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Maj Bylock
Die Hexentochter
oder:
Ylvas Buch
Aus dem Schwedischen
von Birgitta Kicherer
Saga
1
Anneli beugte sich über die Quelle, um Wasser zu schöpfen. Doch ihr Eimer wurde nicht gefüllt.
Sie hörte jemanden kommen!
Rasch glitt sie hinter einen Felsen unter die große Wettertanne, deren dichte Zweige bis auf die Erde herabhingen. Hier war sie gut versteckt. Wenn sie sich still verhielt, konnte niemand ahnen, wo sie sich befand. Wenn bloß keine Hunde dabei waren! Hunde brauchten nur ihrer Nase zu folgen, um ihre Beute aufzuspüren. Ein Hund würde sie sofort aufstöbern.
Anneli hielt den Atem an und lauschte, aber das Herz hämmerte ihr so laut in der Brust, daß es die schweren Schritte auf dem Pfad fast übertönte.
Wer mochte das sein, der da kam? Annelie wagte es nicht, die Zweige der Tanne beiseite zu biegen und hinauszuspähen. Sie war fest davon überzeugt, daß man gekommen war, um sie zu holen.
Die Leute hielten sie ja für eine Hexe. Wenn sie Anneli je fänden, würden sie sie ins Dorf runterschleppen. Und dort wartete der Henker mit seinem Schwert. Und danach der Scheiterhaufen, auf dem ihr Körper verbrannt werden würde.
Anneli wimmerte leise und rollte sich auf dem Moos unter der Tanne zusammen. Das Entsetzen und die Erinnerung an alles, was geschehen war, drohten ihr die Brust zu sprengen. Sie sah die alte Ylva vor sich, auf dem Richtblock ausgestreckt. Und über Ylva schwang der Henker sein Schwert, hoch hinauf gegen den grünblauen Himmel. Hexen durften nicht am Leben bleiben. Hexen mußten sterben ...
Die Schritte auf dem Pfad waren nicht mehr zu hören. Hundegebell hatte Anneli auch keines wahrgenommen. Die Gefahr war vorüber. Aber für wie lange? Nie mehr würde Anneli sich sicher fühlen. Sie blieb mit geschlossenen Augen auf dem Boden liegen und dachte daran, wie alles angefangen hatte.
Damals war sie zehn Jahre alt gewesen und hatte versprochen, ihre kleinen Geschwister zu hüten, während die Eltern auf dem Acker arbeiteten. Tapio, der Jüngste, schlief friedlich in seiner Wiege, und die kleine Schwester Tuija spielte neben der Treppe mit ein paar Tannenzapfen.
Anneli hatte Hunger bekommen. Das Essen in der Speisekammer war für den Kleinen bestimmt. Er war Vaters Liebling, schließlich war er ja ein Junge. Anneli hatte Magenschmerzen vor Hunger. Sie schlich sich zum Erdbeerplätzchen runter und begann, für sich und die kleine Schwester Beeren zu pflücken.
Da stach ihr plötzlich ein scharfer Geruch in die Nase. Rauch! Das ganze Haus brannte! Ein Funken vom Herdfeuer war wohl in Mutters Korb mit der frisch gekardeten Wolle gesprungen.
Alles loderte lichterloh!
Anneli war wie betäubt davongerannt, geradewegs in den Wald hinein. Und als sie endlich wieder zu sich gekommen war, hatte sie in Ylvas Häuschen gelegen. Sie konnte sich an nichts mehr erinnern. Ja, sogar ihren eigenen Namen hatte sie vergessen.
Viele Jahre lang hatte Anneli als „Das Mädchen ohne Namen“ bei Ylva gelebt. Die Leute hatten allmählich geglaubt, sie sei Ylvas Tochter. Ylva war eine heilkundige alte Frau, zu der viele Kranke kamen, um geheilt zu werden.
Anneli half Ylva bei der Arbeit, beobachtete und lernte viel. Ylva lehrte sie sogar, in ihrem geheimen Buch über Krankheiten und Medizinen zu lesen.
Manchmal waren Leute gekommen, die Ylva baten, einem Nachbarn Krankheit oder Unglück anzuhexen. Doch da hatte Ylva jedesmal nein gesagt. Das hatte zur Folge gehabt, daß sie Feinde bekam, obwohl sie so vielen Menschen geholfen hatte. Ylvas Feinde verbreiteten das Gerücht, daß Ylva eine Hexe sei. Ylva hatte eine Hexenprobe bestehen müssen und war danach zum Tode verurteilt worden.
Anneli hatte fliehen müssen, denn die Leute hielten sie für die Tochter der Hexe und glaubten, sie sei ebenfalls eine Hexe.
Da war ein kleiner Junge gekommen, der Tapio hieß. Er hatte gesagt, er könne ihr ein Versteck zeigen. Tapio hatte sie über Berge und Moore geführt, durch tiefe, dunkle Wälder.
Als sie endlich angelangt waren, erkannte Anneli das Erdbeerplätzchen von damals wieder. Sie begann, sich zu erinnern. Sie war doch Anneli, die ihre Geschwister hatte hüten sollen! Und Tapio war ihr kleiner Bruder. Er war gerettet worden! Die Stricke, an denen die Wiege aufgehängt gewesen war, waren durchgebrannt, und der Junge war aus der Wiege gerollt.
Anneli schlug die Augen auf und blickte hinauf in die Tannenzweige. Sie lauschte. Aber draußen war es fast still. Außer dem Summen der Mücken über der Quelle und dem Meckern der Ziegen hinten beim Haus war nichts zu hören.
Vorsichtig schlich sie aus ihrem Versteck und hinunter zur Quelle. Sie schauderte, als sie daran dachte, wie tief die Quelle war. So tief, daß sie den Namen Bodenlose Lache erhalten hatte.
Vater hatte erzählt, sie hätten geglaubt, daß Anneli während des Brandes hier ertrunken sei. Sie hatten angenommen, daß sie zur Bodenlosen Lache gerannt sei, um dort Wasser zu holen. Die ganzen langen Jahre, die Anneli bei Ylva gelebt hatte, hatten sie hier zu Hause Anneli für tot gehalten!
Vater war überglücklich gewesen, als Anneli zurückgekommen war. Und Tapio ... Er hatte behauptet, Anneli sehe Mutter ähnlich, Mutter, die während Annelis Abwesenheit gestorben war.
Anneli beugte sich vor, um den Wassereimer zu füllen. Plötzlich wand sich ihr etwas Kaltes, Schleimiges um den Hals! Sie schrie gellend auf, doch da lachte jemand hinter ihrem Rücken und hielt ihr einen grünglänzenden Fisch vor die Nase. Tapio!
„Ich hab Glück gehabt beim Angeln! Heute abend braten wir den Hecht in der Glut.“
Plötzlich vergaß Anneli den Hecht.
„Wer war das vorhin auf dem Pfad?“ fragte sie ängstlich.
„Ich“, antwortete er. „Ich habe die Ziegen auf die Weide gelassen.“
Annelis Wangen brannten. Sie durfte nicht mehr so furchtsam sein. Wer käme schon auf den Gedanken, sie hier zu suchen? Das Tal, wo Ylva gelebt hatte, lag doch weit entfernt von hier.
2
Die Sonne hatte sich hinterm Wald versteckt und war schlafen gegangen. Jetzt hing der Mond groß und rot hinter den Wolken und hielt Wache.
Anneli hatte einen schweren, anstrengenden Tag hinter sich. Es gab mindestens tausend Dinge zu erledigen. Vater mit seinem verletzten Bein konnte selbst nicht viel tun, verlangte aber, daß vieles getan wurde. Und Tapio war noch nicht erwachsen. Er rackerte sich ab, so gut er konnte, aber seine Arme und Beine waren noch kurz.
Anneli gab sich große Mühe, Vater alles recht zu machen. Sie schrubbte den Boden, und sie spülte das Geschirr. Sie kochte Grütze und Mehlsuppe. Die Ziegen brauchten Futter, und die Kuh mußte gemolken werden. Obwohl Anneli müde war, lag sie noch wach. Die Nacht gehörte ihr. So viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Tapio schlief tief und fest, und Vater schnarchte auf der Bank neben dem warmen Herd.
Alt und steif war Vater geworden, sein Bart war grau wie die Flechten auf den Zweigen der alten Tanne hinterm Haus. Anneli erinnerte sich daran, wie Vater ausgesehen hatte, als sie klein war. Damals war er aufrecht und stark gewesen, und sein Bart hatte rot geleuchtet wie der Mond.
Schon damals war Vater sehr streng gewesen, nur gegen Tapio nicht, denn Tapio war sein ein und alles. Aber Anneli und ihre kleine Schwester Tuija mußten gehorchen und stets den Mund halten.
Jetzt seufzte und jammerte der Vater im Schlaf. Ob er Mutter wohl vermißte? Oder vielleicht war es auch sein Bein, das schmerzte?
Anneli dachte an eine Medizin, die ihm helfen könnte. Vielen Kranken, die bei Ylva Heilung gesucht hatten, hatte diese Medizin bereits geholfen. Aber wie waren die Zutaten gewesen? Mußte man Bilsenkrautsamen oder Basilikum hineinrühren?
Anneli beschloß, in dem schwarzen Buch nachzuschauen. Leise schlich sie aus dem Bett. Das Bündel mit dem Buch darin hatte sie sorgfältig hinter einem Balken auf dem Dachboden versteckt. Das Buch war Annelis Geheimnis. Nicht einmal Tapio wußte, was sie in aller Eile ins Bündel gepackt hatte, bevor sie Ylvas Häuschen verlassen hatten. In dem Bündel befanden sich Dosen mit Kräutern und Tinkturen und Beutel voller Heilpflanzensamen.
„Im Frühling“, dachte Anneli und spähte durch das kleine Fenster hinaus. „Im Frühling grabe ich mir ein Beet an der Südwand. Und dort säe ich dann meine Samen aus. Ich habe ja so oft zugeschaut, wie Ylva es gemacht hat.“
Ein Glück, daß Anneli noch ein paar Samen hatte retten können! Ohne Kräuter ließen sich nämlich nicht viele Medizinen zubereiten.
Doch da kam das Entsetzen durchs Fenster geflogen. Ihr Herz wurde kalt wie Eis. Nie würde sie es wagen, Heilkräuter zu ziehen und Medizinen anzurühren! Wenn sie Kranken half, konnte sie ja wegen Hexerei angezeigt werden!
Nein, nicht einmal Vater wagte sie mit ihrem Wissen zu helfen.
Sie kroch wieder ins Bett und zog sich das Schaffell über die Ohren, um sein Jammern nicht mehr hören zu müssen. Draußen färbte der Mond sich gelb wie heranreifende Moltebeeren. Schweigend zog er über den Himmel. Die Bäume streckten ihre zackigen Finger drohend nach der goldenen Scheibe aus.
Aber sie würden sie niemals erreichen.
3
Manchmal, wenn Anneli mit dem Besen die Stube ausfegte oder am Herd stand und die Grütze umrührte, sah Vater sie an.
„Du siehst Mutter so ähnlich“, sagte er dann. „Schlank und rank, und die braunen Haare ... Weißt du noch, daß Mutter sie genau so zu flechten pflegte, wie du sie jetzt trägst?“
Anneli zuckte schmerzhaft berührt zusammen. Natürlich erinnerte sie sich an Mutter. Aber Mutter war doch ganz und gar nicht so gewesen, wie Vater sie beschrieb? Sie hatte die Haare streng in ein kariertes Kopftuch eingebunden. Und schlank war sie auch nicht gewesen. Nein, Mutter hatte meistens einen runden Bauch gehabt, weil ein Kind unterwegs war.
Die Arbeit draußen auf dem Acker und mit den Tieren war jedoch so anstrengend gewesen, daß viele ihrer Kinder zu früh auf die Welt gekommen waren. Zwei waren gleich bei der Geburt gestorben. Ein Junge starb an Magenschmerzen, bevor er zwei geworden war. Und ein Mädchen war in einem Winter erfroren.
Sieben Kinder hätte es hier im Haus geben können. Jetzt lebten drei – Anneli, Tapio und Tuija.
Kein Wunder, daß Mutter so oft müde und traurig gewesen war. Und dennoch konnte sie nicht besonders alt gewesen sein, als Anneli klein war.
Anneli hörte auf, im Topf herumzurühren und warf einen verstohlenen Blick zu Vater rüber. Sie erinnerte sich daran, daß Mutter vor ihm Angst gehabt hatte. Genau wie die Kinder.
Wenn die Kinder nicht getan hatten, was er wollte, hatte er im Wald ein Rute gepflückt. Und obwohl Anneli so lange weggewesen war, hatte sie nicht vergessen, wie sehr das brennen konnte.
Sie legte noch einen Scheit auf das Herdfeuer. Der Rauch wirbelte zur Rauchöffnung im Dach empor und stach Anneli in die Nase. Sie mußte an den schrecklichen Brand denken. Jetzt wußte sie endlich, warum sie damals sofort in den Wald gerannt war, anstatt zum Haus zurückzukehren.
Es war nicht das Feuer gewesen, vor dem sie sich gefürchtet hatte. Es war Vater!
Vater ... Sie hatte immer noch Angst vor ihm. Aber als sie sagte, daß die Grütze jetzt fertig sei, klang ihre Stimme kräftiger als zuvor.
4
Das Gras im Moor mußte gemäht und das Laub für die Ziegen nach Hause geschleppt werden. Der Acker mußte gepflügt und der Roggen gesät werden. Holz mußte gehackt und draußen im Holzschuppen aufgestapelt werden.
Seit Vater unbeweglich im Haus saß, war vieles liegengeblieben.
„Jetzt wird alles anders“ sagte Vater zufrieden und sah Anneli an. „Jetzt wird es wieder wie früher. Übrigens kommt Tuija bestimmt auch bald wieder heim. Dann können wir sogar neues Ackerland urbar machen.“
Tapio schwieg. Er wußte, daß Tuija sich auf den Weg in die Stadt gemacht hatte, um daheim nicht mehr so hart arbeiten zu müssen. Tuija würde bestimmt nie mehr nach Hause zurückkehren.
Vater glaubte, daß Tapio bereits zwei Äcker gepflügt hatte. Er ahnte nicht, daß die Äcker zugewachsen waren. Tapio, der Sohn des Waldes, streifte lieber durch die Wälder, um Vogelschlingen zu legen, als sich mit der Hacke im harten Ackerboden abzuplagen. Am liebsten hätte er Vaters Flinte ausgeliehen. Eigentlich waren Schlingen und Pfeil und Bogen nichts mehr für ihn.
An die Flinte war er bisher allerdings noch nicht herangekommen. Die hing so an der Wand, daß Vater sie im Auge behalten konnte. Vater selbst konnte nicht mehr mit der Flinte auf Jagd gehen. Aber mindestens hundertmal hatte er von seinen Jagdabenteuern erzählt.
„Habt ihr schon gehört, wie ich den großen Bären erschoß?“
Ja, das hatten Anneli und Tapio schon oft gehört. Sie wußten, daß niemand jemals einen größeren Bären erlegt hatte. Der Schädel war an die Spitze der Bärenkiefer am Sundsee genagelt worden.
Tapio hatte Vater einmal dorthin begleitet und den weißen Schädel, der aus den Zweigen herabgrinste, gesehen. Der Schädel sollte den Jägern Jagdglück bringen.
Vater saß auf seiner Bank und träumte von seinem Jagdglück. Er erinnerte sich daran, wie er das Blut des Bären getrunken hatte, um stark und mutig zu werden. Und er erinnerte sich an das Fest, das sie anschließend gefeiert hatten. Gebratenes Bärenfleisch und Branntwein hatte es gegeben.
Aber plötzlich wachte er auf.
„Heute könnt ihr das Heu vom Moor holen“, sagte er barsch.
Anneli und Tapio machten sich den Weg. Das Moor lag am gegenüberliegenden Seeufer, aber sie hatten kein richtiges Boot, um das Heu nach Hause zu befördern, nur einen ausgehöhlten Baumstamm.
Tapio hatte heimlich einen Angelhaken und eine Leine in seine Tasche geschmuggelt. Am liebsten hätte er den ganzen Tag am Ufer gesessen und geangelt. Die Plackerei mit dem Heu war schwer und langweilig. Das könnten sie doch morgen machen, meinte er.
Doch da wurde Anneli genauso barsch wie Vater. Also wurde das Heu zusammengerecht und eingeladen.
Als sie sich auf den Heimweg machten, setzte Tapio sich aufs hintere Stammende.
„Ein Fisch!“
Rasch fuhr er mit der Hand in die Tasche, um den Haken rauszuholen. Aber das Boot schwankte und kippte um. Obwohl das Heu naß wurde, mußte Anneli unwillkürlich lachen. Tapio sah wie ein kleiner Biber aus, als er sich durchs Wasser schlängelte.
Wann hatte sie zuletzt gelacht? Das mußte sehr, sehr lange her sein.
Ja, Anneli lachte. Aber als Tapio endlich an Land gekommen war, sah sie, daß seine Hand blutete. Der Angelhaken war direkt unterhalb des Daumens eingedrungen.
Mit geübtem Griff nahm sie ihr Messer, das Ylva immer in der Tasche mit sich getragen hatte. Dann machte sie einen raschen Schnitt rings um den Haken. Der Haken ließ sich jetzt entfernen, doch das Blut floß heftiger als zuvor.
Die Wunde brannte, aber Vater hatte gesagt, daß ein Junge niemals weint. Also biß Tapio die Zähne zusammen und schluckte seine Tränen.
„Leck die Wunde immer wieder ab!“ rief Anneli und eilte in den Wald.
Gleich darauf kam sie mit einer Handvoll Spinnweben zurück, die sie auf die schmerzende Stelle legte. Murmelnd sprach sie einen Spruch, der Eiterbildung in schlimmen Wunden verhüten sollte.
„Fort mit dir, du Schmerz!
Fort mit dir, du gelber Eiter!
Sim, sim, silorum!“
Dann sah sie Tapio erschrocken an und hoffte, daß er den alten Spruch nicht gehört hatte. Sie hatte sich doch vorgenommen, nie mehr etwas zu tun, das für Hexerei gehalten werden konnte!
5
„Unglaublich, daß das leichte Heu so schwer werden kann!“ stöhnte Anneli und schleppte den dritten Armvoll Heu den steilen Weg vom See hinauf.
Tapio schob, so gut es ging, aber seine Hand schmerzte und war im Weg. Wenn er wenigstens diesen Fisch erwischt hätte, wäre es leichter gewesen, den Schmerz zu ertragen.
Anneli ließ das Heu auf den Boden der kleinen Scheune fallen. Das bißchen, was sie zusammengeschleppt hatten, würde der Kuh nur für ein paar Tage reichen ... Und die Ziegen ... die mußten so lange wie möglich draußen bleiben und sich anschließend um die Laubbüschel balgen.
„So, jetzt stell ich die Mehlsuppe auf“, sagte sie. „Vater hat sicher Hunger.“
Als sie über die Schwelle trat, sah sie zu ihrem Entsetzen, daß Vater Besuch hatte. Ein Mann saß ihm gegenüber am Tisch.
„Du kannst dir die Sache ja wenigstens noch einmal durch den Kopf gehen lassen“, sagte der Fremde und streckte die Hand aus.
Da erblickte er Anneli. Sein Gesicht wurde weiß. Anneli dachte, er wäre gekommen, um sie zu holen, und stürzte mit wild klopfendem Herzen auf den Wald zu. Niemals würde sie sich fangen lassen.
Tapio sah, wie seine Schwester mit schreckgeweiteten Augen vorbeirannte. Was konnte das sein, was sie so sehr erschreckt hatte? Er lief zum Haus hinauf. Auf der Schwelle stieß er mit einem Mann zusammen, der war so bleich wie der Tod.
Das war doch der Nachbar von jenseits des Waldes! Was hatte der hier zu suchen? War es möglich, daß er etwas über Anneli erfahren hatte?
Aber ihn hatte etwas anderes erschreckt. Drin im Haus saß Vater und lachte und rief:
„Geschieht ihm recht! Der kommt so schnell nicht wieder. Als er Anneli sah, glaubte er, Mutters Geist zu erblicken!“ Doch dann hörte Vater auf zu lachen, und sein Blick verfinsterte sich.
„Er wollte den Hof kaufen, weil er sich einbildete, wir kämen hier oben nicht zurecht. Jetzt glaubt er, daß er den Hof billig haben kann. Aber wir werden es ihnen zeigen, Tapio. Nicht wahr! Dich will er übrigens als Knecht übernehmen.“
Tapio antwortete nicht. Er war schon zum Wald unterwegs, um Anneli zurückzurufen.
Heute abend begnügte Vater sich nicht mit Mehlsuppe. Er verlangte Hafergrütze und Honigbier, das Anneli gebraut hatte.
Ist mir auch recht, dachte Anneli. Die Grütze mußte nicht gerührt werden, sondern brauchte nur vor sich hin zu köcheln. Ja, die Grütze wurde sogar besser, je mehr man sie in Ruhe ließ. Anneli leerte Fischsud und Hafermehl in den Topf.
Da sah sie, daß fast kein Mehl mehr da war. Und sie hatten kein Getreide, das sie hätte mahlen können. Wo sollten sie nur Mehl hernehmen?
Vater trank einen tiefen Schluck Honigbier aus dem Krug. Er mußte immer wieder von neuem über das Gesicht des Nachbarn lachen.
„Geschieht ihm recht ...“
Dann wurde er gesprächig und wollte erzählen. Anneli hörte ihm gern zu, obwohl sie Vaters Geschichten schon alle kannte. Sie setzte sich hin und begann, einen Fäustling zu stricken. Gesponnene Wolle hatte sie oben auf dem Dachboden gefunden, als sie das Bündel versteckt hatte. Mutter hatte die Wolle noch karden und zu Garn spinnen können. Aber zum Stricken hatte die Kraft nicht mehr gereicht.
Mutter ... Voller Sehnsucht berührte Anneli die weiche Wolle. Sie hatte das Gefühl, Mutters Händen dort zu begegnen. Wie schön wäre es gewesen, sich wieder einmal mit Mutter unterhalten zu können. Jetzt, wo sie selbst fast erwachsen war.
Aber Mutter war nicht mehr da. Die Wolle mußte verarbeitet werden. Der Winter stand vor der Tür.
Ich werde an jeden Fäustling zwei Daumen stricken, dann kann Tapio ihn umgedreht anziehen, wenn die Handfläche naß ist, dachte sie.
Tapio saß etwas verloren in der Ecke neben dem Herd. Eigentlich hätte er so fleißig sein sollen wie Anneli, er hätte zum Beispiel eine Rindendose flechten können. Aber seine Hand schmerzte. Innerlich verfluchte er den Fisch.
Vater genehmigte sich einen Extraschluck Bier. Seine Augen glänzten. Wenn er von alten Zeiten erzählen durfte, fühlte er sich wieder jung.
„Bin auf einem kleinen Hof in Finnland aufgewachsen“, sagte er. „Meine Eltern rackerten sich ab, und trotzdem waren wir arm. Mutter mußte Rinde mahlen, um das Mehl damit zu strecken.“
Anneli ließ das Strickzeug sinken. Rinde ins Brot mischen? Das würden sie wohl ebenfalls tun müssen, wenn sie über den Winter kommen wollten.
„Kiefer- oder Tannenmehl?“ wollte sie wissen.
„Tanne“, antwortete Vater. „Mit Tannenrinde geht es am besten.
Du hast mich gestört! Was wollte ich sagen? Ach ja, eines Tages hörten wir, daß es hier in Värmland reichlich Land geben solle. In Värmland könne man reich werden, hieß es.
Mein Bruder und ich machten uns auf den Weg. Wir hatten nicht viel dabei. Die Büchse auf der Schulter und das Messer im Gürtel. Und in der Rindenkiepe ein paar Kleider und ein Feuerzeug. Äxte wollten wir uns kaufen, wenn wir angekommen wären.
Anfangs war unser Gepäck noch leicht, doch mit der Zeit wurde es immer schwerer. Der Weg nach Värmland war nämlich viel weiter, als wir geahnt hatten. Manchmal mußten wir fischen und jagen oder eine Arbeit auf einem Hof annehmen, um Salz und Brot zu bekommen. Bald war der Winter da.
Eines Abends, als die Kälte ordentlich zugeschlagen hatte, entdeckten wir eine Reisighütte im Wald. Wir machten Feuer und brieten ein Auerhuhn, das wir gefangen hatten. Ich werde nie vergessen, wie gut es schmeckte! In der Hütte waren zwei weiche Lager aus Tannenzweigen. Wir legten uns hin und schliefen sofort ein.
Wir merkten nicht, daß Leute zur Hütte kamen. Zwei Diebe waren entflohen, und es war deren Hütte, die wir gefunden hatten. Daher hielten die Leute uns für die Diebe! Es gelang uns, uns frei zu kämpfen, obwohl wir zwei gegen zehn waren!“
Anneli strickte weiter. Letztes Mal waren es noch zwei gegen fünf gewesen.
„Endlich kamen wir ans Meer“, fuhr Vater fort. „Doch inzwischen war es dick zugefroren. Es dauerte Wochen, bis wir es überquert hatten.“
Er senkte die Stimme.
„Die anderen erfroren draußen auf dem Eis. Aber ich schaffte es. Dann traf ich Mutter. Und Mutter begleitete mich hierher nach Värmland. Inzwischen war es Frühling geworden. Ich kann mich ganz deutlich an den Tag erinnern, als wir vor den hohen Herren in Karlstad standen und um Land baten. Sie gaben uns die Erlaubnis, den Wald hier oben zu roden und das Land urbar zu machen. Wir kauften uns einen Kochtopf und Salz und eine Axt. Dann wanderten wir weiter hierher in den Norden.“
Jetzt seufzte Vater.
„Das Land, das wir bekommen hatten, war genauso steinig und karg wie daheim in Finnland. Wir mußten uns hier genauso plagen wie dort.“
Er trank den letzten Rest Honigbier aus und schlief mit dem Kopf auf dem Tisch ein.
Anneli fror. Draußen hatte der Wind zu heulen angefangen, jetzt schwoll er zum Sturm an. Der Herbst war gekommen, und der Winter konnte hart werden. Anneli stand auf, um mehr Holz aufs Feuer zu legen.
Aber es gab keine Holzscheite mehr. Sobald Tapio und sie genügend Heu in die Scheune geschleppt hätten, müßten sie Reisig sammeln. Tannenrinde für Mehl würden sie am besten auch gleich mitsammeln.
Vater schnarchte laut. Anneli breitete das warme Stoffell über ihn. Dann kletterte sie die Leiter zum Dachboden hinauf und holte ihr Bündel hervor. Darin war eine Salbe, mit der sie Tapios verletzte Hand bestreichen wollte. Die Salbe war viel wirkungsvoller als die Spinnweben.
Eigentlich sollte sie das ja nicht tun ...
Aber es half nichts, Tapio mußte gesund werden, sie hatten einfach zu viel zu tun.
Anneli tastete im Dunkeln zwischen ihren Rindendosen und Stoffbeuteln. Da ... Sie nahm den Deckel ab und roch an der Salbe. Ein scharfer, stechender Geruch drang ihr in die Nase. Ja, das war die richtige!
Dann stieß sie mit der Hand an das schwarze Buch, das sie ganz unten im Bündel versteckt hatte. Das Buch, das Ylva gehört hatte. Ihre Hand blieb auf dem kühlen Einband liegen. Plötzlich schien der Einband warm zu werden, und die Wärme strömte aus dem Buch in Annelis Hand. Mit der Wärme kamen Ruhe, Kraft und das Gefühl der Geborgenheit.
In dieser Nacht schlief Anneli fest und traumlos. Niemand tauchte zwischen den Bäumen auf, um sie zu fangen.
6
Die Salbe aus dem Bündel half, Tapios Hand war nach ein paar Tagen geheilt. Aber vom Angeln hielt er sich vorerst fern. Brav schleppte er Heu und Holz nach Hause.
Die Scheune wurde nicht einmal halbvoll, und dennoch hatten sie sehr viel mehr Heu zusammengetragen, als Anneli zu hoffen gewagt hatte. In der einen Ecke stapelten sie belaubte Zweige, die dort trocknen sollten. Die Ziegen konnten später daran knabbern, wenn sie nicht mehr im Freien sein durften.
Noch blieben die Tiere tagsüber draußen. Sie waren sehr anspruchslos, und als sie nicht mehr genügend Gras fanden, nagten sie das Preiselbeerreisig am Waldrand ab.
Eines Abends wollte Tapio allein zum See runtergehen und angeln. Die Sonne würde bald untergehen, und die Wasseroberfläche breitete sich blank wie ein Spiegel aus. Anneli war müde. Sie sehnte sich danach, schlafen zu dürfen. Aber trotzdem ... es würde guttun, ein Weilchen am See zu sitzen. Sie könnte ja unterdessen stricken.
Rasch steckte sie das Strickzeug in die Schürzentasche und lief hinter Tapio her zum See hinunter. Dort setzte sie sich ans Ufer, atmete die kühle Abendluft ein und tauchte die müden Füße in das erquickende Wasser ein.
Weiter hinten in der Bucht tanzten die Elfen wie Nebelschleier überm Wasser. So leicht, so leicht ...
Wenn sie nur eine Elfe wäre! Bestimmt hatten die Elfen nie wunde Füße von scheuernden, harten Rindenschuhen.
Hier war es ganz still. Außer dem Schnalzen eines Fisches war nichts zu hören. Tapio warf seine Angelschnur aus. Bald darauf zappelte ein Fisch oben auf dem Felsen. Schon wand sich ein neuer Wurm an der Hakenspitze. Tapio warf die Angel erneut aus.
Ein Schatten löste sich aus dem schützenden Dunkel des Schilfdickichts. Jetzt näherte er sich dem Haken. Ein Hecht!
Tapio wagte nicht zu atmen. Der alte Seehecht, der immer schlauer gewesen war als die Menschen mit ihren Angeln. Vielleicht ...
Jetzt war er ganz nah!
Jetzt packte er den Wurm am äußersten Ende.
Jetzt ...
Knall!
Ein Schuß!
Der Schuß kam oben vom Haus!
Die Angelrute blieb am Ufer liegen.
Das Wollknäuel rollte verloren in den See. Tapio lief bereits den Pfad hinauf, der zum Haus führte.
Anneli dagegen rannte direkt in den Wald. Ihre Verfolger waren hier, um sie zu holen!
Sie kam nicht weit. Tapio rief ihren Namen. Seine Stimme war schrill vor Entsetzen und Kummer. Sie vergaß ihre eigene Angst und rannte nach Hause.
Vater lag vornübergestürzt auf der Treppe, unter ihm das Gewehr. Und weiter hinten neben der Scheune lag eine zerfetzte Ziege.
„Ein Bär“, flüsterte Vater. „Aber er ist entkommen.“
Ja, der Bär war entkommen, aber Vater nicht. Er hatte vom Fenster aus gesehen, wie der Bär die Ziege angegriffen hatte. Rasch hatte er seine Flinte gepackt und war auf die Haustreppe hinausgegangen – und hatte sich dabei auf das Bein gestützt, das ihn schon so lange nicht mehr getragen hatte.
Vor dem Haus hatten die Beine unter ihm nachgegeben. Er war gestürzt. Und der Schuß war losgegangen und hatte anstelle des Wildes den Jäger getroffen.
Vater, der Bärenjäger, der den größten Bären aller Zeiten im Tal erlegt hatte! Das war zu schwer, das konnte er nicht ertragen.
Noch lebte er.
Anneli und Tapio trugen ihn ins Haus. Tapio vergaß, was Vater gesagt hatte – daß Jungen nicht weinen dürfen. Er legte seinen Kopf auf Vaters Brust und schluchzte laut.
Anneli kletterte die Treppe hinauf und holte ihr Bündel runter. Mit klammen Händen suchte sie etwas, das heilkräftig genug wäre, denn Vaters Wunden waren tief.
Was sollte sie nehmen? Im Buch konnte man für jedes Leiden etwas Hilfreiches finden. Aber Anneli hatte bei weitem nicht alles gelesen, was im Buch stand. Jetzt hatte sie keine Zeit, lange zu suchen. Vaters Wangen waren schon blasser geworden als vorhin, und das Atmen fiel ihm schwer.
Wenn sie nur mehr in dem Buch gelesen hätte! Wenn sie es nur auswendig gelernt hätte wie Ylva.
Sie öffnete ein Fläschchen und ließ drei Tropen einer gelbgrünen Flüssigkeit auf Vaters Zunge fallen. Ylva hatte gesagt, daß diese Tropfen Ruhe und lichte Träume schenkten.
Die Tropfen schienen zu helfen. Vater hörte auf zu jammern und verstummte.
Tapio weinte jetzt still vor sich hin. Er saß auf dem Boden und hielt Vaters Hand. Tapios Hand war sonnengebräunt und klein, Vaters Hand dagegen war groß und blaß.
Plötzlich ließ Vater Tapios Hand los. Er lag regungslos da, als blickte er zum Fenster hinaus. Anneli legte seine Hand aufs Schaffell zurück, strich ihm sachte über die Stirn und schloß seine Augenlider.
Tapio glaubte, Vater sei eingeschlafen.
Anneli ließ ihn in diesem Glauben, solange Nacht über der Erde lag.
Doch dann brach der Tag an.
7
Die ersten Strahlen der Morgensonne tasteten sich zum Fenster herein und fanden Tapio, der immer noch schlief. Ab und zu schluchzte er im Schlaf und bewegte sich ein wenig. Aber noch würde es dauern, bis er aufwachte.
Anneli wartete still. Sie ließ den Jungen schlafen. Der Tag heute würde schwer werden. Tapio mußte über den See fahren, um beim Nachbarn Hilfe zu holen. Sie selbst wagte es nicht, sich zu zeigen.
Vater mußte den weiten Weg bergab durch den Wald zum Friedhof getragen werden.
Auf dem Tisch vor Anneli lag noch das geöffnete Bündel, in dem das Buch mit all seinem Wissen ruhte. Vorsichtig sammelte sie alles ein, was versteckt werden mußte, denn bald würden ja fremde Menschen hierherkommen.
Die Dose mit der Salbe und die Beutel, die so stark nach Minze und Thymian dufteten, legte sie ganz unten hin. Die Rindenflasche mit den beruhigenden Tropfen kam obendrauf.
Jetzt hielt sie das schwarze Buch in der Hand. Es fiel ihr schwer, sich davon zu trennen.
Im selben Moment, als sie es ins Bündel legen wollte, fiel etwas daraus auf den Tisch. Eine Feder. Eine Feder von einem Adler, der früher einmal in der Bodenlosen Lache ertrunken war.
Eine ebensolche Adlerfeder hatte Ylva in ihrem Häuschen an die Wand gehängt. Anneli hatte gehört, daß Adler niemals sterben, sondern in eine Quelle hinabtauchen, wo sie wieder wenden und zur Sonne hinauffliegen.
Anneli strich sanft über die Feder. Der Adler in der Bodenlosen Lache war tot gewesen. Sie hatte ihn sinken sehen. Aber vielleicht war es nur der Körper gewesen? Vielleicht hatte etwas in ihm weitergelebt, das fliegen konnte? Das heil und gesund der Sonne entgegenfliegen konnte. Anneli wußte nicht, was sie glauben sollte.
Ylva hatte ihre Adlerfeder ins Grab mitbekommen. Jetzt schob Anneli die Feder aus der Bodenlosen Lache sachte unters Hemd des Vaters.
Die Sonne ... Inzwischen schien sie direkt ins Haus. Anneli legte das Buch in ihr Bündel und weckte Tapio.
8
Es wurde ein schwerer Tag. Am schwersten vielleicht für Tapio. Zuerst erfuhr er, daß Vater tot war. Und dann mußte er ganz allein den weiten Weg über den See zurücklegen, um Hilfe zu holen.
Aber auch für Anneli wurde der Tag schwer. Sie litt unter Tapios Trauer. Und es bedrückte sie, daß sie es nicht wagen konnte, sich an seiner Stelle auf den Weg zu machen.
Das Boot lag schwankend und unsicher im Wasser, und die Fahrt über den See konnte gefährlich werden. Dort, wo Anneli und Tapio das Heu nach Hause befördert hatten, war das Wasser seicht gewesen. Aber jetzt mußte Tapio direkt über den See paddeln, und dort war das Wasser sehr tief.
Anneli begleitete den Jungen ans Ufer, wo ihr Strickzeug seit gestern liegengeblieben war. Das Wollknäuel war auf den Grund gesunken und sah aus wie ein grauer Stein. Tapios Angelleine hing über einem Weidenstrauch. Tapio sah die Leine an, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen. Waren sie tatsächlich erst gestern hier gesessen und hatten dem Hecht aufgelauert? Es kam ihm vor, als wäre das in einer anderen Zeit geschehen.
Anneli steckte Tapio ein Stück Brot in die Tasche. Er rührte es nicht an. Nie mehr würde er Hunger verspüren. Steif wie eine Puppe stakte er das schwankende Boot durchs Schilf und auf den See hinaus. Dort setzte er sich hin und begann zu paddeln.
Anneli blieb am Strand stehen und verfolgte seine Fahrt mit ängstlichen Blicken. Warum rief sie ihm nicht zu, daß er wenden solle? Sie hätte seinen Platz einnehmen und sich selbst auf den Weg machen sollen.
Aber nein! Das wagte sie nicht. Niemand durfte erfahren, daß sie hier oben war. Nicht einmal jetzt.
Als Tapio hinter einer Landzunge verschwunden war, kehrte sie zum Haus zurück. Es gab dort viel zu tun.
9
Es dauerte so lange.
Anneli stand auf dem Felsen am Ufer und blickte auf den See hinaus. Wenn ... Sie hätten schon längst hier sein sollen!
Endlich!
Jetzt sah sie ein Boot hinter der Landzunge hervorgleiten. Rasch eilte sie zum Haus hinauf und kroch unter die dichte Tanne, ohne die Männer zu sehen, die am Felsen anlegten und zum Haus hinaufwanderten.
Die Männer trugen einen Sarg zwischen sich. Tapio schlich hinter ihnen her, klein, müde und traurig. Auf dem Rückweg über den See hatte er im Ruderboot sitzen dürfen. Den Sarg hatten die Männer auf den ausgehöhlten Baumstamm gebunden und ins Schlepptau genommen.
Tapio schaute sich verstohlen und sehnsüchtig nach Anneli um. Doch sie war nirgends zu sehen.
Das Haus war aufgeräumt. Im Herd brannte Feuer. Im Topf köchelte die Mehlsuppe, und auf dem Tisch warteten vier Schüsseln.
Die Männer sahen sich erstaunt um.
„Wer hat dies alles gemacht?“
Aber Tapio schwieg. Das war sein Geheimnis.
Unsicher löffelten sie die Mehlsuppe in sich hinein, um satt zu sein, bevor sie die Wanderung zur Kirche antraten. Bestimmt steckte etwas hinter dem Gerücht, daß es hier oben spukte. Der Nachbar, der vor kurzem hier gewesen war und den Hof hatte kaufen wollen, war besonders schweigsam.
Im Morgengrauen brachen sie auf. Tapio ging als letzter. Er, der sonst immer rannte und hüpfte, bewegte sich langsam und erwachsen wie die anderen.
Ab und zu hörte er einen Zweig im Gestrüpp knacken. Ab und zu sah er einen Schatten über eine Felswand huschen. Wenn die anderen überhaupt etwas bemerkten, mußten sie glauben, irgendein Tier bewege sich durchs Unterholz. Tapio jedoch wußte, daß Anneli sie begleitete, obwohl sie sich die ganze Zeit sorgfältig verborgen hielt.
Anneli mußte daran denken, wie sie das letztemal diesen Weg gegangen war. Damals war Winter gewesen, und Vater und sie hatten den neugeborenen Tapio auf einem Schlitten zur Taufe gebracht.
Auf dem Heimweg waren sie von einem Schneesturm überrascht worden, und Vater hatte nicht mehr weitergewußt. Sie hatten übernachten müssen. Jetzt sah sie es – dahinten hatten sie geschlafen! Dort bildeten die schiefen Felsblöcke ein Dach. Unter dem Dach war weiches, grünes Moos, obwohl es mitten im Winter gewesen war.
Wenn Vater jetzt am Leben gewesen wäre, hätte er noch viel mehr über jene Nacht erzählen können. Die Felsblöcke hatten den Eingang zum Großen Saal des Bergvolkes verborgen. Die Angehörigen des Bergvolkes schlichen in der Dunkelheit ins Freie und versuchten, Kinder zu entführen. Vor blankem Stahl fürchteten sie sich jedoch, und das hatte Vater gewußt. Daher hatte er sein Messer unter dem Jungen in den Schlitten gesteckt.
Damals, dachte Anneli, kam mir der Weg zur Kirche sehr lang vor.
Auch heute war der Weg lang. Und der Sarg war schwer. Die Männer mußten sich oft ausruhen. Sie hatten eine Flasche Branntwein dabei, die sie jedesmal kreisen ließen, wenn sie sich zum Ausruhen hinsetzten.
Sie sprachen nicht viel. Einen Toten zu Grabe zu tragen, war sowohl für den Körper als auch für die Seele eine schwere Aufgabe, auf die sie gern verzichtet hätten. Aber alle wußten, daß auch sie selbst einmal dorthin getragen werden mußten.
Je weiter talabwärts sie kamen, desto gerader und breiter wurde der Pfad. Doch der Branntwein machte den Schritt der Männer immer unsicherer, so daß Tapio schließlich vor ihnen herlaufen mußte, um sie vor Steinen und groben Wurzeln zu warnen.
Endlich sahen sie das Tal. Die lange Wanderung näherte sich ihrem Ende. Dort unten tauchte die Kirche auf. Der hohe weiße Turm erhob sich über die Birken, die bereits gelb zu werden begannen. Rings um die Kirche schliefen die Toten ihren ewigen Schlaf unter grauen Kreuzen und Steinen.
Ewig?
Die Männer dachten unruhig an die Mehlsuppe, die sie heute morgen gegessen hatten. Wer hatte die gekocht? Wer hatte das Haus aufgeräumt? Vielleicht war der letzte Schlaf doch nicht so ewig, wie sie glaubten?
„Wir müssen den Totengräber bitten, daß er einen besonders schweren Stein aufs Grab legt“, flüsterten sie einander zu.
Das würde den Toten daran hindern, aus dem Grab zu kommen und zu spuken.
Die Beerdigung wurde kurz. Dies war keine prächtige Beerdigung mit anschließendem tagelangem Fest. Dies war ein Armeleutebegräbnis, wie meistens hier oben in den Bergwäldern.
Der Pfarrer war an diese Art von Beerdigung gewöhnt. Während er las und sang, blickte er auf die kleine Schar, die um das Grab stand. Drei Männer. Sie standen mit gesenkten Köpfen da und hielten ihre Mützen in den Händen. Ein kleiner Junge. Er weinte nicht, war blaß und still.
Und dennoch war irgend etwas Ungewöhnliches an dem Jungen. Immer wieder starrte er zu der Friedhofsmauer hinter dem Pfarrer. Was mochte er dort wohl sehen?
Es half nichts, der Pfarrer mußte nachschauen. Mitten im Segen drehte er sich um. Ein fremdes Mädchengesicht starrte zwischen den Birken hervor.
Anneli sah seinen Blick. Und in ihrer Angst bildete sie sich ein, er sei derselbe Pfarrer, der Ylva verurteilt hatte. Jetzt hatte er sie wiedererkannt! Er hielt sie für die Tochter der Hexe! Gleich würden sie hinter ihr her sein!
Sie mußte fort. Aber wohin? Nach Hause konnte sie nicht, dort würden sie bestimmt als erstes nach ihr suchen.
Als Tapio am Abend heimkam, war das Haus kalt und dunkel. Er hatte geglaubt, daß Anneli dort auf ihn warten würde ...
Enttäuscht und erschöpft von Kummer und Müdigkeit kroch er unter die Schaffelldecke.
10
Annelis Füße flogen nur so dahin. Von Fels zu Fels huschte sie. Von Gebüsch zu Gebüsch. Immer wieder blieb sie stehen und lauschte.
Obwohl sie ganz alleine war, hielt sie sich die ganze Zeit verborgen.
Wohin rannte sie? Das wußte sie nicht. Hauptsache, fort vom Dorf und fort von den Menschen.
Zuerst rannte sie sehr schnell. Aber Dornen und Zweige zerrten an Schürze und Rock, Steine mit scharfen Kanten schnitten Wunden in ihre Füße.
Die Pfade wanden sich verlockend eben durch den Wald, mit ihrem weichen Teppich aus Tannennadeln und Moos. Doch die wagte sie nicht zu betreten. Dort könnte sie ja jemandem begegnen.
Niemand durfte sie sehen. Niemand durfte wissen, in welche Richtung sie davongerannt war, wenn die Leute aus dem Tal kämen, um sie zu ergreifen.
Bei Sonnenuntergang kam sie an eine Quelle. Es war eine Wohltat, ihre brennenden Füße im Wasser kühlen zu dürfen.
Erst als die Füße endlich aufgehört hatten zu schmerzen, sah sie sich um. Obwohl sie ganz unbekannte Wege gerannt war, war sie zu Hause angelangt. Die Quelle war die Bodenlose Lache. Dort oben hinterm Hügel lag das Haus. Zuerst erschrak sie so sehr, daß ihr Herz wild zu pochen begann – wie ein Specht, der mit dem Schnabel gegen einen Fichtenstamm hämmert. Sie preßte die Hände an die Brust, um die Schläge zu dämpfen.
Oben beim Haus war alles still. Das konnte nur bedeuten, daß die anderen noch nicht gekommen waren.
Da fiel ihr das Buch ein! Das schwarze Buch ... Vielleicht blieb ihr noch Zeit, es zu retten. Ohne dieses Buch konnte sie nicht leben.
Rasch zog sie die Füße aus dem Wasser.
Das Haus war dunkel. Vom Dach stieg kein Rauch hoch. Plötzlich blieb sie stehen. Drin im Haus schlief Tapio.
Wie hatte sie ihn vergessen können? Ein einsamer kleiner Junge, mitten im dunklen Wald. Was würde jetzt aus ihm werden, wenn der Winter käme? Wie würde er allein hier zurechtkommen?
Sie müßte bei ihm bleiben. Doch nein, das wagte sie nicht. Sie mußte fort von hier. Unruhig lauschte sie zum Pfad rüber. Noch war alles still.
Tapio schlief fest. Im Traum war er wieder in die Zeit zurückgekehrt, als Vater und Mutter noch lebten. Er lächelte und streckte Anneli seine Arme entgegen, als sie ihn wekken wollte. Genau wie die anderen verwechselte er sie mit Mutter.
Sie hielt ihn sanft im Arm, bis er richtig aufgewacht war. Da rieb er sich schläfrig die Augen und fragte:
„Wo bist du denn geblieben? Du bist doch vor uns hergerannt. Ich hab geglaubt, daß du hier bist, wenn ich heimkomme.“
Anneli stand auf. Ihre Augen waren wieder voller Angst.
„Er hat mich gesehen“, sagte sie heiser. „Er hat gesehen, daß ich die Tochter der Hexe bin.“
„Wer?“
„Der Pfarrer. Das war doch derselbe, der ...“
„Nein, nein, du irrst dich. Das war ein ganz anderer Pfarrer. Du weißt doch, das Tal, wo Ylva verurteilt worden ist, liegt weit weg von hier.“
Ganz gleich, wie sehr Tapio es versuchte – er konnte sie nicht beruhigen. Sie holte das Bündel, blieb jedoch in der Tür stehen. Dachte an damals, als sie über die Berge geflohen war, kurz nachdem Ylva gestorben war. Damals hatte Tapio sie geführt, Tapio, der Sohn des Waldes, der alle Pfade kannte.
„Wohin willst du denn gehen?“ fragte er, und seine Stimme klang schrill vor Kummer.
„Einfach fort ...“
„In der Stadt triffst du vielleicht Tuija.“ Tapios Augen begannen zu leuchten. „Sie wird dir helfen! Wenn du flußabwärts gehst, kommst du zur Stadt.“
„Wie finde ich den Fluß?“
„Du mußt nach Westen gehen, dem Sonnenuntergang entgegen, bis du auf einen Bach stößt. Dem kannst du folgen. Die Bäche fließen immer zum Fluß hinab.“
„Komm mit“, bat Anneli.
Tapio zögerte. Er liebte Anneli beinah genauso sehr, wie er Mutter geliebt hatte. Und Tuija hatte er vermißt. Obwohl sie ein paar Jahre älter war als er, war sie seine Spielgefährtin gewesen. Seit sie gegangen war, war es hier daheim so still geworden.
Natürlich wollte er Anneli begleiten! Und dennoch ... Vater hatte ihn „Sohn des Waldes“ getauft. Hier im Wald war er daheim.
„Ich bleibe“, sagte er. „Zuerst suche ich mir eine Stelle als Knecht unten im Tal. Und dann, wenn ich groß genug bin, ziehe ich wieder hier herauf. Hier will ich leben.“
Eine Zeitlang blieb er schweigend sitzen.
„Vater hätte es bestimmt so gewollt.“
Noch lagen Glutreste im Herd. Anneli blies hinein, um sie anzufachen. Der Junge mußte es ja warm haben. Die eine Hälfte von Anneli war bereits auf der Flucht durch den Wald. Aber die andere Hälfte wollte bei Tapio bleiben.
„Wie soll ich Tuija denn wiedererkennen?“ fragte sie. „Ich hab sie doch seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Damals war sie erst fünf.“
„Du mußt eben fragen.“
Anneli sah sich im Haus um. Vielleicht würde sie nie mehr hierherkommen. Obwohl sie es eilig hatte, mußte sie sich von allem verabschieden. Sie ließ den Blick über die dunklen Holzwände streifen. Da erblickte sie hoch oben auf dem Regal neben dem Herd etwas Graues.
Es erinnerte an eine Katze, die unbeweglich dahockte und einer Maus auflauerte. Oder an einen Hasen.
Anneli nahm das Graue herunter. Es war eine Puppe. Diese Puppe hatte Anneli früher einmal für Tuija gemacht, als sie beide klein waren. Der Körper bestand aus einem Holzscheit. Die Arme, die sie aus Hölzchen gemacht hatte, waren abgefallen. Die Haare aus Moos waren fast verschwunden. Aber der blaukarierte Rock saß noch um den Bauch der Puppe.
Vielleicht hatte die alte Puppe dort oben auf ihrem Platz Heimweh nach Tuija gehabt? Anneli öffnete ihr Bündel und versteckte die Puppe darin. So würde doch jemand sie begleiten.
11
Als Anneli endlich über die Schwelle treten wollte, hielt Tapio sie fest.
„Es ist gefährlich, in Frauenkleidern herumzulaufen“, warnte er sie. „Du kannst überfallen werden.“
Er öffnete den Deckel der Kleidertruhe in der Ecke.
Zuerst zögerte Anneli. Aber Tapio hatte recht! Für Männer war es viel ungefährlicher, draußen unterwegs zu sein. Frauen hatten das Haus zu hüten. Das war eine alte Regel. Und außerdem ... wenn sie als Mann verkleidet wäre, würde man sie nicht so leicht wiedererkennen.
Nebeneinander knieten sie vor der Truhe und wühlten in den Kleidern, die dort aufbewahrt wurden.
„Mutters Schal!“
Anneli hielt ein schwarzes Kopftuch mit roten Rosen hoch. Mutter hatte es als Brautgeschenk von Vater bekommen. Wenn sie es nur als Andenken mitnehmen könnte!
Aber ihr Bündel war schon viel zu voll.
„Probier mal, ob die dir passen!“
Tapio hielt Vaters Sonntagshosen hoch. Die Hosen waren recht alt, aber Vater hatte es nicht geschafft, sie durchzuscheuern. Dafür hatte er sie viel zu selten getragen.
Anneli band ihren Rock auf und zog ihn aus. Plötzlich sah sie, daß er fast nur noch aus Löchern bestand. Lange hätte sie ihn nicht mehr tragen können.
Die Hosen paßten. Vater war nicht groß gewesen. Wenn Anneli das weite Hemd hineinstopfte und sich ein Seil um den Bauch band, würden sie einigermaßen obenbleiben. Da lag noch eine Weste. Die zog sie auch an.
Sie versuchte, sich im Wassereimer zu spiegeln, doch es war zu dunkel. Tapio zündete ein Teerscheit an und hielt es hoch, damit sie sich sehen konnte.
Das Ergebnis war gar nicht so übel!
Aber die Haare ...
Annelis Haare waren nie geschnitten worden. Ylva hatte immer gesagt, daß sie ihre Haare wachsen lassen sollte. Wenn Anneli sie geflochten trug und der Zopf ihr nach vorn über die Schulter hing, reichten sie ihr bis unter die Knie. Wenn sie ihren Zopf auflöste und die Haare über den Rücken herabhängen ließ, reichten sie bis auf den Boden.
„Du brauchst eine Mütze, in die du deine Haare reinstekken kannst.“
Tapio fand Vaters alten Frieshut. Aber darin war nicht genug Platz für Annelis Haare! Es lohnte sich nicht, es auch nur zu versuchen.
Anneli holte ihr Messer hervor.
„Ich schneid mir die Haare ab.“
„Nein!“
Tapio packte ihre Hand. Obwohl er klein war, war er stark.
Schweigend standen sie dicht nebeneinander. Anneli steckte das Messer wieder in die Scheide und befestigte sie an dem Seil, das sie um die Taille trug – genau so, wie ein Mann es machen würde.
Dann nahm sie den Hut in die eine Hand und das Bündel in die andere.
Tapio blieb still vor der Tür stehen, als sie gehen wollte. In der Dunkelheit erinnerte er an ein kleines, trauriges Männchen.
„Vielleicht kommst du ja noch nach?“ flüsterte sie.
„Vielleicht kommst du ja nach Hause?“ antwortete er.
Sie wagte es nicht, sich umzudrehen und zurückzublicken. Unten bei der Bodenlosen Lache zog Anneli das Messer wieder aus der Scheide. Das Messer war scharf. Drei Schnitte, und der Zopf ringelte sich wie eine Schlange auf die Erde hinab.
Jetzt paßte der Hut.
Aber der Zopf? Hier konnte er nicht liegenbleiben. Wenn die Vögel Annelis Haare erwischten, um damit ihre Nester zu bauen, würde sie für alle Ewigkeit Kopfschmerzen bekommen. Sie hob den Zopf auf, um ihn ins Wasser zu werfen.
Doch der Zopf wollte nicht, sondern wand sich um ihre Hand. Anneli sah das Bündel an. Dort hatte der Zopf keinen Platz. Es war so voll, daß der Kopf der Puppe oben herausschaute. Also band Anneli sich den Zopf wie einen zusätzlichen Gürtel um den Leib.
Jetzt konnte sie sich auf den Weg machen! Es wurde bereits hell. Sie hätte schon längst über alle Berge sein sollen.
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