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Louise Penny

Hinter den drei Kiefern

Ein Fall für Gamache

Roman

Aus dem kanadischen Englisch von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck

Kampa

Für Lise Desrosiers, die ich in meinem Garten gefunden habe und die nun in meinem Herzen lebt.

1

»Nennen Sie uns bitte Ihren Namen.«

»Armand Gamache.«

»Und Sie sind der Leiter der Sûreté du Québec?«

»Der Chief Superintendent, ja.«

Gamache saß aufrecht auf dem Holzstuhl. Es war heiß an diesem Vormittag im Juli. Drückend. Er schmeckte den Schweiß auf seiner Oberlippe, dabei war es erst zehn Uhr. Es fing erst an.

Er konnte sich schönere Orte als den Zeugenstand vorstellen. Und auch schönere Beschäftigungen, als Zeuge zu sein. Gegen einen anderen Menschen auszusagen. Nur wenige Male in seiner Laufbahn hatte er Befriedigung dabei empfunden, sogar Freude, aber dieses Mal gehörte nicht dazu.

Armand Gamache saß auf dem unbequemen Stuhl, unter Eid, und gestand sich ein, dass er zwar an das Gesetz glaubte, in dessen Dienst er sein ganzes Leben gearbeitet hatte, mehr noch aber seinem Gewissen verpflichtet war.

Und das erwies sich als ziemlich unerbittlicher Richter.

»Soweit ich weiß, haben Sie auch die Festnahme vorgenommen.«

»Das stimmt.«

»Ist es nicht ungewöhnlich, dass der Chief Superintendent selbst eine Festnahme vornimmt?«

»Ich bekleide diesen Posten erst seit kurzem, wie Sie wissen. Daher ist für mich alles noch ungewöhnlich. Aber in diesem besonderen Fall konnte ich praktisch nicht anders.«

Der Staatsanwalt lächelte. Da er mit dem Rücken zu den Zuschauern und den Geschworenen stand, sah das sonst niemand. Außer vielleicht die Richterin, der nur wenig entging.

Und was Judge Corriveau sah, war kein besonders freundliches Lächeln. Eher ein höhnisches Grinsen. Es überraschte sie, weil der Staatsanwalt und der Chief Superintendent doch eigentlich auf derselben Seite standen.

Wobei ihr klar war, dass die beiden sich deswegen noch lange nicht mögen oder schätzen mussten. Auch sie hatte Kollegen, die sie nicht besonders schätzte, allerdings glaubte sie nicht, dass sie sie jemals mit einem solchen Ausdruck angesehen hatte.

Während sie versuchte, aus den beiden schlau zu werden, wurde sie von Gamache taxiert. Er versuchte ebenso, aus ihr schlau zu werden.

Welcher Richter einem Fall zugeteilt wurde, war entscheidend. Es konnte Einfluss auf das Urteil haben. Und es hatte noch nie so viel Bedeutung gehabt wie in diesem Fall. Nicht nur die Auslegung des Gesetzes hing davon ab, sondern auch die Atmosphäre im Gerichtssaal. Wie streng würde es zugehen? Wie viel Spielraum gäbe es?

War der Richter aufmerksam? Schon halb im Ruhestand? Fieberte er dem Feierabendbier entgegen? Oder hatte er es sich schon morgens gegönnt?

Diese Richterin gewiss nicht.

Maureen Corriveau war neu auf dem Richterstuhl. Es war ihr erster Mordprozess, wie Gamache wusste. Sie tat ihm leid. Sie hatte keine Ahnung, welches Pech sie mit diesem Fall hatte. Dass sie hier wenig Erfreuliches erwartete.

Sie war mittleren Alters, und ihr Haar wurde langsam grau, ohne dass sie etwas dagegen unternahm. Vielleicht ein Zeichen von Autorität oder Reife. Oder weil sie niemanden mehr beeindrucken musste. Sie war eine hervorragende Prozessanwältin und Partnerin in einer Kanzlei in Montréal gewesen. Sie war blond gewesen. Dann kam der Aufstieg. In Großbritannien würde man sagen, sie sei Kronanwältin geworden. Ein wenig musste sie sich wie ein Fallschirmspringer beim Absprung aus einem Flugzeug fühlen.

Die Richterin drehte sich wieder zu ihm. Sie hatte einen durchdringenden Blick. Klug. Aber Gamache fragte sich, wie viel sie tatsächlich sah. Und wie viel ihr entging.

Sie wirkte gelassen. Aber das hieß nichts. Er wirkte wahrscheinlich auch gelassen.

Er sah sich im vollbesetzten Gerichtssaal des Palais de Justice in Vieux-Montréal um. Die meisten, die man hier hätte erwarten können, waren zu Hause geblieben. Einige, wie Myrna, Clara und Reine-Marie, würden in den Zeugenstand gerufen werden und wollten erst kommen, wenn sie mussten. Andere Dorfbewohner – Olivier, Gabri, Ruth – hatten einfach keine Lust, Three Pines zu verlassen, nur um die Fahrt in die stickige Großstadt auf sich zu nehmen und die Tragödie erneut zu durchleben.

Dafür war Jean-Guy Beauvoir hier, Gamaches Stellvertreter, ebenso Chief Inspector Isabelle Lacoste, Leiterin der Mordkommission.

Früh genug würden sie in den Zeugenstand gerufen werden. Vielleicht würde es aber auch nicht dazu kommen.

Er wandte seinen Blick wieder zum Chief Crown Prosecutor, Generalstaatsanwalt Barry Zalmanowitz. Dabei streifte er den von Judge Corriveau. Zu seinem Verdruss neigte sie leicht den Kopf. Und ihre Augen wurden ein kleines bisschen schmaler.

Was hatte sie in seinen Augen gesehen? Hatte die frischgebackene Richterin mitbekommen, was er zu verbergen versuchte? Unbedingt zu verbergen versuchte?

Wenn sie es sah, dann würde sie es bestimmt missverstehen. Sie würde glauben, dass er Zweifel an der Richtigkeit der Anklage hatte.

Die bezweifelte Armand Gamache jedoch keineswegs. Er wusste genau, wer den Mord begangen hatte. Er machte sich nur ein wenig Sorgen, dass etwas schiefgehen könnte. Und ein überaus hinterhältiger Mörder entkäme.

Er sah zu, wie der Staatsanwalt bedächtig zu seinem Tisch ging, seine Brille aufsetzte und sorgfältig, geradezu effekthascherisch, ein Blatt Papier studierte.

Das Blatt war vermutlich leer, dachte Gamache. Oder es war eine Einkaufsliste. Ziemlich sicher war es ein Kniff, eine Finte. Ein Zaubertrick.

Gerichtsverfahren waren, genau wie katholische Messen, das reinste Theater. Er meinte den Weihrauch zu riechen und das Glockengebimmel zu hören.

Die Geschworenen, die von der Hitze noch nicht ganz betäubt waren, folgten jeder Bewegung des gewieften Staatsanwalts. Wie von ihm bezweckt. Aber er spielte nicht die Hauptfigur in diesem Drama. Diese Rolle hatte jemand inne, der nicht auf der Bühne stand und höchstwahrscheinlich niemals ein Wort sagen würde.

Der Staatsanwalt nahm seine Brille wieder ab, und Gamache hörte das leise Rascheln der Seidenrobe der Richterin, die ihre Ungeduld kaum noch verbarg. Die Geschworenen mochten beeindruckt sein, die Richterin war es nicht. Und die Geschworenen würden es auch nicht mehr lange sein. Dafür waren sie zu klug.

»Soweit ich weiß, gibt es ein Geständnis«, sagte der Staatsanwalt und bedachte den Leiter der Sûreté mit einem professoralen Blick, den er sich bei Gamache hätte sparen können.

»Es gab ein Geständnis, ja.«

»Geschah das im Lauf der Vernehmung, Chief Superintendent?«

Gamache bemerkte, dass der Staatsanwalt erneut seinen Rang genannt hatte, als könnte jemand in dieser Position eigentlich keinen Fehler machen.

»Nein. Das war bei mir zu Hause, und das Geständnis wurde freiwillig abgelegt.«

»Einspruch.« Der Verteidiger sprang auf, ein wenig spät, dachte Gamache. »Das ist irrelevant. Es gab kein Mordgeständnis.«

»Das stimmt. Das Geständnis, von dem ich spreche, betraf nicht den Mord«, sagte der Staatsanwalt. »Aber es führte direkt zu der Anklage, stimmt das, Chief Superintendent?«

Gamache sah zur Richterin. Wartete auf ihre Entscheidung über den Einspruch.

Sie zögerte.

»Abgelehnt«, sagte sie. »Sie dürfen antworten.«

»Der Besuch erfolgte freiwillig«, sagte Gamache. »Und ja, das Geständnis war zum damaligen Zeitpunkt von zentraler Bedeutung für unser weiteres Vorgehen, das zur Anklageerhebung führte.«

»Waren Sie von diesem Besuch überrascht?«

»Euer Ehren«, sagte der Verteidiger und sprang erneut auf. »Einspruch. Subjektiv und irrelevant. Warum soll es von Bedeutung sein, ob Monsieur Gamache überrascht war oder nicht?«

»Stattgegeben.« Die Richterin wandte sich an Gamache. »Antworten Sie nicht.«

Gamache hatte nicht vorgehabt, die Frage zu beantworten. Die Richterin hatte recht. Seine Antwort wäre subjektiv. Aber er hielt sie nicht für irrelevant.

War er überrascht gewesen?

Als er gesehen hatte, wer da auf der Veranda seines Hauses in dem kleinen Dorf in Québec stand, war er natürlich überrascht gewesen. Erst hatte er nicht genau sagen können, wer sich in dem schweren Mantel mit der über den Kopf gezogenen Kapuze verbarg. Mann, Frau? Jung, alt? Gamache meinte noch, die Hagelkörner zu hören, die gegen sein Haus prasselten, als sich der bitterkalte Novemberregen in Eisregen verwandelt hatte.

Wenn er jetzt, in der Julihitze, nur daran dachte, fröstelte ihn.

Ja. Er war überrascht gewesen. Er hatte nicht mit dem Besuch gerechnet.

Für das, was dann kam, war das Wort Überraschung zu schwach.

»Ich möchte nicht, dass mein erster Mordprozess vor einem Berufungsgericht endet«, sagte die Richterin so leise, dass nur Gamache sie hören konnte.

»Ich glaube, dafür ist es zu spät, Euer Ehren. Dieser Fall begann vor einem höheren Gericht und dort wird er auch enden.«

Die Richterin rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Ihr war unbehaglich. Etwas hatte sich geändert. Durch diesen seltsamen Austausch.

Worte konnte sie entschlüsseln, egal wie kryptisch sie waren. Es war Gamaches Blick, der sie irritierte. Sie fragte sich, ob er sich dieses Blicks bewusst war.

Auch wenn Judge Corriveau nicht sagen konnte, was es war, wusste sie, dass der Chief Superintendent der Sûreté nicht so schauen sollte. Während er sich im Zeugenstand befand. Bei einem Mordprozess.

Maureen Corriveau kannte Armand Gamache kaum. Nur vom Hörensagen. Allerdings waren sie sich im Lauf der Jahre oft auf den Fluren des Palais de Justice über den Weg gelaufen.

Sie hatte damit gerechnet, den Mann nicht zu mögen. Einer, der andere Menschen jagte. Ein Mann, der seinen Lebensunterhalt dem Tod verdankte. Nicht, dass er ihn provozierte, aber er profitierte davon.

Ohne Mord kein Gamache.

Sie erinnerte sich an eine zufällige Begegnung, als er noch die Mordkommission der Sûreté geleitet hatte und sie Strafverteidigerin gewesen war. Sie waren sich auf dem Flur begegnet, und sie hatte seinen Blick aufgefangen. Durchdringend, wachsam, nachdenklich. Und auch damals hatte noch etwas anderes darin gelegen.

Dann war er weitergegangen, den Kopf leicht gesenkt, seinem Begleiter zugewandt. Einem jüngeren Mann, von dem sie wusste, dass er sein Stellvertreter war. Der jetzt auch im Gerichtssaal war.

Ein zarter Duft nach Sandelholz und Rosen war zurückgeblieben. Kaum wahrnehmbar.

Maureen Corriveau war nach Hause gegangen und hatte ihrer Frau davon erzählt.

»Ich bin ihm gefolgt und habe mich ein paar Minuten in den Gerichtssaal gesetzt, um mir seine Zeugenaussage anzuhören.«

»Warum?«

»Reine Neugier. Ich habe noch nie mit ihm zu tun gehabt, aber ich dachte, falls es jemals dazu kommt, sollte ich vorbereitet sein. Außerdem musste ich ein bisschen Zeit rumbringen.«

»Und? Wie war er? Warte, lass mich raten.« Joan drückte den Finger gegen die Nasenspitze und sagte: »Yo, der Arsch hat dem Typen eins übern Schädel gezogen. Warum verschwenden wir ’n hier unsre Zeit mit ’nem Prozess, ihr Fettärsche. Macht ihn fertig!«

»Das ist ja unheimlich«, sagte Maureen. »Warst du etwa dabei? Ja, er hat sich in Edward G. Robinson verwandelt.«

Joan lachte. »Na ja, Jimmy Stewart und Gregory Peck haben es eben nie zum Leiter der Mordkommission geschafft.«

»Stimmt auch wieder. Er hat Schwester Prejean zitiert.«

Joan legte ihr Buch weg. »Während eines Prozesses?«

»Im Zeugenstand.«

Gamache war im Zeugenstand ruhig und entspannt, aber nicht unbeteiligt gewesen. Ein großer Mann in einem gut geschnittenen Anzug, elegant, wenn auch nicht auf den ersten Blick attraktiv. Er saß aufrecht und aufmerksam da. Respektvoll.

Seine fast vollständig ergrauten Haare waren frisch geschnitten. Sein Gesicht war glattrasiert. Selbst von der Empore aus konnte Maureen Corriveau die tiefe Narbe an seiner Schläfe sehen.

Und dann hatte er es gesagt.

»Niemand ist so schlecht wie das Schlechteste, das er je getan hat.«

»Warum zitiert er eine Nonne, die gegen die Todesstrafe kämpft?«, fragte Joan. »Und gerade diese Worte?«

»Ich glaube, es war eine vorsichtig vorgetragene Bitte um Milde.«

»Aha«, sagte Joan und dachte kurz nach. »Wobei das Gegenteil natürlich auch stimmt. Niemand ist so gut wie das Beste, das er je getan hat.«

Jetzt saß Judge Corriveau in ihrer Richterrobe zu Gericht und versuchte herauszufinden, was Chief Superintendent Gamache im Schilde führte.

So nah war sie ihm noch nie gekommen und auch noch nie so lange. Die tiefe Narbe an seiner Schläfe war noch da und würde es natürlich immer bleiben. Als hätte ihn seine Arbeit gebrandmarkt. Aus der Nähe konnte sie die Fältchen um seinen Mund sehen. Und um die Augen. Spuren des Lebens. Es waren Lachfalten. Sie hatte auch welche.

Ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Gelassen. Zufrieden mit dem, was er getan hatte und jetzt tun musste.

Aber was war das in seinen Augen?

Der Blick, den Maureen Corriveau vor langer Zeit auf dem Flur erhascht hatte, hatte sie so überrascht, dass sie Gamache gefolgt war und seiner Zeugenaussage zugehört hatte.

Es war Freundlichkeit gewesen.

Aber was sie heute sah, war etwas anderes. Es war Sorge. Ganz eindeutig, dachte sie. Er war besorgt.

Und das war sie jetzt auch, selbst wenn Judge Corriveau nicht hätte sagen können, warum.

Sie drehte sich weg, und beide wandten ihre Aufmerksamkeit dem Staatsanwalt zu. Er spielte mit einem Stift, und gerade als er sich gegen seinen Tisch lehnen wollte, warf ihm die Richterin einen so strengen Blick zu, dass er sich augenblicklich wieder aufrichtete. Und den Stift ablegte.

»Dann will ich die Frage anders formulieren«, sagte er. »Wann hatten Sie den ersten Verdacht?«

»Wie die meisten Morde«, sagte Gamache, »nahm auch dieser seinen Anfang lange vor der eigentlichen Tat.«

»Dann wussten Sie also noch vor dem Tod des Opfers, dass ein Mord geschehen würde?«

»Nein. Das nicht.«

Nein?, fragte sich Gamache. Wie er es sich seit dem Fund der Leiche jeden Tag fragte. Vor allem aber fragte er sich, wie er es nicht hatte voraussehen können.

»Ich will Sie noch mal fragen, Chief Superintendent, wann wussten Sie es?«

In Zalmanowitz’ Stimme schwang jetzt eine gewisse Ungeduld mit.

»Ich wusste, dass etwas nicht stimmt, als die Gestalt in der schwarzen Robe im Dorf erschien.«

Unruhe entstand im Gerichtssaal. Die auf die Seite verbannten Reporter beugten sich über ihre Laptops. Er konnte das Tippen durch den ganzen Saal hören. Ein moderner Morsecode, der Eilmeldungen verbreitete.

»Mit ›Dorf‹ meinen Sie Three Pines«, sagte der Staatsanwalt und sah zu den Reportern, als wäre es bemerkenswert, dass der Staatsanwalt den Namen des Dorfes, in dem Gamache lebte und das Opfer gestorben war, kannte. »Südlich von Montréal an der Grenze zu Vermont, ist das korrekt?«

»Ja.«

»Soweit ich weiß, ist es recht klein.«

»Ja.«

»Hübsch? Sogar friedlich?«

Zalmanowitz schaffte es, »hübsch« wie langweilig klingen zu lassen und »friedlich« wie fade. Aber Three Pines war keins von beidem.

Gamache nickte. »Ja. Es ist sehr hübsch.«

»Und abgelegen.«

Aus dem Mund des Staatsanwalts hörte sich »abgelegen« wie abseitig an, als wäre die zunehmende Entfernung von der Stadt gleichbedeutend mit Zivilisationsferne. Was stimmen konnte, dachte Gamache. Aber er wusste, was die sogenannte Zivilisation mit sich brachte, und auch, dass in den Städten genauso viele Raubtiere lebten wie in den Wäldern.

»Weniger abgelegen als versteckt«, erklärte Gamache. »Die meisten Leute stolpern über Three Pines, weil sie sich verirrt haben. Durchgangsverkehr gibt es dort eigentlich nicht.«

»Es liegt also im Niemandsland?«

Beinahe hätte Gamache gelächelt. Die Bemerkung war vielleicht beleidigend gemeint, aber sie traf tatsächlich zu.

Reine-Marie und er hatten beschlossen, nach Three Pines zu ziehen, weil es so hübsch und versteckt war. Es war ein Refugium, Zufluchtsort vor den Sorgen und Grausamkeiten der Welt, mit denen er täglich zu tun hatte. Der Welt jenseits des Waldes.

Sie hatten dort ein Zuhause gefunden. Sich niedergelassen. Zwischen den Kiefern und Blumenbeeten, den Dorfläden und Dorfbewohnern. Die erst zu Freunden geworden waren und dann zu einer Familie.

Sodass es sich nicht nur wie etwas sehr Sonderbares anfühlte, als das schwarze Ding auf dem hübschen friedlichen Dorfanger auftauchte und die spielenden Kinder vertrieb. Nicht nur wie ein Eindringling. Es war ein Übergriff.

Gamache erinnerte sich, dass er dieses Unbehagen schon am Abend zuvor gespürt hatte. Als die Gestalt in der schwarzen Robe das erste Mal auf der alljährlichen Halloween-Party im Bistro erschienen war.

Aber seine Alarmglocken schrillten erst, als er am nächsten Morgen zum Fenster hinausgesehen hatte und sie immer noch da gewesen war. Auf dem Dorfanger. Sie starrte zum Bistro.

Starrte einfach vor sich hin.

Jetzt, Monate später, sah Armand Gamache den Staatsanwalt an. In seiner schwarzen Robe. Dann zum Tisch der Verteidigung. Die Verteidiger in ihren schwarzen Roben. Und zur Richterin, neben ihm, ein wenig erhöht, in ihrer schwarzen Robe.

Sie starrten. Auf ihn.

Offenbar, dachte Gamache, entkam man den Gestalten in schwarzen Roben nicht.

»Eigentlich«, ergänzte er, »begann es am Abend zuvor. Auf der Halloween-Party.«

»Waren da alle verkleidet?«

»Nicht alle. Es herrschte kein Kostümzwang.«

»Und Sie?«, fragte der Staatsanwalt.

Gamache funkelte ihn an. Es war keine sachdienliche Frage. Aber sie zielte darauf ab, ihn bloßzustellen.

»Wir hatten beschlossen, jeweils als der andere hinzugehen.«

»Sie und Ihre Frau? Sie haben sich als Frau verkleidet, Chief Superintendent?«

»Nicht ganz. Wir zogen Namen aus einem Hut. Ich zog den von Gabri Dubeau, der zusammen mit seinem Partner Olivier die Pension im Dorf betreibt.«

Mit Oliviers Hilfe hatte er sich Gabris dorfbekannte rosa Plüschschlappen und einen Kimono ausgeliehen. Es war ein einfaches und überaus bequemes Kostüm.

Reine-Marie war als ihre Nachbarin Clara Morrow gegangen. Clara war eine sehr erfolgreiche Porträtmalerin, wobei sie vor allem sich selbst zu malen schien.

Reine-Marie hatte ihre Haare toupiert, bis sie nach allen Seiten abstanden, und hatte Kekse und ein Erdnussbutter-Sandwich darin befestigt. Dann hatte sie sich überall mit Farbe bekleckert.

Clara wiederum war als ihre beste Freundin Myrna Landers gegangen. Sie waren alle etwas besorgt, dass sie sich Schuhcreme ins Gesicht schmieren würde, auch wenn Myrna gesagt hatte, dass sie nicht beleidigt wäre, solange Clara sich am ganzen Körper damit einschmieren würde.

Ausnahmsweise hatte Clara sich nicht bemalt. Stattdessen hatte sie einen Kaftan getragen, den sie aus den Schutzumschlägen alter Bücher gebastelt hatte.

Myrna war, bis sie in den Ruhestand ging, Psychologin in Montréal gewesen und betrieb jetzt den Buchladen neben dem Bistro. Clara hatte die Theorie, dass die Dorfbewohner sich mühselig irgendwelche Probleme aus den Fingern sogen, nur um eine Weile bei Myrna sitzen zu können.

»Aus den Fingern saugen?«, hatte Ruth, die alte Dichterin, gesagt und Clara angeblitzt. »Du watest doch knietief in Problemen. Da bleibt für die anderen kein einziges übrig.«

»Stimmt gar nicht«, sagte Clara.

»Ach nein? Bald ist deine große Einzelausstellung, und bisher hast du nur Schrott produziert. Wenn das kein Problem ist, dann weiß ich auch nicht.«

»Es ist kein Schrott.« Wobei keiner ihrer Freunde Clara zur Seite sprang.

Gabri war als Ruth auf die Halloween-Party gegangen. Er hatte eine graue Perücke aufgesetzt und sich so geschminkt, dass er wie Nosferatu aussah. Dann hatte er einen abgewetzten, mottenzerfressenen Pulli angezogen und sich eine ausgestopfte Ente unter den Arm geklemmt.

Den ganzen Abend hatte er Scotch geschlürft und Gedichtzeilen vor sich hingebrabbelt.

»Die Türen weit offen steht das Cottage

Verlassen auf der Höh –

Kein Bellen, kein Hufschlag zum Gruß

Nicht einmal eine Bö.«

»Das ist nicht von mir, du Rindvieh«, sagte Ruth. Sie trug einen abgewetzten, mottenzerfressenen Pulli und hielt eine echte Ente im Arm.

»Des Grases kleine Halme seh ich«, sagte Gabri. »Das Grün wippt frei und freut sich.«

»Hör auf«, sagte Ruth und hielt sich die Ohren zu. »Das ist Mord an meiner Muse.«

»Und ich frage mich, ob sie in fernen Zeiten«, fuhr Gabri unbeirrt fort, »werden sein große, dicke Zwiebeln.«

Das letzte Wort sprach er wie »Zwib-eln« aus.

Selbst Ruth musste lachen, während in ihren Armen Rosa, die Ente, »Fuck, fuck, fuck« quakte.

»Ich hab den ganzen Tag daran gearbeitet«, sagte Gabri. »So schwer ist diese Dichterei gar nicht.«

»Das war also am einunddreißigsten Oktober des letzten Jahres«, sagte der Staatsanwalt.

»Nein. Es war der erste November. Am eigentlichen Halloween-Abend sind wir alle zu Hause geblieben, damit wir den Kindern, die an unsere Türen klopften, Süßigkeiten geben konnten. Die Party findet immer am nächsten Abend statt.«

»Am ersten November. Wer war außer den Dorfbewohnern anwesend?«, fragte der Staatsanwalt.

»Matheo Bissonette und seine Frau Lea Roux.«

»Madame Roux, die Politikerin«, sagte der Staatsanwalt. »Soweit ich weiß, wartet eine große Parteikarriere auf sie.«

Hinter sich hörte er wieder Tippen auf den Laptops. Sirenengesang. Beweis, dass er es in die Nachrichten schaffen würde.

»Ja«, sagte Gamache.

»Freunde von Ihnen? Haben Sie bei Ihnen übernachtet?«

Natürlich kannte der Staatsanwalt die Antworten auf diese Fragen. Er stellte sie für die Richterin und die Geschworenen. Und die Reporter.

»Nein. So gut kannte ich die beiden nicht. Sie waren zusammen mit ihren Freunden Katie und Patrick Evans da.«

»Ah ja. Das Ehepaar Evans.« Der Staatsanwalt sah zur Verteidigung und dann wieder zu Gamache. »Der Bauunternehmer und seine Frau, die Architektin. Sie bauen Glashäuser, nicht wahr? Sind das auch Freunde von Ihnen?«

»Ja, sie sind auch Bekannte«, korrigierte Gamache ihn mit fester Stimme. Ihm gefiel der Unterton nicht.

»Natürlich«, sagte Zalmanowitz. »Und warum waren sie im Dorf?«

»Sie kommen jedes Jahr. Die vier sind seit Studienzeiten miteinander befreundet. Sie haben zur selben Zeit die Université de Montréal besucht.«

»Sie sind jetzt alle Anfang dreißig?«

»Ja.«

»Seit wann kommen sie nach Three Pines?«

»Seit vier Jahren. Immer dieselbe Woche im Spätsommer.«

»Nur nicht letztes Jahr, da kamen sie Ende Oktober.«

»Ja.«

»Seltsame Zeit für einen Besuch. Das Herbstlaub ist schon gefallen, und zum Skifahren ist es noch zu früh. Ziemlich trist, oder?«

»Vielleicht sind die Zimmer in der Pension dann günstiger«, sagte Gamache mit einem beflissenen Gesichtsausdruck. »Es ist sehr nett dort.«

Als er an diesem Morgen von Three Pines Richtung Montréal aufgebrochen war, kam Gabri angelaufen, eine braune Papiertüte und einen Becher Kaffee in der Hand.

»Wenn du über die Pension sprechen musst, könntest du dann ›die schöne Pension‹ sagen? Reizend ginge auch.«

Er hatte hinter sich gedeutet. Es wäre keine Lüge. Das ehemalige Gasthaus auf der anderen Seite des Dorfangers mit der breiten Veranda und den Giebeln war reizend. Besonders im Sommer. Wie die anderen Häuser im Dorf hatte es einen üppig blühenden Vorgarten. Rosen und Lavendel und Fingerhut und duftender Phlox.

»Sag bloß nicht atemberaubend«, riet ihm Gabri. »Das klingt aufgesetzt.«

»Und das wollen wir ja nicht«, sagte Gamache. »Du weißt, dass das ein Mordprozess ist.«

»Ja«, sagte Gabri mit ernster Miene und reichte ihm Kaffee und Croissants.

Und jetzt saß Gamache im Gerichtssaal und hörte dem Staatsanwalt zu.

»Wie kamen die Freunde überhaupt auf Three Pines?«, fragte Monsieur Zalmanowitz. »Hatten sie sich verirrt?«

»Nein. Lea Roux und Dr. Landers kennen sich von früher her. Myrna Landers war ihre Babysitterin. Lea und Matheo hatten Myrna ein paarmal besucht und Gefallen an dem Dorf gefunden. Sie hatten ihren Freunden davon erzählt, und irgendwann veranstalteten sie dort ihre Jahrestreffen.«

»Verstehe. Dann haben das also Lea Roux und ihr Mann angezettelt.« Er ließ es wie etwas Verdächtiges klingen. »Unterstützt durch Madame Landers.«

»Dr. Landers, und von ›anzetteln‹ kann keine Rede sein. Es waren völlig normale Zusammenkünfte.«

»Ach ja? Sie nennen das, was geschehen ist, normal?«

»Bis zum letzten November, ja.«

Der Staatsanwalt nickte in einer Weise, die überlegen wirken sollte, so als würde er sich von Chief Superintendent Gamache nicht an der Nase herumführen lassen.

Es war lächerlich, dachte Judge Corriveau. Aber die Geschworenen waren wie gebannt.

Und dann fragte sie sich erneut, warum der Staatsanwalt seinen eigenen Zeugen in ein schlechtes Licht rückte. Den Leiter der Sûreté, Himmel noch mal.

Die Temperaturen stiegen, drinnen wie draußen. Sie sah zu den alten Klimaanlagen, die in die Fenster eingebaut waren. Natürlich abgeschaltet. Zu laut. Der Krach würde nur ablenken.

Aber die Hitze lenkte inzwischen auch ab. Und dabei war es noch nicht einmal Mittag.

»Wann wurde Ihnen klar, Chief Superintendent, dass es nicht normal war?«, fragte Zalmanowitz.

Erneut hob der Staatsanwalt Gamaches Rang hervor, aber jetzt deutete sein Ton darauf hin, dass er ihm eine gewisse Inkompetenz unterstellte.

»Das war während der Halloween-Party im Bistro«, sagte Gamache, der sich nicht provozieren ließ. »Einige der Gäste trugen Masken, wobei die meisten zu erkennen waren, besonders, wenn sie etwas sagten. Aber einer nicht. Einer der Gäste trug eine bodenlange schwarze Robe und eine schwarze Maske. Handschuhe, Stiefel. Über den Kopf hatte er eine Kapuze gezogen.«

»Hört sich nach Darth Vader an«, sagte der Staatsanwalt, und aus den Zuschauerreihen war Kichern zu hören.

»Zuerst dachten wir das auch. Aber es war kein Star-Wars-Kostüm.«

»Was sollte das Kostüm dann darstellen?«

»Reine-Marie«, Gamache wandte sich erklärend an die Geschworenen, »meine Frau«, alle nickten, »überlegte, ob er den Vater aus dem Film Amadeus darstellen wollte. Aber der trug einen Dreispitz. Während unser Gast diese Kapuze aufhatte. Myrna dachte, es könnte ein Jesuit sein, nur trug er kein Kreuz.«

Und dann war da sein seltsames Verhalten. Während die Leute um ihn herum feierten, stand dieser Gast völlig still da.

Die anderen gaben es bald auf, ihn anzusprechen. Ihn über sein Kostüm auszufragen, um herauszufinden, was es darstellen sollte. Es dauerte nicht lange, und keiner kümmerte sich mehr um ihn. Und um die Gestalt öffnete sich ein Raum. So als würde sie in ihrer eigenen Welt leben. Ihrem eigenen Universum. In dem es keine Halloween-Party gab. Keine Feiernden. Kein Lachen. Keine Freundschaft.

»Was glaubten Sie denn, was die Gestalt darstellen sollte?«

»Ich glaubte, dass er der Tod war«, sagte Armand Gamache.

Im Gerichtssaal herrschte auf einmal Stille.

»Und was haben Sie gemacht?«

»Nichts.«

»Tatsächlich? Der Tod kommt zu Besuch, und der Leiter der Sûreté und ehemalige Chief Inspector der Mordkommission tut nichts?«

»Er war ein verkleideter Mensch«, sagte Gamache geduldig.

»Das mögen Sie sich an diesem Abend gesagt haben«, sagte der Staatsanwalt. »Wann wurde Ihnen klar, dass er tatsächlich der Tod war? Lassen Sie mich raten. Als Sie vor der Leiche standen?«

2

Nein. Die Gestalt auf der Halloween-Party war verstörend, aber erst am nächsten Morgen, als er aus dem Schlafzimmerfenster in den feuchten Novembertag hinaussah, begann Gamache zu denken, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

»Ist da etwas, Armand?«, fragte Reine-Marie, die aus der Dusche kam und zu ihm trat.

Ihre Augenbrauen senkten sich, als sie aus dem Fenster sah. »Was tut er da?«, fragte sie leise.

Alle anderen waren nach Hause, ins Bett gegangen, nur die Gestalt in dem dunklen Umhang nicht. Sie war zurückgeblieben. Dort geblieben. Und war immer noch dort. Stand auf dem Dorfanger in ihrem Wollumhang. Und der Kapuze. Starrte geradeaus.

Gamache konnte es aus dem Winkel nicht sehen, aber er vermutete, dass die Gestalt auch immer noch die Maske trug.

»Ich weiß es nicht«, sagte Armand.

Es war Samstagmorgen, und er trug bequeme Sachen. Cordhose und Hemd und einen dicken Herbstpullover. Es war Anfang November, und das Wetter ließ sie es nicht vergessen.

Nach dem strahlenden Oktober mit seinen bunten Blättern war der Morgen, wie so oft im November, grau und trüb heraufgedämmert.

November war der Übergangsmonat. Eine Art Purgatorium. Es war der feuchte, kalte Atem zwischen Sterben und Tod. Zwischen Herbst und Winterstarre.

Keiner mochte den November.

Gamache zog seine Gummistiefel an und ging hinaus, Henri, den deutschen Schäferhund, und die kleine Gracie ließ er zurück, und sie sahen ihm verwundert nach. Sie waren es nicht gewohnt, zurückgelassen zu werden.

Es war kühler, als er erwartet hatte. Kühler als am Abend zuvor.

Noch bevor er den Dorfanger erreicht hatte, waren seine Hände eiskalt, und er bereute es, Handschuhe und Mütze nicht mitgenommen zu haben.

Gamache stellte sich vor die dunkle Gestalt.

Sie trug die Maske. Nichts außer den Augen war zu sehen. Und selbst die waren von einer Art Schleier verdeckt.

»Wer sind Sie?«, fragte er.

Seine Stimme war ruhig, beinahe freundlich. Als wäre dies nur eine höfliche Unterhaltung. Eine völlig normale Situation.

Kein Grund, feindselig zu sein. Das konnte er später immer noch werden, falls es sein musste.

Aber die Gestalt blieb still. Nicht, dass sie still stand, sie war ja nicht aus Holz. Sie wirkte selbstsicher, fast gebieterisch. So, als würde nicht nur sie an diesen Platz gehören, sondern als gehörte er ihr.

Wobei Gamache vermutete, dass dieser Eindruck eher von der Robe und dem Schweigen herrührte als von dem Menschen dahinter.

Es überraschte ihn immer wieder, wie viel wirkungsvoller Schweigen gegenüber Worten war. Wenn man jemanden aus der Fassung bringen wollte. Aber er selbst konnte sich den Luxus des Schweigens nicht leisten.

»Warum sind Sie hier?«, fragte Gamache. Zuerst auf Französisch, dann auf Englisch.

Dann wartete er. Zehn Sekunden. Zwanzig. Fünfundvierzig Sekunden.

Im Bistro blickten Myrna und Gabri durch das Bleiglasfenster.

Zwei Männer, die sich anstarrten.

»Gut«, sagte Gabri. »Armand wird ihn verscheuchen.«

»Wer ist das?«, fragte Myrna. »Er war gestern Abend auf der Party.«

»Stimmt, aber ich habe keine Ahnung, wer er ist. Olivier auch nicht.«

»Fertig?«, fragte Anton, der Spüler und Frühstückskellner.

Er griff nach Myrnas Teller, auf dem nur noch Krümel lagen. Doch dann hielt seine Hand inne. Und er starrte wie die anderen beiden aus dem Fenster.

Myrna blickte zu ihm hoch. Er war ziemlich neu hier, hatte sich jedoch schnell eingewöhnt. Olivier hatte ihn zum Spülen und Kellnern eingestellt, aber Anton hatte nicht damit hinterm Berg gehalten, dass er gerne den Posten des Küchenchefs haben würde.

»Es gibt nur einen Koch«, hatte Anton eines Tages Myrna anvertraut, als er in ihrem Laden nach alten Kochbüchern suchte. »Aber bei Olivier hört es sich an, als hätte er eine ganze Kompanie.«

Myrna lachte. Das sah Olivier ähnlich. Immer versuchte er, Eindruck zu schinden, selbst bei Leuten, die ihn dafür zu gut kannten.

»Haben Sie eine bestimmte Spezialität?«, fragte sie, als sie den Betrag in ihre alte Registrierkasse tippte.

»Ich mag die kanadische Küche.«

Sie sah ihn an. Er musste Mitte dreißig sein. Zu alt jedenfalls und zu ehrgeizig für einen Job als Hilfskellner. Er klang gebildet und machte etwas her. Schlank und sportlich. Die dunkelbraunen Haare waren an den Seiten kurz geschnitten und oben länger, sodass sie ihm in die Stirn fielen und ihn jungenhafter aussehen ließen, als er war.

Jedenfalls sah er gut aus. Und war ein ehrgeiziger Koch.

Wenn sie zwanzig Jahre jünger wäre …

Träumen durfte man ja wohl noch. Und sie tat es.

»Kanadische Küche. Was ist das?«

»Eben«, hatte Anton lächelnd gesagt. »Das weiß keiner genau. Ich würde sagen, es umfasst das, was das Land hergibt. Und die Flüsse. Die Natur hier ist verschwenderisch. Und ich bin ein Jäger und Sammler.«

Das sagte er mit einem anzüglichen Blick, so wie ein Voyeur vielleicht sagen würde: »Ich schaue anderen gerne dabei zu.«

Myrna hatte gelacht, war errötet und hatte einen Dollar für beide Kochbücher verlangt.

Jetzt starrte Anton, über ihren Tisch gebeugt, aus dem Fenster.

»Was ist das?«, fragte er flüsternd.

»Waren Sie gestern Abend nicht auch im Bistro?«, fragte Gabri.

»Doch, aber ich war die ganze Zeit in der Küche. Ich bin nicht rausgekommen.«

Myrna sah von dem Ding auf dem Dorfanger zu dem jungen Mann. Eine Party direkt hinter den Schwingtüren, und er hatte Geschirr spülen müssen. Wie in einem viktorianischen Melodram.

Er schien ihre Gedanken zu erraten und sah sie mit einem Lächeln an.

»Ich hätte rauskommen können, aber ich bin kein Partytyp. Lieber bin ich in der Küche.«

Myrna nickte. Sie verstand. Jeder hatte einen Ort, wusste sie, an dem er sich nicht nur am wohlsten, sondern auch am kompetentesten fühlte. Für sie war es ihr Buchladen. Für Olivier das Bistro. Für Clara das Atelier.

Für Sarah die Bäckerei. Und für Anton eben die Küche.

Aber manchmal war dieses Gefühl auch trügerisch. Der Ort wirkte zwar wie eine Zuflucht, war in Wirklichkeit aber ein Gefängnis.

»Was sagt er?«, fragte Anton, setzte sich und deutete auf Gamache und die Gestalt in der Robe.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Armand. »Suchen Sie vielleicht jemanden?«

Er bekam keine Antwort. Die Gestalt rührte sich nicht. Aber er sah Atemwölkchen an der Stelle, an der ihr Mund sein musste.

Ein Lebenszeichen.

Der Atem kam regelmäßig. Wurde ausgestoßen wie die lange, stetige Dampfwolke eines fahrenden Zuges.

»Ich heiße Gamache. Armand Gamache.« Er machte eine kurze Pause. »Ich bin der Leiter der Sûreté du Québec.«

Bewegten sich die Augen leicht? Hatte der Mann ihn angesehen und dann den Blick gleich wieder abgewandt?

»Es ist kalt«, sagte Armand und rieb seine eisigen Hände aneinander. »Lassen Sie uns reingehen. Wir könnten einen Kaffee trinken und dazu vielleicht Rührei mit Speck essen. Ich wohne gleich da drüben.«

Er deutete auf sein Haus. Er fragte sich, ob es klug war, ihm zu zeigen, wo er wohnte. Aber dann dachte er, dass er das wahrscheinlich schon wusste. Armand war gerade von dort gekommen. Es war wohl kaum ein Geheimnis.

Er wartete, dass die Gestalt sich zu seiner Einladung äußerte, und überlegte einen Moment, was Reine-Marie wohl davon halten würde, wenn er seinen neuen Freund mit nach Hause brächte.

Als die Antwort ausblieb, streckte Armand die Hand nach dem Arm der Gestalt aus, um sie mit sanfter Gewalt zu überreden.

Im Bistro waren alle Gespräche versiegt, das Frühstücksgeschäft kam zum Erliegen.

Alle, die Gäste und die Bedienung, sahen zu den beiden Männern auf dem Dorfanger.

»Er zieht ihn weg«, sagte Olivier, der zu ihnen trat.

Anton wollte sich erheben, aber Olivier winkte ab. Kein Grund zur Eile, jetzt, wo alles stillstand.

Sie sahen zu, wie Armand die Hand sinken ließ, ohne den Mann anzufassen.

Armand Gamache stand jetzt selbst völlig reglos da. Während die Gestalt zum Bistro, zum Buchladen, zur Bäckerei und zu Monsieur Béliveaus Gemischtwarenladen hinüberstarrte, starrte Gamache sie an.

»Seien Sie vorsichtig«, flüsterte er schließlich.

Und dann drehte er sich um und ging zurück nach Hause.

Nachmittags stand die verhüllte Gestalt immer noch da.

Armand und Reine-Marie gingen auf dem Weg zu Claras Haus auf der anderen Seite des Dorfangers an ihr vorbei.

Den Mann umgab ein unsichtbarer Graben. Nach und nach hatten sich die Dorfbewohner hinausgewagt und gingen ihren Geschäften nach. Aber um ihn hatte sich ein großer Kreis gebildet, den niemand betrat.

Auf der Wiese spielten keine Kinder, und die Leute gingen schneller als sonst und mit gesenktem Blick.

Der angeleinte Henri gab ein leises Knurren von sich und wechselte auf die andere Seite von Gamache. Sein Fell war gesträubt, und die riesigen Ohren waren nach vorne gerichtet, dann legte er sie wieder an seinen großen und, man musste es leider sagen, etwas hohlen Kopf an.

Alles Wichtige bewahrte Henri in seinem Herzen auf. Im Kopf hatte er vor allem Kekse. Aber er war klug genug, um in sicherer Entfernung zu der Gestalt zu bleiben.

Auch Gracie, die zusammen mit ihrem Bruder Leo vor einigen Monaten in einem Abfalleimer entdeckt worden war, war angeleint.

Wie gebannt blickte sie auf die Gestalt und weigerte sich, sich auch nur einen Zentimeter weiterzubewegen. Reine-Marie musste sie auf den Arm nehmen.

»Sollen wir etwas sagen?«, fragte Reine-Marie.

»Besser, wir kümmern uns nicht um ihn«, sagte Armand. »Vielleicht sucht er gerade die Aufmerksamkeit. Wenn wir ihn nicht beachten, geht er vielleicht weg.«

Das war aber vermutlich nicht der Grund, warum Armand ihn ignorieren wollte, dachte Reine-Marie. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass sie sich der Gestalt näherte. Und wenn sie ehrlich war, wollte sie das auch nicht.

Im Laufe des Vormittags war sie automatisch immer wieder ans Fenster getreten. In der Hoffnung, dass die Gestalt weg war. Aber sie stand weiter auf dem Dorfanger. Regungslos. Durch nichts zu bewegen.

Ohne dass Reine-Marie hätte sagen können, wann das passiert war, war er ab irgendeinem Zeitpunkt für sie kein »er« mehr. Die Gestalt verlor jede Menschlichkeit. Sie war zu einem »es« geworden. Kein Mensch mehr.

»Kommt rein«, sagte Clara. »Unser Besucher ist immer noch da, wie ich sehe.«

Sie bemühte sich, gelassen zu klingen, aber ihre Anspannung war deutlich zu spüren. Ihnen ging es nicht anders.

»Hast du eine Ahnung, wer das ist, Armand?«

»Nein, leider nicht. Ich glaube allerdings nicht, dass er noch lange bleibt. Wahrscheinlich ist es ein Scherz.«

»Wahrscheinlich.« Sie wandte sich an Reine-Marie. »Ich habe die neuen Kisten neben den Kamin im Wohnzimmer gestellt. Ich dachte, wir könnten sie dort durchgehen.«

»Neu« traf es nicht ganz.

Clara half Reine-Marie bei der, wie es langsam aussah, unendlichen Aufgabe, das sogenannte Archiv des Geschichtsvereins durchzusehen. Es bestand im Grunde nur aus Kisten und noch mehr Kisten mit Fotografien, Dokumenten, Kleidern. Seit über hundert Jahren von Speichern und aus Kellern zusammengesammelt. Auf Flohmärkten und aus Kirchenkellern gerettet.

Reine-Marie hatte angeboten, die Sachen durchzusehen. Es war eine mühselige Suche nach Trouvaillen unter einem Haufen Trödel. Aber es machte ihr Spaß. Reine-Marie war Leitende Bibliothekarin und Archivarin in der Bibliothèque et Archives nationales du Québec gewesen und hatte, wie ihr Mann, eine Leidenschaft für Geschichte. Besonders die von Québec.

»Iss doch mit uns zu Mittag, Armand«, sagte Clara. In der Küche roch es nach Suppe. »Ich habe ein Baguette aus der Bäckerei besorgt.«

»Non, merci. Ich war gerade auf dem Weg ins Bistro.« Er hielt ein Buch in die Höhe. Sein Samstagsnachmittagsritual. Mittagessen, ein Bier und ein Buch vor dem Kamin im Bistro.

»Keins von Jacqueline«, sagte Reine-Marie und deutete auf das Baguette.

»Nein. Es ist von Sarah. Darauf habe ich geachtet. Aber ich habe ein paar von Jacquelines Brownies mitgebracht. Ist das wichtig?«, fragte Clara und schnitt das knusprige Baguette in Scheiben. »Dass ein Bäcker weiß, wie man Baguette backt?«

»Hier?«, fragte Reine-Marie. »Alles entscheidend.«

»Ja«, sagte Clara. »Glaube ich auch. Die arme Sarah. Sie will die Bäckerei an Jacqueline übergeben, aber ich weiß nicht …«

»Nun, vielleicht sind Brownies genug«, sagte Armand. »Ich schätze, ich könnte mich daran gewöhnen, Brownies mit Brie zu belegen.«

Clara stöhnte auf, dann überlegte sie kurz. Vielleicht …

»Jacqueline ist erst seit ein paar Monaten hier«, erklärte Reine-Marie. »Sie kann es ja noch lernen.«

»Sarah sagt, dass man das mit dem Baguette entweder raushat oder nicht«, sagte Clara. »Scheint mit der Art des Knetens und der Temperatur der Hände zu tun zu haben.«

»Warm oder kalt?«, fragte Armand.

»Das weiß ich nicht«, sagte Clara. »So viel wollte ich sowieso nicht wissen. Ich will lieber glauben, dass Baguettes Magie sind, nicht irgendwas Angeborenes.« Sie legte das Brotmesser hin. »Die Suppe ist fast fertig. Wollt ihr mein neuestes Bild sehen, während ich sie aufwärme?«

Es sah Clara nicht ähnlich, von sich aus anzubieten, eines ihrer Bilder zu zeigen, besonders wenn es noch in Arbeit war. Wenigstens hofften Armand und Reine-Marie, dass es das noch war, als sie zögernd durch die Küche ins Atelier gingen.

Früher hätten sie das seltene Angebot, eines von Claras erstaunlichen Porträts zu betrachten, begeistert ergriffen. Aber vor kurzem war deutlich geworden, dass Claras Vorstellung von einem »fertigen« Bild sich von der aller anderen unterschied.

Armand fragte sich, was Clara sah und sie nicht.

Im Atelier war es dämmrig, die Fenster ließen nur Nordlicht herein, und an einem bewölkten Novembertag war das herzlich wenig.

»Die sind fertig«, sagte sie und deutete im Dunkeln auf die Leinwände, die an einer Wand lehnten. Sie schaltete das Licht an.

Reine-Marie konnte es sich gerade noch verkneifen, zu fragen: »Bist du sicher?«

Einige der Porträts sahen fast fertig aus, aber die Haare waren nur mit Bleistift skizziert. Die Hände hingeworfene Flecken, Kleckse.

Die meisten Porträtierten waren erkennbar. Myrna. Olivier.

Armand trat zu Sarah, der Bäckerin, die an der Wand lehnte.

Dieses Bild war am weitesten gediehen. Aus dem faltigen Gesicht sprach Hilfsbereitschaft, wie sie Armand an ihr kannte. Eine fast spröde Würde. Und doch hatte Clara es geschafft, die Verletzlichkeit der Bäckerin einzufangen. So, als würde sie befürchten, der Betrachter erwarte etwas von ihr, das sie nicht bieten konnte.

Ja, das Gesicht, die Hände, die Haltung, alles bis ins Detail ausgearbeitet. Und trotzdem. Der Kittel war nur grob umrissen. So, als hätte Clara die Lust verloren.

Gracie und ihr Bruder Leo balgten sich auf dem Betonboden, und Reine-Marie beugte sich hinunter und kraulte sie.

»Was ist das?« Beim Klang der mürrischen Stimme zuckten alle zusammen.

Da stand Ruth mit Rosa auf dem Arm und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger ins Atelier.

»Himmel, das ist ja fürchterlich«, sagte die alte Dichterin. »Was für ein Murks. Hässlich wäre noch eine wohlmeinende Beschreibung.«

»Ruth«, sagte Reine-Marie. »Gerade du solltest wissen, dass Schöpfung ein Prozess ist.«

»Und nicht immer ein erfolgreicher. Aber jetzt sagt endlich. Was ist das?«

»Das ist Kunst«, sagte Armand. »Und es muss dir nicht gefallen.«

»Kunz? Wirklich?« Sie beugte sich vor und sagte: »Komm her, Kunz. Na, komm schon.«

Sie sahen sich an. Selbst für die demente Ruth war das merkwürdig.

Und dann fing Clara an zu lachen. »Sie meint Gracie.«

Sie deutete auf den kleinen Welpen, der mit Leo über den Boden kugelte.

Sie waren zwar zusammen in einer Mülltonne gefunden worden, aber Claras Leo entwickelte sich langsam zu einem Bild von Hund. Schlanker Wuchs und kurzes goldenes Fell, das am Hals ein wenig länger war. Leo war groß und noch etwas schlaksig, aber schon jetzt hoheitsvoll.

Das konnte man von Gracie nicht behaupten. Sie war ein Kümmerling, wenn man es nicht beschönigen wollte. Vielleicht war sie nicht einmal ein Hund.

Das hatte keiner sagen können, als Reine-Marie sie vor einigen Monaten mit nach Hause gebracht hatte. Und die Zeit hatte nicht geholfen.

Bis auf vereinzelte verschiedenfarbige Fellbüschel war sie unbehaart. Ein Ohr war keck in die Höhe gereckt, das andere hing schlaff herunter. Ihr Kopf schien täglich weiterzuwachsen, der Rest nur einen Hauch. Manchmal hatte Reine-Marie den Eindruck, als sei Gracie geschrumpft.

Aber sie hatte leuchtende Augen. Und sie schien zu wissen, dass sie vor einem schlimmen Schicksal bewahrt worden war. Ihre Liebe zu Reine-Marie war grenzenlos.

»Komm her, Kunz«, versuchte Ruth es erneut, dann richtete sie sich auf. »Nicht nur hässlich, auch noch doof. Kennt nicht mal seinen Namen.«

»Gracie«, sagte Armand. »Sie heißt Gracie.«

»Ja verflixt noch mal, warum sagst du dann, sie heißt Kunz?« Sie sah ihn an, als hätte er eine Schraube locker.

Sie kehrten in die Küche zurück, wo Clara die Suppe umrührte. Armand küsste Reine-Marie und ging zur Tür.

»Nicht so schnell, Tintin«, sagte Ruth. »Du hast uns gar nichts über dieses Ding mitten in unserem Dorf erzählt. Ich hab gesehen, wie du mit ihm gesprochen hast. Was hat er gesagt?«

»Nichts.«

»Nichts?«

Für Ruth war die Vorstellung, nichts zu sagen, völlig abwegig.

»Aber warum ist er noch da?«, fragte Clara, die auf einmal nicht mehr so tat, als interessierte es sie nicht. »Was will er? Hat er die ganze Nacht da gestanden? Kannst du nichts unternehmen?«

»Warum ist der Himmel blau?«, fragte Ruth. »Kommt die Pizza tatsächlich aus Italien? Hast du jemals Kreide gefressen?«

Sie sahen sie an.

»Das sind doch alles dumme Fragen. Nebenbei bemerkt, die Antworten auf deine Fragen lauten, weiß nicht, weiß nicht, und Edmonton.«

»Der Typ trägt eine Maske«, sagte Clara zu Armand, ohne Ruth Beachtung zu schenken. »Da stimmt was nicht. Mit dem stimmt was nicht. Im Kopf.«

Sie tippte sich an die Stirn.

»Ich kann nichts tun«, sagte er. »Es verstößt in Québec nicht gegen das Gesetz, sich das Gesicht zu bedecken.«

»Aber er trägt doch keine Burka«, sagte Clara.

»Herrgott«, sagte Ruth. »Wo ist das Problem? Hast du Phantom der Oper nicht gesehen? Er könnte jeden Moment zu singen anfangen, und dann haben wir hier die allerbesten Plätze.«

»Du nimmst das nicht ernst«, sagte Clara.

»Doch. Ich hab nur keine Angst. Wobei mir Ignoranz Angst macht.«

»Wie bitte?«, fragte Clara.

»Ignoranz«, wiederholte Ruth, die den drohenden Unterton in Claras Stimme entweder nicht gehört hatte oder nicht hören wollte. »Alles, was anders ist, alles, was du nicht verstehst, hältst du sofort für eine Bedrohung.«

»Aber du bist ein Musterbeispiel an Toleranz, was?«, fragte Clara.

»Komm schon«, sagte Ruth. »Es gibt einen Unterschied zwischen gruselig und bedrohlich. Gut, es mag ja sein, dass er Angst macht. Aber getan hat er nichts. Und wenn er das wollte, dann wäre es wahrscheinlich schon geschehen.«

Ruth wandte sich beifallheischend an Gamache, aber der reagierte nicht.

»Da zieht einer aus Jux ein Halloween-Kostüm an«, fuhr sie fort. »Mitten am Tag, und du kriegst Angst. Pah. Du wärst eine große Nummer in Salem gewesen.«

»Von allen hier bist du ihm am nächsten gekommen«, sagte Reine-Marie zu ihrem Mann. »Was ist es deiner Meinung nach?«

Er blickte auf die Hunde auf dem Boden, Gracie an Henri geschmiegt, der leise murmelnd schnarchte. Mehr als einmal hatte Armand Henri beneidet. Bis Henris Trockenfutter neben seine Wasserschüssel gestellt wurde. Da war der Neid schlagartig verflogen.

»Es geht nicht um das, was ich denke«, sagte er. »Ich bin sicher, dass er bald wieder fort ist.«

»Zier dich doch nicht so«, sagte Clara, und ihr Lächeln milderte ihren genervten Ton nur wenig. »Ich hab dir meins gezeigt« – sie deutete auf das Atelier – »jetzt musst du mir deins zeigen.«

»Es ist nur ein Eindruck«, sagte er. »Bedeutungslos. Ich habe keine konkrete Vorstellung davon, wer oder was er ist.«

»Armand«, sagte Clara warnend.

Und er ergab sich.

»Der Tod«, sagte er und sah zu Reine-Marie. »Das habe ich gedacht.«

»Der Sensenmann?«, fragte Ruth mit einem Schnauben. »Hat er mit einem krummen Finger auf dich gedeutet?«

Sie hob ihren knochigen Finger und deutete damit auf Armand.

»Ich habe nicht gesagt, dass er tatsächlich der Tod ist«, sagte er. »Aber ich glaube, derjenige, der in dem Kostüm steckt, will, dass wir diese Assoziation haben. Er will, dass wir Angst bekommen.«

»Ach tatsächlich«, sagte Clara.

»Tja, da seid ihr nur leider auf dem falschen Dampfer«, sagte Ruth. »Der Tod sieht nämlich anders aus.«

»Woher willst du denn das wissen?«, fragte Clara.

»Weil wir alte Freunde sind. Er besucht mich fast jede Nacht. Wir sitzen in der Küche und plaudern. Er heißt Michael.«

»Der Erzengel?«, fragte Reine-Marie.

»Ja. Alle halten den Tod für eine Schreckgestalt, aber in der Bibel ist es Michael, der die Sterbenden aufsucht und ihnen in ihrer letzten Stunde beisteht. Er ist schön und hat die Flügel auf dem Rücken zusammengefaltet, damit er nicht versehentlich die Möbel umwirft.«

»Habe ich richtig gehört? Der Erzengel Michael besucht dich?«, fragte Reine-Marie.

»Habe ich richtig gehört?«, sagte Clara. »Du liest die Bibel?«

»Ich lese alles«, sagte Ruth zu Clara, dann wandte sie sich Reine-Marie zu. »Ja, das tut er. Aber er bleibt nicht lange. Er hat viel um die Ohren. Er schaut nur auf einen Drink vorbei und tratscht über die anderen Engel. Raphael ist ein richtiger Mistkerl, kann ich dir sagen. Ein gemeiner alter Fiesling.«

Einem von ihnen entkam ein Hmmm.

»Und was erzählst du ihm?«, fragte Armand.

»Armand«, sagte Reine-Marie warnend, damit er die alte Frau nicht weiter anstachelte. Aber das wollte er gar nicht. Er war tatsächlich neugierig.

»Ich erzähle ihm alles über euch. Zeig ihm eure Häuser und mache ein paar Vorschläge. Manchmal lese ich ihm ein Gedicht vor: Aus der öffentlichen Schule in die private Hölle / Des Familientheaters«, zitierte sie und hob das Gesicht zur Decke, versuchte, sich an den Rest zu erinnern. »Wohin soll ein Junge auf seinem Rad fahren / Wenn die gerade Straße abbiegt?«

Einen Moment lang starrten die anderen sie an, lauschten den Worten nach, die sie zum Schweigen gebracht hatten.

»Ist das von dir?«, fragte Clara.

Ruth nickte und lächelte. »Ich weiß, dass es noch nicht fertig ist. Ehrlich gesagt, ist Michael nicht besonders hilfreich. Er mag Limericks lieber.«

Armand musste unwillkürlich lachen.

»Und vor der Morgendämmerung verschwindet er wieder«, sagte Ruth.

»Und lässt dich zurück?«, fragte Clara. »Das ist nicht nett.«

»Pass auf, was du sagst«, murmelte Reine-Marie.

»Meine Zeit ist noch nicht gekommen. Nicht annähernd. Er ist gerne bei mir, weil ich keine Angst habe.«

»Wir haben alle vor etwas Angst«, sagte Armand.

»Ich meinte, dass ich vor dem Tod keine Angst habe«, sagte Ruth.

»Vielleicht hat ja der Tod Angst vor ihr«, sagte Clara.

»Ich hätte gerne zwei davon«, sagte Katie Evans und deutete auf die Brownies. Verziert mit geschmolzenen Marshmallows.

Sie erinnerten sie an früher.

»Und Sie, Madame?«

Jacqueline wandte sich an die andere Frau. Lea Roux.

Sie erkannte sie, aber das war nichts Ungewöhnliches. Roux war Mitglied der Nationalversammlung und tauchte oft in den Nachrichten auf. In französisch- und englischsprachigen Talkshows in der ganzen Provinz wurde sie um ihre Meinung in politischen Fragen gebeten. Sie konnte gut reden, war aber nicht arrogant. War witzig, ohne sarkastisch zu sein. Warmherzig, ohne süßlich zu sein. Sie war zum neuen Liebling der Medien aufgestiegen.

Und jetzt war sie hier. In der Bäckerei. In Lebensgröße.

Beide Frauen waren großgewachsen, ohne allzu kräftig zu sein. Auf jeden Fall hatten sie Ausstrahlung und überragten die winzige Bäckerin um einiges. Aber mochten sie auch Ausstrahlung haben, Jacqueline hatte Selbstgebackenes. Und sie hatte den Verdacht, dass ihr das im Moment Macht über die beiden gab.

»Ich glaube«, sagte Lea und begutachtete das aufgereihte Gebäck hinter der Glasscheibe, »ich nehme eine Tarte au citron und ein Millefeuille.«

»Seltsam«, sagte Katie und trat zu Sarah, der die Bäckerei gehörte und die gerade die Auslage mit Biscotti auffüllte.

Keiner musste fragen, was sie meinte.

Sarah wischte sich die Hände an der Schürze ab und nickte mit einem Blick aus dem Fenster.

»Ich wünschte, es würde verschwinden«, sagte die Bäckerin.

»Hat einer eine Ahnung, was das soll?«, fragte Lea zuerst Sarah, die den Kopf schüttelte, dann Jacqueline, die den Kopf schüttelte und wegsah.

»Es ist schlimm«, sagte Sarah. »Ich verstehe nicht, warum niemand etwas unternimmt. Armand sollte etwas unternehmen.«

»Ich glaube nicht, dass man da sehr viel unternehmen kann. Auch Monsieur Gamache nicht.«

Lea Roux hatte in dem Komitee gesessen, das Gamache als Leiter der Sûreté bestätigt hatte. Sie hatte erklärt, dass sie ihn kannte, flüchtig. Dass sie sich einige Male begegnet waren.

Wobei fast alle in dem Zwei-Parteien-Komitee Armand Gamache kannten. Er bekleidete schon lange eine hohe Position bei der Sûreté und hatte bei der Aufdeckung dieses gewaltigen Korruptionsskandals mitgewirkt.

Es hatte nur eine kurze Diskussion und keine Debatte gegeben.

Vor zwei Monaten war Armand Gamache dann als Chief Superintendent der mächtigsten Polizeieinheit in Québec vereidigt worden. Vielleicht der mächtigsten in ganz Kanada.

Doch trotz all seiner Macht, wusste Lea Roux, konnte er wegen dieses Wesens auf dem Dorfanger nichts unternehmen.

»Sie wissen, dass Sie diese Sachen auch im Bistro bestellen können«, sagte Sarah, als sie gingen, und deutete auf die kleinen Schachteln in ihren Händen. »Wir beliefern Olivier und Gabri.«

»Merci«, sagte Katie. »Wir nehmen sie mit in die Buchhandlung, um sie uns mit Myrna zu teilen.«

»Sie mag die Brownies«, sagte Sarah. »Seit Jacqueline da ist, sind sie ein echter Verkaufsschlager.«

Sie warf der sehr viel jüngeren Frau einen mütterlich stolzen Blick zu.

Bis auf die Sache mit dem Baguette war Jacqueline die Antwort auf Sarahs Gebete. Sarah war mittlerweile Ende sechzig, und es wurde ihr zu viel, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen, um Brot zu backen und den ganzen Tag auf den Beinen zu sein.

Die Bäckerei zu schließen, kam nicht infrage. Und sie wollte sich auch noch nicht ganz aufs Altenteil zurückziehen. Nur das laufende Geschäft wollte sie übergeben.

Und dann war vor drei Monaten Jacqueline gekommen.

Wenn sie nur lernen würde, wie man ein gutes Baguette buk.

»Mmm, das sieht gut aus«, sagte Myrna, während sie den Tee einschenkte und Lea das Gebäck auspackte.

Dann setzten sich die drei um den Holzofen in Myrnas Buchladen, auf das Sofa und die Sessel im Erker, von wo aus sie die verhüllte Gestalt sehen konnten.

Nachdem sie ein paar Minuten lang darüber geredet hatten, ohne zu einem Schluss gekommen zu sein, wandten sie sich Katies neuestem Projekt zu. Ein Glashaus auf den Magdalenen-Inseln.

»Ehrlich?«, sagte Myrna, deren überraschter Ausruf durch den Brownie in ihrem Mund gedämpft wurde. »Auf den Maggies?«

»Ja, dort scheint im Moment ziemlich viel Geld in Umlauf zu sein. Das Hummergeschäft läuft offenbar gut.«

Lea hob eine Augenbraue, sagte aber nichts.

Es gab eine völlig neue Ware, die Reichtum schuf, wo einstmals harte Arbeit und Armut geherrscht hatten.

»Ein Glashaus auf den Inseln zu bauen, ist bestimmt schwierig«, sagte Myrna.

Die nächste halbe Stunde sprachen sie über Wetter, Geographie, Architektur und über das Zuhause. Das Thema Zuhause im Unterschied zu Haus faszinierte Myrna, und sie hörte den beiden jüngeren Frauen mit großer Bewunderung zu.

Sie fand Katie interessant. Mochte sie. Aber mit Lea verband sie, dass sie vor vielen Jahren ihre Babysitterin gewesen war.

Damals war Myrna sechsundzwanzig gewesen, hatte gerade ihren Abschluss gemacht und kratzte alles Geld zusammen, um ihren Studienkredit abzubezahlen. Lea war vier. Winzig, wie eine Maus. Ihre Eltern lebten in Scheidung, und Lea, ein Einzelkind, hatte sich fast nicht mehr aus dem Haus getraut vor Angst. Vor Unsicherheit.

Myrna war für sie eine große Schwester geworden, Mutter, Freundin. Beschützerin und Förderin. Und Lea war für sie eine kleine Schwester geworden, Tochter und Freundin.

»Ihr solltet Anton kennenlernen«, sagte Myrna und sah zufrieden zu, wie Lea das Gebäck verdrückte.

»Anton?«

»Oliviers neuen Geschirrspüler.«

»Er gibt seinem Geschirrspüler einen Namen?«, fragte Katie lächelnd. »Meiner heißt einfach Bosch.«

»Ach ja?«, sagte Lea. »Meiner heißt Gustav. Er hat nur schmutziges Zeug im Sinn.«

»Haha«, sagte Myrna. »Anton ist ein Mensch, wie ihr ganz genau wisst. Er möchte Koch werden. Am liebsten würde er eine Küche kreieren, die ausschließlich auf einheimischen Produkten beruht.«

»Bäume«, sagte Katie. »Gras.«

»Anglos«, sagte Lea. »Lecker. Den würde ich gerne kennenlernen. Wahrscheinlich gibt es Förderprogramme, an die er sich wenden könnte.«

»Tut mir leid«, sagte Myrna. »Du wirst wahrscheinlich die ganze Zeit so etwas gefragt.«

»Ich helfe gerne«, sagte Lea. »Und wenn ich dafür zum Essen eingeladen werde, umso besser.«

»Prima. Wie wär’s mit heute Abend?«

»Heute Abend kann ich nicht. Wir fahren zum Abendessen nach Knowlton. Aber es wird schon klappen, bevor wir wieder heimfahren.«

»Wann wird das sein?«

»In ein paar Tagen«, sagte Katie.

Das war, dachte Myrna, seltsam vage für jemanden, der bestimmt einen straffen Zeitplan hatte.

Als alle Kunden gegangen waren, schob Jacqueline die Kekse in den Ofen und stellte den Küchenwecker.

»Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich …«

»Nein, gehen Sie nur«, sagte Sarah.

Jacqueline musste nicht sagen, wohin sie ging. Sarah wusste Bescheid. Und sie wünschte ihr alles Gute. Wenn sie und der Spüler heirateten und er Koch würde, dann würde auch Jacqueline hierbleiben.

Sarah war nicht stolz auf diese selbstsüchtigen Gedanken, aber wenigstens wünschte sie Jacqueline nichts Böses. Es gäbe bestimmt Schlimmeres, als Anton zu heiraten.

Wenn Anton nur dasselbe für Jacqueline empfände. Wenn sie nur Baguette backen könnte, dachte Sarah und wischte über die Theke. Ja. Das wäre gut.

In Sarahs Welt war ein gutes Baguette ein Zauberstab, mit dem sich alle Probleme lösen ließen.

Jacqueline eilte nach nebenan in die Küche des Bistros. Es war früher Nachmittag. Sie mussten das Abendessen vorbereiten, aber für einen Spüler war es eine recht ruhige Zeit.

»Ich wollte gerade zu dir«, sagte Anton. »Hast du es gesehen?«

»Ist ja kaum zu übersehen.«

Sie küsste ihn auf die Wange, und er erwiderte den Kuss, aber so hätte er auch Sarah küssen können.

»Sollen wir etwas sagen?«, fragte Jacqueline.

»Was denn?«, sagte er und senkte die Stimme. »Wem denn?«

»Monsieur Gamache, natürlich«, sagte sie.

»Nein«, sagte Anton bestimmt. »Tu das nicht, versprich es mir. Wir wissen ja nicht, was es ist …«

»Wir haben eine ziemlich konkrete Vermutung«, sagte sie.

»Aber wissen tun wir es nicht.« Er senkte die Stimme noch mehr, als der Koch zu ihnen herübersah. »Wahrscheinlich verschwindet er wieder.«

Jacqueline hatte gute Gründe, sich Sorgen zu machen, aber im Moment ging es ihr darum, wie Anton auf die Gestalt reagierte.

Armand saß im Bistro und las.

Er spürte Blicke auf sich. Alle mit derselben Botschaft.

Unternimm was wegen des Dings auf dem Dorfanger.

Sorg dafür, dass es verschwindet.

Was hatte man vom Leiter der gesamten Sûreté als Nachbarn, wenn er einen nicht beschützen konnte?

Er schlug die Beine übereinander und lauschte dem Knistern des offenen Feuers. Er spürte die Wärme, roch das Ahornholz und merkte, wie die Blicke seiner Nachbarn sich in ihn bohrten.

Er hatte nicht den bequemen Sessel am offenen Kamin gewählt, sondern sich ans Fenster gesetzt. Wo er das Ding sehen konnte.

Wie Reine-Marie hatte Armand gemerkt, dass er im Laufe des Tages aufgehört hatte, an die Gestalt auf der Wiese als »er« zu denken. Sie war zu einem »es« geworden.

Und Gamache wusste besser als die meisten, wie gefährlich das war. Jemanden zu entmenschlichen. Denn unter diesem Gewand steckte ein Mensch, so seltsam er sich auch verhalten mochte.

Seine eigene Reaktion fand er ebenfalls interessant. Er wollte, dass es wegging. Er wollte hinaus auf den Dorfanger gehen und es verhaften. Ihn.

Weswegen?

Weil er seinen Frieden störte.

Es brachte nichts, wenn er allen erzählte, dass keine Bedrohung bestand. Weil er nicht wusste, ob das stimmte. Was er dagegen wusste, war, dass ihm die Hände gebunden waren. Der Umstand, dass er Leiter der Sûreté war, verhinderte sogar eher, dass er etwas tat.

Reine-Marie hatte an seiner Seite gestanden, als er den Eid geleistet hatte. Gamache in seiner Ausgehuniform, mit den goldenen Epauletten und den goldenen Tressen und dem goldenen Gürtel. Und mit den Orden, die er nur ungern trug. Jeder erinnerte ihn an ein Ereignis, von dem er wünschte, es wäre nie geschehen. Aber es war geschehen.

Resolut und entschlossen hatte er dagestanden.

Sein Sohn und seine Tochter sahen zu. Auch seine Enkelkinder sahen zu, als er die Hand hob und schwor, dass er für Amt, Anstand und Gerechtigkeit eintreten werde.

Unter dem Publikum im voll besetzten großen Saal der Nationalversammlung waren ihre Freunde und Nachbarn.

Jean-Guy Beauvoir, sein langjähriger Stellvertreter und inzwischen auch sein Schwiegersohn, hielt seinen Sohn auf dem Arm. Und sah zu.

Gamache hatte Beauvoir gefragt, ob er mit ihm ins Büro des Chief Superintendent wechseln wolle. Um erneut Stellvertreter zu sein.

»Ist das nicht Vetternwirtschaft?«, hatte Beauvoir gefragt. »Eine lang gepflegte Tradition in Québec.«

»Du weißt, dass mir Traditionen sehr viel bedeuten«, sagte Gamache. »Aber du zwingst mich zu dem Bekenntnis, dass du für die Arbeit am besten geeignet bist, Jean-Guy, und die Ethikkommission stimmt zu.«

»Muss komisch für dich sein.«

»Oui. Die Sûreté ist jetzt eine Meritokratie. Also …«

»Bau keinen Scheiß?«

»Ich wollte sagen, vergiss die Croissants nicht, aber das andere passt auch.«

Und Jean-Guy hatte oui gesagt. Und merci. Nun sah er zu, wie Chief Superintendent Gamache mit dem Obersten Richter von Québec Hände schüttelte und sich dann zum Publikum umdrehte.

Er stand einer Behörde mit Tausenden Beamten vor, zuständig für den Schutz einer Provinz, die Gamache liebte. Einer Bevölkerung, in der er weder Opfer noch Bedrohung sah, sondern Brüder und Schwestern. Seinesgleichen, die es zu achten und zu schützen galt. Und manchmal zu verhaften.

»Offenbar gehören zu diesem Job mehr als nur Cocktailpartys und Wohltätigkeitsveranstaltungen«, hatte er zu Myrna während eines ihrer ruhigen Gespräche gesagt.

In der Tat hatte er die letzten Monate damit verbracht, intensive Gespräche mit den Leitern verschiedener Abteilungen zu führen und sich durch Dossiers über das organisierte Verbrechen, Drogenhandel, Morde, Cyber-Kriminalität, Geldwäsche, Brandstiftung und Dutzende andere Probleme zu arbeiten.

Schon bald war klar, dass die Lage sehr viel schlimmer war, als selbst er es sich vorgestellt hatte. Und immer schlimmer wurde. An dieser zunehmenden Verschärfung war der Drogenhandel schuld.

Die Kartelle.

Sie waren die Keimzelle des Bösen. Für die Morde, die Überfälle. Die Geldwäsche. Die Erpressungen.

Die Einbrüche, die sexuellen Übergriffe. Die blinde Gewalt von verzweifelten jungen Männern und Frauen. In den Innenstädten hatte sie sich bereits ausgebreitet. Aber sie beschränkte sich nicht darauf. Inzwischen suchte sie auch ländliche Gebietet heim.

Gamache hatte gewusst, dass es ein wachsendes Problem gab, aber von dem Ausmaß hatte er keinen Begriff gehabt.

Bis jetzt.

Tagsüber watete Chief Superintendent Gamache durch einen Morast des Abscheulichen, Gottlosen, Tragischen, Grauenvollen. Und dann fuhr er nach Hause. Nach Three Pines. In sein Refugium. Um sich zu seinen Freunden an den Kamin des Bistros zu setzen oder zusammen mit Reine-Marie in sein behagliches Wohnzimmer. Henri und die lustige kleine Gracie zu ihren Füßen.

Gesund und munter.

Bis dieses schwarze Ding auftauchte. Und nicht mehr verschwand.

»Haben Sie noch einmal das Gespräch gesucht?«, fragte der Staatsanwalt.

»Um was zu sagen?«, fragte Chief Superintendent Gamache im Zeugenstand. Von seinem Platz aus konnte er sehen, wie sich die Leute in den Zuschauerreihen mit Papier Luft zufächelten, um wenigstens die Illusion eines Lüftchens in der erstickenden Hitze zu erzeugen.

»Sie hätten beispielsweise fragen können, was er vorhat.«

»Das hatte ich schon. Unter anderen Umständen würden Sie mich, einen Polizeibeamten, fragen, warum ich einen Bürger belästige, der nichts anderes tut, als arglos in einem Park herumzustehen.«

»Einen maskierten Bürger«, sagte der Staatsanwalt.

»Ja«, sagte Gamache. »Und um mich zu wiederholen: Es ist nicht gegen das Gesetz, sich zu maskieren. Seltsam, das ja. Und ich muss Ihnen nicht sagen, dass es mir nicht gefallen hat. Das hat es nicht. Aber mir waren die Hände gebunden.«

Das rief bei den Zuschauern Gemurmel hervor. Zum Teil stimmten sie ihm zu. Zum Teil waren sie überzeugt, dass sie sich anders verhalten hätten und dass der Chef der Sûreté auf jeden Fall etwas hätte tun sollen.

Gamache erkannte den Tadel in ihrem Raunen und war sich auch darüber klar, woher er kam. Aber diese Leute saßen in einem Gerichtssaal und wussten, was geschehen war.

Er dagegen wusste, dass er nichts hätte tun können, um es zu verhindern. Sobald der Tod sich erst einmal auf den Weg gemacht hatte, konnte man ihn nur schwer aufhalten.

»Was haben Sie dann gemacht?«

»Wir aßen zu Abend und blieben noch eine Weile auf und sahen fern, dann ging Madame Gamache zu Bett.«

»Und Sie?«

»Ich schenkte mir eine Tasse Kaffee ein und ging in mein Arbeitszimmer.«

»Um zu arbeiten?«

»Ich schaltete das Licht nicht ein. Ich saß im Dunkeln da und habe hinaus auf den Dorfanger gesehen.«

Eine dunkle Gestalt, die die andere beobachtete.

Während er so dasaß, hatte Armand Gamache den Eindruck, dass sich etwas verändert hatte.

Die dunkle Gestalt hatte sich bewegt, ein wenig zur Seite gedreht.

Und beobachtete nun ihn.

»Wie lange sind Sie dort geblieben?«

»Eine Stunde, vielleicht etwas länger. Ich konnte kaum etwas erkennen. Er war eine dunkle Gestalt im Dunkeln. Als ich noch einmal mit den Hunden nach draußen ging, war er weg.«

»Dann hätte er irgendwann vorher verschwinden können? Vielleicht sogar, gleich nachdem Sie sich hingesetzt hatten. Sie haben nicht gesehen, wie er verschwand?«

»Nein.«

»Ist es möglich, dass Sie eingenickt waren?«

»Das ist möglich, aber ich habe nicht das erste Mal jemanden überwacht.«

»Andere beobachten. Das ist etwas, das Sie mit ihm gemeinsam hatten«, sagte Zalmanowitz.

Die Bemerkung überraschte Chief Superintendent Gamache, und er hob die Augenbrauen, nickte aber dabei. »Ja, das kann man so sagen.«

»Und am nächsten Tag?«

»War er zurück.«

3

Judge Corriveau fand, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Mittagspause gekommen war.

Der Chief Superintendent würde noch viele Tage im Zeugenstand sein. Wo er befragt und ins Kreuzverhör genommen werden würde.

Es war stickig im Gerichtssaal, und beim Hinausgehen bat sie den Wachmann, während der Mittagspause die Klimaanlage einzuschalten.

Als Maureen Corriveau an diesem Morgen auf dem Richterstuhl Platz genommen hatte, war sie froh gewesen, dass ihr erster Mordprozess ziemlich unkompliziert war. Mittlerweile hatte sie ihre Zweifel.

Die gesetzliche Seite war ihr natürlich klar. Das war ein Kinderspiel. Selbst das Erscheinen der verhüllten Gestalt im Dorf war, bei aller Seltsamkeit, vom Gesetz her klar zu beurteilen.

Was sie dagegen, mehr als die unerträgliche Hitze, zum Schwitzen brachte, war die unerklärliche Feindseligkeit, die sich so rasch zwischen dem Staatsanwalt und seinem eigenen Zeugen entsponnen hatte.

Es war nicht irgendein Zeuge. Nicht ein x-beliebiger, für die Festnahme verantwortlicher Polizeibeamter. Es war, verdammt noch mal, der Leiter der Sûreté.

Der Staatsanwalt maßregelte den Chief Superintendent nicht bloß, er ging ihn regelrecht an. Und das gefiel Monsieur Gamache kein bisschen.

Sie war keine erfahrene Richterin, aber als Verteidigerin hatte sie gelernt, menschliches Verhalten zu beurteilen. Und die menschliche Natur.

Da passierte noch etwas in ihrem Gerichtssaal, und Judge Corriveau war entschlossen herauszukriegen, was.

»Seh nur ich das so, oder läuft dieser Prozess schon jetzt etwas aus dem Ruder?«, fragte Jean-Guy Beauvoir, als er seinen Chef auf dem Flur des Palais de Justice traf.

»Aber nein«, sagte Gamache und wischte sich mit seinem Taschentuch übers Gesicht. »Alles läuft rund.«

Beauvoir lachte. »Womit du sagen willst, dass alles merde ist.«

»Genau. Wo ist Isabelle?«

»Sie ist vorausgegangen«, sagte Beauvoir. »Sie sieht im Büro nach dem Rechten.«

»Gut.«

Gamache höchstpersönlich hatte Isabelle Lacoste als Leiterin der Mordkommission ausgewählt, als er den Posten räumte. Es hatte Murren gegeben, als Gamaches Nachfolge bekannt gemacht wurde. Man warf ihm Begünstigung vor.

Alle kannten die Geschichte. Gamache hatte Lacoste vor einigen Jahren angeworben, als man sie aus der Sûreté vertreiben wollte. Weil sie anders war. Weil ihr das Gehabe ihrer Kollegen zuwider war. Weil sie versuchte, Verdächtige zu verstehen, und nicht, sie zu brechen.

Weil sie sich in Anwesenheit anderer Beamter neben der Leiche einer Frau niederkniete und versprach, ihr dabei zu helfen, Frieden zu finden.

Man hatte sich über Agent Lacoste lustig gemacht, sie an den Pranger gestellt, auf subtile Weise zurechtgewiesen und schließlich ins Büro ihres Vorgesetzten beordert, wo sie auf Chief Inspector Gamache getroffen war. Er hatte von der seltsamen jungen Beamtin gehört, über die sich alle lustig machten, und wollte sie kennenlernen.

Statt auf die Straße gesetzt zu werden, wurde sie von Gamache in die prestigeträchtigste Abteilung der Sûreté du Québec geholt. Sehr zum Verdruss ihrer ehemaligen Kollegen.

Und dieser Verdruss nahm zu, als sie die Karriereleiter hochkletterte und Chief Inspector wurde. Doch statt auf die Nörgler einzugehen, wozu sie einige innerhalb ihrer Abteilung aufgefordert hatten, hatte Lacoste einfach ihre Arbeit gemacht.

Und diese Arbeit war, so ihre feste Überzeugung, einfach, wenn auch nicht leicht.

Mörder dingfest machen.

Der Rest war nebensächlich.

Am Ende des Tages ging Chief Inspector Lacoste nach Hause zu ihrem Mann und ihren kleinen Kindern. Aber einen Teil ihrer Arbeit nahm sie mit, sorgte sich um die Opfer und die Mörder, die immer noch dort draußen waren. So wie sie auch immer ihre Familie mitnahm, wenn sie zur Arbeit ging. Die Sorge, in welchen Kreisen, welcher Gesellschaft sie sich wiederfanden, wenn sie ihr sicheres Zuhause verließen.

»Ich habe gerade eine SMS bekommen«, sagte Beauvoir. »Isabelle hat alle im Besprechungszimmer versammelt. Sie hat Sandwiches bestellt.«

Beide Informationen schienen dieselbe Wichtigkeit für ihn zu haben.

»Merci«, sagte Gamache.

Die Gerichtssäle des Palais de Justice leerten sich über Mittag, und auf den Fluren drängten sich Gerichtsdiener, Zeugen und Zuschauer.

Hin und wieder war eine Gestalt in einer schwarzen Robe zu sehen.

Anwälte, die Gamache kannte. Oder Richter. Die es auch eilig hatten, etwas zu essen zu bekommen.

Der eigentlich vertraute Anblick ließ ihn jetzt zusammenzucken.

Inspector Beauvoir sagte nichts zu Gamaches Zeugenaussage am Vormittag. Allein der angestrengte Ausdruck auf dem Gesicht seines Chefs verriet ihm, ob alles nach Plan lief. Oder nicht.

Chief Superintendent Gamache verschanzte sich hinter einem hohen, festen Wall aus höflicher Zurückhaltung, den selbst sein Schwiegersohn nicht überwinden konnte.

Beauvoir wusste genau, was sich hinter diesem Wall befand und hervorbrechen wollte. Und er wusste auch, dass der Staatsanwalt nicht wirklich wollte, dass es hervorbrach.

Rasch liefen sie durch die kopfsteingepflasterten Straßen von Vieux-Montréal, ein vertrauter und oft gegangener Weg zwischen ihrem Büro und dem Gerichtsgebäude. An hell erleuchteten Restaurants mit niedrigen Decken vorbei, in denen sich die Mittagsgäste drängten.

Jean-Guy sah hinein, blieb jedoch nicht stehen.

Vor ihnen lag das Hauptquartier der Sûreté, das sich inmitten der Altstadt erhob. Über sie wachte.

Kein schönes Gebäude, dachte Beauvoir. Aber es erfüllte seine Funktion. Und es hatte eine Klimaanlage.

Die beiden traten aus einer schmalen Straße auf den offenen Platz vor der Basilika Notre-Dame und machten einen Bogen um die Touristen, die sich vor der Kathedrale gegenseitig fotografierten.

Wenn sie in vielen Jahren die Fotos betrachteten, dann würden sie den herrlichen Bau sehen und eine Menge verschwitzter Leute in Shorts und leichten Sommerkleidern, die in der sengenden Hitze dahinschmolzen, während die Sonne auf das Kopfsteinpflaster brannte.

Klimatisierte Luft schlug ihnen entgegen, kaum hatten sie die Sûreté betreten. Nur war sie nicht angenehm erfrischend, keine Erleichterung, sondern fühlte sich wie ein Schneeball mitten ins Gesicht an.

Die Polizisten in der Eingangshalle salutierten vor dem Chef, während Gamache und Beauvoir zum Aufzug gingen. Als sie im obersten Stockwerk angekommen waren, waren sie schweißgebadet. Seltsamerweise brachte die kalte Luft sie erst recht zum Schwitzen.

Sie betraten Gamaches Büro mit seinen deckenhohen Fenstern, die über Montréal blickten und weiter über den Sankt-Lorenz-Strom zu den fruchtbaren Ebenen und den Bergen am Horizont. Dahinter lag Vermont.

Das Tor in die USA.

Gamache blieb einen Moment stehen und starrte auf die Gebirgskette. Sie war durchlässiger, als sie aus der Entfernung wirkte.

Dann öffnete er eine Schublade und bot Beauvoir ein frisches Hemd an.

Beauvoir lehnte dankend ab. »Brauch ich nicht. Ich war nicht im Zeugenstand.« Er ging zur Tür. »Ich geh schon mal in den Besprechungsraum.«

Gamache wechselte schnell sein Hemd, dann gesellte er sich zu Beauvoir, Lacoste und den anderen.

Sie standen auf, als er das Zimmer betrat, und er forderte sie mit einer Geste auf, sich zu setzen, bevor er selbst Platz nahm.

»Erzählen Sie, was Sie haben.«

Die nächste halbe Stunde hörte er zu und nickte. Stellte ein paar Fragen. Ließ das Gehörte sacken.

Diese Männer und Frauen, die er aus verschiedenen Abteilungen abgezogen hatte, waren handverlesen. Und das wussten sie.

Es war eine neue Ära. Eine neue Sûreté. Gamache wusste, dass sein Job nicht darin bestand, den Status quo aufrechtzuerhalten. Oder in Ordnung zu bringen, was nicht gut lief.

Sein Job bestand darin, etwas Neues aufzubauen. Institutionelles Gedächtnis und Erfahrung waren dabei zwar wichtig, aber wesentlich wichtiger war ein solides Fundament.

Die Beamten in diesem Raum waren dieses Fundament, auf dem sich eine ganz neue Sûreté du Québec erhob. Stark. Transparent. Verantwortlich. Anständig.

Er war der Architekt und maßgeblicher an dem Aufbau beteiligt als seine Vorgänger, von denen einige das frühere korrupte System installiert hatten und andere es einfach laufen ließen, indem sie wegsahen. Oder Angst hatten, etwas zu sagen.

Gamache sah genau hin. Und er verlangte von seinen erfahrenen Kollegen, dass sie dasselbe taten.

Er verlangte von ihnen, Fragen zu stellen. Ihn infrage zu stellen. Die Pläne. Ihre Kollegen. Sich selbst. Und tatsächlich hatten viele den neuen Chef heftig infrage gestellt, als er, kurz nachdem er die neue Stelle angetreten, ihre Dossiers gelesen und sich ihre Briefings angehört hatte, sie mit der neuen Realität konfrontiert hatte.

»Es wird schlimmer«, hatte er gesagt. »Sehr viel schlimmer.«

Das war vor fast einem Jahr gewesen. In ebendiesem Besprechungszimmer.

Sie hatten ihn angesehen, als er ihnen auseinandersetzte, was »sehr viel schlimmer« bedeutete. Manche begriffen es nicht. Andere verstanden ihn sehr genau. Auf die Ungläubigkeit in ihren Gesichtern folgte der Schock.

Er hatte sich ihre Einwände und ihre Argumente angehört. Und dann sagte er etwas, von dem er gehofft hatte, es sei nicht nötig. Er wollte ihr Selbstvertrauen und ihren Tatendrang nicht zerstören. Oder ihre Entschlossenheit untergraben.

Aber es wurde ihm klar, dass sie es wissen mussten. Sie verdienten es.

»Wir haben verloren.«

Verständnislos sahen sie ihn an. Und dann wurden einige, die seinem Bericht ohne Vorbehalte gefolgt waren, blass.

»Wir haben verloren«, wiederholte er, und seine Stimme klang gelassen. Ruhig. Fest. »Der Krieg gegen die Drogen wurde vor langer Zeit verloren. Schon das war schlimm, aber dann ist ein Dominoeffekt eingetreten. Denn wenn wir die Drogen nicht mehr unter Kontrolle haben, verlieren wir die Kontrolle über alle Verbrechen. So weit ist es noch nicht. Aber es wird dazu kommen. Bei dem Tempo, in dem sich die Dinge entwickeln und verstärken, werden wir in einigen Jahren überrollt werden.«

Natürlich hatten sie widersprochen. Es nicht sehen wollen. Nicht akzeptieren. Genauso wie er selbst, bevor er die Informationen zusammengetragen und in Verbindung zueinander gebracht hatte. Früher hatten die Abteilungen miteinander konkurriert, hatten ihr Territorium verteidigt. Nur widerstrebend hatten sie Daten und Statistiken miteinander geteilt. Vor allem solche, die sie womöglich nicht gut aussehen ließen.

Gamache hatte den Eindruck, er war der Erste, der alle Informationen zusammentrug. Miteinander verknüpfte.

Er fragte sich, ob sich der Kapitän eines großen Schiffes so fühlte, wenn allein er wusste, dass sie sanken. Alle anderen sahen das Unheil nicht kommen. Für sie lief alles wie gehabt.

Er jedoch wusste, dass langsam, aber sicher ein Sturm aufzog.

Anfangs hatte er es auch nicht sehen wollen. Immer wieder war er die Akten durchgegangen. Die Zahlen. Die Prognosen.

Dann hatte er eines Tages im Frühherbst, in seinem Haus in Three Pines, seine Hand auf das letzte Dossier gelegt, war von seinem Sessel am Kamin aufgestanden und zu einem Spaziergang aufgebrochen.

Allein. Ohne Reine-Marie. Ohne Gracie. Ohne Henri, der verwirrt und enttäuscht an der Tür gestanden hatte. Seinen Ball im Maul.

Gamache war gelaufen und gelaufen. Er hatte sich auf eine Bank oberhalb des Dorfes gesetzt und ins Tal hinuntergesehen. Über die Wälder. Die Berge, von denen manche zu Québec gehörten, andere zu Vermont.

Die Grenze konnte man von hier aus nicht sehen.

Dann hatte er den Kopf gesenkt und ihn in die Hände gestützt. Er war so sitzen geblieben und hatte die Welt ausgesperrt. Das Wissen.

Bis er wieder aufstand und weiterlief. Stundenlang.

Auf der Suche nach einer Lösung.

Was, wenn sie ein größeres Budget hätten? Mehr Leute anwarben? Mehr Ressourcen aufwendeten, um der Krise zu begegnen?

Es musste doch etwas geben, was getan werden konnte. So hoffnungslos konnte die Lage nicht sein.

Er hielt erst inne, als er wieder bei sich selbst ankam. Bei dem Armand, der am Rand der ruhigen Straße stand, mitten im Nirgendwo, und wartete. An der Kreuzung von Wahrheit und Wunschdenken.

Wo die gerade Straße abbog.

Und da wusste er es. Sie würden alle untergehen. Nicht nur die Sûreté, sondern die gesamte Provinz. Nicht unbedingt seine Generation. Aber die nächste. Und die übernächste. Seine Enkel.

Das Wasser stand ihm bis zum Hals. Sie würden in Verbrechen versinken.

Und noch etwas wusste er. Etwas, von dem er wünschte, er wüsste es nicht, das er aber auch nicht leugnen konnte.

Es gab nichts, was sie tun konnten. Sie hatten längst den Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gab, und ihn hinter sich gelassen. Und es war kein Rettungsboot in Sicht. Dafür hatte die Korruption innerhalb der Regierung und der Polizei gesorgt.

»Was sollen wir also tun?«, fragte einer der älteren Polizisten bei diesem Treffen. »Aufgeben?«

»Nein. Ich habe keine Lösung. Noch nicht. Also reißen wir uns am Riemen, machen unsere Arbeit, kommunizieren. Sammeln Informationen und teilen sie miteinander.«

Ernst sah er einen nach dem anderen an.

»Und wir versuchen, kreative Lösungen zu entwickeln. Was Ihnen auch einfällt, kommen Sie damit zu mir. Egal, wie verrückt es sich anhört.«

Er spürte keine Verzweiflung in dem Raum, noch nicht. Noch keine Panik, aber beinahe.

Und jetzt, viele Monate später, saßen sie wieder in dem Besprechungsraum.

Damals hatte alles düster ausgesehen. Jetzt standen sie kurz, ganz kurz vor ihrem ersten bedeutenden Sieg.

Aber es hing von diesem Prozess ab. Wie er endete, aber auch welchen Verlauf er nahm.

Absurderweise hatte die Lage am besten ausgesehen, als sie am schlimmsten war. Québec, die Sûreté hatte funktioniert, wie sie sollte.

Und jetzt, wo es einen Hoffnungsfunken gab, schien alles außer Kontrolle zu geraten.

Führende Politiker und eine Handvoll Presseleute hatten vor nicht allzu langer Zeit bemerkt, dass von der Sûreté-Leitung getrickst wurde.

Die Zahl der Festnahmen war gestiegen. Und eine Weile wurde das vonseiten der Politiker und ihrer Wähler regelrecht gefeiert.

Bis Enquête, ein Fernsehmagazin von Radio-Canada, nachgebohrt und festgestellt hatte, dass die gestiegene Zahl von Festnahmen vor allem mehr oder weniger unbedeutende Verbrechen betraf.

»Erklären Sie mir das«, hatte der Premierminister von Québec gefordert, als er am nächsten Tag Chief Superintendent Gamache in sein Büro in Québec City beordert hatte.

Der Premier hatte auf eine dicke Akte auf seinem Schreibtisch geklopft. Selbst vom anderen Ende des Zimmers aus hatte Gamache gesehen, worum es sich handelte.

Ein Ausdruck des neuesten Monatsberichts über die Aktivitäten der Sûreté.

»Ich habe das geprüft. Es stimmt, was diese Idioten von Enquête sagen, Armand. Ja, die Zahl der Festnahmen ist gestiegen, und Gott sei Dank haben Sie es auch geschafft, ein paar Mörder zu erwischen, aber was ist mit dem Rest? Seit Sie den Laden übernommen haben, gab es in den anderen Abteilungen keine nennenswerten Festnahmen. Keine Motorradgangmitglieder, niemand von der organisierten Kriminalität. Kein Drogenhändler, es wurde nicht mal was beschlagnahmt. Ein paar Kleindealer, aber das war’s auch schon. Was machen Sie eigentlich da drüben?«

»Gerade Sie sollten wissen«, Gamache deutete mit dem Kinn zu der Akte, »dass Statistiken wenig Aussagekraft haben.«

»Wollen Sie damit sagen«, der Premier legte die Hand auf die Akte, »dass das alles gelogen ist?«

»Nein, nicht gelogen. Aber auch nicht die ganze Wahrheit.«

»Bewerben Sie sich etwa für ein Amt oder was soll das Rumgeeiere? Solche Ausweichmanöver bin ich von Ihnen nicht gewohnt.«

Er funkelte Gamache an, der seinem Blick standhielt, aber nichts mehr sagte.

»Was haben Sie vor, Armand? Lieber Gott, sagen Sie mir nicht, dass alles stimmt, was die von Enquête behaupten.«

Man hatte in der Sendung, ohne konkret zu werden, durchblicken lassen, dass Gamache womöglich inkompetent sei oder wie seine Vorgänger auf der Lohnliste des organisierten Verbrechens stand.

»Nein«, sagte Gamache. »Mir ist klar, wie sie zu diesen Schlussfolgerungen oder Mutmaßungen kommen. Aber es stimmt nicht, was bei Enquête behauptet wurde.«

»Sondern? Bitte sagen Sie es mir. Geben Sie mir etwas. Irgendetwas. Jedenfalls etwas anderes als diesen Mist hier.« Er schob die Akte mit solcher Vehemenz über den Tisch, dass sie über den Rand fiel und ihr Inhalt sich auf dem Boden verteilte. »Sie verstreuen Haftbefehle wie Konfetti, um gut dazustehen, bis jemand merkt, dass es nur Bagatellen betrifft. Bis die Idioten von Enquête es merken.«

»Wir verhaften Mörder.«

»Na, herzlichen Glückwunsch«, sagte der Premier.

Sie kannten sich seit langer Zeit. Seit Gamache ein junger Polizist gewesen war und der Premier sein Referendariat in der Rechtshilfe gemacht hatte.

»Sie bezeichnen Sie als den schlechtesten Chief Superintendent der Sûreté seit Ewigkeiten. Das muss man erst mal schaffen!«

»Da haben Sie recht«, sagte Gamache. »Aber glauben Sie mir, ich bin an etwas dran. Wirklich.«

Der Premier hatte ihm in die Augen gesehen, nach der Lüge gesucht.

Dann beugte sich Gamache vor und sammelte den Bericht ein. Er reichte ihn dem Premier, der den Stapel mit den vielen Statistiken und den wenigen konkreten Maßnahmen in der Hand behielt.

»Die Leute aus meiner eigenen Partei werden unruhig, sie haben Blut gewittert«, sagte der Premier. »Ihres oder meines. Das ist denen egal. Sie wollen, dass etwas vorangeht, oder einen Sündenbock. Tun Sie etwas, Armand. Geben Sie ihnen, was sie wollen. Was sie verdienen. Eine Festnahme von Bedeutung.«

»Ich bin an etwas dran.«

»Das« – der Premier legte seine Hand mit erstaunlicher Sanftheit auf den Papierstapel – »ist nicht ›etwas‹. Nicht annähernd. Bitte. Ich flehe Sie an.«

»Und ich flehe Sie an. Vertrauen Sie mir«, sagte Armand leise. »Sie müssen mir Gelegenheit geben, die Ziellinie zu erreichen.«

»Was soll das heißen?«, fragte der Premier im gleichen Flüsterton.

»Das wissen Sie.«

Und der Premier, der Québec ebenso liebte wie die Macht, wurde blass. Er wusste, dass er womöglich eines von beiden aufgeben musste, um das andere zu retten.

Armand Gamache betrachtete den guten Mann vor sich und überlegte, wer von ihnen die nächsten paar Monate überleben würde. Wochen. Tage. Wenn das Feuerwerk an St.-Jean-Baptiste Ende Juni den Himmel erleuchtete, wer von ihnen würde dastehen und das Spektakel genießen?

Wer von ihnen würde noch auf seinem Posten sein?

Chief Superintendent Gamache war mit dem Zug zurück nach Montréal gefahren und vom Bahnhof durch die Altstadt in sein Büro gegangen. Einige Passanten drehten sich nach ihm um, als sie ihn aus der populären Fernsehsendung erkannten, die am Abend zuvor ausgestrahlt worden war.

Vielleicht erkannten sie ihn auch aus früheren Medienberichten.

Bevor er zum ranghöchsten Beamten der Sûreté geworden war, war Armand Gamache der bekannteste Polizist von Québec gewesen.

Doch jetzt lag in den Blicken weniger Anerkennung oder Respekt als vielmehr Misstrauen. Und Amüsement. Es fehlte nicht viel, und er wurde zur Witzfigur.

Aber Armand Gamache konnte an diesen Blicken vorbeisehen, zur Ziellinie.

Das war Mitte Juni gewesen. Fast auf den Tag genau vor einem Monat. Jetzt blickte Gamache auf die Uhr und erhob sich.

»Ich muss zurück ins Gericht.«

»Wie läuft’s, patron?«, fragte Madeleine Toussaint, Leiterin der Abteilung für Schwerverbrechen.

»Wie erwartet.«

»So schlimm?«

Gamache lächelte. »So gut.«

Sie sahen einander in die Augen, und dann nickte sie.

»Sie erwarten einen Bericht von einem Informanten auf den Magdalenen-Inseln«, sagte er. Er versuchte, nicht allzu hoffnungsvoll zu klingen. Oder würde »verzweifelt« es eher treffen?

Den Bericht hatte sie während des Meetings erwähnt. Bei den anderen hatte es nur mäßiges Interesse geweckt. Nur einigen wenigen war klar, was er bedeuten könnte.

»Meinen Sie, Sie wissen bis zum Meeting heute Abend Näheres?«, fragte Beauvoir.

»Hoffentlich. Es hängt im Grunde alles von dem Prozess ab, was?«, sagte Toussaint.

Gamache nickte. Ja. Tat es.

Superintendent Toussaint kehrte in ihr Büro zurück, und Beauvoir und Chief Inspector Lacoste blieben mit Gamache zurück.

»Apropos Prozess«, sagte Lacoste und sammelte ihre Unterlagen ein, »ich glaube, ich habe noch nie miterlebt, dass ein Staatsanwalt seinen eigenen Zeugen derart angeht. Und die Richterin sicher auch nicht. Sie ist neu, aber man sollte sie nicht unterschätzen.«

»Nein«, sagte Gamache, der den scharfen Blick von Judge Corriveau bemerkt hatte.

Sie gingen den Flur hinunter, und der Aufzug kam. Lacoste stieg auf ihrem Stockwerk aus.

»Viel Glück«, sagte sie zu Gamache.

»Ihnen auch«, sagte er.

»Bald sind wir am Ziel, patron«, sagte Isabelle, als die Türen sich wieder schlossen.

Bald, dachte Gamache. Aber er wusste, dass die meisten Unfälle vor der eigenen Haustür passierten.

»Chief Superintendent Gamache, Sie haben heute Morgen ausgesagt, dass die Gestalt auf dem Dorfanger in Three Pines am nächsten Tag wieder da war. Was haben Sie bei ihrem Anblick empfunden?«

»Einspruch. Das ist irrelevant.«

Judge Corriveau überlegte: »Ich werde die Frage zulassen. In der Verhandlung geht es um Tatsachen, aber Empfindungen sind auch Tatsachen.«

Chief Superintendent Gamache überlegte, bevor er antwortete.

»Ich war verärgert, dass der Dorffrieden gestört wurde. Unser Leben beeinträchtigt.«

»Und doch stand er dort.«

»Das stimmt. Sie haben gefragt, was ich empfunden habe, und das war es.«

»Hatten Sie Angst vor ihm?«

»Ein bisschen vielleicht. Unsere Mythen und Sagen sind tief in uns verwurzelt, und er sah aus wie der Tod. Vom Verstand her wusste ich, dass er es nicht war, aber in mir spürte ich eine Eiseskälte. Ganz« – er suchte nach dem richtigen Wort – »instinktiv.«

»Und dennoch haben Sie nichts getan.«

»Wie ich schon vor der Mittagspause gesagt habe, gab es nichts, was ich hätte tun können, außer mit ihm zu sprechen. Wenn ich mehr hätte tun können, dann hätte ich es getan.«

»Tatsächlich? Wenn man nach den jüngsten Berichten über die Sûreté geht, kann man daran seine Zweifel haben.«

Lautes Gelächter im Gerichtssaal war die Antwort.

»Genug«, sagte Judge Corriveau. »Treten Sie vor.«

Der Staatsanwalt folgte der Aufforderung.

»In meinem Gerichtssaal werden Sie niemanden in dieser Weise behandeln, verstehen Sie? Das war beschämend – für Sie, für die Staatsanwaltschaft und für dieses Gericht. Sie werden sich beim Chief Superintendent entschuldigen.«

»Tut mir leid«, sagte der Staatsanwalt, dann drehte er sich zu Gamache. »Entschuldigen Sie. Ich hätte meiner Verwunderung nicht so offen Ausdruck verleihen dürfen.«

Die Richterin seufzte genervt, beließ es aber dabei.

»Merci. Ich nehme Ihre Entschuldigung an«, sagte Gamache.

Dabei sah Gamache den Staatsanwalt jedoch so durchdringend an, dass dieser einen Schritt zurückwich. Weder den Geschworenen noch dem Publikum entgingen der Blick und die Reaktion.

Beauvoir, der auf der Empore saß, nickte anerkennend.

»Dann sprachen Sie ihn also am nächsten Morgen erneut an?«, fragte Zalmanowitz. »Was haben Sie gesagt?«

»Ich sagte ihm noch einmal, er solle vorsichtig sein.«

»Nicht Ihnen gegenüber, offensichtlich«, sagte der Staatsanwalt.

»Nein. Demjenigen gegenüber, auf den er es abgesehen hatte.«

»Dann glaubten Sie mittlerweile nicht mehr, dass es ein Scherz war?«

»Wenn es ein Scherz gewesen wäre, dann wäre er wohl nicht zurückgekommen. Erschreckt hatte er das ganze Dorf bereits mit seinem Erscheinen. Wenn es um einen Scherz oder selbst wenn es um Rache gegangen wäre, dann hätte er sein Ziel erreicht. Nein, hier ging es um mehr. Da war jemand fest entschlossen. Er meinte es ernst.«

»Glauben Sie, er wollte jemandem schaden?«, fragte der Staatsanwalt.

Das war eine schwierige Frage, und Chief Superintendent Gamache überlegte. Dann schüttelte er langsam den Kopf.

»Ich hatte wirklich keine Ahnung, was er bezweckte. Außer dass es irgendeine Art von Unheil sein musste. Er stellte absichtlich eine Bedrohung dar. Aber wollte er jemandem Gewalt antun? Wenn ja, warum sollte er dann den Betreffenden warnen? Warum diese Aufmachung? Warum tat er es nicht einfach im Schutz der Dunkelheit? Den Betreffenden überfallen, vielleicht sogar umbringen? Warum nur in aller Öffentlichkeit dastehen?«

Tief in Gedanken sah Gamache am Staatsanwalt vorbei.

Der Staatsanwalt wirkte perplex. Es kam so gut wie nie vor, dass jemand im Zeugenstand nachdachte. Normalerweise antworteten Zeugen auf Fragen, indem sie in eingeübten Worten die Wahrheit oder eine sorgfältig ausgedachte Lüge erzählten.

Aber nur selten dachten sie nach.

»Wobei man jemanden natürlich auf unterschiedliche Art verletzen kann, nicht wahr?«, sagte Gamache ebenso zu sich wie zum Staatsanwalt.

»Nun, welche Absicht er ursprünglich auch verfolgt haben mag«, sagte Monsieur Zalmanowitz, »die Sache endete jedenfalls mit einem Mord.«

Jetzt konzentrierte Gamache seinen Blick, aber nicht auf den Staatsanwalt. Er drehte den Kopf zur Anklagebank.

»Ja, das stimmt.«

Vielleicht, dachte er, ohne es zu sagen, reichte es nicht, einfach zu morden. Vielleicht ging es gerade darum, zuerst Angst und Schrecken zu verbreiten. Wie die Schotten und ihre kreischenden Dudelsäcke, mit denen sie ins Gefecht zogen, oder die Maori und ihr Haka.

Es ist der Tod. Es ist der Tod, singen sie. Um den anderen in Schockstarre zu versetzen.

Das schwarze Ding war keine Warnung, es war eine Prophezeiung.

»Meines Wissens haben Sie ein Foto von der Gestalt gemacht«, sagte der Staatsanwalt und trat vor seinen Zeugen, stellte sich zwischen Gamache und die Verteidigung. Sodass der Blickkontakt zwischen ihnen unterbrochen wurde.

»Ja«, sagte Gamache und richtete seine Augen wieder auf den Anklagevertreter. »Ich habe es meinem Stellvertreter geschickt. Inspector Beauvoir.«

Der Staatsanwalt wandte sich an den Gerichtsdiener.

»Beweisstück A.«

Auf dem großen Bildschirm erschien ein Foto.

Wenn der Staatsanwalt mit Schreckensrufen aus den Zuschauerreihen hinter sich gerechnet hatte, wurde er enttäuscht.

Es herrschte völliges Schweigen, so als wäre der Gerichtssaal plötzlich verwaist. Die Stille war so vernehmlich, dass er sich umdrehte, um sicherzugehen, dass die Zuschauer noch da waren.

Sie starrten verblüfft auf das Foto. Einige mit offenem Mund.

Auf dem Bildschirm war ein ruhiges kleines Dorf zu sehen. An den Bäumen hingen keine Blätter mehr, sodass die Äste nackt in den Himmel ragten. Drei große Kiefern erhoben sich auf dem Dorfanger.

Im Gegensatz zu dem hellen, sonnigen Sommertag hinter den Fenstern des Gerichtssaals war es an dem Tag, an dem das Foto gemacht worden war, grau und feucht gewesen. Was die Häuser aus Naturstein, Schindeln und rotem Ziegel und mit dem warmen Licht in den Fenstern umso einladender aussehen ließ.

Es hätte ein Bild des Friedens sein können. Der Ruhe und Harmonie. War es aber nicht.

Mitten auf dem Foto war ein schwarzes Loch. Als wäre etwas aus dem Bild ausgeschnitten worden. Aus der Welt.

Hinter dem Staatsanwalt war ein Seufzer zu vernehmen. Lange, laut, so als sickerte das Leben aus dem Gerichtssaal.

Die meisten der Anwesenden sahen das schwarze Ding zum ersten Mal.

4

»Und jetzt?«, fragte Matheo Bissonette und drehte sich vom Fenster weg, um Lea anzusehen. Nach dem Frühstück waren sie in den Salon der Pension gegangen und hatten sich an den Kamin gesetzt.

Trotz seines Pullovers und des Kaminfeuers fröstelte ihn.

»Er hat gerade ein Foto von dem Ding gemacht«, sagte Matheo. »Es wirft ein schlechtes Licht auf uns, wenn wir noch länger warten.«

»Schlecht?«, sagte Lea. »Meinst du nicht, ein noch schlechteres?«

»Wir hätten gestern etwas sagen sollen«, sagte Patrick. Seine Stimme, immer etwas weinerlich, klang jetzt fast wie die eines Dreijährigen. »Sie werden sich fragen, warum wir nichts gesagt haben.«

»Okay«, sagte Matheo und musste sich zusammenreißen, um Patrick nicht anzuschnauzen. »Dann sind wir uns ja einig. Es ist höchste Zeit.«

Es ärgerte ihn nicht so sehr, was Patrick sagte, sondern wie er es sagte. Er war schon immer der Schwächste von ihnen gewesen, und trotzdem schaffte er es jedes Mal, seinen Willen durchzusetzen. Vielleicht wollte man einfach nur, dass das Gequengel aufhörte, dachte Matheo. Es war, als würde jemand mit dem Fingernagel über eine Schiefertafel kratzen. Deshalb gaben sie nach.

Und mit zunehmendem Alter wurde es immer schlimmer. Im Moment hätte Matheo nicht nur Lust gehabt ihn anzubrüllen, sondern ihm dazu noch einen Tritt in den Hintern zu geben.

Gabri kam mit einer Kanne frischem Kaffee in den Salon und fragte: »Wo ist Katie?«

»Nicht weit von hier steht ein Glashaus«, sagte Patrick. »Kein traditionelles, so wie wir sie bauen, aber interessant. Sie wollte es sich ansehen. Vielleicht bekommen wir ein paar Ideen für das Glashaus, das wir auf den Magdalenen-Inseln bauen.«

Gabri, der lediglich aus Höflichkeit gefragt hatte, verzog sich wieder in die Küche.

Matheo blickte von seiner Frau Lea zu seinem Freund Patrick. Sie waren beide genauso alt wie er, dreiunddreißig, sahen aber zweifellos älter aus. Die Falten. Die ersten grauen Haare. War das schon immer so gewesen, oder war es erst mit dem schwarzen Umhang und der Maske gekommen?

Lea war rank und schlank wie eine Tanne gewesen, als sie sich an der Uni kennengelernt hatten. Jetzt hatte sie eher etwas von einem Ahornbaum. Rundlich. Kräftig. Es gefiel ihm. Es fühlte sich robuster an. Nicht so leicht umzuhauen.

Sie hatten zwei Kinder, beide zu Hause in der Obhut von Leas Eltern. Bei ihrer Rückkehr würde es so sein, als kämen sie in eine Raubtierhöhle. Unter dem fragwürdigen Einfluss von Leas Mutter wären die Kinder außer Rand und Band.

Fairerweise musste man sagen, dass es dazu nicht viel benötigte.

»Gamache ist mit seiner Frau im Bistro. Dort können alle mithören«, sagte Patrick. »Vielleicht sollten wir warten.«

»Aber es sollen doch alle hören«, erwiderte Lea und stand auf. »Oder? Geht’s nicht genau darum?«

Während dieses Wortwechsels sahen die Freunde einander nicht an. Sie blickten nicht einmal auf das knisternde Kaminfeuer. Alle drei starrten aus dem Fenster des Salons. Auf den Dorfanger. Verlassen. Abgesehen von …

»Warum bleibst du nicht hier?«, sagte Lea zu Patrick. »Ich geh mit Matheo.«

Patrick nickte. Er hatte sich gestern erkältet und war noch nicht wieder ganz auf der Höhe. Er schob seinen Stuhl näher ans Feuer und goss sich eine Tasse starken, heißen Kaffee ein.

Auch Armand Gamache blickte nicht auf das knisternde Feuer im großen offenen Kamin des Bistros. Er starrte aus dem Bleiglasfenster mit seinen kleinen Schönheitsfehlern und Unebenheiten. Hinaus in den kalten Novembertag und auf das Ding auf dem Dorfanger.

Man konnte meinen, es hätte jemand eine dieser Glasglocken darübergestülpt, wie man sie über tote und ausgestopfte Tiere stülpte. Die verhüllte Gestalt stand ganz allein da, abgesondert, während um sie herum die Dorfbewohner ihren täglichen Verrichtungen nachgingen. Ihr Bewegungsspielraum eingeschränkt, bestimmt von dem schwarzen Ding.

Die Dorfbewohner waren nervös. Beunruhigt. Warfen immer wieder flüchtige Blicke in seine Richtung.

Gamache ließ seinen Blick weiterwandern und sah Lea Roux und ihren Mann Matheo Bissonette aus der Pension kommen und rasch durch den kühlen Morgen gehen. Ihr Atem stieg in kleinen Wölkchen auf.

Bei ihrer Ankunft verbreiteten sie eine leichte Hektik, rieben sich Hände und Arme. Sie hatten nicht die richtige Kleidung eingepackt, nicht mit dieser selbst für November kalten Witterung gerechnet.

»Bonjour«, sagte Lea und trat an den Tisch der Gamaches.

Armand erhob sich, während Reine-Marie lächelnd nickte.

»Dürfen wir Ihnen Gesellschaft leisten?«, fragte Matheo.

»Bitte.« Reine-Marie deutete auf die unbesetzten Stühle.

»Ich habe überlegt«, sagte Lea etwas verlegen, »ob Myrna etwas dagegen hat, wenn wir uns im Buchladen unterhalten. Was meinen Sie?«

Armand warf Reine-Marie einen Blick zu, beide überrascht von dem Vorschlag. Sie stand auf.

»Solange es Myrna recht ist, warum nicht«, sagte sie. »Es sei denn …«

Sie machte eine Geste in Armands Richtung, um anzudeuten, dass sie vielleicht mit ihm allein sprechen wollten. Daran war sie gewöhnt. Manchmal gab es gewisse Dinge, über die die Leute mit einem Gesetzeshüter reden wollten und die dessen Frau nicht hören sollte.

»Non, non«, sagte Lea. »Bitte kommen Sie mit. Sie sollen es auch hören. Wir würden gern wissen, was Sie davon halten.«

Die Gamaches nahmen ihre Kaffeebecher und folgten Lea und Matheo neugierig in den Buchladen.

Myrna hatte überhaupt nichts dagegen.

»Heute Vormittag ist nicht viel los«, sagte sie. »Offenbar ist es nicht gut fürs Geschäft, wenn mitten im Dorf der Tod Wache steht. Ich werde sofort die Handelskammer benachrichtigen.«

»Bitte, bleib«, sagte Lea. »Wir würden gern auch deine Meinung hören. Stimmt’s, Matheo?«

Es war keine Frage. Obwohl er inzwischen nicht mehr ganz so überzeugt wirkte, fasste er sich rasch wieder und nickte.

»Wozu?«, fragte Myrna.

Lea bedeutete ihnen mit einer Geste, auf dem Sofa und den Sesseln Platz zu nehmen, als wäre es ihr Laden. Myrna nahm es ihr nicht übel, es gefiel ihr sogar, dass Lea sich wie zu Hause fühlte. Außerdem hatte die Geste nichts Anmaßendes. Sie war nicht herrisch, sondern bezog alle mit ein.

Sobald sie saßen, legte Matheo einen Stapel Papiere auf den Beistelltisch aus Kiefer.

Gamache betrachtete die Blätter, hauptsächlich Artikel aus spanischen Zeitungen, auf Spanisch.

»Können Sie mir sagen, worum es da geht?«

»Entschuldigung.« Matheo blätterte in dem Stapel. »Eigentlich sollte der ganz oben liegen.«

Das Rosa war unverwechselbar. Die Financial Times.

Der Artikel auf der Titelseite war mit Matheo Bissonette gezeichnet. Gamache bemerkte das Datum.

Vor achtzehn Monaten erschienen.

Zu dem Artikel gehörte ein Foto. Es zeigte einen Mann in Frack und Zylinder, in der Hand eine Aktentasche mit einem Schriftzug. Der Mann hatte etwas Elegantes und Zwielichtiges zugleich.

Gamache setzte seine Brille auf und beugte sich zusammen mit Myrna und Reine-Marie über das Bild.

»Was steht da auf der Aktentasche?«, fragte Myrna.

»Cobrador del Frac«, sagte Matheo. »Das bedeutet Schuldeneintreiber.«

Gamache hielt mit dem Lesen des Artikels inne und blickte über den Rand seiner halbmondförmigen Brillengläser.

»Fahren Sie fort.«

»Meine Eltern leben in Madrid. Vor ungefähr eineinhalb Jahren hat mir mein Vater diesen Artikel gemailt.« Matheo blätterte in den Ausdrucken und zog einen Artikel aus einer anderen Zeitung hervor. »Er hält immer Ausschau nach Meldungen, die mich interessieren könnten. Sie wissen ja, dass ich freier Journalist bin.«

Gamache nickte, seine Aufmerksamkeit war von dem spanischen Artikel gefesselt, der ebenfalls von einem Foto des Schuldeneintreibers in Frack und Zylinder begleitet war.

»Ich habe die Geschichte mehreren Zeitungen angeboten und die Financial Times hat sie gekauft. Deshalb bin ich nach Spanien geflogen und habe recherchiert. Der Cobrador del Frac ist ein typisch spanisches Phänomen, und im Zuge der Finanzkrise sind es immer mehr geworden.«

»Dieser Mann ist ein Schuldeneintreiber?«, fragte Reine-Marie.

»Ja.«

»Na, er sieht auf jeden Fall netter aus als die Schuldeneintreiber in Nordamerika«, sagte Myrna.

»Täuschen Sie sich da nicht«, sagte Matheo. »Sie sind weder anständig noch höflich. Die elegante Aufmachung ist eher eine Maske.«

»Und was wollen sie dahinter verbergen?«, fragte Gamache.

»Das, was sie eintreiben«, sagte Matheo. »Hierzulande nimmt ein Inkassobüro einem Schuldner das Auto oder das Haus oder die Möbel weg. Ein Cobrador del Frac nimmt den Leuten etwas ganz anderes weg.«

»Was denn?«, fragte Gamache.

»Ihren Ruf. Ihren guten Namen.«

»Wie macht er das?«, fragte Reine-Marie.

»Er wird als Schatten angeheuert. Er hält sich immer in einer gewissen Entfernung von dem Schuldner, spricht nie ein Wort mit ihm, ist aber immer da.«

»Immer?«, fragte Reine-Marie, während Armand zuhörte und besorgt die Stirn runzelte.

»Immer«, sagte Lea. »Er steht vor Ihrem Haus, folgt Ihnen zu Ihrer Arbeitsstelle. Steht vor Ihrem Laden. Wenn Sie in ein Restaurant oder auf eine Party gehen, ist er da.«

»Aber warum? Es gibt doch bestimmt einfachere Möglichkeiten, Schulden einzutreiben?«, sagte Reine-Marie. »Ein Schreiben von einem Anwalt. Eine Klage vor Gericht.«

»Das dauert lange, und seit dem Crash kommen die spanischen Gerichte kaum mehr hinterher«, erklärte Matheo. »Es kann Jahre dauern, bis jemand zahlt, wenn überhaupt. Die Leute konnten die unvorstellbarsten Dinge tun und kamen ungeschoren davon, sie haben anderen die Kunden und Partner und Ehefrauen abspenstig gemacht, in dem Wissen, dass sie dafür höchstwahrscheinlich nie zur Verantwortung gezogen werden. Die Betrügereien nahmen immer mehr zu. Bis sich jemand erinnerte …«

Er blickte auf das Foto. Von einem Mann in Frack und Zylinder. Erst jetzt fiel den Gamaches der Mann weiter vorne in der Menge auf, er entfernte sich eilig, warf dabei aber einen Blick über die Schulter. Einen Blick voller Angst.

Und der Cobrador del Frac folgte ihm. Sein Gesicht starr, ausdruckslos. Erbarmungslos.

In der Menge öffnete sich eine Gasse, um ihn durchzulassen.

»Er bringt die Leute dazu, aus Scham ihre Schulden zu bezahlen«, sagte Matheo. »Es ist schrecklich mitanzusehen. Anfangs hat es fast etwas Komisches, aber dann wird es gruselig. Vor kurzem war ich mit meinen Eltern in Madrid in einem Restaurant. Einem sehr schönen Restaurant. Stoffservietten und Silberbesteck. Dezente Farben. Ein Ort, an dem diskret große Geschäfte abgewickelt werden. Und draußen vor der Tür stand ein Cobrador del Frac. Erst ging der Oberkellner hinaus, um ihn zu verscheuchen, dann der Besitzer. Sie haben sogar versucht, ihn wegzustoßen. Aber er rührte sich nicht von der Stelle. Er stand mit seiner Aktentasche in der Hand da und starrte durchs Fenster.«

»Haben Sie gesehen, wen er angestarrt hat?«, fragte Reine-Marie.

»Zuerst nicht, aber zu guter Letzt hat sich der Mann selbst verraten. Er verlor die Fassung und wurde wütend. Er ging hinaus und schrie den Cobrador an. Aber der hat nicht darauf reagiert. Und als der Mann davonstürmte, drehte er sich einfach um und folgte ihm still. Ich kann nicht genau erklären, warum, aber es war beängstigend. Mir tat der Mann beinahe leid.«

»Das sollte er nicht«, sagte Lea. »Sie bekommen, was sie verdienen. Ein Cobrador del Frac wird nur im äußersten Fall eingesetzt. Man muss schon etwas besonders Schlimmes getan haben, damit einem so etwas passiert.«

»Kann jeder einen Cobrador anheuern?«, fragte Myrna. »Ich meine, woher weiß er denn, dass es sich um tatsächliche Schulden handelt? Vielleicht geht es ja nur darum, jemanden zu demütigen.«

»Die Firma überprüft das«, erwiderte Matheo. »Ich bin sicher, dass Missbrauch vorkommt, aber meistens gibt es einen guten Grund, wenn einem ein Cobrador folgt.«

»Armand?«, sagte Reine-Marie.

Er schüttelte den Kopf, die Augen zusammengekniffen.

»Klingt irgendwie nach Selbstjustiz«, sagte er. »Die Leute nehmen das Recht selbst in die Hand. Verurteilen jemanden.«

»Aber sie wenden keine Gewalt an«, sagte Lea.

»Oh doch«, sagte Gamache. Er tippte mit dem Finger auf das Gesicht des verängstigten Mannes auf dem Foto. »Nur keine körperliche.«

Matheo nickte.

»Tatsächlich ist es sehr wirkungsvoll«, sagte er. »Fast immer zahlen die Leute, und zwar schnell. Und man darf nicht vergessen, dass keine Unschuldigen ins Visier genommen werden. Das ist nicht der erste Schritt, es ist der letzte. Es ist der letzte Strohhalm, nach dem die Leute greifen, wenn alles andere fehlschlägt.«

»Und?«, sagte Gamache und sah Matheo an. »Ziehen Sie in Erwägung, den Cobrador del Frac nach Québec zu bringen? Wollen Sie von mir wissen, ob das legal wäre?«

Matheo und Lea starrten Gamache an, dann fing Matheo an zu lachen.

»Du lieber Gott, nein. Ich zeige Ihnen das, weil Lea und ich glauben, dass das da«, er deutete zum Fenster, »ein Cobrador del Frac ist.«

»Ein Schuldeneintreiber?«, fragte Gamache, und ihn überlief ein leichter Schauer. Wie bei einem Vorbeben.

Lea blickte mit wachsamen Augen von Armand zu Reine-Marie und Myrna und wieder zurück. Auf der Suche nach einem Anzeichen von Belustigung. Oder Zustimmung. Oder irgendetwas anderem. Aber ihre Gesichter waren praktisch ausdruckslos. So starr wie dieses Ding auf dem Dorfanger.

Gamache lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, öffnete den Mund, um ihn sofort wieder zu schließen, während Reine-Marie sich umdrehte und Myrna ansah.

Schließlich beugte Gamache sich zu Matheo, der sich ihm entgegenneigte.

»Ihnen ist schon klar, dass das da«, er deutete mit dem Kopf zum Dorfanger, »überhaupt keine Ähnlichkeit damit hat.« Er deutete auf das Foto.

»Ich weiß«, sagte Matheo. »Als ich für den Artikel recherchiert habe, bin ich auf Gerüchte über etwas anderes gestoßen. Etwas Älteres, das Jahrhunderte zurückreicht.« Er warf einen Blick zum Dorfanger und wandte sich dann rasch wieder ab, als dürfte man das Ding auf keinen Fall zu lange anstarren. »Der Urahn des jetzigen Cobrador. Es wurde gemunkelt, dass er noch lebt, in entlegenen Dörfern. In den Bergen. Ich konnte allerdings keinen finden, und auch niemanden, der zugegeben hätte, einen angeheuert zu haben.«

»Und dieser ursprüngliche Cobrador ist anders?«, fragte Reine-Marie.

»Auch er treibt Schulden ein, aber die Schuld ist eine andere.«

»Die Höhe der Schuld?«, fragte Gamache.

»Die Art. Das eine ist eine Geldschuld, die den Schuldner oft ruiniert«, sagte Matheo und blickte auf das Foto auf dem Tisch.

»Das andere ist eine moralische Schuld«, sagte Lea.

Matheo nickte. »Ein älterer Mann, mit dem ich in einem Dorf in der Nähe von Granada gesprochen habe, hatte einen aus der Ferne gesehen, ein einziges Mal, als Kind. Der Cobrador war einer alten Frau gefolgt. Sie verschwanden um eine Ecke, und er hat keinen von beiden jemals wiedergesehen. Er wollte nicht zitiert werden, aber er hat mir das hier gezeigt.«

Matheo zog die unscharfe Kopie eines unscharfen Fotos aus der Tasche.

»Das hat er mit seiner Boxkamera aufgenommen.«

Das Bild war körnig. Schwarzweiß.

Es zeigte eine steile, enge Straße, links und rechts von Mauern begrenzt. Ein Pferd mit Karren. Und in der Ferne, an einer Ecke, noch etwas anderes.

Gamache setzte seine Brille wieder auf und hielt sich das Blatt Papier so dicht vors Gesicht, dass es fast seine Nasenspitze berührte. Dann ließ er es sinken und reichte es Reine-Marie.

Schweigend nahm er seine Brille ab und klappte sie zusammen. Dabei blieb sein Blick die ganze Zeit über auf Matheo gerichtet.

Das Bild zeigte eine verhüllte, maskierte Gestalt. Mit hochgezogener Kapuze. Und vor der dunklen Gestalt einen verschwommenen grauen Fleck. Ein grauer Geist, der zu flüchten versuchte.

»Gegen Ende des Spanischen Bürgerkriegs aufgenommen«, sagte Matheo. »Ich finde den Gedanken furchtbar, dass …«

Es gab keinen Zweifel. Auf dem Foto, fast hundert Jahre alt, war das Ding zu sehen, das jetzt mitten in Three Pines stand.

»Und haben Sie das geglaubt, Chief Superintendent?«, fragte der Staatsanwalt.

Aus dem Mund des Staatsanwalts klang sein Rang eher wie eine Verhöhnung und nicht wie etwas Respektables.

»In diesem Moment wusste ich nicht genau, was ich glauben sollte. Es kam mir nicht nur ungewöhnlich, sondern sogar unglaublich vor. Dass ein uralter spanischer Schuldeneintreiber in einem kleinen Dorf in Québec aufgetaucht sein sollte. Und ich hätte es auch nicht geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Das Foto und das Ding selbst.«

»Wenn ich es richtig verstanden habe, nahmen Sie dieses Bild, das Matheo Bissonette Ihnen zeigte, an sich.«

»Eine Kopie davon, ja.«

Der Staatsanwalt wandte sich dem Gerichtsdiener zu.

»Beweisstück B.«

Das Foto von Three Pines an jenem grauen Novembermorgen wurde gegen etwas ausgetauscht, das beim ersten Hinsehen an einen Rorschachtest erinnerte. Verschwommene schwarze und graue Flecken mit verlaufenden Rändern.

Und dann trat ein Bild hervor.

»Ist es das?«

»Ja«, sagte Gamache.

»Und ist es das, was auf Ihrem Dorfanger stand?«

Gamache betrachtete das Bild, den Eintreiber moralischer Schulden, und erneut überlief ihn dieser Schauer.

»Ja.«

5

Jacqueline knetete den Teig. Beugte sich darüber. Er fühlte sich gleichzeitig weich und fest unter ihren Händen an. Es hatte etwas Meditatives und Sinnliches, wie sie sich sanft vor und zurück wiegte, vor und zurück.

Die Augen geschlossen.

Sie knetete und wiegte sich. Knetete und wiegte sich.

Zwei andere Hände, älter, kälter, kräftig, legten sich auf ihre.

»Ich denke, das reicht, ma belle«, sagte Sarah.

»Oui, madame.«

Jacqueline wurde rot, als ihr klar wurde, dass sie den Baguetteteig schon wieder überknetet hatte.

Wenn sie das nicht endlich hinbekam, würde sie ihren Job verlieren. Ganz gleich, wie gut ihre Brownies und Torten und Millefeuilles waren, wenn man in Québec kein Baguette backen konnte, war man in einer kleinen Bäckerei fehl am Platz. Sarah würde sie nicht gern gehen lassen, aber sie hätte keine andere Wahl.

Alles hing davon ab. Und sie vermasselte es.

»Sie bekommen den Bogen schon noch raus«, beruhigte sie Sarah. »Wie wär’s, wenn Sie Ihre Petit Fours fertig machen? Madame Morrow hat zwei Dutzend bestellt. Sie sagt, sie erwartet Gäste, aber …«

Sarah lachte. Ein volles, von Herzen kommendes Lachen. Ein Gegenmittel für Jacquelines Ängste.

Jacqueline fragte sich, ob Anton nebenan war und kochte. Ein Gericht zu kreieren versuchte, mit dem er Olivier beeindrucken konnte. Mit dem er den Bistrobesitzer davon überzeugen konnte, ihn zum Chefkoch zu befördern. Oder zum Souschef. Oder zum Jungkoch.

Irgendetwas, nur nicht Spüler.

Allerdings hatte sie den Verdacht, dass er nicht mehr richtig bei der Sache war. Nicht seit die verhüllte Gestalt aufgetaucht war.

Selbst wenn Jacqueline hundert Jahre alt werden würde, würde sie niemals den Ausdruck auf Antons Gesicht vergessen, als sie über das Ding auf dem Dorfanger gesprochen hatten. Als sie vorgeschlagen hatte, sich an Gamache zu wenden. Dem Sûreté-Beamten zu sagen, dass sie beide wussten, was sich dahinter verbarg.

»Alles in Ordnung?«, fragte Sarah.

»Ich habe nur nachgedacht«, erwiderte Jacqueline.

»Vielleicht ist das das Problem. Wenn man Baguette backt, sollte man den Kopf frei haben. Für alles offen sein. Sie wären überrascht über all das Schöne, das einem in den Sinn kommt, wenn man den Verstand ausschaltet.«

»Sie meinen, wenn man ihn verliert?«, fragte Jacqueline.

Sarah sah sie einen Moment lang an. Dann lachte sie erneut.

Es kam nicht oft vor, dass die ernste, beinahe schon schwermütige junge Frau einen Scherz machte.

Vielleicht war sie letztlich gar nicht so ernst, überlegte Sarah. Manchmal wirkte sie fast leichtsinnig. Und so jung war sie, genau genommen, auch nicht mehr. Jung im Vergleich zu Sarah, aber ihr Lehrmädchen war sicher Mitte dreißig.

Trotzdem, die Schönheit des Backens. Mit zunehmendem Alter wurde man immer besser. Geduldiger.

»Um eine Bäckerei zu betreiben, muss man tatsächlich den Verstand verloren haben«, stimmte Sarah zu. »Wenn Sie Hilfe brauchen, ma belle, fragen Sie einfach Tante Sarah.«

Mit diesen Worten ging sie weg, um nach den Pasteten in den Öfen zu sehen.

Jacqueline musste unwillkürlich lächeln.

Sarah war natürlich nicht wirklich ihre Tante. Das war eine stehende Wendung zwischen der älteren und der jüngeren Frau geworden. Ein Scherz, und auch wieder nicht. Beide hatten festgestellt, dass ihnen die Vorstellung gefiel, eine Familie zu sein.

In diesem Lachen, in diesem Augenblick gab es nichts Finsteres. Doch sobald das Lachen verflogen war, kehrte es zurück.

Und ihre Gedanken wanderten zu Anton.

Tante hin oder her, wenn sie nicht lernte, Baguette zu backen, würde Sarah sie schließlich wegschicken müssen. Durch jemanden ersetzen, der es konnte.

Und dann würde sie Anton verlieren.

Jacqueline warf den überkneteten Teig weg und fing von vorne an. Ihr vierter Versuch heute, und es war noch nicht einmal Mittag.

Armand und Reine-Marie waren nach Hause gegangen.

Sie war im Wohnzimmer und sah den Inhalt einer Archivkiste durch.

Gamache hatte die Fotokopie, die er von dem Bild des ursprünglichen Cobrador gemacht hatte, gescannt und per E-Mail an Jean-Guy geschickt. Der reagierte darauf etwas grob mit der Frage, ob er sich langweile. Oder betrunken sei.

Gamache hatte zum Telefon gegriffen und angerufen. Seine Tochter Annie hatte sich gemeldet und den Hörer an Jean-Guy weitergereicht.

»Was ist mit diesem merkwürdigen Foto, patron?«, fragte er.

Gamache hörte Kaugeräusche und sah Jean-Guy mit einem riesigen Sandwich vor sich, wie Dagwood in Blondie. Eine Anspielung, die an seinen Schwiegersohn verschwendet wäre.

Als er mit seiner Erklärung fertig war, sagte Jean-Guy, jetzt nicht mehr mit vollem Mund: »Ich melde mich so schnell wie möglich wieder.«

Und Gamache wusste, dass er das tun würde.

Er hatte Jean-Guy schon lange gekannt, bevor er sein Schwiegersohn geworden war, seit er ihn von einem aussichtslosen Posten in der Asservatenkammer weggeholt hatte. Er hatte sich eines jungen Mannes angenommen, den niemand sonst wollte, und ihn zur allgemeinen Überraschung zum Inspektor bei der Mordkommission gemacht.

Aber Gamache war das völlig logisch vorgekommen. Er musste nicht lange darüber nachdenken.

Sie waren Chef und Untergebener. Patron und Protégé. Sie waren Herz und Hirn. Und jetzt Schwiegervater und Schwiegersohn. Vater und Sohn.

Sie waren zusammengeworfen worden, miteinander verbunden, wie es schien, für dieses Leben und viele vergangene.

Eines Abends, während eines Essens bei Clara, waren sie auf das Leben zu sprechen gekommen. Und den Tod. Und das Leben nach dem Tod.

»Es gibt da so eine Theorie«, sagte Myrna, »ich weiß nicht genau, ob buddhistisch oder taoistisch oder sonst irgendwas, der zufolge wir bestimmte Menschen in verschiedenen Leben immer wieder treffen.«

»Ich denke, das ist unfugistisch«, sagte Ruth.

»Immer die gleichen Dutzend Leute oder so«, fuhr Myrna fort, ohne sich von der verbalen Grätsche der alten Dichterin irritieren zu lassen. »Nur in unterschiedlichen Beziehungen. In diesem Leben seid ihr vielleicht ein Paar«, sie sah Gabri und Olivier an, »aber in einem anderen Leben wart ihr Brüder, oder Mann und Frau, oder Vater und Sohn.«

»Moment mal«, sagte Gabri. »Willst du damit sagen, dass Olivier irgendwann mal mein Vater gewesen sein könnte?«

»Oder deine Mutter.«

Die beiden Männer verzogen das Gesicht.

»Wir tauschen die Rollen, aber die Liebe bleibt gleich«, sagte Myrna. »Sie ist bedingungslos und unendlich.«

»Fuck! Das ist gequirlte Scheiße«, sagte Ruth und streichelte Rosa.

»Fuck, fuck, fuck«, stimmte die Ente zu.

Ruth und Rosa wurden sich immer ähnlicher. Beide hatten einen langen, dürren Hals. Einen weißen Schopf. Knopfaugen. Sie watschelten beim Gehen. Sie hatten dasselbe Vokabular.

Wäre da nicht Ruths Gehstock gewesen, hätte man sie praktisch nicht auseinanderhalten können.

Armand hatte zu Reine-Marie gesehen, ihr Gesicht glühte im Schein des Kaminfeuers. Lächelnd hörte sie zu. Nahm alles auf.

Wenn das, was Myrna sagte, wahr war, dann hatte er alle diese Menschen schon vorher gekannt. Das würde erklären, warum er sich gleich zu ihnen und zu diesem Dorf hingezogen gefühlt hatte. Das Vertrauen und die Geborgenheit, die er hier spürte. Selbst bei der verrückten alten Ruth. Mit ihrer Doppelgängerin. Der Ente, die in einem früheren Leben ihr Kind gewesen sein könnte.

Oder andersherum.

Aber Reine-Marie. Seine Tochter, seine Mutter oder sein Bruder?

Nein.

Sie war schon immer seine Frau gewesen. Das hatte er von dem Augenblick an gewusst, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Er kannte sie, vom ersten Augenblick an.

Durch die Zeiten. Durch die Leben. Jede andere Beziehung mochte sich verändern, fließen, eine andere Gestalt annehmen, aber seine Beziehung zu Reine-Marie war bedingungslos und für die Ewigkeit.

Sie war seine Frau. Und er war ihr Mann. Für immer.

Das mit Jean-Guy stand auf einem anderen Blatt. Armand hatte schon lange gespürt, dass auch da etwas Uraltes existierte. Eine sehr alte Kameradschaft. Ein Band, das nicht fesselte, sondern stärkte. Und das spürte Reine-Marie ebenfalls. Weshalb sie nur eine Bedingung gestellt hatte, bevor er der ranghöchste Polizist in Québéc wurde.

Jean-Guy Beauvoir musste ihn begleiten. Wie er es schon immer getan hatte.

Während ihm jetzt diese Gedanken durch den Kopf gingen, wartete Armand auf eine Antwort von Jean-Guy und blickte aus dem Fenster auf etwas, das ebenfalls aus der Zeit gefallen zu sein schien.

Und er fragte sich, ob einem, so wie die Liebe, auch der Hass aus früheren Leben folgte.

»Anton?«

Keine Antwort.

»Anton!«

Olivier drehte das Wasser ab. Das Spülwasser in dem tiefen Becken war übergelaufen und hatte sich auf dem Fußboden verteilt.

»Die Suppe von der Tageskarte wurde mehrmals bestellt. Und wir brauchen noch Pfannen. Alles in Ordnung?«

»Désolé, patron. Ich habe nur nachgedacht.«

Er fragte sich, ob Olivier, oder irgendjemand sonst, begriff, was da auf dem hübschen Dorfanger aufgetaucht war.

»Bitte«, sagte Olivier und wedelte mit der Hand, um ihn zur Eile anzutreiben. »Und wenn Sie damit fertig sind, könnten Sie dann zwei Schalen an Tisch drei bringen?«

»Ja.«

Die Pfannen wurden gespült, rasch abgetrocknet, dem Koch übergeben. Dann füllte Anton zwei Schalen mit Sellerie- und Quittensuppe, gab Crème frâiche und Dill darauf und brachte sie an Tisch drei.

»Merci«, sagte die Frau.

»Un plaisir, madame«, sagte Anton und bedachte sie mit einem höflichen Blick, bevor seine Augen zum Fenster wanderten.

Er hatte den vagen Eindruck, dass er die Frau kannte. Sie schon einmal gesehen hatte. Keine Dorfbewohnerin. Eine Besucherin. Doch dann wurde seine Aufmerksamkeit wieder von dem Ding auf dem Dorfanger in Anspruch genommen.

Während er es beobachtete, bewegte es sich. Kaum wahrnehmbar. Vielleicht nur einen Zentimeter. Einen Millimeter.

Auf ihn zu.

»Hat es sich gerade bewegt?«, fragte Reine-Marie.

Sie war auf der Suche nach einem Buch ins Arbeitszimmer gekommen und blieb jetzt hinter Armands Stuhl stehen, um aus dem Fenster zu sehen.

»Schwer zu erkennen«, sagte Armand. »Aber ich glaube schon. Vielleicht war es auch nur der Wind, der den Umhang bewegt hat.«

Sie wussten jedoch beide, dass sich das dunkle Ding tatsächlich bewegt hatte. Nur ganz wenig. Beinahe nicht wahrnehmbar, außer für jemanden, der es schon eine Weile beobachtet hatte.

Das Ding hatte sich ganz leicht gedreht. Zum Bistro.

»Wussten Sie damals, wen es angesehen hat?«, fragte der Staatsanwalt.

»Nein. Es hätte jeder von einem Dutzend Leuten sein können. Oder mehr.«

»Aber höchstwahrscheinlich jemand an einem Tisch am Fenster, oder?«

»Einspruch, Beeinflussung des Zeugen.«

»Stattgegeben.«

»Was ist dann passiert?«, fragte der Staatsanwalt.

6

»Wem haben Sie noch von Ihrer Cobrador-Theorie erzählt?«, fragte Gamache Matheo.

Es war früher Nachmittag, und die Besucher hatten ein paar Dorfbewohner zum Tee in die Pension eingeladen. Gamache hatte den Journalisten zur Seite genommen, damit sie in Ruhe ein paar Worte miteinander wechseln konnten.

»Niemandem. Ich wollte, dass Sie es als Erster erfahren.«

»Bon. Belassen Sie es bitte dabei.«

»Warum?«

»Ohne konkreten Grund. Ich will nur nicht, dass die Leute wegen unbestätigter Gerüchte noch nervöser werden.«

»Es ist bestätigt«, sagte Matheo leicht gereizt. »Das habe ich Ihnen doch gesagt.«

»Ihre Aussage allein reicht genauso wenig wie meine, Monsieur, und muss überprüft werden.«

»Und wie soll das gehen?«

»Einer meiner Leute überprüft, was Sie uns berichtet haben. Ich habe ihm das Foto gemailt. Die Bestätigung wird bald eintreffen. Dann können wir offen darüber reden.«

»Gut.«

»Merci.«

»Beeilung«, rief Ruth vom Sofa. »Ich sitze auf dem Trockenen.«

»Du warst seit 1968 nicht mehr trocken«, sagte Gabri und goss ihr Scotch in eine dünnwandige Porzellantasse.

»Nixons Wahl«, sagte Ruth. »Sehr ernüchternd.«

»Ist euch aufgefallen, dass jetzt überall auf dem Ding Vögel sitzen?«, fragte Clara.

»Sieht wie eine Statue aus«, sagte Reine-Marie.

»Ich hoffe, sie scheißen es voll«, sagte Matheo.

Mit den Spatzen, die auf dem Kopf und den Schultern der Gestalt hockten, hätte sie eigentlich komisch aussehen müssen, aber die Vögel verstärkten den Eindruck des Makabren. Sie glich einer schwarzen Marmorstatue auf einem Friedhof.

»Alles in Ordnung?«, fragte Reine-Marie.

Armand starrte wie alle anderen die Gestalt auf dem Dorfanger an. Er war in eine Art Trance gefallen.

»Ich hatte gerade ein sehr merkwürdiges Gefühl«, flüsterte er. »Einen Moment lang habe ich mich gefragt, ob wir das alles falsch verstanden haben und er nicht hier ist, um jemandem zu schaden, sondern um zu helfen.«

»Sie sind nicht der Erste, der den Cobrador heroisiert«, sagte Matheo, der neben ihnen stand und seine Worte gehört hatte. »Eine Art Robin Hood, der ein Unrecht wiedergutmacht. Aber das da«, er deutete mit dem Kopf zum Fenster, »ist etwas anderes. Man kann die Fäulnis geradezu riechen.«

»Das ist Mist«, sagte Gabri und schenkte Matheo Wein nach. »Monsieur Legault düngt seine Felder damit.« Genüsslich atmete er tief ein und stieß die Luft wieder aus. »Ahhhh. Riecht nach Scheiße. Wie haben Sie dieses Ding genannt? Cobrador?«

»Das ist nur ein Wort«, sagte Matheo. »Ein Spitzname.«

Er ging weg, bevor Gabri ihn weiter löchern konnte.

»Er hat ihm einen Spitznamen gegeben?«, fragte Gabri die Gamaches.

Armand zuckte die Schultern und beobachtete Matheo, der sich jetzt mit Clara unterhielt. Und er fragte sich, ob Matheo die Gestalt absichtlich Cobrador genannt hatte, und das ausgerechnet vor Gabri. Unmittelbar nachdem Gamache ihn gebeten hatte, es für sich zu behalten.

War es ein Versehen? Vorsatz? Strategie?

»Wo ist Katie?«, fragte Myrna.

»Vor ein paar Minuten war sie noch da«, sagte Patrick und sah sich um.

»Sie wollte zu der kleinen Brauerei in Sutton, um Nachschub zu holen«, sagte Lea und hob ihr Glas. »Der Beweis, dass Gott uns liebt und will, dass wir glücklich sind. Benjamin Franklin.«

Gamache betrachtete Lea Roux und fragte sich, ob er in nicht allzu ferner Zukunft unter ihr arbeiten würde. Die nächste Premierministerin von Québec.

Gabri, der Ruth mit der Scotchflasche folgte wie ein viktorianischer Diener, sagte: »Ich verabscheue Bier. Das kommt mir nicht ins Haus. Es stört das Gesamtbild.«

»Und die Ente nicht?«, fragte Patrick und beäugte Rosa.

»Wir machen Ausnahmen«, erwiderte Gabri. »Die Ente und die Schnepfe gehören zur Familie.«

»Eigentlich haben wir Ruth und Rosa gerne um uns. Gegen sie wirkt der Rest von uns normal«, erklärte Clara.

»Nun ja …«, sagte Lea.

»Glashaus«, sagte Ruth, drückte Rosa an sich und funkelte Lea an.

Geistesabwesend legte sie eine geäderte Hand auf Rosas Rücken mit den eng angelegten Flügeln. Wie ein kleiner Erzengel. Solange sie nicht den Schnabel aufmachte.

Lea holte Luft und lächelte. »Sie haben recht. Ich bitte um Entschuldigung.«

»Und Sie irren sich.«

»Wie bitte?«

»Benjamin Franklin hat das nicht über Bier gesagt«, erklärte Ruth.

»Wer dann?«, fragte Myrna.

»Franklin«, sagte Ruth.

»Aber Sie haben doch gerade gesagt …«, setzte Patrick an.

»Es geht nicht um Bier«, sagte Ruth. »Er hat in einem Brief an einen Freund über Wein geschrieben. Das Zitat haben Leute verdreht, die es besser fanden, den Intellektuellen und Diplomaten wie einen Mann des Volkes aussehen zu lassen. Ein Biertrinker statt ein Weinfreund. So läuft das in der Politik, non?« Sie wandte sich wieder Lea zu. »Illusionen.«

»Da haben Sie recht«, sagte Lea und prostete der älteren Frau mit ihrem Bier zu.

Aber der belustigte Ausdruck war aus ihren Augen verschwunden.

Ja, dachte Gamache, das Glas Scotch, das Gabri ihm eingeschenkt hatte, in der Hand, ohne davon zu trinken, hier ging auf jeden Fall mehr vor sich, als auf den ersten Blick zu erkennen war.

»Kommt er euch bekannt vor?«, fragte Reine-Marie.

Niemand musste fragen, wen sie meinte.

»Kann man so sagen, nachdem er jetzt schon länger als einen Tag hier herumsteht«, sagte Clara.

»Nein, schau noch mal hin.«

Schweigend betrachteten sie die verhüllte Gestalt, die allein im grauen Novembertag stand.

Die Stille schien sich über den Raum hinaus auszubreiten. Über die Pension hinaus. Sie legte sich über das gesamte Dorf. Es war, als würde sich die Glasglocke ausdehnen. Immer mehr von Three Pines bedecken.

Zwei Tage zuvor hatten auf dem Dorfanger Kinder gespielt, gelacht und getobt. Jetzt war da nichts mehr. Kein Leben. Keine Bewegung. Nicht einmal die Vögel auf den Schultern der Gestalt rührten sich. Es war, als hätten sie sich durch die Berührung mit dem Ding in Stein verwandelt.

»Er sieht aus wie der heilige Franz von Assisi«, sagte Clara.

»Das habe ich auch gerade gedacht«, sagte Reine-Marie. »All die Vögel.«

»Machen Sie sich nichts vor«, sagte Lea. »Das ist kein Heiliger.«

»Hast du den Erzengel Michael nach unserem Besucher gefragt?«, erkundigte sich Gamache bei Ruth.

Reine-Marie drehte sich zu ihm um, überrascht von der Frage. Und gleichzeitig neugierig auf die Antwort.

Niemand glaubte, dass die verrückte alte Dichterin tatsächlich von einem Erzengel besucht wurde. Eigentlich. Sie glaubten nicht einmal, dass sie es glaubte. Eigentlich.

Trotzdem waren sie neugierig.

»Hab ich.«

»Und?«

In diesem Augenblick tauchte oben auf dem Hügel ein Auto auf.

»Das muss Katie sein«, sagte Patrick. »Ach nein. Ist nicht unser Auto.«

Das Auto hielt neben der Gestalt. Die steinernen Vögel ergriffen die Flucht, die verhüllte Gestalt nicht.

Dann fuhr das Auto wieder an.

Es war Jean-Guy, und er brachte Neuigkeiten.

»Was hatte Inspektor Beauvoir herausgefunden?«

Der Verhandlungstag näherte sich dem Ende, und der Staatsanwalt trieb den Chief Superintendent zur Eile an. Wollte diese Information noch einholen, bevor die Richterin die Verhandlung vertagte.

Er wollte, dass sie sich als Letztes in den Köpfen der Geschworenen festsetzte, bevor sie zu den terrasses und in die Brasserien eilten, um sich an diesem heißen Sommernachmittag ein Bier zu gönnen.

Der Staatsanwalt nickte dem Gerichtsdiener zu. »Noch einmal Beweisstück A, s’il vous plaît.«

Und es erschien das Dorf mit dem dunklen Fleck in der Mitte. Dieses Mal folgte statt Stille oder des einen oder anderen langen Seufzers leises Gemurmel, als die Zuschauer es mit einer gewissen Aufgeregtheit wiedererkannten.

Der erste Schrecken war einer Mischung aus Vertrautheit und Spannung gewichen. Die Angst hatte sich gelegt. Sie fühlten sich jetzt beinahe wohl damit und waren stolz darauf, dass sie der seltsame Anblick nicht mehr irritierte.

Es war ja nur ein Bild. Nicht echt.

Und ihre Lässigkeit war aufgesetzt. Nicht echt.

Gamache wusste, dass es ein Fehler war, und sie wussten es vermutlich auch, sich an ein solches Wesen zu gewöhnen. Selbst auf einem Foto.

»Also?«, sagte der Staatsanwalt auffordernd.

Obwohl Gamache mit der Strategie, Tempo zu machen, einverstanden war, wusste er von vielen Zeugenvernehmungen vor diesem hohen Gericht, dass es ein verhängnisvoller Fehler war, zu hetzen und Fragen unbeantwortet zu lassen. Der Verteidigung Schlupflöcher zu lassen, die sich dehnen ließen, sodass ein Schuldiger entkommen konnte.

Jetzt befand Armand Gamache sich in der heiklen Situation, Klarheit und Geschwindigkeit miteinander verbinden zu müssen.

Und es gab Dinge, von denen nicht einmal der Staatsanwalt etwas wusste. Und von denen er auch nichts erfahren durfte.

»Inspektor Beauvoir hatte den Samstag damit verbracht, über den Cobrador del Frac zu recherchieren. Als er seiner Meinung nach genug Informationen gesammelt hatte, kam er nach Three Pines.«

»Warum ist er hingefahren? Warum hat er nicht einfach angerufen oder eine E-Mail geschickt?«

»Er wollte das Ding mit eigenen Augen sehen. Um sicherzugehen. Bis dahin kannte er ja nur das Foto, das ich ihm geschickt hatte. Er musste es selbst sehen.«

Was Gamache nicht sagte, war, dass Jean-Guy es außerdem nötig fand, ihm die Informationen von Angesicht zu Angesicht zu übermitteln. Weil er seine Reaktion sehen wollte.

»Und?«

»Wie viel weißt du, patron?«, fragte Beauvoir.

Sie saßen im Wohnzimmer der Gamaches in Three Pines. Jean-Guy, Reine-Marie und Armand.

»Nur das, was Bissonette erzählt hat und was ich an dich weitergegeben habe«, sagte Armand. »Der Cobrador del Frac.«

»Der Schuldeneintreiber«, sagte Beauvoir. »Ja. Aber nicht das Original.«

Er stellte seine heiße Schokolade ab und zog einen Ordner aus seiner Schultertasche. Dem Ordner entnahm er einige Blätter, hauptsächlich Fotos, und breitete sie auf dem Beistelltisch aus, schob sie ein paarmal hin und her, sodass er an einen Hütchenspieler erinnerte.

Als er endlich fertig war, lag ein Fächer aus Fotos vor den Gamaches.

»Das«, Beauvoir hob ein gesondert liegendes Foto hoch, »ist ein Cobrador del Frac.«

Es zeigte das inzwischen vertraute Bild eines Mannes in Frack und Zylinder. Weiße Handschuhe. Aktentasche. Darauf in großer Schrift: Cobrador del Frac.

»Aber was ich euch zeigen will, ist das hier«, sagte Jean-Guy.

Er schob das erste Foto der Reihe näher zu Gamache.

»Es stammt aus dem Jahr 1841. Ein Dorf in den Pyrenäen. Eine der ältesten erhaltenen Fotografien. Eine Daguerreotypie.«

Das Bild war grau, verschwommen. Es zeigte eine schmale kopfsteingepflasterte Straße, die sich zwischen Häusern aus grob behauenem Stein durchschlängelte. In der Ferne waren Berge zu erkennen.

»Es sind keine Menschen oder Tiere zu sehen«, erklärte Beauvoir. »Die Platte musste zehn Minuten lang belichtet werden. Alles, was sich in dieser Zeit bewegt hat, ist verschwunden.«

Armand setzte seine Brille auf und beugte sich über das Foto. Reglos saß er da. Hätte Monsieur Daguerre Armand Gamache fotografiert, wäre er zu sehen gewesen.

Schließlich hob er den Kopf und sah Jean-Guy über den Rand seiner Brille an.

Und Beauvoir nickte.

»Er wird als Cobrador bezeichnet«, sagte Jean-Guy beinahe im Flüsterton. »Das del Frac wurde erst viel später von einem schlauen Marketingfritzen angehängt. Das ist jedenfalls der echte. Das Original.«

Reine-Marie beugte sich vor. Sie konnte die Gebäude sehen, die Straße, die Landschaft dahinter. Aber sonst nichts. Ihre Augen suchten das Foto ab, bewegten sich rasch hin und her.

Sie sah es erst, als ihr Blick zur Ruhe kam.

Es kam auf sie zu, trat aus dem Bild heraus. Langsam. Löste sich davon. Wurde immer klarer.

Immer dunkler.

Bis es unverkennbar war.

Dort, an eine der Mauern gelehnt, stand ein Mann. So reglos, dass ihn die Belichtungszeit von zehn Minuten oder länger erfasst hatte. Und nur ihn.

Alles andere Lebendige, Pferde, Hunde, Katzen, Menschen, war verschwunden, als wäre es aus dem Dorf geflüchtet. Zurückgeblieben war nur dieses Ding in dem schwarzen Umhang mit Kapuze und mit dem dunklen ausdruckslosen Gesicht.

Es erinnerte an eines dieser grauenvollen Bilder nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, als Menschen verglühten und ihr Umriss in eine Mauer eingebrannt wurde. Ein bleibender Schatten. Aber kein Mensch mehr.

Dort, in dem kleinen spanischen Dorf, stand ein Schatten. Es gab weder Zorn noch Trauer, weder Freude noch Mitleid oder Triumph. Kein Urteil. Das Urteil war bereits gefällt worden.

Er trieb etwas ein. Er war dort, um etwas einzutreiben.

»Die Besonderheit des Fotos ist erst vor kurzem jemandem bei den Vorbereitungen für eine Ausstellung über das Werk von Louis Daguerre in Paris aufgefallen«, sagte Beauvoir. »Das da«, er deutete auf das nächste, etwas schärfere Foto, »stammt aus den zwanziger Jahren, und das«, er nahm das nächste hoch, »ist von 1945. Eine Woche nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.«

Auf diesem Foto stand die verhüllte Gestalt vor einem Mann mittleren Alters, der heftig protestierte, während andere zusahen.

»Der Mann wurde weggeschleppt und als Kollaborateur gehängt«, sagte Jean-Guy. »Er hatte Freunde und Nachbarn denunziert. Juden Verstecke angeboten und sie dann für Vergünstigungen an die Nazis verraten.«

Beim Anblick des entsetzten Gesichts des Mannes, der eingefallenen, unrasierten Wangen, der flehenden Augen, der zerzausten Haare und der zerrissenen Kleidung war es schwer, kein Mitleid mit ihm zu haben. Bis man an seine Opfer dachte. Die Männer und Frauen, Jungen und Mädchen, die sterben mussten. Seinetwegen.

Der Cobrador hatte ihn gefunden. Und war ihm gefolgt. Hatte ihn gejagt. Bis zum Ende.

»Hat der Cobrador ihn gehängt?«, fragte Reine-Marie.

»Nein. Er hat nur mit dem Finger auf ihn gezeigt«, sagte Jean-Guy. »Den Rest haben die anderen erledigt.«

Ein krummer Finger, dachte Gamache. Vielleicht hatte Ruth recht.

»Nach dem Krieg hat man in Spanien öfter einen Cobrador gesehen«, sagte Jean-Guy. »Und dann lange Zeit gar nicht mehr.«

»Matheo hat gesagt, dass er bei seinen Recherchen niemanden finden konnte, der einem ursprünglichen Cobrador begegnet war«, sagte Armand. »Und diese Fotos hat er auch nicht entdeckt.«

»Wahrscheinlich hat er nicht besonders gründlich gesucht«, sagte Reine-Marie. »Nach meiner Erfahrung im Nationalarchiv haben freie Journalisten enge Terminpläne und suchen in einem sehr engen Feld. In seinem Artikel ging es außerdem um den modernen Cobrador del Frac. Nicht um den alten.«

»Das wird es sein«, sagte Armand.

»Aber in letzter Zeit hat man ihn wieder einige Male gesehen«, sagte Beauvoir. »Das Original.«

»Wie jetzt hier«, sagte Reine-Marie.

Der Cobrador aus der Alten Welt war in die Neue Welt gekommen. In ihre Welt. Und man konnte den Verfall beinahe riechen. Die Fäulnis. Obwohl Gamache sich zu fragen begann, ob der Geruch vielleicht gar nicht von dem Cobrador kam, sondern von jemand anderem. In der Nähe. Von der Person, derentwegen er gekommen war.

»All das hat also im neunzehnten Jahrhundert begonnen«, sagte Reine-Marie und blickte erneut auf die Daguerreotypie. »Ich frage mich, warum.«

»Non«, sagte Beauvoir. »Non, non, non. Nicht im neunzehnten Jahrhundert, sondern im vierzehnten.«

»Vor siebenhundert Jahren?«, fragte Reine-Marie.

»Ja. Ihr habt doch sicher einen Atlas.«

Armand ging zu einem der Bücherregale im Wohnzimmer und kam mit einem großen Band zurück.

»Vor der spanischen Küste liegt eine Insel, zwischen Spanien und Marokko«, sagte Beauvoir und blätterte in seinen Unterlagen, bis er gefunden hatte, wonach er suchte. »Sie hieß Cobrador.«

Gamache beugte sich vor. »Aber da steht nicht Cobrador.«

»Nein, sie wurde umbenannt. Aber damals hieß sie so. Man schickte die Pestkranken dorthin. Und nicht nur die, sondern auch Leprakranke, Irre, Kinder, die mit Missbildungen auf die Welt gekommen waren, Frauen, die von der Inquisition der Hexerei beschuldigt wurden. Die Verbannung auf La Isla del Cobrador galt als schlimmere Strafe als der Scheiterhaufen. Das dauerte wenigstens nur ein paar Minuten. Diese Menschen wurden von der Kirche bis in alle Ewigkeit verdammt. Und zwar«, Jean-Guy tippte auf die Insel im Atlas, »in die Hölle.«

Gamache runzelte die Stirn. »Außer …«

Jean-Guy nickte. »Außer dass nicht jeder das Kleingedruckte gelesen hatte. Dummerweise starben nämlich nicht alle. Die Kirche und die Behörden gingen davon aus, dass entweder die Pest sie umbringen würde oder dass sie das unter sich erledigen würden. Zum Teil war es natürlich auch so. Aber dann passierte etwas. Es begann mit den Frauen. Einige von ihnen begannen, sich um die Säuglinge zu kümmern. Sie zu füttern und gesund zu pflegen. Sie großzuziehen.«

»Die Hexen haben eine Mitzwa befolgt«, sagt Armand.

»Das hat die Inquisitoren bestimmt auf die Palme gebracht«, sagte Reine-Marie.

»Sie hörten auf, einander zu bekämpfen, und fingen an, sich gegenseitig zu helfen«, sagte Jean-Guy. »Sie haben Häuser gebaut, Felder bestellt. Fern von den verseuchten Städten haben sich viele Pestkranke wieder erholt.«

»Bemerkenswert«, sagte Gamache. »Wirklich schön. Auf seine Art. Aber was hat das mit dem Cobrador zu tun?«

Er deutete nach draußen.

Die Gestalt war jetzt seit fast achtundvierzig Stunden da, und die Dorfbewohner, weit davon entfernt, sich daran zu gewöhnen, wurden immer unruhiger. Die Nerven lagen blank. Es kam zu Streitereien. Im Bistro konnte man langjährige Freunde miteinander zanken hören. Wegen Banalitäten.

Man hätte die gereizte Stimmung dem Umstand zuschreiben können, dass sie seit Tagen die Sonne nicht gesehen hatten. Es fühlte sich an wie Wochen. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Der Novemberhimmel war dauerbewölkt. Hin und wieder Regen, vermischt mit Schnee, der geradewegs durch die Kleidung und die Haut zu dringen und sich in den Knochen zu sammeln schien.

Aber der Kern des Problems stand auf dem welken Gras des Dorfangers.

Weit, weit weg von einer spanischen Insel aus dem vierzehnten Jahrhundert. Weit weg von zu Hause.

Die Glasglocke hatte sich weiter ausgedehnt, die Welt des Cobrador wurde größer, sein Herrschaftsgebiet wuchs, während das ihre in sich zusammenzufallen schien.

Gamache fragte sich, wie viel Zeit ihnen noch blieb, bevor etwas Furchtbares geschah.

»Einige von denen, die kräftig genug waren, kehrten aufs Festland zurück«, sagte Jean-Guy. »Aber sie waren durch die Krankheit entstellt, deshalb trugen sie Masken und Handschuhe. Und lange Umhänge mit Kapuzen.«

»Warum sind sie zurückgekehrt?«, fragte Reine-Marie.

»Rache«, sagte Gamache. Das war, wie er wusste, eine starke Triebfeder. Oft besiegte sie den gesunden Menschenverstand.

»Das dachte ich zuerst auch«, sagte Jean-Guy und drehte sich zu ihm. »Aber so war es nicht. Sie suchten nach den Leuten, die sie in die Verbannung geschickt hatten. Die sie verdammt hatten. Hauptsächlich Priester, hohe kirchliche Würdenträger. Richter. Sogar Fürsten. Aber so unglaublich es klingt, wenn sie sie aufgespürt hatten, haben sie nichts gemacht. Sie sind ihnen nur gefolgt. Was natürlich auch nicht ohne war, wie sich herausstellte.«

»Was ist passiert?«, fragte Gamache.

»Ich glaube, du weißt es. Ich glaube, sie wussten es«, sagte Beauvoir. Er musste nicht in seinen Notizen nachschauen. Er bezweifelte, dass er jemals vergessen würde, was er gelesen hatte. »Die Ersten wurden vom Pöbel, der sie für die Personifikation des Schwarzen Todes hielt, zu Tode geprügelt. Aber sobald einer starb, tauchte ein Neuer auf. Nach und nach merkte der Pöbel, dass die Leute mit den schwarzen Umhängen und den Masken keinen Schaden anrichteten. Offenbar strahlten sie sogar eine gewisse Würde aus. Selbst wenn sie wussten, dass sie sterben würden, standen sie einfach still da. Sie versuchten nicht, sich zu verteidigen. Sie wehrten sich nicht. Sie starrten einfach weiter denjenigen an, dem sie folgten, bis sie unter den Schlägen zu Boden gingen.«

Gamache drehte sich auf seinem Stuhl herum und warf einen Blick über die Schulter zum Dorfanger.

Eine solche Hingabe an eine Sache war bewundernswert. Aber es war vielleicht auch verrückt.

»Die Priester und die Behörden konnten nicht zulassen, dass das so weiterging«, sagte Beauvoir. »Sie fanden heraus, wer diese Leute waren und woher sie kamen. Man schickte Soldaten auf La Isla del Cobrador, und alle wurden abgeschlachtet, jeder Mann, jede Frau und jedes Kind.«

Gamache sog scharf die Luft ein. Selbst aus der Ferne, über Zeit und Raum hinweg konnte er den Gräuel, den Schmerz spüren.

»Als die Bevölkerung davon erfuhr, gab es einen Shitstorm«, sagte Beauvoir.

Gamache blickte auf die Ausdrucke, er war sich ziemlich sicher, dass dort nicht von einem »Shitstorm« die Rede war.

»Die Gestalten in den schwarzen Umhängen wurden Teil der Mythologie«, sagte Jean-Guy. »Man nannte sie Cobradores, nach der Insel. Aber bei dem ganzen Scheiß, der damals in Europa passierte, war das nur eine Nebensächlichkeit. Die Cobradores waren rasch vergessen.«

»Aber es sind nicht alle verschwunden«, sagte Reine-Marie.

»Nein. Offenbar wurden nicht alle auf La Isla del Cobrador umgebracht. Einige entkamen. Es hieß, dass ihnen Soldaten halfen, die es nicht über sich brachten, die Befehle zu befolgen. Hin und wieder wurde einer gesehen, meistens in den Bergdörfern.«

»Und sie folgten weiterhin Leuten, die etwas Schreckliches getan hatten?«, fragte Gamache. »Etwas, für das sie nicht zur Verantwortung gezogen worden waren?«

»So sieht es aus.«

»Und so wurde aus dem Cobrador ein Schuldeneintreiber.«

»Nein, das sind sie heute. Das ist eine moderne Deutung. Wörtlich übersetzt bedeutet ›Cobrador‹ ›Kassierer‹. Und das haftet ihnen an. Die Schuld. Aber in den Dörfern wurden sie als etwas anderes bekannt. Als Gewissen.«

Auf der Uhr im Gerichtssaal war es kurz nach fünf.

Alle anderen Verhandlungen waren vertagt worden. Man hörte Schritte auf den Fluren und Gemurmel und gelegentlich einen Ruf. Anwälte, die sich noch wenige Minuten zuvor im Gerichtssaal angebrüllt hatten, luden sich gegenseitig zu einem Drink auf der terrasse der nahe gelegenen Brasserie ein.

Im Gerichtssaal von Judge Corriveau herrschte eine angespannte Atmosphäre. Es war stickig. Jeder sehnte sich danach, hinaus in die frische Luft und den Sonnenschein zu kommen. Sowohl der Atmosphäre als auch der immer bedrückender werdenden Geschichte zu entfliehen.

Aber es musste noch eine Frage gestellt und beantwortet werden.

»Chief Superintendent Gamache«, sagte der Staatsanwalt. Ausnahmsweise klang er einmal nicht selbstgefällig oder hochtrabend. Zum ersten Mal an diesem Tag plusterte er sich nicht auf und zog keine Show ab. Seine Stimme war leise, ernst. »Haben Sie aus dem, was Inspektor Beauvoir über den Cobrador herausgefunden hatte, irgendwelche Schlüsse gezogen?«

»Ja.«

»Und zwar?«

»Dass jemand im Dorf etwas so Schreckliches getan hatte, dass ein Gewissen herbeigerufen worden war.«

7

»Kommst du heute nicht nach Hause?«, fragte Reine-Marie, als Armand an diesem Abend anrief.

»Ich fürchte, nein. Ich übernachte in der Wohnung in Montréal. Es gibt hier so viel zu tun, und die Verhandlung beginnt früh.«

»Soll ich kommen? Ich kann etwas aus dem Bistro mitbringen.«

»Nein, schon gut. Ich bin wahrscheinlich keine gute Gesellschaft. Und ich muss arbeiten.«

»Der Prozess?«

»Ja.«

»Bist du zufrieden, wie es läuft?«

Er rieb sich die Stirn und dachte über die Frage nach. »Schwer zu sagen. So viele Einzelteile müssen sich zu einem Ganzen fügen. Und dabei könnte stattdessen jederzeit alles auseinanderfallen.«

Reine-Marie hatte schon öfter erlebt, dass er sich Sorgen wegen eines Gerichtsprozesses machte, insbesondere was die Aussagen bestimmter Zeugen betraf. Doch in diesem Fall war er bisher der einzige Zeuge. Was konnte ihn jetzt schon so beunruhigen?

»Wird es eine Verurteilung geben?«

»Ja.«

Seine Antwort kam jedoch zu rasch, zu entschieden für einen Mann, der für gewöhnlich besonnen und nachdenklich war.

»Was machst du zum Abendessen?«, fragte sie.

»Ich esse irgendwas hier im Büro.«

»Allein?«

Gamache spähte durch die einen Spalt offenstehende Tür in das Besprechungszimmer, wo sich Jean-Guy, Isabelle und die anderen Kollegen über Landkarten beugten. Auf dem langen Tisch verteilt standen Kaffeebecher und Platten mit Sandwiches aus der Brasserie um die Ecke, dazu Wasserkrüge, Laptops und Unterlagen. Dahinter sah er die Lichter von Montréal.

»Ja.«

Chief Superintendent Gamache gesellte sich zu seinem Team, setzte seine Brille auf und beugte sich über die große Karte von Québec.

Darüber waren Folien ausgebreitet, auf die in verschiedenen Farben Linien gezeichnet waren.

Kräftige Striche. Rot. Blau. Grün. Mit schwarzem Filzstift. So schwarz, dachte Gamache, während er die Linien studierte, wie das Geheimnis, das sich dahinter verbarg.

Für sich genommen, ergaben die bunten Linien auf den einzelnen Folien keinen Sinn. Doch sobald man sie übereinander auf die Karte von Québec legte, verbanden sich die Linien miteinander. Ein zufälliger Betrachter hätte es für ein U-Bahn-Streckennetz halten können. Ein sehr großes Netz, mit regem Verkehr.

Damit hätte er nicht mal so weit danebengelegen.

Tatsächlich war es eine Karte der Unterwelt.

Einige Linien schlängelten sich am Sankt-Lorenz-Strom entlang. Andere kamen aus dem Norden herunter. Viele zweigten von Montréal und der Stadt Québec ab. Aber alle führten zur Grenze zu den Vereinigten Staaten.

Superintendent Toussaint, die neue Leiterin der Abteilung für Schwerverbrechen, nahm einen blauen Filzstift aus der Tasse auf dem Konferenztisch.

In den Augen einiger jüngerer Mitglieder des inneren Zirkels hätte sie genauso gut zu Hammer und Meißel greifen können, so primitiv war diese Methode des Kartographierens. Sie waren an Laptops und präzisere, effizientere Werkzeuge gewöhnt.

Aber die Karte und die Folien hatten einen großen Vorteil. Man konnte sie nicht hacken. Und einzeln betrachtet, konnte man nicht erkennen, was sie bedeuteten.

Und das war entscheidend.

»Hier die neueste Information«, sagte Madeleine Toussaint. »Unser Informant auf den Magdalenen-Inseln meldet, dass vor zwei Tagen eine Lieferung an Bord eines Frachtschiffs aus China eingetroffen ist.«

»Vor zwei Tagen?«, fragte ein Kollege. »Warum bekommen wir diese Information dann erst jetzt?«

»Wir können von Glück reden, dass wir sie überhaupt bekommen haben«, erwiderte Toussaint. »Wir alle wissen, was passiert, wenn sie unseren Informanten enttarnen. Und er weiß es auch.«

Sie senkte den Stift, und auf den Inseln im Sankt-Lorenz-Golf erschien ein blauer Fleck.

»Wissen wir, wie viel?«, fragte Beauvoir.

»Achtzig Kilo.«

Sie sahen sie schweigend an.

»Fentanyl?«, fragte Isabelle Lacoste.

»Ja.« Toussaint hob den Stift. Blau für Fentanyl.

Sie wechselten einen Blick. Achtzig Kilogramm.

Das wäre die bislang größte Lieferung nach Nordamerika. Beinahe das Doppelte der bisherigen Lieferungen. Auf jeden Fall die größte, von der sie wussten.

Die Kartelle wurden immer dreister.

Warum auch nicht? Sie kamen praktisch ungeschoren davon.

Alle im Raum drehten sich zu Chief Superintendent Gamache, der auf die winzige, zwischen Gaspé und Neufundland im Meer treibende Inselgruppe starrte. Ein reizvolleres Fleckchen Erde war nur schwer zu finden. Oder ein besserer Ort für den Drogenhandel.

Windumtost, abgelegen, kaum bewohnt. Und trotzdem auf einer wichtigen Handelsroute für Frachtschiffe rund um die große weite Welt.

Ein Einfuhrhafen nach Québec. Nach Kanada. Eine Art Hintertür. Eine Drehtür. Wenig beachtet von den Behörden, die damit beschäftigt waren, die großen Häfen im See- und Luftverkehr zu überwachen.

Die Topadresse waren jedoch die winzigen, unbeschreiblich schönen Magdalenen-Inseln.

Und von dort aus?

Gamache musterte die vielen kräftigen farbigen Linien.

Sie begannen an verschiedenen Stellen in Québec, führten jedoch alle in dieselbe Richtung.

Die Grenze. La frontière.

Die Vereinigten Staaten.

Fast alle Linien, alle Farben liefen zusammen und gingen mitten durch ein winziges Dorf, das in der Karte nicht einmal eingezeichnet war. Gamache hatte es markieren müssen.

Three Pines.

Doch jetzt verschwand es unter den Filzstiftstrichen auf dem Weg zur Grenze.

Durch diese Lücke in der Grenze flossen Drogen in die Vereinigten Staaten, und das Geld floss zurück.

Tonnenweise Kokain, Methamphetamine, Heroin hatten hier die Grenze überquert. Jahrelang.

Als Gamache die Leitung der Sûreté übernommen und das Ausmaß des Drogenproblems in und um Québec erkannt hatte, war ihm noch etwas anderes klargeworden. Nur ein Bruchteil des Drogenhandels erfolgte auf den bereits bekannten Routen.

Wie also kam der Rest ins Land?

Armand Gamache, der neue Chief Superintendent der Sûreté du Québec, hatte seine Leute auf die Drogen angesetzt, die in Québec hergestellt wurden, und diejenigen, die importiert wurden. Diejenigen, die hier konsumiert wurden, und diejenigen, die für einen lukrativeren Markt bestimmt waren.

Er stellte Teams zusammen. Es wurden Wissenschaftler, Hacker, Exhäftlinge, Informanten, See- und Luftfahrtexperten, in Motorradgangs eingeschleuste verdeckte Ermittler, Hafenarbeiter, Gewerkschaftler, Packer und sogar Marketingleute angeworben. Die meisten hatten keine Ahnung, worum es letztlich ging, nicht einmal, für wen sie eigentlich arbeiteten. Jeder bildete eine eigene kleine Zelle und hatte ein einzelnes Problem zu lösen.

Und so wie all die Drogen an einen Ort geleitet wurden, geschah das auch mit all den Informationen.

Zu Chief Superintendent Gamache.

Die Sûreté musste einen entscheidenden Schlag landen. Nicht eine Reihe kleiner Störaktionen, sondern einen harten, raschen, wirkungsvollen Schlag. Direkt ins Herz.

Nach fast einem Jahr intensiver Ermittlungen hatten sich die Linien auf den Folien weiter ausgedehnt. Hatten sich gekreuzt. Verschlungen. Und ein Muster wurde sichtbar.

Aber noch immer wurde Chief Superintendent Gamache nicht aktiv.

Trotz der dringenden Bitten einiger Kollegen wartete Armand Gamache. Und wartete. Bekam die Wucht von der immer lauter werdenden Kritik ab, die von privater Seite, aus Polizeikreisen und Politik kam, von der breiten Öffentlichkeit und von Kollegen, die nur eine steigende Verbrechensrate und Untätigkeit seitens der Sûreté sahen.

Dann hatte das Team endlich gefunden, wonach es suchte. Die Person, die alle Fäden in der Hand hielt.

Den Durchbruch verdankten sie der Zusammenarbeit, der Intelligenz und dem Mut von verdeckten Ermittlern und Informanten.

Und dem Auftauchen einer dunklen Gestalt auf einem von Schneeregen gepeitschten Dorfanger.

Nur wenige wussten, dass das der Wendepunkt war, und Gamache setzte alles daran, damit es so blieb.

Die Beamten sahen Chief Superintendent Gamache an. Warteten darauf, dass er etwas sagte. Etwas tat.

Superintendent Toussaint senkte den hellblauen Filzstift und zog auf der Folie eine Linie vom Hafen auf den Magdalenen-Inseln um die Küste der Gaspé-Halbinsel herum. Die Spitze des Filzstifts quietschte leise, als sie den großen Sankt-Lorenz-Strom entlangfuhr. Schließlich landeinwärts abbog. Und weiter nach Süden, immer weiter.

Bis die blaue Linie auf die Grenze traf.

Dort blieb Toussaints Hand stehen.

Sie sah zu Gamache. Der auf die Karte sah. Auf die Markierung.

Dann blickte er über den Rand seiner Brille. An seinen Mitarbeitern vorbei zur Tafel an der Wand.

Eine andere Art von Karte. Sie zeigte nicht die Wege der Drogen und des Geldes, der Gewalt, sondern die der Macht.

An die Tafel waren Fotos geheftet. Einige davon aus der Verbrecherkartei, die meisten jedoch heimlich mit einem leistungsstarken Objektiv aufgenommen.

Männer und Frauen, die ihren täglichen Verrichtungen nachgingen. Alles ganz normal. Nach außen hin. Aber unter ihrer Haut verbarg sich eine innere Leere.

Ganz oben, wo sich all die Linien und Bilder trafen, war lediglich eine dunkle Silhouette. Kein Bild.

Gesichtslos. Formlos. Nicht wirklich menschlich.

Armand Gamache wusste, wer das war. Er hätte ihm tatsächlich ein Gesicht geben können. Entschied sich jedoch dagegen. Für alle Fälle. Einen Moment lang blickte er in dieses dunkle, leere Gesicht, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Superintendent Toussaint zu. Und nickte.

Sie zögerte, vielleicht, um ihm Gelegenheit zu geben, es sich anders zu überlegen.

Im Raum herrschte Totenstille.

»Das können Sie nicht machen«, sagte Toussaint leise. »Achtzig Kilo, Sir. Sie sind vielleicht schon auf dem Weg. Ich habe nichts mehr von unserem Informanten gehört. Wir sollten wenigstens ein paar Leute postieren.«

Der Chief Superintendent nahm ihr den Filzstift aus der Hand und zog, ohne zu zögern, eine letzte Linie.

Ein Strich quer über die Grenze, wo das Opioid Québec verließ und in die Vereinigten Staaten kam.

Dann steckte er mit einem entschlossenen Klick die Kappe auf den Stift, blickte in die Gesichter seiner vertrauenswürdigsten Mitarbeiter und begegnete in jedem dem gleichen Ausdruck.

Entsetzen.

»Sie müssen etwas tun«, sagte Toussaint, und ihre Stimme wurde mit jedem Wort lauter, bevor sie sie wieder unter Kontrolle hatte. »Sie dürfen nicht zulassen, dass es die Grenze überquert. Achtzig Kilo«, wiederholte sie mühsam beherrscht. »Wenn Sie nicht …«

Gamache richtete sich auf. »Fahren Sie fort.«

Stattdessen verstummte sie.

Er musterte die anderen Gesichter und musste nicht erst fragen, wer ihrer Meinung war. Es war offensichtlich, dass die Mehrheit so dachte.

Aber das bedeutete nicht, dass es richtig war.

»Wir behalten unseren Kurs bei«, sagte er. »Als wir diese Operation vor fast einem Jahr gestartet haben, habe ich das deutlich gemacht. Wir haben einen Plan, und wir halten uns daran.«

»Ohne Rücksicht auf die Konsequenzen?«, fragte einer der anderen Beamten. »Ja, wir haben einen Plan. Aber wir müssen bereit sein zu reagieren. Dinge ändern sich. Es ist verrückt, an einem Plan festzuhalten, nur weil wir ihn haben.«

Gamache hob die Augenbrauen, sagte jedoch nichts.

»Tut mir leid, patron«, sagte der Beamte. »Ich habe nicht verrückt gemeint.«

»Ich weiß, was Sie gemeint haben«, sagte Gamache. »Wir haben den Plan entwickelt, bevor wir alle Informationen hatten.« Der Beamte nickte. »Er wurde in einer kalten, nüchternen, logischen Umgebung entwickelt.« Weiteres Nicken.

»Warum setzen wir Leben aufs Spiel, um diese Informationen zu bekommen?« Ein anderer Beamter deutete auf die Karte. »Wenn wir nicht danach handeln?«

»Wir handeln ja«, sagte Gamache. »Nur nicht so, wie es die Kartelle erwarten. Glauben Sie mir, ich will die Lieferung aufhalten. Aber bei dieser Operation geht es um das langfristige Ziel. Wir halten daran fest. D’accord?«

Er sah sie der Reihe nach an, einen nach dem anderen. Handverlesen. Nicht weil sie sich seinem Willen beugen würden, mit ihm konform gehen, sondern weil sie klug und erfahren waren, geschickt und erfinderisch. Und mutig genug, um zu sagen, was sie dachten.

Und das taten sie. Aber jetzt war es an ihm.

Gamache dachte nach, bevor er erneut das Wort ergriff. »Wenn wir eine Razzia durchführen und geschossen wird, und alles im Chaos zu versinken droht, was machen wir dann?«

Er sah sie an, jeder von ihnen war schon einmal in einer solchen Situation gewesen. Auch Gamache.

»Wir behalten einen kühlen Kopf, und wir behalten die Nerven. Und wir behalten die Kontrolle. Wir konzentrieren uns. Wir lassen uns nicht ablenken.«

»Ablenken?«, sagte Toussaint. »Das klingt ja gerade so, als ginge es um eine lästige Fliege.«

»Ich will weder diese Lieferung herunterspielen noch die Bedeutung der Entscheidung oder die Konsequenzen, Superintendent.«

Er warf einen kurzen Blick auf die Tafel an der Wand. Auf das dunkle Gesicht.

»Verlieren Sie nie das Ziel aus den Augen«, sagte er und wandte sich wieder seinen Mitarbeitern zu. »Niemals.« Er hielt kurz inne, damit es sacken konnte. »Niemals.«

Sie traten von einem Fuß auf den anderen, begannen jedoch, die Schultern zu straffen.

»Jeder andere Beamte in Ihrer Position hat die Strategie aufgegeben«, fuhr Gamache fort. »Sie haben sich weggeduckt. Nicht weil sie schwach waren, sondern weil die Folgen so gravierend waren. Es musste dringend gehandelt werden.« Er tippte mit dem Finger auf die neue Linie. »Und muss es immer noch. Dringend. Achtzig Kilo Fentanyl. Wir müssen es aufhalten.«

Sie nickten.

»Aber wir können es nicht.«

Er holte tief Luft und konzentrierte sich kurz auf die Lichter der Stadt hinter dem Fenster. Und in der Ferne die Berge. Und das Tal. Und das Dorf.

Und das Ziel.

Dann kehrten sein Blick und seine Gedanken in den Besprechungsraum zurück.

»Wir sehen zu«, sagte Chief Superintendent Gamache, jetzt in entschlossenem Ton. »Aus der Entfernung. Wir greifen nicht ein. Wir halten die Lieferung nicht auf. D’accord?«

Es gab nur ein kurzes Zögern, bevor der Erste und schließlich alle antworteten: »D’accord.«

Einverstanden. Sie taten es widerstrebend, aber sie taten es.

Gamache drehte sich zu Superintendent Toussaint, die geschwiegen hatte. Sie blickte auf die Karte. Dann zu der Tafel an der Wand. Dann sah sie wieder ihren Vorgesetzten an.

»D’accord, patron.«

Gamache nickte knapp, bevor er sich Beauvoir zuwandte. »Auf ein Wort?«

In seinem Büro angelangt, die Tür fest hinter ihnen geschlossen, blieb er vor Beauvoir stehen.

»Sir?«, sagte der jüngere Mann.

»Du bist der gleichen Meinung wie Superintendent Toussaint, nicht wahr.«

Es war keine Frage.

»Es muss doch eine Möglichkeit geben, die Lieferung aufzuhalten, ohne dass sie mitkriegen, dass wir ihnen auf die Schliche gekommen sind.«

»Vielleicht«, räumte Gamache ein.

»Wir haben kleinere Lieferungen abgefangen«, sagte Beauvoir. Er nutzte die vermeintliche Gelegenheit, ein leichtes Wanken in der Haltung seines Vorgesetzten.

»Das ist richtig. Aber die wurden auf den üblichen Routen befördert, passierten die Grenze an einer vorhersehbaren Stelle. Wenn wir überhaupt nichts mehr abfangen, würden die Kartelle merken, dass etwas im Busch ist. Diese Lieferung ist riesig, und sie werden sie mit ziemlicher Sicherheit direkt an den Ort schaffen, von dem wir ihrer Meinung nach nichts wissen. Wenn sie sich bei einer solchen Menge Fentanyl auf diese Route verlassen, dann weil sie sich sicher fühlen, Jean-Guy. Aber es funktioniert nur, wenn wir sie in dem Glauben lassen.«

»Sollen das etwa gute Neuigkeiten sein?«

»Es ist das, worauf wir gehofft haben. Das weißt du. Hör zu, mir ist klar, dass es für dich besonders schwierig ist …«

»Warum läuft es eigentlich immer darauf hinaus?«, fragte Beauvoir.

»Weil wir unsere persönlichen Erfahrungen und unsere beruflichen Entscheidungen nicht voneinander trennen können«, erwiderte Gamache. »Wenn wir das glauben, machen wir uns etwas vor. Wir müssen es uns eingestehen, unsere Motive überprüfen und dann eine rationale Entscheidung treffen.«

»Hältst du mich für irrational? Du bist doch derjenige, der mir dauernd vorwirft, ich würde nicht meinem Instinkt vertrauen. Willst du wissen, was er mir jetzt gerade sagt? Und nicht nur mein Instinkt, sondern auch meine Erfahrung?«

Inzwischen war Beauvoir nahe dran, Gamache anzubrüllen.

»Das ist ein gewaltiger Fehler«, sagte Beauvoir und senkte seine Stimme zu einem Knurren. »Wenn wir zulassen, dass eine solche Menge Fentanyl in die USA gelangt, könnte das die Zukunft einer ganzen Generation verändern. Du willst meine persönliche Meinung hören? Bitte sehr. Du warst niemals süchtig. Du hast keine Ahnung, wie das ist. Opioide? Designerdrogen? Die ergreifen Besitz von dir. Verändern dich. Verwandeln dich in etwas Grauenhaftes. Alle reden ständig von ›achtzig Kilo‹.« Er deutete zur Tür und zum Besprechungsraum auf der anderen Seite des Flurs. »Was da auf dem Weg zur Grenze ist, ist kein Gewicht, keine Zahl. Es gibt keine Maßeinheit für das Elend, das auf uns zukommt. Ein langsames Krepieren. Und das gilt nicht nur für die Süchtigen, die du erzeugen wirst. Was ist mit all den anderen Leben, die zerstört werden? Wie viele Menschen, die heute am Leben sind, die heute gesund sind, werden sterben oder töten? Wegen deiner ›rationalen‹ Entscheidung?«

»Du hast recht«, sagte Gamache. »Du hast völlig recht.«

Er deutete auf die Sitzgruppe in seinem Büro. Nach kurzem Zögern, als würde er überlegen, ob das eine Falle war, ging Jean-Guy zu seinem gewohnten Sessel und setzte sich auf die Kante.

Gamache lehnte sich zurück und suchte eine bequeme Haltung. Schließlich gab er es auf und beugte sich ebenfalls vor.

»Es gibt da eine Theorie, der zufolge Winston Churchill wusste, dass die Deutschen die englische Stadt Coventry bombardieren würden, bevor es tatsächlich geschah«, sagte er. »Und er tat nichts, um es zu verhindern. Bei dem Bombenangriff starben Hunderte von Männern, Frauen und Kindern.«

Beauvoirs verkniffenes Gesicht entspannte sich etwas. Aber er sagte nichts.

»Die Briten hatten den Geheimcode der Deutschen geknackt«, erklärte Gamache. »Wenn sie gehandelt hätten, hätten sie ihnen das verraten. Coventry wäre verschont geblieben. Hunderte von Leben wären gerettet worden. Aber die Deutschen hätten den Code geändert, und die Alliierten hätten einen gewaltigen Vorteil verspielt.«

»Wie viele wurden infolge dieser Entscheidung gerettet?«, fragte Beauvoir.

Es war eine grauenvolle Rechnung.

Gamache öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Und blickte auf seine Hände.

»Ich weiß es nicht.«

Dann hob er den Kopf und erwiderte Beauvoirs ruhigen Blick. »Womöglich haben die Engländer ihr Wissen nie genutzt, aus Angst, ihren Vorteil aufzugeben.«

»Du machst Witze, oder?«

Aber es war klar, dass er das nicht tat.

»Wozu ist denn ein Vorteil gut, wenn man ihn nicht nutzt?«, fragte Beauvoir. Mehr verwundert als zornig. »Und wenn sie zugelassen haben, dass diese Stadt …«

»Coventry.«

»… bombardiert wird, was haben sie dann noch alles zugelassen?«

Gamache schüttelte den Kopf. »Das ist eine gute Frage. Wann setzt man sein ganzes Vermögen ein? Wann geht man strategisch vor, und wann ist man knauserig und hortet es? Je länger man es behält, desto schwieriger wird es, etwas davon herzugeben. Wenn du nur einen Versuch hast, Jean-Guy, wann wagst du ihn? Und woher weißt du, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist?«

»Vielleicht ist es auch zu spät, wenn du es endlich wagst. Du hast zu lange gewartet«, sagte Beauvoir. »Der entstandene Schaden übersteigt bei weitem alles, was an Gutem hätte erreicht werden können.«

Beauvoirs Zorn war nach und nach verraucht, während er Chief Superintendent Gamache ansah, der mit dieser Frage kämpfte.

»Wenn dieses Fentanyl auf die Straße gelangt, werden Menschen sterben, Jean-Guy. Junge Menschen. Ältere Menschen. Vielleicht Kinder. Es wird wie eine Feuersbrunst sein.«

Gamache dachte daran, wie er mit Reine-Marie Coventry besucht hatte, viele Jahre nach dem Bombenangriff. Man hatte die Stadt wieder aufgebaut, aber die Ruine der Kathedrale hatte man stehen lassen. Sie war zu einem Symbol geworden.

Reine-Marie und er hatten lange vor dem Altar der zerstörten Kathedrale gestanden.

Nur wenige Tage nach der Bombardierung hatte jemand zwei Worte in eine der Wände geritzt.

Vater vergib.

Aber wem vergeben? Der Luftwaffe? Göring, der die Bomber losgeschickt hatte, oder Churchill, der beschlossen hatte, tatenlos zuzusehen?

War es Courage oder eine furchtbare Fehleinschätzung seitens der britischen Führung, die Hunderte von Meilen entfernt in ihren Häusern und Büros und Bunkern in Sicherheit war?

So wie er in Sicherheit war, hoch über den Straßen von Montréal. Weit weg von der Feuersbrunst, die er im Begriff war zu entfesseln. Der heilige Michael fiel ihm ein. Die Kathedrale von Coventry war dem Erzengel geweiht worden. Dem freundlichen Engel, der sich der Seelen der Sterbenden annahm.

Er blickte auf seinen Zeigefinger und war überrascht, eine hellblaue Linie zu sehen. Als würden die achtzig Kilo Fentanyl auf ihrem Weg nach Süden mitten durch ihn transportiert.

Armand Gamache stand praktisch direkt über der Route von den Magdalenen-Inseln zur amerikanischen Grenze. Eine Linie, die durch ein unbedeutendes kleines Dorf in einem Tal verlief.

In diesem Augenblick hatte er die Chance, die Macht, es aufzuhalten.

Gamache wusste, dass ihn die Entscheidung, die er heute Abend traf, für den Rest seines Lebens zeichnen würde.

»Gibt es denn gar nichts, was du tun kannst?«, fragte Jean-Guy mit leiser Stimme.

Gamache schwieg.

»Ein Wort unter vier Augen mit jemandem von der Drogenbehörde? Um sie zu warnen?«, schlug Jean-Guy vor.

Aber er wusste, dass das nicht geschehen würde.

Gamache hatte die Kiefer zusammengepresst, er schluckte, erwiderte jedoch nichts. Seine dunkelbraunen Augen ruhten auf seinem Stellvertreter. Seinem Schwiegersohn.

»Was meinst du, wie lange es dauert, bis das Fentanyl die Grenze erreicht?«, fragte Gamache.

»Wenn es sofort weitertransportiert wurde? Dann müsste es die Grenze morgen in der Nacht passieren. Vielleicht früher. Es könnte schon dorthin unterwegs sein.«

Gamache nickte.

»Aber wahrscheinlich ist noch genug Zeit, um es abzufangen«, sagte Beauvoir, und er wusste, dass er eigentlich sagen wollte, Gamache habe noch Zeit, es sich anders zu überlegen.

Allerdings wusste er, dass auch das nicht geschehen würde. Und tief in seinem Inneren wusste Jean-Guy Beauvoir, dass es nicht geschehen sollte.

Das Fentanyl musste die Grenze passieren. Ihr Geheimnis musste bewahrt werden.

Um später genutzt zu werden. Für den endgültigen Schlag.

Armand Gamache nickte, dann stand er auf und ging zur Tür. Und er fragte sich, ob sich eine dunkle Gestalt aus dem Schatten lösen und ihm folgen würde, wenn er an diesem Abend sein Büro verließ, um zu der kleinen Wohnung zu fahren, die Reine-Marie und er in Montréal behalten hatten.

Um eine Schuld einzutreiben, von der Chief Superintendent Gamache wusste, dass er sie niemals begleichen konnte.

Alles, worauf er hoffen konnte, war Vergebung.

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Дата выхода на Литрес:
08 ноября 2024
Объем:
480 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783311700043
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Bookwire
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