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Autorin und Klappentext
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Wir bedanken uns für die finanzielle Unterstützung bei
Land Niederösterreich und der Stadt Wien.
© 2022, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-91-0
Lektorat: Felix Mayer
Cover: Jürgen Schütz
Coverbild: Wolgaland © Lydia Steinbacher
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-99120-009-3
www.septime-verlag.at
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Lydia Steinbacher
geboren 1993, lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich, studierte Deutsche Philologie an der Universität Wien. Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung sowie des Literaturkreises Podium. Sie wuchs in Hollenstein an der Ybbs auf und sammelte schon früh Erfahrungen im Schreiben, u. a. im Rahmen der Schreibakademie Niederösterreich. Steinbacher ist Trägerin zahlreicher nationaler und internationaler Aufenthalts- und Literaturstipendien. 2017 sorgte ihr Lyrikband Im Grunde sind wir sehr verschieden (Limbus Verlag) für großes mediales Interesse, es folgte die Teilnahme am Poesiefestival Treci Trg in Belgrad. Ihre Erzählungen erschienen in zahlreichen Anthologien. Ihr Erzählband Schalenmenschenerschien 2019. Wolgaland (2022) ist ihr erster Roman.
Klappentext:
Das Leben in einer wolgadeutschen Kolonie, die Deportation der Familie nach Sibirien in den Vierzigerjahren und die Suche nach einem Ort, der eine neue Heimat werden könnte – all das kennt Alexandr aus eigener Erfahrung und aus den Erzählungen seines Vaters über die Vergangenheit. Tagein, tagaus begleitet ihn die Erinnerung an früher. Doch auch nach der Übersiedlung in die »Urheimat«, aus der einst die Vorfahren ausgewandert waren, fühlt Alexandr, nun schon im fortgeschrittenen Alter, sich fremd und unverstanden. Selbst die Musik, die ihn sein Leben lang begleitet hat, bringt ihm keinen Trost mehr. Als das Gefühl, verfolgt zu werden, immer stärker wird, fasst er einen Plan.
Lana, die Tierärztin, die aushilfsweise im Dorfgasthof kellnert, ist Alexandr in stiller Sympathie verbunden. Sie wahrt nach allen Seiten hin ihre Unabhängigkeit und wird dabei doch aufgerieben zwischen dem ratlosen Bemühen um eine tiefere Beziehung zu ihrem Sohn, der weit entfernt bei seinem Vater lebt, und den mütterlichen Gefühlen, die sie für die Tochter ihres Freundes hegt.
Als eines Tages eine weitere russlanddeutsche Familie ins Dorf zieht, weckt das zunächst kaum Interesse. Nur Jonathans Welt wird auf den Kopf gestellt. Der junge Mann, der, von künstlerischen Ambitionen getrieben, in der Enge des Dorflebens zu ersticken droht, sieht im Sohn der Familie schon bald seine Rettung. Doch die faszinierenden Ähnlichkeiten, die er zwischen sich und dem Neuankömmling zu entdecken glaubt, stürzen ihn
LYDIA STEINBACHER
WOLGALAND
ROMAN | SEPTIME VERLAG
1
Die Fliege landete direkt auf dem Aralsee. Auf dieser Karte hatte er noch seine einstige Größe und verschwand dennoch zur Gänze unter dem schwarzen Insektenkörper. Sie machte ein paar Schritte nach Nordosten, da kam der hellblaue Fleck wieder zum Vorschein, vielleicht schon ein bisschen kleiner als noch vor einem Augenblick.
Nicht mehr als ein armseliger Schwarm Fliegen wäre der Chor ohne ihn gewesen, der Zusammenklang im Summen kaum ertragbar. Alexandr Niebel legte hohe Maßstäbe an die Sänger an, vor allem aber verlangte er sich selbst viel ab. Und seinen Arrangements. Er wischte mit der Hand über die Weltkarte, um das Tier zu verscheuchen – die tausenden Ommatidien sahen die Bewegung lange vor der Berührung kommen, der Körper hob ab und verlor sich im Raum, suchte sich ein Fenster, prallte gegen das Glas, fünfmal, fünfzigmal. Manchmal war es ein Zufall, so wie die Wahl dieser Fliege, sich für ein paar Sekunden in der Steppe niederzulassen, diese Stelle in der Welt zu wählen, der Alexandr näher zu seinem alten Leben brachte. In seinem Gesicht stand ein genügsames Lächeln. Es war unauffällig wie seine gesamte körperliche Erscheinung, die Unauffälligkeit war auf beschwerlichem Wege zu erwerben gewesen. Er strich sich die grauen Haare nach hinten, eines der Härchen sichelte wie vom Mond gefallen hinter ihm zu Boden. Draußen war es längst dunkel, da nahm Alexandr wieder beim Pianino Platz, einem alten Lauberger & Gloss. Jegliche von Klavierstimmern unternommenen und nicht ganz billigen Versuche, das Instrument in seinen einstigen Klang zurückzuführen, waren vergebens gewesen. Doch war dieser frühere Klang selbst nur etwas Angedichtetes, eine Vorstellung, denn Alexandr hatte ihn nie gehört. Er strich über den geöffneten Tastendeckel, als könnte er verstehen, dass es sich nicht verändern lassen wollte von fremder Hand – das hatte immer etwas Grausames. Der Tastenanschlag war schwerfällig und träge. Schuld war aber nicht das Instrument, es kam nicht für die Schwäche der Menschen auf, die es zu spielen nicht in der Lage waren. Wer es spielen wollte, brauchte eine Stärke in den Fingern. Und wie die Stärke in den Fingern brauchte er im Geist die Vorstellung eines großen blauen Flusses, kleiner gepflegter Höfe und von Kindern, die im Übermut stolperten, die Alexandr sich immerzu vergegenwärtigte in der Musik, in all ihren Facetten, was aber niemand außer ihm wusste. Auch diese Unauffälligkeit hatte er auf beschwerlichem Weg erworben.
Lana klopfte mit ihren Ringen, die sie alle an der linken Hand trug, gegen das Rauchglas der Tür. Alexandr wandte sich abrupt in ihre Richtung. Fast klang es, als würde die Scheibe zerspringen, aber es war ihre übliche Begrüßung am Dienstagabend. Zuerst das Klopfen mit den Silberringen gegen das Glas, gleich darauf öffnete sie die Tür zum Proberaum, der eigentlich der Veranstaltungssaal des kleinen Gasthauses war. Es war ihre Art, die Männer vorzuwarnen, denn sie beherrschte auch die Kunst, unvermutet und lautlos aufzutauchen. Die Fliege huschte unter ihrer Achsel aus dem Zimmer in den Gang, so hatte ihr Lana unversehens ein Schlupfloch geöffnet. Ihre Schicht begann um fünf, die Chorprobe um acht Uhr abends, für gewöhnlich mit einer Viertelstunde Verspätung, weil ein paar Sänger sich stets die Freiheit nahmen, die anderen warten zu lassen. Lana war eine schlanke Frau, ihr Alter unterlag großen Schwankungen wie ihr Gemüt, einmal sah sie aus wie gerade einmal dreißig und an einem anderen Tag, es konnte auch der darauffolgende sein, hätte man sie nach einem flüchtigen Blick ins Gesicht auf gut fünfundvierzig schätzen wollen, die Wahrheit war in ihrer Gegenwart unaussprechlich. Jede Woche bot sie Alexandr etwas anderes zu trinken an und immer wünschte er sich nur das Übliche. Lana warf den Kopf auf eine Seite, sodass man ihren Pferdeschwanz über die Schulter fliegen sah. Festhalten unmöglich – alle Lasten, alle ihr lästig Fallenden, ehe man sich’s versah, wieder abgeworfen. Lana, die das Endgültige verabscheute. Sie schaute Alexandr noch eine Weile an, obwohl der Dialog schon abgespult war. Jede Woche trug er denselben grauen Anzug, der dennoch faltenfrei war, vorbildlich gebügelt und ohne Makel. Dahinter stand ein penibles Zeitmanagement, bis zum nächsten Probenabend hatte er seine Kleidung immer rechtzeitig gewaschen und gebügelt. Jonathan ist übrigens auch schon da, ist noch vorn an der Bar, kommt gleich, sagte Lana, verließ den Proberaum und ging zur Schank, ohne die Tür zu schließen. Es war Gelächter zu hören und die Beine der Barhocker, die über den Boden kratzten. Der Zigarettenrauch wuchs langsam in das Glas der Tür.
Lana erinnerte Alexandr an jemanden, ohne dass er sagen konnte, an wen. Seltsam, dass ihm der Gedanke erst jetzt kam, wo er sie schon so lange kannte. Es konnte sich nur um ein winziges Detail handeln, vielleicht die Anordnung der Falten auf ihrer Stirn, die ihn an seine Tante denken ließ und natürlich auch an die Mutter, von der er nicht einmal ein Bild besaß, nur unendliche Vorstellungen. Dachte er aber an die Zeit in Sibirien zurück – denn an die Jahre vor der Deportation konnte er sich kaum erinnern und fast war ihm, als hätte die ersten Jahre seiner Kindheit jemand anderer für ihn gelebt und er wäre erst nachher hineingeplatzt –, dann hörte er immer die Stimme seines Vaters, vielleicht war sie auch notwendig, um sich überhaupt zu erinnern. Nach der Zwangsarbeit in der Trudarmee hatte er, sobald es dunkel wurde und an nebeligen Tagen, nur über eines gesprochen, über die Heimat, die Wolgarepublik, im Flüsterton. Aber was mit den Falten auf der Stirn der Tante, was nun? Im ersten Lebensjahr hatte sie Alexandr angeblich mit verdünnter Ziegenmilch gefüttert, und weil er sich dennoch normal entwickelt hatte, war sie so stolz gewesen, dass sie bei jeder Gelegenheit davon berichtet hatte, es noch Jahrzehnte später bei Treffen mit ihren Freundinnen immer wieder ansprach. Wahrscheinlich war es nur die Art, wie Tante Nelly ihn damals skeptisch angeschaut hatte, wenn er nachmittags von der Schule heimkommend seine Hefte auf dem Küchentisch aufgeschlagen hatte, um Hausaufgaben zu machen, die man sehr ähnlich auch in Lanas Gesicht bemerken konnte. Nur diese drei besonders angeordneten und gar nicht tiefen Falten auf der Stirn, mehr nicht. Falten für Sorgen, Zweifel, Unverständnis. Tante Nelly hatte über seine Schulter in seine Hefte gelugt, als hätte sie bei jedem Umblättern Angst gehabt, da einen Vermerk des Lehrers zu entdecken – nicht die Texte betreffend, die Alexandr in schönster kyrillischer Schreibschrift in die Zeilen setzte, sein Russisch war perfekt, annähernd zumindest. Sondern etwas Grundlegendes bemängelnd, was nicht richtig war, was aus der Reihe tanzte. Oft war Alexandr traurig von der Schule heimgekommen, dann hatte sie ihm die Hand auf den Kopf gelegt, seine Haare zurückgestreichelt wie das Fell eines dummen Hundes, aber sie meinte es so: Du kannst das noch nicht richtig verstehen, aber du musst keine Sorge haben, du bist kein Faschist. Dann hatte sie ihm etwas zu essen gebracht und egal was es war, es fühlte sich an wie ein Lindenblatt im Magen, etwas, das dazu imstande war, fast alles wieder gut zu machen. Ob es nur genügend Blätter gab? Er hatte die Tante sehr geliebt.
Die Stunden nach der Chorprobe waren für Alexandr leere Nacht ohne Schlaf und ohne Beschäftigung. Erschöpft vom Dirigieren, aber vor allem von den Gesprächen und dem aufgesetzten Lächeln wie ein Riss durch eine Mauer, saß er auf der Bettkante vor seinem Bücherregal und starrte die Buchrücken an. Er besah sich genau, welche Beschriftungen nach links und welche entgegengesetzt ausgerichtet waren, unwillkürlich kippte er den Kopf dabei ganz leicht – eine Bewegung, für die man verspottet würde, er verspottet würde. Da stand Lore Reimers Senfkorn, ihr unlängst erschienener Band, zwischen den Vielen guten Kameraden von Nora Pfeffer und – ja, was sollte das? – Schumanns Waldszenen gleich rechts daneben. Der unverhältnismäßig große, aber umso dünnere Notenband hatte den ihm eigentlich zugewiesenen Platz nicht in diesem Regal. Wer käme auch auf die Idee, Noten aufrecht zwischen irgendwelche Romane und Gedichtbände zu zwängen? Wahrscheinlich war er übernächtigt gewesen, oder es war, wie leicht dahingesagt, das Alter, das sich in kurzen Augenblicken in einer merkwürdigen Verwirrung der Sinne zeigte und wieder hinter einem Fleck auf der Haut versteckte. Etwas irritierte Alexandr jedoch. Weil er sich auch nach längerem Überlegen nicht daran erinnern konnte, den Notenband zwischen die Bücher gesteckt zu haben, und auch keinen Sinn darin entdecken konnte, nahm er ihn heraus und ging damit die paar Schritte auf die andere Seite des Raums, wo sich ein kniehohes Regal nur für die Musik befand. Im Halbdunkel legte er das Heft auf das dritte Brett. Alexandr machte immer nur so wenig Licht wie nötig, und obwohl ihm diese Angewohnheit oft das Ärgernis seiner Mitmenschen eingebracht hatte, änderte er sie nicht. Gleich darauf ließ er sich wieder auf der Bettkante nieder, studierte weiter die Bücher, hoffte, es würde ihn müde machen, zum Einschlafen bewegen. Er dimmte das Licht der Stehlampe noch ein bisschen weiter, legte den Polster auf seine Oberschenkel und die Arme darauf. In Gedanken ging er zum wiederholten Mal die Probe des heutigen Abends durch, verfuhr dabei nach Stimmlagen und vergegenwärtigte sich jedes einzelne Mitglied – auch die nicht erschienenen Sänger, die schmucke Ausreden erfunden hatten. Mit den Jahren war Alexandr besser darin geworden, seine Ansprüche zu untergraben.
Die kleingedruckten Titel konnte er nicht alle lesen – er konzentrierte sich nun wieder ganz auf die Bücherwand –, aber er wusste ja auch so, um welchen Autor und welches Werk es sich jeweils handelte, alles war fein säuberlich sortiert. Auf dem zweiten Regalbrett, dem für Sachbücher, neben einem Büchlein über die Porzellanmanufaktur Zsolnay, das er einst von einer Ungarnreise mitgebracht und nie gelesen hatte, mutete ihn etwas komisch an. Konnte es sein, dass auch dort ein Notenband stand? Alexandr beugte sich vor, um genauer sehen zu können. Der dunkelgrüne Einband, das mussten die gesammelten Kinderlieder sein. Jetzt warf er den Polster zur Seite, sprang auf und zog den Band heraus, wog ihn in den Händen. Bei genauerer Betrachtung fand er, dass das Grünblau hinter den weißen Buchstaben doch ein bisschen anders aussah, als er es in Erinnerung hatte, aber er hatte schon lange kein Stück mehr daraus gespielt, geschweige denn gesungen, außerdem war es viel zu dunkel im Zimmer, um die Farben beurteilen zu können. Er wollte sich schon wieder umdrehen, um auch diesen Band an den richtigen Platz zu räumen, da bemerkte er aus dem Augenwinkel noch andere Werke, die irgendjemand – aber wer, wenn nicht er selbst, sollte das gewesen sein? – falsch einsortiert haben musste. Einen um den anderen Band zog er zwischen den Büchern hervor und trug sie hinüber zum Notenregal, wo er sie an die richtigen Stellen legte. Gerade als er glaubte, mit allem fertig zu sein, entdeckte er noch ein letztes Notenheftchen in seiner Bücherwand, Schumanns Waldszenen. Erneut. Verwundert und mit steifen Fingern brachte er es auf die andere Seite des Zimmers. Jetzt schaltete er die große Deckenleuchte doch ein und besah sich seine Notensammlung genauer. Nachdem er mit dem ersten Stapel fertig war, fühlte er seine alte Zunge trocken im Mund liegen, als hätte er seit Tagen nichts getrunken. Wie konnte es sein, dass er diesen einen Zyklus von Schumann gleich elf Mal besaß? Er ging auch die anderen Stapel durch und kam bald nicht auf elf, sondern auf siebenundzwanzig. Eiskalt und bleiern zog das bedruckte Papier an seinen Händen nach unten. Der Schweiß rann seinen Körper hinab, Schneewasser über die Lenden. Die ganze Nacht über brachte er mit dem Sortieren der Bücher und Notenbände zu und hastete von der einen Seite des Raums auf die andere in einem merkwürdigen Gefühl der Ohnmacht und Enteignung. Er rannte, bis er endlich aufwachte.
Das Telefon klingelte. Eine Stimme, die tiefer war als noch am vorigen Abend im Gasthaus, womöglich auch ein klein bisschen heiser. Es war Lana. Den ersten Satz beendete ein Knackgeräusch wie von einem Schnalzen mit der Zunge oder dem Öffnen einer winzigen Schatulle. Man konnte das Gefühl haben, alle Verbindungen führten zu dieser Frau, als flöchte sie in ihr Haar jeden Morgen einen Knotenpunkt. Alexandr hörte ihr nur stumm zu. Sie bat ihn, noch einmal ins Lokal zu kommen, Jonathan wolle etwas von ihm und würde ihn dort erwarten, aber er habe selbst nicht anrufen können. Na ja, du kennst ihn ja, sagte sie. Ein Seufzen. Lana telefonierte von zuhause aus, Alexandr hörte ein Klirren hinter ihrer Stimme, wahrscheinlich von einem Löffel, der in einer Kaffeetasse kreiste, doch klang es, als sei diese ganz leer. Im Gasthaus sah er sie nie etwas trinken. Ihr Anruf hatte ihn überrumpelt. Jetzt sofort?, fragte er. Wieder ein leises Knackgeräusch. Ja, so wie ich ihn verstanden habe. Du wohnst ja gleich dort. Ich kann mir schon denken, was er von dir will – er hat uns alle gefragt –, aber das soll er dir selbst erklären. Alexandr schüttelte den Kopf. Er hatte den Burschen ganz gern, das war ein anständiger junger Mann, aber er konnte sich partout nicht vorstellen, was Jonathan um diese Zeit am Herzen liegen mochte, was sich nicht gestern bei der Probe hätte besprechen lassen oder eben nächsten Dienstag – Probenabende, die sich für Alexandr aneinanderreihten, kein Leben, das dazwischen passte, nur ein ewiges Hervorholen von Vergangenem. Lana hatte schon aufgelegt, weil er nichts weiter gesagt hatte. Noch ein Abschiedswort mehr überhört. Wann hatte er Lana eigentlich seine Telefonnummer gegeben? Ins Telefonbuch hatte er sie nicht eintragen lassen.
Der Stoff seiner Kleidung fühlte sich nach jahrelangem Tragen und Waschen so dünn an, dass jederzeit mit einem Riss zu rechnen war, aber dann hätte Alexandr Nadel und Faden zur Hand genommen. Die Tante hatte ihm das beigebracht, da war er noch ein Kind gewesen. Erst wenn er fürchtete, die Leute könnten sich mokieren, schnitt er seine alten Hosen oder Hemden in kleine Fetzen zum Putzen – für alles war noch Verwendung. Im Winter, wenn er, über der gewöhnlichen Kleidung nur mit Filzmantel und seinen Halbschuhen bekleidet, Spaziergänge durch die nassen Straßen machte, mochte auch ein kalter Wind gehen, wurde er manchmal gefragt, ob er nicht schrecklich fröre, aber was waren schon diese Winter. Nicken. Weitergehen. Alexandr zog die Tür hinter sich zu und schritt die Treppe nach unten. Er hatte die kleine Wohnung im oberen Stockwerk des Holzhauses ganz für sich, der Mietpreis war vertretbar. Die Wohnung ein fünfunddreißig Quadratmeter großer Raum – Küche, Wohn- und Schlafzimmer in einem. Die jungen Leute flohen aus dem Dorf in die Städte und nannten das allen Ernstes eine Flucht. Frau Seiger, die unter ihm gewohnt hatte, war vor ein paar Wochen gestorben. Seitdem suchten ihre erwachsenen Kinder, denen das gesamte Haus gehörte und demnach auch seine Wohnung, einen neuen Mieter für das Erdgeschoß – oder wollten sie die Wohnung verkaufen, es war Alexandr egal. Einen Augenblick sah es so aus, als würde entlang der Küchenzeile unten ein Licht brennen, als hätte Frau Seiger vergessen es abzuschalten, bevor sie gestorben war. Es musste eine Spiegelung sein. Sie hatte etwas Ärmliches. Dort wo er herkam, drehte man die Spiegel um, wenn jemand starb.
Es waren nur ein paar Steinwürfe bis zur Gaststätte, wo auch die Chorproben stattfanden, der Eingang befand sich im Hof. In der Stube saß Jonathan als einziger Gast – für einen Mittwochvormittag durchaus nicht ungewöhnlich – an einem Ecktisch. Auf dem rosafarbenen Tischtuch vor ihm stand nur ein großes Glas Wasser, nicht einmal ein Salzstreuer oder Servietten waren da. Das ließ den jungen Mann sehr zierlich wirken. Jonathans linkes Augenlid zuckte nervös, als Alexandr neben ihm auf der Bank Platz nahm. Die Männer schwiegen eine Weile. Weißt du, ich habe überlegt, ob ich dich einmal ein Solo singen lasse, fing Alexandr an, um irgendwie das Gespräch zu beginnen, er fühlte sich dazu fast in der Pflicht neben dem schüchternen Burschen, aber da sprudelte es plötzlich aus dem heraus: Ich habe mir den Vormittag in der Firma extra freigenommen, weil – also du weißt ja, dass ich manchmal an kleinen privaten Projekten arbeite … Alexandr zog die Augenbrauen hoch, natürlich hatte er davon Kenntnis, auch wenn es ihn nicht wirklich interessierte, aber diese Alltagsgeschichten waren Zerstreuung – vielleicht nicht so schlecht für einen älteren alleinstehenden Mann, wie er es war. Sich bei gutem Wetter aus dem Fenster lehnend konnte er an manchen Vormittagen mitanhören, was man sich auf der Straße erzählte. Die Leute hier hatten laute Stimmen, die meisten. Jonathan gehörte nicht dazu. Er war im Betrieb der Eltern untergekommen, in dem Geräte für die Landwirtschaft hergestellt wurden. In den Stunden nach der Arbeit war er Künstler oder wäre es zumindest gern gewesen. Er fertigte so eine Art Skulpturen – das war bekannt – und neuerdings hatte er allem Anschein nach die Fotografie für sich entdeckt. Jetzt umfasste Jonathan mit einer Hand das Wasserglas und zog es ein Stück näher zu sich heran, ein paar Perlen stiegen darin auf. Und obwohl er normalerweise ein sehr schweigsamer Zeitgenosse war, erzählte er nun langwierig von seinem neuen Projekt – er gab dem Wort einen sonderlichen Klang, womit er alles ins Lächerliche zog, aber wahrscheinlich wollte er damit nur einem abschätzigen Blick oder einem mitleidigen Lächeln zuvorkommen. Irgendein Fotoprojekt, verstand Alexandr, der durstig war und sich während des Geredes nach dem Wirt umsah, der ihm etwas zu trinken bringen würde. Jonathan wollte alte Fotos sammeln. Bilder, die Personen, Gegenstände, einprägsame Situationen aus dem Leben seiner Freunde zeigten, die jenen also eine bestimmte Erinnerung konservierten. Nichts Gewichtiges, nur Kleinigkeiten, die sie bereit seien, ihm zu schenken, versicherte er. Nur ein paar Bedingungen gebe es – so wolle er sicher sein, dass er selbst die gezeigten Personen, Orte und Gegenstände nicht wiedererkennen würde, und die Bilder sollten ihm anonym übergeben werden. Vielleicht hast du auch ein paar alte Fotos, die du nicht mehr brauchst?, fragte Jonathan schließlich. Er kam endlich auf den Punkt.
Alexandr schaute einstweilen hinaus und verschaffte sich Zeit. Es würde ein dunkler Tag werden, der Nebel hing irgendwo fest. Kein Loskommen. Schweigen. Als er sich umdrehte, sah er Jonathans fragenden Blick auf sich ruhen und versuchte, ihn mit einer Geste abzuwehren. Jonathan sah ihn zweifelnd an, aber dann spielte ein Lächeln um seine Lippen, er nickte ebenfalls, hob das Glas vom Tisch und trank in kräftigen Zügen. Nur ein unbedeutender Rest blieb übrig, als setze sich mit der Zeit in jeder Flüssigkeit etwas ab, das man besser nicht zu sich nahm, als hätte sich da schon etwas eingenistet, das auch fortan klirrend seine Kreise ziehen würde. Wenig später hatten sich die beiden Männer schon ihre Mäntel übergezogen und verabschiedeten sich voneinander. Jonathan schien es plötzlich eilig zu haben. Alexandr nahm die Hände aus den Taschen und spürte die feuchte Luft auf der Haut. Er machte einen langen Spaziergang und wusste doch nichts mit sich anzufangen, fast schon wollte er Lana anrufen, aber allein der Gedanke war derart lächerlich.
2
Lana stand noch eine Weile neben dem Bett, betrachtete den Faltenwurf des Leintuchs und fand, dass sich seltsame Formen darin zeigten, gar nicht so, als wäre sie gerade noch hier gelegen, Buchstaben eines fremden Alphabets. Gregor saß auf dem Stuhl und zog sich die Socken über die rissigen Füße. An Lanas Mikrofaserbettwäsche blieb er in regelmäßigen Abständen hängen, sie verzieh keine raue Hornhaut, keinen eingerissenen Nagel. Es waren die alltäglichen Gegenstände, die sich irgendwann gegen einen verschworen. Und Lana hatte das Gefühl, als spielten viele Dinge, die sie umgaben, bereits mit dem Gedanken der Verschwörung oder hätten sich in Wahrheit schon gegen Gregor und sie entschieden. Oder nur gegen einen von ihnen beiden. Er wollte noch rauchen und sie warf ihm ein Feuerzeug zu – einmal hatte sie versehentlich Feuerwerk dazu gesagt, jetzt tat sie das öfter. In der Wohnung roch es wie immer nach einer eigenartigen Mischung aus Feigen, Flieder und Rauch. Gregor machte die Balkontür auf. Lana mochte den schweren Geruch und wollte lieber im Warmen sitzen, aber er war wieder in dieser Stimmung, für die sie noch kein Wort hatte. Sie presste ihren nackten Bauch und die Brüste gegen das Glas des geschlossenen Flügels der Tür, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, doch Gregor hatte von einem Moment auf den anderen keine Augen mehr für solche Spiele. Lana hatte keine Lust auf ein Gespräch und ließ sich zurück aufs Bett fallen. Der Abdruck ihrer bloßen Haut auf dem Glas würde erst viel später sichtbar werden, wenn das Licht aus einer anderen Richtung ins Zimmer fiel. Sie schaute dem Wind hinterher, der hereinkam und sich im Schwingen der feuchten Kleider am Wäscheständer verlor. Am liebsten wäre sie jetzt geschwommen – ein paar Bahnen in einem Becken mit blaugrünen Fliesen ziehen, kurz in einem Hochglanzurlaubskatalog verschwinden, fünf Minuten fünf Sterne. Gregor hatte den Zigarettenstummel irgendwo verschwinden lassen. Er rauchte nur, wenn er bei ihr war. An ihm haftete die Kälte, als er die Tür hinter sich schloss. Dieser Abend war kühler als die der vorhergehenden Wochen, vielleicht war es doch nicht zu früh für den Winter – aber war es nicht seine eigene Schuld, dass man ihm im November noch nicht traute? Ließ er sich doch jedes Jahr mehr Zeit.
Fragst du dich eigentlich nie, was Tom so treibt?, sagte Gregor und machte eine kurze Pause, ehe er hinzufügte: So ein junger Bub, der braucht dich doch. Und er setzte wieder neu an: Meinst du, er denkt nicht an dich? Wenn er nun auf einmal vor deiner Tür stehen würde. Wenn er dich einmal fragen würde, warum du dich nicht mehr kümmern willst? Lana schaute ihn an. Was war es doch für eine Anmaßung, immer mit diesen Fragen daherzukommen, Gregor ging ihr in seinem Glauben, ihr mittlerweile näher zu sein als noch vor ein paar Wochen, schön langsam auf die Nerven. Auch dass er fast immer im Konjunktiv sprach – eine Krankheit. Wie ihn jetzt verscheuchen? Sie brachte keinen Kaffee, kein Wasserglas, brachte keine verliebten Blicke auf, nichts auf dem Tischchen zwischen ihnen, was das Schweigen nur eine Spur bekömmlich gemacht hätte. Lana band sich die Haare zusammen, begann eine uninspirierte Bewegung nach der anderen wie Gregor seine Fragesätze. In der Leere ausbleibender Antworten fing er schließlich an, von seiner Tochter zu reden. Wohl tat er ihr ein bisschen leid in dem Moment, aber Lana fiel dazu nichts ein. Stattdessen steckte sie die Ringe an ihren Fingern um. Was er erzählte, klang wie ein Tagebucheintrag. Geschrieben, um nie gelesen zu werden. Sarah wolle ein Instrument spielen lernen, vielleicht Klavier, aber er sei sich da nicht so sicher, immerhin konnte sie die rechte Hand noch immer nicht gut bewegen, in der Früh war sie merkwürdig verquollen. Und außerdem sei sie doch schon zu alt dafür. Das bringt doch jetzt nichts mehr. Meinst du nicht? Lana zog sich während seiner Sätze an und ordnete schon ihre Instrumente im Arztköfferchen, allzu viel brauchte sie meist nicht für ihre Besuche. Sie hörte mehr auf den Klang seiner Stimme als auf Gregors Worte, hörte, dass er gereizt war. Er wollte sie auf Teufel komm raus an allem beteiligen, an Gewinn, Verlust – der Moment war zu fürchten, an dem sich herauskristallisieren würde, wie viele Fehlinvestitionen man getätigt hatte im Leben. Ihr fielen die Musikinstrumente im Haus ihrer Großeltern ein. Posaune, Tuba, Trompete – Relikte eines Vorzeigebläsers, mit denen heute der Staub sein Spiel trieb. Aber warum stellte Gregor sich so an? Lana kam neben ihm zu stehen wie ein Kreisel, scheinbar starr in rascher Bewegung. Sie kamen sich gegenseitig immer öfter vor wie Kinder und sahen einander auch so an. Der eine blickte spöttisch auf den anderen herab, von oben den Atem ausstoßend, dann wieder war es genau umgekehrt und der andere wuchs über den Kopf des ersten. Was soll ich sagen?, murmelte Lana schließlich und schlüpfte in ihre Schuhe. Warum lässt du sie nicht einfach machen? Machen, was sie sich wünscht. Ein kurzer Blick über die Schulter, ehe sie sich in ihren Terminkalender vertiefte. Hast du überhaupt zugehört?, fuhr Gregor sie an. Weil er so schnell aufgestanden war, zuckte sie zusammen. Er schnaubte. Ich sehe, du hast zu viel zu tun, keine Zeit, ich weiß schon. Aber ich werde auch gebraucht! Wie?, wollte Lana fragen, nicht wozu oder von wem.
Von den unsichtbaren Türen, hinter denen sich die verworrenen Erinnerungswege wie ein Labyrinth ausnahmen, hatte er zu viele grob geöffnet. Eigenmächtig öffnete er jetzt auch die Wohnungstür, seine Schuhe standen draußen am Gang, das war bei Lana so üblich. Ihre Hausregeln waren eine zweiseitige Broschüre in ihrem Kopf. Anhand der Schuhe vor ihrer Wohnungstür konnten die Hausbewohner mutmaßen, wer bei ihr ein- und ausging, sie spielte mit den Fantasien der unbekannten Nachbarn.
Im Auto begann die Zeit zu rauschen. Eine merkwürdige Müdigkeit wohnte in dem Geräusch und in den Kurven – das Bewegt-Sein ohne Anstrengung, eine Strömung, gegen die sie nicht anzukämpfen brauchte. Lana fuhr auf der Landstraße durch die umliegenden Dörfer, die Bezirkshauptstadt, dann wieder Dörfer und Felder mit braunen Kühen, alles einander sehr ähnlich und doch nicht ganz gleich, aber jedenfalls friedlich. Sie erinnerte sich an eine Geschichte, die Alexandr ihr einmal erzählt hatte. Es musste an einem der ersten Probenabende überhaupt gewesen sein, da hatte er den Chor gerade übernommen. Sie hatten einander noch nicht öfter als ein- oder zweimal gesehen, aber der eigenwillige Chorleiter, der Zugereiste, hatte sie auf sehr eindringliche Art und Weise gemustert, als hielte er sie, in ihrer schwarzen Hose, der schwarzen Schürze und mit dem klebrigen Servierbrett in der Hand, für eine Schlüsselfigur im Dorf. Das hatte ihr gefallen. Nachdem die Probe vorüber gewesen war, die Sänger gegessen und getrunken hatten, war er noch an der Bar gesessen, allein, und Lana hatte sich gewundert, dass ein Mann wie er so lange wach und nüchtern bleiben konnte. Vor allem, wo er doch ein halber Russe war. Wieso er ihr diese Geschichte erzählt hatte, wusste sie nicht mehr zu sagen, auch waren ihr die Zusammenhänge nicht klar. Vielleicht war er doch betrunken gewesen. Und ein bisschen hatte es gewirkt, als läse er diese Episode vor, als hätte er sie zuvor aufgeschrieben oder schon etliche Male in Gedanken entworfen. Ziemlich sicher sogar. Die Kühe auf der Weide, die ihrem Auto hinterherschauten, riefen sie ihr jetzt in Erinnerung.
Sie müssen sich das so vorstellen. Ein kleines Dorf, nicht so groß wie dieses, kleiner, nur ein paar Familien, allesamt waren sie Bauern. Es gab eine Schule, ein Kirchlein mit einem Küster, und der Fluss war nicht weit. Mein Vater hat sein Leben lang von diesem Ort gesprochen, manchmal so laut und aufgeregt, als erwarte er ein Echo aus irgendeiner Richtung, wenn schon nicht von seinen Freunden oder dem eigenen Kind, der toten Frau, alle waren verstummt, und häufig – und immer öfter im Alter – sprach er kaum hörbar leis, nur schweigen wollte er nicht. Er hat so oft davon erzählt, dass ich es lange gar nicht für wahr hielt, nichts von alldem. Für mich waren die Geschichten wie Bilder, die er mir in den Kopf zeichnete und die die eigenen blassen Kindheitserinnerungen absorbierten. Die Leute hatten Angst. Der schwarze Rabe kam nachts in die Häuser. Als Kind sah ich den Vogel ganz deutlich vor mir, ich sah in ein schwarzes Auge und bemerkte den Wind, der von hinten kommend das Federkleid leicht anhob. Die wandernde Pupille. Dass mit dem schwarzen Raben kein Tier, sondern das Auto der Leute vom NKWD gemeint war, verstand ich erst später. Selbst kann ich mich nicht erinnern, den Wagen je gesehen zu haben. Aber vielleicht ist er mir nur nicht im Gedächtnis, weil ich nicht auf der Straße suchte. Ich dachte lange, es wäre dieser Rabe gewesen, der, wie mein Vater erzählte, in die Häuser eingedrungen war, alle Schubladen der Kommoden, sogar die Küchenschränke, durchwühlt und nach Namen und Geständnissen verlangt hatte. Es wurden wahllos Menschen verschleppt, nur ganz wenige von ihnen kamen wieder zurück. Und dann mussten schließlich alle das Dorf verlassen, alle nemcy. Hof und Vieh mussten dem Staat abgetreten werden, dafür bekam man irgendein Dokument in die Hand gedrückt. Ich war sechs Jahre alt, ich hatte mich auf die Schule gefreut. Ich weiß noch, dass Tante Nelly weinte und ich Angst hatte, sie würde blind davon. Das war so eine Geschichte, die man den Kindern erzählte. Die Denunzierten öffneten vor der überstürzten Abreise die Ställe und Gatter, sodass wenigstens das Vieh freikam und nicht hinter Gittern verhungern musste. Die wenigen Männer und Frauen, die in dem Dorf verblieben, trieben die Kühe auf dem Friedhof zusammen, die eigenen und die der Zwangsumsiedler. Sie verstanden die Sprache der Tiere und melkten sie, wenn ihnen die Euter zu schwer wurden. Aber stellen Sie sich das kurz vor, die Kühe auf dem Friedhof, ich habe mir das immerzu vorgestellt. Hier und da fiel wohl ein Tropfen Milch auf ein Grab.
Es war zwanzig vor vier, sie würde sich verspäten. Vor ihr rollte ein Traktor, aber in den Kurven traute Lana sich nicht zu überholen. Gregor hatte seinen Stoffbeutel bei ihr vergessen. Einen Aquarellmalkasten und ein paar Pinsel hatte sie darin entdeckt, außerdem irgendein Buch über Landschaftsmalerei. Sie wusste natürlich, dass er diese Dinge für seine Tochter besorgte, die sich nach dem Unfall aufs Malen und Basteln verlegt hatte. Angeblich hatten das die Physiotherapeuten fürs Erste empfohlen, um die Geschicklichkeit der Hand zu verbessern. In einem Alter, in dem die meisten Menschen die Lebensphase des Klebens, Schneidens, Malens für immer hinter sich gelassen hatten. Eigentlich war sie auf dem besten Weg gewesen, Leichtathletin zu werden, hatte mit fünfzehn Jahren bereits mehrere Jugendwettbewerbe gewonnen. Ob sie je wieder diesen Sport ausüben würde, war nicht klar, Gregor sagte, man dürfe darüber nicht spekulieren. Das sei ja kein Berufswunsch, sondern ein Traum. Ganz etwas anderes. Lana hatte es respektiert. Die Monotonie des Trainings auszuhalten und sich dadurch zu verbessern in Bewegungen, die im besten Fall so gleichförmig waren, dass man verschiedene Zeitebenen übereinanderlegen könnte und es wäre dennoch nichts anderes als die Gegenwart zu erkennen – mit sechzehn Jahren, mit siebzehn, achtzehn, achtundzwanzig, nur ein bisschen Haut, Haar, Stoff, die sich unterschieden, der Sprung immer der gleiche, der höchste und beste. Lana bewunderte es, wenn Leute das auf sich nahmen. Wie lange war es her? Vielleicht sechs Wochen, dass Gregors Tochter in der Sporthalle gestürzt war, aus fast vier Metern Höhe in den Einstichkasten. Ein komplizierter Schulterbruch, die Hand hatte es nicht minder schwer erwischt, und ein gerissenes Kreuzband obendrauf. Die Lokalzeitungen waren voll mit Genesungswünschen gewesen. Den Sturz seiner Tochter hatte Gregor aus nächster Nähe miterlebt, hatte selbst den Notruf gewählt, war die ersten drei Wochen nach der Schulter-OP nicht von Sarahs Seite gewichen, als sei so etwas lebensgefährlich. Die Tatsache, dass sich auch der Bruch der rechten Hand als komplizierter herausstellte als gedacht und schließlich operativ behandelt werden musste, hatte seine Sorge um die Tochter noch verstärkt. Lana hatte sich die eigene Traurigkeit eingestehen müssen, als er an den Dienstagabenden nicht zur Chorprobe im Gasthof erschienen war, drei Mal in Folge nicht. Für ein kleines Dorf war das viel, alle redeten über ihn. Der Chor klang auch ohne den siebten Sänger im ersten Bass ausgewogen, aber Alexandr hatte sich dennoch jede Woche beklagt. Es waren Nuancen, die sonst niemand hörte, außer dem alten Spinner – Lana wusste, dass viele ihn dafür hielten. Sie hatte Alexandr in dieser Zeit gefragt, für wen er denn eigentlich die Musik mache. Nur für dich selbst in Wahrheit? Er hatte den Kopf geschüttelt.
Lana zog sich die Spange aus dem Haar. Die Plastikzähne bohrten sich durch die Haare in die Haut, wenn sie die Kopfstütze auch nur leicht berührte. In dem Moment bog der Traktor vor ihr endlich in eine Einfahrt. Sie blinzelte und stieg aufs Gas. Die nassen Felder glänzten im einbrechenden Licht. Die Wolken waren ein ausgeworfenes Netz. Der nächste Hausbesuch stand an, ein neuer Kunde. Natürlich waren es wieder Kois, was sonst, dachte sie, als sie die Einfahrt sah, die armen modernen Tierchen. Der aus Weidenruten geflochtene Kranz an der Eingangstür, in dem ein paar trockene Rosenblüten steckten, passte nicht ganz ins vorgefertigte Bild. Mit dem Zeigefinger berührte sie eine Blüte. Die einzelnen Blätter fühlten sich ein bisschen an wie Schuppen. Ihr Job als Fachtierärztin für Fische war keine so glitschige Angelegenheit, wie die Leute dachten, häufig beriet sie ihre Kunden nur, beantwortete Fragen zur Haltung, analysierte das Wasser. Wenn Tierhalter eine Einsendung machten, dann saß sie vormittags am Arbeitstisch und sezierte die kühlen Fischleiber. Gregor hatte das einmal mitangesehen, seitdem rief er immer an, bevor er kam, um mit ihr zu schlafen. Das machte er lieber ohne Fisch im Haus. Das stundenweise Kellnern im Gasthaus brauchte Lana als Ausgleich, es war wie ein zweiter Lebenslauf. Aber sie arbeitete nie mehr, als sie wollte, in beiden Berufen – diesen Grad der Selbstbestimmung hatte sie erreicht.
Als sie die Autotür zuzog und den Motor startete, war es schon finster. Die Tage werden so kurz und dunkel, hatte sich ihre Großmutter früher jeden Herbst beschwert und dabei ein ängstliches Gesicht gemacht. Da war Lana noch ein Schulkind gewesen, kleiner und frecher als ihre Freundinnen. Dafür waren die anderen hübscher gewesen – auf diese gewöhnliche Art, wie man sich das Hübschsein vorstellte. Die Tage sind schon so dunkel und kurz. Dieser oder ein ähnlicher Satz über die Dunkelheit wurde wahrscheinlich hunderte Male pro Tag, ja, vielleicht noch öfter auf der Welt gesprochen, in verschiedenen Sprachen, trotzdem war er für Lana ein ganz intimer Teil ihrer selbst. Manchmal stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sie zu ihrem Sohn sprechen könnte wie ihre Großmutter einst zu ihr, wenn sie so eine samtige Stimme hätte oder zumindest ein passendes Register ziehen könnte. Für Tommi. Aber sie fehlte dem Kind nicht als Mutter. Bernard war ein guter Vater, war zweisprachig und auch nicht arm. Welches Kind würde nicht in Nizza aufwachsen wollen? Oder: Welcher Erwachsene würde nicht gerne von seinen Jugendtagen in dieser Stadt erzählen? Lana kramte mit der rechten Hand aus der Mittelkonsole einen Kaugummi hervor. Das hasste sie an Gregor – seinen Blick, der oft Vorwurf war. Es war ja nicht so, dass sie keine Gefühle für ihren Sohn hatte, und außerdem würde sie ihn bald wieder besuchen. Sie würde einen Flug nach Nizza buchen, Ende Mai, der Frühling schien ihr immer eine geeignete Zeit. Die Idee des Kind-Großziehens trug sie tagein, traumaus mit sich herum, sie hatte sich im Nacken festgesaugt wie ein Blutegel. Eine Stelle, die sie nur mit Mühe erreichte, ein Zustand, auf den sie wenig Einfluss zu haben glaubte. Wenn sie schon dachte, es sei ihr gelungen, den Egel endlich abzuziehen, ohne ihn zu sehr zu drücken, dann setzte ihn Gregor wieder an seinen Platz. Wie heute. Aber das Kapitel war abgehakt, Tom hatte eine schöne Kindheit, am Telefon klang er glücklich, Tommi, genau. Manchmal war die Verbindung schlecht, dann hörte sie das Glück im Rauschen.
Lana fuhr gerade eine langgestreckte Linkskurve der Autobahn aus, als der Wagen an Geschwindigkeit verlor. Sie hatte den Fuß nicht vom Gaspedal genommen – im Gegenteil versuchte sie im ersten Reflex, mehr Gas zu geben, aber es war zwecklos. Die Warnblinkanlage schaltete sie ein, obwohl es gar nicht nötig gewesen wäre, so wenige Autos waren unterwegs. Sie ließ den Wagen auf dem Seitenstreifen ausrollen. Da sie einen weißen Pullover trug, würde sie für die anderen Fahrer gut zu sehen sein, wenn sie ausstieg, um das Auto zu inspizieren. Doch konnte sie die Tür nicht öffnen, irgendetwas hielt sie davon ab. Kurz dachte sie daran, jemanden anzurufen, nicht den Pannendienst, das würde wahrscheinlich ohnehin sein müssen, sondern jemanden, dem sie hätte sagen können, dass sie erst spät zuhause sein würde. Im Kopf ging sie die eingespeicherten Kontakte durch. Ein Großteil der Bekanntschaften war wohl verjährt.
Plötzlich zwei Tränenspuren auf ihren Wangen. Wäre einer der alten Kontakte jetzt neben Lana zu sitzen gekommen, hätte er es erst gar nicht bemerkt. Dann aber wurde sie blass im Gesicht. Unweigerlich hätte er versuchen müssen, ihre rechte Wange zu berühren durch die Dunkelheit, eines ihrer Augen für sich zu gewinnen, ihren porzellanenen Blick. Die Nässe eine Verlegenheit auf den Fingerspitzen. Es verging keine Zeit. Lana rauchte ein bisschen und öffnete das Fenster, die Rauchzeichen flogen bis zu ihrem Sohn nach Frankreich, dorthin, wo jeder aufwachsen wollte.
3
Die Frau hält die Hand in einer merkwürdigen Position, sie steckt mitten in einer fahrigen Bewegung, womöglich auch erst an deren Beginn oder schon am Ende. Da könnte eine Mücke in der Luft sein, die sie verscheucht. Nein, das ist es nicht. Es ist eine bewusste Geste, ein Zeichen, eine Mahnung, zugleich eine Frage. Der Bub sieht dennoch nicht auf. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Stück Holz, das der Form nach Ähnlichkeit mit einer Gurke oder einer Banane hat, entweder ein merkwürdig gebogener Ast oder das Stück einer Wurzel. Kein Hinweis darauf, dass er aus dem Holz eine Spielfigur schnitzen will, und kein Hinweis auf etwas anderes. Oder ist die Handbewegung der Frau (seiner Mutter?) in Wahrheit etwas wie ein Wischen oder das Zufächern von Luft – auch das könnte es sein . Auf ihrer Stirn drei Sorgenfalten. Hinten in der Ecke kann man einen Blick in den nächsten Raum erhaschen. Dort sitzt noch jemand. Sein Kopf ist nicht mehr zu sehen, aber der Blick dieses Mannes ist wichtig. Die Mutter und das Kind im Vordergrund verlangen nach seinem Urteil, Anerkennung oder Missbilligung, viel gibt es nicht dazwischen. Er trägt dunkle Lederschuhe, die an mehreren Stellen geflickt sind, eine dicke Hose, eine Weste, und außerdem hält er einen Stock, aber der Mann ist nicht alt, die Haut am Hals nicht schlaff, nur merkwürdig fleckig. Für jede ihm widerfahrene Demütigung solch ein Fleck. Die Frau wirkt um einiges größer und lebendiger als der kopflose Mann im Hintergrund. Jetzt ist ihre Geste eine Bewegung hin zu dem Mann geworden, obwohl sie sich keinen Millimeter bewegt hat, und ihr Gesicht ist auch ganz leicht in diese Richtung gekippt, der Blick geht an dem Kind mit dem Holz vorbei, haarscharf. Der Bub starrt weiter auf die Tischplatte. Die Kulisse ist ärmlich. Das Fenster auf Brusthöhe der Frau ist geschlossen, die Welt draußen überbelichtet.
Jonathan legte den Stift beiseite und erhob sich vom Schreibtisch, sah mit ein bisschen mehr Abstand zweifelnd auf seine Arbeit hinunter, auf seine Kritzeleien unter diesem alten Schwarz-Weiß-Foto. Dabei war das schon seine Reinschrift; er machte stets mehrere Entwürfe im Geiste, ehe er mit der Beschreibung des Bildes begann. Er übte sich im Sehen. Schnell nahm er das Blatt und steckte es in den Ordner neben der Schreibtischlampe. Vielleicht würde er noch ein weiteres Foto fertigstellen heute. Er kniete sich hin und zog die unterste Schublade des Rollwagens auf, der sich unter dem Schreibtisch befand. Darin zum Vorschein kamen unzählige Fotografien, wirr übereinanderliegend rutschten sie bei jedem Mal Öffnen oder Schließen der Lade hin und her, schlugen sich die Kanten weich, wenn diese es nicht schon längst waren, schon gewesen waren, bevor die Fotos in Jonathans Besitz übergegangen waren. Dem Chaos entgegen wirkte allein die Tatsache, dass jedes einzelne mit der Bildseite nach oben lag – die Motive der Fotos waren jedoch grundverschieden, auch was Farbigkeit, Qualität und Format betraf, hätten sie sich kaum stärker voneinander abheben können. Jonathans kleine Raritätensammlung. Nach eingehender Begutachtung – mit den Fingern der linken Hand strich er die oberste Schicht an Bildern auseinander, sodass nach und nach verschiedene Motive sichtbar wurden – nahm Jonathan eines von ihnen heraus und schob die Lade wieder zu. Zumindest diesbezüglich war er zufrieden. Er hatte genügend Stoff, ganz offenbar waren fast alle Personen, die er um ein paar ausrangierte Fotos gebeten hatte, seiner Bitte nachgekommen. Aus einem anderen Fach zog er jetzt ein neues weißes Blatt Papier, auf dessen obere Hälfte er das ausgewählte Bild klebte.
Es zeigte eine junge Frau, vielleicht noch keine zwanzig Jahre alt. Ihre rechte Hand ruhte auf der Lenkstange eines Motorrollers. Das Blech war von dem gleichen Weiß wie die Wolken am Himmel, die Sonne verzog sich, unter ihr die Fassaden weißer Häuser – das war ein anderes Weiß. Es musste ein sehr heißer Tag gewesen sein, aus dem jetzt die Luft entwich. Vielleicht hatte es ein Geräusch dazu gegeben, das man nie würde rekonstruieren können. Jonathan mutmaßte sofort, dass nicht das abgebildete Mädchen die Besitzerin des Gefährts war, dass sie nur Beifahrerin war, die man im Wind nicht hörte. Das Bild so gestellt, unnatürlich, wie die Hand auf dem Lenker lag, auch das Lachen war nicht echt. Vielleicht wurde es gleich nach dem Auslösen der Kamera wieder echt, nur auf dem Foto wollte man etwas Künstliches haben. Sicher war der Freund kurz abgestiegen, um seine Begleiterin abzulichten, vielleicht weil er stolz auf sie war und nicht glauben konnte, dass sie ihn liebte, weil ihm gerade das Echte unecht vorkam. Später hatte er das Foto womöglich betrachtet und sich bestätigt gefühlt wegen ihres Lachens, das künstlich war wie die Positionierung der Hand am Griff. Dann war sie wieder hinter ihn auf den Motorroller gestiegen. Jonathan hielt kurz inne. Sein Schulfreund Oliver war früher manchmal auf dem Gepäckträger gesessen, wenn sie nachmittags zum Baden an den Fluss fuhren, wo er eine tiefe Stelle verbarg. Er hätte doch die Arme um seine Taille legen können. Insgeheim hatte Jonathan ihn darum gebeten. Er begann zu schreiben, was er auf der Fotografie sah oder sich einbildete zu sehen, seine Sicht der Dinge.
Dass Jonathan keine oder kaum Ahnung hatte von den auf den Fotos abgebildeten Begebenheiten, zumindest nicht von den genauen Zusammenhängen, war unbedingte Voraussetzung für seine selbstauferlegte Arbeit. Deswegen hatte er auch immer unterbrechen müssen, sobald der Spender eines oder mehrerer Fotos ein Wort über deren Entstehung oder die abgebildeten Personen, Landschaften und Gegenstände hatte anbringen wollen. Außerdem hatte Jonathan darum gebeten, ihm die Fotos in einem verschlossenen weißen Briefkuvert zu überreichen, besser noch, das Kuvert einfach in seinen Briefkasten zu werfen. Zudem hatte er, ehe er mit dem Öffnen begonnen hatte, gewartet, bis ein großes Päckchen zusammengekommen war, um möglichst nicht in Versuchung zu kommen, sich etwas über die Herkunft der Fotos zusammenzureimen. Natürlich erkannte er auf manchen Fotografien die jüngeren Gesichter der Spender wieder – oder meinte es zumindest –, doch viele waren auch von diesem Wiedererkennen frei. Aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und den Blicken eines Fremden offenbart, der Jonathan ihnen gegenüber war, lagen sie nackt unter seinen Augen und gleichzeitig bereit für einen ganz neuen Blick, einen neuen Deutungsversuch. Jonathan fühlte sich gut und groß, als wäre ihm ein Wirbel mehr gewachsen, er konnte weiter sehen.
Wenn er morgens mit dem Rad zur Arbeit fuhr, standen ihm acht Stunden der Pflichterfüllung bevor. Sie standen ihm eigentlich im Weg. Erst abends würde er ein zweites Mal erwachen. Mit dem Gefühl der innerlichen Zweiteilung hatte er zu leben gelernt. Doch waren es nicht zwei klar und starr voneinander abgegrenzte Massen, die ihn ausmachten, es war nicht so, als bestünde sein Rumpf nur aus Zement und die Beine aus Lehm, das Dasein schien ihm gerade der fortwährende und immer neue Verteilungsprozess dieser Massen, die um die Vorherrschaft in bestimmten Gebieten zu bestimmten Zeiten kämpften – Siege und Niederlagen, die er beherrschen wollte, musste. Sieben Uhr in der Früh war überhaupt keine richtige Tageszeit für ihn, eine Zeit für nichts außer für den Schlaf, der ihn stets erst in den Stunden nach Mitternacht überfiel. Doch er hatte sich damit abgefunden und vertröstete sich mit dem Gedanken an den Feierabend, wenn er sich in sein Zweitbüro, wie er es nannte, zurückziehen konnte. Wenn seine Arme und der Kopf wieder Lehm wurden, er den Zement in die Beine zurückdrängen konnte und die Handgriffe nicht mehr so schwerfielen. Tagsüber besahen die Eltern ihn sich genau in seinen Aufgaben, und Jonathan machte sich nicht schlecht als Maschinenbauer, Konstrukteur, Produktmanager – die Aufgabenbereiche waren ständig gewachsen in den letzten Jahren. Irgendwann, hatte sein Vater gesagt, sei es wieder umgekehrt und man würde ihn nicht mehr recht zu etwas brauchen können. Was sind schon ein paar Jahrzehnte. Damit hatte er sich selbst gemeint, natürlich. Jonathan hatte hinter seinem Rücken die Handgelenke kreisen lassen. Auf dem Firmengelände gab es ein kleines Gebäude, in dessen vorderem Teil Galvanisierungsarbeiten vorgenommen wurden, den hinteren Raum, der lange als Abstellraum für Verpackungsmaterial benutzt worden war – aber auch nur dann, wenn in der Lagerhalle kein Platz mehr gewesen war –, hatte Jonathan sich vor zwei Jahren erkämpft. Er hatte ihn sein Zweitbüro geheißen, obwohl allen schon recht bald klar gewesen sein musste, dass es ein Raum für ganz Privates wurde, eine Art Atelier. Dort stand auch der Schreibtisch mit dem darunter befindlichen Rollkasten, die kleinste Wunderkammer der Welt. Jonathan lächelte immer, wenn er daran dachte.
Man ging sehr diskret mit seinen Leidenschaften um. Die anderen Mitarbeiter des Betriebs, die von Zeit zu Zeit heimlich einen Blick in den besetzten Raum warfen – natürlich wusste er davon, bemerkte es an den kleinsten Veränderungen –, ließen im Gespräch mit Jonathan nie ein Wort darüber fallen. Die Eltern duldeten die bescheidene Eroberung, irgendwo waren sie auch nachsichtig. Und hin und wieder musste die Mutter auch ein bisschen stolz sein, einen Sohn mit einer künstlerischen Ader zu haben. Wie sonst hätte sie seine Schweigsamkeit, die für sie nur unhöfliche Verschlossenheit war, entschuldigt. Jonathan war froh, dass sie diese Möglichkeit für sich gefunden hatte, eine kleine Geschichte, die sie erzählen konnte und die ihr das Gefühl gab, etwas zu besitzen, das andere neugierig machte, und Jonathan hatte ein wenig Ruhe. Die Vorwürfe nämlich trug die Mutter wie einen Schlüsselbund am Gürtel, und während sie mit ihm sprach, schaute sie, welcher heute sperrte – einer sperrte immer, wenn auch nur der ganz kleine, so etwas wie ein Briefkastenschlüssel. Jeden Tag nach der Arbeit, um fünf Uhr nachmittags, verschloss Jonathan sich in seinem Zweitbüro, er legte sich dann kurz auf die schmale Bettbank neben dem Schreibtisch, während die Massen sich neu zu verteilen begannen. Der Lehm wanderte im Körper umher, auch hinter seine Augen. So lag er umgeben von unzähligen Schrauben und Nägeln, Drähten, Blechabfällen, Zugfedern, Klemmen und Rohren, die er für seine Skulpturen brauchte, bis zur ersten Traumphase. Dann war es Zeit. Abends fing Jonathan an, die Teile zusammenzusetzen, zu gekrümmten Leibern, rissigen Gesichtern oder traurigen Meerestieren. Manchmal war er so in die Arbeit vertieft, dass er vergaß zu trinken und zu essen. Die eben noch ans Brot gedrückte Alufolie hatte er öfters schon verwenden können – sie wurde Brautschleier, Halskrause oder Patronenhülse. An den Skulpturen war nichts Lebendiges, sie schienen gar so tot, dass man sich ängstigte, wenn sich in manchen Augenblicken unweigerlich das Gefühl einstellte, dass eine der Figuren sich ein Stück bewegt hatte, den entstellten Kopf nach links gedreht, die Schultern fallen gelassen, den Fuß nach dem Licht ausgestreckt hatte. Hätten die Figuren lebendiger ausgesehen, wären sie nicht so überraschend gekommen, die Zeichen, Bewegungen, die Hirngespinste eines Mannes, der allein die Nacht bearbeitete. Jonathan wanderte häufig in der Finsternis übers Gelände, warf in der Halle die Schweißmaschine an, dann musste er darauf achten, die Alarmanlage nicht auszulösen. Oder er widmete sich stattdessen seinen Fotografien, seinem zweiten Steckenpferd, wie die Mutter sagen und gleich darauf hektisch lachen würde. Es war meist schon nach dreiundzwanzig Uhr, wenn Jonathan die Tür hinter sich versperrte, sich aufs Rad schwang und sich auf den Weg zu seiner Wohnung machte.
Die Beamtin nahm den Brief des alten Herrn Stauffer entgegen und frankierte ihn. Jonathan hatte eben das Postamt betreten und reihte sich in die kurze Schlange. Er hatte es nicht eilig, wollte lediglich etwas abholen, doch nun erregte der junge Mann vor ihm, der in diesem Moment zum Schalter trat, seine Aufmerksamkeit. Er hatte ihn noch nie gesehen, dabei kannte Jonathan fast alle Dorfbewohner, zumindest vom Sehen und Weitergehen. Der Fremde war groß und trug eine kurze Jacke aus einem groben, schweren Stoff – Jonathan glaubte sich dunkel zu erinnern, dass er den Vater einmal Tweed dazu hatte sagen hören. An einem Ärmel ragte der Stoff eines grauen Hemds darunter hervor, soweit nichts Außergewöhnliches, doch etwas an dem Mann war irritierend, nein, besonders. Jetzt reichte er der Beamtin eine Ansichtskarte und bat um eine Briefmarke. Die Frau kramte das Gewünschte hervor und – es gab wohl keinen zweiten Ort in der Welt, wo dies praktiziert wurde – leckte selbst mit der Zunge über die Rückseite der Marke, um sie anzubringen. Vielleicht war ihre Reaktion nur natürlich und entschuldbar ob der Verwirrung, die die Angelegenheit auslösen musste. Auch Jonathan, der reglos wartete, bis er an der Reihe war, wunderte sich. Zwar besaß er selbst eine ganze Schublade voll alter Postkarten mit Urlaubsgrüßen von irgendwelchen Fernverwandten, aber er konnte sich nicht erklären, warum man eine solche hier aufgeben würde, denn die Richtung der Sendung war das eigentlich Verwunderliche, wo doch ins Dorf keine Touristen kamen, auch kaum Tagesausflügler. Was konnte diese Karte dem Empfänger zeigen? Und: Welches Ziel konnte sie haben? Von Jonathans Position aus war das Bild auf der Vorderseite nicht zu erkennen. Die Beamtin ließ die Karte in eine Kiste fallen. Etwas Blaues blitzte auf. Wasser oder Himmel als Motiv waren naheliegend, aber das hieß nicht, dass es nicht etwas ganz anderes sein konnte, was da verschickt wurde. Und noch etwas wies diesen Mann eindeutig als Fremden aus. Auf dem Kopf trug er eine Kappe mit Ohrenklappen, höchst ungewöhnlich, sie passte nicht an diesen Ort. Niemand trug hier solche Kappen. Die Postbeamtin schien es auch zu bemerken. Was sie vielleicht nicht bemerkte, waren der schöne gerade Rücken und die großen Hände mit den schlanken Fingern – solche Hände hier wofür? Der junge Mann verabschiedete sich, drehte sich um und verließ das Gebäude. Einfach so. Jonathan hatte nur einen kurzen Blick in sein Gesicht erhaschen können. Das Lächeln war ein Eukalyptusblatt, nicht übermäßig geschwungen, ein bisschen einseitig, aber trotzdem verschwenderisch aromatisch.
Die nächsten Tage musste Jonathan immer wieder an den Fremden mit der Ansichtskarte denken. Die blaue Farbe – was wohl in ihr zu sehen gewesen sein mochte?
Komm ruhig herein. Der Vater saß über den Schreibtisch gebeugt im Zimmer, als Jonathan eintrat und ihn von schräg hinten musterte. Aus der Entfernung konnte er nicht sehen, was auf den Papieren klein geschrieben stand, aber ganz sicher waren es Zahlen, die die rechte Spalte füllten. Jonathan war misstrauisch; am Tonfall des Vaters erkannte er sofort, dass dieser sich wieder in ein Sprachrohr für die Mutter verwandelt hatte. Die anderen hörten den Unterton nicht, aber irgendetwas musste ihre Beziehung ja von jenen, die der Vater mit den übrigen Angestellten pflegte, unterscheiden. Draußen begann es zu regnen, die Tropfen liefen die Scheiben hinunter wie armselige Tiere, deren Leben endete, sobald sie den Fensterrahmen erreichten. Als Kind hatte er das manchmal mit sich selbst gespielt, das Einzelkindspiel – er hatte die Tropfen auf dem Glas angesehen und gemutmaßt, welcher sich als Erstes mit einem zweiten vereinigen würde, nur um sich dann loszureißen, schneller als die anderen ganz hinunterzurinnen, wo er scheinbar verschwand. Man hätte sie hereinlassen und ihnen die letzten Minuten im Warmen gönnen können, bis sie sich auflösten. Jonathan stand unbeweglich im Zimmer, in manchen Augenblicken hätte er nur zu gern das Schicksal der Tropfen geteilt. Er heftete den Blick auf die glanzlosen Haare des Vaters, als dieser sich mit einem Mal umwandte. Weißt du, Jonathan, fing er an und sah über die Ränder der Brillengläser hinweg. Wir sind sehr stolz auf dich. Was folgte, war eine hohle Rede über seine Leistungen im Betrieb im vergangenen Jahr. Zuletzt hatte Jonathan zusätzlich zu all seinen Aufgaben noch Personalverantwortung übernommen. Doch alle von ihm getroffenen Entscheidungen und den Kollegen kundgetanen Botschaften waren von einem bestimmten Blickwinkel aus betrachtet transparent, dahinter sah man jemand anderen nicken. So gesehen war auch er ein Sprachrohr. Jonathan drehte gerade ein Bonbonpapier zwischen den Fingern – die rote Süßigkeit hatte er schon im Mund –, als der Vater ihm eine Gehaltserhöhung versprach und ansatzlos fragte: Was ist eigentlich mit Laura? Jonathan erstarrte. Mit wem?, sagte er, obwohl er sich da schon an sie erinnerte. Laura war früher in seiner Parallelklasse gewesen, er konnte sich aber nicht entsinnen, wann er ihr das letzte Mal begegnet war. Das letzte Bild von ihr in seinem Kopf war gut zehn Jahre alt. Sie arbeitet jetzt beim Zahnarzt, hat nach dir gefragt, sagte der Vater. Seine Hände lagen ganz komisch auf dem Stapel Papier voller Zahlen auf dem Tisch, weiß und aufgedunsen wie schon tot. Jonathan konnte sich nicht von dem Anblick lösen. Wie er diese Gespräche hasste, und wie er sich dabei beherrschen musste! Er versuchte eine beiläufige Antwort: So so, das habe ich ganz vergessen. Liebe Grüße, wenn du wieder dort bist. Aber es funktionierte nicht. Der Vater ließ sich nicht beirren, gleichsam als sei es seine Pflicht, bestand er darauf, wie nett sie nicht sei, sehr beflissen und intelligent. Die Mundhygiene sei ein Traum gewesen. Just bei diesem Satz biss Jonathan vor lauter Wut die Zähne aufeinander, links hinten zwischen den Backenzähnen zermalmte er das Bonbon. Er schluckte die scharfkantigen Splitter hinunter, hustete. Der Vater wollte schon aufstehen und ihm auf den Rücken klopfen, blieb aber sitzen. Die toten Hände verrutschten auf dem Papier, der gute Rat war teuer. Nachdem Jonathan sich einigermaßen gefasst hatte – seine Augen tränten ein wenig –, steckte er den Zeigefinger der rechten Hand in den Mund und tastete über die Backenzähe. Der Vater lachte und aus seinem Mund sprach es: Irgendwann muss jeder die Liebe finden, so ist das.
4
Ausnahmsweise war Sarah ohne ein Frühstück und – obwohl es nicht so kalt war – mit gefütterten Stiefeln aus dem Haus gegangen, weil es ihr immer noch schwerfiel, die Schnürsenkel ihrer Halbschuhe zu binden. Sonst drängte sich der Vater geradezu auf seit dem Unfall. Sarah war nicht böse, dass er ihr Klopfen heute nicht gehört hatte. Am vorigen Abend hatte er zu viel getrunken, war auch wieder bei Lana gewesen – das waren einzelne Stunden wie Löcher im Stoff seines Pflichtbewusstseins: Du hast da etwas, ganz recht. Vielleicht war es eine Laufmasche im Alltagstrott. Sarah vermutete, dass es ihm nicht guttat, wie er sich selbst einengte, und sie verstand nicht, was ihn dann doch jedes Mal rechtzeitig zu den Abendnachrichten nachhause trieb, als wäre er ein Mann von Welt und als gäbe es bei Lana keine Welt, was Sarah nicht glauben wollte – im Gegenteil, vielleicht war sie dort eher zu weit und unübersichtlich. Und wenn es wegen ihr war … sie wollte nicht der Grund für alles sein. Du kannst doch bleiben. Ich bin doch alt genug, das zu verstehen. Aber irgendetwas jagte ihn immer wieder fort von dieser Frau. Oder – Sarah war sich da nicht sicher – kam sie, die Tochter, mit ihrem schmerzenden Arm ihm nicht gerade gelegen als Vorwand sich davonzumachen? Dann erst recht wollte sie sich eine neue Rolle erspielen.
Sie kannte die Freundin des Vaters nur vom Sehen, aber auch sie hatte die besondere Anziehung wahrgenommen, die von Lana ausging. Denn es war keine Kraft, die nur auf Männer gewirkt hätte. Eine einnehmende Körperlichkeit war es, die das Gegenüber herausforderte – Lana ging, sprach und dachte mit dem ganzen Körper, was nicht bedeutete, dass sie laut und ausufernd war in dem, was sie tat, aber jede Stromschnelle führte zu ihr. Sarah hörte ihren Namen oft aus verschiedenen Mündern. Ihr Vater hatte Lana einmal hereingebeten, zum Aufwärmen – wahrscheinlich hatte sie es selbst einfordern müssen, denn er mochte sie aus irgendeinem Grund nicht im Haus haben. Oder er wollte nur verhindern, dass sie und Sarah aufeinandertrafen. Dieser Gedanke hatte sich zu einem Verdacht ausgewachsen. Hast einen Narren an ihr gefressen, hatte Sarah zu ihm gesagt und ihn aufgezogen, und trotzdem soll ich sie nicht kennenlernen? Das Regenwasser war aus Lanas Haaren auf die Fliesen getropft. Sie hatte wunderschön ausgesehen. Ein paar Worte nur hatte sie mit Sarah gewechselt, bevor sie auf Gregors Wink hin sofort verschwand. Nicht ihm zuliebe, sondern gerade so, als hätte sie ihm zeigen wollen, dass es ihr nichts ausmachte zu gehen. Provozierend frei. Es musste ihr gefallen – und dem Vater auch. Nur geheuer schien es ihm nicht zu sein.
Sarah verzieh ihrem Vater sofort, als er sich nachmittags bei ihr entschuldigte. Weil er von zuhause aus arbeitete, war er fast immer da, wenn sie von der Schule kam. Gekonnt ließ sie das Wort Klavier in die kurze Stille zwischen Besteckklirren und Beschwichtigungen fallen und Gregor tat, als hätte er es nicht gehört. Es war nicht das erste Mal, dass sie dieses Thema ansprach und er reflexartig nach der Schule fragte, als brächte man das Eltern so bei. Er sah dabei auf Sarahs Armschlinge und die Handschiene hinunter. Sie stand auf und nahm sich etwas aus dem Kühlschrank, wie um zu demonstrieren, dass auch das verletzte Knie schon wieder verheilt sei, aber der Vater hatte sich stumm hingesetzt und tat so, auch wenn niemand sonst einen Unterschied bemerkt hätte, als wäre es ganz deutlich zu erkennen, dass in Sarahs Gang etwas anders war. Ihr war vor ein paar Tagen schon aufgefallen, dass dieser Blick ihres Vaters sich nicht veränderte, sich keine Spur anpasste, obwohl sie selbst kaum noch Schmerzen im Bein spürte und keine Schonhaltung mehr einzunehmen brauchte, was nicht schwer war, zumal sie nicht mehr zum Training ging. Sarah war nicht wehleidig, es wäre so ziemlich das Letzte gewesen, was sie sein wollte. Wenn er sie auf diese Weise ansah, ärgerte sie das maßlos, ein Nachtrauern und darin ein Abwinken, als wäre jetzt alles entschieden. Aber was sollte das überhaupt sein: alles? Noch dazu war sie nicht mehr sein kleines Töchterlein, war jetzt vielmehr die junge Frau, die keinen Freund mit nachhause brachte. Sarah war ja nicht dumm, sie war sich ganz im Klaren darüber, was er denken musste, und sie wusste genau, dass er sie beobachtete – stets abwägend, ob sie glücklich genug sei. Früher beim Springen. Jetzt im Leben. Er saß dort hinter seinem Computer wie in einem Dachsbau, wenn sie von der Schule kommend die Straße überquerte und durch die Garage ins Haus kam. Erschiene sie einmal in Begleitung eines Schulkollegen, dann würde er ihnen keine Steine in den Weg werfen, bei diesen Dingen reagierte er immer zu spät. Er würde vielleicht irgendwann die Schlösser austauschen lassen, wenn er zur Ansicht gekommen sein würde, dass Sarahs Freund sie nicht glücklich genug machte. Aber es gab ihn ja gar nicht, so einen jungen Casanova, der ihr die verletzte Hand hielt und noch die letzte Entscheidung ihr abzunehmen bereit gewesen wäre.
Sarah lehnte sich zurück an das leise Säuseln des Heizkörpers und streifte die Handschiene ab, ließ den Arm über die Kante der Eckbank hängen. Noch immer waren einzelne Bewegungen schmerzhaft und ihre rechte Körperhälfte schwächlich. Die an den Fensterscheiben klebenden Papierschmetterlinge bewegten hin und wieder ihre Flügelspitzen im Luftzug. Eigentlich wollte Sarah sie herunterreißen, aber sie ließ die selbstgebastelten Scherenschnitte noch hängen für ihren Vater, dem die Kleinheit zu gefallen begonnen hatte. Er war der erste gewesen, der die Hoffnung auf ein Comeback aufgegeben hatte, der sofort gesagt hatte, dass der Berufssport doch nur was für Teufelskerle sei. Das nimmt nie ein gutes Ende, die werden nicht alt. Dabei hatte er früher immer vom großen Traum gesprochen, als sei das etwas ganz Persönliches, als träumten nachts nicht tausende Eltern vom Welterfolg ihres Kindes. Sarah war sich nicht sicher, wer zuerst in diesem Traum gewesen war. Jetzt bewegte sich eine Flügelspitze ganz heftig in der Heizungsluft, sie zitterte. Sarah wollte es dem Vater nicht sagen, wie schrecklich sie die Schmetterlinge seit einigen Tagen anmuteten, das fadenscheinige Getier. Zwar war sie es, die noch immer mit den Folgen der Brüche von Schulter und Hand zu kämpfen hatte, doch die undiagnostizierten Verletzungen trafen ihn. So hatte auch Sarah allen Grund ihren Vater anzusehen, als sei er krank, als bewege er sich anders. War es ein Schuldgefühl, das sich bemerkbar machte wie die Gicht? Hatte er Schmerzen in den Gelenken und wirkte darum so steif und fest? Die geschwollenen Augen, weil er sie unbedingt verschließen wollte und ihm das nicht gelang? Oder schlief er nur zu wenig? Er hatte Sarah trainiert, aber er hatte sie nicht auf den Unfall hin trainiert. Sie wollte ihm das sagen, weil es offensichtlich war, dass er sich Vorwürfe machte. Aber dann ging sie zum Tisch zurück und schaute ihm ins Gesicht.
Wieso fragst du Alexandr nicht?, sagte sie.
Willst du das wirklich? Ich weiß nicht. Und die Hand?
Eben, die Hand.
Na ja, ich kann mich ja einmal umhören.
Ist heute Probe? Sie kannte die Antwort schon. Kann ich mitkommen?
Nicht, wenn du morgen einen Test in der Schule hast.
Der ist verschoben. Sarah war besser geworden im Lügen, auch das ein Trainingsresultat.
Na gut, dann kommst du eben mit. Aber nur das eine Mal. Und mit Alexandr rede ich.
Das musste er sein, in dem grauen Anzug, der ein bisschen unförmig wirkte, wie er da nach vorne eingesunken und mit hängenden Schultern am Klavier saß. Er hatte die Augen geschlossen, als würde er sich sammeln. Obwohl er ganz offensichtlich fortgeschrittenen Alters und von gebrechlicher Gestalt war, schien er den anderen Männern im Raum durchaus gewachsen zu sein, wenn er auch körperlich kleiner war. Sarah hatte eben erst Platz genommen, da erhoben sich die Sänger schon von den Tischen und traten aufs Podium, denn der Chorleiter war aufgestanden, und das genügte. Sie bezogen ihre Aufstellung auf der niedrigen hölzernen Plattform, die auf der Stirnseite des Raumes aufgebaut war und jenen so erst als Veranstaltungssaal des Gasthauses auswies, den gelblichen Fliesenboden zum Teil verdeckend. Nun war ihr doch nicht wohl. Ihr Vater zwinkerte ihr zwar aus der zweiten Reihe zu, doch Sarah saß jetzt ganz allein am Tisch, den rechten Arm im Schoß abgelegt, mit der gesunden Hand hielt sie sich an einem Glas fest, das nicht ihres war. Lana hatte sie noch nicht gesehen, obwohl der Vater versichert hatte, dass sie heute auch da sein würde. Dienstagabend ist ihre Schicht. Sarah rief sich seine Worte in Erinnerung. Sie spürte, wie die im Halbkreis stehenden Sänger sie abwechselnd musterten, ihre Blicke gleichsam von dem grauen Anzug des Chorleiters abrutschten und auf sie fielen. Sie wollte es vermeiden, einen dieser Blicke mit den Augen aufzufangen. Nur Alexandr, der jetzt mit dem Rücken zu ihr stand, konnte sie gefahrlos beobachten. Wenn er beim Pianino Platz nahm, um den Sängern etwas vorzuspielen, wirkte er hochkonzentriert. Und wenn er sprach, versteinerte sein Körper. Wir beginnen ein neues Stück. Hier der Text. Erst nachdem er fertiggesprochen hatte, begann er damit, die Kopien auszuteilen. Dann ging er zum Klavier und legte die Hände auf die Tasten, sie waren aufeinander eingestimmt wie Zwillinge – zwar eine gewisse Rivalität zwischen ihnen, die es aber zu brauchen schien für jede Dissonanz und jede Auflösung. Und im Spiel sahen sie aus, als gehörten sie nicht zu dem Körper, der sich über sie beugte, nicht zu diesem Mann, der älter wirkte, als er vermutlich war. Sarah schaute hinauf zu Alexandr und zu seinen Händen, aus sicherer Distanz. Und dann hoben sich auch noch die Ohren vom Rest der Gestalt ab, es schien ihr, als wüchsen sie unmerklich. Aber Sarah war sicher: Hätte das Stück länger gedauert, dann hätten auch die anderen es bemerken müssen, dass Alexandr dem eigenen Spiel derart wachsam zuhörte, wie es ganz unnatürlich war. Ein Sträußchen auf dem Hute, den Stabe i-in der Hand, zieht einsam so der Wandrer von Lande-e zu Land. So trug er die erste Phrase in einer Art Sprechgesang vor und spielte dazu. Die zweiten Tenöre sangen ihm nach – sie waren die erste Gruppe, mit der er die Strophe im Detail durchging, Phrase um Phrase einstudierte.
Sarah hatte nicht gehört, dass sich die Tür geöffnet hatte, auch die Blicke der Sänger hatten es nicht verraten. Lana war so plötzlich aufgetaucht und hatte sich auf den Stuhl neben ihr sinken lassen, dass sie richtig erschrocken war. Sie spürte einen Stich in der Schulter. Er hätte mir schon sagen können, dass er in Begleitung kommt. Alexandr mag das Flüstern übrigens überhaupt nicht, er hört alles. Sarah nickte in Lanas Lächeln und fand es sehr betörend. Hätte sie ihr eine Verschwörung aufgetischt, sie hätte sich ihr sofort angeschlossen. Es war nicht ihr Flüstern gewesen, das Alexandr jetzt zum Schreien brachte. Sarah, die noch einen Moment lang Lanas Stimme nachhörte, konnte sich nicht erklären, was den Chorleiter so plötzlich in Rage versetzt hatte. Das passiert fast jedes Mal, sagte Lana erklärend. Ist ganz normal. Tatsächlich ertrugen die Sänger, Alexandrs Ausbrüche gewohnt, seine Schimpftirade in der Gruppe leicht, der Außenseiter schien der Chorleiter selbst zu sein. Es stimmte sicher, was ihr Vater ihr erzählt hatte. Es gab einige Mitglieder, die Alexandrs Eignung infrage stellten. Er mochte alt aussehen, aber jetzt in der Aufregung und da er schrie, war er gar nicht mehr steinern, sondern fuchtelte mit den Armen herum. Wo ist euer Kopf, wenn ihr singt?, fuhr er sie an, als hätten alle Männer, sobald sie zusammen sangen, nur noch einen großen Kopf, als wären sie dann nur noch eine Kreatur. Ich bin ja nicht euer Hampelmann, versteht ihr das nicht? Ich gebe ja nicht nur die Einsätze, ich zeige alles. Wie das gesungen werden muss. Wie! In manchen Gesichtern entstand ein Lächeln, das konnten sie sich nicht verkneifen. Sarah bemerkte, wie unter Alexandrs silbernem Haar die Kopfhaut durchschimmerte. Er hat es faustdick hinter den Ohren, sagte Lana. Und in Bezug auf die Sänger fügte sie hinzu: So sind sie, schau sie dir an, ein Schwarm stummer Fische, wie sie schauen und grinsen, für sich genommen alles Schwächlinge. Den Ellbogen hatte Lana auf die Lehne des Stuhls gelegt, auf dem Sarah saß. Ein starker Geruch nach Flieder stob auf, als hätte jemand ein neues Buch unter ihrer Nase aufgeschlagen und wolle sie verführen. Aber welches Tier ist Alexandr?, murmelte Lana. Sarah schaute sie erst nur verständnislos an, dann besah sie sich ihren Vater, der tatsächlich sehr runde Augen hatte. Wie ein Fisch. Sie nickte und überlegte ein bisschen. Alexandr ... könnte ein Wolf sein, mutmaßte sie. Lana kicherte und wischte sich die Hände an der Schürze ab, vielleicht weil sie feucht waren. Das würde ihm wahrscheinlich gefallen, sagte sie noch, erhob sich und ging zur Tür. Das Glas war wie aus Milch. Sarah, in die Richtung ihres Verschwindens gewandt, fragte sich, was sie selbst in Lanas Augen war. Jetzt ärgerte sie sich, dass ihr Vater zuhause fast nie von ihr erzählte. Er war so anders geworden – tat so, als müsse er Sarah immerzu beschützen und zurückpfeifen. Allmählich kehrte wieder Ruhe ein im Raum, der Chorleiter gab den Auftakt. Er zeigte auf die Stimmgruppen und benannte sie. Erste und zweite Tenöre zusammen, bitte! Die anderen waren für dieses Mal noch ausgespart. Sarahs Vater hatte zu schweigen und doch stand ihm der Mund leicht offen wie in Erwartung eines Strohhalms.
Nach dem Ende der Probe floss der Alkohol. Wie eine Erlösung. Sie erhob sich vom Tisch. Ihrem Vater hatte sie ein Zeichen gegeben, als ginge sie auf die Toilette, aber in Wirklichkeit schlich sie zum Podium. Alexandr wandte sich ihr nicht zu, bis sie den letzten Schritt gemacht hatte und neben ihm stand. Weil sie nicht recht wusste, wie sie ihn ansprechen sollte, sagte sie einen Satz zu dem Lied, das der Chor geübt hatte – vielleicht fragte sie auch irgendetwas –, doch es war, als hätte sie kein einziges Wort von sich gegeben, als sie gleich darauf mit der Frage herausplatzte: Geben Sie mir Klavierunterricht? Ich habe zuhaus kein Klavier, aber hier lässt man mich sicher üben, fügte sie noch hinzu. Der Chorleiter, der sie einen Moment eindringlich gemustert hatte, wurde wieder steif, steinern, schien auf der Suche nach einer Antwort auf ihre Frage, die anscheinend eine äußerst schwierige war und Sarah fast peinlich wurde. Doch nun musste sie beharren. Ich würde gern Klavier spielen lernen. Es war ihr ganz ernst. Ich denke, das kann ich nicht, bin ja selbst ein Amateur, dazu nicht ausgebildet, murmelte er, und da hatte Sarah keine Angst mehr vor ihm. So brauchte er ihr nicht zu kommen, es war die falsche Antwort. Du unterschätzt dich doch, Alexandr! – Lana, die Sarah Rückendeckung gegeben hatte, kam ein paar Schritte näher. Wir können es ja einmal versuchen, sagte er dann und schloss den Tastendeckel ohne das leiseste Geräusch.
Den ersten Flügel hatte sie ihm schon abgerissen. Auch der schlanke Körper des einseitig gewordenen Insekts begann sich vom Glas zu lösen, ganz von selbst, weil es ja keinen Sinn mehr hatte festzuhalten. Dann zog Sarah den zweiten Flügel ab. Ganz oben klebte schließlich noch ein Papierrest an der Scheibe, den sie mit dem Fingernagel abkratzen musste. Keine Rückstände verblieben am Glas, spurlos verschwunden. Nur an den Fingerspitzen noch ein paar Reste Schmetterling. Die Scherenschnitte am Fenster entfernte sie auf diese Weise einen nach dem anderen. Zwar war es nur Papier, doch der Akt des Ablösens war langsam und brutal. Letztlich hatte sie doch ein Stück Klebeband übersehen, das blieb zurück und hielt nur noch sich selbst fest.
5
Sie saßen dicht an dicht und wenn sie lachten, dann rieben sich die runden Schultern aneinander. Jonathan mit einem Tischbein zwischen den Knien an einer Ecke der beiden Tafeln, die jeweils aus zwei zusammengestellten Tischen gebildet waren. Alexandr abseits beim Klavier, der Chorleiter wartete. Stefan würde nicht kommen, er hatte kurzfristig Bescheid gegeben, aber auch Gregor war noch nicht erschienen, obwohl es gleich acht Uhr sein musste und gerade er sonst überpünktlich war. Zwischen den Tischen, in der Mitte des Raums, fiel Jonathan ein toter Falter auf, der sich, von einer oder mehreren Schuhsohlen auseinandergerissen, am Boden zerrieben hatte. Die Männer um ihn herum unterhielten sich mit ihren lauten Stimmen, wiederholten die immer gleichen Wörter, anhand derer sie sich ihrer Zugehörigkeit versicherten. Jonathan schaute in regelmäßigen Abständen zu Alexandr nach vorn, der vor dem Instrument mit geschlossenem Tastendeckel saß, als bräuchte er die Gesellschaft eines großen stillen Körpers in dem Stimmengewirr – im alten Holz aller Glanz verloren, abgesplittert, so spiegelte sich nichts in rotbrauner Oberfläche, was die Ruhe gestört hätte. Er saß bei dem Klavier, mit leicht hängenden Schultern, so teilnahmslos, als säße er in Wahrheit an einem ganz anderen Ort in der Welt, für einige Minuten entflogen. Während Jonathan noch einen letzten freien Platz in der Runde hatte finden können, war Alexandrs Rolle die desjenigen, der alles besetzt vorfand, der sich – so schien es – nur der herrenlosen Dinge annehmen konnte. Der Dinge, mit denen sich niemand hatte anfreunden können, mit denen man es vielleicht eine Zeit lang probiert, sie dann aber stehen oder fallen gelassen hatte, weil man mit ihnen nicht weiterkam. Unnützes band man nicht an sich, und was zu lange unverstanden blieb, wurde stets unnütz. So viele Jahre nicht verwendet. Wozu noch? Das kann weg. Jonathan atmete durch den Mund, wie immer, wenn er mit sich selbst sprach, ohne die Lippen zu bewegen. Niemand aus dem Chor begriff, was sie ihre Lieder hindurch sangen, was Alexandr sie singen machen wollte. Jonathan glaubte, zumindest dies verstanden zu haben – dass sie das nicht leisten konnten –, und vielleicht kam er Alexandrs überspannten Vorstellungen schon allein darum einen Hauch näher als die anderen.
Plötzlich war da ein Wortfetzen, der seine Aufmerksamkeit erregte. Jonathan schaute sich am Tisch um, blickte in die Gesichter der Männer. Neue Nachbarn? Wer hatte das gesagt? Ludwig fing seinen Blick mit einem amüsierten Lächeln auf. Kennst du die Familie denn?, fragte er. Welche Familie? Jonathan hatte so ein Gefühl, dass sich hier die Fäden verknoteten, und in der Tat sprachen die anderen von dem Mann, den er vor einigen Tagen am Postamt gesehen hatte. Natürlich sprachen sie über ihn! Gleich sollten die anderen Chorsänger es bestätigen. Mit großen Gesten – auch die Schultern rieben sich wieder aneinander – erzählten sie, dass in der alten Trauner-Villa eine Familie eingezogen war. Sie waren nicht aus der Gegend. Nein, natürlich nicht, das hörte man an dem fremd klingenden Akzent, doch sonst wusste man recht wenig. Die passenden Geschichten, die auch die wunderlichsten waren, wurden schon erfunden. Beim Bäcker sollten sie Unmengen von Semmeln gekauft haben, dabei war es nur ein Dreipersonenhaushalt. Jonathan saß da mit hochgezogenen Augenbrauen und lauschte den Geschichten. Auch wenn sie noch so widersinnig waren, er wollte alles erfahren, was die anderen sich zusammengereimt hatten, und ein bisschen war er über sich selbst erstaunt deswegen. Hätte er einen Schritt neben sich machen können, womöglich hätte er sich kopfschüttelnd angesehen. Und der … der Sohn?, hörte er sich stattdessen fragen – er wandte sich an keine bestimmte Person, sprach niemanden direkt und gleichzeitig alle an. Unauffällig schüttelte er die Hände aus, um wenigstens ein bisschen Erregung loszuwerden. Keine Ahnung, den hab ich kaum gesehen. Die müssen arbeitslos sein oder weiß der Teufel, jedenfalls gehen sie zu ganz ungewöhnlichen Zeiten aus dem Haus – sie wohnen ja gleich ein Stück die Straße rauf, von uns hat man einen guten Blick. Wer hatte das gesagt? Es musste Ludwig gewesen sein. Einen guten Blick, wiederholte Jonathan leise für sich, aber die anderen schienen es gehört zu haben. Sie befeuerten ihn jetzt richtiggehend, ihn, der sonst nie am allgemeinen Gespräch am Tisch teilnahm, er merkte das sehr wohl. Aber auch in dieser Situation wusste er das Wichtigste für sich zu behalten. Die Ansichtskarte! Wie hätten sie sich auf diese Information gestürzt! Hyänen. Aber er verbarg die kleine Episode sicher vor ihren hungrigen großen Leibern, das Blau des Bildes hatte sich da schon in seiner Iris eingelagert. Er wusste auch, dass sie vermutlich sogar Alexandr interessiert hätte, die Farbe seiner Postkarte, die plötzlich seine Trumpfkarte wurde, ihnen allen war er einen langen Satz voraus. Eines Abends hatte der Chorleiter etwas von der Wolga gesagt, Jonathan konnte sich erinnern – sie alle hatten nicht wenig getrunken –, die anderen hatten es wahrscheinlich gar nicht bemerkt, überhaupt schon vergessen, dass Alexandrs Augen plötzlich wässrig geworden waren, als er auf seinen Vater zu sprechen gekommen war. Der habe von der blauen Wolga geträumt für den Rest seines Lebens. Und wahrscheinlich war sie gar nicht blau. So sind diese Flüsse nicht. Jonathan aber würde niemandem von der Beobachtung am Postamt erzählen, die ihn im unwahrscheinlichsten Fall sogar zu diesem fremden Fluss würde führen können, egal wohin, es war sein Geheimnis. Stattdessen lauschte er weiter dem Geschwätz, Ludwig klopfte sich schon auf die Schenkel und riss einen Witz über den jungen Mann. Was für ein Bürschchen, rief er aus. Wer? Jonathan glaubte einen Moment, dass er selbst damit gemeint sei. Und wirklich, zusehends bekam die Freude der anderen Risse – da lugte das Hämische durch. Er bemerkte, wie sie ihn angrinsten, einen spöttischen Ausdruck vom einen zum anderen Auge des einen großen Tiers, das sie waren, weiterreichten. Jonathan spürte die Wut unter seiner Haut kribbeln, seine Wangen wurden heiß. Sie waren es auch, deren Schuhe den Falter entzweigerissen hatten. Es wäre nicht schwer gewesen herauszufinden, welcher Fuß ihn erwischt hatte.
Gregor kam herein, mit der Hand einen Moment länger als üblich die Tür aufhaltend, weil hinter ihm noch ein Mädchen erschien. Es war groß und hatte auf den ersten Blick starke Ähnlichkeiten mit dem Vater, ein breites Gesicht und hohe Wangenknochen. Gregor hob die Hand zum allgemeinen Gruß und stellte seine Tochter vor. Jonathan nickte ihr zu, die Gespräche waren gänzlich verebbt, Sarah schaute ein bisschen unsicher einmal nach links, dann nach rechts, sie lächelte. Und es war sehr leicht, dieses Lächeln zu erwidern. Irgendjemand sagte etwas Taktloses, aber dann räumten die Männer ohnehin schnell das Feld. Alexandr hatte sie zu sich nach vorn gerufen. Er war aufgestanden, weil er Gregor erkannt hatte, Sarah jedoch schien er gar nicht bemerkt zu haben. Sie setzte sich auf einen der leer gewordenen Stühle, die plötzlich nichts Weiches mehr hatten, während die Sänger auf ihren Plätzen am Ende des Saals Stellung bezogen. Einmal trafen sich Jonathans und Sarahs Blicke. Er glaubte, er würde lächeln, aber vielleicht war doch nur sein Mund einen Spalt breit offen gestanden. Sie wandte sich schnell ab, und Jonathan tat es ihr gleich. Als er später wieder wagte, sie direkt anzusehen, fixierte sie den Chorleiter. Was für sie dabei nicht zu erkennen war, hätte Jonathan ihr gern irgendwann erzählt: Nach einem kurzen Aufwärmen stand in Alexandrs Gesicht schon dieser erwartungsvolle Ausdruck, der sich in menschlichen Zügen kurz vor der Erfüllung eines Wunsches abzuzeichnen pflegt und gewöhnlich nur wenige Sekunden anhält. Doch sein Blick veränderte sich nicht, Alexandr fand keine Erfüllung in der Musik. Sie konnten sich bemühen und all seinen Anweisungen Folge leisten, doch immer fehlte etwas, das sehr wichtig war und nicht in Worte fassbar. Dieser grauhaarige Kauz mit dem russischen Akzent, der Russe – Jonathan dachte daran, wie er die Leute oft von ihm sprechen hörte. Er selbst hielt sich fast ausschließlich an Namen, glaubte er doch zu wissen, wie es war, in gemeine Schablonen gedrängt zu werden, der Name war schlimm genug. Die Flucht gelang nur in die nächste vorgefertigte Form. Und ob es überhaupt möglich war, die Formen von innen zu zersprengen, war nicht im Geringsten sicher.
An diesem Abend machte Alexandr sie bekannt mit einem neuen Lied, einer Melodie, die so vertraut klang, als gäbe es nichts weiter zu erklären. Aber der Eindruck täuschte. Zwar war das Arrangement nicht so komplex wie manch andere, die er ihnen schon zugemutet hatte, es klang einfach und ungekünstelt, als er es ihnen zur Einführung vorspielte. Es ist die Melodie vom Armen Heinrich, aber der Text vom Sträußchen am Hute, sagte Alexandr. Doch niemand kannte diese Lieder, von denen er sprach. Jonathan wechselte ein paar Blicke mit den anderen. Weil sie sich keine Blöße geben wollten – immerhin ging es hier ja um Volkslieder –, gab es auch keine Einwände. Wenn Alexandr etwas zu erklären versuchte, schien er sehr angespannt, fast als ängstige er sich insgeheim, sobald es ruhig wurde und alle Anwesenden seinen Ausführungen lauschten, wie von ihm eingefordert. Er beschrieb ihnen die Form, die sie auskleiden und füllen sollten, in Wahrheit nur ein Mittel zum Zweck, nicht der Wunsch selbst. Er predigte das genaue Hinhören und schien gleichzeitig furchtsam angesichts der uneingeschränkten Aufmerksamkeit. Ein scharfes Gehör ist wie ein reines Gewissen, offen für Neuigkeiten. Aber war denn nicht Alexandr mehr noch als alle anderen mit Altlasten beschwert? Die zweiten Tenöre waren als erste dran, sie übten die Strophe unter seinen Anweisungen, dann die ersten Tenöre, zu denen auch Jonathan zählte, der froh war, endlich singen zu dürfen. Schließlich beide Gruppen zusammen. Doch schon nach ein paar Minuten verlangte Alexandr, dass sie ihre Stimmen zügelten. Nein, so geht das nicht. Hört zu. Langsamer, langsamer. Ihr müsst euch doch gegenseitig zuhören, Herrgott, rief er. Da also war es wieder. Zuhören sollten sie. Nachdem Alexandr die Unsicherheiten bei einzelnen Sängern vertrieben und große Unebenheiten geglättet hatte – auch Ludwig und Anton im zweiten Bass waren drauf und dran gewesen, sich einen falschen Ton einzulernen –, bremste er den ganzen Chor zusammen, er wollte es leise, einfühlsam. Sie konnten es ihm nicht recht machen. Auch Jonathan kämpfte mit seiner Stimme, die er kaum hörte, immer schoben sich die anderen darüber. Schon ein paar Wiederholungen später verlor Alexandr die Nerven, schüttelte wild den Kopf, winkte ab. Jonathan verstummte, während die meisten einfach weitersangen, bis der Chorleiter mit dem Fuß mehrmals laut auf den Boden stampfte. Aus!
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