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[3]Mahmoud Jaraba
Salafismus
Die Wurzeln des islamistischen Extremismus am Beispiel der Freitagspredigten in einer salafistischen Moschee in Deutschland

[4]Dr. Mahmoud Jaraba ist Research Fellow am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale).
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://d-nb.de abrufbar.
© 2020 Facultas Verlags- und Buchhandels AG
Facultas Verlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggrafik/Kalligraphie: Wajdi al-Arouri
Umschlag: Atelier Reichert, Stuttgart
Gestaltung und Satz: grafzyx.com
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
Printed in Germany
ISBN 978-3-8252-5440-7 (print)
ISBN 978-3-8463-5440-7 (epub)
Elektronische Ausgabe (Online-Leserecht) ist erhältlich unter www.utb-shop.de.
[5]
Inhalt
Kapitel 1 Extremismus und Metanarrativ
1.1 Einleitung
1.2 Extremismus: Definition und Ursachen
1.3 Das salafistische Metanarrativ
1.4 Die Debatte um die Freitagspredigten
1.5 Ziele des Buches
1.6 Argumentation und Methoden
1.7 Warum Freitagspredigten?
1.8 Inhalt des Buches
Kapitel 2 Salafismus: Geschichte, Definition, Charakteristika
2.1 Einleitung
2.2 Historische Perspektive
2.3 Die sunnitischen Traditionalisten
2.4 Muhammad ibn Abd al-Wahhab
2.5 Wer sind die Salafisten? ‚Die errettete Gruppe‘
2.6 Der missionarische, der politische und der dschihadistische Salafismus
2.6.1 Der ideologische Salafismus
2.6.2 Der dschihadistische Salafismus
2.7 Grauzonen zwischen ideologischem und dschihadistischem Salafismus
2.8 Das gemeinsam Trennende
2.9 Die Umsetzung des islamischen Normensystems
[6]Kapitel 3 Das Salafisten-Netzwerk in Bayern
3.1 Einleitung
3.2 Zeitliche Entwicklung
3.2.1 Die Phase der 1990er Jahre
3.2.2 Die Phase infolge der Ereignisse des 11. September 2001
3.2.2.1 Aktivitäten der ersten Generation
3.2.2.2 Maßnahmen im Zuge des 11. September 2001
3.2.2.3 Das Erscheinen von Internetplattformen wie YouTube und Facebook
3.2.2.4 Die neuen missionarischen Prediger
3.2.3 Der Bürgerkrieg in Syrien
3.3 Die salafistischen Aktivisten
3.4 Weitere Anhänger
3.5 Merkmale der Salafisten in Bayern
3.5.1 Die Ideologie
3.5.2 Strukturen
3.5.3 Salafisten-Größen
3.5.4 Die salafistische Gemeinschaft
3.5.5 Die Finanzierung
3.5.6 Die junge Generation
3.5.7 Soziale Herkunft und Bildungshintergrund
3.5.8 Das religiöse Wissen
3.5.9 Binnenkonflikte
3.5.10 Das äußere Erscheinungsbild männlicher Salafisten
3.5.11 Salafistinnen
3.6 Die Konstruktion des ‚Anderen‘
Kapitel 4 Der Gottesstaat der Salafisten
4.1 Einleitung
4.2 Loyalität und Lossagung
4.3 Gottes auserwählte Gemeinschaft
4.4 „Das Fleisch der Gelehrten ist vergiftet“
4.4.1 „Die trügerischen Gelehrten“
4.4.2 Die „Gefolgschaft der Rechtschaffenheit“ und die „Gefolgschaft des Bösen“
4.5 Die Mission
4.5.1 Die Mission in den Freitagspredigten
4.5.2 Die Rückkehr zum Islam
4.5.3 „Die Ungläubigen vor der Hölle bewahren“
[7]Kapitel 5 Die Feinde der Muslime: Schia, Sufisten, ,Heuchler‘, Säkulare
5.1 Einleitung
5.2 Die Schia: „Ihre Religion ist nicht der Islam“
5.2.1 Der Streit um die Glaubensgrundsätze
5.2.2 ‚Land der Perser‘ und die ‚Partei von al-Lāt‘
5.3 Der Streit der Salafisten mit den Sufis
5.3.1 „Der Islam ist eine Sache und der Sufismus eine andere“
5.4 Die ‚Heuchler‘
5.4.1 Die ‚Heuchler‘ in Deutschland
5.5 Die Säkularen
5.5.1 Der Ursprung des Streits
5.5.2 Die Methode
5.5.3 Die Sprache
5.5.4 Das Eintreten für Gott
5.5.5 Der Kampf um Autorität
Kapitel 6 Die Vorherrschaft der Religion auf Erden
6.1 Einleitung
6.2 Die Kontrolle über die Regierungsgewalt
6.2.1 Die ‚Ermächtigung zur Herrschaft‘
6.2.2 Die ‚Herrschaft Gottes auf Erden‘
6.2.3 Untertanen, keine Staatsbürger
6.3 „Ihr seid die trefflichste Gemeinschaft, die jemals für die Menschen geschaffen wurde“
6.3.1 Das Christentum
6.3.1.1 Manipulation des Korantextes für politische Interessen
6.3.1.2 Nein zum Dialog, Ja zur Segregation
6.3.1.3 Die Wurzel des Konflikts: Die Kreuzzüge
6.3.2 Das Judentum
6.3.2.1 Die Verschwörungstheorie
6.3.2.2 Betrug
6.3.2.3 Die Korrumpierung der Welt
6.3.2.4 Antisemitismus
[8]Kapitel 7 Analytische Betrachtung
7.1 Einleitung
7.2 Salafistische Narrative auf dem Sinai und in Bayern
7.3 Mobilisierung der Religion
7.4 Isolation und Identitätskrisen
7.5 Schlusswort
Anhang Freitagspredigten
Politisch orientierte Predigten • Soziale und pädagogisch orientierte Predigten
Glossar
ad-daʿwa, ‚Mission‘ • ahl al-ḥadīṯ, ‚Anhänger des Hadith‘ • ahl al-kitāb, ‚die Leute des Buches‘ • ahl as-sunna wa-l-ǧamāʿa, ‚die Leute der Sunna und der Gemeinschaft‘ • al-walāʾ wa-l-barāʾ, ‚Loyalität und Lossagung‘ • anṣār, ‚die Helfer‘ • ʿaqīda, ‚Glaubensgrundsätze‘ • ar-rāfiḍa, ‚die Ablehnenden/die Verweigerer‘ • aš-šahāda oder Schahada, ‚islamisches Glaubensbekenntnis‘ • aṣ-ṣirāṭ, ‚Weg/Pfad‘ • at-tawḥīd, ‚Monotheismus‘ • bidʿa, ‚Neuerung‘ • biṭāna, ‚Gefolgschaft‘ • Dābiq • fāsiq, ‚Frevler‘ • fatwā, ‚religiöses Rechtsgutachten‘ • fiqh, ‚islamische Rechtswissenschaft‘ • fitna, ‚Verführung/Unruhe/Zwietracht/Bürgerkrieg‘ • ǧihād oder Dschihad, ‚Heiliger Krieg‘ • ḥākimīya, ‚die Herrschaft Gottes‘ • ḫilāfa, ‚Kalifat‘ • ḥudūd, ‚Grenzen‘ • ḥusainīya, ‚schiitisches Gotteshaus‘ • iǧtihād oder Idschtihad, ‚Anstrengung‘ • manhaǧ as-salafī, ‚salafistische Methode/Weg‘ • munāfiqūn, ‚Heuchler‘ • Muʿtazilā • ṣaḥāba, ‚die Altvorderen/Prophetengefährten‘ • šarīʿa oder Scharia, ‚islamisches Recht‘ • Šīʿa oder Schia • širk, ‚Götzendienerei‘ • ṣūfīya, ‚Sufis‘ • ṭāġūt, ,Götzen‘ • takfīr, ‚Ausschluss aus dem Islam‘ • tamkīn, ‚Ermächtigung‘ • umma oder Umma, ‚die Gemeinschaft der Gläubigen‘ • zakāt, ‚die islamische Almosensteuer‘
Literatur
[9]
Dank
Es ist mir ein besonderes Anliegen, an dieser Stelle meine Dankbarkeit denen auszusprechen, ohne die die Arbeit am und das Erscheinen des vorliegenden Buches nicht möglich gewesen wäre.
Meiner Frau Eman bin ich zu weit mehr an Dankbarkeit verpflichtet, als ich das jemals in Worte fassen könnte. Ihre unglaubliche Geduld, unermüdliche Ermutigung und einzigartige Fürsorge für unsere drei Kinder Danya, Raneem und Hadi, insbesondere in meiner häufigen Abwesenheit während meiner Feldforschung, haben alles erst möglich gemacht.
Ein Buch über Salafisten und Extremismus zu verfassen, erwies sich als wesentlich herausfordernder, als ich es ursprünglich erwartet hatte. Ausdrücklich bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei Mathias Rohe, der die Texte mit vielen wertvollen Anmerkungen kommentiert hat. Die uneingeschränkte Unterstützung meiner Kollegen und Freunde während meiner Feldforschung und anschließenden Schreibphase war dabei ebenfalls von unschätzbarem Wert. Jörn Thielmann, Tarek Badawia, David Malluche, Hatem Elliesie, Peter Spiewok, Gennadi Melnik und Abdelghafar Salim sind demgemäß wesentliche Anteile am Gelingen dieses Werkes zuzuschreiben. Ihnen gilt mein besonderer Dank, der weit über den rein fachlichen Austausch reicht.
Last, but surely not least, richte ich meine Dankbarkeit an Sabine Kruse vom facultas Verlag für die professionelle und verständnisvolle Betreuung sowie Andreas Deppe und Sina Nikolajew für das bewährt gründliche Lektorat.
Dieses Buch ist ein Ergebnis der Ad-hoc-Arbeitsgruppe Islam in Bayern, welche ein Kooperationsprojekt zwischen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und dem Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa EZIRE an der FAU Erlangen-Nürnberg – geleitet von Prof. Mathias Rohe und Dr. Jörn Thielmann – war. Der Bayerischen Aka-[10]demie der Wissenschaften und ihrem Präsidenten Prof. Dr. Thomas O. Höllmann gilt mein herzlicher Dank für die Ermöglichung meiner Forschung. Das Ergebnis des Gesamtprojekts findet man unter https://islam.badw.de/die-arbeitsgruppe.html.
Die Ansichten und Analysen, die in diesem Buch formuliert werden, sind alleinig die des Verfassers. Die darin enthaltenen Befunde bestehen aus den originären Feldforschungsdaten des Verfassers. Diese wurden nach bestem Wissen und Gewissen unter sorgsamer Berücksichtigung wissenschaftlicher Standards erhoben und ausgewertet.
[11]
Kapitel 1
Extremismus und Metanarrativ
1.1 Einleitung
Bevor ich meine Feldforschung zu der Beziehung zwischen Extremismus und Salafismus bzw. der Salafīya im Bundesland Bayern im November 2015 begann, hatte ich bereits eine grobe Vorstellung davon, was mich für ein Milieu erwarten würde (zur Geschichte, der Ideologie und den Glaubensgrundsätzen des Salafismus siehe Lauzière 2016). Ich verfolge die salafistische Szene seit vielen Jahren sowohl über Social Media als auch über ihre Aktivitäten in Moscheen. Daher war ich über die internen ideologischen Diskussionen, die von den Anhängern des Salafismus übernommen werden, sowie auch über ihre ablehnenden Haltungen gegenüber anderen, seien es andersdenkende Muslime oder Andersgläubige, auf dem Laufenden (für einen Überblick über die unterschiedlichen salafistischen Strömungen siehe Lohlker 2016).
Ich hatte bereits viel über die strengen Überzeugungen der Salafisten sowohl im Hinblick auf andere Muslime als auch auf durch ihre unterschiedliche Religion definierten ‚Anderen‘ gehört und gelesen. Dennoch versuchte ich möglichst unvoreingenommen an die Feldforschung heranzugehen und mein fachliches und thematisches Hintergrundwissen gegenüber den emischen Perspektiven der Akteure und der Erfahrung im Feld zurückzustellen. Nichtsdestotrotz stellte ich mich aus pragmatischen Gründen darauf ein, dass ich eventuell mit stark ideologisch gefärbten Aussagen und Sichtweisen konfrontiert werden würde, die stark von meinen persönlichen Standpunkten abweichen und zu emotionalen Konflikten in der Beziehung zu meinen Informanten führen könnten. Auch wenn wir in der ethnographischen Forschung stets das Ideal der Unvoreingenommenheit anzustreben haben, so ist dies doch [12]in der Praxis nie ganz zu erreichen, da unsere ‚wissenschaftliche‘ Perspektive immer zu einem gewissen Grad auch von subjektiven Faktoren und unserem theoretischen Hintergrundwissen beeinflusst wird. Diese Tatsache sollte nach Ansicht der meisten Ethnologen anerkannt und bewusst reflektiert werden, um ihren Einfluss auf die Annäherung an emische Perspektiven und Konzepte und damit auf die Objektivität der Forschungsergebnisse möglichst gering zu halten.
Ein Erlebnis während meiner Feldforschung, das ich überhaupt nicht erwartete und das mich trotz meiner Kenntnis der salafistischen Szene und ihrer Ideologie sehr überraschte, war der Erhalt einer SMS, die ich eines Abends Ende Oktober 2016 erhielt. Als ich von einem mühevollen und langen Arbeitstag, an dem ich Interviews mit einer Gruppe von ideologischen Salafisten (zur Definition siehe Abschnitt 2.6) geführt hatte, nach Hause zurückgekommen war, sah ich, dass mir Salah1, mit dem ich mich am Mittag desselben Tages getroffen hatte, eine SMS geschickt hatte, in der er mich vor dem Kauf eines Autos für meine Frau warnte. Der Grund dafür war, dass ich Salah2, der im Automobilhandel tätig ist, von diesem Vorhaben erzählt hatte. Doch Salah vertrat den Standpunkt, dass es der Frau im Islam verboten sei, Auto zu fahren. Deshalb schickte er mir die folgende Nachricht:
Friede sei mit Dir Bruder. Gerne helfe ich dir bei deiner Suche nach einem Auto. Jedoch muss ich dich als dein Glaubensbruder im Islam vor deiner Idee, deiner Frau das Autofahren zu erlauben, dringend warnen. Das wäre ein schwerer Fehler und ist eine Verleitung von Satan. Wenn du Hilfe beim Erwerb eines Führerscheins in Deutschland brauchst, kann ich dir damit helfen. Ich wünsche dir eine Gute Nacht. Dein Glaubensbruder im Islam.
Eine weitere Überraschung, mit der ich nicht gerechnet hatte, war, dass Salah nicht in einem konservativen religiösen Umfeld wie dem Königreich Saudi-Arabien, welches zu diesem Zeitpunkt der letzte Staat war, der Frauen das Autofahren verbot, geboren und aufgewachsen war, sondern in einem westlichen Staat, in dem Frauen durch Gesetze und die Verfassung die gleichen Rechte wie Männer genießen. Salah wurde in [13]eine katholische Familie geboren, entschied sich aber im Jahr 2015 dazu, zum Islam zu konvertieren. Er wählte einen neuen Namen, um seinen Austritt aus der Welt des Christentums und seinen Eintritt in die des Islam kenntlich zu machen. Nach seinem Übertritt zum Islam verging kein Jahr, bis Salah damit begann, extremistischen ideologischen (Näheres sogleich unter 1.2) Gedanken anzuhängen, die er für die Grundlagen und den Kern des Islam hielt.
Dazu gehören z. B. das Verbot für Frauen, Auto zu fahren, die Strenge in der Ausübung der religiösen Riten und das Urteilen über den Abfall vom Glauben, um andere, seien es die Anhänger anderer Religionen oder Muslime, die die religiösen Riten nicht befolgen, zu Ungläubigen zu erklären (takfīr) und entsprechend zu behandeln. Salah begann einen Blick auf die Welt und einen Umgang mit ihr zu entwickeln, der von der engstirnigen und extremistischen ideologischen Perspektive des ideologischen Salafismus geprägt war. Als ich versuchte, mit ihm darüber zu diskutieren, dass das Autofahren nicht zu den Lehren des Islam gehöre, es keinen einzigen religiösen Text gebe, der Frauen das Fahren verbiete, und das Königreich Saudi-Arabien das einzige muslimische Land sei, in dem Frauen nicht Autofahren dürfen, war dies die letzte Unterhaltung zwischen uns. Er brach den Kontakt ab und sprach nicht mehr mit mir. Er war weiterhin der Ansicht, dass ich eine große Sünde begehe, indem ich meiner Frau das Autofahren erlaube, und dass ich folglich kein guter Muslim mehr sei, mit dem er sich unterhalten kann.
Ich habe nicht genügend Informationen zu Salahs Geschichte und den Umständen seines vorigen Lebens, um dieses Verhalten erklären zu können. Vielleicht hatte er bereits eine extremistische Vergangenheit, bevor er zum Muslim wurde. Aber wieso nahm Salah weiterhin extremistische Positionen (wie das Fahrverbot für Frauen) ein, erachtete diese als die Grundlagen des Islam und entschied sich dafür, seine sozialen, politischen und religiösen Beziehungen danach auszurichten? Was würde Salah heute z. B. dazu sagen, dass Saudi-Arabien im September 2017 Frauen das Autofahren erlaubt hat?3 Würde er seinen Standpunkt ändern oder daran festhalten? Was vor allem sind die Ursachen, die junge Leute wie Salah in den Extremismus treiben? Wie entsteht dieser Extremismus?
[14]
1.2 Extremismus: Definition und Ursachen
Salahs Übernahme dieser extremistischen Positionen ist kein Ausnahmefall. Die blutigen terroristischen Attacken, zu denen es in den letzten Jahren in Belgien, Großbritannien, Frankreich oder auch Spanien kam und zu denen sich die Organisation des Islamischen Staates, die auch mit IS oder Daesh abgekürzt wird, bekannte, warfen zahlreiche Fragen zu den Ursachen dieses Extremismus auf, besonders unter jungen, im Westen geborenen Muslimen und Konvertiten (siehe z. B. Ramsauer 2015 und Roy 2017). Am 29. Juni 2014 verkündete der Sprecher der Organisationen des Islamischen Staates, Abu Muhammad al-Adnani, in einer Sprachaufnahme die Errichtung ihres sogenannten Islamischen Staates und forderte von den Muslimen den Treueeid auf Abu Bakr al-Baghdadi als Führer dieses Staates (siehe Weiss und Hassan 2016 sowie Mohamedou 2017). Das Ziel des IS ist es, das islamische Kalifat und die Scharia (aš-šarīʿa) in seiner sehr spezifischen Auslegung zu errichten (einführend Rohe 2011 und 2013 sowie Lohlker 2012). Seit der Gründung dieser Organisation führten ihre Anhänger und Sympathisanten zahlreiche blutige Anschläge in verschiedenen Teilen der Welt durch. Nach den schweren Niederlagen in Mossul und ihrem ehemaligen Hauptquartier im syrischen Rakka im Jahr 2017 ist sie weiterhin durch Gruppen von Kämpfern unter anderem in Syrien, dem Irak, dem Jemen, dem ägyptischen Sinai und Libyen aktiv (für weitere Informationen zum Einfluss der Revolten des arabischen Frühlings, vor allem in Syrien, auf die salafistische und insbesondere die dschihadistische Bewegung siehe Zemni 2014 und Said 2014). Die Organisation stellt ihre Barbarei und Brutalität durch die Folter, Ermordung und Enthauptung ihrer Widersacher sowie auch durch sonstige schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen sowohl gegenüber Muslimen als auch Nichtmuslimen wie den yezidischen und christlichen Minderheiten offen zur Schau. Der IS ist für ethnische Säuberungen sowie auch für die Zerstörung bedeutender archäologischer Stätten verantwortlich.
Auch Deutschland bleibt vom IS nicht verschont. Im Dezember 2016 tötete der Tunesier Anis Amri während der Adventszeit in Berlin zwölf Zivilisten durch den Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt. Der deutsche Verfassungsschutz weist darauf hin, dass ihm Informationen zu ca. 1.060 Personen vorliegen, die zwischen Juni 2013 und März 2020 nach Syrien oder in den Irak gereist sind, um sich dort dschihadistischen Bewegungen anzuschließen (für den Begriff Dschihad siehe z. B. Lohlker 2009). Auch aus Bayern reisten den Angaben des Verfassungsschutzes nach 114 Dschihadisten aus, um dort terroristische Organisa-[15]tionen zu unterstützen (Bayerisches Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration, Verfassungsschutzbericht 2019). Darüber hinaus kam es in diesem Bundesland auch zu zwei terroristischen Vorfällen, die von Geflüchteten verübt wurden. Am 18. Juli 2016 griff ein 17-jähriger afghanischer Flüchtling die Passagiere eines Zuges an und verletzte dabei vier Personen, bevor ihn die Polizei erschoss. Nur einige Tage später, am 24. Juli, beging ein syrischer Flüchtling ein Bombenattentat in Ansbach und verletzte dabei zwölf Personen, drei davon schwer. Er erlag bald darauf seinen Verletzungen, die er bei der Explosion erlitt.
Auch wenn diese schrecklichen Angriffe in Deutschland von Geflüchteten verübt wurden, die in den letzten Jahren nach Deutschland kamen, um hier Asyl zu beantragen und Verbindungen zum IS aufzubauen, können deshalb nicht sämtliche Flüchtlinge oder Muslime unter Generalverdacht gestellt werden. Es liegt an uns, nach den tieferen Ursachen und Beweggründen für diesen Extremismus und nach den Akteuren zu suchen, die diesen Extremismus unter Muslimen propagieren.
Der Begriff ‚Extremismus‘ ist in den Publikationen von Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern oft ein schwammiger Begriff, dessen Definition umstritten ist, wie u. a. von Kailitz (2000: 6) betont wird: „Der Extremismusbegriff lässt sich enger oder weiter fassen. Ein Verständnis, demzufolge jede Bewegung oder Person bereits als extremistisch gilt, die eine antidemokratische und/oder antikonstitutionelle Einstellung vertritt, ist deutlich umfassender als eine Interpretation, die dieses Etikett nur vergibt, wenn politisch motivierte Gewalt ins Spiel kommt“. Als die Quintessenz verschiedener Definitionen des Begriffs soll hier festgehalten werden, dass Extremismus für gewöhnlich mit Übertreibung und mit der grundlegenden, pauschalen Ablehnung Andersdenkender sowie der Unfähigkeit, Verständnis für sie zu empfinden oder ihre Perspektive einzunehmen, in Verbindung gebracht wird. Generell kann man Extremismus als eine geschlossene Denkweise betrachten, welche sich durch das fehlende Vermögen auszeichnet, Überzeugungen zu akzeptieren oder zu tolerieren, die von denen der eigenen Person oder Gruppe abweichen. Im Kontext des vorliegenden Buches lässt sich religiöser Extremismus definieren als das krampfhafte Festhalten an bestimmten, in der Regel nur von wenigen anderen Angehörigen der Religion geteilten religiösen Sichtweisen, Überzeugungen und Gedanken – ohne diese kritisch zu hinterfragen. Dieses Festhalten ist häufig mit Hass und Gefühlen der Zurückweisung aufgeladen und drückt sich durch Feindseligkeit sowie die Dämonisierung von Andersgläubigen aus, was bis hin zur Gewaltbereitschaft oder der tatsächlichen Anwendung von Gewalt gehen kann.
[16]In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Studien mit der Problematik des islamistischen Extremismus im Westen auseinandergesetzt und dessen Ursachen, Instrumente und ausschlaggebende Faktoren untersucht. Diese Studien drehen sich um die Analyse einer Reihe von miteinander verbundenen Faktoren, deren wichtigste folgende sind:
1.)Gesellschaftliche Verwerfungen: Viele der Studien konzentrierten sich auf das Scheitern der Integrationspolitik in einer Reihe von europäischen Ländern, die Isolation einiger muslimischer Jugendlicher von der Mehrheitsgesellschaft und die Zunahme von Gefühlen der politischen, sozialen und kulturellen Entfremdung. Die Fragen, die dabei bevorzugt untersucht werden, hängen mit der steigenden Wahrnehmung von sozialer Ausgrenzung, Diskriminierung und Ungerechtigkeit, mit Arbeitslosigkeit sowie mit der Zunahme sozialer und ökonomischer Ungleichheit zusammen, denn arme Familien sind oft nicht in der Lage, ihre Mitglieder gegen Zeiten der Krise und schnelle soziale, kulturelle und technologische Veränderungen zu wappnen. Das Tempo der Veränderungen beeinträchtigt das soziale Gleichgewicht und die Überlagerung verschiedener Werte und Konzepte gibt dem Extremismus Auftrieb (siehe z. B. Holtz, Dahinden und Wagner 2013 sowie al Raffie 2013).
2.)Familiäre Verwerfungen: Hier liegt der Fokus auf der Zerrüttung von Familien und auf Störungen des Verhältnisses von Individuen zu ihrer Familie, oder auch dem Entzug der Zuneigung von einem oder beiden Elternteilen in früher Kindheit (siehe z. B. Sikkens, van San, Sieckelinck und de Winter 2017).
3.)Seelische Störungen: Hier konzentriert man sich auf schwere seelische Traumata, besonders in der Kindheit, sowie auf die gestörte Beziehung zu Gleichaltrigen in der Schule oder dem sozialen Umfeld. Es sticht besonders die Untersuchung psychischer Erkrankungen wie dem Leiden an Depressionen oder Ängsten hervor, da Menschen manchmal vor diesen fliehen, indem sie den inneren psychischen Konflikt nach außen verlagern, sodass er sich nun zwischen ihnen und der Gesellschaft abspielt. Er kann in der Folge als weniger schmerzhaft empfunden und leichter akzeptiert werden, da die Person nun eine aktive Rolle darin einnimmt (siehe z. B. Csef 2017 und Leuzinger-Bohleber 2016).
4.)Kollektive Traumata: Einige der Studien konzentrierten sich auf die Untersuchung der Effekte der US-amerikanischen Besatzung Afghanistans und des Iraks sowie der Bürgerkriege, die sich nach den Revolutionen in vielen arabischen Staaten wie Syrien, Libyen oder dem Jemen ausbreiteten. Besondere Aufmerksamkeit kommt dabei dem [17]syrischen Bürgerkrieg zu, in welchem das Regime Baschar al-Assads brutale Gewalt anwendet, um Oppositionelle zu unterdrücken und sich eine Reihe regionaler Player wie der Iran und die libanesische Hizbullah4 eingemischt haben. Damit weitete sich der Konflikt, der zu Beginn noch lokaler Natur war, zu einer konfessionellen und regionalen Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten aus.
5.)Social Media: In jüngster Zeit haben sich auch viele Studien mit der Rolle der Social Media wie Facebook, Twitter und WhatsApp bei der Verführung Jugendlicher zum Extremismus und als Mittel der Verbreitung dschihadistischer und extremistischer Propaganda auseinandergesetzt (siehe z. B. Becker 2009, Baehr 2012, Holtmann 2014, Inan 2017 und Difraoui 2012).
Diese fünf Faktoren waren während meiner intensiven Feldforschung in Bayern, die sich vom November 2015 bis zum November 2017 erstreckte, sehr präsent. So erklärte mir z. B. Ibrahim, der in der Prävention und Bekämpfung von Extremismus unter Jugendlichen in Bayern tätig ist, während eines Gesprächs im Januar 2017, dass der Extremismus seiner Überzeugung nach, zu der er durch seine persönliche Erfahrung in der Arbeit mit extremistischen Jugendlichen gelangte, in 99 Prozent der Fälle auf einen der drei folgenden Faktoren zurückzuführen ist: soziale Verwerfungen, seelische Störungen und zerrüttete Familien.
In vielen Interviews, besonders mit den Verantwortlichen von Moscheen und mit Aktivisten der muslimischen Gemeinden, wurde mir ebenfalls erklärt, dass der Extremismus ihrer Überzeugung nach hauptsächlich das Resultat von sozialen Problemen ist, die mit fehlender Integration und Diskriminierung gegenüber den Nachkommen der Einwanderer vonseiten der Mehrheitsgesellschaft zusammenhängen. So erläuterte mir z. B. Dschaafar, der seit mehr als 20 Jahren in einer arabischen Moschee aktiv ist, während eines Interviews im Dezember 2016, dass die Ursachen des Extremismus seiner Überzeugung nach vor allem mit der Diskriminierung zu tun haben, unter der die Nachkommen muslimischer Einwanderer sowohl in der Schule als auch auf dem Arbeitsmarkt leiden.
Yusuf, Imam einer großen, türkisch geprägten Moschee in Bayern, sieht die Diskriminierungen und Schwierigkeiten, die jungen Muslimen im Alltag in der Schule und in der Gesellschaft begegnen, ebenfalls als Hauptursache des Extremismus. Als Beleg führt er ein Gespräch mit [18]einem Jugendlichen an, der zu ihm kam und ankündigte: „Ich sprenge meinen Lehrer in die Luft!“ Der 15-Jährige machte damit seinem Ärger darüber Luft, dass seine Lehrer die Muslime rassistisch behandeln und den Islam schlechtmachen würden. In der Folge habe er sich intensiv mit dem Jungen und seinen Eltern auseinandergesetzt und ihn schließlich vor der Ausführung seiner Gewaltphantasien abbringen können. Bei den wenigen Jugendlichen, die in die Moschee gehen und einen solchen Hilfeschrei senden, handelt es sich seiner Meinung nach jedoch nur um die Spitze des Eisbergs. Es gebe weitaus mehr muslimische Jugendliche, die ein falsches und gefährliches Verständnis von ihrer Religion und deren Praxis in Deutschland hätten (zur Attraktivität des Salafismus für Jugendliche siehe Nordbruch, Müller und Ünlü 2014).
Alle Bemerkungen von Ibrahim, Dschaafar und dem Imam Yusuf resultieren aus ihrer praktischen Erfahrung und ihrem täglichen Umgang mit muslimischen Jugendlichen in Bildungsprogrammen und unterschiedlichen religiösen Aktivitäten. Diese Faktoren dürfen auf keinen Fall vernachlässigt werden. Dennoch sollten wir unseren Blick auch auf andere wichtige Faktoren richten, welche mit der Rolle der ideologische Salafisten beim narrativen Framing des Extremismus zusammenhängen, indem sie auf religiöse Texte selektiv zurückgreifen und diese in politische Matrizen verwandeln, welche die extremistische Ideologie beinhalten. Zu diesem Schluss kommt auch eine gemeinsame Auswertung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz, das Bundeskriminalamt und das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus aus dem Jahr 2014. Dabei handelt es sich um eine Analyse der den deutschen Sicherheitsbehörden vorliegenden Informationen über die Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation heraus aus Deutschland in Richtung Syrien ausgereist sind. Das Ergebnis der Studie besagt: Bei 323 Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien ausgereist sind, ist die ideologische Ausrichtung bekannt. „Die ganz überwiegende Mehrheit dieser Personen (319) wird dem salafistischen Spektrum zugerechnet. Lediglich 4 Personen werden explizit nicht als Salafisten bezeichnet“ (S. 13).
1.3 Das salafistische Metanarrativ
Auf dieser Grundlage müssen das Studium und das Verständnis salafistischer Bewegungen und ihrer Ideologie als essenziell für das Verständnis und die Beseitigung des Phänomens des Extremismus aufgefasst werden. Dieses Buch fokussiert sich auf die Analyse der Narrative in salafis-[19]tischen Freitagspredigten in Deutschland, die zusammen ein salafistisches Metanarrativ bilden.5 Es will Antworten auf die folgenden Fragen geben: Welches sind die Narrative, die ideologische Salafisten unter den deutschen Muslimen zu verbreiten und zu verankern versuchen? Wie kontextualisieren (‚framen‘) ideologische Salafisten diese Narrative? Welche Ziele streben sie damit an? Was macht sie attraktiv? Gibt es eine Beziehung zwischen dem ideologischen salafistischen Metanarrativ und dem Prozess der Radikalisierung?
Für Halverson und seine Kollegen besteht ein Narrativ aus einer Reihe von Geschichten, die programmatisch miteinander verbunden sind und deren Themen ineinandergreifen. Das Verständnis unseres Selbst, wer wir sind, warum wir hier sind, was uns einzigartig macht und dergleichen Fragen mehr werden von einer Reihe von Geschichten geformt und zusammengehalten, die wir hören, während wir aufwachsen, und die uns miteinander verbinden (Halverson, Corman und Goodall 2011: 12). Folglich lässt sich ein Narrativ definieren als „coherent system of interrelated and sequentially organized stories that share a common rhetorical desire to resolve a conflict by establishing audience expectations according to the known trajectories of its literary and rhetorical form“ (Halverson, Corman und Goodall 2011: 14). Ein Narrativ ist eine imaginäre, zusammenhängende Welt, in der Bilder des Selbst aus seiner Vergangenheit gewoben werden. Edward Said verdeutlicht, dass ein Narrativ auf dem Verständnis der Gegenwart durch die Rückkehr in die Vergangenheit beruht, sodass dabei eine Reihe von Faktoren wie Erzählungen, Religion, Sprache und Macht eine Rolle spielen (Said 1994). Salafistische Narrative zielen in diesem Sinne darauf ab, ideologische Überzeugungen auf gegenwärtige Situationen anzuwenden, seien sie politischer oder sozialer Natur, und diese aus der Perspektive des Unterdrückten zu framen (El-Badawy, Comerford und Welby 2017).
Ein Metanarrativ, so erklären Halverson und seine Kollegen, „is a transhistorical narrative that is deeply embedded in a particular culture“ (Halverson, Corman und Goodall 2011: 14). Es wächst und erhält seine Stellung durch seine Wiederholung und Wertschätzung innerhalb einer spezifischen Kultur. Halverson und seine Kollegen verstehen Kultur als eine Reihe von zusammenhängenden Spezifikationen oder [20]geteilten Eigenschaften, auf die sich eine ethnische, soziale oder religiöse Gruppe beruft und sich so als menschliches Kollektiv definiert (Halverson, Corman und Goodall 2011: 14). Man kann also sagen, dass sich Metanarrative um vorgefertigte Annahmen drehen, die Pluralismus und Differenz trotz der Vielzahl unterschiedlicher sozialer und kultureller Kontexte nicht zulassen. Darüber hinaus bestreiten Metanarrative die Möglichkeit jeglicher Form von Wissen oder Wahrheit außerhalb ihres Rahmens und widersetzen sich jedem Versuch, sie zu verändern, zu kritisieren oder einer Prüfung zu unterziehen. Sie erlauben außerdem keine Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit und bestehen darauf, ganzheitliche Vorstellungen von Gesellschaft, Kultur, Geschichte und Existenz in sich zu tragen. In jedem Fall ist Metanarrativen eine Natur der Ermächtigung und Exklusivität zu eigen, die andere Formen verfügbarer Narrative marginalisiert.
Das Metanarrativ der ideologischen Salafisten, so wurde mir während meiner Feldforschung klar, stützt sich auf folgende drei grundlegende Quellen.
Erstens wird der Koran, von dem die Muslime glauben, dass er dem Propheten Muhammad über einen Zeitraum von ca. 23 Jahren offenbart wurde, als die grundlegende und wichtigste Quelle für die Narrative der ideologischen Salafisten betrachtet. Der Koran ist das heilige Buch des Islam und Muslime glauben daran, dass er das Wort Gottes bewahrt und das letzte der ‚himmlischen Bücher‘ (kutub samāwīya) nach den Schriftrollen Abrahams, dem Zabur, der Thora und dem Evangelium ist.6
Zweitens bilden die Hadithe des Propheten eine essenzielle Quelle für den Aufbau des ideologischen salafistischen Metanarrativs. Die Hadithe sind die vom Propheten Muhammad überlieferten Aussprüche, Handlungen und Entscheidungen (siehe z. B. Schoeler 1996 und Motzki 2014). Sie verdeutlichen und erklären die religiösen Regeln und Vorschriften, die der Koran enthält, und bilden neben diesem die zweite Grundlage der Rechtsprechung im sunnitischen Islam. Sie erläutern das vorbildliche Verhalten des Propheten Muhammads, dessen Beispiel die Muslime folgen sollen. Nach seinem Tod begann man mit ihrer [21]mündlichen Überlieferung. Letztendlich wurden sie jedoch im 8. und 9. Jahrhundert in unterschiedlichen Hadithsammlungen festgehalten und zusammengestellt. Für die sunnitischen Muslime sind die aussagekräftigsten Hadithsammlungen diejenigen, die auf die Korangelehrten Muhammad Ibn Ismail al-Bukhari (gest. 870) und Muslim Ibn al-Hajjaj (gest. 875) zurückgeführt werden. In Anbetracht ihrer Ursprünge in mündlichen Überlieferungen beschränken sich die Hadithe nicht nur auf den Inhalt von Geschichten und Erzählungen, sondern erstrecken sich auch auf die Kette der Überlieferung, die von den Individuen berichtet, die die Überlieferung seit der Zeit des Propheten im 7. Jahrhundert weitergaben und so bewahrten. Obwohl es über diese Überlieferungen oft Diskussionen und Auseinandersetzungen unter den Muslimen gibt, so sind sie doch eine bedeutende Quelle religiösen Wissens. Sie spielen deshalb eine wichtige Rolle in den islamischen Wissenschaften der Exegese und der Rechtslehre und liefern eine grundlegende Orientierung für die Art und Weise, wie die Muslime leben und die Welt um sie herum verstehen können (Halverson, Corman und Goodall 2011: 4f.). Auch sie bilden eine grundlegende Quelle für das Metanarrativ der ideologischen Salafisten. Dabei ist zu beachten, dass auch viele gefälschte Hadithe in Umlauf gebracht wurden und man deshalb versucht hat, die Authentizität durch Prüfung der Überlieferungskette (isnād) und manchmal auch durch Analyse des überlieferten Texts (matn) selbst sicherzustellen. Wie ich später zeigen werde, folgen viele ideologischen Salafisten dieser etablierten Tradition der Überlieferungskritik jedoch nicht, weshalb sie schon deshalb keineswegs als authentische Vertreter der islamischen Religionskultur gelten können.
Drittens stützen sich die ideologischen salafistischen Narrative auch auf historische Erzählungen und Geschichten, welche Ereignisse und Kriege betreffen, die den Werdegang und die geschichtliche Entwicklung der islamischen Staaten und Gesellschaften beeinflusst haben, etwa die islamische Expansion oder die Kreuzzüge, die sich vom 11. bis ins 13. Jahrhundert erstreckten (Halverson, Corman und Goodall 2011: 7). Die ideologischen Salafisten beziehen sich zur Unterstützung ihres Metanarrativs auf solche historischen Erzählungen und Beispiele, von denen sie denken, sie würden die Entwicklung der muslimischen Gesellschaften bis heute beeinflussen.
Diese drei Quellen enthalten eine Menge vielfältiger Informationen, Orientierungspunkte, Ratschläge, Anweisungen, Verbote, Lehren und Schlussfolgerungen, die zusammengenommen ein vollständiges Metanarrativ bilden. Sie helfen den ideologischen Salafisten dabei, ihrem gegenwärtigen Leben eine Orientierung zu geben und ihre Zukunft zu [22]planen, und zwar auf eine Art und Weise, von der sie denken, sie stünde im Einklang mit dem wahren Weg Gottes. Sie geben diese Narrative von einer Generation an die nächste weiter, um somit ihr Fortbestehen sicherzustellen. Die Narrative behandeln vielfältige und weitgefasste Themen, darunter Freundschaft und Feindschaft, Gut und Böse oder Wahrheit und Unrecht sowie die Wege, zwischen diesen Gegensätzen zu unterscheiden und das Richtige zu tun. Wie ich in den Kapiteln 4 bis 6 diskutieren werde, verwenden die ideologischen Salafisten diese Quellen im Gegensatz zum muslimischen Mainstream nicht nur besonders selektiv, sondern auch außerhalb ihrer Kontexte, um ihre Gegner anzugreifen und sie zu delegitimieren.
Man kann nicht behaupten, dass es ein einziges Narrativ gibt, dem sich alle Salafisten gleichermaßen verpflichtet fühlen. Dennoch lassen sich gemeinsame Elemente in den salafistischen Narrativen feststellen, die zusammengenommen ein übergeordnetes, leitendes Narrativ bilden, welches alle verschiedenen Strömungen des Salafismus mehr oder weniger teilen. Dazu gehört es z. B., die Schiiten, die Sufis, die Säkularen, den Westen, die Christen und die Juden zu Ungläubigen und zu ewigen Feinden zu erklären (für eine vertiefte Diskussion der salafistischen Perspektive auf Christen siehe Rudolph 2014). Dieses Buch wird sich mit diesen Narrativen auseinandersetzen und sie im Detail analysieren.
Neuere Studien zum Phänomen des Terrorismus haben fruchtbare Ideen geliefert, die uns dabei helfen, die Mechanismen zu verstehen, mittels derer die salafistischen Narrative zur Erstarkung des Extremismus beitragen. In diesem Zusammenhang bildet der Beitrag von Halverson und seinen Kollegen in dem Buch Master Narratives of Islamist Extremism eine wichtige Quelle für das Verständnis der Beziehung zwischen den salafistischen Narrativen und dem Terrorismus. Sie nehmen an, dass es trotz der Unterschiede der dschihadistischen Narrative auf lokaler Ebene leitende Narrative gibt, die über die lokalen Diskurse hinausgehen. Das leitende Narrativ setzt sich aus unterschiedlichen Elementen zusammen, die aus den heiligen Texten des Islam und der Geschichte abgeleitet sind.
Das Wichtigste dabei ist die Tatsache, dass die leitenden Narrative niemals unveränderlich, sondern offen für ihre kontinuierliche Neuauslegung im Rahmen individueller und kollektiver Konzepte sind. Ohne diese Verbindungen zwischen Geschichten und leitenden Narrativen könnten Muslime – wie jede andere kulturell definierte Gruppe der Welt auch – keine methodische Auffassung ihrer Stammesgeschichte, ihrer Staaten oder ihrer Volksgemeinschaften entwickeln. Auch die individuellen Gläubigen hätten dann kein überzeugendes Empfinden [23]ihrer persönlichen Bestimmung, das sie als Individuen mit den Narrativen der Gemeinschaft (der Umma) und ihre individuellen Geschichten sowie die kollektiven Narrative der Gemeinschaft mit dem Metanarrativ eines islamischen „Kosmos“ verbindet (Halverson, Corman und Goodall 2011: 12).
Auch Egerton behandelt in seinem Buch Jihad in the West. The Rise of Militant Salafism die Rolle von Narrativen bei der Beeinflussung eines sehr kleinen Teils der Gesellschaft, so wie es in Bezug auf den militanten Salafismus der Fall ist. Er ist der Ansicht, dass die Antwort auf die Frage, warum die militanten Salafisten ihr Narrativ bis zum Äußersten treiben können, größtenteils durch die Tatsache begründet sei, dass viele Elemente dieses Narrativs in abgeschwächter und weniger militanter Form in vielen islamischen Gemeinschaften vorhanden seien. Der militante Salafismus schöpft aus einem Narrativ, das auf religiöser Einheit und der Feindschaft des Westens gegen den Islam beruht und auf tief verwurzelten Konzepten und Überzeugungen aufbaut. Seine Protagonisten kontrollieren dieses Narrativ und arbeiten daran, es zu gestalten und auszuweiten. Zu den wichtigsten Vermittlern bei diesem Prozess, denen dadurch eine zentrale Rolle zukommt, gehören die missionarischen und propagandistischen Prediger und kleinen Gruppierungen, die vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten sind (Egerton 2011: 5). Egerton (2011: 135) sagt:
For most Muslims, the West is more usually seen as hypocritical in foreign policy matters and unduly aggressive in those that concern countries wherein Muslims are the majority. Those who engage in militancy amend and develop this narrative and then act upon it in a particular way. Again, this is not to equate Islam with terror, but to acknowledge that those who do engage in militancy do so having emerged from communities in which specific discourses are accepted and propagated.
In einer neuen Studie wurden 114 Medienquellen aus dem Zeitraum von April 2013 bis zum Sommer 2015 gesammelt, die drei Gruppierungen des dschihadistischen Salafismus zugeordnet werden können: dem IS, der Nusra-Front und Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel. Darin versuchen Eman El-Badawy und ihre Kollegen, die Ideologie näher zu definieren, welche diese drei Gruppierung mit Hilfe ihrer Medienquellen sorgfältig aufbauen, um damit einen Gegendiskurs für die muslimische Öffentlichkeit, die Regierungen und die Zivilgesellschaft zu schaffen. Die Studie betrachtet eine vielfältige Sammlung an Narrativen, auf die sich die Dschihadisten in ihrem Diskurs konzentrieren, sei es, um neue [24]Anhänger um sich zu scharen, oder um diese zum Dschihad zu motivieren. Diese Studie machte deutlich, dass die Dschihadisten sich auf Narrative konzentrieren, die sich um religiöse Konzepte wie den Monotheismus (at-tauḥīd), den Dschihad (al-ǧihād), die Umma (al-umma), das Kalifat (al-ḫilāfa), den Ausschluss aus dem Islam (at-takfīr) (siehe z. B. Timani 2018 sowie Nedza 2020), das Ende der Zeit (nihāyat az-zamān) und weitere drehen (mehr Informationen zu diesen Konzepten und Narrativen bei El-Badawy, Comerford und Welby 2017).
1.4 Die Debatte um die Freitagspredigten
Dieses Buch ist nicht die erste Untersuchung, die einen Zusammenhang zwischen der salafistischen Ideologie und dem islamistischen Extremismus herstellt. Viele Arbeiten beschäftigten sich in den letzten Jahren mit diesem Thema (siehe z. B. Kraetzer 2014). Dieses Buch leistet einen Beitrag zu dieser Diskussion und behandelt dabei einen neuen Aspekt, indem ich mich auf die Analyse von Freitagspredigten konzentriere, um zu verstehen, inwiefern die ideologischen Salafisten ihr Metanarrativ über die Kanzel in die lokalen muslimischen Gemeinden transportieren und so versuchen, ihre Ideologie zu verankern. Die Gefahr der salafistischen Ideologie liegt darin, dass sie die Doktrinen des Islam in vereinfachender Weise umformuliert. Sie ist nicht an die Elite gerichtet, die in der Lage ist, ihre Argumente zu durchschauen und zu widerlegen, sondern an diejenigen einfachen Leute, die eines tieferen Verständnisses für ihre Religion und der Hilfe durch ‚religiöse Würdenträger‘ bedürfen, die ihnen sagen, was sie tun und lassen sollen. Dieser Versuch, tief in die ideologische salafistische Gemeinschaft vorzudringen, indem ihr direkter Diskurs mit den Muslimen analysiert wird, ist nach meinem Wissensstand der erste auf dieser Ebene. Das ermöglicht uns ein tieferes Verständnis von der Natur der Botschaft der ideologischen Salafisten und ihrer Ziele, da wir uns der Basis annähern, auf der sie ihre Ideologie aufbauen und zu festigen versuchen.
Meiner Kenntnis nach wurden Freitagspredigten in salafistischen Moscheen bis jetzt nicht vertieft und umfassend akademisch behandelt und analysiert, und zwar weder in Deutschland noch in anderen europäischen Staaten oder mehrheitlich muslimischen Ländern. Das Buch des deutschen Journalisten Constantin Schreiber (2017), Inside Islam: Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird, wäre nicht so kontrovers diskutiert worden, wenn es nicht erhebliche Mängel an akademischem Wissen über Freitagspredigten und deren Inhalt aufwiese. Schreiber ist es allerdings gelungen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf eines der momen-[25]tan politisch und medial sensibelsten Themen zu lenken, nämlich die Integration von Muslimen in die deutsche Gesellschaft und den Einfluss der islamischen Religion auf diese Problematik. Die Untersuchung von Freitagspredigten in einem akademischen und systematischen Kontext ist daher sehr wichtig. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass Untersuchungen von islamischen Freitagspredigten nicht nur im deutschen Sprachraum fehlen: Mit Ausnahme einer Arbeit, die sich mit der Transformation islamischer Autorität in Frankreich durch das Studium und die Analyse der Predigten des Predigers Hasan Iquioussen befasste (Peter 2006), sind bis dato auch im restlichen Europa keine entsprechenden Studien durchgeführt worden.
Auch im Kontext muslimischer Mehrheitsgesellschaften existiert nur ein verschwindend geringer Korpus an Studien zu dieser Thematik. Vor beinahe 30 Jahren analysierte Richard Antoun (1989) die Freitagspredigten in einem jordanischen Dorf und verglich sie mit einer Recherche Bruce Borthwicks (1967), der Freitagspredigten in städtischen Moscheen in Ägypten untersucht hatte. Dabei kam Borthwick zu dem Schluss, dass die von ihm besuchten Prediger die Idee des ägyptischen Nationalismus förderten, aber nicht zur Modernisierung oder zur politischen Reform ermutigten. Weiterhin zog er das Fazit, dass den ägyptischen Predigern Kenntnisse im Bereich säkularer Bildung fehlten. Im Gegensatz zu Borthwick kam Antoun zu dem Befund, dass der Inhalt der Freitagspredigten in dem von ihm untersuchten jordanischen Dorf von schwachem politischem Gehalt sei. Antoun konzentrierte sich jedoch auf das Studium und die Analyse eines einzelnen Predigers, weshalb seine Schlussfolgerungen nicht auf die Moscheen anderer Dörfer oder auf das Studium der muslimischen Minderheitsgemeinschaften im Westen übertragbar sind.
Vor Kurzem gelangte Sari Hanafi (2017) nach der Analyse der Freitagspredigten in den schiitischen und sunnitischen Moscheen im Libanon mittels eines soziologischen Ansatzes zu ähnlichen Ergebnissen wie Borthwick. In seiner Studie untersuchte er 210 Freitagspredigten, die zwischen 2012 und 2015 gehalten wurden. Hanafi erklärte, dass die Freitagspredigten im Libanon stark politisiert seien, wenn auch in unterschiedlichem Maße: So seien die von ihm besuchten schiitischen Predigten stärker politisch aufgeladen gewesen als die sunnitischen (Hanafi 2017: 28). Alle von Hanafi untersuchten Predigten befassten sich mit politischen Themen wie Terrorismus und Widerstand.
Andere Studien zur Thematik konzentrierten sich beispielsweise auf die Analyse der Freitagspredigten, die online auf YouTube zu finden sind (Hirschkind 2012), befassen sich mit dem Einfluss von auf Kassetten [26]aufgenommenen Freitagspredigten auf die öffentliche Sphäre (Hirschkind 2006) oder mit den Verbindungen zwischen religiöser Rhetorik und politischem Dissens in Ägypten (Gaffney 1994).
Im Gegensatz zu dem großen Mangel an akademischer Literatur zu Freitagspredigten sind islamische Bibliotheken voll mit Büchern und Publikationen, die dem Prediger oder Imam Hinweise und Ratschläge aus Perspektive der islamischen Rechtswissenschaft im Hinblick auf die Formulierung, Darstellung und Ziele der Predigt geben (siehe z. B. Abu Zahra 1934), wobei hier nicht zwischen muslimischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaften unterschieden wird. Diese Hinweise für Imame diskutieren etwa ein bestimmtes Thema, das mit einem mit der Predigt verbundenen Problem zu tun hat. Beispielsweise gibt Muhammad as-Samman den Predigern Hinweise zum Umgang mit neuen kulturellen Einflüssen auf Muslime und verweist auf eine Reihe von Ratschlägen und Richtlinien, um mit diesem Thema umzugehen (al-Samman 2008).
Der geringe Umfang akademischer Fachliteratur zu dieser Thematik, sowohl im Zusammenhang muslimischer Mehrheitsgesellschaften als auch muslimischer Minderheiten in westlichen Gesellschaften, macht deutlich, dass die Analyse von Freitagspredigten im Kontext kritischer wissenschaftlicher Methodologie dringend erforderlich ist. Ziel zukünftiger Untersuchungen in dieser Richtung muss es daher sein, einen neuen Beitrag zum Verständnis der Mechanismen der Übertragung der heiligen Texte in religiöses Wissen unter Muslimen durch Freitagspredigten zu leisten.
1.5 Ziele des Buches
Angesichts einer oft wenig sachorientierten und pauschalen öffentlichen Debatte über die ‚Gefahren des Islam‘ will dieses Buch zur sachorientierten, wissenschaftlich fundierten Klärung der tatsächlich vorhandenen Probleme eines muslimischen Extremismus beitragen. Es verdeutlicht, wie die ideologischen Salafisten im Gegensatz zur großen Mehrheit von Musliminnen und Muslimen Passagen aus den heiligen Texten des Islam (Koran und Sunna) missbrauchen, um so ihre Ideologie zu festigen und sie mit religiöser Legitimität zu versehen. Sie wählen aus den religiösen Texten das aus, was ihnen passend erscheint, um Muslimen vorzutäuschen, ideologische Salafisten würden den wahren Islam verkörpern, dem alle Muslime folgen müssten. Die muslimischen Extremisten, so erklärt beispielsweise der Wissenschaftler Mouhanad Khorchide (2016: 26), argumentieren selektiv. Sie picken sich aus den [27]religiösen Texten das heraus, was ihre ideologischen Positionen rechtfertigt. Ohne die islamisch-religiöse Basis würde die extremistische salafistische Ideologie in sich zusammenbrechen.
Wer die Grundlagen der salafistischen Ideologie und ihrer Narrative aufdecken will, muss deren Inhalte wiedergeben. Das vorliegende Buch soll in diesem Sinne darüber aufklären, inwiefern die ideologischen Salafisten ihre Narrative in einen ideologischen Rahmen einpassen, mit dem Ziel, diesen Narrativen auf ideeller und religiöser Ebene entgegenzutreten, indem Gegennarrative aufgebaut werden. Das Verständnis der Narrative, die den Extremismus befeuern, muss als eine wichtige Voraussetzung für die Eindämmung und Konfrontation des gewalttätigen Extremismus betrachtet werden. Denn die ideologischen salafistischen Narrative rechtfertigen Gewalt und rufen direkt oder zumindest indirekt dazu auf. Diesen extremistischen Ideologien ist nicht allein mit Sicherheitsmaßnahmen beizukommen, sondern sie müssen parallel auch analysiert und verstanden werden.
Dabei obliegt die Verantwortung, Strategien gegen die Narrative der ideologischen Salafisten zu entwickeln, vor allem den Musliminnen und Muslimen selbst, den Moscheen, den Imamen, den Gelehrten, islamischen Institutionen und der muslimischen Zivilgesellschaft (für einen internen Kritiker des Salafismus unter Muslimen siehe Fouad 2019). Die Problematik ist eine innerislamische, welche die Eröffnung von Diskursen und die Neuinterpretation der islamischen Texte betrifft, sodass diese mit der deutschen und westlichen Realität in Einklang stehen, anstatt ihr zu widersprechen.
1.6 Argumentation und Methoden
Dieses Buch argumentiert, dass das ideologische salafistische Metanarrativ Inhalte hat, die möglicherweise eine wichtige Ursache für die Isolation eines Teils der Muslime von der deutschen Gesellschaft und für das Einnehmen einer feindseligen Haltung ihr gegenüber darstellen und somit einen elementaren Beitrag zum Prozess der Radikalisierung leisten. Um diese Hypothese in all ihren Aspekten zu untersuchen und zu verstehen, machte ich mich daran, die Narrative der ideologischen Salafisten in ihren Freitagspredigten und im Alltagsleben in Deutschland zu analysieren. Dabei zeigte sich, dass die ideologischen Salafisten dort Narrative verbreiten, die zu einem großen Teil denjenigen von dschihadistischen Organisationen wie dem IS, der Nusra-Front und Al-Qaida entsprechen. Sie begrüßen die Verbreitung dieser extremistischen Narrative unter Muslimen, weisen jedoch einen markanten Unterschied zu [28]den genannten militanten dschihadistischen Organisationen auf: Sie rufen nicht direkt und öffentlich zum Dschihad auf. Was jedoch den Kern der ideologischen salafistischen Narrative in Deutschland, ihre Sprache, ihre religiösen Quellen und die historischen Ereignisse, auf die sie sich beziehen, betrifft, so stimmen sie letztlich doch größtenteils mit denen der militanten dschihadistischen Bewegungen überein.
Um die ideologischen salafistische Metanarrative von innen heraus zu verstehen, entschied ich mich für einen anthropologischen Ansatz, der zum Großteil auf der Methode der teilnehmenden Beobachtung und der Teilnahme am Alltag (je nach Möglichkeit) der zu untersuchenden Gruppe beruht. Die teilnehmende Beobachtung wird in einer Reihe von Disziplinen – besonders in der Ethnologie und den Sozialwissenschaften – als grundlegendes Instrument für das Sammeln von Informationen über Menschen, Kulturen und Gesellschaften im Rahmen qualitativer Forschung angewandt. Dabei wird der Forscher selbst zum Teilnehmer der Kultur oder desjenigen Kontexts, dessen Beobachtung er in seiner Studie beabsichtigt, sodass er die Zielgruppe in diesem Kontext analysieren und entsprechende Informationen und Feldnotizen sammeln kann. Die teilnehmende Beobachtung erfordert meist einen intensiven Feldforschungsaufenthalt von mehreren Monaten oder Jahren, da der Forscher als natürlicher Teil der Kultur oder des in der Studie untersuchten Kontexts akzeptiert werden muss. Dies ist auch nötig, um sich vergewissern zu können, dass die von ihm beobachteten Phänomene charakteristisch sind und dass seine Anwesenheit das Verhalten der Akteure nicht beeinflusst (siehe z. B. O’Reilly 2012).
Aufgrund dessen erstreckte sich die Feldforschung zu dieser Studie über zwei komplette Jahre (von November 2015 bis November 2017), um das Sammeln von Informationen und das Verständnis des Phänomens des ideologischen Salafismus in seinem lokalen Kontext zu vertiefen. Die Feldforschung umfasste die bayerischen Städte München, Nürnberg, Erlangen, Regensburg, Schwandorf, Bayreuth und Weiden. Dabei wurden drei Methoden für das Sammeln von Informationen angewandt.
1.) Teilnehmende Beobachtung: Das Ziel der teilnehmenden Beobachtung war es, sich mit dem Umgang der Salafisten untereinander vertraut zu machen und Vertrauen aufzubauen, damit ich zu einem tieferen Verständnis des salafistischen Gedankenguts gelangen konnte. Dazu nahm ich an zahlreichen Aktivitäten der Salafisten wie den täglichen Gebeten in den Moscheen, Freitagspredigten, Vorträgen und sozialen Anlässen teil.
2.) Interviews: Indem ich auf die Methode des snowball sampling (‚Schneeballauswahl‘) zurückgriff, konnte ich mehr als 70 Interviews [29]und Gespräche mit Salafisten, Experten, Aktivisten aus der Zivilgesellschaft und Regierungsangestellten durchführen. Die meisten dieser Interviews (mehr als 40) wurden mit Salafisten geführt und erfolgten face to face. Sie erstreckten sich jeweils über eine Dauer von 30 Minuten bis hin zu mehr als vier Stunden in manchen Fällen. Viele der Personen wurden mehrmals interviewt. Während der meisten Interviews machte ich mir Notizen, nur in wenigen Fällen konnte ich das Interview aufzeichnen und anschließend transkribieren. Unter den Personen, die ich interviewt habe, befinden sich keine, die als führende Persönlichkeiten der salafistischen Bewegung in Deutschland betrachtet werden können oder die in der Szene durch Social Media bekannt sind. Solche Führungsfiguren gibt es in Bayern nicht. Die Leute, die ich getroffen habe, sind lokale Prediger und Imame, Personen, die sich zum Salafismus bekennen, und Aktivisten in muslimischen Gemeinden und Moscheen. Den Fokus auf diese Gruppe zu legen erlaubt es uns, sich den Salafisten von innen her und im Rahmen ihrer lokalen Interaktionen anzunähern und so ihre tatsächlichen Beziehungen und Interaktionen mit den muslimischen Gemeinden und der deutschen Gesellschaft zu beobachten. Denn die bekannten Führungspersönlichkeiten (wie Pierre Vogel, Ahmad Armih (genannt Ahmed Abu al-Baraa), Hasan Dabbagh etc.) haben bereits eine fortgeschrittene Stufe in der Erfahrung mit der Öffentlichkeitsarbeit erreicht, was sie in die Lage versetzt, Details durch Ablenkungsmanöver oder geschickte Formulierungen zu verbergen, wenn sie das möchten, entweder um interne Spaltungen der salafistischen Bewegung oder Gefahren durch die Sicherheits- oder Strafverfolgungsbehörden zu vermeiden (für eine Studie zu den bekannten Salafisten in Deutschland siehe Wiedl und Becker 2014). Leider befinden sich trotz der Bedeutung dieser Thematik und der Notwendigkeit, auch die weibliche Perspektive zu beleuchten und damit ihre Rolle in dem Geschehen zu erfassen, keine Frauen unter den Salafisten, die ich getroffen habe. Wegen der strikten Trennung zwischen Männern und Frauen, die die Salafisten praktizieren, und der Schwierigkeit, zu diesen Frauen durchzudringen, gab es keine Möglichkeit, mich mit einer salafistischen Aktivistin zu treffen. Dieser Bereich bedarf also nach wie vor vertiefter und intensiver Feldforschung, um die Rolle von Frauen in der salafistischen Bewegung zu verstehen (Studien zu der Rolle von Frauen in salafistischen Bewegungen sind sehr selten, siehe Inge 2017).
3.) Freitagspredigten: Parallel zu der Durchführung von Interviews besuchte ich zwischen April 2016 und April 2017 Freitagspredigten in einer salafistischen Moschee in Bayern und hielt meine Beobachtungen fest. Um das Informationsgeheimnis und die Identität der Moschee zu [30]wahren, werde ich sie in diesem Buch in Anlehnung an das arabische Wort für Monotheismus mit dem Decknamen ‚Tauḥīd-Moschee‘ bezeichnen. Im Laufe eines ganzen Jahres, welches ich damit verbrachte, mir salafistische Freitagspredigten anzuhören, trug ich insgesamt 30 Predigten zusammen und untersuchte sie. Dies bildet die Basis der Analyse und des Verständnisses der ideologischen salafistischen Narrative in diesem Buch.
Die 30 Freitagspredigten lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen. Die erste Kategorie umfasst politisch orientierte Predigten. Diese stehen im Fokus der Analyse dieses Buches, da ich auf dieser Grundlage nachzuvollziehen versuche, welche politischen Botschaften durch die Predigten vermittelt werden. Insgesamt habe ich 15 Predigten zusammengetragen, die sich dieser Kategorie zuordnen lassen. Auch wenn sie generell hauptsächlich religiöse Themen behandeln, weisen sie doch jeweils zumindest politische Tendenzen auf oder propagieren politische Ziele, sei es auf direkte oder indirekte Art und Weise. In diesen Predigten wurden zahlreiche Themen behandelt, die vor allem mit der gegenwärtigen Lage und den Kriegen in der islamischen Welt zu tun haben. Verantwortlich gemacht werden dafür sowohl äußere Feinde (die christlichen Kreuzfahrer) als auch innere Feinde (Sufisten, Säkulare, ‚Heuchler‘, Schiiten). Die zweite Kategorie von Predigten, in der ich ebenfalls 15 Stück zusammengetragen habe, behandelt eher soziale und pädagogische Themen, wie Familie und Erziehung, Geschlechterrollen, Verschleierung oder Integration. Der Inhalt dieser Predigten wird im Rahmen dieses Buches nicht vertieft analysiert. Dieses Material bedarf noch einer getrennten Abhandlung, um zu verstehen, welche Art der Erziehung die Salafisten Muslimen ans Herz legen und was für eine Gesellschaft sie damit anstreben. Die übergreifenden Themengebiete und Einzelaspekte, die in den Predigten behandelt wurden, sind im ersten Anhang im Detail aufgeführt.
Die Auswahl der Tauḥīd-Moschee für das Sammeln der Freitagspredigten erfolgte aus einer Reihe von Gründen.
Erstens bekennt sich die Tauḥīd-Moschee selbst in ihren internen Dokumenten, die nur auf Arabisch verfügbar sind und von denen ich einige kopieren konnte, als ich sie einsehen durfte, zu dem Ziel, mithilfe der Anhänger „der Methode der Leute der Sunna und der Gemeinschaft, der Methode der frommen Altvorderen“ die „Botschaft des Monotheismus“ zu verbreiten. Wie ich anschließend in dieser Studie noch erläutern werde, gelten der Fokus auf den at-tauḥīd und die ‚salafistische Methode‘ (al-manhaǧ as-salafī) als Priorität ihrer Mission (ad-daʿwa) und [31]als die zwei essenziellen Merkmale, durch die sich die Strömung des Salafismus und ihr Diskurs auszeichnet.
Zweitens wird die Moschee von einigen Gruppen frequentiert und verwaltet, die sich zum Salafismus – oder wie sie es nennen: zur ‚Methode der Leute der Sunna und der Gemeinschaft‘ (manhaǧ ahl assunna wa-l-ǧamāʿa) – bekennen, wie sich mir in den Interviews offenbarte, die ich mit ihnen durchführte.
Drittens ist die Tauḥīd-Moschee in Hinblick auf die Fläche und die Anzahl der Besucher des Freitagsgebets eine der größten salafistischen Moscheen in Bayern. Meinen persönlichen Notizen und Schätzungen zufolge wird die Moschee an Freitagen von etwa 350 bis 500 Personen besucht, um die Freitagspredigt zu hören und das Gebet zu verrichten, wobei die große Mehrheit davon Männer sind. Mit Ausnahme der Freitagspredigten geht die Zahl der Besucher während der Gebete nicht über 50 Personen hinaus. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich nicht alle Besucher dieser Moschee zum ideologischen Salafismus bekennen. Unter ihnen befinden sich auch zahlreiche gewöhnliche Muslime und Flüchtlinge, die in ideologischer Hinsicht nicht der ideologischen salafistischen Doktrin folgen. Dennoch können die salafistischen Prediger Einfluss auf ihre Überzeugungen und ihr Verhalten nehmen.
Viertens wird die Tauḥīd-Moschee von einer Reihe von bekannten Predigern und Führungspersönlichkeiten der salafistischen Bewegung in Deutschland besucht und genutzt. Einer der hervorstechendsten davon ist Hasan Dabbagh, eingebürgerter salafistischer Prediger mit syrischen Wurzeln und Imam der Ar-Rahman-Moschee in Leipzig, der als Symbolfigur der salafistischen Strömung in Deutschland gilt und dem vom sächsischen Verfassungsschutz vorgeworfen wird, dass seine Predigten zur Radikalisierung muslimischer Jugendlicher beitragen. Außerdem wird die Moschee von dem berühmten salafistischen Prediger Ahmad Armih (genannt Ahmed Abu al-Baraa) aus Berlin besucht, der von den deutschen Medien als „Hassprediger“ bezeichnet wurde (Wehner 2020).
Fünftens propagiert die Moschee das salafistische Gedankengut durch den Verkauf von Büchern und religiösen Publikationen, die von salafistischen Institutionen in Ägypten oder in Saudi-Arabien produziert werden. So wird z. B. das Buch Monotheismus von Muhammad Ibn Abd al-Wahhab, dem Gründer der in Saudi-Arabien verbreiteten islamischen Strömung des Wahhabismus (siehe z. B. DeLong-Bas 2004, Gharaibeh 2014 und Mouline 2014, Kapitel 2), in Umlauf gebracht, der von den meisten Salafisten als eine maßgebliche religiöse Autorität betrachtet [32]wird. Das Buch erläutert die Ursprünge der salafistischen Doktrin in der Auseinandersetzung mit den anderen islamischen Gruppierungen und Bekenntnissen, die Handlungen und Aussprüche erlauben, welche Ibn Abd al-Wahhab als Widerspruch zum Monotheismus auffasst (zur Beziehung des Salafismus zu Saudi-Arabien siehe Lohlker 2017).
Sechstens beschrieben mir viele Muslime, die ich in der Stadt getroffen habe, in der sich die Moschee befindet, diese als salafistisch.
1.7 Warum Freitagspredigten?
Der Freitag ist für die Muslime der wichtigste Tag der Woche, weil sie glauben, dass es Gottes bevorzugter Tag ist. Es gibt einen Hadith über den Propheten Muhammad, welcher die besondere Güte des Freitags hervorhebt: „Der beste Tag, an dem die Sonne aufgegangen ist, ist der Freitag. An ihm wurde Adam erschaffen, an ihm wurde er ins Paradies hineingeführt, an ihm wurde er aus ihm vertrieben, und die Stunde (der Auferstehung) wird nur an einem Freitag stattfinden“ (Khoury 2008, 2: 121). An diesem Tag hören sich die Muslime direkt vor dem Gebet eine besondere Predigt an, die ihnen Wissen über die islamische Religion und den Glauben vermitteln soll, daneben aber auch sozial und politisch aktuelle oder brisante Themen behandelt – die sogenannte Freitagspredigt. Das Freitagsgebet (obligatorisch für Männer) stellt im Islam eine der wichtigsten religiösen Pflichten dar. Im Koran (Sure 62, Vers 9) steht: „ Ihr Gläubigen! Wenn am Tag der Versammlung zum Gebet gerufen wird, so macht euch auf, um Gottes zu gedenken, und lasst den Handel ruhen. Das ist für euch das Beste, sofern ihr Wissen habt“ (alle Koranzitate stammen aus der Übersetzung von Bobzin 2015).
Es gibt viele Hadithe, die es verbieten zu sprechen, während der Iman predigt, und vorschreiben, der Predigt aufmerksam zuzuhören. Die Lehre des traditionellen Islam schreibt vor, das Freitagsgebet nicht wegen der Arbeit, dem Studium oder sonstigen weltlichen Angelegenheiten zu vernachlässigen. Es sollte die Priorität der Gläubigen sein, das Gebet zu besuchen, denn wenn sie es dreimal hintereinander ohne stichhaltigen Grund verpassen, weichen sie damit vom rechtschaffenen Weg ab.
Die Freitagspredigten haben viele Aspekte. So sollen sie etwa den Glauben stärken und bewahren und den Muslimen Erinnerung und Warnung sein, nicht der Sünde zu verfallen. Sie dienen außerdem der religiösen Bildung, indem der Koran oder Hadithe erklärt und interpretiert oder Lehren anhand von Beispielen und Erzählungen aus der islamischen Geschichte vermittelt werden. In diesem Sinne stellen Frei-[33]tagspredigten umfassende Lehrstunden dar und beeinflussen das Verständnis der Muslime von religiösen Konzepten und Doktrinen, besonders da ihnen durch den Vortrag von der Kanzel aus religiöse Autorität innewohnt. In vielen islamischen Ländern gilt der Freitag als offizieller Feiertag, da sich die Muslime dann für das Freitagsgebet versammeln. In westlichen Ländern versuchen viele Muslime, ihre Mittagspause in der Zeit des Gebets zu nehmen, normalerweise nachmittags. Nach der letzten Welle von Flüchtlingen (2015–2016) begannen zahlreiche Moscheen wegen des regen Zulaufs zu den Freitagsgebeten unter Überfüllung zu leiden, was manche Moscheen dazu veranlasste, zwei Predigten an einem Tag zu halten, um so der zunehmenden Nachfrage gerecht werden zu können.
1.8 Inhalt des Buches
Das Buch enthält eine Einleitung, fünf Kapitel und eine Schlussfolgerung sowie ein Glossar. Das zweite Kapitel behandelt die historische Entwicklung des Begriffs des Salafismus, d. h. die wichtigsten historischen Stationen, Vordenker und Problemstellungen, die im Zusammenhang mit seiner Definition von Interesse sind. Im dritten Kapitel diskutiere ich die innere Struktur, den Prozess der Etablierung und die Aktivitäten der Salafisten in Bayern. Im vierten Kapitel setze ich mich damit auseinander, wie die ideologischen Salafisten durch die Freitagspredigten ihre Autorität über die muslimischen Gemeinden aufzubauen versuchen, indem sie religiöse Narrative verbreiten, die kritisches Denken zugunsten des Gehorsams gegenüber den salafistischen Predigern zurückdrängen sollen. Dieses Kapitel beleuchtet auch die Art und Weise, wie die Salafisten daran arbeiten, ihre Narrative unter den Muslimen zu verankern, um so ihre öffentliche Unterstützung und den beständigen Zulauf neuer Anhänger, besonders unter konservativen und mit ihnen sympathisierenden Muslimen, sicherzustellen. Im fünften Kapitel untersuche ich, wie sich die ideologischen Salafisten Feindbilder innerhalb des Islam schaffen. Sie konzentrieren sich dabei hauptsächlich auf den Angriff auf vier Gruppen von Muslimen: Schiiten, Säkulare, Sufis und die ‚Heuchler‘. Im sechsten Kapitel analysiere ich von den ideologischen Salafisten verbreitete, radikale religiöse Narrative, die sich auf enge und teilweise falsche Interpretationen und Auslegungen der religiösen Texte (des Koran und der Sunna) stützen und in denen Anhänger anderer Religionen angegriffen werden, vor allem Christen und Juden.[34]
[35]
Kapitel 2
Salafismus: Geschichte, Definition und Charakteristika
2.1 Einleitung
Die Narrative des modernen, rückwärtsgewandten Salafismus (Salafīya)7 sind keine Neuerfindung des postkolonialistischen Zeitalters, welche die arabischen und die islamischen Gesellschaften im Allgemeinen gewissermaßen aus dem Nichts infiltriert hat, sondern sie wurzeln in einer historischen, sunnitisch-islamischen Denktradition. Davon zeugt eine Fülle von Schriften, fatwās (Fatwas)8 und religiösen Diskursen, die sich über viele Jahrhunderte kontinuierlich angesammelt hat und einen eigenständigen ideologischen, normativen und dogmatischen Ansatz widerspiegelt. Die Bewegung des Neo-Salafismus ist hingegen ein typisches Kind der Moderne. Ihre Triebe sprießen aus den Sehnsüchten der arabischen Bevölkerung und haben tiefgreifende politische, soziale und kulturelle Konsequenzen zur Folge (Abu Rumman 2014: 27).
[36]Im vorliegenden Kapitel werde ich zunächst einen groben Abriss zur Begriffsgeschichte des Terminus Salafismus geben und demonstrieren, warum dieser Schritt für unser Vorhaben relevant ist. Daran anschließend werde ich die Schwierigkeiten aufzeigen, welche mit der Definition dieses Begriffs einhergehen. Im dritten Schritt werde ich mich darauf fokussieren, wie sich Salafisten in Deutschland selbst definieren. Auf der Basis dieser Begriffsannäherung werde ich dafür argumentieren, dass die in Forschungskreisen weit verbreitete dreiteilige Klassifizierung des Salafismus nach ihrer vorrangig entweder missionarischen, dschihadistischen oder politischen Ausrichtung im Kontext westlicher Lebensrealitäten (in diesem Fall in Deutschland) wenig hilfreich erscheint. Stattdessen schlage ich eine alternative Einteilung vor, welche die mentalen Konzepte des Salafismus im westlichen Kontext realistischer abbildet.
2.2 Historische Perspektive
Im Folgenden fragen wir: Aus welchen Narrativen wurde der historische Salafismus konstruiert? Wie konnten sich diese Narrative durch die gesamte islamische Ideengeschichte hindurch bis ins 21. Jahrhundert behaupten? In welchen historischen Epochen konnte sich der Salafismus in besonderer Weise entfalten?
Die Herkunft des Begriffs Salafismus wird unter Islam- und Religionswissenschaftlern kontrovers diskutiert (über weitere Streitigkeiten bezüglich des Begriffs unter Gelehrten siehe Nafi 2014 auf Arabisch und Lauzière 2010 auf Englisch). Freilich liegt es mir im Rahmen dieser praktisch orientierten Studie fern, eine theoretisch fundierte historische Kontinuität dieses Begriffes zu postulieren und nachzuweisen. Ziel meiner Darstellung ist es vielmehr, einige besonders prägende historische Konzepte und Vordenker dieser Denkschule zu charakterisieren, welchen ich während meiner Feldforschung immer wieder in Befragungen und Freitagspredigen begegnete und die also im gelebten Alltag des Salafismus in Deutschland präsent sind. Mir geht es in erster Linie darum, dem interessierten Laien einen stringenten Überblick über ideengeschichtlich einflussreiche Terminologien und Persönlichkeiten zu geben, welche in bestimmten Epochen zu beobachten sind und einen wichtigen Referenzrahmen für die Narrative des modernen Salafismus bilden. Diese wiederum wirken sich unmittelbar auf weltanschauliche Haltungen, religiöse Einstellungen und den Lebensalltag ihrer Anhänger und deren Umfeld aus.
[37]
2.3 Die sunnitischen Traditionalisten
Das Derivat Salafīya ist von der Wortwurzel salaf abgeleitet. Laut Basheer Nafi, einem der renommiertesten arabischen Historiker im Bereich der islamischen Geistesgeschichte und ihrer prägenden Bewegungen, entstand die Verklärung der salaf (als salaf werden im sunnitischen Islam die ersten drei Generationen des Islam bezeichnet, siehe Abschnitt 2.5) im Zuge eines heftigen theologischen Richtungsstreits in der Formierungsphase des Islam zwischen der sogenannten Muʿtazilā, einer zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert n. Chr. einflussreichen, an einem rationalen Verständnis der religiösen Texte orientierten geistigen Bewegung, und den ahl al-ḥadīṯ, den auf die Sunna des Propheten (die Hadithe/Prophetenüberlieferungen) fokussierten Traditionalisten, welche sich vehement gegen die aus ihrer Perspektive drohende Vergeistigung der islamischen Lehre zur Wehr setzten (Nafi 2014: 15). Stark vereinfacht gesagt interpretierten die Anhänger der Muʿtazilā den Wortlaut der Offenbarungstexte mittels rationaler Messinstrumente und Methoden (Imara 1994: 11). Demgegenüber räumten die ahl al-ḥadīṯ dem Wortlaut der Offenbarungsquellen – dem Koran und den Hadithen – eindeutige Priorität gegenüber anderen Texten bzw. rationalen Erwägungen ein (Imara 1994: 21).
Im 9. Jahrhundert n. Chr. war Ahmad Ibn Hanbal (gest. 855 n. Chr., zum Leben und Wirken Ibn Hanbals siehe Schneiders 2014) der vielleicht herausragendste Verfechter dieser minimalistischen Textdeutung, welche sich im Wesentlichen auf die tradierten Aussagen der salaf stützt (Imara 1994: 12; Nafi 2014). In den Reihen der Traditionalisten genießt Ahmad Ibn Hanbal einen märtyrerhaften Heldenstatus, da er die durch die abbasidische Herrschaft9 protegierten Spekulationen der Muʿtazilā über die Erschaffenheit des Koran und ihre Negierung der göttlichen Attribute trotz massiver Einschüchterungsversuche ablehnte und sich dabei auf die Auslegung des Koran und der Sunna des Propheten durch die salaf berief und umgekehrt jede Form des Zuwiderhandelns und Denkens gegen das Islamverständnis der salaf als gefährliche häretische Neuerung (bidʿa) brandmarkte. In dem Theologiestreit, aus dem letztlich das traditionsorientierte Sunnitentum als Sieger hervorging, profilierten sich die ahl al-ḥadīṯ mit ihrer textbezogenen, puristischen und asketischen Haltung als die Bewahrer der unverfälschten Lehre der salaf, während sie die Anhänger der Muʿtazilā als ahl al-bidaʿ, also als von [38]diesem Weg in gefährlicher Weise abgewichene „Sekte“, abwerteten (Nafi 2014: 16).
Indes muss angemerkt werden, dass manche Forscher die inhaltliche Verbindung zwischen Taqi ad-Din Ahmad Ibn Taimiya10 und dem Gedankengut des Neo-Salafismus als fraglich betrachten und Ibn Taimiya als eher progressiven Denker beurteilen, den die auf Simplizität gründende Lehre des modernen Salafismus selektiv und verzerrt darstellt. Dazu gehört Muhammad Imara, ein profilierter zeitgenössischer muslimischer Intellektueller, der besonders die Tendenz des modernen Salafismus zum takfīr, d. h. der Aberkennung des islamischen Glaubens aufgrund bestimmter abweichender Glaubensüberzeugungen, als Fehlverständnis von Ibn Taimiyas Schriften betrachtet. In Wahrheit habe Ibn Taimiya sogar vor unüberlegtem takfīr gewarnt. Er habe Meinungsverschiedenheiten in weiterführenden Angelegenheiten theologischer und juristischer Natur als das Resultat von rationalen Erwägungen der Gelehrten gesehen. Die Berechtigung zum Aussprechen des takfīr erfordere dagegen zwingend einen unzweideutigen Textbeweis auf Basis des religiösen Rechts, der Scharia.
Ein solcher Textbeweis existiere aus Ibn Taimiyas Perspektive jedoch schlicht und ergreifend nicht, weshalb er explizit die Aberkennung des Glaubens jeder Person ablehnt, welche die Schahada (aš-šahāda) ausgesprochen hat. Die unter den Gelehrten umstrittenen Fragen drehten sich nicht um die elementaren Glaubensgrundsätze oder die Säulen der Glaubenspraxis, welche in den Offenbarungsschriften unzweideutig und verbindlich (qaṭʿīya ad-dalāla) festgelegt seien. Die Zuweisung des Unglaubens (kufr) sei ein schwerwiegendes rechtliches Urteil (ḥukm šarʿī) und könne nur durch einen unzweideutigen Beweis aus den Offenbarungstexten oder durch eine eng am Text orientierte Schlussfolgerung aus einem solchen Text getroffen werden. Persönliche Erwägungen (iǧtihād) religiöser Autoritäten seien in dieser Frage irrelevant.
Aus dieser Argumentation lasse sich wiederum indirekt ablesen, dass Ibn Taimiya das Urteil des takfīr sowohl in Bezug auf Individuen als auch auf islamische Gruppierungen ablehnt, solange deren Unglaube nicht auf der Hand liegt oder nicht von den Beschuldigten selbst bezeugt wird. Hinsichtlich der Spannung zwischen polemischer Schärfe und abmildernder Relativierung bewegt sich Ibn Taimiyas Argumentation [39]hier absolut im Rahmen der zeitgenössischen ideologischen Debatten innerhalb des Sunnitentums.
Interessanterweise erfuhren Ibn Taimiya und sein wissenschaftliches Erbe nach Ansicht mancher Experten vor dem Ausbruch des Ibn Taimiya-Booms in der Moderne, der auch durch den Neo-Salafismus mitausgelöst wurde, in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod ein eher verhaltenes Echo. Nafi begründet das wohl zu Recht damit, dass Ibn Taimiyas Visionen an der Dominanz der scholastischen Rechtsschulen und der Sufi-Bruderschaften im 14. Jahrhundert abprallten und somit in den ersten drei Jahrhunderten nach seinem Tod auf keine nennenswerte Resonanz stießen oder gar als exotische Außenseiterposition belächelt wurden. Zwar gab es immer wieder Versuche der Wiederbelebung seiner Thesen, allerdings handelte es sich dabei stets um das Engagement Einzelner, das sich nicht zu einer einflussreichen Denkschule auswachsen konnte (Nafi 2014: 20).
2.4 Muhammad Ibn Abd al-Wahhab
Im 18. und 19. Jahrhundert traten im Zuge gewaltiger zeitgeschichtlicher Umwälzungen in der islamischen Welt bedeutende religiöse Erneuerer auf, welche dem Salafismus den Weg in die Moderne weisen sollten. Die wohl berühmteste, gleichwohl berüchtigtste Figur dieser Epoche ist Muhammad Ibn Abd al-Wahhab (gest. 1799 n. Chr.). Laut Muhammad Imara öffnete die geistige Erstarrung des verbreiteten Volksislam (einschließlich Heiligenverehrung und Reliquienkult) im Osmanischen Reich, das über sechs Jahrhunderte lang bestand (1299–1923) und über weite Teile der arabischen und islamischen Welt herrschte, dem europäischen Kolonialismus seine Pforten. Am Vorabend seines Untergangs war das schwächelnde Vielvölkerreich von den europäischen Mächten als ‚kranker Mann am Bosporus‘ bezeichnet worden.
Der erste große Schock für die islamische Welt war die militärische Unternehmung der Franzosen unter dem Kommando Napoleon Bonapartes in Ägypten in den Jahren 1798 bis 1801. Diesem Trauma folgte die Expansion der europäischen Kolonialmächte, die im Zeitraum von 1830 bis 1920 um die Aufteilung des riesigen Osmanischen Reichs rangen und verhandelten, welches weite Teile der östlichen und westlichen arabischsprachigen Welt einschloss. Während die heutigen Maghreb-Staaten unter französische Kolonialherrschaft fielen (Algerien 1830, Tunesien 1881), besetzte das britische Empire Aden im heutigen Jemen (1839), Ägypten (1882) und den Sudan (1898). Italien verleibte sich wiederum 1912 Libyen ein. 1916 teilten Frankreich und Großbritannien [40](mit Zusicherung des russischen Zarenreichs, das ein Jahr später selbst von der bolschewistischen Revolution blutig hinweggefegt werden sollte) in dem Geheimabkommen von Sykes und Picot das Erbe des Osmanischen Reichs unter sich auf und bereiteten somit das baldige Ende des Ersten Weltkriegs vor. Frankreich usurpierte Syrien und den Libanon, Großbritannien Palästina und Jordanien.
Im Zuge dieser tiefgreifenden politischen und sozioökonomischen Umbrüche erschienen diverse arabische Erweckungsbewegungen, welche von der Hoffnung auf die Wiedererlangung der arabischen Dominanz über den Islam beseelt waren11 und die Rückbesinnung auf die Fundamente der islamischen Lehre propagierten, dabei jedoch sehr unterschiedliche Ansätze verfolgten. Die bekanntesten Köpfe dieser Bewegungen sind der bereits erwähnte Ibn Abd al-Wahhab, Jamal ad-Din al-Afghani (gest. 1897) und Muhammad Abduh (gest. 1935) (Imara 1994: 20f.).
Die drei Letztgenannten verbanden mit dem Begriff Salafismus die Rückbesinnung auf das geistige Erbe und die Fundamente des Islam im Lichte der Moderne und in Übereinstimmung mit der Wissenschaft und der Vernunft, während die Spielart Ibn Abd al-Wahhabs die Rückbesinnung auf die salaf im Sinne der ahl al-ḥadīṯ bzw. der ahl as-sunna wa-l-ǧamāʿa, also der sunnitischen Traditionalisten, verstand. Im Rahmen dieses Buches interessiert uns die Entstehung der wahhabitischsalafistischen Bewegung unter der Federführung Ibn Abd al-Wahhabs, deren Entstehungskontext bis heute wesentliche Narrative salafistischer Bewegungen prägt, nicht zuletzt auch in Deutschland. Ibn Abd al-Wahhab und seine Anhänger beriefen sich auf die beinahe der Vergessenheit anheimgefallenen Schriften Ibn Taimiyas und belebten die in der gesamten islamischen Welt kaum noch praktizierte ḥanbalitische Rechtsschule unter neuen Vorzeichen wieder.12
Wie der marokkanische Intellektuelle Muhammad Abed al-Jabri zeigt, zeugen die Inhalte der wahhabitischen Ideologie durch und durch von einer theokratischen Mission.13 Die Bewegung der Wahhābīya verschrieb sich der Bekämpfung der wuchernden bidaʿ (häretischer Glaubenskonzepte und Praktiken), welche ihrer Meinung nach die reine [41]monotheistische Glaubenslehre durch Heiligenverehrung korrumpiert und die Gläubigen an den Rand des Polytheismus (širk) getrieben hätten.
In der rigorosen Auslegung der Bewegung Ibn Abd al-Wahhabs schließt dies z. B. das Bündnis mit weltlichen Vertragspartnern, die Invokation Gottes mittels des Propheten oder eines (meist verstorbenen) spirituellen Meisters als Medium (tawassul), den Besuch von Gräbern und Grabmälern für den Segenserwerb (tabarruk) sowie den Glauben an unheilvolle magische Kräfte und ihre Gegenmittel (siḥr) oder an die Beschwörung von Dschinnen (Feuergeistern) zur Heilung von Epilepsiekranken ein (al-Jabri 2003). Die Thesen Ibn Abd al-Wahhabs sind als unverhohlener Frontalangriff auf den innerislamischen Feind der sunnitischen Traditionalisten zu bewerten, nämlich die im Osmanischen Reich weit verbreiteten Sufi-Bruderschaften, welche sowohl spirituell und gesellschaftlich als auch politisch über enormen Einfluss verfügten (mehr Informationen zu diesem Konflikt unter 5.3). Darüber hinaus wurde auch von Abd al-Wahhab bereits ein fanatischer Kampf gegen das Schiitentum ausgerufen, was unter anderen zur Zerstörung der wichtigen Pilgerstätte von Kerbela im Jahr 1802 führte. Bis heute werden die Schiiten in der Ostprovinz Saudi-Arabiens brutal verfolgt und unterdrückt (siehe z. B. Wilcke 2009).
Das strategische Bündnis zwischen der beduinischen Monarchie der Familie Saud und den religiösen Eiferern der Wahhābīya ermöglichte es der wahhabitischen Bewegung bald, den saudischen Staat und seine Institutionen als eine mächtige Operationsbasis zur Verbreitung der wahhabitischen Lehre in der gesamten Welt zu nutzen. Diese Entwicklung wurde über den Ölboom hinaus durch weitere Faktoren begünstigt. So konnte sich Saudi-Arabien in den 1970er Jahren als Zufluchtsort für verfolgte Verfechter des politischen Islam profilieren, die vor allem aus Syrien und Ägypten kamen. Diese konnten dort in der religiösen und staatlichen Hierarchie schnell aufsteigen und nutzten die politische Protektion und Alimentierung durch den saudischen Staat zur aktiven Verbreitung ihrer sendungsbewussten Ideologie in die gesamte islamische Welt und bis hin nach Europa weidlich aus (Nafi 2014: 27f.).
In der Folge der schiitischen Revolution im Iran (1979), die im strikt sunnitischen Saudi-Arabien als Gefahr wahrgenommen wurde, öffnete das Königreich in den 1980er Jahren tausenden religiös ambitionierten, jungen Muslimen, insbesondere aus der arabischen Welt, die Tore für das Studium der Religion, wodurch der gerade erst wieder entbrannte Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten weiter befeuert wurde. Gleichzeitig begann das Königreich, zehntausende von Büchern der salafistischen Denkschule – darunter sämtliche Schriften Ibn Abd al-Wahhabs [42]und Ibn Taimiyas – in der arabischen und islamischen Welt kostenlos oder weit unter Wert zu vertreiben (Nafi 2014: 29) und finanzierte verschiedene Werbeaktivitäten für die wahhabitische Agenda auf internationaler Ebene, nicht zuletzt auch Fatwa-Sammlungen und Schriften der umstrittenen Großmuftis Abd al-Aziz Ibn Baz und Muhammad Ibn Salih Ibn al-Uthaymin (gest. 2001) (siehe z. B. von Delong-Bas 2004).
Der lange Arm der saudischen Unterstützung reicht zweifellos bis nach Deutschland. Im Rahmen meiner Feldforschung gelangte ich an reichhaltiges salafistisches Werbematerial (Bücher, Broschüren und CDs), das in Saudi-Arabien veröffentlicht oder dessen Druck und Veröffentlichung von Saudi-Arabien aktiv unterstützt wird. Es muss nicht erwähnt werden, dass die Globalisierung und moderne Social-Media-Kanäle wie Facebook oder WhatsApp der salafistischen Mission weiteren Vorschub leisten. So wurden ca. zwei Drittel der Predigten, welche ich verfolgen konnte, wortwörtlich von saudischen Internetseiten übernommen, die auf die Mission (daʿwa) ausgerichtet sind und direkt von Saudi-Arabien aus kontrolliert werden. An dieser Stelle sei erwähnt, dass der deutsche Konvertit Pierre Vogel (geb. 1978), eine Ikone der salafistischen Bewegung in Deutschland vor allem für junge, in Deutschland geborene Muslime, in der Umm-al-Qurā-Universität in Mekka in Saudi-Arabien studierte (Wiedl 2014: 192; Lindow 2014). Auch in meinen Befragungen vertrauten mir einige junge Salafisten, insbesondere Konvertiten, ihr Vorhaben an, für einige Zeit zum Studium der arabischen Sprache und des Islam nach Saudi-Arabien reisen zu wollen.
2.5 Wer sind die Salafisten? ‚Die errettete Gruppe‘
Wie ich in Kürze aufzeigen werde, sind die Etymologie des Begriffs Salafismus und seine historische Entwicklung unter Forschern umstritten. Darüber hinaus gibt es aber auch eine innersunnitische Debatte über die Frage, was ein salafī ist und wodurch er sich auszeichnet. Denn durch den schlechten Ruf der salafistischen Ideologie auch innerhalb des sunnitischen Mainstreams hat der im Sunnitentum ursprünglich ausschließlich positiv konnotierte Begriff salaf heute mit einem negativen Image zu kämpfen. Meine Feldforschung führte mich auch zu muslimischen Akteuren außerhalb des salafistischen Spektrums. Einige von ihnen beklagten den negativen Beiklang des Wortes Salafismus seitens vieler Akademiker, Journalisten und Politiker. Der Begriff salaf sei von den Anhängern der Neo-Salafīya, die keinerlei Gemeinsamkeiten mit den historischen salaf aufweise, gekapert worden.
[43]In diesem Zusammenhang meinte z. B. Ayman, ein hoher Funktionär in einer arabischen Moschee, in einem Interview im Dezember 2016, dass der Begriff Salafismus in den deutschen Medien sehr negativ besetzt sei und nicht zuletzt von den Salafisten selbst in bewusster Verzerrung der islamischen Geschichte missbräuchlich verwendet werde. In Wahrheit seien die ehrenwerten salaf für jeden Muslim Vorbilder, denen er sich emotional verbunden fühle. Die Neo-Salafismus habe dem Begriff eine politisierende und ideologische Semantik in religiösem Gewand übergestülpt. Daraus ergibt sich seiner Ansicht nach die dringende Notwendigkeit, den heute verwaschenen Begriff mit einer klaren Neudefinition zu versehen.
Die Anmerkungen von Ayman spielen auch auf die Unschärfe der Gruppenbezeichnung salafiyūn (Salafisten) innerhalb der akademischen Landschaft im Zusammenhang mit der Moderne an. Morphologisch ist sa-la-f-ī-ya ein Derivat der Verbform sa-la-fa, was entsprechend dem klassischen Lexikon al-Muʿǧam al-Wāsiṭ (2004: 443) in etwa mit ‚vorübergehen‘ oder ‚vergehen‘ übersetzt werden kann. Terminologisch steht salaf in seinem islamischen Gebrauch für die ersten drei Generationen des Islam, welche mit der Generation des Propheten, dessen Berufungserlebnis um 610 n. Chr. datiert wird, und seinen Gefährten beginnen und mit dem Tod von Ahmad Ibn Hanbal enden (Haykel 2009: 39).
Die Eigenbezeichnung Salafismus soll auf Ibn Taimiya zurückgehen. Die oben angesprochene Unschärfe des akademischen Diskurses über den Begriff rührt daher, dass er seit dem 19. Jahrhundert als Eigen- oder Fremdbezeichnung verschiedene Erneuerungsbewegungen beschreibt, die zum Teil modernistisch-progressiv, zum Teil antimodernistischregressiv ausgerichtet sind und sich auf der einen Seite voneinander distanzieren, auf der anderen Seite aber auch gegenseitig beeinflusst haben.
Der Streit um die Terminologie soll uns im Folgenden nicht mehr weiter beschäftigen. Stattdessen werde ich nun – unter Zuhilfenahme von Interviews in vom Verfassungsschutz beobachteten Moscheen – verschiedene Akteure der neo-salafistischen Bewegung in Deutschland zu Wort kommen und über ihr eigenes Verständnis des Salafismus sprechen lassen.
Ich beginne mit Suhail, einem in einer Moschee aktiven Salafisten Anfang 30, der mir in einem Interview im Oktober 2016 sein Verständnis von Salafīya wie folgt darlegte: „ Salaf steht für die Vergangenheit. Die Salafisten (as-salafiyūn) verstehen den Koran und die Sunna, wie sie die Prophetengefährten verstanden haben, d. h. das Konzept des Salafismus versteht den Koran und die Sunna im Sinne der Prophetengefährten.“ [44]Ein weiterer Aktivist namens Samir, der vor 20 Jahren zum Studium nach Deutschland eingewandert ist und heute als Angestellter in einer Firma arbeitet, meint, dass der Prophet Muhammad in einem Hadith gesagt habe: „Die besten Menschen sind meine Generation, dann die, die ihr folgen, dann die, die dieser folgen“ (Khoury 2008, 4: 37). Die „beste Generation“ spielt natürlich auf die Prophetengefährten an, welche alle sunnitischen Muslime als Vorbilder sehen. Diese werden als ṣaḥāba oder aṣḥāb bezeichnet, die ihr folgende Generation als die Generation der tābiʿūn (‚die Nachfolgenden‘) und die daran anschließende Generation folgerichtig als die tābiʿū at-tābiʿīn (‚die den Nachfolgenden Nachfolgenden‘). Diese drei Generationen verkörpern nach der allgemeinen sunnitischen Lehre das nachahmenswerte Muster eines unkomplizierten und aufrichtig gelebten Islam.
Trotz der einhelligen Auffassung der Salafisten, dass die salaf – und nicht die Rechtsgelehrten und Theologen der scholastischen Tradition – den Denk- und Handlungsrahmen des wahren Islam vorgeben, verwahren sich die meisten Salafisten gegen die Eigenbezeichnung salafī, denn der Begriff sei durch die Medien und die Politik kontaminiert worden, „um Unruhe in die Reihen der Muslime zu bringen (iḥdāṯ al-fitna), [was dazu führt], dass sich selbst die Muslime [aufgrund dieses Begriffs] untereinander bekämpfen“, wie Raschid, ein salafistisch orientierter Konvertit in Nürnberg, in einem Interview im Winter 2016 bedauerte. Amjad, der in einer salafistischen Moschee predigt und bei der Koranverteilungsaktion Lies mitwirkte, antwortete auf meine Frage, ob er sich selbst als Salafist bzw. salafī sehe, in folgender Weise:
Wir bezeichnen uns ausschließlich als Muslime. Ich bin ein Muslim [sonst nichts], [denn] ich glaube an den Koran, den Gesandten Muhammad und dass er Gottes Gesandter ist, und dass die besten Leitfiguren (aʾimma) die Gefährten des Propheten Abu Bakr, Omar, Ali, Uthman und Abu Hurairah14 sind. Ich glaube [45][fest daran], dass diese Menschen die besten Leitfiguren waren. Das ist meine Definition von Muslim. Ich bin der Überzeugung, dass sich die Religion nicht verändert. Das heißt, der Gesandte brachte die Religion, also möchte ich die Religion vom Gesandten nehmen und keine Veränderung einbringen […]. Im Koran (Sure 5, Vers 3) heißt es: „Heute habe ich euch eure Religion vollständig gemacht und meine Gnade an euch vollendet und habe daran Gefallen, dass der Islam eure Religion ist“. Das heißt [doch], dass die Religion wunderbar ist und nicht die geringste Veränderung braucht, denn die Religion kam vollkommen [d. h. als abgeschlossene Lehre] [...]. Was die Presse und die Leute sagen, ist nicht von Belang.
Die Bezeichnung ‚Salafist‘ leidet in der deutschen Gesellschaft zweifellos unter einem miserablen Ruf, allerdings glaube ich nicht, dass dies der Hauptgrund für die Opposition vieler Salafisten gegen die Eigenbezeichnung als solche ist. Ich sehe drei andere Aspekte als die wesentlichen Ursachen für die Vorsicht im Umgang mit diesem Begriff: Erstens gibt es in Bayern keine einheitliche und organisierte salafistische Vereinigung, was wir im Abschnitt 3.5.2 ausführlich diskutieren werden. Zweitens ist diese Eigenbezeichnung angesichts der recht rigiden Null-Toleranz-Politik der bayerischen Sicherheitsbehörden, insbesondere des Verfassungsschutzes, nicht gerade opportun. Nicht wenige der aktiven Anhänger der Bewegung wurden bereits von den Sicherheitsbehörden ins Visier genommen und mussten Ermittlungen über sich ergehen lassen. Zahlreiche Salafisten, ob in München, Nürnberg, Regensburg oder Bayreuth, klagen über ihre äußerst negativen Erfahrungen mit den Sicherheitsbehörden und insbesondere mit dem Verfassungsschutz. Drittens hat sich der Begriff selbst unter den Muslimen – zumal durch die Gewaltherrschaft des selbst ernannten Islamischen Staates – zu einem Synonym für Extremismus und Terrorismus entwickelt und ist in den meisten Medien weltweit negativ konnotiert. Das Vermeiden der Selbstzuschreibung salafī ist also in erster Linie als taktisches Manöver für die muslimische Diaspora-Gemeinschaft, die Hauptzielgruppe der salafistischen Agenda, zu sehen und soll die Botschaft vermitteln: Wir sind Muslime wie ihr, weder sind wir anders als ihr noch sind wir eine Gefahr, von der man sich fernhalten müsste, ganz im Gegenteil, wir sind [46]ein elementarer Bestandteil des Islam oder besser gesagt die aufrichtigsten Repräsentanten eurer Religion.
Daher neigen die Anhänger des Salafismus zu anderen Selbstbezeichnungen und Beschreibungen wie ‚die [von Gott] unterstützte Gruppe‘ (aṭ-ṭāʾifa al-manṣūra), ‚der Leute der Sunna und der Gemeinschaft‘ (ahl as-sunna wa-l-ǧamāʿa), ‚die Anhänger des Hadith‘ (ahl-al-ḥadīṯ), die ‚errettete Gruppe‘ (al-firqa an-nāǧiya) oder schlicht ‚die Gemeinschaft‘ (al-ǧamāʿa), die mir während meiner Feldforschung sowohl in den Interviews als auch in den Freitagspredigten immer wieder begegneten. Auf Grundlage dieser Beobachtung lässt sich sagen, dass diese Termini, welche zum einen die treue Gefolgschaft gegenüber dem Propheten in Tun und Handeln und zum anderen die scharfe Abgrenzung von allen anderen Muslimen zum Ausdruck bringen – geschweige denn Andersgläubigen –, als Synonyme für salafī stehen.
In diesem Sinne beantwortete Bader, ein umtriebiger Aktivist, der in den 90er Jahren nach Deutschland einwanderte und mit einer deutschen Islam-Konvertitin verheiratet ist, auf meine Frage, ob er sich selbst als Salafist definiere, diplomatisch: „Ich bin kein Salafist, aber wer möchte nicht unbedingt dem Gesandten und seinen Gefährten folgen und mit ihnen [am Jüngsten Tag] versammelt werden?“ Dabei bediente er sich einem in salafistischen Kreisen zentralen Hadith, „[das besagt], dass der Prophet uns mitgeteilt hat, dass sich diese Umma (Gemeinschaft) in über 70 Gruppierungen aufspalten wird, die alle im Feuer sind, außer eine einzige, und das ist die errettete Gruppe, welche sich nach den Hadithen des Propheten ausrichtet. Es ist meine Pflicht, zu dieser Gruppe gehören.“ Abd al-Rahman, ein Muslim der zweiten Generation mit tunesischem Vater und deutscher Mutter, den ich im April 2016 in München befragt habe, stimmt in der Sache mit Bilals Meinung überein, er definiert die ‚errettete Gruppe‘ (al-firqa an-nāǧiya) jedoch doktrinär zutreffender als das ‚Konzept (manhaǧ) der ahl as-sunna wa-l-ǧamāʿa.‘ Das impliziert, dass jeder, der diesem ‚Konzept‘ zuwiderhandelt und sich ‚der Gemeinschaft‘ (al-ǧamāʿa) widersetzt, vom Weg der Sunna, der als einziger zum (vollen) Seelenheil führt, abgewichen ist und sich in den Irrungen abweichender Lehren verfangen hat.
Die Frage, wer am Jüngsten Tag zur ‚erretteten Gruppe‘ gehören wird, wurde in den sunnitischen Häresiologien ausführlich behandelt und wird auch von den Salafisten selbst kontrovers beantwortet. Die Benutzung des Idioms ‚errettete Gruppe‘ erfüllt selbst in den internen Diskursen der Salafisten die Funktion, den ideologischen Rivalen zu delegitimieren. Die missionarisch orientierte Salafismus schließt auf der Basis dieses Hadiths neben Andersgläubigen ‚nur‘ nichtsunnitische [47]Muslime wie die Schiiten oder die Anhänger der Muʿtazilā vom Heil aus. Nach schärferen Auslegungen gehören selbst die bis heute in der islamischen Welt dominierenden sunnitischen Mainstream-Theologiesysteme der Ašʿarīya und Māturīdīya und ihre Anhänger nicht zum erlesenen Kreis der ‚erretteten Gruppe‘.
Noch einen Schritt weiter geht die dschihadistische Salafismus, der ‚militaristische Flügel‘, welcher den Dschihad als Selbstzweck und höchstes religiöses Gut betrachtet. Die Dschihadisten knüpfen die ‚Errettung‘ nicht nur an die Verinnerlichung des ‚richtigen‘ Verständnisses des Monotheismus, sondern auch an dessen praktische Umsetzung einschließlich der Etablierung des islamischen Gesetzes auf Erden, der Bereitschaft zur Beteiligung am Dschihad und der bewaffneten Verteidigung der Muslime in der Konfrontation mit einer Fremdherrschaft (Abu Rumman 2014: 53f.). Für die Dschihadisten ist also die Kombination aus Ideologie und ihrer aktiven Umsetzung im realen Leben, notfalls auch mit Gewalt, eine Glaubensvoraussetzung.
Eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Sektenhadith würde das Ziel dieser Arbeit verfehlen. Es erscheint mir jedoch lohnenswert, einige Aspekte dieses Hadiths zu beleuchten. Der Sektenhadith existiert in zahlreichen verschiedenen Versionen. Eine bekannte Form des Hadiths lautet: „ Die Juden haben sich in zweiundsiebzig Gruppen geteilt. Die Christen haben sich in zweiundsiebzig Gruppen gespalten. Und meine Gemeinschaft spaltet sich in dreiundsiebzig Gruppen“. In einer wird hinzugefügt: „Zweiundsiebzig davon befinden sich im Feuer, und eine im Paradies. Diese ist die (in der Lehre) übereinstimmende Gemeinde“ (Khoury 2008, 1: 58). Nach einer weiteren Variante wollen die Anwesenden daraufhin genauer wissen, wer die „eine Gruppe“ sein wird, woraufhin der Prophet ergänzt: „Es ist die Gemeinschaft (al-ǧamāʿa), die Hand Gottes ist über der Gemeinschaft!“ Laut einer anderen Version wird der Prophet gefragt: „Oh Gesandter Gottes, wer sind die [Angehörigen der] erretteten Gruppe?“ Er antwortete: „Wer auf einem ähnlichen [Weg] wie ich und meine Gefährten sein wird“ (Abu Rumman 2014: 52).
Die Authentizität des Sektenhadiths ist gemäß der Kriterien der traditionellen ahl-al-ḥadīṯ nicht unumstritten.15 Dies ist insofern bemer-[48]kenswert, weil der Neo-Salafismus hier einen Hadith als zentrales Narrativ seiner Glaubenslehre etabliert hat, der selbst in der ahl al-ḥadīṯ-Tradition mit einer gewissen Skepsis gesehen wurde. Diese frappierende Inkonsequenz scheint auf die Motivation zurückzugehen, mittels dieses Hadithkomplexes andere islamische Gruppen aus der islamischen Glaubensgemeinschaft ausschließen zu können.
Wenig überraschend zweifeln muslimische Intellektuelle wie Muhammad Imara oder Hasan Hanafi an der Authentizität des Hadiths. Letzterer hebt hervor, dass der häufig von Salafisten geäußerte takfīr, d. h. die Aberkennung des Glaubens anderer muslimischer Gruppen, auf besagtem Hadith als wesentlichem Textbeweis gründet. Dabei handle es sich um einen Hadith, dessen Authentizität zweifelhaft sei und der darüber hinaus nicht in ausreichendem Umfang (mutawātir) tradiert wurde. Den innerislamischen Diskurs aufgreifend, fragt er: „Wie kann es sein, dass die iǧtihādāt (d. h. die durch rationale Erwägungen von Gelehrten gewonnenen Auslegungen) der Gemeinschaft der Muslime alle dem Irrtum obliegen?“ Und Hasan Hanafi (2007) fährt mit folgenden Worten fort:
Die unterschiedlichen Textvarianten weisen auf eine geringe Authentizität hin. Sie schwanken zwischen [den Gegensatzpaaren der Bedeutungsebenen] allgemein (ʿām) bzw. spezifisch (ḫāṣṣ) sowie locker/ungebunden (muṭlaq) bzw. eingegrenzt (muqayyad). Der Hadith mag in seiner groben Bedeutung zunächst authentisch sein, die Angabe einer spezifischen und eingrenzenden Zahl der dem Untergang geweihten Gruppierungen bzw. die explizite Bestimmung der „erretteten Gruppe“ ruft [49]jedoch Zweifel hervor. [Der Kern des Hadith] besagt [nur], dass sich die Juden in 71, die Christen in 72 und die Muslime in 73 Gruppen spalten. Hier scheint es sich um eine Konstante des [menschlichen] Seins (sunan al-kaun) zu handeln bzw. um die Evolution und den Fortlauf der Geschichte.16
Wie dem auch sei – wir können die Schlussfolgerung ziehen, dass das hochproblematische Narrativ der ‚erretteten Gruppe‘ gleichermaßen auf die Selbsterhöhung der eigenen bzw. die Herabwürdigung und Exklusion anderer Gruppen abzielt. Letztere schließen neben den Religionen der kuffār (Ungläubigen), zu denen Sunniten salafistischer Orientierung auch das Christentum und Judentum zählen, auch – und darauf kommt es den salafistischen Apologeten im innerislamischen Diskurs an – muslimische Gruppen mit anderen religiösen Vorstellungen ein (Schiiten, Sufis usw.). Die Qualifikation, aus der sich das Überlegenheitsgefühl speist, besteht einzig und allein in der ideologischen Zugehörigkeit zur ‚erretteten Gruppe‘, unabhängig von persönlichen Leistungen, der moralischen Integrität, ja selbst von den religiösen Handlungen.
Dies kann als ein wesentlicher Grund für die immer wieder zu beobachtende Anfälligkeit armer und marginalisierter Einzelpersonen und gesellschaftlicher Gruppen für die salafistische Ideologie in vielen islamischen Gesellschaften gesehen werden. In den salafistischen Predigen werden gesellschaftliche Außenseiter immer wieder mit dem koranischen Motiv getröstet, dass irdischer Reichtum (ob in Form von Ansehen, gesellschaftlichem Rang, Reichtum oder auch weltlichem Wissen) vergänglich sei und dass Gott ihm keinerlei Wert beimesse, dagegen aber die Befolgung des salafistischen Pfades als eine hohe, heilige Mission zur Verbreitung der islamischen Lehre auserkoren habe. Am Ende dieses Pfades werden sie dann ins Paradies eingehen, im krassen Gegenteil zum beklagenswerten Rest der Menschheit, welcher in der ewigen Verdammnis der Hölle schmoren wird. Die soziale Komponente des Narrativs der erretteten Gruppe umschreibt Nina Wiedl (2012: 31) wie folgt:
[50]Salafism provides social outcasts with a new dimension of a “holy” and (superior identity that allows them to move from the margins of society to become a member of the “saved sect”, the elite of true believers. People who felt rejected by mainstream society, for example on the grounds of being Turkish or Muslim or simply “different”, now voluntarily embrace a group identity characterized by strong dichotomies between themselves and the “ignorant” other, the “kuffār”, who have to be guided to the truth.
2.6 Der missionarische, der politische und der dschihadistische Salafismus
Wie auf den ersten Seiten dieses Buches bereits deutlich geworden sein sollte, ist der Salafismus keineswegs ein monolithischer ideologischer Block, sondern besteht aus zahlreichen, zum Teil miteinander konkurrierenden Untergruppen. Manche Experten nehmen eine Kategorisierung der Salafismus in drei Hauptströmungen vor, wie z. B. Quintan Wiktorowicz, welche sich dabei an die Theorie der sozialen Bewegungen anlehnen. Gemäß diesem Schema repräsentiert der missionarische Salafismus, welcher sich in erster Linie auf die Verbreitung der religiösen Lehre konzentriert, eine weitgehend unpolitische Ausrichtung des Salafismus. Dagegen möchte der politische Salafismus – wie es der Name schon sagt – seine religiösen Vorstellungen auch auf politischer Ebene verwirklicht wissen. Die dritte und aus sicherheitspolitischer Perspektive gefährlichste Ausrichtung stellt der dschihadistische Salafismus dar, welcher seine Ziele auch mit Gewaltanwendung und terroristischen Mitteln durchsetzen möchte, wie z. B. Al-Qaida (Wiktorowicz 2006: 208).
Abu Rumman ergänzt eine vierte Gruppe, die al-Ǧamʿiya Salafīya. Diese Bezeichnung geht auf einen äthiopischen Gelehrten namens Muhammad Bin Aman al-Jami zurück, der in Saudi-Arabien lebte und wirkte. Er hielt die Bildung politischer Parteien für religiös verboten (ḥarām) und begründete das damit, dass es sich hierbei um eine unzulässige Neuerung (bidʿa) handele. Denn die Gläubigen stünden gegenüber dem muslimischen Befehlshaber in der Gehorsamspflicht und dürften die demokratisch-parlamentarischen Spielregeln einschließlich der Bildung von Parteien und einer Opposition nicht akzeptieren. In der Konsequenz propagieren sie die vollständige Distanzierung von der Politik und politischen Parteien (Abu Rumman 2014: 65).
Diese Dreiteilung wird von einer Forschungsgruppe in dem Sammelband Global Salafism: Islam’s New Religious Movement als inkohärent kritisiert (Meijer 2009). Thomas Hegghammer gibt beispielsweise zu [51]bedenken, dass es ihr an einer klaren inneren Systematik und klaren Definitionen mangelt, abgesehen von Widersprüchen, welche sich bei der Anwendung dieser Theorie auf konkrete Forschungsgegenstände ergeben. Er schlägt eine alternative Einteilung vor, welche sich an einem Geflecht von Ressourcen, angewandten Strategien und mentalen Konzepten orientiert (Hegghammer 2009: 257). Zur Veranschaulichung des Ineinandergreifens dieser drei Kategorien demonstriert Nina Wiedl, dass der sogenannte missionarische Salafismus weit über die bloße Verkündung seiner religiösen Botschaft hinaus in hohem Maße auf die Herstellung bestimmter moralischer Haltungen abzielt, welche wiederum die Haltungen gegenüber der Rolle des islamischen Gesetzes im öffentlichen Raum verändern. In der islamischen Welt führt uns beispielsweise der Staat Saudi-Arabien, der als missionarisch eingestuft wird, mit seiner Instrumentalisierung der salafistischen Doktrin vom Verbot des bürgerlichen Ungehorsams bzw. der Bildung einer Opposition die Reichweite der vermeintlich unpolitischen Botschaft deutlich vor Augen (Wiedl 2012: 12f.).
Ich persönlich neige, gestützt auf meine praktischen Feldforschungserfahrungen, ebenfalls zu der Einschätzung, dass diese dreiteilige Klassifikation im Rahmen einer Studie über die Interaktionen und Wechselwirkungen der Salafisten mit der lokalen Migrantengesellschaft im Westen wenig hilfreich bzw. zu statisch ist. Tatsächlich lassen sich im globalen Maßstab mancherorts mehrere miteinander konkurrierende regionale Ausprägungen des Salafismus entsprechend der bekannten Dreiteilung beobachten. Im ägyptischen Kontext etwa macht eine solche Klassifizierung durchaus Sinn. Dort operiert ein missionarischer Salafismus, welcher nach der Absetzung des Langzeitherrschers Hosni Mubarak durch die Militärs infolge des arabischen Frühlings eine Beteiligung an den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen ablehnte. Weiterhin gibt es dort einen politischen Salafismus, welcher von der rein missionarischen Orientierung Abstand nahm und die Nur-Partei (‚Die Partei des Lichts‘) gründete, welche mit fast 25 Prozent überraschend als zweitstärkste Fraktion ins ägyptische Parlament gewählt wurde (Griffel 2015: 187). Schließlich ist ein dschihadistischer Salafismus auf der Sinai-Halbinsel vertreten, welcher dort einen blutigen Kampf mit den ägyptischen Sicherheitskräften ausficht, in dessen Verlauf bereits mehrere Tausend Todesopfer auf beiden Seiten und unter der Zivilbevölkerung zu beklagen sind.
Die Übertragung solcher regionaler Konstellationen und der in diesen Kontexten verwendeten Terminologien auf westliche Muster ist jedoch höchst problematisch. Zwar sind die verschiedenen salafisti-[52]schen Gruppen auch in Deutschland untereinander tief zerstritten und weit von einer einheitlichen Bewegung entfernt, eine entsprechende Dreiteilung ist jedoch aufgrund der völlig anderen strukturellen Rahmenbedingungen wenig zielführend. Ein grundlegender Unterschied besteht z. B. darin, dass innerhalb des deutschen Islam kein organisierter politischer Flügel des Salafismus existiert. Im Gegenteil, die Salafisten hängen Deutschland und seinem politischen, aber auch seinem gesellschaftlichen System häufig das Prädikat kāfir (‚ungläubig‘) oder daulat aṭ-ṭāġūt (ein Staat, dessen Organe und Gesetze von Menschen bestimmt werden) an. Für sämtliche von mir interviewten Salafisten in Bayern erwachsen aus dieser Haltung klare praktische Konsequenzen. Als gläubiger Muslim habe man sich aus der offiziellen Politik in Deutschland herauszuhalten, und mehr noch, schon die bloße Teilnahme an Wahlen selbst auf lokaler Ebene wird der religiösen Kategorie taḥrīm (‚verboten‘) zugeordnet. Meines Wissens gibt es in Deutschland keine salafistischen Gruppierungen, welche ein politisches Engagement für erlaubt halten, geschweige denn selbst in Erwägung ziehen. Wie mir ein Salafist namens Umar Anfang 2017 in München während einer Befragung zutrug, liegt der Hauptgrund für diese ablehnende Haltung in der Auffassung begründet, dass in Deutschland das göttliche Recht nicht verankert ist.
Auch die häufig verwendeten Bezeichnungen ‚traditioneller Salafismus‘ oder ‚reiner Salafismus‘ halte ich für irreführend, denn sie spiegeln nicht die gesellschaftliche Realität im Kontext westlicher Migrantenmilieus wider. Statt der oben diskutierten Einteilung schlage ich eine schlichte Zweiteilung in einen ‚ideologischen Salafismus‘ und einen ‚dschihadistischen Salafismus‘ vor. Im Folgenden werde ich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die Graubereiche zwischen diesen beiden prinzipiellen Haltungen diskutieren.
2.6.1 Der ideologische Salafismus
Mit dieser Bezeichnung meine ich diejenigen salafistischen Gruppen, welche die Religion als ideologisches Fundament für die Realisierung ihrer politischen Ziele einsetzen. Dies geschieht im Streben nach der Schaffung eines islamischen Systems, in welchem der öffentliche Raum eine stark islamische Prägung erfährt und das islamische Recht zur Anwendung kommt. Mit dieser religiösen Haltung geht in der Regel die Ablehnung der gesellschaftlichen und politischen Institutionen Deutschlands einher, darunter auch das Grundgesetz. Die als ein harmonisches Gebilde dargestellte salafistische Lesart des Islam wird auf Konzepte und Kriterien ausgerichtet, welche eine konfrontative Haltung [53]gegenüber anderen religiösen und gesellschaftlichen Gruppen (abweichende muslimische Strömungen wie Schia oder Sufismus, die deutsche Gesellschaft und ihre Institutionen, die gesamte Welt außerhalb der eng gefassten ‚Gemeinschaft der Sunna‘ – ahl as-sunna wa-l-ǧamāʿa) begründen. Diese Mentalität macht den Salafismus zu einer sektiererischen Bewegung mit einer Ideologie, bei welcher die Ablehnung des Anderen und die vermeintlich buchstabentreue Vermittlung der Inhalte des Koran, der Sunna und der islamischen Frühgeschichte im Zentrum stehen.
Aufgrund meiner persönlichen, während der Feldforschung gesammelten Eindrücke schätze ich, dass viele Salafisten in Bayern dieser Ausrichtung zuzurechnen sind, daher stehen sie im Mittelpunkt dieses Buches. Diesen Schluss lassen meine Befragungen und die Analyse der 30 von mir besuchten Predigten zu. Ohne die spätere Auswertung dieser Predigten vorwegnehmen zu wollen, lässt sich an dieser Stelle bereits sagen, dass die Mehrheit der Predigten entweder direkt hochgradig politische Themen (insbesondere die Kriege in Syrien und dem Irak) oder indirekt allgemeine politische Diskurse wie den ideologischen Kampf zwischen der sunnitischen Welt auf der einen und dem schiitischen Iran und der von ihm protegierten libanesischen Hizbullah auf der anderen Seite aufgreift.
In diesem Licht darf die während meiner Feldforschung demonstrativ geäußerte Ablehnung politischer Partizipation nicht als politische Enthaltsamkeit missinterpretiert werden. Dies wird durch die Tatsache bestärkt, dass sich die salafistischen Prediger keineswegs auf Konflikte unter Muslimen und Konfliktherde in anderen Weltgegenden beschränken, sondern vielmehr auch deutsche Verhältnisse thematisieren. So werden z. B. mit großer Regelmäßigkeit scharfe Breitseiten gegen die Integration oder den Religionsdialog17 (ob zwischen muslimischen Gruppen oder zwischen Muslimen und Andersgläubigen, sofern es sich nicht um Werbeplattformen für die Verbreitung des Islam handelt) abgefeuert. Anderen islamischen oder nicht muslimischen Geisteshaltungen (z. B. Schiitentum, Sufismus, Säkularismus) wird mit offener Ablehnung begegnet. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Aktivitäten und Predigten der Salafisten von einem enormen Sendungsbewusstsein getragen werden und auf sichtbare Veränderungen des öffentlichen Lebens in dieser Gesellschaft abzielen.
[54]In diesem Sinne kann die von mir als ideologischer Salafismus bezeichnete Ausrichtung als Träger der weltweit aktiven salafistischen Mission angesehen werden, welche zielbewusst auf die Verbreitung des Gedankenguts des Salafismus sowohl unter den Muslimen als auch in der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland ausgerichtet ist und ihr ideologisches Zentrum in Saudi-Arabien hat. Nina Wiedl weist darauf hin, dass die salafistische Bewegung sich in Deutschland erst zu Beginn der 2000er Jahre formierte, als sie überall in Deutschland Moschee- und Gemeindenetzwerke mit dem Zweck der Verbreitung ihrer Botschaft ins Leben rief (Wiedl 2012: 9). Sie beobachtet drei Phasen der Entwicklung: Die Vorbereitungsphase, welche sie zwischen 1990 und 2001 ansetzt, basierte auf dem Engagement einzelner lokaler Imame wie dem syrischstämmigen Prediger Hasan Dabbagh (geb. 1972) in Leipzig oder dem marokkanischstämmigen Chefideologen Muhammad Bin Hasan in Bonn. In der zweiten Phase begannen die eben genannten Protagonisten und andere Aktivisten mit der offenen Verbreitung ihrer Botschaft auf gesamtdeutscher Ebene, wobei sie sich insbesondere die sich in dieser Phase rasch ausbreitenden Social Media zunutze machten. Erst in der dritten Phase, welche laut Wiedl 2005 einsetzt, betraten Prediger die Bühne, welche die Botschaft des Salafismus in jugendgerechter, zum Teil milieugefärbter deutscher Sprache an das zunehmend deutschsprachige junge Publikum richtete. Der herausragendste Kopf dieser Bewegung ist zweifellos der charismatische Konvertit und ehemalige Amateurboxer Pierre Vogel (Wiedl 2014: 417f.). Wiedls Beschreibung stimmt mit meinen eigenen Beobachtungen in Bayern überein, welche ich im nächsten Kapitel ausführlich diskutieren werde.
Die oben genannten Prediger Hasan Dabbagh18 und Pierre Vogel19 sowie der Marokkaner Abdul Adhim Kamouss20 und der Palästinenser [55]Ibrahim Abou Nagie gelten als die ‚Stars‘ der Salafismus in Deutschland. Sie predigen und kommunizieren in ihren Internetvideos in deutscher Sprache und erreichen damit viele junge Muslime, welche ihre Muttersprache oft nur unzureichend beherrschen (Wiedl 2012: 17). Ihre Predigten können als charismatisch, auf die Bedürfnisse der Jungend zugeschnitten und der Zielgruppe entsprechend didaktisch reduziert charakterisiert werden.
Die Sicherheitsbehörden begannen etwa ab 2005 mit der Beobachtung des salafistischen Aktivismus, was in erster Linie der politischen Dimension ihrer Botschaft und weniger ihrer religiösen Sprengkraft innerhalb des Islam zuzuschreiben geschuldet ist. Im Verfassungsschutzbericht (Stand: Juni 2018) ist von ca. 11.200 aktiven Salafisten in Deutschland die Rede, welche unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen.
2.6.2 Der dschihadistische Salafismus
Der Tunesier Abd al-Latif al-Hurmasi, ein Kenner dschihadistischer Bewegungen, definiert diese extremistische Strömung des Salafismus als „ideologisches […] Projekt, welches von lose strukturierten aktivistischen Kämpfernetzwerken getragen wird, die sich aus sozialen Systemen, politischen Eliten, einer dominierenden Kultur und internationalen Beziehungen speisen“ (al-Hurmasi 2007). Seiner Meinung nach rekrutieren sie Personen mit den verschiedensten persönlichen Hintergründen hinsichtlich ihrer finanziellen Situation, ihrem Bildungshintergrund oder ihrer religiösen (Aus-)Bildung (z. B. in traditionellen Lehranstalten oder in modernen religiösen Hochschulen). Der gemeinsame Kitt zwischen diesen ideologisch zum Teil weit auseinander liegenden Gruppen und Individuen ist die politisch-religiöse Agenda, welche ihre Ziele und Aktivitäten konstituiert (al-Hurmasi 2007).
Anders als der ideologische Salafismus ist der dschihadistische Salafismus prinzipiell als gewaltbereit und gewaltaffin einzustufen. Es ist jedoch schwierig, zuverlässige Informationen über diesen Personenkreis zu erhalten. In meinen Interviews wies sich keine einzige Person als offener Unterstützer aktiver bewaffneter Organisationen aus, was angesichts der intensiven Beobachtungen dschihadistischer Aktivitäten durch die Sicherheitsorgane auch meinen Erwartungen entsprach. Wer sich als offener oder verdeckter Unterstützer solcher Gruppierungen ‚outet‘, muss mit juristischer Verfolgung bis hin zu empfindlichen [56]Gefängnisstrafen rechnen. Da sich keiner der Befragten in Bayern als ‚Dschihadist‘ zu erkennen geben wollte, fragte ich einige Salafisten vorsichtig, ob sie in ihrem weiteren Umfeld denn Dritte kennen würden, von denen sie sich vorstellen könnten, dass sie sich für den dschihadistischen Flügel des Salafismus begeisterten. Etliche der Befragten in mehreren Städten (Regensburg, Nürnberg, München, Weiden) bejahten diese Frage; einige konstatierten, dass manche dieser Personen sogar ‚gemäßigten‘ Salafisten den Glauben absprechen würden (zur Entwicklung des Dschihadismus in Deutschland siehe Baehr 2014).
2.7 Grauzonen zwischen ideologischem und dschihadistischem Salafismus
Tatsächlich sind die Grenzen zwischen den ideologischen und den dschihadistischen salafistischen Gruppierungen äußerst undurchsichtig und fließend. Viele Forscher werfen dem von mir als ideologisch bezeichneten ‚friedlichen‘ Flügel – insbesondere dem wahhabitischen – vor, dass er aufgrund der Vermittlung radikaler Auslegungen des Islam eine wachsenden Zahl junger Leute in Europa zum Extremismus inspirieren würde (Azzam 2007: 125). Zwischen den nach außen hin unpolitischen salafistischen Gruppen und dem internationalen Dschihadismus werden weitreichende Verbindungen angenommen. Zwar muss man den meisten Aktivisten des ideologisch orientierten Salafismus zugutehalten, dass sie sich von dschihadistischem Gedankengut offen distanzieren, die Narrative beider Ausrichtungen weisen jedoch signifikante Überlappungen auf. Wenn wir beispielsweise die Tauḥīd-Moschee betrachten, in der ich eine Reihe von Freitagspredigten mitverfolgen und aufzeichnen konnte und die sich selbst auf ihrer Webseite eindeutig als Vertreter des ideologischen Salafismus präsentiert, so lässt sich nicht leugnen, dass die in ihr transportierten Narrative und Botschaften an die Muslime durchaus auch dschihadistischen Bewegungen als Basis für die Rechtfertigung der Ausübung von Gewalt im Namen der Religion gegen Muslime und Andersgläubige dienen könnten.
Al-Hurmasi charakterisiert den dschihadistischen Salafismus mit folgenden beiden Merkmalen:
•Es handelt sich um eine extreme Form der Klassifizierung von Menschen nach religiösen Werturteilen. Weit über die bereits problematische traditionelle Zweiteilung in Muslime und Ungläubige/Leugner der Botschaft Gottes (kuffār) hinausgehend, dehnen sie die koranischen Begriffe kufr (‚Unglaube/Leugnung der Botschaft Gottes‘) und širk (‚gottgleiche Verehrung außergöttlicher Wesenheiten, Polytheismus‘) auch auf einen großen Teil der Muslime aus und [57]schneiden umgekehrt die Definition von Islam und der ahl as-sunna wa-l-ǧamāʿa exklusiv auf die eigene Gruppe zu.
•Es handelt sich um eine extreme Form der Politisierung von Religion, und zwar in Gestalt einer Ideologie der Konfrontation, welche die Wiederherstellung des historischen politischen Systems des Islam nur als ein Zwischenziel zur Errichtung eines weltweiten islamischen Kalifats betrachtet.
Besonders im letzten Punkt treffen sich der ideologische Salafismus und der dschihadistische Salafismus. Ersterer hält zwar in dieser Phase den ideologischen Kampf gegen den ṭāġūt für maßgeblich, doch als abstrakte Idee ist die Vorstellung eines weltweiten Kalifats durchaus präsent. Wie ich in die Kapitel 5 zeigen werde, setzen die Aktivisten in der Tauḥīd-Moschee der Zugehörigkeit zum Islam bzw. zur Gemeinschaft der Gläubigen sehr enge Grenzen, sodass alle geistigen Strömungen des Islam über den Salafismus (und ihre Vorgänger, die ahl-as-sunna/ahl al-ḥadīṯ) hinaus, z. B. der Sufismus, die Schia oder der Säkularismus, mehr oder weniger dem Feuer geweiht sind. Dasselbe gilt für die munāfiqūn (Heuchler) und ǧahāla (Unwissende), womit der Großteil der gewöhnlichen Muslime gemeint ist, welche aus Sicht der Salafisten den Islam dogmatisch nicht ausreichend verstehen und ihn nicht konsequent genug praktizieren.
Die Predigten ermöglichen einen Einblick in eine gigantische, hegemoniale islamische Utopie, den Traum von einem Hyper-Kalifat, dem sich die ganze Welt zu unterwerfen hat. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass ein solches Weltbild einer möglichen Anerkennung von religiöser und weltanschaulicher Pluralität diametral entgegensteht. Dieser Überlegenheitsgedanke mag eine Erklärung dafür liefern, dass nicht nur stramm dschihadistisch eingestellte Personen, sondern auch eine Reihe von Salafisten aus dem Umfeld des vermeintlich ‚harmlosen‘ ideologisch orientierten Salafismus nach Syrien und in den Irak gezogen sind, um dort dem Islamischen Staat oder anderen bewaffneten Rebellengruppen zu dienen. Wie eine Analyse der deutschen Sicherheitsbehörden aus dem Jahr 2014 zeigt, waren nicht wenige der jungen Männer und Frauen, die sich bewaffneten dschihadistischen Bewegungen anschlossen, zuvor in Moscheen und Vereinigungen des ideologisch orientierten Salafismus aktiv (Bundesamt für Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt [KI11, ST33], Hessisches Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus [HKE], 2014).
Da ich diese Einschätzung – wie auch Abu Rumman (2014: 73) – teile, halte ich es für schwierig, die verschiedenen Ausrichtungen und Gruppen des Salafismus in ein festes Ordnungsschema zu pressen, denn die [58]Übergänge sind oft fließend und lassen das Bild einer stark fragmentierten Bewegung als zutreffender erscheinen als induktiv ermittelte Einteilungen, welche geographisch und situativ mehr oder weniger zutreffen können. Es sind eben die Narrative des ideologischen Salafismus, die das Rückgrat des Extremismus bilden – und im schlimmsten Fall die Lizenz zum Töten geben.
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