Читать книгу: «Der Kolonialismus»

Шрифт:

Cover

Über den Autor
Über den Autor

Dr. Ludolf Pelizaeus ist Hochschuldozent am Historischen Seminar der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Deutschen Volkskunde / Kulturanthropologie in Freiburg, Würzburg, Mainz, Dijon und Salamanca, zuletzt Visiting Fellow an der National University of Ireland in Galway. Er hat besonders zur Geschichte der Habsburgischen Länder, der Iberischen Halbinsel und Lateinamerikas gearbeitet.

Zum Buch
Zum Buch

Thema dieses Bandes ist die Kolonisierung als Vorläufer der Globalisierung. Ausgehend von Italien wurden zunächst Spanien und Portugal in der europäischen kolonialen Expansion aktiv, dann aber auch England, die Niederlande und Frankreich. Da die Versuche Brandenburg-Preußens scheiterten, wurde das Deutsche Reich erst am Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Kolonialmacht. Zunächst werden in einem Überblick Entstehung und Wachsen der Kolonialreiche bis zu ihrem Ende beleuchtet, wobei der Bogen von den Hintergründen für ihre Begründung im späten Mittelalter bis zur Dekolonisation im 20. Jahrhundert gespannt wird. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Frühen Neuzeit. Das breit gefächerte Thema gibt nicht nur Einblick in Abläufe und wirtschaftliche Verflechtungen, sondern nimmt auch Einzelschicksale und ausgewählte Quellenzeugnisse ebenso in den Blick wie Rückbezüge auf die Kultur, Küche und Musik Europas.

Haupttitel

Impressum


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Covergestaltung: Nele Schütz Design, München nach der Gestaltung von Thomas Jarzina, Köln Bildnachweis: Bridgeman Art Library, Berlin Lektorat: Dr. Lenelotte Möller, Speyer eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0038-9 www.marixverlag.de

Inhalt

Über den Autor

Zum Buch

Vorwort

Einleitung

1. Grundlagen, Definition und Epochengrenzen

Grundlagen, Verständnis und Grenzen des Kolonialismusbegriffs

Typen von Kolonien

Die Epochen des Kolonialismus

2. Die Vorläufer: Entwicklung des Kolonialismus in der Antike und im Mittelalter

Die griechischen und römischen Kolonien

Die Kolonien Genuas und Venedigs im Mittelalter

3. Die Bedingungen: Der Beginn der umfassenden europäischen Expansion nach Übersee

Die Vorstellungen von Asien im Mittelalter

Die Parler, von Eyck und das burgundische Erbe

Eric der Rote und die ersten Fahrten nach Amerika

Die Fahrten der Gebrüder Vivaldi und Lancelotto Malocellos an der afrikanischen Küste

Die wirtschaftliche Interessenslage in Asien vor 1450

Der Beginn der portugiesischen Expansion im Atlantik

Die Einigung der spanischen Königreiche im europäischen Vergleich

Reconquista und Conquista: Die Eroberung Granadas und die Politik gegenüber Juden und Moslems in Spanien als Vorspiel für Amerika

4. Kulturkontakt und mediale Darstellung

Das Zusammentreffen der Sprachlosigkeit

Die Begegnung in Cajamarca

Die Sicht des »Türken«

John Derricke: Image of Irelande

5. Afrika und Asien

Die portugiesische Expansion in Afrika, Indien und Asien

Kapital als Mittelpunkt: Die englisch-niederländische Stützpunktgründung

Die Vereinigte Ostindische Kompanie und die niederländische Expansion in Asien

Englands Eindringen in Asien

Die Versuche zum Aufbau eines französischen Kolonialreichs

Gescheiterte Träume: Die Welser, Brandenburg und Österreich

Russlands Vordringen an den Pazifik

6. Amerika

Die Bedeutung der vorkolonialen Entwicklung für die Eroberung

Christoph Columbus und die ersten Fahrten nach Amerika

Die Problematik des Zusammenstoßes der Kulturen 1492-1502

Der Beginn der europäischen Herrschaft in der Neuen Welt

Der Aufbau einer Verwaltung der neuen Gebiete

Südamerika

Die Eroberung Mexikos und Perus

Montesinos, las Casas und die Diskussion um die Conquista

Die Kirche in Lateinamerika

Die Jesuitenreduktionen als Utopie und der weltweite Einsatz der Gesellschaft Jesu

Die Verwaltung in Spanisch Amerika

Die Verwaltung in Portugiesisch Amerika

Soziale Strukturen

Wirtschaft und Handel

Aufstände und Konflikte

Militär und Krieg

Die Karibik

Der Sklavenhandel

Schmuggel und Dreieckshandel

Nordamerika

Erste Besiedelung

Die Kolonisierung ab 1607

Soziale, wirtschaftliche und ethnische Zusammensetzung

Die Verwaltung

Kirchen und Glauben in Nordamerika

Kanada und das französische Kolonialreich

Die Südsee und Australien

Die Suche nach der Terra Australis

Technische Neuerungen und die »Entdeckung« der Südsee

7. Der Kulturtransfer

Malerei und Architektur

Der Austausch in der Musik

Die kolonialen Gesellschaften und die Sprachen

Die globale Migration

Genussmittelexport und Einfluss auf die Küche

Kaffee, Tee, Kakao und Tabak

Gewürze, Kartoffeln und Tulpen

Die Bedeutung von Erfindungen für den Vorsprung Englands

Die Veränderung der Sicht des Orients am Ende des 18. Jahrhunderts

Napoleons Feldzug nach Ägypten und der Orientalismus

Das Bild des Orients

Europäische Expeditionen nach Amerika und Afrika

8. Die Krise des Systems und die Dekolinisation in Amerika

Die Amerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen

Die Unabhängigkeit der USA und die Folgen für England

Von den bourbonischen Reformen zur Unabhängigkeit Lateinamerikas

Die Entwicklung der Staaten Lateinamerikas im 19. Jahrhundert

Die Diskussion über die Sklaverei und die Rassentheorien

Die Aufhebung der Sklaverei

Das Konzept des »Wilden«

Der europäische Rassismus und die Konsequenzen in Amerika

9. Kolonialismus des 19. Jahrhunderts und Imperialismus

Die neue Machtkonstellation durch den Niedergang des Osmanischen Reiches und Persiens

Die Lösung Ägyptens vom Osmanischen Reich

Der Ausbau der Kolonialherrschaft der Niederlande, Englands und Frankreichs in Südostasien

Indien: Englands Kronjuwel

Die gewaltsame »Öffnung« Chinas

Frankreich und England: Der Wettlauf um die Weltherrschaft in Afrika

Wirtschaftliche Ausbeutung

Die zivilisatorische Mission Frankreichs

Die »späten« Kolonialmächte: Das Deutsche Reich, Japan und die USA

Das deutsche Kolonialreich

Japans Imperialismus

Die USA auf Kuba und den Philippinen

10. Der Zusammenbruch der Kolonialreiche

Der Erste Weltkrieg als Krise des Systems

Das Erwachen der Nationen

Von der Kolonie in die Unabhängigkeit

Der Beginn der Dekolonisation in Afrika und Asien

Dekolonisation im Zusammenhang des Kalten Krieges

11. Ausblick

Anhang

Zeittafel

Bibliographie

Überblickswerke

Mittelalter

Frühe Neuzeit siehe Regionen

Neuzeit

Europäische Kolonialmächte

Geistes- und Kulturgeschichte

Asien

Osmanisches Reich

Afrika

Amerika Englisch und Französisch Amerika

Spanisch und Portugiesisch Amerika Allgemein

Zu Verschiedenen Aspekten lateinamerikanischer Geschichte

Kontakt zum Verlag

Vorwort

Mit dem Begriff »Kolonialismus« verbinden Leser ganz unterschiedliche Phänomene. Viele verstehen darunter lediglich die Hochphase des Kolonialismus, die auch als Imperialismus bezeichnet wird, also die Zeit ab 1880. Während hier politische Vorgänge im Vordergrund stehen, sehen andere die geistesgeschichtlichen Entwicklungen als wichtig an. So kann man aus politischer Perspektive von Kolonisation und Dekolonisation, aus geistesgeschichtlicher Perspektive aber eher von Kolonialismus und Postkolonialismus sprechen. Doch die Begriffe bleiben umstritten, wie im Einzelnen noch zu zeigen sein wird. Die vorliegende Darstellung betrachtet vornehmlich die europäische Kolonialpolitik, die hier der Einfachheit halber als »Kolonialismus« bezeichnet wird. Mit Japan wird auch eine außereuropäische Kolonialmacht angesprochen, sonst aber der Schwerpunkt auf die dominante europäische koloniale Expansion gelegt. Es sollen aber nicht nur politische, sondern auch geistesgeschichtliche Stränge beleuchtet werden, um das Phänomen und seine Auswirkungen bis heute besser begreifen zu können.

Für das Verständnis des Kolonialismus scheint mir angebracht, den Schwerpunkt auf jene Zeit zu legen, in welcher der Kolonialismus seine weltpolitische Dimension annahm und viele Erscheinungen des interkontinentalen Beziehungsgeflechts entstanden, die bis heute prägend sind. Dies ist gerade die Frühe Neuzeit, also die Epoche von 1492 bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, als durch die Unabhängigkeit Amerikas die erste Phase der Dekolonisation begann. Aus regionaler Sicht wird deshalb Amerika fokussiert, weil hier das erste von Europäern voll entwickelte Siedlungssystem entstand, das in vielerlei Hinsicht für spätere Zeiten prägend war. Immer wieder wird aber auch auf die Entwicklung in Europa einzugehen sein, weil sie vielfach weitreichende Auswirkungen in den Kolonien hatte.

Auf dieser Grundlage wendet sich dann den Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert zu. Es werden die Linien der Kolonialherrschaft bis zu ihrem Höhepunkt nach dem Ersten Weltkrieg, und nachfolgend die der Dekolonisation nach dem Zweiten Weltkrieg aufgezeigt.

Die Darstellung einer »europäischen Weltgeschichte« hat zur Konsequenz, dass man die europäische Sichtweise und ihr Vokabular verwendet. Dies soll nicht unkritisch geschehen, doch lassen sich gewisse Begriffe nicht vermeiden. Ersetzt man z. B. »Indianer« durch das gleiche spanische Wort »Indio« ist dies genauso wenig hilfreich, wie nur von »Indigenen« zu sprechen, denn dies können Inder, Afrikaner oder Indianer sein. Die Darstellung bleibt, wie die verwandten Karten, eurozentrisch, bemüht sich aber darum, den differenzierten Blick auf die Entwicklung in ganz unterschiedlichen Ländern stets aufrecht zu erhalten.

Die Darstellung bezieht bei zentralen Punkten auch zeitgenössische Stimmen mit ein, die, um sie für den interessierten Leser leichter recherchierbar zu machen, bewusst fast alle aus zwei Quellensammlungen, nämlich der »Dokumente zur Geschichte der Europäischen Expansion« (DGEE) und aus »Geschichte in Quellen« (GiQ) stammen. Es soll damit leichter möglich sein, die aus Platzgründen stark gekürzten Texte auch in der Vollversion zu lesen.

Dem Leser soll ein Überblick über ein globales Phänomen verschafft werden, was zu Schwerpunktsetzungen zwingt und weswegen nicht alle Aspekte des Themas ausgeleuchtet werden können. Die weltweite Vernetzung führt dazu, dass gleiche Themen in verschiedenen Kapiteln erwähnt werden, damit die Kapitel auch einzeln gelesen werden können.

Im Sommersemester 2008 habe ich an der Universität Mainz eine Vorlesung mit dem Titel »Europäische Kolonialgeschichte« gehalten. Ich danke allen Studierenden für ihre Anregungen, besonders auch die umfangreiche Wunschliste, auf der sie die für sie interessanten Themen des Kolonialismus eintragen konnten. Ich habe versucht, sie bei der Darstellung vollständig zu berücksichtigen.

Für die Entstehung des Buches möchte ich meinem Kollegen Dr. Lars Hoffmann danken, der den ersten Kontakt zum Verlag herstellte. Ebenso danke ich dem Marix Verlag und Frau Miriam Zöller für die Aufnahme in die Reihe »Marix Wissen«. Herrn Daniel Schröder sei für das Abtippen der Quellenzitate und die Korrekturlese der Bibliographie gedankt, Dr. Lenelotte Möller für das Lektorat, Annette Reese und Dr. Julia Schmidt Funke für die Anregungen. Die Hauptlast hat aber wieder einmal meine Frau Anette getragen, die das Buch Korrektur gelesen hat, wofür ich ihr herzlich danken möchte.

Einleitung

Nicht erst plötzlich im 16. Jahrhundert, sondern bereits seit dem 13. Jahrhundert änderten sich die Bedingungen des Zusammenlebens in Europa. Das Bevölkerungswachstum führte zu einer steigenden wirtschaftlichen Nachfrage, die auch die kulturelle Entwicklung bedingte. Es kam zu einer Veränderung der eigenen Sichtweise, zu einer neuen Sicht von Religion, dem Sein und der Umwelt. Vieles wurde hinterfragt, so auch die bekannten und gewohnten Mythen. Man glaubte nicht mehr einfach, dass die Erde eine Scheibe sei, was jedem erfahrenen Seefahrer schon als Unsinn aufgefallen sein musste. Man wollte Neues und Unbekanntes erfahren, reisen, zu neuen Ufern aufbrechen und expandieren. Doch da man nicht wusste, was hinter dem bekannten Land kam und was es zu »entdecken« galt, blieb jede Fahrt eine Gefahr. Dabei ging die Expansion von Europa aus, als dauerhafte und bleibende, während die Mongolen oder Chinesen zwar ebenfalls Weltreiche aufbauten, diese aber nicht in ähnlicher Weise zu einem weltumspannenden Faktor wurden.

Neben dieser Neugier und dem Wunsch nach Expansion entwickelte sich vom 15. bis zum 18. Jahrhundert eine umfangreiche europäische Verwaltung. Schrift und Briefverkehr ermöglichten weitreichende Kommunikation und Verwaltung auch über große Distanzen hinweg. Die Beamten mit ihren Anordnungen reisten jedoch nicht allein nach Übersee, sondern wurden von Militärs und Siedlern begleitet, die unterschiedlich stark diejenigen Gebiete, in denen sie landeten, prägten. Je nach Gesellschaft wurde also die Expansion von unterschiedlichen Gruppen getragen. Dabei können die Länder Spanien und die Niederlande als gegensätzliche Modelle gesehen werden, wie noch aufgezeigt werden wird.

Für die Europäer spielte besonders ein religiöses Sendungsbewusstsein eine herausragende Rolle, war es doch dieses, was zunächst dominant wirkte. Eigentliches Ziel der Fahrten aber war die Bereicherung: Man hoffte Gewürze oder andere wertvolle Handelsware zu finden oder, als höchstes Gut, das Gold.

So kamen europäische Sprachen, Institutionen, Rechts- und Staatsvorstellungen, Religion und schließlich Techniken und Produktionsweisen in andere Teile der Welt, genauso wie die außereuropäischen Gebiete in vielfacher Hinsicht Europa beeinflussten.

1. Grundlagen, Definition und Epochengrenzen
Grundlagen, Verständnis und Grenzen des Kolonialismusbegriffs

Globalisierung ist keineswegs eine Erscheinung, die erst im 21. Jahrhundert beginnt, sondern lässt sich vielmehr auf das frühe 16. Jahrhundert zurückführen. Seit dieser Zeit führten Entdeckungsreisen zu immer neuen Gebieten, wurden regelmäßige Handelskontakte von Europa nach Afrika, Asien und Amerika entwickelt, umfassten also erstmals die ganze Welt. Es sollte die ganze frühe Neuzeit dauern, bis durch die Veränderungen der Aufklärung, besonders aber der Napoleonischen Zeit eine neue Periode begann, an deren Anfang die amerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen einerseits und der festere Griff der Europäer auf Afrika und Teile Asiens andererseits standen. Immer stärker wurden nun die Kolonien an das Mutterland gebunden, was gravierende und irreversible Einflüsse auf Gesellschaft, Kirchen, Kleidung, besonders aber auch auf die Beziehungen von Gruppen und Völkern zu einander haben sollte. Es ist also nach der »gemeinsamen Geschichte« zu fragen, wenngleich dies aus einem eurozentrischen Blickwinkel geschehen wird, aus welchem unsere Sicht meistens erfolgt. Mit dieser Perspektive verbunden ist die Erkenntnis, dass die Beziehungen durch Ungleichheit zwischen Herrschern und Beherrschten geprägt wurden, die Macht ausübten, vielfach auch repressiv. Globalisierung bzw. auch die Ressentiments gegenüber einer Zusammenarbeit mit Europa hat vielfach mit den tief sitzenden negativen Erfahrungen aus der Kolonialzeit zu tun.

Im 15. Jahrhundert vollzog sich in allen Bereichen der europäischen Gesellschaft ein tiefgreifender Wandel, der die Grundlage des umfassenden Ausgriffs in die außereuropäische Welt sein sollte. Mythen und Legenden wurden kritischer hinterfragt und nun auch geprüft. Hieraus erwuchs der Wunsch, die kartographischen Kenntnisse nicht nur zu vergrößern, sondern durch systematische Überprüfung den Horizont durch Fahrten zu erweitern. Damit begann die Globalisierung unter »europäischen Vorzeichen« (Horst Gründer), weil die europäischen Kolonialherren noch konsequenter und damit auch dauerhafter ihre Vorstellungen und Wertesysteme in anderen Erdteilen durchsetzten. Die Expansion, die Schaffung großer Reiche, die eine Benachteilung der unterworfenen Völker einschloss, war kein europäisches Phänomen, sondern findet sich auch bei der Expansion Chinas oder der islamischen Reiche. Jedoch ist die europäische Kolonisierung zu einem weltumspannenden Netz geworden, das alle Kontinente einschloss und damit auch zu einem Weltsystem wurde.

Dieses Weltsystem der Eroberung führte zu einem Weltsystem des Handels, welches freilich sehr unterschiedlich strukturiert war. Auf der einen Seite gab es jene Regionen, in welche sich die Europäer anfangs nur als Juniorpartner eingliedern durften. Dies gilt für den gesamten asiatischen Raum, wo es nicht nur sehr viel alte Handelskontakte mit Europa gab, sondern die verschiedenen asiatischen Staaten miteinander umfangreich Handel trieben und den Europäern allenfalls Nischen in dem Handelssystem einzuräumen bereit waren. Anders hingegen verhält es sich in Afrika, besonders aber in Amerika und ab dem Ende des 18. Jahrhunderts auch mit Australien. Diese Kontinente hatten kein inner- oder gar transkontinentales Handelsnetz aufgebaut und wurden mit dem Kolonialismus in ein auf Europa ausgerichteten Handelsnetz zwangsweise integriert.

Neben dem Handel sollte aber auch der Möglichkeit der Wissens- und Informationsweitergabe eine zentrale Funktion zukommen. Da den Europäern zudem keine religiöse Beschränkung bei der bildlichen Wiedergabe von Lebewesen, wie im Islam, auferlegt war, konnte man in Bild und Text zu einer wahren »Überseebegeisterung« gelangen, die bis in das 20. Jahrhundert alle europäische Staaten ergriff. Grundlage für diesen »Orientalismus« war der in der Mitte des 15. Jahrhunderts von Johannes Gutenberg erfundene Buchdruck mit beweglichen Lettern. Damit war es möglich, die in Übersee gesammelten Eindrücke medienwirksam in Europa zu verbreiten. Medienwirksamkeit bedeutete freilich in vielen Fällen alles andere als wahrhafte und allein am Angetroffenen orientierte Beschreibungen, sondern vielmehr ein wirtschaftliches Interesse und die Frage, was sich in Europa gut verkaufen ließ, wobei die europäische Öffentlichkeit auch an bestimmten Geschichten, Erdteilen und besonders Kuriositäten sehr interessiert war.

Es trafen die Handelsinteressen und die europäische medialen Sensationslust mit Heilsungewissheit und einem christlichen Missionsimpetus zusammen. Es gab in Europa kein Jahr, in dem kein Krieg tobte. Viele Regionen kamen kaum zur Ruhe. Missernten, eine steigende Bevölkerungszahl nach dem großen Bevölkerungseinbruch durch die Pestwelle von 1346-49 führten zu einer allgemeinen Unsicherheit in Bezug auf das geistliche Heil. Es war nicht nur Martin Luther, der sich in Deutschland die Frage nach dem gerechten Gott stellte, sondern überall in Europa traten Prediger auf, die vor dem Weltende mahnten. Die Menschen waren ergriffen und verbanden die Expansion immer mit einer Bekehrung zu einem nicht in Frage gestellten Christentum. Diese Sendungsidee brachte aber gleichzeitig die Legitimation für die rücksichtslose Expansion der europäischen Mächte mit sich. Erst mit dem Ende der Frühen Neuzeit und dem Beginn der Aufklärung kam es zu einem Wechsel der Vorzeichen. Ab 1750 ist nicht mehr die Bekehrung der »Heiden« offiziell einziges oder zumindest vorrangiges Ziel als Begründung, sondern nun kommen neue Faktoren ins Spiel, die freilich für die betroffenen Völker außerhalb Europas die Lage keinesfalls besser machten. Die europäischen Staaten wurden sich ihrer »Nationalität« bewusst. Sie versuchten daher, im außereuropäischen Bereich verstärkt auch der Kolonie die Identität des eigenen Landes aufzuzwingen. Zudem dienten Rassentheorien zur »wissenschaftlichen« Begründungen der Minderwertigkeit der indigenen Bevölkerung. Man verstand sich jetzt also nicht mehr durch die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft, sondern durch die Zugehörigkeit zu einer Nation als etwas Besseres.

Der Kolonialismus lief aber nicht nur in eine Richtung. So nämlich, wie Europa durch seine Expansion unterschiedlichen Einfluss auf die übrigen Kontinente nahm, so wurde umgekehrt auch Europa durch das Zeitalter des Kolonialismus und die auf Europa zurückwirkenden Einflüsse umfassend geprägt. Tomaten, Kartoffeln, Zucker auf dem Speiseplan, »Kajak«, »Samba«, »Iglo« im Sprachgebrauch sind nur wenige Beispiele von prägenden Einflüssen. Aber auch die Sicht von Völkern im außereuropäischen Bereich wurde nicht nur von den Kolonialherren, sondern durchaus auch von den Betroffenen selbst mitgestaltet. Eine wichtige und sehr prägende Rolle nahm hierbei die Druckgraphik und später die Fotografie ein. Besonders seit dem Ende des 19. Jahrhundert überschwemmten Postkarten mit Motiven aus den Kolonien oder aus Übersee den europäischen Markt. Die meisten Postkarten wurden in Deutschland gedruckt, allein 1907 mehr als 300 Millionen, also fast eine Million pro Tag! Doch nicht nur die Kolonialmächte, sondern gerade auch Nationen in Asien ließen mit solchen Postkarten einen bestimmten Eindruck verbreiten, der uns bis heute prägt. So tauchen erst auf diesen Postkarten Hawaiimädchen im Bastrock auf, obwohl dieser auf Hawaii gar nicht zu finden war und erst von Fotografen eingeführt wurde.

Der Kolonialismus ist also ein sehr weites, ja die gesamte Erde umspannendes Phänomen, welches aufgrund der sehr unterschiedlichen Art nicht einfach zu erfassen ist, wie von Jürgen Osterhammel und Ania Loomba betont worden ist, zunächst allein schon aufgrund der schieren geographischen Größe und der sich damit ergebenden Uneinheitlichkeit und Unterschiedlichkeit. Nach dem Ersten Weltkrieg war mehr als die Hälfte der Erde europäischer Kolonialbesitz und zwei fünftel der Weltbevölkerung unterstanden kolonialer Herrschaft.

Daher gibt es auch unterschiedliche Auffassungen über den Terminus »Postkolonialismus«. Für die einen bezeichnet er die nachkoloniale Zeit, andere lehnen den Begriff deswegen ab, weil er im Rahmen von Literatur gerne verwandt wird, nicht aber für die koloniale Ausbeutung im Zusammenhang mit ökonomischen Maßnahmen.

Kolonialismus und Postkolonialismus dürfen aber nicht nur als Begrifflichkeiten für politische Vorgänge gesehen werden, sondern ebenso für geistesgeschichtliche Strömungen, wie beispielsweise in der Literatur, wenngleich, wie Peter Hulme hervorhebt, selten eine wirkliche eigenständige Auseinandersetzung mit dem Thema des »Postkolonialismus« stattfindet. Eher könne man von einem Vergleich zwischen vorher und nachher sprechen. Dies aber sei eher ein Reflex aus kolonialen Zeiten, nicht jedoch eine neue Auseinandersetzung.

Zudem ist der Begriff des Kolonialismus umstritten. Die Debatte um »Kolonialismus« fand unter dem Stichwort des »Orientalismus« neue Nahrung mit dem Buch von Edward Said in den achtziger Jahren. Seine Kritik führte zu einer umfangreichen Diskussion über die Auswirkungen des Kolonialismus und das Fortdauern eines Überlegenheitsbildes in den westlichen Medien bis in die heutige Zeit. Hatte Said noch die Position vertreten, dass sich der Kolonialismus bis heute ungebrochen fortsetze, weil sowohl die westlichen Medien als auch die großen Konzerne, besonders aber das Bewusstsein der Bewohner des westlichen Welt immer noch auf die früheren »Kolonialvölker« herabsähen, so ist diese Sicht mittlerweile abgeschwächt worden. Es herrscht Einigkeit darüber, dass koloniale Abhängigkeiten bis heute nachwirken, dass wir von einer Gleichwertigkeit der Erdteile noch weit entfernt sind, allerdings wird das Pauschalurteil einer weitgehend ungebrochenen weiterhin kolonialen Sichtweise der Welt im Westen kaum noch geteilt.

Was aber hat, so muss man sich fragen, der Kolonialismus für Konsequenzen, was sind die Ausformungen und Ursachen? Es ist auch hier kaum eine alle Erdteile und Ausprägungen des Kolonialismus berücksichtigende Antwort möglich. Zu Recht ist darauf verwiesen worden, dass die Entwicklung des Kapitalismus eine entscheidende Rolle für den Kolonialismus gespielt hat. Denn es handelt sich beim Kolonialismus seit der Frühen Neuzeit, also seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert, der in Italien aufgrund der Entwicklung der Geldwirtschaft jedoch schon früher einsetzte, um eine Einbindung der Kolonie in das Metropolitansystem. Nicht Tribute galten mehr als ausreichend, sondern man erwartete eine Handelsbeziehung, die beide Seiten, wenngleich mit unterschiedlichem Rechtsstatus, einbeziehen sollte. Daraus sollten sich dann durch Siedlung Kolonien entwickeln. Damit aber dort trotz der Entfernung zum Mutterland zu günstigen Kosten produziert werden konnte, erhielten die Kolonien Sklaven oder durch lange Verträge verpflichtete Arbeiter (indenturered labour). Diese Arbeitskraft erlaubte den Kolonien Rohstoffe und Plantagenprodukte zu exportieren, was wiederum für den Fortschritt des Mutterlandes von großer Wichtigkeit war. In umgekehrter Richtung waren die Kolonien ein Absatzmarkt für die entstandenen Fertigprodukte. In diesem Sinne kann der Kolonialismus als Hebamme des Kapitalismus angesehen werden.

Zentraler Begriff war also die Siedlung, wobei es verschiedene Siedlungsformen gab. Einmal Siedlungsstützpunkte (plantations) in Amerika oder Wirtschaftsstützpunkte in Indien. Das System Mutterland-Kolonie verlangte, zumindest von einer Schicht hohe Flexibilität und Mobilität, galt es doch, Verwaltungsbeamte und ranghohe Militärs nur im Mutterland zu rekrutieren, sie dann aber überall einzusetzen.

Die Spätphase des Kolonialismus wird meist als Imperialismus bezeichnet, wobei man sich in diesem Zusammenhang auf Lenins Schrift von 1916/17 »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« als Meilenstein in der Entwicklung bezieht. Mit seiner Definition des »Imperialismus als höchste Stufe des Kapitalismus« war jedoch eine gleichsam lineare Entwicklung in diesem Deutungsmuster vorgegeben. Diese Position wird heute nicht mehr geteilt. Einmal lehnt man die Sicht der Geschichte als lineare Entwicklung zu einer höheren Stufe des »Seins« ab, zudem wird die dahinter stehende Position, durch eine vollständige Kapitalkonzentration habe der Kolonialismus eine fortgeschrittenere Ausprägung erreicht, nicht mehr geteilt. In der heutigen Forschung wird betont, dass es Imperien und die damit verbundene Expansion seit der Antike gegeben habe, dass also nicht das »Imperiale«, sondern vielmehr die sozialen und wirtschaftlichen Verschiebungen die Charakteristik der Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts ausmachen.

Es gab beim Auftreten der Kolonialherren eine weite Palette von Reaktionen, die von Widerstand bis zu Anpassung und Kooperation reichten. Gerade aber letzteres war der entscheidende Baustein für die Errichtung einer Kolonialherrschaft, weil nur dank der Kooperation unter Nutzung von existierenden Rivalitäten, den Kolonialherren die Dominierung bestimmter Gebiete möglich war. Dennoch bleibt ein Wesensmerkmal des Kolonialismus die Gewalt der Kolonialherren, die sich aus einem Gefühl der Schwäche als Minderheit heraus, ihre Herrschaft sicherten. Hinzu kam, dass die koloniale Hegemonie auf Distanz ausgelegt war. Die Verwaltungs- und Militärzentren lagen weit entfernt und vieles blieb schon von daher der Willkür überlassen. Alle schriftlichen Anordnungen sind daher auch in diesem Licht zu sehen. Die oberste Ebene des kolonialen Staates war europäisch. Paternalismus und europäische Herablassung, besonders seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, als man glaubte, einen »Erziehungsauftrag« zu haben, waren gang und gäbe. Kenntnis über Kulturen erwarben die Kolonialherren meist lediglich aus Utilitarismus, um die Herrschaft zu sichern, besonders aber um die Möglichkeiten der Ausbeutung des Landes zu steigern, weil ihnen nur so die Nutzung der Bodenschätze und der landwirtschaftlichen Güter möglich war. Auf der anderen Seite baute man Barrieren ab, um neue zu konstruieren. Dies gilt z.B. für Indien, wo die Engländer, getrieben von kolonialem Interesse und Druck der englischen Öffentlichkeit, zwar das Kastensystem durchlässiger machten, andererseits mit einem den Einheimischen fast unzugänglichen Verwaltungsapparat eine eigene »Kaste« von Verwaltungsbeamten schafften, die sich deutlich abhob.

Je nach kolonialem System findet sich bei der ethnischen Durchmischung ein Übergang zwischen den einzelnen Gruppen. Sexuelle Beziehungen zwischen männlichen Kolonisierenden und einheimischen Frauen wurden sehr unterschiedlich behandelt. Der umgekehrte Fall kam hingegen nur selten vor, da bei den Siedlern fast immer ein Männerüberschuss herrschte. Die Palette für ethische Mischung reicht von vollständiger Ablehnung, verbunden mit Bestrafung, bis hin zu Akzeptanz und Förderung.

Kolonialherrschaft bedurfte zudem natürlich auch stets der Legitimation nach innen, weswegen seitens der Kolonialherren auf die christliche und dann später auf die zivilisatorische Mission, oft auch auf beides, verwiesen wurde. Man sollte jedoch, trotz des kolonialen Anspruches, nicht davon ausgehen, dass es eine rein einseitige Begegnung gewesen ist. Claudia Schurrmann hat für den atlantischen Raum diesen Austausch umfassend aufgezeigt. Es waren keine gleichberechtigten Beziehungen, doch sollte man diese dennoch keinesfalls ausblenden, weil sie einen wichtigen Bestandteil der Kolonialgeschichte darstellen.

Typen von Kolonien

»Kolonisation« bezeichnet von der Wortbedeutung her den Prozess der Landnahme, der Begriff »Kolonie« die Entstehung eines speziellen Siedlungstyps. Verbunden mit diesem Begriff ist jener des »Kolonialismus«, der sich auf das Herrschaftsverhältnis bezieht. Diese Begriffe beinhalten die Vorstellung einer ausgreifenden Landnahme, also einer über den eigentlichen Raum hinausgehende Expansion.

Kolonialismus ist die »Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen…«. wie es Jürgen Osterhammel ausdrückt.

Bei dieser Form von Expansionsvorgängen kann man sechs Typen unterscheiden:

1. Die Totalmigration ganzer Völker, die in Europa am ehesten mit der Völkerwanderung in Verbindung gebracht wird. Entscheidend ist dabei die Unterwerfung, u.U. Verdrängung der Völker im neuen Siedlungsraum unter Aufgabe des bisherigen. Es wird also keine Gesellschaft zurück gelassen, sondern eine neue an einem anderen Platz gegründet.

2. Die massenhafte Einzelauswanderung (Individualmigration), bei der Einzelne oder kleine Gruppen, wie z.B. Familien, ihre Heimat ohne Rückkehrabsicht verlassen. Die zurückbleibende Gesellschaft hat zwar, wie z.B. Irland in der Mitte des 19. Jahrhunderts, einen starken Aderlass zu verkraften, bleibt aber im Kern intakt. Die Ausgewanderten bilden oft in der ersten oder zweiten Generation noch sprachlich geschlossene Gesellschaften, die bisweilen auch als »Kolonien« bezeichnet werden, allerdings ist der Begriff hier irreführend. Denn es handelt sich in den meisten Fällen um ein nur vorübergehendes Phänomen, da sich die Ausgewanderten in der Mehrzahl der Fälle integrieren, so z.B. die deutschen Auswanderer in die USA.

3. Bei der Grenzkolonisation bewegen sich wieder ganze Gruppen, die das Hinausschieben der Siedlungsgrenze erreichen wollen. Dabei verdrängen sie meist die bäuerliche Bevölkerung. Entweder entsteht eine neue isolierte Gesellschaft, wie die Siebenbürger Sachsen, die nicht über eine am Ort bereits siedelnde Gesellschaft dominiert, oder aber es kommt zu einer Unterwerfung, wie bei der mittelalterlichen Pruzzenkolonisation des Deutschen Ritterordens im 13. Jahrhundert, bei welcher die angestammte Gesellschaft gewaltsam verdrängt wird. Es wird Kapital und Arbeit in bestimmte Zonen geführt, was besonders im 19. Jahrhundert enorme Ausmaße annahm, als die Kolonisation mit der Eisenbahn, besonders in Nord- und Südamerika, erfolgte und hier zu einer verdrängenden Kolonisation führte. Dabei kam es dann jedoch nicht mehr, wie bei den Siebenbürger Sachsen, zu eigenen Siedlungen als getrennte politische Einheiten, sondern die Siedler waren mit dem Mutterstaat unmittelbar verbunden.

4. Die überseeische Siedlungskolonisation geht zunächst einen ähnlichen Weg wie die Grenzkolonisation, ist jedoch dort, wo die Meeresnähe eine Expansion über das Meer hinaus nahe legt, vornehmlich zu finden. Schon im Altertum betrieben Phönizier, Griechen, Karthager und Römer diese überseeische Siedlungskolonisation, die das gesamte Mittelmeer umspannte. Durch die damit gegebene Entfernung vom Gründungszentrum ergab sich aber, dass nun eigene Gemeinwesen entstanden. Dies gilt z.B. für den Beginn der europäischen Besiedelung Nordamerikas, den »Pflanzungen« (plantations), die als Gründungen versuchten, ohne Nachschub vom Mutterland zu überleben. Dafür waren sie aber darauf angewiesen, möglichst schnell genügend Ackerland zu erobern, um autark zu werden. Da man das Gebiet, in welches man kam, als »herrenlos« ansah oder sich als vorherbestimmtes Volk zur Landnahme berechtigt glaubte, wurden die einheimischen Völker verdrängt oder umgebracht, nicht aber integriert, ganz im Gegensatz zu Spanisch Amerika. Diese Vorgehensweise hatte einmal mit religiösen Auffassungen der ankommenden Sektierer zu tun, die von ihrer speziellen Auserwähltheit vor Gott überzeugt waren und daher jeder anderen Bevölkerung ein ähnliches Recht absprachen. Zudem waren aber auch wirtschaftliche Gründe hierfür verantwortlich. Denn während in Teilen Lateinamerikas, also in Mexiko und Peru in Bezug auf das Besteuerungswesen hoch entwickelte Gesellschaften angetroffen wurden, ist dies in Nordamerika nicht der Fall. Die Eroberer konnten sich also die oft nomadischen Untertanen nicht so leicht dienstbar machen, wie dies für Peru und Mexiko der Fall ist. Dies hieß auch, dass man Arbeitskräfte eher einführen musste. Zunächst die »verpflichteten Arbeiter« (indentured servants), dann die Sklaven, während man gleichzeitig die angestammte Bevölkerung ausrottete oder verdrängte. Die Konsequenz davon war, dass in Nordamerika schon im 18. Jahrhundert Gebiete entstanden waren, die fast rein europäisch waren oder doch zumindest einen hohen europäischen Anteil in dem stark durch die Sklavenhaltergesellschaft dominierten Süden Nordamerikas aufwiesen. Später gilt dies auch für Kanada, Australien und Neuseeland. Ein ähnliches Konzept wurde zunächst auch in Teilen Afrikas verfolgt, ließ sich aber nicht mehr so durchsetzten. In Algerien, Kenia, Simbabwe (Rhodesien) und Südafrika hatten viele Siedler zunächst auch von der Verdrängung der einheimischen Bevölkerung geträumt, doch brauchte man die Arbeitskräfte. Auf Sklavenhandel konnte hier auch nicht mehr zurückgegriffen werden, da diese Gebiete im 19. Jahrhundert kolonisiert wurden, als der Sklavenhandel im Abschwung stand und es ohnehin ausschließlich Handel mit Menschen vom afrikanischen Kontinent gegeben hatte.

Solche Auswüchse hatte es jedoch vorher andernorts durchaus gegeben. Herausragendes Beispiel ist die Karibik, wo die Urbevölkerung vornehmlich durch importierte europäische Krankheiten, aber auch durch die rücksichtslose Ausbeutung vollständig ausgerottet wurde. Man importierte von Seiten der europäischen Mächte, also zunächst Spaniens, dann aber auch Englands, Frankreichs, der Niederlande und Portugals so viele Sklaven, dass hier eine rein afrikanische Bevölkerung zwangsangesiedelt wurde, die von einer sehr geringen weißen Minderheit kontrolliert wurde. Eingesetzt wurden die eingeführten Arbeitskräfte auf Plantagen, also auf den auf maximalen Profit ausgerichteten Anbaugründen für jeweils nur eine bestimmte Pflanzensorte, eine Monokultur. Damit lebten auf vielen Karibikinseln bereits Ende des 18. Jahrhunderts fast nur noch Schwarze, während in den USA insgesamt der Anteil der Schwarzen nur etwa 22 %, in den südlichen Staaten aber auch nicht mehr als ca. 40 % betrug.

5. Eroberungskriege: Es wurden umfangreiche Kriege geführt, neue Zentren gebildet und die alten möglicherweise aufgegeben. Dabei wurden bestehende Institutionen unterworfen und in der Folge derart umgewandelt, dass sie sich in das System des Eroberers einfügen ließen. Nicht selten hielten die Europäer anfangs am vorhandenen System so lange fest, wie sie es voll ausschöpfen konnten, bis man die entsprechend angepassten Gebiete voll zur Ausbeutung unter Kontrolle gebracht hatte.

6. Die letzte Form ist die der Stützpunktvernetzung. Kleine nicht am Land zusammen hängende Handelspunkte, die gleich den Perlen an der Küste Afrikas Handel und Schiffsrouten sichern sollten.

Die Definitionen der Kolonie sind vielfältig. Ich schließe mich derjenigen von Jürgen Osterhammel im Kern an und variiere sie zu folgendem Passus:

Eine Kolonie ist ein durch Invasion, also durch Eroberung und/oder Siedlungskolonisation, in Anknüpfung an ältere Bindungen neu geschaffenes politisches Gebilde, dessen landfremde Herrschaftsträger dieses in einer dauerhaften Abhängigkeit zu einem räumlich entfernten Mutterland oder imperialen Zentrum erhalten, welches exklusive Besitzansprüche auf das Gebiet erhebt.

Daraus ergibt sich, auch hier wieder weitgehend Osterhammel folgend, eine Reihe von Typen:

Beherrschungskolonien

Integrationskolonien

Siedlungskolonien

Stützpunktkolonien

1. Beherrschungskolonien: Sie entstehen in der Mehrzahl der Fälle als das Endergebnis militärischer Eroberung, wenngleich vielfach ein nicht landnehmender Kontakt diesem Überfall vorangeht. Durch die komplette Übernahme erfolgt die vollständige Eingliederung, die damit wieder die umfassende wirtschaftliche Ausbeutung möglich macht. Neben diesen wirtschaftlichen Faktoren spielt aber auch der durch den Erwerb erreichte Prestigegewinn eine Rolle.

Beherrscht wird der Apparat der Kolonie durch aus dem Mutterland entsandte Kolonialbeamte und Militärs, nicht aber durch Siedler. Die Regierung ist autokratisch und erfolgt allein durch das Mutterland, welches Gouverneure im unterworfenen Gebiet einsetzt. Beispiele: Britisch Indien, Indochina (frz.), Togo (dt.) Taiwan (jap.) oder die Philippinen (USA).

2. Integrationskolonien: Sie entstehen ebenfalls durch Eroberung und verbinden Aspekte der Siedlungs- und Beherrschungskolonie. Auf der einen Seite erfolgt die formale Rechtsgleichstellung der Einwohner mit dem Mutterland, begleitet von einem hohen Maß an lokaler Autonomie. Die Schlüsselstellungen werden aber allein von mutterländischen Kolonialbeamten eingenommen, die dabei von einer als Regierungsinstitution anerkannten Siedlerschicht unterstützt werden. Es erfolgte eine umfassende Besiedlung aus Europa. Beispiele: die spanischen Kolonien in Lateinamerika.

3. Stützpunktkolonien: Ihre Gründung erfolgt durch Flottenexpedition, welche in Gestalt von Handelsstützpunkten die kommerzielle Erschließung des Landes zur Aufgabe hat. Aus dieser ersten Form entwickeln sich dann Stützpunktkolonien, die vornehmlich der Machtentfaltung und der Kontrolle dienen. Beispiele: die holländischen und portugiesischen Stützpunktkolonien in Afrika und Asien.

4. Siedlungskolonien: Durch eine von militärischer Macht begleitete Landung von Siedlern kommt es zu deren permanenten Siedlung im überseeischen Gebiet. Das Land wird mit den indigenen Arbeitskräften oder unter deren Verdrängung genutzt. Daraus erwächst die Konsequenz, dass man die Lebensformen des Mutterlandes fast unverändert beibehält, wenngleich die neue Siedlerschicht nicht so zahlreich ist. Diese weißen Siedler übernehmen schnell in Selbstregierung die Macht.

Dabei gibt es jedoch Unterschiede:

1. amerikanischer Typ: Verdrängung oder Vernichtung der als unnötig angesehenen Urbevölkerung (engl. Neuenglandkolonien, Kanada, Australien, Neuseeland, Chile).

2. afrikanischer Typ: Ökonomische Abhängigkeit von der einheimischen Arbeitskraft, so Algerien, Südrhodesien, Südafrika.

3. karibischer Typ: nach der Ausrottung der angestammten Bevölkerung kommt es zu einem vollständigen Neuimport von landfremden Arbeitssklaven. Beispiele: Barbados, Jamaica (engl), St. Domingue (frz.), Virginia (engl.), Kuba (span.); Sonderfall: Brasilien (port). Die vollständige Ausrottung der indigenen Bevölkerung bleibt aus und der Sklavenimport erfolgt massiv erst Ende des 18. Jahrhunderts.

Die Epochen des Kolonialismus

Da die Kolonialgeschichte nicht nur eine den ganzen Globus umfassende Geschichte ist, sondern sich auch in ihrer zeitlichen Erstreckung über mehr als fünf Jahrhunderte hinzog, ist es sinnvoll, zeitliche Abgrenzungen vorzunehmen, wobei sieben Hauptepochen festzumachen sind.

1. 1312 bis 1492/98. Die erste Periode stellt die Vorgeschichte des weltumspannenden Kolonialismus dar, also sowohl der Kolonialismus der Antike, wie derjenige des Mittelalters. Dieser beschränkte sich jedoch auf das Mittelmeer und erst im 15. Jahrhundert erfolgte in umfassender Weise ein Ausgriff in weiter entfernt liegende Gebiete, mit dem Ziel, diese als Kolonien für das eigene Reich zu gewinnen. Am Ende des 15. Jahrhunderts stehen dann zwei einschneidende Ereignisse, nämlich die Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama 1498 und das damals als erheblich weniger wichtig angesehene Ereignis, welches heute jedoch viel mehr als Epocheneinschnitt gewertet wird, nämlich die Entdeckung und Eroberung Amerikas mit der Landung von Cristoforo Colombo am 12. Oktober 1492 auf der von ihm so benannten Insel »Unser Heiland«, San Salvador. Dazwischen lag der Vertrag von Tordesillas, welcher 1494 die Einteilung der Welt in zwei Zonen vorsah und bereits deutlich machte, dass mit den beiden Entdeckungen die Aufteilung der Welt durch die Europäer begann und man in Konkurrenz um eben diese Teilung eintrat.

2. 1492/1498-1620 (bzw. für Portugal 1520-1580): Mit der Inbesitznahme der Karibikinseln durch Christoph Columbus begann das Eroberungsprojekt Amerika, während gleichzeitig, markiert durch das Datum 1498, also das Jahr der Umfahrung des Kaps der Guten Hoffnung durch Vasco da Gama und die Entdeckung des Seewegs nach Indien, der internationale Handel enorm an Perspektive gewann. Diese innerhalb weniger Jahre sich ergebende Schere der Expansion setzte sich im 16. Jahrhundert rapide fort. Einerseits erfolgte dies mit der Eroberung des Aztekenreiches in Mexiko ab 1519 und des Inkareiches ab 1533 in Peru, andererseits durch den schnellen Ausbau portugiesischer Stützpunkte entlang der afrikanischen Küste bis nach Indien, dem heutigen Indonesien und schließlich China. Das 16. Jahrhundert war also geprägt von der rapiden Expansion und der danach folgenden Konsolidierung der Herrschaft.

Die Strukturen dieses Kolonialismus änderten sich, als das portugiesische Königshaus 1580 ausstarb und damit Spanien durch eine Personalunion zur alleinigen wirklich großen Weltkolonialmacht wurde. Die schon länger dauernden Spannungen mit England führten in diesem Jahrzehnt dann auch zum Krieg mit der Inselmacht unter Königin Elisabeth I. und durch steigenden Druck in den spanischen Niederlanden zum Krieg um diese Besitzungen und schließlich der Unabhängigkeit der Niederlande 1621/1648. War Spanien hierdurch bereits geschwächt, so musste man den letzten großen Schlag mit dem Aufstand und der Unabhängigkeit Portugals 1640 hinnehmen, dem es jetzt jedoch nie mehr gelingen sollte, zu alter Größe aufzusteigen. Dafür wurden aber die von einem kapitalistischen Geist geprägten Niederlande und England zu den führenden Kolonialmächten, denen es zwar nicht gelang, in Bezug auf die besetzte Landmasse, wohl aber in Bezug auf Handelseinnahmen, fast an Spanien heranzukommen. Die Ostinidenkompanien der Niederländer und Engländer gehörten zu den modernsten Institutionen der Welt, während in den spanischen Kolonien ein feudal ritterliches Verwaltungssystem alter Prägung bestand.

3. 1621-1763 (1630-1680): Die Übernahme des Einflusses durch England und die Niederlande in großen Teilen Asiens führte zum Angriff auf die spanische Vorherrschaft in Amerika. Zunächst expandierten die Niederländer und Engländer in Nordamerika, freilich in territorial erheblich bescheidenem Rahmen, was damit zusammenhing, dass man einerseits keine großen Reiche durch die Eroberung einer Zentrale, wie dies im Falle des Azteken oder Inkareichs der Fall gewesen war, übernehmen konnte, andererseits aber große Gebiete übernehmen wollte, da die Kosten- Nutzenrechnung im Vordergrund stand. Hinzu kam aber, dass Spanien seine Haupteinnahmen aus den Gold- und Silberminen Lateinamerikas bezog. Allein schon, weil es damit den Krieg gegen England und die Niederlande finanzierte, lauerten die Mächte mit Kaperfahrten den jährlich nach Spanien gehenden Edelmetallflotten auf. Man kann sich aber gut vorstellen, dass die Wertabschöpfung allein durch die Überfälle kaum ausreichend war und man daher auf neue lukrative Einnahmequellen aus war. In Asien wurden bereits existierende Quellen von Rohstoffen und Fertigwaren ausgeschöpft, indem sich die Europäer als Handelspartner in bestehende Handelsnetze einfügten und die logistische Leistung des Warentransportes nicht nur nach Europa, sondern auch im asiatischen Raum ausbauten. Demgegenüber wurde Amerika nun zu einem »Ergänzungsraum« (Osterhammel) der europäischen Wirtschaft, indem exportorientierte Monopolsektoren geschaffen und durch unfreie Arbeit betrieben wurden. Was den Spaniern das Edelmetall war, wurde den Engländern, Holländern und Franzosen der Zucker; ein Produkt, das in so großer Menge und derart lukrativem Preis in Europa Abnahme fand, so dass ganze Inselgruppen in der Karibik der Zuckerproduktion zu dienen hatten. Andererseits setzten diese in Übersee produzierten Waren einen Veränderungsprozess in Europa in sozialer wie industrieller Hinsicht in Gang. So veränderte die Baumwolle die Mode, als Baumwollstoffe aufgrund sinkender Preise auch von der Mittelschicht getragen werden konnte. Dieser Preissturz war wiederum maßgeblich durch die Erfindung von Spinnmaschinen möglich geworden.

Doch die Entwicklungen in Europa warfen dann ihre Schatten auch auf die koloniale Welt. Spaniens Abtreten von der Bühne als Weltmacht durch die Aufteilung seiner Besitzungen nach dem Aussterben der regierenden Dynastie der Habsburger 1711-1714 veränderte die Gewichte, die sich erneut durch die Niederlage Frankreichs im Siebenjährigen Krieg zugunsten Englands verschoben. England, das bis 1702 in Personalunion mit den Niederlanden verbunden war, konnte sich von da an als die führende Kolonialmacht der Welt verstehen.

4. 1763-1830. (1760-1800): Die großen, besonders die finanziellen Anstrengungen, die England für das Erreichen der Vorherrschaft auf sich genommen hatte, ließen in London die Idee reifen, dass man die Kolonien, besonders in Amerika, stärker an den Kosten beteiligen könne. Allerdings hatten sich dort durch die Aufklärung kritische Positionen entwickelt, die in Nordamerika zur ersten Dekolonisationsbewegung führten, weil hier allein »weiße« Siedler die Macht inne hatten und sich mit der Formel »keine Gesetze ohne (parlamentarische) Repräsentation« (no taxation without representation) gegen das Mutterland wandten. Die enge Bindung an das aus Europa stammende Gedankengut lässt sich aber schon daran erkennen, dass die wichtigste Persönlichkeit bei der Formulierung der Unabhängigkeit der aus England stammende Thomas Paine war. Markierte die französische Deklaration der Sklavenbefreiung lediglich einen Einschnitt, so bedeutete der Kampf gegen Napoleon eine folgenreiche Zäsur, an deren Ende die Unabhängigkeit des größten Teils von Lateinamerika bis 1826 stand.

Es war auch Napoleon Bonaparte, der eine neue Richtung vorgab, als er 1798 die Engländer in Ägypten angriff. Zwar war die Expedition für die Franzosen militärisch ein Fiasko, doch brachten die mitgenommenen Wissenschaftler so viele interessante Ergebnisse aus Ägypten mit, dass eine Begeisterung für Nordafrika einsetze. Andererseits erkannte man in England, dass es für das Inselreich wichtig sein würde, die eigene Position auch auf diesem Kontinent auszubauen. Daraus erwuchs bis 1830 der Beginn der Expansion nach Afrika, der aber auch ideologisch ganz neue Wege beschritt. Die Französische Revolution hatte zwar die Trennung staatlicher und kirchlicher Einflusssphären hervorgebracht, doch dies hinderte die europäischen Mächte nicht, überseeische Gebiete mit der Rechtfertigung zu erobern, dass man sie »zivilisieren« wolle. Mehr noch als bisher wurden aus einer gefühlten europäischen Überlegenheit heraus die eigenen Maßstäbe an die übrige Welt angelegt. Mit der wirtschaftlichen Vergrößerung der Kapazitäten kam es zu immer engeren Wirtschaftsbeziehungen und zu einem alle Teile des Globus umfassenden Welthandel.

5. 1830-1914. (1880-1900) Während Frankreich vornehmlich in Nordafrika, beginnend in Algerien (1830), expandierte und sich schnell bis an die westafrikanische Küste mit einer geschlossenen Besitzdecke vorarbeitete, stand für England zunächst die vollständige Einnahme Indiens (1818, paramount power) und die Sicherung des Weges dorthin im Vordergrund. Als die zunehmende Expansion Frankreichs in Afrika aber zu einer Gefährdung der Verbindung mit Indien zu werden drohte, expandierte England, das sich seit 1802 als Teil Großbritanniens bezeichnete, auch nach Afrika und eroberte den Osten bis nach Südafrika. Damit hatte der internationale Wettlauf um Afrika und dann um die ganze Welt begonnen, der als Hochimperialismus (ab 1870/1880) auch zur Beteiligung Belgiens, Deutschlands und Italiens führte. Hinzu kam, dass auch in Asien zunächst der koloniale Eingriff in die Landnutzung, dann die Übernahme des ganzen Landes durch die Kolonialmächte, besonders durch die Niederlande und Frankreich erfolgte.

Fast alle Länder Asiens waren dabei als »Objekte« der europäischen Kolonialherren betroffen, außer Japan, das sich dank seiner strikten Isolierung von europäischem Einfluss bisher weitgehend freigehalten hatte und nun in eigener Initiative die Europäisierung durchführte und selbst zur asiatischen Kolonialmacht wurde.

6. 1918-1945 (1914-1930): Schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert kam es zunehmend zu Streitigkeiten und Krisen zwischen den Kolonialmächten, die auch zu verschiedenen Auseinandersetzungen führten. Eine profunde Erschütterung erlebte das System jedoch erst durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der die volle Konzentration der wirtschaftlichen wie humanen Ressourcen auf Europa erforderlich machte und damit den Druck auf und die Ausbeutung der Kolonien erhöhte. Da Deutschland durch seine Niederlage als Kolonialmacht wegfiel (Spanien hatte seine letzten Kolonien bereits 1898 verloren), blieben nun Frankreich und England als führende Kolonialmächte, hinter denen die »Kleinen«, so Belgien, Italien, Niederlande, Portugal und Japan, stark zurück fielen. Die wirtschaftliche Nutzung wurde weiter intensiviert, die Verwaltung ausgebaut und systematisiert, man stellte sich in Europa auf eine noch lange dauernde koloniale Herrschaft ein, in der Afrika und großen Teilen Asiens die Rolle der Rohstofflieferanten für die sich entwickelnde Industrie zugedacht war. Große Konzerne, wie Lever Brothers / Unilever teilten sich die lukrativen Förder- und Produktionsstätten für Öl, Metall, Gold und Diamanten, Kautschuk und andere Rohmaterialen für die Industrieproduktion. Während man in großem Stile Rohprodukte importierte, wurden die Kolonien mit Exportprodukten in großem Umfang beliefert, was einerseits der heimischen Wirtschaft half, andererseits die Kolonien in der Abhängigkeit vom Mutterland hielt.

7. ab 1945 (1945-1960): Bereits während des Ersten Weltkriegs war die Frage, warum man Soldaten im Ersten Weltkrieg hatte stellen müssen, ohne davon eine Besserung der eigenen Selbstständigkeit zu erleben, aufgekommen. Doch nur für die von »Weißen« besiedelten Staaten »neuenglischen Typs« wie Kanada, Australien, Neuseeland kam es mit dem Westminster Statut von 1931 zu einer fast vollständigen Unabhängigkeit vom Mutterland. So erfolgte in Afrika und Asien die Dekolonisierung gegen den Widerstand der Mutterländer, die mit unterschiedlich repressiven Maßnahmen den Prozess zu verhindern suchten. Dennoch ließ sich nach 1945 das schnelle Ende der Kolonialreiche nicht mehr aufhalten. 1946-1949 wurden die Völkerbund / UN Mandate im Nahen Osten aufgehoben und es gelang den meisten europäischen Kolonien in Asien, selbstständig zu werden, ein Prozess, der mit der Unabhängigkeit von Französisch-Indochina 1954 seinen weitgehenden Abschluss fand. In Afrika nahm die Unabhängigkeitsbewegung 1951 in Libyen ihren Ausgang und dauerte bis 1975, als auch Portugal seine Kolonien nach einem langen Krieg räumen musste.

Dennoch wirken bis heute viele Abhängigkeits- und Beziehungsmuster nach, ist das Problem der ungleichen Beziehungen immer noch sehr aktuell. Die Kolonien waren für die Kolonialmächte besonders nach dem Ersten Weltkrieg sehr wichtig gewesen. Daher hatten die Europäer überall ihre jeweiligen Ausbildungs-, Verwaltungs- und Siedlungssystem durchgesetzt, welche die Länder bis heute prägen. Dies macht verständlich, warum in vielen früheren Kolonien die, besonders wirtschaftliche Abhängigkeit, als imperiale oder neokoloniale Herrschaft verstanden wird.

Ein weltumspannendes Phänomen hat natürlich auch weltumspannend Literatur hervorgebracht. Wurde in diesem Zusammenhang zunächst der Schwerpunkt auf die politischen und besonders ökonomischen Effekte gelegt, so stehen heute mehr die kulturellen Austauschprozesse im Vordergrund, und zwar sowohl in den kolonialen Zentren, wie auch in den Metropolen der Kolonialmächte. Durch die Dominanz des englischen und französischen Kolonialsystems bleiben aber die Publikationen in diesen Sprachen vorherrschend, während über Lateinamerika das meiste in Spanisch und Portugiesisch, weniger jedoch in Englisch erscheint.

2. Die Vorläufer: Entwicklung des Kolonialismus in der Antike und im Mittelalter
Die griechischen und römischen Kolonien

Asien, Europa und Nordafrika standen auch vor den großen Fahrten der Portugiesen und Spanier miteinander in Kontakt, wenngleich man diese Beziehungen noch als einen Austausch pflegte. Es war vornehmlich das Mittelmeer mit seiner, wie es Braudel formulierte, alle Anrainer umfassenden Kultur, welche die Drehscheibe für die Kontakte schon in der Antike lieferte. Unser Bild vom Mittelmeer, das geteilt ist in einen afrikanischen und einem europäischen Bereich, ist ein mittelalterliches, das für die Antike keine Gültigkeit besaß. So herrschte im gesamten Mittelmeerraum ein beständiger Austausch, welcher überhaupt das Mittelmeer erst in der Weise prägte, wie wir es heute kennen. Zitronen, Orangen, ja selbst Oliven waren keinesfalls überall verbreitet, sondern verdankten ihren Siegeszug vornehmlich dem Import aus dem arabischen Raum, der dann erst zu einem Anbau an geeigneten Stellen im mediterranen Raum führte.

Die großen Reiche mit Vasallenstaaten wie die Hethiter, das Ägypten der Pharaonen oder besonders die Karthager und Phönizier sorgten für einen ständigen Austausch von Handelsgütern, über die gesamte Spanne des Mittelmeeres hinweg. Es zeichnete sich jedoch schon hier eine Trennung zwischen den mit dem Mittelmeer verbundenen und den im Osten oder Süden liegenden Kulturen ab. Ägypten trieb auch Handel südlich des fünften Kataraktes, ebenso mit dem babylonischen Großreich, doch blieb man sich nur auf Handelsebene verbunden. Diese grundsätzliche Trennung fand auch in der römischen Welt ihre Fortsetzung, als das Reich der Parther und Sassaniden eine Trennung nach Osten und das von den Römern mit dem Sammelbegriff »Nubier« versehenen Königreich nach Süden eine Trennlinie darstellte.

Schon die Verwendung des Wortes »Imperialismus« legt eine Verbindung mit dem römischen Imperium nahe und tatsächlich verstanden sich spätere Kolonialreiche, besonders das englische als British Empire, welches das »Kaiserreich Indien« einschloss, gegenüber dem römischen Reich als überlegene Nachfolger.

Von Stephen Howe stammt eine Definition eines »Imperiums«, als »eine große zusammengesetzte, multi-ethnische oder multinationale politische Einheit, die in der Regel durch Eroberung entsteht und zwischen einem dominanten Zentrum und untergeordneten, geographisch oft weit entfernten Peripherien geteilt ist.«

Damit wird Kolonialismus und der Aufbau des Imperiums nicht stets in weite Ferne gerückt, sondern kann auch durchaus näher liegen, wie dies, verglichen mit der späteren Zeit, bei den römischen und griechischen Kolonien der Fall war. Damit stellten sie Räume dar, in welchen ein einheitliches Rechtsnormensystem existierte, über das diskutiert werden konnte.

Dennoch galten für die Kolonien Sonderverbindungen mit dem Mutterland. So gab es bereits eine pharaonische Sudankolonie, altassyrische Kolonien in Kappadokien und besonders die phönizischen Kolonien (10.-8. Jahrhundert v. Chr.) von Karatepe (Türkei) und Zypern (Kypros), über Utica (Tunesien) bis Gades (Cádiz). Dieser Bewegung folgte vom 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. die archaisch griechische Kolonisation. Schon in dieser frühen Phase ist die Entstehung von Stützpunkten von der Krim bis nach Al Mina (Syrien) und nach Spanien erkennbar. An der Schaffung dieses ausgreifenden Gewebes werden das Handelsinteresse einerseits und die Etablierung eines Handelsnetzes andererseits deutlich. Erstmals gelang es über diesen Weg, auch ein größeres Gebiet, nämlich Kleinasien, ohne es zu erobern, weitgehend für eigene Zwecke zu kontrollieren. Ebenso wichtig wurden die Kolonien in der Adria, und zwar gleichermaßen an der balkanischen Adriaküste, wie in Sizilien und Unteritalien. Die Typen von Siedlungen blieben aber unterschiedlich, es entstanden Bauern- und Fischer- aber auch Piratensiedlungen, die den Handel ausnützten, ihn aber nicht immer trugen. Eine ganz neue Bewegung brach erst mit Alexander dem Großen los, der nicht nur griechische Dörfer auf dem Balkan und der Kyrenaika (Libyen) gründete, sondern auch entlang seiner Feldzugsroute bis nach Nordindien und an der chinesischen Grenze.

So weit sollten später römische Kolonisatoren nicht mehr vorstoßen. Rom machte die Kolonisation zum Eroberungs- und Integrationsmodell, indem es römische und lateinische Kolonien (Coloniae Romanae und Coloniae Latinae) einrichtete und sich somit zunächst innerhalb ganz Italiens, dann aber auch in die Provence, nach Afrika, auf die Iberische Halbinsel, nach Gallien, Britannien, in die Alpengebiete, den Balkan und nach Dakien (Rumänien) vorwagte. Die griechischen Kolonien wurden bei dieser Bewegung zwar mit römischem Stadtrecht dem Reich einverleibt, behielten ansonsten aber ihre griechische Identität.

Rom nutzte die Kolonisierung zu einem langsamen Vortasten und wurde damit zu einem Schlüssel der Frühen Expansion. Auf der anderen Seite garantierten die Kolonien zunächst den Handel, eine Funktion, die sich bei fortschreitender Eroberung und Eingliederung in das Römische Reich weitgehend verwischte. Ihre Rechtsstellung jedoch ließ sie herausgehoben und mit der Mutterstadt Rom verbunden sein. Ebenso sollte die Idee des römischen Bürgerrechts auch außerhalb Roms später noch von Bedeutung sein.

Die Kolonien Genuas und Venedigs im Mittelalter

Im Hochmittelalter muss man sich für das Verständnis von Kolonialismus zunächst jene Staaten ansehen, die das von Kastilien und Portugal später übernommene Kolonialsystem weitgehend entwickelt haben, nämlich die italienischen Handelsnationen Genua und Venedig.

Sowohl Genua als auch Venedig waren als Stadtrepubliken darauf angewiesen, Geld und Güter aus dem Ausland zu beziehen und dabei stets mit lukrativen Waren zu handeln. Zwar trieb Venedig auch Handel mit Holz, Tuch und billigeren Waren, doch machte den Reichtum beider Städte der Fernhandel aus. Daher war man an zweierlei Dingen interessiert. Auf der einen Seite benötigte man eine Reihe von Häfen, an denen die Schiffe, wenn sie unterwegs in Schwierigkeiten geraten sollten, immer wieder anlegen konnten. Aus diesem Grund begann man eine Reihe von Stützpunkten entlang der griechischen Küste in Besitz zu nehmen, die, wie an einer Perlenkette, den venezianischen Schiffen erlaubten, hier notfalls vor Anker zu gehen. Städte wie Cattaro (Kotor) wurden vollständig von Venedig geprägt und noch heute zeugen die Campanile an der kroatischen und montenegrinischen Küste in vielen Orten davon, dass hier einstmals der Markuslöwe als Flagge über der Stadt wehte. Zudem brauchte man Häfen, die relativ nah an den Zielorten im Orient waren, um dort die Produkte einkaufen zu können. Besonders wichtig wurde den Venezianern dann auch, eine Drehscheibe im Mittelmeer zu erhalten. Das gleiche galt auch für Genua, das zwar nicht so leicht Stützpunkte an der italienischen Küste eröffnen konnte, wie Venedig aber ebenfalls über Handelsniederlassungen, z. B. im Orient und auf der Krim verfügte. Als sich daher im Jahre 1204 die Möglichkeit eröffnete, Kreta zu erwerben, waren die Konkurrenten im Mittelmeer sogleich zur Stelle.

Im diesem Jahr hatte Venedig, da das Kreuzfahrerheer die Überfahrt ins Heilige Land nicht bezahlen konnte, den Kreuzzug nach Byzanz umleiten können. Das Heer fiel über die christlich-orthodoxe Stadt her und plünderte sie tagelang. Venedig konnte große Gewinne in finanzieller und in künstlerischer Hinsicht verbuchen, worauf heute noch, neben anderen künstlerischen Zeugnissen, die nach Venedig gebrachten Markuslöwen auf San Marco hinweisen.

Byzanz war durch den Überfall und die Plünderung derart geschwächt, dass es Kreta nicht halten konnte. Zunächst griffen die Genuesen zu, als die eigentlich dem Kreuzfahrer Bonifatius von Montferrat (1150-1207) zugewiesene Insel zum Verkauf stand. Doch gelang es ihnen nicht, ihre Herrschaft zu etablieren, so dass Kreta im Jahre 1204/1217 von den Venezianern in Besitz genommen wurde. Damit besaßen diese erstmals erheblich mehr als nur einen kleinen Handelsstützpunkt, nämlich auch eine Insel, die größer war als das venezianische Hinterland, die terra firme.

Venedig, das aufgrund seiner Größe keine umfangreiche Neubesiedelung der Insel ins Auge fassen konnte, beließ das meiste beim Alten. Man musste zwar mit vielen Aufständen umgehen, doch konnten sich die katholischen Fremdlinge trotz der orthodoxen Mehrheit behaupten. Aber die Republik begann, die Insel in wirtschaftlicher Hinsicht auszubeuten. Es entstand eine Produktion, die auf das Mutterland der Kolonie ausgerichtet war. Wolle, Käse, Öl und als wichtige Neuheit Zucker wurden nach Italien geliefert. Damit wich Venedig insofern von dem bisherigen üblichen Handelskurs ab, als man nicht mit teueren Waren, sondern eher mit Gütern des täglichen Bedarfs, dafür aber in größeren Mengen zu handeln begann. Ein koloniales Abhängigkeitsverhältnis ergab sich, bei dem sich Venedig auf zwei Pfeiler stütze. Auf der einen Seite betrieb man den Fernhandel über die Seidenstraße mit exklusiven Waren, die aus dem Orient kamen, weiter, auf der anderen Seite ergänzte man diese Einnahmen durch die Produkte aus den eigenen Kolonien. Dabei beließ Venedig der Insel weitgehend die Freiheiten, achtete darauf, dass sich aber die Kosten in Grenzen hielten und man möglichst viel aus Kreta herausholen konnte. Auch diese Idee, nämlich die Bedeutung der Wirtschaftlichkeit für den Kolonialbesitz in den Blick zu nehmen, sollte für die nächsten Jahrhunderte Schule machen. Mit Burgen wie dem »Kastell der Franken« (Frangocastello), zeugen noch heute davon, wie Venedig die Insel sichern, gleichzeitig aber auch die Steuerzahlungen der Bevölkerung garantieren wollte. In jedem Fall hatte man aber sichere Häfen, die aufgrund der vielen Piratenüberfälle auch sehr nötig waren.

Haupteinkunftsfaktor war die Zuckerproduktion, jenes Produkt, welches später, also in der Frühen Neuzeit, die Kassen der Kolonialherren füllen sollte. Für den Anbau importierte man bereits Sklaven, womit der Zusammenhang zwischen Sklavenarbeit und dem Kolonialismus hergestellt war. Nicht nur Venedig, auch Genua war im Sklavenhandel aktiv, wie uns ein Verkaufsvertrag zeigt:

»Im Namen des Herren, Amen. Ich, Fredericus Aspiranus, bestätige dir, Bonacursus de Petrasancta, dass ich dir eine schwarze Sklavin mit dem Namen Arcona, im Alter von vierzehn bis sechzehn Jahren, von indischer Abstammung, mit jedwedem Recht, das ich [als ihr Herr] auf Grund ihres Sklavenstandes an ihr habe, das mir an ihr zusteht und zustehen wird, zum vereinbarten Preis von sechshundertvierzig Asperi Barichati verkauft habe. Ich bestätige dir, diese [Summe] dafür empfangen und erhalten zu haben, und ich erkläre mich von dir [mit der Zahlung des Kaufpreises] für befriedigt und [deine Schuld] für beglichen.« (Sklavenhandelsvertrag aus Kaffa, Ende 13. Jh, in: DGEE 1, 183)

Doch nicht allein beim Sklavenhandel und für den Zuckeranbau hatten die italienischen Stadtrepubliken eine Vorreiterfunktion, sondern auch durch ihre Weiterentwicklung von Schiffen. Durch die Seerepubliken und Handelsstädte im Mittelmehr wurde neben der Galeere das Rundschiff, ähnlich der Kogge des Nordens, weiter entwickelt. Diese Neuerung war deswegen so bedeutend, weil, wie es Wolfgang Reinhardt betont, »das Segeln am Wind und sogar das Kreuzen gegen den Wind ermöglichte«.

Hinzu kam, dass man dank der arabischen Überlieferung auch, gerade von Aragonien ausgehend, das umfangreiche Besitzungen auch in Süditalien besaß, die astronomischen und kartographischen Kenntnisse auszubauen vermochte. Zwar konnte man noch nicht genaue geographische Längen und Breiten errechnen, doch war man sich der Linien ungefähr bewusst und fand sie dann auch in kartographischen Werken wieder.

Ebenso wie in Genua waren auch die Seestädte auf der iberischen Halbinsel im Fernhandel aktiv, allerdings zunächst fast nur die am Mittelmeer liegenden Städte Aragoniens. Schon seit der Antike hatte die Iberische Halbinsel im Mittelmeer mit Nordafrika Kontakte gehabt. Dies galt für die Antike in der Zeit der Phönizier, Karthager und Römer, hatte Fortbestand in der Zeit der Völkerwanderung, als Vandalen wie Westgoten eben über Europa hinaus siedelten. Dies änderte sich auch bei der umgekehrten Bewegung nicht, als 711 arabische Reiter auf Wunsch des bedrängten Westgotenherrschers nach Spanien übersetzten. Mit der muslimischen Invasion Spaniens und Portugals hielt eine sehr fortgeschrittene Wissenschaft, einschließlich der Kartographie Einzug in Spanien, wie sie sonst in der christlichen Welt noch weitgehend unbekannt war. Die Grundlagen der Kartographie und Astronomie, die von den Arabern in Spanien auf Grundlage der antiken Schriftsteller entwickelt worden waren, schufen die Vorraussetzung für die weitere Expansion.

Die Rezeption der arabischen Wissenschaft verschaffte der iberischen Halbinsel vor anderen Ländern einen Vorsprung. Auch wenn die Europäer durch Chinareisen überall gewisse außereuropäische Kenntnisse besaßen, so brachte das praktisch anwendbare Wissen die iberischen Königreiche noch mehr voran.

Horst Gründer hat die Zahl der Chinareisen zwischen 1242 und 1448 (nach der Schlacht bei Liegnitz unter Nutzung der mongolischen Ausbreitung, der so genannten Pax Mongolica) auf 126 berechnet. Die meisten wurden vor 1371 unternommen, nach diesem Datum begaben sich nur noch sechs Gruppen auf die Reise. So sind die Reise des Marco Polo von 1250 bis 1269 und 1271-1295 als Ideen- und Vorstellungsschatz wichtig. Es wird in der Literatur darüber gestritten, ob Marco Polo alle seine beschriebenen Ziele je erreichte, ja, ob er überhaupt die Fahrten unternahm, weil er viele falsche und ungenaue Angaben in seinen Berichten aufnahm. Dennoch bleiben seine Schilderungen für spätere Reiseberichte von Entdeckern vorbildlich. Das Bild von dem mystischen Asien lebte in den Köpfen der Menschen fort und man wollte dies in seiner Literatur bestätigt wissen. So kann es nicht verwundern, wenn in der Darstellung von seltsamen Tieren, Menschen und Landschaften berichtet wurde, die Polo umfangreich ausmalte, die er auf seinen Reisen, die ihn bis nach Peking an den Hof des Kublai Chan führten, in Asien gesehen haben wollte. Wie später bei Kolumbus begegnet uns hier bereits die Idee des »nackten Wilden« und von dem phantastischen Reichtum in anderen Weltteilen:

»Die Bewohner dieses Landes gehen nackt, nur die Körperteile, wie gesagt, deren Anblick die Scham verletzt, bedecken sie mit einem Tuch. Der König geht wie alle anderen und unterscheidet sich nur durch seinen Schmuck, nämlich ein Halsband von Saphiren, Smaragden und Rubinen von unschätzbarem Wert. Um den Hals trägt er eine schöne Seidenschnur, die bis zur Brust reicht und mit einhundertvier kostbaren Perlen und Rubinen besetzt ist. Mit dieser Zahl hat es folgende Bewandtnis: So oft muss der König täglich einen Gebetsspruch wiederholen, wie seine Vorgänger es taten und wie es seine Religion befiehlt. Dieses Gebet lautet: Pacauca, Pacauca, Pacauca, einhundertviermal. Er trägt an jedem Arm, an drei verschiedenen Stellen, ein goldenes Armband, auch mit Perlen und Edelsteinen geschmückt, an drei verschiedenen Stellen der Beine ebenso verzierte Bänder von Gold und schließlich Ringe an seinen Fingern und Zehen, und das ist wunderbar anzusehen und unschätzbar wertvoll. Freilich kann er leicht diesen Glanz entfalten, da alles Kostbare aus dem Lande kommt.« (Marco Polo über Java (Sumatra?) und Indien, in: DGEE 1, 111).

Eine große Verbreitung konnten die Schriften Marco Polos jedoch erst nach der Einführung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern finden, als die mit Holzschnitten versehenen Berichte maßgeblich das Bild, welches der Westen von Asien haben sollte, prägten. Die Begrenzung Europas wird am Ende des Lebens von Polo deutlich, als der Venezianer Marco Polo im Krieg gegen Genua dort in Gefangenschaft geriet und hier seine Memoiren niederschrieb. Die kleinräumige Konkurrenz der ersten Kolonialmächte lähmte beide gegenseitig.

Marco Polo und andere Reisende, wie die Franziskaner Giovanni del Pian del Carpini (Reise 1245-48), Wilhelm von Rubruk (Reise 1253-1255) und Giovanni die Montevorvino (Reise 1294-1328) bleiben aber also deswegen so wichtig, weil ihre mit Illustrationen geschmückten Texte von abnormalen Menschen, mit nur einem Auge im Kopf, ganz ohne Kopf, nur einem Fuß oder einer Brust bis in das ausgehende 19. Jahrhundert die Erwartungswelt der Entdecker prägte. Holzschnitte, Druckgraphiken und später Fotos bis 1900 bilden immer wieder Menschen mit Abnormitäten ab, deren Existenz als Beweis für das Exotische in der außereuropäischen Welt gesehen wurde.

3. Die Bedingungen: Der Beginn der umfassenden europäischen Expansion nach Übersee
Die Vorstellungen von Asien im Mittelalter

Sieht man von der Iberischen Halbinsel und Teilen Italiens ab, beruhte das Bild, welches man von der außereuropäischen Welt hatte, nicht auf Erfahrung, sondern allein auf ungeprüfter Lektüre und hinzugedichteten Vorstellungen. Die Autoritäten waren die antiken Schriftsteller, und hinzu kam alles das, was man in der Bibel dem Thema außereuropäische Welt zuordnete. Die Söhne Noahs setzte man daher mit den drei bekannten Weltteilen, also Asien, Europa und Afrika gleich. Da nun Noah seinen Sohn Ham, der mit Afrika gleich gesetzt wurde, verflucht hatte, hielt sich bis in das 19. Jahrhundert die Überzeugung, dass Afrika von Gott verflucht sei. Auf der anderen Seite war man davon überzeugt, dass die islamische Welt von Christen umschlossen sei, man also durch die islamischen Länder hindurch expandieren müsse, um dann die christlichen Geschwister auf der anderen Seite der Welt zu finden. Diese Gerüchte erhielten durch drei christliche Gruppen, die es in Asien und Afrika gab, neue Nahrung. Einmal gab es die Thomaschristen, die um 300 n. Chr. nach Indien gelangt waren, dann die so genannten Nestorianer, die einer verurteilten christlichen Lehre anhingen und teilweise nach China gezogen waren und schließlich in Afrika die Äthiopier, die man mit dem sagenhaften Priesterkönig »Johannes« in Verbindung brachte, was vermutlich lediglich eine Verballhornung des Titels »Negus« des äthiopischen Königs darstellte.

Diese Ideenwelt gab sich aber mit den verschiedenen Reiseberichten zufrieden. Zu einer Expansion im großen Stil kam es hingegen noch nicht. Über die geistesgeschichtlichen Gründe, warum am Ende des 15. Jahrhunderts so konzentriert der Ausgriff nach Außereuropa stattfand, ist viel spekuliert worden, so dass sich auch hier nur einzelne Erklärungsansätze nachzeichnen lassen.

Als 1346 -1349 eine aus Asien eingeschleppte Pestwelle über Europa hinweg zog, führte dies zu einem erheblichen Bevölkerungsverlust. Dies war das erste Mal, das eine Krankheit aus einem anderen Kontinent zu einem nie da gewesenen demographischen Einbruch führte. Der Tod von Millionen Menschen hatte zunächst den Verlust der Wirtschaftskontakte mit Asien durch die gesunkene Nachfrage zur Folge. Andererseits entwickelte sich aus der Krise eine neue Sicht des Menschen.

Die Parler, von Eyck und das burgundische Erbe

Als Kaiser Karl IV. aus dem Haus der Luxemburger im Jahr 1347 eine Reise nach Paris unternahm, war dies nicht nur ein Besuch eines Hofes, welcher schon bei der Namensgebung für ihn wichtig gewesen war, sondern auch der eines Hofes, welcher in kultureller Hinsicht Standards setzte. Frankreichs Hofkultur litt zwar unter den Folgen des noch zu spürenden Hundertjährigen Krieges gegen England, allein man hatte umfangreiche Anstrengungen unternommen, um zu neuen Ufern aufzubrechen. Gerade in dieser Zeit entstanden prächtige Chroniken und herausragende Kodizes, die Tres riches heures des Herzogs von Berry seien hier nur als ein Beispiel genannt. Diese Werke stellten nicht allein künstlerische Meisterleistungen dar, sondern waren gleichsam eine Verherrlichung ihrer Auftraggeber, die sich nicht zu Füßen von Heiligen, nicht in Anbetungspose, sondern vielmehr selbstbewusst darstellen ließen. Aus diesen noch kleinen ersten Porträts erwuchs schnell der Wunsch, sich auch größer darstellen zu lassen. So entstanden die ersten Porträts, die in Paris hingen. Sie sind zwar heute verloren, doch verdanken wir eben jener Reise Kaiser Karls nach Paris die Kenntnis ihrer Existenz.

Zunächst vornehmlich als Profilansichten gestaltet, nahm Kaiser Karl die Idee, sich selbst abbilden zu lassen, mit nach Prag und fand hier ihren Niederschlag in den Büsten der Parler (verzweigte Baumeister- und Bildhauerfamilie) im Veitsdom. In Prag blieb diese Innovation genauso wenig isoliert wie in Frankreich, sondern gelangte in einem niederländisch-portugiesisch-italienischen Austausch auch in weitere Länder, die aber ihrerseits auch die Entwicklungen in Zentraleuropa beeinflussten. In den Niederlanden und Italien können die vielfältigen Darstellungen des »Selbst« ein Zeugnis dafür ablegen, wie der Mensch sich selbst »entdeckt« hatte, wie man sich als herausragend wahr nahm und eben diese Wahrnehmung zur Grundlage einer neuen Weltsicht wurde. Diese »Entdeckung« des »Ich« ist für den Aufbruch in außereuropäische Gebiete von herausragender Bedeutung.

Hinzu kam die Bedeutung des länderübergreifenden Handels, bei denen neben den Mittelmeeranrainern auch die Niederlande eine wichtige Rolle spielten. Für die italienischen Kaufleute, die ja seit dem 13. Jahrhundert bis weit in den russischen und arabischen Raum Handel trieben, schien eine weitere Expansion, besonders aber auch die Bereitschaft, einen gewissen Betrag als Risikokapital in der Aussicht auf große Einnahmen einzusetzen, verlockend. In diesem Zusammenhang wurde wichtig, dass man auch für den Kontinentalhandel mit der Arabischen Welt über die Seidenstraße mehr Gold brauchte. Da nämlich die islamische Welt ab dem 15. Jahrhundert Gold dem bisher im innereuropäischen Handel vorherrschenden Silber vorzog, wurde es nötig, die Goldreserven aufzustocken.

Ebenso wichtig war schließlich die in der Renaissance einsetzende Neuentdeckung der Antike. Besonders im Umkreis der Eroberung von Konstantinopel 1453 kam es zu einer umfassenden Rezeption antiker lateinischer wie griechischer Schriftsteller. Diese Neugierde und die Fragen, die man hatte, experimentell zu beantworten, kann als ein weiterer Punkt für das Aufkommen der Entdeckungsfahrten ausgemacht werden. Es ist bekannt, dass Christoph Columbus, Lacelotto Maloncello oder Giovanni Caboto viele Ideen aus der Rezeption antiker Texte zogen oder aus Werken, die auf der Antikenrezeption beruhten, wie die Imago Mundi des Pierre d’Ailly oder die Historia Rerum Ubique Gestarum des Enea Silvio Piccolomini.

Neben diesen geistesgeschichtlichen Grundlagen ist aber ebenso ein Blick auf die Entwicklung der Geldwirtschaft zu werfen. Seit dem 13. Jahrhundert war es im Zusammenhang mit der Ketzerbewegung der Katharer, die in Südfrankreich und in der Lombardei Schwerpunkte hatten und den Geldverleih gegen Zinsen nicht ablehnten, zu einem Anwachsen des Kreditgeschäftes, besonders in Norditalien, gekommen. Damit war die Grundlage für umfangreichere Wertschöpfungen, die auch auf Krediten beruhen konnten, gegeben. Deren Aktionsradius erhöhte sich, als man bargeldlose Wechsel einführte, die man in Italien ausstellen und bei einen Repräsentanten oder Geschäftspartner einlösen konnte. Damit wurde es aber zudem möglich, das Geschäftsrisiko auf mehrere Schultern zu verteilen und ein Risikogeschäft einzugehen, das im Falle eines Misserfolges nicht sofort zum Bankrott führen musste. Besonders die jetzt entstehenden Handelsgesellschaften, bei denen es zu einer Kapitalzusammenführung für eine bestimmte Dauer kam, erlaubten die Erweiterung des Aktionsradius.

Diese wirtschaftlichen Entwicklungen lassen sich zunächst besonders in den Städten, wo es aufgrund der Versorgungssituation immer einen Handel geben musste, festmachen. In der Stadt gab es einerseits einen sehr regen geistigen Austausch, sei es an den Universitäten oder durch die konkurrierenden geistlichen Orden, andererseits trafen hier soziale Gruppen und Schichten zusammen. Während es auf dem Land fast ausgeschlossen war, durch Reichtum einen Sozialaufstieg zu schaffen, war dies in der Stadt möglich, weshalb dies auch dazu führte, dass Einzelpersonen ein oft erhebliches Risiko auf sich nahmen, um die Sozialleiter nach oben zu klimmen. Bei Profiten von 300 bis 1000 Prozent konnte dies durchaus gelingen, allerdings konnte es beispielsweise durch den Verlust der Flotte ebenso leicht zum plötzlichen Bankrott kommen.

Die italienischen Seerepubliken Genua, Pisa und Venedig konnten indes nur dann große Gewinne machen, wenn sie ihre Flotten in gutem Zustand hielten, stets um die Umsetzungen von Innovationen im Schiffbau bemüht waren und schließlich die Sicherung der Handelswege durch Stützpunkte aufrecht erhielten. Die Konkurrenz dieser drei Republiken förderte die Entwicklung eines Handelsnetzes erheblich, welches später von den großen Nationen gewinnbringend genutzt werden konnte.

Die ersten Fahrten der Wikinger nach Amerika waren noch reine »Entdeckungen«, gewesen, die allein auf Erfahrung beruhten, über Karten, welche die Welt außerhalb des Mittelmeers zeigten, verfügte man nicht. Die Seeexpeditionen des 13. Jahrhunderts hingegen fußten bereits auf einem umfangreicheren kartographischem wie astronomischen Kenntnisschatz. Hier ist besonders der damals von China über die Araber nach Europa gelangte Kompass zu nennen. Damit konnte man den durch Erfahrung bekannten Raum verlassen und auch in bisher unbekannten Gewässern navigieren. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte traten weitere Instrumente, so Log, Sanduhr und schließlich Tafeln zur Errechnung der Abweichung vom errechneten Kurs hinzu. Mindest ebenso wichtig war aber, dass sich über die Iberische Halbinsel die Kartographie im Mittelmeerraum verbreitete, die auf antiken Vorbildern aufbauend von den Arabern weiter gepflegt und entwickelt worden war. Es darf bei diesen Neuerungen aber nicht vergessen werden, dass den navigierenden Kapitänen alle Reisen enorme Kenntnisse abverlangten. Selbst noch als im 15. Jahrhundert der Seequadrant und das Seeastrolabium hinzukamen, blieben erhebliche Ungenauigkeiten, wobei ein (Breiten)grad in der Berechnung bereits 111 Kilometer Unterschied in der Wirklichkeit ausmacht.

Es bedurfte, wie gezeigt wurde, einer bestimmten menschlichen Wahrnehmung gleichermaßen wie einer an einem solchen Ausgriff interessierten Gesellschaft und Wirtschaft, dass die Atlantikfahrten Folgen haben konnten. So zeigen dann auch die Entstehungsdaten von Bildern der Maler der italienischen Renaissance eine zeitliche Nähe zu den ersten portugiesischen Fahrten, welche den Raum des geschützten Mittelmeeres verließen. Die Tatsache, dass es in Europa einerseits einen Markt für fernöstliche Luxusgüter, wie Gewürze, Zucker, feine Seidentextilien und Edelmetalle, darunter vornehmlich Gold, gab, die hier nicht beschafft werden konnten, führte zu einem lang anhaltenden Interesse am Erreichen dieser Handelsorte, eine Frage, die sich umgekehrt für China so nicht stellte. Die Europäer, die als Kolonialmächte nach Asien und Amerika auszogen, waren den asiatischen Mächten technisch nicht überlegen. In Asien war man durchaus imstande, mit Flotten bis nach Afrika zu segeln. Asien konnte im eigenen Markt alles beschaffen, was es brauchte. Es war für die asiatischen Mächte in Afrika nichts zu erhoffen, was eine Siedlungskolonie hier gerechtfertigt hätte.

Eric der Rote und die ersten Fahrten nach Amerika

Vorläufer für die »Entdeckung« Amerikas hatte es bereits im 10. Jahrhundert gegeben. Damals aber überwogen die Schwierigkeiten, das neue Land zu nutzen. Wie wir heute sicher wissen, unternahm Eric der Rote 982 die ersten Fahrten von Island nach Grönland und siedelte hier. Der mehrfache Mörder Eric war zunächst nach Island und dann auch von dieser Insel wieder verbannt worden, weswegen er sich Richtung Grönland begeben musste. Das »Grünland«, wie Eric das Gebiet möglicherweise deswegen getauft hatte, um Siedler anzuziehen, wurde zur ersten Besiedlung des amerikanischen Kontinents. 3 000 Siedler bildeten hier schon bald eine eigene Gesellschaft, die dem isländischen Vorbild folgte. Erst als im 14. Jahrhundert eine deutliche Klimaverschlechterung eintrat, mussten die europäischstämmigen Siedler das Land verlassen. Der letzte Bericht eines Rückwanderers liegt von 1410 vor. Leif, der Sohn Eriks brach 1000/1001 mit einer Expedition in das von vorherigen Seeleuten bereits gesichtete Neufundland auf. Die gefundenen Siedlungen von Thorvald, einem anderen Sohn Eriks, an der Küste von Labrador zeigen, dass man nicht nur kurz an Land ging, sondern durchaus versuchte, sich dauerhaft einzurichten. Die Gesellschaft der Wikinger war jedoch nicht auf eine Unterstützung einer derart fern liegenden Gesellschaft eingestellt. Zudem konnten die Nordmänner auch keine Gewinne aus der Niederlassung ziehen, welche für andere Fahrten der Antrieb gewesen waren und die Wikinger schon bis in das schwarze Meer geführt hatten. Hinzu kam, dass in allen Ansiedelungen Streit ausbrach, der in Mord und Totschlag der Siedler endete. Um 1012 bricht dann die Überlieferung von Amerikafahrten in den Sagas ab, so dass wir diese Zeit als das Ende der frühen europäischen Besiedlung sehen können.

Die Fahrten der Gebrüder Vivaldi und Lancelotto Malocellos an der afrikanischen Küste

Es blieb daher den Staaten der iberischen Halbinsel, die sich das Wissen der Italiener zu Nutze machten, vorbehalten, zu neuen Ufern aufzubrechen. 1291, in dem Jahr, in dem das von den Kreuzfahrern gehaltene Akkon in die Hände der ägyptischen Fatimiden fiel, brachen die Gebrüder Vivaldi zu einer Fahrt ins Ungewisse nach Westen auf. Sie kehrten nie zurück, aber ein Anfang, um Indien auch auf dem Westweg zu erreichen, war gemacht. Ungefähr zwanzig Jahre später brach der nächste Italiener, Lancelotto Malocello auf, um die verschollenen Gebrüder Vivaldi zu finden. Der Genuese Malocello machte sich als Bürger einer Seerepublik mit einem umfangreichen europäischen und asiatischen Handelsnetz auf den Weg, für das weitere Handelsniederlassungen interessant waren. Der Genuese »entdeckte« die seit der Antike bekannten Kanarischen Inseln wieder. Diese wurden nun für Italiener, Portugiesen und Spanier Anlaufpunkt, wenngleich eine Inbesitznahme am Widerstand der Ureinwohner, der Guanchen, scheiterte. Mit dem Ausgreifen über Europa hinaus, zeichnete sich jedoch schon jetzt ab, dass die spanischen Königreiche und Portugal in eine Konkurrenzsituation geraten würden, weswegen man den Papst als Schlichter einschaltete, ein Vorgang, der sich in der Zukunft wiederholen sollte.

Die wirtschaftliche Interessenslage in Asien vor 1450

Um zu verstehen, warum es zu einer Expansion der europäischen Mächte nach Asien kam, soll ein kurzer Blick auf die wichtigsten Unterschiede in der Entwicklung geworfen werden.

Während die Europäer in Amerika ein Warenaustauschsystem einrichteten, verhielt es sich in Asien eher umgekehrt. Warenaustausch auf weite Entfernung gab es lange vor der Ankunft der Europäer und das Handelssystem in Asien war weit bedeutender, als dasjenige in Europa zu dieser Zeit, so dass sich die Europäer hier zunächst nur als Gäste aufhalten konnten.

Besonders China unternahm weitreichende Expeditionen, so die letzte Expedition chinesischer Schiffe unter Admiral Zheng He nach Mosambik 1433. Diese maritimen Unternehmungen fanden nicht wegen des Widerstandes in den Ländern, in welche man sich begab, ihr Ende, sondern vielmehr, weil der Widerstand in China gegen solch weitreichenden und kostspieligen Unternehmungen wuchs. Aber der Westen brauchte Gewürze und China hatte diese Luxusgüter im eigenen Land, konnte jedoch diejenigen Waren, die fehlten, aus geringerer Entfernung herbei holen.

Die Expansion der Europäer im asiatischen Raum setzte sich in »Nischen des Systems«, wie es Wolfgang Reinhard formulierte, denn man musste sich auf die zugewiesenen Orte zu den diktierten Bedingungen beschränken. Aufgrund der profunden Kenntnisse in der Schifffahrt, der Kontrolle der Handelswege und Anbaustätten konnten die überlegenen asiatischen Mächte Indien, China und Japan, die Europäer auf Distanz halten. Sie waren aber dennoch an Kontakten mit ihnen interessiert, schließlich stellte der Handel mit dem Westen eine lukrative Einnahmequelle dar. Das Kräfteverhältnis wurde zwar durch das Eindringen europäischer Schiffe im ausgehenden 15. Jahrhundert gestört, nicht aber aus den Angeln gehoben, so dass die Europäer nun sogar zunehmend in den innerasiatischen Handel einsteigen konnten, ohne dass es zu einer chinesischen Gegenoffensive im Mittelmeer gekommen wäre. Diese Situation blieb bis in das frühe 19. Jahrhundert bestehen. Erst jetzt, da sich das Verhältnis aufgrund der rasanten technischen Entwicklungen zuungunsten Chinas und anderer asiatischer Mächte umkehrte, wurden die europäischen Mächte in Asien dominant. Eine andere Ausgangssituation ergab sich in den Gebieten Asiens, in denen keine organisierte Staatlichkeit existierte, die den Europäern entgegen treten konnte. Dies ist bei Ceylon und Indonesien der Fall, wo aber dennoch China als führende überregionale Macht einen gewissen Einfluss ausübte.

Was allerdings um 1500 zudem die Globalgeschichte bestimmen sollte, war der Zusammenprall der Weltreligionen Christentum und Islam, die sich beide gerade an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert ausbreiteten. Um 1500 kam es nicht nur zur portugiesischen und spanischen Expansion, sondern auch das Osmanische Reich verbuchte enorme Landgewinne (besonders ab 1517). In Persien vollzogen sich gewaltige Umwälzungen mit dem Regierungsantritt der Safawiden (1501) und in Indien begann die Herrschaft der Mogule (1526). Ein entscheidender Unterschied zwischen der christlichen und islamischen Expansion lag jedoch darin, dass in dieser ersten Phase keine dieser islamischen Dynastien einen ähnlich aggressiv missionarischen Ansatz wie die Portugiesen oder Spanier verfolgten. Die von der Iberischen Halbinsel ausgehende Expansion war von Anfang an mit dem Missionsgedanken verbunden. Die Ausweitung der europäischen Herrschaft führte nun vielfach zu einer Gegenbewegung. Als die Portugiesen in Aden einen Stützpunkt gründeten, wurde den osmanischen Herrschern schnell bewusst, dass man das weitere Ausbreiten des Christentums in dieser Region nicht dulden konnte, ohne die heiligen Stätten des Islams zu gefährden.

Und noch ein Punkt muss kurz erwähnt werden: Logistisch und technisch hatten die islamischen Reiche eine bedeutende Infrastruktur errichtet, die von den Europäern genutzt werden konnte. Dies begann bei den über Jahrhunderte hinweg entwickelten großen Handelsnetzen und setzte sich in sprachlichen und wirtschaftlichen Kontakten fort. In diese Netze drangen die Europäer nun ein und begannen schnell, sie in ihrem Sinne nutzten. Es kam zu Rissen in den zusammenhängenden Handelswegen über Land durch die Expansion und das Eindringen der Europäer an verschiedenen Stellen. Beide Systeme darf man sich, auch nach 1500, nicht völlig getrennt vorstellen. Vielmehr arbeiteten beide Seiten eng zusammen. So kooperierten arabische Händler und die westlichen Mächte beim Sklavenhandel oder beim Schmuggel, etwa durch das Rote Meer bis nach Aleppo oder Alexandria, wo sich besonders die Portugiesen als recht kooperativ erwiesen.

Hinzu kamen schließlich bedeutende Fortentwicklungen in der Schiffstechnik in der westlichen Welt, besonders der Bau großer Schiffe. Die moslemischen Kaufleute besaßen hingegen weder so große Schiffe wie die Portugiesen, noch ähnlich stabile, da die Schiffe im arabischen Raum ohne die Verwendung von Metall gebaut wurden. Hinzu kam im Westen ein für das offene Meer überlegenes System von Segeln, also das Rah- und Lateinsegel mit Heckruder als Steueroption, so dass die westlichen Mächte mehr Güter transportieren und wendiger navigieren konnten.

Der Beginn der portugiesischen Expansion im Atlantik

Bereits im Jahre 1249 fand Portugal seine staatliche Einheit durch die Eroberung des von den Arabern besetzten Südens. Über 250 Jahre vor dem Abschluss dieser Rückeroberung (Reconquista) in Kastilien hatte Portugal damit die Möglichkeit, das eigene Königreich zu stärken. Es dauerte jedoch noch bis zum Ende des 14. Jahrhunderts, bis sich in einem Erbfolgekrieg 1385 als Ergebnis eines Krieges mit Kastilien das Haus Avis als Königshaus durchgesetzt hatte. Da Kastilien der Zugang zum Mittelmeer fehlte, andererseits aber eine Stärkung des Landes wünschenswert war, um sich gegen den übermächtigen spanischen Nachbarn halten zu können, schien eine Expansion nach Süden, also nach Nordafrika die beste Lösung zu sein. Portugal hoffte dagegen unter der Führung einer neuen Dynastie darauf, die spanische Expansion in Nordafrika zu verhindern.

Es gelang zwar 1415 Ceuta als portugiesischen Stützpunkt im Mittelmeer zu erobern. Allerdings stellten sich die hier regierenden muslimischen Mereniden einem weiteren Vormarsch der Portugiesen entgegen (Schlacht von Tanger 1437). Schon bei dieser ersten Expansion mischten sich Kreuzzugsidee mit ökonomischen Interessen und der Rivalität auf der Iberischen Halbinsel. Schließlich hatten sich Aragon und Kastilien bereits 1291 Nordafrika aufgeteilt. Zudem war Nordafrika als Endpunkt vieler Handelstraßen wichtig, besonders aufgrund des umfangreichen Netzes von Wegen, die um oder durch die Sahara führten. Hier kamen das Gold Guineas, schwarze Sklaven sowie z. B. wie Gewürze und Elfenbein an.

So hatten die Portugiesen mit Ceuta lediglich einen kleinen Stützpunkt gewonnen. Es war ihnen jedoch nicht gelungen, die arabischen Zwischenhändler auszuschalten. In dem schon auf Fernhandel ausgerichteten Lissabon erwachte daher erneut das Interesse, einen direkten Kontakt mit den Ländern herzustellen, aus denen die Güter kamen, um damit eben jene Zwischenhändler auszuschließen. Zudem hoffte das neue Königshaus, durch Erfolge und die Einbindung des Adels in die Eroberungszüge die eigene Herrschaft zu stützen. Prinz »Heinrich der Seefahrer«, der zwar die Seefahrt förderte, sich jedoch selbst nie auf eine große Seereise begab, förderte nun vom portugiesischen Lagos aus die Expansion Portugals. Dies führte zur Entdeckung von Madeira zwischen 1419 und 1425, wenngleich man hier anlangte, weil man von einem Sturm weiter westlich abgetrieben worden war. Da nun die Kanarischen Inseln als Stützpunkt für den weiteren Vormarsch wichtiger wurden, versuchten die Portugiesen 1425, sich die Inseln vollständig einzugliedern, freilich ohne vollständigen Erfolg, aber sich schafften es immerhin, sich dort zumindest dauerhaft festzusetzen.

Zu ganz neuen Ufern brach man auf, als die Schiffe Heinrichs des Seefahrers 1433 das Kap Bojador umrundeten. Hatte man gefürchtet, dass sich hinter dieser Linie nicht nur gefährliche Küsten- und Gegenströmungen, sondern auch Meeresungeheuer aufhalten würden, so zeigte die zweite Fahrt von Gil Eanes, mit der 1434 die Überwindung des Kap Bojador gelang, die Möglichkeit, weiter nach Süden vorzustoßen. So war das Tor zu einem neuen Weg, nicht mehr im Mittelmeer, sondern langsam an der westafrikanischen Küste in bisher völlig unbekannte Regionen aufgestoßen. Die Daten der vierziger Jahre legen davon ein beredtes Zeugnis ab. 1441 war man bis zum Cabo Branco (Weißes Kap), 1444 bereits bis zum Cabo Verde (Grünes Kap) und 1446 schließlich sogar bis Gambia gelangt. Damit erkannte man die weitere Küstenlinie, was zur Entdeckung der Kapverdischen Inseln (1456) einerseits und von Sierra Leone (1460) andererseits führte.

Die Portugiesen konnten beginnen, Sklaven und Gold nach Europa zu importieren, weswegen die Entdeckungsfahrten nun wirtschaftlich höchst attraktiv wurden. Bis heute zeugen die Bezeichnungen »Elfenbeinküste«, »Goldküste« oder »Sklavenküste« von den erwarteten oder angetroffenen Zielen der Expeditionen. Da die Krone durch eine Gewinnbeteiligung von einem Fünftel mit an der Erfolgen verdiente, blieb das Herrscherhaus an der weiteren Expansion interessiert.

Außer in Portugal hatte man aber auch in Italien und Spanien den Wunsch, sich einen Anteil an diesen neuen Handelsrouten sichern zu können. Portugal ließ sich daher seine Position und das Monopol im Afrikageschäft unter Rückgriff auf die Autorität des Papstes 1452 mit der Bulle Dum diversis durch Papst Nikolaus V. absichern. Die Expansion war damit notwendigerweise mit der Mission verbunden, weil die Bulle erlaubte, Muslimen Güter und Länder abzunehmen, um sie zu christianisieren. Unter dem Vorwand der Mission ließ sich nun weitere Expansion betreiben.

Die Einigung der spanischen Königreiche im europäischen Vergleich

Portugal hatte den größeren spanischen Nachbarn in Bezug auf die Expansion bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts übertrumpft. Spanien, welches sich in die zwei großen Königreiche Kastilien und Aragon aufteilte, war mit inneren Auseinandersetzungen beschäftigt. Sowohl Kriege zwischen Aragon und Kastilien, wie auch innere Kriege in Kastilien schwächten die Königreiche und verhinderten eine Expansion. Während sich aber der Mittelmeeranrainer Aragon seit der Rückeroberung des ganzen Königreiches am Handel mit dem Orient beteiligen konnte, war dies für Kastilien erheblich schwerer. Denn der größte Teil der andalusischen Küste lag in den Händen der muslimischen Nasriden. Aufgrund dieser inneren Probleme war es Kastilien bis zum Ende des 15. Jahrhunderts nicht möglich, das muslimische Königreich anzugreifen.

Schon zu Lebzeiten König Heinrichs IV. von Kastilien zeichnete sich ab, dass nicht nur seine Herrschaft, sondern auch seine Erbfolge umstritten sein würde. Nur schwer setzte sich nach dessen Tod 1468 seine Halbschwester Isabella durch, die später den Beinamen »die Katholische« erhalten sollte. Die junge Königin musste den Adel hinter sich bringen und sich gegen den portugiesischen Anspruch auf den kastilischen Thron wehren. 1478 waren portugiesische Truppen in Kastilien einmarschiert und hatten den ohnehin schon bestehenden Gegensatz beider Königreiche weiter vertieft. Durch die Heirat mit dem Thronerben des anderen Königreiches auf der Iberischen Halbinsel, Ferdinands von Aragon, gelang es Isabella jedoch, die größten iberischen Königreiche zusammenzuführen. Erst durch diese Stärkung konnte Isabella die portugiesische Invasion zurück schlagen und das Königreich Kastilien endgültig in Besitz nehmen.

Portugal und Kastilien schlossen nun mit dem Vertrag von Alcáçovas Frieden, aber bezogen nicht nur die europäischen, sondern auch die überseeischen Aspekte in den Vertrag mit ein. Während beide Seiten auf Thronansprüche im anderen Königreich verzichteten, trat Portugal, gegen die Garantie seiner gesamten Besitzungen vor der afrikanischen Küste, die Kanarischen Inseln an Kastilien ab. Am wichtigsten aber war, dass der Vertrag den Kastiliern unter Androhung der enormen Summe von 100.000 verbot, ebenfalls an der afrikanischen Küste zu expandieren: Der Weg nach Indien entlang dieser Route war damit verbaut und Kastilien musste nach einer Westpassage suchen.

Reconquista und Conquista: Die Eroberung Granadas und die Politik gegenüber Juden und Moslems in Spanien als Vorspiel für Amerika

Wenn man die folgende Expansionsbewegung verstehen möchte, die sich zunächst gegen das letzte muslimische Königreich auf spanischem Boden, das nasridische Königreich Granada und dann nach Amerika richtete, so muss man sich die schwierige Position der Königin in Erinnerung rufen. Isabella musste den Adel ablenken, ihm etwas geben, was ihm auf der einen Seite Reichtum bescherte, ihn aber auf der anderen Seite von der Krone abhängig bleiben ließ. Als der Feldzug gegen Granada geplant wurde, standen die Zeichen für Kastilien günstig. Bisher hatte man noch jährlichen Tribut von Granada erhalten, doch die gezahlten Mengen gingen zurück. Zudem wurde nun das muslimische Granada von einem inneren Machtkampf erschüttert. Schnell rückten die kastilischen Truppen vor und vollendeten die »Wiedereroberung« (Reconquista) Spaniens im Jahre 1492.

Als das Königspaar bei der Belagerung Granadas vor der Stadt die Zelte aufgeschlagen hatte, taufte man den neu gegründeten Ort: »Santa Fé«, Heiliger Glaube«. In vielem, besonders aber in der Brutalität, bot das Vorgehen im Königreich Granada bereits ein Vorgeschmack auf die Eroberung Amerikas. Beim Vorrücken der spanischen Truppen wurde die Bevölkerung ganzer Städte, so Ronda, Málaga, Vélez Málaga massakriert oder versklavt. Weder die Spanier im Krieg mit Granada noch die Portugiesen respektierten bei ihren Kriegen in Nordafrika die ungeschriebenen Kriegsregeln, weil sie gegen Moslems kämpften und sich berechtigt sahen, Gefangene zu töten oder zu versklaven. So fanden sich denn auch im Heer viele Adelige, besonders Kleinadelige aus dem Norden, die begierig auf Beute waren. Viele Teilnehmer der Feldzüge gegen die Moslems erhielten den Status als Hidalgos (Edelleute), und gleichzeitig stieg die Zahl derjenigen, die am Krieg verdienten. Mit dieser Einbindung lenkten die Könige den Adel und die Städte von inneren Problemen ab.

Dank der inneren Reformen, der geschickten Leitung der kastilischen Stände (Cortes), besonders aber durch die Hinführung aller inneren Streitigkeiten auf die Eroberung Granadas wurde Kastilien gefestigt. Doch die Krone wandte sich nicht allein gegen das letzte muslimische Königreich auf Iberischem Boden, sondern auch gegen die Juden, deren Ausweisung sie 1492 verordnete. Da den Juden nur die Möglichkeit der Konversion zum Christentum oder des Verlassens des Landes eingeräumt wurde, hatten die Krone und die spanische Inquisition gezeigt, dass Zwangskonversionen in großem Stil durchführbar waren. Diese Erfahrung sollte auch bei der konsequent weiter geführten Expansion in Richtung »Indien« von Bedeutung sein.

Konnte also die weiter unten zu betrachtende erste Fahrt von Christoph Columbus in einer Zeit der inneren Stärke Kastiliens stattfinden, so hielt diese innere Geschlossenheit nicht lange an, was für die weitere Entwicklung zu berücksichtigen ist. Durch die Eroberung von Granada war der Konflikt mit dem Adel, als Königin Isabella 1504 starb, lediglich aufgeschoben. Wieder war die Nachfolge unsicher, wieder gab es Fraktionierungen. Doch jetzt war der Einschnitt noch gravierender. Denn nach dem Tod des Erbprinzen Johann war das Erbe an seine Schwester Johanna gelangt, die mit dem Habsburger Philipp dem Schönen verheiratet war und später mit dem Beinamen »die Wahnsinnige« bedacht wurde. Schon 1504 hatten ihr die Cortes aufgrund ihres Geisteszustandes die Regierungsfähigkeit abgesprochen. Nachdem Philipp bereits 1506 plötzlich in Tordesillas verstorben war, besaßen viele Adelige fast unbeschränkte Macht. Leidtragende waren die Städte, die in diesem Konkurrenzkampf den Kürzeren zogen. Zudem hatte einige Adelige, die erst mit dem Feldzug gegen Granada in den Adelsstand erhoben worden waren, nur den Titel erworben, aber keinen sozialen Aufstieg verwirklichen können.

4. Kulturkontakt und mediale Darstellung

Wie gelang es einigen hundert Spaniern, die Riesenreiche der Azteken und Inka zu erobern? Warum sprechen wir bis heute von »Indianern«? Was glaubte Kolumbus 1492 gefunden zu haben? Und was sahen die europäischen Kolonialherren, wenn sie in andere Weltteile kamen? Diese grundsätzlichen Fragen für das Verständnis des Kolonialismus stellten sich erstmals mit der »Entdeckung« Amerikas, sollten aber auch später noch von Bedeutung sein, als koloniale Eroberung auch im 19. Jahrhundert unter den gleichen Vorzeichen ablief.

Der Soziologe Tzetvan Todorov hat hervorgehoben, dass der Erfolg der Europäer, so auch der Spanier, vornehmlich darauf beruhte, dass sie sich geschickter als die unterworfenen Völker an die Umstände anpassen konnten. Nach der Ankunft auf Haiti 1492 nutzten sie das Entgegenkommen der dort lebenden Tainos aus, in Mexiko suchten sie die Gegner der Azteken und vereinnahmten die Tlaxcalteken gegen Mexiko. In Peru schließlich erfassten sie die Situation des Bürgerkrieges und erkannten, wie sie den Thronstreit zwischen den verfeindeten Halbbrüdern Huascar Inka und Atahualpa Inka für sich nutzen konnten.

Zudem machten sie sich das Medium Sprache umfangreich zu Nutze. Die Spanier bildeten Dolmetscher aus, während die Azteken ihre Infrastruktur zunächst nicht ausschöpften und sich das Gesetz des Handels weitgehend aus der Hand nehmen ließen. Als Antonio de Nebrija den Katholischen Königen 1492 die erste Grammatik des Spanischen vorlegte, stellte dies die »Begleiterin des Imperiums« dar, denn damit hatten die Kastilien ein Instrument der Sprachvermittlung, um ein Weltreich aufzubauen. Anders als in Asien oder Afrika, ja auch in der portugiesischen Kolonie Brasilien, wurde in Spanisch-Amerika systematisch Spanisch als Sprache eingeführt. Ordensgeistliche legten zweisprachige Katechismen an, Spanisch blieb aber nun die Sprache der Herrschenden.

Bei der europäischen Expansion in der Frühen Neuzeit waren Kulturkontakte und Kulturzusammenstöße an der Tagesordnung, wenngleich sich die Eroberer unterschiedlich verhielten. Besonders die Franzosen agierten in Kanada mit relativ wenigen Vorurteilen, anders als die Spanier oder ganz besonders die Engländer, die eine strikte Trennung zwischen weißer und indigener Bevölkerung betrieben. Die Spanier hingegen sahen die Indianer formal als Bewohner eines Teils ihres Imperiums, ihrer »Kronlande« an und damit grundsätzlich rechtlich als mit den Bewohnern des Mutterlandes gleichberechtigt an. Die Wirklichkeit sah freilich anders aus.

Und noch ein Punkt trat hinzu, der als »Kolonisierung des Imaginiären« bezeichnet wird. Kultanlagen der indigenen Bevölkerung wurden von den Spaniern zerstört oder umgedeutet. Unmittelbar an den Sakralbezirk in Tenochtitlán baute man eine Kathedrale, auf die Pyramide in Cholula (Mexiko) setzte man eine Kirche, ebenso auf den Sonnentempel in Cuzco (Peru). Es kam damit zu einer Umdeutung heiliger Orte im Sinne der Kolonialherren, was freilich vornehmlich in Amerika möglich war, während dies in Afrika oder Asien aufgrund der Machtsituation selten erreicht wurde. Ausnahmen stellen jene Inseln dar, wie beispielsweise die Kapverden oder Philippinen, welche nicht nur vollständig in die europäische Herrschaft eingegliedert, sondern zudem ganz im Sinne des katholischen Christentums missioniert wurden.

Amerika brachte eine neue Kategorisierung auch für die europäische Welt. Denn während in Asien die Länder bereits vor dem Eintreffen der Europäer durch ein Kommunikationsnetz miteinander verbunden waren, fehlte dies in Amerika. Die Azteken trieben keinen Handel mit den Inka, man konnte keine Informationen über die Struktur des Inkareiches in Mexiko oder im Mayareich erwerben, ein Kommunikationsraum musste erst geschaffen werden.

Das Zusammentreffen der Sprachlosigkeit

Bildliche Darstellungen zeigen anschaulich Deutung und Bedeutungszuweisung im Kulturkontakt. Für diesen galt, auch außerhalb Amerikas, immer wieder, dass man den Gegner als »Anders«, aber nicht gleichrangig, sondern vielmehr als »minderwertig« ansah. Dabei schwankte die Wahrnehmung in Abhängigkeit von der eigenen Situation, sprich, ob man in einer eindeutig überlegenen oder in einer gefährdeten Position war. Auch in der Bedeutung, die man Eroberungen zumaß, gab es deutliche Abstufungen. Die Eroberung Konstantinopels wurde beispielsweise schon im 15. und 16. Jahrhundert als sehr wichtig eingestuft, während die Eroberung Amerikas als bedeutendes Epochendatum erst im 18. Jahrhundert angesehen wurde. Heute hingegen können die meisten etwas mit dem Datum 1492 verbinden, erheblich weniger jedoch mit demjenigen von1453.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Fabrikation eines Ereignisses, gerade beim Kolonialismus. Aufgrund der Entfernungen kamen selten Zeugen aus den eroberten Gebieten nach Europa und wenn man sie herüberbrachte, wie die Azteken, die der Nürnberger Hans Weiditz malte, so wurden sie wie Tiere bestaunt und ausgestellt, ein Vorgehen, welches sich bis in das 20. Jahrhundert hielt, als Zoo Hagenbeck »Völkerausstellungen« organisierte und man Menschen aus den Kolonien wie Zootiere ausstellte. Die Möglichkeit, die eigene Sicht der Dinge den Eroberern zu schildern, war den Ethnien Afrikas und Amerikas weitgehend verstellt. Die innerasiatische Rezeption wurde hingegen zwar dokumentiert aber bis heute in Europa nicht oder höchstens bruchstückhaft wahrgenommen. Betrachtet man sich den Rezeptionsrahmen für Nachrichten aus den Kolonien in der Frühen Neuzeit, so lassen sich drei Regionen voneinander unterscheiden:

Zentraleuropa (von Frankreich und England über Skandinavien bis nach Ungarn und Italien): Hier existierte ein weiter Rezeptionsrahmen, in welchem viele Berichte aus der neuen Welt und auch Schriften über die Kriege gegen die Türken, so genannte Turcica, erschienen.

Iberische Halbinsel: In Portugal und Spanien dominierten die Berichte aus den eigenen überseeischen Gebieten. Spanien hatte nur wenige Druckereien, die überhaupt Berichte veröffentlichen konnten. Dies lag daran, dass Anfang des 16. Jahrhunderts die umfassende Verfolgung von Protestanten und von angeblich heimliches Judentum praktizierenden Conversos begann, so dass die Inquisition stets die Publikationen, und damit aber auch das entstehende Bild kontrollierte. Demzufolge erschienen vielfach mit Spanien und seinen Kolonien verbundene illustrierte Publikationen nicht auf der Iberischen Halbinsel, sondern in England, den Niederlanden und dem Heiligen Römischen Reich, freilich um Spanien zu kritisieren. So prägten die in den Niederlanden entstandenen Illustrationen des Berichtes des spanischen Dominikaners Bartolomé de las Casas mehr das Bild von Amerika, als der zugehörige Text.

Im Osmanischen Reich (von Ungarn, über den Balkan, Griechenland bis in Türkei) fehlte für die moslemische Mehrheit das Medium Druck. Christliche Minderheiten wie die Armenier betrieben Druckereien, so in Venedig, doch konnte hier kaum eine bildliche Verbreitung und wenn überhaupt nur durch Handschriften erfolgen.

Die Durchsetzung der katholischen Konfession (Konfessionalisierung) in Spanien beruhte maßgeblich auf der Wirksamkeit der Inquisition als Kontrollorgan auf lokaler oder regionaler Ebene. Um dies Konfessionalisierung sicherzustellen, mussten »ketzerische« Schriften unterdrückt werden, weswegen eine massive Verfolgung der Buchdrucker, die meist aus den Niederlanden oder dem Hl. Römischen Reich gekommen waren, einsetze. Nach Lateinamerika schließlich gelangten, ausgenommen der für die Mission benötigten Bücher, zunächst auch nur wenige Druckerzeugnisse, da die Zensur des Indienrats erst den Inhalt prüfen musste. So war seit 1531 selbst die Einfuhr von »profanen« oder »sagenhaften« Büchern verboten. Doch kann man an der literarischen Produktion in Lateinamerika sehen, dass sich dies im 17. und 18. Jahrhundert änderte, als auf Schmuggelfaden viele Bücher ihren Weg über den Atlantik fanden und dort zur Entwicklung eigener Ideen und Stile anregte.

So bedingte die Unterschiedlichkeit der Rezeptionsmöglichkeiten und die konstruierte Sicht des Anderen (»Alteritätskonstrukt«) das Bild, welches man sich in Europa von der übrigen Welt machte. Dieses wiederum beeinflusste natürlich auch die in Europa getroffenen Entscheidungen maßgeblich.

Die Begegnung in Cajamarca

Der Kulturkontakt mit dem »Anderen« kann sehr gut am Beispiel der Eroberung Perus dargestellt werden. Zum Verständnis ist wichtig, dass die Europäer, als Francisco Pizarro nach Peru von Panama aufbrach, keinerlei Kenntnisse von den Bewohnern besaßen und umgekehrt die Bevölkerung des Inkareiches nur vage Gerüchte von den Ankömmlingen erhalten hatte.

Als 1533 der aus der spanischen Extremadura stammende Kleinadelige Francisco Pizarro mit wenigen Soldaten in Cuzco, der Hauptstadt des Inkareiches, anlangte, wurde er dort enthusiastisch begrüßt. Es herrschte Bürgerkrieg und Manco Inka glaubte, in Pizarro einen Verbündeten gegen seinen Bruder Atahualpa gefunden zu haben. Atahualpa war aber als erster kurz zuvor als Oberbefehlshaber der Nordarmee mit den Spaniern in Cajamarca zusammengetroffen. Doch wurde er festgesetzt und trotz der Sammlung von Lösegeld hingerichtet. Übrig blieb nach Beseitigung der Brüder Huascar und Atahualpa nur Manco Inka, den jedoch ein fehlgeschlagener Aufstand nicht mehr an die Macht brachte. Cajamarca stellt also einen entscheidenden Wendepunkt, ein Schlüsselereignis dar.

So ist es umso verwunderlicher, dass über das Ereignis in Cajamarca so wenig bekannt ist. Wir kennen noch nicht einmal das Datum der ersten Begegnung zwischen Christen und Inka. Fand das Treffen am 16. November 1532 statt oder eher 1533, im August oder eher am 26. Juli? Auch das Schicksal des Leichnams von Atahualpa ist ungewiss. In Cajamarca begraben, wurde er von seinen Anhängern exhumiert und in einen anderen Teil des Landes gebracht. Doch wohin? Bis heute streitet man sich darüber, ob die erneute Bestattung in Peru oder in Quito stattfand.

Es handelte sich um ein Zusammentreffen, ein encuentro zwischen zwei Kulturen, die sich erstmals offiziell begegneten. Von den Spaniern hatte man bisher nur gehört, wenngleich die ihnen vorauseilenden Krankheiten, deren prominentestes Opfer der letzte alleinregierende Inkaherrscher Huana Capac war, im Inkareich den Lauf der Geschichte bereits bestimmten. Es sollte nun zur europäischen Zerstörung des tradierten Systems kommen: des kollektiven Gedächtnisses.

Die Illustrationen des »Kurzgefassten Berichtes von der Verwüstung der Westindischen Länder« aus der Feder von Bartolomé de las Casas sind als eine gedruckte Antwort auf das Vorgehen der Spanier in den Niederlanden ab 1572 zu verstehen. Hauptinteresse der protestantischen Niederlande war es, das Vorgehen der Spanier zu diskreditieren, ihre universale Grausamkeit nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Übersee bloß zu stellen. Daher eignete sich die Darstellung von Las Casas zur Publikation und Illustration in propagandistischer Hinsicht, weil die scharfe Kritik am grausamen Vorgehen der Spanier aus der Feder eines Spaniers stammte und daher von besonderer Legitimität schien. Die Schriften von Las Casas wurden also nicht in ihrem Ursprungsland Spanien, sondern vielmehr in den von Spanien unterdrückten Niederlanden gedruckt.

Zentrale Intention des vorliegenden Stichs ist die Verurteilung der Handlung der Spanier. Dies geschieht durch eine Reihe von Hilfsmitteln, die wir besser mit dem Textpassagen, die dem Bild zugeordnet waren, verstehen.

Zunächst wird die Wehrlosigkeit der Indianer mit der Brutalität der Spanier konfrontiert: »Atabaliba, nebst einer großen Menge Volks, das entweder ganz wehrlos war, oder doch nur zum Spaß bewaffnet« war, stand den »Spaniern … die, wenn die Teufel Gold besäßen, selbst diese angepackt und ihnen dasselbe geraubt haben würden«.

Dann wird im Hauptteil aber darauf Wert gelegt, dass Atahualpa die Spanier treffen wollte: »…wo sind denn die Spanier? Laßt sie herkommen! Ich weiche nicht eher von der Stelle, bis sie mir wegen meiner Untertanen, die sie ermordeten, wegen der Örter, die sie verheerten und wegen der Schätze, die sie mir raubten, Genugtuung geben!« Doch nun wird er ergriffen und gefangen.

Die verbale Kommunikation des Atahualpa kann ihr Ziel nicht erreichen. Die Aussagen von las Casas nimmt auch de Bry auf, spitzt sie jedoch in vielen Punkten noch erheblich zu. Die Darstellung, dies fällt auf, findet irgendwo im imaginierten Lateinamerika statt. Im Vordergrund sind die großen Kanonen und die mordenden Spanier zu sehen. Im Zentrum des Bildes befindet sich die Sänfte, wobei als Szene festgehalten ist, wie Pizarro den Inka Atahualpa vom Thron reißt, während ein Mönch mit großem Kreuz daneben steht. Während die Spanier als brutal aber mutig dargestellt werden, erscheinen die Indianer als feige und als Flüchtende.

In dem Bild wird also der Kampf von nackten Wilden gegen die brutalen, aber zivilisierten Spanier gezeigt: Nicht inkaische Soldaten oder Herrscher treten ins Bild, sondern Spanier und wilde Indianer, die genauso dargestellt werden, wie die Indianer in der Karibik. Damit werden die Untaten der Spanier noch erhöht. Wie Todorov herausgearbeitet hat, hatte bereits Columbus immer wieder auf die Nacktheit ohne Scham verwiesen: Die Indianer, denen die biblische Scham über ihre Nacktheit abgeht, befinden sich in einem Zustand unmittelbar nach dem Sündenfall. Es findet sich eine wichtige Grundannahme der Conquista, aber auch des Kolonialismus allgemein: Die konkrete Erfahrung hat die Funktion, die Wahrheit zu belegen, nicht zu befragen. So sind auch für de Bry gewisse Grundannahmen nicht hinterfragbar. Die Kolonialherren des 16., wie des 19., ja auch des 20. Jahrhunderts erwarten in Afrika oder Amerika »Wilde« anzutreffen, die es zu »zivilisieren« gilt und daher treffen sie diese auch an, weil sie die Annahme, dass es auch anders sein könnte, von vorneherein ausschließen.

Ähnliche Grundmuster können wir auch in einem früheren, vom Aufbau sehr einfachen Holzschnitt finden, welcher bereits 1534 erschien und in der Chronik von Cristóbal de Mena und in derjenigen von Francisco de Xeréz zu finden ist. Das gleiche Ereignis wird aber jeweils ganz anders dargestellt. In der spanischen Illustration steht nicht spanische Grausamkeit, sondern der Akt der Inbesitznahme, des requerimiento im Vordergrund: Die Spanier verlesen auf spanisch einen Text, mit dem sie die Gebiete in Besitz nehmen und warnen, dass bei Widerstand gegen die Krone Krieg geführt werden dürfe. Die Quetcua sprechenden Indigenen können diese ihnen unbekannte Zeremonie nicht verstehen, die für die Spanier eine Huldigung bedeutet. Wie bei de Bry finden sich die Indigenen als primitive Nackte, wobei ihre Darstellung jedoch diesmal nicht durch ein negatives Spanienbild beeinflusst wurde. Das Problem der Sprache ist in der Darstellung zumindest erfasst, da der Dolmetscher, der den Priester begleitet, nur an der Seite gezeigt wird, er aber keine Funktion zugewiesen bekommt. Im Zentrum der Darstellung steht das Buch, dessen Schriftbild, wie der begleitende Text erläutert, den Inka irritiert. Da die inkaische Zivilisation keine Schrift kannte, sondern allein Kipus, also ein System von Knoten und Farben, die je nach Knotenordnung, Farbe und Schnurlänge für bestimmte Zahlenwerte standen, war das Buch etwas Unverständliches.

Das Problem der Sprache ist ebenfalls insofern fassbar, als die Grundpfeiler des Wertungssystems in den Rahmen gestellt werden, die damit von Außen über das Geschehen wachen. Nicht allein das requerimiento im Bildzentrum vermag die Botschaft zu beinhalten, sondern es bedarf der flankierenden Figuren iustitia und veritas, um die Legalität des Dargestellten zu unterstreichen. Über allem schwebt der habsburgische Adler als Zeichen der Einordnung in den Eroberungszusammenhang.

Die letzte betrachtete Darstellung ist jene aus der Feder des Guaman Poma de Ayala. Sie entstammt einer 1615 an König Philipp III. von Spanien gerichteten Schrift, die jedoch erst am Anfang des 20. Jahrhunderts wieder entdeckt wurde und daher erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts umfassende Wirkmächtigkeit entwickeln konnte. Der Text von Guaman, der Quetcua sprach und auch schrieb, zweifelte die Majestät des Inka nicht an, sah in der inkaischen Gesellschaft in vielen Punkten ein Vorbild, welches es im christlichen Sinne wiederherzustellen galt. Und genau dies findet in seiner Darstellung Niederschlag.

So lesen wir hier eine andere Beschreibung der Vorgänge: »Don Francisco Pizarro und Don Diego de Almagro und Bruder Vicente …begaben sich, wie Atahualpa Inka, [nach]… Cajamarca… Auf dem öffentlichen Platz stand in der Mitte sein Thron und Sitz, … hier setzte sich Atahualpa Inka.« Über der Szene im Bildzentrum thront denn auch der Inkaherrscher, der auf die vor ihm knienden Conquistadoren Pizarro und Almagro und den Betrachter herabblickt. Dem Quetchua sprechenden Guaman ist die Schlüsselposition, die der Übersetzer zu erfüllen hat, klar. Er stellt ihn daher deutlich an den rechten Bildrand, zeigt durch die Mischung von Kleidung aus beiden Kulturräumen und den Nasenring seinen Stand zwischen den Kulturen und bezeichnet ihn schließlich mit »Felipe lengua« (Philipp Zunge bzw. Übersetzer). Er gibt ihn also in der zentralen Rolle des Sprachvermittlers wieder. Neben der bildlichen Darstellung enthält aber auch der dazugehörige Text viele andere Sichtweisen. So berichtet Guaman von einem Streit zwischen Pizarro und Atahualpa. Nach Guaman habe der Inkaherrscher dem Conquistador widersprochen, als dieser behauptete, er sei von einem »großen Herrn« gesandt. Atahualpa antwortete, dass Pizarro wohl von einem großen Herrn gesandt sein möge, doch habe er mit diesem keine Freundschaft zu schließen, weil er ebenso ein großer Herr sei. Guaman stellt also den Inka auf die gleiche Stufe wie den spanischen König.

Zudem lehnt der Verfasser des Textes Kreuzverehrung durch Atahualpa mit der Begründung ab, dass dieser selber verehrungswürdige Götter habe. Schließlich verwendet Guaman viel Raum für die Darstellung des Missverständnisses bei Übergabe des Evangeliums, welches der Inka mit den Worten genommen habe: »Gib mir das Buch, damit es zu mir spreche.« Atahualpa habe das Ohr an die Seiten gehalten und gesagt: »Wie, warum sagt es mir nichts? Das Buch spricht nicht zu mir.« Der Text berichtet weiter: »… und er warf das genannte Buch aus seinen Händen zu Boden. Daraufhin schrie Bruder Vicente und sprach: ›Hier Ritter, hiermit sind diese heidnischen Indianer gegen unseren Glauben !‹«

Die Sicht eines »Betroffenen« wird also hier völlig anders als die eines Kolonialherren gezeigt, die Schwerpunkte werden anders gesetzt, kurz die Gesamtperspektive ist nicht diejenige von Herrschern und Beherrschten.

Neben der Darstellung von Guaman aus dem 17. Jahrhundert existiert noch eine einzigartige Quelle, die von einem Inka 1570 selbst, und zwar in Briefform, diktiert wurde, nämlich dem Inka Titu Kusi Yupanki. Das Diktat entstand in Vilacabamba, wohin sich die letzten noch Widerstand leistenden Inka zurückgezogen hatten, und es enthält die Vision der Geschichte der Eroberung, die an den spanischen Gouverneur und an König Philipp II. gerichtet war, so dass der Bericht eine Art politisches Testament darstellt. Im Original auf Quetchua diktiert und von einem spanischen Mönch übersetzt, wurde auch diese Darstellung in ihrer Zeit nicht gedruckt. In diesem einzigartigen Dokument der vertriebenen Dynastie wird aber das Ereignis in Cajamarca nochmals anders dargestellt. Das Gesetz des Handels wird bei Yupanki in die Hand des Inka gelegt. Dieser habe sich freiwillig nach Cajamarca begeben, um dort, wie europäische Adelige auch, der Jagd zu frönen: »…langten in Cajamarca…vierzig oder fünfzig Spanier auf ihren wohl ausgestatteten Pferden an. … Atau Wallpa … brach sogleich mit seinem Gefolge auf, ohne Waffen zum Gefecht oder Harnische zum Schutz, nur mit Tumis…um jene Art von ›Lamas’ zu jagen: damit waren die Pferde gemeint…« Die Episode des nicht verstandenen Buches wird hingegen ausgelassen und stattdessen eine andere Geschichte erzählt: Atahualpa habe seinen Gästen etwas angeboten und stets das Gesetz des Handels in der Hand behalten: »Nachdem mein Onkel angehört hatte, was sie sprachen, wartete er ihnen stumm auf, indem er einen von ihnen…zu trinken gab, um festzustellen, ob diese Spanier das Getränk ausschütten würden, wie die beiden ersten Spanier. … sie tranken es nicht und kümmerten sich auch nicht darum«. Jetzt nach der Ablehnung, straft der Inka die Eindringlinge ab: »Als mein Onkel sah, wie gering sie seine Dinge einschätzten, sagte er: ›Wenn ihr mich gering schätzt, so werde ich euch auch gering schätzen’ Er erhob sich zornig und begann zu schreien, also wollte er die Spanier umbringen.« Erst jetzt hätten die Spanier zu handeln begonnen, indem sie Gewalt anwenden: »… warfen sie ihn gewaltsam aus seiner Sänfte hinaus, stürzten sie um und entrissen ihm alles, was er bei sich trug…Und da die Indianer laute Schreie ausstießen, töteten sie alle…«

Es ist deutlich geworden, wie das gleiche Ereignis in Text und Bild ganz unterschiedlich dargestellt wird. Dies muss man sich aber stets vor Augen halten, denn nur die ersten beiden Versionen prägten die Vorstellungen in Europa, während die dritte und vierte Sicht, also die indigenen, keine Bedeutung erlangen konnten, weil sie in damals nicht gedruckt wurden. Es lässt sich aber festhalten, dass beim Zusammentreffen der fremden Kulturen drei Kommunikationsebenen von Bedeutung sind, nämlich die sprachliche Kommunikation, die Zeichenkommunikation und schließlich die Gewaltkommunikation.

Sinndeutung wurde in den Anden nur mündlich tradiert, was zu Schwierigkeiten mit der schriftlich geprägten Kultur der Kolonialzeit führen musste. Dies hatte zu Folge, dass später entstandene Erzähltraditionen schriftlich belegte Ereignisse mischten und damit neue Erinnerungsorte schufen. Als Beispiel dafür sei folgendes angeführt: Atahualpa wurde 1533 als Ketzer durch die Garotte hingerichtet, also stranguliert. 1572 wurde sein Vetter, der letzte Inca, Tupác Amaru I., enthauptet. Gemäß der Erzähltradition wurden aber Atahualpa wie Tupác Amaru enthauptet. Dies geschah, um die Geschichte mit einer magischen Bedeutung zu füllen. So wird gemäß dem »Mythos des Inkarrí« (Mythos des Inkakönigs) die Inkaherrschaft dann wieder beginnen, wenn Kopf und Körper des Inka zusammenfinden, da man nur den Körper Atahualpas in Cajamarca, den Kopf aber in Cuzco begraben habe. Diese Version des Todes, die übrigens von Guaman Poma aufgenommen wird, weist also dem Sterben eine neue Bedeutung zu, da dabei Kopf (Sonne) und Körper (Volk) getrennt wurden und nur bei deren Wiedervereinigung die Herrschaft wiederherstellt werden kann.

Ähnlich wie die Inka weisen auch die Spanier der Geschichte ihren Sinn zu. Aus deren Sicht sind die Inka nicht nur Heiden, sondern der Sieg (Chronik des Miguel de Estete) wird durch den Heiligen Jakobus den Maurentöter (Santiago Matamoros) ermöglicht. Dieser steht den Spaniern im rechten Moment bei. Und so ist es auch kein Problem, den Gegner als »höllisch« und inkaische Tempel als »Moschee« zu bezeichnen. Die Indianer sind in der Sicht der Spanier wie die Moslems und die Juden Teufelsverehrer, weswegen man auch negative Darstellungen von Juden aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert auf Amerika umgedeutet findet.

Für Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts bestand eine Parallelität zwischen Heiden- und Türkenkampf. Das bedeutet, dass die Eroberer ein Motiv aus Europa nach Amerika, Asien oder Afrika übertrugen und dieses Bild die Vorstellung in Europa prägte.

Die Sicht des »Türken«

Kaum ein Ereignis, ausgenommen der Reformation, hatte in der Frühzeit der Medienrevolution mehr Aufmerksamkeit erzielt, als der Vormarsch der Osmanen am Anfang des 16. Jahrhunderts. Im Zentrum der vielen Flugblätter und Darstellungen stand stereotyp die angebliche Grausamkeit der »Türken«. Wertende negative Bewertungen für die Christen wurden indes vermieden. Elemente der christlichen hemmungslosen Gewalt mussten umgedreht und in dieser Mediengruppe allein dem osmanischen Gegner zugewiesen werden, um einen neuen Sinnzusammenhang zu stiften. Obwohl die Osmanen aber bei ihren Feldzügen meist siegreich waren, setzte sich ihre Sicht der Dinge nicht durch. Der osmanischen Seite stand aufgrund des muslimischen Verbots, Lebewesen abzubilden, der Buchdruck oder das Flugblatt als Erinnerungsmedium nur eingeschränkt zur Verfügung. Allein gemalte Handschriften konnten die osmanische Sicht des Ereignisses fassen, die daher kaum Verbreitung fand. Die Handschriften waren allein für einen sehr privaten und im Gegensatz zum Druck nicht für den öffentlichen Raum bestimmt. Der Vergleich mit der ebenfalls als Handschrift vorliegenden Darstellung des Guaman Poma bewegt sich auf der gleichen Ebene.

Insgesamt werden die Osmanen in der Druckgraphik oft als grausam, nie aber als Barbaren oder als Unzivilisierte dargestellt, was auch vizeversa nicht geschieht. Diese Beobachtung hat auch Almut Höfert für die Gattung Text hervorgehoben und darauf verwiesen, dass man die Osmanen zwar als Boten des Antichristen, nie aber als »nicht menschliche« Wesen betrachtet habe, während man in gelehrten Kreisen umfassend die Frage diskutierte, ob die Indigenen in Afrika und Amerika denn Menschen seien.

John Derricke: Image of Irelande

Es wird darüber diskutiert, ob die englische Politik in Irland das Verhalten einer Kolonialmacht war. Manches spricht dafür, nämlich dass man in den Iren ebenfalls unzivilisierte Wilde sah, die missioniert und zivilisiert werden mussten und denen man mit Militär und einer importierten Verwaltung auf die Beine zu helfen hatte. Dagegen spricht, dass Irland als europäisch katholisches Land in den gleichen Werte- und Traditionskanon wie England eingebaut war und daher nie die gleichen Erfahrungen wie Länder in Afrika zu machen hatte. In Bezug auf das hier angesprochene Thema des fabrizierten Bildes passt aber auch Irland in das Schema der wichtigen Beobachtungen. Denn wie in Amerika, wurde die Sicht von außen allein von der siegreichen englischen Seite geprägt, da die orale irisch-gälische Tradition der englischen schriftlichen und bildlichen ebenfalls kein adäquates Medium entgegen zu setzen hatte. Die 1581 erschienenen Stiche des Engländers John Derricke waren zur Illustration der englischen Feldzüge in Irland 1570 gedacht. Auch hier erfolgte, wie in den Stichen von der Begegnung in Cajamarca, die stete Gegenüberstellung von Unordnung und Ordnung, von gepflegt und ungepflegt, von Ritterlichkeit und Verschlagenheit. Ziel ist daher nicht nur aus englischem, sondern letztlich aus zivilisatorischem Gesamtinteresse, die Unterwerfung. Und auch in diesem Bilderzyklus findet sich der Kulturvermittler. Wie Felipe tritt uns ein Bote als Wesen zwischen zwei Welten entgegen, also nicht nur zwischen Irland und England, sondern auch zwischen der auf oraler Tradition und der auf schriftlicher Tradition fußenden Gesellschaften.

Hinzu kommt, dass, wenn auch mit deutlichen graduellen Unterschieden, Sprache und Zeremoniell bei der Phase der Unterwerfung von zentraler Bedeutung sind. Mehr als bei Columbus, und das gilt besonders auch für Hernán Cortés, haben die Eroberer zunächst mit dem vorhandenen System zu kooperieren und deren Sprache und Zeichen zu verwenden. Die Begegnung in Cajamarca zwischen Pizarro und Atahualpa ist aber auch gleichzeitig ein Beispiel für das Misstrauen durch das Nicht-Verstehen des Sprache, dass sich später auch in den verschiedenen Berichten, sei es von Cortés, oder für Peru durch Titu Kusi Yupanki, bzw. durch Anhänger von Pizarro, niederschlug.

Diese Sicht des Fremden durch Berichte und Bilder, die nicht überprüft wurden oder nicht überprüft werden konnten, finden sich die ganze Neuzeit hindurch und prägen teilweise die Situation bis heute. In Zeitungen des 17. und 18. Jahrhunderts wurden Vorstellungen durch Texte transportiert. Im 19. Jahrhundert kamen dann in den Zeitungen, wie beispielsweise in der Leipziger »Illustrierten Zeitung« oder der »London Illustrated News«, Illustrationen in Gestalt von Holz- und Stahlstichen, ab der Mitte des Jahrhunderts häufig nach Fotovorlagen, hinzu. Auch bei Missionszeitungen griff man auf Fotos zurück, war man doch auf Spenden angewiesen und wollte man einerseits den Erfolg bei der »Zivilisierungsmission«, andererseits aber die Notwendigkeit zeigen, weiter tätig zu bleiben. Daher musste bildlich verdeutlicht werden, für was die zu spendenden Mittel verwandt werden sollten. Selbstverständlich betraute man europäische Künstler mit der Bildumsetzung, da die Rezipienten ein Bild erhalten sollten, das dem vorgeprägten entsprach,. Als die Fotografie erfunden wurde, waren Fotografen, die auch die negativen Seiten der Kolonialisierung vor Ort aufnahmen, wie der Italiener Felice Beato, der auch getötete Inder nach dem Aufstand gegen die Engländer fotografierte, eher eine Seltenheit. Ebenso selten blieben aber auch einheimische Fotografen oder Maler, denen es ermöglicht wurde, in ihrem Herkunftsland Aufnahmen zu machen und diese auch zu veröffentlichen. Ein Beispiel ist der Javaner Cassian Cephas, der im Dienst des Sultans von Yogyakarta stand und das Hofleben festhielt.

Es war der Regelfall, dass Aufnahmen in den Kolonien von »Eingeborenen« inszeniert wurden: Im Studio konnte man eine »Wirklichkeit« aufbauen, wie sie in Europa erwartet wurde. Sorgsam wurden die Kostüme aus dem Kostümfundus festgelegt. Selbst wenn vor Ort fotografiert wurde, so ordnete man die zu Fotografierenden so, dass die gewünschte Aussage erreicht wurde. Stand bei der kolonialen Fotografie in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts das Abnormale, das Außergewöhnliche im Vordergrund, so begann man ab den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts eher zu versuchen, die Ethnien des eigenen Kolonialreiches abzubilden und diese gleichsam der heimischen Bevölkerung in Aufnahmen vorzustellen. Es sollte eine Solidarität des Mutterlandes mit den Kolonien über das Medium Bild hergestellt werden. Dies geschah besonders über die Postkarte. Dabei war Deutschland bei der Produktion von 145 Millionen Postkarten jährlich vor dem ersten Weltkrieg führend. Allein 1907 erschienen über 300 Millionen Postkarten, also fast eine Million täglich. Dies macht die nachhaltige Prägung, die durch diese Druckwerke erfolgte, gut deutlich.

Durch die Texte und Bilder wurden Zuschreibungen vorgenommen, die entweder durch das Kunstwerk selbst oder in Zusammenhang mit dem Begleittext erfolgten. So entstand dort, wo man keine Kenntnis der tatsächlichen Situation hatte, eine konstruierte »Wirklichkeit«. Die christlichen Europäer fanden die in ihren Bildern oder Texten wiedergegebenen Ansichten im überseeischen Bereich nur bestätigt. Diese Sichtweise prägte dann aber nicht nur die Europäer in Europa, sondern auch diejenigen, die nach Übersee gingen und meist das, was sie aufgrund ihrer vorherigen Bildung und Kenntnis mitbrachten, auch vor Ort sahen.

Mythen und Sagen wurden von den Europäern nach Übersee mitgenommen. Daher bestand auch für Kolumbus, als er in der Karibik landete, kein Zweifel, dass er hier Kannibalen antreffen würde. Diese Vorstellung wurde bereitwillig von vielen Verfassern übernommen, wie wir es auch in den ersten wichtigen Berichten von deutschen »Conquistadoren«, wie Ulrich Schmidl oder Hans von Staden finden. Zwar kennt man rituelle Menschenopfer bei amerikanischen indigenen Kulturen, für das Verzehren von Menschenfleisch aber gibt es keine Belege. Dennoch hielt sich diese Sicht beharrlich und wurde mit der weiteren Expansion der Europäer auch weiter in der Welt verbreitet. Als man Ende des 18. Jahrhunderts in die Südsee vordrang, glaubte man dort genauso auf Kannibalen zu stoßen, wie im 19. Jahrhundert in Afrika oder in der Südsee.

Wie abhängig solche Berichte von der Sichtweise und dem Erfahrungshintergrund sind, mag ein Bericht aus dem 15. Jahrhundert zeigen, indem nämlich die Bewohner der Gegend um die Gambia-Mündung in Afrika umgekehrt mit der gleichen Selbstverständlichkeit annehmen, die Europäer seien Menschenfresser:

»Ihre [d.h. der Bewohner von Gambia] Antwort war, sie wüssten über uns Bescheid, z. B. wie wir mit den Negern des Senegal umgegangen seien und da ihnen bekannt sei, dass wir Christen Menschenfleisch äßen und Neger wegen des Fleisches kauften, könnten nur schlechte Menschen mit uns Freundschaft wollen; daher gäbe es keine mit uns und sie würden uns alle töten und alles, was uns gehörte, ihrem Herrn zum Geschenk machen, der sich drei Tage von hier aufhalte und das hier sei das Land Gambra und der Fluß sei sehr groß; sie nannten auch seinen Namen, aber ich habe ihn vergessen. In diesem Augenblick frischte der Wind auf und wir, die wir ihre bösen Absichten erfahren hatten, segelten in sie hinein und sie flohen ans Ufer und damit war der Krieg mit ihnen vorbei.« (1455, nach Alvise da Ca’da Mosto, DGEE 302f.)

Mit dem Kolonialismus sollte sich jedoch die Sicht der Europäer durchsetzen. Sie konnten ihre Mythen als Wahrheit verteidigen, und auch in der Bildtradition waren die Beziehungen nicht gleichrangig, sondern lagen auf verschiedenen Ebenen. Der Religion kam für die Rechtfertigung eine herausragende Bedeutung zu, wobei es zum Transport überlieferter Stereotypen kam. Dabei lässt sich in zeitgenössischer Sicht jedoch nicht das Gegensatzpaar zivilisierte Europäer versus unzivilisierte Außereuropäer bilden, sondern es gilt eine genaue Feinabstimmung zu bedenken (Antagonismusnarrativ). Unterschiedliche Rechtsnormen (requerimiento), Gewaltformen und religiöse Ausprägungen waren für den Kulturkontakt entscheidend (Bedeutung des Übersetzers als Kulturübermittler). Dies macht auch verständlich, warum es in Reiseberichten aus Übersee zu einer häufigen Verwendung des Begriffs »Ding« kam und dementsprechend in den Berichten aus der neuen Welt Bewohner neben Dingen auftauchen. Denn vielfach werden Menschen beiläufig neben der Landschaft und den Tieren erwähnt und letztlich auf die gleiche Stufe gestellt.

Natürlich wurde aber andererseits auch im außereuropäischen Bereich auf die Europäer herabgesehen, wie dies z.B. in China noch im 19. Jahrhundert der Fall war:

»Die Chinesen nennen gewöhnlich die Europäer ›Barbaren’ und halten sie für solche; mit dem Ausdruck meinen sie ›Völker in einem rohen, unzivilisierten Zustand, moralisch und geistig unkultiviert’ (…) Diejenigen Chinesen, die unmittelbare Gelegenheit hatten, etwas von unseren Sitten und unserer Kultur zu erfahren – sie mögen, in allen fünf Vertragshäfen zusammen fünf oder sechstausend zählen gegenüber 360 Millionen – halten uns meist in Moral und geistiger Kultur für tiefer stehend als ihr Volk. Was die anlangt, die keine solche Gelegenheit hatten, so kann ich mich nicht auf das Gespräch mit einem einzigen besinnen – und ich habe mit vielen gesprochen –, dessen Vorstellungen von uns nicht analog zu denen gewesen wäre, die wir von Wilden haben. Die Chinesen sind stets überrascht – um nicht zu sagen erstaunt – zu hören, dass wir Familiennamen haben, und in der Familie die Unterscheidung von Vater, Bruder, Frau, Schwester, usw. verstehen; kurz gesagt, dass wir anders als eine Viehherde leben (…)« (Dolmetscher Thomas Taylor Meadows 1852, GiQ 535).

Stets müssen wir uns also bei der Betrachtung der Kolonialgeschichte über die Konstruktion von Geschichte bewusst sein. Standortgebundenheit und Traditionshintergrund spielten in Darstellung und Sichtweise mit hinein und lassen ein jeweils unterschiedliches Bild entstehen. Es finden sich, wie es ja auch Jan Assman hervorgehoben hat, verschiedene »Wahrheiten«, geprägt zudem durch verschiedene Bildtraditionen, in unserem Gedächtnis.

5. Afrika und Asien

Die Expansion nach Übersee setzte, wie in Kapitel 3 aufgezeigt, im 15. Jahrhundert ein. Um diese nach Osten wie Westen ausgreifende Expansion in der Frühen Neuzeit besser verstehen zu können und nicht von einem Weltteil zum anderen springen zu müssen, erfolgt die Darstellung der Frühen Neuzeit gegliedert nach Erdteilen, wobei Afrika und Asien am Anfang stehen, da die portugiesische Expansion Richtung Osten am Anfang des globalen kolonialen Ausgriffes stand.

Für eine koloniale Expansion benötigte man gute Seefahrer und die notwendige finanzielle wie logistische Infrastruktur, die neben den Mittelmeeranrainern nur noch Portugal und später England und die Niederlande mitbrachten. Da Spanien aber durch Alcáçovas von der Expansion um Afrika herum ausgeschlossen war, bestimmten vornehmlich Portugal, die Niederlande und England die Kolonialgeschichte Afrikas und Asiens.

Die portugiesische Expansion in Afrika, Indien und Asien

Es waren portugiesische Entdecker, die an die Expeditionserfolge des 14. und 15. Jahrhunderts anschließen konnten und den Seeweg nach Asien fanden.

Die erste Schiffspassage nach Indien gelang Vasco da Gama. Am 3. August 1497 fuhr er von den Kapverdischen Inseln unter Ausnutzung des Passats mit vier Karavellen Richtung Süden und erreichte nach drei Monaten, ohne an Land zu gehen, die Küste Südwestafrikas. Schon diese Fahrt ohne Landberührung war etwas noch nicht da Gewesenes und zeugt von der Risikobereitschaft des Seefahrers. Es war ihm bewusst, dass er weiter reisen musste, als 1488 Bartolomeu Dias (1450-1500) gekommen war. Dieser hatte es zwar als erster Europäer fertig gebracht, das Cabo de Boa Esperanza, das Kap der Guten Hoffnung, zu umschiffen, musste jedoch wegen der widrigen Wetterverhältnisse umkehren.

Nach einer schwierigen Umrundung konnte da Gama nun das, was Dias nicht geglückt war, verwirklichen: An der Ostküste Afrikas entlang gelang es den Europäern durch die Hilfe eines an Bord genommenen Lotsen aus Malindi, am 20. Mai 1498 den indischen Gewürzhafen Kalikut (Kozkikode) zu erreichen.

Bei seiner Landung im heutigen Mosambik hatte sich Gama nach der Lage des Reiches des Priesterkönigs Johannes erkundigt und erfahren »... dass der Erzpriester Johannes nicht weit von dort wohnt, und dass er viele Städte längs des Meeres hat, und dass die Bewohner selbiger Städte große Kaufleute sind und große Schiffe besitzen, dass aber der Erzpriester Johannes weit drinnen im Lande wohnt, und dass man dorthin nur auf Kamelen kommen kann.«

Als die portugiesischen Seeleute in Kalikut ankamen, war ihnen die Suche nach Christen wie die nach Gewürzen wichtig. Im Bericht von da Gama wird deutlich, wie den Portugiesen daran gelegen war, auf Christen in Afrika und Indien zu stoßen. Andererseits waren sich die Muslime in Indien der Bedrohung, die von der christlichen Expansion ausging, bewusst. Sie kannten aber auch die Konkurrenz der europäischen Kolonialmächte, die Gama herunterzuspielen versuchte.

»Wir warfen längs der Küste Anker, ungefähr anderthalb Leguas [9 km] vom Lande entfernt. Und nachdem wir so vor Anker lagen, kamen vom Lande vier Barken auf uns zu, und selbige kamen, um zu erfahren, wer wir wären, und nannten und zeigten uns Kalikut. Und desgleichen am anderen Tage kamen wieder selbige Barken zu unseren Schiffen, und der Kommandant schickte einen der Verbannten nach Kalikut, und die, mit denen er fuhr, führten ihn hin, wo zwei Mauren von Tunis wohnten, die kastilianisch und genuesisch sprechen konnten, und der erste Gruß, dem sie ihm zuriefen, war der: »Hol dich der Teufel! Wer hat dich hierher gebracht?« Und sie fragten, was wir so weit in der Ferne suchten, und er antwortete ihnen: ›Wir kommen Christen und Gewürze suchen.’ Sie sagten zu ihm: ›Warum schickt der König von Kastilien nicht her und der König von Frankreich und die Signoria von Venedig?’ Und er gab ihnen zur Antwort, dass der König von Portugal es nicht leiden wolle, dass sie herschickten, und sie sagten, dass er gut daran täte. Dann bewirteten sie ihn und gaben ihm Weizenbrot mit Honig zu essen. (…)« (Vasco da Gama 1498, GiQ 3, 53)

Als 1499 die erste Gewürzladung in Lissabon auf demselben Weg anlangte, eröffnete sich für die portugiesischen Kaufleute ein neuer Handelsraum und für den portugiesischen König ein neuer Herrschaftsraum. König Johann nannte sich nun: König von Portugal und der Algarve, Herr von Guinea und der Eroberung, der Schifffahrt und des Handels von Äthiopien, Arabien, Persien und Indien.

Äthiopien hatte man in die Titulatur einbezogen, weil es 1488 Pêro da Covilhã und Afonso da Paiva als Muslime verkleidet geglückt war, von Ägypten aus über Land bis an die Malabaküste in Indien zu gelangen und auf dem Rückweg über Äthiopien zurückzukehren. Zwar waren die Portugiesen zunächst enttäuscht, dass der »Priesterkönig Johannes« nicht mehr Macht hatte, doch hielten sich an ihrem Plan fest, mit seiner Hilfe die muslimische Welt in eine Zange zu nehmen. Künftig sollte der Herrscher des Landes, welches man als »Goldland Ophir« verstand, ein portugiesischer Verbündeter sein. In der Instruktion für den ersten portugiesischen Gesandten an den äthiopischen Königshof 1520 wird zweierlei deutlich: Zunächst kann man sehen, wie sich die Portugiesen eine Unterstützung im Kampf gegen muslimische Reiche erwarteten. Dass man daher besonders an einen Vorstoß gegen Kairo dachte, hängt damit zusammen, dass ja besonders die arabischen Händler, die an der Mittelmeerküste saßen, als Konkurrenz ausgeschaltet werden sollten. Andererseits kann man dem Text aber auch anschaulich entnehmen, wie die Portugiesen sehr vorsichtig und unter Beachtung der religiösen Bräuche Verhandlungen führten, wenn ihnen dies nützlich erschien.

»1. Zunächst ermahne ich Euch, unseren [religiösen] Bräuchen stets zu folgen und die Bräuche der Eingeborenen zu respektieren, da es hier keine allzu großen Unterschiede geben dürfte. Und was unsere oder ihre Bräuche betrifft, so sollt Ihr Euch mit ihnen in keine Diskussionen einlassen oder Auseinandersetzungen vom Zaun brechen. Dies gilt auch für alle anderen Angelegenheiten...

3. (…) Und Ihr sollt ihm berichten, wie die Könige von Portugal unablässig gegen die Mauren gekämpft und viele Städte in Afrika mit Waffengewalt eingenommen hätten. (…) Und schließlich sollt Ihr ihm von der Entdeckung Indiens berichten...

6. Ihr sollt, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt, beim Erzpriester in Erfahrung bringen, wie viele Männer er dem König, meinem Herrn, zur Eroberung von Kairo zur Verfügung zu stellen vorbereitet ist und was er uns gegebenenfalls an Lebensmitteln liefern könnte.« (DGEE 2, 219f)

Das vordringliche Interesse der Portugiesen war mehr noch als eine Zusammenarbeit mit dem äthiopischen König, einerseits die Route durch weitere Stützpunkte auf dem Weg zu sichern, andererseits aber auch viele neue Handelspunkte zu errichten. Durch Handelsstützpunkte konnten die Europäer ein Netz von Verbindungen für den Einkauf von Gewürzen errichten, vor allem Pfeffer, Zimt, Muskat und Gewürznelken. Während der Pfeffer aus Sumatra und dem Hinterland der Malabarküste kam, stammten der Muskat von den Banda-Inseln, die Nelken von den Molukken und der Zimt aus Ceylon. Die Molukken, auch »Gewürzinseln« genannt und zwischen Sulawesi (Celebes) und Neu Guinea gelegen, wurden zum Hauptproduktionsstandort. Dabei waren die Portugiesen zunächst im Indischen Ozean nur Händler unter anderen Händlern, keinesfalls dominierende Kolonialherren. Der Handel lag bis dahin nämlich vornehmlich in den Händen arabischer oder nordindischer Kaufleute. Diese transportierten die Gewürze nach Djiddah im Roten Meer und von dort aus nordwärts nach Alexandria, den Mittelmeerhäfen, wo die Ware dann an die Italiener verkauft wurde. Die enormen Zölle und die Monopolsituation hatten bisher die Gewürze sehr teuer werden lassen. Dies sollte sich nun ändern, denn die Portugiesen strebten ein eigenes Monopol an. Daher richtete die Krone 1500 dauerhaft einen Vizekönig in Übersee ein und legte dort eine Reihe von Stützpunkten an. Damit war die Grundlage geschaffen, um die eigene Position weiter auszubauen und gewaltsam gegen die einheimischen Händler vorzugehen.

Unter der Amtszeit des Vizekönigs Afonso de Albuquerque (1509-1515) wurde die portugiesische Position durch verschiedene Maßnahmen gestärkt. Das wichtigste war zunächst die Sicherung der Versorgungsroute entlang der ostafrikanischen Küste. Diese war auch wegen des Goldvorkommens von Bedeutung, welches man für die Zahlungen brauchte. Dann wurden in schneller Folge Sansibar 1503 und Hormuz 1507-1515 erobert, während Aden erst 1524 folgte, nachdem der erste Versuch 1513 gescheitert war. Es gelang auch die Sicherung Indiens durch die Einnahme von Kalikut und Goa 1510. Dies schaffte die Grundlage für ein weiteres Ausgreifen, so 1511 nach Malakka, 1520 nach Timor und 1514 sogar nach China. 1557 konnte Portugal in Macao gegen Zahlung einer Grundrente eine Niederlassung eröffnen, die 1583 genehmigt wurde und erst 1999, also später noch als Hongkong, an China zurückgegeben wurde. Die Krone schritt noch weiter voran, als sie 1544 in Nagasaki den ersten Stützpunkt in Japan einrichten konnte. Der entscheidende Erfolg des Stützpunktaufbaues blieb jedoch, dass die Portugiesen die Straße von Malakka kontrollieren und somit an den Zöllen verdienen konnten.

Weniger erfolgreich war Portugal hingegen bei der Sicherung des Roten Meeres: Denn nach dem Sieg der Osmanen über das Mamelukenreich 1517 wehrten die neuen Herren in Ägypten die Expansion der Christen im Süden ab. Dabei drehte es sich um Handelsinteressen, religiöse Motivation und Legitimität. Besonders der letzte Punkt war den Osmanen wichtig. Durch die Eroberung der Heiligen Stätten in Mekka und Medina konnte der Osmanische Sultan einen enormen Legitimitäts- und Prestigezuwachs verbuchen, den er auch sogleich seinem Titel hinzufügte. Andererseits war die Duldung von Ungläubigen dem »Bewahrer der Heiligen Stätten« unmöglich, da er eben diese auch gegen christliche Flotten schützen musste. 1538 stieß eine osmanische Flotte gegen die Portugiesen vor, die diese zwar nicht ganz verdrängen konnte, weil sich Portugal mit dem islamischen Feind der Osmanen, den Persern arrangiert hatte, doch das Rote Meer blieb den Portugiesen als Handelsweg verschlossen.

Für Portugal kam als nächste schlechte Nachricht hinzu, dass von Osten die Spanier als Bedrohung auftauchten. Dabei war es für die Portugiesen besonders schmerzhaft, dass diese erste Umsegelung der Welt von dem Portugiesen Fernão de Magalhães, spanisch Fernando de Magellán, im Dienst der Krone Kastiliens geführt wurde. Die spanische Expedition gelangte 1521 an der Südspitze durch die nach ihm benannte Magellanstraße um Südamerika herum bis zur Molukkeninsel Tidore, welche im portugiesischen Einflussbereich lag. Es war Glück für die Portugiesen, dass dies einen overstretch für die Spanier darstellte, da die Entfernung nach Mexiko zu weit war und die kastilische Krone keine Besitzungen in Asien hatte. Daher wurde das Gebiet an Portugal verkauft, und Spanien behielt später nur die Philippinen, die freilich von Mexiko aus verwaltet wurden.

Besonders interessant aber sollte nun bald die Option werden, welche sich durch den Erwerb Macaos von China ergeben hatte. Damit konnte Portugal auch in den Markt mit Japan einsteigen. In Japan zog die Oberschicht die chinesische Seide der eigenen vor, dafür bestand in China ein Bedarf nach Silber aus Japan. Hier waren die Portugiesen seit 1544 aktiv, besonders in Nagasaki, wo der Fürst den Portugiesen den Handel gestattet hatte. Japan war durch innere Unruhen gespalten und daher schlossen sich die ausländischen Mächte, um die eigene Position zu sichern, an einflussreiche Adelige an. Das Interesse dieser japanischen Adeligen bestand zwar darin, eine zu starke Zentralgewalt zu verhindern, sie wollten sich aber keinesfalls der Herrschaft einer europäischen Macht unterstellen. Als die Spanier 1565 die Philippinen eroberten, wurde die europäische Präsenz auch in Japan zunehmend als Bedrohung empfunden. Da die japanische Oberschicht ab 1600 mit den Niederländern und den Engländern zusammenarbeiten konnte, integrierte man diese Konkurrenten der Portugiesen in das eigene Handelskonzept.

Die Portugiesen bauten derweil ihre Stützpunkte als kleine Kolonien aus, gelegentlich auch mit Landbesitz, wie auf Ceylon, der Indischen Westküste oder auf Zambesi. Wichtig für die Gesamtverwaltung war besonders Goa, wo ein Vizekönig residierte, der auch für die Entstehung der umfangreichen Überlieferung, wie wir sie heute im Corpo Cronologico im Torre do Tombo in Lissabon finden, verantwortlich war. Um den obersten Kolonialbeamten nicht zu mächtig werden zu lassen, betrug die Amtszeit des Vizekönigs lediglich drei Jahre, und zudem richtete man neben dem Staatsrat (Conselho da India, ab 1563) auch noch untergeordnete Posten ein. Die »Oberkapitäne« (capitão mor), Kapitäne (Capitão) und »Oberfeldwebel« (sarganto mor) waren für die Verwaltung und Kontrolle der Wirtschaft und der Militärangelegenheiten, Faktoren (feitor) für den Handel und Richter (ouvidor) für die Rechtspflege zuständig. Nur größere Siedlungen wie Macao und Goa wurden mit Stadtrecht ausgestattet. Goa wurde 1543 Bistum, 1557/58 Metropolitanbistum. Ähnlich wie in Neuspanien kam mit der Kirche auch die Inquisition in diese Zentren, die hier auf die Reinheit der Lehre zu achten hatte.

Eine Sonderrolle spielten jene wichtigen Gebiete, welche die Krone nur unvollständig kontrollierte. In diesen Teilen des Kolonialreiches war man zu Zugeständnissen gezwungen. Während König Manuel 1496 alle Juden in Portugal auf Druck Kastiliens ausgewiesen hatte und die Inquisition über die Reinheit der Lehre wachte, konnte man die Glaubenseinheit in Übersee nicht herstellen. Hier ordnete Portugal vielfach Dogmen pragmatisch Wirtschaftsinteressen unter. In Übersee arbeitete die Kolonialverwaltung selbstverständlich mit den islamischen Kaufleuten und der muslimischen Mehrheit zusammen, da die Zahl der Portugiesen gering war. Doch nicht nur auf religiösem Gebiet, sondern auch bei der Machtsicherung griff das kleine Portugal zu unorthodoxen Methoden. Um auf den Molukken und in der wichtigen Straße von Malakka die Kontrolle zu behalten, erlaubte die Krone piratenähnliche Methoden: Nur mit Pässen konnten Schiffe sicher die Straße passieren, sonst wurden sie von portugiesischen Patrouillen zerstört. Dies brachte Geld und stellte sicher, dass niemand sonst hier umfangreichen Handel trieb, was bis zur Ankunft der Niederländer auch so blieb. Diese Haltung zahlte sich insofern aus, als Zölle im 16. Jahrhundert ungefähr 65 % der Gesamteinnahmen Portugals ausmachten.

Am wichtigsten für den handelspolitischen Erfolg der Portugiesen war aber der internationale Handel, die »Straße von Indien« (Carreira da India). Die Portugiesen betrieben nämlich nicht nur Handel mit Europa, sondern fügten sich in das asiatische System ein und nahmen damit am innerasiatischen Handel mit großen Gewinnspannen teil. Wie Wolfgang Reinhard gezeigt hat, kostete ein Bahar Nelken (273 kg) auf den Molukken 1-2 Cruzados, in Malakka bereits 9-14 und an der indischen Malabarküste 30-42. Gefärbte Seidenstoffe aus China konnten von den Portugiesen für das vierfache in Japan gegen Gold, Silber und Kupfer verkauft werden. Ebenso begehrt waren Silber oder Pferde aus Persien. Jährlich fuhren so vier bis acht Schiffe von je 400-2000 Tonnen von Lissabon in die »Indias«. Während die portugiesischen Händler Personal und Kapital mitbrachten, nahmen sie Gewürze und Stoffe zum Weiterhandel auf und transportierten bei der Rückfahrt nach Lissabon Pfeffer, Edelgewürze, Indigo, Salpeter, Harthölzer zurück. Diese Fahrten dauerten mit viereinhalb bis neun Monaten nicht nur sehr lange, sondern waren auch sehr risikoreich. Meist verstarb die Hälfte der Mannschaft, während der Verlust an Schiffen nur 10-20 % betrug. Diese Einbußen konnten jedoch ausgeglichen werden, da der Rohgewinn von 152 % nach Abzug der Kosten immerhin noch 88 % Reingewinn erbrachte.

Der Handel lag in den Händen von Privatfirmen, die an die Krone 5 % Zoll (Quinto) abzugeben hatten. Daher waren neben den Portugiesen auch die großen italienischen Handelshäuser, ebenso die deutschen Handelsmagnaten Welser und Fugger aus Augsburg und die Vöhlin aus Memmingen vertreten. Nach dem Preisverfall des Pfeffers im Jahre 1506 hatte die Krone zwar ein Monopol für den Gewürzhandel eingeführt, doch blieb der Handel aller anderen Produkte in Privathand.

Der Niedergang des portugiesischen Kolonialreiches kam plötzlich von außen. Als der portugiesische König Dom Sebastião ohne Thronerben bei einem Kreuzzug in Nordafrika 1578 fiel, ging Portugal aufgrund der Verwandtschaftsbeziehungen an König Philipp II. von Spanien. Damit war Portugal voll in das spanische System, aber natürlich auch in die spanischen Frontstellungen, eingebunden. Und die wichtigsten Gegner Spaniens in der Zeit Philipps II. waren England und die Niederlande, jene beiden Länder die auf dem Sprung waren, große Kolonialmächte zu werden.

Бесплатный фрагмент закончился.

404,85 ₽
Возрастное ограничение:
18+
Объем:
401 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783843800389
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги