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Zur Sache, Schätzchen
Lisa Wawrzyniak
&
Reinhold Keiner
Zur Sache, Schätzchen
Inhaltsanalyse eines ‚Jungen Deutschen Films’
MEDIA Net-Edition
Kassel
Produktion: 2011 MEDIA Net-Edition, Kassel
Copyright © 2011 by MEDIA Net-Kassel
www.medianet-edition.de
Printed in Germany 2011
Umschlagfoto: © Peter Schamoni
Umschlagestaltung/Satz: Silke Rappelt, Kassel
Druck und Bindung: CPI buchbücher.de gmbh
ISBN: 978-3-939988-09-0
Inhalt
Vorwort
Das ‚Oberhausener Manifest’ und der ‚Junge Deutsche Film’
Die ‚Neue Münchner Gruppe’
Zur Entstehungsgeschichte von ‚Zur Sache, Schätzchen’
Der Inhalt
Produktionsangaben
Sequenzplan
Anmerkungen zur Inszenierung
Analyse der Filmfiguren
Martin
Henry
Barbara
Anita
Die Polizisten
Victor Block
Bruno, Muller und ein Voyeur
Berufe der Filmfiguren
Milieus der Filmhandlung
Normen, Regeln, Werte und Moralvorstellungen
Sozialbeziehungen
Die Sprache der Hauptfigur Martin – Schwabinger Szenesprache wird sprachliches Allgemeingut
Zur damaligen Wirkung des Films
Schlussbetrachtung
Anmerkungen
Auswahlbibliografie
1. Bücher
2. Aufsätze, Zeitschriften- und Zeitungsartikel
3. Internet
4. Sonstiges
5. Medien
Biografische Skizze: Werner Enke – die Jahre bis 1968
Wieso ‚Gafler’? Ein Gespräch mit Peter Schamoni, 6. Oktober 2005, München
‚Für mich war diese Produktion eine höchst ungewöhnliche Art der Arbeit!’ Ein Gespräch mit Klaus König, 24. November 2010, München
Drehbuch ‚Zur Sache, Schätzchen’ (protokollarische Fassung, redigiert von Klaus Eder)
Bildnachweis
Vorwort
1967 – ein ereignisreiches Jahr, auch in der Bundesrepublik Deutschland. Im Januar wurde in Berlin/West die so genannte Kommune 1 gegründet, die sich als eine in das Alltagsleben umgesetzte Form der ‚Außerparlamentarischen Opposition’ verstand. Im Februar erhielt der bisher erfolgreichste deutsche Schlagersänger, Freddy Quinn, seine zehnte Goldene Schallplatte, ebenfalls in Berlin/West, während sich in Bonn, der Hauptstadt der Bundesrepublik, Vertreter von Arbeitnehmer- und Unternehmerverbänden auf Initiative des Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller zu informellen Gesprächen über eine ‚Konzertierte Aktion’ trafen, mit der die wirtschaftliche Rezession bekämpft werden sollte. Im März erhob die Aachener Staatsanwaltschaft Anklage gegen Angestellte des Herstellers des Schlafmittels ‚Contergan’, welches bei Einnahme durch Schwangere häufig zu Missbildungen bei Neugeborenen geführt hatte – außerdem wurde der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt als Nachfolger des im Februar verstorbenen Fritz Erler zum neuen Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion gewählt. Im April wurden im früheren Salzbergwerk Asse im Landkreis Wolfenbüttel zum ersten Mal in der Bundesrepublik radioaktive Abfälle ‚entsorgt’, im Alter von 91 Jahren starb Altbundeskanzler Konrad Adenauer. Im Mai wurde auf dem Bundesparteitag der CDU Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger zum Vorsitzenden und der ehemalige Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard zum Ehrenvorsitzenden gewählt, Ende des Monats kamen der persische Schah Mohammad Reza Pahlavi und seine Frau Farah Diba zu einem Besuch in die Bundesrepublik und nach Berlin/West. Im Juni starb in Berlin/West im Verlaufe einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien der Student Benno Ohnesorg, erschossen von einem Polizisten, außerdem begannen im Münchner Stadtteil Schwabing die Dreharbeiten für einen Film mit dem Arbeitstitel ‚Die Gafler’.
Aus ‚Die Gafler’ wurde im Laufe der Dreharbeiten der spätere Filmtitel ‚Zur Sache, Schätzchen’ – es war der erste Spielfilm der Regisseurin May Spils und ein Film, der wie kein anderer in dieser Zeit das Kinopublikum begeisterte und nachhaltige Auswirkungen auf das damalige Lebensgefühl – vor allem der jungen Generation – hatte. ‚Zur Sache, Schätzchen’ wurde 1968, nach seiner Uraufführung Anfang Januar, nicht nur der Überraschungserfolg an den Kinokassen, er wird heute als ‚Der Kultfilm der 68ziger – der 68ziger Kultfilm’ etikettiert.
Im kulturellen Bereich entstanden in diesem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Westdeutschland viele neue Bewegungen und gerade der Film wurde durch das so genannte Oberhausener Manifest vollkommen neu definiert. Ausgangspunkt dieser filmischen Erneuerung war die Stadt München, wo viele der Vertreter des ‚Oberhausener Manifests’ wohnten und arbeiteten, ebenso wie die Regisseure der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’, die bereits wieder eine neue, jüngere Generation von Filmemachern repräsentierten. Zu dieser Generation – und zur ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ – gehörte auch die Filmemacherin May Spils, die ihren Wohnort, den Münchner Stadtteil Schwabing, auch zum vorrangigen Drehort ihres ersten Spielfilms machte.
Fast 40 Jahre nach den Dreharbeiten beschäftigte sich die Studentin Lisa Wawrzyniak in einer wissenschaftliche Arbeit am ‚Institut für Germanistik’ der ‚Justus-Liebig-Universität Gießen’ mit den Zeitgeist-Spiegelungen und Zeitgeist-Anregungen dieses Films – im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse dieses ‚Jungen Deutschen Films’. Nach einer ‚Analyse der Filmfiguren’, der Behandlung der ‚Berufe der Filmfiguren’ und einer Beschreibung der ‚Milieus der Filmhandlung’ reflektierte die Arbeit u. a. auch über ‚Normen, Regeln und Moralvorstellungen’ und die dargestellten ‚Sozialbeziehungen’. Ein essenzieller Bestandteil der Arbeit war der Sequenzplan, anhand dessen sich viele Äußerungen und getroffene Feststellungen detailliert nachprüfen ließen. Zugleich gab der Sequenzplan den Inhalt des Films wieder. Die verwendete Sprache in ‚Zur Sache, Schätzchen’, konkret die seiner Hauptfigur, wurde in einem eigenen Kapitel thematisiert, da viele der benutzten Wörter und Sätze in den allgemeinen Sprachschatz vorwiegend der jungen Generation eingingen.
Die wissenschaftliche Arbeit wurde die Grundlage dieses Buches, gemeinsam überarbeitet und ergänzt durch Lisa Wawrzyniak und Reinhold Keiner. Die Arbeit am ‚Schätzchen’-Buch wurde so ein Zwei-Generationen-Projekt, trafen sich doch hier nicht nur Tochter und Vater, sondern auch ein ‚hartnäckiger’ Vertreter der ewig verspäteten ‚Generation Z’ 1 und eine Vertreterin der – allerdings hier westdeutschen – ‚Generation 89’, die ihre entscheidenden Sozialisations- und Bildungserfahrungen nach dem Zusammenschluss der bis 1989 getrennt existierenden deutschen Staaten machte.
Schlichen die älteren Angehörigen der ‚Generation Z’, auch ‚Zaungäste’ genannt, in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts vorrangig in die Kinos, um sich in den ‚Schulmädchenreports’ und den so genannten Aufklärungsfilmen neueste Informationen über den soziokulturellen Stand der Dinge einzuholen, entsprach ein Film wie ‚Zur Sache, Schätzchen’ eher dem gegen die Elterngeneration revoltierenden Grundgefühl der älteren Geschwister, kamen die Angehörigen der ‚Generation 89’ schon nicht mehr in den Genuss dieses Films, da er in den Kinos nicht mehr lief, schlichtweg mittlerweile fast völlig unbekannt war – und weitgehend immer noch ist, trotz gelegentlicher Ausstrahlung in den ‚Dritten Programmen’ der Öffentlich-Rechtlichen Fernsehanstalten. Ein häufig wiederkehrendes Déjà-vu-Erlebnis: Spricht man Angehörige der ‚Generation 89’ und auch jüngere Generationen auf diesen Film an, erhält man häufig die Antwort, dass es sich doch wohl um einen ‚Softporno’ handele, wird cineastisch leichtsinnig von einem unter Marketing-Gesichtspunkten überaus erfolgreichen Titel auf den Inhalt des Films zurückgeschlossen.
Rebellion und Autoritätskonflikt, die in ‚Zur Sache, Schätzchen’ eine wesentliche Rolle spielen, sind für die auf die ‚Generation Z’ folgenden Generationen bereits Fremdwörter aus einem anderen Jahrhundert geworden – gehören Lebenserfahrungen mit gesellschaftlichen Brüchen, sozialen Konflikten und harten persönlichen Auseinandersetzungen für diese Generation nicht mehr zum wesentlichen ‚Schmierstoff’ der eigenen biografischen Entwicklung. Die Vertreter der ‚Generation Z’ schauen dagegen eher mit verklärten Blicken auf einen Film, der eine Sehnsucht nach einer persönlichen Freiheit postulierte, die so wohl nur Mitte der 1960er Jahre darstellbar und forderbar war, während sie selbst bereits einige Jahre später schon auf dem Rückzug in die ‚Neue Innerlichkeit’ endloser beziehungstheoretischer Selbstanalysen waren.
Zur besseren Schilderung des damaligen Zeitgefühls – hier konkret: in München-Schwabing – und der ergänzenden Darstellung der Hintergründe der Entstehung des Films befindet sich im Anhang des Buches ein Interview mit dem Produzenten von ‚Zur Sache, Schätzchen’, Peter Schamoni. Sein Hauptdarsteller und Mit-Drehbuchautor, Werner Enke, erhielt ein eigenes Kapitel, eine so genannte Biografische Skizze, die im Wesentlichen auf einem Interview beruht, das, wie auch das Peter Schamoni-Interview, digital aufgezeichnet, anschließend transkribiert und bearbeitet wurde.
Im Anhang abgedruckt ist auch eine protokollarische Drehbuchfassung des Films, die zum ersten Mal 1968 in einer Ausgabe der Zeitschrift ‚Film’ abgedruckt wurde, redigiert von dem in München lebenden Filmjournalisten Klaus Eder.
Die Zitate und die protokollarische Drehbuchfassung wurden in moderater Weise der aktuellen deutschen Rechtschreibung angepasst. Die Jahreszahl bei der Erwähnung von Filmtiteln bezieht sich immer auf das Datum der Uraufführung des jeweiligen Films.
Das Buch wäre ohne die engagierte Mitarbeit von Werner Enke und des Produzenten Peter Schamoni in der vorliegenden Form nicht zustande gekommen. Ihnen gilt unser besonderer Dank sowie Frau Uschi Rühle vom ‚Deutschen Filminstitut – DIF’ in Frankfurt am Main für Hilfestellung bei der Zusammenstellung der Auswahlbibliografie. Cornelius Lemke kümmerte sich um die korrekte technische Abwicklung für die digitale Aufzeichnung der Interviews. Bernd Brehmer vom Münchner ‚Werkstattkino’ begab sich – erfolgreich – auf ‚Ausgrabungsarbeiten’ nach einem Handzettel für die Filmreihe ‚Frühling in München’ aus dem Jahr 1998. Gert Bühringer vom SWR erinnerte sich in einem Telefonat mit einem Schmunzeln an die Dreharbeiten eines von ihm 1989 realisierten Fernseh-Porträts über Werner Enke; eine Kopie der Sendung stellte er freundlicherweise auf einer DVD zur Verfügung. Klaus Eder gab dankenswerterweise sein Einverständnis zum erneuten Abdruck seiner protokollarischen Drehbuchfassung aus dem Jahr 1968. Dr. Udo Engbring-Romang las die verschiedenen Entwürfe der Arbeit und brachte sich mit vielen Anregungen in das Projekt ein. Silke Rappelt übernahm Umschlaggestaltung und Satzarbeit, wie immer kreativ, akribisch und engagiert!

Faksimile des ,Oberhausener Manifests‘
Das ‚Oberhausener Manifest’ und der ‚Junge Deutsche Film’
‚Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.’ So endet das so genannte Oberhausener Manifest, das am 28. Februar 1962 26 Literaten, Künstler und Kurzfilmregisseure während der ‚VIII. Westdeutsche(n) Kurzfilmtage Oberhausen’ unterzeichneten – unter ihnen Rob Houwer, Alexander Kluge, Hansjürgen Pohland, Edgar Reitz, Peter Schamoni, Haro Senft, Franz-Josef Spieker, Hans Rolf Strobel, Heinz Tichawsky und Herbert Vesely1:
Wir erklären unseren Anspruch, den neuen deutschen Spielfilm zu schaffen. Dieser neue Film braucht neue Freiheiten, Freiheit von den branchenüblichen Konventionen. Freiheit von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner. Freiheit von der Bevormundung durch Interessengruppen. Wir haben von der Produktion des neuen deutschen Films konkrete geistige, formale und wirtschaftliche Vorstellungen. Wir sind gemeinsam bereit, wirtschaftliche Risiken zu tragen. 2
Das ‚Oberhausener Manifest’ proklamierte revolutionär-ideologische Vorstellungen vom neuen Kino. Ein ‚neuer’ deutscher Film wurde ausgerufen.
Im deutschen Film nach 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, gab es keinen formalen und inhaltlichen Neuanfang. Das Ensemble, das schon den nationalsozialistischen Film gestaltet hatte, von den Darstellern über die Regie bis zum technischen und künstlerischen Personal, fand sich weitgehend – fast eins zu eins – im westdeutschen Nachkriegsfilm wieder. Auf der Leinwand dominierte, von einigen so genannten Trümmerfilmen vor 1950 abgesehen, die leichte Unterhaltung. Von den durchaus vorhandenen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in den Aufbaujahren nach dem Krieg war im westdeutschen Nachkriegsfilm – bis auf wenige Ausnahmen – kaum etwas zu sehen. Die Kinofilme der Adenauer-Ära und (Post-)Adenauer-Ära waren abgewandt von den Konflikten einer sich entwickelnden modernen Gesellschaft.
‚Einheitsware’ beherrschte den deutschen Filmmarkt: Heimatfilme, Schlagerfilme, Lustspiele, Kriminal- und Abenteuerfilme dominierten auf der Kinoleinwand. Am kommerziell erfolgreichsten wurden, in den 1960er Jahren, Filmserien nach literarischen Vorlagen der Autoren Edgar Wallace und Karl May. Die Filmserien setzten dem doch eher grauen Alltag der 1950er- und 1960er Jahre reichlich Exotik und Fremdheit gegenüber und wurden so zum filmischen Spiegel einer verunsicherten Gesellschaft. ‚Deutsche Helden’ sah man nun häufig als so genannte Westmänner im amerikanischen ‚Wilden Westen’ oder als Mitarbeiter der legendären Londoner Polizei Scotland Yard agieren. Das Kinopublikum dieser Zeit flüchtete in die Sicherheit einer festgefügten filmischen Welt, in die reine Unterhaltung.3
Neben den Aspekten Exotik und Fremdheit tauchte in den Filmen der Zeit ein weiteres Phänomen auf: Fernweh. Zahlreiche Filme boten dem Zuschauer die Möglichkeit, einer Heimat zu entfliehen, die ihm klein und provinziell erschien und die mit einer längst noch nicht verarbeiteten Vergangenheit zu kämpfen hatte. Schiffe, Flughäfen und Bahnhöfe wurden zu beliebten filmischen Locations und die große weite Welt den daheimgebliebenen Filmzuschauern in schönen Postkartenbildern gezeigt. Dabei wurde jedoch vor keinem nationalen Stereotyp zurückgeschreckt und in der ‚filmischen’ Ferne meldete sich immer wieder die Sehnsucht nach der verlassenen Heimat.4
Nur wenige Filmproduktionen dieser Zeit thematisierten kritisch die jüngste deutsche Vergangenheit, den Nationalsozialismus und seine Auswirkungen. Filme wie ‚Es geschah am 20. Juli’ (1955) von G. W. Pabst, der das fehlgeschlagene Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 behandelte, ebenso wie der zeitlich parallel gedrehte Falk Harnack-Film ‚Der 20. Juli’ (1955), oder ‚Rosen für den Staatsanwalt’ (1959) von Wolfgang Staudte, ein Film über die personelle Kontinuität vom Nationalsozialismus in das vermeintlich ‚entnazifizierte’ Deutschland‚ fanden zwar Zuschauer, blieben thematisch aber eher die Ausnahme. Das Genre des deutschen Kriegsfilms erlebte Ende der 1950er Jahre seinen Höhepunkt mit der Produktion ‚Hunde, wollt ihr ewig leben’ (1959).
Die Mehrheit der bundesrepublikanischen Zuschauer erfreute sich an Heimatfilmen wie ‚Schwarzwaldmädel’ (1950), der ersten deutschen Farbproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg und der ‚Klassiker’ der Heimatfilmwelle der 1950er Jahre, oder an ‚Grün ist die Heide’ (1951), dem größten Filmerfolg der Kinosaison 1951/52. Beide Filme drehte der Regisseur Hans Deppe; die Hauptdarsteller Sonja Ziemann und Rudolf Prack wurden ein weiteres Traumpaar des Kinos der Adenauer-Ära, neben z. B. Maria Schell und O. W. Fischer sowie Ruth Leuwerik und Dieter Borsche. Manfred Barthel, der über drei Jahrzehnte den deutschen Nachkriegsfilm als Filmkritiker, Dramaturg und Produktionschef beim Gloria- und Constantin-Filmverleih begleitete, über diese Zeit:
Für die nächsten Jahre hieß das Rezept für Kassenerfolge: ‚Das Vaterland ist tot, es lebe die Heimat. Vergesst das Volkstum - seid volkstümlich.’ Um es im Branchen-Jargon der damaligen Zeit zu sagen: Es wurden Heimatfilme gedreht, dass die Heide wackelte. […] Die dramaturgische Ausbeute der Volkslieder-Sentimentalität war nicht nur ein Treffer ins deutsche Kinogänger-Gemüt, sondern mit ihr war auch ein Themenkreis gefunden worden, in dem die deutsche Filmproduktion konkurrenzlos war. Heimatfilme waren das einzige, was der deutsche Film der ungebremsten Flut ausländischer Filme entgegensetzen konnte, ohne einen Qualitäts-Vergleich riskieren zu müssen, denn dergleichen hatte das Ausland nicht zu bieten. 5
Der größte Skandal des deutschen Nachkriegsfilms wurde der von Willi Forst inszenierte Film ‚Die Sünderin’ (1950) – aufgrund einer kurzen Nacktszene der Schauspielerin Hildegard Knef und der filmischen Thematisierung von Prostitution und Selbstmord. Rolf Thieles Film ‚Das Mädchen Rosemarie’ (1958), in dessen Mittelpunkt eine Prostituierte stand und ein weiterer Skandalfilm der Wirtschaftswunderzeit, war dagegen eher ein plakativer Bilderbogen über den Aufstieg und Fall einer Lebedame, ein satirischer Politthriller ohne kritische Aussage, und, so eine zeitgenössische Kritik, „statt Einsichten zu vermitteln, kapriziert sich der Film darauf, sein Publikum das Gruseln zu lehren. […] Alles in allem: ein Film, der die herrschenden Tabus nicht bricht, sondern sie befestigt, indem er um sie herumredet als gäbe es sie nicht.“6 Internationales Renommee erreichte nur der 1959 uraufgeführte Antikriegsfilm ‚Die Brücke’, realisiert von dem Schauspieler und Regisseur Bernhard Wicki. ‚Die Brücke’ wurde mehrfach ausgezeichnet und auch 1960 für den ‚Oscar’ nominiert, in der Kategorie ‚Bester ausländischer Film’.
Mitte der 1950er Jahre erreichten die Film-Produktions- und Kino-Besucherzahlen ihren Höhepunkt. 1955 wurden 128 Spielfilme produziert, elf Jahre später, 1966, nur noch 60. Während man 1956 noch 817,5 Millionen Kinobesucher pro Jahr zählte, waren es 1967 nur noch 243 Millionen. Ein Grund für die stark absinkenden Zuschauerzahlen war, dass die Kinobesucher immer jünger wurden. Die Altersgruppe, die 1961 regelmäßig ins Kino ging, waren die 16- bis 29-Jährigen, von diesen wiederum am häufigsten die 16- bis 24-Jährigen. Die ältere Generation, die in den 1950er Jahren noch das Gros der Kinobesucher gestellt hatte, entdeckte das so viel bequemere neue Massenmedium Fernsehen für sich. Immer mehr Kinos mussten ihren Geschäftsbetrieb aufgeben: 1960 gab es noch 6.950 ortsfeste Filmtheater, 1969 nur noch 3.739.7
Der wirtschaftliche Niedergang im westdeutschen Film beschleunigte sich auch durch die Schließung von bis dahin erfolgreichen Filmproduktionsfirmen: So stellte 1961 die Göttinger ‚Filmaufbau’, die von 1949 bis 1961 rund 100 Filme hergestellt hatte, darunter auch etliche künstlerisch anspruchsvolle Filme wie zum Beispiel ‚Liebe 47’ (1949), ‚Königliche Hoheit’ (1953), ‚Wir Wunderkinder’ (1958), ‚Buddenbrooks’ (1959), ‚Rosen für den Staatsanwalt’ (1959), ihren Produktionsbetrieb ein; die beiden größten westdeutschen Produktionsfirmen, die ‚Ufa’ und die ‚Deutsche Film Hansa’, vereinigten sich zwar zur ‚Ufa-Film-Hansa’, aufgrund großer finanzieller Verluste brach diese neue Produktionsgemeinschaft aber schon im Januar 1962 wieder zusammen. Der deutsche Marktanteil im Kinogeschäft sank auf 28,5 %.
Auch international konnte der deutsche Film kaum reüssieren; so wurden zum Beispiel alle fünf von der Bundesrepublik Deutschland für die ‚Biennale’ 1961, die ‚22. Internationalen Filmfestspiele Venedig’, angebotenen Filme von der venezianischen Auswahlkommission abgelehnt – ein ‚Schicksal’, das die Bundesrepublik Deutschland in diesem Jahr allerdings mit Schweden, Spanien und Argentinien teilte.
Das Verblassen des in den 1950er Jahren durchaus vorhandenen Starkultes, das immer mehr absinkende künstlerische Niveau der Filme, das Ausbleiben großer ‚künstlerisch wertvoller’ Filme und das Vorherrschen anspruchsloser Konfektionsware von Serienfilmen ließen die deutsche Filmwirtschaft in eine tiefe wirtschaftliche und künstlerische Krise schlittern. Für die neue, junge Generation der Kinogänger fehlten – in der Bundesrepublik Deutschland – am Anfang der 1960er Jahre die Identifikationsangebote, sowohl an Stars als auch an zeitgemäßen Inhalten.
Während selbst einige bundesdeutsche Politiker den deutschen Filmproduktionen inhaltliche und formale Einfallslosigkeit bescheinigten, gab es – teilweise bereits seit den 1950er Jahren – im europäischen und außereuropäischen Ausland künstlerisch einen Aufschwung oder eine Neuorientierung. Es entstanden neue Filmbewegungen wie die ‚Nouvelle Vague’ in Frankreich und das ‚Free Cinema’ in Großbritannien. Auch in Polen und der Tschechoslowakei realisierten junge Regisseure ihre ersten abendfüllenden Spielfilme. In Brasilien formierte sich in den späten 1950er Jahren das ‚Cinema Novo’ und in den USA entstand das ‚New American Cinema’. Dies war aber keine einheitliche Bewegung.
So fühlte sich das ‚Free Cinema’ in Großbritannien britischen Traditionen verpflichtet, z. B. dem Dokumentaristen Humphrey Jennings, und der italienische Film knüpfte an den Neorealismus und sein Hauptthema an, die Verbundenheit des Menschen mit seinem sozialen Milieu und mit der Natur. Die französische ‚Nouvelle Vague’ betonte die Autonomie des Autors bei der Herstellung (s)eines Films, während die Bewegung an der amerikanischen Ostküste deutlicher als alle anderen mit bestehenden Traditionen brach und folgerichtig auch immer eine ‚oppositionelle Schule’ blieb, außerhalb des Systems der amerikanischen Filmwirtschaft.8
Die meisten in Deutschland lebenden Filmschaffenden nahmen die neuen europäischen und außereuropäischen Filmbewegungen zunächst kaum wahr, schotteten sich gegenüber inhaltlichen und formalen Impulsen ab, entzogen sich den kreativen Tendenzen der ‚filmischen Gegenwart’, möglicherweise, weil sie sich nicht mehr zutrauten, diese zeitgemäß verarbeiten zu können.9 Zudem war die etablierte, aber wirtschaftlich kränkelnde deutsche Filmindustrie an einer inhaltlichen und formalen Erneuerung des deutschen Films nicht interessiert. Vielleicht fürchtete sie die Konkurrenz durch neue Produktionsformen und eine weitere Schwächung der eigenen Marktmacht.
Die Gruppe, die während der ‚VIII. Westdeutsche(n) Kurzfilmtage Oberhausen’ 1962 das ‚Oberhausener Manifest’ deklarierte, bildete sich im Wesentlichen in München. Alle Regisseure waren in München wohnhaft oder eng mit der Stadt verbunden. Sie gehörten derselben Generation an, waren alle um die 30 Jahre alt, kannten sich untereinander sehr gut und arbeiteten bei ihren filmischen Projekten oft in wechselnden Teams zusammen – sie bevorzugten sogar häufig die gleichen Drehorte. Dieser enge Kontakt schuf ein Gruppendenken, das im ‚Oberhausener Manifest’ seinen ersten kulturpolitischen Ausdruck fand.10
Die ‚Münchner Gruppe’, auch ‚Münchner Schule’ genannt, lebte und traf sich hauptsächlich im Stadtteil Schwabing. Dieser Gruppe war ein kleinerer personeller Zusammenschluss vorausgegangen, die von Haro Senft und Ferdinand Khittl 1959 initiierte Gruppe ‚Doc 59 – Gruppe für Filmgestaltung’. Ziel der Gruppe, deren Mitglieder vorwiegend im Bereich Kurz- und Dokumentarfilm erfolgreich tätig waren, war die Bemühung, filmkünstlerische Bestrebungen aktiv zu fördern, das allgemeine Interesse am kulturell wertvollen Film zu beleben und dies in der Öffentlichkeit zu propagieren und zu vertreten. Ein erster Schritt zu einer akademischen Filmausbildung wurde durch einen Lehrvertrag der Gruppenmitglieder Ferdinand Khittl, Raimond Rühl, Fritz Schwennicke, Franz Josef Spieker und Haro Senft mit der ‚Hochschule für Gestaltung’ in Ulm im Oktober 1961 eingeleitet.11 Viele spätere ‚Oberhausener’, wie auch die beiden Gründungsmitglieder Senft und Khittl, gehörten der ‚Gruppe für Filmgestaltung’ an.

Originalunterschriften ‚Oberhausener Manifest‘
Erste filmische Erfahrungen sammelten die jungen Filmemacher im Kurzfilm, der anfangs – besonders formal – durch starke Improvisation gekennzeichnet war. Auf Restmaterial, gedreht mit eigentlich bereits ausrangierten Kameras, wurden filmische Eindrücke festgehalten. Eine ’klassische’ Arbeitsteilung im Sinne eines Filmteams gab es nicht. Kurzfilme waren die einzige Möglichkeit, sich praktische Kenntnisse im Medium Film anzueignen. Der Filmjournalist Wilfried Berghahn 1963 über die ‚Münchner Gruppe’:
Sie benutzen nicht nur die gleichen optischen Motive, sie bearbeiten sie nicht nur mit den gleichen filmischen Methoden, die im wesentlichen Montagetechniken sind (der Film entsteht am Schneidetisch!), sondern berufen sich auch auf dieselbe historische Situation. Es sind alles Filme über die Bundesrepublik. Sie sind es bewusst und in jedem Falle. Selbst wenn der Schauplatz der Aufnahmen einmal außerhalb der deutschen Grenze liegt, bleiben die bundesdeutschen Verhaltensnormen im Mittelpunkt des Interesses. […] Weder die deutsche Nachkriegsliteratur, noch das Theater, vom Spielfilm ganz zu schweigen, bekennen sich so konsequent dazu, ein Kind der Bundesrepublik zu sein, wie der Münchener Kurzfilm. Ohne die durch das Wirtschaftswunder geschaffenen sozialen und optischen Normen wäre er undenkbar. 12
Ihre ersten Kurzfilme zeigte die ‚Münchner Gruppe’, die erst nach der Verkündigung des ‚Oberhausener Manifestes’ ‚Oberhausener Gruppe’ genannt wurde, auf den ‚Westdeutsche(n) Kurzfilmtage(n) Oberhausen’ sowie auf der in Mannheim stattfindenden ,Kultur- und Dokumentarfilmwoche’, beim ,Internationalen Experimentalfilm-Wettbewerb’ im belgischen Knokke und auf den Kurzfilmtagen im französischen Tours.
Mitglieder der Gruppe erhielten in Oberhausen Preise, so z. B. Alexander Kluge und Peter Schamoni 1961 den Hauptpreis für ihren 12 Minuten langen Kurz-Dokumentarfilm ‚Brutalität in Stein’. Sie wurden vom Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen finanziell gefördert, andere Filme von Gruppenmitgliedern fanden die Anerkennung der internationalen Kritik und bekamen zahlreiche Preise auf internationalen Festivals.
Alexander Kluge

Peter Schamoni
Aus finanziellen Gründen blieb es aber vorerst bei der Realisierung von Kurzfilmen, da die staatliche Förderung noch nicht für die Produktion eines abendfüllenden Spielfilms ausreichte. Die Chance, einen privaten Geldgeber zu finden, war gering. Das Risiko, einen Erstlingsfilm eines weitgehend unbekannten Regisseurs zu fördern, schien vielen potenziellen Geldgebern zu groß.
Die zentrale Motivation der ‚Münchner Gruppe’ für ihr Manifest war deshalb auch, durch ihren Zusammenschluss als Gruppe bessere Chancen für die Förderung ihrer eigenen Filmprojekte, insbesondere ihrer geplanten Spielfilmprojekte, zu bekommen.
Der Zusammenschluss als Gruppe war aber auch eine Reaktion auf die Tatsache, dass die jungen Filmemacher in der deutschen Filmindustrie dieser Jahre kaum berufliche Chancen bekamen. Zwanzig Jahre nach dem Manifest äußerte sich der Mitunterzeichner Edgar Reitz:
Der Spielfilm war ein unerreichbares Milieu, vollkommen verschlossen für Leute, die von außen kamen oder aus innerem Interesse versuchten, dort einzusteigen; eine hermetische, schicke Gesellschaft, noch aus Ufa-Zeiten stammend, an die man nicht herankam. Kurzfilm war improvisierbar, … , indem man sich da oder dort ein paar Meter Film besorgte, eine ausrangierte Kamera. Im Amerika-Haus (in München, d.V.) gab es einen Schneidetisch, den man nachts kostenlos benutzen konnte. Das waren unsere Produktionsmittel. 13
Zudem lehnten die ‚Münchner’ die Inhalte von ‚Papas Kino’ ab. Kritik an der Gesellschaft, Protest gegen das bestehende Gesellschaftssystem konnte man in ‚Papas Kino’ – bis auf wenige Ausnahmen – filmisch nicht formulieren.
Die Unterzeichner des Manifests importierten den von der französischen ‚Nouvelle Vague’ geprägten Slogan ‚Papas Kino ist tot’, der in Anlehnung an einen Ausspruch des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle, ‚Papas Algerien ist tot’, die Überschrift einer Rezension von Jean-Louis Bory zu Alain Resnais Film ‚Letztes Jahr in Marienbad’ war: ‚Le cinema de papa est mort’.14 Auch die Übernahme dieses Slogans zeigt deutlich die Neigung der späteren ‚Oberhausener’ zur französischen ‚Nouvelle Vague’, die in Theorie und Praxis den Autorenfilm propagierte, wo der Filmemacher zugleich Autor, Regisseur und möglichst noch Produzent sein sollte.
Der damalige Leiter der ‚VIII. Westdeutsche(n) Kurzfilmtage Oberhausen’, Hilmar Hoffmann, gab der ‚Münchner Gruppe’ die Möglichkeit, während der Kurzfilmtage Ende Februar bis Anfang März 1962, am 28. Februar, eine Pressekonferenz abzuhalten, „[…] bei der das zuvor in München formulierte und auf blauem Karton gedruckte Manifest von Ferdinand Khittl verlesen wurde. Diese öffentliche Verkündung des Manifests, an die sich eine Diskussion anschloss, die Alexander Kluge leitete, gilt heute – etwas pathetisch vielleicht – als die ‚Geburtsstunde’ des ‚Neuen Deutschen Films’.“ 15
Das ‚Oberhausener Manifest’ forderte Veränderungen auf zwei Ebenen. Einen in Inhalt und Stil neuen Film und Produktionsmöglichkeiten außerhalb des konventionellen deutschen Films, dessen künstlerischer und wirtschaftlicher Zusammenbruch einer von den Unterzeichnern abgelehnten Geisteshaltung sozusagen den Boden entzogen hatte.16 Auf der Agenda der nunmehrigen ‚Oberhausener’, die auf der anschließenden Diskussion verkündet wurde, standen auch die Gründung einer zentralen Kinemathek und einer Filmhochschule in der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem boten die 26 Unterzeichner des Manifests an, mit Hilfe einer Stiftung ‚Junger deutscher Film’ und einer Starthilfe des Bundes in Höhe von fünf Millionen DM zehn Spielfilme zu drehen.
Zentraler Programmpunkt des Manifests war das Konzept des Autorenfilms, bei dem der Filmemacher zugleich Autor, Regisseur und auch noch Produzent ist. Der Film wird aus der Erfahrung eines Autors oder auch eines Autorenkollektivs heraus hergestellt. Den Begriff des Autorenfilms, den es eigentlich schon fast seit Bestehen des Films gibt, übernahmen die ‚Oberhausener’ vom ‚cinema des auteurs’ der französischen ‚Nouvelle Vague’. Der französische Autorenfilm bestand allerdings nicht so stark auf der Rolle des Autors als Produzent, was sicherlich auch mit den größeren cineastischen Vorlieben der ‚Nouvelle Vague’ für das Hollywood-Kino und den in Frankreich für Filmemacher besseren Produktionsbedingungen zusammenhing.
Nur drei der Unterzeichner des Manifests hatten vorher bereits einen abendfüllenden Spielfilm gedreht: Hansjürgen Pohland, Ferdinand Khittl und Herbert Vesely. Hansjürgen Pohlands 1961 uraufgeführter Film ‚Tobby’, die Geschichte eines Jazzmusikers, der ein lukratives Angebot einer Konzertagentur als Schlagersänger ablehnt und lieber Jazzmusiker bleibt, war formal eine Mischung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm. Es gab weder professionelle Schauspieler, Kulissen, ein Studio oder ein Drehbuch. Der Film fand keinen Verleih für die Kinoauswertung und blieb so der damaligen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Bei der Produktion von Ferdinand Khittls Experimental-Spielfilm ‚Parallelstraße’ (1962) waren gleich mehrere ‚Oberhausener’ beteiligt. Das Buch schrieb zum Beispiel Bodo Blüthner, Kameramann war Ronald Martini. Wie auch Pohlands ‚Tobby’ fand dieser Essayfilm über das Leben, das Sterben, die Welt und die Zeit keinen Verleih.
Lediglich die Heinrich Böll-Adaption ‚Das Brot der frühen Jahre’ (1962) von Herbert Vesely, an der auch vier ‚Oberhausener’ beteiligt waren, fand den Weg in die Kinos der Bundesrepublik Deutschland; zudem wurde die Herstellung des Films durch den Filmfond des Landes Nordrhein-Westfalen mit einer Prämie von 100.000 DM gefördert.17 Der Grund lag sicherlich darin, dass es sich um die Verfilmung einer Erzählung des damals, neben Günter Grass, bekanntesten deutschen Schriftstellers handelte. ‚Das Brot der frühen Jahre’ erhielt insgesamt fünf Bundesfilmpreise, ‚Filmbänder in Gold’ für: ‚Zweiter Preis für einen abendfüllenden Spielfilm’, ‚Beste Hauptdarstellerin’ (Vera Tschechowa), ‚Beste Kameraführung’ (Wolf Wirth), ‚Beste Filmmusik’ (Attila Zoller, Joachim E. Behrendt), ‚Bester Nachwuchsregisseur’ (Herbert Vesely).
Trotz dieser Preise und seiner Nominierung für die Filmfestspiele in Cannes als deutscher Festivalbeitrag konnte ‚Das Brot der frühen Jahre’ die damalige deutsche Kritik nicht überzeugen, zumal der Film weniger eine Adaption von Bölls Erzählung war, sondern mehr eine Meditation über sie, keine geradlinige Erzählung. Herbert Vesely schilderte vielmehr die Anatomie der Wandlung der Hauptfigur – mit einem polyperspektivischen Erzählverfahren, bei dem Motive fallengelassen, wieder aufgenommen und variiert wurden. Persönliche Reflexionen wurden von abrupten Einbrüchen der Außenwelt unterbrochen.18
Die Begrenzung auf neue stilistische Positionen war typisch für die ersten drei Spielfilme der ‚Oberhausener’ und auch für die Kurzfilme; die Neigung zum Dekorativen auffälligstes Moment der jungen Filmemacher. Noch einmal der Filmjournalist Wilfried Berghahn 1963:
Die spiegelnde Fassade eines Hochhauses oder einer Wohnmaschine blendet auf: viel Glas, matt schimmernde Metallrahmen der Fenster, helle Betonflächen. In den nächsten Bildern: Betonpfeiler schmal in den Himmel aufragend, auch langgestreckte, bildfüllende Raster aus Glas und Stein; Kuben, Flächen, ineinander geschachtelte Balkonwaben und wieder Glas. Unten ein einsamer Platz, leer, Betonplattenraster. Alles kühl, streng, kantig, aber auch schön, schön vor allem! 19
Mit dem ‚Oberhausener Manifest’ brach im deutschen Film ein Generationenkonflikt offen aus; es bildeten sich klare Fronten zwischen Alt- und Jungfilmern. Die jungen Filmemacher wollten keine ‚Vertreter’ von ‚Papas Kino’ mehr sein. Sie wollten ihre Sicht der gesellschaftlichen Situation jener Zeit schildern und besonders den verharmlosenden und züchtigen Jugenddarstellungen aus dem Kino der 1950er Jahre etwas entgegenstellen.
Die etablierten Filmemacher und die deutsche Filmwirtschaft reagierten auf das Manifest mit Ablehnung oder Spott, von ‚Bubis Kino’ war – im Gegenzug – die Rede! Die Forderungen wurden nicht ernst genommen, zumal auch noch keine konkreten Spielfilmprojekte der ‚Oberhausener’ vorlagen und nur wenige der Unterzeichner detaillierte inhaltliche und formale Vorstellungen von ihrem ersten Spielfilm hatten.
Die Kritiker ignorierten, dass die ‚Oberhausener’ mit ihrem Manifest zuerst eine theoretische Einsicht in die Notwendigkeit einer Erneuerung des deutschen Films schaffen wollten. Die Produktionsbedingungen sollten dahingehend geändert werden, dass in der Bundesrepublik Deutschland zukünftig auch andere Filme neben den üblichen Heimat- oder Schlagerfilmen, der Konfektionsware, den Serienfilmen produziert werden konnten. In der Filmzeitschrift ‚Film-Telegramm’, die journalistisch eher ‚Papas Kino’ verbunden war, konnte man damals über die ‚Oberhausener’ folgende Einschätzung lesen:
Sie nennen sich Produzenten, sind aber keine. Sie brauchen Männer, die sie als väterliche Partner unter die Fittiche nehmen. […] Wer behauptet, er könne eine ganze Serie von Filmen, denen er auch zutraut, dass sie in den Kinotheatern gewisse Chancen haben, für je fünfhunderttausend Mark herstellen, der ist entweder ein Mensch ohne jede kaufmännische oder praktische Erfahrung oder ein Schwindler.“ 20
Das Manifest erweckte allerdings auch bei vielen am deutschen Film künstlerisch Interessierten große Hoffnungen. Besonders die Redakteure der Filmzeitschrift ‚Filmkritik’, die ebenfalls größtenteils in München lebten und vom Alter her den jungen deutschen Filmemachern annähernd gleich waren, unterstützten von Anfang an die ‚Oberhausener’ in zahlreichen Artikeln vehement. Ihren kommenden Spielfilmprojekten sahen sie mit großem Interesse entgegen.
Noch im gleichen Jahr, im Oktober 1962, übernahmen drei Unterzeichner des Manifests, Alexander Kluge, Edgar Reitz und Detten Schleiermacher, die Leitung der neu gegründeten Filmabteilung der ‚Hochschule für Gestaltung’ in Ulm – eine erste Ausbildungsstätte für deutsche Filmemacher nach 1945.
Im Februar 1963 wurde die ‚Stiftung Deutsche Kinemathek’ in Berlin21 eröffnet, deren Hauptaufgabe die Archivierung des deutschen Films wurde. Im September 1966 folgte die Einrichtung der ‚Deutschen Film- und Fernsehakademie’ in Berlin, der ersten Filmakademie der Bundesrepublik Deutschland, und ab dem Wintersemester 1967/68 bot auch die bereits im Juli 1966 gegründete ‚Hochschule für Fernsehen und Film’ in München ihr Studienprogramm an. Beides sind bis heute renommierte Ausbildungsstätten für den deutschen Filmnachwuchs.
Das Manifest und die Forderungen der ‚Oberhausener’ zeigten Wirkung und auch die Realisierung ihrer Spielfilmprojekte rückte – drei Jahre nach Oberhausen – durch die Gründung des ‚Kuratoriums junger deutscher Film’ im Februar 1965 in greifbare Nähe – eine wichtige filmpolitische Entscheidung, der am 30. November 1964 eine entsprechende Verordnung des Bundesinnenministers vorausgegangen war. Über das ‚Kuratorium’ standen nun staatliche Gelder für die Finanzierung von Spielfilmprojekten zur Verfügung, z. B. dreieinhalb Millionen DM als Projektförderung für Erstlingsfilme.22 Diese staatliche Filmförderung durch das ‚Kuratorium’, das in den ersten zwei Jahren seines Bestehens 25 Filme förderte23, wurde ergänzt mit der Einführung der Drehbuch- und Spielfilmprämien des Bundes, wobei allerdings hier zunächst nur konventionelle Projekte wie Edgar Wallace-Filme und Karl May-Filme finanziell unterstützt wurden. Der Filmjournalist Joe Hembus, engagierter, aber auch kritischer Begleiter des ‚Jungen Deutschen Films’, im Januar 1966 – voller Vorfreude auf die kommenden Filme der ‚Oberhausener’:
Fünf von ihnen drehen nun ihre erste Spielfilme. Der Berliner Hansjürgen Pohland wird Katz und Maus von Grass verfilmen, Alexander Kluge aus seinen Lebensläufen die Geschichte einer Herumstreunerin Abschied von gestern. Das Team Strobel/Tichawsky beschäftigt sich mit Ehescheidung (späterer Filmtitel: ‚Eine Ehe’, d.V.). Haro Senft analysiert eine Karriere (späterer Filmtitel: ‚Der sanfte Lauf’, d.V.). Edgar Reitz forscht unter dem Titel Mahlzeiten ein Frauenleben aus. […] Der alte deutsche Film erkennt diese Bedrohung. Er fährt in dieser Saison des Aufbruchs sein schärfstes Geschütz auf: Papa Artur Brauner wird die meiste Zeit des Jahres damit zubringen, einen zweiteiligen Nibelungen-Film zu produzieren – mit Winnetou-Filmer Harald Reinl als Regiekommandanten.24
Aufsehen in der öffentlichen Wahrnehmung – sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch im europäischen Ausland – erregte aber bereits der 1965 uraufgeführte Film ‚Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht’, zeitlich noch ein ‚Vorläufer’ des ‚Jungen Deutschen Films’, der in einem Jahr in die Kinos kam, in dem der deutsche Film einen Negativrekord mit nur noch 56 hergestellten Filmen erreichte. Die Krise des deutschen Films war unübersehbar geworden!
‚Nicht versöhnt ...’ drehte der in München lebende französische Regisseur Jean-Marie Straub – nach der Heinrich Böll-Erzählung ‚Billard um halb zehn’. Der Film zeichnete sich zwar durch einen – für die damaligen Zuschauer – gewöhnungsbedürftigen formalen Rigorismus aus und hatte, auch aufgrund seiner Fragmentstruktur, seiner elliptischen Form, nur wenig gemein mit den üblichen Literaturverfilmungen, für die französische Filmzeitschrift ‚Cahiers du Cinema’ war ‚Nicht versöhnt ...’ aber der größte deutsche Film seit den deutschen Filmen der Regisseure Fritz Lang und F.W. Murnau.25
Die eigentliche Wende im deutschen Film wurde aber erst das Jahr 1966. „Man sprach vom ‚Jahr eins’ und verglich das Jahr 1966 mit einem Dammbruch für den jungen deutschen Film [...] In einem Jahr kamen mehr junge Regieaspiranten zum Zuge als in der ganzen vorausgegangen Zeit.“26 Eine weitere Besonderheit: Die Filmemacher behielten die absolute künstlerische und finanzielle Kontrolle über ihre Arbeiten.
Der erste Spielfilm des ‚Jungen Deutschen Films’, der eine breitere Öffentlichkeit erreichte und die ‚Deutsche Welle’ im Kino in Bewegung setzte, war Ulrich Schamonis am 17. März 1966 uraufgeführter Film ‚Es’. Der Film erfüllte den Wunsch des mittlerweile vorwiegend jungen Kino-Publikums nach Realismus und Zeitbezogenheit; er erhielt – wie erwartet – in der ‚Filmkritik’ durch den Filmjournalisten Peter M. Ladiges seine positive Besprechung:
Bruno Dietrich und Sabine Sinjen in ‚Es‘
Schamoni setzt seinen Film aus Beiläufigem zusammen. Nirgends massiert sich das Geschehen zur Dramaturgie einer regelrechten Handlung. Alles Wichtige wird nur am Rande mitgeteilt. Die einzelnen Szenen wirken wie zufällig mit der Kamera beobachtet. Dennoch verliert sich die Geschichte nicht in Impressionen, sondern baut sich sehr konsequent aus den verschiedenen Momentaufnahmen auf. Diese erscheinen durch die Selbstverständlichkeit, mit der die Akteure vor der Kamera agieren und mit der diese sich bewegt, in hohem Maße authentisch. Daran mag es vor allem liegen, dass diese Geschichte, die eben nicht am roten Faden einer Handlung abgespult wird, in der Konzentration allein auf das Thema keinen Augenblick langweilig ist. 27
Charakteristisch für ‚Es’ war der hohe Anteil an dokumentarischen Aufnahmen. Wirkliche Ärzte erörterten vor der Kamera das Problem der Abtreibung. Zugunsten der Reflexionsebene unterbrachen Zwischentitel den Fluss der Handlung.28
Auch Volker Schlöndorffs Film ‚Der junge Törless’, Alexander Kluges Spielfilmdebüt ‚Abschied von gestern’ und der Film ‚Schonzeit für Füchse’ von Peter Schamoni kamen im Jahr 1966 in die Kinos und erregten – in allerdings unterschiedlicher Ausprägung – die Aufmerksamkeit des Publikums und der Filmkritik. ‚Der junge Törless’ und ‚Abschied von gestern’ wurden jeweils mit einer Drehbuchprämie von 200.000 DM des ‚Bundesministeriums des Innern’ gefördert, ‚Abschied von gestern’ bekam zudem noch 100.000 DM vom ‚Kuratorium junger deutscher Film’.
Die bisherigen Filme der ‚Oberhausener’ fanden auch internationale Beachtung. Im Mai 1966 wurde die Bundesrepublik Deutschland beim Filmfestival in Cannes durch ‚Es’ und ‚Der junge Törless’ vertreten, gewann jedoch keinen der offiziellen Festivalpreise.
Erst Alexander Kluges Film ‚Abschied von gestern’ erhielt einen offiziellen Preis, im September 1966 den ‚Silbernen Löwen’, den Spezialpreis der Jury, auf den Filmfestspielen in Venedig; darüber hinaus bekam er in Venedig noch sieben weitere Auszeichnungen, so u. a. den Preis ‚Luis Buñuel’ der spanischen Kritiker. ‚Abschied von gestern’ lief allerdings nicht als offizieller Beitrag der Bundesrepublik Deutschland, sondern als von der Festspielleitung eingeladener Film.
Die internationale Anerkennung des ‚Jungen Deutschen Films’ zog die nationale Bestätigung nach sich. ‚Der junge Törless’ erhielt 1966 das ‚Filmband in Gold’ in der Kategorie ‚Abendfüllende Spielfilme’, ein weiteres ‚Filmband in Gold’ gab es für Volker Schlöndorff in der Kategorie ‚Bester Drehbuchautor’. ‚Es’ bekam in der Kategorie ‚Abendfüllende Spielfilme’ das ‚Filmband in Silber’, weitere Filmbänder gab es für: Sabine Sinjen (‚Beste Hauptdarstellerin’), Bruno Dietrich (‚Bester Nachwuchsschauspieler’), Gerard Vandenberg (‚Beste Kameraführung’). Auch ‚Schonzeit für Füchse’ wurde ausgezeichnet: Hans Posegga erhielt ein ‚Filmband in Gold’ in der Kategorie ‚Beste Filmmusik’, Edda Seipel ebenfalls ein ‚Filmband in Gold’ in der Kategorie ‚Beste weibliche Nebenrolle’. ‚Schonzeit für Füchse’ bekam zudem noch auf den Filmfestspielen in Berlin, der ‚Berlinale’, den ‚Silbernen Berliner Bär’, einen Sonderpreis der Jury.
Der ‚Junge Deutsche Film’ wurde zum Ausdruckmittel eines Individuums, seines Autors. Das Abwenden von der gängigen Kino-Illusionswelt und seine Realitäts- und Gegenwartsbezogenheit kennzeichneten fast alle Filme. War der deutsche Film vorher noch meistens ein Transportmittel für stereotype Inhalte gewesen, wurde er jetzt zum persönlichen Ausdruck ihrer Autoren, „als Selbstzeugnis, als Reflex von Empfindungen, als Assoziationsketten und als Gedankengebäude“.29
Für die Mehrzahl der jungen Filmemacher war eher ein gesellschaftskritischer als ein künstlerischer Ausgangspunkt für ihre Produktionen maßgebend. Sie wollten die Wirklichkeit abbilden und dadurch kritisieren. Die Themen stammten überwiegend aus dem Alltag und führten Durchschnittsmenschen vor.
Die Filme endeten in der Regel nicht mit einem Happy End oder einer Lösung des zuvor geschilderten Problems. Lieblingsthemen des ‚Jungen Deutschen Films’ waren vor allem die „... Anpassung an die Wohlstandsgesellschaft und die Folgen des Wirtschaftswunders, Konflikte zwischen einer jungen und einer älteren, noch von der NS-Zeit geprägten Generation, an Konsum gebundene Glücksvorstellungen, Eheprobleme und schließlich die Emanzipation der Frau.“30
Doch gerade das Konzept des Autorenfilms führte zu einer Vereinzelung der Regisseure und zu einer verstärkten Konkurrenz untereinander. Anders als in der französischen ‚Nouvelle Vague’ fehlte den ‚Oberhausenern’ eine gemeinsame cineastische Grundlage. Die Solidarität untereinander zerbrach rasch, nachdem die ersten Filme abgedreht waren – was auch schon von dem Filmjournalisten Joe Hembus 1967, also sehr frühzeitig, bemerkt wurde:
Was viele junge Filmemacher an der Fahne Junger Deutscher Film stört, ist just die Tatsache, dass sie sich unter ihr mit Kollegen treffen, mit denen sie um keinen Preis Tuchfühlung aufnehmen möchten. Der Reitz kann den Spieker nicht ausstehen, und der Schlöndorff kann an Es nichts finden, und der Straub distanziert sich überhaupt von allem, ausgenommen von Vlado Kristl, der seinerseits alle anderen als Kaputtmacher seiner großen Ideen schmäht. Es geht herrlich und wie in jeder funktionierenden Filmindustrie zu; auch in dieser Branche ist jeder eine Callas. 31
Nach den ersten euphorischen Stellungnahmen durch die – vorwiegend anspruchsvolle –Filmkritik und der ersten ‚Aufmerksamkeitswelle’ im Kino und auf Filmfestivals ging auch das Zuschauerinteresse an den Filmen der ‚Oberhausener’ schnell wieder zurück, wie insgesamt die Besucherzahlen in den Kinos immer mehr schwanden. Die Bilder, die der ‚Junge Deutsche Film’ seinen verbliebenen Zuschauern zeigte, waren diesen zu fad und oftmals zu unverständlich – die Filmemacher beschränkten die sinnliche, emotionale Erfahrung Kino auf die häufig zu offensichtlich didaktische Vermittlung von inhaltlichen Standpunkten, von Reflexionsvorschlägen und Sichtweisen. Bei der überwiegenden Masse des Kinopublikums wurde der ‚Junge Deutsche Film’ bald mit dem Etikett ‚Langweilig’ versehen.32
Auch die traditionellen Filmemacher und Produzenten reagierten nun – in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre – auf die filmischen Versuche der so genannten Jungfilmer. Es entstanden einige Filme, die gezielt Komponenten der damaligen Jugendkultur aufgriffen. Doch Partei für die Jugend ergriffen die etablierten Regisseure nicht. In allen Genres tauchten jugendfeindliche Klischees auf; der filmische Blick auf Söhne und Töchter war fast immer belehrend und teilweise sogar angewidert – wie Florian Vollmers fast am Ende des letzten Jahrhunderts bei einer Betrachtung über die Sozialgeschichte des Films der 1960er Jahre konstatierte:
In vielen Komödien tauchen junge, liebeshungrige Schwedinnen auf, und auch in der Edgar-Wallace-Reihe sind junge Frauen meist triebgesteuert und naiv, wofür sie nicht selten mit ihrem Leben bezahlen müssen. In dem Wallace-Film ‚Der Mann mit dem Glasauge’ (Alfred Vohrer, 1968) muss sich Kommissar Horst Tappert mit einem dämlichen Jüngling als Assistenten rumschlagen. Mit Pilzkopf, krächzender Stimme und blödem Gekicher repräsentiert er eindeutig die Jugend der sechziger Jahre. Er sorgt für die alberne Komik des Films und wird an einer Stelle von Tappert prägnant charakterisiert: ‚Lange Haare, kurzer Verstand!’ 33
Filme wie ‚Siebzehn Jahr – blondes Haar’ (Franco Montemurro, 1966), eine Produktion des ‚Alt’-Produzenten Luggi Waldleitner, oder ‚Musik, Musik – Da wackelt die Penne’ (Franz Antel, 1970) zeigten die Jugend und ihre Ausdrucksformen aus einer distanzierten Perspektive; sie behandelten aber Tendenzen, die in den 1960er Jahren als eindeutig jugendlich galten. Das ‚Gammlertum’, ein Leben ohne gesicherte Verhältnisse, wurde in ‚Siebzehn Jahr – blondes Haar’ thematisiert, wo der jugendliche Hauptdarsteller in einen heftigen Konflikt mit seinem Vater, einem Industriellen, geriet. In ‚Musik, Musik – da wackelt die Penne’ versuchten einige ‚Pauker’ – letztendlich erfolglos – ihren Schülern‚ ‚Hippies’, die in einem Internat an der Aufführung eines Musicals arbeiten, Zucht und Ordnung beizubringen. Ende gut – alles gut: Das Musical wird aufgeführt und das neue, moderne Erziehungskonzept hieß nun: ‚Lernen mit Musik’.
Das immer geringer werdende Filmpublikum genoss im Kinosessel – sozusagen fernab von ‚Oberhausen’ – weiterhin vorwiegend die gängigen Genres des deutschen Films. ‚Papas Kino’ lebte – wenn auch künstlerisch eher auf der Intensivstation – unverdrossen weiter. Ein neuer Zuschauermagnet wurden zudem die so genannten Aufklärungsfilme, die eine ‚neue Welle’ in den Filmtheatern ins Rollen brachten – aufmerksam beobachtet von dem Filmjournalisten Joe Hembus:
Noch nie nämlich wurde so viel Frivoles auf das Publikum losgelassen. Von Bertelsmann bis Eckelkamp: geschlossen schicken die Verleiher und Produzenten ihre Regisseure auf die Straße, um mit viel nackten Frauen und wenig Handlung die Kunden in die Schau-Burgen zu locken. Mach dir ein paar schöne Stunden. Das Kino wird zum Freuden-Haus. Po- und Busenopern der hemmungslosesten Sorte. Gäbe es nicht die auch international anerkannten Jungfilmer, dann müsste man über Deutschlands Film verzweifeln. 34
Während 1965 der Anteil von ‚Schlüpfrigem’ am deutschen Filmschaffen nur vier Prozent betrug, repräsentierten die ‚hautnahen’ Filme im ersten Halbjahr 1967 bereits ungefähr 30 Prozent des deutschen Filmangebots – die weitere künstlerische Verflachung des deutschen Films schritt unaufhaltsam voran.35
1968 trat zwar das ‚Filmförderungsgesetz’ (FFG) der ‚Filmförderungsanstalt’ (FFA) in Kraft mit dem Ziel, die Qualität des deutschen Filmes auf breiter Grundlage zu steigern, das Gesetz wurde aber eher ein ‚Filmschundförderungsgesetz’36, da die Fördermittel nur für einen kommerziell erfolgreichen Film, einen so genannten Referenzfilm, ausgezahlt wurden, zweckgebunden für eine neue Produktion. Das hatte zur Folge, dass allenfalls Seriennachfolger gefördert wurden und 1969 nur sechs Jungfilm-Produktionen Fördergelder bekamen. „Fazit: Die FFA (Filmförderungsanstalt) hat nichts anderes bewirkt, als dass in der Filmwirtschaft munter und ohne Konzeption weitergewurstelt wird wie zu Papas Kino-Zeiten.“37
Dieser Praxis wurde erst ab 1971, nach einer Novellierung des FFG, mit einer so genannten ‚Minderqualitätsklausel’ allmählich Einhalt geboten.

Seite aus ‚Filmkritik‘, 5/66
Die ‚Neue Münchner Gruppe’
In der Maiausgabe 1966 der Zeitschrift ‚Filmkritik’ prägte der Filmjournalist und damalige Redakteur der Zeitschrift Enno Patalas den Begriff ‚Neue Münchner Gruppe’. In dieser Ausgabe stellte er sechs Regisseure vor, die ihre Filme bereits im März des Jahres in gemeinsamen Nachtvorstellungen im Schwabinger Kino ‚Leopold’ vorgestellt hatten: Jean-Marie Straub, Peter Nestler, Eckhart Schmidt, Rudolf Thome, Max Zihlmann und Klaus Lemke.1 Enno Patalas erweiterte einen Begriff des Filmjournalisten Wilfried Berghahn, der schon 1963 in einem Artikel in der ‚Filmkritik’ einige Regisseure als ‚Münchner Gruppe’ beziehungsweise ‚Münchner Schule’ bezeichnet hatte. Darunter waren jedoch größtenteils Unterzeichner des ‚Oberhausener Manifests’, zum Beispiel Edgar Reitz, Alexander Kluge und Herbert Vesely – bereits einer anderen Generation angehörend als die meisten der nun unter dem Begriff ‚Neue Münchner Gruppe’ subsumierten Filmemacher.
Die am 30. und 31. März 1966 in Nachtvorstellungen präsentierten kurzen Filme waren: ‚Aufsätze’ (1963) und ‚Rheinstrom’ (1965) von Peter Nestler, ‚Machorka-Muff’ (1963) von Jean-Marie Straub, ‚Die Flucht’ (1965) von Eckhart Schmidt, ‚Die Versöhnung’ (1964) von Rudolf Thome, ‚Frühstück in Rom’ (1965) von Max Zihlmann und zwei Filme von Klaus Lemke, ‚Kleine Front’ (1965) und ‚Flipper’ (1966), welcher jedoch noch unvertont gezeigt wurde. Die Reaktionen des wohl überwiegend studentischen Publikums waren unterschiedlich, sie reichten von Beifall bis Protest: „Beifall für den ersten Nestler-Film, für Straub und Lemke, Indifferenz bis Protest (in dieser Skala): gegenüber Schmidt, Zihlmann, Thome und dem zweiten Nestler-Film.“2
Bei der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ gab es kein theoretisches Manifest, die Zuordnung war eher zeitlicher und biografischer Art – und wurde auch so bereits 1966 von Enno Patalas vorgenommen:
Rudolf Thome (geboren 1939), Max Zihlmann (geboren 1936), Klaus Lemke (geboren 1940) und – einen Schritt abseits – Eckhart Schmidt (geboren 1938) bilden eine Gruppe in der Gruppe. Alle haben sie unter der Redaktion von Hans-Dieter Roos an dessen Zeitschrift ‚Film’ mitgearbeitet […]; an ihren ersten Filmen haben alle vier, Thome, Zihlmann und Lemke auch an ihren weiteren gemeinsam gearbeitet, wobei die Funktion des Autors und Regisseurs reihum ging. So mag es Thomes Pech gewesen sein, dass er den ersten und schwächsten, Lemkes Glück, dass er den letzten und besten Film der Gruppe zeichnen durfte. Darstellerführung, Fotografie, Tonaufnahme und Schnitt sind von Film zu Film sicherer geworden. 3
Im Juli 1967 wurden in einem Artikel der Zeitschrift ‚Film’ neue Namen bei der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ genannt: Maran Gosov, Martin Müller, Niklaus Schilling und May Spils. Nichts geändert hatte sich aber an der Arbeitsweise der Gruppe bei ihren Filmproduktionen. Klaus Lemke und Dieter Geissler wirkten in einem Film von Rudolf Thome, in ‚Galaxis’ mit, dessen Drehbuch Max Zihlmann geschrieben hatte, wie auch für den Klaus Lemke-Film ‚48 Stunden bis Acapulco’, wo man wieder Dieter Geissler – in einer Hauptrolle – sah, Regie-Assistenz: Martin Müller, der selber nach einem Buch von Maran Gosov ‚Die Kapitulation’ drehte, mit sich selbst als Darsteller sowie Klaus Lemke.4
Wie auch die Unterzeichner des ‚Oberhausener Manifestes’ wollten die Filmemacher und die Filmemacherin der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ dem konventionellen Kino, ‚Papas Kino’, etwas entgegensetzen. Inhaltlich und formal hatten sie andere Vorstellungen als die etablierte Filmbranche. Aber auch zu den ‚Oberhausenern’ stellten sie bereits eine Art Gegenbewegung dar, da sie den ‚Jungen Deutschen Film’, die Filme der so genannten Oberhausener, für zu kopflastig, zu unsinnlich hielten. Emotionales statt intellektuelles Kino war das Anliegen dieser ‚Mollywood-Schule’. Eckhart Schmidt schrieb 1968:
Mir machen Spaß: eine handfeste, gradlinige Story und Personen, die sich mehr durch das charakterisieren, was sie tun als durch das, was sie reden […]. Mir machen Spaß: attraktive und interessante Gesichter, Kostüme und Schaueffekte vor der Kamera und eine Kamera (Gernot Roll), die dem Geschehen dient und es nicht mit Mätzchen vergewaltigt. Ich filme lieber ein nacktes Mädchen als Problemgerede. Das klingt profan. Ich kann es nicht ändern: Ich finde, jeder sollte die Filme machen, die ihm Spaß machen. 5
Die Filme der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ orientierten sich meist an der beobachteten Wirklichkeit, es waren Alltagsgeschichten aus dem Leben zumeist junger Leute. Selten wurde mit professionellen Darstellern gearbeitet, meist mit Laiendarstellern. Im Mittelpunkt der Filme von Peter Nestler, so überaus unterschiedlich sie auch waren, stand oft das alltägliche Leben der arbeitenden Bevölkerung. Sein zweiter Dokumentarfilm ‚Aufsätze’ (10 min.) zeigte Momentaufnahmen aus dem abgeschiedenen Leben der Bergbauernkinder des Dorfes Frutingen im Berner Oberland, ingeniös verknüpft mit dem Text von Schulaufsätzen, von den Kindern selbst gelesen.6 Klaus Lemke präsentierte dem Kinopublikum meist Außenseitermilieus, in der Regel mit Laiendarstellern aus der jeweiligen Szene. In improvisierten Dialogen sollten diese ihre Erfahrungen einbringen und so den Film mitgestalten – eine künstlerische Methode, die eine damals neue, ungewöhnliche und oftmals witzige Form der Unterhaltung kreierte, eine offene, bewusst ‚unkünstlerische’ Dramaturgie, in die alltägliche Geschichten und Träume einfließen konnten.7
Seinem eigenen Selbstverständnis nach wollte Klaus Lemke Unterhaltungsfilme, antiintellektuelle Filme drehen. Seine Filme kamen meist ohne ausgearbeitetes Drehbuch aus und waren häufig eher beiläufig inszeniert, fehlende Perfektion wurde bewusst zum Stil erhoben. Filmische Vorbilder fand Klaus Lemke eher im amerikanischen Kino als im europäischen Autorenfilm. 1967 drehte er in Zusammenarbeit mit Max Zihlmann (Drehbuch) und Niklaus Schilling (Kamera) sowie Rudolf Thome als Darsteller, in einer allerdings kleinen Rolle‚ seinen ersten Spielfilm, ‚48 Stunden bis Acapulco’. Der Protagonist des Films adaptiert ein Gangsterdasein im Stil amerikanischer B-Movie-Helden. Seine Abenteuer führen ihn über Rom nach Acapulco und schließlich in den Tod am Strand des Karibischen Meeres. Der Filmjournalist Ulrich Gregor schrieb 1968 über den Film in der ‚Filmkritik’:
Klaus Lemke und Christiane Krüger bei den Dreharbeiten von ‚48 Stunden bis Acapulco‘
Nicht nur formale Strukturen aber hat Lemke vom amerikanischen Film übernommen, sondern auch eine Typologie. Besonders die Gangsterfilme sind bei ihm als Vorbild zu erkennen – etwa in den Porträts unheimlich-exzentrischer Ganoven, die sowohl in Acapulco wie in Negresco (einem weiteren Lemke-Spielfilm aus dem Jahr 1968, d.V.) auftauchen, auch im Klima der Fatalität, das die Filme durchzieht, in der Stimmungslage ständigen Gehetztseins. 8
Auch Rudolf Thomes erster Spielfilm ‚Detektive’ aus dem Jahr 1969, Drehbuch Max Zihlmann, Kamera u. a. Niklaus Schilling, Regie-Assistenz Martin Müller, übernahm Motive und Verhaltensmuster aus dem amerikanischen Kino. Die beiden jungen Hauptfiguren, Andy und Sebastian, wollen schnell und bequem zu Geld kommen, ohne richtig arbeiten zu müssen. Arbeiten wollen sie zwar schon etwas, aber nur so, dass es auch Spaß macht, das Geld zu verdienen, das man braucht, um seinen Spaß zu haben. Die beiden machen eine Detektivagentur – das amerikanische Kino lässt grüßen – auf und in ihrem ersten Fall haben sie es mit einem schönen Mädchen namens Annabella zu tun: „Nun läuft die Geschichte, aber so, dass einer immer über die Füße des anderen fällt. Die Detektive stehen und rennen, wenn sie nicht gerade Auto fahren oder Liebe machen, viel in der Gegend herum, reden dummes Zeug und machen einen Fehler nach dem anderen.“ 9
Jean-Marie Straub stand mit seinen Filmen inhaltlich etwas abseits zu den anderen, daher wurde er auch vermutlich bei der Personalisierung der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ durch die Zeitschrift ‚Film’ 1967 nicht mehr mit erwähnt. Die Basis seiner Filme war die Literatur, so ist bereits sein Kurz-Spielfilm ‚Machorka-Muff’ aus dem Jahr 1963 die filmische Adaption einer Heinrich Böll-Satire. Der Schweizer Niklaus Schilling kam 1965 nach München. Die zu diesem Zeitpunkt in München existierende Filmszene bot ihm Arbeitsmöglichkeiten, da in der Schweiz eine vergleichbare Bewegung nicht existierte. Als Kameramann arbeitete Niklaus Schilling mit Mitgliedern der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ zusammen, mit Klaus Lemke, Rudolf Thome, Max Zihlmann, May Spils, aber auch mit Jean-Marie Straub. 1972 wurde sein erster eigener Spielfilm, ‚Nachtschatten’, uraufgeführt.
Diese ‚zweite Generation’ junger Filmemacher aus München, diese Generation nach den eigentlichen ‚Oberhausenern’, fand ihre Vorbilder und lernte ihr Handwerk im Kino. Sie orientierten sich an bekannten Hollywood-Regisseuren wie John Ford, Alfred Hitchcock oder auch Howard Hawks. Sie waren auch stark von der französischen ‚Nouvelle Vague’ und durch die französische Filmzeitschrift ‚Cahiers du Cinéma’ beeinflusst, die sich Anfang der 1960er Jahre von einer bürgerlich-liberalen zu einer bürgerlich-linken Publikation verwandelte.10 Regisseure und Drehbuchautoren wie Rudolf Thome, Max Zihlmann, Klaus Lemke und Eckhart Schmidt hatten als Filmkritiker begonnen, „die alle Welt damit entsetzten, dass sie Filmen wie Otto Premingers THE CARDINAL (1963) vier Sterne = Höchstwertung gaben; …“11 Klaus Lemke war von 1964 bis 1965 Mitarbeiter der Zeitschrift ‚Film’. Rudolf Thome schrieb ab 1962 Filmkritiken für den ‚Bonner Generalanzeiger’. Zwischen 1963 und 1964 schrieb er ebenfalls Kritiken für die Zeitschrift ‚Film’ und diverse Beiträge für die ‚Filmkritik’. Für die ‚Süddeutsche Zeitung’ verfasste er von 1962 bis 1968 Artikel. Max Zihlmann und Eckhart Schmidt hatten ebenfalls unter der Redaktion von Hans-Dieter Roos an der Zeitschrift ‚Film’ mitgearbeitet. Es war bei allen Vertretern der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ die Faszination für das Medium Film, die ihre ersten eigenen filmischen Arbeiten entstehen ließ; eine Tatsache, die sie mit einigen Regisseuren der ‚Nouvelle Vague’ verband, die auch zuerst als Filmkritiker gearbeitet hatten.
Kritik an der Gesellschaft artikulierten die Vertreter der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ in ihren Filmen, wenn überhaupt, nur sehr verhalten; eher könnte man ihre Filme als ein Lebensgefühl interpretieren, das sich in ihnen ausdrückt: das großstädtische Lebensgefühl der jungen Generation der 1960er Jahre. Lediglich Peter Nestler, der aber nicht zum inneren und repräsentativen Kern der Gruppe gezählt werden kann, unternahm den – allerdings mehr dokumentarischen – Versuch, sich in seinen Filmen konkret mit der Realität in der Bundesrepublik Deutschland zu beschäftigen.
Enno Patalas gab der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ keine Chancen in der kommerziellen Filmwelt – „sei es, weil einige ihrer Mitglieder das Amateurhafte, auch Epigonale, das ihren ersten Versuchen notwendigerweise anhaftet, nicht zu überwinden vermögen, sei es, weil der Apparat unserer Filmwirtschaft und der staatlichen Förderungsinstanzen sie nicht akzeptiert. Möglich, dass die ‚Neue Münchner Gruppe’ eine Schwabinger Episode bleibt.“12 Gerade im letzten Punkt irrte Enno Patalals. Das deutsche Kino zumindest der 1970er Jahre wurde wesentlich von einigen Regisseuren der Gruppe wie Klaus Lemke, Rudolf Thome, Niklaus Schilling und auch May Spils mitbestimmt, die auch heute noch – mit Ausnahme von May Spils – gelegentlich von der Öffentlichkeit beachtete Filme drehen. Die Filme von Rudolf Thome werden zum Beispiel immer wieder auf Festivals wie der ‚Berlinale’ in Berlin gezeigt, so z. B. im Jahr 2000 der Film ‚Paradiso – sieben Tage mit sieben Frauen’, der zudem noch einen ‚Silbernen Bären’ verliehen bekam, für eine herausragende Leistung an das Darstellerensemble.
Neben den ‚Oberhausenern’, von denen sich letztendlich auch nur drei Namen im Gedächtnis der film- und kulturinteressierten Öffentlichkeit erhalten haben, Alexander Kluge, Edgar Reitz und Peter Schamoni, präsentieren also auch einige Vertreter der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ die Geschichte des deutschen Films seit den 1960er Jahren ganz wesentlich mit.
Das ‚Schätzchen-Team‘ – ohne seinen Hauptdarsteller
Zur Entstehungsgeschichte von ‚Zur Sache, Schätzchen’
Eine Filmemacherin unter lauter Filmemachern, das war Mitte der 1960er Jahre noch etwas Besonderes. Die Regisseurin May Spils, die wie ein Fotomodell aussah, „… überschlank, apartes, schmales Gesicht, ausdrucksvolle dunkle Augen und eine langmähnige Ponyfrisur“1, hatte aber die Chuzpe und den Mumm, sich zu sagen, das, was die Männer können, das kann ich auch. Damit meinte sie die Regisseure der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’, deren Arbeiten sie aus nächster Nähe mitverfolgte.
May Spils
May Spils wurde am 29. Juli 1941 in Twistringen bei Bremen als Maria-Elisabeth Meyer-Spils geboren. Nach dem Abitur besuchte sie die ‚Berlitz-Sprachschule’, an der sie Englisch lernte; danach hielt sie sich eine Zeitlang als Au-Pair-Mädchen in Paris auf, um Französisch zu lernen. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete sie bei einer Werbefirma in Hamburg als Auslandskorrespondentin und nahm Schauspielunterricht in Bremen, wo sie auch eine Studio-Bühne gründete, die allerdings bereits nach zwei Aufführungen wieder einging. Sie versuchte sich auch im schriftstellerischen Bereich, verfasste einen Roman, ein Theaterstück und mehrere Kurzgeschichten, die jedoch nicht publiziert wurden.
1962 kam May Spils nach München und arbeitete hier zunächst als Mannequin und Fotomodell; außerdem spielte sie kleinere Rollen in Filmen, z. B. in ‚Holiday in St. Tropez’ (1964) und der internationalen Produktion ‚Dschingis Khan’ (1965).
1963 lernte sie durch ihre Arbeit beim Film ihren späteren Lebensgefährten Werner Enke und auch den Regisseur Klaus Lemke kennen. Ein Jahr später war sie mit beiden in München geschäftlich in einer Werbefirma verbunden, die aber keinen langen Bestand hatte.
1966 drehte May Spils ihren ersten Kurzfilm ‚Das Portrait’, den sie selbst produzierte, selber schrieb und in dem sie auch die Hauptrolle spielte, ein junges Mädchen, eine Künstlerin, die nach der Gebrauchsanweisung des Henri Matisse-Buches ‚Farbe und Gleichnis’ ein Kunstwerk zu schaffen versucht. Sie bringt aber nichts zustande, klebt zum Schluss ein Foto von sich auf die Leinwand und signiert das ‚Gemälde’. May Spils über ihren ersten Film:
Der Film soll sein eine versuchte Komposition von Farben, Geräuschen, Musik, Stille und Text, die rhythmisch angeordnet sind. Ein ernster Film sozusagen in bunter Bonbonverpackung. 2
Der zehn Minuten lange Farbfilm, mit schnellen Schnitten und ungewöhnlichen Kameraeinstellungen, gefiel im selben Jahr auf der ‚Internationale(n) Filmwoche Mannheim’ der Jury und erhielt eine Auszeichnung. ‚Das Portrait’ fiel auf. Zunächst lief er als Vorfilm in den Kinos und dann im nächsten Jahr in allen deutschen Botschaften. Man war stolz, dass man endlich nach dem Krieg eine deutsche Frau vorzeigen konnte, die was Ungewöhnliches machte, dabei noch jung war und obendrein gut anzusehen.
Ebenfalls 1966 realisierte May Spils mit Werner Enke und sich selbst in den Hauptrollen den zehn Minuten langen Kurzfilm ‚Manöver’, den sie wiederum selbst produzierte und schrieb. Der Film zeigt ein junges Ehepaar, das an einem Montagmorgen im Urlaub ‚Frühaufstehen’ probt, sich akribisch auf einen anscheinend wichtigen Termin vorbereitet: Badewanne, Kosmetik, Maniküre, die Auswahl der richtigen Kleidung. Das Tempo des Films wird von der Uhr bestimmt. Beide verlassen zwar pünktlich um 8 Uhr die Wohnung, kehren aber zurück und kuscheln sich wieder gemeinsam ins Bett – Fazit: Manöver gelungen, ‚Ernstfall’ geprobt!
‚Manöver’ wurde 1967 ein Publikumserfolg bei den ‚XIII. Westdeutsche(n) Kurzfilmtage(n) Oberhausen’, wo er allerdings nicht im Wettbewerb des Festivals, sondern nur in der so genannten Informationsschau lief. May Spils erinnert sich:
Es war schon weit nach Mitternacht. Die ausgepumpten Journalisten hatten sich den ganzen Tag zig Kurzfilme hintereinander ansehen müssen. Sie waren total fertig, trotzdem saßen sie versammelt im Kinoraum und taten sich diesen ‚Zusatzfilm’ auch noch an. Ich glaube, einige waren schon am Einschlafen. Dann kam unser Film und explodierte wie eine Bombe. Es war das erste Mal, dass Enke und ich den Film mit Publikum sahen. Jede kleinste Pointe saß haargenau, die Stimmung im Saal stieg von Null auf Hundert, und als die Sache nach 10 Minuten zu Ende war, waren Enke und ich die glücklichsten Menschen der Welt. Wir hatten so eben gesehen, dass wir in der Lage waren, einen ganzen Kinosaal mit Filmkritikern positiv anzuzünden! In unserer kleinen Absteige in Duisburg feierten wir zwei in der Nacht noch mit etlichen Flaschen Bier und schworen uns: Jetzt haben wir diese Kurzfilme geschafft, jetzt schaffen wir auch einen Langfilm! Das war die Geburtsstunde von ‚Zur Sache, Schätzchen’! Später bei den Dreharbeiten von ‚Zur Sache, Schätzchen’, wenn manchmal alles drunter und drüber ging, wenn wir manchmal nicht weiter wußten oder von Selbstzweifeln geplagt wurden, haben wir immer wieder an diese Kinonacht in Oberhausen gedacht und haben daraus die Kraft zum Weitermachen getankt. 3
Die Presse bescheinigte der Regisseurin „… Sinn für Tempo und komische Situationen …“4, sah in dem Film „… ihr Talent für Komik, ihre vergnügte Selbstironie …“5 bestätigt. In den Kinos lief ‚Manöver’ als Vorfilm wochenlang und machte May Spils und Werner Enke – nach ‚Das Portrait’ – noch bekannter und beliebter.
In diese Zeit fällt auch May Spils Bekanntschaft mit dem Produzenten und Regisseur Peter Schamoni. 1967, mit erst 26 Jahren, beschloss sie, eine Hypothek auf den vom Großvater geerbten Bauernhof in Twistringen aufzunehmen, um ihren ersten Spielfilm ‚Zur Sache, Schätzchen’ finanzieren zu können.
Werner Enke, May Spils und Peter Schamoni 1967
May Spils gehörte sicherlich nicht – wie auch die meisten Mitglieder der ‚Neue(n) Münchner Gruppe’ – zu den politisch motivierten Filmemachern des ‚Jungen Deutschen Films’; sie wollte stattdessen endlich die Langeweile aus den Kinos vertreiben, was die Regisseure des ‚Jungen Deutschen Films’ ihrer Meinung nach bisher nicht geschafft hatten.6
May Spils war allerdings auch nicht daran interessiert, das Kino der 1950er Jahre fortzusetzen bzw. wiederzubeleben. Ihr filmischer Ansatz war, die gesellschaftliche Realität als thematische Ausgangsbasis zu benutzen, da es sie reizte, die Beobachtungen, die sie in der sie unmittelbar umgebenden Realität machte, an Milieus, an Freunden, in filmische Sprache, in bewegte Bilder umzusetzen.7 In der deutschen ‚Jungfilmer-Bewegung’, die sich ab Anfang der 1960er Jahre formierte, war May Spils die erste Regisseurin; sie war, wie man damals in der Tageszeitung ‚Die Welt’ lesen konnte, „die erste unübersehbare Regisseurin des deutschen Films seit Leni Riefenstahl, […].“ 8 Im europäischen Ausland machten in dieser Zeit die Französin Agnes Varda und die Schwedin Mai Zetterling auf sich aufmerksam.
Die Story für ‚Zur Sache, Schätzchen’ nannte May Spils selbst eine der Wirklichkeit entnommene Geschichte aus dem damaligen Schwabinger Milieu in München9, das unter anderem aus Gammlern, Trinkern, miniberockten Mädchen, maxiverkorksten Revoluzzern und mehr kleinen als großen Genies bestand.10
In den 1960er Jahren entstand in München-Schwabing eine eigenständige – überregional beachtete – Kulturszene. Schwabing wurde auch ein beliebter Drehort des ‚Jungen Deutschen Films’ und es kam immer wieder vor, dass fast zeitgleich in den Straßen Schwabings Filmproduktionen realisiert wurden. Der ‚Englische Garten’ war ein beliebter Treffpunkt der Gammler und Hippies, die Schwabinger ‚Leopoldstraße’ entlang gab es zahlreiche Lokale, in denen sich Künstler, Schauspieler und Musiker trafen. Im damaligen Vergleich konnte sich München-Schwabing selbst mit Kulturmetropolen wie Paris, London oder Amsterdam messen. Gerade junge Filmemacher ließen sich von der Atmosphäre in Schwabing inspirieren und versuchten, das aufregende und zugleich entspannte Leben filmisch darzustellen. May Spils selbst beschrieb Schwabing – durchaus nicht unkritisch – als eine Welt
[…] deren Charme so viele junge Leute erliegen, ohne recht zu begreifen, dass hinter der dünnen Oberfläche dieses Zaubers nichts oder allenfalls der große Spiegel steht, in dem man plötzlich nur sich selbst gegenübersteht. Schwabing ist keine Philosophie mehr, sondern nur noch eine ganz reizvolle Durchgangsstation für junge Leute zwischen 17 und 30 Jahren. 11
Die Münchener ‚Leopoldstraße’ in den 1960er Jahren
Die Grundidee für ‚Zur Sache, Schätzchen’ lieferten ihr zwei Freunde, die späteren Darsteller Werner Enke und Henry van Lyck, die sie monatelang beobachtete, „junge Schauspieler, in ihren alltäglichen Gewohnheiten, stellte ihre spezifischen kleinen Eigenarten fest, achtete darauf, wie sie Mädchen nachsehen, sie ansprechen, sich ihnen gegenüber verhalten.“12 Genauso wie die späteren Filmfiguren Martin und Henry lebten die beiden in den Tag hinein und hielten nicht viel vom Geldverdienen, doch
[…] bewahren sie sich im Rahmen dieses ‚Allgemeinguts’ spezifische individuelle Eigenarten, hat der eine oft ein bisschen mehr Vernunft als der andere, so dass sie sich merkwürdigerweise ganz gut ergänzen 13
so noch einmal May Spils.
May Spils führt Regie, mit Kameramann Klaus König, 1967
Trotz ihrer detaillierten Alltagsbeobachtungen hielt May Spils selbst den Film nicht für einen realistischen Film, da ihr die Situationen, in die sich die Hauptfigur Martin im Laufe der Filmhandlung begibt, viel zu absurd-grotesk erschienen; die Realität betrachtete sie nur als spielerische Ausgangsbasis für ihre skurrile Komödie – mit einem allerdings nachdenklich stimmendem Hintergrund.14 May Spils hatte nicht die Absicht, in ihre erste größere filmische Arbeit revolutionär-ideologische Vorstellungen im Sinne des ‚Oberhausener Manifests’ zu legen. Sie wollte nur kein ‚verstaubtes’ Kino im Sinne von ‚Papas Kino’ machen.
Das gelang ihr nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit dem Produzenten des Films, mit Peter Schamoni. Dieser ermöglichte die letztendliche Finanzierung von ‚Zur Sache, Schätzchen’, indem er seinen finanziellen Betrag aus dem Bundesfilmpreis für den von ihm produzierten und von seinem Bruder Ulrich inszenierten Film ‚Alle Jahre wieder’ in die Finanzierung einbrachte. ‚Zur Sache, Schätzchen’ entstand ohne staatliche Projekt-Förderung, ohne Fernseh-Beteiligung und ohne eine Verleihgarantie, er entwickelte sich aber, von Peter Schamoni lediglich als lockere Sommerkomödie geplant, zum bis dahin größten Kassenerfolg des deutschen Films.15
Werner Enke, May Spils und Uschi Glas
Der Inhalt
May Spils Spielfilmdebüt ‚Zur Sache, Schätzchen’ zeigt 24 Stunden aus dem Leben des Protagonisten Martin, einem jungen Werbe- und Schlagertexter, der in München lebt, im Stadtteil Schwabing. Martin beobachtet nachts von seiner Wohnung aus einen Einbruch auf der gegenüberliegenden Straßenseite, doch anstatt ihn der Polizei zu melden, legt er sich zum Schlafen hin.
Mittags wird er von seinem Freund Henry geweckt, 33 Jahre alt, einem wenig beschäftigten Schauspieler, gelegentlichem Synchronsprecher und zugleich ‚Agent’ von Martin, der sich um die ‚Vermarktung’ seiner Texte und Ideen kümmert. Auch Martins Freundin Anita erscheint kurz, um Martin mit einem Geschenk zum Geburtstag zu gratulieren. Es ist der 15. Juni, Martins 25. Geburtstag. Nach mehreren erfolglosen Versuchen seitens Henry, Martin endlich aus dem Bett zu holen, verlassen beide das Haus. Sie laufen durch das sommerliche München und gehen schließlich zur Polizei, um den von Martin beobachteten Einbruch der letzten Nacht zu melden.
Auf dem Polizeirevier nimmt Martin die Fragen der Polizisten nicht ernst, behauptet, er hätte den Reichstag angesteckt, und springt schließlich in einem unbeobachteten Moment aus dem Fenster, wodurch er selbst in Verdacht gerät, etwas mit dem Einbruchdiebstahl zu tun zu haben.
Henry und Martin gehen ins Schwimmbad, um sich vor der Polizei zu verstecken und um Schlagertexte für Victor Block, Inhaber der ‚Agentur Block – An- und Verkauf sämtlicher Ideen’, zu schreiben, die bis zum Nachmittag fertig sein sollen. Doch statt kreativ tätig zu sein, telefoniert Henry nur geschäftstüchtig aus einer Telefonzelle mit Block, und Martin beobachtet ein hübsches Mädchen, Barbara, das in einen Glassplitter tritt. Martin verarztet ihren Fuß und spielt ihr mit Umhängebart und Revolver einen verfolgten 72 Jahre alten Gangster vor. Barbara lässt sich amüsiert auf Martins pseudophilosophisches Alltagsgefasel ein und geht mit ihm im Schlepptau aufs Schwimmbecken zu. Dort versucht Henry sofort, sie anzubaggern und ‚glänzt’ mit einem imposanten Kopfsprung ins Wasser.
Barbara fährt nach dem Schwimmbad-Besuch Martin und Henry in ihrem weißen BMW-Cabrio nachhause, weil die Garderobenfrau Martins Hose verwechselt und er die Ersatzhose vor dem Eingang des Schwimmbades angezündet hat.
Als Martin, Barbara und Henry vor Martins Wohnung vorfahren, bemerken sie, wie zwei Polizisten das Haus betreten. Henry muss für Martin eine neue Hose aus der Wohnung holen und belauscht ein Gespräch zwischen der Hausmeisterin und den Polizisten, in dem die Frau eifrig von einem Revolver erzählt, den sie in Martins Zimmer gesehen hat.
Henry kommt aus dem Haus gerannt und brüllt: „Schnell weg hier. Es wird gefährlich!“ Leicht irritiert steuert Barbara ihren BMW durch München. Am Zoo halten sie an. Henry telefoniert Block einen Schlagertext durch, der Martin inzwischen auf der Fahrt nebenbei eingefallen ist. Martin bequatscht Barbara zu einem kleinen Zoobesuch: „Kommen Sie mit, ich schieß’ Ihnen n’ Nerz!“
Martin und Barbara spazieren durch den Zoo. An einem Freigehege holt Martin eine kleine Ziege über den Zaun und schenkt sie Barbara. Sie packen die Ziege in einen leeren Kinderwagen und fliehen vor dem Zoowärter und der Besitzerin des Kinderwagens zum Ausgang. Der ungeduldig wartende Henry leiht sich Barbaras BMW, um ‚wichtige geschäftliche Dinge’ zu erledigen. Martin begleitet Barbara nach Hause.
Die ganze spielerische Art Martins gefällt Barbara. Jemanden auf solche Art kennen zu lernen, das ist ihr neu. In der Nähe der ‚Selbstmörderbrücke’ kommt es wieder zu einem Spiel. Martin fordert Barbara auf, mit dem Revolver, den er in der Innentasche seiner Jacke immer bei sich trägt, mal auf ihn abzudrücken: „Ist natürlich nicht geladen“, sagt Martin. Die Situation ist ein bisschen doppelbödig. Barbara weigert sich. Das Ganze ist ihr unheimlich; sie will die Waffe in die Isar werfen, was Martin nicht zulässt.
Barbara wohnt in Grünwald, dem Nobelvorort von München. Martin liefert sie vor ihrem Elternhaus einfach ab, aber nicht ohne sich erneut, über ein ausgemachtes Spiel, für den Abend mit ihr zu verabreden. Henry war inzwischen bei Victor Block, hat Martins Schlagertexte abgeliefert und einen Vorschuss kassiert. In Barbaras schickem BMW reißt er an der Floßanlegestelle der Isar Mädchen auf, mit dem Versprechen auf eine heiße Party bei einem wichtigen Musikproduzenten in einer Luxusvilla.
Martin und Barbara treffen sich am frühen Abend in Schwabing wieder und gehen in seine Wohnung. Er will ihr seine ‚Filmproduktion’ zeigen. Vor der Wohnungstür, hinter dem Lift, lauern die beiden Polizisten von heute Nachmittag und nehmen Martin fest. Martin und auch Barbara werden im Polizeiwagen zur Wache gefahren. Es wird langsam dunkel draußen. Auf dem Hintersitz schiebt Martin Barbara unauffällig seinen Revolver zu, den diese in ihre Handtasche verschwinden lässt.
Auf dem Revier soll Martin erneut aussagen. Er weigert sich, und Barbara gelingt es, die Wachhabenden mit einem Striptease, in einer Korsage, derart zu verwirren und abzulenken, dass Martin neuerlich fliehen kann. Barbara wird freigelassen und die beiden treffen sich in der Nähe der Wache wieder. Sie gehen erneut zu Martins Wohnung, wo er ihr nun endlich seine ‚Filmproduktion’ zeigen will.
Inzwischen ist die Party in Blocks ‚Villa’ angelaufen. Henry fährt im offenen BMW vor und präsentiert dem Hausherrn am Bach hinterm Haus seine mitgebrachten jungen Mädchen.
Peter Schamoni und May Spils
Auf dem Bach macht der ältliche, hagere Block in einer lappigen Badehose auf einem mit einem Seil am Ufer befestigten Holzbrett Wellenreiten, jovial die Mädchen begrüßend.
Martin und Barbara sind in Martins Zimmer. Barbara wettet mit Martin um den Revolver, dass es ihm nicht gelingen wird, sie jetzt zum Lachen zu bringen. Martins ‚Filmproduktion’ entpuppt sich als eine Zigarrenkiste voll ‚Daumenkinos’ (selbstgezeichnete Blocks mit Strichmännchen), die er nacheinander abrollen lässt. Barbara ist verzaubert! Dann macht er ihr verschiedene ‚verkrachte Liebhaber’ vor, die sich an Frauen ranmachen. Barbara muss ständig heimlich lachen, verbirgt es aber vor Martin. Die beiden nähern sich schüchtern auf einem Bett einander an.
Die Party bei Block ist auf dem Höhepunkt. Das heißt: ‚Blöckchen’ versucht sich an die von Henry aufgerissenen ‚Punzeln’ ranzumachen, während dieser sich bemüht, einen ‚Filmproduzenten’ für seine schauspielerischen Fähigkeiten zu begeistern. Der Mann kann ihm aber in seiner Karriere nicht weiterhelfen – er ist nämlich lediglich Filmvorführer im AKI-Bahnhofskino. Anita wartet vergeblich auf Martin, mit dem sie sich heute Abend verloben wollte. Der berüchtigte ‚Parfüm-Wolfgang’ schleimt statt dessen um sie rum.
Martin gelingt es nicht, Barbara, nachdem sie offensichtlich miteinander geschlafen haben, zum Bleiben zu überreden. Er begleitet sie, mittlerweile ist es Nacht, zu einem Taxi, ist jedoch sichtlich enttäuscht, als Barbara wegfährt. Vorher hat er ihr allerdings den Revolver wieder abgeknöpft, da es ihm ja gelungen war, sie in seinem Zimmer zum Lachen zu bringen.
Anita erscheint in Martins Wohnung. Es kommt zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen ihr und Martin. Als die Polizei in Martins Wohnung auftaucht, es sind dieselben zwei Beamten vom Revier, provoziert dieser die Polizisten so lange mit seinem Revolver, bis ein Polizist schießt – nicht ahnend, dass Martins Waffe ungeladen ist. Leicht verletzt wird Martin abgeführt.
Produktionsangaben
Regie
May Spils
Regieassistenz
Li Bonk
Drehbuch
Peter Schlieper (= Werner Enke), May Spils, Rüdiger Leberecht
Kamera
Klaus König
Kamerassistenz
Georg Gegenfurtner
Beleuchtung
Honny Stangl, Sascha Strigl
Script
Halinka Drumm
Standfotos
Tim Klose
Schnitt
Ulrike Fröhner (Heidi Genée, May Spils)
Ton
Clemens Brendel, Horst Weiser
Musik
Kristian Schultze
Gesang
Kerry&Kaye
Darsteller
Werner Enke (Martin), Uschi Glas (Barbara), Henry van Lyck (Henry van Busch), Inge Marschall (Anita), Helmut Brasch (Victor Block), Rainer Basedow (Wachhabender), Joachim Schneider (Wachtmeister), Peter Tambosi (Polizist), Günter Strigel (Polizist), Martin Lüttge (Dichter im Lift), Fritz Schuster (Bettler), Johannes Buzalski (Voyeur), Horst Pasderski (Filmproduzent), Erwin Dietzel (Zoo-Wärter), Elisabeth Volkmann (Hausmeisterin), Li Bonk (Sekretärin von Block), Barbara Schütz (Anitas Freundin) u. a.
Produktionsfirma
Peter Schamoni Film-Produktion, München
Produzent
Peter Schamoni
Organisation (Produktionsleitung)
Peter Schröder, Fred Zenker
Drehbeginn 13.07.1967 - Drehschluss 11.08.1967
Erstverleih
Alpha-Filmgesellschaft
Länge
2197 m, ca. 77 min.
Format
35mm
Bild/Ton
s/w, Ton
Prüfung/Zensur
FSK-Prüfung: Ab 16 Jahre / nicht feiertagsfrei, Nr. 38187, 01.11.1967
Uraufführung
04.01.1968
Prädikat
FBW-Prüfung: Wertvoll, Nr. 12024, 01.11.1967
Die wichtigsten Preise
• ‚Deutscher Filmpreis’ 1968: ‚Filmband in Gold’ für ‚Dialoge’ an May Spils
• ‚Kritiker-Preis der 15’ (führenden Filmkritiker) 1968: für den besten Gegenwartsfilm deutscher Produktion an May Spils
• ‚Deutscher Filmpreis’ 1968: ‚Filmband in Gold’ für ‚Dialoge’ an Werner Enke
• ‚Deutscher Filmpreis’ 1968: ‚Filmband in Gold’ für ‚Darstellerische Leistungen’ an Werner Enke
• ‚Goldene Leinwand’ 1968
• Deutsche Nominierung für die ‚Goldene Palme’ in Cannes
• ‚BAMBI’ 1969: für Uschi Glas als beste deutsche Schauspielerin
Verfügbarkeit/Aktueller Verleih
Filmverlag der Autoren und Futura Film GmbH & Co. Verleih und Vertriebsgesellschaft KG
Verfügbarkeit/DVD
Zur Sache Schätzchen
Originaltitel: Zur Sache, Schätzchen!
Länge DVD (Min.): 103
Veröffentlichungsdatum: 12.12.2002
Studio: Komplett Media GmbH
Bildformat: 4:3 Vollbild (1.33:1)
Tonformat / Deutsch: Dolby Digital 1.0 Mono
FSK (Altersfreigabe): 12
Trailer von anderen Filmen, Kapitel- / Szenenanwahl, Bonusfilme ‚Jahrgang 1942: weiblich’ (Länge: ca. 11 Min.) und ‚So zwitschern die Jungen’ (Länge: ca. 12 Min.) von Peter Schamoni
Vertrieb: Komplett Media GmbH, D-82031 Grünwald
Sequenzplan
(Erstellt nach der DVD ‚Zur Sache Schätzchen’. Grünwald: Komplett Media GmbH 2002)
| Szene | Zeit | Sequenz | Inhalt |
| 1 | 00:00:00 - 00:00:54 | Straße | Außen. Nacht. Leere Straße, ziemlich spät in der Nacht. Ein Kombiwagen stoppt vor einem hell erleuchteten Schaufenster. Zwei Männer und eine Frau gehen auf das Schaufenster zu. Einer der Männer wirft einen Backstein in die Schaufensterscheibe. Die Männer steigen in das Geschäft und beginnen mit dem Ausräumen des Ladens, während ein dritter Mann im Auto hinter dem Steuer wartet. |
| 2 | 00:00:55 - 00:02:56 | Martins Zimmer | Innen. Nacht. Martin beobachtet vom Fenster aus den Einbruch auf der gegenüberliegenden Seite, spielt dann aber wieder TIPP-KICK, das aufgebaut unter einer Tischlampe steht. Er geht neuerlich, mit einer Tomate und einem Salzstreuer in der Hand, zum Fenster und schaut, die Tomate essend, gelangweilt den werkelnden Gestalten auf der anderen Straßenseite zu. Er wendet sich dann endgültig ab, entkleidet sich und legt sich ins Bett. Während er sich im Bett unruhig hin und her wälzt, beginnt, musikalisch dezent unterlegt, der Vorspann des Films. |
| 3 | 00:02:57 - 00:03:41 | Straße | Außen. Tag. Der Titel des Films wird eingeblendet, die Musik ändert sich, wird flotter, und der Vorspann läuft weiter. Ein Mann, Henry, geht eine Straße entlang, überquert diese dann und biegt um eine Hausecke. Unter dem Arm trägt er ein Paket und eine Zeitung. |
| 4 | 00:03:42 - 00:03:58 | Haus | Innen. Tag. Henry betritt einen Hauseingang und steigt in einen Lift, mit dem er dann nach oben fährt. Der Vorspann geht zu Ende und die Musik klingt aus. Im Lift befindet sich auch, sitzend, ein unrasierter junger Mann, der sich dort häuslich eingerichtet hat. Henry und Muller, so heißt der Mann, der gerade aus einer Tasse eine Suppe löffelt, grüßen sich. |
| 5 | 00:03:59 - 00:06:41 | Martins Zimmer | Innen. Tag. Martin liegt in seinem Zimmer im Bett und schläft, als Henry klopft und, nachdem Martin ihm die Tür geöffnet hat, eintritt. Das Paket stellt sich als Geschenk für Martin heraus, dessen Geburtstag heute, am 15. Juni, ist. Henry mahnt Martin, endlich aufzustehen, es ist bereits Mittag, da er ihm die Haare schneiden soll; er fragt auch danach, ob Martin seine versprochenen Texte für Victor Block endlich fertig hat, und er erkundigt sich nach Anita, Martins Freundin, mit der sich dieser heute, an seinem Geburtstag, auf Anitas Wunsch hin verloben soll. Henry zeigt Martin sein Geburtstagsgeschenk, eine Flasche Whisky, aus der Martin sofort trinkt, und ein Paar schwarze Ohrschützer. Sie reden über Henrys Alter; anschließend fordert er Henry auf, sich wegen dem Haareschneiden das Hemd auszuziehen, und er macht an seiner Wand, die bereits mit vielen Kreuzen versehen ist, ein weiteres Kreuz. |
| 6 | 00:06:42 - 00:07:48 | Balkon vor Martins Zimmer | Außen. Tag. Martin fertigt von Henrys Kopf eine Vorher- Nachher-Skizze an, während dieser den Verlust seiner Haare am Hinterkopf bejammert. Anschließend beginnt er Henry die Haare zu schneiden. Auf ein Klopfen an der Tür gehen beide wieder ins Zimmer. |
| 7 | 00:07:49 - 00:10:11 | Martins Zimmer | Innen. Tag. Anita kommt herein und wird von Henry begrüßt, während Martin derweil auf seiner Toilette wie auf einem Stuhl sitzt und aus einem Wilhelm Busch-Buch Verse rezitiert. Anita, die in einer Boutique arbeitet, hat eine große Kerze und ein Geschenk, ein Hemd, für Martin dabei. Nachdem Martin von der Toilette zurückgekommen ist, zieht er das Hemd an und sowohl Henry als auch Martin kündigen gegenüber Anita eine große Party, möglicherweise die Verlobungs-Party, am Abend an. Martin versucht Anita auch wegen Geld anzupumpen. Nachdem diese gegangen ist, legt Martin sich mit dem neuen Hemd ins Bett und macht es sich dort wieder gemütlich; gegenüber Henry erwähnt er aber den Einbruch der vergangenen Nacht, woraufhin dieser sich, um nachzuschauen, zum Fenster begibt. |
| 8 | 00:10:12 - 00:11:41 | Gang zur Polizei | Außen. Tag. Auf der Straße und in einem Straßencafé. Musik, wieder wie in Szene 3. Martin und Henry verlassen offensichtlich die Hintertür des Hauses, wo Martin wohnt. Als die Beiden an der mitschwenkenden Kamera vorbeilaufen, sieht man, dass Henry Martin mit einem Revolver, den er in der Hand hält, vor sich hertreibt. Sie kommen auch an dem Geschäft vorbei, wo der Einbruch verübt worden ist; hier wird gerade die Tür repariert. Henry weist Martin auf die juristischen Konsequenzen des Verschweigens einer Straftat hin. In einem Stehcafé bestellt Martin zwei schwarze Kaffee; Martin veralbert mit seinen Sprüchen sowohl die Kassiererin als auch einen Besucher des Cafés. Anschließend verlassen beide wieder das Café. |
| 9 | 00:11:42 - 00:14:38 | Bei der Polizei | Innen. Tag. Martin und Henry betreten das Polizeirevier. Hinter einem Schreibtisch sitzen zwei Polizisten sowie dann Martin. Bei der Personalienaufnahme gibt dieser dem protokollierenden Polizisten alberne, nicht ernstzunehmende Antworten, während Henry draußen auf dem Flur wartet. Schließlich verwickelt er die Polizisten, die völlig verduzt sind, in ein Quiz. Auf deren Frage, was er denn nun konkret zu melden habe, antwortet Martin, er habe den Reichstag angesteckt. Als die beiden Polizisten über die weitere Vorgehensweise diskutieren und einer der beiden die sofortige Festnahme vorschlägt, springt Martin aus dem Fenster. Er kommt aber wieder zur Eingangstür des Polizeireviers herein, wo Henry mit einem weiteren Polizisten über sein Verschwinden spricht. Martin trägt jetzt als Tarnung eine Sonnenbrille, einen dunklen – offensichtlich angeklebten – Vollbart und einen langen Mantel, wird aber von Henry sofort erkannt. Beide verlassen das Polizeirevier. |
| 10 | 00:14:39 - 00:16:43 | Flucht | Außen. Tag. Henry und Martin rennen durch etliche Straßenzüge, unterlegt mit der Titelmelodie des Films (Szene 3, Szene 8). Sie treffen auf Bruno, einen ‚falschen’ Bettler, dem Martin zwei der von ihm geborgten Sachen, Sonnenbrille und Mantel, zurückgibt. Martin versucht auch, Bruno um Geld anzupumpen und bittet ihn um einen Tipp für ein Versteck, wenn man verfolgt wird. Bruno gibt ihnen den Hinweis auf das Schwimmbad. |
| 11 | 00:16:44 - 00:26:19 | Schw.-bad | Außen. Tag. Martin und Henry laufen in Leihbadehosen durch das Schwimmbad und beobachten einen Voyeur vor einer Strohwand. Henry fordert Martin – letztendlich erfolglos, trotz all seiner textlichen Anregungen – auf, sich in Bezug auf den versprochenen Schlagertext für Victor Block nun etwas einfallen zu lassen. Während Henry mit Block telefoniert und versucht, etwas Zeit für die Abgabe des Textes zu gewinnen, lernt Martin Barbara kennen, die vor seinen Augen in eine Glasscherbe tritt. Martin zieht wieder den ‚falschen’ Bart über und zeigt Barbara den Revolver, um sich als verfolgter Gangster zu outen, wird aber von Barbara nicht ernst genommen. Beim gemeinsamen Gang zum Schwimmbecken lamentiert Martin über das Älterwerden; als Henry dazukommt, gehen alle drei ins Wasser und planschen vergnügt herum, wobei besonders Martin seine Späße macht. Zurück auf ihren Badetüchern, Henry cremt Barbara den Rücken ein, beobachten sie, wie der Voyeur von einem Rudel Badegäste gejagt wird. Martin schaltet sich ein und stellt den Voyeur vor den Badegästen als harmlosen südamerikanischen Studienrat hin – damit rettet er für den Voyeur die Situation. |
| 12 | 00:26:20 - 00:28:48 | Fahrt durch München | Außen. Tag. Martin verlässt, nach einem Disput mit der Frau in der Kleideraufbewahrung wegen seiner hier hinterlegten Hose, in der Badehose das Schwimmbad. Aus einem Papierkorb fischt er sich eine Zeitung, lässt sich von einem Passanten Feuer geben, legt die Hose und die Zeitung auf den Boden und zündet alles an. Barbara, die in ihrem Auto vor dem Schwimmbad wartet, willigt ein, Martin und Henry in ihrem BMW-Cabriolet nach Hause zu fahren. Sie fahren die ‚Leopoldstraße’ hinunter, am ‚Siegestor’ vorbei. Musik. Kurz vor Martins Haus bemerken sie zwei Polizisten, die gerade die Straße überqueren und offensichtlich auf dem Weg zu ihm sind. Martin schickt Henry ins Haus, während er sich in Barbaras Auto auf der Rückbank versteckt und mit dem Revolver rumspielt. |
| 13 | 00:28:49 - 00:29:30 | Martins Haus | Innen. Tag. Die beiden Polizisten stehen an der Tür der Hausmeisterwohnung im Souterrain und unterhalten sich mit der Hausmeisterin, die die beiden auch auf einen Revolver in Martins Wohnung hinweist. Derweil schleicht beiden Polizisten vorbei. Der Polizist, der den Lift rauf zu Martins Wohnung nimmt, trifft im Fahrstuhl auf den sitzenden Muller, der in einem Buch liest und eine Zigarette |
| 14 | 00:29:31 - 00:32:15 | Straße | Außen. Tag. Henry kommt zur Tür herausgestürzt, schmeißt Martin seine Kleider zu und setzt sich ins Auto. Schnell fährt Barbara weg – mit vorerst unbestimmtem Ziel. Martin richtet sich im fahrenden Wagen auf und zieht sich an. Dann greift er zur Pistole und spielt Selbstmörder. Während der längeren Autofahrt spricht er auch Henry den Text für Block vor, der ihm mittlerweile eingefallen ist. Henry ist begeistert und bittet Barbara, an der nächsten Telefonzelle anzuhalten, damit er mit Block telefonieren kann. Barbara hält auf dem Parkplatz vor einem Tierpark. Während Henry telefonieren geht, überredet Martin Barbara dazu, mit ihm den Tierpark zu besuchen. |
| 15 | 00:32:16 - 00:37:42 | Tierpark | Außen. Tag. Henry telefoniert im Kassenhäuschen mit Block, informiert ihn über Martins Text und bittet ihn um einen Vorschuss, den er gleich bei ihm abholen will. Martin und Barbara kommen, nachdem sie bei den Elefanten und den Löwenkäfigen vorbeigekommen sind, zum Ziegengehege, wo Martin wie selbstverständlich über das Gitter steigt, eine Ziege nimmt und sie Barbara in den Arm legt. Die beiden legen die Ziege in einen leeren Kinderwagen und rennen mit der Ziege im Kinderwagen weg, verfolgt von der Mutter, die ihren Kinderwagen geklaut sieht, und Tierpark-Mitarbeitern. Sie werden zwar gestellt, können sich aber, auch dank Martins verwirrenden Sprüchen, aus der Situation retten. Auf dem Parkplatz treffen sie wieder auf Henry, der zwischenzeitlich auch durch den Tierpark gestreift war. Henry bittet Barbara, ihm ihren Wagen zu leihen, damit er zu Block fahren kann. |
| 16 | 00:37:43 - 00:40:41 | Straße | Außen. Tag. Martin und Barbara gehen eine Straße entlang und durch einen Park – sie unterhalten sich übers Älterwerden. Nachdem sie über die so genannte Selbstmörderbrücke gelaufen sind, kommen sie an die Isar, wo Barbara Martin vorschlägt, seine Pistole wegzuwerfen. Dieser gibt Barbara die Pistole und schlägt ihr vor, sie auf ihn zu richten und abzudrücken. Barbara verweigert ihm aber den Wunsch, woraufhin Martin die Pistole wieder in die Innentasche seiner Jeansjacke steckt. |
| 17 | 00:40:42 - 00:42:41 | Blocks Büro | Innen. Tag. Ein halbwegs modern eingerichtetes Büro. Victor Block, ein langer, dünner Mittfünfziger, sitzt auf seinem Schreibtisch und telefoniert; er stellt seinem Gesprächspartner Musik vor, die gleichzeitig auf einem Tonband läuft. An seinem Schreibtisch sitzt auch seine Sekretärin. Henry kommt und stellt ihm Martins Schlagertext, den Refrain, vor. Sie einigen sich darauf, bei Block am Abend in seiner Villa eine kleine Party zu veranstalten, für die Henry die Mädchen organisieren soll. Block gibt Henry auch einen kleinen finanziellen Vorschuss. |
| 18 | 00:42:42 - 00:43:43 | Straßenbahn | Innen. Tag. Barbara und Martin fahren in einer Straßenbahn. Martin versucht Barbara zu erläutern, was ‚Fummeln’ bedeutet. |
| 19 | 00:43:44 - 00:44:35 | Vor einer Villa | Außen. Tag. Martin und Barbara bleiben am Tor einer Villa stehen, in der Barbara wohnt. Barbara verspricht, später noch in die Kneipe ‚Occam’ zu kommen, vorausgesetzt, ihr Vater spielt am Abend nicht, wie sonst üblich, Geige. |
| 20 | 00:44:36 - 00:45:59 | Boutique | Innen. Tag. Später: Außen. Tag. Anita räumt auf. Henry steht herum. Anita ist sauer wegen Martins Verspätung. Henry erzählt ihr von der Party, die er arrangiert hat. Als Martin endlich kommt, bittet er Anita erneut um Geld. Martin bekommt aber von Henry einen Teil des Geldes von Blocks Vorschuss. Alle Drei beschließen, abends auf die Party bei Block zu gehen; es herrscht aber Unklarheit darüber, mit wem Anita zur Party kommt, da Martin zu keiner definitiven Aussage, wann er sie abholt, bereit ist. Anita ist verärgert. |
| 21 | 00:46:00 - 00:47:32 | Barbaras Familie | Innen. Abend. Barbaras Familie am Abendbrottisch. Das Essen, das wortlos stattfindet, geht seinem Ende entgegen. Der Vater holt die Geige vom Schrank und spielt ein Largo. Barbara schaut ziemlich genervt und tauscht Blicke mit ihrem Bruder aus. Sie steht auf, während der Vater noch geigt, und geht ins Nebenzimmer, um zu telefonieren. |
| 22 | 00:47:33 - 00:48:13 | Kneipe | Innen. Abend. Martin würfelt an der Theke. Der Wirt ruft ihn ans Telefon, wo er Barbara den Weg zum verabredeten Treffpunkt erklärt |
| 23 | 00:48:14 - 00:48:58 | Straße | Außen. Abend. Martin und Barbara gehen auf der Straße, wobei Martin ihr vorschlägt, ihr bei sich zuhause seine ‚Filmproduktion’ zu zeigen. Auf einem Platz haben sich viele Menschen versammelt, um zuzusehen, dies behauptet Martin, wie der schmutzigste Gammler Münchens kostenlos – und dann auch noch mit Kernseife – gewaschen wird; ein Spektakel, das Martin aber nicht sehen will. Er schlägt noch einmal vor, zu sich nach Hause zu gehen. |
| 24 | 00:48:59 - 00:49:45 | Isar | Außen. Abend. Ein Floß fährt auf der Isar – voller johlender, singender Menschen. Henry kommt mit Barbaras Cabrio angefahren und hält am Ufer, wo sich auch viele Menschen – in Feierstimmung – versammelt haben. Henry erscheint bei dem mittlerweile vertäuten Boot, auf dem gefeiert und getanzt wird, und fragt Mädchen, ob sie Lust haben, mit zu einer Prominentenparty zu kommen, mit Wasserski und Wellenreiten. Mit vier Mädchen im Schlepptau bzw. in Barbaras Cabrio fährt er wieder ab. |
| 25 | 00:49:46 - 00:51:00 | Party bei Block | Außen. Abend. Henry kommt mit den Mädchen bei Victor Blocks Villa angefahren, wo auch noch ein zweites Auto mit weiteren Mädchen eintrifft. Block macht auf dem Fluss hinter seinem Haus – auf einem Holzbrett – Wellenreiten. Henry stellt ihm die von ihm mitgebrachten Mädchen vor, die von Block jovial und freudig begrüßt werden. An einem Tisch auf einer Terrasse sitzt auch Anita und wird von einer Freundin nach ihrem Verlobungstermin mit Martin gefragt, der auch bis jetzt – zum Leidwesen von Anita – bei der Party noch nicht erschienen ist. |
| 26 | 00:51:01 - 00:52:21 | Verhaftung | Innen. Abend. Später: Außen. Abend. Martin und Barbara kommen aus dem Lift vor Martins Wohnung. Barbara wundert sich über Muller, der immer noch im Lift wohnt. Zwei Polizisten tauchen überraschend auf und verhaften Martin; auch Barbara wird zum mitkommen aufgefordert. Martin wird auf der Straße von beiden Polizisten abgeführt und – zusammen mit Barbara – zum Polizeiauto gebracht. Im Polizeiauto, das mit Blaulicht fährt, steckt Martin Barbara heimlich die Pistole zu, die sie in ihre Tasche steckt. |
| 27 | 00:52:22 - 00:53:01 | Polizeirevier | Innen. Abend. Wieder auf dem Polizeirevier – wo Martin gleich wieder gehen will, aber von einem Polizisten zurückgehalten wird. Er wird aufgefordert, über die Ereignisse von gestern Abend – den Einbruch – zu berichten. |
| 28 | 00:53:02 - 00:54:51 | Party bei Block | Außen. Nacht. Henry unterhält sich mit einem elegant aussehenden Mann über seine Situation als Schauspieler und Synchronsprecher. Block kommt, in Badehose, vom Wellenreiten zurück und klopft Henry kurz auf die Schulter. Auf der Tanzfläche wird getanzt. Block, immer noch in Badehose, setzt sich neben Anita und umarmt sie. Er bietet ihr an, öfters mal zu ihm – und zwar allein – rauszukommen; außerdem will er sie ‚groß rausbringen’. Seine Avancen werden aber von Anita abgewehrt, woraufhin Block sich einem anderen Mädchen, Rosita, mit derselben Masche zuwendet und mit ihr zum Tanzen geht. |
| 29 | 00:54:52 - 00:55:50 | Polizeirevier | Innen. Nacht. Ein Polizist ist damit beschäftigt, Martin auszufragen. Barbara macht derweil einem anderen Polizisten schöne Augen. Sie beginnt, ihr Kleid abzustreifen. Beide Polizisten werden auf sie aufmerksam und sind – da sie zum Schluss nur noch in einer weißen Korsage dasteht – sichtlich irritiert. Diese Gelegenheit nutzt Martin, das Zimmer unbemerkt zu verlassen. Ein Polizist hilft Barbara, ihr Kleid wieder anzuziehen, während der Andere bemerkt, dass Martin geflohen ist. |
| 30 | 00:55:51 - 00:56:51 | Straße | Außen. Nacht. Barbara kommt die Straße entlang, während Martin hinter einer Hausecke wartet und sich dann bemerkbar macht. Er umarmt Barbara und sie gehen umschlungen weiter. Bei einer Sitzbank stoppt Martin, setzt sich und baut, amüsiert beobachtet von Barbara, erst einmal – in einer Ansprache an ein fiktives Gegenüber – seinen Aggressionstrieb ab. Anschließend beschließen sie zu Martin zu gehen, wo er ihr nun endlich seine ‚Filmproduktion’ zeigen will. |
| 31 | 00:56:52 - 01:06:45 | Martins Zimmer | Innen. Nacht. Martin, mit zwei Bierflaschen in der Hand, und Barbara kommen herein. Barbara moniert die Unordnung im Zimmer und entdeckt dann beim Herumstöbern, während Martin TIPP-KICK spielt, ein von Martin geschriebenes Gedicht. Außerdem fallen ihr die 18250 von Martin bereits an die Wand gemalten Kreuze auf; jedes Kreuz ist ein Tag in Martins Leben. Anschließend zeigt er ihr, beide sitzen auf seinem Bett, seine Daumenkinos, ‚Kohlhaas am Block’, ‚Die Verfolgung’, ‚Boxkämpfe’ und ‚Lausebengel’, die Barbara sehr amüsieren. Sie fordert Martin dann auf, sie noch weiter zum Lachen zu bringen. Sie wetten um die Pistole, ob es ihm gelingt. Martin legt sich auf den Boden und spielt ihr zuerst den ‚schlaffen Harro’ vor, anschließend geht er ins Bad, um ihr zu zeigen, wie ‚der Benno sich immer an seine eigene Frau ranmacht’. Durch die Tür fliegen seine Kleidungsstücke und andere Utensilien, was Barbara wieder sichtlich amüsiert. Nach dieser Vorstellung setzt er sich, im Bademantel, zu Barbara aufs Bett und tastet sich Stück für Stück bei Barbara vor. Er lockert die um ihren Hals laufende Schleife ihres Kleides und legt dann seinen Kopf an ihren Busen, wo er sich sichtlich wohl fühlt. |
| 32 | 01:06:46 - 01:09:08 | Party bei Block | Außen. Nacht. Henry turtelt mit einem Mädchen an einem Tisch rum; als er von einem Partygast auf ein zurückliegendes - für ihn negatives - Erlebnis auf einer anderen Party angesprochen wird, verlassen er und das Mädchen den Tisch. Block spielt auf einem Schifferklavier und singt dazu ein Seemannslied in der Manier von Hans Albers, mit dem von Martin getexteten Refrain. Anita wird derweil von einem männlichen Partygast angesprochen; sie lehnt aber seine Angebote, zu tanzen oder sie nach Hause zu fahren, mit der Bemerkung ab, sie sei verabredet. Eine Nachbarin beschwert sich über den Lärm auf der Party. Henry trifft wieder auf den Gast, mit dem er sich schon zu Beginn der Party unterhalten hat. Beide sind mittlerweile angetrunken. |
| 33 | 01:09:09 - 01:10:37 | Martins Zimmer | Innen. Nacht. Martin und Barbara liegen im Bett, haben offensichtlich miteinander geschlafen. Barbara streichelt Martin sanft, Martin kuschelt sich in ihre Arme. Er versucht, Barbara zum Dableiben zu überreden, da er nicht gerne allein schläft. Doch selbst die Aussicht auf ein weiteres ‚kleines Match’ kann sie nicht überzeugen. |
| 34 | 01:10:38 - 01:11:29 | Straße | Außen. Nacht. Martin und Barbara kommen umschlungen eine Straße entlang. Martin nimmt ihr, während sie nach einem Taxi ruft, wieder die Pistole ab, die sie in ihrer Tasche hatte, mit dem Argument, er habe die Wette gewonnen, da sie bei seinen Vorstellungen kräftig gelacht habe. Ein Taxi hält, Barbara steigt ein. Martins Aufforderung, noch mal auszusteigen, kommt sie nicht nach und das Taxi fährt ab, sehr zum Unwillen von Martin, der die Straße dann wieder zurückgeht. |
| 35 | 01:11:30 - 01:15:39 | Martins Zimmer | Innen. Nacht. Martin macht die Tür auf. Auf seinem Bett sitzt Anita, die sauer ist und die Beziehung für beendet erklärt. Martin versucht sich aber wieder, mit einer Flasche Bier in der Hand und trinkend, bei ihr einzuschmeicheln, indem er ihr erklärt, dass für ihre Beziehung eine Party wie bei Block völlig unwürdig sei; Anita sei viel zu apart für diese Leute. Er holt den Revolver aus seiner Jacke, schmeißt ihn auf das Bett, setzt sich dann zu Anita und bietet ihr ein ‚kleines Match’ an. Die beiden Polizisten vom Polizeirevier kommen zur offenen Tür herein. Mit einem Haftbefehl wollen sie Martin zum Mitkommen zwingen. Martin behauptet, gestern den Einbruch begangen zu haben und ergreift dann die auf dem Bett neben ihm liegende Pistole. Mit der Bemerkung, sie sei ganz harmlos, richtet er sie zuerst auf sich und dann auf einen der beiden Polizisten. Der schießt und Martin fällt vom Bett auf den Boden. Nach einigen Schrecksekunden richtet sich Martin aber wieder auf. Die Polizisten führen ihn ab. Anita bleibt alleine im Zimmer zurück. Während die Schlussmusik einsetzt, blendet das Bild ab. |
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