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Inhaltsverzeichnis
Prolog
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Erster Zwischenakt
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Zweiter Zwischenakt
Ein gläserner Käfig
Dritter Zwischenakt
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Vierter Zwischenakt
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Epilog
71
72
73
Anmerkung
Erläuterungen

Luiz Antonio de Assis Brasil
Gestalt im Schatten
Roman
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von
Kurt Scharf
Originalausgabe
Figura na sombra
L&PM Editores
Porto Alegre - RS - Brasilien
1. Auflage 2012
CIP - Titelaufnahme in die Deutsche Nationalbibliothek
© 2021 by Sujet Verlag
Gestalt im Schatten
Luiz Antonio de Assis Brasil
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Kurt Scharf
ISBN: 978-3-96202-617-2
Korrektorat: Stella Dietrich, Myriam Sauter
Umschlaggestaltung: Tarlan Mirshekari
Layout: Lúcia Rodrigues Maio
Druckvorstufe: Sujet Verlag, Bremen
Printed in Europe
1. Auflage Frühjahr 2021
www.sujet-verlag.de
Für Valesca.
Immer.
What are the major men? All men are brave.
All men endure. The great captain is the choice
Of chance. Finally, the most solemn burial
Is a paisant chronicle.
Wallace Stevens
Paisant Chronicle
Prolog
Estanzia Santa Ana, Corrientes, Argentienien,1858
Es ist ein sonniger Nachmittag auf der Pampa. Der Himmel ist wolkenlos. Die Luft ist leicht und schimmert bläulich. Am Vormittag und an den sechs Tagen davor hat es in Strömen geregnet. Düstere Nebelschwaden zogen durch die Luft. Der Bach Las Ánimas war über die Ufer getreten und hatte sich mit dem nahen Fluss, dem Uruguay, vereinigt. Die Felder waren zu Seen geworden, die Mais- und Maniokpflanzungen waren vernichtet. Der Mateplantage hatte es nichts ausgemacht.
Jetzt sind alle glücklich, dass wieder gutes Wetter herrscht.
Die beiden Männer unterhalten sich im größten der drei mit Pampagras gedeckten Gebäude, die einen eigenartigen Komplex bilden. Von oben gesehen hätte er die Form eines K’s.
Sie befinden sich im größten Raum dieses Gebäudes. Die Mauern aus Lehm werden von Baumstämmen gestützt, die denselben Zweck erfüllen wie die Dienste gotischer Dome. Die Risse in den Wänden, eine Folge jahrelanger Vernachlässigung, lassen schräg einfallende Lichtstrahlen hindurch, die allem dort innen einen sonntäglich-feierlichen Anstrich verleihen.
Don Amado Bonpland, der bejahrte Eigentümer, nennt diesen Raum seine salle à manger. Er dient jedoch nicht nur zum Essen, sondern auch zum Lesen, für ärztliche Sprechstunden und zum Empfang von Besuchen. Er ist für die Augenblicke da, in denen die Leute sich dessen bewusst werden, dass sie nicht nur einen Körper, sondern auch einen Geist haben.
Aber alles ist dort Vergangenheit.
In der Pampa sind alle Räume eines Hauses Vergangenheit.
In der Pampa ist alles Vergangenheit.
Don Amado Bonpland und sein junger Besucher setzen sich auf rustikale Stühle an den Tisch, der nichts anderes ist als eine alte hölzerne Tür, die auf zwei Fässern ruht. Darauf liegt eine im Laufe der Zeit verblichene Ledertasche.
Der kleine, tragbare Medikamentenschrank ist nicht zu übersehen. Darin stehen bunte Fläschchen. Einige von ihnen sind ausgetrocknet, sie haben keine Korken. Auf den Etiketten steht, geschrieben in einer Zeit, als die Hand von Don Amado Bonpland noch nicht zitterte: Romarin, Aspérule, Calamenthe, Céleri und anderes für die mangelhafte Sehkraft des Besuchers Unleserliches.
Der unzureichenden Standfestigkeit der Wände ist es geschuldet, dass man das Bücherregal mit fünf Brettern nicht vor Augen hat. Es liegt auf dem Boden und enthält etwa zweihundert Bände. Auf dreien von ihnen steht in Goldschrift auf dem Buchrücken: „Alexander von Humboldt - Kosmos“. Es gibt eine Reihe weiterer, in grünes Leder gebundener Bücher, von denen aber einige Nummern fehlen: „Alexander von Humboldt & Aimé Bonpland - Voyage aux Régions Équinoxiales du Nouveau Continent“.
Der Besucher, Robert Christian Avé-Lallemant, besitzt diese Bände bereits alle, bis auf einen, und jetzt entziffert er dessen Titel: „Description des Plantes Rares Cultivées à Malmaison et à Navarre – Aimé Bonpland“. Auf den Büchern liegt eine dünne Schicht dunkler Staub wie auf allem anderen, was sich dort befindet.
An der Türschwelle steht eine Vase mit fleischfarbenen Rosen. Ihr Stängel ist knotig, unförmig und verkrümmt, so oft ist er immer wieder beschnitten worden. Avé-Lallemant lächelt; er mag Rosen. Er züchtet sie, sogar in seinem angemieteten Haus in Rio de Janeiro.
Don Amado Bonpland bietet Avé-Lallemant einen Mate an, der ihn jedoch sehr höflich ablehnt.
Don Amado gibt nicht nach:
„Dr. Avé-Lallemant, das ist das Gewächs, das ich Ilex humboldtiana genannt habe, damals, als ich den Pflanzen noch Namen gegeben habe.“
Das Wort humboldtiana lässt Avé-Lallemant stutzen. Aber obwohl es den Namen seines lieben Freundes in Erinnerung ruft, lehnt Avé-Lallemant ab. Dieser grüne Tee in einer schmutzigen Kürbisschale ekelt ihn an. Es ekelt ihn, an demselben Metallröhrchen zu saugen, das schon in anderen Mündern gesteckt hat. Es ist der typische Abscheu, den die Fremden empfinden, und er spürt ihn, seit er in die Pampa gekommen ist.
„Aber“, fährt Don Amado Bonpland fort, „meine Kollegen, die Botaniker, haben diesen Namen nie akzeptiert. Sie benutzen andere.“
Avé-Lallemant ist damit beschäftigt, sich das Aussehen dieses Alten einzuprägen. Ein sinnloses Unterfangen; nur in der Jugend mit ihren Hoffnungen und Möglichkeiten unterscheiden sich die Leute.
Ungewöhnlich ist indessen die Geschichte von Don Amado Bonpland.
Eine Koryphäe der botanischen Wissenschaft und Doctor honoris causa von verschiedenen europäischen Universitäten ist Don Amado Bonpland, wie ein Naturforscher aus Ansbach schrieb, der sich an Kaspar Hauser erinnerte, ein neue Aenigma sui temporis, ein Rätsel seiner Zeit.
Die Akademien schicken ihm in Röhren aus Weißblech eingerollte Diplome. Er nimmt diese Ehrungen dankbar und bescheiden an. Er bewahrt sie an Stellen auf, die er bald zu vergessen pflegt. Eine Ausnahme macht er mit zwei Sternen der Légion d’Honneur, er hat sie an das Revers seiner abgetragenen Jacke aus grobem Kattun geheftet. Es ist eine ironische Geste von Don Amado Bonpland; gefangen in der Falle ihrer ausufernden Bürokratie, haben die französischen Behörden ihm zweimal dieselbe Auszeichnung verliehen. Das hatte man Avé-Lallemant schon vorher erzählt, und er amüsierte sich, als er sie nun an Don Amado Bonplands Brust sah.
Obwohl er schon fünfundachtzig Jahre alt ist, nimmt dieser Mann weder Rat noch Hilfe an, so wird es Avé-Lallemant in seinem Tagebuch festhalten und später noch einmal in dem Buch, das er im folgenden Jahr in Leipzig veröffentlichen wird. Er wird außerdem notieren, wie erstaunt er ist, als er erfährt, dass dieser Mann von der französischen Regierung eine Rente von dreitausend Franken erhält; davon könnte er in jeder europäischen Hauptstadt leben.
Don Amado Bonpland ist imstande, alles zu tun, um zu erfahren, was es heißt, die Dinge auf die Spitze zu treiben. Er kleidet sich wie jedermann in der Gegend. Stiefel trägt er nur, wenn es regnet. Jetzt zeigt er sich gerade barfuß. Avé-Lallemant versucht sich vorzustellen, wie diese Beine in Malmaison in Seidenstrümpfen aus Lyon und glatten Lackschuhen mit Silberschnallen steckten. Diese Strümpfe hatten bis zum Knie hoch gereicht und waren in roten Culotten verschwunden, kurzen blumenbestickten Samthosen. Die Lackschuhe waren über Eichen- und Nussbaumparkett gegangen, das unter ägyptischen Teppichen verborgen lag. Napoleon hatte über Frankreich geherrscht, über Italien und Spanien, und alle hatten sich für unsterblich gehalten.
Die Fremden, die Don Amado Bonpland aufsuchen, verwechseln ihn meist mit einem Landarbeiter und fragen ihn nach dem Herrn der Estanzia. So hat es auch Avé-Lallemant gemacht, als er in Santa Ana ankam. Er wird jedes Mal rot vor Scham, wenn er sich daran erinnert.
Jetzt spricht Avé-Lallemant die Bitte aus, auf die Don Amado Bonpland solange gewartet hat.
Jemand tritt näher. Die Tochter von Don Amado Bonpland kommt von draußen herein und lehnt sich an den Rahmen der zum Feld hin offenen Tür. Carmen trocknet sich die Hände an der Schürze ab. Sie beobachtet ihren Vater. Carmen hat das runde Gesicht der Eingeborenen. Sie beherrscht die Sprache, in der sich ihr Vater mit dem Ausländer unterhält, nur unvollkommen, aber es reicht.
Sie hütet die Erinnerungen ihres Vaters. Er dankt ihr dafür mit dem kindlichen Blick, den alte Leute für ihre Familienangehörigen haben.
Don Amado Bonpland beginnt zu sprechen, nachdem er einen Schluck Mate geschlürft hat.
Erst jetzt bemerkt Avé-Lallemant, dass Don Amado Bonpland versucht, das anhaltende Zittern seiner linken Hand zu unterdrücken. Er presst sie gegen das Bein, wo sie flattert wie ein Schmetterling.
Dezent schaut Avé-Lallemant weg.
Don Amado Bonpland spricht langsam und lauscht seinen eigenen Worten:
„An dem Tag, an dem ich in der Küstenstadt La Rochelle im Königreich Frankreich das Licht der Welt erblickte, sank die Sonne mit einem violetten Schein am Horizont des Atlantischen Weltmeeres. Die Fischer fuhren mit ihren Booten aus, sie würden die Nacht auf offener See verbringen. Es war Sommer.“
Auch wenn Don Amado Bonpland sagt „…sank die Sonne mit einem violetten Schein am Horizont des Atlantischen Weltmeeres“, ist das doch die natürliche Sprechweise eines Mannes, der viel gelesen hat. Sie kommen auch Avé-Lallemant, einem späten Spross der deutschen Romantik, gewissermaßen Endprodukt eines Menschenschlages sowie Bewunderer von Schiller und Herder, nicht gekünstelt vor. Er ist hoch aufgeschossen und liebenswürdig. An der Universität Kiel hat er den Doktorgrad der Medizin erworben. Den Kopf zur Seite geneigt, so wie die Hunde es machen, wenn sie aufmerksam den Worten ihres Herren lauschen, hört er zu.
„Viele Jahre vorher hatte mein Großvater die Ranken einer seiner Weinreben beschnitten, als ihm ein Sohn geboren wurde, mein Vater. Er sagte, dass der Säugling ein gutes Gewächs werden würde, wie der Weinstock. Von dem Klang dieser Wörter bonne plante, gutes Gewächs, begeistert, ging er dazu über seinen Sohn Bon Plant zu nennen, und tat das auch noch, als dieser Chef-Chirurg im Krankenhaus von La Rochelle war. Ich habe diesen lächerlichen Spitznamen geerbt und in der Schule Bonpland daraus gemacht. Dort nahm mein Schicksal seinen Anfang. Meinen Taufnamen Aimé habe ich hier in der Neuen Welt übersetzt. Hier kennt man mich, wie Sie ja wissen, als Don Amado Bonpland. Aber man nennt mich auch den Gringo Loco, den verrückten Gringo, je nachdem.“
Don Amado Bonpland hätte noch den Spitznamen Caraí Arandu hinzufügen können, was in der Sprache der Guaranís „Weiser Herr“ bedeutet. Aber daran dachte er nicht.
Don Amado Bonpland erzählt ein Leben, in das sich große Lücken und unerklärliche Vorkommnisse fügen. Er scheint gerade seinen Besucher vergessen zu haben, so glaubt Avé-Lallemant. Aber dann nimmt er den Faden der Erzählung wieder auf:
„Ich mag diese Namen. Sie sagen alles darüber aus, was ich bin, was ich war und was ich sein möchte. Ich bin Amado, denn ich werde geliebt, und ich bin loco, d.h. verrückt. Ständig erfinde ich mein Leben neu, ich befand mich in der Menge, die dem Tode Ludwig XVI beiwohnte, danach in den Regenwäldern des Amazonas, auf dem Gipfel des Chimborazo, in den englischen Gärten der Kaiserin Joséphine, in der langen Gefangenschaft, die mir Doktor Francia in Paraguay auferlegte, in der weiten, majestätischen Pampa, unter den Helfern des Farroupilha-Aufstandes im Süden Brasiliens und im Krankenhaus Santa Casa de Misericórdia von Porto Alegre. Auf dem Höhepunkt meines Lebens schloss ich mich jenem schönen, wunderbaren Mann, unserem gemeinsamen Freund, dem Freiherrn Alexander von Humboldt an, dem ich den Weg zur Anatomie, zur Physiologie, zu den Gewächsen und dem Getier der Welt wies.“
Der Besucher atmet erleichtert auf. Endlich bringt Don Amado Bonpland die Rede auf Humboldt. Avé-Lallemant hatte gefürchtet, dass die beiden miteinander gebrochen hätten.
Er hört aufmerksam zu:
„Humboldt hat mich Astronomie und Physik gelehrt. Er hat mich im Gebrauch optischer, akustischer und mechanischer Geräte unterwiesen. Er hat mir beigebracht, wie man mit den Menschen spricht. Gemeinsam haben wir jene Reise nach Amerika unternommen, die Humboldt zur berühmtesten Persönlichkeit dieses Jahrhunderts gemacht hat.“
Avé-Lallemant weiß nicht nur in allen Einzelheiten über jene Reise Bescheid, sondern er hat auch alle Zeitungsnachrichten gelesen und alle Bücher gekauft, die damit zusammenhängen. Er schätzt Don Amado Bonpland über die Maßen, ja er verehrt ihn geradezu. Er ist sich dessen bewusst, dass er einer der wenigen Europäer ist, die diesen beiden Lichtgestalten der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts die Hand gedrückt haben.
Don Amado Bonpland unterbricht Avé-Lallemants Gedankengänge:
„Meine Reise mit Humboldt war erratisch, sie wurde von Seuchen, Politik, Leidenschaften, Geographie und der guten oder schlechten Stimmung der Schiffskapitäne bestimmt. Es war das Genie Humboldts, das einem Abenteuer, das vom Zufall bestimmt wurde, seinen Sinn gab. Die Reise war für ihn ein Mittel, seine Theorie zu beweisen. Er suchte das große Ganze inmitten des Durcheinanders der Geschöpfe. Er wird mit der Gewissheit sterben, es gefunden zu haben. Was mich betrifft, so habe ich die Einsamkeit gefunden, die Malaria und die Liebe. Danach dann den Kummer und die Gewissensbisse sowie schließlich Vergebung und Weisheit. Und je länger ich lebe, desto mehr stelle ich fest: Alles ist unterschiedlich, alles ist zerbrechlich, alles ist vielfältig, und alles ist überraschend.“
1
Aimé Bonplands Kindheit.
Der Herbst hatte ungewöhnlich früh begonnen. Es war Anfang September. Der Vater, die Mutter, der Bruder und die Schwester nahmen am Tisch Platz. Alle kauten schweigend.
Das Hausmädchen stellte eine Schüssel mit gekochtem Kohl auf den Tisch, die einen widerwärtigen Geruch verströmte. Die Mutter nahm den Teller von Aimé und tat ihm auf. Dazu ein Stück Schweinefleisch, ebenfalls gekocht, bleich.
Der Vater beobachtete sie. Mit der Gabel schob Aimé ein paar Stücke beiseite und setzte damit ein Kohlblatt zusammen. „Jetzt ist es wieder ein Kohlblatt“, sagte er, „wieder ganz.“
Der Vater nahm seinen Becher Wein und nahm neben ihm Platz. Er betrachtete das zusammengesetzte Kohlblatt. „Schön“, fand er und ließ seine Gedanken schweifen.
Aimé stellte eine Sammlung der Pflanzen zusammen, die er in der Umgebung von La Rochelle und an den Ufern des Flusses fand. Das war damals Mode, und man nannte es „botanisieren“.
Viele Leute, auch die gesetztesten, botanisierten. Es botanisierten Väter, Atheisten, Damen der besten Gesellschaft, Griechischlehrer, ja sogar Dienstmädchen.
Die Natur hatte viel zu bieten, und sie war eine Unbekannte.
Als Kind verschwand Aimé einmal einen ganzen Sonntag. An den Ufern des Flusses schob er die Zweige der Weiden beiseite und sammelte, den Blick zu Boden gerichtet, seine Pflanzen. Er hob den Kopf; die ersten Nebel dieser Jahreszeit hüllten die alte Steinbrücke ein, sie erfüllten seine Seele mit einem Gefühl, das er aus den Gedichtbüchern der häuslichen Bibliothek kannte. Der Vater verbot ihm keine Lektüre, er gestattete ihm sogar, die in den angesehenen Kreisen verteufelten Philosophen zu lesen.
Aimé ging wieder in sein Zimmer und breitete die Pflanzen auf seinem Arbeitstisch aus. Er hatte die Species Plantarum aufgeschlagen und versuchte, sie zu bestimmen. Er verbrachte schlaflose Nächte, wenn es ihm nicht gelang, eine besondere Pflanze in dem Buch zu finden. Später sollte es einige geben, die seinen Namen trugen. Sie gehören zur Art Bonplandia aus der Familie der Polemoniacaeae.
In seiner Jugendzeit begann er sich für den menschlichen Körper zu interessieren, für die Krankheiten und infolge seiner Lektüre der Philosophen für die Revolution.
Er las den Émile von Rousseau, den Zadig von Voltaire, und er las Descartes.
Er las Pascal; jetzt war es soweit, dass etwas in seinem Leben geschehen musste.
Sein Bruder fragte ihn, wann er gedenke, sich etwas Ernsthaftem zuzuwenden, und Aimé antwortete ihm, derzeit brauche er diese Dinge. Später werde er Medizin studieren. Sei das denn nicht das, was man von ihm erwarte?
Um ihn von diesen heiklen Themen abzulenken, begann seine Schwester, ihn das Klavierspiel zu lehren. Bereits nach wenigen Monaten spielten sie vierhändig das Andante der Sonata facile in C-Dur von Mozart. Olive hatte im Haus nicht viel zu tun. Sie wartete darauf zu heiraten.
Aimé Bonpland lernte schnell und ohne Hilfe, einige leichtere Werke von Haydn zu spielen. Daraufhin entschloss sich sein Vater, ihm einen Klavierlehrer zu bezahlen, der sich aber sofort den Mantel wieder anzog und seine Tasche mit den Noten an sich nahm.
„Der Junge hat einen solchen Hang zum Herumklimpern, dass er lieber etwas anderes lernen sollte.“
Er fühlte sich seinem Vater gegenüber schuldig. Er konnte ihn kaum ansehen, ohne sich vorzustellen, welches Missvergnügen dieser deswegen empfand.
Deshalb lernte er so gut Latein wie ein Abt. Er pflegte zu sagen, er tue das, um die Species Plantarum zu lesen, auch wenn das Latein vor allem nützlich dafür war, Anatomie zu studieren.
Im passenden Alter las er Ars Amandi von Ovid. Der Vater sah ihn mit dem Buch und lächelte, bevor er die Kerze ausblies und schlafen ging.
2
Botanisieren setzt einen genauen Blick inmitten der verwirrenden Vielfalt der Pflanzen voraus. Es ist der Blick des Wissenden: Dieser Stängel, diese Blätter, diese Blüte haben in der äußersten Ökonomie der Natur etwas zu bedeuten.
Wer botanisiert, behält Tausende von Zeichnungen und Beschreibungen; er weiß, welches Exemplar einer Pflanze man pflücken, zwischen Papierblättern pressen und, nachdem sie getrocknet ist, mit Bändchen auf Bögen von grober Pappe befestigen muss, um sie dann zu bestimmen und den Namen des Botanisierenden darunter zu setzen.
Durch das Zusammenfügen der Bögen mit den gesammelten Musterbeispielen entsteht ein Herbarium. Dieses setzt man zwischen zwei Buchdeckel aus hartem, mit Taft überzogenem Leder und bindet die Ränder mit Kordeln aus Flockseide zusammen.
Ein solches Herbarium misst in der Länge eine Elle.
Wegen des durch ihre Seelenlosigkeit und Unvollständigkeit irritierenden Charakters haben diese Herbarien in den naturwissenschaftlichen Sammlungen etwas Bedrückendes.
Bis Mitte des 18. Jahrhunderts waren Pflanzen ein Kollektiv, das keine Beachtung verdiente.
Im 19. Jahrhundert riss der Botanisierer eine Pflanze aus dem Boden und trennte sie aus dem Zusammenhang ihrer Artgenossen.
Die Rechtfertigungen für das Botanisieren können folgende sein: den Pflanzen ihre Essenzen zu entnehmen, sie innerhalb des Pflanzenreichs zu klassifizieren, sie in einem Museum auszustellen, damit die Besucher sie betrachten können.
In einer Vase würden sie jedoch ein paar Tage länger leben, und sie wären anmutiger.
In Porzellanvasen aus Augarten oder Vista Alegre bilden die Blumen ein holländisches Gemälde. Die Leute sagen: „Was für ein schönes holländisches Bild diese Blumen in einer Porzellanvase doch abgeben!“
Aber das Schicksal der botanisierten Pflanzen ist nun einmal die Wissenschaft und das ewige Dunkel.
3
Er interessierte sich für das Unscheinbare:
Für Insekten mit lederartigem Panzer und gezackten Beinen, die seinen Schulkameraden Angst einflößten;
Für Schmetterlinge mit schillernden Flügeln, die zwischen Grün, Blau und Violett changierten. Auch für die Gelben mit runden Flecken – wilde, auf ihre zarten Flügel gezeichnete Augen.
Auch für winzige versteinerte Muscheln, die er an Stellen entdeckte, die alle anderen übersahen. Sie waren spiralförmig wie die großen ihrer Art und erinnerten an urzeitliche Katastrophen auf der Erde. Blaue, grüne und leuchtend rote Kieselsteine. Er zeigte zur Enttäuschung der anderen, dass es keine Edelsteine von großem Wert waren. Aber für einen Wissenschaftler haben alle Steine ihren Wert.
Sie fragten ihn, warum er trotz allem die Pflanzen vorzog. „Sie glühen in der brennenden Leidenschaft ihrer leuchtenden Farben“, antwortete er, „und sind stets auf der Schwelle zum Tode.“
4
Mit siebzehn Jahren studierte Aimé Bonpland in Paris Medizin. Die Revolution nahm unterdessen ihren Gang.
Aimé Bonpland war ein Jahr, nachdem man Ludwig XVI und seine Familie nach ihrer Festnahme in Varennes in die Stadt zurückgebracht hatte, dorthin gekommen.
Sie durchlebten einen heißen Sommer.
Eine Woche später nahm die Hitze noch mehr zu. Der Sommer fühlte sich an wie eine Feuerwand, gegen die man stieß, wenn man die Tür öffnete. Die Kartoffeln keimten, noch bevor sie in Les Halles zum Verkauf angeboten wurden. Und es lag allzu viel Staub in der Luft.
Als erstes suchte er, nachdem er sein Gepäck im Hotel Boston gelassen hatte, den lieblichen Jardin du Roi auf, aus dem später der demokratische Jardin des Plantes werden sollte. Das Museum für Naturgeschichte, das der Konvent geschaffen hatte, enthielt Herbarien, die Reisende aus allen Teilen der Welt dorthin geschickt hatten.
In den nächsten Tagen erhielt er die Erlaubnis, die Herbarien von Lamarck durchzublättern. Sie verströmten einen Geruch von Ernsthaftigkeit. Aimé Bonpland notierte sich, wie Lamarck die Musterpflanzen auf den Pappbögen befestigt hatte, und seine Art der Katalogisierung. Er bemerkte seine gerundete, fast kindliche Schrift. Durch Lamarcks wissenschaftliche Betätigung waren diese Pflanzen verewigt worden. Er lernte auch Lamarcks Sammlung von Insekten und Fossilien kennen. Er begann ihn als einen Ahnherrn der Naturwissenschaften zu bewundern. Durch die Erklärungen eines Kommilitonen erfuhr er von Lamarcks Vorstellung von der ständigen Vervollkommnung der Lebewesen in einer Entwicklung hin zu etwas Edlerem. Der Mensch stand an der Spitze dieser biologischen Pyramide. So war es. Darwin kam mit seiner treffenden, auf das Edle verzichtenden Theorie erst später.
Auf dem Gelände des Jardin des Plantes lernte er die gläsernen Gewächshäuser kennen, die ganz Europa mit Bewunderung erfüllten. Dort, in jenen feucht-heißen Räumen wuchsen riesige nordafrikanische Palmen, Bromelien und Orchideen aus Brasilien, Magnolien aus der Algarve, Rhododendren und Azaleen. Er fühlte sich von denen mit den leuchtendsten Farben angezogen. Alle waren Spuren einer Kartographie der Pflanzen, die täglich an Umfang zunahm.
Die Revolution degenerierte indessen.
Aimé begriff nicht, wie man die Ideen der Philosophen mit soviel Hass umsetzen konnte. Dennoch glaubte er weiterhin, dass das Glück der Franzosen mit der absoluten Monarchie unter den Bourbonen unvereinbar sei.
Anatomie studierte er im Hôtel-Dieu. Im Sommer nahmen die Leichen sofort eine violette Färbung an, und nach einer kurzen Leichenstarre verwesten sie, sodass sie nicht mehr zu Studienzwecken seziert werden konnten.
Aimé schloss Freundschaft mit Xavier Bichat, der alle dreißig Tage jeweils mehr als hundert Autopsien vornahm.
„Das Leben“, pflegte Xavier Bichat zu sagen, indem er auf eine Leiche zeigte, „ist nur die Gesamtheit der Funktionen, die dem Tode trotzen.“
In der Charité schrieb sich Aimé Bonpland für die Vorlesungen des berühmten Corvisart ein, der sich dadurch auszeichnete, dass er die Brust seiner Patienten für die Diagnose abhörte. Das war neu, oder man hatte die Methode vergessen.
Corvisart pflegte bei seinen Vorlesungen auf seine Ohren zu deuten und zu erläutern: „Der Ton kommt aus den Tiefen des Körpers und mit ihm ein Hinweis auf alle Krankheiten.“
Man erzählte sich, dass er beim Anblick eines Menschen dessen Seele schaue. Aber das taten nur naive Leute.
Während seiner Vorlesungen hörte man das Geschrei und das Getrampel der Revolution durch die Fenster. Einige Studenten verließen die Anatomie-Demonstrationen und schlossen sich einer besonders lautstarken Gruppe an. Die Lehrveranstaltungen dauerten nur so lange, wie zwischen den Demonstrationen auf der Straße Ruhe herrschte.
Im Krankenhaus Salpêtrière lehrte Philippe Pinel die Studenten, wie man nervenkranke Patienten ohne Handschellen und Strafen behandelt. Es gab dort sogar ein Klavier. Aimé schlug zwei Akkorde an, es war verstimmt.
Während der Ferien in Paris verbrachte er einen Teil des Tages damit, einen Weidenkorb auf dem Rücken, Pflanzen zu sammeln, um sie danach in seinem Hotelzimmer zu bestimmen. Die verbleibende Zeit verbrachte er mit einem auffallenden Filzhut auf dem Kopf im Museum. Diese in Herbarien eingeordneten Pflanzen gaben ihm seine Sicherheit wieder.
Aber er war nur ein junger Mann mit einem Hut, den die Neuigkeiten aus dem Häuschen brachten.
Einmal blieb er im Museum vor einem Glas stehen, das den in Formaldehyd eingelegten Fötus eines Lemuren enthielt. Er sah sein Spiegelbild auf der Oberfläche des Glases.
Es war eine in die Länge gezogene, lächerliche menschliche Gestalt.
5
Um die Zeit herum las er den Werther in einer Übersetzung, und der Schluss führte bei ihm zu einer Mischung von Entsetzen und Ekstase.
Man nannte ihm den Namen Goethe.
Ein Kommilitone stürzte sich in die Seine, nachdem er sich mit einem Brief von der Welt verabschiedet hatte. Er erwähnte weder eine verbotene Liebe noch Spielschulden. Nur Überdruss. Er brach das Schreiben in der Mitte ab, mit einem überlangen Federstrich, der ganz oben auf der Seite begann und bis nach unten reichte.
Die Selbstmörder vermachen uns, da sie keine Antworten finden, Fragen.
Bis auf Chénier waren die Romantiker zwar gegen die Brutalitäten der Revolution, aber dennoch keine Monarchisten. Sie waren gar nichts, nur unfruchtbarer Wille und leere Schönheit. Die Suche nach Schönheit führte sie zu mittelalterlichen Tournieren, zu Seen, in denen sich der Mondschein zwischen Wolken spiegelte, zu Duellen im Morgengrauen, zum Zwitschern der Vögel, zu Ruinen im Sturm, zum Balsam der Auen, zu den seufzenden Zypressen der Friedhöfe, zu Hamlet sowie Tristan und Isolde.
Aber die Begeisterung für die Natur und die hohen Stehkragen der Incroyables sollten die am längsten andauernden Modeerscheinungen werden.
Wenn Aimé Bonpland mit seinem Weidenkorb allein durch die Pariser Vororte streifte, stellte er manchmal alles auf den Boden, setzte sich hin und genoss ausgiebig den Sonnenuntergang. Er nannte ihn den „Wagen Apollos“, wurde dann aber dieser altmodischen Ausdrucksweise überdrüssig. Die klassischen Dramen der Comédie Française verließ er oft vor dem Ende der Vorstellung und spazierte durch den Palais Royal, wo noch die erregte Stimme von Camille Desmoulins widerhallte, die das Volk mit den Worten „Aux armes! Aux armes!“ zu den Waffen rief.
Die Musik, dies nichtphilosophische Ens, wie ihm die Radikalen zuflüsterten, könnte ein Trost für ihn sein. Er ging zu den Aufführungen des Concert Spirituel, die es zu dieser Zeit im Théatre des Italiens gab. Er setzte sich in die billigsten Logen. Er hörte Païsiello, doch das führte nur dazu, dass er diese bombastische, leere Musik verabscheute.
Er besuchte häufig Privathäuser, in denen man zum Vergnügen Musik machte. Selbst auf dem Höhepunkt der Revolution ging das Leben weiter. Dort spielten Quartette oder Quintette. Weil viele ihn dazu drängten, setzte er sich eines Abends ans Klavier und spielte aus dem Gedächtnis ein Stück aus der Sonate, die er bei seiner Schwester gelernt hatte. Man applaudierte und servierte den Kaffee.
Man lebte in einer für Musik, für Architektur, für Malerei ungünstigen Zeit. Die weit verbreitete Oberflächlichkeit der Künste wurde indessen durch die Blüte der Naturwissenschaften wettgemacht.
Robespierre führte die Schreckensherrschaft ein, welche die Stadt in einen gefährlichen Ort verwandelte. Die Massenhinrichtungen tränkten die Erde des Place de la Révolution mit Blut und verpesteten die Luft mit einem Gestank von Fäulnis. Angeekelt, verlangten die Pariser, dass man die Guillotine von dort fortbringe.
Die akademischen Instanzen stellten fest, dass man Aimé Bonpland das Diplom nicht geben könne, weil ihm das Praktikum fehle. Er bewarb sich um eine Stelle bei der Marine, und man schickte ihn auf die Fregatte Ajax, die im Kriegshafen von Toulon vor Anker lag.
Dort erblickte er zum ersten Mal das Mittelmeer. Tausende von Lebewesen bevölkerten das Meer, man konnte sie im Wasser sehen. Dort an der See in der frischen Luft war die Revolution nur ein fernes Donnergrollen.
Vom Aufbau auf dem Heck aus starrte er auf den Horizont, hinter dem man Nordafrika entdecken könnte. Wenn Aimé Bonpland „Afrika“ murmelte, dachte er an alle Gegenden der Erde voller Licht, Pflanzen und phantastischer Tiere.
Bei dem Gedanken an eine Reise geriet er ins Träumen. Er wollte reisen. Reisen, koste es, was es wolle.
Die Fregatte Ajax verließ den Hafen nie. Nach dem Abschluss seines Praktikums, in dem Aimé Bonpland es mit den anstößigen Krankheiten der Seeleute zu tun gehabt hatte, konnte er nach Paris zurückkehren, wo man ihm ein Arztdiplom verlieh.
Aber nach seiner Rückkehr war er nicht mehr derselbe. In Toulon war aus der Liebe, einst ein Gebinde blumiger Wörter, ein ungestümer Drang des Fleisches geworden. Sie hieß Corinne, war vierundzwanzig Jahre alt und erledigte Näharbeiten für die Offiziere. Sie war weiß und launisch, und in ihren Augen leuchtete eine stets unvollendete Fröhlichkeit.
In Paris brachte der Staatsstreich vom Thermidor die Hoffnung auf inneren Frieden. Aimé Bonpland nahm wieder Verbindung zu den Wissenschaftlern auf, deren Namen unsterblich zu werden begannen. Er wohnte Vorlesungen von Jussieu bei, der im Jahre des Sturms auf die Bastille das Werk Genera Plantarum Secundum Ordines Naturales Disposita veröffentlicht hatte, in dem er eine Vereinfachung von Linnés Systematik vorschlug. Er besuchte Lamarcks Vorträge im Amphitheater.
Die wichtigste Neuerscheinung war für seinen volkstümlichen Geschmack indessen die Flora Atlantica von Desfontaines, Ergebnis von dessen Reisen durch Algerien und Tunesien. Er hatte tausend fünfhundert Arten und dreihundert Unterarten von Pflanzen registriert. Er hatte Hunderte von Herbarien ins Museum gebracht. Seine Bücher wurden mit so viel hingebungsvoller Sorgfalt ausgestellt wie die Aquarelle von Redouté. Man trennte die Illustrationen heraus und rahmte sie ein. Poetische Namen kamen sowohl unter den Intellektuellen als auch in den anrüchigen Salons in Umlauf.
Linum grandiflorum. Linum tenue.
Lonicera biflora.
Milium coerulescens.
Nigella hispanica.
Ornithogalum fibrosium.
Panicum numidianum. Passerina nitida.
Passerina virgata.
Pimpinella lutea.
Aimé Bonpland erwarb beide Bände. Er studierte die Illustrationen und fragte sich niedergeschlagen: „Was könnte größer und schöner sein als das?“
6
Bevor Aimé Bonplands Vater ihn nach La Rochelle und zu seinen Pflichten zurückholte, meldete dieser sich, den Kopf von Defontaines Beschreibungen erfüllt, als Freiwilliger zu der wissenschaftlichen Expedition unter Führung von Nicolas Baudin. Dieser hatte zwar einen heldenhaften Charakter, aber er dachte auch an sich selbst; er fuhr zur See, und er hatte im Unabhängigkeitskrieg für die Vereinigten Staaten gekämpft. Er sollte mit einer beachtlichen Reihe von Wissenschaftlern zu dem gerade erst entdeckten Australien segeln. Die Reise würde für das Ansehen der Revolution werben, aber seine Interessen waren kommerzieller Natur.
Baudin hatte gelernt, wie man Tiere und Pflanzen an Bord seiner Schiffe am Leben erhalten konnte.
Während die Reise immer weiter aufgeschoben wurde, widmete sich Aimé Bonpland der Vervollkommnung der Methoden zur Aufbewahrung botanisierter Pflanzen.
Im Ministerium lernte er Baudin kennen. Nachdem der Kapitän durch Loblieder milde gestimmt worden war, geruhte er zu erläutern, wie es ihm gelang, Pflanzen drei Monate auf dem Schiff überleben zu lassen: die richtigen Gefäße für die Reise übers Meer, Ölhäute, um sie zuzudecken. Sogar die Art, sie zu beschneiden war anders.
Aimé Bonpland lernte die exotischen Gewächse kennen, die eine jede Expedition in die Treibhäuser brachte. Er begriff die Eigenarten des Wachstums dieser Pflanzen. Er fand Gefallen an ihren Blüten. Sie waren Boten der weiten Welt.
Noch bevor er das dreißigste Lebensjahr vollendet hatte, durfte man ihn einen Weisen nennen.
„Ein Wissenschaftler“, sagte Jussieu ihm, „muss seine kindlichen Neigungen bewahren.“
Woche für Woche sollte Aimé Bonpland Bescheid erhalten, wann Baudins Expedition aufbrechen würde, und die Auskunft war stets dieselbe. In den Briefen an seine Familie erfand er Ausreden, warum er nicht nach La Rochelle zurückkam.
In seinem Zimmer lag er auf dem Bett, die Arme im Nacken gekreuzt, und beobachtete die schwerfällige Gangart und die Sprünge der kleinen Spinnen, die sich von Fliegen ernährten.
Er suchte Zerstreuung in dem Buch von Desfontaines, das er abwechselnd mit Gedichten von Chateaubriand las. Weil er es so klangvoll und dramatisch fand, lernte er auswendig: „Dans les airs frémissants j’entends le long murmure de la cloche du soir qui tinte avec lenteur…“
Dieser Augenblick, in dem man die Abendglocke läuten hört, erfüllte ihn mit Schmerz, Wollust und Angst.
Er schaute auf die Uhr. Er stand auf. Es war Zeit, sich mit den Pflanzen zu beschäftigen. Er würde arbeiten, bis ihm die Augen zufielen und er das Bewusstsein verlor.
Aber er war dabei nicht immer glücklich.
Die Tochter des Hoteliers, die nur zwei Bücher gelesen hatte, liebte ihn. Sie schrieb ihrer Freundin in La Rochelle: „…du hast ihn doch in der Kindheit gut gekannt, du musst wissen, dass er noch viel von einem Kind hat, er schaut so versonnen drein, und wenn er durch den Flur geht und mir zerstreut einen guten Tag wünscht, treffen meine Augen auf die seinen, die wunderschön sind, grün, und sein Körper ist stattlich, kräftig, er ist schwer, aber nicht fett, er hat kurze, schwarze Haare, er ist höher gewachsen als der Durchschnitt, er hat starke Hände wie mein Vater. Er hat nur einen Anzug, der ihm zu weit ist und an den Ärmeln abgescheuert; wenn er nicht gerade Pflanzen untersucht oder Schmetterlinge, Käfer oder Steine und die ganze Zeit in seinem Zimmer verbringt, praktiziert er als Arzt, aber die Arbeit gefällt ihm nicht, ich glaube, er ist im Kopf nicht ganz richtig, aber ich bin so verrückt nach ihm, dass ich mich eines Tages noch vergesse…“
7
Hotel Boston, Paris.
Das letzte Jahr im Jahrhundert der Aufklärung.Das kommende Jahrhundert würde ungeordnet werden und trivial.
Es war ein Sonnabend im Sommer. Im Herbst sollte der junge Bonaparte nach der Rückkehr vom Ägyptenfeldzug angesichts des politischen Durcheinanders erklären:
„Citoyens, la révolution est terminée!“
Aimé Bonpland betrat das Hotel. In der Hitze der Empfangshalle fühlte er sich unwohl.
Er kam von einem langen Ausflug zum Sammeln von Pflanzen an der Straße nach Versailles zurück. Er hatte beschlossen, sich bis zur Erschöpfung zu verausgaben, weil er keine Nachrichten erhielt, wann die Expedition Baudin aufbrechen würde.
Er übergab seinen Hut dem Hoteldiener und holte von seinem Rücken den Korb hervor, aus dem die Zweige der Pflanzen herausguckten. Er verströmte den kräftigen Geruch der versengten Felder. Aimé Bonpland wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Ohne übertriebene Hast wandte er seine Aufmerksamkeit davon ab und richtete sie auf den jungen Ausländer, der im einzigen Sessel saß und mit einem spöttischen Lächeln im Journal des Dames et des Modes las, das er nur mit den Fingerspitzen berührte. Er mochte etwa dreißig Jahre alt sein, nur wenig mehr als Aimé Bonpland. Er war Deutscher und ein Mann der Wissenschaft, das sah man ihm an. Abgezehrt, aber nicht schwächlich. Seine Finger waren spitz, doch wohlgeformt. Ein Siegelring mit einem Wappen glänzte am kleinen Finger seiner linken Hand. Die blauen Augen machten einen angenehmen, freundlichen Eindruck. Die Locken fielen ihm in die Stirn, wie es damals üblich war.
Der Fremde blickte Aimé Bonpland an.
Er ließ die Zeitschrift auf der Armlehne des Sofas liegen und erhob sich geschmeidig und gefällig. Er kam auf Aimé Bonpland zu. Ein frischer Lavendelgeruch ging ihm voraus.
Der Hoteldiener machte sie miteinander bekannt.
Aimé Bonpland verneigte sich und erhielt einen kräftigen Händedruck. Er erklärte, dass er Arzt sei.
Alexander von Humboldt stellte sich in fließendem Französisch als Preuße, Freiherr und Mann der Wissenschaft vor. Er war Eigentümer des Schlosses Tegel. Auch wenn die Mineralogie sein Hauptbetätigungsfeld war, schätzte er die Botanik; daher rührte sein Interesse an dem Korb voller Pflanzen. Er war Astronom und Geograph sowie Physiker und Chemiker.
Er strahlte Wohlstand aus und elegante Ungezwungenheit. Ein weißes Satinband schloss den eine Handbreit hohen, weißen Kragen, darauf war ein winziger Tintenfleck zu sehen. Er trug Manschettenknöpfe aus Topas.
Sie tauschten Visitenkarten aus. Aimé Bonpland hatte sich gerade welche drucken lassen. Darauf stand: „Aimé Bonpland, Médecin.“
Am Dienstag waren sie bereits Freunde geworden. Sie gingen dazu über, sich nicht mehr förmlich mit dem Familiennamen anzureden, sondern beim Vornamen zu nennen.
Humboldt erklärte, er sei Anhänger der Aufklärung und Parteigänger der Revolution. Er hatte dabei geholfen, die Kulissen für das Fest zum ersten Jahrestag des 14. Juli auf dem Marsfeld aufzubauen. Er hatte eine Gärtnerkarre mit Zement für die Errichtung des Altars des Vaterlandes dorthin gebracht. Er war gegen jedwede Form der Unterdrückung und Vorurteile.
Aimé Bonpland vertrat dieselben Ideen, aber er war weniger praktisch. Erst später würde er über die theoretischen Überlegungen hinausgehen.
Alexander von Humboldt hatte sich auch für die Expedition Baudin gemeldet, aber er spielte mit dem Gedanken, seine Pläne zu ändern.
Dies war der Anfang.
Und so ging es weiter: Während der letzten Wochen des Sommers zogen sie gemeinsam aus, um Pflanzen zu sammeln.
Sie fuhren in Humboldts Einspänner, auf dem Kutschbock saß ein korpulenter Bretone. Sie amüsierten sich über seine schwerfällige Art. Sie fuhren zur Porte de Charenton hinaus und kamen in den Bois de Vincennes.
Zu gegebener Zeit stiegen sie aus, gelegentlich am Ufer des Sees, und befahlen dem Kutscher, sie an der Porte de Charenton zu erwarten.
Wenn man den Bois de Vincennes hinter sich ließ, öffnete sich vor einem eine liebliche Straße, an deren Seiten Birken standen. Durch die stehende heiße Luft drang das Geräusch ferner Zikaden.
Sie stimmten ihre Uhren miteinander ab, vereinbarten einen Treffpunkt und trennten sich. Sie meinten, so sei es leichter, etwas zu entdecken.
Das Ergebnis war nicht immer ermutigend. Humboldt zog folgenden Schluss:
„Lieber Aimé, ich muss Gegenden fern von diesem dekadenten Europa aufsuchen, dessen Jahrhunderte alte Vergangenheit mir das Gemüt verfinstert. Du hast sicherlich das Buch von Desfontaines gelesen.“
Sie suchten auch die Parks von Fontainebleau und Rambouillet auf.
Eines Tages trafen sie sich mit beinahe leeren Körben wieder. Humboldt zeigte auf eine bläuliche Blume.
„Weißt du, was für eine Blume das ist?“
„Eine Pfingstrose, Alexander?“
„Hier an diesem Ort, um diese Jahreszeit? Nie und nimmer, mein lieber Botaniker.“
Humboldt befestigte sie am Revers von Aimé Bonpland. „Da macht sie sich gut. Ich werde sie Parisii bonplandia nennen.“
Sie brachen in Lachen aus.
Aimé griff eine kleine gelbe Blume aus seinem Korb. Er tat dasselbe wie vorher Humboldt.
„Und dies ist eine Parisii humboldtiana.“
Sie lachten wieder. Es war eine Albernheit.
Untergehakt kehrten sie zu ihrer Kutsche zurück.
Sie fanden den Kutscher im Gespräch mit einem Dienstmädchen vor, das sofort davonlief.
Der Bretone trieb die Pferde an und erzählte ihnen den Witz von der Barfüßerin, die versehentlich in einem Bordell um Almosen bat: „Da sagte die Hure der Nonne, verlass das Kloster, liebe Schwester, hier verdienst du im Liegen mehr Geld als dort beim Knien.“
Beide mussten lachen, dann wurden sie nachdenklich.
„Schau dir diesen vulgären Menschen an, Aimé“, sagte Humboldt, „es gibt Leute, die nach dem Vergnügen der Sinne leben. Für uns sind die ernsthaften Dinge und ganz besonders das Studium der Natur Hindernisse für die Sexualität.“
Dann wechselten sie kein Wort mehr miteinander, bis sie im Hotel Boston ankamen.
8
Aimé Bonpland schlief, er war erschöpft.
Seine Jacke, seine Hose, die Weste, das Hemd, die langen Unterhosen, die Strümpfe, seine gesamte Kleidung hing unordentlich übereinander auf der Stuhllehne. Sein Kopfkissen war schweißgetränkt. Das Fenster des Zimmers stand offen für die duftende Augustnacht, es ließ das Summen der Insekten herein. Aimé war fast sofort in die friedlichen Träume derer abgetaucht, die früh schlafen gehen. Mit den Füßen schob er das Baumwolllaken zusammen. Er atmete rhythmisch, als wäre es Musik. In seinem Traum hallte jetzt ein leises Klopfen wider.
Er lauschte, es hörte nicht auf.
Es waren Finger, die auf Holz trommelten.
Jemand klopfte an die Tür.
Als er wach war, richtete Aimé Bonpland sich auf, zündete die Kerze an und blickte auf die Uhr.
Dann sah er: Die Klinke bewegte sich, Humboldts Hand zögerte, dann stieß er die Tür auf. Er trug einen Leuchter mit einer brennenden Kerze. Er kam herein, nahm ein Taschentuch und warf es über Bonplands Blöße, er setzte sich auf die Bettkante:
„Wir haben viel Mühe auf unsere Sammlungen verwendet, aber wenn Sie mir den Freimut gestatten, es ist reine Zeitverschwendung, diese Pflanzen zu klassifizieren. Linné, Buffon und andere haben das Notwendige schon erledigt. Begleiten Sie mich am Sonnabend in den Jardin des Plantes? Auf dem Weg essen wir ein Eis im Café des Savants. Auf meine Kosten.“
Aimé Bonpland nahm die Einladung an. Humboldt verabschiedete sich mit einem knappen Kopfnicken und warf, bevor er hinausging, einen flüchtigen Blick auf den halbnackten Körper seines Freundes. Leise schloss er die Tür. Der Lavendelgeruch blieb hängen.
Aimé Bonpland blies die Kerze aus.
Er versuchte, wieder einzuschlafen und zu träumen. Er drehte sich zur Wand. Er nahm den starken Kalkgeruch wahr.
Er verschwendete seine Zeit? Er?
Er fiel in einen leeren, weißen Schlaf.
Bei Sonnenaufgang erwachte er.
Er schaute auf die Pflanzenproben auf seinem Schreibtisch.
Er warf einen Blick auf die Presse.
Dann auf die Stapel von Papierbögen, die auf die gepressten Pflanzen warteten.
Er stand auf. Er trat an den Tisch heran und blätterte die Papierbögen durch, auf denen bereits Pflanzenproben befestigt waren. Er las sich einige der Bestimmungen vor, die er vorgenommen hatte.
Der Satz von Humboldt fiel ihm wieder ein.
Er war sehr verunsichert. Und was noch schlimmer war, was er gesammelt und bestimmt hatte, die Anlage der Herbarien, alles das kam ihm von einem Augenblick auf den anderen als sinnloses Bemühen vor. Eine Zwangsarbeit, ein unheilvolles Geschick, zu dem er sich selbst im Namen von etwas verurteilt hatte, von dem er nicht wusste, was es sollte.
Aber er hatte sein Leben ja noch vor sich.
9
Den Löffel neben der leeren Kristallschale, schaute Humboldt ihn an.
„Hören Sie, hören Sie doch, Aimé, Sie sind hochintelligent. Sie wissen einiges über die Natur und viel über Botanik sowie Krankheiten, sie verfügen über einen perfekten, gesunden Körper, auf den Sie sich verlassen können.“
Verlegen sah er hinaus zum Tor des Jardin des Plantes. Dann wandte er sich wieder an Bonpland. „Sie könnten Ihrem Leben eine andere Richtung geben.“
Jetzt wanderten sie zwischen den Beeten des Jardin des Plantes herum.
Sie wiederholten sich gegenseitig die wissenschaftlichen Namen der Pflanzen. „Gehen wir ins Gewächshaus“, sagte Humboldt.
Ein sonniger Tag ließ die Farben der Blumen leuchten und ineinander übergehen. Von dort ging ein zwiespältiger Geruch starker Düfte aus und mischte sich mit dem ekelhaften Gestank von Blüten, die auf ihrem Stängel verfault waren.
Der Kies auf den Wegen strahlte eine Hitze aus, die noch durch die Schuhsohlen zu spüren war.
Aber nicht alles war paradiesisch.
Im Gewächshaus nahmen sie den Hut ab und wischten sich den Schweiß von der Stirn.
„Schön, nicht wahr?“, sagte Humboldt. „Sie haben etwas Wildes, Raues. Aber sehen Sie nur. Diese Lilie aus Martinique ähnelt der unseren, europäischen sehr. Finden Sie nicht? Aber sie ist ihr nur ähnlich, nicht gleich.“
„Gewiss, Alexander.“
„Die Lilien unterscheiden sich, weil sie in anderen Breiten und auf verschiedenen Höhen wachsen.“ Humboldt erklärte, dass sei ein Indiz dafür, dass die Natur ein einziger, großer Organismus sei. Dass er, Aimé Bonpland, die Pflanzen bestimme, presse und zwischen Papierbögen lege, habe nur dann einen Sinn, wenn sie diese organische Verbindung bewiesen.
Viele hatten schon ähnliche Gedanken geäußert, Latourette, Carbonnières, aber ohne das geringste Interesse daran, diese Dinge zu vertiefen. Er, Humboldt, behauptete, dass alle Arten einander in diesem Organismus gegenseitig beeinflussten.
„Und das lässt sich beweisen“, sagte er.
„Wie denn?“
„Dazu gibt es nur einen Weg“, meinte er. „Mit einer Reise.“
Von Schülern umgeben verließ Lamarck das Amphitheater. Er war von massiger Gestalt und langsam. Er hatte ein recht gewöhnliches Gesicht, das aber durch seine lebhaften Augen gewann. Humboldt trat auf ihn zu.
Aimé Bonpland, den die Gegenwart des großen Wissenschaftlers einschüchterte, setzte sich lieber auf eine Bank unter die große Platane, die Lamarck mitgebracht hatte.
Ja, es sei möglich, dass alles in der Natur, eine Einheit bilde. Wenn man das beweisen könnte, gäbe es seiner Arbeit einen Sinn. Das könne ihn vor der Verdammnis retten.
10
Hotel Boston, 4 Uhr nachmittags.
Sie waren in Aimé Bonplands Zimmer. Schon seit langem waren sie dort.
Sie sprachen miteinander, sie sagten sich, was sie seit dem Vortag getan hatten.
Jetzt beugte sich Aimé Bonpland über den Schreibtisch, der am offenen Fenster stand, um eine Reihe von Pflanzen beiseite zu schieben, die er anschließend mit den Pressplatten zusammendrücken wollte.
Humboldt saß neben ihm, den Arm auf dem Fensterbrett, und folgte Aimé Bonplands Händen mit den Augen.
Draußen war ein heißer Nachmittag.
„Und die Medizin?“, fragte Humboldt.
„Die Medizin…“ Aimé Bonpland schaute hinaus. Er wandte sich Humboldt zu. Da die Expedition Baudin wohl nicht stattfinden würde, plante er nun das Naheliegende, nämlich nach La Rochelle zurückzukehren, um dort vormittags im Krankenhaus zu arbeiten und nachmittags in seiner Praxis.
„Praxis, Krankenhaus, La Rochelle… Derselbe Weg, den Ihr Vater eingeschlagen hat; und die Botanik?“
Aimé Bonpland nahm seine Tätigkeit wieder auf. Humboldt konnte zerstreut wirken, wenn er wollte.
„Sie könnten mich auf einer Reise begleiten“, sagte er.
Aimé hielt inne, er merkte auf. „Reise?“
Dann fuhr Humboldt fort: „Eine Reise in für Europäer nahezu jungfräuliche Erdteile. Vergessen wir diese Expedition Baudin! Dank einer Erbschaft habe ich Geld“, setzte er hinzu und erklärte sein Vorhaben: Sie würden sich auf die Suche nach wissenschaftlichen Beweisen für das organische System machen, das es in der Natur gab.
Er antwortete auf eine Frage Bonplands: „Ob ich träume? Wir haben das Geld, wir haben die Zeit, wir haben die nötige Gesundheit, wir haben die Kenntnisse. Wenn es in Europa jemanden gibt, der sich dieses Unterfangen vornehmen kann, dann sind wir es. ‚Und wozu die Einheit der Natur beweisen? Inwiefern ändert das die Natur?‘, werden Sie mich jetzt fragen.“
Humboldt hob den Blick zur Decke empor. „Nicht im Geringsten. Aber es wird uns verändern. Denn wenn die Natur eins ist und systematisch, wird sie zu etwas Begeisterndem, Großartigem, wie ein Tempel. Und die menschliche Seele braucht das alles.“ „Diese Reise hätte zum Ziel, die Natur zu entdecken?“
„Nein, sie zu vermessen. Sie zu vermessen und dadurch zu beweisen, wie sie sich organisiert. Das ist weit mehr als die Botanik. Die Botanik bildet nur einen Teil dieser Einheit. Und um die Einheit der Natur zu entdecken“, sagte Humboldt, „muss man die verschiedenen Weltgegenden untersuchen und die Prozesse, die in jeder einzelnen von ihnen ablaufen, vergleichen.“
Es war das erste Mal, das Aimé Bonplands Ohren so etwas zu hören bekamen. Er begriff in diesem Augenblick, dass sein Leben in gewisser Weise in den Händen dieses Mannes liegen werde.
Humboldt erhob sich, nahm einen Zweig getrockneter Bougainvillea, an dem noch ein paar ausgebleichte, rötliche Blütenblätter hingen, sah sie sich genau an.
„Diese wunderschöne Bougainvillea stammt aus Brasilien. Hätten wir in Frankreich dasselbe Klima, würde sie hier ohne jedwede Pflege gedeihen. Nun, was ist, Aimé?“, schloss er. „Mein Entschluss steht fest. Ich habe schon die notwendigen Maßnahmen ergriffen. Sie brauchen nur zuzustimmen.“
Aimé Bonpland fragte. „Gestatten Sie?“. Er nahm Humboldt die Bougainvillea aus der Hand.
Er legte sie vorsichtig auf den Papierbogen.
Er antwortete nicht.
Nicht an dem Tag.
11
Instrumente zum Messen und Wiegen, auch solche zum Beobachten von Kleintieren oder Sternen sind nützlich, jeweils ein anderes je nachdem, wer sie gebraucht.
Astronomen besitzen Ferngläser oder Teleskope bzw. große Refraktoren. Geometer haben Rechenschieber und Winkelmesser, Geografen Barometer und Sextanten. Ein Mann kann auch über ein Barometer verfügen, das er Jahre später vielleicht durch ein Hygrometer ersetzt.
Nie hatte jedoch ein einziger Mann genügend Mittel und Interesse, um alle diese Instrumente gleichzeitig sein Eigen zu nennen. Es waren insgesamt über achtzig, wenn man die Ersatzgeräte mitzählt.
Humboldt brachte Aimé Bonpland in seine vier Zimmer umfassende Suite im Hotel Boston.
Die Unterkunft hatte sich in ein Depot von Behältnissen aller Art und Größen von bester Qualität verwandelt. Einige lagen auf dem Bett, andere auf den Teppichen.
Hämmer für Archäologen waren darunter.
Aimé Bonpland begriff sofort, dass Humboldt seinen Plan schon weit vorangetrieben hatte.
Manche Hüllen enthielten mehrere gleichartige Instrumente: zwei oder drei Thermometer, fünf Barometer. Hergestellt waren sie aus verschiedenen Materialien: Messing, Zinn, Silber, Gold, Glas, Kristall und Holz.
Die Linsen hatten unterschiedliche Durchmesser und Stärken.
Außerdem gab es dort Geräte zur Feststellung des Längengrades, Sextanten, Theodoliten, künstliche Horizonte, Geologenkompasse und Magnetometer. Keines der Instrumente befand sich rein zufällig dort.
Sie würden europäische Maße in jene fernen Erdteile einführen, die bis dahin lediglich Objekte wirtschaftlicher oder religiöser Gier gewesen waren. Mit einem zärtlichen Blick betrachtete Humboldt die Instrumente.
Dann liebkosten seine Finger die metallische Kühle eines der Fernrohre.
„Damit kann man von anderen Längen- und Breitengraden aus die Monde des Jupiter und die Ringe Saturns sowie die Meere, die Berge und die Krater des Mondes anschauen.“ Humboldt steckte das Instrument wieder in seinen Behälter. „Kurz und gut, Aimé, wenn Sie mein Angebot annehmen, werden wir alles vermessen, wiegen und beschreiben. Ruhmbedeckt werden wir nach Europa zurückkehren.“
Aimé Bonpland nahm einige Bücher von einem Stuhl und setzte sich. Er fragte, wie er, Alexander, sich neulich so poetisch auf die Natur habe beziehen können, und nun wolle er sie mit all diesen Instrumenten zähmen.
„Ich brenne leidenschaftlich für die Symmetrie. Ich werde die Natur noch mehr lieben, wenn ich beweisen kann, dass für sie Regeln gelten wie für eine Maschine.“ Er lächelte. „Ich bin ein aufgeklärter Mensch, aber ich lese auch Goethe und Schiller. Mit einem Wort: Wissenschaft ist Ästhetik.“
Er verschränkte die Finger und streckte sie nach vorn. „Sehen Sie? So gehören sie zusammen.“
Aimé Bonpland war fasziniert von jenen Händen direkt vor seinem Gesicht. Er spürte ein Gefühl der Erstarrung und den Duft von Lavendel. Das Bild von Humboldt verschwamm vor seinen Augen, als blickte er durch eine trübe Linse.
Jetzt war er bereit, Humboldts Einladung anzunehmen.
Er sagte es ihm noch an demselben Abend.
Am nächsten Tag schmiedeten sie Pläne.
„So sieht es aus.“ Humboldt zeigte auf eine Karte von Mittelamerika und der Karibik, die auf seinem Schreibtisch lag. „Dorthin müssen wir reisen. Erst einmal nach Kuba. Und von Amerika aus auf die Philippinen über den Großen Ozean. Denken Sie nur: der Pazifik mit all seinen Sagen. Schließlich werden wir die Welt umrunden.“
Aimé Bonpland vergaß es manchmal, und Humboldt erinnerte ihn daran: „Egal, ob wir nach Süden oder nach Norden fahren, ob wir hier oder dort umherreisen, ich werde das finden, was ich suche.“
Dann stießen sie mit einem kleinen Glas Sauternes an, den ihnen der Wirt des Hotels Boston geschenkt hatte.
12
Mittelamerika und der größte Teil Südamerikas gehörten zu Spanien. Humboldt wurde eine Audienz beim König gewährt, der sich damals in Aranjuez aufhielt.
Der Monarch empfing ihn, während er gerade dem Hofmaler Francisco de Goya saß. Uninteressiert und gelangweilt gestand er ihnen alles zu, worum sie baten.
Als Humboldt Aranjuez verließ, führte er in seinem Portefeuille zwei Pässe und eine Empfehlung an alle Verwaltungsinstanzen von Spanischamerika mit, die verfügte, dass diese die Entdeckungsreisen der beiden Naturforscher in jeder Weise unterstützen sollten.
Von dort aus machten sie sich auf den Weg nach A Coruña.
Sie fielen immer wieder auf. Die beiden waren stets zusammen, redeten unverständliches Zeug, und es folgten ihnen drei Kutschen mit den seltsamsten Gepäckstücken.
Von ferne gesehen, wirkten sie wie zwei Irre auf der Flucht. Nicht einmal die Straßenräuber belästigten sie.
An den heiteren Tagen übernachteten sie im Freien, unbehelligt von den Flöhen der Herbergen.
Nie tranken sie Wein oder spielten Karten.
Man sah sie auf dem Turm einer Kirche aus dem 16. Jahrhundert. Sie beobachteten die Landschaft mit einem Fernglas.
Meist war es so, dass der Ältere sprach und der Jüngere, der mit dem dunkleren Teint, zustimmte.
Wenn es Abend wurde, suchten sie eine Erhebung auf. Sie legten die Jacken ab und schauten sich den Sonnenuntergang an, der in jenen Breiten langsam und melancholisch vor sich ging.
Wenn die Nacht anbrach, schüttelte der Wind die kriechenden Pflanzen, die dort gediehen, durch. Sie hoben den Kopf. Wer als erster den Abendstern sah, zeigte ihn dem andern.
Sie wurden in Santiago de Compostela gesichtet. Sie streiften durch die Straßen der Stadt.
Freundlich lehnten sie wiederholt die Einladung, die Kathedrale zu besichtigen, ab. Sie verabscheuten den katholischen Aberglauben.
Sie erreichten den Hafen von A Coruña.
Schließlich sahen sie das Schiff. Die Fregatte Pizarro der spanischen Flotte, einen Dreimaster. In einer Woche sollte sie für die Überfahrt nach Kuba Anker lichten. Kuba war spanisches Territorium. Es lag in Amerika.
Humboldt betrachtete die Fregatte misstrauisch.
„Unter anderen Umständen würde ich ein Schiff mit dem Namen dieses blutrünstigen Mannes nicht betreten.“
„Nun, ich meinerseits mache mir Gedanken über die Solidität des Schiffsrumpfes“, antwortete Aimé Bonpland.
13
Drei Monate vorher.
Es war eine laute Stimme.
Sie hallte im Sitzungssaal der Académie nach.
„Der Brazo Casiquiare oder Canal Cassiquiare oder, wie immer er heißen möge, ist eine physische, hydraulische und geographische Chimäre. Von einer Verbindung zwischen dem Becken des Orinoco und dem Rio Negro, einem Nebenfluss des Amazonas, zu reden ist außerdem Unsinn, auch wenn dies von unserem Mitbruder La Condamine vorgetragen wird. Dass sich ein Fluss durch einen seiner Nebenflüsse mit einem anderen Fluss verbindet, ist eine weitere Lüge der katholischen Missionare. Nicht zufällig stammt sie von den reaktionären Mönchen des spanischen Königreichs, den schlimmsten von allen, denjenigen, die die Inquisition zu verantworten haben, welche die kreativsten Persönlichkeiten ihrer Zeit auf den Scheiterhaufen gebracht haben. Die Behauptung, man könne auf dem Flussweg von der Karibik zur Amazonasmündung fahren, ist eine Beleidigung der Intelligenz. Es gibt nichts dergleichen in der Welt.“
„Ich verabscheue die Mönche“, murmelte Humboldt während des Applauses, „aber es gibt Hinweise für die Existenz des Casiquiare-Flusses, und zwar nicht nur in den Äußerungen der Mönche und von La Condamine. Wir werden ihn entdecken.“
In der Straße packte Humboldt unter demselben Regenschirm Aimé Bonpland am Arm und hielt seinen Schritt auf.
„Es ist doch natürlich, dass zwei große hydrographische Becken miteinander verbunden sind. Da geschieht etwas Vergleichbares wie bei dem Experiment mit den kommunizierenden Röhren, das man in der Schule durchnimmt.“ Er sah Aimé Bonpland an. Sein Lächeln verriet, dass er ihm etwas enthüllen wollte. „Sie werden sich fragen, was das mit dem Zweck unserer Reise zu tun hat. Ich antworte Ihnen darauf: ‚Vielleicht nichts!‘ Aber es wird eine hervorragende Werbung.“
Der Regen lief ihm über das Gesicht wie Wasser über Porzellan.
14
Sie befanden sich im Heckkastell der Fregatte Pizarro mit Kurs auf Kuba.
Es wurde Abend. Aimé Bonpland beobachtete, wie ihm Europa aus den Augen schwand. Der Herkulesturm leuchtete über A Coruña, das Leuchtfeuer brannte.
Die Luft wurde langsam kühl.
Der Nordostwind sicherte ihnen eine ansehnliche Geschwindigkeit für den Fall, dass sie englischen Kriegsschiffen entkommen müssten.
Der Seegang war so stark, dass er sich beim Gehen festhalten musste. Mit jeder Welle kam eine Wolke von Gischt, welche die Kleidung durchnässte. Schon bald war es Nacht.
Aimé schrieb in sein Tagebuch in der Kabine, die er mit Humboldt teilte: „Der Reisende sieht nicht das Ganze, sondern die Einzelheiten seiner unmittelbaren Umgebung. Zudem beurteilt er sie nach seinen eigenen Interessen und Leidenschaften. Objektiv zu sein ist die geringste seiner Tugenden.“
Er bemerkte, dass Humboldt hinter ihm stand. Dieser legte ihm die Hand auf die Schulter. Er las, was darauf folgte:
„‘Ich werde also unvollständig und subjektiv sein.‘ Ich verstehe, Aimé. Subjektivität und Unvollkommenheit sind die einzige Möglichkeit, etwas zustande zu bringen, was im Gedächtnis der Menschen überdauern wird. Sie denken an die Nachwelt, an etwas, das nach Ihnen kommen wird?“
Aimé Bonpland wandte sich zu ihm um.
„Nein, Ich verstehe nicht, warum Sie diese Frage stellen, Alexander. Ich bin zu jung, um daran zu denken.“
„Nehmen wir dieses Schiff! Alle außer uns beiden sind hier um eines unmittelbaren Nutzens willen. Niemand denkt an die Nachwelt.“
Es war tiefe Nacht. Europa lag hinter ihnen.
Die flackernden Lichter am Horizont waren die letzten Signale, die vom Festland ausgingen. Die große Flamme des Leuchtfeuers auf dem Herkulesturm war noch immer beeindruckend. Nach einiger Zeit wurde auch diese schwächer und hörte auf zu scheinen, der Nebel verschlang sie.
Vor ihnen lagen der Geruch der Meeresluft und der Atlantische Ozean, in dichter Finsternis.
An den Tagen mit starkem Wind hörte man die Takelage zwischen den gewachsten Masten knarren.
Der Bug senkte sich bis ins Meer hinab. Das Wasser schoss über das Deck, floss bis zum Heck und in den Laderaum. Dann hob sich der Bug wieder, bis das aufgewühlte Wasser Regenbögen aufleuchten ließ, die sich in bunte Teile auflösten.
Humboldt maß die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit, die Wassertemperatur, den Luftdruck, die Stellung der Sterne und die Position des Schiffes nach Längen- und Breitengrad.
Man sah ihn auf das Deck steigen, gleichgültig gegenüber Seegang und Seekrankheit. Er war unermüdlich. Niemand tat es ihm gleich, aber es beneidete ihn auch keiner; hinter dieser eisernen Gesundheit musste etwas Furchtbares stecken.
Es war eine schwüle Nacht, die einen Sturm ankündigte.
Schlaflos ging Aimé Bonpland an Deck. Humboldt bemerkte ihn und machte ihm ein Zeichen, langsam zu kommen. Er legte den Finger auf die Lippen.
Aus der Ferne beobachtete sie der Steuermann.
Leicht hob Humboldt den Finger vom Mund, zeichnete das Segment einer Ellipse und zeigte nach oben zur Spitze der Masten.
Da waren sie: In einer verwirrenden Choreographie flogen weiß-bläuliche Lichter von einem Mast zum anderen, verschmolzen miteinander, tanzten, zitterten, bildeten Knäuel, die herumwirbelten und sich wieder auflösten, um sich dann wieder zu verschlingen. Sie hielten inne und pulsierten. Dann nahmen sie ihren Tanz wieder auf, in einer unaufhörlichen, sich ständig verändernden Bewegung. Aimé Bonpland kannte sie. Es waren die Elmsfeuer.
Humboldt entzündete eine Kerze. Er zeigte auf seinen Taschenkompass. Die Nadel zitterte fiebrig.
„Man sieht, dass es ein elektromagnetisches Phänomen ist“, sagte er.
„Warum wollten Sie, dass ich kein Geräusch mache?“
„Es gibt gewisse Dinge, die so schön sind, dass man sie schweigend betrachten muss.“
So standen die Dinge, als sie an den Kanarischen Inseln anlegten und den Vulkan El Teide bestiegen. Von den vergangenen Ausbrüchen waren Ströme erkalteter Lava und große Mengen schwarzer Asche zurückgeblieben.
Nur mit Mühe konnten sie atmen, ihr Gehirn war von der dünnen Luft und dem steilen Aufstieg leicht benebelt, sie zitterten vor Kälte; so betrachteten sie das Meer und die Inseln um sie herum.
„Psst!“, sagte Humboldt und flüsterte: „Das ist das erste Mal, das jemand mit unseren Kenntnissen diese Szenerie sieht.“
Bald darauf begann Humboldt aufzuzeichnen, wie sich die Vegetation in dem Maße, wie sie tiefer hinabstiegen, veränderte: Auf das Fehlen von Leben ganz oben folgten Büsche, Kiefern, Wälder von Pappeln und Lorbeerbäumen, Weinberge, Feigenbäume und Dattelpalmen.
Am Fuße des Berges sagte er zu Aimé Bonpland inmitten von üppigen Bananenplantagen in großer Hitze:
„Sehen Sie! Die Bananenstauden hier würden auf dem Gipfel des Berges nicht gedeihen, nur auf dieser Höhe.“
Бесплатный фрагмент закончился.
