhle. Der Terrier winselte sofort. Sie kam zurückgerannt, es knurrte in ihrer Kehle, aber als sie über ihm stand, schmolz ihr Zorn dahin, wie schon so oft, denn sie empfand für ihn die Zärtlichkeit, die Mütter immer für das unbeholfenste und dümmste ihrer Kinder empfinden. Ein Blick, das Heben einer Pfote, das leiseste Zähnefletschen genügte, um ihre anderen Jungen auf den rechten Pfad zu bringen, aber mit »Weißwolf« war es anders – bedenklich anders. Jetzt wieder, obwohl sie das Zeichen für tiefstes Schweigen gegeben hatte, beharrte er eigensinnig darauf, unter ihr herumzukriechen und von da aus zu ihr hinaufzuwinseln. Anstatt ihn gehörig zu kneifen, wie eine gute Pädagogin hätte handeln müssen, begann sie ihm das Gesicht abzulecken: »Was ist los, kleiner Narr?« knurrte es tief aus ihrer rauhen Kehle. »Was siehst du denn da drin in deinem kleinen Herzen, was die hellen Augen anderer nicht erspähen können? O du wackerer, kleiner Feigling, du weißer, kleiner Narr. Ist je einer Mutter eine solche Last aufgepackt worden wie du?«

Zu guter Letzt fand er sich doch bereit, sich zusammenzurollen und einzuschlafen, aber La Sombra bemerkte, daß er sich von dem warmen Knäuel der andern fernhielt. Er war überhaupt geneigt, sich über seine Kameraden ein bißchen zu erheben. Wenn sie miteinander balgten, geschah es oft, daß er ganz für sich mit einem Stock oder Stein spielte, und nachts, wenn alle andern sich dicht an La Sombras Flanke gedrückt, zum Schlaf zusammenrollten, kroch er regelmäßig an seinen angestammten Platz zwischen ihren Vorderläufen. La Sombra starrte auf den Schläfer hinunter, das Herz tat ihr plötzlich weh. Aber da sie die Ursache dieser Beklemmung nicht zu deuten wußte, stieß sie ein neues Knurren aus – leise, nicht lauter als das Summen einer Biene, das der Wind mitträgt – und verließ die Höhle.

Ihr ältester Sohn, Schlappohr – denn die kräftigen Zähne seines seltsamen weißen Stiefbruders hatten ihn an jenem ersten Tag fürs Leben gezeichnet –, blinzelte ihr nach. Er sah, wie sie über die Lichtung glitt und wie sie am Waldrand giftig und vergeblich nach einem Eichhörnchen sprang, das vom sicheren Ast wütend auf sie herunterzeterte. Dann war sie lautlos verschwunden und Schlappohr kroch zu seinen Brüdern zurück.

Für den Terrier folgten jetzt ein paar lange und kalte Stunden. – Ein Wind aus Südwesten strich über die eisigen Gipfel der San Jacinto-Berge, und seine frostigen Finger reichten selbst in die Tiefe der Höhle hinab. – Seine Stiefbrüder kümmerten sich nicht darum. Sie waren behaglich in ihre dichten und flaumigen Pelze gehüllt. Den Terrier aber traf jeder Luftzug wie ein Schwert, das ihm eiskalt durch den Körper ging. Er rollte sich, so gut es ging, noch dichter zusammen und duldete schweigend, von Frostschauern geschüttelt, die Schnauze in betrübte Falten gelegt.

Schließlich war er so weit, daß er die Warnung, die La Sombra beim Abschied ihrer Brut erteilt hatte, vergaß. Er kroch bis an die Mündung der Höhle. Dort lag er, halb noch im kalten Schatten, halb in der mildtätig wärmenden Morgensonne. Jetzt endlich fand er Schlaf. Freilich lief noch immer ein unaufhörliches Zittern über sein Fell, aber diesmal war der Stachel des Gewissens daran schuld, das uns peinigt, auch dann, wenn es ihm nicht gelingt, uns zum Sklaven zu machen.

Die jungen Wölfe hatten wohl gesehen, welch unglaublicher Keckheit Weißwolf sich schuldig machte. Sie starrten verblüfft, sie warfen sich Blicke zu – bis endlich Schlappohr sich ebenfalls vor den Höhleneingang schlich und sich neben seinem weißen Bruder aufpflanzte. Gewiß, es war gefährlich, sich draußen in der Welt zu zeigen. In ihm hallte noch, wie das Vibrieren einer Baßseite, die grimmige Warnung nach, die La Sombra ihnen zugeknurrt hatte. Aber nachdem er einen Blick umher geworfen hatte, wurde ihm wärmer ums Herz. Wenn keine Gefahr zu erblicken war, dann gab es auch keine – das war doch gewiß.

Er rannte zurück zu den andern, die noch in einem dichten Knäuel im Nest lagen, stieß seine Nase aufmunternd gegen die einer übermütig veranlagten Schwester, und einen Augenblick später tollte die ganze Bande draußen in der beglückenden Sonnenwärme. Gewiß, sie vergaßen nicht jede Vorsicht. Aus der unbekannten Welt im Osten und im Süden trieb manchmal eine fremde Witterung herauf, die sie mitten im tollsten Spiel einhalten ließ. Dort hinten rückten Mount Dunkeld und der San Jacinto dem Himmel mit einer stolzen Reihe funkelnder Zinnen und Gipfel auf den Leib, und tief nach Süden und Osten breitete sich der Mount Lawrence wie eine unförmige Pyramide aus, eine mächtige weiße Schneekappe tief über die Ohren gezogen. Dazwischen lagen die Täler, aus denen die fernen Gerüche vom Wind heraufgetragen wurden, und wenn dieser Hauch sie traf, ließen sich die eben noch in ihr Spiel vertieften Jungwölfe plötzlich gravitätisch auf ihre Hinterteile nieder, streckten die Schnauzen hoch in die Luft, schnüffelten und waren plötzlich still, als habe sie das tiefe Wissen, das durch Zehntausende von Jahren, von den Voreltern überkommen, in ihren kleinen Hirnen aufgespeichert lag, plötzlich überwältigt.

Weißwolf schloß sich dem Spiel nicht an. Er brauchte immer mehr Schlaf als seine Gefährten. Aber auch als er ausgeschlafen hatte, zeigte er keine Lust, sich in das Getümmel zu mischen. Er war bei seinen Lagergenossen nicht beliebt, ein unwillkommenes Mitglied der Gesellschaft, das ausgeschlossen blieb und im übrigen durchaus damit einverstanden war. Die Jungwölfe fanden kein Vergnügen daran, wenn Haschen gespielt wurde, ihn daran teilnehmen zu sehen, denn niemals trug es sich zu, daß er »dran« war. Die Natur hatte ihm zwei Paar Beine mit Muskeln und Sehnen aus vibrierendem Stahl geschenkt. Nicht nur konnte er rascher laufen als sie alle, er war zehnmal geschickter darin, seine Verfolger durch Haken und Finten zu täuschen. Manchmal tat sich die ganze Bande zusammen, um über ihn herzufallen und ihm zu beweisen, wie wenig sie ihn liebten, aber sie hätten ebensogut nach einem gaukelnden Schmetterling oder nach einem wirbelnden, welken Blatt schnappen können. Wenn sie aber ihn wirklich einmal zu ihren Spielen zuließen, konnte man immer darauf gefaßt sein, daß es ihnen irgendwie übelbekam. Die Jungwölfe, fett und ausgepolstert wie sie waren, konnten einen guten Puff und ein bißchen Kneifen mit den Zähnen aushalten, ohne daß es ihnen wirklich weh tat. Aber den Terrier brauchte ein Zahn nur zu streifen, dann perlte schon das Blut aus seinem seidenglatten Fell und er verwandelte sich, trotz seiner Jugend, in einen rasenden Teufel. Er heulte nicht, er winselte nicht, um zu zeigen, daß man ihm weh getan habe. Er flog, mit teuflischer Verbissenheit, schweigend seinem Gegner an den Hals, packte zu – es kümmerte ihn nicht wo –, schraubte die Kiefer zusammen und bohrte seine Zähne tiefer und noch tiefer und immer noch tiefer, mit geschlossenen Augen und in verzückter Hingabe, entschlossen, ganze Arbeit zu tun. Im allgemeinen ließen sie ihn deshalb lieber ungeschoren, und wenn sie sich einmal um ihn bekümmerten, so nur in der Form, daß sie sich zu dritt und viert zusammentaten, um ihn zu ärgern und zu drangsalieren. Auch dann geschah es freilich oft, daß er ihnen noch genug zu schaffen machte. Wenn nichts mehr half, zog er sich in eine Felsspalte zurück, die er hinten in der Höhle entdeckt hatte. Dort konnten seine Feinde nur einzeln an ihn heran.

So lag auch an diesem Morgen Weißwolf abseits und sah den andern zu. Das Herz tat ihm weh. Er hätte gar zu gerne sich ihrem Spiele angeschlossen. Statt dessen wendete er schließlich schwermütig den Kopf zur Seite, stellte sich so, als ließe ihn das alles ganz kalt und blickte nach den Bergen hinüber, deren Flanken die Wälder wie dichte, dunkelgrüne Schatten bedeckten. Mit einemmal schrie vom Waldrand her, wo es sich friedlich auf der äußersten Spitze eines Astes gewiegt hatte, ein Eichhörnchen so voller Todesangst, daß im Nu die ganze Wolfsbrut platt an den Boden gedrückt lag.

Sie sahen ein Silbereichhörnchen über die Lichtung rasen – ein grauer Strich, der blitzschnell vorbeiflitzte, – und in panischer Angst fegte es am Stamm des nächsten Baumes in die Höhe. Ihm dicht auf den Fersen folgte ein unheimliches Wesen, lang, niedrig auf den Beinen, seidig von Fell und mit einem tückischen Kopf, der an ein Schlangenhaupt erinnerte. Dies teuflische Geschöpf besann sich keinen Augenblick, als sein Opfer in der Baumkrone verschwand. Es schoß genau so schnell und mühelos den Stamm hinauf, wie vor ihm das Eichhörnchen. In den Zweigen knackte und raschelte es – ein Todesschrei, der erstickte, noch ehe er recht begonnen hatte –, und alle die schutzlosen kleinen Würmer La Sombras wußten, daß eben ein Mord geschehen war.

Schlappohr faßte sich zuerst. Er sprang auf und stahl sich leise heim, nach der Höhle. Einer nach dem andern folgte seinem Beispiel, aber ach, wie weit schien jetzt der Weg zurück in das schützende Dunkel. Doch bereits hatten fremde Augen ihre Not erspäht. Der kleine braune Teufel da oben im Baum hatte das Eichhörnchen nicht getötet, weil Hunger ihn quälte. Seine blutigen Fänge hatten das Opfer achtlos fallen lassen. Nun glitt das weiche, pelzige Körperchen hinunter, fiel mit einem dumpfen Plumps von Ast zu Ast und stürzte zu Boden. Der Marder aber hockte lauernd in den Blättern und starrte hinunter. Das Schauspiel auf der Lichtung faszinierte ihn.

Die Zeit drängte. Die Höhle war nahe, in der all die kleinen Kreaturen sichere Zuflucht finden konnten. So nahm sich das Raubtier nicht die Zeit, am Stamm hinunterzugleiten, es schnellte sich in weitem Bogen einfach in die Luft hinaus und landete aus einer Höhe von fünfundzwanzig Fuß sicher auf dem Boden, ohne sich das geringste zuleide zu tun, ja, der Anprall auf den Boden spannte seine Muskeln zu neuem Sprung, und im Handumdrehen war es unter der schutzlosen Herde. Es begnügte sich nicht, mit den Zähnen zu morden, im Laufen teilte es rechts und links mit den Vorderpfoten, an denen fünf dolchscharfe Krallen saßen, tödliche Hiebe aus. Jeder Schlag riß einem Jungwolf die Flanken auf und zerschmetterte die zarten Rippen. Und als der Marder in die Höhlenmündung hineinglitt, ließ er die ganze Wolfsbrut tot oder sterbend hinter sich zurück. Nur Schlappohr, der als erster die Flucht ergriffen hatte, war noch am Leben.

Der matte Schimmer eines weißen Fells zeigte Schlappohr im Dunkel des Höhlengangs den Weg, und als der Terrier seinen Lieblingsschlupfwinkel erreichte und rücklings tief in die Felsspalte kroch, stürzte sich Schlappohr verzweifelt mit hinein. Da saß er, dicht gegen seinen weißen Pflegebruder gedrängt, von einer Angst geschüttelt, die ihm nicht einmal ein Winseln erlaubte. Das Raubtier faßte mit einem nachdenklichen Niesen vor der Spalte Posto. Schlappohr konnte den fauligen Atem des Mörders riechen, der die Höhle füllte. Dann wurde seine Rückenhaut von etwas aufgeschlitzt, das scharf war wie ein Messer, und er drängte sich jammernd noch tiefer neben seinen weißen Genossen. Immer noch war er nicht in Sicherheit. Die Felswand bestand aus weichem, zerbröckelndem Stein. Für die scharfen Klauen des Marders genügten fünf Minuten, um die Spalte zu erweitern. Da streckte die Vorsehung schützend ihre Hand über die beiden bebenden Flüchtlinge aus. Von den Bergen herüber brachte der Wind einen tiefen, vibrierenden und drohenden Ruf, den Ruf eines jagenden Wolfes. Der Marder spitzte die Ohren und kroch nach rückwärts. Er hockte im Dunkel der Höhle und schnüffelte in der Luft, die ganz von der Witterung der Wölfe, von der mütterlichen Wärme La Sombras erfüllt schien. Die Atmosphäre war ihm unheimlich. Auch vor dem wütendsten Wolf, der je auf eine Fährte jagte, wäre er nie auch nur einen Schritt zurückgewichen. Aber hier, in der Höhle der Wölfin, krochen beklemmende Vorahnungen über ihn hin. Fürchterlich ist der blinde Zorn einer beraubten Mutter.

Ein nervöses Zittern überlief ihn, unschlüssig sah er sich nach dem Höhleneingang um. Nichts. Er starrte wieder in die Spalte, grünes Mordlicht in den Augen. Plötzlich aber machte er kehrt und glitt ins helle Tageslicht hinaus. Die verstümmelten und blutbedeckten Leichen der jungen Wölfe lagen in seinem Weg. Er warf einen scheuen Seitenblick darauf und huschte, wie ein Verbrecher, in den alles verhüllenden Schatten der Wälder.

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05 февраля 2026
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310 стр. 1 иллюстрация
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4066338113634
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