Читать книгу: «Anne auf Green Gables»

Gute Sterne leuchteten dir bei deiner Geburt,Schenkten dir Geist und von beidem: Feuer und Tau.
Elizabeth Barrett Browning
Mrs Rachel Lynde erfährt eine Neuigkeit
Mrs Rachel Lyndes Haus stand dort, wo die von Erlen und Fuchsien gesäumte Hauptstraße von Avonlea durch eine kleine Senke führte. Quer durch diese Talmulde lief ein Bach. Seine Quelle lag weit entfernt in den Wäldern der alten Cuthbert-Farm und es hieß, dort sei er noch ein ziemlich wilder, verzweigter Fluss mit geheimnisvollen Seen und Wasserfällen. Hier vor Lynde’s Hollow war er jedoch schon ganz zahm, denn selbst ein Bach konnte nicht einfach so an Mrs Rachel Lyndes Haustür vorbeifließen, ohne den gebührenden Anstand zu wahren. Mrs Rachels scharfen Augen entging nämlich nichts, was dort vorbeikam – bei Bächen und Kindern angefangen. Und sollte sie irgendetwas Merkwürdiges oder Störendes bemerken, würde sie weder ruhen noch rasten, bis sie die Ursache beseitigt hatte.
Nun gibt es ja eine Menge Leute – in Avonlea ebenso wie anderswo –, die für die Angelegenheiten ihrer Nachbarn mehr Interesse aufbringen als für ihre eigenen. Mrs Rachel dagegen besaß die außergewöhnliche Fähigkeit, ihr eigenes Leben und das ihrer Mitmenschen gleichermaßen gut im Griff zu haben. Sie war eine ausgezeichnete Hausfrau; alle anfallenden Arbeiten erledigte sie immer vorbildlich. Außerdem stand sie dem wöchentlichen Nähkreis vor, half in der Sonntagsschule aus und galt als wichtigste Stütze des kirchlichen Hilfswerks und des Fördervereins der Auslandsmission. Doch trotz all dieser Pflichten fand Mrs Rachel immer noch genug Zeit, stundenlang an ihrem Küchenfenster zu sitzen und Baumwolldecken zu stricken – sechzehn an der Zahl hatte sie schon fertiggestellt, wie die anderen Hausfrauen in Avonlea mit ehrfürchtiger Stimme zu berichten wussten. Während sie dort saß, hielt sie ein wachsames Auge auf die Hauptstraße, die hinunter in die Senke führte und sich dann den steilen rötlichen Hügel hinaufschlängelte. Da Avonlea auf einer kleinen dreieckigen Halbinsel lag, die in den St.-Lorenz-Golf hinausragte, musste jeder, der in den Ort fuhr oder ihn verlassen wollte, diese Straße benutzen und sich dem Scharfblick von Mrs Rachel aussetzen.
Eines Nachmittags saß sie wie gewohnt an ihrem Platz. Es war Anfang Juni, das warme Sonnenlicht fiel hell durch die Fensterscheiben. Der Obstgarten am Hang unterhalb des Hauses stand in voller Blüte und ein Heer von Bienen summte über der weiß-rosa Pracht. Thomas Lynde, ein sanftmütiger kleiner Mann, den die Leute in Avonlea nur »den Mann von Rachel Lynde« nannten, säte gerade Spätrüben auf dem hügeligen Feld hinter der Scheune. Auf seinem Feld drüben bei Green Gables hätte Matthew Cuthbert heute eigentlich das Gleiche tun müssen. Mrs Rachel war sich da ganz sicher, denn sie hatte am Abend vorher gehört, wie er drüben in Carmody in William J. Blairs Laden Peter Morrison erzählte, er wolle sich am nächsten Nachmittag an die Rübensaat machen. Natürlich hatte Peter ihn erst danach fragen müssen: Matthew Cuthbert war ja in seinem ganzen Leben noch nie freiwillig mit irgendetwas herausgerückt.
Nichtsdestotrotz fuhr Matthew Cuthbert um halb drei Uhr nachmittags in aller Seelenruhe durch die Talmulde den Hügel hinauf! Und nicht nur das: Er trug einen weißen Kragen und seinen Sonntagsanzug – ein eindeutiger Beweis dafür, dass er Avonlea verlassen wollte. Außerdem hatte er die braune Stute vor den Wagen gespannt, also hatte er eine längere Fahrt vor sich. Aber wohin wollte er? Und wozu?
Bei jedem anderen Einwohner von Avonlea hätte Mrs Rachel durch geschicktes Kombinieren bald eine einigermaßen plausible Antwort auf beide Fragen gefunden. Aber Matthew verließ den Ort so selten, dass schon etwas sehr Dringendes und Ungewöhnliches dahinterstecken musste. Er war der schüchternste Mensch, den man sich vorstellen konnte und er hasste es, sich unter fremden Leuten zu bewegen, wo er vielleicht sogar etwas sagen musste. Matthew Cuthbert mit weißem Kragen auf seinem Einspänner – das war schon ein äußerst seltener Anblick! Sosehr sie auch nachdachte – Mrs Rachel konnte sich keinen Reim darauf machen und ihr Nachmittagsvergnügen war ihr nun gründlich verdorben.
»Ich werde nach dem Tee nach Green Gables hinübergehen und Marilla fragen, was da los ist«, nahm sich die wackere Frau schließlich vor. »Er fährt ja sonst um diese Jahreszeit nicht in die Stadt und ich wüsste nicht, wann er jemals Besuche gemacht hätte. Hm … Wäre ihm der Rübensamen ausgegangen, dann würde er doch nicht in vollstem Sonntagsstaat losfahren, um neuen zu holen, und für den Doktor fuhr er wiederum nicht schnell genug. Irgendetwas muss passiert sein – jawohl! Und ich habe keine Minute Ruhe, bevor ich nicht weiß, was dieser Mann im Schilde führt.«
So verließ Mrs Rachel nach dem Tee das Haus. Sie hatte es nicht weit, denn das große, von weiten Obstgärten umgebene Haus der Geschwister Cuthbert lag nur eine knappe Viertelmeile von Lynde’s Hollow entfernt. Ein von wilden Rosen umsäumter Hohlweg führte dorthin. Green Gables lag ein gutes Stück abseits der Hauptstraße, an die sich die anderen Häuser Avonleas reihten. Matthews Vater, der nicht weniger scheu gewesen war als sein Sohn, hatte diesen abgelegenen Ort gewählt, als er das Haus erbaute.
»Kein Wunder, dass Marilla und Matthew so eigen sind. Hier sind sie ja von jeder Menschenseele abgeschnitten. Na ja, wer weiß, ob sie wirklich anders wären, wenn sie mehr Gesellschaft hätten. Mir ist es ja lieber, andere Leute um mich zu haben, aber vielleicht sind sie auch ganz zufrieden und haben sich an die Einsamkeit gewöhnt. Man kann sich bekanntlich an alles gewöhnen – selbst an eine Schlinge um den Hals, wie die Iren sagen.«
Mit diesen Worten verließ Mrs Rachel den Hohlweg und betrat den Hof von Green Gables. Von den majestätischen Weiden auf der einen bis zu den schlanken Pappeln auf der anderen Seite herrschte hier musterhafte Ordnung. Kein Unkrautpflänzchen, kein noch so kleines Strohhälmchen oder Steinchen war zu sehen. Das wäre Mrs Rachels scharfen Augen natürlich nicht entgangen; sie hatte sogar den Verdacht, dass Marilla Cuthbert diesen Hof genauso oft fegte wie ihre Wohnstube. Hier hätte man wirklich vom Boden essen können.
Mrs Rachel klopfte an die Küchentür und trat auf Marillas Ruf hin ein. Die Küche war ein sehr freundlicher Raum – oder sie hätte es zumindest sein können, wenn sie nicht so fürchterlich sauber gewesen wäre. Warmes Sonnenlicht strömte durch das Westfenster, während das Ostfenster von wildem Wein beschattet wurde, der an der Hauswand emporkletterte. Hier im Schatten saß Marilla am liebsten – das heißt, wenn sie sich überhaupt einmal einen Moment lang Ruhe gönnte und sich hinsetzte. Gegen den Sonnenschein hegte sie nämlich ein gewisses Misstrauen; die Sonnenstrahlen kamen ihr so leichtfertig und munter vor, während man die Welt doch gar nicht ernst genug nehmen konnte. Und so saß sie auch jetzt wieder im Schatten und strickte. Hinter ihr war der Abendbrottisch gedeckt.
Noch bevor sie die Tür hinter sich schloss, hatte Mrs Rachel mit ihren scharfen Augen bereits alle Einzelheiten erfasst. Marilla hatte drei Teller aufgedeckt – also würde Matthew einen Gast mit nach Hause bringen; doch sie hatte das Alltagsgeschirr genommen und ganz gewöhnliches Apfelkompott und nur eine Sorte Kuchen bereitgestellt – folglich konnte es sich um keinen hochgestellten Besuch handeln. Wie sollte man sich dann aber Matthews weißen Kragen und den Einspänner erklären? Diese rätselhaften Vorgänge auf Green Gables machten Mrs Rachel ganz wirr im Kopf.
»Guten Abend, Rachel«, begrüßte Marilla sie lebhaft. »Ein schöner Abend, nicht wahr? Willst du dich nicht setzen? Wie geht es deiner Familie?«
Zwischen Marilla Cuthbert und Mrs Rachel bestand seit Langem eine Art Freundschaft, obwohl – oder vielleicht sogar weil – sie so verschieden waren.
Marilla war eine große hagere Frau mit einer eckigen Figur; ihre Haare hatten bereits einige graue Strähnen und waren immer zu einem Dutt gebunden, den sie mit zwei Drahtnadeln feststeckte. Sie machte einen strengen und etwas engstirnigen Eindruck, doch manchmal ließen ihre Gesichtszüge auch einen gewissen Sinn für Humor ahnen, der nur keine Gelegenheit bekommen hatte, sich zu entfalten.
»Uns geht’s gut«, sagte Mrs Rachel, »aber ich hatte schon befürchtet, bei euch sei etwas nicht in Ordnung. Ich habe nämlich Matthew vorhin bei uns vorbeifahren sehen. Will er gar den Doktor holen?«
Ein kleines Lächeln umspielte Marillas Lippen. Sie hatte schon mit Mrs Rachels Besuch gerechnet. Dass Matthew aus unerklärlichen Gründen weggefahren war, hatte ja unweigerlich die Neugierde ihrer Nachbarin anstacheln müssen.
»Nein, nein, mir geht’s gut, obwohl ich gestern wieder fürchterliche Kopfschmerzen hatte«, antwortete sie. »Matthew ist zum Bahnhof nach Bright River hinübergefahren. Wir bekommen einen kleinen Jungen aus dem Waisenhaus von Nova Scotia.* [* kanadische Provinz am Atlantik.] Er kommt mit dem Nachmittagszug.«
Hätte Marilla gesagt, Matthew wäre nach Bright River gefahren, um dort ein australisches Känguru abzuholen – Mrs Rachel hätte nicht überraschter sein können. Volle fünf Sekunden lang verschlug es ihr glatt die Sprache. Es war zwar kaum zu glauben, dass Marilla sie auf den Arm nehmen wollte, aber diesmal lag der Verdacht doch sehr nahe.
»Das ist doch nicht dein Ernst, Marilla?«, rief Mrs Rachel, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.
»Doch, natürlich«, sagte Marilla so selbstverständlich, als ob es zu den üblichen Frühlingsarbeiten auf jeder normalen Farm in Avonlea gehörte, einen Waisenjungen aus Nova Scotia von der Bahn abzuholen.
Mrs Rachel war entsetzt. »Wie um alles in der Welt seid ihr denn nur auf diese Idee gekommen?«, fragte sie missbilligend. Man hatte sie nicht mal um Rat gefragt und das allein war Grund genug, der Sache mit Ablehnung zu begegnen.
»Nun, wir hatten es uns schon eine ganze Weile überlegt, eigentlich schon den ganzen Winter über«, erwiderte Marilla. »Mrs Alexander Spencer war kurz vor Weihnachten hier und erzählte uns, sie wolle im Frühling ein kleines Mädchen aus dem Waisenhaus in Hopetown adoptieren. Seitdem ist uns die Sache nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Wir haben uns aber für einen Jungen entschieden. Matthew ist schließlich auch nicht mehr der Jüngste. Er wird schon sechzig und ist nicht mehr so schnell auf den Beinen. Sein Herz macht ihm ziemlich zu schaffen. Und du weißt ja, wie schwer es ist, heutzutage einen guten Arbeiter zu finden – abgesehen von diesen halbwüchsigen Franzosen. Die sind zu haben, aber sobald man sie eingewiesen und angelernt hat, verschwinden sie in die Staaten, um in den neuen Konservenfabriken das große Geld zu verdienen. Na ja, und da haben wir letzte Woche gehört, dass Mrs Spencer nach Hopetown fahren wolle, um ihr kleines Mädchen zu holen. Wir haben ihr durch Robert Spencers Familie in Carmody ausrichten lassen, sie solle uns doch bitte einen tüchtigen, anständigen jungen Burschen von zehn oder elf Jahren mitbringen. Dieses Alter erschien uns am besten. Dann ist er alt genug, um gleich von Anfang an auf der Farm mit anzupacken, aber noch jung genug, um noch allerhand lernen zu können und sich einzufügen. Wir wollen ihm ein gutes Zuhause geben und ihn auch zur Schule schicken. Ja, und heute brachte uns der Postbote ein Telegramm von Mrs Alexander Spencer. Sie wollte heute mit dem Nachmittagszug in Bright River sein und den Jungen dort absetzen. Sie selbst fährt gleich weiter nach White Sands.«
Mrs Rachel hielt sich selbst viel darauf zugute, dass sie immer ganz offen sagte, was sie dachte. Und dieser Gewohnheit folgte sie auch jetzt, nachdem sie die erstaunliche Neuigkeit erst mal verdaut hatte.
»Nun, Marilla, ich will dir meine ehrliche Meinung sagen. Ihr seid dabei, einen großen Fehler zu begehen – jawohl! Wer weiß, was ihr euch damit einhandelt. Ein fremdes Kind ins Haus zu nehmen, von dem ihr überhaupt nicht wisst, welche Anlagen es mitbringt und was für Eltern es hat! Erst letzte Woche habe ich in der Zeitung von einem Ehepaar gelesen, das einen Waisenjungen adoptiert hat, und er hat ihnen nachts das Haus angesteckt – und zwar mit voller Absicht, Marilla, sodass sie fast in ihren Betten verbrannt sind. Und ich habe noch von einem anderen Fall gehört, wo ein Junge aus dem Waisenhaus immer die Eier ausgelutscht hat. Es war ihm einfach nicht abzugewöhnen. Wenn du mich um Rat gefragt hättest – was du ja leider nicht getan hast, Marilla –, dann hätte ich euch gesagt: Lasst um Himmels willen die Finger davon – jawohl!«
Doch all diese Hiobsbotschaften konnten Marilla nicht aus der Fassung bringen. Sie strickte seelenruhig weiter.
»Da ist schon was dran an dem, was du sagst. Ich hatte zuerst ja auch meine Bedenken. Aber Matthew hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt und da habe ich nachgegeben. Es kommt so selten vor, dass Matthew wirklich mal sein Herz an etwas hängt. Und was das Risiko angeht, so ist eigentlich alles riskant, was man auf dieser Welt tut. Eigene Kinder zu kriegen, ist auch nicht so sicher; die können genauso missraten. Außerdem ist Nova Scotia nicht so weit von unserer Insel entfernt. Der Junge kommt ja nicht aus England oder aus den Staaten, folglich kann er auch nicht so viel anders sein als wir.«
»Nun, hoffen wir das Beste«, sagte Mrs Rachel in einem Tonfall, der ihre Zweifel deutlich hören ließ. »Sag aber bloß nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, wenn er vielleicht Green Gables ansteckt oder Strychnin in den Brunnen schüttet. Erst kürzlich ist mir ein Fall zu Ohren gekommen, wo ein Waisenkind drüben in New Brunswick auf diese Weise eine ganze Familie ausgelöscht hat. Allerdings handelte es sich dabei um ein Mädchen.«
»Na ja, von einem Mädchen ist ja auch nicht die Rede«, gab Marilla zurück, als wäre das Vergiften von Brunnen eine typisch weibliche Angewohnheit. »Ich würde nicht im Traum daran denken, ein Mädchen aufzuziehen. Ich frage mich sowieso schon, wie Mrs Alexander Spencer auf diese Idee gekommen ist. Aber sie würde ja nicht mal davor zurückschrecken, ein ganzes Waisenhaus zu adoptieren, wenn sie es sich einmal in den Kopf gesetzt hätte.«
Mrs Rachel wäre zu gerne dageblieben, bis Matthew mit dem kleinen Waisenjungen zurückkehrte. Doch da es bis dahin noch mindestens zwei Stunden dauern würde, entschied sie sich lieber dafür, zu den Bells hinüberzugehen und ihnen brühwarm von dieser Neuigkeit zu berichten. Das würde die Sensation sein! Und Mrs Rachel liebte es nun mal, Sensationen zu verbreiten.
Marilla war erleichtert, als Mrs Rachel aufstand; in ihrer Gegenwart fühlte sie all ihre Zweifel und Bedenken wachsen.
»Das hat gerade noch gefehlt!«, rief Mrs Rachel aus, als sie wieder allein auf dem Hohlweg war. »Das Ganze kommt mir immer noch wie ein Traum vor. Mir tut vor allem das kleine Wesen leid. Matthew und Marilla haben doch überhaupt keine Ahnung von Kindererziehung! Ein Kind auf Green Gables, das ist eine geradezu gespenstische Vorstellung. Es hat dort niemals Kinder gegeben. Matthew und Marilla waren ja schon groß, als das Haus gebaut wurde – falls die beiden überhaupt jemals kleine Kinder gewesen sind, was man manchmal bezweifeln möchte. Um nichts in der Welt möchte ich in der Haut dieses Waisenknaben stecken!«
Das alles erzählte Mrs Rachel den wilden Rosenbüschen am Wegesrand und machte so ihrer Empörung Luft. Hätte sie allerdings in diesem Moment das Kind sehen können, das geduldig auf dem Bahnhof von Bright River darauf wartete, abgeholt zu werden – ihr Mitleid wäre noch stärker gewesen.
Matthew Cuthbert erlebt eine Überraschung
Matthew Cuthbert fuhr mit seinem Einspänner durch lichte Tannenwälder und grüne Täler, vorbei an Gehöften und blühenden Obstgärten. Bis Bright River waren ungefähr acht Meilen zurückzulegen und Matthew genoss die Fahrt auf seine Art sehr. Nur wenn ihm Frauen entgegenkamen, war ihm das äußerst unangenehm. Er musste sie ja mindestens mit einem Kopfnicken bedenken, denn auf Prince Edward Island war es üblich, jeden zu grüßen, den man auf der Straße traf – ob man ihn nun kannte oder nicht.
Matthew fürchtete sich vor Frauen. Er hatte das unangenehme Gefühl, dass diese rätselhaften Geschöpfe sich heimlich über ihn lustig machten – womit er nicht unbedingt unrecht hatte. Seine Bewegungen waren linkisch und mit seinen langen grauen Haaren, den krummen Schultern und dem Schnurrbart, den er schon seit seinem zwanzigsten Lebensjahr trug, gab er ein ziemlich sonderbares Bild ab. Eigentlich hatte er mit zwanzig schon so ausgesehen wie jetzt mit sechzig – abgesehen von den grauen Haaren natürlich.
Als Matthew auf dem Bahnhof von Bright River ankam, war von einem Zug weit und breit nichts zu sehen. Der lange Bahnsteig war menschenleer; das einzige lebende Geschöpf war ein Mädchen, das ganz am anderen Ende auf einem großen Kieshaufen saß. Matthew, der vage wahrgenommen hatte, dass es sich um ein weibliches Wesen handelte, schlich sich so schnell wie möglich an ihm vorbei, ohne es auch nur anzusehen. Hätte er genauer hingeschaut, wäre ihm der Ausdruck von Spannung und Hoffnung auf dem blassen Gesicht sicherlich nicht entgangen. Das Mädchen saß da und wartete auf irgendetwas. Und da es im Moment auch keine andere Möglichkeit hatte, sich zu beschäftigen, gab es sich eben voll und ganz dem Warten hin.
»Wird der Nachmittagszug pünktlich sein?«, erkundigte sich Matthew bei dem Stationsvorsteher, der gerade sein Büro abschloss und nach Hause gehen wollte.
»Der ist schon seit einer halben Stunde durch«, erwiderte der Mann schroff. »Aber es ist jemand ausgestiegen, der zu Ihnen gehört, ein kleines Mädchen. Es sitzt da draußen auf dem Kies. Mrs Spencer hat es abgesetzt und meinte, es sei ein Waisenkind, das Sie und Ihre Schwester aufnehmen wollen.«
»Aber … ich erwarte kein Mädchen«, antwortete Matthew verblüfft, »ich bin gekommen, um einen kleinen Jungen abzuholen.«
»Tut mir leid, mehr Waisenkinder habe ich nicht zu bieten.«
»Das verstehe ich nicht«, wunderte sich Matthew weiter und wünschte, Marilla wäre hier, um die Situation in die Hand zu nehmen.
»Nun, am besten fragen Sie das Mädchen einmal selbst«, riet ihm der Stationsvorsteher ungerührt. »Die Kleine ist nämlich nicht auf den Mund gefallen. Vielleicht sind den Leuten im Waisenhaus die Jungen gerade ausgegangen.«
Damit ging der Mann heim zum Kaffeetrinken und ließ den unglücklichen Matthew stehen, der sich nun einer Aufgabe gegenübergestellt sah, die ihm schwerer schien, als in einen Löwenkäfig zu steigen: Er musste auf ein Mädchen zugehen – noch dazu auf ein wildfremdes – und es fragen, warum es denn kein Junge sei. Seufzend wandte er sich um und schlurfte über den langen Bahnsteig auf das Kind zu, das ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte.
Es war etwa elf Jahre alt und trug ein sehr kurzes, sehr hässliches Kleid aus gelbgrauem Flanell und dazu einen verblichenen braunen Matrosenhut, unter dem zwei dicke rote Zöpfe herausschauten. Das schmale, blasse Gesicht dieses Mädchens, vor dem Matthew Cuthbert eine solche Heidenangst hatte, war mit Sommersprossen geradezu übersät.
Dass die großen graugrünen Augen vor Munterkeit und Lebenslust nur so sprühten und dass der Mund weiche, ausdrucksvolle Lippen besaß, entging Matthew zunächst.
Aber immerhin wurde ihm die Qual erspart, das Gespräch eröffnen zu müssen. Denn sobald die Kleine erkannt hatte, dass er auf sie zuging, stand sie auf, umfasste mit einer Hand den Griff einer schäbigen alten Reisetasche und streckte ihm die andere Hand entgegen.
»Sie müssen Mr Matthew Cuthbert sein«, sagte sie mit klarer, heller Stimme. »Ich bin so froh, dass Sie gekommen sind. Ich hatte nämlich schon ein bisschen Angst, dass Sie nicht mehr kommen würden. Da habe ich mir überlegt, dass ich dann auf dem Kirschbaum dort unten die Nacht verbringen würde. Ich hätte überhaupt keine Angst gehabt. Es muss wundervoll sein, im silbernen Mondschein auf einem blühenden Kirschbaum zu schlafen, finden Sie nicht auch? Man könnte sich vorstellen, man wäre in einer großen Marmorhalle. Und ich war mir ganz sicher: Wenn Sie heute Abend nicht gekommen wären, dann hätten Sie mich spätestens morgen früh abgeholt.«
Matthew drückte verlegen die schmale kleine Hand des Mädchens und fasste dabei einen inneren Entschluss: Er würde diesem Kind mit den leuchtenden Augen nichts von dem Missverständnis erzählen. Das sollte Marilla übernehmen. In Bright River konnte er die Kleine ja sowieso nicht zurücklassen, also konnten alle Fragen und Erklärungen genauso gut verschoben werden, bis er wieder sicher und geborgen auf Green Gables war.
»Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe«, sagte er schüchtern. »Komm, das Pferd steht drüben im Hof. Gib mir deine Tasche.«
»Oh, die trage ich lieber selber«, antwortete das Kind fröhlich. »Ich habe alles darin, was ich auf dieser Welt besitze, aber schwer ist sie trotzdem nicht. Und wenn man sie nicht richtig anfasst, geht der Handgriff ab. Es ist eine uralte Reisetasche, wissen Sie. Ach, ich bin so froh, dass Sie gekommen sind, auch wenn es sicherlich ganz schön gewesen wäre, in einem blühenden Kirschbaum zu übernachten. Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns, nicht wahr? Acht Meilen, sagte Mrs Spencer. Ich freue mich schon, ich reise nämlich für mein Leben gerne. Und es kommt mir fast wie ein Wunder vor, dass ich bei Ihnen leben und ganz zu Ihnen gehören darf. Ich habe noch nie irgendwo dazugehört – jedenfalls nicht richtig. Aber im Waisenhaus war es bisher am schlimmsten. Ich war zwar nur vier Monate dort, aber das war schon lange genug. Ich nehme an, Sie waren noch nie in einem Waisenhaus, deshalb können Sie sich auch nicht vorstellen, wie das ist. Es ist schlimmer als alles, was Sie sich vorstellen können. Dabei waren die Leute dort gut zu uns. Aber es gibt so wenig Raum für Fantasie – abgesehen vielleicht von den anderen Waisenkindern. Ja, man konnte sich vorstellen, dass das Mädchen neben einem in Wirklichkeit die Tochter eines echten Grafen ist, die als Säugling von einer grausamen Amme entführt wurde, die dann starb, bevor sie ein Geständnis ablegen konnte. Nachts bin ich oft wach geblieben und habe mir lauter solche Sachen ausgedacht, weil ich tagsüber dazu keine Zeit hatte. Vielleicht bin ich deshalb so dünn – ich bin furchtbar dünn, nicht wahr? Ich habe kein Gramm Fett auf den Knochen. Aber ich stelle mir oft vor, ich wäre hübsch und rund und hätte Grübchen in den Ellenbogen.«
Damit fand der Redefluss von Matthews Reisegefährtin zunächst einmal ein Ende. Die Kleine war etwas außer Atem geraten und außerdem hatten sie inzwischen die Kutsche erreicht. Jetzt kam kein Ton mehr über ihre Lippen, bis sie Bright River verlassen hatten und einen steilen Berg hinunterfuhren. Links und rechts vom Weg standen blühende Kirschbäume und schlanke Birken, deren Äste sich direkt über ihren Köpfen wiegten.
Das Kind streckte die Hand aus und brach sich einen Zweig mit weißen Blüten ab.
»Ist er nicht wunderschön? Woran hat Sie der weiße Baum erinnert, der sich da eben so weit über die Straße lehnte?«
»Hm … ich weiß nicht«, sagte Matthew.
»Na, an eine Braut natürlich – eine Braut in Weiß mit einem durchsichtigen Schleier. Ich habe zwar noch nie eine Braut gesehen, aber ich kann sie mir gut vorstellen. Allerdings glaube ich nicht, dass ich jemals selbst eine Braut sein werde. Ich bin so hässlich, mich will bestimmt niemand heiraten – höchstens irgendein Missionar vielleicht. Wer als Missionar in der Fremde lebt, ist vielleicht nicht so wählerisch, oder? Aber ich hoffe doch, dass ich eines Tages wenigstens ein hübsches Kleid bekommen werde. Das ist mein höchster Wunsch auf Erden. Ich hab mich heute Morgen nämlich fürchterlich geschämt, weil ich dieses schreckliche alte Flanellkleid tragen musste. Alle Waisenkinder tragen diese Dinger, wissen Sie. Ein Kaufmann in Hopetown hat dem Heim letzten Winter dreihundert Meter Flanellstoff geschenkt. Einige Leute sagen, das hätte er nur getan, weil er den Stoff nicht verkaufen konnte, aber ich glaube, er hat es bestimmt gut gemeint, finden Sie nicht auch? Als ich in den Zug stieg, hatte ich das Gefühl, dass alle Leute mich anstarrten und Mitleid mit mir hatten. Aber ich habe mir einfach vorgestellt, ich trüge ein wunderbares Kleid aus reiner blauer Seide – wenn man sich schon etwas vorstellt, dann soll es sich ja auch lohnen – und einen großen Hut mit Blumen und Federn und eine funkelnde goldene Armbanduhr und weiße Lederhandschuhe und passende Stiefel. Da hab ich mich schon gleich viel besser gefühlt und konnte die Reise nach Leibeskräften genießen. Ach, die Überfahrt zur Insel war einfach himmlisch! Auf dem Schiff gab es so viel zu sehen und ich wollte nichts verpassen. Wer weiß, ob ich in meinem Leben noch einmal die Gelegenheit haben werde, mit einem Schiff zu reisen … Oh, sehen Sie, da drüben stehen noch mehr blühende Kirschbäume! Ich habe noch nie so ein Blütenmeer gesehen. Die Insel ist wirklich wunderschön. Ich bin so glücklich, dass ich hier leben darf. Ich habe schon oft sagen hören, Prince Edward Island sei das schönste Fleckchen Erde auf der ganzen Welt, und da habe ich gleich davon geträumt, dass ich dort einmal leben werde. Aber ich hätte nie gedacht, dass dieser Traum einmal Wirklichkeit werden sollte. Es ist schön, wenn Träume plötzlich wahr werden, finden Sie nicht? – Diese roten Wege sehen so lustig aus. Als wir mit dem Zug aus Charlottetown herausfuhren und die roten Wege an unserem Fenster vorbeiflogen, da habe ich Mrs Spencer gefragt, weshalb sie so rot sind, und die meinte dann, sie wisse es nicht und ich solle um Himmels willen aufhören, ihr so viele Fragen zu stellen. Mindestens tausend Stück hätte ich ihr schon gestellt. Wahrscheinlich hatte sie recht. Aber wie soll man Dinge herausfinden, wenn man keine Fragen stellt? – Wieso sind die Wege eigentlich rot, Mr Cuthbert?«
»Ich weiß nicht«, antwortete Matthew.
»Dann muss ich das noch herausfinden. Ist es nicht eine herrliche Vorstellung, dass es noch so viele Dinge zu erforschen gibt? Ich bin so froh, dass ich auf der Welt bin. Die Welt ist so interessant! Und wenn wir schon alles wüssten, wäre sie nur halb so schön, nicht wahr? Man hätte überhaupt keinen Raum für Fantasie, oder? Aber ich rede wohl mal wieder zu viel. Das habe ich schon oft zu hören bekommen. Soll ich lieber den Mund halten? Wenn es sein muss, kann ich still sein, obwohl es mir, ehrlich gesagt, ziemlich schwerfällt.«
Zu seinem eigenen Erstaunen fühlte Matthew sich wohl. Wie viele stille Menschen war er gern mit Leuten zusammen, die von sich aus den größten Teil der Unterhaltung bestritten und von ihrem Gegenüber nicht allzu viel erwarteten. Aber er hätte es sich nicht träumen lassen, dass er die Gesellschaft eines kleinen Mädchens so genießen könnte. Frauen waren ja schon schlimm genug, doch kleine Mädchen waren noch viel schrecklicher. Er konnte es nicht ausstehen, wie sie an ihm vorbeihuschten und ihm verschreckte Seitenblicke zuwarfen, so als müssten sie befürchten, dass er sie bei lebendigem Leibe fressen würde. Wohlerzogene kleine Mädchen in Avonlea waren eben so. Aber diese sommersprossige kleine Hexe war ganz anders und obgleich er bei seiner eher langsamen Denkweise einige Mühe hatte, mit dem Tempo ihrer Gedankensprünge mitzuhalten, merkte er ziemlich schnell, dass ihm das Geplauder der Kleinen eigentlich gut gefiel.
Also sagte er, scheu wie immer: »Nein, nein, rede nur so viel, wie du willst. Mir macht das nichts aus.«
»Oh, ich bin ja so froh! Ich weiß jetzt schon: Wir zwei werden uns gut verstehen. Es ist eine große Erleichterung, wenn man reden kann, wann immer man Lust dazu hat, und sich nicht immer sagen lassen muss, dass Kinder nur sprechen sollen, wenn sie etwas gefragt werden. Das habe ich bestimmt schon zehntausendmal gehört. Und oft lachen die Leute mich aus, weil ich angeblich so große, geschwollene Worte benutze. Aber wenn man große Gedanken hat, muss man doch auch große Worte dafür haben, oder was meinen Sie?«
»Hm, tja … das klingt einleuchtend«, sagte Matthew.
»Mrs Spencer hat mir erzählt, dass Ihre Farm ›Green Gables‹ heißt. Ich habe sie über alles ausgefragt. Und als sie mir sagte, dass sie ganz von Bäumen umstanden sei, war ich glücklicher denn je. Ich liebe Bäume! Beim Waisenhaus gab es überhaupt keine, nur so ein paar mickrige kleine Stämmchen an der Straße. Sie hatten einen weißen Zaun um sich und sahen selbst wie Waisenkinder aus. Immer wenn ich sie ansah, kamen mir fast die Tränen. Dann versuchte ich, sie zu trösten: ›Ach, ihr armen kleinen Bäumchen! Wenn ihr doch nur in einem großen Wald inmitten lauter anderer Bäume stehen könntet! Dann würden grünes Moos und Glockenblumen um eure Wurzeln wachsen, in euren Zweigen würden Vögel zwitschern und vielleicht würde sogar ein Bach in eurer Nähe rieseln. In einer solchen Umgebung könntet dann auch ihr fröhlich wachsen, nicht wahr? Hier aber müsst ihr für immer und ewig klein und mickrig bleiben. Ich weiß genau, wie euch zumute ist.‹ Als ich sie heute Morgen zurücklassen musste, war ich richtig traurig. Man fühlt sich den Dingen mit der Zeit so verbunden, nicht wahr? Gibt es einen Bach in der Nähe von Green Gables? Ich habe vergessen, Mrs Spencer danach zu fragen.«
»Ja, es gibt einen, gleich hinter dem Haus.«
»Himmlisch! Ich habe immer davon geträumt, in der Nähe eines Baches zu wohnen. Aber ich habe nie gedacht, dass es einmal Wirklichkeit werden könnte. Nicht alle Träume werden wahr, so ist es doch, Mr Cuthbert? Wäre es nicht wunderbar, wenn sie immer wahr würden? Aber heute bin ich auch so schon fast glücklich. So richtig glücklich kann ich nie sein, weil … meine Haare … wie würden Sie diese Farbe nennen?«
Bei diesen Worten hielt die Kleine einen ihrer langen, glänzenden Zöpfe hoch. Matthew war in der Beurteilung weiblicher Locken nicht gerade erfahren, aber in diesem Fall gab es keinerlei Zweifel.
»Rot, oder?«
Mit einem tiefen Seufzer, der allen Kummer ihres jungen Lebens verriet, ließ das Mädchen den Zopf wieder fallen.
»Ja, meine Haare sind rot«, sagte es verdrossen. »Jetzt verstehen Sie, warum ich nie vollkommen glücklich sein kann. Kein Mensch mit roten Haaren könnte das. Alles andere macht mir nicht so viel aus: die Sommersprossen, die grünen Augen, meine hagere Figur. Ich kann mir ja immer vorstellen, ich hätte einen lilienweißen Teint und große veilchenblaue Augen. Sogar Grübchen in den Ellenbogen kann ich mir vorstellen. Nur meine roten Haare, die kann ich nicht wegträumen, sosehr ich es auch versuche. Ich kann mir tausendmal einreden: ›Meine Haare sind schwarz, rabenschwarz‹ – ich weiß trotzdem, dass sie rot sind und darüber komme ich nicht hinweg. In einem Roman habe ich einmal etwas über ein wunderschönes Mädchen gelesen. Natürlich hatte es keine roten Haare – im Gegenteil, ›goldene Locken umrahmten seine Alabasterstirn‹. Was ist eine Alabasterstirn? Ich konnte es nie herausfinden. Können Sie es mir sagen?«
»Hm, nein … leider nicht«, bedauerte Matthew, dem langsam schon schwindelig wurde. So hatte er sich als Kind gefühlt, wenn er mit einem Karussell gefahren war.
»Es muss auf jeden Fall etwas Wunderbares sein, denn sie war von überirdischer Schönheit. Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, wie es wäre, von überirdischer Schönheit zu sein?«
»Nein, noch nie«, gestand Matthew aufrichtig.
»Ich habe es mir schon oft vorgestellt. Was möchten Sie lieber sein: von überirdischer Schönheit, klug und weise oder engelsgleich gut?«
»Nun ja … ich weiß nicht genau.«
»Ich weiß es auch nicht. Ich kann mich nie entscheiden. Aber das macht ja nichts, ich werde sowieso keins davon sein. Mrs Spencer sagt … Oh, Mr Cuthbert, Mr Cuthbert!«
Das war es natürlich nicht, was Mrs Spencer sagte. Aber der Kleinen hatte es die Sprache verschlagen. Der Wagen war nach einer scharfen Kurve in die »Avenue« eingebogen. So nannten die Leute in Newbridge die eine halbe Meile lange, von ausladenden, alten Apfelbäumen überdachte Allee, die ein schrulliger alter Farmer vor langer Zeit angelegt hatte. Über ihren Köpfen wölbte sich ein dichter Baldachin aus schneeweißen duftenden Blüten und unterhalb der Äste erschien die rote untergehende Sonne wie ein farbiges rundes Fenster hinter dem Hochaltar einer riesigen Kathedrale.
Das Mädchen war völlig überwältigt und blieb auch dann noch stumm, als sie das kleine Dorf Newbridge schon längst hinter sich gelassen hatten.
»Du bist wahrscheinlich müde und hungrig«, brach Matthew endlich das Schweigen. »Aber es ist nicht mehr weit, nur noch eine Meile.«
Mit einem tiefen Seufzer erwachte die Kleine aus ihren Tagträumen. »Oh, Mr Cuthbert«, flüsterte sie, »was war das für eine weiße Pracht, durch die wir da gefahren sind?«
»Hm, du meinst wohl die ›Avenue‹«, antwortete Matthew nach kurzem Nachdenken. »Hübsch, nicht?«
»Hübsch? Das ist nicht das richtige Wort. Und ›schön‹ ist es auch nicht. Beide reichen nicht aus, um es zu beschreiben. Es war wundervoll! Das ist das erste Mal, dass ich etwas gesehen habe, das in meinen Träumen nicht schöner sein könnte. Das hat richtig wehgetan, hier«, – sie zeigte auf ihre Brust –, »aber es war ein höchst angenehmer Schmerz. Haben Sie schon einmal einen solchen Schmerz verspürt, Mr Cuthbert?«
»Nein, nicht dass ich wüsste.«
»Man sollte so einen wundervollen Ort nicht einfach ›Avenue‹ nennen, das ist viel zu nichtssagend. Ich werde ihn … Moment mal … ja, ich werde ihn die ›Weiße-Blütentraum-Allee‹ nennen. Ist das nicht ein wunderbarer Name? – Müssen wir wirklich nur noch eine Meile fahren, bis wir zu Hause sind? Ich bin froh und traurig zugleich. Die Fahrt ist so interessant, von mir aus könnte es immer so weitergehen. Aber ich freue mich auch, nach Hause zu kommen. Solange ich denken kann, habe ich noch nie ein Zuhause gehabt. Oh, ist das schön!«
Sie waren gerade auf dem Kamm eines kleinen Hügels angelangt. Unter ihnen lag ein kleiner See, der fast wie ein Fluss aussah, so lang und gewunden zog er sich durch die Wiesen. In der Mitte wurde er von einer Brücke überspannt und zur Küste hin von einer Kette bernsteinfarbener Sandhügel eingerahmt. Große Tannen und Ahornbäume spiegelten sich in seinem Wasser, von den Sümpfen am anderen Ende des Sees war der quakende Gesang der Frösche zu hören. Ein kleines graues Haus ragte aus den Zweigen eines blühenden Obstgartens. Obgleich es noch nicht ganz dunkel war, schien Licht durch eines der Fenster.
»Das ist Barrys Weiher«, erklärte Matthew.
»Schon wieder so ein Name, der mir nicht gefällt. Ich werde ihn … ›See der glitzernden Wasser‹ nennen. Ja, das ist der richtige Name für ihn! Das kann ich nämlich an dem Schauer erkennen: Immer wenn ein Name genau passt, rieselt mir ein kleiner Schauer den Rücken hinunter. Haben Sie auch schon mal so etwas gespürt?«
Matthew verfiel ins Grübeln. »Ja … doch. Ich kriege immer kalte Rückenschauer, wenn ich die hässlichen weißen Larven im Gurkenbeet sehe. Die kann ich einfach nicht ausstehen.«
»Oh, das kann aber nicht die gleiche Art von Schauer sein. Oder finden Sie, dass man Raupen im Gurkenbeet mit dem ›See der glitzernden Wasser‹ vergleichen kann? Weshalb nennen ihn die Leute eigentlich ›Barrys Weiher‹?«
»Wahrscheinlich, weil Mr Barry dort drüben am See wohnt. Orchard Slope heißt seine Farm. Wenn die großen Bäume dahinter nicht wären, könnte man von hier aus schon Green Gables sehen. Wir müssen nur über die Brücke fahren, es ist noch ungefähr eine halbe Meile.«
»Hat Mr Barry kleine Töchter? Ich meine, nicht richtig klein … eher so in meinem Alter?«
»Ja, er hat ein elfjähriges Mädchen. Diana heißt es.«
»Oh! Was für ein wunderschöner Name!«
»Na ja, ich weiß nicht so recht. Er klingt so heidnisch. Jane oder Mary, das sind gute, vernünftige Namen. Aber als Diana geboren wurde, unterrichtete an der Schule gerade eine Lehrerin, die so hieß, und nach der haben sie die Kleine benannt.«
»Ach, ich wünschte, es hätte so eine Lehrerin gegeben, als ich geboren wurde. Da ist die Brücke ja schon. Ich mache lieber die Augen zu. Ich habe nämlich immer Angst, wenn ich über eine Brücke fahre. Sie könnte ja gerade dann zusammenstürzen, wenn ich genau in der Mitte bin. Also schaue ich lieber nicht hin. Aber wenn wir in der Mitte sind, muss ich die Augen doch wieder aufmachen, denn wenn die Brücke tatsächlich zusammenstürzt, dann will ich auch sehen, wie sie zusammenstürzt. Das ist bestimmt interessant und ich möchte es nicht verpassen.«
Als sie heil und sicher auf der anderen Seite des Sees angelangt waren, sagte Matthew: »So, jetzt sind wir fast zu Hause, das ist Green Gables, dort …«
»Sagen Sie es mir nicht!«, fiel ihm das Mädchen ins Wort. »Ich will raten. Bestimmt werde ich es erkennen.«
Gespannt sah Anne sich um. Die Sonne war schon untergegangen, doch in dem milden Dämmerlicht war die Landschaft noch klar zu erkennen. Im Westen zeichnete sich ein dunkler Kirchturm gegen den Himmel ab. Darunter lag ein kleines Tal, in das sich die Häuser von Avonlea schmiegten. Langsam ließ das Mädchen den Blick von einem Gehöft zum anderen wandern, bis er zuletzt ganz links auf einem Haus ruhen blieb, das fernab von der Straße zwischen blühenden Obstbäumen und lichten Wäldern lag. Über ihm schien – wie ein Zeichen der Verheißung – ein heller, kristallklarer Stern.
»Das ist es, nicht wahr?«, sagte sie und zeigte die Richtung an. Matthew ließ erfreut die Zügel auf den Rücken der Stute klatschen. »Du hast es erraten! Aber wahrscheinlich hat Mrs Spencer dir alles beschrieben, sodass du es leicht erkennen konntest.«
»Nein, das hat sie nicht, wirklich nicht! Nach dem, was sie mir erzählt hat, hätte es auch jedes der anderen Häuser sein können. Ich hatte keine Ahnung, wie es aussieht. Aber sobald ich es gesehen habe, fühlte ich: Das ist mein Zuhause. Ach, ich komme mir vor wie im Traum. Mein Arm ist bestimmt schon ganz blau und grün, weil ich mich heute dauernd kneifen musste. Immer wenn mir auf einmal ganz schlecht wurde und ich dachte: Das ist alles nur ein Traum – da habe ich mich schnell gezwickt, um zu sehen, ob ich auch wirklich wach bin. Aber es ist wahr. Ich habe ein Zuhause gefunden.«
Mit einem zufriedenen Seufzer verfiel das Mädchen in tiefes Schweigen. Matthew dagegen wurde es immer mulmiger zumute. Er war heilfroh, dass es Marillas Aufgabe sein würde, diesem heimatlosen Kind klarzumachen, dass es sein lang ersehntes Zuhause hier nicht finden würde.
Je näher sie Green Gables kamen, desto mehr schreckte Matthew vor dem Augenblick der Wahrheit zurück. Es erschien ihm nicht recht.
Er dachte dabei nicht an Marilla oder an all die Probleme, die ihnen durch dieses Missverständnis entstehen würden, sondern nur an die Enttäuschung des Kindes. Er hatte das hoffnungsvolle Leuchten in den Augen der Kleinen gesehen und bei dem Gedanken, es zum Erlöschen bringen zu müssen, fühlte er sich wie der Komplize bei einem Mord. Ganz ähnlich ging es ihm, wenn er ein Lamm oder ein Kalb oder irgendein anderes unschuldiges kleines Geschöpf töten musste.
Als sie in die Einfahrt einbogen, lag der Hof schon im Dunkeln, die Zweige der schlanken Pappeln raschelten im Wind.
»Hören Sie, wie die Bäume im Schlaf reden?«, flüsterte das Mädchen, als es vom Wagen herunterstieg. »Was für schöne Träume sie haben müssen!«
Dann folgte es Matthew ins Haus – die alte Reisetasche mit allem, was es auf dieser Welt besaß, fest in der Hand.
Marilla Cuthbert versteht die Welt nicht mehr
Mit raschen Schritten kam ihnen Marilla durch den Hausflur entgegen. Doch als ihr Blick auf die kleine Gestalt mit den langen roten Zöpfen fiel, blieb sie wie angewurzelt stehen.
»Matthew Cuthbert, wer ist das?«, wollte sie wissen. »Und wo ist der Junge?«
»Da war kein Junge«, sagte Matthew kläglich. »Nur sie.« Dabei zeigte er auf die Kleine. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er sie noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt hatte.
»Kein Junge!? Aber es muss doch ein Junge da gewesen sein«, empörte sich Marilla. »Wir haben Mrs Spencer doch ausrichten lassen, dass sie uns einen Jungen mitbringen soll.«
»Ja, aber sie hat das Mädchen mitgebracht, der Stationsvorsteher hat es mir bestätigt. Und da musste ich sie wohl mit nach Hause nehmen. Ich konnte sie ja nicht einfach da sitzen lassen, wer auch immer das verbockt hat.«
»Na, das ist mir ja eine schöne Geschichte!«, rief Marilla aus.
Während dieses Gespräches waren die großen Augen des Kindes ratlos von einem zum anderen gewandert. Es dauerte eine Weile, bis es die ganze Tragweite der Situation begriff. Plötzlich ließ es die alte Reisetasche fallen und rang verzweifelt die Hände.
»Sie wollen mich nicht!«, jammerte es. »Sie wollen mich nicht haben, weil ich kein Junge bin! Ich hätte es doch ahnen müssen. Mich hat noch nie jemand gewollt. Es war einfach zu schön, um wahr zu sein. Ach, was soll ich jetzt nur tun?«
Dicke Tränen kullerten über seine Wangen. Es setzte sich auf einen Stuhl, schlug beide Hände vors Gesicht und fing bitterlich zu schluchzen an. Marilla und Matthew wechselten hilflose Blicke, keiner von ihnen wusste, was er tun sollte.
»Na, na!«, sagte Marilla endlich. »Es gibt keinen Grund, so zu weinen.«
»Und ob es einen Grund gibt!« Das Kind hob sein tränenüberströmtes Gesicht. »Sie würden schließlich auch weinen, wenn Sie ein Waisenkind wären und dächten, Sie hätten ein Zuhause gefunden, und dann stellt sich plötzlich heraus, dass man Sie nicht behalten will, bloß weil Sie kein Junge sind. Das ist die größte Tragödie, die mir in meinem Leben je widerfahren ist!«
Bei diesen Worten stahl sich unwillkürlich ein kleines Lächeln auf Marillas Gesicht. »Komm, hör jetzt auf zu weinen. Wir werden dich ja nicht gleich heute Abend vor die Tür setzen. Du wirst so lange bei uns bleiben, bis sich die ganze Sache aufgeklärt hat. Wie heißt du eigentlich?«
Die Kleine zögerte einen Moment. »Können Sie mich bitte Cordelia nennen?«, fragte sie dann.
»Dich Cordelia nennen? Ist das denn dein Name?«
»Nein, eigentlich nicht. Aber ich würde so gerne Cordelia heißen. Das klingt so elegant!«
»Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr. Wenn du nicht Cordelia heißt, wie heißt du dann?«
»Anne Shirley«, antwortete das Mädchen widerwillig, »aber, bitte, nennen Sie mich doch Cordelia. Es kann Ihnen doch ganz egal sein, wie Sie mich nennen, wenn ich sowieso nur kurze Zeit hierbleiben soll, oder? Und ›Anne‹ klingt so furchtbar unromantisch.«
»Schluss mit dem Unsinn!«, erwiderte Marilla ungerührt. »Anne ist ein guter, vernünftiger Name, für den du dich überhaupt nicht zu schämen brauchst.«
»Ich schäme mich ja auch gar nicht«, erklärte Anne, »Cordelia finde ich bloß viel schöner. Aber wenn Sie mich schon Anne nennen wollen, dann bitte am Schluss mit einem e.«
»Was macht das für einen Unterschied, ob mit oder ohne e?«, wunderte sich Marilla und wieder spielte ein ungewohnt mildes Lächeln um ihre Lippen.
»Das ist ein Riesenunterschied! Es sieht tausendmal besser aus. Sehen Sie den Namen denn nicht in Gedanken vor sich auf dem Papier? Ich schon. A-n-n sieht einfach furchtbar aus, aber A-n-n-e, das wirkt richtig nobel. Also, wenn Sie mich mit einem e am Ende nennen wollen, kann ich mich dazu entschließen, auf Cordelia zu verzichten.«
»Also, gut, Anne mit einem e am Ende: Kannst du uns verraten, wie es zu diesem Missverständnis gekommen ist? Wir haben Mrs Spencer ausrichten lassen, sie soll uns einen Jungen mitbringen. Gab es denn keine Jungen im Waisenhaus?«
»Oh, doch, es gab dort jede Menge Jungen. Aber Mrs Spencer sagte ausdrücklich, dass Sie sich für ein Mädchen von ungefähr elf Jahren entschieden hätten. Und die Schwester meinte, ich käme dafür infrage. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe! Ich konnte die ganze letzte Nacht vor lauter Freude gar nicht schlafen. Aber …«, sie drehte sich vorwurfsvoll zu Matthew um, »warum haben Sie mir denn nicht gleich am Bahnhof gesagt, dass Sie mich hier nicht haben wollen? Jetzt, wo ich die ›Weiße-Blütentraum-Allee‹ und den ›See der glitzernden Wasser‹ gesehen habe, ist es nur noch schlimmer.«
»Was um alles in der Welt meint sie damit?«, wandte Marilla sich ratlos an Matthew.
»Ach, nichts. Wir haben uns auf der Fahrt eben ein bisschen unterhalten«, antwortete Matthew ausweichend. »Ich bringe jetzt am besten erst einmal die Stute in den Stall, Marilla. Wenn ich zurückkomme, können wir essen.«
»Hat Mrs Spencer außer dir noch jemand mitgebracht?«, erkundigte sich Marilla, als Matthew hinausgegangen war.
»Ja, sie selbst will Lily Jones aufnehmen. Lily ist erst fünf Jahre alt und wunderschön. Sie hat nussbraunes Haar. Wenn ich wunderschön wäre und nussbraunes Haar hätte, würden Sie mich dann behalten?«
»Nein. Wir brauchen einen Jungen, der Matthew bei der Arbeit auf der Farm zur Hand gehen kann. Mit einem Mädchen können wir gar nichts anfangen. Aber jetzt nimm deinen Hut ab und leg ihn zu deiner Tasche in den Flur.«
Widerspruchslos folgte Anne. Als Matthew zurückkam, setzten sie sich. Doch Anne konnte nichts essen; vergebens knabberte sie an ihrem Butterbrot und kostete lustlos von dem Apfelkompott in der kleinen Glasschüssel neben ihrem Teller: Es wollte einfach nicht weniger werden.
»Du isst ja gar nichts«, sagte Marilla streng.
Anne seufzte. »Ich kann nicht essen, ich bin mit der Welt zerfallen! Könnten Sie etwa essen, wenn Sie mit der Welt zerfallen wären?«
»Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich war noch nie mit der Welt zerfallen«, antwortete Marilla.
»Wirklich noch nie? Und haben Sie sich auch noch nie vorgestellt, Sie wären es?«
»Nein, auch noch nicht.«
»Dann können Sie auch nicht verstehen, wie das ist. Es ist ein ziemlich unangenehmes Gefühl, das kann ich Ihnen versichern.
Man hat einen riesigen Kloß im Hals und kann einfach nichts herunterschlucken – selbst wenn es ein Karamellbonbon wäre. Vor zwei Jahren habe ich einmal einen Karamellbonbon bekommen, der hat einfach köstlich geschmeckt. Seitdem habe ich oft von Karamellbonbons geträumt, aber ich bin immer ausgerechnet dann aufgewacht, als ich sie gerade in den Mund stecken wollte. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich so wenig esse. Es schmeckt alles sehr, sehr gut; ich kann bloß nicht.«
»Wahrscheinlich ist sie müde«, sagte Matthew, der seit seiner Rückkehr vom Stall keinen Ton von sich gegeben hatte. »Am besten bringst du sie ins Bett, Marilla.«
Für den Jungen, den sie eigentlich erwartet hatten, war die Couch in der kleinen Kammer neben der Küche gerichtet; für ein Mädchen aber schien Marilla diese Unterkunft doch nicht recht passend zu sein. Das Gästezimmer war für dieses heimatlose Geschöpf allerdings auch nicht das Richtige – blieb also nur noch das unbenutzte Zimmer im Ostgiebel. Marilla zündete eine Kerze an und ging voraus. Hut und Reisetasche fest in der Hand, folgte ihr Anne die Stufen hinauf.
Oben stellte Marilla die Kerze auf einen kleinen dreieckigen Tisch und schlug die Bettdecke zurück.
»Ich nehme an, du hast ein Nachthemd dabei?«, fragte sie.
Anne nickte. »Ja, ich habe zwei. Die Schwester im Waisenhaus hat sie für mich genäht. Sie sind bloß fürchterlich kurz. In einem Waisenhaus ist der Stoff immer knapp – jedenfalls in einem so armen Waisenhaus wie unserem. Ich hasse kurze Nachthemden. Aber schließlich kann man in ihnen genauso gut träumen wie in langen.«
»Also, zieh dich schnell aus und geh ins Bett. Ich komme in ein paar Minuten zurück, um die Kerze zu holen, damit du nicht noch das Haus in Brand setzt.«
Als Marilla gegangen war, sah sich Anne traurig um. Die weiß gekalkten Wände sahen schrecklich nackt und kalt aus. In der einen Ecke des Zimmers stand das altmodische Bett mit vier langen dunklen Pfosten, in der anderen Ecke war der Tisch mit einem Stuhl, darüber hing ein kleiner rechteckiger Spiegel. In der Mitte zwischen Tisch und Bett befand sich das Fenster, gegenüber der schlichte Waschtisch. Der ganze Raum war von einer solchen Kälte und Strenge, dass Anne bis ins Mark erschauerte. Hastig warf sie ihre Kleider ab, streifte sich das kurze Nachthemd über und sprang mit einem Satz in das große Bett, wo sie ihr Gesicht im Kopfkissen vergrub und die Bettdecke fest über sich zog. Als Marilla später heraufkam, um die Kerze zu holen, deuteten nur die unordentlich über den Fußboden verstreuten Kleidungsstücke und das zerwühlte Bett darauf hin, dass überhaupt jemand im Zimmer war.
Langsam hob Marilla Annes Kleider auf, legte sie ordentlich auf dem Stuhl zusammen und ging dann mit der Kerze in der Hand auf das Bett zu.
»Gute Nacht«, sagte sie etwas verlegen, aber keineswegs unfreundlich.
Plötzlich erschien Annes blasses Gesicht mit den großen Augen über der weißen Bettdecke. »Wie können Sie von einer ›guten‹ Nacht sprechen, wo Sie doch genau wissen, dass es die schlimmste Nacht meines Lebens sein wird?«, fragte sie vorwurfsvoll.
Dann tauchte sie wieder in die Versenkung unter.
Kopfschüttelnd ging Marilla in die Küche zurück und machte sich daran, das Geschirr vom Abendessen zu spülen. Matthew rauchte Pfeife, was bei ihm immer ein sicheres Zeichen für innere Unruhe war. Mit Rücksicht auf Marilla, die das Rauchen für eine schlechte, ungesunde Angewohnheit hielt, rauchte er äußerst selten. Aber manchmal war die Pfeife für ihn einfach unentbehrlich. Marilla wusste das und übersah es dann geflissentlich.
»Das ist ja eine schöne Bescherung!«, sagte sie zornig. »Das hat man nun davon, wenn man andere um etwas bittet, anstatt die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Gleich morgen früh werde ich zu Mrs Spencer hinüberfahren und die Sache klären. Das Kind muss wieder zurück ins Waisenhaus.«
»Ja, wahrscheinlich hast du recht«, gab Matthew zögernd zurück.
»Wahrscheinlich? Was soll das heißen?«
»Hm … sie ist ein liebes Ding, Marilla. Eigentlich ein Jammer, sie zurückzuschicken. Sie würde so gern bleiben.«
»Matthew Cuthbert, du willst doch nicht etwa sagen, wir sollten sie behalten?«
Marilla verstand die Welt nicht mehr. Sie hätte nicht überraschter sein können, wenn Matthew ihr plötzlich mitgeteilt hätte, er würde am liebsten den ganzen Tag auf dem Kopf stehen.
»Hm, nein … ich glaube nicht … das heißt«, stammelte Matthew, der sich immer unwohl fühlte, wenn er eine genaue Aussage machen sollte. »Ich meine, niemand kann von uns verlangen, dass wir sie hier bei uns aufnehmen.«
»Allerdings. Sie ist nicht die Richtige für uns.«
»Aber vielleicht sind wir die Richtigen für sie«, wandte Matthew ein.
»Matthew Cuthbert, ich glaube langsam, dieses Kind hat dich behext! Ich seh’s dir doch an der Nasenspitze an, dass du sie hierbehalten willst.«
»Hm, tja … sie ist ein so interessantes kleines Ding«, fuhr Matthew fort. »Du hättest hören sollen, was sie mir alles auf der Fahrt vom Bahnhof erzählt hat.«
»Oh, reden kann sie, das ist mal sicher. Aber ob ausgerechnet das zu ihren Gunsten spricht? Ich mag Kinder nicht, die pausenlos vor sich hin plappern. Ich möchte kein Mädchen – und selbst wenn ich eines wollte, dann wäre dieser redselige Rotschopf auch nicht gerade mein Typ. Nein, nein, wir müssen sie auf schnellstem Wege dahin zurückbringen, wo sie hergekommen ist.«
»Ich könnte einen jungen Franzosen einstellen, der mir bei der Arbeit hilft«, schlug Matthew vor. »Und sie könnte dir ein bisschen Gesellschaft leisten.«
»Ich brauche keine Gesellschaft«, erwiderte Marilla schroff. »Und ich habe nicht vor, sie bei uns aufzunehmen.«
»Wir machen natürlich alles so, wie du es sagst, Marilla«, schloss Matthew, stand auf und legte seine Pfeife beiseite. »Ich gehe ins Bett.«
Damit verließ er die Küche und auch Marilla legte sich mit düsterer Miene schlafen, nachdem sie das Geschirr gespült und abgetrocknet hatte. Oben im Ostgiebel von Green Gables lag ein einsames, heimatloses Kind und weinte sich in den Schlaf.
Der erste Morgen auf Green Gables
Es war schon heller Tag, als Anne erwachte, sich im Bett aufsetzte und verwirrt auf das Fenster starrte, durch das eine Flut warmen Sonnenlichts hereinströmte.
Im ersten Moment konnte sie sich nicht entsinnen, wo sie eigentlich war. Doch dann fiel ihr mit einem Mal alles wieder ein: Sie war auf Green Gables, aber man wollte sie nicht hierbehalten, weil sie ein Mädchen war!
Doch es war ein herrlicher Morgen und vor ihrem Zimmer stand ein Kirschbaum in voller Blüte. Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett, öffnete weit das Fenster und sah staunend hinaus in den sonnigen Junimorgen.
Der riesige Kirschbaum vor ihrem Fenster stand so nahe am Haus, dass seine Äste die Wände berührten; und er war so voller Blüten, dass man kaum ein einziges grünes Blatt sehen konnte. Auf beiden Seiten des Hauses lagen große Obstgärten mit Apfel- und Kirschbäumen. Sie sahen aus wie ein einziges Blütenmeer. Das Gras unter den Bäumen war von gelbem Löwenzahn übersät. Etwas weiter unten im Garten blühte der Flieder und der Morgenwind wehte seinen süßlichen Duft herüber.
Auf der anderen Seite des Gartens erstreckte sich eine saftige Kleewiese bis zu dem von weißen Birken umsäumten Bachlauf. Jenseits des Baches erhob sich ein kleiner Hügel mit Fichten und Tannen, durch deren Zweige sie den grauen Giebel des kleinen Hauses sehen konnte, das am anderen Ufer des ›Sees der glitzernden Wasser‹ stand. Etwas weiter links konnte man hinter den großen Scheunen und den grünen, leicht abfallenden Feldern das Meer erkennen.
Anne sog jede Einzelheit gierig ein. Völlig versunken in die Schönheit dieser Landschaft kniete sie am Fenster, als ihr plötzlich jemand eine Hand auf die Schulter legte. Es war Marilla, die unbemerkt ins Zimmer getreten war.
»Es wird Zeit, dass du dich anziehst«, sagte sie unwirsch.
Marilla wusste nicht recht, wie sie mit dem Kind reden sollte, und dieses Unvermögen ließ sie barsch und unfreundlich erscheinen, auch wenn sie es nicht so meinte.
Anne stand auf und seufzte tief. »Oh, ist es nicht wunderbar?«, fragte sie und deutete mit der Hand hinaus.
»Ein stattlicher Baum«, bestätigte Marilla, »und er blüht reichlich. Bloß die Früchte sind nichts Besonderes – klein und voller Würmer.«
»Oh, ich meine nicht nur den Baum. Natürlich ist er schön, himmlisch schön – er blüht, als ginge es um sein Leben. Ich meine alles hier: den Garten und die Obstplantage und den Bach und die Bäume – die ganze, große, liebe Welt. An einem solchen Morgen muss man die Welt einfach lieben, geht es Ihnen nicht auch so? Und ich kann den Bach bis hier oben plätschern hören. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie lustig Bäche sind? Sie kichern die ganze Zeit vor sich hin. Selbst im Winter kann man sie unter dem Eis hören. Ich bin so froh, dass es hier einen Bach gibt! Ich werde mich immer gerne daran erinnern, auch wenn ich Green Gables niemals wiedersehe. Heute Morgen bin ich nicht mehr mit der Welt zerfallen. Ist es nicht herrlich, dass es jeden Tag einen Morgen gibt? Traurig bin ich allerdings immer noch. Ich habe mir gerade vorgestellt, Sie wollten mich vielleicht doch behalten, und ich könnte bis in alle Ewigkeit hierbleiben. Das Schlimme daran ist nur, dass man früher oder später doch in die Wirklichkeit zurückmuss, und das tut dann sehr weh.«
»Du solltest dich lieber anziehen und nach unten kommen, anstatt dich hier oben zu verträumen«, sagte Marilla, als sie endlich auch einmal zu Wort kam. »Das Frühstück ist schon fertig. Wasch dein Gesicht und kämm dir die Haare. Lass das Fenster offen und schlag die Bettdecke über das Fußende – und beeil dich!«
Anne konnte sich offensichtlich beeilen, wenn es darauf ankam, denn in zehn Minuten stand sie unten in der Küche.
»Ich habe einen Bärenhunger«, verkündete sie, als sie sich auf den Platz setzte, den Marilla für sie gedeckt hatte. »Ach, ich bin ja so froh, dass heute die Sonne scheint! Aber regnerische Morgen mag ich auch. Man weiß noch nicht, was den ganzen Tag über passieren wird, da hat man jede Menge Raum für Fantasie. Aber ich bin trotzdem froh, dass es nicht regnet. Wenn die Sonne scheint, ist es viel einfacher, fröhlich zu sein und den Aufgaben des Lebens standzuhalten. Es mag ja ganz schön sein, über das Leid anderer zu lesen und sich vorzustellen, wie man selbst alle Prüfungen heldenhaft bestehen würde, aber wenn sie sich einem dann plötzlich wirklich stellen, dann ist es nicht mehr so schön, nicht wahr?«
»Halt um Himmels willen jetzt mal deinen Mund«, fuhr Marilla sie an. »Für ein kleines Mädchen redest du entschieden zu viel.«
Daraufhin schwieg die Kleine so gehorsam und beharrlich, dass es Marilla nur noch nervöser machte. Gedankenverloren kaute Anne auf ihrem Brot herum, während ihre Augen mit leerem Blick aus dem Fenster starrten. Offenbar schwebte sie im Geiste in irgendwelchen unerreichbaren Welten, während ihr Körper leblos neben Marilla am Tisch saß.
»Warum wollte Matthew sie bloß hierbehalten?«, fragte sich Marilla. Sie spürte, dass er noch derselben Meinung war wie am Abend zuvor – und dass er auch bei dieser Meinung bleiben würde. So war Matthew nun einmal. Er setzte sich etwas in den Kopf und verfolgte die Sache dann mit stummer Beharrlichkeit, was zehnmal stärker und wirksamer war, als wenn er seine Meinung in lange Reden kleiden würde.
Als das Frühstück vorüber war, erwachte Anne aus ihren Tagträumen und fragte, ob sie das Geschirr spülen dürfe.
»Kannst du das denn auch?«, fragte Marilla misstrauisch.
»Fast so gut wie auf kleine Kinder aufpassen. Darin habe ich am meisten Erfahrung. Wie schade, dass Sie keine Kinder haben, um die ich mich kümmern könnte.«
»Ich glaube nicht, dass ich hier noch mehr Kinder haben wollte, als im Moment schon hier sind. Eins wirft schon genug Probleme auf. Ich habe keine Ahnung, was wir mit dir machen sollen. Matthew ist schon ein seltsamer Mensch.«
»Ich finde ihn wunderbar«, erwiderte Anne. »Er hat so viel Mitgefühl! Es macht ihm gar nichts aus, dass ich so viel rede – es scheint ihm sogar zu gefallen. Matthew ist eine verwandte Seele – das wusste ich vom ersten Augenblick an.«
»Ihr seid beide ein bisschen verschroben, wenn du das mit deiner Seelenverwandtschaft meinst«, entgegnete Marilla seufzend. »Ja, du kannst das Geschirr spülen. Nimm reichlich heißes Wasser und trockne hinterher ordentlich ab. Ich habe genug zu tun heute Morgen. Am Nachmittag muss ich ja nach White Sands hinüberfahren, um mit Mrs Spencer zu reden. Du kommst am besten mit, dann können wir gleich sehen, wie es weitergeht. Wenn du mit dem Geschirr fertig bist, gehst du nach oben und machst dein Bett.«
Anne erledigte den Abwasch recht geschickt, wie Marilla, die die ganze Zeit über ein scharfes Auge auf sie hielt, bald bemerkte.
Später machte sie ihr Bett, wobei sie allerdings weniger erfolgreich war, denn mit dicken Federbetten hatte sie bisher noch nie zu tun gehabt. Doch nach einigen Mühen war auch das geschafft und Marilla, die Anne loswerden wollte, sagte, sie solle nach draußen gehen und bis zum Mittagessen im Garten spielen.
»Aber … ich möchte, glaube ich, lieber nicht hinausgehen«, erklärte Anne im Tonfall eines Märtyrers, der allen irdischen Freuden entsagt hat. »Wenn ich sowieso nicht hierbleiben darf, möchte ich Green Gables nicht zu sehr ins Herz schließen. Und wenn ich erst einmal draußen bin und alle Bäume und Blumen im Garten und den kleinen Bach besucht habe … Schöne Dinge muss man ja einfach lieb gewinnen. Deshalb war ich auch so froh, als ich gehört habe, dass ich hier leben sollte. Ich dachte, dann würde es so viele Dinge geben, die ich lieb haben könnte, und nichts könnte mich mehr davon abhalten. Doch dieser Traum ist nun vorüber. Ich ergebe mich in mein Schicksal. Es ist besser, wenn ich nicht hinausgehe, sonst ergebe ich mich ihm am Ende dann doch nicht. Wie heißt eigentlich die Blume auf dem Fenstersims, Miss Cuthbert?«
»Das ist eine Geranie.«
»Nein, diese Art von Namen meine ich nicht. Ich meine den Namen, den Sie ihr gegeben haben. Oder haben Sie ihr noch gar keinen gegeben? Darf ich es dann tun? Ich könnte sie … mal sehen … ja, ich könnte sie ›Bonny‹ nennen, solange ich hier bin. Darf ich? Ach, bitte!«
»Von mir aus. Aber was um alles in der Welt soll das für einen Sinn haben, einer Geranie einen Namen zu geben?«
»Oh, ich finde es schön, wenn alle Dinge einen eigenen Namen haben, auch wenn es nur Geranien sind. Vielleicht ist die Geranie außerdem schrecklich gekränkt, wenn man sie einfach ›Geranie‹ nennt und sonst nichts. Ihnen würde es doch auch nicht gefallen, wenn man sie nur ›Frau‹ nennen würde, oder? Ja, ich werde sie ›Bonny‹ nennen. Für den Kirschbaum vor meinem Fenster habe ich auch schon einen passenden Namen gefunden: ›Schneekönigin‹. Natürlich kann er nicht das ganze Jahr über weiße Blüten tragen, aber man kann es sich ja immer vorstellen, nicht wahr?«
»So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt«, murmelte Marilla vor sich hin, als sie sich in den Keller zurückzog, um Kartoffeln zu holen. »Irgendwie ist sie tatsächlich interessant, da hat Matthew schon recht. Langsam bin ich selbst gespannt, was sie wohl als Nächstes sagen wird. Wenn es so weitergeht, wird sie mich auch noch verhexen. Matthew hat sie ja schon voll in ihren Bann gezogen. Dieser Blick, den er mir beim Hinausgehen heute Morgen zugeworfen hat! Ich wünschte, er wäre wie andere Männer und würde die Sache ausführlich mit mir besprechen, dann könnte ich ihn mit Worten wieder zur Vernunft bringen. Aber was soll man mit einem Mann machen, der einem nur Blicke zuwirft?«
Als Marilla vom Keller zurückkehrte, war Anne schon wieder in ihre Träume versunken. Den Kopf in die Hände gestützt, die Augen auf den Horizont geheftet, saß sie am Fenster. Erst als Marilla sie zum Mittagessen rief, wachte sie wieder auf.
»Kann ich heute Nachmittag die Stute und den Einspänner haben, Matthew?«, fragte Marilla, als sie zu dritt am Tisch saßen.
Matthew nickte und sah wehmütig zu Anne hinüber. Marilla fing seinen Blick auf und sagte ärgerlich: »Ich werde mit Anne nach White Sands hinüberfahren und die Angelegenheit mit Mrs Spencer regeln. Mrs Spencer wird dann wohl entsprechende Maßnahmen ergreifen, um Anne nach Nova Scotia zurückzubringen. Ich werde dir dein Essen hinstellen und früh genug zurück sein, um die Kühe zu melken.«
Matthew schwieg immer noch. Marilla hatte das Gefühl, gegen eine Wand geredet zu haben.
Erst als Marilla und Anne in den Wagen gestiegen waren, sagte Matthew langsam: »Der kleine Jerry Buote von der Bucht drüben war heute Morgen da. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn den Sommer über einstellen würde.«
Marilla gab keine Antwort, versetzte der unglücklichen Stute jedoch einen so heftigen Schlag mit der Peitsche, dass das behäbige Tier, das eine solche Behandlung nicht gewöhnt war, in einem beängstigenden Tempo den Hohlweg hinunterschoss. Als Marilla sich auf dem schaukelnden Wagen noch einmal umschaute, konnte sie sehen, wie Matthew am Tor lehnte und ihnen wehmütig nachblickte.
Anne erzählt ihre Geschichte
Wissen Sie«, sagte Anne vertraulich, »ich bin fest entschlossen, diese Fahrt zu genießen. Solange wir unterwegs sind, werde ich einfach nicht daran denken, dass ich zurück ins Waisenhaus muss. – Oh, schauen Sie nur, da blüht schon eine wilde Rose! Ist sie nicht sagenhaft schön? Es muss wunderbar sein, eine Rose zu sein, glauben Sie nicht auch? Und wäre es nicht noch schöner, wenn die Rosen sprechen könnten? Bestimmt könnten sie uns die herrlichsten Dinge erzählen. Rosa ist außerdem meine Lieblingsfarbe. Ein Jammer, dass ich kein Rosa tragen kann! Aber zu roten Haaren passt es einfach nicht – noch nicht einmal in der Fantasie. Haben Sie schon mal ein Mädchen gekannt, das in seiner Jugend rote Haare hatte und später eine andere Haarfarbe bekam?«
»Nein, so etwas habe ich noch nie gehört«, entgegnete Marilla gnadenlos, »und ich glaube auch nicht, dass es in deinem Fall so eintreten wird.«
Anne seufzte. »Eine weitere Hoffnung dahin! Mein Leben ist ein Friedhof voller begrabener Hoffnungen. Diesen Satz habe ich einmal in einem Buch gelesen und seitdem rufe ich ihn mir immer ins Gedächtnis, wenn ich sehr enttäuscht bin und mich trösten will.«
»Ich verstehe allerdings nicht, worin da der Trost liegen soll.« Marilla schüttelte den Kopf.
»Na, es klingt eben so schön, so romantisch, als wäre ich eine Heldin aus irgendeinem Buch, verstehen Sie? Ich liebe alles, was romantisch ist, und ›ein Friedhof voller begrabener Hoffnungen‹ ist so ungefähr das Romantischste, was man sich vorstellen kann, oder? Das macht mich dann froh. Fahren wir heute wieder über den ›See der glitzernden Wasser‹?«
»Über Barrys Weiher fahren wir nicht, falls du den meinst. Wir nehmen die Uferstraße.«
»Die Uferstraße! Das hört sich sehr schön an«, sagte Anne verträumt. »Ist sie so schön wie ihr Name? Als Sie ›Uferstraße‹ sagten, kam mir sofort ein Bild in den Kopf. Und White Sands ist auch ein hübscher Name, obwohl er mir längst nicht so gut gefällt wie Avonlea. A-von-lea – das klingt wie Musik. Wie weit ist es bis White Sands?«
»Fünf Meilen, und da du offensichtlich sowieso die ganze Fahrt über reden willst, können wir die Zeit genauso gut für ein nützliches Gespräch verwenden. Erzähl mir was von dir.«
»Von mir gibt’s nicht viel zu erzählen, Miss Cuthbert. Wenn ich Ihnen erzählen dürfte, was ich mir alles über mich vorstelle, wäre das viel interessanter.«
»Nein, nein! Davon will ich nichts hören. Bleib bei der Wahrheit und fang ganz von vorne an. Wo wurdest du geboren? Und wie alt bist du?«
Anne, die sich nur ungern mit nackten Tatsachen befasste, hob resigniert die Schultern. »Im letzten März bin ich elf geworden«, berichtete sie. »Geboren wurde ich in Bolingbroke, Nova Scotia. Mein Vater hieß Walter Shirley und unterrichtete dort an der Schule. Meine Mutter hieß Bertha Shirley. Walter und Bertha – sind das nicht wunderschöne Namen? Es wäre doch schrecklich, wenn man einen Vater namens ›Hesekiel‹ hätte!«
»Ich glaube nicht, dass es eine Rolle spielt, wie ein Mensch heißt, wenn er sich nur anständig zu benehmen weiß«, wandte Marilla ein.
»Also, ich weiß nicht. Ich habe zwar mal in einem berühmten Buch gelesen: ›Was ist schon ein Name? Wie die Rose auch hieße, sie würde lieblich duften‹, aber das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Eine Rose würde doch nie so süß duften, wenn sie ›Distel‹ hieße oder gar ›Kohlkopf‹. Obwohl ich glaube, dass mein Vater sicherlich auch dann ein anständiger Mensch gewesen wäre, wenn er Hesekiel geheißen hätte. Na ja, jedenfalls war meine Mutter auch Lehrerin. Als sie Vater heiratete, hat sie ihren Beruf aufgegeben. Mrs Thomas sagte immer, die beiden seien die reinsten Kinder gewesen und arm wie die Kirchenmäuse. Sie zogen in ein winziges gelbes Haus in Bolingbroke. Ich habe das Haus nie gesehen, aber ich kann es mir ganz genau vorstellen. Es war bestimmt ein sehr gemütliches Haus mit Geißblatt am Wohnzimmerfenster, Flieder im Hof, kleinen Maiglöckchen am Tor und Gardinen aus Musselin an allen Fenstern. In diesem Haus wurde ich geboren. Mrs Thomas sagte, ich sei das hässlichste Baby gewesen, das sie je gesehen habe, aber Mutter habe mich für eine vollkommene kleine Schönheit gehalten. Eine Mutter kann das bestimmt besser beurteilen als eine alte Putzfrau, meinen Sie nicht? Jedenfalls bin ich froh, dass Mutter mit mir zufrieden war; es wäre ja traurig, wenn ich sie enttäuscht hätte. Nach meiner Geburt lebte sie nicht mehr lange. Sie starb am Gelbfieber, als ich gerade drei Monate alt war. Ich wünschte, sie hätte wenigstens noch so lange gelebt, dass ich mich daran erinnern könnte, ›Mutter‹ zu ihr gesagt zu haben. Es muss wunderbar sein, zu einem Menschen ›Mutter‹ sagen zu können! Vater starb vier Tage nach ihr, ebenfalls am Gelbfieber. Auf einmal war ich ein Waisenkind und die Leute wussten nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Schon damals wollte mich keiner haben, das scheint mein Schicksal zu sein. Vater und Mutter hatten beide keine Verwandten mehr. Also nahm mich schließlich Mrs Thomas zu sich, obwohl sie selbst sehr arm und außerdem mit einem Säufer verheiratet war. Immer wenn sie mit mir geschimpft hat, hat sie mir vorgehalten, wie dankbar ich ihr sein müsste.
Mr und Mrs Thomas zogen bald nach Marysville. Dort lebte ich bei ihnen, bis ich acht Jahre alt war. Ich kümmerte mich um die Kinder – sie hatten vier Kinder, alle jünger als ich. Damit hatte ich von früh bis spät zu tun. Dann wurde Mr Thomas von einem Zug überfahren und seine Mutter bot Mrs Thomas an, sie und die Kinder zu sich zu nehmen. Mich wollte sie natürlich nicht haben. Mrs Thomas wusste nicht, was sie mit mir machen sollte, da kam Mrs Hammond und holte mich, damit ich auf ihre Kinder aufpassen könnte. Also zog ich flussaufwärts zu den Hammonds, die auf einer kleinen Waldlichtung zwischen lauter Baumstümpfen wohnten. Es war sehr einsam dort, ohne meine Fantasie hätte ich es da überhaupt nicht ausgehalten! Mr Hammond arbeitete in einem Sägewerk und Mrs Hammond hatte acht Kinder. Sie hatte dreimal hintereinander Zwillinge bekommen! Ich mag Babys sehr, aber es war furchtbar anstrengend, sie den ganzen Tag herumzutragen.
Als ich zwei Jahre bei den Hammonds gewesen war, starb Mr Hammond. Daraufhin löste Mrs Hammond ihren Haushalt auf, verteilte ihre Kinder unter ihren Verwandten und ging in die Staaten. Mich brachte sie ins Waisenhaus nach Hopetown. Dort wollten sie mich zuerst auch nicht aufnehmen. Sie meinten, sie hätten keinen Platz mehr frei. Schließlich durfte ich aber doch bleiben und nach vier Monaten kam Mrs Spencer und nahm mich mit zu Ihnen.«
Anne schloss ihre Erzählung mit einem Seufzer der Erleichterung. Sie sprach nicht gern über ihre Erfahrungen in einer Welt, in der niemand sie haben wollte.
»Bist du jemals zur Schule gegangen?«, wollte Marilla wissen, als sie gerade in die Uferstraße einbogen.
»Nicht regelmäßig. Im letzten Jahr bei Mrs Thomas – ja. Aber als ich zu den Hammonds zog, war die nächste Schule so weit entfernt, dass ich im Winter nicht hingehen konnte. Im Sommer waren Ferien, also konnte ich nur im Frühling und im Herbst zur Schule gehen. Aber im Waisenhaus habe ich den Unterricht besucht. Ich kann ziemlich gut lesen und kenne schon einige Gedichte auswendig – schöne romantische Gedichte vor allem, die mir die großen Mädchen beigebracht haben.«
»Waren diese Frauen – Mrs Thomas und Mrs Hammond gut zu dir?«, fragte Marilla und beobachtete Anne aus dem Augenwinkel.
Anne zögerte mit der Antwort. Ihr Gesicht wurde tiefrot, verlegen senkte sie den Blick. »Ich glaube, sie meinten es gut mit mir«, sagte sie schließlich. »Und wenn die Leute es gut mit einem meinen, dann macht es einem nicht so viel aus, wenn sie nicht immer gut sind, nicht wahr? Sie hatten genug eigene Sorgen. Mit einem Säufer verheiratet zu sein oder dreimal hintereinander Zwillinge zu kriegen – das ist nicht so einfach. Aber ich glaube fest, dass sie es gut mit mir meinten.«
Marilla fragte nicht weiter. Geistesabwesend lenkte sie die Stute an der Küste entlang und versank in tiefes Grübeln. Ihr wurde ganz weich ums Herz, als sie sich vorstellte, wie ausgehungert nach Liebe dieses kleine Wesen sein musste, dessen Dasein bisher nur aus harter Arbeit, Armut und Entbehrung bestanden hatte. Marilla war klug genug, um zwischen den Zeilen von Annes Bericht lesen zu können. Kein Wunder, dass die Aussicht auf ein wirkliches Zuhause so große Hoffnungen in dem Kind geweckt hatte. Eigentlich war es schade, sie wieder zurückschicken zu müssen. Und wenn sie Matthews unerklärlicher Laune nachgeben und die Kleine doch behalten würde? Offensichtlich hatte er sein Herz daran gehängt und Anne schien ein sehr nettes, lernfähiges Kind zu sein.
Sie redet ein bisschen viel, dachte Marilla, aber das kann man ihr vielleicht noch abgewöhnen. Außerdem ist an dem, was sie sagt, nichts Gemeines oder Unerzogenes. Eigentlich spricht sie fast wie eine kleine Dame. Und sie scheint aus einer guten, anständigen Familie zu stammen.
Während Marilla mit ihren Gedanken beschäftigt war, bewunderte Anne mit großen Augen die schöne Landschaft. Auf der einen Seite der Straße standen mächtige Tannen, auf der anderen fielen rote Sandsteinfelsen steil zum Ufer hinab. Am Fuß der Felsen lagen kleine sandige Buchten, an deren Rand sich ausgewaschene Steine häuften. Dahinter schimmerte blau die See. Die Flügel der Möwen glänzten silbrig in der Nachmittagssonne.
»Ist das Meer nicht wunderschön?«, brach Anne ihr andächtig staunendes Schweigen. »Als ich noch in Marysville gewohnt habe, hat Mr Thomas einmal mit uns allen einen Ausflug an die Küste gemacht. Ich habe jede Sekunde davon genossen, obwohl ich die ganze Zeit auf die Kinder aufpassen musste. Seitdem habe ich mir den Tag wohl tausendmal in Erinnerung gerufen. Hier ist die Küste aber noch viel schöner als in Marysville. – Würden Sie auch so gern eine Möwe sein wie ich? Ach, es muss wunderschön sein, den Tag mit einem Sturzflug von den roten Felsen zu beginnen, stundenlang über dem blauen Wasser zu schweben und nachts ins eigene Nest zurückzukehren! Was für ein großes Haus ist das da vorne, Miss Cuthbert?«
»Das ist das White Sands Hotel. Die Saison hat noch nicht begonnen, aber im Sommer kommen jede Menge Amerikaner hierher. Sie lieben die Küste.«
»Und ich hatte schon befürchtet, es wäre Mrs Spencers Haus«, sagte Anne traurig. »Von mir aus brauchten wir überhaupt nicht dort anzukommen. Unsere Ankunft wird für mich der Anfang vom Ende sein.«
Marilla fasst einen Entschluss
Die Ankunft in White Sands ließ sich allerdings nicht vermeiden – schon nach kurzer Zeit erreichten Marilla und Anne das Ziel ihrer Reise. Mrs Spencer trafen sie vor ihrem großen gelben Haus in der Bucht von White Sands. Erstaunen und Freude über den unerwarteten Besuch standen auf ihrem gütigen Gesicht geschrieben.
»Na, so was!«, rief sie aus. »Euch hätte ich heute am allerwenigsten erwartet! Aber ich freue mich, euch zu sehen. Wollt ihr euer Pferd unterstellen? Wie geht es dir, Anne?«
»Den Umständen entsprechend gut, danke«, sagte Anne, ohne zu lächeln. Alle Lebensfreude schien aus ihrem Gesicht gewichen zu sein.
»Es ist nämlich so, Mrs Spencer«, ergriff Marilla das Wort, »es muss zwischen uns ein Missverständnis gegeben haben und wir sind herübergekommen, um die Sache aufzuklären. Matthew und ich hatten Ihrem Bruder Robert gesagt, dass wir einen Jungen möchten.«
»Was sagen Sie da, Marilla?«, rief Mrs Spencer überrascht. »Robert hat seine Tochter Nancy vorbeigeschickt und sie hat ausdrücklich nach einem Mädchen für Sie verlangt – war es nicht so, Flora Jane?«, wandte sie sich an ihre Tochter, die nun ebenfalls vor die Tür getreten war.
»Ja, so war es«, bestätigte Flora Jane.
»Es tut mir außerordentlich leid«, sagte Mrs Spencer, »aber es war sicherlich nicht mein Fehler, Marilla. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Nancy ist manchmal so gedankenlos. Ich musste sie schon oft wegen ihrer Leichtfertigkeit tadeln.«
»Es war wohl unser Fehler«, erwiderte Marilla verdrossen. »Wir hätten selbst zu Ihnen kommen sollen, anstatt eine so wichtige Botschaft von anderen übermitteln zu lassen. Es war einfach ein Missverständnis und zum Glück lässt sich die Sache ja bestimmt wieder ins Lot bringen. Das Waisenhaus wird das Kind doch wieder aufnehmen?«
»Das müssen sie wohl«, sagte Mrs Spencer nachdenklich. »aber ich glaube nicht, dass es notwendig sein wird. Mrs Peter Blewett war nämlich gestern da und hat nach einem kleinen Mädchen gefragt, das ihr im Haushalt zur Hand gehen könnte. Sie hat eine riesengroße Familie und Sie wissen ja, wie schwer man es heutzutage hat, eine Hilfe zu finden. Anne ist genau die Richtige für sie. Das kann man eine Fügung des Himmels nennen!«
Marilla sah nicht so aus, als würde sie in diesem Fall an eine Fügung des Himmels glauben. Da tat sich nun plötzlich eine bequeme Lösung auf, das unerwünschte Waisenkind wieder loszuwerden – und sie empfand nicht die geringste Dankbarkeit dafür …
Marilla kannte Mrs Blewett nur vom Sehen, hatte allerdings schon viel von ihr gehört: einen »schrecklichen Drachen« hatten entlassene Dienstmädchen und die anderen Leute im Dorf sie genannt und dabei furchterregende Geschichten von ihrem launischen Wesen, ihrer Knauserigkeit und ihrer frechen, streitsüchtigen Kinderschar erzählt. Bei dem Gedanken, Anne der Gnade oder Ungnade dieser Frau zu überlassen, regte sich Marillas Gewissen.
»Na, so etwas! Da kommt ja gerade Mrs Blewett den Weg herauf«, rief Mrs Spencer freudig. »Was sagt man dazu? Kommen Sie doch bitte alle herein, dann können wir das Ganze gleich besprechen. Hier, nehmen Sie den Sessel, Marilla. Geben Sie mir Ihren Hut. Und du, Anne, setz dich hier auf den Polsterstuhl – aber nicht schaukeln! Flora Jane, stell doch bitte den Teekessel auf! Guten Tag, Mrs Blewett. Wir haben gerade gesagt, was für eine glückliche Fügung es ist, dass Sie heute bei mir vorbeischauen. Darf ich vorstellen: Mrs Blewett, Miss Cuthbert. Bitte, entschuldigen Sie mich einen Moment, ich habe vergessen, Flora Jane zu sagen, dass sie die süßen Brötchen aus dem Ofen holen soll.«
Die Hände artig im Schoß gefaltet, saß Anne stumm auf ihrem Stuhl und starrte unverwandt auf Mrs Blewetts hagere Gestalt. Sollte sie tatsächlich zu dieser Frau mit dem harten Gesicht und den verbitterten Augen kommen? Der Kloß in ihrem Hals wurde immer dicker und ihre Augen begannen zu brennen.
»Mit diesem kleinen Mädchen hat es ein Missverständnis gegeben, Mrs Blewett«, erklärte Mrs Spencer, als sie in den Salon zurückkehrte. »Ich hatte gedacht, dass Mr und Miss Cuthbert ein kleines Mädchen adoptieren wollten. So war es mir ausgerichtet worden. Aber offensichtlich wollten sie einen kleinen Jungen. Wenn Sie also immer noch derselben Ansicht sind wie gestern, wäre die Kleine, glaube ich, genau das Richtige für Sie.«
Mrs Blewett spießte Anne förmlich auf mit ihren Blicken und musterte sie vom Scheitel bis zur Sohle.
»Wie alt bist du? Und wie heißt du?«, wollte sie wissen.
»Anne Shirley«, stammelte das Mädchen und sank auf seinem Stuhl förmlich in sich zusammen. Vor lauter Angst traute es sich nicht einmal, auf das e am Ende seines Namens hinzuweisen. »Ich bin elf Jahre alt.«
»Hm! Nicht gerade viel dran an dir, aber du siehst drahtig aus und die Drahtigen können die härteste Arbeit leisten. Wenn ich dich aufnehmen soll, erwarte ich jedoch äußersten Gehorsam und Fleiß. Du musst dir deinen Unterhalt schon verdienen – damit das gleich von vornherein klar ist!« Dann wandte sich Mrs Blewett Marilla zu. »Also gut, ich nehme sie Ihnen ab, Miss Cuthbert. Die Kinder quengeln den ganzen Tag und ich bin schon völlig mit den Nerven runter. Wenn Sie wollen, kann ich sie gleich mit nach Hause nehmen.«
Marilla sah zu Anne hinüber und dieser Anblick stummer Trauer ging ihr durch und durch. Sie sah ein hilfloses Geschöpf vor sich, das schon wieder in der Falle saß, der es gerade erst entronnen war. Marilla hatte das unbehagliche Gefühl, dass sie es sich nie verzeihen würde, wenn sie sich dieses Kindes nicht erbarmte – ja, sie spürte, dass dieses Bild sie noch auf dem Totenbett verfolgen würde. Außerdem gefiel ihr Mrs Blewett ganz und gar nicht. Ein so empfindsames, zartes Kind in die Hände dieser Frau zu geben … Nein, das konnte sie einfach nicht verantworten!
»Nun, ich weiß nicht so recht«, begann sie langsam. »Eigentlich sind Matthew und ich uns noch nicht ganz schlüssig, ob wir Anne wirklich wieder weggeben wollen. Matthew jedenfalls neigt eher dazu, sie zu behalten. Ich bin eigentlich nur herübergekommen, um das Missverständnis aufzuklären. Ich glaube, ich nehme sie heute am besten wieder mit nach Green Gables und bespreche die ganze Sache noch einmal mit Matthew. Ich möchte nichts entscheiden, ohne ihn vorher gefragt zu haben. Falls wir sie nicht behalten wollen, bringen wir sie Ihnen morgen Abend hinüber. Wenn Sie jedoch bis dahin nichts von uns hören, wissen Sie, dass wir sie behalten werden. Ist Ihnen das so recht, Mrs Blewett?«
»Bleibt mir ja nichts anderes übrig«, erwiderte Mrs Blewett.
Während Marilla sprach, war auf Annes Gesicht die Sonne wieder aufgegangen. Der Ausdruck der Verzweiflung war gewichen, die blassen Wangen hatten wieder Farbe bekommen, ihre Augen glänzten wie zwei helle Sterne. Als Mrs Spencer und Mrs Blewett zusammen in die Küche hinausgingen, um Rezepte auszutauschen, sprang sie von ihrem Stuhl auf und lief stürmisch auf Marilla zu.
»Oh, Miss Cuthbert, haben Sie wirklich gesagt, dass ich vielleicht doch auf Green Gables bleiben darf?«, flüsterte sie, als ob laute Stimmen diesen Traum vertreiben könnten. »Haben Sie es wirklich gesagt? Oder bilde ich mir das nur ein?«
»Ich glaube, du musst lernen, deine Fantasie besser im Zaum zu halten, Anne, wenn du nicht in der Lage bist, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden«, erwiderte Marilla trocken. »Ja, du hast richtig gehört, genau das habe ich gesagt, nicht mehr und nicht weniger. Aber es ist noch nichts entschieden. Vielleicht werden wir dich doch noch zu Mrs Blewett schicken … Sie braucht dich auf jeden Fall dringender als ich.«
»Lieber gehe ich zurück ins Waisenhaus!«, rief Anne leidenschaftlich aus. »Sie sieht aus wie … wie eine alte Hexe!«
Marilla unterdrückte das Lächeln, das sich unwillkürlich auf ihr Gesicht stahl. »Du solltest dich schämen, so über eine erwachsene Dame zu sprechen – und dazu noch eine Fremde!«, sagte sie ernst. »Geh zurück zu deinem Stuhl, sei still und benimm dich wie ein braves Mädchen.«
»Ich werde es versuchen und alles tun, was Sie von mir verlangen, wenn Sie mich nur behalten wollen«, sagte Anne und kehrte reumütig zu ihrem Stuhl zurück.
Als sie an jenem Abend nach Green Gables zurückkamen, erwartete Matthew sie vor dem Tor. Marilla hatte ihn schon von Weitem gesehen und den Grund seiner Ungeduld längst erraten. Seine sichtliche Erleichterung darüber, dass sie Anne wieder mit zurückgebracht hatte, konnte sie daher kaum überraschen. Doch erst als sie beide allein hinter der Scheune die Kühe melkten, erzählte sie ihm, was sie alles über Anne erfahren hatte und was bei ihrem Besuch bei Mrs Spencer herausgekommen war.
»Nicht einmal einen Hund würde ich dieser Blewett anvertrauen«, sagte Matthew mit ungewöhnlicher Heftigkeit.
»Mir gefällt sie auch nicht gerade besonders«, gab Marilla zu, »aber entweder nimmt sie Anne oder wir behalten die Kleine. Und da du sie offenbar gern bei uns aufnehmen würdest, bin ich, glaube ich, einverstanden. Ich habe inzwischen so viel über diese Möglichkeit nachgedacht, dass ich mich langsam daran gewöhnt habe. Allerdings habe ich noch nie ein Kind aufgezogen, schon gar nicht ein kleines Mädchen. Vielleicht werde ich alles falsch machen, aber ich werde mein Bestes versuchen. Von mir aus kann sie bleiben, Matthew.«
Matthews Augen strahlten vor Freude. »Tja, Marilla … ich wusste doch, dass du das schließlich auch so sehen würdest«, sagte er. »Sie ist so ein interessantes kleines Ding.«
»Nur eins musst du mir versprechen: Du mischst dich nicht in meine Erziehung ein. Ein altes Mädchen wie ich versteht vielleicht nicht viel davon, wie man Kinder erzieht, aber bestimmt weiß ich noch besser Bescheid als ein alter Junggeselle wie du.«
»Gut, gut, Marilla, ich werde mich ganz heraushalten«, versicherte Matthew. »Sei nur so gut und lieb zu ihr, wie du kannst, ohne sie dabei zu verwöhnen.«
Marilla stand auf und ging mit den vollen Eimern zur Milchkammer hinüber.
Ich werde Anne heute Abend noch nicht sagen, dass sie bleiben kann, dachte sie, als sie die Milch in die großen Kübel filterte. Sonst macht sie vor lauter Aufregung die Nacht über kein Auge zu.
Als sie Anne später ins Bett brachte, ermahnte sie das Mädchen: »Ich habe gesehen, dass du gestern Abend alle deine Kleider auf dem Fußboden verstreut hast, Anne. Solche Schludrigkeiten kann ich hier nicht dulden. Wenn du ein Kleidungsstück ausziehst, dann faltest du es bitte gleich zusammen und legst es auf den Stuhl. Für unordentliche Mädchen haben wir hier keinen Platz! Und jetzt sprich dein Gebet und leg dich schlafen.«
»Beten? Ich habe noch nie gebetet«, verkündete Anne.
Marilla schaute sie entsetzt an. »Wie bitte? Was soll das heißen, Anne? Hat man dich denn nie zum Beten angehalten? Weißt du auch nicht, wer Gott ist?«
»Doch: der barmherzige und allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erden.«
Marilla war erleichtert. »Dem Himmel sei Dank, du bist also doch kein Heidenkind! Wo hast du das gelernt?«
»In der Sonntagsschule im Waisenhaus. Wir haben den ganzen Katechismus auswendig gelernt.«
»Und warum betest du dann nicht abends vorm Einschlafen, wie sich das für ein braves kleines Mädchen gehört?«
»Mrs Thomas hat mir gesagt, dass Gott mir mit Absicht rote Haare gegeben hat, seitdem interessiert er mich nicht mehr. Und außerdem war ich abends immer zu müde, um noch ans Beten zu denken. Von kleinen Mädchen, die auf einen Haufen Zwillinge aufpassen müssen, kann man nicht zu viel erwarten, oder?«
Marilla beschloss, auf der Stelle mit Annes religiöser Erziehung zu beginnen. Es war keine Zeit zu verlieren.
»Solange du unter meinem Dach lebst, musst du dein Gebet sprechen, Anne.«
»Ja, natürlich, wenn Sie das möchten«, stimmte Anne fröhlich zu. »Ich würde alles für Sie tun. Aber Sie müssen mir wenigstens heute Abend noch vorsprechen, was ich sagen soll. Nachher im Bett werde ich mir ein wunderschönes Gebet ausdenken, das ich dann immer sprechen kann. Ich glaube, die Sache kann sogar ganz interessant werden, wenn ich es mir recht überlege.«
»Du bist alt genug, um selbst zu beten, Anne«, sagte Marilla bestimmt. »Danke Gott für Seine Gaben und bitte Ihn in aller Bescheidenheit um die Erfüllung deiner Wünsche.«
»Gut, ich werde mein Bestes tun«, versprach Anne, kniete sich nieder und vergrub ihr Gesicht in Marillas Schoß.
»Allmächtiger, himmlischer Vater«, betete sie, »ich danke dir für die ›Weiße-Blütentraum-Allee‹ und den ›See der glitzernden Wasser‹ und ›Bonny‹ und die ›Schneekönigin‹. Ich bin dir wirklich außerordentlich dankbar. Und das sind alle guten Gaben, die mir im Moment einfallen. Was meine Wünsche angeht, sind sie so zahlreich, dass es viel zu lange dauern würde, um sie alle aufzuzählen. Also will ich dich nur um das Wichtigste bitten: Lass mich auf Green Gables bleiben und bitte lass mich ein hübsches Mädchen werden. Mit vorzüglicher Hochachtung – Anne Shirley.«
Nach diesem Schlusssatz stand sie wieder auf. »War das gut so?«, fragte sie eifrig. »Wenn ich mehr Zeit zum Überlegen gehabt hätte, wäre es sicherlich noch viel feierlicher und schöner geworden.«
Die arme Marilla konnte sich nur mit der Gewissheit trösten, dass es nicht Respektlosigkeit war, sondern schlichte Unwissenheit, die Anne zu diesem außergewöhnlichen Bittgesuch veranlasst hatte. Während sie das Kind ins Bett brachte, gelobte sie feierlich, ihm am nächsten Tag ein Gebet beizubringen. Sie wollte gerade mit dem Licht hinausgehen, als Anne sie noch einmal zurückrief.
»Ich weiß jetzt: Ich hätte ›Amen‹ sagen sollen anstatt ›mit vorzüglicher Hochachtung‹, nicht wahr? So macht es jedenfalls der Pfarrer immer, es ist mir bloß eben nicht eingefallen. Meinen Sie, das macht einen großen Unterschied?«
»Ich … nein, das glaube ich nicht«, antwortete Marilla. »Sei jetzt ein braves Kind und schlaf ein. Gute Nacht.«
Marilla ging in die Küche hinunter, stellte energisch die Kerze auf den Tisch und sah Matthew fest in die Augen. »Matthew Cuthbert, es ist an der Zeit, dass sich jemand dieses Kindes annimmt!«, verkündete sie. »Und von nun an wird das meine Aufgabe sein.«
Von Fenster- und Busenfreundinnen
Am nächsten Morgen erzählte Marilla Anne zunächst noch nicht, dass Matthew und sie sich entschlossen hatten, sie auf Green Gables zu behalten. Den ganzen Vormittag über hielt sie das Kind mit verschiedenen Aufgaben beschäftigt und beobachtete es aufmerksam. Schon bald kam Marilla zu dem Schluss, dass Anne gewandt und folgsam war und sowohl Arbeitswillen als auch eine schnelle Auffassungsgabe besaß. Nicht zu leugnen war freilich ihre Neigung, mitten in einer Arbeit in Träumereien zu versinken und darüber alles um sich herum zu vergessen – nur eine Ermahnung oder der Eintritt einer Katastrophe konnte sie dann in die Wirklichkeit zurückrufen.
Als Anne nach dem Mittagessen mit dem Geschirrspülen fertig war, ging sie mit großen Schritten auf Marilla zu. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck verzweifelter Entschlossenheit: Sie war offenbar bereit, sich dem Schlimmsten zu stellen. Ihr kleiner Körper zitterte und ihre Pupillen wurden so groß, dass ihre Augen fast schwarz aussahen. Schließlich fasste sie nach Marillas Händen und sagte mit flehender Stimme: »Ach, bitte, Miss Cuthbert, wollen Sie mir nicht sagen, ob ich auf Green Gables bleiben darf oder nicht? Ich habe schon den ganzen Morgen versucht, geduldig zu sein, aber ich kann die Ungewissheit nicht mehr länger ertragen. Bitte, sagen Sie es mir!«
»Du hast das Geschirrtuch noch nicht in heißem Wasser ausgespült, wie ich es dir gesagt habe«, antwortete Marilla unbewegt. »Das erledigst du zuerst, bevor du irgendwelche weiteren Fragen stellst.«
Anne ging und tat, was ihr gesagt worden war. Dann kehrte sie zu Marilla zurück und sah sie wieder mit flehenden Augen an.
»Nun«, sagte Marilla, der keine Ausrede mehr einfiel, um ihre Erklärung noch weiter hinauszuzögern, »dann werde ich es dir jetzt sagen: Matthew und ich haben uns dazu entschlossen, dich hierzubehalten – wenn du versprichst, ein braves Mädchen zu sein und dich dankbar zu erweisen. – Aber Kind, was ist denn?«
»Ich muss weinen«, stammelte Anne, »ich weiß selbst nicht, wieso. Ich bin so froh, wie man es sich nur vorstellen kann. Ach was, froh ist gar nicht der richtige Ausdruck! Über die ›Weiße-Blütentraum-Allee‹ und die ›Schneekönigin‹ war ich froh – jetzt ist es aber noch viel mehr. Ich bin glücklich! Und ich werde versuchen, ganz, ganz brav zu sein, auch wenn mich das noch so viel Mühe kosten wird. Mrs Thomas hat nämlich immer gesagt, ich sei hoffnungslos verdorben.«
»Jetzt beruhige dich erst einmal. Du kannst hierbleiben und wir werden versuchen, gut zu dir zu sein. Vor allem musst du zur Schule gehen. In zwei Wochen gibt es allerdings sowieso Ferien, vor Anfang des neuen Schuljahrs im September hat es also wohl kaum Zweck.«
»Und wie soll ich Sie anreden?«, fragte Anne. »Soll ich Miss Cuthbert sagen? Oder kann ich Sie Tante Marilla nennen?«
»Nein, du sagst ›du‹ und Marilla zu mir. Ich bin es nicht gewohnt, immerzu Miss Cuthbert genannt zu werden. Ich glaube, es würde mich fürchterlich nervös machen.«
»Aber es hört sich so respektlos an, einfach nur Marilla zu sagen«, wandte Anne ein.
»Wenn du nicht respektlos bist, wird es sich auch nicht so anhören. Alle in Avonlea nennen mich Marilla, abgesehen vom Pfarrer: Er nennt mich Miss Cuthbert – allerdings auch nur, wenn er daran denkt.«
»Ich habe nie eine Tante gehabt«, sagte Anne wehmütig, »überhaupt keine Verwandten, noch nicht einmal Großeltern. Ich hätte das Gefühl, richtig zu euch zu gehören. Ich würde so gern Tante Marilla zu dir sagen. Ja, darf ich?«
»Nein. Ich bin nicht deine Tante und ich halte nichts davon, wenn man die Dinge anders nennt, als sie sind.«
»Aber wir könnten uns doch vorstellen, dass du meine Tante bist.«
»Ich halte auch nichts davon, sich die Dinge anders vorzustellen, als sie sind«, widersprach Marilla. »Wenn Gott uns an einen bestimmten Platz gestellt hat, dann hat Er das nicht getan, damit wir versuchen, uns an einen anderen zu träumen. Das erinnert mich an etwas. Geh doch bitte mal ins Wohnzimmer, Anne – aber streif vorher deine Schuhe ordentlich ab und pass auf, dass du keine Fliegen mit hineinlässt –, und hol die bunte Karte, die auf dem Kaminsims liegt. Das Vaterunser steht darauf und ich möchte, dass du heute Nachmittag deine freie Zeit darauf verwendest, es auswendig zu lernen. Solche Gebete wie gestern Abend will ich in Zukunft nicht mehr hören.«
»Ich fürchte, ich war ziemlich unbeholfen«, sagte Anne entschuldigend, »aber ich hatte ja auch überhaupt keine Übung. Man kann von dem ersten Gebet, das ein Mensch sich ausdenkt, nicht zu viel erwarten, oder? Als ich im Bett lag, habe ich mir noch ein herrliches Gebet ausgedacht, genau wie ich es versprochen hatte. Es war fast so lang wie das, was der Pfarrer in der Kirche immer spricht – und schrecklich poetisch! Aber heute Morgen konnte ich mich an kein einziges Wort mehr erinnern. So ein schönes Gebet kann ich mir wahrscheinlich nie wieder ausdenken. Irgendwie verlieren solche Sachen, wenn man es zum zweiten Mal versucht. Hast du das auch schon mal bemerkt?«
»Eins kannst du dir gleich hinter die Ohren schreiben, Anne: Wenn ich dir sage, was du tun sollst, dann erwarte ich, dass du mir gehorchst und nicht noch stundenlang hier herumstehst und lange Reden schwingst. Geh also und tu, was ich dir gesagt habe.«
Auf diese Worte hin ging Anne unverzüglich in das Wohnzimmer, kam aber nicht wieder. Nachdem sie zehn Minuten gewartet hatte, legte Marilla ihr Strickzeug beiseite und folgte der Kleinen mit grimmiger Miene. Sie fand Anne reglos vor einem Bild, das zwischen den beiden Fenstern an der Wand hing. Mit erhobenem Kopf und hinter dem Rücken verschränkten Händen stand sie da, in andächtiges Träumen versunken.
»Anne, was tust du da?«, fragte Marilla mit scharfer Stimme.
Anne fuhr heftig zusammen und kehrte in die Wirklichkeit zurück.
»Da!«, sagte sie dann und zeigte auf das farbige Bild mit dem Titel »Jesus segnet die Kinder«. »Ich habe mir gerade vorgestellt, ich wäre eines von ihnen – dort, das kleine Mädchen in dem blauen Kleid, das ganz allein in der Ecke steht und zu niemandem zu gehören scheint, genau wie ich. Es sieht so einsam und traurig aus, findest du nicht? Wahrscheinlich hat es auch keine Mutter und keinen Vater mehr. Aber es möchte auch gesegnet werden, also schleicht es sich vorsichtig an die Menge heran und hofft, dass niemand es sieht – außer Jesus. Ach, ich weiß so gut, wie ihm zumute ist. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals und seine Hände werden ganz kalt – genau wie meine, als ich dich gefragt habe, ob ich auf Green Gables bleiben darf. Zuerst hat es Angst, dass Jesus es vielleicht gar nicht sieht. Aber bestimmt hat er es gesehen, meinst du nicht auch? Ich habe versucht, es mir alles ganz genau vorzustellen – wie das Mädchen sich immer näher an ihn heranschiebt, bis es ganz nah bei ihm steht, und wie er es dann anschaut und ihm seine Hand auf die Schultern legt. Ich wünschte bloß, der Maler hätte Jesus nicht ein so trauriges Gesicht gegeben. Auf allen Bildern sieht er so aus, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus wirklich so traurig aussah: Die Kinder hätten ja Angst vor ihm bekommen.«
»Anne«, sagte Marilla und wunderte sich, warum sie diesen Redeschwall nicht schon viel früher unterbrochen hatte, »über solche Dinge spricht man nicht in einem so vertraulichen Tonfall. Und noch etwas: Wenn ich dich nach etwas schicke, dann möchte ich auch, dass du es mir sofort bringst, ohne in irgendwelche Träume oder Fantastereien zu verfallen. Merk dir das! Nimm die Karte und komm zurück in die Küche. Setz dich in die Ecke und lern das Gebet auswendig.«
Zurück in der Küche, stellte Anne die Karte gegen eine Vase mit blühenden Apfelzweigen, die sie mit hereingebracht hatte, um den Esstisch zu schmücken. Sie stützte ihr Kinn auf beide Hände und studierte mehrere Minuten lang schweigend den Text. Schließlich lächelte sie Marilla freudig an.
»Es gefällt mir sehr. ›Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name …‹ Das klingt ja wie die schönste Musik. Ach, ich bin so froh, dass Sie … ich meine, dass du mich das lernen lässt, Marilla.«
Anne zog die Vase mit den Apfelblüten so nahe heran, dass sie auf eine der rosa Knospen einen zarten Kuss drücken konnte, und vertiefte sich dann wieder für kurze Zeit in ihr Studium.
»Marilla«, wollte sie plötzlich wissen, »glaubst du, dass ich in Avonlea jemals eine Busenfreundin finden werde?«
»Eine was?«
»Eine Busenfreundin – eine wirklich verwandte Seele, der ich mein Herz anvertrauen kann. Davon träume ich schon mein ganzes Leben lang. Ich habe zwar nie geglaubt, dass ich wirklich einmal eine Busenfreundin finden könnte, aber in den letzten Tagen sind so viele meiner Träume wahr geworden, dass sich dieser vielleicht auch noch erfüllen könnte. Hältst du das für möglich?«
»Diana Barry drüben auf Orchard Slope ist ungefähr in deinem Alter. Sie ist ein sehr nettes kleines Mädchen. Vielleicht kannst du mit ihr spielen, wenn sie wieder nach Hause kommt. Zurzeit ist sie noch zu Besuch bei ihrer Tante in Carmody. Aber du musst gut aufpassen: Mrs Barry ist eine strenge Frau, mit ihr ist nicht zu spaßen. Sie lässt ihre kleine Diana nur mit Kindern spielen, die besonders brav und artig sind.«
Annes Wangen glühten. »Wie sieht Diana aus?«
»Sie ist ein hübsches kleines Mädchen. Sie hat schwarze Augen und Haare und rosige Wangen. Und sie ist brav und fleißig, was sehr viel wichtiger ist.«
»Ach, ich bin so froh, dass sie hübsch ist! Wenn man selbst hässlich ist, dann tut es doppelt gut, eine hübsche Busenfreundin zu haben.
Die einzige Freundin, die ich je hatte, war Katie, meine ›Fensterfreundin‹. In Mrs Thomas’ Wohnzimmer stand ein Bücherschrank mit Glastüren, musst du wissen. Bücher hatte Mrs Thomas zwar keine, aber sie bewahrte ihr gutes Porzellan und ihr Eingemachtes in dem Schrank auf. Ihr Mann hatte die eine Tür zerschlagen, als er einmal nachts betrunken nach Hause gekommen war, aber die andere Tür war noch heil. Da hab ich oft davorgestanden und mir vorgestellt, mein Spiegelbild wäre ein anderes Mädchen, das in diesem Schrank lebte. Ich nannte sie Katie Maurice und wir waren richtige Freundinnen. Manchmal sprach ich stundenlang mit ihr, besonders an den Sonntagen, wenn es nichts anderes zu tun gab. Ihr konnte ich alles sagen. Ich habe mir oft gewünscht, den Zauberspruch zu kennen, um die Tür zu dem verwunschenen Schrank öffnen zu können und statt zwischen Mrs Thomas’ Einmachgläsern plötzlich mitten in Katies Zimmer zu stehen. Katie Maurice hätte mich dann bei der Hand genommen und mich in ein wunderbares Land geführt, wo die Feen tanzen und das ganze Jahr über die Sonne scheint und die Blumen blühen …«
»Nun«, fiel Marilla ein, »es wird dir guttun, wenn du eine richtige Freundin bekommst, dann kannst du dir diesen ganzen Blödsinn aus dem Kopf schlagen. Lass nur Mrs Barry nichts von deinen Fenster- und Busenfreundinnen hören, sonst wird sie dich als Schwindlerin abstempeln.«
»Ich passe schon auf, schließlich würde ich sowieso nicht jedem davon erzählen. – Oh, sieh doch nur! Gerade ist eine Biene aus der Apfelblüte gekrochen. Wie schön das sein muss, in einer duftenden Blüte zu leben! Vom Wind sanft in den Schlaf gewiegt zu werden! Wenn ich kein kleines Mädchen wäre, würde ich am liebsten eine Biene sein.«
»Gestern wolltest du noch eine Möwe sein«, versetzte Marilla trocken. »Mir scheint, du bist ein ziemlich wankelmütiges kleines Mädchen. Außerdem sollst du dein Gebet lernen und nicht pausenlos plappern. Offensichtlich kannst du einfach nicht still sein, solange jemand in deiner Nähe ist. Am besten gehst du nach oben in dein Zimmer und lernst es da.«
»Kann ich den Apfelzweig mit hinaufnehmen, damit ich Gesellschaft habe?«, bat Anne.
»Nein. Ich bin sowieso nicht dafür, das Haus mit Blumen vollzustopfen. Du hättest den Zweig gar nicht erst pflücken sollen.«
»Das habe ich auch zuerst gedacht«, stimmte Anne zu. »Ich konnte richtig spüren, wie ich das Leben der Blüten verkürzte, indem ich den Zweig abbrach. Wenn ich eine Apfelblüte wäre, würde ich ja schließlich auch nicht abgepflückt werden wollen. Aber die Versuchung war unwiderstehlich. Was soll man da machen?«
»Anne, hast du nicht gehört? Du sollst in dein Zimmer gehen!«
Seufzend stieg Anne die Stufen zum Ostgiebel hinauf und setzte sich auf den Stuhl am Fenster.
Das Gebet kann ich ja schon längst, die letzten Zeilen habe ich mir noch schnell auf der Treppe gemerkt, dachte sie. Jetzt werde ich mir ein paar schöne Sachen für mein Zimmer vorstellen: einen weißen Samtteppich mit rosa Blumen für den Fußboden, rosa Seidengardinen für die Fenster, goldene und silberne Brokattapeten für die Wände, Mahagonimöbel und ein Sofa mit vielen farbigen Seidenkissen … In dem riesengroßen Spiegel an der Wand kann ich mein Spiegelbild sehen. Ich bin eine große, hoheitsvolle Erscheinung in einem fließenden Gewand aus weißer Seide. Mein Haar schimmert tiefschwarz und meine Haut ist so hell und rein wie Elfenbein. Mein Name ist Lady Cordelia Fitzgerald … Nein, irgendwie klappt es heute nicht.
»Anne von Green Gables«, sagte sie laut, »du kommst mir immer dazwischen, wenn ich versuche, mir vorzustellen, ich wäre Lady Cordelia.«
Sie beugte sich vor, küsste liebevoll ihr eigenes Spiegelbild und ging zum offenen Fenster zurück. Das Kinn in beide Hände gestützt, träumte sie in den Himmel hinein.
Mrs Rachel Lynde ist entsetzt
Mehr als zwei Wochen vergingen, bevor Mrs Lynde endlich nach Green Gables kam, um Anne in Augenschein zu nehmen. Die ehrenwerte alte Dame trug an dieser Verzögerung allerdings keine Schuld: Eine plötzliche schwere Grippe hatte sie seit ihrem letzten Besuch bei Marilla ans Bett gefesselt. Mrs Rachel war nicht oft krank und zeigte eine gewisse Verachtung für kränkliche Menschen. Doch eine Grippe, so behauptete sie, war mit keiner anderen Krankheit auf der Welt zu vergleichen und konnte nur als Schicksalsschlag gedeutet werden. Sie konnte es kaum erwarten, wieder gesund zu werden. Sobald der Doktor ihr erlaubte, einen Fuß vor die Tür zu setzen, eilte sie – von ungestillter Neugierde gepeinigt – nach Green Gables hinüber, um sich Marillas und Matthews Waisenkind anzuschauen, über das in Avonlea schon die seltsamsten Gerüchte kursierten.
Anne hatte in jenen zwei Wochen jede wache Minute genutzt, um sich mit allen Bäumen und Büschen in der Umgebung bekannt zu machen, die Tannenwälder jenseits des Obstgartens zu erkunden und immer wieder neue Lichtungen mit wilden Kirschen, hohem Farnkraut und einzelnen Ahornbäumen und Ebereschen zu entdecken.
Auch mit dem Brunnen unten in der Senke hatte sie schon Freundschaft geschlossen. Von riesigen Farnwedeln beschattet, sah die eiskalte Quelle aus wie eine palmenumstandene Oase in der Wüste, fand Anne. Nicht weit entfernt führte eine alte Holzbrücke über den Bach, auf dessen anderer Seite sich eine Wiese mit blauen Glockenblumen und hellen Gelbsternen erstreckte. Zarte Spinnweben schimmerten wie Silberfäden zwischen den Bäumen.
Von den Entdeckungsreisen, die sie täglich in ihrer freien Zeit unternahm, kehrte Anne stets mit leuchtenden Augen zurück und lag dann Marilla und Matthew mit ausführlichen Erzählungen über ihre Erlebnisse in den Ohren. Nicht dass Matthew sich etwa beschwert hätte! Mit einem freudigen stummen Lächeln hörte er ihr geduldig zu. Marilla wiederum ließ Anne so lange reden, bis ihr Geplauder sie zu interessieren begann; wenn sie das merkte, brachte sie Anne mit einem kurzen Tadel zum Schweigen.
Anne spielte im Garten, als Mrs Rachel langsam herüberkam. Die alte Dame hatte also Gelegenheit, die Geschichte ihrer Krankheit in allen Einzelheiten vor Marilla auszubreiten, und sie nutzte dies mit solch genüsslicher Hingabe, dass Marilla sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass eine Grippe für gewisse Leute auch ihre guten Seiten hatte.
Als sie dieses Thema erschöpfend behandelt hatte, kam Mrs Rachel endlich auf den eigentlichen Grund ihres Besuches zu sprechen.
»Ich habe einige erstaunliche Dinge über dich und Matthew gehört.«
»Niemand war erstaunter als ich selbst«, erwiderte Marilla, »aber ich gewöhne mich langsam daran.«
»Es war aber auch ein zu ärgerliches Missverständnis«, sagte Mrs Rachel Anteil nehmend. »Konntet ihr sie nicht wieder zurückschicken?«
»Wir hätten es tun können, aber wir haben uns anders entschieden. Matthew hat die Kleine ins Herz geschlossen und ich muss sagen, ich habe sie mittlerweile auch lieb gewonnen – obgleich ich zugeben muss, dass sie ihre Fehler hat. Unser Leben hat sich seit ihrer Ankunft irgendwie verändert. Sie ist ein richtiger Sonnenschein.«
Marilla hatte bereits mehr gesagt, als sie eigentlich preisgeben wollte. Mrs Rachel sah sie ernst an; abgrundtiefe Missbilligung stand auf ihrem Gesicht geschrieben.
»Das ist eine große Verantwortung, die ihr da übernommen habt«, sagte sie finster, »zumal ihr beide überhaupt keine Erfahrung mit Kindern habt. Außerdem wisst ihr bestimmt nicht viel über diese Anne und ihre Herkunft. Man kann nie voraussagen, wie sich so ein Kind entwickeln wird. Aber ich will dich ja nicht entmutigen, Marilla.«
»Ich fühle mich nicht entmutigt«, antwortete Marilla trocken. »Wenn ich mich einmal zu etwas entschlossen habe, dann bleibt es auch dabei. Ich nehme an, du willst Anne kennenlernen. Ich werde sie hereinrufen.«
Bald darauf kam Anne ins Haus gelaufen. Ihr Gesicht glühte noch vor Freude über ihre neuesten Entdeckungen draußen im Garten. Doch als sie die unerwartete Besucherin in der Küche sah, blieb sie überrascht an der Tür stehen. In ihrem kurzen Flanellkleid aus dem Waisenhaus, unter dem ihre Beine lang und staksig herausschauten, bot sie einen recht seltsamen Anblick. Ihre zahlreichen Sommersprossen wirkten noch auffälliger als sonst und ihr vom Wind zerzaustes Haar sah röter aus als je zuvor.
»Na, deiner Schönheit wegen haben sie dich bestimmt nicht ausgewählt, das ist schon mal sicher«, war Mrs Rachels erster Kommentar. Wie immer nahm sie kein Blatt vor den Mund. »Das Mädchen ist ja spindeldürr, Marilla. Komm mal her, Kind, und lass dich anschauen. Du lieber Himmel, hat man jemals so viele Sommersprossen auf einem Fleck gesehen? Und ihre Haare sind so rot wie Karotten! Komm her, habe ich gesagt!«
Anne kam zwar her – aber nicht so, wie Mrs Rachel das wohl erwartet hatte. Mit einem Satz sprang sie quer durch die Küche und baute sich mit hochrotem Gesicht vor Mrs Rachel auf.
»Ich hasse Sie!«, schrie Anne mit erstickter Stimme und stampfte mit dem Fuß auf den Küchenfußboden.
»Wie können Sie sagen, ich hätte Sommersprossen und Haare wie Karotten? Was sind Sie nur für ein gemeiner, gefühlloser Mensch!«
»Anne!«, rief Marilla bestürzt aus.
Doch Anne war unerschütterlich in ihrem Zorn. Mit erhobenem Kopf und verschränkten Armen stand sie da. Ihre Augen funkelten vor Empörung.
»Wie können Sie es wagen, so etwas über mich zu sagen?«, wiederholte sie leidenschaftlich. »Was würden Sie denken, wenn jemand solche hässlichen Dinge über Sie sagen würde? Wenn jemand Sie eine alte Vettel nennen würde, die keinen Funken Fantasie hat!? Es ist mir egal, ob ich Sie damit kränke. Ich hoffe, ich habe Sie gekränkt, denn Sie haben mich schlimmer getroffen als irgendjemand zuvor in meinem Leben – Mr Thomas, den Säufer, eingeschlossen. Und ich werde Ihnen niemals verzeihen. Niemals!«
»Anne, geh in dein Zimmer und rühr dich nicht von der Stelle, bis ich zu dir komme«, befahl Marilla, als sie die Sprache wiedergefunden hatte.
Anne brach in Tränen aus, schlug mit einem lauten Knall die Küchentür zu und floh die Treppe zum Ostgiebel empor. Ein weiterer Knall zeigte an, dass sie die Tür zu ihrem Zimmer mit gleicher Gewalt zugeschlagen hatte.
»Nun, ich beneide dich nicht darum, diesen ›kleinen Sonnenschein‹ aufzuziehen«, sagte Mrs Rachel kühl.
Marilla wollte zu einer ausführlichen Entschuldigung ansetzen. Von dem, was sie dann schließlich wirklich sagte, war sie selbst am allermeisten überrascht.
»Du hättest sie nicht mit ihrem Aussehen aufziehen dürfen, Rachel.«
»Marilla Cuthbert, du willst doch wohl nicht etwa diesen unglaublichen Auftritt von eben auch noch verteidigen?«, entrüstete sich Mrs Rachel.
»Nein«, antwortete Marilla, »ich will Anne nicht in Schutz nehmen. Sie war sehr ungezogen und ich werde ernsthaft mit ihr reden. Aber wir müssen ihr mildernde Umstände zugestehen. Bisher hat ihr niemand beigebracht, was sich gehört. Und du hast sie herausgefordert, Rachel.«
Sichtlich gekränkt stand Mrs Rachel auf. »Nun, ich sehe schon, ich werde ab heute meine Worte auf die Goldwaage legen müssen, da die Gefühle irgendwelcher dahergelaufener Waisenkinder bei dir jetzt offensichtlich höher im Kurs stehen als Sitte und Anstand. Oh, nein, ich bin nicht böse – mach dir nur keine Sorgen. Du tust mir viel zu leid, als dass ich irgendeinen Zorn gegen dich hegen könnte. Du wirst noch genug Sorgen mit dem Kind haben. Aber wenn du mich um Rat fragst, was du wahrscheinlich nicht tun wirst, obgleich ich zehn Kinder aufgezogen und zwei begraben habe – würde ich mir für das ›Mit-ihr-Reden‹ eine kräftige Birkenrute besorgen. Das ist die einzige Sprache, die diese Kinder verstehen – jawohl! Wahrscheinlich entspricht ihr Wesen ihrer Haarfarbe … Also dann, auf Wiedersehen, Marilla. Ich hoffe, du kommst mich in Zukunft genauso oft besuchen wie früher. Aber du kannst nicht von mir erwarten, dass ich noch mal den Fuß über die Schwelle eines Hauses setze, in dem man mich derart beschimpft und beleidigt hat. So etwas habe ich ja noch nie erlebt. Ich bin entsetzt!«
Damit rauschte sie empört durch die Tür ins Freie und Marilla stieg mit finsterer Miene zu Anne in den Ostgiebel hinauf.
Auf dem Weg nach oben dachte sie angestrengt darüber nach, was sie tun sollte. Was sich da eben abgespielt hatte, war ihr äußerst unangenehm. Ausgerechnet mit Mrs Rachel Lynde musste Anne so zusammenstoßen! Wie sollte sie Anne bloß bestrafen? Der liebenswürdige Vorschlag, eine Birkenrute zu benutzen – eine Erziehungsmethode, von deren Wirksamkeit Mrs Rachels zahlreiche Kinder ein Liedchen singen konnten –, war für Marilla nicht geeignet. Sie konnte sich nicht vorstellen, ein Kind zu schlagen. Nein, sie musste eine andere Strafe finden, die Anne das ungeheure Ausmaß ihres Vergehens eindringlich ins Bewusstsein rufen würde.
Als Marilla das Zimmer betrat, lag Anne mit dem Gesicht nach unten auf ihrem Bett und weinte bitterlich. Um ihre dreckigen Stiefel auf der Tagesdecke schien sie sich nicht zu scheren.
»Anne!« Marillas Stimme klang nicht unfreundlich.
Keine Antwort.
»Anne!«, wiederholte Marilla mit etwas mehr Nachdruck. »Komm sofort vom Bett herunter und hör zu, was ich dir zu sagen habe.«
Unwillig stand Anne auf und setzte sich auf den Stuhl neben ihrem Tisch. Ihr tränenüberströmtes Gesicht war rot geschwollen, sie schaute trotzig vor sich auf den Boden.
»Das war ja ein schönes Benehmen, das du da gezeigt hast, Anne! Schämst du dich denn gar nicht?«
»Sie hatte kein Recht, mich spindeldürr zu nennen und sich über meine Sommersprossen und meine roten Haare lustig zu machen«, entgegnete Anne starrköpfig.
»Und du hattest kein Recht, dich in eine derartige Wut hineinzusteigern und Mrs Lynde zu beschimpfen, Anne. Ich habe mich für dich geschämt – richtig geschämt! Ich wollte, dass du dich gut gegenüber Mrs Lynde benimmst, und stattdessen hast du mir nur Schande gemacht. Außerdem verstehe ich nicht, wie du eine solche Wut kriegen kannst, wenn Mrs Lynde sagt, du hättest rote Haare und wärst hässlich – du sagst das doch selbst oft genug.«
»Ja, aber es ist ein riesengroßer Unterschied, ob man so etwas selber sagt oder es von anderen hören muss«, schluchzte Anne. »Man weiß, dass es so ist, aber man hofft trotzdem immer, dass andere Leute es nicht so finden. Und als sie alle diese Dinge zu mir sagte, da hat mich ein solcher Zorn gepackt, dass ich mich nicht mehr beherrschen konnte. Ich musste einfach auf sie losgehen.«
»Nun, du hast uns eine schöne Vorstellung gegeben, das muss ich sagen. Mrs Lynde wird ihr Vergnügen daran haben, es überall herumzuerzählen – und dass sie es herumerzählt, darauf kannst du Gift nehmen! Es ist schlimm, dass du so die Beherrschung verloren hast, Anne.«
Eine alte Erinnerung stieg plötzlich in Marilla auf: Als kleines Kind hatte sie einmal gehört, wie eine ihrer Tanten mit ihrer Mutter über sie sprach und sagte: »Ein Jammer, dass sie so mickrig und unscheinbar ist.« Selbst in ihrem fortgeschrittenen Alter hatte Marilla den Stich, den ihr diese Worte versetzt hatten, noch nicht ganz überwunden.
»Ich sage ja nicht, dass Mrs Lynde unbedingt recht damit hatte, diese Dinge zu sagen, Anne«, gab sie mit etwas weicherer Stimme zu. »Rachel nimmt aber nun mal kein Blatt vor den Mund. Und das ist keine Entschuldigung für dein Benehmen. Sie ist eine Erwachsene, ein Gast und überdies unsere Nachbarin – drei sehr gute Gründe dafür, ihr höchsten Respekt zu zollen. Stattdessen warst du grob und frech zu ihr, und …«, Marilla hatte plötzlich die rettende Idee für eine passende Strafe, »… du wirst zu ihr gehen und sie für dein schlechtes Betragen um Verzeihung bitten.«
»Niemals!«, erwiderte Anne bestimmt. »Du kannst mich bestrafen, wie du willst, Marilla. Steck mich in ein dunkles, feuchtes Verlies, wo es von Schlangen und Kröten nur so wimmelt, lass mich bei Brot und Wasser schmachten – ich werde mich nicht beklagen. Aber Mrs Lynde um Verzeihung bitten, das bringe ich nicht über mich!«
»Es ist bei uns nicht Sitte, Menschen in dunkle, feuchte Verliese zu sperren«, sagte Marilla trocken, »und Schlangen und Kröten sind in Avonlea auch recht selten. An der Entschuldigung bei Mrs Lynde führt für dich kein Weg vorbei. Du bleibst so lange hier in deinem Zimmer, bis du mir sagst, dass du dazu bereit bist.«
»Dann muss ich bis in alle Ewigkeit hier bleiben«, sagte Anne traurig. »Ich kann Mrs Lynde nicht sagen, dass es mir leidtut, was ich gesagt habe. Wie könnte ich das? Es tut mir nicht leid. Ich will dir keinen Kummer machen, Marilla, aber ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, dass es mir leidtut.«
»Vielleicht arbeitet deine Vorstellungskraft morgen früh wieder besser«, sagte Marilla und stand auf. »Du hast die ganze Nacht Zeit, um über dein Verhalten nachzudenken und deine Meinung zu ändern. Du hast versprochen, ein artiges, braves Mädchen zu sein, wenn wir dich auf Green Gables behalten. Ich muss sagen: Heute Abend hat es ganz und gar nicht danach ausgesehen.«
Mit diesen Worten verließ Marilla das Zimmer und ging besorgt in die Küche hinunter. Dabei war sie über sich selbst mindestens ebenso empört wie über Anne, denn jedes Mal, wenn sie sich an Mrs Rachels sprachloses Entsetzen erinnerte, stahl sich unwillkürlich ein amüsiertes Lächeln auf ihre Lippen und sie spürte das starke Verlangen, in lautes Gelächter auszubrechen.
Eine gründliche Entschuldigung
An jenem Abend erzählte Marilla ihrem Bruder nichts von den Ereignissen, doch als sich Anne am nächsten Morgen immer noch uneinsichtig zeigte, musste sie ihm eine Erklärung für Annes Abwesenheit am Frühstückstisch geben. Also erzählte sie Matthew die ganze Geschichte, aber obwohl sie sich große Mühe gab, gelang es ihr nicht, ihm die Ungeheuerlichkeit von Annes Benehmen klarzumachen.
»Es ist gar nicht schlecht, dass Rachel Lynde mal einen Dämpfer bekommen hat. Sie ist eine unverbesserliche alte Klatschbase«, meinte er nur dazu.
»Matthew Cuthbert, ich kann nur staunen! Du weißt ganz genau, dass Anne sich gründlich danebenbenommen hat, und trotzdem nimmst du sie noch in Schutz! Als Nächstes wirst du wohl sagen, dass sie gar keine Strafe verdient hat.«
»Hm, nein … nein, das nicht«, sagte Matthew beklommen. »Ich denke, ein bisschen bestraft werden müsste sie schon. Aber sei nicht zu streng mit ihr, Marilla. Denk daran: Bisher hat ihr niemand gesagt, was richtig und falsch ist. Du … du wirst ihr doch etwas zu essen geben?«
»Meinst du, ich lasse sie verhungern!?«, versetzte Marilla entrüstet. »Sie bekommt regelmäßig ihre Mahlzeiten. Ich bringe sie ihr selbst in ihr Zimmer hinauf. Aber sie bleibt so lange dort oben, bis sie bereit ist, sich bei Mrs Lynde zu entschuldigen. Und dabei bleibt es, Matthew.«
Frühstück, Mittag- und Abendessen gingen vorüber, doch Anne wollte immer noch nicht einlenken. Nach jeder Mahlzeit trug Marilla ein reichlich ausgestattetes Tablett in den Ostgiebel hinauf und brachte es später genauso voll wieder herunter. Matthew verfolgte dieses Geschehen mit besorgten Blicken. Hatte Anne überhaupt etwas gegessen?
Als Marilla am Abend hinausging, um die Kühe von der Weide zu holen, schlüpfte Matthew – der heimlich hinter der Scheune gewartet hatte – wie ein Dieb in sein eigenes Haus und schlich die Treppe zum Ostgiebel hinauf. Auf Zehenspitzen tastete er sich den Flur entlang und hielt einige Minuten lang vor Annes Zimmertür inne, bis er genug Mut gefasst hatte, die Klinke herunterzudrücken.
Anne saß auf einem Stuhl am Fenster und ließ ihre traurigen Blicke über den Garten streifen. Sie sah sehr klein und unglücklich aus.
Matthews Herz fing bei diesem Anblick heftig an zu schlagen. Vorsichtig schloss er die Tür hinter sich und kam auf Zehenspitzen zu ihr hinüber.
»Anne«, flüsterte er, als hätte er Angst, dass jemand ihn hören könnte, »wie geht es dir, Anne?«
Anne lächelte schwach. »Ganz gut. Ich träume viel und das hilft, die Zeit zu vertreiben. Natürlich ist es ziemlich einsam. Aber ich werde mich schon daran gewöhnen.«
Anne lächelte wieder – tapfer sah sie den langen Jahren ihrer Gefangenschaft entgegen.
Matthew schwieg betroffen. Doch dann erinnerte er sich wieder daran, dass er ihr sagen musste, weshalb er gekommen war, und zwar so schnell wie möglich, bevor Marilla von der Weide zurückkehrte.
»Hm, Anne … meinst du nicht, dass du es besser schnell hinter dich bringen solltest?«, flüsterte er. »Früher oder später musst du es sowieso tun, weißt du. Marilla ist nämlich ein schrecklicher Dickkopf. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat … Tu es lieber gleich, Anne, dann hast du es hinter dir.«
»Mich bei Mrs Lynde entschuldigen, meinst du?«
»Ja, entschuldigen, das ist das richtige Wort«, sagte Matthew eifrig. »Die Sache geradebiegen. Das ist es, was ich sagen will.«
»Wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte …«, erwiderte Anne nachdenklich. »Für dich würde ich alles tun … wenn du es wirklich willst …«
»Natürlich will ich das. Unten ist es fürchterlich einsam ohne dich. Geh einfach hin und bring die Sache ins Reine. Dann ist alles wieder gut, Anne.«
»Also schön«, sagte Anne ergeben. »Wenn Marilla kommt, werde ich ihr sagen, dass ich bereit bin.«
»Das freut mich sehr, Anne! Aber sag Marilla nichts davon, dass wir miteinander geredet haben. Ich musste ihr versprechen, mich nicht in deine Erziehung einzumischen.«
»Keine zehn Pferde würden mir das Geheimnis entreißen«, versprach Anne feierlich. »Wie sollten Pferde überhaupt einem Menschen Geheimnisse entreißen, Matthew?«
Doch Matthew war schon gegangen. Er flüchtete in die hinterste Ecke der Pferdeweide, um auf keinen Fall bei Marilla Verdacht zu erregen, die wenige Augenblicke später ins Haus zurückkam.
»Marilla«, ließ sich eine klägliche Stimme über dem Treppengeländer vernehmen.
»Ja?«
»Es tut mir leid, dass ich so unbeherrscht war und rüde Dinge gesagt habe. Ich bin bereit, mich bei Mrs Lynde zu entschuldigen.«
»Also gut.« Marilla ließ sich nicht anmerken, welch riesiger Stein ihr vom Herzen fiel. Sie hatte sich schon den Kopf darüber zerbrochen, was um alles in der Welt sie tun sollte, falls Anne nicht nachgeben würde. »Gleich nach dem Melken gehen wir zu ihr hinüber.«
Und so machten sie sich wenig später auf den Weg: Marilla aufrecht und siegesbewusst, Anne in sich gesunken und niedergeschlagen. Doch je länger sie gingen, desto mehr hellte sich Annes Miene auf.
»Woran denkst du, Anne?«, fragte Marilla ungehalten.
»Ich denke mir gerade aus, was ich Mrs Lynde sage«, antwortete Anne lächelnd.
Das war eine befriedigende Antwort – oder hätte es zumindest sein sollen. Doch Marilla konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass etwas an ihrer Bestrafungsmethode schiefgelaufen war.
Als sie Mrs Lyndes Küche betraten, war das Lächeln von Annes Gesicht verschwunden. Mit bußfertiger Miene sank sie vor der alten Dame in die Knie.
»Oh, Mrs Lynde, es tut mir so unendlich leid«, begann sie mit zitternder Stimme. »Auch wenn ich ein ganzes Wörterbuch benutzen würde, könnte ich meinen Kummer nicht in Worte fassen. Sie müssen mir verzeihen. Ich habe mich Ihnen gegenüber fürchterlich benommen und ich habe meinen lieben Freunden, Matthew und Marilla, die mich auf Green Gables behalten haben, obwohl ich kein Junge bin, große Schande gemacht. Ich bin ein schrecklich ungezogenes und undankbares Mädchen und verdiene es, aus der Gesellschaft anständiger Menschen ausgestoßen zu werden. Alles, was Sie gestern über mich gesagt haben, stimmt aufs Wort: Meine Haare sind rot, ich bin dürr, hager und habe Sommersprossen. Was ich über Sie gesagt habe, war ebenfalls die Wahrheit, aber ich hätte es nicht sagen dürfen. Oh, Mrs Lynde, bitte vergeben Sie mir. Wenn Sie mir nicht verzeihen, wird dieses Unglück mein ganzes Leben überschatten. Sie wollen ein armes kleines Waisenkind doch nicht so ins Verderben stürzen, selbst wenn es manchmal schnell die Beherrschung verliert, nicht wahr? Ich weiß, dass Sie das nie tun würden! Bitte, sagen Sie, dass Sie mir verzeihen wollen, Mrs Lynde!«
Damit faltete Anne die Hände, senkte den Kopf und wartete demütig auf ihr Urteil.
Diese Rede war zweifelsohne bitterernst gemeint, doch Marilla glaubte zu bemerken, dass Anne die Situation auch durchaus genoss. Sie suhlte sich offenbar geradezu in ihrer Erniedrigung. Wo war die empfindliche Lektion geblieben, die Marilla ihr eigentlich erteilen wollte? Anne hatte die Strafe in einen theatralischen Auftritt umgemünzt, an dem sie ihre helle Freude hatte.
Die gute Mrs Lynde, die nicht so eine feine Wahrnehmungskraft besaß wie ihre Nachbarin, schien das alles nicht zu bemerken. Sie hörte nur, dass Anne sich umfassend entschuldigt hatte, und aller Groll schwand aus ihrem rechtschaffenen Herzen.
»Schon gut, mein Kind, steh schon auf«, sagte sie freundlich. »Natürlich verzeihe ich dir. Ich war ein bisschen zu hart zu dir, aber ich sage nun einmal immer alles frei heraus. Du darfst dir nichts aus meiner Art machen, es war nicht so gemeint. Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass deine Haare fürchterlich rot sind, aber in meiner Schulklasse gab es damals ein Mädchen, dessen Haare brandrot waren so wie deine. Mit zunehmendem Alter jedoch dunkelte es nach und so wurde daraus ein sehr schönes Kastanienbraun. Warum sollte das bei dir nicht auch so sein?«
»Oh, Mrs Lynde!« Mit einem tiefen Atemzug erhob sich Anne von den Knien. »Sie geben mir Hoffnung. Ich werde Sie stets als Wohltäterin in Erinnerung behalten. Ach, ich könnte alles ertragen, wenn ich nur wüsste, dass meine Haare später kastanienbraun würden! Es ist so viel einfacher, brav zu sein, wenn man schöne kastanienbraune Haare hat, meinen Sie nicht? – Darf ich jetzt ein bisschen hinaus in Ihren Garten gehen und auf der Bank unter den Apfelbäumen sitzen, während Sie sich mit Marilla unterhalten? Da draußen gibt es so viel Raum für Fantasie.«
»Aber ja, mein Kind, natürlich darfst du das. Wenn du willst, kannst du dir dort drüben in der Ecke auch einen Strauß Lilien pflücken.«
Als die Tür sich hinter Anne geschlossen hatte, stand Mrs Lynde auf und zündete ein Licht an.
»Das ist wirklich ein erstaunliches kleines Mädchen, Marilla. Ich bin nicht mehr ganz so verwundert darüber, dass Matthew und du sie behalten habt. Sie hat zwar eine etwas absonderliche Art, sich auszudrücken, aber das wird sich mit der Zeit schon legen, denke ich, wo sie jetzt unter zivilisierten Menschen lebt. Und ein unbeherrschtes Kind ist immer noch besser als ein hinterhältiges oder falsches – jawohl! Alles in allem, Marilla, ich kann deine Anne schon besser leiden.«
Als Marilla sich verabschiedet hatte, kam Anne aus dem duftenden Zwielicht des Obstgartens gelaufen. In der rechten Hand hielt sie einen Strauß weißer Lilien.
»Na, habe ich mich gut entschuldigt?«, fragte sie stolz, als sie nebeneinander den Hohlweg hinuntergingen. »Ich dachte, wenn ich mich schon entschuldigen muss, dann aber auch gründlich.«
»Gründlich genug war es auf jeden Fall«, war Marillas Antwort. Mit einigem Missbehagen stellte sie fest, dass sie bei der Erinnerung an Annes Auftritt schmunzeln musste.
»Ich hoffe, dass du dir in Zukunft solche Entschuldigungen durch gutes Benehmen von vornherein ersparst, Anne.«
»Das wäre gar nicht so schwer, wenn die Leute mich nicht immer mit meinem Aussehen aufziehen würden«, seufzte Anne. »Bei anderen Dingen werde ich nicht so leicht zornig; aber ich bin es so leid, wegen meiner Haare aufgezogen zu werden, dass ich innerlich sofort koche. Glaubst du, dass meine Haare mit der Zeit wirklich kastanienbraun werden könnten?«
»Du solltest nicht so viel an dein Aussehen denken, Anne. Ich fürchte, du bist ein sehr eitles kleines Mädchen.«
»Wie kann ich eitel sein, wo ich doch weiß, dass ich hässlich bin?«, widersprach Anne. »Aber ich liebe nun mal schöne Dinge – wie diese Blumen zum Beispiel! Sind sie nicht herrlich? Es war nett von Mrs Lynde, sie mir zu schenken. Ich bin überhaupt nicht mehr böse auf sie. – Glänzen die Sterne nicht wunderbar heute Abend? Wenn du auf einem Stern leben könntest, welchen würdest du dir auswählen? Ich würde den schönen hellen dort über dem Hügel nehmen.«
»Anne, halt deinen Mund«, sagte Marilla, erschöpft von dem Versuch, Annes Gedankensprüngen zu folgen.
Schweigend gingen sie weiter, bis sie Green Gables vor sich liegen sahen. Der Abendwind wehte den Duft von Farn herüber und ein warmes Licht leuchtete durch die Dunkelheit. Anne kam auf einmal dicht an Marilla heran und ließ ihre kleinen Finger in die raue Hand der alten Frau gleiten.
»Es ist wunderbar, Green Gables zu sehen und zu wissen, dass es mein Zuhause ist«, sagte sie leise. »Ich liebe Green Gables schon jetzt und ich habe noch nie zuvor einen Ort geliebt. Oh, Marilla, ich bin so glücklich! Ich könnte auf der Stelle beten und würde es kein bisschen schwierig finden.«
Ganz plötzlich spürte Marilla ein warmes, angenehmes Gefühl in sich aufsteigen. Diese Empfindung war so neu und überwältigend, dass Marilla nicht wusste, wie ihr geschah. Wie so oft versuchte sie auch jetzt, ihre Gefühle durch eine Ermahnung wieder unter Kontrolle zu bringen.
»Wenn du ein braves Mädchen bist, wirst du immer glücklich sein, Anne. Und du wirst es niemals schwierig finden, dein Gebet zu sprechen.«
Doch Anne war schon wieder in ganz andere Welten entschwunden. »Ich stelle mir vor, ich sei der Wind, der dort drüben in den Baumwipfeln spielt. Wenn ich von den Bäumen genug habe, streiche ich sanft über die Farnwedel und fliege dann hinüber in Mrs Lyndes Garten und bringe die Blumen zum Tanzen. Dann sause ich in einem großen Sturzflug über das Kleefeld und wehe über den ›See der glitzernden Wasser‹ und lasse ihn sich zu lauter kleinen glänzenden Wellen kräuseln. Ach, der Wind gibt so viel Raum für Fantasie! Deshalb werde ich jetzt auch schweigen, Marilla.«
»Dem Himmel sei Dank«, sagte Marilla und atmete erleichtert auf.
Anne geht zur Sonntagsschule
Nun, wie gefallen sie dir?«, fragte Marilla.
Nachdenklich betrachtete Anne die drei neuen Kleider, die Marilla auf dem Bett vor ihr ausgebreitet hatte. Eins war aus einem bräunlichgelben Ginghamstoff, das zweite aus schwarz-weiß kariertem Satin und das dritte aus blau bedrucktem Kattun. Marilla hatte all diese höchst praktischen Stoffe bei verschiedenen Gelegenheiten günstig erstanden und die Kleider selbst genäht. Alle drei hatten sie den gleichen schlichten Schnitt und die Ärmel waren so kerzengerade und eng, wie Ärmel nur sein können.
»Ich kann mir vorstellen, dass sie mir gefallen«, antwortete Anne vage.
»Aber ich will nicht, dass du es dir nur vorstellst«, sagte Marilla beleidigt. »Ich sehe schon, du magst die Kleider nicht! Was ist mit ihnen? Sind sie nicht ordentlich, sauber und neu?«
»Doch, doch.«
»Und was hast du dann an ihnen auszusetzen?«
»Sie … sie sind nicht … schön«, sagte Anne widerstrebend.
»Schön!« Marilla schnaubte verächtlich. »Natürlich habe ich mir nicht den Kopf darüber zerbrochen, schöne Kleider für dich zu machen. Ich will deiner Eitelkeit schließlich nicht auch noch Vorschub leisten, Anne. Hier sind drei gute, praktische Kleider ohne Rüschen und Schnörkel – diesen Sommer wirst du wohl oder übel mit ihnen auskommen müssen. Das braune und das blaue kannst du zur Schule tragen, wenn es so weit ist; das aus Satin ist für die Kirche und die Sonntagsschule gedacht. Ich erwarte von dir, dass du sie sauber und ordentlich hältst und gut auf sie achtgibst. Nach diesen kurzen Flanelldingern, die du bisher getragen hast, solltest du eigentlich für jedes neue Kleid dankbar sein.«
»Ich bin ja auch dankbar«, verteidigte sich Anne. »Bloß, ich wäre noch viel dankbarer, wenn … wenn du nur eins davon mit Puffärmeln gemacht hättest. Puffärmel sind jetzt die große Mode. Es muss so ein erhebendes Gefühl sein, ein Kleid mit Puffärmeln zu tragen, Marilla!«
»Nun, dann musst du eben ohne dieses erhebende Gefühl leben. Ich hatte nicht genug Stoff, um ihn für solche Kinkerlitzchen zu verschwenden. Außerdem finde ich Puffärmel sowieso reichlich lächerlich. Mir gefallen schlichte, vernünftige Ärmel besser.«
»Ach, wie sehr hatte ich mir ein schönes Kleid mit Puffärmeln gewünscht!«, flüsterte Anne zu sich selbst, als Marilla gegangen war. »Ich habe sogar dafür gebetet, aber der liebe Gott hat bestimmt Wichtigeres zu tun, als sich um die Kleider armer Waisenmädchen zu kümmern. Mir war schon klar, dass ich die Sache mit Marilla allein ausmachen müsste. Na ja, zum Glück kann ich mir ja vorstellen, dass eins der Kleider aus schneeweißem Musselin ist und wunderschöne Rüschen und herrliche Puffärmel hat.«
Am nächsten Morgen hielten starke Kopfschmerzen Marilla davon ab, Anne zur Sonntagsschule zu bringen.
»Du musst zu Mrs Lynde hinübergehen, Anne«, sagte sie. »Sie wird dafür sorgen, dass du deine Klasse findest. Denk daran, dich anständig zu benehmen. Bleib noch zur Predigt da und lass dir von Mrs Lynde unseren Kirchenstuhl zeigen. Hier ist ein Cent für die Kollekte. Starr niemanden an und pass gut auf. Heute Abend wirst du mir alles ausführlich erzählen.«
In dem steifen schwarz-weißen Satinkleid marschierte Anne los. Zwar hatte das Kleid gegenüber ihren alten Sachen aus dem Waisenhaus eine sehr viel vorteilhaftere Länge, dafür betonte es jedoch Annes knochige Figur nur noch deutlicher. Auf ihrem Kopf trug sie einen neuen glänzenden Matrosenhut, dessen Schlichtheit Anne ebenfalls enttäuscht hatte. Natürlich hatte sie schon in heimlichen Träumen von einem aufwendigen Kopfputz mit Bändern und Blumen geschwelgt. Umso weniger konnte sie den üppigen Butterblumen und wilden Rosen am Wegrand widerstehen. Sie pflückte sich einen großen Strauß, flocht daraus einen dicken Kranz und schmückte damit ihren Hut. Zufrieden mit dem Ergebnis, tanzte sie vergnügt den Weg bis zu Lynde’s Hollow hinunter.
Offensichtlich hatte Mrs Rachel jedoch das Haus schon verlassen, also ging Anne unverzagt allein weiter zur Kirche. Im Kirchenvorraum war bereits eine ganze Schar anderer kleiner Mädchen in weißen, blauen und rosa Sonntagskleidern versammelt und betrachtete neugierig die kleine Fremde mit ihrem außergewöhnlichen Kopfputz. Sie hatten schon allerhand merkwürdige Geschichten über Anne gehört: Mrs Lynde hatte gesagt, sie hätte ein äußerst unbeherrschtes Wesen. Und Jerry Buote, der seit Neuestem auf Green Gables arbeitete, hatte berichtet, sie würde den ganzen Tag Selbstgespräche führen oder mit den Blumen und Bäumen sprechen. Die Mädchen starrten Anne an und tuschelten miteinander. Keins von ihnen ging auf sie zu und begrüßte sie. Anne blieb allein, auch als sie nach der von Mr Bell gehaltenen Andacht Miss Rogersons Klasse zugeteilt wurde.
Miss Rogerson war eine Dame in den Fünfzigern, die seit zwanzig Jahren in der Sonntagsschule unterrichtete. Ihre Lehrmethode bestand darin, die vorgedruckten Fragen aus der kirchlichen Vierteljahresschrift vorzulesen und dann mit strenger Miene eines der Mädchen anzuschauen, das die Frage beantworten musste. Sehr oft schaute sie Anne an, die dank Marillas Vorbereitung alle Fragen wie aus der Pistole geschossen beantworten konnte. Wie viel sie und die anderen Sonntagsschülerinnen allerdings von den Fragen und Antworten verstanden – das stand auf einem anderen Blatt.
Anne mochte Miss Rogerson nicht besonders und fühlte sich äußerst unwohl: Alle anderen Mädchen in der Klasse trugen nämlich Kleider mit herrlichen Puffärmeln. Anne hatte das Gefühl, dass das Leben ohne Puffärmel einfach keinen rechten Sinn hatte.
»Nun, wie hat dir die Sonntagsschule gefallen?«, wollte Marilla später wissen. Den inzwischen verwelkten Blumenkranz hatte Anne schon auf dem Heimweg wieder abgelegt, sodass Marilla von seiner Existenz bis jetzt noch nichts ahnte.
»Überhaupt nicht. Es war furchtbar.«
»Anne Shirley!«, wies Marilla sie zurecht.
»Ich war ganz brav, wie du es mir gesagt hast. Mrs Lynde war nicht zu Hause, also bin ich alleine zur Kirche gegangen und habe mich in einen Stuhl am Fenster gesetzt. Es waren noch viele andere Mädchen da. Mr Bell hat die Andacht gehalten und ein entsetzlich langes Gebet gesprochen. Ich dachte schon, er würde überhaupt nicht aufhören. Wenn ich nicht am Fenster gesessen hätte, wäre ich wahrscheinlich eingeschlafen. Doch von meinem Platz aus konnte ich den ›See der glitzernden Wasser‹ sehen. Ich habe zu ihm hinübergeschaut und mir alle möglichen herrlichen Dinge vorgestellt.«
»Stattdessen hättest du Mr Bell zuhören sollen.«
»Aber er hat ja gar nicht zu mir geredet«, widersprach Anne. »Er hat mit Gott gesprochen. Außerdem schien er selbst auch nicht gerade besonders interessiert zu sein. Wahrscheinlich dachte er, Gott sei sowieso viel zu weit weg, um ihn zu hören. Ich habe trotzdem selbst ein kleines Gebet gesprochen. Am Seeufer stand eine ganze lange Reihe weißer Birken und die Sonne schien genau auf ihre weit übers Wasser gebeugten Zweige. Das sah aus wie in einem schönen Traum, Marilla, und ich habe Gott inständig für dieses schöne Bild gedankt.«
»Hoffentlich nicht laut?«, fragte Marilla besorgt.
»Nein, nein, es war ein stilles Gebet. Tja, und dann kam Mr Bell doch noch zum Ende und man sagte mir, ich solle in die Klasse von Miss Rogerson gehen. Alle anderen neun Mädchen in der Klasse hatten Kleider mit Puffärmeln. Ich versuchte mir vorzustellen, dass ich auch welche hätte, aber es hat nicht richtig geklappt. Warum bloß? Als ich noch alleine im Ostgiebel war, ging es ganz leicht, aber da – unter all den anderen Mädchen mit richtigen Puffärmeln – wollte es mir irgendwie nicht gelingen.«
»Anstatt an deine Ärmel zu denken, hättest du lieber am Unterricht teilnehmen sollen. Ich hoffe, das ist dir klar.«
»Oh, ja. Ich habe ja auch eine Menge Fragen beantwortet. Miss Rogerson hat mich oft aufgerufen. Ich fand das nicht besonders gerecht von ihr, schließlich hätte ich ebenso viele Fragen gewusst, die ich ihr gern gestellt hätte. Aber wahrscheinlich hätte das doch keinen Sinn gehabt. Ich glaube nicht, dass sie eine verwandte Seele ist. – Nach der Sonntagsschule ging es noch einmal in die Kirche. Miss Rogerson hat mir euren Kirchenstuhl gezeigt, denn Mrs Lynde war so weit weg, dass ich sie nicht fragen konnte. Zuerst wurde aus der Bibel vorgelesen – ein ziemlich langer Text. Wenn ich Pfarrer wäre, würde ich ja eher die kurzen, zackigen Bibelstellen auswählen. Und die Predigt zog sich ebenfalls schrecklich lange hin. Aber wahrscheinlich musste der Pfarrer sich dem Text anpassen. Er scheint aber auch keinen Funken Fantasie zu besitzen. Alles, was er sagte, war so uninteressant, dass ich kaum zuhören konnte. Ich habe meine Gedanken schweifen lassen und an alles Mögliche gedacht.«
Ratlos sah Marilla die Kleine an. Eigentlich sollte sie Anne zurechtweisen und sie für ihre Worte tadeln. Doch vieles von dem, was Anne gesagt hatte – besonders über die langatmigen Predigten des Pfarrers und Mr Bells endlose Gebete –, waren Dinge, die sie selbst seit Jahren insgeheim auch schon gedacht hatte, ohne es jedoch zu wagen, solche Überlegungen jemals auszusprechen. Es schien ihr fast, als hätten ihre verborgenen Gedanken in den Worten dieses offenherzigen kleinen Geschöpfs plötzlich Gestalt angenommen.
Am darauffolgenden Freitag sollte Annes Besuch in der Sonntagsschule aber doch noch unangenehme Folgen haben. Marilla, die von einem Besuch bei Mrs Lynde zurückkam, rief Anne verärgert zu sich.
»Anne, Rachel Lynde sagt, du seist am Sonntag in einem geradezu lächerlichen Aufzug in der Kirche erschienen, dein Hut sei voller Rosen und Butterblumen gewesen. Wie um alles in der Welt bist du denn auf diese Dummheit verfallen, kannst du mir das sagen? Du musst ja einen schönen Anblick geboten haben!«
»Ich weiß, Rosa und Gelb stehen mir nicht«, gab Anne kleinlaut zu.
»Ob dir die Farben stehen, ist doch völlig egal. Seinen Hut mit Butterblumen und Rosen herauszuputzen … so etwas Lächerliches! Du bist das ungezogenste kleine Mädchen, das ich kenne.«
»Ich verstehe nicht, warum es lächerlich sein soll, Blumen am Hut zu tragen, wo doch viele der anderen Mädchen kleine Sträuße an ihren Kleidern hatten«, verteidigte sich Anne. »Wo ist da der Unterschied?«
Doch Marilla war fest entschlossen, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und sich nicht auf Spekulationen einzulassen.
»Gib mir keine Widerworte, Anne. Es war sehr dumm von dir, so etwas zu tun. Dass mir das nicht noch einmal zu Ohren kommt! Mrs Rachel sagte, sie wäre am liebsten im Boden versunken, als sie dich in die Kirche hereinspazieren sah. Die Leute haben sich natürlich mal wieder das Maul zerrissen. Sie denken, ich hätte nichts Besseres zu tun, als dich derart aufgetakelt zur Kirche zu schicken!«
»Ach, es tut mir so leid, Marilla«, sagte Anne. Tränen stiegen ihr in die Augen. »Ich hätte nie gedacht, dass es dir etwas ausmachen könnte. Die Rosen und Butterblumen waren einfach so schön, dass ich dachte, sie würden auf meinem Hut bestimmt nett aussehen. Viele der anderen Mädchen hatten künstliche Blumen an ihren Hüten. Ich konnte doch nicht wissen, dass ich dir damit wieder so viel Kummer machen würde. Vielleicht wäre es doch besser, wenn ihr mich wieder zurück ins Waisenhaus schicktet.«
»Unsinn!«, wehrte Marilla ab. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie das Kind zum Weinen gebracht hatte. »Ich will dich nicht ins Waisenhaus zurückschicken, das ist sicher. Alles, was ich will, ist, dass du so brav bist wie die anderen kleinen Mädchen auch und dich nicht überall lächerlich machst. Hör auf zu weinen. Ich habe auch eine gute Nachricht für dich: Diana Barry ist heute Nachmittag nach Hause gekommen. Ich will nachher hinübergehen und Mrs Barry nach einem Schnittmuster fragen. Wenn du willst, kannst du mitkommen und Diana kennenlernen.«
Während die Tränen noch auf ihren Wangen glitzerten, sprang Anne auf und klatschte freudig in die Hände. Das Geschirrtuch, das sie gerade gesäumt hatte, fiel unbeachtet auf den Boden.
»Oh Marilla, ich freue mich ja so! Aber ich habe Angst … Jetzt, wo Diana da ist, wird mir auf einmal ganz mulmig. Was, wenn sie mich am Ende gar nicht leiden mag? Das wäre die schlimmste Enttäuschung meines Lebens.«
Ein heiliger Eid wird geschworen
Eine Stunde später nahmen Marilla und Anne die Abkürzung über den Bach und durch das Tannenwäldchen nach Orchard Slope. Annes Gesicht war kreideweiß, ihre großen Augen glänzten.
»Oh, Marilla, ich bin so fürchterlich aufgeregt.«
»Nun mach dir mal keine Sorgen, Anne. Ich glaube schon, dass Diana dich schnell lieb gewinnen wird. Bei ihrer Mutter musst du dich allerdings vorsehen. Wenn sie etwas gegen dich hat, dann ist es ganz egal, was Diana denkt. Hoffentlich hat sie noch nichts von deinem Zusammenstoß mit Mrs Lynde und von deinem Kirchenbesuch mit Butterblumen am Hut gehört. Du musst auf jeden Fall höflich zu ihr sein und dich gut benehmen. Und vor allem: Lass nicht wieder eine deiner verrückten Reden vom Stapel! – Aber Kind, du zitterst ja?«
Anne zitterte tatsächlich. Ihre Hände waren eiskalt. »Bestimmt wärst du auch aufgeregt, wenn du gleich deine lang ersehnte Busenfreundin treffen würdest und befürchten müsstest, dass ihre Mutter dich einfach nicht ausstehen kann«, stammelte sie.
Schweigend gingen sie weiter, bis sie das Haus der Barrys erreichten. Marilla klopfte, Mrs Barry kam zur Küchentür. Sie war eine große Frau mit dunklen Augen und Haaren und strengen Gesichtszügen.
»Guten Tag, Marilla«, sagte sie herzlich. »Komm herein. Und das ist das kleine Mädchen, das ihr bei euch aufgenommen habt?«
»Ja, das ist Anne Shirley«, antwortete Marilla.
»Mit einem e am Ende«, fügte Anne atemlos hinzu. So aufgeregt sie auch war – in diesem wichtigen Punkt wollte sie Missverständnisse gar nicht erst aufkommen lassen.
Mrs Barry, die ihre Worte nicht gehört oder vielleicht auch nicht verstanden hatte, schüttelte ihr die Hand und fragte freundlich: »Wie geht es dir, Anne?«
»Gesundheitlich gut, nur in meinem Kopf herrscht im Moment ein ziemliches Durcheinander«, sagte Anne mit ernster Stimme und flüsterte dann Marilla zu: »Das war doch jetzt keine verrückte Rede, oder, Marilla?«
Diana saß auf dem Sofa und blätterte gerade in einem Buch, als Marilla und Anne die Küche betraten. Sie war ein sehr hübsches Mädchen. Von ihrer Mutter hatte sie die schwarzen Augen und Haare, von ihrem Vater die rosigen Wangen und weichen Gesichtszüge geerbt.
»Das ist meine kleine Tochter Diana«, sagte Mrs Barry. »Diana, du könntest mit Anne in den Garten gehen und ihr deine Blumen zeigen. Das ist sowieso besser, als dir hier über den Büchern die Augen zu verderben. – Sie liest entschieden zu viel«, erklärte sie Marilla, als die beiden Mädchen schon draußen waren, »aber was soll ich tun? Ihr Vater ermutigt sie auch noch dazu. Ständig hockt sie über irgendwelchen Büchern. Ich wäre froh, wenn sie eine Spielkameradin hätte, das würde sie mehr aus dem Haus locken.«
Draußen im Garten standen sich Anne und Diana im milden Sonnenlicht gegenüber und schauten sich über einer Staude üppiger Tigerlilien hinweg schüchtern an.
Zu jeder anderen, weniger schicksalsschweren Stunde hätte der Garten der Barrys Annes Herz höherschlagen lassen. Er wirkte wie eine riesige verwilderte, von hohen Weiden umstandene Laube. Heere von Bienen summten über den prächtigen Flammenden Herzen, den purpurroten Pfingstrosen, den weißen und gelben Narzissen und den dornigen, süß duftenden Rosen. Außerdem gab es noch Akelei und Seifenkraut, Stabwurz und Bandgras, dunkelrote wilde Orchideen und edle weiße Moschusblumen.
»Oh, Diana«, brach Anne schließlich das Schweigen, »meinst du … meinst du, du könntest mich ein bisschen mögen … so viel, um meine Busenfreundin zu sein?«
Diana lachte. Sie lachte fast immer, bevor sie sprach. »Ja, ich glaube schon«, sagte sie offenherzig. »Ich bin riesig froh, dass du jetzt auf Green Gables wohnst. Es wird schön sein, jemanden zum Spielen zu haben. Die anderen Mädchen wohnen alle ziemlich weit weg und meine Schwestern sind noch nicht groß genug.«
»Willst du darauf einen heiligen Eid ablegen?«, war Annes nächste eifrige Frage.
Diana sah sie erstaunt an. »So etwas tut man doch nur vor Gericht.«
»Nein, das meine ich nicht. Es gibt nämlich zwei Sorten von Eiden, musst du wissen, und meiner heißt ›Heiliger Eid unter Freunden‹.«
»Gut, ich habe nichts dagegen«, stimmte Diana zu. »Aber wie geht das?«
»Zuerst müssen wir uns bei der Hand nehmen … so«, sagte Anne ernst. »Eigentlich müssten wir es über einem fließenden Gewässer machen. Am besten stellen wir uns einfach vor, dieser Pfad hier wäre ein Bach. Ich schwöre den heiligen Eid zuerst. Also: ›Ich gelobe und verspreche feierlich, meiner Busenfreundin, Diana Barry, die Treue zu halten, solange sich die Erde dreht und Sonne und Mond am Himmel stehen.‹ Jetzt musst du das Gleiche sagen, aber natürlich mit meinem Namen als Busenfreundin.«
Diana wiederholte den »heiligen Eid« und fügte hinzu: »Du bist ein merkwürdiges Mädchen, Anne. Ich habe schon vorher gehört, dass du ein bisschen seltsam bist. Aber ich glaube, ich werde dich sehr gern mögen.«
Auf dem Heimweg wurden Marilla und Anne bis zur alten Holzbrücke von Diana begleitet. Die beiden Mädchen gingen Arm in Arm und beim Abschied verabredeten sie sich gleich für den nächsten Nachmittag.
»Nun, hast du in Diana eine ›verwandte Seele‹ gefunden?«, fragte Marilla, als sie durch den Garten auf Green Gables zugingen.
»Oh, ja«, seufzte Anne, die die Ironie in Marillas Stimme nicht wahrgenommen hatte. »Marilla, ich bin im Moment das glücklichste Mädchen von ganz Prince Edward Island! Heute Abend werde ich mein Gebet aus vollstem Herzen sprechen, da kannst du ganz sicher sein. Diana und ich wollen morgen in Mr William Bells Birkenwäldchen ein kleines Spielhaus bauen. Ach, bitte, Marilla, kann ich die kaputten Porzellansachen aus dem Holzschuppen dafür haben? – Diana hat im Februar Geburtstag und ich im März – ist das nicht ein seltsamer Zufall? – Diana will mir ein Buch ausleihen. Sie sagt, es ist fürchterlich spannend. – Findest du nicht, dass Diana seelenvolle Augen hat? – Sie will mir auch ein paar Lieder beibringen, die ich noch nicht kenne, und mir ein Bild schenken, das ich in meinem Zimmer aufhängen kann. Es soll ein sehr schönes Bild sein, von einer Dame in einem blassblauen Seidenkleid. Sie hat es mal von einem Nähmaschinenvertreter bekommen. Ich wünschte, ich hätte auch etwas, was ich Diana schenken könnte! – An einem der nächsten Tage wollen wir zusammen zum Strand gehen und Muscheln sammeln und die Quelle unten an der Holzbrücke wollen wir den ›Nymphenteich‹ nennen, ist das nicht ein wunderschöner Name? Ich habe mal eine Geschichte gelesen, in der ein Nymphenteich vorkam. Eine Nymphe ist so etwas wie eine erwachsene Seejungfrau, glaube ich. Was meinst du?«
»Ich hoffe nur, dass du Diana kein Loch in den Bauch redest«, warf Marilla ein. »Und noch etwas solltest du bei all deinen Plänen bedenken, Anne: Du wirst nicht den ganzen Tag spielen können. Im Gegenteil, es gibt viele Arbeiten und Pflichten, die du zuerst erledigen musst.«
Doch diese Ermahnungen konnten Annes Glück nicht schmälern. Ihre Augen strahlten allerdings noch heller, als Matthew am Abend aus Carmody zurückkehrte, unbeholfen ein kleines Päckchen aus der Tasche zog und es ihr überreichte.
»Du hast doch mal gesagt, dass du Karamellbonbons magst. Ich habe dir welche mitgebracht«, sagte er.
»Sie wird sich die Zähne und den Magen verderben!«, schnaubte Marilla. »Aber nun zieh doch nicht gleich so ein trauriges Gesicht, Kind. Da Matthew sie nun einmal mitgebracht hat, kannst du sie natürlich essen. Allerdings wäre es besser gewesen, wenn er wenigstens Pfefferminzbonbons gekauft hätte, die sind viel gesünder. Iss sie nur ja nicht alle auf einmal!«
»Oh nein, natürlich nicht«, antwortete Anne eifrig. »Ich werde heute Abend nur eins essen, Marilla. Und ich darf Diana die Hälfte schenken, nicht wahr? Die andere Hälfte wird mir dann noch einmal so süß schmecken. Es ist so schön zu wissen, dass ich ihr jetzt auch etwas schenken kann!«
»Eins muss ich dem Kind lassen«, sagte Marilla, als Anne nach dem Abendessen in ihr Zimmer im Ostgiebel hinaufgegangen war, »es ist überhaupt nicht geizig. Darüber bin ich froh, denn geizige Kinder kann ich nicht ausstehen. Lieber Himmel, Matthew, es ist erst drei Wochen her, dass Anne zu uns kam, und es kommt mir so vor, als sei sie schon immer hier gewesen. Ich kann mir Green Gables gar nicht mehr ohne sie vorstellen! Schau jetzt nicht so, Matthew, als wolltest du sagen: ›Siehst du, ich habe es dir ja gleich gesagt …‹ Ich gebe ja zu, dass ich froh bin, dass wir sie behalten haben, und dass ich sie lieb gewonnen habe – deshalb brauchst du es mir aber noch lange nicht ständig unter die Nase zu reiben, Matthew Cuthbert!«
Vorfreude ist die schönste Freude
Anne hätte schon längst wieder hier sein müssen, um ihre Näharbeiten zu erledigen, dachte Marilla, schaute ärgerlich auf die Uhr und ging zum Fenster hinüber. »Sie hat mehr als eine halbe Stunde länger mit Diana gespielt, als ich es ihr erlaubt habe«, schimpfte sie vor sich hin, »und jetzt sitzt sie quietschvergnügt dort draußen auf dem Holzhaufen und unterhält sich mit Matthew, obwohl sie ganz genau weiß, dass hier Arbeit auf sie wartet. Und wie verzückt er ihr zuhört! Ich habe noch nie einen so vernarrten Mann gesehen. Je mehr sie redet und umso verrückter die Dinge sind, die sie sagt, desto begeisterter ist er. Anne Shirley, du kommst sofort ins Haus, hörst du mich?!«
Dabei klopfte Marilla laut an die Fensterscheiben.
Mit glänzenden Augen kam Anne in die Küche gelaufen. Ihre Wangen waren rot und ihre offenen Haare flatterten wie eine glänzende Fahne hinter ihr her.
»Oh, Marilla«, rief sie atemlos, »nächste Woche veranstaltet die Sonntagsschule ein Picknick auf Mr Marmon Andrews Feld gleich neben dem ›See der glitzernden Wasser‹. Die Frau von Superintendent Bell und Mrs Rachel Lynde wollen für uns Eiscreme machen – stell dir das vor, Marilla, Eiscreme! Ach, bitte, darf ich hingehen?«
»Schau lieber mal auf die Uhr, Anne. Was habe ich dir gesagt, wann du zu Hause sein sollst?«
»Um zwei. Aber ist das nicht herrlich mit dem Picknick, Marilla? Kann ich bitte hingehen? Ich bin noch nie auf einem Picknick gewesen. Ich habe schon von Picknicks geträumt, aber ich hätte nie gedacht …«
»Ich habe gesagt, du sollst um zwei Uhr zu Hause sein«, fuhr Marilla unbeirrt fort, »und jetzt ist es Viertel vor drei. Ich glaube, du bist mir eine Erklärung schuldig!«
»Ich wollte ja pünktlich sein, Marilla – so pünktlich, wie es nur geht. Aber du hast keine Ahnung, wie schön es auf ›Idlewild‹ ist. Und dann musste ich Matthew ja noch von dem Picknick erzählen. Matthew ist so ein einfühlsamer Zuhörer! Kann ich bitte hingehen?«
»Du musst lernen, den Verlockungen von Idle-Dingsbums zu widerstehen. Wenn ich dir sage, dass du zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein sollst, dann meine ich auch genau diese Uhrzeit und nicht eine halbe Stunde später. Deshalb sollst du dich auf deinem Heimweg auch nicht von ›einfühlsamen Zuhörern‹ ablenken lassen. Und was das Picknick angeht, so kannst du natürlich daran teilnehmen. Du besuchst schließlich regelmäßig die Sonntagsschule und ich werde dich nicht davon abhalten, wenn die anderen Mädchen auch alle hingehen.«
»Aber …« Anne zögerte. »Diana sagt, dass alle einen Korb voll Essen mitbringen sollen. Und du weißt ja, dass ich nicht kochen kann, Marilla. Und … es macht mir nichts aus, ohne Puffärmel zu einem Picknick zu gehen, aber es wäre ganz schrecklich, wenn ich ohne Korb hingehen müsste. Der bloße Gedanke daran quält mich schon, seitdem mir Diana davon erzählt hat.«
»Na, dann braucht er dich jetzt nicht weiter zu quälen. Ich werde dir deinen Picknickkorb schon füllen.«
»Oh. Marilla, du bist so gut zu mir! Ich bin dir ja so dankbar!«
Mit diesen Worten warf sie sich in Marillas Arme und küsste stürmisch die blassen Wangen der alten Frau. Es war das erste Mal, dass Kinderlippen Marillas Gesicht berührten, und ein süßer Schauer lief durch ihren ganzen Körper. Doch die unverhoffte Freude über Annes Zärtlichkeiten verwirrte sie. In etwas schroffem Ton sagte sie schnell: »Na, na, lass doch den Unsinn. Es wäre mir lieber, du hieltest dich an das, was ich dir sage. Und was das Kochen angeht, so werden wir schon in den nächsten Tagen mit dem Unterricht beginnen. Jetzt aber rasch an die Arbeit! Deine Nähsachen warten schon.«
Seufzend setzte sich Anne auf einen Stuhl und beugte sich über ihre Arbeit.
»Ich wünschte, beim Nähen würde die Zeit ebenso schnell vergehen wie beim Spielen mit Diana«, sagte sie nach einer Weile. »Kennst du das schmale Feld auf der anderen Seite des Baches? Es liegt zwischen unserer Farm und der von Mr Barry und gehört Mr William Bell. An einer Seite steht eine Gruppe weißer Birken – der romantischste Ort, den man sich vorstellen kann, Marilla! Diana und ich haben dort unser Spielhaus gebaut. Wir nennen es ›Idlewild‹. Ist das nicht ein wunderschöner Name? Ich habe eine ganze Nacht wach gelegen und nachgedacht, bis er mir endlich eingefallen ist. Diana war einfach hingerissen, als sie ihn zum ersten Mal hörte. Wir haben unser Haus vornehm eingerichtet. Du musst uns mal besuchen kommen, dann kannst du dir alles anschauen. Wir haben große, moosbewachsene Steine als Sessel und alte Bretter zwischen den Ästen als Regale, auf denen unser ganzes Porzellan steht. Natürlich ist alles kaputt, aber es ist doch das Einfachste von der Welt, sich vorzustellen, es sei heiles, wunderschönes Porzellan. Auch das ›Feenglas‹ steht dort. Es ist traumhaft schön. Diana hat es unter den Bäumen hinter ihrem Hühnerhaus gefunden. Wenn die Sonne scheint, ist es voller kleiner Regenbogen – sie sind wahrscheinlich noch nicht groß genug, um am Himmel zu stehen. Dianas Mutter hat gesagt, das Glas stamme von einer alten Hängelampe, aber wir glauben, dass die Feen es eines Nachts bei einem Ball verloren haben, und deshalb nennen wir es ›Feenglas‹. – Den kleinen runden Teich drüben in Mr Barrys Feld haben wir ›Willowmere‹ genannt. Der Name stammt aus dem Buch, das mir Diana neulich geborgt hat. Es handelt von einer Heldin mit fünf Verehrern. Na ja, ich wäre auch schon mit einem zufrieden – du auch, Marilla? Jedenfalls war sie sehr schön und musste große Prüfungen bestehen. Bei jeder Gelegenheit fiel sie in Ohnmacht. Ich würde auch gerne mal in Ohnmacht fallen – das stelle ich mir entsetzlich romantisch vor! Leider bin ich viel zu gesund dafür, obgleich ich so dünn bin. Ich habe allerdings in letzter Zeit etwas zugenommen, meinst du nicht? Ich schaue mir jeden Morgen meine Ellenbogen an, ob sich schon Grübchen bilden. – Diana hat ein neues Kleid mit Ärmeln, die nur bis zum Ellenbogen reichen. Sie will es zum Picknick tragen. Oh, ich hoffe, wir haben nächsten Mittwoch gutes Wetter! Wir wollen auf dem ›See der glitzernden Wasser‹ auch eine Bootsfahrt unternehmen – und hinterher gibt es dann Eiscreme. Ich habe noch nie in meinem Leben Eis gegessen. Diana hat versucht, mir zu erklären, wie es schmeckt, aber ich fürchte, Eis ist eins der Dinge, die jenseits aller Vorstellungskraft liegen!«
»Anne, du hast eben fast zehn Minuten ununterbrochen geredet«, sagte Marilla. »Lass uns doch mal sehen, ob du auch in der Lage bist, ebenso lange ununterbrochen deinen Mund zu halten.«
Anne wurde mucksmäuschenstill und bestand mit einiger Mühe die Prüfung, die Marilla ihr auferlegt hatte. Doch den ganzen Rest der Woche waren all ihre Gespräche, Gedanken und Träume nur von dem Picknick erfüllt.
Als es am Samstag zu regnen anfing, steigerte sie sich so sehr in die Befürchtung hinein, es könnte bis zum Mittwoch weiterregnen, dass Marilla ihr zur Beruhigung eine extra Nähstunde verschrieb.
Am Sonntag gestand sie Marilla auf dem Heimweg von der Kirche, dass sie vor Aufregung eine dicke Gänsehaut bekommen habe, als der Pfarrer das Picknick von der Kanzel ansagte.
»Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, Marilla! Bis zu dem Moment habe ich noch gar nicht richtig an das Picknick glauben können. Ich hatte manchmal Angst, ich hätte es nur geträumt. Aber wenn der Pfarrer es von der Kanzel sagt, dann muss man es glauben.«
»Du hängst dein Herz zu sehr an solche Dinge, Anne«, seufzte Marilla. »Ich fürchte, du wirst in deinem Leben noch viele Enttäuschungen erleben.«
»Oh, Marilla, es ist doch so schön, wenn man sich auf etwas freuen kann!«, rief Anne aus. »Auch wenn man manches am Ende dann doch nicht bekommt – nichts und niemand kann einem das Vergnügen nehmen, sich darauf gefreut zu haben.«
Wie zu jedem Kirchgang trug Marilla auch an jenem Sonntag ihre Amethystbrosche. Das war ihr schon so sehr zur Gewohnheit geworden, dass sie sich ohne sie unvollständig gefühlt hätte – etwa so, als ob sie ihre Bibel oder das Geld für die Kollekte vergessen hätte. Diese Amethystbrosche war Marillas bestgehüteter Schatz. Ein seefahrender Onkel hatte sie ihrer Mutter geschenkt, die sie wiederum Marilla vermacht hatte. Sie wusste zwar zu wenig über diese Dinge, um zu erkennen, wie wertvoll das Schmuckstück tatsächlich war, aber sie fand die Steine sehr schön und war sich ihres violetten Schimmers immer bewusst, auch wenn sie die Brosche selbst gar nicht sehen konnte, wenn sie sie am Hals trug.
Anne war in Bewunderung ausgebrochen, als sie die Brosche zum ersten Mal gesehen hatte.
»Oh, Marilla, sie ist wunderschön – und so elegant! Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du überhaupt noch auf die Predigt oder die Gebete achten kannst, wenn du sie trägst. Ich könnte das nicht, das weiß ich genau. Die Amethyste sehen so herrlich aus – so, wie ich mir früher Diamanten vorgestellt habe. Ich habe mal vor langer Zeit eine Geschichte gelesen, in der Diamanten vorkamen, und habe sie mir vorgestellt wie schimmernde dunkelrote Steine. Als ich dann eines Tages einen richtigen Diamanten am Ring einer erwachsenen Frau gesehen habe, war ich so enttäuscht, dass ich weinen musste. Natürlich war er hübsch, aber er war eben nicht so wie meine Vorstellung von einem Diamanten. – Darf ich die Brosche einen Moment lang halten, Marilla? Meinst du nicht, dass Amethyste die unsterblichen Seelen von kleinen Veilchen sein könnten?«
Marilla hatte dieses Gespräch noch gut im Gedächtnis, als sie am Montagabend vor dem Picknick mit besorgtem Gesicht aus ihrem Zimmer trat.
»Anne«, sagte sie zu der Kleinen, die singend am Küchentisch saß und Erbsen enthülste, »hast du meine Amethystbrosche gesehen? Ich dachte, ich hätte sie in mein Nadelkissen gesteckt, als wir gestern Abend von der Kirche nach Hause kamen, aber ich kann sie nirgends mehr finden.«
»Ich … ich habe sie heute Nachmittag noch gesehen, als du bei der Versammlung vom Frauenhilfswerk warst«, gab Anne zögernd zur Antwort. »Ich bin an deiner Tür vorbeigekommen und sah sie auf dem Nadelkissen. Da bin ich hineingegangen, um sie mir anzuschauen.«
»Hast du sie angefasst?«, fragte Marilla streng.
»J-j-a«, gab Anne zu, »ich habe sie hochgenommen und sie an meine Brust geheftet, um zu sehen, wie sie mir steht.«
»Dazu hattest du kein Recht. Es ist sehr ungezogen, in den Sachen anderer Leute herumzuwühlen! Wo hast du sie hingetan?«
»Ich habe sie auf die Kommode zurückgelegt. Ich hatte sie noch nicht einmal eine Minute lang an. Wirklich, Marilla, ich wollte nicht in deinen Sachen herumwühlen. Aber ich sehe jetzt ein, dass es nicht richtig von mir war, und ich werde es nie wieder tun. Einen Vorzug habe ich nämlich: Ich mache nie denselben Fehler zweimal.«
»Die Brosche ist aber nicht mehr auf der Kommode«, sagte Marilla. »Du musst sie mitgenommen haben, Anne.«
»Ich habe sie aber zurückgelegt«, entgegnete Anne schnell – zu schnell, wie Marilla fand. »Ich weiß bloß nicht mehr, ob ich sie wieder auf das Nadelkissen gesteckt oder in die Porzellanschale gelegt habe. Aber ich bin mir vollkommen sicher, dass ich sie zurückgetan habe.«
»Ich werde noch einmal suchen.« Marilla wollte nicht ungerecht sein. »Wenn du die Brosche zurückgelegt hast, muss sie ja noch da sein. Wenn sie nicht da ist, dann hast du sie mitgenommen.«
Marilla ging in ihr Zimmer und suchte noch einmal alles durch, nicht nur auf der Kommode, sondern auch an anderen Stellen, an denen die Brosche vielleicht hätte sein können. Doch sie war nirgends zu finden und so kehrte sie schließlich verärgert in die Küche zurück.
»Anne, die Brosche ist weg und du warst die Letzte, die sie in der Hand hatte. Also sag mir jetzt, was du damit getan hast. Und vor allem: Sag mir die Wahrheit! Hast du sie mit nach draußen genommen und dort verloren?«
»Nein«, antwortete Anne und sah dabei Marilla fest in die Augen. »Ich habe die Brosche nicht mit aus deinem Zimmer genommen, das ist die Wahrheit, auch wenn man mich dafür zum Richtblock schleifen würde – obwohl ich nicht so genau weiß, was ein Richtblock ist … Das wär’s, Marilla.«
Dieses ›das wär’s‹ war von Anne lediglich als Bekräftigung gemeint, aber Marilla verstand es als Ausdruck von Trotz und Verstocktheit.
»Du sagst die Unwahrheit, Anne«, entgegnete sie schroff. »Deshalb will ich jetzt auch nichts mehr hören. Du gehst in dein Zimmer und bleibst so lange dort, bis du bereit bist, ein Geständnis abzulegen.«
Ein fragwürdiges Geständnis
An jenem Abend versah Marilla ihre Aufgaben im Haushalt wie gewöhnlich, konnte jedoch keine innere Ruhe finden. Sie machte sich Sorgen um ihre wertvolle Brosche. Wenn Anne sie verloren hatte, würde man sie womöglich nie mehr wiederfinden. Wie konnte die Kleine nur so ungezogen sein, den Diebstahl zu leugnen! Es war doch sonnenklar, dass sie die Brosche genommen haben musste! Und was für eine Unschuldsmiene sie dabei aufgesetzt hatte … Hätte sie doch wenigstens die Wahrheit gesagt, dann wäre alles nur halb so schlimm gewesen. So aber war Anne eine Diebin und obendrein noch eine Lügnerin!
Mehrmals am Abend ging Marilla in ihr Zimmer hinauf und durchsuchte es noch einmal nach ihrer Brosche – vergebens. Auch eine weitere Befragung im Ostgiebel brachte keine neuen Ergebnisse. Anne stritt weiterhin ab, mehr über die Brosche zu wissen, als sie schon gesagt hatte, aber das machte Marilla nur noch misstrauischer.
Am nächsten Morgen erzählte sie Matthew, was vorgefallen war. Er konnte sich allerdings auch keinen Reim auf die ganze Geschichte machen. Er traute Anne nichts Böses zu, musste aber eingestehen, dass die Tatsachen gegen sie sprachen.
»Und du bist sicher, dass die Brosche nicht hinter die Kommode gefallen ist?« Das war die einzige Möglichkeit, die ihm noch einfiel.
»Ich habe die Kommode von der Wand abgerückt, die Schubladen herausgezogen und wirklich überall nachgeschaut«, antwortete Marilla. »Die Brosche ist verschwunden und das Kind hat sie genommen und mich angelogen. Das ist nun mal die bittere Wahrheit, der wir ins Auge schauen müssen, Matthew Cuthbert.«
»Hm, tja … und was willst du jetzt tun?«, fragte er mit tonloser Stimme, insgeheim froh, dass Marilla und nicht er für Annes Erziehung verantwortlich war; diesmal hatte er nicht die geringste Lust, sich einzumischen.
»Sie wird so lange in ihrem Zimmer bleiben, bis sie gesteht«, sagte Marilla, die sich noch gut daran erinnern konnte, dass diese Methode in einem früheren Fall einmal erfolgreich gewesen war. »Dann werden wir ja sehen. Vielleicht könnten wir die Brosche sogar wiederfinden, wenn Anne uns bloß sagen würde, wohin sie sie mitgenommen hat. Auf jeden Fall hat die Kleine eine empfindliche Strafe verdient, Matthew.«
»Hm, dann musst du sie bestrafen«, sagte Matthew und griff nach seinem Hut. »Ich habe nichts mit ihrer Erziehung zu tun. Das hast du selbst gesagt.«
Marilla fühlte sich von allen im Stich gelassen. Sie konnte noch nicht einmal zu Mrs Lynde gehen und sie um Rat bitten. Mit ernstem Gesicht stieg sie ein letztes Mal zu Anne in den Ostgiebel hinauf, doch Anne blieb beharrlich bei ihrem früheren Standpunkt. Sie hatte offensichtlich geweint. Marilla empfand so etwas wie Mitleid, unterdrückte diese Regung jedoch sogleich wieder.
»Du bleibst hier oben, bis du bereit bist zu gestehen, Anne. Überleg es dir gut«, sagte sie mit fester Stimme.
»Aber morgen ist das Picknick, Marilla«, schluchzte Anne. »Du wirst mich doch nicht hier einsperren wollen, oder? Lass mich nur für den Nachmittag gehen, bitte! Dann bleibe ich hier, solange du willst. Aber ich muss zu diesem Picknick gehen!«
»Du gehst weder zum Picknick noch sonst wohin, solange du nicht gestanden hast, Anne.«
»Bitte, Marilla!«
Aber Marilla war schon hinausgegangen und hatte die Tür hinter sich geschlossen.
Am Mittwochmorgen strahlte die Sonne so warm, als wüsste sie, dass heute das große Picknick stattfinden sollte. Kein Wölkchen stand am Himmel. Die weißen Lilien verströmten ihren süßen Duft und die Vögel zwitscherten fröhlich und flatterten mit ihren Flügeln, als warteten sie darauf, Anne wie jeden Morgen am Fenster zu begrüßen. Doch Anne war nicht zu sehen. Als Marilla ihr das Frühstück brachte, saß sie in steifer Haltung auf dem Bett und sah Marilla aus feuchten Augen an. Ihr Gesicht sah blass und entschlossen aus.
»Marilla, ich bin bereit zu gestehen.«
»Aha!« Marilla stellte zufrieden ihr Tablett ab. Ihre Methode hatte zum zweiten Mal Erfolg gehabt – allerdings einen recht bitteren Erfolg, wie sich bald zeigen sollte. »Dann sag. Was hast du zu deiner Entschuldigung vorzubringen?«
»Ich habe die Brosche genommen«, sagte Anne ruhig. Sie leierte die Worte so gleichgültig herunter, als hätte sie den Text vorher auswendig gelernt. »Als ich sie in deinem Zimmer liegen sah, konnte ich der Versuchung einfach nicht widerstehen: Ich nahm sie und steckte sie mir an die Brust. Dabei stellte ich mir vor, wie schön das sein müsste, sie mit nach ›Idlewild‹ zu nehmen und mit ihr zu spielen. Mit einer Amethystbrosche würde es viel einfacher sein, mich in Lady Cordelia Fitzgerald zu verwandeln. Ich dachte, ich könnte sie wieder zurücklegen, bevor du nach Hause kommst. Als ich über die Brücke des ›Sees der glitzernden Wasser‹ schritt, nahm ich die Brosche heraus, um sie noch einmal anzuschauen. Wie schön sie in der Sonne glitzerte! Und dann, gerade als ich mich über das Brückengeländer beugte, um mein Spiegelbild zu betrachten, fiel sie mir aus der Hand und versank in den Fluten. Dort liegt sie nun für immer auf dem Grund des ›Sees der glitzernden Wasser‹. Und das ist das Beste, was du von mir als Geständnis erwarten kannst, Marilla. Ich habe mir große Mühe gegeben.«
Marilla fühlte einen bitteren Zorn in sich aufsteigen. Dieses Kind hatte ihre geliebte Amethystbrosche verloren und ratterte die ganze Geschichte mit tonloser Stimme herunter, ohne dabei die geringste Reue zu empfinden.
»Aber das ist ja schrecklich, Anne!«, sagte sie, nur mühsam beherrscht. »Du bist das ungezogenste Mädchen, von dem ich je gehört habe.«
»Ja, du hast recht«, stimmte Anne ihr zu. »Und ich weiß, dass ich Strafe verdiene. Es ist deine Pflicht, mich zu bestrafen. Willst du es nicht gleich tun? Dann haben wir es hinter uns und ich kann reinen Gewissens zum Picknick gehen.«
»Picknick? Das wäre ja noch schöner! Du gehst nicht zum Picknick, Anne Shirley. Das ist deine Strafe. Und sie ist für das, was du getan hast, noch lange nicht schwer genug.«
»Nicht zum Picknick gehen!« Anne sprang auf und umklammerte Marillas Hand. »Aber du hast mir versprochen, dass ich gehen darf! Oh, Marilla, ich muss zu dem Picknick. Deshalb habe ich ja auch das Geständnis abgelegt. Bitte, Marilla, lass mich hingehen! Denk doch nur an die Eiscreme! Vielleicht habe ich in meinem ganzen Leben keine Gelegenheit mehr, Eiscreme zu essen.«
Doch Marilla zog ungerührt ihre Hand zurück.
»Das Bitten und Betteln kannst du dir sparen, Anne. Du gehst nicht zum Picknick und dabei bleibt es. Kein Wort mehr!«
Verzweifelt warf sich Anne auf ihr Bett und fing bitterlich an zu weinen.
Es war ein trauriger Morgen. Wie verbissen arbeitete Marilla vor sich hin. Sie schrubbte sogar den Boden der Veranda und die Bretter in der Milchkammer, obgleich sie eigentlich noch sauber waren – an irgendetwas musste sie ihren Zorn abreagieren. Dann ging sie hinaus und fegte den Hof.
Als es Zeit zum Mittagessen war, ging sie zur Treppe und rief nach Anne. Ein tränenüberströmtes Gesicht erschien über dem Geländer.
»Ich will nichts essen«, schluchzte Anne. »Ich könnte keinen Bissen herunterkriegen. Mein Herz ist nämlich gebrochen. Dein Gewissen wird dich eines Tages noch dafür bestrafen, dass du es zerbrochen hast, Marilla. Vielleicht werde ich dir dann verzeihen, aber verlange nicht von mir, dass ich jetzt etwas esse – schon gar nicht gekochtes Schweinefleisch und Blattgemüse. Das ist ein viel zu unromantisches Essen für den Zustand der Verzweiflung, in dem ich mich befinde.«
Glühend vor Zorn ging Marilla in die Küche zurück und klagte Matthew ihr Leid. Doch ihrem Bruder – hin und her gerissen zwischen seinem Gerechtigkeitssinn und seinem Mitleid mit Anne – war ebenso jämmerlich zumute.
»Sie hätte die Brosche nicht nehmen und uns keine Lügengeschichten auftischen dürfen«, gab er zu, während er traurig auf sein unromantisches Schweinefleisch mit Blattgemüse starrte, »aber sie ist noch so klein. Meinst du nicht, dass du sie doch zum Picknick lassen solltest – wo doch ihr Herz so daran hängt?«
»Matthew Cuthbert, ich kann mich nur über dich wundern. Ich finde, ich habe sie noch viel zu milde bestraft. Und sie scheint nicht im Geringsten einzusehen, wie ungezogen sie war, das macht mir am meisten Kummer! Wenn es ihr wirklich leidtäte, wäre alles halb so schlimm. Und du versuchst auch noch, sie in Schutz zu nehmen!«
»Sie ist doch noch so klein«, wiederholte Matthew mit sanfter Stimme. »Und wir müssen ihr einiges nachsehen, Marilla. Sie hat nie irgendeine Erziehung genossen.«
»Dann ist es höchste Zeit, dass sie sie jetzt bekommt«, erwiderte Marilla scharf.
Der Rest des Mittagessens verlief in eisigem Schweigen. Als sie das Geschirr gespült, den Brotteig angesetzt und ihre Hühner gefüttert hatte, erinnerte sich Marilla auf der Suche nach weiterer Beschäftigung an einen Riss in ihrem Spitzenschal und beschloss, ihn zu flicken.
Der Schal befand sich in einer Schachtel in ihrem Kleiderschrank. Als Marilla ihn herauszog, fiel das Licht auf etwas Glitzerndes. Marilla hielt den Atem an – es war die Amethystbrosche!
Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Als sie am Montagabend vom Frauenhilfswerk nach Hause gekommen war, hatte sie den Schal für ein paar Minuten auf die Kommode gelegt. Wahrscheinlich hatte sich die Brosche in den Spitzen verfangen und sie hatte sie – ohne es zu merken – mit dem Schal in den Schrank gepackt.
Mit der Brosche in der Hand stieg Marilla zum Ostgiebel hinauf. Anne saß niedergeschlagen am Fenster, sie war erschöpft vom vielen Weinen.
»Anne Shirley«, sagte Marilla feierlich. »Ich habe gerade meine Brosche gefunden. Sie hatte sich in meinem schwarzen Spitzenschal verfangen. – Jetzt möchte ich aber wissen, was es mit dem Märchen auf sich hat, das du mir heute Morgen aufgetischt hast.«
»Na, du hast doch gesagt, dass ich so lange hier bleiben müsste, bis ich ein Geständnis ablege«, erwiderte Anne matt. »Und da du die Wahrheit nicht geglaubt hast und ich unbedingt zum Picknick gehen wollte, habe ich mir gestern Abend im Bett ein Geständnis ausgedacht – etwas möglichst Interessantes. Dann habe ich es immer wieder vor mich hin gesprochen, damit ich es auch nicht vergesse. Aber du hast mich trotzdem nicht zum Picknick gehen lassen, es war also alles umsonst.«
Marilla musste lachen. Gleichzeitig aber bekam sie heftige Gewissensbisse.
»Anne, du bist doch nicht zu schlagen! Aber ich habe dir unrecht getan, das ist mir jetzt ganz klar. Ich hätte deine Ehrlichkeit nicht anzweifeln dürfen, weil ich dazu bisher noch nie Grund gehabt habe. Natürlich war es nicht richtig von dir, etwas zu gestehen, was du gar nicht getan hast. Aber ich habe dich dazu getrieben und das tut mir wirklich sehr leid. Wenn du mir verzeihen willst, Anne, verzeihe ich dir auch – dann sind wir wieder quitt. Und jetzt mach dich schnell für das Picknick fertig.«
Wie eine Rakete sprang Anne aus ihrem Stuhl hoch. »Ist es denn noch nicht zu spät?«
»Nein, es ist zwei Uhr. Die anderen haben sich gerade erst versammelt, du kannst es also noch schaffen. Wasch dein Gesicht, kämm deine Haare und zieh dein braunes Kleid an. Ich werde deinen Picknickkorb fertig machen und Jerry Bescheid sagen, damit er dich mit Pferd und Wagen zum Picknickplatz fahren kann.«
»Oh, Marilla«, rief Anne und sauste schnell wie der Wind zum Waschtisch hinüber. »Vor fünf Minuten war ich noch so traurig, dass ich wünschte, ich wäre nie geboren, und jetzt würde ich nicht einmal mit einem Engel tauschen wollen!«
An jenem Abend kehrte eine vollkommen glückliche und erschöpfte Anne nach Green Gables zurück.
»Es war ein himmlischer Tag, Marilla! Alles war wunderschön. Nach dem Essen ist Mr Andrews mit uns auf dem ›See der glitzernden Wasser‹ rudern gegangen – immer sechs Mädchen in einem Boot. Jane Andrews ist fast über Bord gegangen. Sie wollte eine Seerose pflücken und hat sich so weit herausgebeugt, dass sie plötzlich das Gleichgewicht verloren hat. Wenn Mr Andrews sie nicht in allerletzter Minute festgehalten hätte, wäre sie ins Wasser gefallen und bestimmt jämmerlich ertrunken. Ich wünschte, das wäre mir passiert. Es muss so ein romantisches Gefühl sein, beinahe zu ertrinken! Und erst die Eiscreme! Mir fehlen die Worte, um diese Eiscreme zu beschreiben, Marilla. Ich schwöre dir, sie war einfach köstlich!«
Am Abend erzählte Marilla beim Strümpfestopfen ihrem Bruder, wie die ganze Geschichte ausgegangen war.
»Ich muss offen eingestehen, dass ich einen Fehler gemacht habe«, sagte sie nachdenklich. Dann schmunzelte sie. »Wenn ich an Annes ›Geständnis‹ denke, muss ich lachen, obgleich es eine einzige faustdicke Lüge war! Eins ist sicher: Wo dieses Kind ist, wird es einem niemals langweilig werden.«
Der Sturm im Wasserglas
Was für ein herrlicher Tag!«, sagte Anne und atmete tief. »Ist es nicht wunderbar, an einem Tag wie diesem leben zu dürfen? Mir tun all die Leute leid, die noch nicht geboren sind und ihn deshalb verpassen müssen. Natürlich werden auch sie schöne Tage erleben – diesen aber nie. Und was für einen prächtigen Schulweg wir haben!«
»Viel schöner als über die Landstraße, dort ist es so heiß und staubig«, antwortete Diana, während sie überlegte, wie viele Happen wohl für jeden übrig blieben, wenn man die drei Stück Himbeerkuchen, die ihre Mutter ihr mitgegeben hatte, durch zehn teilte.
Die Schülerinnen von Avonlea pflegten ihre Pausenmahlzeiten nämlich immer zu teilen und wenn man drei Stück Himbeerkuchen ganz allein gegessen oder sie nur mit seiner besten Freundin geteilt hätte, wäre man für ewig als Geizhals abgestempelt worden.
Anne hatte bald für alle Stationen ihres Weges den passenden Namen gefunden. Jeden Morgen trafen sie sich in der »Liebeslaube«, einem verwunschenen Hohlweg, und gingen von dort aus weiter bis zum »Veilchental«, einer kleinen grünen Senke im Schatten der großen Bäume, die Mr Bells Felder begrenzten. Danach kam der »Birkenpfad«, eine kleine, gewundene Allee, die auf die Hauptstraße führte. Von dort aus bis zur Schule war es dann nur noch ein Katzensprung.
Die Schule von Avonlea war ein weiß verputztes Gebäude mit flachem Dach und breiten Fenstern. Innen war sie mit altmodischen Tischen mit aufklappbaren Schreibplatten ausgestattet, auf denen ganze Generationen von Schülern ihre Initialen und geheimen Mitteilungen hinterlassen hatten. Das Schulhaus lag etwas abseits der Straße. Dahinter floss ein kleiner Bach, in den die Kinder morgens ihre Milchflaschen stellten, damit sie bis zur Mittagspause kühl blieben.
Marilla hatte Anne am ersten Tag nach den Ferien mit gemischten Gefühlen zur Schule geschickt. Wie würde Anne sich mit den anderen Kindern vertragen? Und würde sie es schaffen, eine ganze Unterrichtsstunde lang den Mund zu halten?
Doch es lief besser als befürchtet. Strahlendster Laune kam Anne von ihrem ersten Schulbesuch zurück.
»Ich glaube, die Schule hier wird mir gefallen«, verkündete sie. »Den Lehrer finde ich allerdings nicht gerade besonders. Er zwirbelt die ganze Zeit an seinem Schnurrbart herum und macht Prissy Andrews schöne Augen. Prissy ist nämlich schon fast erwachsen, sie ist sechzehn und bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung am Queen’s College in Charlottetown vor. Sie hat eine ganz helle Haut und braunes hochgestecktes Haar. Der Lehrer sitzt meistens bei ihr in der langen Bank ganz hinten – um ihr bei den Aufgaben zu helfen, sagt er. Aber Ruby Gillis hat gesehen, wie er etwas auf Prissys Tafel schrieb, und als sie es las, hat sie gekichert und ist rot geworden wie eine Tomate.«
»Anne Shirley, ich möchte nicht, dass du so von deinem Lehrer sprichst«, fiel ihr Marilla streng ins Wort. »Er ist dazu da, dir etwas beizubringen, und es ist deine Aufgabe, von ihm zu lernen. Solche Geschichten möchte ich nicht wieder hören, das sage ich dir gleich. Ich hoffe, du hast dich anständig benommen?«
»Ja, Marilla«, antwortete Anne mit gutem Gewissen. »Das war allerdings auch nicht so schwer, wie du es dir vielleicht vorstellst. Ich sitze neben Diana. Unsere Bank steht direkt am Fenster und wir können zum ›See der glitzernden Wasser‹ hinüberschauen. Die anderen Mädchen sind sehr nett und wir hatten in der Mittagspause viel Spaß miteinander. Es ist schön, so viele Spielkameradinnen zu haben. Diana habe ich natürlich am liebsten. – Ich muss viel nachholen, glaube ich, die anderen sind schon im fünften Buch und ich bin erst im vierten. Dafür haben die anderen aber nicht so viel Fantasie wie ich, das hat sich schnell herausgestellt. Heute hatten wir Lesen, Erdkunde, Geschichte und Diktat. Mr Philipp meinte, meine Rechtschreibung sei eine Schande, und er hat meine Tafel in die Höhe gehalten, damit alle sehen konnten, wie viele Fehler er angestrichen hatte. Das war mir schrecklich peinlich, Marilla. Zu einer Fremden hätte er wirklich etwas höflicher sein können. – Ruby Gillis hat mir in der Pause einen Apfel geschenkt und Sophia Sloane hat mir eine wunderschöne rosa Karte geborgt, auf der steht ›Darf ich dich nach Hause begleiten?‹. Ich muss sie ihr allerdings morgen wiedergeben. Den ganzen Nachmittag über durfte ich Tillie Boulters Perlenring tragen. Jane Andrews hat mir erzählt, sie habe gehört, wie Prissy Andrews zu Sara Gillis gesagt hat, ich hätte eine schöne Nase. Das ist das erste Kompliment, das ich in meinem ganzen Leben bekommen habe. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was das für ein komisches Gefühl war! Marilla, findest du auch, dass ich eine schöne Nase habe? Ich weiß, du wirst mir die Wahrheit sagen.«
»An deiner Nase ist nichts auszusetzen«, antwortete Marilla trocken. Insgeheim dachte sie, dass Annes Nase tatsächlich bemerkenswert hübsch war, aber sie hatte nicht die geringste Absicht, ihr das mitzuteilen.
Dieses Gespräch lag schon drei Wochen zurück, als Anne und Diana an einem frischen Septembermorgen wieder den »Birkenpfad« hinuntergingen.
»Ich wette, Gilbert Blythe wird heute in der Schule sein«, sagte Diana. »Er hat den Sommer bei seinen Verwandten in New Brunswick verbracht und ist erst Samstagabend zurückgekommen. Er sieht schrecklich gut aus, Anne, und er neckt alle Mädchen. Manchmal ist es eine richtige Plage mit ihm.«
Dianas Tonfall ließ anklingen, dass ihr diese Plage eigentlich recht angenehm war.
»Gilbert Blythe?«, fragte Anne. »Ist das nicht der Name, der neben dem von Julia Bell an der Wand der Schulveranda steht?«
»Ja«, antwortete Diana und reckte stolz den Kopf in die Höhe, »aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er Julia Bell gar nicht so gerne hat. Ich habe ihn sagen hören, dass man an ihren Sommersprossen das kleine Einmaleins abzählen könnte.«
»Oh, erzähl mir nichts von Sommersprossen«, bat Anne. »Ich habe selbst genug davon. Außerdem finde ich es ziemlich albern, die Namen von Jungen und Mädchen zusammen an die Wand zu schreiben. Ich möchte doch mal sehen, wer es wagt, meinen dort aufzuschreiben – nicht dass ich meine, dass überhaupt einer auf die Idee käme«, fügte sie, ein wenig traurig, schnell hinzu.
»Unsinn«, tröstete Diana ihre Freundin. »Es ist doch nur ein Scherz. Und sei dir mal nicht so sicher, dass dein Name nicht dort erscheinen wird. Charlie Sloane ist ganz vernarrt in dich. Er hat gesagt, du seist das gescheiteste Mädchen in der ganzen Schule. Gescheit zu sein ist viel mehr wert, als nur gut auszusehen.«
»Nein, das ist es nicht«, widersprach Anne. »Ich wäre viel lieber hübsch als klug. Und Charlie Sloane kann ich nicht ausstehen. Aber es ist schön, die Beste in der Klasse zu sein.«
»Jetzt wirst du es damit nicht mehr so leicht haben. Gilbert ist in deiner Klasse und bisher ist er immer der Beste gewesen. Er ist schon vierzehn. Sein Vater ist vor vier Jahren krank geworden und da musste er mit ihm nach Alberta ziehen und konnte drei Jahre lang nicht zur Schule gehen, bis sie letztes Jahr zurückkamen.«
Als sie sich später im Klassenraum über ihre Tafeln beugten und Mr Phillips damit beschäftigt war, Prissy Andrews in der letzten Bank lateinische Vokabeln abzuhören, flüsterte Diana: »Das ist Gilbert Blythe, Anne. Er sitzt gleich gegenüber von dir auf der anderen Seite des Gangs. Findest du nicht auch, dass er gut aussieht?«
Vorsichtig drehte Anne sich zu dem Jungen um. Er war gerade in die schwierige Aufgabe vertieft, heimlich die langen blonden Zöpfe von Ruby Gillis mit einer Nadel an ihrem Stuhl zu befestigen – mit Erfolg. Denn als Ruby Gillis aufstehen wollte, um mit ihrer Rechenaufgabe zum Lehrer zu gehen, fiel sie mit einem kleinen Schrei auf ihren Stuhl zurück. Alle drehten sich zu ihr um und Mr Phillips sah sie so vernichtend an, dass sie zu weinen anfing. Gilbert Blythe aber beugte sich mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt über seine Geschichtslektion. Als die Aufregung sich gelegt hatte, sah er zu Anne hinüber und zwinkerte ihr schelmisch zu.
»Dein Gilbert Blythe sieht wirklich gut aus«, flüsterte Anne Diana zu, »aber ich finde es ziemlich frech von ihm, einem fremden Mädchen zuzuzwinkern.«
Der Morgen verlief ohne weitere Zwischenfälle. Erst am Nachmittag braute sich der große Sturm zusammen.
Mr Phillips erklärte gerade Prissy Andrews mit Inbrunst ein Algebraproblem, während seine Schüler mehr oder weniger das taten, was ihnen gerade einfiel: Sie aßen grüne Äpfel, flüsterten mit ihrem Nachbarn, malten Bilder auf ihre Schiefertafeln oder schossen sich kleine Papierbälle zu. Die ganze Zeit über versuchte Gilbert Blythe, Anne Shirleys Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – jedoch ohne Erfolg. Anne war weit weg. Das Kinn auf beide Hände gestützt, den starren Blick auf die Landschaft jenseits des Fensters gerichtet, reiste sie durch ein schillerndes Traumland. Von dem, was um sie herum vorging, sah und hörte sie nichts.
Gilbert Blythe war es nicht gewohnt, sich vergeblich um die Aufmerksamkeit eines Mädchens zu bemühen. Er wollte es ihr schon zeigen, diesem rothaarigen Geschöpf mit dem kleinen spitzen Kinn und den großen Augen, die so anders waren als die Augen all der anderen Mädchen in Avonlea.
Gilbert lehnte sich über den Gang zu Anne hinüber, nahm einen ihrer roten Zöpfe in die Hand, hob ihn hoch und rief: »He, Karotte! Karotte!«
Blinder Zorn stand in Annes Augen geschrieben, als sie sich zu Gilbert umwandte. Ihre schönen Traumbilder hatten ein jähes Ende gefunden. Blitzschnell sprang sie auf, griff nach ihrer Schiefertafel und schlug sie mit voller Wucht über Gilberts Kopf. Es knackte laut – Anne hatte so heftig zugeschlagen, dass die Tafel in zwei Teile zerbrach.
Ein Raunen ging durch den Klassenraum. So etwas hatte es in der Schule von Avonlea noch nie gegeben.
Mit großen Schritten kam Mr Phillips auf Anne zu und packte sie an der Schulter.
»Anne Shirley, was hat das zu bedeuten?«, fragte er zornig.
Anne gab keine Antwort. Sollte sie etwa noch vor der ganzen Klasse wiederholen, wie dieser Junge sie genannt hatte? Da meldete sich Gilbert zu Wort.
»Das war meine Schuld, Mr Phillips«, sagte er tapfer, »ich habe sie geärgert.«
Mr Phillips würdigte Gilbert jedoch keines Blickes.
»Es geht nicht an, dass eine meiner Schülerinnen sich so unbeherrscht und rachsüchtig zeigt«, sagte er in ernstem Ton, so als ob die bloße Tatsache, seine Schule zu besuchen, alle schlechten Eigenschaften automatisch verbannen würde. »An die Tafel mit dir, Anne. Und dort bleibst du den ganzen Nachmittag über stehen.«
Es wäre Anne lieber gewesen, wenn Mr Phillips sie geschlagen hätte. Das wäre für sie immer noch leichter zu ertragen gewesen, als dort vorne vor der ganzen Klasse stehen zu müssen. Doch sie gehorchte. Mit blassem Gesicht schritt sie zur Tafel. Mr Phillips nahm ein Stück Kreide und schrieb: »Ann Shirley ist jähzornig und ungezogen. Sie muss lernen, sich zu beherrschen.« Dann las er die beiden Sätze laut vor, sodass selbst die Erstklässler, die noch nicht lesen konnten, Bescheid wussten.
Unter dieser schriftlichen Anklage verbrachte Anne den Rest des Nachmittags. Sie war vollkommen stumm, weinte nicht und ließ auch nicht den Kopf hängen. Ihr Zorn war stärker als das Gefühl der Demütigung. Mit funkelnden Augen und geröteten Wangen stellte sie sich ihren Mitschülern, Dianas mitfühlenden Blicken genauso wie Charlie Sloanes entrüstetem Kopfschütteln oder Josie Pyes schadenfrohem Lächeln. Was Gilbert Blythe anging, so schaute sie ihn nicht ein einziges Mal an. Sie würde ihn niemals wieder anschauen!
Als der Unterricht endlich vorbei war, ging Anne mit hocherhobenem Kopf aus dem Klassenraum. Gilbert Blythe versuchte, sie im Vorraum abzufangen.
»Es tut mir schrecklich leid, dass ich mich über deine Haare lustig gemacht habe, Anne«, flüsterte er mit zerknirschtem Gesicht. »Ehrlich! Sei doch nicht mehr böse, Anne.«
Doch Anne würdigte ihn keines Blickes. Sie tat so, als hätte sie ihn weder gehört noch gesehen.
»Oh, wie konntest du nur, Anne?«, fragte Diana später in halb vorwurfsvollem, halb bewunderndem Tonfall, als sie zusammen die Landstraße hinuntergingen. Diana wusste, dass sie Gilberts flehentliche Bitte nicht hätte ausschlagen können.
»Ich werde Gilbert Blythe niemals verzeihen«, sagte Anne fest. »Und Mr Phillips hat meinen Namen ohne e geschrieben. Dieser Dolch hat mich mitten ins Herz getroffen, Diana.«
Diana war sich nicht ganz sicher, wie sie Annes letzten Satz deuten sollte, aber ihr war klar, dass es sich um etwas sehr Schlimmes handeln musste.
»Du solltest das nicht so ernst nehmen«, wollte Diana sie besänftigen. »Gilbert hänselt doch alle Mädchen. Zu mir sagt er immer ›schwarze Dohle‹. Aber ich habe ihn noch niemals vorher für irgendetwas um Entschuldigung bitten hören.«
»Das sind zwei völlig verschiedene Dinge, ob man zu jemandem ›schwarze Dohle‹ sagt oder ›Karotte‹!«, erwiderte Anne. »Gilbert Blythe hat mich bis ins Mark verletzt.«
Trotz dieser großen Worte hätte die ganze Geschichte ohne Weiteres im Sande verlaufen können, wenn nicht kurz darauf ein zweiter Zwischenfall die Gemüter weiter erhitzt hätte. Ein Sturm, der sich erst einmal so richtig zusammengebraut hat, entlädt sich dann auch meist mit voller Wucht.
Die Schulkinder von Avonlea verbrachten ihre Mittagspause gern unter Mr Bells Nussbäumen, die jenseits eines großen Feldes ein gutes Stück von der Schule entfernt standen. Von dort aus konnten sie das Wohnhaus des Lehrers jederzeit im Auge behalten. Erst wenn sie sahen, dass er am Ende der Pause sein Haus verließ, liefen sie zur Schule zurück. Nicht selten kam es vor, dass sie ein paar Minuten zu spät dort eintrafen und sich keuchend und prustend auf ihre Plätze schleichen mussten.
Am Tag nach Annes unerfreulichem Zusammenstoß mit Gilbert Blythe hatte Mr Phillips wieder einmal das dringende Bedürfnis verspürt, »andere Saiten aufzuziehen« und seine Schüler zur Vernunft zu bringen. Deshalb kündigte er lautstark an, dass es mit dem Herumtreiben in der Mittagspause nun vorbei sei und er jeden Schüler, der den Klassenraum nach der Pause zu spät beträte, hart bestrafen werde.
Natürlich gingen die Jungen und einige der Mädchen auch an diesem Tag zu den Nussbäumen hinüber. Sie hatten sich vorgenommen, früher als gewöhnlich wieder zur Schule zurückzulaufen. Doch die Nüsse schmeckten so gut, dass sie die Zeit vergaßen. Erst die laute Stimme von Jimmy Glover, der auf dem höchsten Baum hockte, schreckte sie auf: »Der Lehrer kommt!«
Anne, die nicht nach Nüssen gesucht, sondern sich in einer entfernten Ecke unter den Bäumen mit Blumen geschmückt und ihren Träumen nachgehangen hatte, war eine gute Läuferin. Mit voller Kraft lief sie los, überholte sogar noch einige der Jungen und betrat atemlos das Klassenzimmer, als Mr Phillips gerade seinen Hut an den Haken hängte.
Der erzieherische Elan des Lehrers war eigentlich schon längst verflogen, er wollte sich auch nicht der lästigen Mühe unterziehen, ein Dutzend Schüler bestrafen zu müssen. Doch sein Wort musste er halten, um nicht unglaubwürdig zu erscheinen. Er schaute sich nach einem Sündenbock um. Sein Blick fiel auf Anne, die – immer noch ganz erhitzt vom Laufen – mit roten Wangen und glänzenden Augen auf ihrem Platz saß.
»Anne Shirley, da du offensichtlich so erpicht bist auf die Gesellschaft der Jungen, wollen wir dich heute Nachmittag einmal so richtig verwöhnen«, sagte er bissig. »Nimm die Blumen aus dem Haar und setz dich neben Gilbert Blythe.«
Die anderen Schüler kicherten. Diana, die vor Mitgefühl ganz blass geworden war, zupfte die Blumen aus Annes Haar und drückte fest die Hand ihrer Freundin. Fassungslos starrte Anne ihren Lehrer an.
»Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe, Anne?«, fuhr Mr Phillips sie an.
»Doch, Sir«, antwortete Anne zögernd. »Aber ich habe nicht gedacht, dass Sie es ernst meinen.«
»Wenn ich etwas sage, dann meine ich es auch!«, donnerte er.
Einen Moment lang sah es so aus, als wollte Anne seinem Befehl trotzen, doch dann erkannte sie, dass es keinen Ausweg für sie gab. Erhobenen Hauptes stand sie auf, ging zu Gilbert Blythe hinüber und setzte sich. Dann beugte sie sich weit nach vorn und vergrub ihr Gesicht in beiden Armen.
Für Anne war der Weltuntergang in sichtbare Nähe gerückt. Es war ja schon schlimm genug, aus einem Dutzend Schuldiger als Einzige eine Strafe zu bekommen – aber dass sie sich ausgerechnet auch noch neben Gilbert Blythe setzen musste, das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen! Anne war zutiefst aufgewühlt vor Scham, Zorn und gedemütigtem Stolz.
Die anderen Schüler kicherten noch eine Weile über die neue Sitzordnung in der Klasse, doch als Anne ihren Kopf überhaupt nicht mehr hob und Gilbert sich mit glühenden Wangen in seine Rechenaufgaben vertiefte, wandten sie sich bald wieder ihren eigenen Aufgaben zu und überließen Anne ihrem Schicksal. Eine Stunde später rief Mr Phillips seine älteren Schüler zum Geschichtsunterricht auf. Anne hätte eigentlich aufstehen müssen, aber sie rührte sich nicht von der Stelle. Doch Mr Phillips, der gerade einige Verse »Für Priscilla« gedichtet hatte und noch über einen schwierigen Reim nachdachte, bemerkte das gar nicht. In einem unbeobachteten Moment nahm Gilbert eine kleine rosa Karte mit der Goldaufschrift »Du bist süß« aus seiner Tasche und schob sie unter Annes Arm. Anne fasste mit spitzen Fingern nach der Karte, ließ sie auf den Boden fallen und zertrat sie mit dem Absatz. Ohne Gilbert auch nur anzuschauen, nahm sie wieder ihre frühere Haltung ein.
Als der Unterricht vorbei war, ging Anne zu ihrer Bank hinüber, holte alle ihre Bücher, Hefte und Schreibutensilien heraus und nahm sie in einem dicken Stapel unter den Arm.
»Ich gehe nicht mehr zur Schule«, erklärte sie Diana auf dem gemeinsamen Heimweg.
Überrascht schaute Diana ihre Freundin an. Ob das wohl ihr Ernst war?
»Meinst du, Marilla wird dir das erlauben?«, fragte sie.
»Sie muss«, antwortete Anne. »Solange dieser Lehrer da ist, werde ich keinen Fuß mehr in die Schule setzen!«
»Ach, Anne!« Diana machte ein Gesicht, als würden ihr jeden Moment die Tränen kommen. »Ich finde, du bist gemein. Was soll ich denn machen ohne dich? Mr Phillips wird mich neben diese schreckliche Josie Pye setzen – das weiß ich ganz genau, sie sitzt nämlich als Einzige alleine. Bitte, komm morgen wieder mit mir zur Schule, Anne!«
»Ich würde fast alles in der Welt für dich tun, Diana«, sagte Anne traurig. »Ich würde mich vierteilen und steinigen lassen, nur um dir zu helfen. Aber zur Schule kann ich nicht mehr gehen. Hör auf, mich darum zu bitten. Es zerreißt mir das Herz.«
Diana ließ jedoch nicht locker. »Denk doch nur an all den Spaß, den du vermissen wirst! Wir bauen uns unten am Bach ein wunderschönes neues Haus und nächste Woche spielen wir Brennball, bestimmt hast du noch nie in deinem Leben Ball gespielt. Es ist fürchterlich aufregend. Und Alice Andrews bringt nächste Woche ein neues Buch mit, das wir unten am Bach Kapitel für Kapitel laut lesen wollen. Du liest doch so gerne vor, Anne.«
Nichts konnte Anne erweichen. Sie hatte einen festen Entschluss getroffen: Nie mehr würde sie zu Mr Phillips in die Schule gehen!
Das erzählte sie auch gleich Marilla, als sie wenig später nach Hause kam.
»Unsinn!«, sagte Marilla.
»Das ist überhaupt kein Unsinn«, erwiderte Anne und schaute Marilla mit ernsten, vorwurfsvollen Augen an. »Verstehst du denn nicht, Marilla? Man hat mich beleidigt!«
»Beleidigt! Was soll der Unfug? Du gehst morgen wie immer zur Schule.«
»Nein, das tue ich nicht.« Anne schüttelte ruhig den Kopf. »Ich gehe nicht mehr zur Schule, Marilla. Ich werde zu Hause lernen und mir dabei so viel Mühe geben wie irgend möglich. In die Schule gehe ich aber nicht mehr zurück, das steht fest!«
Marilla war der entschlossene Ausdruck in Annes Blick nicht entgangen. Es würde schwer sein, sie wieder umzustimmen. Klugerweise schwieg sie deshalb und zog es vor, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen.
Ich werde nachher zu Rachel hinübergehen und sie um Rat fragen, dachte sie. Sie hat zehn Kinder großgezogen und kann mir sicherlich helfen, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Wahrscheinlich kennt sie die ganze Geschichte sowieso schon.
Als Marilla in Mrs Lyndes Küche trat, fand sie die alte Dame wie immer gut gelaunt auf ihrem Fensterposten.
»Du kannst dir sicherlich schon denken, weshalb ich komme«, eröffnete Marilla etwas verlegen das Gespräch.
Mrs Rachel nickte. »Wegen Annes Ärger in der Schule wahrscheinlich«, sagte sie. »Tillie Boulter hat auf ihrem Heimweg von der Schule bei mir vorbeigeschaut und mir die ganze Sache erzählt.«
»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, gab Marilla zu. »Sie ist fest entschlossen, nicht mehr zur Schule zu gehen. Eigentlich habe ich schon seit dem ersten Schultag mit Problemen gerechnet – es lief alles einfach zu gut. Was soll ich nun tun, Rachel?«
»Nun, da du mich um Rat fragst, Marilla«, sagte Mrs Lynde mit ihrer liebenswürdigsten Stimme – Mrs Lynde liebte es nun einmal, von anderen um Rat gefragt zu werden –, »ich würde zunächst einmal überhaupt nichts tun – jawohl! Meiner Meinung nach war Mr Phillips im Unrecht, aber das können wir natürlich schlecht zu den Kindern sagen. Ich halte sowieso nichts davon, die Mädchen zur Strafe neben den Jungen sitzen zu lassen. Tillie Boulter war richtig empört. Sie hat sofort Annes Partei ergriffen und meinte, alle anderen Schüler hätten auch auf ihrer Seite gestanden. Anne scheint bei ihnen recht beliebt zu sein. Ich hätte nie gedacht, dass sie so gut mit ihnen auskommt.«
»Du meinst also wirklich, ich sollte ihr einfach ihren Willen lassen und sie zu Hause behalten?«, fragte Marilla verwundert.
»Ja. Das Wort ›Schule‹ würde ich ihr gegenüber gar nicht mehr erwähnen. Verlass dich drauf, Marilla, in ein oder zwei Wochen wird sie sich beruhigt haben und von selbst auf die Idee kommen, wieder zur Schule zu gehen. Wenn du sie aber jetzt dazu zwingst, könnte der Ärger nur noch schlimmer werden. Je weniger Aufhebens um die ganze Sache gemacht wird, desto besser. Was den Unterricht angeht, so wird sie sowieso nicht allzu viel verpassen. Mr Phillips ist der schlechteste Lehrer, den wir je hatten. Er kann keine Ordnung halten. Außerdem vernachlässigt er die Kleinen und widmet fast seine ganze Zeit den großen Schülern, die er auf die Aufnahmeprüfung am Queen’s College vorbereitet. Er hätte die Stelle gar nicht erst bekommen, wenn sein Onkel nicht so einen großen Einfluss bei der Schulbehörde hätte. Ehrlich – ich frage mich, wie das mit der Schulbildung hier auf der Insel noch enden soll.«
Mrs Rachel schüttelte den Kopf, als wollte sie zum Ausdruck bringen, dass die Dinge sehr viel besser laufen würden, wenn sie in der Schulbehörde das Sagen hätte.
Marilla befolgte den Rat ihrer Nachbarin und erwähnte die ganze Geschichte gegenüber Anne mit keinem Wort. Anne lernte aus ihren Büchern, erledigte ihre Aufgaben im Haus und ging mit Diana spielen. Wenn sie Gilbert zufällig auf der Straße traf oder ihm in der Sonntagsschule begegnete, strafte sie ihn mit eisiger Verachtung. Sein offensichtliches Bemühen, sich wieder mit ihr zu versöhnen, blieb ohne jeden Erfolg. Auch Dianas Versuche, als Friedensstifterin aufzutreten, waren zum Scheitern verurteilt. Anne war fest entschlossen, Gilbert Blythe bis an ihr Lebensende leidenschaftlich zu hassen.
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