Читать книгу: «Unter Vormundschaft»


An den Rändern zeigt sich,
wie die Mitte dreht.
Am 26. Januar 2011 wird Lina Zingg aus ihrer Leibeigenschaft befreit. Sie hat während 53 Jahren ein und derselben Herrin gedient. Als Dienstmädchen in einem Privathaushalt. Ohne freien Tag, ohne Ferien, meist ohne Lohn. Sie wurde zudem missbraucht und misshandelt. Ihr Martyrium blieb bei der Vormundschaft all die Jahre unerkannt.
Mit 18 Jahren war die Bauerntochter Lina an Erschöpfung erkrankt. Die Psychiater diagnostizierten bei ihr Schwachsinn und Schizophrenie. Später wurde sie als Dienstmädchen fremdplatziert, dann entmündigt. Ihre Dienstherrin täuschte die Behörden, machte aus dem Hausmädchen einen Pflegefall. Statt Lohn zu bezahlen, kassierte sie Betreuungsgeld.
Am Tag ihrer Befreiung wiegt Lina Zingg knapp 45 Kilogramm. Sie ist komplett abgemagert. Auf der Nase sitzt ein bösartiger Tumor. Sie ist schwerhörig, Finger- und Fussnägel sind von Pilz befallen, und der graue Star verschleiert ihren Blick.
Ihre Befreiung findet lautlos statt. Eine Art amtlich bewilligte Entführung, im Rahmen einer ordentlichen Besprechung in einem Sitzungszimmer der Zürcher Vormundschaftsbehörde. Ausgelöst durch eine Gefährdungsmeldung der Töchter der Täterin.
Lina Zingg ist bei ihrer Befreiung knapp 71 Jahre alt. Sie findet erstaunlich schnell in ein neues Leben. Und fängt zaghaft an, den Geschmack der Freiheit zu kosten.
Lina Zingg ist ein Pseudonym. Ihre Geschichte aber ist real. Rekonstruiert und nacherzählt auf der Basis sämtlicher Akten zu ihrem Fall, von Recherchematerialien aus ihrem familiären Umfeld und dem der Täterfamilie, von Gesprächen mit ihr selbst, eingebettet in die Zeitgeschichte. Sämtliche Personen und Ortsnamen sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert, die beruflichen Tätigkeiten sind ebenfalls leicht verändert. Einzig das Rheintal, Zürich, Locarno und die Psychiatrische Klinik in Wil werden als authentische Schauplätze benannt, sie verorten Linas Schicksal in ihrer soziokulturellen Umgebung.
Das Buch ist Lina Zingg gewidmet. Und allen ihren namenlosen Schwestern.
Inhalt
I Die Zeit in den grauen Wänden
II Keine Chance für Lina
III Lina, das Dienstmädchen
IV Die erstrittene Magd
V Entmündigung auf eigenes Begehren
VI Lina, die Schutzbefohlene
VII Emma gibt nicht auf
VIII Die Goldmarie – ein Millionengeschäft
IX Ein Leben hinter dem Vorhang
X Die Befreiung
XI Rückkehr in die Welt
XII Auf der Suche nach der verlorenen
Wahrheit
Anmerkungen
Quellen und Literatur
I
Die Zeit in den grauen Wänden
Der 31. März fällt im Jahr 1958 auf den Tag nach Palmsonntag. Tags zuvor hat man in der Heiligkreuzkirche in Vorderberg die Lorbeerzweige gesegnet, das übliche Ritual. Die geweihten Zweige, später daheim hinters Kruzifix gesteckt, sollen Glück bringen übers Jahr, im St. Galler Rheintal genauso wie überall in der katholischen Welt.
Doch bei Hans Zingg zeigt das Glück sich störrisch. Just an jenem Montag wird der Bauer frühmorgens auf den Polizeiposten gerufen. Er soll seine 18-jährige Tochter Lina abholen, die nachts im Bett eines minderjährigen Burschen aufgegabelt und vom Vater des forschen Jünglings auf den Polizeiposten gebracht worden sei. Hans Zingg stösst die Sache sauer auf. Mit seiner Lina stimmt etwas nicht, sinniert er, während er sich auf den Weg macht und später wortlos mit ihr heimwärts strebt. Schon länger geht das nun so, dass das einst fleissige Mädchen verstockt vor dem Kochherd flieht, und reden tut es auch nicht mehr, weder mit ihm noch mit seinen Brüdern. Zu Hause lässt er den Hausarzt holen. Dr. Sandsteins Visite dauert nur kurz, schliesslich hat er früher schon die kranke Mutter versorgt, die sich auch mit den Nerven plagte, und er schickt den Vater mit seiner Tochter umgehend in die Kantonale Heil- und Pflegeanstalt nach Wil. Ins Irrenhaus also oder ins Asyl, wie die Einheimischen ihre psychiatrische Klinik noch immer nennen. Dorthin, wo man all jene versorgt, die nicht mehr richtig im Kopf sind, die mit ihrem Leiden und sonderbaren Gebaren ihre Familie oder gar das ganze Dorf verunsichern oder ängstigen.
Ungefähr so mag der Morgen sich abgespielt haben, der dazu führt, dass Lina Zingg nachmittags um halb vier in der Psychiatrischen Klinik Wil als Notfall aufgenommen wird. Der diensthabende Arzt eröffnet routinemässig eine Krankenakte, Lina bekommt die Nummer 24.617, und auf dem Kopfblatt notiert er den detaillierten Aufnahmestatus der jungen Patientin: «18-jg., rotwangige Tochter, gesund aussehend, wird in Begleitung ihres Vaters uns zur Aufnahme gebracht. Die allseitig orientierte Patientin ist ziemlich autistisch als wäre sie abwesend, geht auf Fragen ein, kann aber nicht Bestimmtes angeben, alles nur vage, ungenau. Sie sei schon vor etwa zwei Jahren in den Nerven d’une gsi, sie habe nicht schlafen können, sei aufgeregt gewesen, sie habe aber nicht in ein Spital müssen, sondern sei von dem Hausarzt behandelt worden. Bis vor einigen Tagen habe sie regelmässig gearbeitet. Gestern sei sie von zuhause fort und mit einem Burschen gegangen. Wahnideen und Halluzinationen negiert die Patientin.»
Lina Zingg wird in den Wachsaal der Frauenabteilung A eingewiesen, eine Pflegerin kümmert sich um sie, wird später in ihrem Aufnahmerapport die Eindrücke des Arztes bestätigen, so die gesunde Farbe der jungen Frau in ihrem gutmütigen Gesicht oder dann die merkwürdige Abwesenheit in ihren träumerischen Augen, «ihr Blick scheint immer weit fort zu sein». Zusätzlich ist ihr aufgefallen, dass «die Patientin an sich unsauber und auch ihr Kleid schmutzig» gewesen sei, dass sie einen schwachen Händedruck habe und sehr langsam reagiere, aber «örtlich und zeitlich gut orientiert» sei. Später wird die Patientin nach ihrem Leben befragt, und es fügen sich erste Eckdaten zu einer Anamnese.
Sie sei in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, der Vater habe etwas Landwirtschaft (vier Kühe) gehabt und auch noch als Hilfsarbeiter gearbeitet. Die Mutter sei krank gewesen, habe es immer «in den Nerven» gehabt und sei ungefähr 1947, so viel sie wisse, an einer Blinddarmentzündung gestorben. Eine Schwester der Mutter habe dann einige Jahre den Haushalt geführt und für die drei kleineren Brüder gesorgt. Als sie ungefähr in der sechsten Klasse gewesen sei, sei die Tante weg und sie habe alles machen müssen. […] Direkt nach der Schule habe sie zuerst in einer Spinnerei gearbeitet und sei dann in die Weberei gegangen.
Lina Zingg erzählt offenbar bereitwillig aus ihrem jungen Leben, man kann verstehen, warum sie sich, wie im Aufnahmerapport vermerkt, gar ein bisschen zu freuen scheint über ihren Eintritt in die Klinik. Über anderes jedoch schweigt die junge Frau sich aus, darüber, dass ihre eine Schwester mit vier Jahren an Diphtherie gestorben ist und die andere kurz nach der Geburt. Oder dass ihr Vater ein roher Mann ist, jähzornig und mit einer im Zuschlagen lockeren Hand. Und auch für den Schmerz, der seit dem Tod ihrer Mutter in ihrem Herzen nistet, findet sie vor den fremden Männern in den weissen Kitteln keine Worte.
Beim katholischen Pfarrer von Vorderberg holen die Ärzte telefonisch ergänzende Informationen zu Linas Angaben für die Anamnese ein. Dieser kennt die Zinggs seit vielen Jahren, stützt sich in seiner Referenz zusätzlich auf den Vater, der «allerdings auch recht unintelligent» sei, und lenkt den Blick auf die erblichen Vorbelastungen:
Die Mutter sei ungefähr 1936 geistig krank geworden, habe durcheinander geredet. Drei Jahre nach Beginn der Erkrankung habe sie geheiratet […] man habe ihr immer angemerkt, dass sie nicht recht im Kopf sei, aber sie sei nie in einer Anstalt behandelt worden [… ] Bei Lina sei die Störung erst vor ungefähr einem Jahr aufgetreten, wo sie auch ihm selber aufgefallen sei. Sie habe durcheinander geredet und sei – ebenfalls nach Angaben des Vaters – nachts im Hause herumgelaufen, habe gesungen und gebetet und vor allem habe sie den Haushalt, den sie für den Vater und die drei kleineren Brüder neben der Fabrikarbeit noch zu versorgen hatte, nicht mehr in Ordnung gehalten. Sie habe sich einfach ins Bett gelegt und nichts mehr getan […] Er sei der Ansicht, dass es sich bei dem Mädchen neben einem leichten Schwachsinn um ähnliche geistige Störungen handle, wie sie die Mutter gehabt habe.
Der Pfarrer profiliert sich also als versierter Diagnostiker, während Lina den Ärzten eher ratlos von ihrem seltsamen Leiden erzählt:
Schon kurz nach Abschluss der Schulzeit habe es angefangen, dass sie zeitweise durcheinander gewesen sei und nicht gewusst habe, was sie redete. Manchmal sei sie auch nachts unruhig und ängstlich gewesen und habe nicht im Bett liegen können, sodass sie im Haus herumgelaufen sei. Der Vater sei immer sehr streng mit ihr gewesen und habe sie nie alleine ausgehen lassen. In der letzten Zeit sei sie sehr müde gewesen, weil sie schlecht habe schlafen können und es sei immer wieder über sie gekommen, dass sie nicht mehr richtig habe denken können.
Ihre zeitweiligen Absenzen hätten zum Teil böse Folgen gehabt, gesteht sie später der Pflegerin beim ersten Bad in der Klinik, sie habe zum Beispiel beim Bügeln sehr viel Wäsche verbrannt, habe dabei an etwas herumstudiert, und dann sei das Eisen zu heiss geworden. Spricht man Lina Zingg, die heute als über 70-Jährige in einem Wohnheim ihr neues Leben erprobt und dies zunehmend geniesst, auf ihre Leidenszeit von damals an, erinnert sie – neben anderem, das dunkel verborgen bleibt – erstaunliche Details. Etwa zu ihrer radikalen Appetitlosigkeit, als sie nicht mehr essen und trinken mochte, einfach nichts sei mehr hinuntergerutscht, sie sei jeweils nach Feierabend von der Weberei mit dem Velo heimgefahren und habe sich nur noch ins Bett gelegt. Und keiner habe nach ihr gefragt. Ihr ältester Bruder Werner jedoch, damals ein 15-jähriger Schulbub, weiss heute kaum mehr Einzelheiten von Linas Leiden. Zwar war er seiner Schwester aufgrund seines ähnlichen Alters und im Alltag nah, half ihr all die mutterlosen Jahre die Haushaltsbürde tragen und liess sich von ihr das Kochen und Waschen und Stricken beibringen, aber zu ihrer Erkrankung hat er nur vage Erinnerungen. Er sieht sie aber noch vor sich, wie sie immer weniger und schliesslich gar nicht mehr oder daneben redete, dafür aber nachts manchmal laut vor sich hinsang.
Man hatte die schleichenden Veränderungen der jungen Frau also sehr wohl bemerkt, wie die Krankengeschichte notiert und Bruder Werner bestätigt, jedoch wurden sie in keiner Weise als Leiden gelesen, und es wurde darauf auch nicht reagiert. Der Herr Pfarrer sah darin das unabänderliche, erblich bedingte Fortwirken defekter Chromosomen, der Vater wohl zuallererst einen ärgerlichen Verlust, weil in seinem Witwerhaushalt abends kein Essen mehr auf dem Tisch stand oder weil das unkonzentrierte Mädchen beim Bügeln sein Sonntagshemd verbrannte. Man liess Linas Erkrankung – die eine unterschiedlich lang geschätzte Phase andauerte – einfach schlittern. Nicht ohne Bitterkeit erzählt Lina heute von ihrer Einsamkeit in diesen Jahren, davon, dass dies damals keinen Menschen gekümmert hatte.
Erst als sie das erste Mal allein ins Dorf geht und mit einem jungen Mann alkoholisiert im Bett gefunden wird, wacht man in Vorderberg auf. Und dann aber richtig. Mit Polizeieinsatz und Überweisung in die Psychiatrie. Was Schlaflosigkeit und nächtliches Singen all die Monate zuvor nicht vermochten, schafft eine Bettaffäre im Nu. Das macht in der katholisch-bäuerlichen Welt im Vorderberg der 1950er-Jahre durchaus Sinn. Denn jetzt steht mehr auf dem Spiel als nur das Wohl einer jungen Frau, jetzt geht es um familiäre Ehre, um weibliches Wohlverhalten und um eine mögliche Schwangerschaft. Jetzt erst findet der Vater mit seiner Tochter zum Hausarzt, und dieser zögert nicht lange, er hat, so liest man im Überweisungsschreiben, seine Diagnose bereits parat, sie könnte helfen, die Sache nach aussen wieder ins Lot zu bringen.
Ich überweise Ihnen heute Frl. Zingg Lina, geb. 2.4.40, von Hans, Bachgasse, Vorderberg, zur Beobachtung wegen Verdacht auf eine Schizophrenie. Das Mädchen leidet seit ca. 2 Jahren an religiösen Wahnideen, hört gelegentlich Stimmen. Gestern wurde es von einem Burschen vergewaltigt, nachdem es von diesem betrunken gemacht worden war.
Mit vorzüglicher kollegialer Hochachtung
Dr. med. W. Sandstein
Das Schreiben des psychiatrisch ungeschulten Hausarztes setzt bereits zu Beginn dieser Krankengeschichte eine entscheidende Wegmarke. Er vermutet eine Schizophrenie, stützt sich dabei auf Symptome wie Wahnideen und imaginäre Stimmen, Symptome, die Lina im Aufnahmegespräch eindeutig verneint und die im weiteren Verlauf auch nie wieder beobachtet werden. Im Gegenteil, Halluzinationen sind später, in der diagnostischen Argumentation, explizit als fehlende Symptome aufgeführt, ihre Absenz wird gar ein wenig bedauert, da sie der Eindeutigkeit der Diagnose zuwiderläuft. Offenbar hat hier der Hausarzt, genauso wie später der Herr Pfarrer, im Fall von Lina sogleich an ihre Mutter gedacht und war verführt, in der diagnostischen Vorarbeit an jenem Morgen nicht ganz trennscharf zu denken. Dies ganz im Einklang mit dem Diagnostikwahn Schizophrenie in jener Zeit und mit den damals populären Vererbungslehren in der Psychiatrie. Schizophrenie stand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für eine Vielzahl von psychischen Störungen. Als Oberbegriff war die Diagnose erstmals 1911 vom Zürcher Psychiater und Burghölzli-Direktor Eugen Bleuler in die Psychiatrie eingeführt worden. Aufgrund ihrer Unschärfe wurde sie entsprechend inflationär gestellt und hatte weitreichende Wirkung, vergleichbar mit der früheren Diagnose Hysterie bei Frauen mit psychischem Leiden. In der Folge wurden viele Kliniken geradezu überflutet mit «Schizophrenen», im Zürcher Burghölzli etwa waren zeitweise über 50 Prozent der Patienten als schizophren verzeichnet. Der in den Fussstapfen des berühmten Vaters fortwirkende Sohn Manfred Bleuler beschäftigte sich in seiner Habilitation ebenfalls mit der Schizophrenie, erweiterte später das väterliche Standardwerk «Lehrbuch der Psychiatrie», reicherte dabei die eugenischen Gedanken seines Vaters mit rassenhygienischen Überlegungen an und schrieb – eine entscheidende Neuerung – die Ursache der Krankheit massgeblich der Vererbung zu. Noch später dann begann man in der Psychiatrie, die Schizophrenie differenzierter und kritischer zu betrachten, als ein Zusammenspiel neurobiologischer, psychologischer und sozialer Einflüsse, in gewissen Fällen sogar als rein stressbedingte Psychose, und inzwischen ist die Psychiatrie dabei, sich von diesem unscharfen Begriff langsam wieder zu verabschieden.1
Damals, als Lina in Wil eingewiesen wird, Ende der 1950er-Jahre – Europa steht im Verdrängungsschock brauner Ideologie und übt Muskelspiele im Kalten Krieg –, dominiert in den Köpfen der Ärzte noch beharrlich die Bleuler-Ideologie der Vererbungslehre. Und entsprechend betreiben die Psychiater ihre diagnostische Arbeit, suchen bei Lina entlang ihrer Symptomliste nach der Bestätigung für die bei ihr vermutete Schizophrenie.
Grundsätzlich ist die Patientin körperlich kerngesund, das belegen die Datenblätter zu den Routineuntersuchungen mit ihren Laborwerten, das bestätigt auch das Elektrokardiogramm. Weiter liest man aus der Krankengeschichte, dass der Eintritt in die Klinik eine beruhigende Wirkung hat, gemäss Pflegerapport schläft Lina die erste Nacht gut. Tagsüber ist sie freundlich und nett, liegt aber oft einfach ruhig auf dem Rücken, den Blick starr zur Decke gerichtet. Schlafmittel lehnt sie ab. «Frl. Zingg schlief anfänglich wenig, wollte jedoch kein Medikament haben. Nach Mitternacht schlief Patientin gut.» Bemerkenswert ist die Differenz zwischen dem Pflegerapport, der die Entspannung in den Fokus rückt, während der Arzt in seinem Ersteintrag Linas Verwirrung betont: «Wenn man sie anspricht, tritt deutlich zutage, dass sie vorbeiredet, auf ihr gestellte Fragen völlig unpassende Antworten gibt, als ob sie die Frage überhaupt nicht gehört hätte und zeitweise zerfahren daherredet. Wie auch der persönliche Eindruck auf eine Debilität hinweist. […] Die Pat. [Patientin] nimmt keinerlei Kontakt mit den andern Pat. auf, sitzt abgekapselt auf der Stube und näht oder strickt, hilft aber auch willig bei der Hausarbeit, wenn die Schwestern dazu auffordern. Und erweist sich dabei als geschickt und fleissig.»
Nach 17 Tagen fällt das Ärzteteam beim gemeinsamen Rapport eine erste Entscheidung. Da der Zustand der Patientin unverändert ist, wird mit einer «grossen Insulinkur begonnen». Also mit einer Schocktherapie. Über das tägliche Spritzen des Insulins wird der Körper künstlich in ein Koma versetzt, anschliessend lässt man die Patienten langsam wieder aufwachen. Der Körper mobilisiert bei dieser gezielten Rosskur – so hätte sie Lina vielleicht genannt, hätte man sie gefragt – besondere Kräfte, und genau diese sollen Körper und Geist in der Selbstheilung unterstützen. Nebst diesen via Schock ertrotzten Überlebensreflexen wird der über Wochen oder Monate angelegten Kur auch eine psychotherapeutische Wirkung zugeschrieben, da die Kranken dabei eng betreut und umsorgt werden müssen. Der Therapieentscheid der Wiler Psychiater fällt übrigens in eine Zeit, in der die Insulinkur andernorts bereits wieder abgesetzt wird. Zum Beispiel im Zürcher Burghölzli, dort also, wo man sie in den 1930er-Jahren entwickelt hatte. Hier arbeitet man inzwischen mit Elektroschock, damit lassen sich dieselben Effekte erwirken, aber mit kleinerem Aufwand und weniger Kosten.
Zurück zur Patientin Lina Zingg. Bei ihr lassen die Erfolge der täglichen Spritzenkur vorerst auf sich warten: «Im bisherigen Verlauf der Insulinbehandlung sind keine wesentlichen Veränderungen des psychischen Zustands eingetreten. Die Pat. steht immer noch läppisch lächelnd auf der Abt. [Abteilung] herum, arbeitet, wenn man sie dazu auffordert, recht fleissig, ist von sich aus aber völlig initiativlos. Die Insulinkur wird fortgesetzt.» Nach 24 Kurtagen stellt sich dann endlich ein erster Erfolg ein: «Objektiv gesehen hat sich der Zu stand insofern etwas gebessert, als die Pat. jetzt ab und zu von sich aus an Arbeiten herangeht und weniger häufig ihre Zustände, wie sie die immer noch gelegentlich auftretende Zerfahrenheit bezeichnet, bekommt. Sie wirkt auch etwas weniger steif, zeigt jedoch immer noch ein recht inadäquates affektives Verhalten, lacht läppisch in unangepassten Situationen, ist zeitweise abweisend, auch wenn ihr die Schwestern freundlich entgegenkommen, und drängt sich auf der andern Seite fast klebrig wirkend zu Arbeiten auf, bei denen sie nicht gebraucht würde.»
Der ärztliche Rapport widerspiegelt mit den stereotypen Zuschreibungen wie läppisch oder inadäquates affektives Verhalten die damals übliche Terminologie in der Diagnostik von Schizophrenie. Bei den Deutungsmustern setzt sich zudem der männlich geprägte Blick aus dem Bildungsbürgertum durch. Möglicherweise sind Linas unbeholfene Versuche, sich im langweiligen Klinikalltag nützlich zu machen, weniger Anzeichen einer psychischen Störung als ein gesunder Impuls der auf Arbeit getrimmten Bauerntochter. Sie kennt das Nichtstun – ausser sie liegt schwerkrank im Bett – nur als Zustand der Sünde, der, nebst der Langeweile, allenfalls Schuldgefühle provoziert. Solche Deutungsraster, die in den Alltag eines mausarmen Rheinthaler Bauernmädchens ausgegriffen hätten, konnte man damals weder in den medizinischen Lehrbüchern noch von den damit ausgebildeten Psychiatern erwarten. Die Bauernstube war für die Herren Doktoren eine Terra incognita.
Sechs Wochen nach Lina Zinggs Einweisung fasst der Chefarzt der Klinik, Dr. Rauheisen, in einem ersten Resümee die Befunde und Beobachtungen in eine Diagnose: «Hebephrenie und Debilität leichten Grades bei einem jetzt 18-jährigen Mädchen aus sehr primitiven Verhältnissen». Der Klinikleiter bestätigt damit die bereits vom Hausarzt und Pfarrer prognostizierte Diagnose der Schizophrenie, denn Hebephrenie ist nichts anderes als eine Unterkategorie davon, bei der vor allem die affektiven Äusserungen unterdrückt oder nicht nachvollziehbar seien und bei der zusätzlich Denkstörungen auftreten würden.
Heute würde man Linas nervöse Unruhe, ihre Schlafstörungen und den zunehmenden Rückzug in Absenzen und Schweigen vermutlich ganz anders deuten. Vielleicht als Ausdruck einer Erschöpfungsdepression der jungen Frau, die von ihrer Fabrikarbeit und dem familiären Haushalt überfordert war, oder aber als posttraumatisch ausgelöste Psychose bei einem heranwachsenden Mädchen, das mit dem frühen Verlust der Mutter und zweier Schwestern im emotional rauen und vereinsamenden Klima des väterlichen Haushalts alleingelassen wurde. Damals bewegte sich die Psychiatrie in einem ganz anderen Koordinatensystem.
Die chefärztliche Diagnose bestätigt also, was man seit Eintritt erwartet hat. Und fügt schlank eine zweite Diagnose hinzu, die der Debilität leichten Grades. Auch diese wurde von Pfarrer Stocker bereits vorweggenommen, denn er hält von Linas Intelligenz nicht eben viel. Die Patientin sei acht Jahre in die Primarschule gegangen. Sehr intelligent sei sie nie gewesen, aber sie sei gerade so mitgekommen, hat er dem Arzt erzählt. Lina selbst dagegen hat einen etwas anderen Blick auf ihre Schulkarriere. Sie erzählt den Ärzten nicht ohne Stolz, dass sie, obwohl sie ab der sechsten Klasse den Haushalt daheim alleine habe machen müssen, alle acht Jahre Primarschule ohne Repetitionen habe absolvieren können. Sie habe in der Schule nie sehr gut gelernt, besonders beim Schreiben habe sie Mühe gehabt, aber sie sei nie sitzengeblieben. Ihr Bruder Werner kann dies bestätigen, er erinnert sich noch heute, wie geschickt sie in der Haushaltsführung war und dass ihre Versetzung in die nächste Klasse nie wirklich infrage gestellt war.
Die Ärzte in Wil sehen dies anders und ziehen dabei einen diagnostischen Helfer hinzu: Den Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene, den sogenannten HAWIE, mit dem Lina zwölf Tage nach ihrer Einweisung geprüft wird. In jener Krankheitsphase also, in der sie gemäss ärztlichen Protokollen «zeitweise vorbeiredet» und die grösste Zeit «fast vollständig mutistisch» dasitzt. Das Ergebnis des Tests lässt sich in der Absolutheit seiner arithmetischen Härtegrade nachlesen, im Ersteintrag von Linas Krankenakte, noch vor der Anamnese: «[…] Es ergibt der Hamburg-Wechsler-Intelligenztest nur einen Intelligenzquotienten von 75, wobei der Verbalteil mit 69 wesentlich schlechter absolviert wurde als der Handlungsteil mit 82.» Eigentlich wissen die Psychiater, dass kognitive Leistungen bei einer Psychose oder schweren Depression völlig reduziert sein können. Sie schreiben dies denn auch ordentlich als Kommentar in die Krankengeschichte, und Dr. Rauheisen weist in seinem späteren Bericht an die zuständige Behörde explizit darauf hin: «Lina Zingg leidet an einer Geisteskrankheit (Schizophrenie) […]. Ob gleichzeitig bei ihr ein Intelligenzmangel (Schwachsinn im medizinischen Sinne) vorliegt, können wir erst nach Abklingen des jetzigen Schubs der Geisteskrankheit mit Sicherheit entscheiden, da eine verwertbare Intelligenzprüfung bei Fräulein Zingg erst durchgeführt werden kann, wenn die übrigen geistigen Störungen zurück gegangen sind.»
Leider geht diese verwertbare Intelligenzprüfung – aus welchen Gründen auch immer – bei Lina vergessen. Und so werden sämtliche gutachtenden Ärzte im Fall Lina Zingg stets wieder die erwähnten HAWIE-Resultate zitieren und als Beleg ihrer Debilität hinterlegen. Während über 50 Jahren. Überdies, auch das sei noch angemerkt, werden die Testwerte erst noch zu Linas Ungunsten ausgelegt. Denn bei einem Intelligenzquotienten zwischen 70 und 80 spricht man gemäss Lehrbuch von leichter Minderbegabung, aber noch nicht von Schwachsinn. Und im Handlungsteil des Tests liegt Lina mit ihren 82 Punkten sogar im Bereich der Normalität. Man hätte in die Krankenakte der psychisch erkrankten jungen Frau also ebenso gut schreiben können, dass das Mädchen mit seinem ärmlichen Hintergrund und trotz seiner akuten Psychose eine durchaus bemerkenswerte kognitive Leistung zeigt. Doch nun steht da das medizinisch autorisierte Verdikt der Debilität leichten Grades. Es wird sich künftig wie eine blutsaugende Zecke in Linas Leben festsetzen, unwiderruflich und therapieresistent. Wird später gar diagnostisch verschärft, in manipulativer Absicht, wie noch zu zeigen sein wird: Die Debilität leichten Grades wird zu einer Oligophrenie, also zu einem eigentlichen Intelligenzdefekt, sprich Schwachsinn erhoben.
Die Ereignisse und Akten, die aus dem Bauernmädchen Lina den Fall Lina Zingg machen, bergen noch weitere bemerkenswerte Fakten. Der überweisende Hausarzt berichtet in seinem Überweisungsschreiben bekanntlich von einer Vergewaltigung des jungen Mädchens. Lina wird in der Anamnese zum nächtlichen Vorfall befragt; der Arzt notiert, was sie erzählt:
Am Palmsonntag sei sie das erste Mal allein ins Dorf gegangen und habe dort eine Freundin getroffen, mit der sie auf dem Velo die Strasse entlanggebummelt sei. Dabei hätten sie zwei Burschen angesprochen, die sie früher noch nie gesehen habe. Die Burschen hätten sie zu Bier und Wein eingeladen, die Freundin sei aber nicht mitgegangen und sie habe mit den beiden verschiedene Wirtschaften besucht. Sie sei etwas angetrunken gewesen und habe nicht mehr recht Velo fahren können, deshalb habe ihr der Bursche angeboten, sie solle mit ihm nach Hause kommen und könne sich dort ausschlafen. Sie sei ohne weiteres Zögern mit ihm aufs Zimmer gegangen, habe sich ins Bett gelegt und geschlafen. So viel sie wisse, habe sie sich nicht einmal ganz ausgezogen, sondern nur das Kleid abgenommen. Sie könne sich nicht mehr genau erinnern, was in dieser Zeit auf dem Zimmer des Burschen alles vor sich gegangen sei, denn sie sei durch den ungewohnten Alkoholgenuss sehr müde gewesen. Nach einiger Zeit sei ein Mann gekommen und habe sie mitgenommen. Sie habe die Nacht, so viel sie sich erinnern könne, im Polizeilokal verbringen müssen und sei dann am Morgen nach Hause gegangen.
Nun kann man Linas Behauptung, sie wisse nicht mehr, was auf dem Zimmer so alles geschehen sei, als reine Schutzbehauptung interpretieren, um der drohenden väterlichen Strafe zu entgehen. Ob Lina in ihrem depressiven und psychotischen Zustand zu solch gezielten Tricks überhaupt fähig gewesen wäre, ist zweifelhaft. Jedenfalls war sie stark alkoholisiert und scheint keine klaren Erinnerungen an jene Nacht mehr zu haben. Befragt man sie heute, wiederholt sie jene Version, die sie damals dem Arzt erzählte. Der in die Sache verwickelte junge Mann aber wird gar nicht befragt – jedenfalls ist eine etwaige Befragung nicht aktenkundig –, und seine Identität bleibt in den Akten durchgängig geschützt.
Warum Hausarzt Dr. Sandstein in seinem Einweisungsschreiben so überzeugt von einer Vergewaltigung schreibt, bleibt unklar. Und es kümmert die Wiler Psychiater bei ihrer Anamnese auch nicht weiter. Die behauptete Vergewaltigung und allfällige Folgen für das Opfer sind schlicht kein therapeutisches Thema. Erst vier Wochen nach der Einweisung wird auf Verlangen des zuständigen Bezirksamts Althausen eine gynäkologische Untersuchung angeordnet, zwecks Klärung von Linas Jungfräulichkeit. Die junge Frau wird zu einer Ärztin geschickt, der Befund kommt mit kollegialer Hochachtung an die Kollegen in der Klinik zurück:
Die gynäkologische Untersuchung vom 26.IV. ergab folgenden Befund:
Hymenalsaum erhalten, an zwei Stellen scheint er eingerissen. Trotzdem ist es schwierig zu behaupten, dass die Patientin nicht mehr virgo ist. Vagina ohne Befund. Portio virginell. Uterus anteflektiert, normal gross, Adnexgegenden beidseitig frei. Diagose: normales Genitale.
Interessanterweise zieht der Wiler Chefarzt Dr. Rauheisen aus dem nicht eindeutigen Befund den umgekehrten Schluss seiner Kollegin: «Die vom Bezirksamt Altstätten verlangte gynäkologische Untersuchung wurde am 26.4.58 von Frl. Dr. Ernst durchgeführt. Demnach ist es fraglich, ob die Pat. noch virginell ist (Einzelheiten siehe Bericht von Dr. Ernst vom 1.5.58).» Er schlägt sich mit seiner Lesart also auf die Seite jener, die eine Vergewaltigung durch den jungen Burschen als wahrscheinlich annehmen. Jedoch führt dies nicht etwa zu einer Intervention im Interesse seiner Schutzbefohlenen, sondern er macht sich in seinem späteren Bericht in solidarischem Schulterschluss sogleich zum Anwalt des jungen Mannes: «Am 30.3. wurde es [das Mädchen] von einem etwas jüngeren Burschen alkoholisiert und zum gemeinsamen Schlafen verführt, wobei es wahrscheinlich auch zum Sexualverkehr oder zumindest zu einem entsprechenden Versuch kam. Für den Laien, namentlich für einen ungebildeten, dürfte es bei einer kurzen Begegnung kaum erkennbar gewesen sein, dass die Pat. schwachsinnig und dazu noch geisteskrank ist.»
Lina selbst wird noch ein paar Monate in der Klinik bleiben. Sie hat heute, wie schon erwähnt, sehr unterschiedlich präzise Erinnerungen an diese Tage und Wochen. Einerseits malt sie detailgetreue Skizzen der Interieurs von Sälen und Zimmern, sie weiss den Namen der Dame am Empfang und dass sie den Schwestern in der Wäscherei half, und sie erinnert sich mit Unbehagen an die vielen Spritzen in ihren Bauch. Dann aber gibt es auch Filmrisse, etwa wenn es um die so fremden Herren Ärzte geht, die sie befragten und die so oft bei ihr auf Visite waren. Und sie spricht in dem ihr eigenen schlaksigen Ton von dieser Zeit als Zeit in den grauen Wänden.
II
Keine Chance für Lina
Nach sechs Wochen stationärer Behandlung stellt Chefarzt Rauheisen eine leichte Besserung bei Lina Zingg fest. Die Patientin sei zugänglicher geworden, ein gewisser «affektiver Rapport» sei jetzt mit ihr möglich, jedoch sei sie noch recht steif, so beobachtet er. Und er empfiehlt, da Linas Gesundheitszustand sich als robust bewährt und das im Krankenhaus Flawil angefertigte Elektrokardiogramm keine krankhaften Veränderungen anzeigt, die Fortsetzung der «grossen Insulinkur: Die Pat. hatte die Insulinkur bis jetzt komplikationslos vertragen, die in den ersten 14 Tagen auftretenden starken Zuckungen während der schweren Benommenheit hatten zu einem epileptischen Anfall geführt, unter zusätzlicher Behandlung mit Luminal, später Belladenal wiederholte sich der Anfall nicht mehr, und die Zuckungen blieben in bescheidenem Rahmen». Allerdings hält die konstatierte Besserung nicht wirklich an, es kommt im Gegenteil zu einem Rückfall, wie der diensthabende Arzt notiert: «Während in den ersten vier Wochen der Kur eine deutliche Besserung des psychischen Zustandes zu verzeichnen war, scheint die Pat. in den letzten Tagen wieder deutlich steifer geworden zu sein, redet jetzt, während sie vor 14 Tagen gedanklich vollständig geordnet war, zeitweise wieder zerfahren und scheint, obgleich sie dies negiert, ihrem Verhalten nach gelegentlich zu halluzinieren, denn sie unterbricht immer wieder ihre Näharbeit, starrt in eine Ecke der Decke und kommt wie aus einer andern Welt zurück, wenn man sie in diesem Augenblick anspricht.»
Nach gut zweieinhalb Monaten wird die Insulinkur langsam ausschleichend beendet, ohne dass sich die anfängliche Besserung wieder eingestellt hätte. Man beschliesst deshalb, es anschliessend noch mit einem Psychopharmakon zu versuchen. «Da die Pat. in ihrem jetzigen Zustand nicht entlassungsfähig ist, soll nach erfolglos abgeschlossener Insulinkur noch eine grosse Largactilkur versucht werden, die in den nächsten Tagen begonnen wird.» Largactil ist ein Neuroleptikum und hat beruhigende und antipsychotische Wirkung, wirkt also bei Wahnvorstellungen und Halluzinationen, aber auch als beruhigendes Mittel bei Ängsten, Unruhe und Erregungszuständen. Das Medikament wurde in den Kliniken seit ungefähr 1953 bei schizophrenen Patienten eingesetzt.
Während man in diesen Therapiewochen auf weitere Besserung hofft, beginnt man sich in der Klinik Gedanken zu Linas Zukunft zu machen. Da die junge Frau noch minderjährig ist, wäre zuallererst ihr Vater für diese Frage zuständig. Dieser möchte seine Tochter offenbar so schnell wie möglich wieder zurückhaben, sie soll wieder in die Fabrik gehen und zu Hause anpacken, soll sich so gut wie möglich einfügen in den bäuerlichen Haushalt, zu tun gibt es genug. Doch die Wiler Ärzte sehen das anders. Man ist gewillt, Lina nicht in diese «primitiven Verhältnisse» mit ihren Überforderungen zurückzuschicken. Man hat sich inzwischen ein Bild gemacht von der ganzen Familie, insbesondere aber von diesem querköpfigen Vater, mit dem man in den fast fünf Monaten «noch nie Fühlung nehmen» konnte, über den man aber – dem Herr Pfarrer seis gedankt – doch einiges erfahren hat.
Vater und Kinder besorgen den Haushalt noch immer selber. Eine Nachbarsfamilie besorgt die Wäsche. Vom kath. Pfarramt wurde dem Vater mehrmals vorgeschlagen, er möge eine Flickerin nehmen, die jede Woche die Kleider in Ordnung bringen soll. Auch dürfe er sich nach einer gelegentlichen Haushaltshilfe umsehen. Die Rechnung dafür hätte der kath. Frauenbund beglichen. Der Vater sei aber nicht auf diese Vorschläge eingegangen, was allerdings – und dies scheint der Pfarrer nicht überlegt zu haben – wohl darauf zurückzuführen ist, dass heutzutage Haushaltshilfen und Flickerinnen sehr dünn gesät sind, besonders wenn sie dazu noch verwahrloste Verhältnisse antreten sollten.
So protokolliert der Arzt sein Gespräch mit Pfarrer Stocker. Niemand denkt daran, dass Bauer Hans vielleicht auch aus Scham nicht auf die pfarrherrlichen Vorschläge eingetreten sein könnte. Weil er sein verwahrlostes Haus und die ärmliche Habe vor fremden Blicken und vermutlich geschwätzigem Mund schützen möchte. Schliesslich hat auch er seinen Stolz. Dass damals, nach dem Tod seiner Frau, für ein paar Jahre seine Schwägerin bei ihm wirtschaftete, das ging als innerfamiliäres Arrangement in Ordnung. Aber eine Fremde ist etwas anderes. Und ausserdem weiss Hans Zingg, was seinen frauenlosen Haushalt angeht, eine weit bessere Lösung: Er schmiedet Heiratspläne, mit einer Appenzellerin aus Heiden, in ein paar Wochen soll es so weit sein, dann würde wieder eine ordentliche Frau an seinem Herd stehen. Auch das hätten der Herr Pfarrer und die Ärzte von Linas Vater erfahren können, hätte ein längeres Gespräch mit ihm überhaupt stattgefunden.
Jedoch passiert in den ersten fünf Monaten diesbezüglich gar nichts. Die Einträge in der Krankenakte und die weitere Entwicklung der Geschichte lassen vermuten, dass die Ärzte an einem Austausch nicht wirklich interessiert sind. «Der Vater, den wir nur flüchtig kennen, dürfte schwachsinnig sein», schreibt Chefarzt Dr. Rauheisen schon früh in die Krankenakte, ohne den Mann je gesehen zu haben. Aber auch Linas rechtlicher Beistand wird in der Frage nicht konsultiert. Als Halbwaise war Lina nach dem Tod ihrer Mutter zusammen mit ihren drei Brüdern automatisch verbeiständet worden. Man hatte damals für das Amt den Hufschmied des Dorfes eingesetzt, Peter Schmetzer, einen Nachbarn der Familie, eine stille Übereinkunft zwischen Behörde und Familie. Die Wiler Ärzte wissen um diesen Beistand, denn auf dem Deckblatt der Akte ist er namentlich vermerkt. Als Ansprechperson aber kommt Peter Schmetzer für sie offenbar nicht infrage, jedenfalls ist nirgends eine entsprechende Notiz greifbar. Vielleicht zweifeln sie – nicht unbegründet, wie sich zeigen wird – an seiner Kompetenz, oder aber sie scheuen seinen Widerstand. Denn die Herren Doktoren in Wil haben ihre eigenen Pläne.
Chefarzt Rauheisen fackelt nicht lange, er will einen radikalen Schnitt und steuert den Entzug der elterlichen Gewalt des Vaters an. Im Wissen, dass die Behörden in dieser Frage aufgrund der geltenden Gesetze leichtes Spiel haben. Einer seiner Kollegen spricht in der heiklen Angelegenheit telefonisch mit Pfarrer Stocker. Dieser schreckt vor solch forschen Plänen allerdings vorerst zurück.
Auf die Mitteilung hin, dass wir Entzug der elterl. Gewalt gegenüber dem Vater in Erwägung gezogen hätten, meint er sogleich, damit möge man unbedingt noch zuwarten, umso mehr als eigentlich das vorliegende Material diese letzte Massnahme kaum zu begründen vermöchte.
Der Arzt aber drängt und bittet den Pfarrer, mit dem unbekannten Vater Tacheles zu reden: «Ich rate dazu, den Vater nun ernstlich vor die Tatsache zu stellen, dass eine Rückkehr des Mädchens zu ihm nach Hause nicht in Frage komme und wir die Patientin nur dann entlassen können, wenn er auf diese Bedingung eintrete. Unsererseits würde dann ein geeigneter leichter Platz bei verständiger Familie gesucht (was allerdings Zeit braucht).» Schliesslich erklärt der Pfarrer sich bereit, mit Bauer Hans die Sache zu besprechen und ihn für eine Aussprache in Wil zu motivieren. «Es wird dann vom Resultat dieser und der vorgängig mit dem Pfarrer stattfindenden Besprechung abhängig gemacht werden müssen, ob vormundschaftliche Massnahmen im Sinne einer Verfügung oder des Entzugs der elt. [elterlichen] Gewalt unumgänglich sind.»
Im Weiteren hofft der verhandelnde Arzt, mithilfe des Pfarrers doch noch fürsorgerische Unterstützung für die Familie einfädeln zu können. «Ich bitte nun den Pfarrer sehr, uns in der Richtung behilflich zu sein, dass er den Leuten hilft, jemanden zu finden, der – wenn nicht beständig – so doch in regelmässigen Zeitabständen den Haushalt in Ordnung bringt (der kath. Frauenbund soll sich da einsetzen).» Pfarrer Stocker erklärt sich auch damit einverstanden und verspricht, die Sache an die Hand zu nehmen. Am Schluss der Besprechungsnotiz wird noch einmal das Versagen des Vaters ins Zentrum gerückt:
Schliesslich stellt sich auch noch heraus, dass auch die andern Kinder vom Vater allzu leicht überfordert werden. Der jüngste Bub sei in seiner geistig-seelischen Entwicklung auffallend im Rückstand. Der Vater – so meint der Pfarrer – sei eben doch weitgehend beschränkt, er meine es ja sonst nicht übel, aber er sei halt auch jähzornig und darunter scheint besonders die Pat. gelitten zu haben.
Werner, Linas ältester Bruder, der später den väterlichen Hof übernehmen wird und heute längst pensioniert ist, liest Akteneinträge wie die zitierten mit einem hilflosen Schulterzucken. Der Vater sei ein roher Mann gewesen, das sei richtig, man habe nicht viel sagen dürfen, und schon habe man eine abgekriegt. Aber dass er schwachsinnig gewesen sei, weist er weit von sich. Und Emma, seine Frau, die als Nachbarmädchen mit den Zingg-Kindern aufgewachsen ist, die Vater Zingg also seit jeher gekannt hat und die später mit ihm als seine Schwiegertochter im selben Haushalt lebt, zeigt sich empört. Er getraute sich halt nie etwas zu sagen, so übersetzt sie die von den Ärzten aufgestellte Ferndiagnose des Schwachsinns. Und vielleicht habe er sich ja auch deshalb nicht um ein Treffen mit den Ärzten bemüht. Lina selbst aber hat vor allem den Zorn ihres Vaters nicht vergessen und seine Schläge. Sie wirft, wenn sie erzählt, zur Illustration eine paar kräftige Ohrfeigen durch die Luft. Und stellt nüchtern fest, das habe so lange fortgedauert, bis sie sich gewehrt und zurückgeschlagen habe. Dann habe sie ihre Ruhe gehabt.
Ob Bauer Zingg wortgewaltig oder vielmehr eher hilflos störrisch um die Heimkehr seiner Tochter kämpft, findet sich nicht in der Krankenakte. Dort steht lediglich ein Hinweis, dass er nach Bekanntgabe der ärztlichen Pläne mehrmals nach Wil reist, um seine Tochter zurückzuholen. Dass er sich tatsächlich querstellt und dass ihm dies zusätzlich angelastet wird, kann man in der dicken Vormundschaftsakte von Lina Zingg genauer nachlesen. Und zwar im allerersten Dokument, dem chefärztlichen Antrag zum Entzug der elterlichen Gewalt Hans Zinggs und zur Bevormundung von dessen Tochter Lina. Der Antrag richtet sich an das Waisenamt der Gemeinde Vorderberg, datiert vom 19. September 1958, und wird, wie erwähnt, von Klinikdirektor Rauheisen verfasst und von Abteilungsarzt Dr. Müller mit unterzeichnet.
Der auf drei Schreibmaschinenseiten ausgelegte Antrag ist in vielen Punkten informativ. Zum einen illustriert er die diagnostische Entwicklung des Falls. Aus der im Aufnahmerapport als rotwangigen und gesund aussehenden jungen Frau, die etwas schmutzig und ungepflegt daherkommt – damals in ländlich armem Milieu nicht eben selten –, ist eine verwahrloste Irre geworden.
Das Mädchen wurde in schwer verwahrlostem Zustand, vor Schmutz starrend, von ihrem Vater zu uns gebracht, der angab, dass sie seit ca. zwei bis drei Jahren geistig nicht mehr normal sei, ohne dass es bisher zu einer Internierung gekommen sei.
In der Anamnese sprach man noch von einem Jahr schleichender Erkrankung, nun sind daraus zwei bis drei geworden. Überdies wird die gestellte Diagnose als gesichert präsentiert, obwohl wichtige Symptome wie Halluzinationen und Wahnvorstellungen fehlen. Die Besserung von Linas Zustand wird als Erfolg der Klinik verbucht:
Es liegt bei Lina Zingg, die zudem noch in leichterem Grade schwachsinnig ist, eine Geisteskrankheit (Schizophrenie) vor. Durch intensive Behandlung konnten wir die geistigen Störungen zwar nicht völlig heilen, jedoch soweit bessern, dass das Mädchen in Kürze wieder ausserhalb der Anstalt gehalten werden könne.
Nachfolgend skizziert der Direktor die Uneinsichtigkeit des Vaters für seinen Plan, die Patientin an eine geeignete Haushaltsstelle zu vermitteln.
Der Vater der Patientin ist mit unseren Vorschlägen nicht einverstanden und verlangt, dass das Mädchen nach Hause komme und ihm und den beiden jüngeren Brüdern den Haushalt führe. Dem Mädchen gegenüber erklärte Herr Zingg ausserdem, dass sie, wenn er wieder geheiratet habe, was in den nächsten Wochen erfolgen soll, wieder in die Fabrik gehen und gleichzeitig der Stiefmutter, die eine grössere Anzahl Kinder mitbringt, im Haushalt helfen könne.
In der anschliessenden Begründung zum geforderten Entzug der elterlichen Gewalt verschiebt Dr. Rauheisen ein klein wenig die Perspektive. Auslöser von Linas Erkrankung ist plötzlich nicht mehr die erbliche Belastung durch die Mutter, sondern vielmehr die frühere Uneinsichtigkeit des Vaters, der «das Mädchen erheblich über seine Kräfte belastet» und der es zudem versäumt habe, sie rechtzeitig «der dringend notwendigen Anstaltsbehandlung zuzuführen». Die nächste Überforderung Linas im Falle einer Heimkehr sei für ihn deshalb nur eine Frage der Zeit, führt der Chefarzt weiter aus, und so bleibe ihm, da der Vater sich – auch nach mehrmaligen Versuchen, ihn umzustimmen – beharrlich gegen eine Fremdplatzierung stemme, als nächster Schritt nur der Entzug der elterlichen Gewalt. «Wir halten es nun für unverantwortlich, Lina Zingg in die gleichen Verhältnisse zurückzuversetzen, wie dies ihr Vater, der, soweit wir dies nach einer kürzeren Unterredung beurteilen können, schwachsinnig zu sein scheint, von uns verlangt und möchten den Antrag stellen, Herrn Zingg die elterliche Gewalt über das Mädchen gemäss Art. 283 ZGB [sic] zu entziehen und einen Vormund für sie zu ernennen.»
Dr. Rauheisen stützt sich in seinem Begehren dann korrekterweise auf Art. 285 des Zivilgesetzbuches (ZGB), auf einen der drei unrühmlich bekannt gewordenen Artikel, die es den Schweizer Behörden seit 1912 erlaubten, Kinder den Eltern zu entziehen und in Heimen oder Privathaushaltungen zu platzieren, wenn das sogenannte Kindswohl gefährdet schien. Die Behörden intervenierten nicht etwa nur bei schwerem Missbrauch durch die Eltern oder grober Vernachlässigung ihrer Pflichten, sondern oft auch bei unehelichen Kindern, wenn Armut den Familienalltag knechtete oder eine Familie nicht ins bürgerliche Lebensmodell einzupassen war. Man weiss inzwischen von den Dramen dieser verlorenen Kinder, die von der Landstrasse, aber auch aus proletarischen Stuben geholt wurden; mittlerweile sind einige der meist trostlosen Heim- und Verdingkarrieren dokumentiert, man hat davon gelesen, auch vom nicht minder grossen Leiden der behördlich beraubten Eltern.2
Selbst im Wissen um diese behördliche Willkür in der Schweiz des letzten Jahrhunderts irritiert im vorliegenden Fall, dass hier ein Vater sogleich entmündigt werden soll, nur weil er, ein Witwer, seine Tochter aus der Klinik wieder heimholen möchte an den bäuerlichen Herd und sie einem Frauenschicksal zuführen will, das – wie man aus Erzählungen und der Forschung weiss – in der bäuerlichen Unterschicht von damals gang und gäbe war. Unverheiratete Frauen hatten ihren Vätern und Brüdern und Onkeln den Haushalt zu richten, solange diese noch nicht oder nicht mehr verheiratet waren, und was von allen Töchtern und Schwestern erwartet wurde, galt erst recht für Frauen wie Lina, die vielleicht nicht ganz so schnell im Kopf waren, oder für solche, die sich mit einem körperlichen Handicap abzufinden hatten. Als tüchtige Haushälterinnen waren gerade sie im familiären Haushalt hochwillkommen, weil der Heiratsmarkt sie nicht allzu schnell wieder weglocken würde.
Nun könnte man wohlwollend vermuten, dass hier für einmal ein Arzt sich besonders ins Zeug legte, um einer jungen Frau genau dieses Schicksal familiärer Knechtschaft zu ersparen. Doch diese Lesart verliert schnell ihre Plausibilität. Zum einen irritiert die von den Ärzten antizipierte Zukunft, die sich nur unmerklich von den Plänen des Vaters unterscheidet: In beiden Entwürfen soll Lina ihr Glück am häuslichen Herd als Dienstmädchen finden. Zum anderen aber – und das ist, in den Kontext historischer Zeitgeschichte eingebettet, weit bemerkenswerter – ist da noch ein zusätzliches Argument, das Dr. Rauheisen in die Begründungskette seines Antrags schiebt, fast schon beiläufig, sodass man es leicht überlesen kann. «Es [das Mädchen] entbehre zudem der notwendigen Beaufsichtigung, sodass es, wie am Tag vor der Anstaltsaufnahme, zu Zwischenfällen kommen konnte, die das Mädchen sittlich schwer gefährden.» Es geht also offenbar ebenso sehr um die Kontrolle der jungen Frau. Und deren sexuelle Autonomie. Es spricht einiges dafür, dass sich in der leicht dahingeschriebenen Nebenbemerkung gar der ursächliche Beweggrund versteckt, der nicht nur zum forschen Entmündigungsverfahren des Vaters führte, sondern überhaupt zur Konstruktion des psychiatrischen Falls Lina Zingg. Bekanntlich wird Lina ja nicht wegen ihrer Leiden, sondern in flagranti aus dem Bett eines jungen Mannes in die Klinik eingewiesen. Just in jenem Moment, als das junge Mädchen sexuell erwacht und sich für die landesüblichen Triebkontrollen nicht ganz so zugänglich zeigt wie erwünscht. Zudem ist Lina attraktiv, dies wird in der Krankengeschichte mehrmals betont und ist auch mit Fotografien belegt. Der Vorfall in der Kammer löst Alarm aus. Und katapultiert Lina über Nacht aus ihrem Dorf in ein neues Kräftefeld gesellschaftlicher Kontrolle: in die vor demokratischen Prozessen gut geschützte und von der Medizin autorisierte Psychiatrie.
Es geht den Ärzten in Wil also weniger um das Wohl ihrer Patientin als um die Beschränkung ihrer sexuellen Autonomie.3 Damit helfen sie mit bei der gesellschaftlich verordneten Kontrolle über die weibliche Sexualität und erfüllen gleichzeitig ihren eugenischen Auftrag, den gesunden Volkskörper vor minderwertigem Erbgut zu schützen. Die Ideologie der genetischen Volkshygiene war nämlich nicht etwa nur im nationalsozialistischen Deutschland wirksam, sie bestimmte fast ein Jahrhundert lang die medizinischen und fürsorgerischen Konzepte auch in der Schweiz. Menschen wie Lina sollten sich – wenn immer möglich – nicht reproduzieren, die Weitergabe ihrer krummen Gene sollte verhindert werden. Und in der Wahl der Mittel zeigte man sich nicht zimperlich.
Die Forschungsresultate zu diesem Kapitel Schweizer Medizin- und Sozialgeschichte sind noch kärglich, der Weg zu den Akten bleibt ein ausgebauter Hürdenlauf.4 Jedoch weiss man, dass das erste europäische Gesetz zur Zwangssterilisation 1929 im Kanton Waadt verabschiedet und die erste Zwangssterilisierung in der Schweiz durchgeführt wurde. Und man weiss, dass Hitlers Zwangssterilisationsgesetz von 1934 hierzulande zu einem sprunghaften Anstieg der Sterilisationen führte, vor allem bei Frauen.5 Ebenfalls bekannt ist, dank mutigen Zeugnissen von Betroffenen, dass diese Praxis bis in die 1980er-Jahre fortgesetzt wurde. Chefarzt Rauheisen zückte in seiner Wiler Klinik noch 1972 das Skalpell, um einer 18-jährigen Schwangeren ein Kind abzutreiben, gegen ihren Willen, und er sterilisierte sie anschliessend unter Zwang, weil sie «schwachsinnig» und «psychopathisch» gewesen sein soll.
Lina ist aus Sicht der Ärzte ein Prototyp für eugenische Massnahmen. Sie stammt aus einer in ärztlicher Optik belasteten Familie, in der Schwachsinn grassiert. Und leidet zudem selbst, nun diagnostisch festgeschrieben, am Übel der Schizophrenie. Beide Krankheiten rangieren, gepaart mit pathologischer Triebhaftigkeit, ganz oben im Schwarzbuch der damaligen Psychiatrie. Das ist in der Klinik in Wil nicht anders als in Münsterlingen oder im etwas moderneren Zürcher Burghölzli. Im Falle von Lina Zingg scheut Chefarzt Rauheisen den Griff zum Skalpell. Vielleicht ist er sich der Sache doch etwas unsicher. Und schliesslich ist ihm die junge Frau ja nicht als Schwangere zur Rettung anvertraut worden, sondern mit ärztlich bestätigter Halbvirginität. Jedoch braucht die aus Sicht der Psychiatrie triebgesteuerte Frau zweifelsfrei eine enge Kontrolle. Und da der Vater hier kein zuverlässiger Partner ist, muss er ausgeschaltet werden. Nur so kann der Weg frei werden für die vom Chefarzt verordnete Massnahme: eine präventive Fremdplatzierung mit integrierter Kontrolle.
Dieses eugenische Skript, gut verborgen hinter fürsorgerischem Vokabular, zeigt sich, einmal erkannt, als nützlicher Schlüssel, um den Fall wirklich zu verstehen. Er bewährt sich bei der Auflösung weiterer Rätsel, etwa dem, warum dieser Vater nur bezüglich seiner Tochter die elterliche Gewalt abzugeben hat, nicht aber für seine Söhne. Ginge es tatsächlich um die beklagte Verwahrlosung, müssten die Buben, da jünger, erst recht fremdplatziert werden. Und schliesslich wird vor dem Hintergrund dieser These auch einsichtig, weshalb im Fall Lina Zingg die Herren Doktoren aus Wil und nicht, wie eigentlich zu erwarten wäre, die Fürsorgebehörde aus Vorderberg die Federführung haben. Es geht um eine eugenische Intervention unter hoheitlicher Führung der Psychiatrie. Dabei können die Ärzte auf die bewährte Kooperation mit den Behörden und das Bündnis mit den pfarrherrlichen Verwaltern religiöser Moral setzen. Und so überrascht es nicht, dass die erwartete Absolution seitens des Pfarrers – trotz anfänglichem Zögern – schon bald bei Dr. Rauheisen eintrifft:
Herr Pfarrer Stocker von Vorderberg, den wir gebeten hatten, nochmals mit Herrn Zingg zu reden, kam ebenfalls zu dem Schluss, dass der Vater völlig uneinsichtig sei und die häuslichen Verhältnisse äusserst ungünstig für ein gefährdetes Mädchen wären. Es bleibt somit keine andere Wahl, als das Mädchen zu bevormunden.
Bereits acht Tage nach Einreichung des Antrags antwortet das Waisenamt der Gemeinde Vorderberg mit einem ersten positiven Signal. «Wir bestätigen Ihnen hiermit bestens dankend den Empfang Ihres Briefes vom 19. ds., zu welchem der Gemeinderat an der gestrigen Sitzung Stellung genommen hat. Der Gemeinderat ist mit Ihrer Ansicht, das Mädchen in einen Haushalt zu platzieren, voll und ganz einverstanden. Zwecks Entziehung der elterlichen Gewalt wird der Vater Zingg nächste Woche vor das Waisenamt zitiert, um die Sache dann an das Bezirksamt weiterzuleiten. Wir möchten Sie höflich ersuchen, das Mädchen noch so lange bei Ihnen zu behalten, bis die Sache abgeklärt ist.»
Und nur eine Woche später wird Hans Zingg zur Sitzung des Waisenamts vorgeladen, und «nach gegenseitiger Aussprache» unterschreibt der Bauer eine vorbereitete Erklärung, in der er sich einverstanden erklärt, «seine Tochter Lina Zingg, gb. 2.4.1940, z. Zt. in der Heil-Pflegeanstalt Wil, unter Vormundschaft zu stellen, womit ihm die elterliche Gewalt über das Mädchen entzogen ist».
Vater Zingg gibt seinen Widerstand also sozusagen während der amtlichen Vorladung auf. Das ist durchaus nachvollziehbar. Er ist nicht der erste Bauer, der vor der Autorität eines Waisenamtspräsidenten einknickt und sich fügt. Und doch erstaunt diese widerspruchslose Zustimmung, beklagte man doch vorher den renitenten Widerstand des bockigen Vaters eindringlich. Eine mögliche Erklärung für diese Kapitulation findet sich in einem kurzen Briefwechsel, genauer in zwei Briefen, die kommentarlos in zwei unterschiedlichen Dossiers abgelegt sind. Der erste ist an Frau Dr. Ernst gerichtet, an jene Assistenzärztin, die ein paar Wochen zuvor Lina Zinggs Jungfräulichkeit zu begutachten hatte. Geschrieben ist der Brief von Vater Hans, zwei Tage nach seiner Vorladung vor dem Waisenamt, mit ungeübtem Satzbau und Fehlern, halt so, wie einer schreibt, der mehr von Kühen und der Drainage einer Sumpflandschaft versteht als von dudenkonformer Korrespondenz. Von diesem Brief ist, inklusive Übernahme sämtlicher Orthografiefehler, eine Abschrift in Linas Psychiatrieakte abgelegt, das Original ist nicht aufzufinden. Er dokumentiert die Bestürzung eines Mannes, der vor die Behörden tritt, um seine Tochter zurückzuholen, und dabei von einer Ungeheuerlichkeit überrascht wird, mit der er offensichtlich nicht gerechnet hat: mit einem Inzestverdacht gegen ihn als Vater. Er soll es mit seiner Lina getrieben haben.
Vorderberg, den 8.10.58
Sehr geerthe Frau Dr. Ernst
Was ich vernom habe am Montag vor gemeinderat, dass Ich mit der Tochter unssitlichkeit betrieben habe. Dass ist nicht wahr. Ich habe nur einmal getreut wo sie nicht aufstehen hat wollen zum Essen, aber so viel verstand habe Ich noch gehabt und häte heute noch, dass man mit der eigner Tochter nicht das betreiben darf. Ich bitte Sie, dass Sie dem Gemeinte Aman miteilen und den andern, sonst verurteile Sie an einem andern Ort.
Ich habe unterschrieben, dass die Tochter ein Formunt bekomt für dass sie gelogen hat.
Gruss von Hans Zingg.
Hans Zingg wird also bei seiner Vorladung vor dem Gemeinderat mit einem Inzestvorwurf konfrontiert. Als Taktik im Verfahren kommt diese Anschuldigung durchaus gelegen, denn nun steht nicht mehr nur die Aufsichtspflicht des Vaters unter Anklage, sondern seine moralische Integrität. Nicht nur, dass er keine Kontrolle über seine Tochter hat, er hat sich auch noch bei ihr bedient. Die Herkunft des Gerüchts lässt sich nicht ermitteln, denn in den Akten wird die Angelegenheit nirgends erwähnt. Der Brief verrät einzig, dass Vater Zingg offenbar seine Tochter als Urheberin des Gerüchts beschuldigt und er sie deswegen mit seinem Einverständnis zur Vormundschaft bestrafen will. Aber vielleicht haben ja die Behörden selbst den Vorwurf Lina in den Mund gelegt, eine konkrete Anklage macht sich bei einem amtlichen Verfahren allemal besser als ein vages Gerücht. Oder vielleicht hat Vater Zingg in seiner Scham auch einfach reflexartig eine Schuldige gesucht und sie in seiner sperrigen Tochter gefunden. Wie auch immer, Lina kann, genau besehen, nicht ernsthafte Anklägerin sein in dieser Sache, denn auf dieses schlagende Argument hätten die Psychiater bei ihrem Antrag zweifellos nicht verzichtet. Auch der Umstand, dass Lina den Inzest gegenüber den Ärzten verschweigt, ihn aber bei den Vorderberger Behörden deponiert, ist nicht wirklich denkbar. Schliesslich hat sie in der fraglichen Zeit ja gar keinen Kontakt zu den Dorfhonoritäten. Und es will nicht einleuchten, dass sie sich ausgerechnet diesen Männern in einer derart schambesetzten Sache anvertraut haben soll. Fragt man sie selbst, heute, nach fast 60 Jahren, schüttelt sie dezidiert den Kopf. Schläge des Vaters ja, Übergriffe nein, sagt sie, und wer sie und ihre Geschichte kennt, hat keinen Grund, ihr nicht zu glauben.
Es gibt ausserdem ein offizielles Dokument, das Hans Zingg vom schändlichen Vorwurf des Inzests befreit: Der zweite Brief in dieser Sache, abgelegt in der Vormundschaftsakte, ist ein Schreiben des Wiler Chefarztes Dr. Rauheisen, der den angeschuldigten Vater umgehend in einem Antwortschreiben entlastet.
Sehr geehrter Herr Zingg,
wir nehmen Bezug auf Ihren Brief an unsere Assistenzärztin Frau Dr. Ernst vom 8. Oktober 1958 und teilen Ihnen dazu mit, dass uns nichts bekannt geworden ist, wonach Sie sich mit Ihrer Tochter in irgendeiner Weise verfehlt hätten.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Der Direktor
Einen einzigen Satz hat der Herr Direktor für die Rehabilitation des verleumdeten Vaters übrig. Dies hätte als Freispruch von höchster Stelle wohl ausgereicht, wenn Herr Thür als zuständiger Gemeindeammann die Entlastung in den Gemeinderat und damit zu den Leuten in Vorderberg zurückgetragen hätte. Doch dies scheint nicht der Fall gewesen zu sein. Das böse Zwischenspiel ist nur mit den isoliert abgelegten Briefen nachgewiesen, wird weder in der Kranken- noch in der Vormundschaftsakte direkt erwähnt oder gar diskutiert, und auch die gemeinderätlichen Protokolle zu den fraglichen Vorladungen in Vorderberg verschweigen die Anwürfe und die offizielle Entlastung. Was aber nicht festgehalten ist, hat es nie gegeben. Und so wird Bauer Zingg nicht wirklich rehabilitiert. Der Inzestverdacht bleibt untilgbares Gerücht, wird künftig bei der Diffamierung von Linas Herkunftsfamilie eine wichtige Rolle spielen, dann etwa, wenn die Behörden und Ärzte Lina vor ihren Verwandten schützen wollen. Wie hartnäckig der Anwurf sich in den Vorderberger Köpfen hält, und zwar bis heute, zeigt der Besuch im dortigen Gemeindehaus. Die Archivsuche bringt das Verschweigen in den Protokollen zutage, jedoch verplappert sich einer der Beamten, der die Folianten für die Besucherin aus dem Archiv holt, mit einer eindeutigen Anspielung. Das Gerücht hängt also noch immer in den Vorderberger Hügeln. Auch nach bald 60 Jahren.
Doch zurück nach Vorderberg im Herbst 1958. Nach Eingang des Entmündigungsantrags aus der Klinik Wil und der zustimmenden Unterschrift durch Vater Zingg geht nun alles seinen behördlichen Gang. Und zwar schnell. Vorderberg schreibt an das zuständige Bezirksamt und fügt dem Antrag ein zusätzliches Argument hinzu. «Das Waisenamt Vorderberg befürwortet dieses Vorgehen umso mehr, weil Zingg sich letzte Woche wieder mit einer Witwe mit 9 Kindern verheiratet hat. Von diesen Kindern leben 4–5 im gleichen Haushalt.» Die Wiederverheiratung wird Hans Zingg von den örtlichen Behörden pikanterweise negativ angelastet, obwohl er sich und seinen Buben wieder eine ordnende und zudem weit jüngere Frau ins Haus holt. Vielleicht lesen die Behörden die Heirat eines armen Witwers mit einer ebenfalls nicht mit Reichtum, dafür aber mit Kindern gesegneten Witwe als weiteren Beweis seines Schwachsinns. Oder aber sie fürchten den Zuwachs an potenziellen Fürsorgebezügern und haben deshalb keine Freude an der neuen Liaison.
Als künftigen Vormund für Lina, bis zu ihrer Volljährigkeit, schlägt man den bisherigen Beistand, den Schmiedemeister Schmetzer, vor. Von ihm ist, wie man inzwischen weiss, kein grosser Widerstand zu befürchten. Noch im selben Monat wird vom Bezirksammann von Oberrheintal die Verfügung ausgestellt, gestützt auf den bereits erwähnten Art. 285 im ZGB. «Das Begehren des Waisenamtes Vorderberg um Entziehung der elterlichen Gewalt bezüglich der Tochter Lina Zingg, geb. 2. April 1940, wird hiemit geschützt.» In einem Nachtrag wird zusätzlich festgehalten, dass die väterliche Entmündigung nur für die Tochter, nicht aber für seine Söhne und seine neuen Stiefkinder Gültigkeit hat. «NB. Hans Zingg hat die obige Verfügung, auf unserem Exemplar, unterschriftlich anerkannt, nachdem festgehalten wurde, dass diese Verfügung nur bezüglich der Tochter Lina Gültigkeit haben soll.»
Der Kuhhandel ist besiegelt. Der Bauer gibt seine Tochter her, die ihm Schmach und Schande gebracht hat, seine Söhne jedoch und die neuen Stiefkinder darf er behalten. Im Gegenzug sichern sich Behörden und Ärzteschaft die gewünschte Kontrolle über die junge, hübsche, in ihren Augen schwachsinnige Lina mit ihrer erwachenden Sexualität.
An dieser Stelle sei ein kleines historisches Fenster geöffnet, ein Blick über die Vorderberger und Wiler Hügel hinaus in die übrige Schweiz dieser 1950er-Jahre. Hin zu einem landesweit wichtigen Ereignis und zu einer Frau, mit der Lina mehr als nur den Geburtstag teilt. Die Konstruktion des Falls Lina Zingg fällt nämlich in eine Zeit, in der es um die Schweizer Frauen und ihre Rechte noch immer schlecht bestellt ist. Frauen haben keine politischen Rechte, leben in der faktischen Bevormundung durch Väter und Ehemänner, ihre berufliche und wirtschaftliche Autonomie ist fast so verpönt wie eine uneheliche Mutterschaft. Doch damals, in den Nachkriegsjahren, rufen viele nach Veränderung, wollen auch als Berufsfrauen Anerkennung, fordern mehr Rechte, allen voran das Stimm- und Wahlrecht. So kommt es zur zweiten grossen Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA), die just im selben Jahr eröffnet wird, in dem Lina in die Klinik kommt.6 Im Herbst 1958 lockt sie mit ihren Rundbauten das Schweizer Volk an den Zürichsee, um zu zeigen, was frau so alles kann und tut in diesem Land. Und auch, um zu diskutieren, was Weiblichkeit denn nun sei und was nicht. Die Ausstellung zeigt sich strategisch zahm, führt dennoch zu Debatten und zu Dissonanzen. Und zu einem brillant verfassten Einspruch in Buchform. «Frauen im Laufgitter» kritisiert in gnadenloser Schärfe die wirtschaftliche Abhängigkeit und die gesellschaftliche und politische Stellung der Frau. Ein freches Buch, das die schweizerische Gegenwart als patriarchale Urzustände geisselt und die brave Fügbarkeit der Frauen entblösst.7
Die Autorin des Reizwerks, Iris von Roten, eine scharfsinnige Intellektuelle, gut gebildet, ökonomisch abgesichert, feministisch geschult, ist so etwas wie ein radikaler Gegenentwurf zur Existenz einer Frau wie Lina Zingg. Und doch verbindet die beiden ihr Geschick. Iris von Roten gerät in einen gehässigen Schredder helvetischer Abwehr, eine Vernichtung, die ihr schliesslich den Lebensatem nimmt. Und Lina Zingg landet in den ebenso unerbittlichen Fängen der Psychiatrie und der Behörden. Um beide Frauen schliesst sich in diesen späten Fünfzigern ein eisernes Gitter, in der Alchemistenküche gegossen aus patriarchalem Herrschaftswissen und ebensolchem Zeitgeist, ein Schmiedewerk geltender Moral und Medizin, und, im Falle Lina Zinggs, der staatlichen Kontrolle. Frauen hinter Fallgittern. Ohne Aussicht auf wirkliche Freiheit. Es bleibt nur die Flucht in den Tod, wie ihn Iris von Roten wählen wird. Oder die Resignation einer Lina Zingg, deren Leidensweg eben erst begonnen hat.
Im Spätherbst 1958 soll Lina in ihrer Heilanstalt langsam auf den Einstieg in den künftigen Dienstmädchenalltag vorbereitet werden. Seit etwa zwei Monaten arbeitet sie halbtags in der Klinik bei der Hausarbeit mit. Man müsse ihr genau sagen, was sie tun müsse, schreibt der Arzt in die Krankengeschichte, sie sei aber sehr willig und gebe sich grosse Mühe, alles recht zu machen. Gesundheitlich geht es aufwärts mit ihr. «Der psychische Zustand ist jetzt recht gut. Seit ungefähr 3–4 Wochen hat das Mädchen nie mehr zerfahren dahergeredet, ist vollständig geordnet, fängt langsam an, sich unaufgefordert körperlich sauber zu halten und scheint jetzt so weit wieder hergestellt zu sein, dass man eine Placierung an einer ganz leichten Haushaltstelle denken könnte. […] Ob die Besserung des psychischen Zustandes auf das Largactil zurückzuführen ist, oder ob es sich um eine Spätwirkung der am 19.7. beendeten grossen Insulinkur handelt, können wir nicht entscheiden, ist ja auch belanglos.» Jedenfalls geht es Lina besser, und im Laufe des Monats kann auch das Largactil schleichend abgesetzt werden.
Über private Kontakte findet man für die entlassungsreife junge Frau bald einmal die gesuchte leichte Haushaltsstelle. Bereits eine Woche vor Abschluss des amtlichen Entmündigungsverfahrens, am 19. Oktober 1958, bricht Lina in ihren neuen Lebensabschnitt auf. «Das Mädchen war heute erstmals an einer leichten Haushaltstelle in Althausen bei einer Frau Gauck, Ehefrau eines Konzertmeisters, wo zwei grössere Kinder vorhanden (1 davon ist in einem auswärtigen Internat) und zudem vier vorschulpflichtige Kinder. Da die Frau bis jetzt alles allein gemacht hat und sich nur jetzt, nachdem ein 7. Kind unterwegs ist, eine Hilfe nehmen will, sollte es für das Mädchen, das zum Nachtessen in der Anstalt zurück sein muss, nicht zu viel werden. Sie kam heute jedenfalls ganz begeistert zurück und wir hoffen, dass es weiter gut geht, sodass dann eventuell die Entlassung ins Auge gefasst werden könnte. Hat vorläufig nur Fr. 40.–Lohn.»
Der Start scheint also geglückt, und einen Monat später entscheidet die Klinikleitung, Lina nach knapp acht Monaten Aufenthalt zu entlassen. «20.11.58 Nachdem es mit der Pat. in der Familie Gauck über einen Monat gut gegangen ist und auch das Verhältnis zwischen Arbeitgeberin und Lina Zingg verständig ist, schreiben wir sie heute ab.» Im abschliessenden Eintrag der Krankenakte wird Lina medikamentenfrei und als «sozial geheilt» entlassen. Diesen Status bekommen jene Patientinnen und Patienten, die gemäss Medizinerhandbuch «arbeitsfähig und angepasst in ihr früheres Milieu zurückkehren» können. Er wird bei Klinikaustritten sehr verbreitet verwendet und spiegelt die passgerechte Entlassungspraxis im Einklang mit Manfred Bleulers Heilungstheorie bei Schizophrenie. Die Entlassenen sollen vor allem arbeiten, schreibt dieser, und propagiert die Vermeidung von Langeweile und die Erziehung zur Arbeit als erfolgreiche Langzeittherapie. Auf dem Deckblatt von Linas Krankenakte steht bei ihrer Entlassung die mit handschriftlichem Schwung in Schwarz hingemalte Diagnose Hebephrenie und Debilität. Sie wirkt wie eine Kalligrafie. Damit ausgerüstet startet Lina in ihr neues Leben. Bei der Familie des Konzertmeisters Gauck mit ihren bald sieben Kindern. Die Frau des Hauses zeigt sich erfreut über die neue Hilfe, die ihr nun täglich unter die Arme greifen wird. Genau so, wie sich dies Vater Zingg für seine Familie auch gewünscht hat.
III
Lina, das Dienstmädchen
Lina Zingg zieht direkt von der Klinik an die Untere Stationsstrasse in ein Mehrfamilienhaus nach Althausen. Ihre Herrschaft wohnt zuoberst, unter dem Dach, und die Dienstherrin schätzt es, den Einkauf für ihre Hungermäuler nicht mehr selbst die Treppen hochzuschleppen, umso mehr, als sie mit dem siebten Kind schwanger ist. Sie hat ihrer Bekannten am Empfangsschalter der Wiler Klinik versichert, es gehe ihr nur um eine leichte Unterstützung, sie habe den Haushalt bis anhin immer alleine geschmissen, der Älteste sei überdies bereits im Internat, es sei die erneute Schwangerschaft, die sie nach einer kleinen Hilfe Ausschau halten lasse. Dass vor Lina bereits eine alte Ida im Haus half und vorher eine Berty, hat sie verschwiegen, sie wollte keine unnötigen Fragen oder Bedenken, dass Lina überfordert sein könnte, provozieren. In diesen Zeiten ein anständiges Hausmädchen zu finden, ist schwierig genug, und eines zu derartig günstigen Konditionen ein eigentlicher Glücksfall.
Ein kurzer Blick in die Geschichte der Dienstboten bestätigt, dass Frau Gauck ihr Glück zu Recht zu schätzen weiss. Der Mangel an willigem Personal beschäftigte die bürgerlichen Haushalte nämlich das ganze 20. Jahrhundert. Erst im letzten Drittel eröffnete der globalisierte Arbeitsmarkt neue Möglichkeiten der Anwerbung von billigen – oft illegalen – Haushalthilfen.8 Vorher mussten die begehrten jungen Frauen aus den hiesigen Bauernstuben und Arbeiterküchen rekrutiert werden, jedoch pflegten sie der schlecht bezahlten und unattraktiven Tätigkeit so schnell wie möglich wieder zu entfliehen. Dienen in der Fremde bedeutete viel Arbeit ohne grossen Dank, kümmerliche und kaum geregelte Freizeit, es hiess, sich fremdem Willen und ebensolchen Ordnungssystemen zu unterwerfen, gekoppelt mit meist unfreiwilligem Familienanschluss und Verlust von Privatsphäre. Und es hiess ausserdem, mit der Herrin in Konkurrenz punkto Schönheit und Kleidung zu geraten, die eigenen Liebesgeschichten der moralischen Kontrolle der Hausherrschaft zu unterstellen, gleichzeitig aber wie selbstverständlich den Übergriffen durch die Männer im Haus ausgesetzt zu sein, sei es im begehrlichen Blick oder im handfesten Tun – und dies im Schweigebann hinter verschlossenen Haustüren auch noch zu tolerieren. Ein vielschichtiges Leistungspaket also zu einem denkbar schlechten Lohn.
Dienstbotenarbeit war unattraktiv, schon zu Beginn des Jahrhunderts, und blieb es, selbst in der Krisenzeit zwischen den beiden grossen Kriegen. Die propagandistisch und bildungspolitisch aufgezäumten Offensiven schafften es nicht, die arbeitslosen Frauen in den häuslichen Sektor abzuziehen; weder das neu eingeführte hauswirtschaftliche Fortbildungsobligatorium, die sogenannte Rüebli-RS, noch später die nationalen Kampagnen überzeugten – trotz bundesrätlichem Redeschmaus, etwa bei der bekannten 1.-August-Rede von Marcel Pilet-Golaz, der 1934 mit glühenden Worten den häuslichen Dienst als vaterländische Frauenpflicht beschwor. Später dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Jahren prosperierender Konjunktur, hatten die schönen Bemühungen erst recht ausgespielt, es zog die jungen Frauen weit mehr in die modernen Büros und an die Kassen der modischen Warenhäuser als hin zu krittelnden Hausherrinnen an Putzkessel und Herd. Ende der 1950er-Jahre dann, als Lina ihre Dienste im Hause Gauck antrat, nahm der Dienstbotenmangel gar noch zu, man holte sich die begehrten Kräfte auch aus Österreich und Deutschland, denn trotz aller modernen Haushaltshilfen wie Waschmaschine, Staubsauger und Bügeleisen blieben Hausmädchen unersetzlich und waren auf dem Arbeitsmarkt gesucht.9
«A bissrl schwindeln derf ma immer», wird sie sich also gedacht haben, die Maria Gauck, geborene Leipner und gebürtige Salzburgerin, als sie Lina ins Haus geholt hat. Das Leben war halt nicht immer ganz ordentlich, auch das ihre nicht, sie, die vom Krieg als Reichsbahnangestellte in das von Hitler besetzte Posen gespült worden und von dort, der Liebe folgend, mit einem Zwischenhalt in Halle und Oldenburg, schliesslich als Flüchtling in der Schweiz gelandet war. Zusammen mit ihrem Mann Friedrich Gauck – ein Deutscher mit Voralberger Mutter und Appenzeller Kindheit, ein begabter Geiger, Sohn eines deutschen Militärmusikers, den es nach seinen Kindheitstagen in der Ostschweiz zu Studienzwecken nach Wien getrieben hatte und der dann als junger Mann in die Irrungen und Wirrungen des Kriegs geriet – schaffte es die junge Frau noch vor Kriegsende, sich in die rettende Schweiz abzusetzen. Sie hätten beide erst arg unten durch müssen, mit mühsamen Jobs und wenig Geld, bevor ihr Gatte Friedrich sich schliesslich standesgemäss etablieren konnte, als Konzertmeister, der die erste Geige spielt, und als Musiklehrer. In etwa so erzählte Maria Gauck jeweils, in seltenen Momenten, ihren Kindern die Geschichte ihrer Einwanderung.
Das Dienstmädchen Lina interessiert sich nicht sonderlich für die Historie ihrer Herrschaft, sie ist genug beschäftigt mit all dem Neuen in dieser Musikerfamilie, eine vollkommen unbekannte Welt, die sie fasziniert und auf Trab hält. Nicht nur liegen hier Bücher herum, und es wird musiziert. Nicht nur gibt es hier eine Frau, die mächtig gut reden kann, und Gäste, die ordentlich mithalten. Hier ist überhaupt alles anders. Neben den Tellern liegen artig Servietten, direkt aus dem Wasserhahn fliesst heisses Wasser, hier muss nicht erst Holz geschleppt und ein Herd eingefeuert werden, bevor man Kartoffeln aufsetzen kann. Hier riecht es nicht nach Stallmist und ewiger Milchsäure, hier ist alles angenehm sauber. Und die Benutzung des Badezimmers mit den weissen Kacheln ist auch der Dienstmagd Lina erlaubt. Die täglichen Hausarbeiten sind zwar dieselben wie früher daheim, und dennoch sind sie ganz anders. Bei Frau Gauck werden die Hemden sorgfältiger gebügelt, wird die Wäsche anders gefaltet, wird vor dem Auftischen ein Tischtuch ausgelegt. Und auch die Menüs sind ihr meistens neu, zum Beispiel die Pölschterli, wie Frau Gauck ihre Hackfleischbällchen zu nennen pflegt, oder die Powidltascherl, Zwetschgenküchlein nach Salzburger Art.
Zu den Kindern findet Lina schnell ihren Weg, sie mag die kleinen Wesen, den zweijährigen Udo, der noch immer viel zu oft über seine Füsschen stolpert, die dreijährige Maria, die schon ganz schön keck daherreden kann, dann die fünfjährigen Zwillinge, Emil und Gerolf, die im Wettlauf dirigieren und geigen, genauso wie ihr Vater. Auch die schon ein wenig pubertierende Elisabeth, die zu ihren Schularbeiten motiviert werden soll, findet bei Lina ein Plätzchen. Einzig der 16-jährige Klaus, der im Internat lebt und nur an wenigen Wochenenden nach Hause kommt, bleibt ihr fremd. Lina, die schon immer ein Herz für Kinder hatte, fühlt sich also bald einmal wohl in der quirligen Schar und in der neuen Familie. Und die so anders beschaffene Welt hilft ihr, die grauen Wände und die weissen Kittel aus der Zeit in der Klinik zu vergessen – genauso wie das monotone Sirren der Schiffli aus der Zeit davor, als sie im Nachbardorf in die Weberei ging und die öden Tage kein Ende nehmen wollten. Dass für Lina an ihrem neuen Dienstort kein eigenes Zimmer übrig bleibt, ist für sie, die an Enge gewohnt ist, nicht weiter schlimm. Ausserdem steht sie morgens als Erste auf, geht abends als Letzte ins Bett, da genügt das Sofa in der Stube durchaus für die kurzen Nächte.
Maria, die mittlere der Gauck-Töchter, auf den gleichen Namen getauft wie ihre Mutter, erinnert sich, obwohl damals noch sehr klein, punktuell an diese erste Zeit mit Lina. Plötzlich hiess es, so erzählt sie, Lina bleibe jetzt bei ihnen. Unvergesslich blieb ihr, dass sie das neue Dienstmädchen nachts schreien hörte und dass Mama erklärte, Lina habe Schlimmes erlebt, das würde sich legen. Und bis heute hat sie den einen Albtraum präsent, den Lina ihr später aus dieser Anfangszeit erzählte: Auf einem Förderband festgeschnallt, sei sie, Lina, in Richtung einer laufenden Säge gerollt worden. Im Übrigen, weiss Maria zu erzählen, sei Lina anfänglich sehr scheu gewesen, sie habe ihr manchmal geradezu leidgetan. Aber irgendwann habe sich eine Vertrautheit eingestellt, wie zu einer grossen Schwester, und wenn sich bei ihnen, den Kindern, der Hunger gemeldet habe, hätten sie alle zusammen lauthals gesungen «Lina, Lina, mier händ Hunger, Lina, Lina, mier händ Hung, mier händ Hu-u-unger!».
Die Dienstherrin Gauck, nicht ungern als Frau Konzertmeisterin angesprochen, kann mit ihrer Lina zufrieden sein. Sie ist das, was die Wiler Ärzte ihr attestiert haben, fleissig und arbeitsam, wenn man sie richtig anweist. Zudem zeigt sie sich gefügig, stellt keine unnötigen Fragen, begehrt nicht auf. Bei Dienstboten eine eigentliche Qualität. Zum Beispiel dann, wenn Lina für den täglichen Einkauf mehr als einen Kilometer laufen muss, hin zur Oberen Bahnhofstrasse, um dort im Denner das zu kaufen, was auch direkt im Haus zu haben wäre, unten, im Parterre bei Migros, wo aber das Einkaufen verboten ist. Es ist der Hausherr, der dies so will, nicht etwa aus Gründen der Qualität, sondern der Standespolitik: zu viele Spaghetti in den Regalen, zu viele Italienerinnen in der Warteschlange, so sieht es Friedrich Gauck.
Maria Gauck schätzt aber auch, dass das neue Hausmädchen gerne kocht, sich für die österreichische Küche interessiert und schnell kapiert, dass man in ihrem Haus nicht Nidle, sondern Schlagobers zum Kaffee serviert. Und selbst vom schweigsamen Herrn Direktor lässt sie sich instruieren, er wünscht alles mit einer deutschen Prise, zum Beispiel soll der Kopfsalat mit Zitronensaft und Zucker angerichtet sein.
Wann genau Direktor Gauck beginnt, nicht nur wegen der Salatsaucen und des Sonntagsbratens in die Küche zu steigen, sondern wegen der jungen, hübschen Lina, lässt sich im Nachhinein nicht mehr rekonstruieren. Der Missbrauch, der künftig regelmässig in des Direktors Schlafzimmer stattfinden und von seiner Frau gebilligt werden wird, beginnt vermutlich etwa ein Jahr nach Linas Ankunft in der Familie und sollte bis zur Scheidung des Paars, also rund 15 Jahre, andauern. Sind die Übergriffe anfänglich ein Ehegeheimnis, werden sie später im Scheidungskampf von Maria Gauck als Waffe eingesetzt. Zum Beispiel beim Buhlen um die Gunst der Töchter. Maria wird sich dabei als Opfer aufspielen, der Arzt habe ihr vor weiteren Schwangerschaften abgeraten, da habe ihr Friedrich sich halt anderswo bedient, eine immerhin passablere Lösung als das Fremdgehen ausser Haus, so wird sie später den Töchtern die Übergriffe erklären. Diese werden zutiefst verstört und schockiert sein, nur die Älteste sieht endlich bestätigt, was sie schon länger vermutet hat, da Mama an ausgewählten Tagen das Klappbett im Eheschlafzimmer aufzustellen pflegte und Lina beauftragte, heute lieb zum Konzertmeister zu sein.
Lina erzählt nach ihrer Befreiung von sich aus von den Übergriffen, meist sachlich und distanziert, manchmal ganz unvermittelt, mitten in einem Gespräch über die Geschicke der Gauck-Kinder oder die späteren Jahre in Zürich und im Tessin. In solchen Momenten scheint er plötzlich wieder da zu sein, «der Andere», wie sie ihn manchmal nennt, steht in ihrem Rücken, genau so wie beim ersten Mal, als sie bügelte und er sich von hinten an sie heranmachte, mit dem forschen Kommentar, dass sie dies ja sicherlich gerne möge. Und wenn man sie fragt, wie sie darauf reagiert habe, wendet sie blinzelnd den Kopf, verwirft ihre Hände und kehrt zurück in ihr Schweigen. Ahnungslos, dass sie diese gänzlich unerhörte Erfahrung mit all jenen Hausmädchen teilt, die seit je von ihren Dienstherren oder deren Söhnen missbraucht worden sind, ein patriarchales Recht sozusagen, das nur dann für Aufruhr sorgte, wenn die Ehefrauen eifersüchtig, die missbrauchten Frauen schwanger wurden. Im Falle von Lina Zingg hat die Gattin kooperiert – wie gekränkt sie auch immer gewesen sein mag – und sich sogar um die Verhütung gekümmert. Da der Herr Direktor es lieber ohne trieb, liess sie sich von Lina die Menstruationstage rapportieren und stellte das besagte Klappbett im Rhythmus ihrer unfruchtbaren Tage neben das Bett ihres Mannes.
So also gehen die ersten Jahre im neuen Leben von Lina Zingg dahin. Die Frau Direktor ist von Anfang an darauf bedacht, ihr Lineli, wie sie das Dienstmädchen nennt, radikal von der Herkunftsfamilie abzuschotten. Eine Rückkehr ins väterliche Haus muss mit allen Mitteln verhindert werden, schliesslich will sie die tüchtige und billige Magd bei sich behalten. Sie hat dabei leichtes Spiel. Telefonischer Kontakt aus Vorderberg wird observiert oder gar nicht zugelassen, anfängliche Besucher aus dem Rheintal werden schnell wieder vor die Tür gesetzt. Vater Hans hat – nach der Entmündigung als Vater und von Schamgefühl blockiert – in der Angelegenheit seiner Tochter resigniert und lässt den Dingen ihren behördlichen Lauf; der jüngere Bruder Sepp, schüchtern und sprachscheu, wagt keinen zweiten Gang zur harsch abweisenden Meisterin seiner Schwester. Und selbst eine ältere Cousine, die einmal einen Besuch unternimmt, verliert nach der frostigen Abfuhr an der Haustür ihre Courage.
Im Umgang mit Lina selbst zieht Maria Gauck verschiedene Register, um ihr Dienstmädchen zu kontrollieren und einzuschüchtern. Einmal ist sie streng, unbeherrscht und auch jähzornig, dann wiederum fürsorglich und mütterlich. Ab und zu holt sie gar die Würfel und lädt sie ein zum gemütlichen Spiel. Immer wieder aber warnt sie Lina in beharrlicher Eindringlichkeit vor ihren bösen Verwandten, allen voran vor ihrem Vater, der sie unbedingt zur Gratisarbeit in seinem Grosshaushalt und in die Öde der Weberei zurückholen wolle. Den Inzestverdacht setzt sie bei ihrer Gehirnwäsche nie ein, vermutlich weiss sie davon gar nichts. Sie kennt auch so genügend Wege, um Lina gefügig zu machen. Und hat sie gerade kein Argument zur Hand, droht sie mit einer erneuten Einweisung in die Klinik, weil man solche wie Lina sonst nirgends gebrauchen könne. Weder darauf noch auf die Rückkehr nach Vorderberg hat Lina auch nur die geringste Lust.
Während Linas Familie die Verbindung zu ihr vergeblich zu halten versucht, verlieren die Vorderberger Behörden nach der väterlichen Entmündigung das Interesse an ihrer Bürgerin. In ihrer Amtsstube geht das Mündel schlicht vergessen. Schmiedemeister Schmetzer, der Beistand, kümmert sich weder um die fremdplatzierte junge Frau noch um die anderen seinem Schutz unterstellten Zingg-Kinder. Sie hätten ihn nie gesehen, stellen die Geschwister später übereinstimmend fest. Er sei nie vorbeigekommen, man habe ihn allenfalls mal gesehen, wenn man mit dem Pferd zu ihm in die Schmiede gefahren sei, und – er habe gerne ein paar Gläschen zu viel getrunken.
Selbst als Lina am 2. April 1960 volljährig wird, ändert dies nichts am behördlichen Vergessen. Mit ihrem 20. Geburtstag endet die Vormundschaft durch Schmiedemeister Schmetzer, Lina ist nun eine freie junge Frau, die rechtlich selbstständig entscheiden kann. Oder könnte. Denn niemand meldet sich, um mit der nun mündigen Lina die Zukunft zu besprechen. Der Alltag läuft in der für Lina und ihre Herrschaft bewährten Spur weiter, ausser dass die dereinst als leicht angepriesene Hausarbeit immer schwerer wird. Denn längst ist das siebte Kind, die kleine Magda, geboren, das gibt mehr Wäsche zu waschen, mehr Zusatzbrei zu kochen und ein weiteres Kinderherz zu trösten. Zudem ist die Hausherrin nach der Geburt ihrer Jüngsten dabei, sich aus der leidigen Hausfrauen- und Mutterrolle zu verabschieden und ihre berufliche Zukunft einzufädeln. Tage- und wochenlang ist sie nun zur Weiterbildung unterwegs, psychologische Kurse ziehen sie nach Wien und Zürich, wo sie im Enge-Quartier neuerdings auch eine Wohnung angemietet hat. Die Haushaltsführung und Erziehung der Kinder überlässt sie – nebst ihrem Mann – grossmütig ihrer tüchtigen Lina.
Lina übernimmt den Sieben-Tage-Mutterdienst widerspruchslos, immer getrieben von den Ängsten, was ihr sonst alles blühen könnte im Leben. In ihrer angstbesetzten und intellektuellen Genügsamkeit bleibt sie das perfekte Dienstmädchen, gehorsam und fleissig, tüchtig und allzeit bereit – selbst zu Kurtisanendiensten, die inzwischen gelegentlich auch vom ältesten Sohn in Anspruch genommen werden. Lina fordert weder Freizeit noch einen eigentlichen Lohn, schliesslich geniesst sie Familienanschluss und darf ihrer Meisterin neuerdings Mami sagen. Sie geht nie alleine aus, an keine Chilbi und kein Tanzfest, wagt es nicht, mit fremden Menschen zu sprechen, das könnte gefährlich werden, diese Lektion hat sie verstanden.
Einzig die Steuerbehörde beginnt sich eines Tages, mehr als zwei Jahre nach ihrer Volljährigkeit, für die junge Frau zu interessieren. Eine lästige Störung für Maria Gauck, denn damit gerät Lina mit ihrem Lohn – der trotz Direktor als Arbeitgeber grotesk mager geblieben ist – in den öffentlichen Fokus. In den vier Dienstjahren, in denen Lina nun mit wachsenden Aufgaben und Verantwortlichkeiten im Hause Gauck arbeitet, hat sie gerade mal eine Erhöhung von 40 auf 50 Franken zugestanden bekommen. Das ist für ein Dienstmädchen von damals ein mageres Taschengeld, aber kein Lohn. Mindestens das Vierfache war üblich, Provinz hin oder her, und dies selbstverständlich bei geregelter Freizeit und auch etwas Urlaub.
Das Steuerformular aus Vorderberg kommt Maria Gauck aber noch aus einem anderen Grund ungelegen. Lina beginnt sich nämlich just in jener Zeit für ihre Mündigkeit und Freiheit zu interessieren, wie in der Krankenakte als Telefonnotiz nachzulesen ist. Die steuerliche Nachfrage könnte, so fürchtet Maria Gauck, die Vormundschaftsbehörde auf den Plan rufen. Sie weiss, was auf dem Spiel steht, und entscheidet sich für eine strategische Flucht nach vorn. Sie ruft in Wil an und lässt sich mit dem stellvertretenden Chefarzt Dr. Kranz verbinden. «Heute telefoniert Frau Dr. Gauck, bei der die Pat. seit ihrem Austritt von uns weilt als Hausgehilfin, dass die Gemeinde Vorderberg ein Steuererklärungsformular geschickt hat. Was zu tun sei, ob Lineli nicht ihre Papiere hier haben könne, ob man die Bevormundung aufheben könne etc. Lineli habe sich ganz an sie angeschlossen und wolle nur immer noch in ihrer Familie sein. Die Pat. wünsche so sehr die Aufhebung der Bevormundung. Andererseits sagt aber Frau Dr. Gauck, dass sie nicht glaube, dass die Pat. sich ohne das bestehende Attachement zurechtfinden könnte in der Welt draussen.»
Maria Gauck setzt ihren Schachzug taktisch klug. Sie erzählt dem Arzt grossmütig von Linas Wünschen nach Aufhebung ihrer Bevormundung, um dann im nächsten Atemzug ihre Unselbstständigkeit zu betonen, unterstreicht die Infantilisierung mit einem sanften Diminutiv und macht aus der 22-jährigen Lina das kleine Lineli. Die Arztnotiz, der erste Eintrag nach der Entlassung vor mehr als vier Jahren, verrät noch mehr über die subtilen Manipulationen von Linas Chefin, die es mit der Wahrheit bekanntlich nicht so genau nimmt. So ist aus der ehemaligen Reichsbahnangestellten eine Frau Doktor geworden, ein Titel, den weder sie noch ihr Mann je erworben haben. Bemerkenswert ist zudem, dass Maria Gauck von Linas Bevormundung spricht, obwohl sie gewusst haben muss, dass dies so gar nicht stimmt. Geschickt lenkt sie den Fokus auf die beklagenswerten Mängel in Linas Selbstständigkeit, begründet so auch den bescheidenen Lohn und rühmt sich ihrer Grosszügigkeit, dass sie für das Dienstmädchen, nebst Kost und Logis, auch noch die Zahnarztrechnungen übernehme und die AHV-Beiträge ausrichte. Bei Linas gesunden Zähnen und ihrem kümmerlichen Lohn allerdings ein lächerliches Sümmchen, was auch Dr. Kranz nicht verborgen bleibt. Dennoch geht ihre Taktik in den Grundsätzen auf: «Man kann sich fragen, ob die Pat. nicht doch erheblich unterbezahlt ist, andererseits ist die Hauptsache, sie fühlt sich wohl und zufrieden», notiert der Arzt abschliessend zu diesem Gespräch. Damit wird die Akte Lina Zingg in der Wiler Klinik für die nächsten zwölf Jahre wieder geschlossen.
In Vorderberg bleibt der behördliche Dämmerschlaf vorläufig ungestört. Maria Gauck baut die Abhängigkeit ihrer Lina zielsicher aus. Die zupackenden Hände des Hausmädchens sind inzwischen unentbehrlich geworden für die Umsetzung ihrer beruflichen Pläne. Denn Mutter Gauck hält nicht viel vom aktuell mit neuer Schwerkraft proklamierten Dreiphasenmodell der weiblichen Biografie, das für eine lange Phase der Hausfrauen- und Muttertätigkeit wirbt und den beruflichen Wiedereinstieg in eine ferne Zukunft vertagt, auf dann, wenn auch das letzte Kind flügge geworden ist. Der an der SAFFA mit viel Verve verkündete Slogan «Mein Heim – meine Welt» verfehlt bei ihr seine Wirkung. Sie will mehr und anderes, weiss um ihre Talente im Umgang mit Menschen, um die Macht ihrer charismatischen Aura und ist entschlossen, daraus einen Beruf zu machen. Aus der Frau mit kaufmännischer Ausbildung und der Hobby-Sängerin wird nach ein paar Jahren und ein paar psychologischen Kursen eine diplomierte Psychologin, den Titel schenkt sie sich mangels anerkannter Abschlüsse gleich selbst. Bereits 1964 eröffnet sie in Zürich ihre eigene Praxis, in ihrer Vierzimmerwohnung, an guter Adresse in Seenähe an der Beethovenstrasse.
Werktags ist die Frau des Hauses also immer weniger in Althausen bei ihrer Familie. Und Lina übernimmt mehr und mehr die Leitung des grossen Haushalts, unterstützt vom Herrn Konzertmeister, dessen Zudringlichkeiten sie in Routine erledigt wie den Einkauf oder den Wochenputz. Gemeinsam mit ihm macht sie die Menüplanung, je nach Laune stellt sich der Herr auch mal selbst an den Herd, die Hauptarbeit jedoch bleibt bei Lina, das Einkaufen und das Rüsten, die Wäsche und der Abwasch, das Fegen und Wischen, und auch das Trösten der Kinder und das Gutenachtritual. Denn mit Kindern kann Vater Gauck es ganz und gar nicht, für ihn sind sie Wesen von einem anderen Planeten. Er flieht vormittags in sein Musikzimmer, dorthin, wo seine Geige wartet, seine Musikpartituren und auch der geliebte Flügel, auf dem er täglich spielt. Und in dessen mächtigem Schatten sich die kleine Magda regelmässig versteckt. Unbemerkt schleicht sie jeweils in das verbotene Imperium, auf der Suche nach etwas väterlicher Nähe. Dieser Vater ist unendlich fern, bei Tisch schaut er die Kinder nicht an, es darf dort nicht gesprochen werden, das Streicheln zarter Kinderköpfchen ist für den Geiger Gauck ein Fingerspiel, das er nicht mal in Ansätzen kennt. Und abends, wenn es darum geht, die aufgeregten Kinderherzen in den nächtlichen Schlaf zu begleiten, ist er sowieso meist ausser Haus, an einer Probe oder einem Konzert.
Das Hausmädchen Lina muss also mit ihrer Beständigkeit ein Stück weit sowohl Vater wie Mutter ersetzen. Wobei für die Kinder kein Zweifel bleibt, dass Lina nicht Erzieherin, sondern Dienerin ist und dazu da, Wünsche zu erfüllen, Befehle auszuführen und Ende Woche der Frau Mama alles genau zu berichten. Die wichtigen Regeln, das wissen sie, setzen in diesem Haus andere, werktags der Hausherr mit seinen preussischen Prägungen, am Wochenende die heimkehrende Frau Gauck, die rauschend ins Haus fährt, eine mächtige Königin, bepackt mit Taschen voller Mohrenköpfe und anderer Süssigkeiten, mit denen sie Schuldgefühle abträgt und Kinderherzen einfängt. Er ist geizig, sie zeigt sich grosszügig. So weiss es Lina zu erzählen, so bestätigen es die jüngeren Kinder der Familie. Für Magda, die Jüngste, geraten diese Wochenenden oft zu eigentlichen Torturen. Erst wird Lina zum Wochenrapport zitiert, sie soll erzählen, was die Kinder so alles getan oder eben nicht getan haben, danach wird ordentlich gelobt und getadelt und bestraft. Tage der Abrechnung. Angereichert mit den unvermeidlichen Streitereien der Eheleute, bei denen die cholerische Maria Gauck ihren Mann regelmässig zur Schnecke macht. Lina bekommt dabei eindrücklich vorgeführt, dass es nicht lohnt, sich mit der Dame des Hauses anzulegen. Nicht als ihr Ehemann, nicht als ihr Kind und schon gar nicht als Dienstmädchen in ihren Gnaden. Und sie registriert, dass die Frau Konzertmeisterin, wenn es denn sein muss, ebenfalls zuschlagen kann, genau wie früher ihr Vater. Das macht ihre Ängste nicht kleiner.
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