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Lise Gast

Randi und das halbe Dutzend

Roman

Saga

Randi und das halbe Dutzend

© 1960 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711509937

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com

Randi stieß den Spaten in die Erde, als sie zum zweiten Mal die Haustürglocke hörte. Hier klingelte sonst kaum jemand, die Tür stand den ganzen Sommer über offen und den halben Winter, zu Randis ewigem Ärger, ebenfalls. Wer kam, ging ins Haus, begegnete bestimmt einem der Kinder oder ihr selbst, oder er trat in den Garten hinaus und rief, ob denn niemand da sei. Randis und Michaels Haus glich, was Besuch anbetraf, einem Taubenschlag.

Heute aber klingelte jemand. Na schön, Lust zum Umgraben hatte Randi sowieso nicht, ganz allein hier – hätte nicht eins der Kinder helfen können? Natürlich hatten sie alle etwas Besseres vor. Selbst Misch, der sonst gern im Garten arbeitete, hatte heute unbedingt für Latein büffeln müssen, als sie davon sprach. Randi schlug die erdigen Hände gegeneinander und strich sich mit dem Unterarm die Haare aus dem Gesicht. Womöglich war es Besuch, richtiger, offizieller, und sie stand hier in Niethosen und der allerältesten Bluse, die Eva abgelegt und ihr vererbt hatte.

Dabei war es so schön im Garten, gerade jetzt, daß es schade war, hineinzugehen. Eine blasse Herbstsonne ließ die beiden Birken am Zaun matt aufleuchten. Sie waren schon groß. Randi dachte flüchtig, wie schnell Birken doch wachsen. Michael und sie hatten sie gepflanzt, als die Zwillinge geboren waren – vor siebzehn Jahren also. Misch und Angeli waren die ersten ihrer Kinder, die hier im eigenen Haus zur Welt kamen. Bei der Geburt der drei älteren Töchter hatten sie noch zur Miete gewohnt. So wurde für jedes dieser Kinder ein Baum nachgepflanzt, für Eva eine Linde, drüben am Sandkasten, wo jetzt die Luftkegelbahn stand, für Munne ein Nußbaum – Munne hatte nußbraunes Haar – und für Rönt ein tausendblütiger Apfelbaum. Diese Bäume waren also genauso alt wie die Birken der Zwillinge, das war nun einmal so. Und neben der Veranda stand noch ein kleiner Baum, der dem Jüngsten, dem Nachkömmling, gehörte. Der war jetzt dreizehn. Michael hatte darauf bestanden, daß es eine Eiche sein müsse. Die nahm sich Zeit zu wachsen.

Dies alles huschte durch Randis Gedanken, während sie der Veranda zuging, sie dachte es nicht direkt, es dachte in ihr. Die Kinder – die Bäume – der ganze Garten – das Haus – alles war ein bißchen verwildert und wie unabsichtlich hingetupft in das bunte Bild des Herbstes, keineswegs ausgerechnet und systematisch geordnet, aber lebendig und heimatlich, warm und beglückend. Randi atmete tief. Sekundenlang wieder war sie unbeschreiblich und beinah angstvoll dankbar dafür, daß sie hatte behalten dürfen, was unzählige andere Frauen verloren: den Mann, die Kinder, das Haus, die Heimat ...

»Kommste endlich? Da wartet einer«, schrie in diesem Augenblick eine rauhe Jungenstimme, und Misch zog sich wieder ins Wohnzimmer zurück, aus dessen Tür er auf die Veranda herausgetreten war. Randi sah, daß er die Hände voller Ölschmiere hatte, er stieß die Tür deshalb mit dem Ellbogen auf. Nach Schularbeiten und Latein sah das nicht aus! Wahrscheinlich baute er sein Rad auseinander, aber zur Gartenarbeit mit ihr hatte er keine Zeit gehabt!

Ach ja, die Kinder! Mima durfte umgraben – »Mima, das macht schlank!«, »Mima, dann kannst du wiedermal Schlagsahne essen!«, »Mima, in deinem Alter ist körperliche Ausarbeitung sehr gesund für den Kreislauf.« Ärgerlich sprang Randi die drei Stufen der Verandatreppe hinauf und wollte Misch durchs Wohnzimmer folgen, um ihn zu erwischen und an ihre liegengebliebene Arbeit zu schikken, da wurde sie aufgehalten. Der Besuch, des nutzlosen Klingeins müde, hatte den Weg durch Diele und Arbeitszimmer bereits gefunden und trat ihr gegenüber. Randi blieb stehen.

Es war ihr nicht recht. Als Frau von Dr. Michael Peters, Rechtsanwalt und Notar, durfte man eigentlich so, wie sie aussah, keinen Besuch empfangen, jedenfalls nicht in der Kleinstadt. Aber – ach was, Arbeit adelt, frischer Dreck ziert nicht nur den Sportsmann, sondern auch den Gärtner. Und wer ungefragt eintritt, muß sich auf etwas gefaßt machen. Randi sagte sich das alles, ohne ihren Ärger ganz verschlucken zu können, überhaupt, war es eine Art, daß Misch die Tür nicht öffnete, sondern in den Garten brüllte: »Kommste endlich? Da wartet einer!?« Sie sagte etwas Ähnliches, während sie den Besuch bat, sich zu setzen. Sie wollte sich wenigstens schnell die Hände waschen.

»O bitte. Ich bin ja der Eindringling«, sagte der Besucher und setzte sich erst, als sie wiederkam und ihm die Hand gab. Er war nicht übermäßig groß, breitschultrig und hatte angegrautes, schon ein wenig dünnes Haar. Randi musterte ihn flüchtig und nicht sehr interessiert. Vermutlich ein Mandant.

Sie hatte richtig vermutet. Aber seine Angelegenheit habe Zeit, sagte er sogleich, und es sei hier so schön – sein Blick ging dabei über die Verandabrüstung hinüber zum Wald. Randi fühlte sich, wie immer, warm angerührt, wenn jemand ihren verwilderten Garten lobte.

Sie fragte noch einmal nach dem Namen. Dr. Eisentraut. Er habe eine Frage an Dr. Peters, das Urheberrecht betreffend. Randi sagte, sie wisse nicht, wann Michael heute heimkomme. Es wurde in letzter Zeit meist sehr spät, eigentlich dauerte es jeden Tag länger.

»Viel zu tun«, sagte sie und runzelte einen Augenblick die Stirn, wie immer bei dieser Auskunft, wobei ihr Gesicht, das ernsthaft erwachsen aussehen wollte, überraschend kindlich wirkte. Im nächsten Augenblick war sie schon wieder bei ihren eigenen Angelegenheiten. Juristische Fälle interessierten sie nicht – leider und Gott sei Dank.

»Entschuldigen Sie, daß der Junge sich so benahm, statt aufzumachen und ordentlich Auskunft zu geben.« Der Besucher lachte.

»Ist er Ihr einziger?« fragte er ein wenig hinterhältig. Es machte ihm Spaß, diese nicht mehr junge, zugleich jungenhafte und mütterliche Frau zum Reden zu bringen. Randi, ahnungslos, tat ihm den Gefallen.

»Nein, er ist einer von sechsen. Das heißt, von sechs Kindern – Söhne habe ich nur zwei«, sagte Randi. Er lachte noch mehr.

»Nur zwei – und vier Töchter also. Größere, kleinere? Oder gar noch Wickelkinder?«

»Leider nicht. Wickelkinder sind das Schönste, was der liebe Gott sich ausgedacht hat. Nein, größere – das heißt, drei davon sind größer als er. Die vierte ist seine Zwillingsschwester«, erklärte Randi eifrig. »Jungen in diesem Alter sind furchtbar schwierig – Mädel übrigens auch. Obgleich, ich will mich nicht beklagen. So verketzert zu werden, wie es der heutigen Jugend geschieht, das hat sie nicht verdient, wahrhaftig! Ich meine, wenn man ihr nachsagt, sie habe keine weiteren Interessen als Jazz und Petticoats – das stimmt einfach nicht! Aber vielleicht haben Sie selbst Kinder und wissen das alles?« bremste sie ab und sah zu ihm auf.

Dabei blickte sie ihn zum ersten Mal richtig an. Er hatte eine breite Stirn mit weit hinaufgezogenen, sogenannten Geheimratsecken, ein glattrasiertes, gefurchtes Gesicht und hinter der Brille braune, sehr klare, ein wenig einsame Augen. Im selben Augenblick bereute sie ihre Frage. Sicher würde er sie verneinen.

Er hatte den Blick einen Augenblick gesenkt. Jetzt hob er ihn und sah sie an, freundlich, ein wenig bedauernd, aber trotzdem so, daß es sie jeder Peinlichkeit enthob.

»Mich hat der liebe Gott zum Junggesellen geschaffen, sieht man mir das nicht an?« sagte er und lächelte entschuldigend. »Aber fahren Sie doch fort! Ich liebe junge Menschen, ich – nein, bitte, erzählen Sie doch!«

Randi schwieg und sah ihn an. Es hatte eindringlich geklungen, wie er bat: »Erzählen Sie doch!«, gar nicht konventionell und nur höflich. Überhaupt war dieser Besucher von einer Art, die ihr lag – ruhig, ein wenig belustigt und gleichzeitig herzlich. Herzlich: voller Herz.

»Wirklich? Ich fürchte, wenn ich erst anfange – aber Sie trinken vielleicht eine Tasse Kaffee mit mir? Es ist doch jetzt die Zeit, und mir wär’ es sehr recht.«

»Mit Vergnügen!« sagte Eisentraut.

Randi stand auf.

»Vielleicht erwische ich eine der Töchter.«

Sie lief ins Haus. Eisentraut hörte sie rufen. Er rückte mit seinem Korbstuhl ein wenig nach vorn, dorthin, wo die Sonne ihn erreichte. Dabei lächelte er. Es war wahrhaftig schön hier!

»Ja, von Kindern kann ich Ihnen nichts berichten. – Aber Geschwister hatte – vielmehr habe – ich genauso viel wie jedes Ihrer Kinder«, sagte er, als Randi wiederkam, ein Tablett in den Händen, das sie auf der Verandabrüstung abstellte, um den Tisch freimachen zu können. Es klang ein bißchen so, als wolle er sich rehabilitieren. »Ich meine, ich kann mir sehr wohl vorstellen, wie schön das ist, so viel Jugend um sich zu haben.«

»Schön, ja, sicher«, sagte Randi, ein wenig atemlos, »aber auch zum Totärgern. Sechs Kinder hat man, aber wenn eins mal zugreifen soll ...«

»Vielleicht sind sie anderweitig engagiert?« fragte er.

»Ja. Immer. Immer anderweitig. Und immer beleidigt, wenn ich etwas möchte. Ich sage schon ›möchte‹, von ›müssen‹ wagt man gar nicht zu reden. Bitte, hier ist Milch. Übrigens bin ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, daß Sie gekommen sind und mich aus dem Garten gerufen haben. Ich hatte den Kuchen im Backofen total vergessen. Pflaumenkuchen, wir haben einen ganz nett ertragreichen Obstgarten. Wenn Sie also keine Angst vor zu frischem, noch warmem Pflaumenkuchen haben ...«

Sie sah ihn prüfend an. Seine Augen bekamen einen geradezu sehnsüchtigen Glanz.

»Pflaumenkuchen, noch warm – meine Mutter buk ihn quadratmeterweise. Solche Bleche.« Er beschrieb mit beiden Armen ein Viereck in der Luft. Randi sprang auf. »Hoffentlich ist er so gut geworden wie der Ihrer Frau Mutter. Ja, Misch, meinetwegen. Bring dir eine Tasse mit!« Sie hatte die Tür zur Diele nicht zugemacht, Eisentraut hörte sie sprechen und lachen. Durch die offenen Türen drang ein süßer, herbstlicher Geruch herüber – und der schien nicht nur ihm in die Nase zu stechen. Schritte, Laufen, rauhe und helle Stimmen: die Kinder. Da waren sie also.

»Wie die Fliegen ums Honigbrot«, schalt Randi lachend, »wer sagt euch denn, ob wir nicht lieber unter uns bleiben wollen? Das ist Eva, meine Älteste, studiert Medizin, hat seit Ostern das Physikum. Das ist Rönt, eigentlich Rosmarie, Nummer drei – Marianne ist nicht da? Misch, du holst dir vielleicht einen Stuhl von drin, ich glaube, das ist passender, als deiner lieben Schwester einfach einen wegzuziehen.«

»Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aber natürlich, die süßen Töchter, die können nicht –«, brummte Misch ziemlich deutlich im Abschieben. Randi ärgerte sich. Hoffentlich hatte der Besuch es nicht gehört!

»Wo ist Angeli? Schwimmen? Jetzt? Ihr seid wohl nicht normal!«

Randi schob die Tassen, die Misch hereingebracht hatte, auf dem breiten Tisch zurecht. Immerhin, er hatte auch an die Schwestern gedacht. Eva setzte sich neben Eisentraut, ihr feines, ein wenig zu zartes Profil sah schön aus gegen das Braun der Verandawand. Der Besucher aber sah das natürlich nicht. Er sah – wie alle Männer, die zum ersten Mal hier waren – nur Rönt.

Randi kannte das. Trotzdem verstand sie es nicht. ›Ich bin eben eine Frau‹, dachte sie in solchen Fällen, ›keine Frau versteht, was Männer an jungen Mädchen finden. An solchen jungen Mädchen – und an anderen manchmal überhaupt nichts, obwohl die anderen auch hübsch, auch jung, auch entzückend mit beneidenswert faltenloser Haut und fröhlich wippendem Haar sind.‹

Rönt war durchaus nicht das, was man im landläufigen Sinne hübsch nennt. Ihr Gesicht jedenfalls hatte nicht den ebenmäßigen Schnitt wie das ihrer Schwestern. Es war länglich, mit weichen Wangen, in denen Grübchen kamen und gingen, je nachdem, ob sie sprach oder lachte. Und ihre Augen standen eine winzige Kleinigkeit schräg und waren graugrün; manchmal, wenn sie einen bestimmten Pullover trug, sogar ganz grün, grün wie Schilf in der Sonne. Rönt war braungebrannt, nicht dunkel, sondern sanft haselnußbraun, überall da, wo man Haut sah – und man sah eine ganze Menge bei Rönt. Sie gehörte zu der Art junger Mädchen, die tiefe Ausschnitte unbefangen und selbstverständlich tragen können, Ausschnitte, die den Müttern Bauchweh machen und den Männern Stielaugen.

»Rönt? Ich habe diesen Namen nie gehört«, sagte eben Dr. Eisentraut. Randi lachte. Auch das sagten alle Männer. Rönt erklärte, daß dies ein Kindername sei. Sie formulierte das jedesmal ein bißchen anders, jedenfalls, sooft jemand von der Familie dabei war – sie besaß eine eigenartige und treffsichere Art, sich auszudrücken, ohne sich zu wiederholen. Randi glaubte zu bemerken, daß Eva die Schwester beobachtete – ›Welche Platte hat sie nun heute aufgelegt?‹ mochte Eva jetzt denken, ›die kesse oder die bescheidene, die verruchte oder die hilflose?‹

Diese Töchter. Nein, in einer Art waren Jungen eben doch einfacher zu haben. Wie Misch jetzt in stummer Beharrlichkeit ein Stück Kuchen nach dem andern in den Mund schob, das war doch etwas herzerfrischend Beruhigendes und Normales. Gerade hörte man Schritte, und Angeli erschien, erhitzt vom Radeln bergauf, mit noch feuchtem Haar und einer erquickend uneitlen Art, sich vorzustellen.

»Ich bin die andere Ausgabe von dem da«, sagte sie und wies mit einer Kopfbewegung auf Misch, »er hört’s nicht gern, aber ich kann nichts dafür. Rück mal ein Stück, ich habe auch Hunger, und was für welchen!«

Misch knurrte, machte aber Platz. Eva stand auf und ging, neuen Kuchen zu holen – Randi hatte ihr kurz und ein wenig resigniert zugenickt: ›da back’ ich eben nochmal welchen.‹ Es war der Sonntagskuchen, und viel blieb zweifellos nicht davon übrig.

Kleine Sorgen, geliebte Sorgen! Sorgen um einen zu schnell aufgegessenen Kuchen, um zerrissene Jungenhosen oder eine Vier in Latein. Ärger darüber, daß die eine Tochter wie durch eine geschliffene Linse alle Strahlen männlicher Augen auf sich sammelte und die andere, auch nette, vielleicht wertvollere – hier verbesserte Randi sich in Gedanken sofort und ein wenig schuldbewußt –, daneben saß und nicht gesehen wurde ...

»Sie haben eine ausgesprochen hübsche Tochter, beinahe könnte man sagen, eine Schönheit«, sagte Dr. Eisentraut, als die Kinder den Kaffeetisch, nicht ohne kleine gegenseitige Rempeleien und Freundlichkeiten, geräumt hatten, »ich habe sie sehr gern und sehr lange angesehen. Wie alt ist sie?«

»Neunzehn«, sagte Randi und seufzte, »und hübsch? Ich weiß nicht. Apart, ja, aber –«

»Daß wir uns nicht mißverstehen: ich meinte die, die neben mir saß.«

Dies war der Satz, bei dem Randi aufhorchte.

Von diesem Augenblick an war sie hellwach, ernst und ganz bei dem Gespräch. Es geschah so selten bei dem vielen, vielen Besuch, der hier aus- und einging, daß jemand auf eine der Schwestern aufmerksam wurde, solange Rönt im Zimmer war. Randi strich dies sozusagen rot im Kalender an. Das Gespräch, das nun folgte, war kein alltägliches mehr, das man sofort vergißt.

Dabei sprachen sie eigentlich gar nichts Schwerwiegendes und schon gar nichts Problematisches. Trotzdem merkte man, daß dies ein Mann großer, wenn auch zurückhaltender Klugheit und unaufdringlicher Güte sein mußte. Er war wie seine Augen: klar. Es war schön, mit ihm zu sprechen. Es tat wohl. Es war ein richtiges Gespräch, eins, wie Randi es liebte, oft vermißte, immer ersehnte. Es war wie ein Bad in einem sonnigen Weiher, ganz allein mitten zwischen bitter duftenden Tannen, die dicht bei dicht um einen stehen und einen beschützen, während man sich im warmen Gold des klaren Wassers streckt.

›Merkwürdig‹, dachte sie, als sie etwas später in fliegender Eile in der Küche hantierte und nachholte, was durch dieses Gespräch an Zeit verlorengegangen war – Michael hatte, heimkommend, Dr. Eisentraut in sein Zimmer gebeten und ihr zerstreut, wenn auch freundlich zugewinkt, als sie fragte, wann es Abendbrot geben solle.

»Später – ganz egal.«

Renate, Randis junge Haushalthilfe, hatte heute frei. Sie verstand es vorzüglich, immer einen Grund zum Freihaben zu finden. Randi nahm das hin – wenn man selbst Töchter in diesem Alter hat, versteht und entschuldigt man vieles. Und Abendbrot richten war nicht so schlimm, wenn einem nur mittags das tägliche Problem »Was kochen wir heute?« und die Einkauferei erspart blieben. Heute aber würde der Besuch mitessen, sie mußte sich also anstrengen.

Michael war gar zu gleichgültig und uninteressiert am Essen; er wurde auch immer dünner. Randi sah ihn noch vor sich, wie er vorhin Dr. Eisentraut begrüßte: Schmal war er, und sein Gesicht verriet, daß er müde war. Besonders an den Schläfen sah man es, wenn man ihn kannte. Sie hatten bläuliche Schattentäler.

Ach ja. Aber was nützte alles Reden und Reden. Urlaub müßte er nehmen, langen, richtigen, monatelangen Urlaub – Randi beschloß, nachher im Schutze der Öffentlichkeit, also im Beisein des Besuchs, dieses Thema wieder einmal anzuschneiden. Michael mußte einmal heraus aus dem Alltag, und zwar allein. Allein erholte man sich am besten. Er hatte noch nie Urlaub ohne sie genommen, jetzt aber war es an der Zeit, fand sie. Dieser Dr. Eisentraut mit seiner ruhigen und klugen Güte brachte vielleicht mehr fertig als sie mit ihrem ewigen Gequäle.

Michael war nicht der Stärkste. Er war zäh, zweifellos, sonst hätte er damals die Strapazen nicht überstanden, und wer von seiner Verwundung nichts wußte, merkte nicht einmal, daß er das Bein nachzog. Er ging langsam, aber gleichsam unauffällig langsam – auf eine geschickte, jahrelang trainierte Art. Seltsam, daß Männer Verletzungen, auch Kriegsverletzungen, irgendwie als Schmach empfinden, dachte Randi. Das aber war es nicht allein.

Randi war sich nicht klar darüber, seit wann sie es wußte, vielleicht sogar nicht einmal, daß sie es bisher gewußt hatte. Heute aber stand es, vielleicht durch das Gespräch mit diesem ruhigen und klugen Mann, auf einmal klar vor ihr: das Wissen, daß Michael verändert war. Schon länger, schon lange. Es war etwas in ihm gesprungen, das früher gespannt und federnd war.

Er wußte es auch. Er mußte es wissen. Vielleicht kam daher seine Art, sich abzusondern, seine Art, sie abzuwehren, wenn sie, wie früher, spontan und laut, rücksichtslos gesund und unbefangen auf ihn zugelaufen kam. Früher winkte er anders, wenn er kam – er winkte mit den Handflächen auf sich selbst gerichtet mit beiden Händen. Sie hatte, ohne es ihm je zu sagen, diese Art zu winken entzückend gefunden und immer wieder einen Stoß junger Verliebtheit gespürt, wenn sie es sah. Jetzt hielt er, schon ein paar Jahre lang, die Hände beim Winken anders herum.

»Quatsch«, sagte Randi ganz laut vor sich hin. »Er ist abgespannt und müde, weiter nichts. Er wird auch nicht jünger. Urlaub muß er nehmen, und zwar bald, Punkt. Alles andere ist Unsinn.«

»Mit wem unterhältst du dich denn, Mima?«

Randi, die vor dem Backrohr kniete, sah auf. Winnetou stand in der Tür.

»Mit mir. Ich befinde mich also in bester Gesellschaft«, sagte sie und stemmte sich hoch. »Würden der Herr so freundlich sein und das Tablett mit hineinnehmen? Es dauert noch etwas mit dem Abendbrot. Bist du sehr hungrig?«

»Ich muß erst Hände waschen.«

Randi wettete mit sich selbst, daß er jetzt hinaus- und ins Badezimmer gehen und von dort nicht zurückkommen würde. Winnetou war wie ein Aal, er entwischte einem stets, aber immer auf die liebenswürdigste und ganz und gar unangreifbare Art. Sie hob schon die Hand, um ihn am Schlafittchen zu packen und mit einem »Hiergeblieben, mein Sohn!« an den Wasserhahn zu schieben.

Aber, o Wunder, er ging von selbst hin.

»Weißt du, Mima, was ich nicht verstehe? Wovon die Elefanten gelebt haben – damals. Dort ist doch ein ganz anderes Klima als in Afrika.«

»Wo denn?« fragte Randi und suchte nach dem geriebenen Käse.

»Na, auf dem Weg über die Alpen! Dort oben wächst doch ganz was anderes, wenn überhaupt was wächst, und so viel mitnehmen konnten sie doch auch nicht. Ein Elefant frißt am Tag zwei Zentner Heu, stell dir das mal vor, wenn man da viele Elefanten mithat!«

»Hannibal?«

»Na klar! Überleg doch mal, wie weit das war. Erst von Nordafrika nach Spanien – bei Gibraltar, denke ich – ob Elefanten eigentlich seekrank werden können? Dort sind doch immer solche Stürme.«

»Warum sollten sie denn nicht?«

»Pferde können nicht. Das weiß ich. Sie haben einen andern Verschluß in der Kehle als wir. Auch luftkrank werden sie nicht. Wenn sie zur Olympiade per Flugzeug geschickt werden, ist das schrecklich für sie. Ihnen wird womöglich schlecht und sie können nichts herausbringen. Aber wie das bei Elefanten ist, weiß ich nicht.«

»Ich auch nicht«, sagte Randi schuldbewußt. »Aber du, hör mal! In den nächsten Ferien schicken wir dich mal nicht auf Fahrt, sondern in die Stadt. Vielleicht zu Onkel Ralph. Dort ist ein großartiger Zoo. Da siehst du mal alle die Tiere in Wirklichkeit. Es ist wahrhaftig eine Schande und ein Jammer, nie hat man Zeit für sowas.«

»Kann man die Wärter da fragen? Ich meine, was Elefanten fressen und wie weit sie am Tag laufen können? Es war doch eine Riesenstrecke, die ganze Ostküste von Spanien entlang –.« Er war schon wieder bei Hannibal. »Natürlich kannst du das. Aber du kannst auch an den Zoodirektor schreiben und dich da erkundigen.«

Man müßte Zeit haben. Man müßte mit dem Kind selbst hinfahren und erleben, wie es zu diesen Ur-Riesen aufstaunt, man müßte auf seine Fragen hören und sie zu beantworten versuchen, selbst weiterfragen, wenn man es nicht weiß, dasein für den Jungen. Statt dessen steht man hier und spült in Eile die Tassen vom Nachmittag, um sie fürs Abendbrot sauber zu haben.

»Trag mir das Tablett hinein, bitte, ich komme nach«, sagte sie hastig. »Wir fragen nachher Vater. Es ist Besuch da, weißt du, übrigens ein sehr netter Besuch. Ein Herr, der das alles vielleicht weiß, was du wissen möchtest, vielleicht sogar besser als Vater oder ich.«

»Könnten wir nicht den Kamin anfeuern; Sie bleiben doch noch etwas«, sagte Randi, als die Herren aufstanden, um zum Rauchen hinüberzugehen. »Winnetou möchte noch verschiedenes wissen – ich hatte vorhin gar keine Zeit für ihn und habe ihn mit dem Wissen der Männer getröstet, Micha, wie wär’s?«

»Klar, Mima«, sagte Misch an Michaels Stelle sofort. Kaminfeuer, vor allem das erste nach einem langen und warmen Sommer, war auch für die Kinder ein Fest. Misch und Angeli schubsten ihre Stühle an den Tisch heran, daß es krachte, und rannten um die Wette dem Flur zu, nicht ohne in der Tür zusammenzustoßen.

»Irre Ziege!« schimpfte Misch, und Angelis Stimme übertönte seine, während sie, gewandter als er, die Kurve nahm und als erste durchschlüpfte. Randi sah ihnen nach, sagte dann aber doch nichts.

Sie freute sich ja auch auf den Kaminabend mit den beiden Männern. Nur noch schnell abwaschen, Käse- und Salzgebäck zurechtstellen, Tee aufgießen – sie hatte eine neue Sorte sehr schönen Tee gefunden, und –

Da ging das Telefon. Im selben Augenblick wußte Randi, daß es mit dem gemütlichen Kaminabend aus war. Und sie hatte recht, sie hörte es an Michaels Antworten. Er hatte die Tür des Herrenzimmers nicht geschlossen.

»Doch, ja, kommen Sie ruhig. Wir haben Besuch, der Sie auch interessieren wird. Ja, selbstverständlich. Bitte. – Bitte.«

Mehr brauchte sie nicht zu hören. Michael hatte aufgelegt, kam ihr entgegen und traf sie in der Diele.

»Heyerdahl, ja, ich konnte ihn nicht ausladen«, sagte er und lächelte ein wenig zaghaft. »Und da wir sowieso noch ein bißchen zusammensitzen ...«

»Jaja«, sagte Randi. Aber sie dachte: ›Nein, nein‹. Der dicke Heyerdahl, Direktor eines großen Konzerns, war natürlich wichtig für Michael, sie sah das ein. Man konnte ihn nicht abwimmeln, weil man sich auf eine nette Stunde gefreut hatte. Man konnte nicht – warum eigentlich nicht?

Erstens: aus angeborener und anerzogener Gastlichkeit. »Der Gast, und wenn er noch so stört, er wird von allen hochgeehrt.«

Es gab noch drastischere Verse, die die Kinder mit Vorliebe zitierten. Zweitens: aus Klugheit. Wohin kam man, wenn man sich einigelte und allen die Stacheln zeigte? Ein Anwalt ist auf die Menschen angewiesen. Drittens: aus Gewohnheit.

Das vor allem.

›Aus schlechter Gewohnheit‹, sagte sich Randi erbittert, während sie die Teetassen wegräumte und die Gläser holte. ›Warum muß einer, der sowieso mehr Sekt trinkt als andere, unbedingt damit, und nicht mit Tee und einem gemütlichen Kognak bewirtet werden, obwohl er gar nicht netter ist?‹

Randi mochte Heyerdahl nicht. Er hatte Geld, aber er war kein Protz, o nein. Dazu war er zu klug. Aber er hatte etwas zugleich Hochmütiges und versteckt Leutseliges; Randi haßte diese Mischung. Mitunter hatte auch ihr lieber Bruder Ralph etwas davon. Sie wußte das und schämte sich manchmal für ihn.

Sie merkte, daß Michael ihre Gedanken fühlte, obwohl sie selbstverständlich freundlich und gastlich auch gegenüber diesem Besuch war. Aber allein schon, daß sie sich nochmals hatte umziehen müssen, ging ihr gegen den Strich. Sie konnte sich sehr schlecht verstellen.

Auch die Kinder kamen nun zu kurz, das war vorauszusehen gewesen. Sie verabschiedeten sich denn auch bald, die Großen wohlerzogen und höflich-kühl, Winnetou mit einem sehnsüchtigen Blick auf Eisentraut und einem feindlichen zu Heyerdahl hinüber. Randi wollte aufstehen und ihm nachgehen, ihn vertrösten – Kinder sind wichtig. Wichtiger als Besuch, wichtiger als Höflichkeit ... da aber sprach Heyerdahl sie an.

Schön, so blieb sie eben sitzen. Sie sah den Konzerndirektor an, sein breites Gesicht und die gepflegten Hände, und antwortete ihm, überlegt und ruhig. Aber unter dieser Ruhe zitterte ein Zorn. Dieser Zorn galt nicht allein diesem Besuch, er galt allen Menschen mit Geld, die selbstverständlich und von einer manchmal entwaffnenden Harmlosigkeit der Meinung sind, daß sie immer und immer zuerst kommen.

»Ruhig. Ruhig. Er ahnt ja nichts«, sagte in diesem Augenblick eine halblaute Stimme neben ihr. »Lassen Sie ihn leben. Es lohnt nicht.«

Eisentraut! Daß er so genau wußte, wie es augenblicklich in ihr aussah! Sie blickte nicht zu ihm hinüber, aber die harte und böse Abwehr in ihr entspannte sich. Sie mußte lachen, verbarg es und sprach weiter.

»Ich schieß’ ja gar nicht«, sagte sie, als ihr Gespräch mit Heyerdahl beendet war und sie nach ihrem Glas griff.

Eisentraut hob das seine ein wenig dem ihren entgegen. »Ein Glück. Aber angelegt hatten Sie schon! Fragen Sie einen alten Waidmann. Nein, glauben Sie mir, da hätten wir viel zu tun, und es würde sozusagen ununterbrochen knallen.«

»Sieht man mir das denn so deutlich an?« fragte Randi.

»Man? Ich weiß nicht. Ich? Doch, ja. – Ich hatte mich auch auf diesen Abend gefreut.«

Dieser Satz, vor allem aber dieses »auch«, ging Randi nicht aus dem Kopf. Sie dachte noch daran, als sie im Badezimmer das heiße Wasser einließ. Michael badete gern, wenn es sehr spät geworden war ... ›auch auf diesen Abend gefreute‹.

Es war viel geredet worden. Geredet, nicht gesprochen. Schade. Aber vielleicht hatte wenigstens Michael etwas erreicht, er gehörte nicht zu den Männern, die geschäftliche Verbindungen bei Wein und Zigarre knüpfen, manchmal aber ergab sich so etwas von selbst. Dann war der Abend eben doch nicht verloren – für ihn.

»Kommst du? Es läuft jetzt richtig heiß.«

Sie sah sein Gesicht im Spiegel auftauchen. Es war anders als vorhin, hatte Farbe, die Augen Glanz. Er lächelte ihr zu, vielleicht halb mechanisch, halb aber herzlich und vertraut. Noch immer hatte er die schönsten Zähne.

Sie waren allein, endlich einmal, nachts um zwei, hier in ihrem Badezimmer, ungestört von Besuch und Kindern. Sie sah sein Gesicht im Spiegel und fühlte zwischen Kehle und Magen wieder einmal das alte, jetzt längst vertraute und trotzdem immer wieder überraschende Gefühl, das den Atem knapp und den Blick dunkel machte: geliebter Mann.

Niemals hatte man Zeit dazu, diese Worte dem anderen zu sagen. Entweder war der andere beschäftigt und abgelenkt, oder er war müde. Oder man selbst war eins von beidem. Vier Möglichkeiten – vier Unmöglichkeiten. Nein! Einmal sollte es doch möglich sein ...

»Du, Michael!«

»Ja? Eigentlich müßtest du doch sehr befriedigt sein, nachdem du immer und immer in mich hineingebohrt hast«, sagte Michael heiter und zog den Schlips vom Hals. »Nun nehme ich also Urlaub, und der wird gar nicht kurz sein. Was in Lissabon zu tun ist, kann man meiner Ansicht nach in zwei, höchstens drei Tagen erledigen. Alles andere ist Erholung. Und Heyerdahl ist nicht knausrig, das kannst du glauben! Außerdem will er selbst etwas von Spanien sehen, Barcelona auf jeden Fall, und auf Toledo werde ich bestehen, denn das ist ja ein alter Traum von mir. Tolle Sache, würde Misch sagen. Schade, daß du nicht mitkannst.«

»Ach, gar nicht schade.« Randi sagte es spontan, ehrlich und ohne die winzigste Einschränkung. »Hauptsache: du kommst raus. O Michael, ich freu mich so! Ihr fahrt mit einem Wagen? Mit Chauffeur? Einiges hab’ ich natürlich gehört, wenn auch nur einiges.«

»Ja, mit seinem Fahrer. Aber nur bis Lissabon. Dort schickt er ihn zurück, er fährt selbst gern, wenn es nicht eilt. Und er meint, wir hätten es schöner zu zweien, unter uns. Wenn ich wollte, könnten wir uns abwechseln. Natürlich fahre ich gern, vor allem so einen Wagen. Es ist ein dicker Cadillac, ja, er war schon einmal damit hier, besinnst du dich?«

»Ja, ich weiß.« Randi lachte. Sie waren beide, Kleinstadtbewohner seit zwanzig Jahren, verliebt in ihren Wagen, zumal Michael nicht jeden Tag fuhr. Er ging früh zu Fuß ins Büro, so oft es möglich war, erstens, weil er überhaupt gern lief, und dann auch, um den Kindern kein schlechtes Beispiel zu geben, die immer radeln und nie laufen wollten. So hatten sie die Lust an ihrem Volkswagen, der »der Depp« hieß, noch nicht verloren. Einen Cadillac zu fahren, bedeutete für Michael das gleiche Vergnügen wie das erste Motorrad vor dreißig Jahren.

787,16 ₽
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0+
Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
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240 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711509937
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Правообладатель:
Bookwire
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