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Linda Dielemans

Im Schatten

des Löwen

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf

Verlag Freies Geistesleben

Der Löwenmann kam nur dann, wenn sie es nicht erwartete. Rief sie ihn, antwortete er nicht. Suchte sie ihn, war er nirgendwo zu finden. Aber wenn sie unter den Sternen mit den Herden dahinrannte, zwischen den Rentieren mit ihren dunklen Geweihen oder den Pferden mit ihren wehenden, zottigen Mähnen, war er manchmal einfach so da. Dann fühlte sie seinen funkelnden Blick schon, bevor sie ihn sah.

Oft war er nicht mehr als ein Schatten, ein Schemen halb versteckt in den Atemwolken der in der eisigen Kälte dampfenden Tiere. Manchmal rannte er neben ihr her. Mit seinen langen, schlanken Beinen hielt er leicht mit ihr Schritt. Er trug immer dieselbe Kleidung. Eine geschmeidige Hose aus dunklem Leder. Gefütterte Stiefel. Einen Mantel mit einem Kragen aus weißem Fuchspelz und verziert mit Streifen von rotem Ocker. Aber er war kein gewöhnlicher Mann. Er hatte den Kopf eines Löwen. Seine Ohren waren weich und rund, bedeckt mit hellbraunem Fell. Scharfe Zähne blitzten in seinem Maul, und seine Augen waren gelb mit kleinen, schwarzen Pupillen. Intelligente Augen. Gefährliche Augen.

Sie wusste nicht, wieso es ihn gab. Niemand hatte je von ihm gehört. Sie hatte ihn zwar gefragt, wer er sei, aber er antwortete nie. Sie wusste nicht, ob er nicht sprechen konnte oder es vielleicht nur nicht wollte. Aber sie wusste, dass er da war, um ihr zu helfen. Er kannte sie, das sah, das fühlte sie. Und sie kannte ihn. Irgendwo tief im Inneren kannte sie diesen Löwenmann. Sie wusste nur noch nicht, wie.

Also fragte sie ihn nichts mehr. Sie wollte ihn nicht aus ihren Träumen verjagen. Irgendwann würde sie entdecken, wer er war, aber vorläufig wollte sie mit seiner Gesellschaft zufrieden sein. Durch ihn war sie nicht mehr so allein.

1


«Junhi! Junhi, wo bist du?»

Die Männerstimme sickerte ihr in die Ohren. Die rennenden Pferde lösten sich vor ihren Augen auf und machten einer leeren Ebene Platz. Erst jetzt bemerkte Junhi wieder, wie kalt der Wind war; ihre Nasenspitze spürte sie längst nicht mehr. Der Duft von gefrorener Luft füllte ihre Nasenlöcher, und Eiskristalle hatten sich in ihre Augenwinkel eingenistet. Sie stachen, während sie sie wegzwinkerte.

Sie war hier schon viel zu lange. Hinter ihr schien eine bleiche Sonne. Sie stand tief an dem hellblauen Himmel, die Felsen entlang der Flusskurve in der Ferne blockierten das Licht. Wind und Schatten arbeiteten zusammen, um sie in Eis zu verwandeln.

Junhi fröstelte. Warum hatte sie sich nicht mit dem Rücken gegen die Felswand gesetzt? Da wäre sie schön windgeschützt gewesen.

Aber hier träume ich besser, dachte sie, ich brauche die Kälte, um zu träumen. Der Wind muss mir in den Ohren sausen. Es muss wehtun.

Sie hatte möglichst viele Rentierhäute mitgerafft, als sie heute früh aus der Wohnhöhle gehuscht war, und sie alle um sich geschlagen, um Schultern und Beine, über den Kopf. Es war nicht genug. Ununterbrochene Schauder durchzuckten ihren Körper und sorgten für verkrampfte Muskeln. Aber sie musste aufstehen. Jemand näherte sich.

Sie ließ die Häute von sich abgleiten und drückte sich hoch. Sofort knickten ihr die Beine weg. Sie kribbelten schmerzhaft, und sie konnte gerade noch verhindern, dass sie mit dem Gesicht auf dem Boden landete. Der Mann in der Ferne beeilte sich zu ihr. Es war Dahs. Natürlich er, wer sonst?

«Was tust du hier?», fragte der Jäger mürrisch. Er zog sie hoch, als hätte sie kein Gewicht.

«Wie oft hat Uma dir schon gesagt, du sollst dich nicht so weit entfernen? Selbst die Hunde wissen, dass es gefährlich ist, im Winter allein draußen zu sein. Wenn die Kälte dich nicht zu fassen kriegt, dann tun es die Hyänen. Sie haben Hunger. Ich höre sie jeden Abend heulen, und sie kommen immer näher.»

«Ich habe meinen Speer dabei, Dahs», antwortete Junhi. «Ich angle gerade. Ich wollte gerade ein Loch ins Eis schlagen.»

Dahs starrte sie an.

«Angeln, womit? Ich sehe weder Haken noch Seil. Lüg mir nichts vor. Du hast wieder geträumt, ich sehe es dir an. Wie oft muss Uma dir noch sagen, dass du damit aufhören sollst? Tukh ist unser Träumer. Tira ist seine Schülerin, nicht du!»

Dahs’ dunkle Augen waren unter seinen schwarzen Augenbrauen versteckt. Gefrorener Atem hing in seinem Bart und Schnäuzer.

Es interessiert mich nicht, was Uma sagt, dachte Junhi, ob sie nun die Stammesmutter ist oder nicht. Sie kann mich nicht ausstehen. Und ich sie auch nicht.

Aber sie schwieg.

«Komm», sagte Dahs. «Es ist Zeit für die Jagd. Wir sind der Herde lange genug gefolgt. Manche Tiere sind müde und hungrig und bleiben zurück. Wir müssen schnell sein, bevor sie von den Löwen geschnappt werden.»

«Ja», antwortete Junhi, aber sie hatte nicht wirklich zugehört.

«Komm», sagte Dahs nochmals. Er schwieg einen Moment, aber dann fasste er Junhi am Kinn und zwang sie, ihn anzuschauen. Seine rauen Finger gruben sich in ihre Wangen.

«Junhi! Schau mir in die Augen. Die Träume sind nicht für dich. Halte dich davon fern.»

«Du tust mir weh!», ächzte sie.

«Dann merkst du dir vielleicht einmal, was ich sage.»

Er ließ sie los und ging davon. Junhi blieb nichts übrig, als ihm zu folgen. Sie rieb sich übers Gesicht, aber sie konnte das Gefühl von Dahs’ glühenden Fingerspitzen nicht wegwischen.

In der Ferne war ein Raubvogel zu hören. Junhi kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und spähte in die Luft. Kein Vogel weit und breit. Es war das vereinbarte Zeichen.

Sie schnalzte mit der Zunge, um den anderen Bescheid zu geben, die genau wie sie reglos hinter dem Felsen versteckt dahockten. Langsam kamen sie hervor, die Speere im Anschlag. An der anderen Seite der Herde hatte der Ruf des Raubvogels noch weitere Schatten aus ihrem Versteck gelockt. Junhi konnte sie zwischen den Beinen der Rentiere hindurchschleichen sehen, die Köpfe geneigt und genau wie sie auf der Hut.

Die Herde graste im Tal, sich der Gefahr, die sich entlang ihrer Flanken bewegte, nicht bewusst. Eines der Rentiere hob den Kopf, schnupperte in der vor Kälte knisternden Luft, und Junhi versuchte, seinen Blick zu fangen. Aber es sah sie nicht. Die Rentiere in ihren Träumen sahen sie immer. Sie wussten, wer sie war, und ließen sie so nah an sich heran, dass sie sie berühren konnte. Aber nicht dieses Rentier. Nicht diese Herde.

Schon bald fuhr das Tier fort zu grasen. Sein Geweih bewegte sich träge mit seinem Kopf, und seine Hufe und die weichen Lippen bewegten sich bei der Suche nach dem krustigen Moos, das die Rentiere so gern fraßen, über den Boden. Nur gut, dass es Junhi nicht gesehen hatte. Denn das hier war kein Traum. Das hier war die große Jagd. Heute ging es um Nahrung. Um Kleidung und um Sehnen und Knochen.

Die Jäger schlichen sich von hinten an die Herde heran, wo die schwachen Tiere sein würden. Sie standen ein wenig abseits, als hätten die anderen sie schon aufgegeben. Es waren fünf. Aber fünf waren mehr als genug. Ihre Köpfe schossen der Reihe nach in die Höhe, unruhig und wachsam. Sie wussten, dass sie größere Gefahr liefen als ihre Artgenossen.

Wieder ertönte der Ruf des Raubvogels.

«Jetzt!», rief Junhi und stürmte zusammen mit den anderen Jägern vor, zwischen die abgesonderten Tiere und die übrige Herde. Ängstliche Schreie klangen durch das Tal, gefolgt von dem überwältigenden Lärm von Hunderten Hufen, als die Herde in Bewegung kam. Junhi rannte, johlend und pfeifend, während sie ihren Speer durch die Luft schwenkte und damit ab und zu drohend in Richtung der Tiere stach, die vor ihr wegtrabten. Sie schaute sich kurz um. Es war ihnen gelungen, den größten Teil der Herde in die andere Richtung laufen zu lassen. Ein Meer aus kurzen, weißen Schwänzen und dunklen Geweihen warf Klumpen von Erde und hartem Schnee in die Luft. Einer der die Tiere verfolgenden Jäger schrie und griff sich ins Gesicht. Junhi grinste. Das würde ein blaues Auge werden.

Auf einmal meinte sie aus dem Augenwinkel ein zottiges Raubtierfell zu sehen.

Der Löwenmann?

Sie verlangsamte ihren Schritt, ließ ihren Speer sinken und wollte sich schon fast umdrehen, als jemand sie kräftig am Ärmel zog.

«Junhi! Was machst du da?»

Dann: «Gib acht!»

Etwas prallte gegen sie, es traf ihre Schulter mit einem so harten Schlag, dass sie mit dem Gesicht auf den gefrorenen Boden fiel. Sie spürte, wie ihre Zähne ihre Lippe durchbohrten, und schmeckte Blut. Als sie den Kopf hob, sah sie gerade noch ein weißes Hinterteil in Richtung der Herde verschwinden. Sie starrte dem Rentier mit offenem Mund nach.

«Junhi, geht es?»

«Nein.»

Sie drehte sich auf den Rücken. Es war Cramh, der besorgt auf sie herabsah. Cramh und zum Glück nicht Dahs. Der hätte sie so fest geschlagen, dass sie gleich wieder auf dem Boden gelandet wäre. Cramh streckte seine Hand aus, um ihr aufzuhelfen.

«Was war das?», fragte er, als sie wieder stand.

«Nichts, Cramh. Ich dachte, ich hätte etwas gesehen. Das ist alles, und es war dumm.»

Ihre Schulter pochte und schmerzte.

«Ist nicht so schlimm», sagte Cramh. «Wir haben trotzdem noch drei erwischt. Da, schau.»

Ein Stück weiter waren die verängstigten Rentiere geradewegs in die Falle gelaufen. Vier neue Jäger hatten sie erwartet, genau wie Dahs es sich zuvor ausgedacht hatte. Ihre Speere waren schnelle, schwarze Striche vor einem Himmel aus hellblauem Eis. Die Todesschreie der Rentiere füllten Junhis Ohren. Ein Schauer überlief sie.

«Aber wenn Dahs das erfährt …»

«Von mir hört er nichts.»

Junhi musterte ihn kurz, aber Cramhs Blick war freundlich. Sie glaubte ihm.

«Danke.»

Der Mann zuckte mit den Schultern. «Es entgeht mir durchaus nicht, dass Dahs dich auf dem Kieker hat. Er mag zwar der Anführer der Jäger sein, aber das bedeutet nicht, dass er anderen das Leben schwer machen darf. Versuche nur, nicht mehr allzu viel von unserem Essen entwischen zu lassen. In Ordnung?»

«Ich verspreche es», sagte Junhi mit einem schiefen Grinsen.

«Komm, wir helfen ihnen», sagte Cramh. «Rentiere laufen nicht von allein zum Feuer. Erst recht nicht, wenn sie gerade getötet wurden.»

«Du hast Blut auf deinem Mantel. Lass mich es herauskämmen.»

Die Stimme der Stammesmutter Uma war leise, aber gebieterisch.

Junhi warf noch einen sehnsüchtigen Blick zu dem Feuer, setzte sich dann aber gehorsam außerhalb der Reichweite der Hitze, die da so herrlich von den Flammen und den Steinen abstrahlte. Uma saß nie am Feuer, sondern blieb meist in den Schatten gerade außerhalb des Kreises von Menschen. Sie schlief in der hintersten Nische der Wohnhöhle, wo die scharfen Felsen hervorragten, als ob das Innere der Erde sie mit seinen harten Armen beschützen wollte. Ihr sei ohnehin nie kalt, sagte sie. Und für die Stammesmitglieder sei es leichter, mit ihren Fragen zu ihr zu kommen, wenn die anderen nicht gleich alles mitbekamen.

Das stimmte. Aber Junhi hatte nicht um ein Gespräch gebeten. Und was kümmerte sie dieses Blut? So viele Leute hatten Blut an den Mänteln. Das war normal. Sie hatte zwei schwere Hinterläufe in die Wohnhöhle getragen. Und jetzt wollte sie sich nur noch entspannen und aufwärmen. Sie schauderte und zog die Hände in die Ärmel zurück. Viel half es nicht.

«Dahs hat mir von deinem Ausflug erzählt», sagte Uma hinter ihr, während sie einen knöchernen Kamm mit kurzen Bewegungen durch den Pelz von Junhis Mantel zog.

Natürlich ging es darum.

«Hattest du vergessen, was ich dir gesagt habe?»

«Nein, Uma.»

«Und trotzdem gehst du hinaus.»

«Es tut mir leid.»

Die Frau hörte auf zu kämmen. «Sieh mich an.»

Langsam drehte Junhi sich um. Umas Gesicht war weich und rund, und die Haare auf ihrem Kopf waren in Dutzenden strammer kleiner Knoten zusammengefasst. Ihr Blick war besorgt, aber Junhi wusste, dass diese Besorgtheit aufgesetzt war. Uma nahm ihre Hände. Ihre fleischigen Finger waren warm.

«Ich weiß, dass du träumst. Ich weiß auch, dass du mir nicht alles erzählst. Und vielleicht bist du auch eine bessere Träumerin als Tira. Aber du kannst ihren Platz nicht einnehmen, das verstehst du doch, oder? Es gibt keinen anderen Platz für sie. Du bist stark und schnell. Du musst rennen und jagen und für deine Kinder sorgen, wenn du Mutter wirst. Die Träume sind für Tira. Sie ist Tukhs Schülerin.»

Uma seufzte.

«Ich bin die Stammesmutter, Junhi. Es ist meine Aufgabe, für alle zu sorgen. Die Träume, die die Mutter schickt, sind verräterisch. Die Wahrheit liegt tief in ihnen verborgen, und nur ein echter Träumer kann sie erkennen. Wenn du einfach so jedem Traum folgst, der sich dir präsentiert, wirst du Katastrophen verursachen. Katastrophen, die nicht wiedergutzumachen sind.»

«Dann lehre mich, die Wahrheit zu erkennen», flehte Junhi. «Lass Tukh mir helfen!»

Es war nicht das erste Mal, dass Uma sie auf das Träumen ansprach. Und es war nicht das erste Mal, dass Junhi um Tukhs Hilfe bat. Warum gab Uma nicht nach? Sie musste doch für den Stamm sorgen! Warum dann nicht für sie?

«Nein», antwortete Uma entschieden. «Ich verbiete dir, künftig noch zu träumen.»

«Wie kann jemand aufhören zu träumen? Träumen tut doch jeder.»

Junhi musste sich Mühe geben, nicht loszuschreien. Schreien half nichts, erst recht nicht bei Uma. Der Mund der Stammesmutter verwandelte sich in einen harten Strich.

«Jetzt stell dich nicht dumm. Du weißt, was ich meine. Von jetzt an huschst du mir nicht mehr davon zu abgelegenen Orten. Und glaube nur nicht, ich würde sie nicht kennen. Und jeden Traum, der dennoch kommt, erzählst du auf der Stelle mir. Hoffentlich dauert es dann nicht lange, bis sie aus deinem Kopf verschwunden sind. Du musst sie vergessen. Also auch keine Zeichnungen mehr, Junhi. Nicht in der Wohnhöhle und erst recht nicht auf den Felsen im Freien. Verstehst du, warum ich das sage?»

Junhi wollte ihre Hände aus denen Umas losziehen und davonrennen, weit weg von dem Feuer und der Höhle und der grausamen Frau, die vor ihr saß, aber die Stammesmutter hielt sie entschlossen fest. Kapierte Uma es denn nicht? Ohne ihre Träume war Junhi nichts. Ohne ihre Träume war sie niemand. Sie würde den Löwenmann nie mehr sehen.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, aber die bösen Worte, die auch aus ihr herauswollten, behielt sie für sich. Sie ließ den Kopf hängen. Keine Träume mehr, kein Löwenmann. Keine Zeichnungen mehr, um zu beweisen, dass sie die Pferde und Rentiere aus ihren Träumen wirklich gesehen hatte. Ohne Zeichnungen hatten ihre Träume keine Bedeutung. Und das war genau, was Uma wollte.

«Ich sehe, dass du es begreifst», sagte Uma. «Aber trauere nicht zu lange, Mädchen. Tränen sind für den Tod, nicht für das Leben. Gib das Träumen auf, wie ich dich gebeten habe. Sei vernünftig. Ich werde Dahs sagen, dass er dich im Auge behalten soll.»

«Als ob er das nicht schon jetzt täte!»

«Nicht so unverschämt, Junhi.» Um Umas Augen erschienen harte Linien. «Das steht dir nicht.»

Dann entspannte sich ihr Gesicht. «Es ist nicht leicht, Stammesmutter zu sein. Komm her.»

Sie breitete die Arme aus, und obwohl es nichts gab, das Junhi in diesem Augenblick weniger gewollt hätte, ließ sie sich doch von Uma umarmen. Es war wundersam, wie jemand so hart im Innern und so weich von außen sein konnte. Junhi erstickte beinahe, sie ertrank in einem Fluss aus Haut und Fett, aus Brust und Bauch. Als die Stammesmutter sie losließ, waren ihre Wangen rot und sie keuchte ein wenig.

Uma lächelte. «Und jetzt geh.»

Schnell stand Junhi auf, wischte sich übers Gesicht und entfloh.

Der restliche Stamm saß um das Feuer. Männer und Frauen, Jung und Alt. Einer der Männer flickte einen Mantel, eine Frau schnitzte einen neuen Speer.

Die älteren Kinder spielten mit den Kleinen oder unterhielten sich, aber Junhi gab sich keine Mühe, sie zu verstehen. Ein Baby weinte, und die Mutter begann leise zu singen. Ihre Stimme hallte von den Seitenwänden der Höhle wider, und die Melodie wogte durch den Raum. Schlafe, schlaf ein, sagte das Lied. Es half.

Junhi fand ein Fleckchen zwischen einem dösenden Hund und jemandem, der mit dem Rücken zu ihr saß. Er drehte sich um. Es war Cramh. Junhi nickte ihm zu und entspannte sich. Hier war sie sicher.

«Iss etwas», sagte Cramh und reichte ihr ein Stück geröstetes Fleisch.

«Und das.» Er drückte ihr einen feuchten Ball in die Hände. «Aus dem Magen der Rentiere von heute früh. Gut für dich.»

Junhi schlug die Zähne in das halbverdaute Moos. Es schmeckte sauer und war schleimig, aber sie hatte schon so lange nichts Grünes gegessen, dass auch eine Handvoll frischer Frühlingskräuter nicht schmackhafter hätten sein können. Und anders als so ging es nicht. Menschen bekamen Bauchschmerzen vom Moos, wenn sie es einfach so aßen. Das wusste sie aus Erfahrung.

Junhi leckte sich die Finger ab und nahm dann einen Bissen von dem Fleisch. Es war wunderbar saftig und heiß, aber es blieb Rentier. Wieder Rentier. Sie konnte es nicht mehr riechen, wollte es nicht mehr schmecken. Nur mühsam schluckte Junhi das Fleisch hinunter. Die andere Hälfte gab sie dem Hund neben sich. Der hatte keine Probleme damit und schmatzte nur lautstark.

«Was meinst du: Wann kommen die Mammuts wieder?», fragte sie Cramh. «Oder die Wisente?»

Cramh musste lachen.

«Wir hätten wohl alle Lust auf etwas Abwechslung. Aber ich weiß es nicht. Sie sind nicht in Tukhs Träumen, und Dahs hat auf seinen Erkundungszügen noch nichts gesehen, was darauf hinweist, dass sie unterwegs wären. Wir müssen also noch etwas durchhalten oder demnächst weiterziehen. Es wird schade sein, diese Wohnhöhle zurückzulassen. Aber sei froh, dass wir nicht Hunger leiden.»

«Das stimmt.»

Fast tat es ihr schon leid, das Fleisch an den Hund verfüttert zu haben, aber der kroch näher an sie heran, legte seinen Kopf auf ihr Bein und seufzte zufrieden, während sie ihm das Fell kraulte.

Vielleicht sollte ich auch einfach zufrieden sein, dachte Junhi, genau wie du, Hund. Wir haben es warm und bekommen zu essen. Was gibt es noch mehr zu wollen?

Ein Zuhause. Einen Stamm, in dem ich beachtet und nicht nur beobachtet werde.

Auf der anderen Seite des Feuers glänzten Dahs’ Augen. Wie kleine Kohlen waren sie, immer glühend und leicht zu einem brüllenden Feuer anzufachen. Junhi war mehr als einmal diejenige, die dieses Feuer weckte. Aber sein Blick war diesmal nicht auf sie gerichtet. Er saß entspannt an die Höhlenwand gelehnt und unterhielt sich mit Tira, seiner Tochter.

Sie war ein dünnes, sehniges Mädchen mit glattem, schwarzem Haar, das sie immer hinter die Ohren strich. Und sie war schlau. Junhi wusste sehr gut, wie schlau sie war. Aber ihr Rücken war krumm wie der Stamm des verwitterten Wacholderbaums, der am Fuß der Felsen wuchs. Sie konnte nicht gut gehen und hatte immer Schmerzen. Während Junhi sie betrachtete, sah sie, wie sich Tiras schmales Gesicht mehr als einmal verzerrte. Dahs sah es auch, aber immer, wenn er versuchte, sie zu trösten, schob Tira seine Hand weg. Sie wollte kein Mitleid, selbst nicht von ihrem Vater. Und ihre Mutter war schon vor langer Zeit gestorben. Junhi konnte sich schon gar nicht mehr recht erinnern, wie sie ausgesehen hatte. In dieser Hinsicht hatten sie und Tira etwas miteinander gemein.

Ein Luftstrom fuhr hart durch die Wohnhöhle, als die Ledervorhänge am Eingang plötzlich beiseitegeschoben wurden. Manche Leute murmelten böse, und sogar dem Hund schauderte. Er kroch noch etwas näher an Junhi heran. Neben Junhi schüttelte Cramh den Kopf.

«Träumer», brummte er.

Alle schwiegen still, als Tukh in das Licht des Feuers trat, sogar die Kinder. Junhis Herz hämmerte wild, während sie den Atem anhielt. Er hatte geträumt, und er hatte seinen Traum gezeichnet. In seinem Bart hing Farbe. Was für ein Traum war es gewesen? Kamen die Mammuts? Musste der Stamm weiterziehen? Waren sie in Gefahr?

Tukh sah sich kurz um, als begriffe er erst jetzt, wo er war. Die Elfenbeinperlen auf seinem Mantel schlugen leise gegeneinander, und schmelzendes Eis tropfte aus seinen Haaren über die Falten auf seiner Stirn. Dann lächelte er mit funkelnden Augen und entblößten Zähne. Sie waren rot vom Spucken von Farbe auf die Felsen. Träumer zeichneten mit ihrem Atem.

Erleichtert ließ Junhi die Luft aus ihren Lungen entweichen, und die Spannung, die vorübergehend wie eine dicke Rauchwolke in der Wohnhöhle gehangen hatte, löste sich auf. Es war ein guter Traum gewesen. Tukh sagte nichts, aber sein Lächeln war deutlich genug. Schnell verschwand er in die Dämmerung hinten in der Wohnhöhle. Zu Uma. Die Stammesmutter würde seine Träume als Erste hören, und zusammen bestimmten sie dann, was der Traum bedeutete und was getan werden musste. So ging es immer und so musste es sein.

Es dauerte eine Weile, bevor Tukh ans Feuer zurückkam. Er schaute sich um und setzte sich dann zu Dahs und Tira. Mit ausholenden Gesten erläuterte er seiner Schülerin seinen Traum. Es war schwer, nicht neidisch zu sein.

Tukhs Hände webten Figuren in die Luft, so fließend und schnell, dass Junhi nicht sehen konnte, was sie darstellten. Tira schien ihre Schmerzen zu vergessen und lauschte aufmerksam. Wenn sie etwas fragte, antwortete Tukh liebevoll und geduldig. Dahs mischte sich nicht in ihr Gespräch, sondern schaute zu. Er war stolz auf seine Tochter. Alle konnten es sehen. Es war, als ob Tira zwei Väter hatte.

Und ich? Ich habe niemanden.

Erst als der Hund zu fiepen begann, merkte Junhi, dass sie ihn fest in sein Fell zwickte. Schnell ließ sie los. Aber der Hund erhob sich und trottete an einen Ort, an dem er hoffentlich besser behandelt würde.

Cramh schaute Junhi stirnrunzelnd an. «Der Hund kann auch nichts dafür, dass du unglücklich bist.»

«Ich wollte ihm nicht wehtun.»

«Aber genau das hast du.»

«Es tut mir leid, Cramh.»

Er schaute sie nicht mehr an, als er aufstand und sich ein Stück weiter wieder hinsetzte. Sie war wieder allein, wie sie es schon seit dem Tag war, an dem sie ihre Eltern verloren hatte. Sie war noch ein kleines Mädchen gewesen. Vor zwölf Wintern oder vielleicht noch mehr. Eine lange Zeit, wenn man allein ist.

Junhi starrte in die Flammen, während sie versuchte, ihre Tränen hinunterzuschlucken. Tränen waren für den Tod, nicht für das Leben. Das sagte Uma immer. Morgen würde es besser gehen. Morgen war die Welt wieder neu.

2


«Junhi! Junhi, warte doch!»

Die Stimme klang von weit unter ihr. Junhi schirmte ihre Augen mit der Hand ab und spähte hinunter. Die dunklen Kurven des Flusses, die das Tal durchschnitten, erinnerten an die gewellten schwarzen Holzkohlelinien von Tukh auf den Felsen.

Junhis Augen tränten vom Starren in das grelle Sonnenlicht. Ihr Kopf schmerzte und sie wischte sich übers Gesicht. Wenn Ren nicht mit ihr Schritt halten konnte, war das schade für ihn. Sie winkte kurz, drehte sich um und kletterte weiter. Er hatte sie sicher gesehen und konnte ihr folgen, so langsam er wollte.

Auf dieser Talseite spürten die Felsen den warmen Kuss der Sonne. Auch Junhi spürte ihn, aber gleichzeitig schnitt ihr der eisige Wind ins Gesicht und ließ die letzten Schneereste aufwirbeln. Obwohl sie die Haare geflochten hatte, wehten ihr trotzdem noch schwarze Strähnen vors Gesicht.

Junhi schob den Riemen ihrer Tasche etwas höher auf die Schulter. Der Speer in ihrer Hand fühlte sich warm und glatt an. Sie lächelte. Es war gut, ihn dabei zu haben, obwohl sie ihn heute nicht gebrauchen würde. Uma hatte sie losgeschickt, um Dung für das Feuer zu sammeln. Die Herde hatte genug im Tal zurückgelassen; Junhis Tasche war schon angefüllt mit getrocknetem Rentierkot.

Aber wenn Uma wüsste, wo ich jetzt bin …

Junhi war klar, dass sie nicht so weit hinaufklettern sollte.

Sie hatte getan, was man ihr aufgetragen hatte, und jetzt erwartete man sie wieder in der Wohnhöhle. Im Winter wollte Uma nicht, dass sich jemand länger als nötig im Freien aufhielt. Wer zu lange wegblieb, musste gleich von mehreren Stammesmitgliedern abgeholt werden. Und Uma war nicht freundlich zu jemandem, der andere wegen nichts in Gefahr brachte. Draußen gab es Wölfe, Löwen, Hyänen. Und die hatten immer Hunger.

Wo bleibt Ren?

Beunruhigt schaute Junhi hinter sich. Sie hatte ihn schon beinahe vergessen, diesen kleinen Jungen mit dem dunklen Blick. Ren war ein Stück jünger als sie, also war sie für ihn verantwortlich. Dahs hatte es ihr vorhin nochmals mit lauter Stimme und in Anwesenheit aller eingeschärft. Es war eine Art, wie er und Uma dafür zu sorgen versuchten, dass sie sich nicht mehr absonderte. Und dass sie nicht mehr träumte. Sie schnaubte. Es funktionierte. Am liebsten hätte sie Ren in die Wohnhöhle zurückgeschickt, aber was sollte er dort sagen? Dass er Junhi unterwegs aus den Augen verloren hatte? Wenn Dahs selbst kommen und sie suchen musste, würde er persönlich dafür sorgen, dass sie in nächster Zeit überhaupt nicht mehr ins Freie käme. So blieb ihr nichts, als den Jungen mitzunehmen.

Sie hörte auf zu klettern und schaute um sich. Sie war sich sicher: Dort, auf dem höchsten Punkt, hatte sie ihn vor einigen Tagen dastehen sehen. Den Riesenhirsch, mit einem Geweih fast so groß wie die Stoßzähne eines Mammuts, und genauso gefährlich. Junhi wusste, dass die Riesenhirsche jeden Winter ihr Geweih verloren. Wenn sie heute ein solches Geweih mitnehmen konnte, würden alle stolz auf sie sein. Aus einem einzigen Exemplar konnten sie den restlichen Winter hindurch Speerspitzen und Nadeln und noch viel mehr anfertigen. Es musste hier irgendwo sein.

«Da bist du!»

Keuchend und mit roten Wangen kam Ren den Hang hinauf. Er stolperte, und Junhi konnte ihn gerade noch am Arm fassen, damit er nicht stürzte.

«W-was tust du hier?», fragte er außer Atem. «Wir müssen zurück, wir haben mehr als genug gesammelt!»

«Ja, sofort», antwortete Junhi, während sie mit der Hand über den Augen in sämtliche Richtungen spähte.

«Junhi!»

Ren zog sie am Arm. Verärgert sah sie ihn an und schüttelte seine Hand von sich ab.

«Ich will nicht, dass Uma böse auf mich wird», klagte Ren. «Besonders dann nicht, wenn es deine Schuld ist.»

«Still! Ich versuche, mich zu konzentrieren.»

«Worauf? Da ist nichts –»

Junhi hörte nicht mehr zu. Dort, gerade vor ihr, direkt hinter dem höchsten Punkt des Hangs. Ein dunkler Schemen, schnell wie Wasser. Sie spähte in die Ferne. Wo war er geblieben? Plötzlich stand er da, massiv, groß, stolz, der Buckel auf seiner Schulter wie ein Hügel am Horizont. Er trug kein Geweih mehr.

«Da ist er!»

«Wer? Junhi, warte!»

Der Hirsch sah sie kurz an, während sie auf ihn zu rannte, aber schon bald drehte er seinen mächtigen Kopf und trabte davon.

Ich darf ihn nicht verlieren, dachte Junhi.

Ihre Ohren sausten, und sie sah nur noch das riesenhafte Tier vor ihr, sein dickes Fell, seinen dröhnenden Galopp. Sie wollte nichts als ihm folgen. Der Boden unter ihren Füßen schien weich zu werden, während sie den Hang hinaufrannte, immer höher und immer weiter.

Ein Schatten am Rand ihres Blickfelds lenkte sie ab und sie schaute zur Seite. Ihr Herz überschlug sich, als sie die Silhouette des Löwenmannes erkannte. Sie stolperte und der Hirsch geriet außer Sichtweite.

«Wer bist du nur?», schrie Junhi. Ihre Stimme übertönte kaum den Wind. Und der Löwenmann sah sie bloß an, die gelben Augen so glänzend, wie es die Augen eines Raubtiers niemals tun würden. Es waren Menschenaugen in einer Verkleidung.

Langsam drehte er den Kopf, hob den Arm und zeigte. Junhi folgte seinem Blick.

Sie war auf der Spitze des Hangs, das Tal lag unten zu ihren Füßen, genau wie die Wohnhöhle und die Menschen von Umas Stamm. Im Talboden wand sich der Fluss, und die Berge in der Ferne bildeten launische Formen am Horizont.

«Ich sehe nichts», sagte Junhi.

Der Löwenmann berührte ihre Schulter und zeigte immer noch.

Sie schaute nochmals hinab und schirmte die Augen mit der Hand gegen die grelle Sonne ab. Da war etwas, in der Ferne, im Tal. Da bewegte sich etwas …

«Mammuts!»

Hohe Rücken wogten auf und ab und warfen breite Schatten auf die Felswand. Stoßzähne schwenkten sich träge im Rhythmus ihrer Schritte. Es waren große Tiere darunter, aber auch kleine. Junge vom letzten Frühjahr. Eine Mutterherde!

Junhi lachte und blickte zur Seite. Der Löwenmann war verschwunden. Stattdessen kam Ren den Hügel hinauf, mit wirrem Haar und einem bösen Blick in den Augen. Junhi rannte zu ihm, nahm in bei der Hand und zog ihn mit.

«Mammuts, Ren! Die Mammuts kommen!»

«Was? Wo? Junhi, lass mich los!»

«Keine Zeit!», rief Junhi. «Komm mit!»

Die Mammuts! Besser konnte es nicht sein! Nachdem die Rentiere weitergezogen waren, musste der Stamm ihnen eigentlich folgen. Aber wenn die Mammuts kamen … Diese Wohnhöhle war bequem und groß genug, und sie schützte den Stamm gegen Kälte und Wind. Sie war besser als alle Wohnhöhlen, auf die sie jemals gestoßen waren. Tukh träumte hier gut. Niemand wollte hier weg. Und jetzt konnten sie bleiben!

Erst Rens Gewimmer verriet ihr, dass sie seine Hand immer noch umklammert hielt. Sie ließ ihn los und rannte weiter, aber er folgte ihr nicht. Junhi hielt inne und drehte sich um. Ren war stehen geblieben, mit hängendem Kopf. Seine Schultern zuckten ein wenig.

«Ren! Was ist?», fragte Junhi, während sie zurückging.

«Du … du denkst überhaupt nicht an mich», schluchzte er. «Du rufst merkwürdige Sachen, und dann rennst du einfach so weg! Das gehört sich nicht. Alle im Stamm müssen aufeinander achten! Ich werde es Uma erzählen! Gib nur acht!»

«Pst, ganz ruhig, es tut mir leid», beschwichtigte ihn Junhi. «Die Mammuts kommen, Ren! Uma wird im Gegenteil sehr froh sein, dass wir den Hang hinaufgeklettert sind!»

«Ich habe nichts gesehen!»

«Es tut mir leid, dass ich dich so schnell wieder mitgezogen habe. Aber wirklich, ich sah sie! Eine schöne Herde von Weibchen an der anderen Seite des Tales. Ihre Stoßzähne, Ren! Sie waren so weiß und groß! Wir müssen es Dahs und Uma erzählen. Ich werde langsamer gehen. In Ordnung?»

Er sagte nichts, sondern schaute nur böse unter seinen buschigen Augenbrauen hervor.

«Auch gut», sagte Junhi. Als sie wegging, kam er schmollend hinter ihr her.

Sie waren so weit abgeirrt, dass sie sich einen anderen Weg suchen mussten, um wieder vom Hang hinunterzufinden. Junhi versuchte, sich nicht über Rens Langsamkeit und seine dickköpfigen Fragen zu ärgern. Er konnte nicht wissen, was sie gesehen hatte.

Den Riesenhirsch, den Löwenmann, die Mammutherde …

Was habe ich eigentlich wirklich gesehen?

Der Gedanke überfiel sie wie ein Löwe seine Beute. Der Hirsch, ganz plötzlich wieder verschwunden. Der Löwenmann … Hatte sie geträumt? Und wenn ja, war es dann ein Traum der Mutter gewesen? Waren die Mammuts denn wirklich echt gewesen? Auf einmal konnte sie kaum mehr Luft holen.

«Da ist Tukh!», rief Ren und rannte plötzlich in die entgegengesetzte Richtung, zurück zu dem Felsen anstatt zu dem Fluss.

«Heja, Ren, warte!», rief Junhi. «Au!»

Sie hatte sich zu schnell umgedreht und war mit dem Fuß hinter einem Stein hängengeblieben. Die Hand, mit der sie ihren Sturz abgefangen hatte, war aufgeschürft und blutete ein wenig. Als sie den Kopf hob, war Ren schon aus ihrem Blickfeld verschwunden.

«Ren! Warte doch!», rief sie nochmals, bevor sie ihm folgte.

Tukh saß mit dem Rücken zu ihnen in einer runden Einbuchtung der Felswand. Es war eine seiner Lufthöhlen, wie er sie nannte: stille Orte mit glatten Wänden, wo er träumen und zeichnen konnte. Wohin er seine Schülerin mitnahm, um ihr alles beizubringen. Überall waren Linien, Punkte, Spiralen und Tiere zu sehen. Zwei schwarze Nashörner schauten sich böse an, ein rotes Mammut hob den Rüssel und ein Bär schnüffelte den Boden ab. Junhi hatte sich nie zuvor hierhergewagt, aber jetzt musste sie sich bezwingen, um die fließenden Linien nicht zu berühren und zu versuchen, ihre Wärme durch die Felsen hindurch zu spüren.

«Tukh!», rief Ren. «Junhi hat Mammuts gesehen!»

«Pst, Ren!», zischte Junhi ihm zu. «Du darfst Tukh nicht einfach so stören.»

Aber inzwischen klopfte ihr Herz immer schneller. Hier stand sie, bei Tukh, dem Träumer des Stammes. Mit ihrem Traum. Was würde er sagen?

«Was macht ihr denn hier?», klang unerwartet eine Mädchenstimme.

Junhi hatte Tira noch nicht dasitzen sehen. Das Mädchen erhob sich mühsam mithilfe eines Stocks und schaute sie böse an.

«Seht ihr nicht, dass Tukh gerade träumt? Haut ab! Er hat keine Zeit für euch.»

Sie hatte Farbspuren im Gesicht und ihre Hände waren rot.

«Es ist in Ordnung», sagte Tukh, während er sich umdrehte. Seine hellblauen Augen hielten Junhi sofort gefangen.

«Tira, begleite Ren in die Wohnhöhle.»

Tukh besah sich Junhis aufgeschürfte Hand.

«Sag, dass Junhi gestürzt ist und sich vielleicht das Bein gebrochen hat. Ich muss sie versorgen.»

«Aber …»

«Kein Aber, Tira! Ab zur Wohnhöhle. Sofort.»

Die ganze Zeit hindurch hatte Tukh Junhis Blick nicht losgelassen.

Einen Moment lang starrte Tira ungläubig von Tukh zu Junhi und wieder zurück. Dann ließ sie die Schultern hängen, und während sie sich auf ihren Stock stützte, ging sie langsam und mit unregelmäßigen Schritten zu Ren.

«Komm mit, Ren», sagte sie, und ohne sich noch umzusehen, fasste sie Ren beim Arm und führte ihn weg.

«Komm mal her», sagte Tukh zu Junhi.

Als sie bei ihm war, nahm er ihr den Speer und die Tasche ab.

«Diese Sachen brauchst du nicht. Hier.»

Er drückte ihr ein Stück Holzkohle in die Hand.

«Was genau hast du gesehen? Wer hat dir erzählt, was du sehen solltest? Schließ die Augen, denk nach und öffne sie dann wieder. Such dir eine Stelle aus. Erzähl. Und zeichne.»

Erst wagte Junhi nicht, sich zu regen. Zeichnen, sie? Was würde Uma sagen? Es war, als ob Tukh ihre Gedanken hören konnte.

«Denk nicht an Uma oder Dahs. Augen zu. Konzentriere dich. Und geh zu deinem Traum zurück.»

Als Junhi die Augen schloss, verwandelte sich das Dunkel schon bald in eine Serie von Lichtblitzen, die in der Schwärze tanzten. Wer hatte es ihr erzählt? Der Löwenmann? Er hatte ihr die Mammuts gezeigt, aber sie wäre nie zu ihm gekommen, wenn …

«Der Riesenhirsch», sagte sie, und sofort öffnete sie die Augen. Sie ließ den Blick über die Felswand schweifen. Ihr Blick fiel auf einen Felsspalt neben dem roten Mammut. Der Buckel eines Hirschrückens.

«Nur zu», ermunterte sie Tukh.

Der Fels fühlte sich nicht kalt an, wie sie erwartet hatte, sondern warm, als sie mit der Hand über die Stelle strich. Während sie die Spitze ihrer Holzkohle auf den Felsen setzte, begann sie zu sprechen.

«Ich hatte den Riesenhirsch vorher schon gesehen. Auf dem Hang über der Wohnhöhle.»

Die Felswand fraß die Holzkohle langsam auf, während sie Linien zog. Der Staub verschwand in den Poren des Steins.

«Da hatte er sein Geweih noch, breit und schwer. Heute rief er mich, und ich sah ihn wieder. Sein Geweih war weg.»

Sie kam mit ihrer Holzkohle zu dem Spalt. Der Schatten darunter war ebenso schwarz wie die Linien, die sie zeichnete. Sie hob die Hand und machte auf der anderen Seite weiter.

«Er rief mich, obwohl ich seine Stimme nicht hörte. Ich rannte ihm hinterher. Auf dieser Spitze habe ich ihn verloren. Der …»

Sollte sie von dem Löwenmann erzählen? Nein. Der Löwenmann gehörte ihr, ihr allein. Sie kannte seine Geheimnisse noch nicht. Vielleicht später.

«Da sah ich die Mammuts, auf der anderen Seite des Tals», fuhr sie fort. «Sie liefen langsam. Eine Mutterherde mit Jungen. Sie sind unterwegs.»

Ihre Hand hielt inne und Junhi musste blinzeln. Die Holzkohle war bis zu ihren Fingerspitzen aufgebraucht. Sie trat einen Schritt zurück. Dort, auf der Felswand, stand der Riesenhirsch. Den Kopf etwas erhoben, als ob er die Luft einsog, die Beine fest auf dem Boden.

«Er ist …»

«Mächtig», sagte Tukh. Er ging zu der Zeichnung und ließ die Finger über die Linien gleiten. Plötzlich drehte er sich um und legte seine Hände auf Junhis Wangen. Sein Gesicht war ganz nah bei ihrem. Seine Lippen und Zähne waren wieder rot. Es war seine Lieblingsfarbe.

«Du weißt sicher, dass es Mammuts waren?», fragte er eindringlich.

«Ja, Tukh. Ich bin mir sicher.»

«Dann gehen wir jetzt zur Wohnhöhle, um es Uma und Dahs zu erzählen. Deine Hand wurde von der Mutter geführt, das kann ich sehen. Der Hirsch hat Kraft. Die Mammuts sind echt.»

Tukh suchte Junhis Sachen zusammen.

«Erzähle niemandem, was du getan hast. Wasch dir die Hände im Fluss. Sorge dafür, dass kein Schwarz mehr zu sehen ist! Ich werde sagen, dass es mein Traum war. Zum Glück ist das mit deinem Bein halb so schlimm, obwohl: ganz in Ordnung ist es auch nicht. Ich werde es verbinden, sodass keiner dir Fragen stellt.»

«Gut.»

Junhi ging zum Flussufer und hockte sich hin, um sich die Hände in einem Eisloch zu waschen, das Tukh zuvor schon geschlagen hatte. Wie kalt das Wasser war! Ihre Finger wurden rot und dick, und ihre Haut brannte. Aber sie wusste, dass Tukh recht hatte. Wenn jemand das Schwarze sähe …

Tukh ging fort und kam mit Händen voll Moos zurück. Mit seinem steinernen Messer schnitt er Stücke von den Stricken an ihren Mänteln und Taschen ab und knotete sie zusammen.

«Gib mir dein Bein», sagte Tukh.

Junhi setzte sich und streckte ihr rechtes Bein aus. Ohne zu zögern durchschnitt er das Leder ihrer Hose.

«Tukh!», rief Junhi erschrocken.

Verstört hob er den Kopf. «Es würde nicht echt aussehen, wenn ich den Verband über deine Hose wickeln würde.»

Das Moos kribbelte und kratzte, und das zusammengeknotete Seil, das es zusammenhielt, spannte straff um ihre Wade.

«Das macht es nur leichter, so zu tun, als wärest du verletzt», sagte Tukh, als sie sich darüber beklagte.

Er half ihr auf und drückte ihr ihre Sachen in die Hände.

«Hier. Und vergiss nicht: hinken. Lehne dich auf deinen Speer. Ich werde dich stützen.»

Junhi schulterte ihre Tasche und hielt ihren Speer kräftig umfasst.

«Auf geht’s.»

3


Schon tagelang saß Junhi in der Wohnhöhle fest, verurteilt zu häuslichen Tätigkeiten. Es war gar nicht so einfach, Tukhs List durchzuhalten. Sie vergaß oft, dass ihr Bein wehtun musste, und hatte schon einige Male für die Jagd bereitgestanden. Manchmal hinkte sie gedankenlos mit dem falschen Bein und konnte nur hoffen, dass es niemandem aufgefallen war.

Inzwischen beratschlagten Tukh, Uma und Dahs hinten in der Wohnhöhle. Der Träumer, die Stammesmutter und der Jäger, die Anführer des Stammes. Junhi wusste, dass Dahs sie beobachtete. Sie sah es, sie fühlte es. Er durchschaute, dass etwas nicht in Ordnung war. Aber er schwieg. Und der Einzige, von dem sie gewollt hätte, dass er nach ihr schauen und etwas zu ihr sagen würde, tat es nicht. Tukh ignorierte sie so vollkommen, dass es einfach auffallen musste, und auch Ren gab sich alle Mühe, sie zu meiden. Letzteres war vielleicht auch gut. Ren wusste, was geschehen war. Er wusste, dass sie nicht verletzt war und dass Tukh und sie Uma belogen hatten. Junhi hatte keine Ahnung, ob sie Ren noch gerade in die Augen blicken konnte. Wenn Uma und Dahs ihn nur nicht befragten, und wenn er dann nur nichts sagte!

«Junhi, dürfen wir noch eine Geschichte hören?»

Sie schaute auf von dem Vorhang, den sie gerade flickte, und lächelte. Die Einzigen, die sich über ihr Vorhandensein freuten, waren die kleinen Kinder. Sie rutschte zur Seite, um Platz für die vier Kleinen mit ihren vom Toben und Spielen im Freien geröteten Wangen zu machen. Eines von ihnen hatte eine Speerschleuder in der Hand. Sie war nachlässig geschnitzt, und das Loch am Ende war nicht ganz sauber durchbohrt. An ihr baumelte ein grobes Seil.

«Hast du die selbst gemacht?», fragte Junhi. «Wie gut! Soll ich sie für dich verzieren? Was möchtest du darauf haben? Ein Mammut? Oder ein schnelles Pferd? Das wirst du dann sicher fangen!»

«Ein Pferd! Ja, ein Pferd!», rief der Kleine.

Junhi suchte um sich herum nach einem scharfen Stein und nahm die Speerschleuder von dem Jungen entgegen. Sie betrachtete das Stück Geweih, die Linien und Unebenheiten, die es schon von Natur aus besaß. Hier der Beginn einer Schnauze, da ein wehender Schweif, ein starrendes Auge …

«Was tust du da?»

Tiras Stimme war eisig wie der Winterwind. Die Kinder waren sofort still und starrten mit großen Augen in die Höhe. Tira sah sie nicht an. Ihr Blick war auf Junhi gerichtet.

«Du darfst nicht zeichnen», sagte sie. «Das hat Uma gesagt.»

«Es sind doch nur Verzierungen. Alle tun das. Die ganze Höhle ist voll davon!»

«Aber du darfst es nicht. Wem gehört die Speerschleuder? Gib sie mir. Ich werde es tun.»

Tira streckte die Hand aus. Ihr dünner, sehniger Arm zitterte ein wenig. Junhi hob den Kopf. Tiras Wangen waren eingefallen, und sie hatte dunkle Ringe um die Augen. Der Kopf stand nicht richtig in Bezug zu ihrem Körper, zu viel zur Seite durch die Krümmung in ihrem Rücken, zu viel nach vorn durch ihren Buckel. Wie ein verwitterter alter Baum, der durch den Wind seitwärts gewachsen war anstatt in die Höhe. Nur war Tira noch jung.

Ganz kurz zögerte Junhi. Was war eigentlich so besonders an Tira, dass die ihr sagen konnte, was sie tun durfte und was nicht? Sie war ebenso alt wie sie. Sie war doch nicht Uma! Aber schon bald verschwand dieses Gefühl. Auch Tira wusste von dem Betrug. Sie war ohnehin schon böse auf sie. Da bräuchte es nicht mehr viel, um sie beschließen zu lassen, dass es Zeit wäre, Junhi mal wieder so richtig eine zu verpassen.

«Also gut, hier. Sie gehört Tiph.»

Tira schloss die Finger um die Speerschleuder und sah auf die Kinder herab.

«Morgen ist er fertig, Tiph. Komm dann einfach zu mir.»

Tiph nickte, schaute von Tira zu Junhi und wieder zurück und beschloss dann, sich aus dem Staub zu machen. Die anderen folgten so schnell sie konnten.

Junhi seufzte, zog den Vorhang wieder auf ihren Schoß und tastete um sich her nach der Nadel. Wo war die geblieben?

«Ich war noch nicht fertig.»

Tira nahm ihren Stock in die andere Hand, wodurch sie ihr Gewicht verlagern musste. Ihr Gesicht verzerrte sich für einen so kurzen Moment, dass es fast nicht zu sehen war. Sie war gut darin, ihre Schmerzen zu verbergen. Junhi wartete ab.

«Ich will nicht, dass du nochmals mit Tukh sprichst.»

«Aha?»

Was gab Tira das Recht, ihr etwas zu verbieten? Junhi fühlte, wie ihr eine böse Wärme ins Gesicht stieg, und auch Tiras Wangen hatten plötzlich Farbe bekommen.

«Tukh hat geträumt, einen sehr wichtigen Traum, das weiß ich genau, aber er will mir nichts erzählen. Er spricht nur mit Uma und meinem Vater darüber. Ich kannte immer alle seine Träume!» Ihre Stimme bebte. «Und das kommt durch dich. Ich weiß nicht, was du getan hast, aber es ist deine Schuld. Wenn du noch ein Mal mit ihm sprichst, erzähle ich meinem Vater alles über dein angeblich verletztes Bein. Was dann passiert, darfst du dir selbst ausdenken.»

«Tukh hat sich diese List ausgedacht, nicht ich!»

«Als ob jemand Tukh etwas verübeln würde. Tukh ist viel wichtiger als du. Auf dich können wir verzichten. Genau wie auf deinen Vater.»

«Wie kannst du es wagen!»

Junhi sprang auf und wollte sich auf sie stürzen. Aber Tira stieß ihren Stock nach vorn, schneller als Junhi es für möglich gehalten hätte. Er landete hart in ihrem Magen, und mit einem Knurren fiel Junhi zu Boden, sich den Bauch mit beiden Armen haltend.

«Sei bloß vorsichtig mit deinem Bein», sagte Tira. «Es ist eindeutig noch nicht verheilt.»

Dann drehte sie sich um und entfernte sich. Aber sie kam kaum vorwärts und ihr Rücken wirkte krummer denn je. Junhis Wut erlosch sofort. Zurück blieb nur Leere.

Sie schaute sich um. Falls jemand gesehen hatte, was geschehen war, gab dieser sich alle Mühe, so zu tun, als wäre dem nicht so. Die meisten Stammesmitglieder waren unterwegs, und die Kleinen würden es nicht verstehen. Vorläufig war sie sicher.


Der Löwenmann saß auf der Klippe, seine Löwenschnauze in die Luft gereckt und seine Männerbeine über dem Rand baumelnd. Junhi drückte sich mit dem Bauch gegen die Felswand unter ihm und sah auf seine Fußsohlen. Ihre Finger griffen Halt suchend nach Rissen, ihre Zehen suchten Vorsprünge, auf denen sie stehen konnte, während der Wind versuchte, sie wegzupusten. Ihre Hände taten weh, ihre Beine zitterten. Aber sie musste klettern! Sie musste den Löwenmann fragen, ob die Mammuts echt waren, ob sie dem Riesenhirsch auch hatte folgen dürfen. Er schaute herunter, seine Miene unleserlich wie immer.

«Hatte ich recht?», schrie Junhi gegen den Wind an. «Habe ich es richtig gemacht?»

Er hörte sie schon. Er neigte den Kopf, als verstünde er nicht recht, was sie fragte. Dann schwenkte er seine Beine nach oben und stand auf.

«Nicht weggehen!», rief Junhi. «Nicht weggehen!»

Er schaute noch einmal herab und entfernte sich dann von der Klippe. Schon bald konnte Junhi ihn nicht mehr sehen.

«Nicht weggehen», flüsterte sie.

Ganz kurz schaute sie auf den Fluss unter sich. Der war klein, unten im Talboden, tiefer als sie ihn je gesehen hatte. Sie hielt sich noch etwas kräftiger fest. Ein neuer, wilder Windstoß umtoste sie, zerrte an ihren Armen und Beinen. Sie versuchte sich festzuhalten, aber ihre Finger konnten nicht mehr, ihre Füße fanden nichts als Luft. Sie schrie und fiel rückwärts ins Leere.


Junhi zog sich die Kapuze ihres Mantels über den Kopf und wickelte sich in das Wisentfell, das sie irgendwo aufgehoben und mitgenommen hatte. Sie schmiegte sich in einen Winkel möglichst weit vom Feuer entfernt. Uma hatte angekündigt, dass sie diesen Abend etwas zu berichten hätte. Und für Junhi war es leicht zu erraten, worum es ging.

Jetzt braucht Tira nicht mehr böse zu sein. Gleich erfährt sie von dem Mammuttraum. Alle werden es erfahren.

Uma würde von den Mammuts berichten, als ob Tukh sie gesehen hätte. Es würde sein Traum sein und nicht der von Junhi. So hatte er es sich ausgedacht, und es war das einzig Mögliche. Aber Junhi war nicht gut darin, auf Lügen zu beharren, das hatte ihr angeblich verletztes Bein sie gelehrt. Wenn jemand sie jetzt sah, würde er oder sie sofort mitbekommen, dass etwas nicht stimmte. Und daraufhin befragt würde sie zweifellos etwas sagen, das sie – oder schlimmer noch Tukh – verraten würde.

Besonders Dahs. Er wird mich heute Abend nicht sehen, dafür muss ich sorgen.

Als Uma ins Licht trat, hielt Junhi den Atem an. Die Stammesmutter schien zu funkeln. Ihre Kleidung war mit unzähligen Perlen besetzt, manche weiß, andere rot gefärbt, in einem komplizierten Muster, das Junhi noch nie gesehen hatte. Wer hatte das angefertigt? Es musste in den Schatten geschehen sein, denn diese Arbeit wäre allen aufgefallen. Das Gewand schien Uma noch größer zu machen als sie schon war.

Dahs stand rechts von ihr, seinen Speer in der Hand, ein Bärenfell um die Schultern und neue Eulenfedern im Haar, weiß wie frisch gefallener Schnee. Er trug seine sämtlichen Halsketten, angefertigt aus den Zähnen der gefährlichsten Tiere, die er eigenhändig erlegt hatte. Den Bären, die Hyäne, den Wolf. Junhi kannte die Geschichten gut.

Sie fühlte, wie ihr die Anspannung bis zum Hals stieg. Alle fühlten es. Die gesamte Wohnhöhle schwirrte davon. Aber wo war Tukh?

«Es ist so weit», sprach Uma mit ihrer leisen, heiseren Stimme. «Die Mammuts sind gekommen. Tukh hat sie geträumt. Sie laufen durch das Tal, nicht weit von hier entfernt. Die Mutter hat beschlossen, unsere Zeit hier zu verlängern. Wir sind ihr dankbar.»

Das ist mein Traum, dachte Junhi, er gehört mir, mir allein.

Sie fühlte sich leicht im Kopf.

«Aber es wird nicht leicht werden», fuhr Uma fort. «Ich kann Dahs und seine tapferen Jäger nicht beschützen, solange sie die Mammuts jagen. Und wir werden für uns selbst sorgen müssen, bis sie uns brauchen, um das Fleisch zu tragen. Dahs?»

Dahs trat vor, während Uma in den Schatten verschwand, als ob sie nie daraus zum Vorschein gekommen wäre. Alle Augen waren jetzt auf Dahs gerichtet.

Der beste Jäger des Stammes, der stärkste, mit dem schärfsten Blick und den schnellsten Entscheidungen. Alle Jungen wollten sein wie er. Es war fast unvorstellbar, dass Tira seine Tochter war.

«Das wird eine schwierige Jagd», begann er. «Wir wissen nicht genau, wo die Mammuts sind. Wir wissen nicht, wie schnell sie sich bewegen. Darum nehme ich alle Männer mit, die zur Jagd imstande sind. Und einige Jungen, die uns helfen und anschließend schnell mit unseren Nachrichten zurücklaufen können.»

Er wies die Jungen einen nach dem anderen an. Sie sprangen auf, jeder mit einem Freudenschrei. Dahs lachte, während sie sich gegenseitig auf den Rücken schlugen, rot vor Erregung. Das hier war ihre große Chance, und Junhi freute sich für sie. Aber wo nur blieb Tukh?

Leise erhob sich Junhi. Alle hatten nur noch Augen für die jungen Jäger, und Tira saß zu sehr in der Nähe ihres Vaters, um Junhi sehen zu können. Sie schlich zu den Vorhängen am Eingang und huschte hindurch.

Die Nachtluft verwandelte ihren Atem in weißen Nebel. Der blauschwarze Himmel war mit Lichtpunkten übersät, die das Dunkel endlos erscheinen ließen. Junhi schaute gern zu den Sternen auf. Das war fast wie Träumen.

Sie ging am Ufer des vereisten Flusses entlang. Sie hatte so eine Ahnung, wo sie Tukh finden konnte.

«Tukh», sagte Junhi leise, als sie ihn dasitzen sah, eine schwarze Silhouette vor der hellen Wand der Lufthöhle. «Warum bist du nicht in der Wohnhöhle?»

«Ich mache mir Sorgen», sagte er.

Der Träumer klopfte mit der Hand neben sich auf den Boden. Zögernd nahm Junhi Platz. Sie hob den Kopf. Ihr Riesenhirsch, vom Boden aus fast lebensgroß, begrüßte sie. Seine Linien waren verschwommener in der Dunkelheit, aber er war ebenso kraftvoll wie damals, als sie ihn auf dem Hang gesehen hatte. Eine Herde von Pferden leistete ihm jetzt Gesellschaft. Sie galoppierten nebeneinander, wie sich eine echte Herde über die Ebene fortbewegte, alle zusammen und doch auch allein. Überall auf der Felswand waren Tiere. Nicht nur gezeichnet, sondern auch ins Gestein geritzt, scharfe Linien im Schein der Sterne. Junhi vermisste die Pferde. Sie hatte schon eine ganze Weile nicht mehr von ihnen geträumt.

«Siehst du deinen Hirsch?», fragte Tukh. «Siehst du seine muskulösen Beine, seinen massiven Rücken, wie stolz er ist? Siehst du ihn atmen? Ich sehe es.»

Tukh ließ ganz langsam die Luft aus den Lungen entweichen, sodass der Dampf vor seinem Gesicht hängen blieb.

«Und jetzt sieh dir den Wisent links davon an. Schau gut hin. Was siehst du?»

Es war ein kraftvolles Tier, dieser Wisent. Viel Körper, wenig Kopf. Seine Beine waren kurz und standen etwas merkwürdig ab. Eigentlich hatte es nicht viel Ähnlichkeit mit einem Wisent.

«Ich … ich weiß nicht …», sagte Junhi zögernd. Was meinte Tukh?

«Genau», antwortete Tukh. «Ich weiß es auch nicht. Das hier ist … Wandschmuck. Das ist kein Traum der Mutter, der lebt und atmet und erzählt. Es ist Tiras Werk.»

Er seufzte. «Dein Hirsch und seine Echtheit, die Linien, haben mich überrascht. Dieses Tier steckt in dir, und du hast es hervorgebracht. Etwas, das Tira immer noch nicht kann, nach all den Jahren. Ich weiß, dass Uma dir verboten hat zu träumen. Aber die Träume der Mutter lassen sich nicht aufhalten. Und ich habe Angst.»

Tukh drehte sein Gesicht zu Junhi und starrte sie so nachdenklich an, als wollte er ihr in den Kopf sehen.

«Ich war vielleicht zu schnell, zu schnell mit deinem Traum. Ich habe ihn genommen und weitergegeben, obwohl er nicht von mir war. Aber ich war so froh! Dieser Ort ist gut, besser als alle anderen, die wir kennen, und ich möchte so gern, dass der Stamm hierbleiben kann. Du hast die Mammuts gesehen, da bin ich mir sicher. Ich sah es in deinen Augen, ich sah es an deiner Zeichnung. Aber was bedeutet das, Junhi? Das kannst allein du wissen. Nur hat niemand dir je etwas über das Träumen beigebracht. Du kennst nicht die Bedeutung dessen, was du siehst, du weißt nicht, wie die Träume einen manchmal in die Irre führen können. Das heißt, vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Sag mir, Junhi: War der Hirsch das einzige Tier, das dir den Weg gezeigt hat?»

Der Löwenmann, dachte Junhi, der Löwenmann hat mir den Weg gezeigt.

Aber sie konnte es nicht sagen. Wenn sie ihn mit Tukh teilte, ginge er vielleicht weg. Sie brauchte den Löwenmann. Er war ihr Freund.

«Ja», sagte sie also. «Nur der Hirsch. Ich bin ihm gefolgt, und als ich auf der Hangspitze war, habe ich hinuntergeschaut und die Mammuts gesehen.»

Tukh presste die Lippen zusammen und seufzte.

«Also gut. Ich vertraue dir. Aber ich denke, dass Umas Entschluss nicht weise ist. Es ist nur schwierig, ihr das beizubringen.»

«Würdest du es versuchen, Tukh? Bitte! Ich will lernen. Von dir.»

«Nicht jetzt, wo Dahs und die Jäger fortgehen. Tira ist dann allein, und es ist meine Aufgabe, sie zu beschützen, wenn ihr Vater fort ist. Das musst du verstehen. Tira sieht mehr als du glaubst. Sie fühlt sich bedroht.»

«Aber warum? Du kannst uns doch beide unterrichten. Das ginge doch?»

«Gewiss. Aber sie weiß, dass du besser träumst, besser zeichnest. Und für jemanden wie sie, die nicht jagen oder auch nur lange genug dasitzen kann, um einen Mantel anzufertigen, ist das schwer zu akzeptieren. Das hier ist ihr Platz, Junhi. Es ist ihr Leben.»

Junhi schluckte. Tukh hatte recht.

«Es tut mir leid.»

«Nicht nötig. Aber halte dich die nächste Zeit von uns fern. Versuche, nichts mit deinen Träumen zu tun, aber behalte sie, zeichne sie, und dann werden wir sie später besprechen, wenn Dahs wieder zurück ist. Es gibt eine kleine Lufthöhle an der anderen Uferseite. Ich nehme Tira nie mit dorthin, das heißt, sie kennt sie nicht. Du wirst sie finden, wenn du die Augen offenhältst. Aber sei vorsichtig. Uma darf nichts merken, bis ich mit ihr gesprochen habe.»

«Aber …»

«Nein, genug. Wir haben schon zu lange geredet. Geh zurück zur Wohnhöhle. Ich warte hier noch etwas. Vielleicht bitte ich den Hirsch noch, mir zu erzählen, was er dir erzählt hat.»

Tukhs Lächeln blitzte rot auf.

«Ich werde nichts sagen, wenn ab und zu etwas Farbe aus meinem Vorrat verschwindet. Aber vergiss nicht, dir nach dem Zeichnen gut die Hände zu waschen. Jedes Mal, immer. Und wage es nicht, mit farbigen Zähnen zurückzukommen. Du magst ja vielleicht träumen, aber das macht dich noch nicht zur Träumerin. Und nur Träumer zeichnen mit ihrem Atem.»

«Ich weiß. Danke, Tukh.»

«Und jetzt fort mit dir.»

Junhi sauste am Fluss entlang zur Wohnhöhle zurück. Vor dem Vorhang blieb sie kurz stehen. Drinnen tönte ein Singen und Klatschen, auch ein Schwirrholz war zu hören. Niemand würde sie hereinkommen sehen, wenn sie außerhalb des Lichtkreises blieb. Als ob sie nie fort gewesen wäre.

Aber sie war gerade erst durch den Vorhang gehuscht, da packte sie jemand beim Arm. Die kleinen Kohlen in Dahs’ Augen brannten wütend in seinem bemalten Gesicht. Junhi musste sich zusammennehmen, um nicht wie ein junger Hund aufzujaulen.

«Da bist du. Was hast du ausgefressen?»

«Nichts», sagte Junhi mit zusammengeklemmten Zähnen. «Es war heiß. Ich wollte die Sterne sehen.»

«Wo ist Tukh?»

«Das weiß ich nicht. Ich habe ihn nicht gesehen. Lass mich los, Dahs!»

Stattdessen zog er sie am Vorderteil ihres Mantels näher zu sich heran.

«Ich habe dich durchschaut», sagte er. «Bilde dir nur nicht ein, du könntest tun, was du willst, wenn ich fort bin. Du wirst unter Beobachtung stehen, dafür habe ich gesorgt. Du wirst meine Tira nicht mehr verletzen. Und ihr Tukh nicht wegnehmen. Hast du noch nicht genug? Einen gesunden, jungen Körper und einen guten Speer! Tira hat nichts! Nichts!»

«Sie hat einen Vater. Zumindest, falls er die Mammutjagd überlebt.»

Das Feuer in Dahs’ Augen verwandelte sich in Eis. Sie hörte seine Hand kommen noch bevor sie sie spürte. Der Schlag besorgte ihr Ohrensausen und eine brennende Wange. Ihre Lippe platzte auf und sie schmeckte Blut.

«Das war eine Warnung», sagte Dahs. «Sieh zu, dass es dabei bleibt.»

4


S o nah war sie ihnen noch nie gewesen. Sie hörte die Mammuts, fühlte ihre Wärme, vernahm ihren überwältigenden Geruch. Sie schnaubten und schmatzten, während sie liefen. Sie waren so groß! Jedes ihrer Beine war länger und dicker als Junhi selbst. Die Herde bewegte sich an ihr vorbei, sich träge wiegend, aber auch entschieden und stark. Aus der Nähe waren ihre Stoßzähne gelb, zerkratzt und verwittert. Die Herde wirkte endlos groß. Sie kamen noch näher und Junhi fühlte, wie ihre Stoßzähne ihr Gesicht fast streiften, fühlte den Erdboden unter dem Rhythmus ihrer Schritte erbeben.

«Heja!», rief sie, während sie ihren Kopf mit den Armen schützte. «Passt auf! Ich stehe hier!»

Aber die Tiere beachteten sie überhaupt nicht.

Plötzlich fühlte sie einen Tropfen auf der Wange. Sie wischte ihn mit den Fingern weg. Es war Blut. Weitere Tropfen fielen ihr auf den Kopf, ihren Mantel, auf den Boden. Sie schaute hoch. Das Blut kam aus den Augen des Mammuts. Sie weinten Blut. Aber sie liefen weiter und immer weiter, selbst als aus den Tropfen Ströme wurden und sich das gelbliche Weiß ihrer Stoßzähne in ein glänzendes Rot verwandelte, als Junhis Haare an ihrem Schädel klebte und das Blut ihr in die Nase, die Augen, den Mund drang …

Junhi schnappte nach Luft, während sie sich schlagartig aufsetzte. Sie befühlte ihre Haare und ihr Gesicht, aber da war nichts. Kein Blut. Keine Mammuts. Es war dunkel. Sie hörte nur die Schlafgeräusche ihrer über die Wohnhöhle verbreiteten Stammesgenossen. In der Feuerstelle glühte noch ein klein wenig Kohle.

Was bedeutet das?

Die Mammuts bluteten. Das war gut. Das musste ein Zeichen sein, dass die Jagd erfolgreich ausgehen würde! Aber warum empfand sie dann jetzt keinerlei Zufriedenheit oder Triumph? Sie hatte die Gewissheit, dass alle lebend zurückkamen. Dass alle Mütter und Väter ihre Söhne wieder in die Arme schließen konnten. Aber sie fühlte nur Trauer und Unruhe. Könnte sie Tukh nur fragen, was es bedeutete. Könnte sie den Löwenmann nur fragen. Könnte sie überhaupt jemanden etwas fragen.

«Pst, kommt mit», hörte sie jemanden am anderen Ende der Höhle flüstern, gefolgt von einem gedämpften Rascheln und Schlurfen. Dunkle Figuren standen auf und schlichen davon. In dem Dämmerschein konnte Junhi gerade noch unterscheiden, wer sie waren: die Jungen, die man für die Jagd ausgewählt hatte. Schon seit Tagen flüsterten sie in einer Ecke der Wohnhöhle miteinander. Sie hatten etwas vor. Als der letzte Junge den Vorhang beiseiteschob, erkannte sie Rens Silhouette. Was hatte er bei ihnen verloren? Sofort traf sie eine Entscheidung. Nach wie vor war sie für Ren verantwortlich. Ihm durfte nichts zustoßen.

Sie ließ die warmen Häute von sich abgleiten und ging leise an der Höhlenwand entlang ins Freie. Junhi sah sich um. Der Mond leuchtete hell und rund. Die Jungen gingen in einigem Abstand vor ihr her. Sie kicherten und schubsten sich scherzhaft gegenseitig. Vorsichtig folgte sie ihnen, leiser als ein Fuchs im Schnee.

Die Jungen kamen an den Lufthöhlen vorbei, ohne sie zu beachten, aber Junhi konnte es nicht lassen, einen raschen Blick auf den Hirsch zu werfen, ihren Hirsch, badend im Mondlicht. Fast wäre sie mit den Jungen zusammengestoßen. Sie waren vor einer dunklen Öffnung in dem weißen Felsen stehen geblieben. Eins nach dem anderen erschienen die Flämmchen ihrer Steinlampen, flackernd im Wind.

Die Mutterhöhle!, dachte Junhi. Sie gehen in die Mutterhöhle!

Die Mutterhöhle reichte bis tief ins Herz des Felsens. Viel tiefer als ihre Wohnhöhle. Es war kein Ort zum Wohnen. Es war kein Ort für normale Menschen. In der Mutterhöhle erwachten Träume zum Leben. Alle wussten, dass sie hier flüsterten und sich regten, obgleich nur wenige das mit eigenen Augen gesehen hatten. Die Mutterhöhle war ein Ort, an dem Träumer ihre wichtigsten Träume zeichneten und ihren Handabdruck hinterließen, wenn sie ausgelernt hatten. Selbst Tukh kam nicht oft hierher.

«Die Träume sind schon schwierig genug, wenn sie einem nichts erwidern», hatte er einmal gesagt.

Was hatten die Jungen vor? Sie musste sie davon abhalten, sie musste Uma aufwecken und Tukh holen! Aber andererseits … Wenn sie sich jetzt entfernte, würden sie in die Mutterhöhle eindringen, ohne dass es jemanden gab, der verhindern konnte, dass sie etwas Dummes taten. Etwas beschädigten und damit die Mutter erzürnten. Nein. Sie musste ihnen folgen.

«Ich will nicht!», jammerte Ren am Rand der Gruppe.

«Du hast es versprochen», herrschte ihn jemand an. «Du würdest Wache stehen.»

«Ich will hier nicht alleinbleiben!»

«Still, Ren! Ich hatte geglaubt, du wolltest auch ein Jäger sein? Wenn du das für uns tust, werden wir Dahs fragen, ob du beim nächsten Mal auch mitdarfst.»

Einen Moment blieb es still.

«Na gut», sagte Ren schließlich.

«Sehr schön.»

Die jungen Jäger tuschelten aufgeregt miteinander, während sie einer nach dem anderen von der Dunkelheit verschluckt wurden. Ren blieb beim Eingang zurück. Er hatte sich hingehockt und hielt den Blick auf den Boden gerichtet. Junhi konnte leicht an ihm vorbeihuschen, ohne dass er sie bemerkte. Sie hatte Mitleid mit ihm. Sie wusste, dass aus dem Versprechen der Jungen nichts werden würde. Dahs würde Ren sicher nicht zur Jagd mitnehmen. Er war noch viel zu jung.

Junhi ging tiefer hinein und ließ das Mondlicht hinter sich. Der unebene Boden fühlte sich körnig an, die Wand, an der sie Halt suchte, war scharf und kantig.

Ich habe keine Lampe, überlegte sie. Sie musste nah bei den Jungen bleiben und gut achtgeben, wohin sie ihre Füße setzte.

Die kleinen Lichter vor ihr bewegten sich langsam. Es wurde geplappert und gelacht, aber je tiefer die Jungen in die Höhle drangen, desto mehr verstummten sie. Die rauen Wände wurden glatt, und vor Junhi tauchten steinerne Türme auf, die im Licht der kleinen Flammen schimmerten. Die Jungen blieben stehen und bestaunten sie verwundert.

Da erst, nachdem alle standen, fiel Junhi die Stille auf. Keine Vögel, kein dahinfließendes Wasser. Und kein Wind. Die Luft war ruhig, fast schwül. Wenn sie die Augen schloss, hörte sie nur ihren eigenen Atem und das Pochen ihres Herzens.

Bald schon wurde der Gang schmaler, sodass die Jungen nah hintereinander gehen mussten, Lichtchen für Lichtchen. Ein großer Stein blockierte fast den gesamten Weg und sie zwängten sich einer nach dem anderen an ihm vorbei. Leise folgte Junhi, und einen Moment war sie wie gefangen im Stein, kühl und massiv an Bauch und Rücken. Es war ein merkwürdiges Gefühl, beängstigend und beruhigend zugleich.

«Sind wir schon da?», fragte einer der Jungen. Sie hielten ihre Lämpchen hoch und erleuchteten so die Felswände.

«Noch etwas weiter», sagte ein anderer.

Dann: «Seht mal hier!»

Plötzlich waren alle Lämpchen zusammen.

«Und hier!»

Junhi schlich näher an die orangegelben Gesichter, die in die Höhe starrten.

«Wir sind fast da, noch ein bisschen weiter, kommt!»

Bevor Junhi selbst etwas hatte sehen können, waren die Lichter schon wieder fort. Aber sie konnte erraten, was es da gab. Ein Kitzel durchzog ihren Körper. Die Zeichnungen. Die lebenden Träume. Fast konnte sie sie im Dunkeln sehen. Durfte sie die Wand denn berühren? Oder würde sie die Zeichnungen damit verschmieren und verderben? Einen Augenblick lang zweifelte Junhi, aber sie musste. Die Felswand war ihr einziger Halt.

«Es muss hier irgendwo sein», murmelte einer der Jungen. «Schaut ihr mal auf der anderen Seite.»

Zwei Lichter spalteten sich von der Gruppe ab und bewegten sich vorsichtig zur anderen Seite der Höhle. Dort, im Schein der Lampen, waren sie deutlich zu sehen. Handabdrücke.

Junhi hielt den Atem an. Rote Farbe hatten die Träumer auf die Felswand gespien. Hier hatten Tukh und die Träumer vor ihm zum ersten Mal ihren Atem der Mutter geschenkt. Hier würde Tira ihre Hand verewigen, wenn sie keine Schülerin mehr war, sondern eine echte Träumerin.

Einer der Jungen streckte vorsichtig die Hand zu einem der Handabdrücke aus, um ihn zu berühren, um zu sehen, ob es passen würde …

«Nein, nicht!», rief Junhi, bevor ihr klar war, was sie tat, und sprang hervor, um den Jungen wegzuschubsen. Niemand durfte sie anfassen! Erst recht keine Jäger wie er!

Ein Chaos mit Geschrei, Gerufe und Geschubse folgte. Junhi zog den Jungen am Ärmel und er fiel rücklings hin. Seine Lampe schlug auf den Boden und die Flamme erlosch sofort. Er zog sie mit sich, knurrte wie ein wütender Hund und sie spürte eine Faust im Magen. Sie stöhnte vor Schmerz, schlug aber fest zurück. Dann waren da weitere Hände, die sie hochzogen und von ihrem Widersacher trennten. Keuchend ließ sie sich festhalten.

«Was machst du denn hier?»

Einer der Jungen hielt ihr seine Lampe so nah ans Gesicht, dass sie die Augen zukneifen musste.

«Lass das!»

«Kian darf tun, was er will!», sagte der Junge, der sie festhielt, hochmütig. «Du bist ein Eindringling! Du gehörst nicht hierher!»

«Und ihr vielleicht?», schnaubte Junhi. «Ihr seid in der Mutterhöhle! Nur Träumer dürfen hierherkommen. Wartet nur, bis ich es Uma erzähle.»

Mit einem Schlag waren sie still.

«Das wirst du nicht wagen», sagte schließlich ein anderer Junge. «Alle wissen, dass Uma dich auf dem Kieker hat! Anstelle von uns wird sie dich bestrafen!»

«Meinst du wirklich? Möchtest du es ausprobieren?»

Wieder Stille. Junhi riss sich los.

«Ihr müsst hier verschwinden. Wie könnt ihr es wagen, die Hände der Träumer zu berühren?»

«Nein. Wir gehen hier nicht weg. Du musst verschwinden, sonst sagen wir es Uma.»

«Na klar», fauchte Junhi. «‹Uma, Junhi war in der Mutterhöhle, aber woher wir das wissen, sagen wir nicht.› Nein, ich bleibe. Um dafür zu sorgen, dass ihr nichts Falsches tut.»

«Was weißt du denn davon? Tukh redet nicht mit dir. Aber wohl mit uns!»

«Hat Tukh euch hierhergeschickt?»

Das konnte doch nicht wahr sein! Das würde er niemals tun!

«Na ja … vielleicht. Er hat gesagt, wir sollten die Mutter um Glück bei der Jagd bitten. Und wo könnten wir das besser als hier?»

Einen Moment lang schwieg Junhi.

«Also gut», antwortete sie zuletzt. «Tut, was ihr wollt. Aber ich bleibe, damit ihr nichts Verbotenes anstellt. Im Tausch dafür werde ich Uma nichts sagen.»

Die Jungen im Schein ihrer Lampen wechselten einen Blick miteinander. Junhi wusste, dass sie gewonnen hatte. Ihnen blieb keine Wahl.

«Einverstanden», sagten sie dann. «Aber du darfst uns nicht stören!»

«Meinetwegen. Wenn ich eine Lampe bekomme.»

Unter großem Ächzen und Stöhnen trat ihr einer der Jungen seine Lampe ab. Er sagte nichts, guckte aber ziemlich wütend.

«Es tut mir leid», sagte Junhi.

«Ach was!», erwiderte er und ging, um sich den Übrigen anzuschließen.

Aus einiger Entfernung schaute Junhi zu, während die Jungen mit ihren Lampen den Boden ableuchteten, flache Steine sammelten und sich kniend um sie scharten. Aus Taschen, die ihr in der Dunkelheit noch nicht aufgefallen waren, holten sie Feuerstöcke und getrockneten Dung hervor. Bald schon brannte ein kleines Feuer auf dem Boden, dessen Flammen einen Teil von Wand und Decke sichtbar machten.

Sie schüttelten etwas aus einem Lederlappen und begannen es auf einem der flachen Steine zu zermahlen. Das Geräusch hallte durch die Höhle. Hatten sie Farbe von Tukh gestohlen? Oder hatte er sie ihnen gegeben?

Während manche beim Feuer sitzen blieben, nahmen die Übrigen ihre Lampen und gingen damit zur Wand. Einer von ihnen hatte ein Stück Stein in der Hand. Bedachtsam besah sich der Junge den kahlen Felsen vor ihm, auf der Suche nach der besten Stelle. Dann drückte er die Spitze des Steins gegen den Felsen und begann zu ritzen.

Es klang noch schlimmer als das Mahlgeräusch für die Farbe. Der Stein quietschte und kratzte, als ob der Felsen selbst seinen Schmerz hinausschrie. Junhi hätte ihm am liebsten den Stein aus den Händen gerissen, aber sie beherrschte sich. Einige Jungen lachten.

«Willst du das Mammut schon umbringen, bevor wir es gesehen haben? Hört nur, wie es kreischt!»

Aber der Zeichner schwieg und ritzte unbeirrt weiter.

«Die Farbe ist fertig!», rief jemand beim Feuer. «Wir haben nicht so viel, also seid sparsam damit.»

Der Farbmischer verteilte flache Steine mit einem roten Staub darauf an alle. Die Jungen spuckten hinein und verrührten ihn mit den Fingern zu einem Brei. Sie ließen ihre roten Finger über die Felswand streichen, über Vorsprünge und die dünnen Steinpfeiler, die sich hier aus dem Boden erhoben.

Junhi schauderte. Wie konnten sie so arglos draufloszeichnen? Aber jedenfalls ließen sie die Handabdrücke in Ruhe. Kindische Spielereien waren es, sonst nichts. Sie seufzte. Diese Höhle hatte Besseres verdient. Die Mutter hatte Besseres verdient. Aber wenn diese nichts dagegen unternahm, würde es wohl in Ordnung sein.

Junhi hob ihre Lampe hoch und drehte sich vorsichtig um. Die Höhle führte noch tiefer in die Erde. Langsam entfernte sie sich von den Jungen und ihrem lärmenden Unsinn. Junhis Schritte waren leise und behutsam, während sie die sie umgebende Schwärze mit ihrem Flämmchen verjagte. Die Stimmen der Jungen verfolgten sie weiter, wurden von den Wänden zurückgeworfen. Ihre Münder waren weit weg, aber manchmal klangen sie wie von ganz nah.

Je weiter sie ging, desto tiefer wurde die Dunkelheit. Bald würde ihr Lämpchen nicht mehr stark genug sein, das Dunkel zurückzudrängen. Sie erzitterte trotz der milden Luft, die sie umgab. Dann wäre ihr das steinerne Brenngefäß fast aus der Hand gefallen. Das Mammut, das vor ihr auftauchte, war gigantisch. Seine Stoßzähne krümmten sich nach vorn, und die Wölbung seines Rückens war dunkel in den Schatten, die das Lämpchen auf die Felswand warf. Es sah aus, ab ob es sich bewegte.

Junhi blinzelte mit den Augen, aber das Mammut lief weiter. Seine Beine bewegten sich im Rhythmus ihres flackernden Lichtscheins.

Träume erwachen zum Leben, dachte sie, sie leben tatsächlich.

Sich die Lampe über den Kopf haltend ging sie weiter.

Mit der Herde mit, dachte sie, genau wie in meinen Träumen. Ich muss ihnen folgen.

Die Tiere führten sie tiefer in die Höhle hinein. Nicht nur Mammuts, sondern auch Hirsche, Wisente, sogar Bären … Wenn sie genau darauf achtete, konnte sie sie hören. Ihr Schnauben und Brüllen, ihre dröhnenden Schritte und schnellen Hufe. Wenn Junhi ihre Lampe hoch genug hielt, konnte sie die Decke sehen. Auch da waren Tiere, in Rot und Schwarz, versteckt in den Falten des Felsens.

Die Wirklichkeit existierte nicht mehr, die kalte Außenwelt war verschwunden, die Stimmen der Jungen verschwammen zu einem Rauschen. Die Tiere flüsterten ihr Dinge ins Ohr. Sie sahen sie an, liefen ihr voraus oder folgten ihr.

Fast hätte sie es überhört. Dieses Geräusch war anders. Und es war nah. Es klang, als ob sie aus einem tiefen Schlaf erwachte. Die Höhle wurde wieder still und die lebenden Träume kehrten an ihren Ort auf der Wand zurück. Junhi war allein mit dem unbekannten Geräusch. Es kam aus dem entlegensten Teil der Höhle. Es bewegte sich. Es kam näher. Ein Brummen, ein Schnauben. Tritte auf dem Steinboden. Klauen. Es waren Klauen.

Aber ich sehe nichts, dachte Junhi, wo ist es? Wo ist es?!

Ein ohrenbetäubendes Kratzen sorgte dafür, dass Junhi fast ihr Licht fallen ließ. Es klang, als würde ein Dutzend Jungen gleichzeitig lange Striche in die Felswand ritzen. Der Geruch eines großen Tieres kam in Stößen auf sie zu. Ein feuchtes Fell, wie eine frische Rentierhaut, die irgendwo zu lange aufgerollt gelegen hatte. Ein grollendes Brummen hallte durch die Höhle. Bebend hielt Junhi ihr Lämpchen in Richtung des Geräuschs, während sie so schnell sie konnte rückwärts schlurfte. Wieder scharrten die Klauen auf dem Felsboden, schneller diesmal. Als sie das Tier endlich sehen konnte, wusste Junhi schon, was es war.

Die Augen des Bären glänzten grün, während er sich auf die Hinterbeine stellte und sie somit turmhoch überragte. Noch nie hatte Junhi einen Bären aus einer solchen Nähe gesehen. Sie fühlte seine Wärme. Als er sich wieder auf seine vier Pfoten fallen ließ, schien die Erde zu beben.

«Was ist da los?», rief eine Stimme in der Ferne.

Sie wagte nicht, etwas zurückzurufen. Und sie wagte es nicht, ihren Blick von dem Bären abzuwenden. Er griff nicht an. Hatte ihn das Geschrei der Jungen aus seinem Winterschlaf geweckt? Dann war er sicher durcheinander. Und hungrig. Junhi wusste, dass diese Bären nur Pflanzen fraßen. Aber es gab genug Jäger, die auf einen schönen, dicken Bärenpelz aus gewesen waren und das nicht überlebt hatten. Bären hatten Zähne und Klauen, sie waren schnell und stark. Das hätte genügen müssen, um Junhi zur Flucht zu bewegen.

Aber sie bewegte sich nicht. Der Bär kam langsam auf sie zu. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Gesicht, roch den üblen Gestank von getrocknetem Speichel und langem Schlaf. Er beschnüffelte sie, seine Schnauze berührte ihre Haare, ihre Wangen. Junhi hielt das Lämpchen eng an sich gepresst. Der Bärenkopf schien in der Dunkelheit vor ihr zu schweben. Langsam streckte sie ihre freie Hand aus. Ihre Fingerspitzen berührten sein borstiges Fell.

«Junhi!», klang eine Jungenstimme plötzlich ganz nah. Dann sah er den Bären und schrie. Der Bär öffnete das Maul und brüllte so laut, dass es Junhis Haare nach hinten wehte. Der Gestank aus seinem Maul ließ sie beinahe würgen. Eine Faust umfasste ihr Handgelenk und zog sie zurück.

«Los, wir verschwinden!»

Ihr Lämpchen fiel zu Boden, die Flamme erlosch sofort. Der Junge riss sie mit sich. Junhi stolperte, stieß sich den Ellbogen und den Kopf, aber er ließ nicht los.

Der Bär brüllte noch einmal, und durch das Echo schien er überall gleichzeitig zu sein. Der Junge schrie in Panik und rannte noch schneller, zurück zu den Händen der Träumer, zum Feuer, um das die andere Jungen standen, den Rücken den Flammen zugekehrt und mit ängstlichen Blicken.

«Was war das? Ist die Mutter böse auf uns?»

«Wir müssen weg, sofort! Es ist ein Bär, und er ist uns auf den Fersen!»

Aber die Jungen bewegten sich nicht. Sie starrten an Junhi und ihrem Retter vorbei, als ob sie Luft wären. Junhi drehte sich um. In der Glut des Feuers erschien ihr der Bär noch größer, schwer wie ein Felsblock, mit Beinen dicker als Baumstämme. Er schüttelte den Kopf, als wäre das helle Licht der Flammen ihm zu viel. Einer der Jungen schrie. Da griff der Bär an.

Mit dröhnenden Schritten rannte er auf sie zu, das Maul drohend aufgerissen. Junhi und die Jungen stoben zur Seite. Die meisten Lampen gingen aus, und der Bär donnerte quer durch das Feuer hindurch. Funken sprühten zu allen Seiten hin auf. Alle Jungen riefen und schrien.

Junhi kreischte, als sie wieder eine Faust ums Handgelenk spürte, und wieder wurde sie mitgezogen. Wo war der Bär? In der Nähe. Er schnaubte und knurrte. Sie wollte rennen. Die Jungen wollten rennen. Aber das ging nicht, denn sonst würde es die letzten Lampen auswehen, und ohne Licht würde sie der Bär sicher zu fassen bekommen. Also gingen sie so schnell sie konnten, die kostbaren Flämmchen ängstlich mit ihren Händen umschließend.

«Wo ist er? Wo?», fragte ein Junge.

«Nicht daran denken. Weitergehen!», sagte ein anderer.

Er wirkte ruhig, aber Junhi wusste, dass sein Herz hämmern musste, dass ihm der Atem bei jedem kleinen Geräusch im Hals stockte, dass er das Lämpchen umklammerte, als ob es das Einzige wäre, was ihn am Leben hielt.

«Da! Der Stein! An dem kann er bestimmt nicht vorbei!»

Natürlich kann er das, dachte Junhi, er ist doch auch in die Höhle hineingekommen!

Aber sie schwieg. Nacheinander zwängten sie sich an dem Stein vorbei. Ihre Hände hinterließen Schweiß und rote Farbe. Während sie wartete, bis sie an der Reihe war, blickte Junhi rückwärts ins Dunkel. Hörte sie den Bären noch schnauben? Fühlte sie seine Wärme?

Das Brüllen, das folgte, klingelte ihr in den Ohren. Der Bär richtete sich auf und ließ sich gegen den Stein fallen, sodass der Boden erbebte und kleine Felsbrocken herabgerieselt kamen. Junhi schrie und gab dem letzten Jungen, der an dem Stein vorbeimusste, einen Schubs.

«Beeil dich!», rief sie.

«Junhi!»

«Lass sie doch zurück!»

«Nein! Dann wissen alle, was wir getan haben!»

Der Bär wandte sich ihr zu. Er brüllte wütend, spannte seine Muskeln an und sprang. Das Licht war gerade ausreichend, ihn ankommen zu sehen, ein Bündel aus Kraft, das Maul weit aufgerissen …

«Junhi!»

Ein Ruck an ihrem Arm und ihr Gesicht schrammte über die Felswand, ihr Fuß knickte um, ein Schlag, ein Schrei, und dann war wieder Platz.

Keuchend sank Junhi zu Boden. Ihr Knöchel tat weh. Als sie mit der Hand über ihre Wange fuhr, fühlte sie warmes Blut. Der Bär brüllte noch ein letztes Mal, und es dauerte lange, bis die letzten Echos verhallt waren. Danach hörten sie nichts mehr.

«Er ist weg», sagte einer der Jungen. «Warum konnte er nicht durch?»

«Der Stein muss zu Anfang des Winters heruntergefallen sein», antwortete Junhi. «Wenn es keinen anderen Eingang gibt, kommt er hier nicht mehr heraus.»

Einen Moment herrschte Stille, bis auf Junhis Stöhnen, als sie aufstand und mit ihrem verletzten Fuß auftreten wollte.

«Lasst uns zurückgehen.»

Zwei Lämpchen waren ihnen noch geblieben, von denen eines schon ein wenig unstet flackerte.

Junhi musste hinken, aber niemand half ihr. Es war nicht schlimm. Sie gingen langsam, betäubt wie in einem Traum. Ihr Fußknöchel pochte im Rhythmus ihres Herzens.

Der schneidende Wind draußen ließ sie aufatmen. Im Licht des Mondes konnten sie sich jetzt wieder gut sehen, als ganze Menschen und nicht nur als Gesichter und Hände in einem orangegelben Schein. Ren war spurlos verschwunden.

«Wo ist er?», fragte jemand.

«Bestimmt unterwegs, um uns zu verraten», sagte ein anderer.

«Lasst ihn in Ruhe!», sagte Junhi. «Sicher hatte er Angst. Er muss den Bären gehört haben.»

«Wie auch immer, keiner erzählt irgendwem etwas hiervon», fuhr der letzte Junge fort. «Wir sind hier nie gewesen. Junhi, du siehst wüst aus. Du musst dich waschen und dir dann etwas wegen der Schürfwunden und deinem Knöchel ausdenken.»

«Gut», sagte Junhi. Kein Problem. Es war ja nicht das erste Mal.

Während die anderen zur Wohnhöhle zurückkehrten, kniete Junhi am Flussufer nieder, durchbrach die dünne Eisschicht auf dem Wasser und wusch sich Hände und Gesicht.

«Geht’s?», klang plötzlich eine Stimme neben ihr. Junhi erschrak.

Cramh hockte sich neben sie und berührte sie an der Schulter.

«Cramh!»

«Lässt du mich mal sehen?»

«Was tust du hier?»

«Was meinst du?», entgegnete er mit ernster Miene. «Dich wieder zusammenzuflicken ist mein Hobby geworden. Kopf in den Nacken!»

Er schöpfte mit der Hand Wasser aus dem Fluss und goss es ihr übers Gesicht.

«Ren hat dich geholt», sagte Junhi.

«Er ist ein lieber Junge. Er hätte ebenso gut Dahs oder selbst Uma rufen können, aber er wollte niemanden in Schwierigkeiten bringen. Ich hoffe, deine Freunde machen sich das klar.»

«Es tut mir leid. Ich hätte sie zurückhalten sollen.»

«Das wäre vernünftig gewesen. Aber tja, so kenne ich dich nicht.»

Junhi knurrte und Cramh lachte leise.

«Ich kann durchaus vernünftig sein», sagte sie dann. «Ich werde dafür sorgen, dass sie Ren in Ruhe lassen.»

«Sehr gut.»

Während Cramh ihr die letzten Blutreste aus dem Gesicht wischte, fragte Junhi: «Was sollen wir Uma und Dahs sagen?»

«Dass du einen hässlichen Sturz hattest, als du heute Nacht zum Austreten aus der Wohnhöhle gegangen bist», sagte er. «Du hast ziemliches Pech in letzter Zeit. Zum Glück war ich zufällig auch gerade aufgestanden.»

«Danke, Cramh.»

«Dein Vater war mein Freund. Und jemand muss doch auf dich aufpassen.»

5


D as hier war kein guter Traum, Junhi wusste es sofort. Es war Abend. Feuer brannten. In den Träumen der Mutter war es nie Abend. Abends schliefen die Tiere.

Sie schaute um sich. Viele Menschen waren da. Sie standen totenstill, so still, dass sie kaum zu atmen schienen. Als Junhi einen von ihnen vorsichtig berührte, fühlte sich der Mann hart und kalt wie Stein an. Alle steinernen Menschen schauten auf die Stelle, wo das größte Feuer brannte. Alle hatten sie die Hände vor den Mund geschlagen, die Augen aufgerissen. Sie sahen alles, aber sie sagten nichts.

Junhi erschauerte und zwängte sich zwischen ihnen hindurch bis zu der Stelle vor, auf die alle blickten.

Ihr Herz überschlug sich, als sie Uma und Dahs erkannte, ebenso versteinert wie die anderen. Vor ihnen auf dem Boden lag ein Mann. Ein anderer Mann stand über ihn gebeugt wie ein Löwe über seiner Beute. Ein scharfes Messer blitzte in seiner steinernen Hand. Aber der Mann auf dem Boden war nicht aus Stein.

Er keuchte und stöhnte leise, beide Hände auf den Bauch gepresst. Seine Finger schimmerten dunkelrot. Er drehte den Kopf und schaute Junhi geradewegs an. Sie wollte zu ihm, ihm helfen, ihn trösten, denn sie kannte ihn, aber sie konnte sich nicht bewegen. Die steinerne Uma hielt Junhis Arm mit ihren dicken Fingern umklammert.

«Lass los, lass mich los!»

Die Augen des Mannes verdrehten sich in ihren Höhlen. Er wurde schlaff und sein Kopf schlug auf dem Boden auf.

«Nein! Papa!»


Sie waren schon lange fort jetzt, die Jäger. Viel zu lange. Junhi betrachtete die Wand ihrer geheimen Lufthöhle und wischte sich über die Stirn. In der Ferne rief ein Schneehuhn, hoch am Himmel schrie ein Raubvogel. Der Frühling hatte begonnen. Der letzte Schnee war vor zwei Tagen geschmolzen. Langsam wurden das Tal und die Ebene wieder grün. Aber der Wind blieb eisig wie immer. Erst im Sommer würde es etwas milder werden. Und wenn es dann endlich möglich war, gab es nichts Schöneres als die ganzen Fellschichten auszuziehen und eine Brise auf der Haut zu spüren.

Nach Umas Ankündigung der Mammutjagd waren die Jäger nicht sofort losgezogen. Sie mussten neue Speere anfertigen, altes Gerät neu schärfen, Kleidung flicken. Zelthäute wurden gesammelt und gebündelt, sodass sie an Stöcken mitgetragen werden konnten. Am Ufer vor der Wohnhöhle übten die Jäger mit ihren Speeren. Ihre Schreie hatten jeden Tag durchs Tal geschallt, wenn sie ihr Ziel verfehlten. Und auch, wenn sie es trafen.

Am Tag des Aufbruchs der Jäger war es ungewöhnlich dunkel gewesen. Eine graue Wolkendecke hatte die Sonne verborgen. Windstöße peitschten wirbelnde Schneeflocken auf und wehten sie jedem ins Gesicht.

Der Schnee hatte Junhis Blick getrübt, während sie mit dem Rest des Stammes die Jäger auf dem Hang oberhalb der Wohnhöhle verabschiedete. Tukh hatte am Abend zuvor den Jagdtanz aufgeführt, um die Mutter um Hilfe zu bitten, und danach hatte eine der Frauen eine Flöte hervorgeholt und alle mit ihrem Spiel verzaubert. Aus dem Abend war Nacht geworden, aber alle tanzten weiter. Es machte nichts, dass die Jäger am nächsten Morgen in aller Frühe aufbrechen würden. Tanzen brachte Glück und ließ die Sorgen verschwinden.

Aber als der Tag wiederkam, viel zu früh, viel zu schnell, waren die Sorgen auch wieder da. Junhi hatte sich zurückhalten müssen, den Jägern nicht zuzuschreien, dass sie nicht gehen sollten. Sie verstand nicht, warum – hatte sie doch von einer Mutterherde und blutenden Mammuts geträumt. Es würde gutgehen, sie würden mit genügend Fleisch für den Stamm zurückkehren. So konnten sie noch einen Winter hier in dieser Wohnhöhle bleiben. Dahs wusste, was er tat. Die meisten Männer waren erfahrene Jäger. Es gab keinen Grund zur Besorgnis. Ganz und gar nicht.

Junhi legte die Hand auf den Felsen vor ihr. Ihre Wand, ihr Ort, ihre Zeichnungen, ihre Träume. Wenn Tukh wüsste, was er ihr damit geschenkt hatte, wie es alles besser machte! Aber solange Dahs fort war, konnte sie es ihm nicht sagen. Tira war immer in Tukhs Nähe, und Junhi wusste, dass Tukh ein Mann war, der zu seinem Wort stand. Sie musste sich mit den kleinen Präsenten begnügen, die er für sie bei seinem Farbenvorrat hinterließ, aus dem sie manchmal etwas entnahm, wenn niemand hinschaute. Ein Deckelkörbchen, geflochten aus festem Gras, in dem sie ihre Farbe aufbewahren konnte, oder so wie letztes Mal einen kleinen Bären aus gebranntem Ton. Sie hielt das Figürchen in der Hand und spürte, wie es ihre Körperwärme in sich aufnahm, als bräuchte es lediglich noch einen Hauch Atem, um zum Leben zu erwachen.

Wusste Tukh von ihrem Abenteuer in der Mutterhöhle? Sie dachte noch oft an den Bären, der sie beinahe erwischt hätte. Hatte auch er auf die Mutter vertraut, als er die Höhle betrat? Hatte er sie um Schutz gebeten?

Bevor der Junge den Bären mit seinem Geschrei erschreckt hatte, hatte sie ihn berührt. Der Bär war allein, genau wie sie. Sie hatte ihn verstanden und er sie. Sie wusste sicher, er hätte ihr nichts angetan, sondern sie toleriert und ihr seine Geheimnisse erzählt.

Manchmal machte Junhi Pläne, zur Mutterhöhle zurückzugehen und nachzuschauen, ob der Bär noch lebte oder vielleicht doch entkommen war, oder irgendwo in einer Ecke verendet dalag und nichts mehr war als ein stinkendes Gerippe. Tukh musste einfach davon wissen, er musste in der Zwischenzeit in der Mutterhöhle gewesen sein. Weshalb sonst sollte er ihr die Bärenfigur geschenkt haben?

Sie wünschte, sie hätte mit ihm darüber reden können. Zu wissen, dass er ihr zwar helfen wollte, es aber nicht konnte, war schwer. In der Wohnhöhle spürte Junhi fortwährend Umas misstrauische Blicke. Seit die Stammesmutter ihr das Träumen verboten hatte, war Junhi einige Male wie befohlen zu ihr gegangen. Dann erfand sie einen Traum über Wisente und Rentiere und hörte sich brav Umas Erklärungen an, die immer darauf hinausliefen, dass das alles nichts zu bedeuten hatte und sie sich deswegen keine Sorgen zu machen brauchte. Daraufhin nickte Junhi und sagte: «Hab Dank für deine Weisheit, Uma», woraufhin sie sich schnellstmöglich wieder aus dem Staub machte. Natürlich nahm Uma Junhi ihre plötzliche Unterwürfigkeit nicht ab. Die Stammesmutter wusste, dass Junhi etwas vor ihr verbarg, etwas Wichtiges. Aber Junhi war stolz darauf, dass Uma nicht herausgebracht hatte, was das war.

Das verdankte sie auch Ren. Junhi hatte nächtelang wach gelegen und überlegt, wie sie ihn ins Vertrauen ziehen konnte. Nur zu gut erinnerte sie sich an Dahs’ Warnung. Er würde immer einer sein, der sie beobachtete. Ren war der Einzige, den sie bitten konnte, ihr zu helfen. Er war jung, aber er hatte sie nicht verraten, als sich die Gelegenheit dazu bot. Sie vertraute auch Cramh, aber der war mit zur Jagd. Außerdem setzte er sich nur dann für sie ein, wenn es ihm passte.

Einige Tage nach dem Aufbruch der Jäger hatte sie Ren zu dem entlegenen Ort am Fluss mitgenommen, der sich hinter einem Berg aus Steinen und einer einsamen Kiefer mit niedrig hängenden Ästen verbarg. Die Einbuchtung war fast so tief wie eine Wohnhöhle, allerdings mit einer geraden Wand, die in den blauen Himmel aufragte.

Ren war erst erstaunt gewesen, dann böse, dann ängstlich, aber zuletzt hatte er versprochen, Junhi zu helfen. Vielleicht, weil er Angst vor ihr hatte. Oder weil er neugierig auf ihre Träume und Zeichnungen war. Es war einerlei, solange er ihr nur half.

Immer wenn Junhi zu ihrem geheimen Ort wollte, begleitete Ren sie, und beide erzählten den Übrigen, sie gingen Fallen aufstellen oder Knochen sammeln. Ren tat das dann auch wirklich und ließ Junhi in ihrer Lufthöhle allein. Wenn er mit seiner Arbeit fertig war, kam er zurück und schaute stumm zu, wie sie ihre Träume der Felswand anvertraute.

Pferde, Wisente und Rentiere füllten Junhis Kopf mit Freiheit und Kraft. Und immer fühlte sie diese starke Bindung innerhalb der Herde, die über alles ging, die wichtiger war als die Tiere selbst, immer und überall. So, wie ihr Stamm sein sollte. Sie hätten für sie sorgen müssen. Besonders die Stärksten wie Uma und Dahs, aber stattdessen hatten sie sie verraten, sie einsam gemacht.

Sie träumte nicht mehr von dem steinernen Stamm und dem Mann auf dem Boden, aber sie dachte noch oft daran zurück. Warum war dieser Traum gekommen? Warum jetzt? Sie konnte ihn nicht zeichnen. Es war kein Traum der Mutter, der ihr etwas von der Welt und dem Stamm und dem Leben zeigte. Er hatte keine Tiere enthalten, nur Menschen.

In letzter Zeit hatte sie gar nicht mehr so viel an ihren Vater gedacht. Es hatte keinen Sinn, jemanden zu vermissen, der ja doch nicht wiederkam. Das hatte sie mittlerweile gelernt. Musste sie dennoch wieder und wieder erleben, wie sie ihn verloren hatte, vor so vielen Wintern? Sie hatten es geschehen lassen, Dahs und Uma, sie hatten ihren Vater auf dem Boden sterben lassen, als hätten sie darauf gewartet, als hätten sie es gewollt. Und niemand hatte Junhi getröstet, niemand hatte ihr gegenüber jemals noch etwas dazu geäußert, als hätten alle geglaubt, sie würde es vergessen, solange sie es nur nicht erwähnten. Die Leute wollten ohnehin nicht viel mit ihr reden oder ihr zu nahe kommen, als wäre sie krank und ansteckend mit ihrer Einsamkeit.

Cramh beschützte sie, wahrte jedoch Abstand. Dahs und Uma sprachen mit ihr, aber nur, wenn sie etwas Falsches getan hatte. Nur die Kinder, die zu jung waren, um sich an Junhis Vater zu erinnern, setzte sich manchmal zu ihr und baten sie dann um Geschichten oder ein Spiel. Aber auch sie bemerkten, dass etwas mit Junhi war, etwas Eigenartiges, wovon sie nichts verstanden. Junhi hob den Kopf und studierte ihre Lufthöhle. Da war Platz genug für neue Träume. Die Herde der Pferde wurde immer größer, hinzu kamen ein Bär und ein Hirsch. Aber wo waren die Mammuts? Sie hatte erwartet, dass sie von keinem anderen Tier träumen würde, seit die Jäger fort waren. Dass die Mutter sie einen Schimmer von dem auffangen ließe, wie es ihnen erging. Oder ihr erzählen würde, wo die Mammuts waren; in der Nähe oder weit weg. Letzteres würde erklären, warum die Jäger noch nicht zurück waren, warum noch niemand etwas von ihnen gehört hatte. Es dauerte schon viel zu lange.

Sie litten keinen Hunger, noch nicht. Es gab genügend Kleintiere, die sie fingen: Vögel und Hasen und Fische, auch zeigten sich mit dem anbrechenden Frühling schon die ersten Kräuter und Blumen. Aber das genügte nicht, um den Stamm bis zum nächsten Winter zu ernähren. Normalerweise wären sie der Rentierherde nach Osten gefolgt. Wisente kamen nicht hierher, und Pferde waren zu unvorhersagbar. Das eine Jahr zogen sie wohl durch das Tal, das andere Jahr nicht. Aber durch Junhis Traum, ihren Traum, hatten Uma, Tukh und Dahs sich dafür entschieden zu bleiben. Was sollten sie tun, wenn die Jäger nicht heimkehrten? Was sollten sie tun, wenn Tukh den Mammuttraum falsch verstanden hatte? Würden sie dann verhungern? Mussten sie dann weiterziehen? Dann würden die Jäger sie nie mehr finden.

Junhi blickte noch einmal auf die Felswand vor ihr und seufzte. Heute gelang es nicht. Gedanken an ihren Vater saßen ihr schon seit Tagen im Weg, wehrten die Tiere aus ihren Träumen und blockierten ihre Hand. Sie packte ihre Sachen ein und begab sich auf die Suche nach Ren.

Der Fluss war ungestüm heute. Das Wasser schoss mit weißen Schaumkronen an den Felsen vorbei. Was hatte Ren noch mal vorgehabt? Sie schirmte die Augen gegen die Sonne ab. Eine Silhouette erschien oben auf der Felskante. Der Löwenmann?

Junhi sah nochmals genau hin.

«Cramh!», rief sie, und gleichzeitig erschien ein zweiter Schatten, der sich langsam und stockend bewegte.

Sie rannte zu einem Stück, wo die Felswand weniger steil war, und kletterte so schnell sie konnte hinauf. Ihr Magen verknotete sich. Die Jäger waren zurück, aber irgendetwas stimmte nicht.

Als sie näherkam, sah sie es. Der zweite Schatten war Dahs. Er stand neben Cramh mit einem stumpfen Blick in den Augen, und seine Armen hingen schlaff an seinem Körper herab. Junhi verlangsamte ihren Schritt.

«Junhi, Mädchen», seufzte Cramh, und zu ihrer Verwunderung umarmte er sie. Er roch nach Schweiß und Blut.

«Was ist passiert?», fragte Junhi.

«Sie sind alle tot. Es gab keine Mammuts, wir konnten sie nicht finden. Aber stattdessen gab es Löwen. Ein ganzes Rudel. Und sie hatten Hunger.»

Sie fühlte, wie Cramh erschauerte, dieser starke Mann, ein erfahrener Jäger.

«Wir konnten nichts tun. Die Löwen haben uns von den anderen getrennt; sie wussten, dass wir die Stärksten waren. Sie haben geschrien, Junhi, die armen Jungen. Sie wurden zerrissen, zusammen mit den Männern, die versuchten, sie zu retten. Ich musste Dahs mit meinem Speer bedrohen, damit er zusammen mit mir die Flucht ergriff. Er wollte sie nicht zurücklassen, aber es war schon zu spät. Zu spät …»

«Ach, Cramh …»

«Weine, so viel du willst. Meine Tränen sind alle.»

«Ich bringe euch nach Hause», sagte Junhi mit zugeschnürter Kehle. «Ihr seid jetzt in Sicherheit.»

Sie nahm Cramh an der Hand und führte ihn zu der Wohnhöhle. Dahs folgte ihnen schweigend, abwesend wie ein Geist.

Sobald sie eingetreten waren, war sie sie los. Leute sprangen auf und bestürmten Cramh und Dahs mit Begrüßungen und Fragen. Schon bald folgten Ausrufe der Trauer. Die beiden Jäger wurden zu Uma geführt, wo der Dämmer sie verschluckte. Junhi blickte verloren um sich. Direkt am Eingang stand Tira. Sie hatte die Aufregung gehört, die Schreie, aber sie konnte nicht schnell aufstehen, und jetzt hatten alle ihren Vater gesehen, nur sie nicht. Einen Moment empfand Junhi Mitleid. Sollte sie zu Tira hingehen? Ihr die Nachricht mitteilen? Sie machte einen ersten Schritt, aber da bemerkte Tira sie. Der Blick, den das Mädchen ihr sandte, war wie eine Speerspitze. Junhi floh aus der Höhle.

Weg. Alle weg. Die besten Jäger des Stammes. Die Jungen aus der Mutterhöhle. Der Bär hatte sie nicht erwischt. Aber dafür die Löwen.

Wie konnte das sein?

Mein Traum.

Es war ihr Traum gewesen, der sie in den Tod geschickt hatte. Aber sie hatte die Mammuts doch gesehen! Der Hirsch und der Löwenmann hatten ihr die Herde gezeigt! Was hatte sie falsch gemacht? Was hatte sie nicht verstanden? Sie musste Tukh sprechen. Bei Tira in der Wohnhöhle war er nicht gewesen. Vielleicht war er in seiner Lufthöhle am Fluss.

Normalerweise beruhigte sie das Geräusch dahinfließenden Wassers, aber diesmal nicht. Sie wollte, dass es aufhörte. Sie wollte, dass alles aufhörte. Ihretwegen waren die Jäger jetzt tot. Uma hatte recht gehabt. Sie wollte schreien, sie wollte brüllen, schlagen, treten.

«Tukh!», rief sie. «Tukh, wo bist du?»

«Junhi!»

Seine Stimme klang hohl.

«Tira kann dich hören. Wir hatten eine Vereinbarung!»

Er trat aus dem Schutz seiner Lufthöhle und musterte sie streng, aber als er ihr Gesicht sah, veränderte sich sein Blick und er schnellte zu ihr hin.

«Was ist passiert?»

«Dahs und Cramh sind zurück. Es gab keine Mammuts, sondern Löwen, Tukh, und es ist meine Schuld! Alle anderen sind tot! Es war mein Traum, und er war falsch! Was soll ich tun, Tukh? Was soll ich tun?»

Erst sagte er nichts. Seine Augen waren leer, während er die Nachricht in sich aufnahm.

«Ach, Mädchen», sagte er dann und zog sie an sich. Junhi ließ ihre Stirn auf seiner mageren Schulter ruhen.

«Ich bin dumm gewesen. Vielleicht … Ja. Es ist Zeit.»

Er nahm ihr Gesicht in seine beiden Hände und sah sie eindringlich an. Dann drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn.

«Tukh …»

«Kein Aber. Du gehörst jetzt mir. Ich werde mit Uma sprechen. Und mit Tira. Hab keine Angst, Junhi. Ich hätte das schon früher tun sollen. Nicht du, sondern ich bin für den Tod dieser tapferen Jäger verantwortlich. Ich hatte beschlossen, Uma und Dahs deinen Traum zu erzählen, und sie davon überzeugt, ihn zu befolgen. Merke dir für den Rest deines Lebens, dass das hier nicht deine Schuld war. Versprich es mir.»

«Ich verspreche es.»

Sie sagte es so leise, dass es beinahe nicht zu verstehen war.

«Lauter.»

«Ich verspreche es», sagte sie.

«Lauter!»

«ICH VERSPRECHE ES!»

Ihre Stimme schallte über den Fluss.

«Sehr gut», sagte Tukh. «Ich muss jetzt zu Uma. Warte hier. Komm zur Ruhe. Ich werde Ren schicken, dich zu holen, wenn es Zeit ist. Bereite dich vor, Junhi. Du musst stark sein und darfst dich den bösen Worten und kalten Blicken nicht beugen. Wenn du stark bist, werde ich es auch sein, stark genug, um Uma und Dahs einsehen zu lassen, dass du deine Träume nicht einfach so stoppen kannst. Und dass du meine Hilfe brauchst.»

«Warum tust du das, Tukh?»

«Weil deine Träume gefährlich sind», antwortete er. «Für den Stamm und auch für dich.»

Dann drehte er sich um und eilte zur Wohnhöhle.

Tukhs Kuss brannte auf Junhis Stirn. Der Kuss des Träumers. Genau das hatte sich Junhi gewünscht, seit ihre Träume anfingen, seit sie ihre Eltern verloren hatte … Aber warum hatte Tukh mit seinem Kuss nicht gewartet? War das wirklich der richtige Moment, den Stamm noch mehr in Verwirrung zu stürzen und Uma und Dahs gegen sich aufzubringen, während sie alle so trauerten? Tukhs Worte geisterten ihr weiter durch den Kopf.

Deine Träume sind gefährlich.

Tukh hatte ihr den Kuss nicht gegeben, weil er ihn ihr gönnte oder es gewollt hatte, sondern weil er musste. Weil sie sonst mit ihren Träumen noch mehr Tote verursachen würde. Das sorgte nicht dafür, dass sie sich besser fühlte.

Mit einer Fingerspitze betastete sie vorsichtig die Stelle direkt über ihren Augenbrauen. Verwundert betrachtete sie anschließend die rote Farbe an ihrem Finger.

«Nicht berühren», klang plötzlich eine Männerstimme. «Nicht, bevor alle dich gesehen haben!»

«Cramh! Wo ist Ren? Er sollte mich holen kommen.»

«Ren ist aus der Fassung. Ich wollte ihn so nicht gehen lassen.»

Cramh starrte auf Junhis Stirn.

«Tukh erzählte mir, was er getan hat. Ich weiß nicht, ob es eine vernünftige Idee ist, aber ob Uma und Dahs so vernünftig sind, weiß ich auch nicht. Also wer weiß.»

«Wie geht es … allen?»

«Wie du dir wohl vorstellen kannst. Alle sind traurig, böse und durcheinander. Tukh hat noch nie jemanden in den Tod geschickt. Keiner versteht, wieso das geschehen ist. Und Dahs hat noch nichts gesagt, seit er zurück ist, auch nicht zu Tira. Sie ist in Panik.»

«Können wir noch etwas warten, bevor wir zurückgehen, Cramh?»

Cramh schüttelte den Kopf. «Tukh bat mich, dich sofort mitzubringen. Bestimmt hat er einen Plan. Auch bat er mich, dich an dein Versprechen zu erinnern. Ich weiß nicht, was das beinhaltet, aber denk an dein Versprechen, Junhi. Und jetzt gehen wir.»

Stark sein. Sie sollte sich nicht schuldig fühlen und stark sein. Sie hatte nicht gedacht, dass es so schwierig sein würde, sich an dieses Versprechen zu halten. Aber Tukh wollte eine Träumerin aus ihr machen. Sie musste jetzt zeigen, was sie wert war. Sie musste zeigen, dass sie nicht nur gefährlich war, sondern eine gute Träumerin sein und dem Stamm in schwierigen Zeiten helfen konnte, wenn Tukh einmal nicht mehr war.

Ich werde für den Stamm sorgen, wie dieser nie für mich gesorgt hat.

Noch nie hatte der Vorhang zur Wohnhöhle so bedrohlich ausgesehen. Cramh schob ihn mühelos zur Seite. Er sagte nichts, sondern bedeutete ihr durch Gesten, einzutreten. Mit geschlossenen Augen überschritt Junhi die Schwelle. Als sie die Augen wieder öffnete, war Cramh verschwunden. Alle starrten sie an. Als ob ihnen erst jetzt wieder klar geworden wäre, dass es Junhi gab. Langsam ging sie weiter in die Höhle hinein, zu den Schatten, durch die sie nicht hindurchsehen konnte, wo Uma war, und Tukh und wer weiß wer noch. Sie fühlte, dass sich der Dämmer hinter ihr schloss, sie vor den Augen des Stammes verbarg. Vielleicht würden sie gleich den Kopf schütteln und vergessen, was sie gesehen hatten, als wäre Junhi mit dem roten Kuss nur ein Traum gewesen.

«Junhi.»

Umas Stimme war kalt.

«Uma», antwortete Junhi.

«Es stimmt also. Er hat dir den Kuss gegeben.»

«Ja, Uma.»

Junhis Blick gewöhnte sich langsam an die Dunkelheit, und sie sah Umas umfangreiche Konturen, den Kopf bedeckt mit einem feinen Netz mit kleinen Felsmuscheln. Unter den Augen waren mit schwarzer Holzkohle Striche angebracht; das Zeichen der Trauer. Tukh stand neben ihr, Dahs an der anderen Seite. Er schaute mitten durch sie hindurch.

«Tukh hat uns alles erzählt», fuhr Uma fort. Junhis Herz stand für einen Moment still. «Ich hatte dich gebeten, nicht mehr zu träumen. Danach hatte ich dir befohlen, nicht zu träumen. Aber hörst du auf mich? Nein. Du träumst einfach weiter, du besuchst Tukh und erzählst mir irgendwelche Ausreden.»

«Uma –»

«Halt! Ich will deine Stimme nicht hören.»

«Es tut mir leid», sagte Junhi und beugte den Kopf.

«Ich glaube dir nicht», sagte Uma kalt. «Aber deshalb bist du nicht hier. Tukhs letzter Traum hat … hat gesorgt für …»

Uma blickte seitwärts zu Dahs, aber der reagierte nicht.

Stark sein, dachte Junhi.

«Tukh befürchtet, dass er zu alt wird, um der Träumer des Stammes zu sein», fuhr Uma fort. «Dass er nach vielen Wintern seine Träume nicht mehr richtig deuten kann. Natürlich hat er Tira.»

Die Stammesmutter zögerte.

«Aber Tira ist … nicht genug. Sie braucht jemanden, der ihr hilft. Jemand, der stark ist und weiß, was es bedeutet, ein Träumer zu sein. Tukh erwählt dich.»

Junhi schwieg.

«Komm her», befahl Uma.

Möglichst langsam kam Junhi näher. Uma griff sie am Mantel und zog sie zu sich. Sie umfasste Junhis Kinn und betrachtete Tukhs Kuss auf ihrer Stirn.

«Vergiss nicht, Junhi: Du bist die Nummer zwei. Du bist nur dazu da, um Tira zu helfen. Wenn Tukh nicht mehr träumen kann, wird Tira die Träumerin des Stammes sein. Wage es nicht einmal zu denken, sie zu übergehen. Sonst bekommst du es mit schlimmeren Dingen als mit mir zu tun. Verstanden?»

Junhi schluckte, doch dann fasste sie sich. Beuge dich nicht vor bösen Worten und kalten Blicken, hatte Tukh gesagt.

«Ja, Uma. Ich werde es mir merken.»

«Und du, Tukh», sagte Uma, ohne sich nach ihm umzudrehen. «Du auch. Tira ist deine Nachfolgerin. Vergiss das nicht.»

«Natürlich nicht, Uma», antwortete Tukh ruhig. «Junhi ist nur dazu da, zu helfen.»

«Sehr gut.» Sie ließ Junhi los und seufzte. «Wir haben nicht einmal Knochen, die wir begraben könnten.»

Noch nie hatte Umas Stimme so traurig geklungen.

«Ihr könnt gehen. Alle.»

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348 стр. 31 иллюстрация
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9783772546655
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