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Lola Randl

DIE KRONE DER SCHÖPFUNG


DU sihst / wohin du sihst nur eitelkeit auff erden.

Was diser heute bawt / reist jener morgen ein:

Wo itzund Städte stehn / wird eine Wisen sein

Auff der ein Schäffers Kind wird spilen mitt den Heerden.

Andreas Gryphius aus: Es ist alles Eitel (1637)

INHALT

Abstand

Amazon

Amerika

Amerika II

Angst

Apotheke

Apotheke II

Artenvielfalt

Aufbruch

Auflösung

Ausnahme

Bäm

Barfuß

Barfuß II

Barfuß III

Bessere Welt

Bingo

Biologische Kampfstoffe

Bokashi

Bunker

Bushäuschen

Chaos

China

China II

Chloroquin

Crash

Desinfektion

Deutsche Maschinen

Die Ruhe vor dem Sturm

Die Ruhe vor dem zweiten Sturm

Dramaturgie

Dramaturgie II

Eis

Epidemie

Epidemie II

Epilog

Epizentrum

Erbgut

Erziehungsberechtigt

Experten

Familie

Filmfestival II

Fledermaus

Fledermaus II

Fleisch

Frühling

Gefahr

Gefahr II

Geheimnisse

Geld

Geld II

Genre Zombie

Gewohnte Welt

Golf

Googol

Hase

Helden

Heldenreise

Heldenreise II

Herde

Hilfe

Homeoffice

Homeschool

Homeschool II

Honka, Bar des Vergessens

Honka, Bar des Vergessens II

Honka, Bar des Vergessens III

Honka, Bar des Vergessens IV

Honka, Bar des Vergessens IX

Honka, Bar des Vergessens V

Honka, Bar des Vergessens VI

Honka, Bar des Vergessens VII

Honka, Bar des Vergessens VIII

Honka, Bar des Vergessens X

Honka, Bar des Vergessens XI

Ich und das Virus

Impfstoff

Indien

Indien II

Infektion

Inkonsequenz

Investition

Isolation

Jennifer

Kadaver

Kalkulation

Kern

Kernkeule

Klartext

Kleiner Leberegel

Klotz

Klotz II

Konsolidierung

Krankenwagen

Leftovers

Leichen

Leistungsgrenze

Licht

Liveticker

Loslassen

Möglichkeiten

Möglichkeiten II

Motivation

Müssen

Nachbar

Öl

Ordnung

Ordnung II

Ordnung III

Panik

Partys

Patient Null

Pest

Pest II

Planerfüllung

Präsident

Prolog

Quote

Regen

Ruf

Sauerteig

Schicksal

Schnecke

Schock

Schuhe

Schuld

Schweden

Sex

Sinn

Sinn II

Social Bashing

Social Distancing

Sondersendung

Staatsoberhäupter

Stadtflucht

Superspreader

Systemrelevant

Talkshow

Termine

Test

Therapie

Tiere

Tod

Tracing

Trost

Trost II

Ungnade

Unsichtbar

Unsichtbar II

Vakuum

Verheerungspotenzial

Verheerungspotenzial II

Versammlung

Versandhandel

Versandhandel II

Verschwörung

Versprechen

Verweildauer

Viren

Viren II

Virologen

Vogelzählen

Weigerung

Wert

Werte

Wissenschaft

Zahlen

Zeitformen

Zombies

Zukunft

PROLOG

Wenn Sie das hier lesen, wird das Gröbste schon vorbei sein. Vielleicht wird es aber auch erst noch kommen. In Wirklichkeit haben wir überhaupt keine Ahnung, was das Gröbste gewesen sein wird, und möglicherweise werden wir es auch nie wissen. Die Auswirkungen, die das Ganze haben wird, werden später noch ganz andere Auswirkungen haben, von denen selbst Sie jetzt, wo Sie das lesen und schon viel mehr Ahnung haben als ich, wo ich das schreibe, nichts ahnen können. Manches wird so sein, wie wir es befürchteten, anderes ganz anders und manches wird auf wundersame Weise genau so gekommen sein, wie wir es uns immer gewünscht haben.

Die Erzählerin möchte die Gelegenheit nutzen, um darauf hinzuweisen, dass alles, was Sie im Folgenden lesen werden, von ihr, also der Erzählerin, gehört, gelesen, erlebt oder ausgedacht worden ist. Auf stichfeste Quellenangaben wird nach reiflicher Überlegung verzichtet, da aufgrund der Komplexität der Lage eine streng wissenschaftliche Herangehensweise nicht angemessen erscheint. So musste sich erst alles im Kopf der Erzählerin zu einem großen Ganzen vermischen, bevor sie dann, mit viel Feingefühl und ganz auf sich allein gestellt, ein klares Bild der Lage sponn. Es ist vielleicht außerdem der richtige Moment, darauf hinzuweisen, dass alles sowohl wahr als auch frei erfunden ist.

VIREN

Der oder das Virus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Schleim oder Saft oder Schlangengift. Man kann der Virus sagen oder das Virus, beides ist richtig und miteinander kombinierbar. Ein Virus ist eine infektiöse Struktur ohne eigenen Stoffwechsel, die sich nur über eine Wirtszelle vermehren kann. Die Wirtszelle betreibt dann den Stoffwechsel des Virus. Die Stoffwechselendprodukte, also der Kot, rufen mitunter Infektionen beim Wirt hervor. Anhand der Charakteristika und Symptome der Infektion erhält der Virologe oder Arzt erste Anhaltspunkte, um was für eine Art Virus es sich handeln könnte. Viele Viren sind bereits erforscht und gegen die Infektionen, die sie hervorrufen, sind Impfstoffe oder Medikamente gefunden, andere sind unerforscht und die allermeisten sind noch gar nicht in Erscheinung getreten. Viren verändern sich durch Mutation ständig weiter und deshalb wird es, solange es Viren gibt, auch immer wieder neue Viren geben. Ob der Mensch irgendwann einmal keine Angst mehr vor ihnen haben muss, ist ungewiss.

Viren haben alle Zeit der Welt. Sie können Pflanzen, Pilze, Tiere und Menschen befallen. Sie sind lediglich Träger ihrer Erbinformation und benötigen stets einen fremden Organismus, um sich zu verwirklichen. Ohne Wirt ist das Virus nichts, aber das ist dem Virus egal. Das Virus schwebt solange als Viruspartikel oder Virion herum, bis es auf eine Zelle trifft, die es einlässt. Die Virologen haben sich darauf geeinigt, dass es sich bei Viren nicht um eigenständige Lebewesen handelt.

SCHULD

Bei Schuld kann es sich sowohl um eingegangene Verbindlichkeiten handeln, als auch um die Voraussetzung für einen Straftatbestand. In den allermeisten Fällen tritt Schuld jedoch als Gefühl auf, als das sogenannte Schuldgefühl. Das Schuldgefühl kann ohne nachweisbaren Grund eintreten, aber auch völlig zurecht bestehen; die Grenze ist dabei fließend. Ein Schuldgefühl involviert meist zwei Parteien. Die, die die Schuld zuweist, und die, die sie annimmt. Dieser Vorgang kann auch in Personalunion ausgeübt werden. Wichtig bei der Schuldzuweisung ist, dass die Partei, die die Schuld zugewiesen bekommen soll, das Prinzip Schuld versteht und somit in der Lage ist, sie anzunehmen. Einer Fledermaus kann man zwar Schuld geben, aber weil die Fledermaus die Schuld weder versteht noch annimmt, verschafft das dem Schuldgebenden wenig bis gar keine Genugtuung.

Die Idee von Schuld ist, dass sie den Menschen zu einem besseren Menschen macht, indem der Mensch einsieht, gewisse Dinge lieber nicht mehr zu machen oder zu denken, und sich damit besser oder wieder besser in die Gesellschaft oder in seine Beziehung zur Schuld zuweisenden Person einzufügen. Ein Schuldgefühl kann aber auch lähmend wirken und dafür sorgen, dass man in eine Depression abrutscht, und dann passt man auch nicht mehr in die Gesellschaft.

KERN

Der Redakteur war seit zwölf Monaten Vegetarier und ich seit zehn. Wir hatten von Anfang an eine gute Ebene und für einen Redakteur war er recht sportlich gebaut. Trotz seiner sanften Gesichtszüge war er durchaus wagemutig, also was Inhalte betrifft. Wenn wir nicht über das Projekt sprachen, sprachen wir über Räuchertofu und Cashewkerne und Rohkost und übers Fermentieren, also in den Pausen. Es sollte nicht irgendein Projekt werden, er wollte es groß aufziehen und nannte Namen von Schauspielern, die gerade recht bekannt waren, nicht nur bei uns, sondern auf der ganzen Welt. Man konnte schon ganz genau merken, dass er ein Mann der neuen Verwertungsketten war, ein Mann der Zukunft, aber in mancher Hinsicht war er dann doch altmodisch: Er legte Wert auf Pünktlichkeit und darauf, dass sich an Absprachen gehalten wurde. Außerdem stellte er eine gute Bezahlung in Aussicht. Das kam mir alles sehr entgegen, denn bei einem Projekt dieser Größenordnung bedurfte es natürlich einer konzentrierten und gründlichen Vorarbeit, die sich nicht so hoppladihopp erledigen ließ, und es würden sicherlich einige Rewrites notwendig werden.

Der Redakteur muss irgendwie geahnt haben, dass ich mich dazu entschieden hatte, ihn nach einem Vorschuss zu fragen, schließlich hatten der Mann und ich schon vor einer Weile aus dem Wohnzimmer und dem Bad die Böden rausgerissen, damit es endlich mal voranging bei uns im Haus.

Erst war er tagelang nicht zu erreichen gewesen, dann rief er mich an und sagte nur, dass das Projekt auf Eis gelegt sei. Das Schreiben war mir bislang eigentlich sehr gut von der Hand gegangen und da der Redakteur die Idee so interessant fand, dachte ich, es wäre bestimmt nicht verkehrt, die Anfangsidee auszubauen und gleich alles auf eine Serie mit drei oder vier Staffeln umzuschreiben. Warum genau das Projekt dann plötzlich auf Eis liegen sollte, war mir schon etwas schleierhaft, aber ich konnte mir ja auch keine Blöße geben. Nur, dass er gerade dann damit rausrückt, als ich im Begriff war, nach einem Vorschuss zu fragen, lässt einen schon auf Gedanken kommen. Vielleicht hätten wir doch noch warten sollen mit den neuen Fußböden, aber man konnte sich natürlich schon auch fragen, warum der Mann mir das so einfach geglaubt hat, also das mit dem vielen Geld, und ob da nicht auch seinerseits Wunschdenken mit im Spiel war.

INFEKTION

Und dann bin ich in der Nacht aufgewacht und hatte den oder das Virus. Ich hatte ihn mir sehr wahrscheinlich auf dem Filmfestival eingefangen, zu dem ich erst gar keine Lust gehabt hatte, hinzugehen. Das ist immer gefährlich. Gerade, wenn man erst gar keine Lust hat, bleibt man häufig am allerlängsten. Den Virus gab es ja noch gar nicht so lang und in Deutschland waren bisher nur eine Handvoll Fälle aufgetaucht, in irgendwelchen Bundesländern, in denen man sowieso nie was zu tun hatte. Aber der Virus konnte ja springen, und der Mensch, von dem es zum Nächsten sprang, musste gar nichts davon wissen.

An die meisten Gespräche konnte ich mich am nächsten Tag gar nicht mehr erinnern, es blieb nur so ein ungutes Gefühl, dass ich wahrscheinlich sehr viel geredet hatte, was ich wahrscheinlich besser nicht hätte reden sollen.

Ich war an diesem Tag danach so ausgelaugt, dass ich nichts anderes tun konnte, als mich sehr genau über die neue Krankheit zu informieren, und da wurde mir erst bewusst, dass es diesmal wirklich ernst werden könnte. Mit diesem neuen Wissen war es kaum mehr möglich, etwas anderes zu denken. Ich lag wach und spürte, wie das Virus sich langsam, aber beständig in mir ausbreitete. Ich überlegte, welchen Verlauf die Krankheit nehmen würde, und was wäre, wenn meine Mutter auch den Virus bekäme. Ob sie dann wohl sterben müsste? Und was wäre, wenn meine Kinder ihn bekämen und nicht mehr zur Schule gehen könnten? Dann habe ich vorsichtshalber den Mann aufgeweckt und ihm gesagt, dass ich mich angesteckt habe, aber er hat nur gesagt, dass ich weiterschlafen soll und dass wir morgen darüber reden.

FLEDERMAUS

Als Erstes hatte es die Fledermaus. Man dachte eine Zeit lang auch, es könnte über eine Ratte oder eine Schlange auf den Menschen gekommen sein, aber dann ist es doch die Fledermaus gewesen. Wobei es auch sein kann, dass da noch ein Schuppentier (auch »Tannenzapfentier« oder »Pangolin«) als Zwischenwirt beteiligt war, aber das war dann relativ schnell egal.

Es geschah auf einem Markt für Fische, Wildtiere und Meeresfrüchte in einer großen chinesischen Stadt. Fledermäuse werden in China und in Asien gerne gegrillt, gebraten oder als Suppe gegessen, und auf Märkten kann man sie gezüchtet oder als Wildfang kaufen. Knapp zwei Monate nach der ersten Infektion wurde der Handel mit Fledermäusen in China mit sofortiger Wirkung eingestellt.

ANGST

Die Ansteckungsgefahr lauert überall, auf Eisenflächen ganz besonders und auf Kartons, aber auch sonst überall. Die allergrößte Gefahr geht allerdings von den Mitmenschen aus. Am gefährlichsten ist ein hustender und/oder niesender Mensch. Durch das explosionsartige Ausstoßen von Schleim und Luft werden Aerosole freigesetzt, winzige schwebende Tröpfchen, von denen jedes Einzelne die noch viel kleineren Viren transportiert. Letzten Endes wird es die Verkettung der einzelnen Momente sein, die darüber entscheiden, ob es einem Virion gelingt, auf einer Wirtszelle zu landen und anzudocken. Also, vermutlich wird es am Ende nur ein einziger Moment gewesen sein, von all den Momenten. Die Summe aller Momente ist Null. Ich weiß nicht, ob das jetzt stimmt, das war mir nur gerade so eingefallen, und ich wollte es mir merken, entweder für das Drehbuch oder für was anderes, das ich jetzt noch nicht wissen konnte.

Bei der Angst, von einem Virus infiziert zu werden, kreisen die Gedanken unablässig um Situationen, die einem dafür prädestiniert zu sein scheinen, wobei man nie herausfinden wird, in welchem Moment genau der Virus in einen hineingesprungen sein wird. Eine stark empfundene Bedrohung und Unsichtbarkeit, gepaart mit Omnipräsenz, sind der ideale Nährboden für Angst.

PATIENT NULL

Als Erster hatte sich Patient Null angesteckt. Der wirkliche Patient Null wurde nie gefunden, er ist also mehr so eine Idee. Die Systembiologen glauben, dass, wenn sie den Patienten Null fänden, sie die Infektionsketten leichter nachverfolgen und den Virus besser identifizieren könnten. Je genauer sie die Infektionsketten rekonstruieren könnten, also wer von wem angesteckt worden ist und dann wen angesteckt hat, desto mehr wüssten sie über Ansteckungswahrscheinlichkeit, Erkrankungswahrscheinlichkeit, Latenzzeiten und Sterblichkeiten. Auch ohne den Patienten Null wurden die Ansteckungswahrscheinlichkeit und auch die Erkrankungswahrscheinlichkeit als sehr hoch eingestuft. Das Verheerende bei der Verbreitung dieses neuen Virus, so stellte sich heraus, war die lange Inkubationszeit, also die Zeit, in der der Virus bereits in den Körper eingedrungen war, der Erkrankte aber noch nichts davon spürte und dem Körper auch von außen nichts Ungewöhnliches anzumerken war. Trotzdem schien der Befallene bereits in dieser frühen Phase in der Lage zu sein, den Virus auf einen nächsten Körper überspringen zu lassen und diesen und noch viele weitere anzustecken.

AUFLÖSUNG

Der Mann hatte die Bedrohung tatsächlich noch nicht verstanden. Er schaute auf die Wetter-App, als ob nichts wäre, und überlegte, was das Wetter für die Baustelle bedeuten könnte. Von mir glaubte er, dass ich mich vor der Arbeit drücken wollte, dabei gab es ja gar keine Arbeit mehr, vor der ich mich hätte drücken können. Aber das konnte ich dem Mann unmöglich sagen, nicht solange die Böden in den unteren Räumen leergeschaufelt wurden und die Arbeiter jede Stunde Geld kosteten. So hatte ich eigentlich alle Zeit der Welt und der Virus konnte voll und ganz Besitz von mir ergreifen.

Die endgültige Absage war dann doch ziemlich abrupt gekommen und der Redakteur hatte es auch gar nicht genauer erklären können. Nur dass ich mich eben durch die vielen Rewrites von der genialen Anfangsidee immer weiter weg bewegt hätte. In dem Moment konnte ich ihm natürlich schwer sagen, dass ich gerade gestern erst einen richtig großen Schritt getan und sich der Hauptcharakter in meiner Vorstellung zu einem ganz anderen entwickelt hatte, was das Ende der Geschichte um ein Vielfaches besser gemacht hätte. Man darf sich nie mehr interessieren als der andere, das ist die erste und wichtigste Regel. Also sagte ich »Lebwohl«, aber mit einem Lächeln, sodass sich irgendwie eine zweite Bedeutung zu den Worten dazugesellte. Um welche zweite Bedeutung es sich handelte, ließ ich offen, aber ich sah an dem irritierten Blick des Redakteurs, dass ihm das Vorhandensein der zweiten Bedeutung nicht entgangen war.

Zurück zu Hause, wusste ich erst gar nicht was mit mir anzufangen. Ich musste mich einfach mit aller Kraft in eine neue Aufgabe stürzen, die ja keinesfalls eine unwichtigere sein müsste, und so verbot ich mir, noch weiter darüber nachzudenken. Ich habe dann lieber meiner Mutter von dem gefährlichen Virus erzählt, aber die musste gleich raus in den Garten, weil es so schön warm war und sie die Frühjahrsbeete vorzubereiten hatte. Ob ich einfach mal alle anrufen sollte, bei denen ich mich vielleicht angesteckt haben könnte? Aber die Erinnerungen an diesen Abend waren doch sehr verschwommen und tatsächlich hatte ich ja auch gar nicht die Nummern von allen, also hätte ich gar nicht alle anrufen und die Infektionskette nachverfolgen können. Das Virus ließ sich nicht mehr aufhalten.

SUPERSPREADER

Der oder die SuperspreaderIn ist eine Person, die ungewöhnlich viele Personen ansteckt. Bei dem Versuch, eine Epidemie einzudämmen, ist die Suche nach den Superspreadern von zentraler Bedeutung, da man über ihn oder sie im Idealfall viele andere Infizierte auf einmal finden und isolieren kann. Die erste bekannte Superspreaderin von SARS-CoV-2, wie das neue Virus getauft worden war, war eine südkoreanische Sektenanhängerin, die es sich trotz hohem Fieber nicht nehmen ließ, am Gottesdienst teilzunehmen und dort mehrere tausend Menschen ansteckte. Gottesdienste wurden schnell als relativ gefährlich eingestuft, weil beim gemeinsamen Singen Aerosole ungehindert aus vielen Mündern heraus- und in viele andere Münder hineingelangen konnten. Nach dem gemeinsamen Singen und Beten gingen die Sektenanhänger hinaus auf die Straßen und versuchten, noch andere Menschen zu missionieren, und so waren bald mehrere Hundert und dann mehrere Tausend angesteckt. Für Südkorea sollte sich das als großes Glück erweisen, denn zum einen gab es gleich richtig viele Erkrankte, sodass es der Bevölkerung und den Politikern sofort einleuchtete, dass drastische Maßnahmen ergriffen werden mussten, und zum anderen konnten ganz viele der Erkrankten direkt in der Sekte gefunden werden. Man musste also nur die Sekte isolieren und schon war alles gleich viel besser. Die Sekte wurde dann auch, genau wie die Fledermaus, für immer verboten.

AMAZON

»Irgendein Projekt hat sich bisher immer ergeben«, sagte ich zum Mann. Der Mann hatte sich beklagt, dass die Abbuchungen zurückgingen. Und für jede zurückgegangene Abbuchung wollte die Bank zehn Euro haben.

»Aber wieso wollen die zehn Euro haben für eine Abbuchung, die nicht abgebucht werden kann?« Zum Glück klingelte dann mein Telefon, also es klingelte nicht, es brummte, weil ich habe mein Telefon eigentlich immer auf stumm. Eine Frau war dran und während ich noch überlegte, woher wir uns kannten, fragte sie mich schon, was ich von einem virtuellen Writer's Room für eine Amazon-Serie halten würde. Ich machte dem Mann ein Zeichen, das so was bedeuten sollte wie, dass der Anruf ganz wichtig wäre, und sagte dann ins Telefon, dass ich gerade an meiner Dissertation arbeite, aber prinzipiell nicht abgeneigt sei. Das mit der Doktorarbeit war mir irgendwie so rausgerutscht, hat die am Telefon aber auch nicht weiter interessiert. Die Frau am Telefon ging so selbstverständlich davon aus, dass ich wüsste, worum es ging, dass ich auch nicht noch mal nachfragen konnte. Möglicherweise waren da auch zwei Frauen am Telefon, aber auch das habe ich nicht gefragt, was ich im Nachhinein etwas bereue. Sie haben dann gesagt, dass sie meine Idee ziemlich interessant fänden, und dass ich auch erst mal nur einen Entwurf schicken könnte, und ich habe nur »Mhm« gesagt. Wahrscheinlich hatte ich die Frau oder Frauen an dem Abend, an den ich mich nicht mehr so gut erinnern konnte, getroffen und ihnen irgendeiner Idee erzählt. Ich fragte dann immerhin doch, welche von den Ideen sie eigentlich meinten, so als hätte ich ganz viele Ideen, und sie sagten: »Die Zombieidee.« Ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte, die »Zombieidee«, sagte aber: »Ok, ja klar«, und wir verabschiedeten uns nett und legten auf. Es würde mir schon wieder einfallen.

Nachts ist es ganz still im Dorf, also richtig nachts, wenn man schon ein paar Stunden geschlafen hat und dann wieder wach ist. Es sei denn, man hat eine Nachtigall in einem Baum vor dem Fenster sitzen. Ich musste die Frauen von Amazon mit meiner Idee zu irgendetwas inspiriert haben. Wahrscheinlich dachten sie, dass bald schon niemand mehr vor die Tür gehen würde und dass alle zu Hause Serien streamen würden, Romanzen oder eben so Zombiezeug. Ich würde schon wieder drauf kommen, aber jetzt musste ich einfach nur die Augen geschlossen halten und durfte gar nichts mehr denken.

HOMEOFFICE

Die Heimarbeit oder das Homeoffice hat eine lange Tradition. Wenn man es genau nimmt, hatten die Menschen anfangs gar keine Vorstellung, etwas anderes zu machen als Homeoffice. Erst mit der Einführung der Lohnarbeit, also dem Konzept, dass einer einen anderen dafür bezahlt, dass er für ihn arbeitet, fing es an, dass die Menschen an einen ihnen zugewiesenen Arbeitsplatz gingen und dort ihre Aufgaben verrichteten. In diesem Zuge gab es dann auch auf einmal die Freizeit, die immer dann war, wenn man nicht an seinem Arbeitsplatz war, und das fühlte sich gut an. So wurde das Zuhause immer mehr mit Freizeit und immer weniger mit Arbeit assoziiert.

Die Idee, dass die Schreibtischarbeiter auch außerhalb des Gebäudes des Arbeitgebers arbeiten könnten, nämlich von da aus, wo sie eben Lust hatten, keimte in den 70er-Jahren wieder auf, wurde aber erst viel später mit dem schnellen Internet wirklich machbar. Das Homeoffice kollidierte dann aber mit dem Konzept Freizeit/Familie, das sich in der Zwischenzeit untrennbar mit dem Zuhause verbunden hatte. Genau genommen könnte der Arbeitnehmer im Homeoffice viel mehr arbeiten, denn er sparte die Hin- und Rückfahrt zum Arbeitsplatz, und wenn er die Arbeit geschickt in seinen Tagesablauf integrierte, hätte er die Chance, jede freie Lücke zu nutzen. Allerdings empfand der Arbeitgeber einen gewissen Kontrollverlust, und er würde erst lernen müssen, dass das moderne Beschäftigungsverhältnis mehr auf Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein basierte. Als das Coronavirus ausbrach, war die Heimarbeit schnell die einzige Alternative, und jeder, der es sich leisten konnte, verzog sich in sein Homeoffice. Auch die Kinder.

DIE RUHE VOR DEM STURM

Die Ruhe vor dem Sturm bezeichnet die letzten Momente vor der Katastrophe. Damit die sonst geschäftigen Orte sich leeren, muss ein Großteil der Menschen der kommenden Gefahr gewahr sein und sich bereits in Sicherheit gebracht haben, oder sich gerade in Sicherheit bringen. Die Ruhe vor dem Sturm wird selten als friedlich empfunden, obwohl durchaus Potenzial für Momente der Besinnung vorhanden wäre. In der Ruhe vor dem Sturm lässt sich schlecht etwas Neues anfangen.

Hier auf dem Dorf war die Ruhe vor dem Sturm nur schwer von der ganz normalen Ruhe zu unterscheiden. Nur aus dem Internet wusste man, dass das hier jetzt die Ruhe vor dem Sturm war. Immer mehr Bilder von leeren Plätzen, die sonst niemals leer waren, wurden gezeigt, und Kurven mit Zahlen, die Anstalten machten, hochzuschnellen. Bald kamen einem alle Menschen, die sich noch nicht in Sicherheit gebracht hatten, unverantwortlich, ja fast lebensmüde vor. Komischerweise fiel mir da der Titel für die Zombieserie ein: Honka. Oder besser: Honka, Bar des Vergessens. Ich hatte erst vor ein paar Tagen von einer Bar mit diesem komischen Namen geträumt. Es war ein seltsamer Traum, deshalb habe ich ihn auch nicht gleich wieder vergessen wie andere Träume. Ich betrieb die Bar zusammen mit einigen Schulfreunden, mit denen ich schon längst nichts mehr zu tun hatte, und die neuen Nachbarn kamen als Gäste. Die Familie mit den zwei Kindern war erst vor Kurzem gegenüber eingezogen. Sie verwirklichten ihren Traum vom Leben auf dem Land und ich hatte sehr stark daran mitgewirkt, sie davon zu überzeugen, dass genau hier der richtige Ort dafür wäre. Aber jetzt, da ich sie in die Bar kommen sah, hatte ich so eine Vorahnung, dass sie über mich etwas herausfinden würden, was sie vielleicht vom Gegenteil überzeugen könnte. Aber genau konnte ich mich eigentlich nur an den Schriftzug mit dem Namen dieser Bar erinnern, der mit schwarzer Farbe über die Eingangstür gesprüht war.

KLEINER LEBEREGEL

Zuerst lebt der Kleine Leberegel in der Atemhöhle der Schnecke. Von dort wird er als Schneckenschleim ausgehustet, für den sich besonders die Ameise interessiert. Nachdem die Ameise den Schleim zu sich genommen hat, klettert sie nachts auf einen Grashalm und wartet darauf, dass ein Schaf sie frisst. Wenn kein Schaf sie bis zum Morgengrauen gefressen hat, klettert sie wieder herunter und geht zurück zu den anderen Ameisen in ihren Bau. Der Erreger bringt die infizierte Ameise aber dazu, jede Nacht aufs Neue an die Spitzen der Grashalme zu klettern, bis sie endlich von einem Schaf gefressen wird. Durch diesen Trick, die Ameise in eine Kamikazeameise zu verwandeln, gelangt der Erreger in das Schaf, dessen Gallengänge der erwachsene Kleine Leberegel sein Zuhause nennt.

Der Kleine Leberegel hat lange gebraucht, um den besten Weg von Schaf zu Schaf herauszufinden. Menschen, die sich genauer mit dem Kleinen Leberegel beschäftigen, vermuten, der Kleine Leberegel habe diese Strategie erfinden müssen, weil er in der Ameise in eine Sackgasse geraten war: Er war in sie hineingekommen, kam aber nicht mehr aus ihr heraus. Natürlich war nicht nur ein Kleiner Leberegel in diese Sackgasse geraten, sondern Abertausende, und es brauchte Millionen von Jahren, bis einer von ihnen herausgefunden hatte, wie er in das Gehirn der Ameise vordringen und die Ameise dazu bringen konnte, sich für ihn zu opfern.

HELDENREISE

Nach einem amerikanischen Professor der Mythologie aus dem Staat New York sind die allermeisten Geschichten der Menschheit, also zumindest die, die sich gut verkaufen, ihrer Struktur nach Heldenreisen. In der Heldenreise gerät der Held, der eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hat, in eine schwierige Situation, die nur durch das besondere Geschick des Helden zu lösen ist. Dabei erhält der Held meist von unerwarteter Seite Unterstützung oder zumindest den entscheidenden Tipp, der ihn dann vor dem Untergang rettet. Es ist also nur verständlich, dass in einer Situation, in der das Virus unaufhaltsam jeden Einzelnen bedroht, jeder Einzelne begierig alle verfügbaren Informationen aufsaugt, die ihm eine bessere Überlebenschance im Falle der entscheidenden Auseinandersetzung ermöglichen. Jede noch so kleine Randnotiz, etwa, dass Ibuprofen die Wahrscheinlichkeit zu erkranken verstärkt, ist jetzt von allergrößtem Interesse. Ich habe in der Schublade im Badezimmer nachgesehen, ob ich überhaupt Ibuprofen habe, und zum Glück keins gefunden.

Das größte Problem der Krankheit ist, habe ich gelesen, die Heftigkeit der eigenen Immunabwehr. Also sind diejenigen mit einer schwächer ausgeprägten Abwehr im Vorteil. Dann müsste es wohl am besten sein, wenn man gar keine Abwehr hat, wäre das nicht logisch? Für mich macht das alles keinen Sinn und ich muss sofort aufhören, weiter zu recherchieren. Ich muss mich von der Hoffnung verabschieden, im entscheidenden Moment durch zusätzliche Informationen bessere Überlebenschancen zu haben, und von der Idee, mein Schicksal in der eigenen Hand zu halten, am besten gleich mit.

LIVETICKER

Liveticker oder Newsticker oder Nachrichtenticker nennt man die Technik, die es einem ermöglicht, immer alle Nachrichten sofort zu haben. Früher, und daher kommt auch der Name »Ticker«, verwendete man, um immer auf dem Laufenden zu sein, Fernschreiber, und die machten ein tickendes Geräusch. Wenn man die Liveticker verschiedener Nachrichtenmagazine zusammennahm und überall den News-Alarm aktiviert hatte, konnte man minütlich auf dem Laufenden gehalten werden. Es war auf jeden Fall sehr wichtig, dass man nichts versäumte und alle Informationen, die es gab, parat hatte. Ohne die Nachrichten hätte hier auf dem Dorf sicherlich niemand etwas mitbekommen von der Krise und auch nichts von dem Virus. Um sicherzugehen, dass man auch nichts verpasst hatte, konnte man sich die Zusammenfassung zweimal täglich über Mail zukommen lassen, oder doch gleich jede neue Nachricht als Pushnachricht aufs Telefon. Ich war mir gar nicht sicher, ob ich das eigentlich wollte, als ich diese Funktion aktivierte, aber als ich sie dann wieder ausschaltete, kam mir alles noch viel gefährlicher und unheimlicher vor. Trotzdem schaltete ich ab da auch das Brummen auf meinem Telefon lieber aus und es machte einfach gar kein Geräusch mehr.

AUFBRUCH

Der Winter war passé, und auch, wenn sonst alles herunterfuhr, begann die Natur zu erwachen. Nichts und niemand konnte sie aufhalten, so wie sie bis jetzt noch jedes Jahr nichts und niemand hatte aufhalten können. Kraniche zogen in Keilformationen über den Himmel, Buschwindröschen blühten auf den jetzt noch lichtdurchfluteten Böden der Laubwälder und wie immer begab sich die Krötenschar mitten in einer Nacht zu ihrem Laichgewässer. Ich weiß das, weil das Laichgewässer der Kröten in Hörweite meines Schlafzimmerfensters liegt. Sie brechen zu einer Zeit auf, zu der ich zwar schon im Bett liege, aber noch etwas Wichtiges zu überdenken habe, und wenn sie angekommen sind im Tümpel, dann feiern sie mit lautem Quaken den Neubeginn.

Die Tage wurden eindeutig wieder länger, was die Zirbeldrüsen in Mensch und Tier dazu veranlasste, weniger Schlafhormone auszuschütten und Gefühle der Leichtigkeit zu vermitteln. Doch in diesem Frühling waren die Menschen von der um sie herum sprießenden Natur eher irritiert. Sie hatten das Gefühl, dass sie diesmal nicht dabei sein durften.

HOMESCHOOL

Es kam mir vor, als ob es schon wochenlang so gegangen wäre, dabei sollte erst morgen der Ernstfall eintreten und die Schulen geschlossen werden. Gestern hatte ich mich mit den Nachbareltern getroffen, um zu beratschlagen, ob wir zusammen eine Homeschool aufmachen sollten, damit unsere Kinder zumindest die Vormittage über irgendetwas Vernünftiges machten. Ein bisschen Struktur schien uns hilfreich in den endlosen Tagen, die vor uns lagen.

Die Nachbarn aus dem Traum mit der Bar, die jetzt gegenüber wohnten, hatten noch eine andere Familie nach sich gezogen, für die auch noch Platz im Haus der Nachbarn war. Jeder, der mit dem Traum vom Landleben angesteckt worden war, steckte damit für gewöhnlich noch andere an, und so waren wir mittlerweile schon eine kleine Gruppe ehemaliger Stadtmenschen, die jetzt Landmenschen sein wollten und in der Dorfmitte lebten. Um die Idee mit der Homeschool zu besprechen, setzten wir uns in einen Kreis, wie das wenige Tage oder Wochen zuvor noch ganz normal gewesen war. Der eine ganz neue Nachbar, der in gewaltfreier Kommunikation ausgebildet war, hat uns erklärt, dass es am besten wäre, erst mal eine Gesprächsrunde abzuhalten, bei der jeder sagt, wie es ihm oder ihr geht und was er oder sie alles denkt. Sprechen darf dabei immer nur der, der den Gesprächsstab hat. Als Stab nahmen wir den Zollstock, den der Mann in der Hosentasche hatte. Der Nachbar mit der gewaltfreien Kommunikation, also der ganz neue Nachbar, bekam den Zollstock als Erstes. Er war ziemlich aufgebracht. Nicht, dass er direkt an eine Verschwörung glaubte, aber die Art, wie die Medien Angst schürten und verbreiteten, und wie die Menschen diese Angst bereitwillig annähmen, brachte ihn auf und er hatte den Wunsch, in unsere Homeschool etwas mehr Freiheit und Freude reinzubringen. Ich bekam als Nächste den Zollstock und sagte, dass der Ansatz des ganz neuen Nachbarn mir gut gefiele, weil ich mich ohnehin schon so angeschlagen fühlte und der Meinung war, dass unser brandenburgisches Dorf an sich schon genügend Abschottung bedeutete.

»Solange jetzt nicht die ganzen Städter rauskommen und sich in ihr Landhaus flüchten«, sagte meine Stuhlkreisnachbarin ganz richtig. Ich sagte besser erst mal nichts, denn dummerweise hatte ich den Fluchteltern bereits gesimst, dass wir eine Homeschool machen würden und sie ihre Fluchtkinder gerne dazustecken könnten. Als der andere Nachbar, also ihr Mann, den Zollstock bekam, stand er zum Reden auf, verschränkte die Arme und war ganz entschieden der Meinung, dass wir, als Teil der Gesellschaft, die wir ja nun mal wären, die Aufgabe hätten, das Risiko möglichst gering und damit den Kreis unserer Homeschool so klein wie möglich zu halten. Dann sah er mich direkt an und sagte, wenn er eine Mutter zu Hause hätte, die bald achtzig wäre, würde er sowieso niemals zulassen, dass irgendein Fremder das Haus betritt. Ich weiß schon, dass der Nachbar das bestimmt nicht so böse ausdrücken wollte, aber getroffen hat es mich dann doch. Ich habe ihm gesagt, dass meine Mutter sich nicht einsperren lässt, dass ich es sogar schon versucht habe, aber wenn jetzt die Tage immer wärmer werden und alles zu sprießen beginnt, könnte ich meine Mutter unmöglich vom Garten fernhalten. Lieber stirbt sie, hat sie gesagt.

SOCIAL DISTANCING

Social Distancing ist eine sehr effektive Methode, um die Weitergabe von Tröpfchen von einem Individuum zum anderen zu verlangsamen. Erst war der Begriff noch sehr neu und niemand wusste, wie lange er sich halten würde. Manche kamen sich toll vor, wenn sie ihn verwendeten, und andere setzten ihn eher ironisch ein. Aber bald schon war klar, dass Social Distancing in unserer Gesellschaft angekommen und ein neuer feststehender Begriff geworden war. Irgendjemand hatte auch schon einen Wikipedia-Artikel erstellt, dem dann viele weitere noch etwas hinzufügten. Überhaupt gab es bald viele neue Redewendungen, von denen man vorher noch nie gehört hatte. »Flatten the Curve« oder »Protect the Elderly« etwa. Oder Begriffe, die man zwar schon irgendwie kannte, aber kaum oder selten verwendet hatte, wie »Herdenimmunität«, »Durchseuchung« oder »Pandemie«.

Da keiner wusste, ob er den oder das Virus schon hatte, oder ob der vor ihm in der Schlange es schon hatte, oder die Bäckereiverkäuferin, und weil die Tests, mit denen man das hätte testen können, irgendwie nicht zur Verfügung standen, musste man sehr bald einsehen, dass es wohl das Beste war, sich einfach erst mal voneinander fernzuhalten und einen Mindestabstand zu wahren. Anfangs setzten sich noch ein paar darüber hinweg und empfanden sich dabei als lässig und unaufgeregt, aber es dauerte nicht lang und keiner kam sich mehr cool vor.

Innerhalb von Herden ist Nähe ein Ausdruck von Zugehörigkeit und Verbundenheit zu seiner Spezies, weswegen Gefühle der Einsamkeit nicht ausblieben, aber die meisten gewöhnten sich irgendwie daran.

FLEDERMAUS II

Sobald es dunkel wird, also in der späten Dämmerung, flattern bei uns die Fledermäuse lautlos ums Haus herum. Man muss nur ein paar Sekunden warten, bis sie wiederkommen, auf einer Bahn, die der vorherigen recht ähnlich ist. Ich fragte mich schon, ob sich das für die Fledermaus überhaupt lohnt, für die paar Mücken oder Motten, die sie dort erwischen kann, oder ob diese Flüge vielleicht doch noch einen ganz anderen Sinn haben.

In der Stadt bekommt man die Fledermaus nur selten zu Gesicht. Sie stößt hochfrequente, für uns nicht hörbare Rufe aus, und überhaupt nimmt man sie mehr als Schatten wahr, als dass man sie konkret ausmachen könnte. Am Tag schläft sie, aufgehängt mit den Füßen nach oben, und im Winter sowieso. Fledermäuse sind nach dem Menschen die am häufigsten vorkommenden Säugetiere auf der Erde. Es gibt sie überall, bis auf die Antarktis. Ihr Immunsystem ist so stark wie kaum ein anderes. Während unser Immunsystem je nach Bedarf hoch- und runterfährt, um Kraft zu sparen, leistet sich die Fledermaus die ganze Zeit über die volle Abwehr. Ihr Immunsystem läuft ständig auf Hochtouren. Der schwarze Flughund und der Nilflughund sind besonders resistent. Ein Virus, das es aus der Fledermaus wieder heraus geschafft hat, ist gewappnet für die große, weite Welt, ein Mensch ist für ihn ein Kinderspiel.

AMERIKA

Das großartigste Land der Welt brauchte sich wirklich nicht vor einem Schnupfen zu fürchten. So ein kleiner, feiger, unsichtbarer Virusfeind würde den Vereinigten Staaten von Amerika nichts anhaben können, sagte der Präsident.

Einen halben Tag lang musste sein Berater auf ihn einreden, bis er sich breitschlagen ließ, der Depesche zuzustimmen, dass der Virus ein gefährlicher Gegner wäre, den man ernst nehmen konnte, ohne sein Gesicht zu verlieren. Na gut, Gottes eigenes Land vor einem gemeinen ausländischen Virus zu schützen, das würde auf jeden Fall eine würdige Aufgabe sein, und ab da war der amerikanische Präsident voll drin in der Erzählung. Wenn er es geschickt anstellte, würde er als Held daraus hervorgehen können. Als Erstes taufte er das ausländische Virus auf den Namen China-Virus. Man muss den Leuten immer ein Bild liefern und so ließen sich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. »Fighting the China Virus«, das war schon mal nicht schlecht. Die von der Weltgesundheitsorganisation vorgeschlagenen Namen SARS-CoV-2 für das Virus und CoViD-19 für die Krankheit, waren auch einfach nur öde und schwer zu merken. Und was sollte CoViD denn bitte heißen? Das bedeutete ja einfach gar nichts.

VIREN II

Vor Hunderten von Millionen von Jahren hat das Urvirus den Körper eines Lebewesens verlassen und schwebt seitdem auf der Suche nach neuen Körpern frei herum. Der Mann hat das irgendwo gelesen, weiß aber nicht mehr, wo. Das Urvirus soll aus der DNA eines anderen Lebewesens hervorgegangen sein, möglicherweise aus der eines Dinosauriers. Es hatte während der Zellteilung einen Fehler gegeben und ein einzelner kleiner Schnipsel schaffte es, der DNA zu entkommen und sich fortan, so unvollständig wie er war, in das Zentrum des Kopierens zu stellen. Das war dann Virus i und er ließ sich immer wieder und wieder kopieren. Im Internet konnte ich nichts zu dieser Theorie finden. Ich war mir noch nicht einmal sicher, ob ich den Mann richtig verstanden hatte. Er wirft mir so etwas beim Mittagessen hin, geht danach einfach wieder auf seine Baustelle und denkt, ich könnte dann noch weiter arbeiten.

Dieser kleine Schnipsel, der seiner Zelle entkommen ist, liebt die Veränderung, und mit jeder fehlerhaften Kopie hat er die Chance, neues Unheil anzurichten. So schweben die Viren in Tausenden von Variationen unaufhaltsam durch die Welt. Sie sind maximal frei, lassen sich treiben und lieben das Chaos. Aber noch mehr lieben sie es, in scheinbar geordnete Systeme einzudringen. Das System hat keine Vorstellung davon, was es tut, wenn es diese Information, also den Bauplan aus dem Virus, wohlwollend aufnimmt. Die Hüllen von Virus und Zelle verschmelzen und die Erbinformationen werden übertragen. Dann wird das Virus von der gekaperten Wirtszelle kopiert und weiterkopiert. Solange das Virus von der Wirtszelle beherbergt wird, geht es ihm gut und alle sind zufrieden. Aber natürlich vernachlässigt die Wirtszelle dabei ihre normalen Aufgaben, und allzu lange kann man seine normalen Aufgaben nicht vernachlässigen, zumindest nicht, ohne dass es jemand merkt. Spätestens dann, wenn das Immunsystem mitbekommt, dass da etwas nicht nach Plan läuft, beginnt der Kampf. Das Immunsystem erstellt über die individuelle Eiweißkennzeichnung ein Fahndungsbild und die Soldaten des Immunsystems können losziehen und alles und jeden, der zu dem Bild passt, kurz und klein schreddern. Wenn das Immunsystem das Virus bereits kennt, ist das eine Sache von Tagen. Wenn das Immunsystem das Virus aber noch nicht kennt, muss erst ein neues Fahndungsbild erarbeitet werden. Der Virus gewinnt Zeit und der Körper gehört ihm.

GOOGOL

Schon seit Längerem waren die Suchmaschinen jetzt immer die Ersten, die wussten, was die Menschen bewegte. Die beliebteste Suchmaschine trug den Namen Google, weil der, der die Domain Googol für die Suchmaschinenfirma sichern sollte, sich verschrieben hatte. Googol ist der Name für eine Zahl mit 100 Nullen, also 10100, und so sollte auch die neue Suchmaschine heißen. Der Name der unvorstellbar großen Zahl schien den Begründern der neuen Suchmaschine die perfekte Metapher für das Wissen ihrer Maschine und das Internet überhaupt. Eigentlich hatte die unvorstellbar große Zahl schon einen anderen Namen gehabt, aber als dann dem Neffen eines Mathematikers der Name Googol einfiel, fanden den alle viel besser, und man nannte die große Zahl noch mal um. Manchmal braucht es mehrere Fehler, damit etwas richtig werden kann, und keiner kann wissen, welche Fehler das sein müssen.

Eine noch größere Zahl als ein Googol ist ein Googolplex, also 10 hoch Googol. Ein Googol hat hundert Nullen und ein Googolplex ist größer als die gesamte Anzahl der Protonen im Universum, hat zumindest der Mann behauptet. Ich frage mich schon, wie das sein kann, weil das Universum ist ja eigentlich unendlich.

Auf jeden Fall war Google schnell klar, dass das mit dem Coronavirus eine größere Sache werden würde. Aber da es ansonsten noch kaum etwas darüber gab – einfach nur viele Fragen, aber keine Antworten – entschied Google, sobald man »Corona« eingab, einfach, einen roten Kasten anzuzeigen, auf dem SOS Warnmeldung stand. Auf diesem Banner gab es ein Zeichen, das so aussah wie der Teilen-Button, wenn man aber darauf klickte, passierte gar nichts. Wahrscheinlich ging es bei dem Banner eher um so ein Grundgefühl, dass das, wonach man suchte, wichtig und gefährlich war, auch wenn man unter dem Suchbegriff noch kaum etwas finden konnte.

VIROLOGEN

Bislang hatte sich eigentlich kaum einer für das Berufsbild des Virologen interessiert, doch nun hörte man immer häufiger von ihnen und kannte manche sogar beim Namen. Virologen beschäftigen sich mit der Virologie als der Lehre von den Viren, erforschen deren Eigenschaften und suchen nach Möglichkeiten, sie zu bekämpfen.

Der Virologe, der in unserem Land bald der bekannteste aller Virologen sein sollte, schließlich hatte er den SARS-Erreger mitentdeckt und war auch ein bisschen hübsch, saß gleich von Anfang an mit in den Talkshows. Er hatte die Proteinkristalle, die er aus den Virenhüllen hatte wachsen lassen, mit hochbrillantem Röntgenlicht durchleuchtet und aus den gewonnenen Bildern die exakte Struktur der Proteine am Computer berechnet. Aber nicht nur das: Wegen seines angenehmen Äußeren und seiner ruhigen, eindringlichen Art zu reden, vertrauten die Menschen ihm bald mehr als den meisten anderen, die in der Krise eine Meinung hatten. Er aber blieb ganz ruhig, denn er war doch in erster Linie Wissenschaftler. Er ließ sich nicht hinreißen, irgendwelche Zahlen zu nennen, auch wenn die Journalisten mit noch so vielen Tricks versuchten, ihm eine Zahl zu entlocken. Er wusste am allerbesten, dass den Menschen doch nicht geholfen war, wenn sie Zahlen hörten, sie verstanden ja rein gar nichts davon.

QUOTE

Ein Schauer durchlief sie, als während der Sendung die magische Zahl nach oben durchbrochen wurde. Der Sendeleiter hatte das Zeichen gemacht. Sie wusste also, dass gerade etwas Besonderes passierte und dass sie Teil davon war. So hoch waren die Quoten schon seit 2001 nicht mehr gewesen. Da machte es nichts, dass sie für ein paar Sekunden den Faden verlor und der Redefluss ins Stocken geriet. Ihr war etwas schwindelig und die Lichter an der Studiodecke begannen sich zu drehen, trotzdem lächelte sie weiter in die Runde. Dafür war sie Profi genug. Der Virologe, der zu ihrer Rechten saß, nutzte den Moment und erläuterte noch mal die R-Zahl. Er sprach so weich, stets darauf bedacht, dass kein falsches Wort aus seinem Mund kam. Das verschaffte ihr die Pause, die sie brauchte, um ihre Gedanken zu fokussieren, und sie blickte auf das beleuchtete Notausgangsschild, auf das grüne Männchen, das sich in Sicherheit brachte.

Man hatte schon gedacht, es wäre vorbei mit dem Staatsfernsehen. Die Streaming-, also Video-on-Demand-Anbieter und Plattformen hatten das Fernsehprogramm zunehmend unattraktiv erscheinen lassen. Nur die Alten wussten es noch zu schätzen, sich vom öffentlichrechtlichen Rundfunk viele Stunden am Tag berieseln zu lassen. Als aber der Virus kam, war das die Chance, auf die die Programmchefs und Sendungsmacher lange gewartet hatten. Nur ganz ab und zu gab es noch was zur Unterhaltung, aus gegebenem Anlass. 40 Jahre »Verstehen Sie Spaß?«, leider ohne Publikum, aber live aus München, mit Kameramännern mit Mundschutz. Aber in der Hauptsache sah sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk von der Krise dazu ermächtigt, zusammen mit der Regierung und den Top-Virologen das Krisenmanagement zu übernehmen und die beunruhigten Bürger zu informieren.

TEST

Am besten konnte man es vielleicht mit feinen Stichen beschreiben, mitten in mir drin. Begonnen hatte es in den Augenwinkeln, da, wo sich eigentlich die Tränenflüssigkeit sammelt, und nun bahnte es sich seinen Weg durch mich hindurch. Dass man nur wenige von den beschriebenen Symptomen hat, ist noch kein Beweis nicht infiziert zu sein, das konnte man überall lesen. Ich hatte den Virus jetzt schon fast eine Woche lang und lief immer noch so mir nichts, dir nichts durch die Gegend. Nicht zu fassen, dass mich keiner testen wollte. Der Virus war ganz anders als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Dass es sich um eine gänzlich neuartige Krankheit handelte, konnte man daran erkennen, dass alles wie in Zeitlupe verlief. Mein Körper hatte keinerlei Verhaltensmuster, wie er auf den ihm unbekannten Virus reagieren sollte.

Ich war mir unsicher, ob ich es besser allen sagen sollte, um sie vor mir zu warnen, oder es lieber geheimhalten. Ich ging meinen neuen Nachbarn aus dem Weg. Aus dem Fenster sah ich die schwangere Nachbarin mit einem Korb zum Dorfsupermarkt hinübergehen. Ihr Bauch war in kürzester Zeit erstaunlich dick geworden. Sie taten alle noch so, als würde das Leben einfach weitergehen können. Ich wollte irgendwas hinüberrufen, um ihr wenigstens ein Zeichen zu geben, aber was hätte ich schon rufen sollen? Schließlich rief ich sie an und sagte, dass ich ein Kratzen im Hals spüre, nur damit sie das wisse, und dass ich mich sofort testen lassen würde. Dann wählte ich die Nummer des Gesundheitsamts. Auf die Frage, wie ich darauf komme, infiziert zu sein, musste ich ein bisschen ausholen und von dem Filmfestival erzählen und der Zombieserie und so weiter. Die freundliche Frauenstimme am Apparat, die sich alles geduldig angehört hatte, erklärte mir, dass diese Umstände nicht ausreichten, um mich für einen Test zu qualifizieren, und dass ich lieber zum Hausarzt gehen und mich auf Grippe untersuchen lassen sollte. Das Besorgniserregendste an unserem Telefonat war die besänftigende Freundlichkeit der Frau. Es musste also wirklich schlimm sein, dachte ich. Im Hintergrund hörte ich noch eine andere freundliche Frauenstimme, die wohl gerade jemand anderen am Telefon beruhigte. Seltsamerweise hatte ich den Gedanken, was der andere Anrufer doch für ein Trottel war, dass er da anrief und sich einbildete, er hätte den Virus.

HONKA, BAR DES VERGESSENS

»Nichts wie weg hier«, dachte Geraldine. Das verdammte Kaff war total ausgestorben, und das an einem ganz normalen Wochentag. Geraldine lenkte ihren Schritt weiter in Richtung Zentrum. So sehr, wie sie sich auf die Einsamkeit gefreut hatte, freute sie sich jetzt, endlich mal wieder auf Menschen zu treffen. Es waren nur zwei Wochen gewesen, die sie in der einsamen Hütte ganz allein verbracht hatte, und sie war froh, dass sie durchgehalten hatte, aber genug war genug. Sie bog auf den Platz vor der Kirche ein, der zu ihrem Erstaunen ebenfalls total ausgestorben war. An der Längsseite des Platzes befand sich ein Einkaufsmarkt und gleich gegenüber das große Haus, in dem sie wohnte. Es war früher mal ein Hotel gewesen, aber schon lange wollte hier niemand mehr absteigen. Mitten auf dem Platz war die Bushaltestelle.

»Wenn die Einsamkeit in der Hütte dich nicht kleingekriegt hat«, dachte Geraldine, »dieses Drecksloch wird es ganz sicher schaffen.«

Man konnte Geraldine die vielen Tage in der Wildnis durchaus ansehen, aber selbst die Tatsache, dass sie ganz in Funktionskleidung gehüllt war und die Körperpflege in der letzten Zeit auf das Nötigste reduziert hatte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eine schöne Frau war. Von ihrem langen, aschblondem Haar, jetzt selbstbewusst zu einem Dutt gebunden und unter dem Trapperhut verborgen, hatten es ein paar Strähnchen geschafft, sich zu befreien und hingen in kleinen Löckchen an ihren Wangen herunter. Ihr Gesicht war fein, aber klar geschnitten, mit einer geraden Nase. Der Gürtel, der mit allerlei nützlichen Kleinigkeiten bestückt war, ließ unter der Wachstuchjacke ihre schlanke, sportliche Figur erahnen.

Sie ging auf die Bushaltestelle zu, um die Abfahrtszeiten zu studieren, aber als sie so dastand, vertieft in die Uhrzeiten und Orte auf dem Plan, hörte sie, ganz leise, ein kehliges Stöhnen. Sie schaute in das kleine Häuschen hinein. Ihre Augen hatten noch gar keine Zeit, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, als zwei verlotterte Gestalten sich aus dem Holzverschlag schälten und aus der Bushaltestelle herauswankten, direkt auf sie zu.

Scheiße, was war das denn? Sie hatten überall Verletzungen und waren voller dunkelbraunem Schmodder. Das musste mal Blut gewesen sein. Einem fehlten die Wangen und seine Zahnreihen waren bis hinten offen zu sehen. Die Typen kamen direkt auf sie zu.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße«, dachte Geraldine. Sie drehte sich um und wollte in den Supermarkt fliehen, aber da packte sie einer der Kerle auch schon am Oberarm.

»Gehirn …«, grunzte er.

PANIK

Man muss nicht in Panik geraten, braucht keine Angst zu haben, keine großen Mengen auf Vorrat kaufen und vor allem nicht versuchen, in sein Wochenendhaus zu fliehen.

Es hat immer einen besonderen Reiz, das zu tun, was man nicht tun soll, und manchmal hat man auch einfach das Gefühl, dass man es gerade doch tun sollte, weil es in Wirklichkeit das Allersinnvollste ist, nur dass eben nie alle das Allersinnvollste zur gleichen Zeit tun können und deswegen vor dem Allersinnvollsten gewarnt wird. Trotzdem hat es alle überrascht, wie schnell dann das Hamstern losging und die Autos sich auf den Ausfallstraßen aus der Stadt heraus stauten. An einem Tag war in den Discountern noch alles wie immer und dann, auf einmal, waren alle Regale leer, ohne dass sich sonst etwas Entscheidendes geändert hätte. Besonders erstaunlich war, dass es das Klopapier war, das als Erstes weg war und dann für lange Zeit nur noch ab und zu mal wiederkam. Ich habe mir nie viel aus Klopapier gemacht, aber wenn etwas weg oder wenig ist, entwickelt man mitunter ein starkes Verlangen danach. Und so begann ich, ab jetzt vor allem das einzukaufen, was nur noch besonders wenig da war, und wollte am meisten das haben, was gar nicht mehr zu finden war. Mehl und Zucker und Hefe und Klopapier. Der Mann kam mit einer Tüte Vitamintabletten nach Hause, so etwas hatte er noch nie gekauft.

Ich saß am offenen Küchenfenster, denn das war der Platz, an dem jetzt am besten jeder sitzen sollte, und schaute über den Dorfplatz zur Kirche, zum Haus des Liebhabers und zum Dorfsupermarkt. Im Hintergrund liefen auf YouTube Lieder aus meiner Jugend, das erschien mir gerade am passendsten. Menschen aus der Stadt, die noch kein eigenes Wochenendhaus hatten, fuhren herum und beugten sich dabei in ihren Autos vor und zeigten auf Häuser, in denen sie sich durchaus vorstellen konnten zu wohnen, wenn auch nur vorübergehend. Alte Freunde riefen an und auch Freunde, die schon lange keine Freunde mehr waren, erinnerten sich, dass man ihnen einmal ein Leben auf dem Land angepriesen hatte. Ich rechnete herum, bei einer Mortalitätsrate von, sagen wir mal, i % und einer Infektionsrate von 70 %, also bis zur Herdenimmunität – diese beiden Zahlen hatte ich jetzt schon häufiger im Internet gelesen –, macht das am Ende circa 4 Milliarden Infizierte und damit 40 Millionen Tote. Da merkte man ja schon, dass das irgendwie nicht stimmen konnte.

DRAMATURGIE

Hinten beim Kompost, da wo es wegen der hohen Bäume immer ein bisschen kühler und auch ein bisschen feucht ist, bilden die Brennnesseln im April erst nur einen fröhlichen hellgrünen Schimmer. Wenn man dann aber kurz nicht achtgibt, beginnen sie zu schießen. Sie schießen immer weiter und werden fett und dunkelgrün und bald kann man gar nicht mehr durchgehen, ohne dass die Nesseln einem die Unterarme verbrennen. Damit aber nicht genug, die Brennnesseln multiplizieren ihr Wachstum, bis sie übermannshoch sind. Aber da merken sie auch schon, dass sie langsam ein Problem kriegen mit den langen dünnen Stängeln, und die Blattläuse haben sich auch längst daran gewöhnt, exponentiell zu wachsen.

In einem abgeschlossenen Ökosystem, habe ich gelesen, stößt jedes Wachstum irgendwann an seine Grenzen. Es wächst einfach, bis es nicht mehr geht und von etwas anderem wieder herunterreguliert wird. Also entweder von einem Feind, einem Mangel oder Stress. Jedes Ökosystem reguliert sich selbst, das ist das, was ein Ökosystem überhaupt erst ausmacht. Alles, was einer in einem Ökosystem macht, hat Auswirkungen und fällt auf ihn und die anderen im Ökosystem zurück.

Jetzt können wir eigentlich nur noch abwarten, hat der Top-Virologe gesagt, als alle Vorsichtsmaßnahmen endgültig besiegelt waren. Wir schlossen uns ein und guckten auf die Kurven, die langsam aber stetig nach oben krochen.

APOTHEKE

Gleich, als ich bemerkte, dass die Apothekerin die freundliche Stimme aufgesetzt hatte, spürte ich wieder dieses beklemmende Gefühl im Brustkorb. Wenn Sie sich krank fühlen, bleiben Sie besser zu Hause. Rufen Sie beim Gesundheitsamt an, die helfen Ihnen gerne weiter. Gehen Sie bitte nicht zum Arzt und nicht ins Krankenhaus, außer es muss unbedingt sein. Wenn es unbedingt sein muss, gehen Sie sofort ins Krankenhaus.

Die Apothekerin konnte ja nicht wissen, dass die Stimmen vom Gesundheitsamt, wenn man dort anrief, empfahlen, dass man einfach mal zum Arzt oder in die Apotheke gehen soll. An der Koordination der Empfehlungen muss dringend noch gearbeitet werden, dachte ich. Ich habe dann doch noch mal gefragt, aber sie sagte wieder nur ganz ruhig in einem leichten, fast fröhlichen Ton, dass sie keine Atemmasken führen würden. Ich war mir eigentlich sicher gewesen, dass ich hier in der Dorfapotheke Atemmasken bekommen würde, weil in unserem Dorf trug noch niemand eine. Ich hatte mir schon vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn ich als Erste auf einmal mit einer Atemmaske herumliefe. Natürlich würden dann alle denken, dass ich das Virus habe und alle anstecke. Aber das dachten sie ja sowieso, weil im Grunde hatte ich ja auch die ganzen Leute aus all den Risikoländern hergeholt, und auch die, die immer zwischen Stadt und Dorf hin- und herfuhren. Es würde mir also so oder so angelastet werden. Aber die Atemschutzmasken waren aus beziehungsweise hatte es nie welche gegeben und sie könnten auch nicht nachbestellt werden, sagte die Apothekerin.

Das Tragen von Masken wäre im Übrigen gar nicht unbedingt hilfreich, wahrscheinlich sogar gefährlich, sagten die Verantwortlichen, die wussten, dass es nicht genügend Masken für alle gab und Panik vermeiden wollten. Nur, wenn man schon eine Maske hatte, dann sollte sie vielleicht trotzdem besser getragen werden. Man war sich ziemlich sicher, dass das Tragen von Masken mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht schaden würde.

PARTYS

Da fiel es mir auf einmal wieder ein. Irgendwie war alles aus dem Ruder gelaufen und ich hatte versprechen müssen, dass ich ihn nie wieder treffen würde. Und wir hatten uns auch wirklich schon seit Jahren nicht mehr getroffen, nicht offiziell und auch nicht inoffiziell. Aber auf der Party, in der Nacht, als ich so lange auf dem Filmfest unterwegs gewesen war, stand er auf einmal vor mir, und jetzt kamen mir auch wieder die Bilder in den Kopf, wie ich ihn geküsst habe, irgendwo zwischen den Mänteln an der Garderobe. Er war meine letzte Hoffnung, noch ein paar Details über die Veranstaltung zu erfahren, wegen der Zombieserie und dem Geld, das ich damit verdienen könnte, und ich rief ihn an. Es war dann allerdings doch keine gute Idee gewesen und letztendlich konnte er mir auch nur sagen, dass ich sehr betrunken gewesen war und komisch getanzt habe. Dann hat er noch gesagt, dass ich ihn bitte nie wieder anrufen soll.

Es gibt Partys, die sind schwer zu stoppen, wenn sie erst mal so richtig in Fahrt gekommen sind. In einer Après-Ski-Hütte im Nachbarland war eine Party am Laufen und wollte einfach nicht aufhören. Jedes Jahr im Dezember fängt die Party dort an und nimmt täglich an Fahrt auf. Zum Fasching wird dann der Turbo gezündet und die Party schießt unkontrollierbar bis zu ihrem Aufprall Anfang Mai. Schließlich musste der Landeshauptmann schweren Herzens die Skisaison vorzeitig für beendet erklären, anders war das Treiben nicht zu stoppen. Da fuhren die Angesteckten nach Hause und wurden dort die Patienten 1, wenn nicht der Patient i zwischenzeitlich von woanders gekommen war.

GENRE ZOMBIE

Der Zombiefilm ist eine Unterkategorie des Horrorfilms. Ansonsten gibt es auch noch Psycho, Splatter, Mystery, Exorzismus, Geister und Clowns. Beim Zombiefilm geht es meistens darum, dass jemand, der eigentlich tot ist, gar nicht wirklich tot ist, sondern aus irgendwelchen Gründen Kontakt zu den Lebenden sucht, um diese ebenfalls in Untote zu verwandeln. Das Wesentliche am Zombie ist sein seelenloser Zustand und sein halb verwester Körper. Meistens hat der Zombie noch eine Rechnung offen oder glaubt, etwas begleichen zu müssen. Es gibt aber auch ferngesteuerte Zombies, die von einer höheren Macht gelenkt werden. Diese höhere Macht will zum Beispiel die Weltherrschaft an sich reißen und der Zombie soll ihr dabei helfen. Die Ansteckung erfolgt, wie auch beim Virus, meist über Berührung. Nach der Zombieberührung wird der Lebende nach kurzer Zeit ebenfalls zum Zombie.

Es kam mir schon ein bisschen komisch vor, dass Geraldine sich gar nicht groß gewundert hat, als ihr da plötzlich die Untoten aus der Bushaltestelle entgegentraten. Ich hatte mir vorgenommen, das später alles noch genau zu erklären, wo sie gewesen war und warum sie nichts mitbekommen hatte, aber dann habe ich verstanden, dass das eben genauso ist im Zombiegenre und dass ich also auf einem sehr guten Weg war. Irgendjemand ist einfach mal weg, und als er oder sie wiederkommt, ist irgendwas komisch, und dann kommen auch schon die ersten Zombies von überall her. Groß wundern tut sich da eigentlich keiner, es ist ja ein Zombiefilm.

AMERIKA II

Der Fernseher läuft mit den neuesten Nachrichten. Der Präsident liegt auf dem Bett und twittert. In der einen Hand hält er eine Cola Light, in der anderen das Smartphone. Er hatte natürlich auch den Regierungscomputer und das Regierungstablet, auf denen er jederzeit twittern könnte, aber die verwendete er so selten, dass sie wahrscheinlich gar nicht aufgeladen waren. Er hatte gerade noch mal was zum »damned China virus« gepostet, weil es ihn so verdammt wütend machte, wenn einer dieses verfluchte CoViD-Wort benutzte. Das würde er ihnen aber schon noch beibringen.

Es war ein anstrengender Tag gewesen, alle hatten irgendetwas von ihm hören wollen. Was denn nun wäre mit den Infizierten, und wie er sich das alles vorstellte. Er hatte eigentlich schon die Schnauze voll gehabt, aber dann war er doch vor die Kameras getreten und hat gesagt, dass er sie alle retten würde. Eine Billion Dollar würde er verteilen, jeder wird Geld bekommen und jeder eine Behandlung, wenn er sie bräuchte, kostenlos, wenn es sein musste. Die Firmen kriegen alle unbegrenzt Kredit und ein Impfstoff ist sowieso schon so gut wie gefunden. In zwei bis drei Wochen ist der Spuk vorbei und alles wird noch viel mehr am großartigsten sein als zuvor. Das müsste genügen. Ursprünglich sollte das Geld ja in die Mauer gesteckt werden, um diesen Zaunkletterern mal zu zeigen, was Amerika unter einer Grenze versteht. Aber dieses Gequatsche mit dem China-Virus wollte einfach nicht aufhören.

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Дата выхода на Литрес:
19 сентября 2025
Объем:
181 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783751800105
Правообладатель:
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