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Lise Gast
Reni und die Ponys
Saga
Reni und die Ponys
German
© 1986 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509982
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Reni und die Ponys
I.
Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen, mein Liebchen ...
Reni fuhr in ihrem Bett in die Höhe. Die Sonne flutete golden zum Fenster herein und mit ihr der Gesang aus mindestens siebzig Kinderkehlen, so frisch und hell wie dieser Junimorgen.
Komm heraus da aus dem Haus da, komm heraus da aus dem Stübchen ...
Drüben im anderen Bett bewegte sich jetzt ein schwarzer Schopf, und Erikas vom Schlaf gerötetes Gesicht hob sich aus dem Versteck des gekrümmten Armes, in dem es bisher gelegen hatte. Es mußte noch sehr früh am Tage sein. Erika war sonst immer vor Reni wach.
Denn die Sonn’, denn die Sonn’, denn die Sonne ist da!
Reni kannte diesen Kanon natürlich, denn er war im Heim sehr beliebt. Heute aber klang er ihr noch netter, frischer und beschwingter als sonst. Freilich, heute bedeutete er auch etwas Besonderes. Er war ihr Geburtstagsgruß.
Sie war im Nachthemd ans Fenster gehopst und guckte hinaus. Wirklich, sämtliche Heimkinder standen unten und sangen. Jungen und Mädchen, alle ungefähr in ihrem Alter, so um zwölf Jahre herum. Tante Thea, die Turntante, dirigierte. Sie stand mit dem Rücken zum Fenster, die Kinder mit dem Gesicht. Jetzt hatten ein paar von ihnen Reni erspäht. Sie winkten, Reni winkte wieder. Und da drehte sich auch Tante Thea mitten im Dirigieren um und winkte auch.
„Wir gratulieren!“ rief eines der Kinder, die anderen fielen ein, und der Kanon kam gewaltig ins Wackeln. Darüber mußte Tante Thea lachen, und so hob sie die Hand und ließ die Kinder, die gerade sangen: Ist daaa! ihren Ton aushalten, bis die nächsten und dann die übernächsten Stimmen auch so weit gekommen waren.
„Wir gratulieren unserer Reni!“ rief es darauf im Chor, und Reni lachte und winkte. Während sich unten der Gratulationsruf in ein lustiges allgemeines Geschrei und Geschwätz auflöste, fuhr Reni in aller Eile in ihre Kleider. Duschen konnte sie nachher noch. Jetzt mußte sie erst zu den Kindern.
„Reni!“ rief Erika hinter ihr her, aber Reni war schon losgerannt. Bei ihr ging immer alles im Schnellzugstempo.
So und nicht anders fegte sie auch der Treppe zu, um in den Hof hinauszurennen, aber an der Glastür der kleinen Wohnung fing sie jemand ab. Dieser Jemand war Tante Mumme.
Tante Mumme nahm Reni erst einmal in den Arm, um ihr zu gratulieren, und dann sagte sie etwas, was Renis Eifer, zu den Heimkindern im Hof zu gelangen, abbremste. Sie sagte:
„Aber Reni, die sind doch schon wieder weg! Die packen doch heute. Um zehn fahren sie allesamt ab. Hast du das denn vergessen?“
„Richtig!“
Reni lachte und hakte sich bei Tante Mumme unter, während sie miteinander in das kleine Familienwohnzimmer gingen. Dort war schon zum Frühstück gedeckt.
Sonst wurde draußen gefrühstückt, mit den Heimkindern zusammen. Zwischen den beiden Heimgebäuden lag der große Wohnhof, der an der dritten Seite von der niedrigen, langen Turnhalle abgeschlossen wurde. Diese Turnhalle lief von einem Haus zum anderen, und hinter ihr begann die Liegewiese, die sacht den Hang hinaufstieg. Im Wohnhof unter den drei dicken Kastanienbäumen standen ein paar eingerammte Tische. Hier wurde gefrühstückt, zu Mittag und zu Abend gegessen, wenn es das Wetter irgend zuließ, und zwar saßen hier alle durcheinander, die jeweiligen Heimkinder, die Tanten, die sie betreuten, und die Familie – Renis noch ziemlich neue Familie, in der man sich nicht zurechtfand, wenn man sie nicht erklärt bekam: Da war Reni, ihre Mutter und ihr neuer Vater, der gleichzeitig der Onkel Doktor des Heims war. Dann gehörten noch Tante Mumme dazu, Vaters Schwester, die dem Heim vorstand, ebenso Christian, Vaters Sohn und Renis neuer Bruder, und schließlich Erika Niethammer, Renis Freundin, die für ein ganzes Jahr sozusagen ihre Schwester sein durfte. Diese merkwürdige und zusammengewürfelte Familie verteilte sich mit an den Tischen der Heimkinder, damit überall jemand saß, der Bescheid wußte und auf Ordnung hielt. Bei jedem Kinderschwung, der mit Geschwätz und Lachen ankam, mit großen und kleinen Sorgen und neuen Liedern, Spielen und Dummheiten, bei jedem dieser Kinderschübe machte Reni eine neue Tischordnung. Und dort, wo am ehesten Unfriede zu erwarten war, bei den größeren Jungen zum Beispiel, dort setzte sie Vater hin oder auch Christian. Vater konnte wunderbar ausgleichen, wenn es Meinungsverschiedenheiten gab, mit seinem trockenen Humor, seinen kleinen Geschichten, mitunter auch mit einer überraschenden Strenge. Und Christian, der schon sechzehn war, ähnelte in dieser Beziehung seinem Vater sehr.
Reni bewunderte sowohl den Vater als auch den neuen Bruder. Bis vor einem Vierteljahr hatte sie nur eine Mutter gehabt; Renis richtiger Vater war früh gestorben. Ein paar Wochen vor Ostern aber hatte sie den Onkel Doktor als neuen Vater bekommen und gehörte nun samt ihrer Mutter ganz und gar hierher, in das von ihr so heißgeliebte Heim am Berge. Hier war sie unter Tante Mummes Pflege aufgewachsen, das einzige Kind im Heim, das blieb. Tante Mummes und Onkel Doktors Dauerheimkind.
Renis Mutter war früher Gutssekretärin bei Erikas Eltern gewesen und nur selten ins Heim zu Besuch gekommen. Sie hatte sich immer nach ihrer kleinen Tochter gesehnt, und eines Tages war sie gekommen, um Reni zu sich zu holen. Erika, die ohne Geschwister aufwuchs, hatte sich so sehr eine Freundin gewünscht. So luden ihre Eltern Reni ein.
Erika war ein lieber und netter Kerl. Die beiden Mädel verstanden sich sofort. Aber Reni konnte das Heim und vor allem den zärtlich geliebten Onkel Doktor nicht vergessen. Sie sehnte sich, je länger desto mehr, nach beiden zurück und erreichte es schließlich, daß sie, mit Erika zusammen, für eine kurze Zeit wenigstens wieder zu Besuch dorthin fahren durfte.
In diesen Tagen geschah das Unglück. Renis Mutter stürzte mit dem Pferd und verletzte sich so, daß sie viele Wochen liegen mußte. Alle bangten um sie, Reni am meisten. Frau Jahnecke wurde nicht wieder richtig gesund. Reiten jedenfalls würde sie nie mehr können.
Das war eine ganz schreckliche Geschichte. Zum Glück kümmerte sich der Onkel Doktor um Mutter, und sein Wunsch, sie zu sich als seine Frau ins Heim zu holen, ging nun in Erfüllung. Reni bekam damit den besten Vater der Welt.
Sie besaß nun also alles, was ihr bisher fehlte. Sie, die bisher ein Heimkind gewesen war, stand mit einemmal mitten in einer Familie, die ihr gehörte. Das war so wunderbar, daß sie manchmal früh aufwachte und es nicht begreifen konnte.
Freilich, ein bißchen anders als in anderen Familien ging es hier schon zu. Das brachte der Betrieb des Heims einfach mit sich. Sechs Wochen verlor sich die so mühsam entstandene Familie des Doktors sozusagen ganz im Schwarm der Heimkinder, um dann für drei oder höchstens vier Tage allein zu sein. Das dauerte so lange, bis ein neuer Pulk mit Kindern anrückte. Reni kannte das nicht anders und war im großen und ganzen auch damit einverstanden. Nur manchmal fand sie es doch etwas störend.
Heute aber klappte es gut. Heute war ihr Geburtstag, und da rückten die Heimkinder gerade wieder ab. Man bekam noch das Geburtstagsständchen gesungen, man würde sicherlich dies oder jenes kleine Geschenkpäckchen zugesteckt bekommen, dann aber fuhren sie weg. Endlich konnte man in der Familie feiern. Morgen war nämlich außerdem Pfingsten. Reni hatte ihren Geburtstag mit Bedacht ausgewählt!
„... und daß du immer gesund bleibst und mich liebbehältst!“ schloß Tante Mumme ihre Ansprache. Reni hatte nicht ein Viertel davon gehört. Sie guckte gespannt auf ihren Platz am Kaffeetisch: kein Geschenk? Wirklich keins?
Ein Kuchen stand da, auch ein Lichterkranz, natürlich noch nicht angezündet. Auch Blumen, und die Tasse mit dem goldenen Rand, die nur an Festtagen benutzt wurde. Sonst nichts?
„Wann kommen denn die anderen?“ fragte sie und sprang von einem Bein auf das andere. Nur ein wenig, damit Tante Mumme nicht nervös wurde. Aber stillstehen konnte man nun einmal am Geburtstag nicht. „Und frühstücken wir wirklich hier? Bei uns?“
„Bei uns“ hieß die kleine Wohnung, die seit Mutters Einzug sogar eine Glastür bekommen hatte, damit sie richtig abgeschlossen werden konnte. Sie lag im Wirtschaftsgebäude des Heims, während sich drüben im anderen Haus die Schlaf- und Aufenthaltsräume für die Heimkinder befanden. Hier aber wohnten jetzt Vater und Mutter, ein Zimmer hatte Christian bekommen, und Reni teilte das, was sie von jeher innegehabt hatte, für dieses Jahr mit Erika. Dann gab es noch das Kaminzimmer. Reni fand, dieses sei das schönste von allen – und das kleine Wohnzimmer mit dem großen, breiten Glasfenster, an dem es so herrlich blühte. Seit Mutter keine Pferde mehr betreuen konnte, hatte sie ihr Herz für die Blumen entdeckt. Denn etwas mußte sie immer pflegen, außer den Kindern natürlich, die sie auch betreute, ihre drei „eigenen“, Christian, Erika und Reni, und die sechzig oder siebzig anderen, die alle sechs Wochen wechselten.
Zur Familie gehörte auch Tante Mumme, Vaters Schwester. Aber sie wohnte nicht hier. Sie hatte sich ganz mit Absicht und mit dem Starrsinn, den nur ganz kleine Kinder oder ältere Leute aufbringen, ein Zimmer außerhalb der Wohnung ausbedungen. Freilich lag es gleich neben der Glastür, dort, wo auch die Tanten und die Küchenmädchen wohnten, außer derjenigen Tante, die Dienst hatte und für eine Woche im anderen Haus schlief. Dort gab es ein helles, kleines Zimmer für die Nachtwächterin, und eine der Tanten hauste dort immer acht Tage lang, um gleich zur Hand zu sein, wenn eins der Heimkinder einmal schlecht träumte, nach der Mutter rief oder nachts plötzlich krank wurde.
Im Nachtwächterheim wurden auch manchmal lustige Feste gefeiert. Feste, zu denen man ganz heimlich im Schlafanzug erschien, und bei deren üppiger Bewirtung einen dann der Doktor überraschte, höchst erstaunt, drohend und brummend und schließlich auf den allgemeinen Spaß eingehend. Bei jedem Kinderkurs wurde dieser Jux gemacht, und es war furchtbar lustig zu beobachten, wie die jeweiligen Kinder sich benahmen, wenn der Doktor hereinschneite. Manche versteckten sich, andere machten sich gar nichts draus, wieder andere verstummten vor Schreck. Immer aber endete das Ganze mit einem großen, befreienden Gelächter, wenn der Doktor zugab, daß alles nur gespielt war und sich bei jedem Kinderkursus wiederholte.
Reni hatte sich diesmal zu ihrem Geburtstag gewünscht, daß es ein Geburtstag ganz „in Familie“ würde. „Ganz unter uns! Weiter wünsche ich mir nichts!“ hatte sie immer wieder gesagt. Und so war also der Frühstückstisch an Mutters Blumenfenster gedeckt und nicht wie sonst im Wohnhof.
„Wann kommen denn die anderen? Geht es nicht bald los?“ fragte sie neugierig. Tante Mumme schüttelte den Kopf.
„Aber Reni! Wenn drüben gepackt wird! Denkst du wirklich, da hat Mutter Zeit und Ruhe?“
Freilich, es war eine dumme Frage gewesen. Reni sagte sich das selbst und bemühte sich, kein saures Gesicht zu machen. Es gelang nicht ganz.
„Früher wurde immer ganz frühzeitig beschert“, murrte sie, „vor dem Frühstück sogar. Früher ...“
„Möchtest du denn, daß es noch so wäre wie früher?“ fragte Tante Mumme leise. „Daß du Mutter nur alle Vierteljahre einmal sehen könntest, und sie arbeiten müßte, weit von dir, bei anderen Leuten?“
„Ach wo. Das möchte ich nicht. Nie mehr möchte ich das!“ rief Reni eilig und sich selbst genauso überredend wie Tante Mumme. „Dann frühstücken wir eben erst um zehn. Wenn ich bis dahin nicht tot umfalle vor Hunger oder vor Spannung platze.“
„Spannung? Worauf denn? Ich denke, du hast dir nichts sehnlicher gewünscht als einen Geburtstag unter uns?“ fragte Tante Mumme scheinheilig.
„Selbstverständlich! Gerade deshalb soll er zeitig anfangen!“ rief Reni bestimmt. „Eigentlich ist es ja gemein: Um sechs wird man durch ein Ständchen geweckt, und dann muß man bis wer weiß wann hungern!“
„Komm, hier!“ Tante Mumme öffnete sogleich eine bunte Blechdose und schob Reni einen Keks in den Mund und ein paar weitere in die Hand. Sie zerfloß immer vor Mitleid, wenn man klagte. „Vielleicht kriechst du noch einmal ins Bett?“ riet sie. Reni lachte.
„Nein, Tante Mumme, das kann ich nicht. Aber ich weiß was: Ich renne jetzt hinüber, drüben wird doch jetzt gewogen. Aufschreiben, wieviel jedes Kind in den letzten sechs Wochen zugenommen hat, das kann ich genauso gut wie Mutter. Und da vergeht die Zeit schneller. Außerdem kann Mutter inzwischen etwas anderes tun. Meinst du nicht?“
„Ja, Reni, das ist ein guter Gedanke.“ Tante Mumme sah der davonlaufenden Reni liebevoll nach. Mitten im Hof stoppte diese übrigens plötzlich ab und drehte um. Tante Mumme wunderte sich. Dann aber lachte sie, denn gleich darauf hörte man es im Badezimmer rauschen. Reni holte das vorhin verschobene Duschen nach. Und Reni duschte immer so ausgiebig und heftig, daß das ganze Badezimmer schwamm.
„Nein, hier! Du magst doch keine Jagdwurst“, rief Reni und hielt den Jungen, der schon beinah an ihr vorbeigeschoben war, am Ärmel fest. „Da, Schweizer Käse. So, aber die Wurstbrote gib wieder!“
Die Kinder sahen jetzt, stadtfein gemacht, ganz anders aus als all die Wochen vorher. Sonst waren sie barfuß in Spielanzügen oder Shorts herumgesprungen, jetzt hatten sie Dirndlkleider und Schuhe und Strümpfe an, die Jungen Lederhosen und Joppen, manche sogar richtige Anzüge.
Heute gab Reni den Reiseproviant aus. In zwei großen Waschkörben lagen handliche kleine Päckchen, in Pergamentpapier verpackt, und die Kinder zogen zu zweit vorbei, während Reni verteilte. Sie hatte im Lauf der letzten Kursuswochen beobachtet, was der eine gern aß und der andere nicht mochte. Deshalb konnte sie den einzelnen manches empfehlen. Manchem, der frech gewesen war oder überhaupt grundsätzlich am Essen mäkelte, gönnte sie es, wenn er einen Aufstrich erwischte, den er nicht mochte.
Schließlich waren alle Abfahrenden im Hof versammelt und sangen das Abschiedslied:
Wahre Freundschaft soll nicht wanken,
wenn sie gleich entfernet ist,
lebet fort in den Gedanken,
und der Treue nicht vergißt ...
Das große Gepäck war schon verfrachtet, der Wagen bereits aus dem Hof gerollt; Tante Thea stand, im Kostüm, die Wandertasche über der Schulter, bereit. Sie begleitete den Kurs und kam erst morgen wieder. Die anderen Tanten hatten frei bis nach Pfingsten.
„Na, wer von euch möchte einmal wiederkommen?“ fragte sie, als der letzte Ton verklungen war.
„Ich, ich, ich!“ rief es von überall, und die Mädchen drängten sich an sie heran. Reni stand ein wenig abseits und lächelte.
So leicht kam keins der Kinder wieder. Mitunter schon, aber selten. Wirklich wiedergekommen war eigentlich nur sie, Reni.
Sie dachte daran, wie es früher gewesen war, wenn die Heimkinder abgefahren waren. Dann standen das große Haus und der geliebte Wohnhof leer, Tante Mumme suchte Zuflucht in der Küche und braute sich als Trost einen extra starken Kaffee. Wenn Reni allein vom Bahnhof zurückkam, fragte Tante Mumme, was für einen Pausenkuchen sie sich diesmal wünsche. Und Reni hatte dann die Tage gezählt, manchmal sogar die Stunden, bis die nächsten Kinder kommen würden.
Jetzt war das anders. Auch wenn nicht Geburtstag war, fieberte sie immer der Zeit entgegen, in der sie „in Familie“ lebten. Nein, traurig war sie nie mehr, wenn die Heimkinder abfuhren, so nette auch manchmal darunter waren.
„Ja, ich schreib dir, Inge“, versprach sie eifrig, während sie ringsum Hände schüttelte. „Ihr müßt aber auch schreiben! Ja, die Fotos bekommt ihr noch, das macht diesmal Christian, da geht es schnell. Ja, ich habe eure Anschriften!“
Endlich waren sie fort. Die letzte winkende Hand war um die Ecke verschwunden, man hörte das Schwatzen leiser werden, bis es verstummte. Reni faßte Erika an den Händen und wirbelte sie im Kreis herum, mitten im Wohnhof, aus lauter Lust am Dasein.
„Wenn es jetzt aber immer noch kein Frühstück gibt, verlange ich das Beschwerdebuch!“ rief sie, als Tante Mumme in der Tür des Wirtschaftsgebäudes erschien. Die lachte.
„Brauchst du nicht! Es kann sofort losgehen. Aber wollen wir nicht noch umdecken? Es ist so schön draußen. Da ist ja auch Erika – guten Morgen, du Langschläfer!“
Erika lachte und half den Tisch unter der alten Kastanie decken. Reni schleppte schon das Tablett mit den Tassen heran, Christian trug den Kuchen heraus, Tante Mumme die Kaffeekanne, und Mutter brachte den Lichterkranz und rief nach Vater.
„Ich zünde an! Jetzt geht endlich der Geburtstag richtig los!“
Nun saßen sie also allesamt um den verspäteten Frühstückstisch, Reni obenan auf dem Ehrenplatz, und aßen und tranken. Im Augenblick wurde kein Wort gesprochen, sogar Renis Mund, die „Klappermühle“, wie Christian sagte, schwieg. Das war kein Wunder. Denn tatsächlich: nur der Kuchen, der Lichterkranz und die Blumen prangten vor dem Platz für das Geburtstagskind. Sonst nichts. Kein Buch, keine Tafel Schokolade, nichts zum Anziehen. Reni versuchte, so zu tun, als wundere sie das gar nicht. Aber es gelang ihr nicht richtig. Alle lachten, Christian am meisten.
„Nun weine mal nicht, wir wollten so gern sehen, wie ein Mensch aussieht, dem der größte Wunsch in Erfüllung gegangen ist“, grinste Christian.
„Ich weine ja gar nicht“, sagte sie und verspürte die größte Lust, ihm die Zunge herauszustrecken, so lang sie war. Große Brüder hatten auch ihre Nachteile, das wußte sie nun schon. Aber sie tat es nicht, nein, nun gerade nicht. Sehr beschäftigt bot sie Kuchen an und gab Milch und Zucker herum, und dabei war sie im Innersten ganz fest davon überzeugt, daß noch was kommen mußte. Sie kannte doch ihren Doktoronkel – ihren Vater vielmehr! Während sie das dachte, mußte sie so lachen, daß er ganz erstaunt aufsah.
„So vergnügt habe ich dich ja noch an keinem Geburtstag gesehen“, sagte er. „Von jetzt an gibt es nie mehr etwas anderes als einen ungestörten Tag in der Familie!“
„Von mir aus!“ lachte Reni und blinzelte ihm zu. „Wann fahren wir denn?“ Sie hatte gesehen, daß der Wagen schon draußen stand, Vaters alter grauer Doktorwagen.
„Hast du es doch schon verraten, du Bengel!“ sagte der Doktor ärgerlich. „Du bist doch das reinste Waschweib, Christian. Ich sage nie wieder etwas.“
„Was habe ich denn verraten?“ fragte dieser empört. Er sagte es absichtlich in einem möglichst frechen, schnippischen Ton.
„Daß wir zu den Ponys fahren wollen“, sagte sein Vater aufgebracht. „Ich finde, man muß auch den Mund halten können. Wenn es schon nichts anderes als diese einzige Überraschung zum Geburtstag geben soll, dann muß es auch eine bleiben.“
„Zu den Ponys? Vater, wirklich? Ist das wahr?“ jubelte Reni und fiel dem neben ihr sitzenden Doktor so stürmisch um den Hals, daß seine Brille verrutschte. „Kaufen wir sie schon? Oder wollen wir sie nur ansehen? Vater, ist es weit? Und fahren wir jetzt gleich?“
„Ich glaube, Paul, jetzt hast du dich selbst verplappert“, sagte die Mutter trocken. Alle lachten. Der Vater schlug sich auf den Mund.
„Hab ich? Aber wenn Christian doch ...“
„Ich habe keine einzige Silbe gesagt!“
„Du hast gesagt ...“
„Ich habe gar nichts ...“
„Nun zankt euch nicht, sondern eßt“, mahnte Tante Mumme und schob dem Vater ein zweites Stück Kuchen auf den Teller. „Verraten ist es nun einmal, und ich finde, Reni kann sich auf der Hinfahrt noch ein bißchen vorfreuen, wenn sie schon sonst nichts bekommt, das arme Kind.“
„Das arme! Nur ein lebendiges Pony oder zwei!“ höhnte der Doktor und schob das Kuchenstück fast auf einmal in den Mund. „Wir bekamen zum Geburtstag ein Lineal, als wir so alt waren, oder ein Schreibheft! Und jetzt heißt es: ‚Nur ein Pony. Oder zwei! Oder drei!‘“
„Wer spricht denn von dreien“, sagte die Mutter schnell, „übertreib doch nicht so mörderisch! Außerdem habt ihr euch um meinetwillen die Ponygeschichte ausgedacht oder etwa nicht? Reni wird sowieso nur vorgeschoben, damit du deine Frau verwöhnen kannst, ohne daß es zu sehr auffällt.“ Sie sagte das lustig, aber man hörte den zärtlichen Ernst dahinter. Der Doktor winkte ab.
Aber es war so. Er und Reni hatten sich ausgedacht, für Mutter ein oder zwei Shetlandponys zu kaufen, weil sie nach ihrer Beinverletzung nie wieder würde reiten können und Pferde doch so sehr liebte. Bisher war man noch nicht dazu gekommen, diesen Plan auszuführen, nur gesagt hatten sie es ihr. Der Doktor war von jeher unfähig gewesen, eine Überraschung bei sich zu behalten, und so hatte er es ihr noch vor der Hochzeit verraten. Jetzt aber war es Mutter gewesen, die auf diesem Plan bestand. Und es war ihre Idee, ihn heute, an Renis Geburtstag, zu verwirklichen. Ach, das war wahrhaftig ein Geburtstagsgeschenk, wie es Reni nie bekommen, ja, niemals auch nur erträumt hatte!
„Wann fahren wir denn? Jetzt gleich?“ drängte sie schon wieder, und der Vater meinte, er würde sich nie wieder solch eine ewig quälende und ungeduldige Tochter anheiraten.
„Nicht einmal in Ruhe frühstücken läßt sie einen!“ stöhnte er. Dabei kam sein Frühstück heute wahrhaftig nicht zu kurz!
Ein langgestrecktes Gebäude, niedrig, daneben ein zweites, dem man ansah, daß es nichts als Ställe enthielt: Sie waren da. Vater bremste, und Erika und Reni purzelten fast aus dem Wagen, so eilig hatten sie es, auszusteigen. Sie standen schon am Tor und hopsten vor Aufregung von einem Fuß auf den andern, als die Erwachsenen endlich nachkamen.
Eine freundliche Frau öffnete ihnen und begrüßte sie. Sie war sofort im Bilde. Vater hatte ihr schon geschrieben. Sie sah die beiden Mädchen an und lachte.
„Ja, ihr werdet schon lieb mit unseren Kleinen sein, nicht wahr“, sagte sie erleichtert, als sie die vor Begierde und Glück brennenden Augen der beiden gesehen hatte.
„Hallo! Hansjörg! Günter!“ rief sie, und dann steckte sie die Knöchel von Zeige- und Mittelfinger der rechten Faust zwischen die gerundeten Lippen und pfiff.
Nicht sofort, doch bald trudelten zwei Jungen heran, etwa acht- und zehnjährig, die die Frau als ihre Söhne vorstellte. Auch sie sahen die Mädchen mit abschätzenden Blicken an, die mehr ihrer Größe als ihren Augen galten.
„Der kann aber nicht mehr drauf reiten“, sagte der Kleinere grollend und zeigte mit dem Daumen auf Christian. Seine Mutter gab ihm einen kleinen Puff in die Seite.
„‚Der‘ sagt man nicht, und zur Kundschaft schon gar nicht“, verwies sie ihn. Dann gingen sie alle miteinander los.
Sie betraten keine glatten, gepflegten Koppeln, auf denen nur Gras wuchs. Eher war es eine kleine Wildnis, mit Heidekraut, halbhohem Gebüsch, einem kleinen Bach, der sich an einer Stelle zu einem flachen Becken verbreiterte, mit Bäumen, vor allem Birken, und einem steilen kleinen Hügel. Die Frau pfiff noch einmal.
Dann kamen sie heran, nickende, dickbebuschte kleine Köpfe, runde Rücken, glänzende, aufmerksame Augen. Reni und Erika hatten Mutter natürlich unzählige Male gefragt, wie Shetlandponys aussähen, wie groß oder vielmehr wie klein sie seien, und sie hatten sich unwillkürlich kleine Pferde darunter vorgestellt. Jetzt waren sie eigentlich im ersten Augenblick enttäuscht, zum mindesten verblüfft.
Erstens waren die Ponys zwar klein, viel, viel kleiner als Pferde natürlich, aber sie wirkten nicht klein. Das kam daher, daß sie so außerordentlich stämmig waren, breit, mit prallen Kruppen und kräftigen, runden Rücken. Sie hatten komische, kurze Beine, an denen allerdings die niedlichsten Hüfchen saßen, mit einer kaum handtellergroßen Fläche. Doch, sie waren reizend! Nur komisch, ein bißchen verbaut, beinahe verkrüppelt sahen sie aus, wenn man an richtige Pferde gewöhnt war. Aber das war nur der erste Eindruck.
„Sieh nur, das dort! Eine Schecke! Und das braune mit dem dunklen Streifen auf dem Rücken! Und das ...“, Reni und Erika waren sich gar nicht bewußt, daß sie beinahe schrien. Auch Mutter und Tante Mumme tauschten laut und aufgeregt ihre Meinungen aus. Nur der Doktor und Christian, die sich sehr ähnlich waren, sahen ihren Frauen wohlwollend und belustigt zu.
„Dürfen wir uns wirklich eins aussuchen?“ fragte Reni schließlich erschöpft, nachdem sie ihren ganzen Zucker verfüttert, alle Nasen der kleinen Tiere gestreichelt und an sämtlichen Hälsen geklopft hatte. Auch Erikas Augen hingen gespannt an Vaters Mund. Der sah seine Frau an.
„Zwei sogar, nicht?“ sagte er leise. „Deshalb haben wir ja keine Hochzeitsreise gemacht, damit wir uns die Ponys leisten können. Aber wählt mit Verstand, hört ihr?“
Die Schecke war hübsch gezeichnet, schwarzweiß, mit einem dunklen Kopf, an dem ein schwarzes und ein weißes Ohr saß. Das bestach natürlich. Erika war entzückt von ihr, gleich anfangs, und Christian meinte, als er schließlich auch um seine Meinung gefragt wurde, sie sähe Erika ähnlich. Merkwürdigerweise störte sich niemand an diesem Ausspruch, denn irgendwie hatte er sogar recht. Nicht nur hatte Erika schwarze Zöpfe und sehr helle und klare Haut, auch in den Augen sah Christian eine Ähnlichkeit.
„Können wir denn da auch noch drauf reiten?“ fragte Reni atemlos. Die Frau sah sie an und lachte.
„Freilich, ein, zwei Jahre schon. Zwölf bist du? Wenn du nicht gar zu schnell wächst und schön schlank bleibst ...“
„Ich eß von jetzt an ...“, sprudelte Erika,
„... überhaupt nichts mehr“, vollendete der Doktor vergnügt. „Das hab ich mir immer gewünscht. Wo du uns doch immer die Haare vom Kopf gefuttert hast!“ Erika durfte ein Jahr lang im Heim bleiben, weil sie zu Hause einen so schrecklich schlechten Appetit hatte und sich rote Backen anessen sollte. Jede Woche fragte ihre Mutter besorgt und liebevoll an, wieviel ihre kleine Tochter zugenommen habe.
„Welches Pony würdest du denn aussuchen?“ fragte Vater jetzt leise und sah Mutter an.
„Den größeren Schwarzen dort“, antwortete sie ohne nachzudenken. Dabei wies sie auf ein Pony, das eigentlich gar nicht auffiel. Schwarz, ohne Abzeichen, stämmig und ruhig stand es da und rupfte Gras vom Boden.
„Warum?“ wunderte sich der Vater.
„Der trägt die Mädchen noch eine Weile“, sagte Mutter.
Reni hatte sich in ein Schimmelchen verliebt, das einen sehr schönen, gebogenen Schwanz hatte.
„Wie heißt es?“
„Schneeflocke“, sagte Günter. Renis Augen glänzten.
„Ich glaube, sie ist ein bißchen zierlich“, sagte Mutter zögernd. Sie konnte verstehen, daß jemand, der von Pferden nichts verstand, einfach nach der Farbe wählte. Sie sagte es der Besitzerin. Die lachte.
„Da wäre Ihre Kleine nicht allzu gut beraten! Im Sommer, ja, da ist sie ein Schneeflöckchen, aber im Winter sind Schimmel nicht so hübsch. Dann ist das Fell gelblich und wirkt schmutzig. Wenn man also nach der Farbe aussucht, muß man es schon richtig machen. Der Dunkle da, den Sie meinen, sieht im Winter sogar noch besser aus. Tintenschwarz und sehr schön.“
„Ein Hengst?“
„Ja. Und mit der Schecke nicht blutsverwandt. Wenn Sie also eine kleine Zucht beginnen wollen, wären die beiden das richtige. Die Schecke bekommt übrigens nächstes Frühjahr ein Fohlen. So wäre der Anfang schon gemacht.“
„Sagen Sie das den Mädeln nicht, das ist noch eine zusätliche Überraschung.“ Die Mutter hatte das ganz leise gesagt und lachte dabei in sich hinein. Die Frau nickte ihr zu. Nun hieß es also, Reni zu überreden.
„Ich finde aber die Schneeflocke viel schöner“, sagte Reni betrübt und ein bißchen beleidigt, wenn sie es auch nicht merken lassen wollte. Erikas Wahl war sofort gutgeheißen worden, und ihre? Dabei hatte sie doch heute Geburtstag!
„Aber siehst du denn nicht ein ...“
„Freilich, den Hengst zu reiten, dazu gehört schon etwas mehr Schneid als zu einem Schneeflöckchen“, sagte Christian in diesem Augenblick. Es klang abfällig und wie nebenbei gesagt. Reni aber hatte es wohl gehört.
„Meinst du, ich hätte Angst vor ihm?“ fragte sie gereizt. Christian zuckte die Achseln. Renis Augen blitzten.
„Darf ich mal versuchen?“ fragte sie die Frau. „Auf dem da, dem schwarzen Hengst! Wie heißt er?“
Er hieß Egon. Das war, wie die Mädchen fanden, eigentlich ein Grund, ihn nicht zu kaufen. Egon! Wie konnte man ein Pferd so nennen! Der größere der Jungen erklärte ihnen ein bißchen gekränkt, ein Hengst müßte nach seinem Vater heißen, jedenfalls den ersten Buchstaben des Namens mit dem Vater gemeinsam haben. Und außerdem könnte man ihn ja anders rufen.
Freilich, das blieb ihnen unbenommen. Reni ließ sich auf das kleine Pferd hinaufhelfen. Nein, Angst hatte sie wahrhaftig nicht!
Egon stand und ließ sich streicheln und in die Mähne fassen, und der Junge führte ihn ein Stück, während Reni sich um eine möglichst gute Haltung bemühte.
„Du hast recht, das Pferd ist stärker als die andern und wird auch von den größeren Kindern im Heim geritten werden können“, sagte Vater zufrieden. „Nun muß aber auch Erika noch mal auf ihre Schecke klettern. Die darf doch noch geritten werden, auch wenn sie ein Fohlen bekommt?“
„Bis Weihnachten ohne Bedenken“, sagte die Besitzerin, „und fahren kann man sie bis zum letzten Tag.“
Reni versuchte ihren Hengst ein wenig in Trab zu bringen, aber er schüttelte nur den Kopf und begann zu grasen. Das sah nicht sehr schneidig aus.
„Ich glaube, das ist Graf Egon der Faule!“ sagte sie und saß ab. „Aber warte nur, ich werde dir schon die Flötentöne beibringen!“ Sie versuchte, sich ihre Enttäuschung wegen Schneeflöckchen nicht mehr anmerken zu lassen. Graf Egon war zwar auch hübsch, aber es pikte in Renis Herzen, daß Erika heute an ihrem Geburtstag etwas Schöneres bekommen sollte als sie selbst.
Lachte Christian? Wahrhaftig!
„Was grinst du denn?“ fragte sie verdrossen und gab ihm einen Stoß in die Seite.
„Ach, nur so. Heute früh bist du hochgesprungen, als du nur das Wort ‚Pony‘ hörtest, und jetzt ...“
„Ach, jetzt! Was ist denn jetzt! Quatsch!“ unterbrach Reni ihn schnell und beschämt. Wie recht er doch hatte!
„Ich freu mich so, Mutter. Und du findest ihn doch auch großartig, nicht wahr?“ fragte sie deshalb schnell und ein bißchen zu eifrig. „Darf ich ihn mir aussuchen? Und Erika die Schecke?“
„Ja, wir lassen sie übermorgen holen“, sagte der Vater.
So wurde es beschlossen, und die Erwachsenen gingen ins Haus. Die Mädchen aber und Christian blieben auf der Koppel. Sie konnten sich von der kleinen Herde nicht trennen. Und sie hatten so viele Fragen an die beiden jungen Gestütsbesitzer. Auch als sie nach Hause fuhren, waren sie noch ganz bei den Pferden. Ihre Münder standen nicht still, und sie warfen mit Fachausdrücken nur so um sich. Vater sah Mutter schmunzelnd im Rückspiegel an.
„Bist du nun zufrieden?“ hieß dieser Blick. Mutter lachte. Es hatte sie immer ein bißchen gekränkt, daß Reni sich so wenig aus Pferden machte. Reni, ihre eigene Tochter! Jetzt aber schien mit einemmal der Knoten geplatzt zu sein, und das freute sie natürlich. Hoffentlich war es nicht nur ein Strohfeuer! Bei Mutter waren Menschen, die nichts für Pferde übrig hatten, eben keine oder nur halbe Menschen, mit denen es nicht lohnte, sich zu beschäftigen.
„Manche Kinder reiten schon mit vier oder fünf Jahren“, erzählte Mutter. „Es ist sogar gut, wenn man zeitig anfängt. Voltigieren tun Kinder manchmal schon mit drei Jahren!“
„Was ist denn voltigieren?“ fragte Tante Mumme. Sie wußte am wenigsten von Pferden und schien anzunehmen, daß dies etwas ganz besonders Grausiges und Gefährliches sei. Mutter lachte.
„Zum Voltigieren nimmt man ein dickes, gemütliches, nicht zu großes Bahnpferd, das die meisten Dummheiten seines Lebens schon hinter sich hat“, erklärte die Mutter ruhig. „Auch ein Doppelpony mit einem so richtig breiten Rücken eignet sich dafür. Es bekommt einen Gurt umgeschnallt, an dem oben zwei steife Griffe angebracht sind. Dann läßt es der Reitlehrer an einem langen Zügel, einer Longe, im Kreis galoppieren. Ja, guckt nicht so entsetzt, galoppieren kann auch eine sehr gemächliche Gangart sein, auf und ab, wie ein Schaukelpferd, und gar nicht schnell. Dann müssen die Kinder eins nach dem andern neben dem Pferd herlaufen, und, während sie sich an den Griffen festhalten, aufspringen.“
„Im Galopp?“ fragte Erika zweifelnd.
„Freilich im Galopp“, sagte die Mutter lächelnd, „das klingt vielleicht doll, ist aber nicht so schwer. Sonst würden es ja so kleine Knirpse gar nicht schaffen! Und die schaffen noch mehr! Sie schlagen im Reiten die Beine über, vorn, hinten, ein zweites Kind springt auf, manchmal sogar drei hintereinander. Und ich hab schon gesehen, wie kleine Jungen und kleine Mädel sich während des Reitens auf den Pferderücken stellten, die Jungen mit den Händen in den Hüften, die Mädel die kurzen Röckchen rechts und links angefaßt wie kleine Tänzerinnen. Ja, mit meinen eigenen Augen hab ich das gesehen! Und dann sogar, wie eins dieser Kinder einem andern auf die Schultern kletterte, mitten im Galopp, und sie so ein kurzes Stück weiterritten und dabei lachten, als wäre es gar nichts. Ich kann euch Bilder davon zeigen!“
„Tatsächlich, Mutter? Aber das können wir doch auf den Shetlands nicht?“ fragte Reni.
„Nein, dazu sind sie zu klein für euch. Vielleicht lernt es aber das eine oder andere kleinere Kind, das zu uns ins Heim kommt. Wir wollen ja die Pferdchen nicht nur für euch haben.“
„Oooch“, sagte Reni gedehnt. Der Vater drohte ihr mit dem Finger.
„Reni? Nicht schon wieder maulen!“
„Aber gehören tun sie doch uns?“ vergewisserte sie sich kleinlaut.
„Freilich. Und zunächst sollt ihr auch reiten, das ist klar“, sagte die Mutter. „Ich gebe euch Stunden. Ach, Paul, ich freue mich ja so! Endlich wieder Pferde, endlich wieder Fellgeruch und Wiehern und Hufgetrappel und Lederzeug!“
„Natürlich. Wir sind jetzt alle abgemeldet“, sagte der Doktor ergeben, „jetzt gibt es endlich was, das du bemuttern kannst. Was ist eine leicht wacklige Tante Mumme, was sind drei Kinder – jaja, Christian, du bist auch noch eins, auch wenn du heimlich rauchst, ich weiß das doch, mein Sohn – gegen zwei Ponys. Vom dicken, gichtbrüchigen, pflegebedürftigen Onkel Doktor gar nicht zu reden, geschweige denn von den Heimkindern, die nach einem verstehenden Mutterherzen verlangen!“
„Du bist unverschämt“, lachte Mutter. „Man kann doch außer für Menschen auch noch ein Herz für Pferde haben.“
„Na, weißt du, wenn du noch nie was Verkehrtes gesagt hast, das die Tatsachen völlig auf den Kopf stellt, dann eben jetzt!“
Die Mädchen lachten, Christian grinste, und Tante Mumme klopfte Mutters Hand. Aber all dies Hin und Her störte nicht den wundervollen Tag, der genauso schön weiterging, wie er angefangen hatte. Und übermorgen schon sollten die Ponys geholt werden – es war einfach nicht auszudenken!
II.
„Nein, Reni, heute nicht“, sagte die Mutter. Sie hatte sich über Mittag hingelegt. Draußen herrschte eine glühende Augusthitze. Das Heim war voll, eigentlich überbelegt. Reni stand in der Tür des Schlafzimmers und machte ein saures Gesicht. Die Mutter sah es trotz des Dämmerlichts, das hier herrschte. Sie hatte die Läden vor die Fenster geschlagen.
Sie seufzte ungeduldig. Ihre Mittagsruhe war nach Minuten bemessen. Den ganzen Vormittag hatte sie in der heißen Küche gestanden, und nachmittags wartete ein Riesenberg Mirabellen, der eingekocht werden sollte, auf sie. Und die Hitze nahm sie so schrecklich mit. Daß Reni das nicht verstand!
Freilich, Reni war jung, und das Wort „müde“ gab es in ihrem Wortschatz nicht. Mutter konnte zum Beispiel nie begreifen, wie es ihr und Erika möglich war, in der Stunde nach Tisch Schularbeiten zu machen. Zu einer Zeit, in der jeder Erwachsene unfähig ist, geistig zu arbeiten, ja, überhaupt zu denken, wie ihr schien.
„Nun maul nicht“, sagte sie heftiger, als sie wollte, als sie Renis Gesichtsausdruck sah, „kannst du dir denn nicht vorstellen, daß ich kaputt bin? Vielleicht können wir abends reiten.“
„Ach, abends! Da hast du ja auch nie Zeit.“
Mutter wollte etwas sagen, schwieg aber dann. Sie legte sich zurück und sah zur Decke hinauf. „Nicht aufregen“, hatte Vater gesagt, „nicht ärgern.“ Sie war aber nicht verärgert, das wußte sie im tiefsten, sie war gekränkt. Daß es Reni fertigbrachte, so häßlich zu sein! Sie hatte doch jetzt wahrhaftig alles, was sie sich je gewünscht hatte. Und was tat sie? Sie stand da und maulte!
„Gut, dann reiten wir auch abends nicht“, sagte sie jetzt zornig. „Ich hätte es möglich gemacht, aber wenn du so bokkig bist!“
„Dürfen wir denn nicht ein einziges Mal allein reiten?“ fragte Reni und gab sich Mühe, es so bescheiden und freundlich wie möglich zu sagen.
„Reni, ich möchte es nicht. Der Graf ist ein Hengst, und ein Hengst ist und bleibt ein Tier, das stärker, wilder und gefährlicher ist als ein anderes Reitpferd, auch bei Ponys. Du weißt ...“ Sie brach ab. Dann begann sie von neuem: „Hör, ich habe eine Idee. Spannt die Kutsche ein und fahrt ein Stück, Erika und du. Ja, fahren dürft ihr. Nehmt den Klaus Schmidthenner mit, er langweilt sich so in seinem Gehgips. Und meinetwegen auch sonst noch irgendein Kind, aber eins von den größeren, aus dem oberen Schlafsaal. Und daß mir nichts passiert, Reni, hörst du? Nicht so verrückt fahren!“
„Sollen wir nicht vom Schraderhof Heu holen? Wir müssen doch welches haben“, fragte Reni.
„Ja, fahrt hin und fragt, ob ihr heute schon eine Fuhre bekommen könnt. Zurück müßt ihr aber laufen. Nur den Klaus setzt drauf, aber das Heu gut packen, verstehst du?“
„Natürlich!“ Reni verabschiedete sich eilig. Sie hatte Angst, die Erlaubnis könnte sonst wieder zurückgezogen werden.
Mutter, die sich gefreut hatte, daß sie nun noch einigermaßen übereingekommen waren, sah ihr betrübt nach. Hätte ihr nicht Reni noch etwas Freundliches sagen können?
Es war ja klar, daß das Kind wegstrebte. Kein Mädchen in diesem Alter sitzt gern bei der Mutter, der es nicht gutgeht, und spricht ihr zu, während es draußen Ponys und Kameraden gibt. Aber daß sie so gar nichts fragte! Christian war da ganz anders.
Aber die Mutter irrte sich. Reni dachte wohl an sie; sie hatte sie nicht vergessen, sobald sie die Tür hinter sich zugemacht hatte. „Mutter ist so anders jetzt“, dachte Reni, „und dabei sagt Vater doch, das Bein ist abgeheilt. Es ist beinahe, als gäbe es für Mutter jetzt wichtigere Dinge als die Pferde – und als die Tochter!“ Nein, das war häßlich gedacht. Aber es war doch wahr, immerfort sagte Mutter „nein“. Ein Wunder, daß sie heute wenigstens fahren durften!
Reni sprang zur Liegewiese hinauf. Erika lauerte schon. „Dürfen wir?“ fragte sie, als Reni atemlos anlangte. Reni nickte. „Fahren! Reiten nicht!“
Erika war enttäuscht.
Auch sie hatte Geschmack am Reiten gefunden. Freilich, sie ritt die Gräfin, und das war keine Kunst oder doch jedenfalls ungleich leichter und ungefährlicher. Die Gräfin war brav und willig und tat eigentlich alles, was der Graf ihr vormachte. Der Graf aber, „Egon der Faule“ – du lieber Himmel, wie man sich in einem Pferd doch täuschen konnte!
Reni hatte sich getäuscht, Mutter und die anderen übrigens auch. So etwas von Feuer und Temperament hatte keiner in dem kleinen Hengst vermutet, und Reni war oft drauf und dran gewesen, zu Mutter zu sagen: „Ich schaff es nicht. Wir wollen ihn umtauschen. Er ist mir zu wild.“
Sie hatte es aber doch nicht gesagt. Unzählige Male war sie heruntergeflogen, es gab keine Stelle an ihrem Körper, die nicht schon blaue Flecke gehabt hatte – zur Erinnerung an diesen frechen Ponyherrn. In letzter Zeit aber war es besser geworden. Reni hatte das Gefühl, als erkenne er sie jetzt an, als habe er begriffen, daß sie nicht nachgab. Und gerade jetzt durfte sie nicht weiterreiten! Bis morgen hatte er bestimmt alles vergessen, und der Hafer stach ihn wieder wie eh und je.
Ja, wahrhaftig, der Hafer. Sie gab ihm nämlich heimlich Hafer, obwohl das im Sommer angeblich nicht nötig war. Aber Hafer schadet doch nie, oder? Man sah es auch am Fell: der Graf spiegelte und glänzte, und seine Augen funkelten, wenn er stand und darauf wartete, daß sie aufsaß. Wenn er dann auch noch mit den vorderen Hufen scharrte, sah er wirklich wie ein kleiner Streithengst aus.
Auch jetzt. Als Reni pfiff, spitzte er die Ohren und sah ihr entgegen, aufmerksam und erwartungsvoll. Reni konnte es sich nicht versagen, fix mal auf seinen Rücken zu rutschen. Hier auf der Wiese, ohne Trense, das galt nicht als Reiten. Sie hatte sich eine Gerte vom Zaun gebrochen und versuchte, den kleinen Hengst damit zu lenken. Er ließ es sich ein Weilchen gefallen und kratzte dann die Kurve so eng, daß sie seitlich herunterflog. Lachend sprang sie ihm nach und nahm ihn um den Hals.
„Recht so, das tät ich auch! Aber warte nur, morgen, mit dem Zügel! Da wird gehorcht und das gemacht, was ich will.“
Sie zog mit den beiden Ponys ab, hinter dem Haupthaus herum, damit nicht alle Kinder sie sahen. Es war jetzt Ruhezeit, aber die meisten verbrachten sie nicht im Schlafsaal, sondern im Garten oder auf der Wiese in der Sonne. Das war erlaubt. Reni bat Erika noch, Klaus zu suchen, während sie selbst einspannte.
„Sonst nehmen wir aber keinen mit, das gibt nur Gezanke!“ bestimmte sie.
Den Wagen hatte ihnen Vater geschenkt. Auch ausgesucht – man merkte es. Da hatte ihn einer gründlich übers Ohr gehauen. Vater verstand von Autos etwas und von Krankheiten und Patienten sehr viel, gewiß mehr als irgendein anderer Arzt, aber von Ponywagen hatte er keine Ahnung. Reni fand es richtig nett, daß er damit so hereingefallen war, irgendwie liebenswert. Und sie verteidigte den Wagen immer heftig: er war eben schön und gut, weil Vater ihn ausgesucht hatte.
Nett anzusehen war er ja auch: gummibereift und sehr niedrig. Aber er war nicht kippsicher. Die Vorderräder drehten nicht unter, wenn man wendete, und auf diese Weise hatten sie es schon fertiggebracht, den an sich sehr flachen Wagen umzukippen. Passieren konnte dabei so leicht nichts, man lag eben nur irgendwo im Gras oder im Graben oder auch auf der Straße. Angst hatten die Kinder natürlich nicht um sich, sondern nur, daß den geliebten Ponys etwas geschehen könnte.
Alle im Heim waren wie verrückt auf die kleinen Pferde. Und alle, die es wollten, durften reiten, jedenfalls auf der Gräfin. Reni drehte es manchmal buchstäblich das Herz im Leibe herum, wenn sie zusehen mußte, wie manche Kinder aufsaßen. Richtig allein reiten durften nur die wenigsten, und auch die nur kurze Strecken. Christian führte die Ponys, und die Kleinen saßen drauf und waren stolz.
Mittlerweile war Reni beim Einspannen. Das war nicht ganz einfach, wenn man allein war, aber sie wußte sich zu helfen. Sie legte jedem der kleinen Gesellen eine Runkelrübe vor die Nase, an der sie dann knabberten, und währenddessen konnte man in aller Gemütsruhe Stränge anmachen, Zügel durchziehen und Karabinerhaken schließen. Als Erika mit Klaus ankam, war sie gerade fertig.
„Los, Abfahrt! Klaus, du kommst hier neben mich. Wir sollen Heu holen. Nein, kutschieren muß ich, wenigstens bis auf die Straße.“
Es ging hier bergab. Klaus sah ihr auf die Finger, und Reni war stolz. Auf der Straße knallte sie mit der Peitsche.
„Hoho, so fahren die Kosaken!“ und los ging es im Karacho. Der Hof, wo sie das Heu holen sollten, war nicht sehr weit entfernt. Es war aber nur die Großmutter zu Hause. Die anderen seien im Heu. Die Kinder könnten doch gleich dorthinfahren und von der Wiese aus aufladen, was sie brauchten.
Reni wendete also den Wagen im großen, vorsichtigen Bogen und fuhr den Weg entlang, den die Großmutter ihr beschrieben hatte. Sie fanden auch gleich die Wiese, wo die Leute damit beschäftigt waren, aufzuladen. Reni wollte eine Gabel haben und mithelfen, aber der Bauer meinte freundlich, das mache er lieber selber. Das Heupacken sei nicht so einfach, wie es aussähe. Reni ließ ihn werkeln und spannte ihre Pferde aus. Und nachdem sie sie ein Weilchen hatte fressen lassen, schnallte sie eben doch den Trensenzügel ein. Nur ein bißchen, nur hier auf der Wiese! Mutter erfuhr es ja nicht.
„Los, Erika!“
Auch Erika konnte nicht widerstehen. Sie saßen auf, und Reni ließ den Hengst erst ein paarmal rund um die Wiese laufen, einerseits, um ihn munter zu machen – Ponys müssen immer erst warmgeritten werden – ‚ andererseits, damit er nicht allzu übermütig wurde. Er merkte dann gleich, daß sie ihn dressierte und nicht nur laufen ließ.
„Springen sie auch?“ fragte der Junge des Bauern, der natürlich keinen Blick von den kleinen Pferden ließ. Reni war bisher erst einmal gesprungen, als sie sich plötzlich vor einem Graben gesehen und nicht mehr den Entschluß aufgebracht hatte, den Hengst abzustoppen. Es war wirklich leicht gegangen.
„Natürlich“, sagte sie deshalb.
„Komm, wir bauen was auf!“ Der Junge warf seine Heugabel weg und lief nach der Stange, die später über den vollen Wagen kommen sollte, um ihm Halt zu geben. Er legte sie mit dem einen Ende auf den Rand des Ponywagens, das andere Ende hielt er in derselben Höhe in der Hand.
„Los, versuch mal! Oder muß es höher sein?“
„Nein, laß mal so.“
Reni war nicht recht wohl zumute. Aber einmal mußte man es ja zum erstenmal tun. Wenn der Graf nur nicht verweigerte und sie das Hindernis, über seinen Kopf wegfliegend, allein nahm?! Sie hatte schon Bilder von Hindernisrennen gesehen, wo sich Pferd und Reiter auf diese Weise trennten. Ach was, ein Versuch schadete nichts.
Sie ritt vorsichtshalber so an, daß der Graf in Richtung Heimat galoppierte. Da war die Gefahr, daß er umkehrte oder ausbrach, nicht so groß. Alle Ponys gehen müde, wenn sie losfahren, und wie das Donnerwetter, wenn es nach Hause geht.
„Los, hopp!“ feuerte sie ihn an, fühlte, wie er sich zum Sprung zusammenzog, und klemmte die Knie an. Nur nicht ins Kreuz fallen beim Aufsetzen! Aber sie spürte das Aufsetzen gar nicht. Der Graf galoppierte in einem Zuge weiter, als wäre der Sprung nur ein etwas längerer und höherer Galoppsprung gewesen. Atemlos und mit vor Erregung trockenem Mund wendete Reni das Pony am Ende der Wiese. „Na?“
„Wunderbar!“ beteuerte Erika.
„Soll ich noch mal?“ fragte Reni. Sie war jetzt außer Rand und Band und hatte Mutters Verbot ganz und gar vergessen. Noch mal! Der Graf schien Geschmack am Springen zu finden und ging los wie das Donnerwetter, als sie ihn auf das Hindernis zu lenkte. Diesmal wäre sie fast ausgestiegen, weil sie nicht so konzentriert aufpaßte wie vorhin. Der Sprung war schlecht. Sie ärgerte sich.
„Gleich noch mal!“
„Willst du wirklich, Reni?“ fragte Erika. Aber Reni sah und hörte nichts.
Sie sprang noch dreimal. Zwei Sprünge davon gelangen leidlich, aber Reni, voller Ehrgeiz, wollte unter allen Umständen noch einmal einen solchen landen wie den ersten. Der Graf war schon ganz aufgeregt, warf den Kopf und trat hin und her.
„Los!“ kommandierte Reni wieder.
Sie hatte sich eine Gerte abgebrochen, weil die Fahrpeitsche zu lang war, und trieb das Pony damit an. Ponys haben ein dickes Fell, und ein paar darübergezogene Hiebe tun ihnen nicht weiter weh. Damit war Reni sonst sehr sparsam, vor allem deshalb, weil sie den Kindern im Heim kein schlechtes Beispiel geben wollte. Die droschen sonst unentwegt auf den geliebten Pferden herum.
Jetzt wischte sie dem Hengst eins an die Vorderhand, und als das nicht viel nützte, knallte sie ihm, um ihn in Galopp zu bringen, eins über die Kruppe. Dieser Schlag war vielleicht schärfer ausgefallen, als sie wollte. Der Hengst bockte, galoppierte dann aber doch an, aber so, als wollte er sagen: „Gut, wenn du es nicht anders haben willst!“
Reni hatte beide Zügel in der linken Hand, um die andere für die Gerte frei zu haben. Das tat sie manchmal, auch wenn die Mutter es nicht leiden konnte. Jetzt, als sie merkte, daß das Pferd ihr davonging, war es ihr Glück. Sie ließ die Gerte durch die Hand gleiten und griff in die Mähne. Da war schon das Hindernis. Der Graf wollte ausbrechen, sie gab Schenkelhilfe, aber nicht exakt genug, dazu ging alles viel zu schnell. Der Hengst, der vorhatte zu verweigern, mußte doch noch springen, aber er sprang schräg. Reni, die das geahnt hatte, war auf eine noch schrägere Richtung gefaßt gewesen und räumte den Sattel. Sie überschlug sich und fiel mit dem Kopf so gegen das eine Rad des Wagens, daß es ihr wild wie mit tausend Hummeln im Schädel brummte.
Sie saß benommen im Gras. Erika erzählte ihr später, es habe nur eine halbe Sekunde gedauert, bis sie sich wieder aufgerichtet hatte. Ihr aber war, als läge der Sprung weit, weit zurück. Sie blinzelte und sah um sich. Der Junge hatte die Stange fallen lassen und war dem Hengst nachgerannt. Der stand schon wieder. Das war ja das Gute bei den Ponys, sie gingen nie weiter durch als bis zu ihrem Kameraden. Ein Pony allein wäre viel schwieriger zu behandeln gewesen.
„Hast du ihn?“ rief Reni halblaut. Dann rappelte sie sich auf.
„Hat’s weh getan?“ fragte Erika ängstlich.
„Ach wo – doch, ganz ordentlich“, verbesserte sich Reni und hielt sich den Kopf, denn das „Ach wo“ wäre eine heillose Lüge gewesen.
„Du blutest ja!“
Wahrhaftig! Reni hatte eine ganz schöne Wunde am Hinterkopf neben dem Ohr. Eine Platzwunde. „Gut, daß das Rad nicht eisenbereift ist! Da wäre dein Schädel wahrscheinlich noch etwas mehr mitgenommen“, sagte der Bauer, der auch herangekommen war. Erika gab ihr ein ziemlich sauberes Taschentuch, das drückte sie darauf. Dumm war nur, daß die Haare naß und dunkel wurden, denn die Wunde blutete ziemlich.
„Ich leg mich lang, bis der Wagen aufgeladen ist“, sagte Reni. „Das Blut wird die Wunde schon verpappen.“ Sie widerstand als Tochter ihres Vaters heldenhaft dem Drängen der Bauersfrau, die Wunde auszuwaschen. „Wunden wäscht man nicht aus“, hatte der Doktor ihr von klein auf eingehämmert, „man wäscht sonst nur Schmutzstoffe hinein. Das Blut schwemmt sowieso alle Schmutzteilchen heraus, die etwa drin waren. Außerdem verklebt es die Wundränder durch das Gerinnen luftdicht und sicher. Was damit nachher zu geschehen hat, entscheidet der Doktor: das bin ich.“
So lag Reni ganz still und hörte es in ihrem Kopf sausen und hämmern, sie ließ auch zu, daß Erika ihr ein nasses Taschentuch auf die Stirn legte, und allmählich ließ das Sausen nach. Als der Wagen vollgeladen war, stand sie auf und probierte ein paar Schritte. Es ging schon wieder. Also konnte man einspannen.
Klaus wurde auf das Heu gesetzt, nachdem die beiden Mädchen ihm alle Höllenstrafen angedroht hatten, wenn er petzte. Nein, er würde nichts verraten. Zufrieden zogen sie ab, Reni und Erika neben dem Fuder gehend.
„Ist dir auch wirklich besser?“ fragte Erika, kurz bevor sie in den kleinen Pfad zum Heim hinauf einbogen. Reni nickte. Natürlich brummte der Kopf noch etwas.
Reni achtete darauf, sich ja nicht von allen Seiten zu zeigen. Die Mutter merkte nichts. Seit Reni mit Erika zusammen in einem Zimmer wohnte, halfen sich die beiden Mädchen gegenseitig beim Kämmen. Es war sehr unangenehm, den dicken Schorf in den Haaren zu haben. Nach ein paar Tagen mußte Reni feststellen, daß die Stelle zu eitern anfing. Sie mochte Mutter nichts sagen und ging zu Vater.
„So was!“ sagte er nur. „Seit wann hast du denn das?“
„Seit ein paar Tagen.“
„Beim Reiten passiert?“
Reni nickte.
„Ist Mutter dabeigewesen?“
Sie schüttelte den Kopf. So, nun wußte er es. Sie hatte wenigstens nicht gelogen.
Der Doktor sah sie an und dachte sich seinen Teil. Er dachte genau das Richtige. Aber er mochte nicht ins Predigen kommen.
Daß Reni wild war, war kein Unglück. Daß sie einmal fühlen mußte, wo sie nicht hatte hören wollen – in Ordnung. Aber er hatte Sorgen mit seiner Frau. Das war es, was ihn schweigen und überlegen ließ.
Sie war jetzt so labil, so anfällig, eigentlich nie ruhig und heiter. Freilich hing das noch mit ihrem eigenen Unfall zusammen, mit ihrem Unvermögen, wieder richtig zu laufen, mit dem Verzicht auf das geliebte Reiten. Sie jammerte nie. Aber sie war auch nie richtig froh. Und sie nahm alles, was vorfiel, unnötig schwer. Er mußte ihr ersparen, soviel er ihr ersparen konnte.
„Hör, Reni“, sagte er, „die Zöpfe müssen runter. So kriegen wir den Dreck nie raus. Bist du untröstlich?“ Er klapste ihr auf die Backe und lachte, als er ihr Gesicht aufstrahlen sah.
„Darf Erika auch ...?“ fragte sie atemlos. Das fand er nun wieder nett.
„Vielleicht. Wenn ihre Eltern nichts dagegen haben. Ich will auch gern ein gutes Wort für sie einlegen, damit sie nicht erst vom Hengst fliegen muß, um das zu erreichen. Zufrieden? Aber Reni, jetzt hör erst mal zu, was ich dir sagen will. Wirst du es richtig verstehen?
Wir sagen Mutter nicht, daß du heimlich doch geritten bist. Sonst tu ich das nie, so etwas vertuschen – ich habe aber meine Gründe diesmal. Mutter darf jetzt nicht aufgeregt werden. Wenn ich ihr sage, du hättest eine Wunde, aus der Turnstunde meinetwegen, die der Haare wegen nicht heilt, dann regt sie das nicht auf. Mutter ist ja soweit vernünftig. Wenn sie aber hört, daß du geritten bist, obwohl es verboten war – das war es doch?“
Reni nickte beklommen.
„Und wieso? Vom Reiten allein kommt das doch nicht?“ Der Vater sah sie an. Sie schlug ihre Augen nicht nieder, obwohl ihr die Knie weich wurden.
„Ich bin gesprungen“, sagte sie leise.
Jetzt war es heraus.
Der Vater schwieg. Dann seufzte er.
„Reni, es ist natürlich gut, daß du es mir sagst. Deshalb will ich auch nicht schimpfen. Daß das nicht wieder vorkommt, wirklich nicht, Reni, brauche ich wohl nicht noch mal zu sagen. Ihr sollt gehorchen. Sonst ist es ein für allemal aus mit den Ponys. Hörst du? Ich verstehe, offen gestanden, überhaupt nicht, daß du so was machst. Erika ist bestimmt nicht gesprungen, wie ich sie kenne.“
Reni sah vor sich hin. Er blickte sie prüfend an. Jetzt sah sie verbockt aus, trotzig, vorher war sie zugänglich und sogar reuig gewesen. Er rüttelte sie ein wenig. „Was? Na, nun red schon.“
„Mutter hat ja nie Zeit für mich“, sagte Reni leise. Es klang sehr traurig.
„Mutter nimmt sich genug Zeit“, sagte Vater heftig. Daß Kinder so ungerecht sein können! „Mutter hat eben wenig Zeit. Sie kümmert sich um das Heim und um die Küche, um die einzelnen Kinder, um Christian – ja, er ist ja auch ihr Sohn – und um mich. Jeder bekommt eben nur ein Stück von Mutter ab. Auch wir. Verstehst du das?“ Er sah seine kleine Tochter eindringlich an.
„Doch. Aber ich hab gedacht ...“ Reni stockte und schwieg.
„Was hast du gedacht?“ fragte der Vater und schüttelte sie wieder ein bißchen.
„Ich hab gedacht, oder ich hatte gedacht, wir würden jetzt eine richtige Familie sein“, sagte Reni leise. Es fiel ihr schwer, das alles auszusprechen, aber mit dem Doktor hatte man immer sprechen können, wie es einem ums Herz war.
„Gott sei Dank, daß sie das auch jetzt noch tut“, dachte er, trotz allen Kummers beglückt. Vielleicht konnte man ihr eben doch helfen, wenn sie sprach.
„Eine Familie wie andere auch haben. Mit Vater und Mutter, und Geschwistern, das ist klar. Aber so sind wir nicht. Du bist immer fort – na ja, dafür bist du Arzt. Aber Mutter ist auch nie da. Einmal rechnet sie abends mit Tante Mumme ab, einmal macht sie den Speisezettel oder eine neue Tischordnung, oder sie erledigt Neuanmeldungen, oder sie besprechen ein Abschiedsfest. Und abends ...“ Sie brach ab. Vater sah sie an.
„Abends?“
„Abends schickt sie mich ins Bett. ‚Du bist müde‘ – auch wenn ich überhaupt nicht müde bin. ‚Kinder brauchen viel Schlaf‘ – ‚Geh, sag gute Nacht –‘ und immer ich. Christian braucht nicht so zeitig ins Bett!“
„Christian ist ja auch älter als du, über vier Jahre!“
„Sicher. Aber er darf noch bei euch sitzen!“
„Christian hat seine Mutter verloren“, erinnerte der Doktor leise.
„Und ich meinen Vater“, sagte Reni trotzig. „Sogar eher als Christian seine Mutter. So zeitig, daß ich gar nichts mehr von ihm weiß. Nur das Bild habe ich noch.“
„Reni“, sagte der Doktor ernst und zog sie ein wenig an sich, „hast du keinen Vater?“
Sie wich seinem Blick aus.
„Sicher, ich hab dich, aber dich hab ich im Grunde auch nie. Jetzt jedenfalls. Früher ...“ sie verstummte.
„Aha“, dachte Vater, „da liegt der Hund begraben.“
„Früher war ich dein Kind, früher gehörtest du ganz mir, wenn du da warst“, sagte Reni verbissen. Nun war sie einmal dabei, auszupacken, so sollte es auch gründlich geschehen. „Ich durfte bei dir am Kamin sitzen, und du erzähltest mir ...“
„Aber doch auch nicht jeden Tag“, sagte der Doktor.
„Nein. Aber wenn du Zeit hattest. Jetzt, wenn du mal Zeit hast, sitzt du bei Mutter, und ich muß ins Bett.“
Bums, da hatte er es. Da war es, klipp und klar und fest umrissen. Er schwieg. Das Kind hatte recht. Aber – du gütiger Gott im Himmel – das war doch ganz in Ordnung so! Das war doch richtig! So geht es nun einmal in einer normalen Familie zu!
Ob sie das begriff, wenn er es ihr sagte? Sie hatte noch nie erlebt, in einer Familie zu sein. Erst war sie im Heim gewesen, wo er tatsächlich alle seine freie Zeit für sie bereitgehalten hatte; es war ohnehin wenig genug. Aber diese Stunden waren auch für ihn das gewesen, worauf er sich freute, und was ihn beglückte. Dann hatte sie bei Mutter gelebt, die berufstätig war. Da hatte sie sich zu ihm ins Heim zurückgesehnt. Nun war sie hier. Nun hatte sie eine Familie.
„Denkst du, das ist in andern Familien anders?“ fragte er leise und sah sie an. Sie hielt die Augen gesenkt.
„Ich weiß nicht, wie es in andern Familien ist. Es interessiert mich auch nicht. Bei uns soll es so sein. Ich bin doch auch immer für dich da, Vater, wenn du mich brauchst!“
Sie sagte das leise und sehr fest. Und sie hatte recht damit. Nie bat er umsonst, wenn Reni Zeit hatte und er sie brauchte, für irgendeinen Botengang, eine Gefälligkeit, eine Hilfe. Sie ließ alles stehen und liegen und lief und sprang für ihn. Sie liebte ihn leidenschaftlich und tief, liebte ihn mehr als ihre Mutter. Das war begreiflich – aber nicht in Ordnung. Trotzdem durfte sie sich dieser Eifersucht nicht überlassen.
„Reni“, sagte er sanft, „ich will, daß du mich liebhast. Aber Liebhaben darf nichts mit Geiz zu tun haben. Du willst nur haben, nichts abgeben. Siehst du, so ist das Liebhaben nicht gut. – Ich hab dich lieb, das weißt du. Aber deine Mutter hab ich auch lieb. Auch Christian. Dadurch wird doch meine Liebe zu dir nicht kleiner.“
„Nein?“ fragte Reni zaghaft. Das hatte sie sich noch nie überlegt. Sie hob nun ein wenig die Augen und sah ihn an. Und da, unter seinem warmen und zärtlichen und ein wenig kummervollen Blick war es, als taute der harte Trotz auf, der in ihr saß. Sie warf die Arme um seinen Hals und drückte sich an ihn. „Nein? Wirklich nicht? Vater!“
„Wirklich nicht, Reni“, sagte er und hielt sie ganz fest, sprach über ihren Kopf weg, ganz leise. „Gar kein bißchen kleiner. Je lieber ich deine Mutter habe, desto näher stehst auch du mir. Du bist doch ihr Kind. Und jetzt, Reni ...“
„Jetzt?“
„Eigentlich wollte ich es dir gar nicht sagen. Aber vielleicht haben wir nicht so bald wieder eine solche Stunde, du und ich, wo wir nun einmal beim Auspacken von Geheimnissen sind. Willst du noch eins wissen? Wir werden, wenn alles gutgeht, Reni, vielleicht Anfang nächsten Jahres noch mehr zum Lieben haben, und eigentlich haben wir es jetzt schon, wenigstens ein bißchen“, sagte er. Verstand sie ihn? Wußte sie, was er meinte? Sie löste sich ein wenig von ihm, bog den Kopf zurück und sah ihn an.
„Vater?“
„Ja, Reni.“
„Oh!“ Doch, das war ein Jubelruf, so leise er klang.
„Na, Reni? Nun freust du dich? Soll es ein Brüderchen sein oder ein Schwesterchen?“
„Ein Brüderchen! Ein richtiges, Vater! Ein ganz, ganz richtiges!“
„Ja, Reni. Sind wir dann eine richtige Familie? Obwohl ich mir ausgebeten haben möchte, daß Christian dann nicht zu kurz kommt bei dir, verstanden? Christian ist auch dein richtiger Bruder, hörst du?“
„Ja, Vater. Bestimmt. Wir kabbeln uns nur manchmal ein bißchen.“
„Das dürft ihr. Das gehört dazu. Reni, du möchtest, daß wir eine richtige Familie werden. Ich möchte das auch, Kind, so sehr, es ist mein sehnlichster Wunsch. Aber denkst du, mit Wünschen allein ist das zu machen? Man muß das auch wollen, richtig fest wollen, jeden Tag wieder, damit es wahr wird. Verstehst du, was ich meine? Nicht vom Leben fordern und, wenn es einem nicht zufliegt, maulen, sondern selbst schaffen!“
Sie verstand es. Dieser Vater hatte ein Art, einem so etwas beizubringen, die gewiß nicht jeder Vater hatte. Er war ein wunderbarer Vater, ganz, ganz schrecklich lieb. Reni fühlte es so deutlich und dankbar in diesem Augenblick, daß ihr Herz überfloß.
„Ich will, Vater. Ich will wirklich! Ich verspreche dir ...“
„Versprich lieber nicht zuviel. Es ist besser, man hält, was man versprochen, als daß man zuviel verspricht. Aber du hast schon den richtigen Willen, da wird es auch werden, Reni.“ Er gab ihr einen Kuß. Das tat er nur selten. „Wir sagen es aber noch niemandem, das – nicht wahr?“
„Auch Erika nicht?“ fragte Reni atemlos.
„Doch. Erika kannst du es sagen, wenn du gerne möchtest. Aber sonst halt schön den Schnabel! Um so schöner ist es doch.“ Er stand auf, froh und erleichtert. „Und jetzt wollen wir die Zöpfe abschneiden, ja? Müssen wir da zu einem Friseur, oder machen wir es selbst?“
„Wir machen es selbst. Der Friseur kann es ja später nachschneiden“, sagte Reni eifrig. Vater könnte es sich womöglich wieder überlegen, wenn sie ihm Zeit ließ! „Komm, ich hole eine Schere.“
Wenn man Mutter hatte Aufregungen ersparen wollen – diesmal war es mißglückt. Reni sah so verheerend aus, als sie sich beim Abendbrot der Familie präsentierte, daß alle in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Weder Vater noch Reni hatten sich überlegt, daß ja zu jedem Handwerk eine gewisse Erfahrung gehört. Reni hatte bisher einen Scheitel getragen, in der Mitte, genau über der Nase. Der fiel jetzt noch immer, weil die Haare eben an diese Lage gewöhnt waren. Um das zu verdecken, hatten die beiden Helden schließlich vorn Fransen geschnitten. „Das müßte ganz leicht gehen“, hatte der Doktor gesagt. Es ging aber doch nicht leicht. Seinen Vorschlag, einen Topf auf Renis Kopf zu stülpen und alles, was darunter hervorguckte, abzuschneiden, hatte Reni ihm ausgeredet. Nein, wie sah sie aus!
„Wie eine Spelunkenlulu“, stellte Christian trocken fest, und Erika erstickte fast vor Lachen, während Tante Mumme weinte. Ihr hatten Renis Zöpfe immer so sehr am Herzen gelegen, sie hatte sie von klein auf gehegt und gepflegt, gewaschen und gekämmt, sie war wirklich traurig über den Verlust.
„Jetzt bist du gar nicht mehr meine kleine Reni“, sagte sie betrübt.
„Doch, Tante Mumme, doch“, beteuerte Reni, und es zuckte um ihren Mund. Sie, die sich beklagt hatte, sie bekäme nicht genug Liebe – wie viele Menschen hatte sie um sich, die sie wirklich ins Herz geschlossen hatten! Sie schämte sich sehr.
„Nein, so kannst du morgen nicht in die Schule gehen“, sagte Mutter schließlich. Sie trug das Ganze eigentlich am gelassensten. Nicht, weil es ihr nicht naheging, sondern weil Vater ihr vorher einiges gesteckt hatte. Und für Mutter war das Innere wichtiger als das Äußere.
„Ich gehe vormittags mit dir zum Friseur. Zeit hab ich ja eigentlich nicht dazu –“ sie sah Reni ein wenig hilflos an. Reni gab sich einen Stoß.
„Mutter, dafür helfe ich dir heute bei der Tischordnung. Darf ich? Du sagtest doch vorhin, du müßtest noch eine machen. Ich kann das, wirklich! Früher hab’ ich das auch oft getan. Nicht wahr, Erika, wir nehmen das Mutter ab? Und darf Erika nun also auch die Zöpfe abschneiden?“
„Da rufe ich eben heute abend Niethammers an“, sagte Vater gut gelaunt. „Wenn Erika möchte? Jaja, zerquetscht mich nur nicht. So ist es, erst gehorcht man nicht, und dann wird man noch dafür belohnt!“
Damit hatte er ja nun eigentlich Reni verraten, aber Mutter fragte vorsichtshalber lieber nicht nach! Sie lachte nur, und Vater lachte mit, und die Mädchen erst recht. Christian schmunzelte, nur Tante Mumme konnte noch nicht wieder lachen.
„Habt ihr wenigstens die Haare aufgehoben?“ fragte sie wehmütig. Reni lief und brachte sie ihr. Tante Mumme strich über die schimmernden Strähnen.
„Ein Jammer, ein ewiger Jammer!“ sagte sie und trug sie in ihre Stube, um sie, in weißes Seidenpapier eingeschlagen, dort aufzubewahren, wo Renis erster Schuh, ihr erster Zahn und ihre erste zerbrochene Puppe ein heimliches Stilleben bildeten.
III.
In der nächsten Woche wurde Mutter krank, oder richtiger: es ging ihr so schlecht, daß Vater anordnete, sie müsse für einige Zeit liegen, komme, was wolle. Zum Ängstigen war gottlob kein Grund. Mutter litt unter der Hitze und vertrug das Essen nicht. Tante Mumme ging es auch nicht rosig. Es war aber auch so heiß wie am Äquator!
Zum Glück sagte Vater zu Reni nicht: „Nun zeig mal, daß deine Vorsätze kein leeres Gerede waren!“ Insofern war Vater wirklich einmalig, der beste von der Welt. Er wußte genau, daß es gar nichts nützte, wenn immer mit lauter weisen Ratschlägen hineingeredet wird. Man muß von sich aus beginnen. Reni tat es mit Feuereifer.
Glücklicherweise hatten sie immer noch Ferien. An der Schule wurde umgebaut, was eigentlich in den großen Ferien hätte passieren sollen. Zum großen Glück aber war das nicht der Fall gewesen. Nun fuhren die Kinder nur kurz in die Schule und holten sich Hausarbeiten. Wenn man, wie sie und Erika, zusammen wohnte, brauchte sogar immer nur eine zu kommen. Sie wechselten ab. Und sie wechselten auch mit dem Ausrechnen und ähnlichen Dingen ab, jeden Tag machte nur eine richtig Schularbeiten, während die andere nachher von ihr abschrieb. Bis der Vater eines Tages dahinterkam.
Na ja, die Schule war bei ihnen, da sie gute Noten bekamen und nie Schwierigkeiten hatten, ein bißchen Nebensache, etwas, was man mitnahm und so schnell wie möglich erledigte, um zum „Wichtigen“ zu kommen. Reni schüttelte also auch diese Sache ab wie die Ente das Wasser, obwohl sie Vater recht gab: Vom Abschreiben lernte man nichts. Von jetzt an machten sie also wieder richtig Schularbeiten, alle beide.
Vor allem aber halfen sie im Heim. Sie hatten sich vorgenommen, Mutter alle, aber auch alle Sorgen abzunehmen. Sie mußten eben frühzeitig aufstehen und Mutters Anweisungen entgegennehmen, damit sie dann schon Bescheid wußten. Mutter konnte sowieso morgens nicht schlafen, sagte sie.
Das ging tatsächlich wunderschön. Reni stellte sich den Wecker und warf dann Erika aus dem Bett, und gemeinsam liefen sie in den Duschraum, um munter zu werden. Dann kochten sie für Mutter Tee und machten ihr ein paar Brote zurecht. Mit dem Tablett bewaffnet, das vorsichtshalber Erika tragen mußte, erschienen sie also in grauer Morgenfrühe bei Mutter und saßen an ihrem Bett, während sie frühstückte. Dabei gab sie ihnen ihre Anweisungen. Reni hatte einen Block bei sich und schrieb alles auf. Mit diesem Zettel rannte sie dann zu Tante Mumme, und von ihr bekamen sie die weiteren Aufträge.
Es war hier im Heim nicht so wie in einem Haushalt, wo man für Mutter Kartoffeln schälen oder den Abwasch machen mußte. Dafür waren die Küchenmädchen da. Es gab aber hier hundert andere Dinge zu besorgen. Reni war ja im Heim aufgewachsen und wußte vieles, was sogar Mutter nicht beherrschte. Sie half also wirklich mit diesem Bereitschaftsdienst.
Manchmal war es geradezu spannend, dieses Leben. Mitunter aber hatten es die Mädel auch herzlich satt. Beispielsweise, wenn sie stundenlang auf die Kleinen aufpassen mußten, die im Sandkasten buddelten. Dabei kamen natürlich die Ponys zu kurz. Reni verschluckte manchen Seufzer. Das Reiten mußte eben verschoben werden.
Lieber spielte Reni mit den größeren Kindern, mit denen, die ungefähr in ihrem Alter waren. Besonders ein Spiel liebte sie sehr. Sie hatte es im vergangenen Jahr mit einem etwas wilden Mädel, der Liselotte, zusammen erfunden, die ihr noch manchmal schrieb. Es heißt „Kobold“ und wird am besten im Dunkeln gespielt. Jetzt, wo die Tage nicht mehr so lang waren wie im Juni, ging es wundervoll. Weil es tagsüber so schrecklich heiß war und alle nur so umherkrochen wie die Fliegen in der Buttermilch, erlaubte Mutter es mitunter, daß sie nach dem Abendbrot noch mal hinausdurften. Das war dann mit das Schönste vom ganzen Tag.
„Aber seid nicht so wild“, mahnte Mutter dann immer. Reni versprach es und sauste los, um ihre Getreuen um sich zu versammeln. Sie spielten das Spiel oberhalb der Liegewiese, wo inmitten von Gesträuch ein alter Schuppen stand, in dem allerlei aufbewahrt wurde, was im Haus störte. Einen Teil des Schuppens hatten sie dieses Jahr freigemacht, um das Heu für die Ponys unterzubringen. Ein freistehendes Gebäude gehörte zu dem Spiel, um das man ganz herumlaufen konnte und das eine offene Tür hatte. Der Schuppen war einfach ideal dafür geeignet.
Die Spielregeln waren ganz einfach. Einer war Kobold. Er mußte sich im Dunkeln verstecken, irgendwo in der Nähe des Schuppens. Die andern warteten in der Tür und zählten dreimal bis tausend, erst eins bis zehn, dann zehn bis hundert, dann hundert bis tausend. „Tausend!“ schrien sie jedesmal laut, damit der Kobold wußte, wie weit sie waren, und sich danach richten konnte. Beim drittenmal schrien sie noch hinterher: „Wir kooommen!“
Nun teilte sich der Schwarm der Spielenden. Eine Hälfte schlich rechts um den Schuppen, eine links. Man mußte ganz behutsam gehen, und die Kleineren nahm man am besten an die Hand. Der Kobold hielt sich so lange wie möglich verborgen, um einen der Suchenden zu packen, wenn er ihm nahe genug kam. Sah ihn aber vorher einer von den beiden Suchkolonnen, so schrie er so laut er konnte: „Kobold!“ Alles lief dann, rechts oder links, um den Schuppen herum, zurück zur rettenden Tür. Wen der Kobold auf der Flucht noch ergriff, der war das nächste Mal Kobold.
Manche Kobolde kletterten auf das nicht sehr hohe Dach des Schuppens. Wenn man barfuß war, konnte man geräuschlos darüberschleichen und dort herunterspringen, wo man den andern am besten den Weg abschnitt. Reni war natürlich unbestrittener Meister im Koboldspielen, da sie es am längsten kannte und viele Schliche wußte.
An einem Abend nun hatten sie Mutter wieder einmal breitgeschlagen, daß sie Kobold spielen durften, zumal Christian versprochen hatte, mitzumachen. Es war schon dämmerig. Vater mahnte: „Aber beim dritten gebrochenen Nasenbein hört ihr auf, verstanden?“
Es wurde sehr lustig. Erst war Christian Kobold. Reni liebte es nicht sehr, wenn er sich dazu meldete. Etwas von oben herab tat er das immer, fand sie. Und er konnte so unverschämt gut rennen, daß er jeden kriegte, auf den er es abgesehen hatte. Da war es wirklich keine Heldentat, freiwillig den Kobold zu spielen.
Außer langen Beinen hatte Christian auch noch gute Augen. Unglaublich scharf sah er selbst in der Nacht. Sie ärgerte sich im geheimen sehr darüber. Mich aber soll er trotzdem nicht bekommen, nahm sie sich wieder einmal vor. Mich nicht!
Er erwischte dann einen kleineren Jungen, der auch gutwillig das nächste Mal Kobold spielte. Wenig später meldete Reni an, Kobold sein zu wollen. Sie hatte sich vorgenommen, Christian zu fangen, und wollte ihn dann so recht aus Herzenslust auslachen.
Ihr Plan lag schon bereit. Der Schuppen stand auf dem sachte ansteigenden Hang, so daß das Dach hinten niedriger war als vorne. Man konnte, wenn man einen Halt mit den Füßen fand und sich hochstemmte, ganz schnell hinaufklettern. An einer Stelle waren ein paar Schindeln kaputt. Dort konnte man sich zwischen ihnen und den Sparren hindurch ins Innere des Schuppens zwängen.
Die andern zählten noch zwischen zehn und hundert, als Reni schon, flink wie eine Katze, über das Dach lief. Mit den Heimkindern, die zur Zeit da waren, hatte sie noch nie Kobold gespielt. Sie kannten also den Trick noch nicht. Reni schubste die Dachpappe beiseite und zwängte sich durch den Spalt. Wenn man sich fallen ließ, landete man im Heu, konnte dann die Stiege hinunterklettern und von dort aus den Eingang besetzen. Es war für die Suchenden immer überraschend, wenn sie von hinten erwischt wurden, während sie den Kobold draußen im Umkreis des Schuppens suchten.
Reni hatte sich hineingequetscht und horchte nach den andern, aber die waren draußen beschäftigt. Sie ließ los und fiel hinunter. Das war immer spannend, weil man nicht sah, wohin man fiel. Aber im Heu landete man ja auf alle Fälle.
Reni wackelte und fiel seitlich ins Heu. Dabei griff sie in etwas Hartes, Starres, was nicht hierher gehörte. Sie schürfte sich die Haut am Unterarm auf und hätte beinah geschrien, weil sie nicht darauf vorbereitet war. Es war ein Rad – was sollte ein Rad hier im Heuschuppen? Sicher war es Christians. Sie hatte es neulich benutzen wollen und nicht gefunden, worüber sie sich sehr geärgert hatte. Christians Rad hatte Gangschaltung und sogar einen Tachometer, alles Dinge, die er selbst bezahlt hatte. Er verlieh dieses Eigentum nur ungern, was man ja verstehen konnte. Bei ihr aber, fand Reni, könnte er ruhig eine Ausnahme machen.
Hier also hatte er es versteckt. Na warte! Sie mußte einen Plan ersinnen, bei dem sie diese Entdeckung ausschlachten konnte; jetzt aber hatte sie dazu keine Zeit. Wie ein Affe turnte sie die Heubodentreppe hinunter und sprang, leise wie eine Katze, in die Tür. Noch war keiner der Suchenden zurück!
Sie drückte sich hinter den einen Pfosten und wartete, atemlos und mit klopfendem Herzen. Einer nach dem andern der Suchenden kam jetzt heran, von rechts, von links, manche schlichen, manche rannten. Reni ließ sie sich sammeln und lauerte Christian auf. Endlich! Mit einem Sprung war sie draußen und packte ihn. Gleich darauf hörte sie sein schadenfrohes Lachen von der anderen Seite her, ganz untrüglich seins, während sie doch sicher war, ihn hier an der Joppe festzuhalten. Wie ging das zu?
Ganz einfach. Christian hatte als einziger eine Jacke angehabt, sie aber vorhin einem andern Jungen gegeben, der in der Nachtluft ein wenig gefröstelt hatte. Das konnte Reni natürlich nicht ahnen. Sie hatte sich auf den einzigen im Kreis gestürzt, der nicht im hellen Turnhemd war. Pech!
„Haha! Jetzt dachtest du ...“
Reni ärgerte sich.
„Überhaupt müssen wir aufhören. Mutter hat gesagt, wir dürfen nur eine halbe Stunde spielen“, sagte sie verdrossen. Die andern protestierten.
„So genau kommt das doch nicht drauf an!“
„Doch! Schluß, ins Bett“, kommandierte Reni und wandte sich der Liegewiese zu. „Ich hab sowieso keine Lust mehr.“
„Deshalb brauchst du aber doch uns den Spaß nicht zu verderben“, brummten die andern. Nur Erika sprang zu ihr heran, hakte sich bei ihr ein und sagte eifrig: „Reni hat recht. Paß auf, wie Mutter sich freut, wenn wir pünktlich sind.“
Das tat Mutter wirklich. „Sind die andern alle zusammen? Sagt ihnen noch gute Nacht, ja? Ich möchte nicht noch einmal hinübergehen. Und wenn ihr wollt, dann ... oder seid ihr sehr müde?“
„Nein. Was?“
„Heute nacht fallen so viel Sternschnuppen. Jedes Jahr, ja. Man nennt sie die Tränen des heiligen Laurentius. Wollt ihr noch ein bißchen hinausgehen und sie ansehen?“
„Oh!“ jauchzten Reni und Erika unterdrückt. Die Mutter lachte.
„Das dachte ich mir. Nun lauft. Aber nehmt Christian mit, hört ihr?“
„Das ist schade, daß Mutter das noch einfiel“, sagte Reni, nachdem sie die Tür hinter sich zugezogen hatten. „Wollen wir wirklich? Oder wollen wir es vergessen?“ Sie guckte Erika verschmitzt an. Die hob die Schultern.
„Ich weiß nicht.“
„Du hast bloß Angst, allein zu gehen. Komm, erst in den Schlafsaal, fix. Und dann – ach, soll er doch mitkommen!“ Sie rannten über den dunklen Hof und kamen nach fünf Minuten zurück, blieben unter Christians Fenster stehen.
„Hallo! Christian? Na endlich, alte Schlafmütze.“
Gedämpft riefen sie ihm ihren Plan hinauf. Gleich darauf ging in seinem Zimmer das Licht aus, und er kam die Treppe heruntergesprungen. Zu dritt gingen sie los.
Es war mittlerweile ganz dunkel geworden. Man sah deutlich die Sterne. Über die Wiese lief ein ganz sachter Wind, vielleicht der erste seit Tagen, der sich regte. Er war gesättigt von der Wärme und dem bittren Tannennadelduft des Waldes. Reni sog ihn ein. Einen winzigen Augenblick lang wußte sie, daß sie glücklich war, hier in ihrer Heimat, umgeben von Menschen, die sie kannte und in deren Mitte sie gehörte. Es war wie ein Hauch, dieses Wissen, wie ein Husch. Vielleicht wurde es ihr nur dadurch bewußt, weil sie ausnahmsweise einmal schwiegen, alle drei. Keiner wollte anfangen, zu sprechen; Christian nicht, wahrscheinlich, weil sie vorhin so unausstehlich zu ihm gewesen war, und sie auch nicht. Später dachte sie mitunter an diesen Augenblick, in dem sie das Wort „Daheim“ so ganz und voll erfaßt hatte. Immer, wenn sie an ihre Kindheit zurückdachte, war es diese Nachtstunde, die ihr gegenwärtig wurde. Diese Sommernacht mit den Sternen über dem Schuppendach und dem süßen Duft des Heus und dem bittren der Tannen.
„Kommt, wir legen uns hier an den Hang. Ich hole euch etwas Heu, da habt ihr es schön weich“, sagte Christian leise. Er sprach so freundlich, als wäre nie etwas zwischen ihnen gewesen. Reni war auf einmal sehr froh.
„Danke, Christian. Aber auch für dich.“
Es fielen wirklich eine ganze Menge Sternschnuppen. Trotzdem verpaßte Reni immer wieder, sich etwas zu wünschen. Die andern lachten sie schon aus, wenn sie wieder einer nachrief: „Da! Da! Habt ihr gesehen?“ und sich dann vor die Stirn schlug: „Wieder nichts gewünscht!“
„Was würdest du dir denn wünschen, wenn es mal klappte?“ fragte Christian schließlich. Reni überlegte.
„Ich denke, man darf es nicht sagen?“ fragte sie dann.
„Hinterher nicht. Man darf nicht erzählen: das und das hab ich mir gewünscht“, erklärte Erika. Reni nickte. Trotzdem konnte sie sich nicht entschließen, zu verraten, was sie sich wünschte.
„Na, dann wird es ja eine rechte Dummheit sein!“ sagte Christian hinterhältig. Er dachte, jetzt würde sie sich verraten. Reni aber ließ sich nicht fangen.
„Und du? Was würdest du dir wünschen?“ fragte sie lachend.
„Ich hab’ mir voriges Jahr was gewünscht, als ich hier allein lag und die Sternschnuppen zählte“, sagte er ruhig.
„Und?“ fragte Reni gespannt.
„Was denn: und?“
„Ist es eingetroffen?“
„Ja.“
„Toll! Und was war es? Oder darf man es auch dann nicht erzählen, wenn es eingetroffen ist?“
„Doch. – Ich hab mir gewünscht, daß – aber nun wirst du eingebildet werden, Reni. Ich kannte dich ja damals noch nicht und ...“
„Mach es nicht so spannend“, schaltete sich hier Erika ein. Da sagte Christian lachend und ganz schnell:
„Nun also, ich habe mir gewünscht, dich kennenzulernen, Reni. Vater erzählte so viel von dir, daß ich schon ganz neugierig auf dich war. Und deine Briefe kannte ich ja auch. Siehst du, und nun ist es so gekommen.“
„Hm“, sagte Reni. Weiter nichts. Aber von nun an paßte sie noch genauer auf, tastete den ganzen, dunklen Samt des Himmels mit den Augen ab, um eine goldene Schnuppe zu erwischen. Auch Christian schwieg. Sie lagen lange da und sahen hinauf in den Himmel. Und das war eigentlich, wenn sie ehrlich sein wollten, der schönste Teil dieser Nacht, das stille, schweigende Hinaufschauen in die Sterne. Wäre es nicht vielleicht viel klüger gewesen, sich nichts mehr zu wünschen?
Auf einmal faßte Erika nach Renis Hand.
„Du, hörst du nicht?“
„Was denn?“ Auch Reni flüsterte. Sie horchten gespannt. Wirklich, Schritte, vorsichtige, tastende Schritte. Jetzt hörte man auch den Atem eines Menschen. Es klang eigentlich, als wären es zwei.
Und es waren auch zwei. Zwei Gestalten lösten sich aus dem Schatten der Turnhalle und kamen auf die drei Liegenden zu.
„Hallo?“ fragte Christian, als sie nahe heran waren, und setzte sich auf. Wie gut, daß Christian mit war! Die Ankommenden blieben stehen, sehr erschrocken.
„Oh!“ sagten sie wie aus einem Munde. Es klang mehr wie „Ouh“, so, wie ein Engländer rufen würde. Merkwürdig, daß man aus diesem einen Laut, der nicht einmal ein Wort war, heraushörte, daß dies keine Deutschen waren. Christian ging es nämlich genauso, er war aufgestanden und fragte:
„Who are you?“ Das würden sie schon verstehen, die beiden. Und richtig! Hörbar erleichtert und dankbar kam die Antwort: „Good friends!“ Na also! Die drei Heimkinder lachten. Christian ging den beiden andern ein paar Schritte entgegen.
„Where are you coming along?“ Das war sicher nicht unbillig, zu fragen, wenn jemand zur Nachtzeit über eine Wiese ging, die ihm nicht gehörte.
„We come from Sverige.“
„Von Sweden“, sagte die zweite Stimme. Es klang akzentuiert und deutlich. In diesem Augenblick packte Reni Erikas Hand. „Ich weiß“, flüsterte sie, „im Schuppen lag ein Rad ...“
Es stellte sich heraus, daß sie richtig gedacht hatte. Es waren zwei schwedische Studenten, diese beiden jungen Männer, die durch Deutschland radelten. Christian verständigte sich ziemlich rasch mit ihnen. Sie hatten nicht viel Geld und deshalb eine kostenlose Unterkunft gesucht: den Schuppen. Dort waren ihre Räder, und dort hatten sie schon die letzte Nacht geschlafen. Christian lachte.
„Ihr seid mir die richtigen Strolche“, sagte er, nachdem er sich überzeugt hatte, daß ihr Deutsch bestimmt nicht so weit reichte, das zu verstehen. „Na, da werdet ihr wohl auch hungrig sein. – Are you hungry?“ fragte er, wieder zu den beiden gewandt.
„Ouh, yes“, antwortete es zweistimmig. Alle fünf lachten herzlich und in Einigkeit. Christian sah die Mädchen an.
„Was meint ihr, wollen wir?“
Die nickten. „Klar!“
„We bring you!“ versprach Reni jetzt eifrig, und Erika machte die Gebärde des Futterns. Dann rannten alle drei, Christian und die beiden Mädchen den Hang hinunter. Dabei beratschlagten sie.
„Es sind Studenten, nette Kerls“, erzählte Christian im Laufen, „sie waren schon bis zum Bodensee. Jetzt sind sie auf dem Heimweg. Da kann einem freilich das Geld ausgehen! Was meint ihr, sagen wir es drunten?“
„Den Eltern? Ich weiß nicht. Mutter denkt womöglich ... Dann dürften wir nie wieder abends hinaus!“ gab Reni zu bedenken. Christian lachte. „Aber Vater kann es ruhig erfahren!“
„Gut, Vater, ja!“
Vaters Fenster indes war dunkel. Vielleicht saß er bei Mutter oder war im andern Haus. Sie liefen zur Garage – leer. Aha, also bei einem Patienten.
„Na, dann nicht. Schließlich haben sie ja auch schon eine Nacht hier geschlafen, ohne daß wir es wußten. Aber zu essen bringen wir ihnen was, das haben wir versprochen.“
„Wie willst du das denn machen?“ fragte Erika gespannt. Christian fuhr ihr über das Gesicht.
„Glaubst du, ich komm nicht in die Verwaltung? Ich bin ja schon ein ganzes Jahr hier im Heim“, sagte er. Reni puffte ihn in die Seite. „Da hört man ja nette Sachen!“.
„Na, weißt du, Reni, wenn ich das nicht wüßte! So dumm bin ich ja auch nicht. Ein Kellerfenster steht immer offen; wenn man da hineinrutscht“, er hockte schon am Boden, „und dann durch den Heizungskeller läuft ...“ Hops, war er unten. Reni und Erika kauerten gespannt vor dem Fenster. Was mochte er erwischen? Reni war noch etwas empört. Sie hatte geglaubt, sie allein wüßte so genau Bescheid. Dieser Christian – und immer tat er so scheinheilig!
Er brachte nacheinander die merkwürdigsten Kostbarkeiten ans Kellerfenster und reichte sie hinauf: eine Schüssel Bohnensalat, drei Äpfel, ein Stück kaltes Fleisch und einen Rest Pudding. Brot hatte er keins erwischt, es lag im andern Keller, in der sogenannten Kuchenkammer. Die aber war extra verschlossen, Tante Mumme wußte schon, warum. Es mußte also auch ohne Brot gehen.
„In der allergrößten Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot“, meinte Reni denn auch, während sie mit Erika zusammen Christian aus dem Kellerfenster zerrte. „So, hopp, siehst du. Allein wäre das nicht so gut gegangen.“
„Denkste. Wo man hineinkommt, muß man auch herausfinden“, sagte er und richtete sich auf. „Na, zart im Anfassen seid ihr aber wahrhaftig nicht! Erika hat mir beinahe den Arm ausgerenkt!“
„Ach, er ist schon noch dran. Nun komm, die beiden haben Hunger!“ drängte Reni. Sie nahmen die eroberten Herrlichkeiten auf und liefen wieder der Liegewiese zu.
„Hoffentlich tun sie aber den Ponys nichts“, sagte Reni noch. Die beiden andern lachten sie aus.
„Wahrscheinlich sind sie froh, wenn die ihnen nichts tun“, meinte Christian.
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