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Lilly Grünberg
Begierde
erotischer Roman

Lilly Grünberg
Unter verschiedenen Namen hat sich die Autorin in die Herzen der Erotik- und SM-Leser aber auch in die der Fantasy-Liebhaber geschrieben. Unter dem Namen »Lilly Grünberg« sind bisher erschienen:
»Begierde« (PDA; Neuauflage »Elysion Books« 2013)
»Verführung der Unschuld« (PDA, als Lizenz auch bei Heyne und im Club Bertelsmann erschienen, Neuauflage Elysion-Books 2013)
»Dein« (Elysion-Books 2012)
»Sein« (Elysion Books 2013)
in Vorbereitung bei Elysion-Books sind u. a.: »Mein« und die »Verführung der Unschuld 2«
Mehr über die Autorin auf ihrer Homepage:
www.lilly-romane.de
Lilly Grünberg
Begierde

ELYSION-BOOKS TASCHENBUCH
BAND 4056
überarbeitete Neuauflage: Juni (eBook)/September (Buch) 2013
VOLLSTÄNDIGE TASCHENBUCHAUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2013 BY ELYSION BOOKS, GELSENKIRCHEN
ALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
www.dreamaddiction.de
FOTOS: © Svetlana Fedosesva/Fotolia
LAYOUT &WERKSATZ: Hanspeter Ludwig
www.imaginary-world.de
PRINTED IN POLAND
ISBN 978-3-942602-35-8
Mehr himmlisch heißen Lesespaß finden Sie auf:
www.Elysion-Books.com
Inhalt
Die Testamentseröffnung
Vickys Jugendfreund
Zügellosigkeit
Der Verlust der Freiheit
Die Flucht
Die Wende
Der Interessent
Jede Menge Schuldgefühle
Der Ausflug
Ein erotisches Fest
Gewissensbisse
Die Versteigerung
Die Ankunft
Gefährliche Neugierde
Die Hochzeit
Die Testamentseröffnung
Das Taxi hatte Schwierigkeiten, sich durch den dichten Berufsverkehr zu schlängeln, obwohl sich der Fahrer große Mühe gab und gerade zum x-ten Mal die Spur wechselte, wenn es dort gerade schneller vorwärts ging. Trotzdem hatte Marc den Eindruck, zu Fuß würde er mindestens genauso schnell vorangekommen. Allerdings nicht so trocken. Denn es regnete in Strömen. Natürlich hätte er auch die Straßenbahn nehmen können. Die hatte wenigstens ihr eigenes Gleisbett und hielt ihre Zeiten ein. Aber bei solch miesem Wetter wusste er die Annehmlichkeiten eines Taxis durchaus zu schätzen.
Jedes Mal, wenn er geschäftlich in seiner deutschen Heimat zu tun hatte, hatte er den Verdacht, dass es hier wesentlich mehr regnete als in Italien. Es war zumindest feuchter und kälter. Niemals hätte er geglaubt, dass ihm das eines Tages auffallen würde. Auch der Verkehr war quälender. Dabei war der Autoverkehr in Rom noch dichter als hier in Frankfurt. Aber irgendwie waren die Italiener flexibler, spontaner, kamen schneller voran, ohne jedoch im Übermaß die Verkehrsregeln zu brechen. Selbst wenn sich einer aufregte und wild gestikulierte, war das bei weitem weniger ernst gemeint als in Deutschland.
Zum wiederholten Male sah er auf seine edle Schweizer Armbanduhr. Der Termin rückte unaufhaltsam näher. Auf seiner Stirn bildete sich eine Falte und sein Blick begegnete kurz dem des Taxifahrers im Rückspiegel, der kommentarlos die Schultern hochzog. Marc hasste Unpünktlichkeit, obwohl er sich auch daran inzwischen gewöhnt haben sollte. Das Dolce vita traf durchaus auch auf das italienische Verständnis von Terminen zu. Vielleicht erfasste ihn aber auch nur zuhause dieser Wahn deutscher Pünktlichkeit.
Zuhause. Bitterkeit stieg in Marc auf, wie ein Schwall Magensäure, der überfallartig die Speiseröhre emporsteigt und einen ekligen Nachgeschmack hinterlässt. Hier war schon lange nicht mehr sein Zuhause. Zuhause war dort, wo er seit einigen Jahren lebte und arbeitete, am Rande Roms, nur eine halbe Autostunde von der Casa dell’artigianato entfernt, der Fabrik, in der er zusammen mit Antonio del Carmine anspruchsvolle Designermöbel und Accessoires für junge Reiche herstellte. Es kam ihm vor, als hätte er schon sein halbes Leben dort verbracht.
Es war eine gute Kombination. Antonios Familie mit ihrer alt ehrwürdigen, italienischen Herkunft, etabliert und angesehen, mit kaufmännischer Erfahrung über Generationen. Er selbst dagegen sorgte als »guter« deutscher Unternehmer für das Vertrauen der internationalen Kundschaft, verkörperte die angeblich typisch deutschen Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Obwohl er vielen Italienern immer noch zu Deutsch war, zu steif, zu akkurat, war er manchen Deutschen bereits zu italienisch.
Marcs Anspannung stieg ins Unerträgliche. Viel zu spät hatte er den Brief erhalten, der ihn über den Tod seiner Stiefmutter und die Testamentseröffnung beim Notar informierte, obwohl er in Frankfurt ein kleines Kontaktbüro mit zwei Assistentinnen unterhielt, die seine Post sortierten und bearbeiteten, oder bei Bedarf nach Italien schickten. Aber die italienischen Postbeamten hatten gerade Mal wieder gestreikt, und so war der Brief mehrere Tage im Nirgendwo liegen geblieben.
Bedauern empfand er kaum. Seine Stiefmutter war der Scheidungsgrund seiner Eltern gewesen. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Seine Stiefmutter war nur an dem Mann interessiert gewesen, an seiner sexuellen Ausstrahlung und seinem nicht geringen Vermögen, aber nicht an dem halb erwachsenen Sohn, einem eher lästigen Anhängsel.
Anfangs weigerte Marc sich, zu begreifen und zu akzeptieren, dass seine Eltern sich trennten. Sein Vater machte keinen Hehl daraus, dass er wechselnde Geliebte hatte, und Marc schwankte damals zwischen der Bewunderung des Vaters als toller Hecht und dem Mitleid für die gekränkte Mutter. Gerade zu dieser Zeit hätte er selbst dringend ein starkes Vorbild gebraucht, eine männliche Führungsperson, die ihm mit gutem Beispiel voranging und ihn auf das Leben vorbereitete. Oh ja, sein Vater und seine Stiefmutter bereiteten ihn durchaus auf das vor, was ihn erwarten würde. Aber anders als es wünschenswert gewesen wäre. Doch das begriff er alles erst später, als er das Verhalten seines Vaters analysierte und verurteilte. Die Streitereien, die seine Eltern lautstark ausfochten, ehe seine Mutter letztlich auszog, gellten ihm noch nachts in den Ohren, als er längst im Bett lag, der Streit vorbei war und das Haus in tiefer Stille versunken.
Zu seinem noch größeren Entsetzen verzichtete seine Mutter auf das Sorgerecht und ließ Marc bei seinem Vater zurück. Sollte das die viel gepriesene Mutterliebe sein? Er fühlte sich im Stich gelassen.
Doch nicht genug des Dramas. Zwei Wochen nach dem Auszug seiner Mutter stellte Marcs Vater ihm seine künftige Stiefmutter vor – und Victoria, genannt Vicky, seine vier Jahre jüngere Stiefschwester. Ein wenig pummelig und leichenblass, mit weit abstehenden kastanienroten Locken und zusammengepressten Lippen, hinter denen sie die Drähte ihrer Zahnspange verbarg.
Es stellte sich bald heraus, dass Vicky noch viel schockierter von dem plötzlichen Zusammenschluss zur Patchworkfamilie war als er selbst, und das linderte Marcs zunächst ablehnende Haltung. Als er eines Nachts auf Toilette gegangen war, hatte er sie durch die angelehnte Zimmertür schluchzen gehört. Einen Moment lang hatte er gehorcht, und war dann doch erstmal in sein Zimmer zurückgekehrt. Aber es ließ ihm keine Ruhe.
Niemanden interessierte es, ob es Vicky gut ging, ob und wie sie mit dem Umzug zurecht kam. Er empfand Mitgefühl. In seinen Augen war sie noch ein kleines unbeholfenes Mädchen. Plötzlich fühlte er sich mit seinen sechzehn Jahren viel erwachsener.
Er war wieder aufgestanden und leise in ihr Zimmer gegangen, hatte Vicky mit seinem »Pssst, was ist denn los«, beinahe zu Tode erschreckt. Aber nachdem er sie einfach in den Arm genommen und getröstet hatte, beruhigte sie sich schnell und das Eis zwischen ihnen war gebrochen. Bis dahin hatte jeder den anderen ignoriert, als ob dieser an der veränderten Situation mitschuldig wäre.
Den Rest der Nacht hatten sie leise miteinander geredet, zeitweise Arm in Arm zusammen unter die Decke gekuschelt und am Frühstückstisch vor Müdigkeit fast synchron gegähnt. Aber nicht einmal das war ihren Eltern aufgefallen. Plötzlich gab es Geheimnisse, die sie zu einer Zweiergemeinschaft verband.
Ab da verbrachten sie viel Zeit miteinander und Marc sah es als seine Aufgabe an, sich nachmittags um Vicky zu kümmern und ihr, wenn nötig, bei den Hausaufgaben zu helfen. Da er noch nie ein Freund von Fußball und anderen Freizeitaktivitäten gewesen war, sich nur selten mit Freunden traf, fiel es gar nicht auf, wie viel Zeit er mit Vicky verbrachte.
Endlich erreichte er sein Ziel. Das Taxi hielt in zweiter Reihe neben dem dicht gefüllten Parkstreifen. Die zu spät eingeschaltete Warnblinkanlage entlockte dem nachfolgenden Fahrzeug ein wütendes Hupen. Der Taxifahrer winkte beschwichtigend in den Rückspiegel und stellte in aller Ruhe die von Marc gewünschte Quittung aus.
Das Notariat lag im zweiten Stock eines mehrstöckigen Geschäftshauses. Marc strich sich die vom Regen feuchten Haare nach hinten und prüfte den Sitz seiner Krawatte, ehe er eintrat. Er nannte der Empfangsdame seinen Namen und wurde sogleich in das Büro des Notars gebeten. Einer der Plätze am Schreibtisch war von einer Frau mit langen gelockten Haaren besetzt, die sich nun schwungvoll umdrehte, aufsprang und ihn zu seiner Verblüffung überschwänglich umarmte, links und rechts seiner Wangen einen Kuss andeutete, den intensiven Duft eines sportiven Parfums verbreitend.
»Marc. Ich freue mich ja so, dich zu sehen«, säuselte sie in sein Ohr.
Er murmelte irgendetwas wie »ganz meinerseits«, reichte dann dem Notar die Hand zur Begrüßung und setzte sich.
Die Sitzung mit dem Notar war kurz. Dieser verlas das Testament, das die Eltern gemeinsam verfasst hatten. Den beiden Stiefgeschwistern Victoria Rossmann – sie hatte ihren Nachnamen bei der Heirat der Eltern behalten – und Marc Braun wurde das nach dem Tod des zweiten Elternteils verbliebene Vermögen zu gleichen Teilen zugesprochen.
Marc hatte als Erbteil nicht viel erwartet. Als sein Vater vor zwei Jahren nach einem Unfall auf der Autobahn verstorben war, erfreute sich seine Stiefmutter bester Gesundheit und er war sicher, sie würde lange genug leben, um alle Ersparnisse zu verprassen. Mit ihrem plötzlichen Ableben als Folge eines Herzinfarkts war nicht zu rechnen gewesen.
Seine Aufmerksamkeit galt nur zur Hälfte dem Notar. Verstohlen musterte er seine Stiefschwester von der Seite. Aus dem unscheinbaren Teenager von einst war eine attraktive junge Dame geworden, die mit elegant übereinander geschlagenen Beinen den Notar anlächelte. Ihre Figur hatte angenehme frauliche Rundungen angenommen, ihr Gesicht hingegen ein wenig des weichen Babyface verloren, an das er sich erinnerte. Sie war schlank, aber nicht mager. Ihre weißliche Haut hatte ihr als Kind diverse Spitznamen eingebracht, von denen Käsekuchen und Blasskäfer die bei weitem charmantesten gewesen waren. Es war ein Erbe ihres Vaters, dessen Haut nicht nur blass, sondern auch mit Sommersprossen übersät war, übertroffen nur noch von den feuerroten Haaren. Vickys kastanienbraunes Haar, das ihr Gesicht in üppigen großen Locken umrahmte, glich dem ihrer Mutter. Jetzt, als erwachsene Frau, gab ihr die vornehme Blässe das gewisse Extra, einen Hauch von Eleganz und ließ sie ein wenig geheimnisvoll wirken.
Ab und an nickte Vicky, als verstünde sie den Inhalt des notariellen Kauderwelschs, in dem das Testament abgefasst war. Sie hat also ihre schauspielerischen Talente, mit denen sie schon früher fast jeden um den Finger wickelte, nicht verlernt. Ganz im Gegenteil, dachte Marc bitter.
Seine Stiefschwester trug ein schwarzes Kostüm mit kragenloser Jacke, darunter eine weiße Bluse mit tiefem V-Ausschnitt, der Stoff leicht transparent. Der Spitzenstoff ihres BHs zeichnete sich darunter ab, dazu trug sie hauchdünne schwarze Strümpfe und Highheels. Diese Kleidung ließ sie ein wenig älter und reifer wirken, als sie in Wirklichkeit war.
Die fein gemusterte Abschlussborte ihrer Strümpfe schaute ein kleines Stück unter ihrem viel zu kurzen Rock hervor und Marc beobachtete, dass der Notar nervös immer wieder auf Vickys Schenkel starrte. Irrte er sich, oder rutschte der Rocksaum noch ein kleines Stück höher, nur weil Vicky etwas ihre Position verändert hatte? Wenn ja, dann war es die raffinierteste Masche, scheinbar unabsichtlich mehr Bein zu zeigen, die er seit langem beobachtet hatte.
Sie öffnete die flache schwarze Handtasche, die auf ihren Beinen lag, entnahm ihr ein Notizbuch und schrieb ein paar Zeilen auf einen Zettel. Ihre Hand verdeckte den Text. Marc hätte zu gerne gewusst, was sie Wichtiges zu notieren hatte.
In diesem Augenblick beendete der Notar seinen Vortrag, fragte knapp, ob sie beide das Erbe annehmen würden, und als sie nickten, reichte er ihnen ein Formular zur Unterschrift. Damit war die Sitzung beendet.
Marc schüttelte dem Notar die Hand, bedankte sich und wandte sich zur Tür. Im Augenwinkel nahm er wahr, wie Vicky den Zettel, den sie aus ihrem Notizbuch herausgerissen hatte, dem Notar reichte. Dann stolzierte sie mit einem selbstbewussten, fast als arrogant zu bezeichnenden Gesichtsausdruck an Marc vorbei, der auf sie wartete und ihr die Tür aufhielt.
»Gehen wir noch zusammen etwas trinken? Wir haben uns ja solange nicht mehr gesehen.« Vicky griff nach Marcs Arm und hängte sich bei ihm ein. Es hatte inzwischen aufgehört zu regnen. In den Pfützen spiegelten sich Passanten, Straßenlaternen, Schaufensterscheiben und Autos. Der Verkehr war noch genauso dicht wie eine halbe Stunde zuvor.
»Du siehst übrigens gut aus, mit der gebräunten Haut und deinen schwarzen Haaren gehst du sicher fast schon als Italiener unter ihresgleichen durch, oder?« Sie erwartete wohl keine Antwort, sondern plapperte munter weiter, während sie ihren Stiefbruder zielstrebig in ein kleines, nahe gelegenes Restaurant dirigierte. Ohne ihn nach seinen Wünschen zu fragen, bestellte sie bei dem herbeieilenden Ober eine Karaffe Rotwein, zwei Gläser und Mineralwasser.
Marc zog die Stirn in Falten. »Übernimmst du immer die Regie?«
Vicky lachte laut auf. »Na klar, wer denn sonst? Aber erzähl, was machst du so, wir haben uns schließlich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.«
Marc fasste sich kurz. Er hatte keine Lust, Vicky einen allzu genauen Einblick in sein Leben zu gewähren. Er erzählte in knappen Worten, dass er mit einem Kompagnon eine Fabrik für Designermöbel leite und viel unterwegs sei, um die neuesten Modelle exquisiten Läden vorzustellen. Es bedeute viel Arbeit und wenig Freizeit, ergänzte er zurückhaltend. Er vermied bewusst Namen und Sitz der Firma zu nennen, damit Vicky keine Gelegenheit erhielt, ihn zu kontaktieren. Sie kannte nur die Adresse der deutschen Filiale. Selbst das war schon fast zuviel.
Doch viel mehr interessiere ihn, was sie mache, lenkte er von sich ab. Nach kurzem Zögern ging sie darauf ein. Denn ihre bis dahin makellose Karriere erlebte gerade einen Knick. Daran war sie zwar nicht selbst schuld, aber es nagte wohl trotzdem an ihr. Die Fluggesellschaft, für die sie als Stewardess gearbeitet hatte, war verkauft und das Flugpersonal entlassen worden. Die Bewerbungen bei Konkurrenzunternehmen liefen noch ohne Rückmeldungen. Vicky hat nach ihrer sechsmonatigen Ausbildung zum Cabin Attendant nur gut eineinhalb Jahre für dieselbe Fluggesellschaft gearbeitet. Zudem bildete jedes Unternehmen seine Stewardessen nach eigenen Vorstellungen aus, sie würde also fast von vorne anfangen müssen und die Konkurrenz der Mitbewerberinnen war groß.
»Der Tod deiner Mutter scheint dich ja relativ wenig zu berühren?«
Für einen kurzen Augenblick verfinsterte sich Vickys Miene. »Du vergisst, dass sie schon vor drei Wochen gestorben ist. Ich hatte also genügend Zeit zum Tränen vergießen. Außerdem – du hast ja keine Ahnung. Seit ich mich entschieden habe, Stewardess zu werden, lag sie mir ständig in den Ohren, dass ich einen Fehler begehe und meine Talente vergeude.«
Sie lachte kurz auf, nahm einen hastigen Schluck aus ihrem Glas, und Marc fiel auf, dass ihre Fingernägel sorgfältig manikürt und dunkelrot lackiert waren, mit einem Strasssteinchen in der Mitte.
»Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich irgendetwas studieren sollen. Aber ich müsste doch verrückt sein, mir vier oder fünf Jahre noch mal nichts als Lernen anzutun. Das dauert ja dann eine halbe Ewigkeit, ehe ich endlich mal zu Geld komme, mir was leisten kann und vor allem auch was von der Welt sehe.« Sie schüttelte ihre Locken, als wollte sie ihre Worte durch diese Geste unterstreichen, und strich sich eine Strähne aus den Augen. »Nein, ich treffe inzwischen meine eigenen Entscheidungen. Es gibt soviel zu sehen und zu erleben, warum sollte ich warten, bis ich alt und grau bin? Wer garantiert mir denn einen Arbeitsplatz nach dem Studium?« Als wäre es nötig, sie zu bedauern, fügte sie noch hinzu: »Ein reicher Ehemann wäre natürlich die ideale Lösung.« Dann lächelte sie und Marc war sich nicht sicher, wie scherzhaft diese Bemerkung zu verstehen war oder ob sie ihrer Mutter nacheiferte.
Vielleicht hatte er gehofft, eine andere Vicky zu treffen, als die, die er in Erinnerung behalten hatte. Aber sie hatte sich in ihrem Charakter nicht verändert.
»Und, wie geht’s weiter?« Marc verstand Vickys Haltung nicht. Er wusste, dass sie intelligent war und eine schnelle Auffassungsgabe besaß. Außerdem hatte sie viel Talent für Sprachen. Sie hätte Dolmetscherin oder Auslandskorrespondentin oder dergleichen werden können. Ausnahmsweise musste er ihrer Mutter Recht geben. Vicky vergeudete tatsächlich ihr Potential. Ihre Mutter hatte es ihr pausenlos gepredigt, bereits als Marc noch zuhause gewohnt hatte. Mach was aus dir, lerne, du bist klug.
Eigentlich interessierte ihn das alles schon gar nicht mehr. Es gab eine Zeit, da hatte er an eine Rückkehr zu alten Zeiten geglaubt und hätte sich aufrichtig gefreut, Vicky seine Schwester zu nennen. Trotz seiner mehr als brüderlichen Gefühle für sie. Aber es war vorbei.
»Und nun? Wie glaubst du, geht’s weiter?«
Mit einem schelmischen Grinsen neigte sie den Kopf zur Seite. »Es wird sich schon was finden. Mit der Erbschaft kann ich mich eine Weile über Wasser halten. Außerdem steht bestimmt bald ein Gespräch mit einem Personalchef an, vielleicht gelingt es mir, gleich den ersten um den Finger zu wickeln.« Sie leckte sich anzüglich über die Lippen und blinzelte ihn herausfordernd an.
Marc schüttelte innerlich den Kopf über ihre unverfrorene Offenheit. Also Vitamin-B. Er verabscheute diese Variante, sein Ziel zu erreichen. Er hatte für seinen Erfolg gekämpft, immer. Zwölf, vierzehn Stunden am Tag, bis zum Umfallen gearbeitet, häufig auch am Wochenende. Wusste Vicky überhaupt, was arbeiten bedeutete? Zeit für Freundschaften oder gar keine langfristige Beziehung gab es für ihn kaum. Und eine Partnerin für die Art sexueller Beziehung, die ihm vorschwebte, zu finden, war sowieso alles andere als einfach.
»Du solltest das Geld besser gewinnbringend für die Zukunft anlegen.«
Vicky ging nicht darauf ein, sondern lenkte mit einem anderen Thema ab. Eine Weile plauderten sie noch über belangloses Zeug, verfielen in ein paar Momente der Erinnerung an gemeinsam verbrachte Ferien, vermieden aber beide – mehr oder weniger bewusst – das Thema Partnerschaft.
Marc fiel wieder die Notiz ein. »Was stand eigentlich auf dem Zettel, den du dem Notar zugesteckt hast, als wir gegangen sind?«
»Meine Handynummer«, erwiderte sie mit laszivem Augenaufschlag.
Marc runzelte die Stirn. »Du willst dich mit ihm treffen?« Es gärte wie Säure in seinen Eingeweiden, dass Vicky noch hemmungsloser geworden war, als er sie in Erinnerung hatte.
»Ja, warum nicht«, erwiderte sie hochnäsig. »Hast du nicht bemerkt, wie gierig er mich angesehen hat? Am liebsten hätte er mir bis in den Schritt geblickt!«
Warum wollte sie den geilen Bock dann treffen? »Und was sagt dein Freund dazu, dass du dich so freizügig aufführst und mit anderen ausgehst?«
Sie warf den Kopf nach hinten und lachte kokett. »Welcher Freund? Glaubst du denn, einer reicht mir? Wie langweilig. Es gibt doch so viele attraktive Männer und ich liebe die Abwechslung.«
Sie hob das Glas, prostete ihm zu, zwinkerte mit den Augen. Scheinbar zufällig schob sie den dünnen Stoff ihres Rockes ein Stück höher, gewährte ihm einen Einblick zwischen ihre Schenkel, das kleine blasse Stückchen Haut oberhalb ihrer schwarzen Strümpfe.
Marc zwang sich, ihr ins Gesicht zu sehen. Er kam kaum gegen den Drang an, entweder auf ihre Beine oder in ihren Ausschnitt zu schauen. Ihre Brüste wölbten sich verlockend. Sein Hemd wurde im Rücken feucht. Verdammt, sie war die reinste Augenweide und bei der Vorstellung, seine Hand auf die weiße Haut ihrer Schenkel zu legen und nachzusehen, ob sie überhaupt einen Slip trug, spürte er ein verlangendes Ziehen in den Lenden. Diese Haut abwechselnd zu streicheln und zu röten wäre eine wahre Freude.
Es gab viele Frauen, auch viele attraktive, aber so eine wie Vicky war ihm schon lange nicht mehr begegnet. Sie hatte Rasse. Kein Wunder, dass es für sie ein Leichtes war, die Männer zu verführen.
»Willst du damit sagen, du hast häufig wechselnde Männerbekanntschaften?«
Wenn sie nur nicht so überheblich und zufällig meine Schwester – er verbesserte sich in Gedanken – Stiefschwester, wäre. Ich würde sie wirklich zu gerne, nein – wie absurd. Letzten Endes trat Vicky in die Fußstapfen ihrer Mutter und aller anderen Frauen, die in seinem bisherigen Leben eine Rolle gespielt hatten. Alle legten denselben Egoismus an den Tag und dachten nur an ihre Vorteile. Was hatte sie erst vor wenigen Minuten gesagt? Am liebsten würde sie reich heiraten? Er malmte mit den Kiefern. Dolce vita.
»Warum sagst du es nicht gerade raus? Du hältst mich für geil und nymphoman.« Sie lachte. »Na und? Ich schäme mich nicht deswegen. Ich liebe Sex – du etwa nicht? Aber warum immer derselbe Mann? Das ist doch öde. Ich brauche den sexuellen Kick, je öfter und überraschender – desto besser. Es ist doch alles nur ein Spiel.«
Das Gespräch begann ihn zu strapazieren. Er hätte nicht kommen sollen. Allen negativen Erfahrungen zum Trotz war er im Herzen ein Romantiker und träumte ziemlich weltfremd von der einen treuen Geliebten und Ehefrau, mit der er glücklich werden würde und Kinder zeugen, obwohl Jahr um Jahr verging und die Wirklichkeit dagegen sprach. Vicky war auf dem besten Wege, seine Träume erneut ins Wanken zu bringen. Wie alt war sie jetzt? Er rechnete wortlos nach. Dreiundzwanzig. Wie viele Männerbekanntschaften hatte sie in dieser Zeit wohl schon gehabt? Ekel stieg in ihm auf. Er sollte endlich den Tatsachen ins Auge schauen. Waren nicht alle Frauen so wie sie? Wankelmütig, egoistisch, berechnend, arrogant? Er konnte ihre Äußerungen nicht einfach im Raum stehen lassen, sondern sah sich genötigt, ihr ein letztes Mal zu widersprechen, ehe sich ihre Wege unwiderruflich trennten.
»Eine feste Beziehung hat doch auch gewisse Vorteile, die du völlig außer Acht lässt, zum Beispiel Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen. Und es gibt auch Männer, die das mit fantasievollen erotischen Liebesspielen vereinen und mit denen man durchaus noch nach Jahren des Zusammenseins sexuelle Abenteuer erleben kann.«
Vicky lachte schrill auf und warf den Kopf zurück. »Wenn du einem von ihnen begegnest, schick ihn bei mir vorbei. Ich würde ihn auf der Stelle heiraten und treu werden.« Sie beugte sich vor und flüsterte. »Zu was für Spielchen bist du denn bereit? Wie spannend ist dein Liebesleben? Bist du deiner Freundin treu? Oder ab und zu scharf auf einen Blowjob nebenher? Glaub mir, ich bin gut darin. Jetzt gleich, hier?«
Sie schaute sich um und machte Anstalten, unter dem Tisch zu verschwinden. Er packte verärgert über ihre Schamlosigkeit ihr Handgelenk und zischte: »Nicht, hör auf damit, du –« Er schluckte die Schlampe hinunter.
Vicky lachte schallend.
Marc beeilte sich, sein Glas auszutrinken. Ihm reichte, was er erfahren hatte, mehr als er ertragen wollte. Er war froh, dass Vicky ihn nicht weiter nach seinem Privatleben fragte, so brauchte er nicht zu lügen, denn eine Freundin hatte er derzeit überhaupt nicht. Aber das ging Vicky nun wirklich nichts an.
Marc winkte dem Ober, um zu bezahlen und kurz darauf verabschiedeten sich beide voneinander.

In dieser Nacht lag Marc lange Zeit wach. Ohne dass er es wollte, ging Vicky ihm nicht mehr aus dem Kopf. Seine Augen taxierten ihr Gesicht, ihr Dekollete, ihre Figur, die schlanken Beine. Ihre meergrünen Augen erwiderten selbstsicher und frivol seinen Blick. Je länger er über ihre Unterhaltung nachdachte, desto mehr ärgerte er sich über ihr Verhalten. Hatte sie nur gepokert oder wäre sie wirklich für einen Blowjob unter den Tisch gekrochen? Ob sie wohl tatsächlich gut darin war? Er zuckte erschrocken zusammen. Was für ein Gedanke!
Er sprang aus dem Bett und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. An Schlaf war nicht zu denken. Dabei war Vicky früher ein vollkommen unbescholtenes Geschöpf gewesen, ein ehrliches und natürliches Mädchen bis – er weigerte sich, den Gedanken zuende zu führen. Ohne Ziel wanderte er mit dem Bierglas in der Hand auf und ab. Das Ein-Zimmer-Appartement, das er bei seinen seltenen Besuchen in Frankfurt bewohnte, bot nur wenig mehr Ablenkung als Radio und Fernseher. Nun, er würde sowieso nicht lange bleiben. Noch ein paar Kundentermine in Frankfurt und Köln, dann ging es zurück nach Hause – nach Italien.
Vickys Jugendfreund
Marc war gestresst. Den ganzen Tag über hatte er gebüffelt wie ein Wahnsinniger. Jetzt war sein Genick steif und in seinen Schläfen pochte es. Er rieb sich die Augen und sah dann auf die Uhr. Bereits Mitternacht vorbei. Er streckte die Arme in die Höhe und dehnte sich. Die Prüfung rückte unaufhaltsam näher. Noch zwei Wochen, dann würde sich zeigen, ob er genügend und das Richtige gelernt hatte. Mit diesem Diplom würde sich sein Traum erfüllen lassen, nach Italien zu gehen und dort seine kreativen Ideen zu Geld zu machen.
Sein Handy vibrierte. Er schaute auf das Display und lächelte. Vicky. Niemals hätte er geglaubt, dass man eine Stiefschwester derart ins Herz schließen könnte. Aber Vickys unbeschwerte fröhliche Art war wohltuend. Italien. Er war hin und hergerissen zwischen seinem Wunsch, dort zu arbeiten, und dem Schmerz, Vicky zurückzulassen. Wenn sie mit der Schule fertig war, würde er sie zu sich holen.
Als hätte er geahnt, dass sie genau jetzt ihre SMS schicken würde, hatte er im richtigen Augenblick aufgehört zu lernen. Die Info war knapp. Bitte hol mich ab.
Marc knipste die Schreibtischlampe aus und rannte polternd die alte Holztreppe hinunter. Wieder einmal waren sie am Wochenende alleine. Manchmal würde er schon gerne wissen, wohin seine Eltern dauernd fuhren. Vielleicht hatten sie heimlich ein Wochenendhaus gemietet? Aber eigentlich war er froh, wenn er sie nicht sehen musste. Für das geile Herumgetue fand er nur ein Wort passend: ätzend.
Er startete den alten Opel Escort, den ihm sein Patenonkel zum Führerschein geschenkt hatte. Nichts Besonderes und ganz gewiss nicht sein Traumauto, aber Patenonkel Peter hatte wenigstens Wort gehalten und ihm auch noch die Versicherung für das erste Jahr bezahlt, eine Aufgabe, die er eher von seinen Eltern erwartet hatte.
Eltern. Welch ein Hohn. Er hatte wohl irgendwelche Erzeuger. Aber Eltern? Es schien ihm, als sei das eine halbe Ewigkeit her. In dem Maße, wie das Interesse seines Vaters für seine Mutter abflaute und er sich mit Geliebten herumtrieb, schien auch das Interesse seiner eigenen Mutter an ihm, ihrem einzigen Kind nachzulassen. Als ob er an dem Zerbrechen ihrer Ehe schuld wäre. Natürlich hatte sie ihm erklärt, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hatte, dass sie einfach nur sehr unglücklich gewesen sei und sich deshalb vielleicht mehr zurückgezogen hatte, als für ihn als Kind verständlich war. Dennoch begriff Marc bis heute nicht, warum sie ihn beim Vater zurückgelassen hatte. Er war gar nicht um seine Meinung gefragt worden.
Sobald er sich der Innenstadt näherte, wurde der Verkehr dichter. Samstagnacht schien die halbe Stadt unterwegs zu sein. Marc seufzte und drehte das Radio lauter. Mal wieder richtig unterwegs sein, Spaß haben – diese Sehnsucht wurde immer größer. Aber er hätte es sich niemals verziehen, wenn er sich den Abschluss durch Faulheit vermasselte und damit seinen Traum. Dieses halbe Praktikumsjahr in Italien hatte viel verändert. Zusammen mit Antonio, seinem italienischen Studienkollegen, hatte er das zum Innenarchitektur-Studium gehörende Praktikumssemester in der Firma von Antonios Vater absolviert. Einer renommierten Fabrik, die Möbel im klassisch-antiken Stil herstellte. Teuer und begehrt. Allerdings nicht das, was Antonio und Marc sich vorstellten. Immerhin hatte sich der alte Del Carmine von ihren Inspirationen für neues Design überzeugen lassen und ihnen nach bestandenem Diplom seine Unterstützung zur Gründung einer eigenen Firma zugesagt. Seither gab es Träume, die Marc kaum zu träumen wagte.
Außerdem – er musste schließlich auch ein gutes Vorbild für Vicky sein, die jetzt mitten im Abitur stand und nur ausnahmsweise an diesem Abend ausgehen durfte, weil ihre beste Freundin Michaela, genannt Micky, ihren achtzehnten Geburtstag feierte. Da durfte Vicky natürlich nicht fehlen.
Vicky. Das schüchterne, ein wenig pummelige Stiefschwesterchen hatte damals bei ihrem Einzug ziemlich Angst vor dem neuen großen Stiefbruder gehabt. Während er die Pubertät gerade hinter sich gebracht hatte, stand Vicky diese Entwicklung noch bevor. Mit zusammengekniffenen Lippen war sie vor ihm gestanden, um ihre Zahnspange zu verbergen. Doch diese Zeit war längst vorbei. Inzwischen war aus ihr ein hübsches Mädchen geworden, das mit seinen nixengleichen, wässrig grünen Augen wohl manchem ihrer Klassenkameraden schlaflose Nächte bereitete.
Unwillkürlich verglich Marc jede Freundin, die er bisher gehabt hatte, mit seiner Schwester. Ja Schwester, nicht Stiefschwester. Vicky war die Schwester, die er sich schon früher gewünscht hätte – obwohl es eine Zeit gab, zu der er Mädchen blöd fand. Er grinste. Wie dumm man doch als kleiner Junge war, wenn man noch keine Ahnung von Frauen hatte! Wäre Vicky nicht zufällig seine Schwester, hätte er sie am liebsten zur Freundin gehabt. Nein, verbesserte er sich, zur Geliebten. Denn eine Freundin war sie ihm auf jeden Fall. Vielleicht war dies der Grund, warum er es nicht lange mit seinen Freundinnen aushielt. Niemals empfand er diese Vertrautheit und Nähe, die ihn mit Vicky verband. Sie waren Seelenverwandte, brauchten sich nur anzuschauen und wussten, was der andere dachte und wie es ihm gerade ging. Sie hatten doch nur sich, und sie redeten viel miteinander, über alles. Warum sie im Gegensatz zu ihren Klassenkameradinnen noch keinen Freund hatte, verstand er allerdings nicht. Es gab bestimmt genügend Bewerber, aber mehr als Kino oder Party feiern kam für Vicky nicht in Frage. Wenn er sie fragte warum, erwiderte sie, die Jungs seien alle so oberflächlich und albern, einfach zu jung für sie. Mit keinem könne sie so vorbehaltlos über alles reden wie mit ihm, was Marc natürlich schmeichelte und weitere Rückfragen zu diesem Thema meistens im Keim erstickte.
Das Handy vibrierte. Bin da. Warte draußen. Vicky atmete erleichtert auf. »Ich muss jetzt gehen.« Sie beugte sich vor, damit Chris sie verstand und schrie gegen die laute Musik an. Seine Antwort wartete sie nicht ab, sondern drehte sich um und bahnte sich einen Weg durch die eng tanzende, von der Hitze im Raum und vom Alkohol entfesselte Meute.
Endlich würde sie Chris entfliehen, der ihr schon den ganzen Abend auf die Nerven fiel. Micky zuliebe wäre sie gerne länger geblieben, aber ständig lag Chris ihr in den Ohren, dass er mit ihr gehen wolle, und dabei versuchte er sie abzuknutschen und zu begrapschen.
Aber Vicky konnte den Kerl nicht ausstehen. Er war blond und durchtrainiert, gut einen Kopf größer als Vicky und durchaus sehenswert. Eine Menge Mädchen liefen ihm hinterher und machten ihm eindeutige Angebote. Vicky empfand ihn jedoch nur aufdringlich und wie einen schwankenden Tanzbären, da er inzwischen ziemlich betrunken war. Selbst beim Tanzen hatte er die Flasche mit dem Alkopop nicht weggestellt, später durch ein Dosenbier ersetzt und ihr ungeniert seinen stinkenden Atem ins Gesicht geblasen. Sie wollte nur noch weg, egal ob es Micky passte, die irgendwo schrill im Hintergrund lachte.
Chris packte Vicky von hinten, legte seinen Arm um sie, direkt über ihre Brüste und hielt sie fest, in der Rechten schon wieder eine frisch geöffnete Dose. »Nun komm schon, Vicky, die Party fängt doch gerade erst an, richtig Spaß zu machen. Sei doch kein Spielverderber.«
Vicky versuchte sich zu befreien, stemmte sich gegen seine Arme und gewann tatsächlich ein wenig Freiheit, als Chris ins Wanken geriet und sie ruckartig losließ. Unter der Bewegung spritzte Bier aus der Dose heraus und über ihre Bluse.
»Verdammt, du Trottel, pass doch auf.« Vicky sah wütend an sich herunter. Die Bluse war ruiniert.
»Ist doch nicht schlimm, hab dich nicht so.« Chris trank den Rest des Bieres in einem Satz aus und warf die leere Dose schwungvoll in den überquellenden Papierkorb, der einen Meter von ihnen entfernt stand. Dann lief er Vicky hinterher, die inzwischen weiter dem Ausgang entgegen strebte, packte sie beidhändig an den Schultern, drehte sie schwungvoll zu sich um und zog sie näher zu sich, um ihr einen Kuss aufzuzwingen.
»Nein. Lass mich gehen.« Vicky wand und wehrte sich, aber Chris gab nicht nach, er lachte, packte fester zu, fasste ihr frech mit beiden Händen an die Brüste und als Vicky entsetzt zurückwich, hielt er sie am Ausschnitt fest. Es gab einen Ratsch und die Knöpfe sprangen auf Nimmerwiedersehen ab und verschwanden irgendwo am Fußboden zwischen den stampfenden, tanzenden Füßen.
Chris war so verdutzt, dass er sie nur ansah. Diesen kurzen Moment nutzte Vicky, rannte aus dem Zimmer und aus dem Haus.
Marc beugte sich hinüber zur Beifahrertür und öffnete sie, als er Vicky kommen sah. »Wie siehst du denn aus?«, schimpfte er, sobald sie im Wagen saß und er ihre schmutzige, zerrissene Bluse bemerkte, die sie sich mit beiden Händen vor der Brust zusammenhielt.
»Dieser blöde Chris, der stellt mir schon den ganzen Abend nach«, erwiderte Vicky mit hochrotem Kopf. »Die schöne neue Bluse, aber das wird er mir büßen.«
Marc runzelte die Stirn. »Wollte er dir etwa an die Wäsche? Soll ich reingehen und –«
»Nein. Bloß nicht. Fahr lieber«, entgegnete Vicky in heftiger Abwehr. »Oder willst du mich noch mehr zum Gespött der anderen machen?«
Während der Fahrt schwiegen beide. Vicky brütete verärgert über den verkorksten Abend und die kaputte Bluse nach und Marc konzentrierte sich auf den Verkehr.
»Danke fürs Abholen«, sagte Vicky artig, als sie vor ihm das Haus betrat.
»Stets zu ihren Diensten, Signorina«, antwortete Marc mit einer angedeuteten Verbeugung, während er ihr die Tür aufhielt. Die Verstimmung war ihr immer noch anzusehen.
»Hör auf, du weißt, ich find das albern. Gute Nacht.« Sie ging vor ihm die Treppe hinauf. Er sah ihr nach. Der kurze Jeansrock war verflixt eng und betonte beide Pohälften.
»Vicky?«
Sie drehte sich auf einer Stufe um und sah von oben auf ihn herab.
»Ja?«
»Was trägst du unter deinem Rock?«
Vicky zog die Schultern hoch. »Ich weiß nicht, was du meinst – einen Slip natürlich, oder glaubst du, ich gehe nackt?«
»Du weißt sehr wohl, was ich meine. Trägst du einen String?«
Vicky kicherte. »Natürlich, ich habe doch gar nichts anderes.«
»Ist dir noch nie die Idee gekommen, wie verführerisch das auf Jungs wirken muss, wenn du so einen verdammt anliegenden Rock trägst? Man sieht die –« Er presste die Lippen zusammen und unterdrückte den Rest seines Satzes. Die Rundungen deines Pos, hatte er sagen wollen. Es war nicht zu übersehen, dass sich der Stoff ein wenig in die Poritze schmiegte, wenn auch nicht viel, da der Rock insgesamt ziemlich stramm saß. Aber ihm genügte es.
»Ach ja? Was sieht man denn?« Vicky leckte sich lasziv über die Lippen und wackelte ein wenig mit ihrem Hinterteil. »Wirkt das auf dich auch?« Sie hickste in einem beginnenden Schluckauf. »Uups.«
»Du spinnst wohl, du bist meine Schwester. Außerdem hast du zuviel getrunken. Geh jetzt schlafen und gib in Zukunft besser acht, wie du dich verhältst, sonst brauchst du dich nicht wundern, wenn die Jungs durchdrehen.«
Er wandte sich ab und ging ins Wohnzimmer. Sie musste nicht mitbekommen, dass sie unbewusst ins Schwarze getroffen hatte. Ja, ihr süßer Hintern gefiel ihm, obwohl er es sehr unanständig fand, dass sie so aufreizend herumlief, und man schon fast die nackten Rundungen unter dem Saum hervorblitzen sah. Vor allem aber wollte er nicht, dass sie bemerkte, wie sehr es ihn erregte. Verdammt, es war nicht richtig, so zu fühlen. Sie war schließlich seine Schwester. Aber es wäre nicht die erste Nacht, in der er träumte, sie läge in seinen Armen und er würde sie überall liebkosen. Und noch viel mehr. Sie regte seine Fantasie auf eine Weise an, von der er nicht wusste, ob das richtig war.

Montag war Marc zeitig wach und fuhr Vicky zur Schule. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, ehe sie ausstieg und über den Hof ins Gebäude eilte.
Er wollte gerade weiterfahren, als Michaela vor seinem Wagen über die Straße lief. Sie schaute ihn durchs Fenster an, zögerte, doch dann erkannte sie ihn, öffnete die Beifahrertür und beugte sich hinein.
»Hi, da ist ja der große Bruder, der seine Schwester viel zu früh von meiner Party abgeholt hat.«
»Hallo Micky.« Marc hatte Mühe, ihr ins Gesicht statt in den tiefen Ausschnitt zu blicken. Kein Wunder, wenn die Lehrer an dieser Schule manchmal fast durchdrehten. Viele Mädchen liefen wie kleine Lolitas herum. Eine Zeit lang hatte das Gerücht kursiert, einer der Lehrer hätte sich nachmittags mal mit dieser, dann mit jener Schülerin zu einem Schäferstündchen getroffen, was sich in besseren Noten niedergeschlagen hätte. Dann wurde dieser Lehrer eines Tages ganz plötzlich versetzt und es blieb nicht mehr als eine Anekdote übrig. Marc bedauerte den Lehrer. Wie sollte man diesem Ansturm an Verführungen auf Dauer widerstehen?
»Na, hast du dein Schwesterchen gut nach Hause gebracht? Schade, dass sie schon so früh gegangen ist, wo sie doch gerade soviel Spaß hatte.«
Marc empfand Unbehagen. In Mickys Stimme lag so ein merkwürdiger Unterton. »Was willst du damit sagen?«
Micky lachte anzüglich und riss ihre dunklen Augen mit den sorgfältig getuschten Wimpern weit auf. »Na, wie Vicky sich an den Chris herangemacht hat. Und dann hat sie ihn vor allen abserviert, das war schon ganz schön raffiniert. Zuletzt hat sie sich auch noch Bier über ihre Bluse geschüttet, nur damit sie dem Chris ein schlechtes Gewissen machen kann.«
Marc runzelte die Stirn. Das klang überhaupt nicht nach Vicky.
»Hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Da rennt sie Chris den ganzen Abend hinterher, macht ihm eindeutige Angebote, und als er nicht reagiert wie sie will, reißt sie sich selbst die Bluse auf, packt seine Hände, legt sie sich auf den Busen und schnurrt wie eine Katze. Na, der war vielleicht perplex.«
Der Kloß in Marcs Magen wurde größer. Vicky, seine liebe kleine Vicky – sollte so etwas gemacht haben? Er schüttelte den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht.«
Micky schwang sich auf den Beifahrersitz, machte die Tür hinter sich zu und flüsterte verschwörerisch: »Welche Lüge hat sie dir denn aufgetischt? Bist du immer noch ihr gutgläubiges Brüderchen? Tja, es ist schwer, Veränderungen zu akzeptieren, gel? Vicky ist kein kleines Mädchen mehr, Marc.«
Ihre Nähe war ihm unangenehm. Er fühlte, wie in seinen Handflächen der Schweiß ausbrach.
»Kam dir ihr Auftritt nicht merkwürdig vor? Welche Geschichte hat sie dir als Erklärung aufgetischt?«
Marc schluckte nervös. »Sie hat mir genau das Gegenteil erzählt. Dass dieser Chris ihr die Bluse zerrissen und sich ihr aufgedrängt hätte, und dann hat er ihr auch noch Bier drüber gekippt, weil er betrunken …«
Micky begann zu prusten. »Entschuldige bitte, aber ein Junge, der einem Mädchen an die Wäsche will, das sich so unschuldig und wohlerzogen gibt wie Vicky, der wird doch wohl nicht wie ein Tollpatsch vorgehen. Da kann er sich ja gleich ausrechnen, dass er keinen Erfolg haben wird. Wieso sollte er also dumm sein, ihr Bier drüberkippen oder die Bluse zerreißen?«
Es widerstrebte Marc, ihr Recht zu geben, deswegen schwieg er. Zweifel an Vickys Darstellung waren berechtigt. Wenn er sich als Freund für Vicky interessieren würde, dann würde er in der Tat ganz anders vorgehen, viel romantischer, sie langsam einwickeln und verführen, bloß nichts dem Zufall überlassen und riskieren … Er holte tief Luft.
»Ach du meine Güte, ich muss jetzt wirklich los, sonst komme ich noch zu spät – also, war schön, mal mit dir zu plaudern. Ciao.«
Ehe Marc aus der dumpfen Erstarrung, die ihn befallen hatte, wieder zu sich kam, war Micky bereits ausgestiegen und klackerte auf ihren hochhackigen Sandaletten Richtung Schulhof davon. Ihr viel zu kurzer Glockenrock wippte dabei hin und her.
Eine halbe Stunde später ging auf Marcs Handy eine SMS ein.
Hi Marc, wusste gar nicht, dass du sooo süß bist. Hast du heute Nachmittag Zeit für mich? Micky.
Marc war hin- und hergerissen. Wenn er sich mit Micky treffen würde, würde sie ihm bestimmt noch mehr über Vicky erzählen. Es könnte interessant sein. Andererseits, stimmte das alles überhaupt oder hatte sie alles erfunden?
Er simste zurück: Sorry, keine Zeit, muss lernen.
Ihre Antwort war knapp und unzweideutig: Langweiler.
Das Handy dudelte die eingestellte Melodie eines italienischen Schlagers aus den 1960er Jahren und riss Marc abrupt aus seinen düsteren Erinnerungen.
»Pronto?«
Ein italienischer Wortschwall überfiel sein Ohr. »Signor Braun, como sta? – wie geht es Ihnen? Haben Sie Ihre Schwester getroffen … kaltes Wetter? … alles erledigt? … zurück?«
Marc hielt den Hörer einige Zentimeter von seinem Ohr weg, bis sich der verbale Erguss ein wenig beruhigte, dann unterbrach er Isabella, seine Assistentin. »Es ist alles in Ordnung. Wie sieht es in der Firma aus, gibt es irgendwelche Probleme?«
Isabellas Stimme verlor ein wenig von ihrer sprudelnden Fröhlichkeit, als sie antwortete. »Nein, Signor Braun, es ist alles in Ordnung. Ich wollte nur hören, wie es Ihnen geht und wann Sie zurückkommen.«
»Hm, wahrscheinlich in drei bis vier Tagen, ich weiß es noch nicht.«
»Va bene, un momento, Signor del Carmine wollte Sie auch noch sprechen, un momento, ich verbinde …«
Eine schwungvolle Melodie überbrückte die Wartezeit.
»Marco!«
Zum Glück hatte Marc das Handy nicht dicht an sein Ohr gepresst. Er kannte Antonios Art zur Begrüßung so laut in den Hörer zu brüllen, als müsste er die vielen Kilometer Entfernung durch Lautstärke kompensieren. Danach sprach er zum Glück in normaler Lautstärke weiter.
»Comme sta?«
»Va bene, bestens, alles in Ordnung. Und wie läuft’s bei euch?«
»Ah, nichts Besonderes, alles nach Plan. Aber deswegen rufe ich nicht an. Du, ich muss dir unbedingt was erzählen, sonst platze ich. Ich habe eine Anzeige gelesen, die klingt wirklich interessant, vollkommen anders, das musst du dir anhören.«
Marc verdrehte die Augen. Er ahnte, was kommen würde. Seit Monaten befand sich Antonio auf Freiersfüßen, bedrängt von seinem Vater, endlich für die nächste Generation zu sorgen, aber auch selbst beseelt von dem Gedanken, die Frau fürs Leben zu finden und zu heiraten. Antonio war sogar ziemlich romantisch veranlagt und bereit, die von ihm Angebetete auf alle erdenklichen Arten zu verwöhnen. Aber obwohl er durchaus attraktiv war, regelmäßig Sport machte und auf sein Äußeres achtete, hatte er noch nicht die Richtige gefunden.
In dieser Hinsicht erging es ihm ähnlich wie Marc. Interessierte junge Damen gab es genug, aber ihnen war in der Regel nur an Geld, Prestige und Party feiern gelegen. Heiraten ja, Kinder nein. Nach wenigen Monaten stellte sich ein schales Gefühl ein, weil die gemeinsame Substanz für tägliche Gespräche und ein gefühlvolles Miteinander fehlte. Es gab eben auch einen Alltag, nicht nur Dolce far niente.
Mehrere Heiratsannoncen und Blinddates hatten eine Enttäuschung nach der anderen ergeben, was Antonio aber nicht daran hinderte, einen Tag später das Thema von neuem anzupacken. Wie immer holte er bei seiner Erzählung weit aus …
An dem Tag, an dem Micky ihm eine andere Darstellung von dem gegeben hatte, was auf der Party geschehen war, hatte er seine Stiefschwester am Nachmittag zur Rede gestellt und gefragt, welches denn nun die Wahrheit sei. Vicky hatte nichts darauf erwidert, sich weder verteidigt noch zugestimmt. Sie hatte ihn nur mit großen Augen angesehen, sich dann abrupt umgedreht und war schnurstracks in ihrem Zimmer verschwunden.
An den darauf folgenden Tagen hatten sie sich kaum gesehen. Vicky ging ihm so weit wie möglich aus dem Weg und Marc wertete dies als Schuldeingeständnis. Wenige Wochen später hatte er sein Diplom in der Tasche und zog nach Italien, nun ohne das lang empfundene Bedauern, Vicky zurück zu lassen.
Irgendwie hatte er erwartet, Vicky hätte in der Zwischenzeit etwas dazu gelernt, wieder zu den Wurzeln ihres ursprünglich liebenswerten Wesens zurück gefunden, einen netten Freund an ihrer Seite. Doch stattdessen flatterte sie ganz offensichtlich wie ein Schmetterling von einem zum anderen und spielte mit den Männern, ähnlich wie schon ihre Mutter es getan hatte. Wie viele verheiratete oder zumindest in einer festen Beziehung liierte Männer sie wohl schon verführt und anschließend verstoßen hatte? Marcs Stirn zog tiefe Furchen. Ihr fehlte eindeutig ein Mann mit starker Hand, der ihr nichts durchgehen ließe. Manchmal fragte er sich, wie es wohl früher gewesen war, als die Frauen den Männern gehorchen mussten und nichts selbst bestimmen durften. Andererseits – wahrscheinlich war es recht eintönig gewesen, nur selten von Liebe und fantasievollem Sex belebt. Er seufzte. Gab es überhaupt das, was man sich so im Allgemeinen als Glück vorstellte? Er hatte mal daran geglaubt, gehofft, er würde ein Mädchen kennenlernen, das so wie seine Stiefschwester zu Anfang war, eine liebenswürdige, warmherzige Freundin. Nein, zügellose Verführerinnen wie Vicky brauchten einen Mann mit starker Hand und festem Willen, dann würde sogar sie möglicherweise eine unterhaltsame, wenn auch vielleicht anstrengende Geliebte sein. Doch er war nicht dafür geschaffen, ihr Erzieher zu sein. Sie war erwachsen und auf sich gestellt, und er musste sie möglichst bald wieder aus seinen Gedanken verbannen.
Erschrocken zuckte Marc zusammen. Er hatte sich von seinen düsteren Gedanken ablenken lassen. Antonios Stimme erforderte wieder seine Konzentration. Er hatte sich in Fahrt geredet und war dabei lauter geworden, ganz mit dem sprühenden südländischen Temperament, das Marc liebte und manchmal auch fürchtete – wenn sie um ein Design stritten und sich nicht so schnell einig wurden.
»… ist es etwas ganz anderes. Ich spüre das, glaube mir, das ist keine normale Heiratsannounce – warte, ich lese dir mal den Text vor …«
Diesmal hörte Marc genau zu. Diese Heiratsvermittlungsanzeige klang in der Tat ein wenig anders als die vielen, die Antonio ihm in seiner verzweifelten Suche nach einer Ehefrau schon vorgelegt hatte – und sie klang dabei auch vielversprechender. Dass es so etwas gab?
»Kannst du sie bitte noch mal vorlesen?«, fragte er.
»Aaah, bist du also auch interessiert? Va bene, es wird sowieso Zeit, dass du auch eine Frau findest, sonst vertrocknet noch deine Männlichkeit.« Er lachte anzüglich. »Also …«
Während Antonio ihm erneut die Announce vorlas, sah Marc Vickys Gesicht vor sich, ihren nixenhaften Ausdruck, hörte sie kokett lachen. Würde sie sich natürlicher und aufrichtiger geben, wäre sie eine wunderschöne und begehrenswerte Frau. Die absolute Traumfrau. Selbst für ihn. Ein kalter Schauer jagte Marcs Rücken hinunter und er schüttelte bei diesem Gedanken den Kopf. So ein Unsinn. Er konnte nicht zulassen, dass sie weiter mit den Männern spielte. Er musste sie auf den rechten Weg zurückbringen, aber wie?
Er konzentrierte sich auf Antonios Stimme. Der Text der Anzeige klang eigenartig. Wenn man ihn interpretierte, dann konnte man meinen – er musste fast lachen – es handelte sich nicht um ein Vermittlungsinstitut, sondern um das Verschachern von Sklavinnen.
Sie haben eine oder mehrere Enttäuschungen hinter sich? Sie suchen immer noch nach der perfekten Ehefrau, die gleichzeitig eine fantasievolle Geliebte ist? Sie legen Wert darauf, der unumstrittene und respektierte Herr im Haus zu sein? Das ist kein unerfüllbarer Wunschtraum. Vereinbaren Sie mit uns einen Termin und überzeugen Sie sich selbst. Wir vermitteln junge hübsche Frauen, die wohlerzogen sind, die Lust am Sex haben, und für die es selbstverständlich ist, ihrem Ehemann bedingungslos zu gehorchen. In jeglicher Hinsicht.
Antonio gluckste vor Freude. »Marco, kannst du dir das vorstellen? Eine gehorsame Ehefrau?«
»Ehrlich gesagt, nein. Wahrscheinlich ist das nur irgendeine neue Methode, Kunden zu fangen. Außerdem – gegen diesen Anzeigentext müssten die Frauenverbände doch Sturm laufen.« Insgeheim fragte er sich, ob es vielleicht doch wahr wäre. Eine gehorsame Ehefrau, hübsch, gut erzogen und mit Lust auf Sex. »Wahrscheinlich bieten sie dir eine verarmte Asiatin an, die von ihrer Familie aus Not verschachert wird. Und wenn du erst mit ihr verheiratet bist, verlangt sie, dass du ihre Familie in der fernen Heimat unterstützt, und mit Sex läuft auch nichts so, wie du dir das vorstellst.«
Bot die Announce irgendeine, auch auf ihn zutreffende Alternative an?
»Hm, vielleicht hast du Recht, aber das lässt sich ja herausfinden – ich rufe dich wieder an. Ciao.«
»Antonio?«
Das Telefon blieb stumm. Antonio hatte tatsächlich ganz plötzlich aufgelegt.
Marc verfiel wieder in tiefes Grübeln. Wütend ballte er die Faust – warum nur beschäftigte ihn Vicky so sehr. Was hatte sie doch gleich wieder zu ihm gesagt? Immer derselbe Mann wäre ihr zu langweilig? Er musste herausfinden, ob sie nur geblufft hatte. Vielleicht hatte er Glück und traf sie in einer der exklusiven Bars an. Immerhin hatte sie beim Abschied noch provokant gemeint, sie könnten sich ja abends im Joey’s treffen.
Zehn Minuten später verließ er das Appartement.
Zügellosigkeit
Das Joey’s lag zentral und erstreckte sich über eineinhalb Stockwerke. Im Erdgeschoss befand sich in der Mitte die Musikanlage, die alle zwei Stunden von einem anderen Dj bedient wurde, um für Abwechslung zu sorgen. Drumherum war eine großzügige Tanzfläche angelegt, an zwei gegenüberliegenden Wänden Bars, an einer Seite gab es gemütliche kleine Sitznischen, an der vierten Wand einige Bistrotische und eine Metalltreppe, die zur Empore führte. Die Fläche wurde von mehreren Pflanzenkübeln unterbrochen, in denen Palmen wuchsen, die sich fast bis zur oberen Etage erstreckten. Rundum auf der Empore waren genügend Stehplätze und auch hier Bistrotische mit Barhockern zum Verweilen aufgestellt, und man konnte über die Metallbrüstung nach unten auf die Tanzfläche schauen.
Eigentlich war diese Mischung aus Bar und Disco nichts Besonderes. Trotzdem war das Joey’s gut besucht, seit es von den Stars einer Vorabendserie zu ihrem Kultlokal auserkoren worden war. Inzwischen ließen diese sich zwar nur noch selten blicken, auch das Publikum war mittlerweile ein wenig älter geworden, der Grundstock war jedoch gelegt und das Joey’s wegen seiner ausgewählten Musik und seiner guten Citylage weiterhin beliebt.
Marc bestellte sich ein Bier, lehnte sich an einem der Tische auf und sah sich um. Die meisten Gäste waren Anfang bis Ende Dreißig, einige auch älter. Eigentlich hatte er ein jüngeres flippiges Publikum erwartet, das eher Vickys Alter entsprochen hätte. Er verstand nicht, was sie ausgerechnet hierher zog. Außerdem schien es ihm, als ob nur Pärchen unterwegs waren, aber keine Singles.
Da entdeckte er Vicky. Schräg gegenüber von ihm flirtete sie während des Tanzens heftig mit einem Mann, der sich auf der Tanzfläche ein wenig unbeholfen drehte. Vorsichtig schob er sich durch die Menge näher zu ihr und bezog Stellung hinter dem dicken Stamm einer Palme. Er hoffte, dass sie ihn in dem diffusen Licht nicht entdecken würde.
Vicky trug ein eng anliegendes knallrotes Kleid und rote Stilettos. Das Kleid spannte über ihren Formen. Der Ausschnitt war so tief, dass ihre Brüste fast herausfielen. Marc hielt den Atem an. Sie war wunderschön und konnte es sich leisten, ihre Reize zu zeigen. Dennoch hätte er sich gewünscht, dass sie nicht so offenherzig herumlaufen würde. Wie war es nur möglich, dass sie sich derart verändert hatte? Als junges Mädchen hatte sie ihn oft um Rat gefragt, war eher schüchtern mit ihrer erwachenden Weiblichkeit umgegangen.
Es gelang ihm nicht, seinen Blick zu kontrollieren. Automatisch folgten seine Augen dem Ausschnitt, den Rundungen und blieben an ihren Brustwarzen hängen, die sich prall und nahe am Rande des Stoffes durch das feine Gewebe abzeichneten. Er biss sich auf die Unterlippe. Vickys Gegenüber war ein durchaus attraktiver Mann, etwa Anfang bis Mitte vierzig. Er hätte fast ihr Vater sein können. Was reizte sie nur an dem Typen, der beim Tanzen beide Hände fest an ihre Taille presste? Für einen Moment fiel ihm wieder ein, wie sie dem Notar ihre Telefonnummer gegeben hatte. Unglaublich. Sie lächelte den Fremden geradezu herausfordernd an. Was sie sprach, konnte Marc infolge der lauten Musik nicht hören. Langsam glitten die Hände des Mannes höher, legten sich im Schutze der engen Nähe auf Vickys Brüste. Marc verspürte einen Stich in der Herzgegend. Seine Vicky, berührt von einem Kerl, den sie vermutlich nicht einmal kannte. Das war bitter. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da waren sie sich ähnlich nah gekommen, er und Vicky. Da hatten sich ihre Körper berührt, jedoch ohne den Anstand zu verletzen.
Vicky hatte Marc längst entdeckt. Sie war nicht davon ausgegangen, dass er wirklich kommen würde und sie merkte, wie er sich bemühte, unentdeckt zu bleiben. Ihr Lächeln verstärkte sich. Seine Miene drückte Missbilligung aus, Verachtung, vielleicht sogar tiefen Schmerz. Sie würde ihm ein Schauspiel liefern, das ihm in Erinnerung bleiben würde und hoffentlich würde es ihr damit gelingen, ihn aus ihrem eigenen Gedächtnis zu löschen.
Früher einmal hätte sie sich gewünscht, dass er derjenige gewesen wäre, er sie anfasste und liebkoste. Aber das war lange her, bevor er sie eines Tages unrechtmäßig als Flittchen bezeichnet hatte. Dieser unselige Tag hatte alles zerstört, das unbegrenzte Vertrauen, das ihm entgegengebracht hatte, ihre gesamte reine Liebe. Sie fühlte unwillig, wie eine Woge unaussprechlichen Herzschmerzes ihr die Luft nahm. Bewusst und zugleich widerstrebend wandte sie sich dem Mann zu, den sie sich für ihre abendliche Verführung ausgesucht hatte. Er ähnelte in Aussehen und Verhalten Marcs Vater zu jener Zeit, als ihre Mutter ihn umgarnt hatte. Ein Mann mit einem Ehering am Finger, in seiner ungestillten Geilheit zu einem Abenteuer bereit.
Entsetzt sah Marc, wie Vicky die linke Hand des Mannes von ihrer Brust nahm, langsam nach unten und unter ihren kurzen Saum zwischen die Schenkel schob. Der überraschte, dann umso gierigere Gesichtsausdruck ihres Tanzpartners verriet Marc alles. Vicky trug nichts, absolut nichts unter diesem Kleid. Unter anderen Umständen, bei einer anderen Frau, an einem anderen Ort, wäre dies ein stimulierender Gedanke. Jedoch, der hämmernde Puls in einer Ader an seiner Schläfe kündigte beginnende Kopfschmerzen an.
Der Mann schob Vicky ungeduldig aus der Menge heraus, rückwärts über die Tanzfläche, bis an die nächste Wand, in einen dunkleren Bereich, wo sie kaum beobachtet würden. Marc folgte ihnen unauffällig, duckte sich hinter den anderen Tanzenden, um unentdeckt zu bleiben.
Vicky hatte den Kopf zurückgelegt und ihre Hand auf den Schoß des Mannes gepresst, der sie gierig zu küssen versuchte und seine Hose öffnen wollte. Doch Vicky hielt ihn zurück. Sie sagte irgendetwas zu ihm und der Mann schob erneut eine Hand zwischen ihre Schenkel und entblößte mit der anderen ihre linke Brust, um an ihrer Brustwarze zu saugen.
Marc verspürte eine plötzlich aufsteigende Übelkeit. Seine Stiefschwester ließ sich in aller Öffentlichkeit wie eine Hure begrapschen. Er wollte sich abwenden, aber er schaffte es nicht. Sie war schön, ihr Körper so verdammt begehrenswert, die perfekte Mischung aus Engel und Teufel gab sich vor seinen Augen der Lust hin. Er wünschte, seine Hände könnten sie so berühren wie – ein Stöhnen bahnte sich den Weg aus seiner Kehle empor, als Vicky nun selbst auch ihre andere Brust entblößte und den Kopf des Mannes hinüber schob. Ihre Schultern und ihre Brüste lagen bloß und obwohl es in der Nische vergleichsweise dunkel war, so sah Marc doch alles. Ihre Brustwarze war steil und prall vom Saugen, glänzte vom Speichel des Mannes, und Marc fühlte, wie ihn dieser Anblick abstieß und gleichzeitig weiter erregte. Beide Männerhände hielten nun besitzergreifend Vickys wundervolle Brüste, zwirbelten ihre Brustwarzen zwischen zwei Fingern, und sie selbst drückte ihren Kopf mit geschlossenen Augen zurück an die Wand, stöhnte hemmungslos voller Lust, presste seinen Kopf mit einer Hand fester auf ihre Brust, wand sich voller Erregung und verschaffte sich nun mit einer Hand unter ihrem Rock selber zusätzliche Lust.
Marc starrte sie wie paralysiert an. Sie war verdammt aufreizend in ihrer Erregung. Der metallische Geschmack in seinem Mund brachte ihn zur Besinnung. Er hatte sich auf die Lippe gebissen.
Vickys Mund war in einem stummen Aufschrei geöffnet, sie bewegte ihren Unterleib rhythmisch vor und zurück, bäumte sich in ihrem Orgasmus auf – und im nächsten Moment stieß sie den Mann roh von sich und zog den Stoff ihres Kleides wieder über ihre Brüste. Der Mann taumelte zurück, schaute sie fassungslos an, machte dann einen Schritt nach vorn, um Vicky erneut zu umarmen und zu entblößen, aber sie holte aus, gab ihm eine schallende Ohrfeige und stieß ihn heftiger als zuvor zurück.
Abrupt wandte Marc sich ab. Er hatte genug gesehen und er ertrug diesen Anblick nicht eine Sekunde länger. Fluchtartig verließ er die Bar. Sie spielte also mit den Männern. Wie das Spiel weiterging, wollte er nicht wissen. Ob es zu ihrer Strategie gehörte, den Fremden zu reizen, um von ihm mit Gewalt erobert zu werden. Vielleicht mochte sie es härter?
Ihm genügte jedenfalls, was er gesehen hatte. Es war ekelerregend. Seine Stiefschwester war durch und durch schamlos.
Marc konnte sich kaum entsinnen, welchen Weg er durch die Straßen genommen hatte. Viel zu aufgewühlt und blind vor Wut, unbewusst eine bestimmte Richtung einzuschlagen, stand er doch plötzlich vor dem richtigen Haus. Ungeduldig fischte er den Hausschlüssel aus der Innentasche seines Jackets und riss sich im Fahrstuhl die Krawatte herunter.
Er zwang sich, die Jacke ordentlich auf einen Bügel zu hängen, obwohl er am liebsten einfach alles von sich geworfen hätte. Aber er wusste, dass er sich am Morgen über die Unordnung ärgern würde. Zuletzt nahm er das Mobiltelefon aus der Jackentasche, schaltete es ein und legte es auf den Nachttisch.
Im Badezimmerschrank suchte er erfolglos nach einer Kopfschmerztablette und entschloss sich kurzfristig zu einer Dusche. Das Wasser schoss in kaltem Strahl auf ihn herab, bis er es nicht mehr ertrug. Er brauste sich warm ab, dann setzte er sich im Pyjama vor den Fernseher. Was er jetzt brauchte, war Ablenkung. Vickys Bild schien vor seinem inneren Auge wie eingebrannt. Ihre vollen nackten Brüste, ihre prallen Brustwarzen, der enge Stoff um ihre Taille, ihre langen schlanken Beine … es war eine Erlösung, als auf einmal das Handy klingelte.
»Ja?«
»Na endlich nimmst du mal ab, Marco – natürlich wollten sie mir am Telefon nicht allzu viel sagen, aber ich habe gleich heute einen Termin erhalten und bin hingefahren.«
»Wovon sprichst du, Antonio? Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«
Antonio überging Marcs vorwurfsvollen Unterton. »Na – das Heiratsinstitut. Ich habe dort angerufen, nachdem du den Verdacht geäußert hast, sie könnten illegalen Mädchenhandel mit Asiatinnen betreiben. Aber es ist alles in Ordnung. Stell dir vor …«
Die neuesten Informationen sprudelten in einem ungebremsten Wortschwall aus Antonio heraus und mit jedem Satz wurde Marc hellhöriger. Dieses Heiratsinstitut war in der Tat anders als alle anderen, mit äußerst interessanten Aspekten. Etwas völlig Neues, Ungewohntes, und auf einmal reifte in Marc eine Idee. Das war es! Jetzt wusste er, was er zu tun hatte. Er würde Vicky auf den rechten Weg bringen und ihr den Ehemann verschaffen, den sie verdiente. Ihrem liederlichen Treiben würde er ein Ende bereiten.
Ein zynisches Lächeln spielte um seine Lippen und er fühlte sich mit einem Schlag besser und ruhiger. Seine Kopfschmerzen waren wie weggeblasen. Vicky brauchte eine gehörige Portion Erziehung, damit sie ihrem Künftigen nicht auf der Nase herumtanzte, und er wusste jetzt, wo sie die erhalten würde. Sie würde ihren bisherigen Lebenswandel noch bereuen.
»Das sind hervorragende Nachrichten, mein Freund. Morgen, Antonio, ich komme morgen nach Hause«, war seine Antwort auf Antonios abschließende Frage, ehe er zufrieden auflegte.
Der Verlust der Freiheit
Der Abend war amüsant gewesen, ganz nach Vickys Geschmack. Marc hatte sie nicht wiedergesehen, obwohl sie sich nach ihrer Begegnung vor einer Woche instinktiv immer wieder umgeschaut hatte, ob er sie noch mal heimlich observierte. Amüsiert hatte sie seinen plötzlichen Abgang in der Disco zur Kenntnis genommen und ging erleichtert davon aus, dass er abgereist war. Es war unvorstellbar, wie nahe sie sich einmal gestanden hatten. Jetzt war es ihr lieber, er war fort, weit fort. Für immer und ewig fort aus ihrem Leben. Sie musste ihn endlich vergessen, auch wenn das leichter gesagt als getan war.
Ihre augenblickliche Arbeitslosigkeit gab Vicky mehr Zeit als sonst, die nächtlichen Ausflüge auszudehnen und zu genießen. Schließlich musste sie nicht früh aufstehen, sondern durfte solange schlafen, wie sie wollte. Sie hatte ein paar Absagen erhalten, die sie aber gelassen hinnahm, da weitere Bewerbungen unterwegs waren und die Aussicht bestand, zum nächsten Ersten bei einer Airline als Stewardess engagiert zu werden. Sicher war es zwar noch nicht, aber ihr ungebrochener Optimismus hatte sich bislang immer bewährt.
Sie genoss den ausgedehnten Schönheitsschlaf, ein ausgiebiges Bad, das Eincremen und Pflegen ihres Körpers, ihre Nägel zu maniküren und in den Tag hinein zu träumen. Jedenfalls galt es, die freie Zeit bis dahin zu nutzen, hauptsächlich damit, des Abends Männer zu verführen und zu demütigen. Wie eingebildet die meisten doch waren! Sobald eine hübsche Frau auf ihre Flirtversuche einging, glaubten sie, sie würden von ihr angehimmelt und wären die Götter auf Erden. Vickys Mund nahm einen verächtlichen Zug an. Sie zeigte ihnen, dass sie allesamt Trottel waren. Es war ihre persönliche Rache …

Und dann war plötzlich alles anders. Die Demütigung begann bereits kurz nach Vickys Ankunft. Mehr als einmal hatte sie das Gefühl, ihr Herz müsse jeden Moment vor Angst und Schamgefühl aussetzen und sie ohnmächtig zu Boden sinken lassen. Aber diese Gnade wurde ihr nicht gewährt. Ihr Kreislauf war viel zu stabil, um zusammenzubrechen.
Es musste sich um eine Verwechslung handeln, was sonst. Wer sollte auf die Idee kommen, sie zu entführen? Zwar berichteten die Medien immer wieder mal, dass Mädchen oder junge Frauen verschleppt wurden, ihr Leben in einem Bordell fristeten oder im Ausland auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Nein, ihr Leben war voller Verdrängung unangenehmer Gedanken, sie wollte darüber nicht nachdenken. Allenfalls die Rache eines verschmähten Liebhabers käme in Frage, aber sie traute keinem dieser Männer zu, dass sie eine Entführung inszenieren würden. Niemand kannte ihren vollen Namen oder ihre Adresse. Sie selbst wollte doch nur Spaß haben, das Leben genießen, solange und so intensiv wie nur möglich. Ihr ganzes bisheriges Dasein war leicht und vergnügungsreich gewesen. Warum sollte sich dies jemals ändern? Das Missverständnis würde sich bestimmt bald aufklären lassen.

Wie so oft in letzter Zeit war Vicky ausgegangen, in den Bars herumgebummelt, hatte geflirtet und die Männer verrückt gemacht. Kaum einer konnte ihr widerstehen, egal wie alt. Sie wusste, wie man sich gekonnt in Szene setzte, wie man etwas mehr Bein als üblich zeigen oder die Hüften schwingen musste. Insbesondere die verheirateten, gelangweilten Männer hatten es ihr angetan. Ein kurzer, enger Rock, der ihre schlanken Beine betonte. Ihr ganzes Geld gab sie für Mode aus, gerne auch für teure halterlose Strümpfe. Der Rest ließ sich unschwer erahnen. Der Ausschnitt ihrer Bluse war tief und gab je nach ihrer Wahl den Blick auf ein teures Dessous oder nackte Brüste frei.
Aber sie ließ nur den heran, der ihr gefiel, der ein gewisses Etwas verströmte und sie nicht einfach wie ein geiler Bock anstarrte. Es gab Männer, die hatten diesen gewissen Blick, unter dem ihre Nippel sich steil und hart aufrichteten, auffordernd durch den eng anliegenden Stoff pressten, darauf warteten, berührt und liebkost zu werden, und es in ihrem Slip warm und feucht wurde.
In dieser Nacht hatte es nur einen gegeben, den sie schließlich ganz an sich heran ließ, so weit, wie es ihr recht war, um davon erregt zu werden. Ihre Taktik ging wie immer auf. Im Schutze einer dunklen Ecke hatte sie sich von ihm streicheln lassen, ihre Augen geschlossen, um ihn nicht anschauen zu müssen, hatte selbst ihre Klitoris liebkost und sobald sie ihren Höhepunkt erreicht hatte, hatte sie ihn weggestoßen und schnell das Lokal verlassen.
Es war gegen drei Uhr morgens, als sie vor ihrer Haustür ankam und parkte. Sie schnappte sich ihre Handtasche vom Beifahrersitz, gähnte verhalten und stieg aus. Während sie ihren Wagen abschloss, ging alles rasend schnell. Zwei Männer zerrten sie von ihrem Auto weg, kaum dass sie die automatische Türverriegelung betätigt hatte. Einer hielt ihr sofort den Mund zu, der andere zog ihr die Hände auf den Rücken und legte ihr ein Paar Handschellen an. Dabei waren sie nicht zimperlich und langten kräftig zu. Ein paar blaue Flecken würde sie wohl davontragen.
Es nützte nichts, dass Vicky sich bemühte, mit ihren spitzen Hacken um sich zu treten. Sie verlor den Halt unter den Füßen. Ein breites Klebeband über ihren zarten roten Lippen brachte sie sicher zum Schweigen, ehe sie grob auf den Rücksitz des fremden Wagens gestoßen wurde. Ihr Herz raste. Dann wurde ihr ein merkwürdig riechendes Tuch auf die Nase gepresst und sie verlor sofort das Bewusstsein.
Als Vicky wieder zu sich kam, lag sie auf der Rückbank eines Autos, unfähig sich aufzurichten. Die Hände waren ihr immer noch auf den Rücken gefesselt und auch die Beine waren zusammen gebunden. Ihre Arme schmerzten von der unbequemen Stellung und man hatte ihr die Augen verbunden, so dass sie keine Ahnung hatte, wohin man sie brachte oder wo sie sich gerade befand.
Die Fahrt dauerte lange, sehr lange. Obwohl Vicky völlig das Gefühl für Zeit verloren hatte, so musste sie doch davon ausgehen, dass sie seit Stunden unterwegs waren. Sie hatte wütend gebrummt, versucht sich aufzurichten oder zu strecken, aber ohne Erfolg. Niemand hatte darauf reagiert. Zwei Männer unterhielten sich ab und an auf Italienisch, wovon Vicky nur Bruchstücke verstand, die jedoch belanglos waren. Zwischendurch summte einer davon zu den Melodien aus dem Autoradio, das internationale Schlager spielte.
Dann, nach einer ihr unendlich lang erscheinenden Zeit, wurde das Auto langsamer und hielt schließlich. Der Motor wurde abgestellt. Jemand erklärte ihr, dass sie aussteigen würden, packte sie an den Hüften und half ihr aus dem Auto. Sie war überrascht, wie vorsichtig dies geschah. Man achtete darauf, dass sie sich nirgends den Kopf anstieß, zog ihr den linken Schuh wieder an, der ihr vom Fuß gerutscht war und führte sie ein Stück vom Auto fort. Ihr Herz klopfte vor Angst so heftig, dass sie das Gefühl hatte, man müsste es hören.
Die Luft streifte kühl ihr offenes Dekollete und es wurde ihr peinlich bewusst, dass es ein Leichtes war, den Stoff wegzuschieben und ihre Brüste freizulegen. Noch schlimmer, die Kerle hatten gewiss vor, sie auszuziehen und zu vergewaltigen, und dann würden sie ihr die Kehle durchschneiden – andererseits, warum hatten sie es dann nicht längst schon getan? Warum erst die lange Fahrt?
Als man ihren knappen Rock hochschob und ihren Slip bis zu den Kniekehlen herunter zog, geriet sie in Panik und begann zu wimmern.
»Scht, per favore – keine Angst, Signorina. Niemand Ihnen etwas tut. Beruhigen sich. Bitte.« Vicky zitterte am ganzen Leib. Tränen schossen ihr in die Augen und bahnten sich unter dem Tuch den Weg über ihre Wangen. Sie bekam kaum noch Luft durch die Nase.
Jemand strich ihr sanft über die Oberarme. »Ruhig, nur Pipi machen, hier im Wald. Es geschieht Ihnen nichts. Gehen Sie runter in die Hocke und machen Sie.«
Die Stimme klang beruhigend und glaubwürdig. Vicky versuchte tief durchzuatmen und ging langsam in die Hocke. Sie schwankte ein wenig auf ihren hochhackigen Schuhen, sank in dem weichen Boden mit den Absätzen ein und es dauerte einen Moment, bis sie ihre Scham überwand und es ihr trotz der übervollen Blase gelang, sich zu erleichtern.
»Va bene.« Der Mann half ihr aufzustehen, und zog sie wieder sorgfältig an.
»Du nicht schreien, du nicht sprechen, verstanden?«, sagte er mit italienischem Akzent. Vicky nickte. Er nahm ihr die Handschellen ab und löste vorsichtig das Klebeband von ihren Lippen. Dann fühlte sie, wie jeweils ein breiter Riemen um ihre Oberschenkel gelegt wurde. »Einsteigen.« Er drückte ihren Kopf und ihre Schulter herunter und Vicky tastete nach dem Sitz. Ihre Handgelenke wurden in Schlaufen gefesselt, die sich an den Gurten ihrer Oberschenkel befanden. Immerhin war es bequemer als zuvor, aber Vicky war nur allzu bewusst, dass man sie gegen ihren Willen mitnahm.
»Bitte, lassen Sie mich doch gehen. Was wollen Sie von mir?«
Ein Finger, der nach Zigarettentabak roch, presste ihre Lippen zu. »Pssst, Signorina, kein Wort, per favore.«
Der Sicherheitsgurt wurde ihr angelegt und eine Decke über den Beinen ausgebreitet. Niemand, der ins Auto hereinschaute, würde also die Fesseln sehen. Alles wirkte annähernd normal. Dann erst nahm man ihr die Augenbinde ab. Sie blinzelte ein paar Mal, ehe sie wieder klar sehen konnte.
Das Auto befand sich auf einem Parkplatz am Rande der Autobahn, eher eine Notausfahrt. Aus dem angrenzenden Wald trat soeben ein großer kräftiger Mann, der noch dabei war, seine Hose zu schließen. Er schaute kurz in ihre Richtung. Bitte, komm näher, schau doch her, fällt dir nichts auf?, flehte Vicky stumm. Doch der Mann wandte sich ab und ging zu seinem Lastwagen.
Einer der Entführer erklärte Vicky, es würde ihr nichts geschehen, vorausgesetzt sie verhielte sich ruhig. Ihr Herz klopfte bis zum Anschlag. Wirre Gedanken rasten durch ihren Kopf und ihr war fast schlecht vor Angst.

Nun war es soweit. Vicky stand in einem üppig mit Antiquitäten ausgestatteten Büro. Sie war erst wieder richtig zu sich gekommen, nachdem sie schon die ersten Häuser der Stadt passiert hatten. Irgendwie hatte sie den Verdacht, in dem Mineralwasser, dass man ihr von Zeit zu Zeit zu trinken gegeben hatte, war ein Schlaf- oder Beruhigungsmittel gewesen, da sie sich benommen fühlte und ihr immer wieder die Lider zugefallen waren. Es fiel ihr schwer, sich auf einen Punkt zu konzentrieren. Mehrere Wandlampen tauchten das Zimmer mit der hohen, von Stuckornamenten verzierten Decke in ein helles aber durchaus angenehmes Licht.
»Unser Auftrag ist ausgeführt, Patrona. Hier ist sie.«
Eine etwas korpulente, aber gut gekleidete ältere Dame kam auf Vicky zu. Ihre grau melierten, in zartem Violett getönten Haare waren hoch toupiert und gaben ihr in Kombination mit einem dunkelblauen Kostüm und einer goldumrandeten Designerbrille ein strenges, Respekt gebietendes Aussehen. Die Falten um ihre Augen und ihre Mundwinkel ließen Vicky vermuten, dass sie auf die siebzig zuging.
»Was soll ich hier? Lassen Sie mich sofort frei. Sie haben kein Recht, mich festzuhalten!« Vicky fand, es war an der Zeit, ihrem Missfallen lautstark Ausdruck zu verleihen. Da man sie bislang weder vergewaltigt noch umgebracht hatte, würde man es wohl kaum jetzt tun. Zumindest hoffte sie das. Wütend zerrte sie an ihren Fesseln.
Die Dame, die einer der Entführer mit Patrona angesprochen hatte, ignorierte Vickys Protest. Sie umrundete die junge Frau, die in der Mitte des Zimmers stand, seelenruhig, musterte sie noch mal vor ihr stehend kritisch von oben bis unten und gab dann einem der beiden Männer einen Wink.
»Zieh sie aus, Tomaso, damit ich sie inspizieren kann.« Sie hatte italienisch gesprochen, dennoch hatte Vicky aufgrund der Geste die Bedeutung der Worte verstanden.
»Sind Sie verrückt? Was soll das alles – es muss sich um eine Verwechslung handeln! Ich will sofort –«
Der Blick der Patrona traf sich mit ihrem. Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. Vicky bekam weiche Knie.
»Ich protestiere. Lassen Sie mich gehen!« Vicky merkte, dass sie die Fassung verlor, wie ihre Stimme schriller wurde und überschnappte.
»Du hast hier gar nichts zu melden, meine Süße. Bring sie zum Schweigen, Stefano.«
Für eine Frau klang die Stimme der Patrona ungewöhnlich tief und samtig. Sie machte eine Handbewegung, die ihre Worte unterstreichen sollte, und der Mann namens Stefano ging auf Vicky zu, packte sie fest am Kinn, erstickte damit jegliche Gegenwehr, spreizte gegen ihren Willen ihren Mund auf und schob ihr einen ballförmigen Knebel zwischen die Zähne. Vicky begann panisch zu würgen. Der Knebel schob ihr die Kiefer auseinander und sie hatte Angst, sie würden ihr dabei ausgerenkt werden.
»Beruhige dich, dir geschieht nichts. Ruhig durchatmen«, befahl Stefano.
Vicky wollte sich aber nicht beruhigen. Sie schrie abwehrend in den Knebel, als sie merkte, dass beide Männer nach dem Stoff über ihren Schultern griffen und versuchte erfolglos auszuweichen. Aber Stefano hielt sie an den Armen fest, während Tomaso das Oberteil so grob von ihren Schultern zerrte, dass der Stoff dabei zerriss. Er musterte ungeniert Vickys bloße Brüste, dann lachte er amüsiert über ihren durch den Knebel gedämpften Aufschrei. »Stillhalten, Bella.«
Vickys Panik wurde unerträglich. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie trug keinen BH unter ihrem Kleid und die streng auf den Rücken gebundenen Arme verstärkten das Hervortreten ihrer wohlgeformten Rundungen. Unwichtige Gedanken schossen ihr durch den Kopf, während sie von den drei fremden Menschen gemustert wurde. Alles an ihrem Körper war perfekt, ihre Haut gepflegt, alabasterweiß und seidenweich. Sollte ihr das etwa zum Verhängnis werden? Was hatten sie mit ihr vor?
Vicky brannten die Augen von den Tränen, die nun ihre Wangen hinab liefen und das unerträgliche Gefühl der Verlorenheit noch mehr verstärkten. Sie wollte endlich eine Aufklärung, was das alles sollte. Vielleicht war dies die stille Rache einer betrogenen Ehefrau, dann würde sie sich dafür entschuldigen. Wenn man ihr nur diese verdammten Fesseln und den Knebel abnehmen würde.
Die Patrona hatte ihre erste Inspektion beendet, nickte zufrieden, musterte Vickys verzweifelte Miene mit einem zynischen Zucken um die Mundwinkel und kommentierte knapp: »Sie wird einen guten Preis einbringen, einen sehr guten sogar.«
Wie bitte, wollte man sie etwa verkaufen? Vicky stockte der Atem. Protestierend schrie sie in ihren Knebel und schüttelte den Kopf, trampelte, so heftig es mit den hohen Schuhen möglich war, auf den Boden, wobei ihre Brüste auf und ab wippten. Aber keiner der Anwesenden schien sich dafür zu interessieren. Stattdessen riss einer der Männer auf einen Wink der Patrona ihr nun die Reste ihrer Kleidung völlig herunter. Außer Strümpfen und einem String trug Vicky nichts mehr, und dieser String bestand aus nicht mehr als ein paar Bändchen, die ein schmales Dreieck über ihrem Venushügel hielten. Eine Gänsehaut überzog Vickys Körper unter den musternden Blicken der Anwesenden.
Die Patrona rümpfte die Nase. »Insgesamt ein bisschen zu dünn, man kann ja fast die Rippen zählen. Wir werden sie ein wenig aufpäppeln. Hungerharken sind aus der Mode gekommen. Aber ihre Hüften haben einen schönen Schwung, ihr Hintern ist schön knackig und wie für eine Züchtigung geschaffen. Sie wird eine hübsche Lustsklavin abgeben, wenn sie erstmal erzogen ist.«
Vicky hielt für einen Augenblick die Luft an. Die Patrona hatte Deutsch gesprochen, es war wohl ihre Absicht gewesen, dass Vicky alles verstand. Ihr Deutsch war sogar exzellent, mit einem leichten schwingenden Akzent darin. Züchtigung? Lustsklavin? Erziehung? Das Blut in Vickys Ohren begann laut zu rauschen.
Die Patrona kam näher und streckte ihre Hand nach Vickys Busen aus. Vicky wich stolpernd zurück. Aber Stefano packte sie von hinten an den Oberarmen und hielt sie fest. Unbarmherzig kamen die Finger mit den langen rot lackierten Nägeln näher, betasteten ungeniert Vickys Rundungen und zupften an ihren weichen Brustwarzen. Vicky wand sich in dem strengen Griff und schüttelte abwehrend den Kopf. Doch die Dame lächelte überlegen.
»Sie hat schöne große Capezzoli, Tomaso. In erregtem Zustand sind sie bestimmt prall und lang, glaubst du nicht auch? Wenn die Zeit gekommen ist, sollten wir ihren künftigen Herrn fragen, ob wir sie vor der Übergabe noch piercen sollen. Ein Paar goldene Ringe würden sich hübsch daran machen, vielleicht mit den Initialen ihres Herrn als Anhänger.«
Vicky gefror das Blut in den Adern. Welcher künftige Herr? Das klang gar nicht gut. Ihre makellosen Brustwarzen piercen? Waren diese Leute denn völlig verrückt? Erneut bemühte sie sich wütend ihrem Protest Ausdruck zu geben, brummte und schüttelte heftig den Kopf. Eine schallende Ohrfeige war die Antwort. Überrascht verstummte sie und starrte die Patrona mit aufgerissenen Augen an.
»Sei still und finde dich damit ab, dass es mit deinem freien und zügellosen Leben vorbei ist. Tomaso wird dir alles erklären, wenn es an der Zeit ist.« Die Dame grinste süffisant. »Du scheinst besonders widerspenstig zu sein.« Ihre Stimme wurde leiser und nahm einen gefährlichen Klang an. »Aber wir werden eine gehorsame, devote Sklavin aus dir machen. Wie aus allen anderen. Verlass dich darauf. Ach ja – und vergiss eines nicht, du bist freiwillig hier.« Ein süffisantes Grinsen verstärkte die Fältchen um ihre Lippen.
Freiwillig? Was sollte dieser Quatsch? Niemals.
Die Patrona fädelte ihre Finger in die dünnen Bändchen des Strings, riss kurz daran, ließ den String auf den Boden fallen und begutachtete Vickys Venushügel, der von einem Nest rot gelockter Haare bedeckt war. Ihre Finger strichen sanft darüber, sie warf Stefano einen auffordernden Blick zu und er ließ Vickys Oberarme los, packte sie, warf sie bäuchlings über die Lehne eines Sessels und schob ihre Beine weit auseinander. Vicky schüttelte erneut protestierend ihren Kopf hin und her, aber alle ignorierten es.
Im Augenwinkel beobachtete sie, wie die Patrona ein Kondom über ihren Zeigefinger zog, dann verschwand sie aus ihrem Blickfeld. Ihre kalten Finger zogen Vickys Pohälften auseinander, zwängten sich zwischen Vickys Schamlippen, untersuchten diese sorgfältig, jedoch ohne einzudringen, ebenso ihre Klitoris. Vicky meinte, vor Scham augenblicklich sterben zu müssen. Ihr Genick wurde von einer Hand tief in den Sessel herunter gedrückt, sodass ein Aufspringen unmöglich war. Ein Finger presste sich auf ihre Rosette. Vicky wimmerte und kniff ihre Analmuskeln noch fester zusammen, aber der Druck war unnachgiebig. Gegen ihren Widerstand stieß sich der Finger tief in ihren After. Der Eingang schmerzte und sie merkte, wie sich der Finger in ihrem After bewegte, drehte. Sie versuchte zu treten, aber ihre Beine wurden wie von Schraubstöcken festgehalten. Endlich wurde der Finger wieder herausgezogen.
»Ein Prachtstück, findest du nicht, Tomaso?«
»Oh ja, Patrona. Ich glaube, wir werden uns vor Interessenten nicht retten können. Mit ihren kastanienbraunen Haaren und der weißen Haut ist sie was ganz Besonderes, dazu die grünen Augen und die fast roten Schamhaare.«
»Hmm. Ihr After ist ziemlich eng. Falls es mehrere Interessenten gibt, die auch Analverkehr wünschen, müssen wir sie vorher noch sorgfältig dehnen und daran gewöhnen.«
Vicky gefror das Blut. Analverkehr?
»Kümmere dich darum, dass wir demnächst den Doktor hier haben, Tomaso, damit er alle Mädchen unter die Lupe nimmt.« Die Dame gab Vicky einen kräftigen Klaps auf den Po und lachte vergnügt. »Die nächste Versteigerung ist schon in zwei Monaten. Wenig Zeit, dir alles beizubringen, aber dennoch genug dich zu erziehen, meine kleine widerspenstige Stute.« Sie kicherte.
Der Mann zog Vicky wieder auf die Beine. Sie wäre am liebsten im Boden versunken. Was waren das nur für Leute? Was das hier etwa ein Bordell? Von was für einer Versteigerung war die Rede? Sie kam sich vor wie auf einem Viehmarkt. Noch nie hatte sie jemand Stute genannt. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken herunter und ihre Angst schnürte ihr fast den Atem ab. Durch ihren Tränenschleier verschwamm alles vor ihren Augen.
»Bringt sie raus und bindet sie an, so wie sie jetzt ist. Die anderen sollen ein bisschen Spaß haben. Jeder darf sie anfassen. Ich will sehen, ob sie das heiß macht. Damit hat sie heute auch gleich ihre erste Lektion und lernt, wie es ist, keine Rechte zu haben. Verbindet ihr die Augen. Sie muss schneller als die anderen lernen, sie hat einiges nachzuholen. Sorgt dafür, spannt auch alle anderen dabei ein. Ich lasse euch alle notwendigen Freiheiten.« Der Zug um ihre Mundwinkel war herablassend. Vicky würde keine Gnade zu erwarten haben.
Stefano nahm Vicky fest am Oberarm und zog sie mit sich. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als mit ihm mit zu stolpern, die Treppe hinunter, ins Foyer. Dieses wirkte wie das Entree einer Stadtvilla aus einem Historienroman. Links und rechts führte die breite, mit einem roten Teppich ausgelegte Treppe nach oben. Ein opulentes schmiedeeisernes Geländer bildete den Abschluss. Hoch oben war eine reich mit Stuck und Gold verzierte Decke zu sehen, von falschen Halbsäulen an den Wänden getragen.
Der großräumige Eingangsbereich verjüngte sich hinter den Treppen ins Haus hinein zu einem langen Flur, von dessen Ende Stimmengewirr und Gelächter zu hören waren.
Stefano führte Vicky zu einem Säulenstumpf, der mitten im Bereich zwischen den Treppen aus dem Boden ragte und an dem große Ringe verankert waren. Sie wurde rücklings angebunden, die Arme nach hinten gezogen. Zusätzliche Fesseln an den Oberarmen zwangen ihre Arme noch strenger nach hinten und ihren Rücken in ein Hohlkreuz, wodurch ihre Brüste schutzlos nach vorne gepresst wurden.
»Bitte, lasst Sie mich doch gehen«, dachte sie und brummte in den Knebel.
Stefano zog ihr eine Augenbinde über. »Hör auf zu weinen. Du wirst dich schon noch daran gewöhnen, dass es hier ein bisschen anders zugeht.« Seine Hände waren warm, als sie Vickys Arme entlang strichen, trotzdem fröstelte sie dabei vor Angst. »Du bist wirklich rassig – schade, dass ich dich heute nicht nehmen darf. Die Patrona würde mich dafür einen Kopf kürzer machen. Aber der Tag wird kommen – und dann wirst du mir zeigen, ob du es drauf hast.«
Sie spürte seinen heißen Atem, als er ihr ins Ohr flüsterte, seine Hände fest auf ihren Brüsten und ein Bein zwischen ihre Schenkel gepresst. Noch nie in ihrem Leben hatte Vicky sich ähnlich hilflos gefühlt. »Füge dich in dein Schicksal, Sklavin.«
»Stefano. Ich brauche dich hier oben.«
Vicky wurde augenblicklich losgelassen. Sie hörte, wie er die Treppe empor sprang, wohl zwei Stufen auf einmal nehmend. Es war nicht genau auszumachen, da der Teppich die Wucht seiner Sprünge dämpfte.
Andere Schritte kamen bald darauf näher und schon betasteten Hände ungeniert ihren Körper, doch sie waren sanft und kühl. Ihre Brustwarzen wurden gezupft, die Form ihrer Brüste getestet, ihre Schamhaare gekrault. Jemand kicherte leise. Es schien Vicky, als ob es mehrere Personen waren. Nervös drehte sie ihren Kopf hin und her.
»Hübsch ist sie, nicht wahr?«
»Hübsch wäre keine Konkurrenz für uns. Sie ist einzigartig und attraktiver als die meisten hier.« Gift und Eifersucht lag in der Stimme der zweiten Frau.
Eine dritte Stimme mischte sich ein, tiefer, mit französischem Akzent. »Komm jetzt. Ich habe Hunger. Der Gong hat schon das erste Mal geläutet.«
Schritte entfernten sich, leise, von Teppichen gedämpft.
Vickys Kiefer schmerzten von dem Knebel, der ihren Mund aufspreizte. Speichel lief ihr seitlich heraus, ohne dass sie es kontrollieren konnte und ein Film aus kaltem Schweiß überzog ihren ganzen Körper. Sie wimmerte vor sich hin. Die Situation überforderte ihren Verstand. Ihr Herz klopfte so sehr vor Panik, dass es in der Brust schmerzte. Zwar beruhigte sie sich immer wieder mal und redete sich ein, dass es nicht so schlimm werden würde. Doch bei jedem Geräusch zuckte sie zusammen und ihr Herz fing wie verrückt an zu rasen.
Eine erstaunlich tiefe Frauenstimme erklang plötzlich nah bei ihr. Sie hatte nicht gehört, dass sich jemand näherte.
»Ach, da haben wir ja unseren Neuzugang.« Sie spürte den warmen Atem auf ihrem Gesicht, ein Hauch von Tabak streifte sie, dann flüsterte die Stimme rau in ihr Ohr. »Willkommen, meine Kleine.«
Vicky lief ein kalter Schauer den Rücken herunter. Hände streichelten sanft über ihre Brüste, erkundeten alles, ihren schlanken Bauch, ihre Taille, massierten geübt ihren Po, gaben ihr einen harten Klaps darauf. Ihr Körper versteifte sich. Die Stimme summte vergnügt. Finger packten sanft ihre Nippel, streichelten sinnlich darüber, wieder und wieder. Vicky fühlte, wie innerer Widerstand nicht ausreichte, diesem zärtlichen Reiz zu verstehen. Sie versuchte rückwärts auszuweichen, stieß an die Säule, fühlte einen Fuß zwischen ihren und gab auf. Ihre Brustwarzen hatten sich verhärtet, ihr unsichtbares Gegenüber griff nun fester zu, ihre Brüste lagen in ihren Händen und ein Finger strich unentwegt, lockend, verführerisch sinnlich über ihre Nippel. Vicky hielt die Luft an und kämpfte verzweifelt gegen die Lust, die ihre Brustwarzen empfanden und an ihren Körper weiter gaben.
»Hm, hübsch. Eine wahre Augenweide. Es wird mir eine Freude sein, dich zu erziehen. Es heißt, du bist ein ganz durchtriebenes Luder und geil wie eine läufige Hündin«, murmelte die Fremde. »Es scheint zu stimmen. Stehst du wirklich nur auf Männer? Ich werde schon noch deinen Preis herausfinden, Süße.«
Die letzten Worte der Fremden waren nur noch ein Hauchen, während ihre Finger behutsam und wissend über Vickys Brustwarzen streichelten und in ihrem Unterleib ein unerwartetes Feuer entfachten. »Eines Tages wirst du mir dienen, Kleine.«
Nein, um Himmels willen, nein, ich will das nicht, das kann doch nicht sein, dachte Vicky voller Empörung. Empörung über die Bedrohung, aber auch Empörung über sich selbst, dass es dieser Fremden gelang, in ihrem Körper ein Gefühl zu wecken, dass sie jetzt, in dieser Situation, am allerwenigsten spüren wollte, noch dazu von einer Frau ausgelöst.
»Dann bis bald, Victoria, ich freue mich auf dich.« Doch es klang weniger wie eine Drohung, eher wie eine Einladung.
Victoria. Mit ihrem vollen Namen hatte sie schon lange niemand mehr angesprochen.
Die folgenden Stunden waren die Fortsetzung dieses Albtraums. Um Vicky herum war ein wechselndes Kommen und Gehen, Scherzen, Lachen. Sie entnahm den Worten, dass sie begutachtet wurde, hauptsächlich verbal. Es waren ausschließlich Frauen, junge Frauen, die ihre Formen kommentierten. Einige Hände befummelten sie, zwirbelten ihre Brustwarzen, kneteten ihre Rundungen, weideten sich an Vickys entsetztem Stöhnen und Herumzappeln, griffen ihr ungeniert in den Schritt. Doch mehr geschah nicht, keiner versuchte, mit den Fingern in sie einzudringen.
Schließlich war sie lange Zeit alleine. Das Stehen wurde anstrengend. Sie versuchte das Gewicht abwechselnd auf das eine, dann das andere Bein zu verlagern. Auch die Schulter- und Armgelenke schmerzten unter der nach hinten ausgerichteten Haltung. Ihre Lage schien verdammt hoffnungslos zu sein. Sie schluchzte leise und die Tränen kullerten über ihr Kinn und ihren Hals, verdunsteten irgendwo auf ihrer Haut.
Irgendjemand schien dies als Herausforderung zu verstehen. Eine männlich tiefe Stimme murmelte etwas auf Italienisch, was sie nicht verstand. Ein Mund schnappte nach ihrer rechten Brustwarze, saugte sich daran fest, knabberte leicht und die Zungenspitze leckte sanft kitzelnd über die Spitze. Hände streichelten zärtlich und gefühlvoll ihre Haut und Vicky war zum wiederholten Male machtlos gegen die Gelüste ihres Körpers.
Nein, nicht anfassen, war ihr einziger Gedanke, bitte nicht – doch alles verselbstständigte sich und sie fühlte, wie sich ihre Brustwarzen verhärteten, ihre Brüste lustvoll spannten und ein heißes Verlangen ihren Unterleib erfasste. Nein, ich will nicht gevögelt werden. Nein, nicht so. Nicht ohne Liebe. Ein Weinkrampf schüttelte erneut ihren Körper und paarte sich mit den heißen Wogen, die sie bei jeder weiteren Berührung überfluteten. Küsse überdeckten ihre Brüste, Hände griffen fester zu, kneteten ihren Po. Der Mann stöhnte leise vor Lust. Dann glitten seine Hände tiefer nach unten, über ihren Bauch. Vicky versuchte vergeblich auszuweichen. Finger teilten ihre Schamlippen und hielten sie auseinander. Erfolglos versuchte sie nach hinten zurückzuweichen. Eine heiße Zunge leckte zärtlich und hingebungsvoll ihre Klitoris. Sie wand sich, versuchte auszuweichen, zu treten und wurde tatsächlich losgelassen. Ein höhnisches Lachen, gefolgt von ein paar Klatschern auf ihren Allerwertesten, war die Quittung für ihre Abwehrreaktion. Ab da war sie lange Zeit alleine.

Als Vicky endlich losgebunden, von den Fesseln befreit und in einem fast kahlen Raum eingeschlossen wurde, fiel sie zunächst vollkommen erschöpft auf die einfache Matratze, die am Boden lag. Man hatte ihr alles abgenommen, was sie noch getragen hatte. Strümpfe und Schuhe, Schmuck und Uhr, ehe man sie einsperrte. Sie hatte keine Kraft zu weinen, dennoch dauerte es Minuten, bis sich ihr Puls soweit beruhigt hatte, dass sie in der Lage war, sich umzuschauen.
Der Raum war nichts anderes als eine Gästetoilette. Abgesehen von einer Kloschüssel, einem Waschbecken und der schlichten, aber wenigstens mit einem sauberen Spannbetttuch bezogenen Matratze war der Raum leer. Vom Fußboden bis auf halbe Höhe war er beige gekachelt, darüber rosa gestrichen. Die Fensterscheiben waren aus einem milchigen, leicht gemaserten Glas, das Blumenranken zeigte. Davor war ein Gitter zu erkennen. Vicky stand auf und öffnete das Fenster. Es führte auf einen schmalen fast quadratischen Schacht hinaus, der auf der gegenüberliegenden Seite identische, ebenfalls vergitterte Fenster zeigte.
Sie schloss das Fenster und schaute sich im Spiegel über dem Waschbecken an. Ihr Makeup war verschmiert, die Wimperntusche hatte dunkle Ränder unter ihren Augen hinterlassen. Alles in allem sah sie schrecklich aus. Es würde ihr gut tun, die Spuren der Nacht abzuwaschen. Sie ließ warmes Wasser über ihre Hände laufen und drückte etwas von der Flüssigseife aus dem Spender, der an den Kacheln angebracht war, in ihre Handfläche.
Anschließend sank sie mutlos auf die Matratze. Ihr war kalt. Nicht einmal eine einfache Decke und ein Kopfkissen hatte man ihr gegönnt. Ihr Kopf war ebenso leer wie ihr Gefängnis. Es würde nicht leicht werden, von diesem Ort zu flüchten.

Die Tür vor ihr öffnete sich automatisch. Vicky trat ein und sah sich in der halbdunklen Bar um. Im Raum befanden sich nur Männer, keine einzige Frau. Die Gespräche verstummten, schlagartig war es still und alle drehten sich zur gleichen Zeit um und starrten sie an. Sogar der Mann hinter der Bar hielt in der Bewegung des Bierzapfens inne.
Ich sollte lieber wieder gehen, dachte sie, doch sie war unfähig auch nur einen einzigen Schritt zu machen. Ihre Füße schienen am Boden festzukleben.
Einer der Männer, ein großer kräftiger Kerl mit öligen schwarzen Haaren löste sich aus der Menge und kam näher. Sein Blick stierte Vicky direkt auf ihre Brüste. Dabei griff er sich in den Schritt, hob das Geschlecht an, grinste breit und leckte sich über die Lippen. Durch den dünnen Stoff seiner Sommerhose zeichnete sich ein beängstigend großer steifer Penis ab.
Einer der Spaghettiträgern ihres weißen, hautengen Tops war über ihre Schulter herab gerutscht. Darunter trug sie nichts. Ihre Brüste wölbten sich auch ohne BH in vollendeter Schönheit. Vicky schaute an sich herunter und erschrak. Durch den fast durchsichtigen Stoff zeichneten sich ihre steilen Brustwarzen und der dunkle Hof ab. Es musste auf den Mann wie eine Einladung wirken.
Erschrocken machte sie einen Schritt rückwärts und schob gleichzeitig den Träger wieder über die Schulter nach oben. Sie musste hier raus, aber hinter ihr war plötzlich kein Platz mehr. Jemand packte sie an den Oberarmen, schob sie vorwärts, die Hände glitten an ihren Armen herab, packten ihre Handgelenke und zogen ihr streng die Hände auf den Rücken.
Vickys Mund öffnete sich in einem stummen Schrei. Sie hatte einen Fehler gemacht, sie wollte die Männer aufgeilen, hatte extra deshalb diese aufreizende Kleidung gewählt, doch die Männer waren alle gleich, wollten nur das eine. Wie immer hatte sie vorgehabt, rechtzeitig zu verschwinden, bevor es dazu kam. Aber der Mann hinter ihr hielt sie fest, sie spürte die Wärme seines Körpers, seinen Atem über ihrer nackten Schulter. Sie wollte um Hilfe rufen, sie wollte sich wehren, um sich treten – doch nichts davon brachte sie zustande. Der andere Mann kam mit jedem Schritt näher, es geschah wie in Zeitlupe und obwohl sie Angst hatte, fühlte sie, wie es in ihrem Schritt immer feuchter wurde. Sie wusste, es würde geschehen.
Dann jedoch siegte die Erkenntnis, dass dies kein Traum war. Der Mann hielt sie unbarmherzig fest, obwohl sie nun aus ihrer Erstarrung erwachte und sich wehrte, um sich trat und zappelte, aber es war zu spät. Der andere streckte schon seine Hände nach ihr aus, schob ihr beide Träger über die Schultern nach unten und ihr Top herab. Ihre Brüste schienen aus dem prallen Stoff herauszuspringen. Fordernd griff er ihr an den Busen.
Vicky war in einer Woge aus Lust und Entsetzen gefangen. Ihre Brustwarzen schmerzten, wollten berührt und liebkost werden, aber bei den Blicken der Männer gefror ihr das Blut. Sie wollten nur das eine, ohne Vorspiel, ohne Rücksicht. Sie schrie wie am Spieß, aber jemand stopfte ihr etwas in den Mund, erstickte ihr Schreien.
Kommt, lasst uns die Braut ficken. Schaut nur, wie geil sie ist! Sie will es. Habt ihr nicht gesehen, wie sie ihren Busen zur Schau trägt, das kleine Luder? Ich glaube, sie hat nicht einmal ein Höschen an.
Das Gesicht war verschwommen, aber der Mund grinste breit. Plötzlich erschien ihr der Mann gar nicht mehr so groß und kräftig, auch seine Stimme hatte sich verändert und kam Vicky plötzlich bekannt vor. Er schob ihren Rock hoch und fasste drunter, direkt in ihren Schritt, ließ nicht zu, dass sie ihre Beine schloss. Er lachte, weil sie versuchte, ihn zu treten.
Wusste ich es doch, dass du nichts drunter hast. Du bist nur hier, weil du gefickt werden willst. Der Mann war Marc. Wieso Marc? Ich zeigs dir, und wenn ich mit dir fertig bin, werde ich dich festhalten, damit Chris dich anständig ficken kann, und dann die anderen. Marc und Chris – sie steckten unter einer Decke? Vicky versuchte zu schreien, aber kein Laut kam über ihre Lippen.
Sie bäumte sich auf, sah viele Gesichter, zwar verschwommen, aber es waren Männer, das wusste sie. Sie fühlte, wie sie halb davon gezerrt, halb geschoben wurde. Jemand drückte sie mit dem Oberkörper auf einen Tisch, zog ihre Arme nach vorne und zwei Männer hielten sie fest. Andere spreizten ihre Beine. Alle grinsten hässlich dabei, entblößten Münder mit gelblichen Zähnen und Lücken. Nein. Sie schrie mit ganzer Kraft ihre Angst heraus – und erwachte.

Zitternd starrte Vicky in die Dunkelheit. Sie brauchte einige Minuten, um zu verstehen, wo sie sich befand und dass sie nur geträumt hatte. Nur geträumt? Sie wischte mit dem Handrücken die letzten Tränen fort. Es war zwar ein Albtraum gewesen und ihr Herz klopfte immer noch voller Angst, doch gleichzeitig war da auch Erregung, das verlangende Ziehen in ihren Brustwarzen und zwischen ihren Schenkeln. Vicky stöhnte leise. Ihr Körper machte wieder einmal, was er wollte und entzog sich ihrer Kontrolle. Sie schluchzte laut auf. Warum gab es nicht schon längst jemanden, zu dem sie gehörte, mit dem sie in Geborgenheit und Liebe zusammenlebte, der sie davor beschützt hätte, in diese Lage zu kommen?
Marc. Der Mann in ihrem Traum hatte sie an Marc erinnert. Warum konnte sie sich nicht erklären, schließlich war sein Gesicht sehr verschwommen gewesen, wie es meistens in Träumen ist. Aber der Gedanke an ihn drängte sich auf, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Sie wusste einfach, dass er es gewesen war. Niemand sonst.
Innere Werte, Liebe, Vertrauen – das waren nur hohle Worte. Viel zu lange hatte sie daran geglaubt. Von einem Tag auf den anderen war damals ihre kleine heile Welt zusammengebrochen. Sie wusste nicht mehr, wem sie vertrauen durfte. Dabei waren sie sich so nahe gestanden, sie und Marc, hatten sich alles erzählt, ihre geheimsten Gedanken und Sehnsüchte. Doch dann war er dem Charme von Micky erlegen, dieser falschen Schlange, und hatte ihren Lügen mehr Glauben geschenkt als Vickys Erklärung. Und danach hatten sie kaum noch miteinander gesprochen.
Marc. Letztlich war er wohl wie sein Vater. Marcs Vater und ihre eigene Mutter hatten es überall miteinander getrieben, sich nicht einmal vor ihren eigenen Kindern zurückgehalten, sondern sich unsittlich und voller Gier in aller Öffentlichkeit begrapscht.
Dabei war sie so glücklich gewesen, in Marc einen netten und verständnisvollen Stiefbruder gefunden zu haben, der sie nicht alleine ließ, sie tröstete, immer für sie da war. Sie war sogar in ihn verliebt gewesen. Aber er hatte es nicht einmal bemerkt. Warum nur träumte sie nun so schreckliche Dinge von ihm? Marc war niemals grausam gewesen.
Die Flucht
Das Umdrehen des Schlüssels und die plötzlich aufflackernde Helligkeit der Deckenlampe weckten Vicky aus ihrem unruhigen Schlaf. Sie brauchte diesmal nur Sekunden um zu begreifen, dass sie sich weder zuhause noch in einem Hotelzimmer befand, sondern die Erlebnisse der Nacht und ihre Entführung unumstößliche Tatsachen waren.
Jemand kam herein. Sie setzte sich auf. Ihre Muskeln waren steif von der unbequemen und kalten Nacht auf der am Boden liegenden Matratze. Dennoch erhob sie sich so schnell wie möglich und beschloss zum Angriff überzugehen. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten statt ihre Blöße zu bedecken, stellte sich vor dem Fremden auf, der einen halben Kopf größer war als sie und bemühte sich, ihn selbstsicher und energisch anzusprechen. Was nicht einfach war, denn er blickte weder ernst noch überheblich, sondern eigentlich sehr freundlich und war, was ihr erst jetzt auffiel, äußerst attraktiv. Ein Mann in einem schicken Anzug. Mit dunklen Augen, einem energischen Kinn und rabenschwarzen Haaren.
Dennoch ballte sie die Fäuste und hielt sie abwehrend vor sich. »Lassen Sie mich sofort frei! Es muss sich hier um einen Irrtum handeln. Ich werde Anzeige gegen Sie erstatten. Sie dürfen mich hier nicht festhalten. Das ist ungesetzlich.« Noch während sie protestierte, war ihr klar, wie dumm sich das alles anhörte. Wie sollte sie jemanden anzeigen, der sie einsperrte?
Der Mann musterte sie mit einem amüsierten Zucken in den Mundwinkeln und erwiderte gelassen: »Ach ja? Und wie möchtest du das verhindern?«
Vicky änderte spontan ihre Strategie. »Was wollen Sie von mir? Lösegeld? Dann müssen Sie meinen Bruder anrufen. Mein Konto ist leer. Ich verfüge über keine Ersparnisse.« Sie legte schützend die Hände auf ihre Brüste, da der Mann sie so ungeniert musterte, dass sie sich unwohl dabei fühlte.
Doch in aller Seelenruhe schnappte er sich den Stuhl, den er mit sich hereingebracht hatte, stellte ihn verkehrt herum, setzte sich breitbeinig darauf und legte die Arme auf die Lehne. »Mein Name ist Tomaso, wie du dich vielleicht erinnerst. Wir hatten schon gestern das Vergnügen. Zu deiner Information: Ich werde deinen Bruder nicht anrufen, denn er war es, der uns den Auftrag erteilt hat, dich hierher zu bringen.«
Vicky erstarrte. Ein Schauer lief ihr über die Haut. Sie schüttelte den Kopf und machte eine abwehrende Bewegung mit den Händen. Marc? Marc dachte sich bestimmt nicht solche schrecklichen Sachen aus. Das war ja – fast wie in ihrem Traum. Vicky hatte Schwierigkeiten ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen.
»Das glaube ich nicht!«
Der Mann, der sich Tomaso nannte, wirkte auf sie äußerst belustigt. »Dein Bruder macht sich große Sorgen um deine Zukunft und hat uns deshalb beauftragt, dass wir uns um dich kümmern sollen.«
»Was soll das heißen – kümmern?«, fauchte sie rau.
»Nun, du brauchst wohl eine gehörige Portion Erziehung, um aus dir ein brauchbares Mitglied dieser Gesellschaft zu machen. Wir werden dich zu einer braven Ehefrau erziehen, die sich in jeder Hinsicht devot ihrem Ehegatten unterordnet, statt wahllos die Männerwelt zu verführen und herum zu huren.«
Vicky lachte hysterisch auf. »Wie bitte? Hat er das etwa behauptet?« Sie ballte wieder ihre Fäuste, sprang vorwärts und versuchte auf ihn einzuschlagen. »Dazu hat er kein Recht. Er ist ein verdammter Lügner. Lassen Sie mich sofort hier raus.« Ihre Stimme überschlug sich.
Geschickt fing Tomaso ihre Hände ein und hielt sie fest, ehe es ihr gelang, sein Gesicht zu treffen. Er zog Vicky näher zu sich heran, so dass sie sich Auge in Auge anstarrten. Mit Widerstand hatte er gerechnet. Einen Kinnhaken wollte er allerdings nicht riskieren.
Diese meeresgrünen Augen waren faszinierend. Sie hatten schon viele hübsche Mädchen zur Erziehung gehabt, auch mit interessanten Augen. Eine hatte besonders hellblaue gehabt, dass es fast schmerzte, ihr in die Augen zu sehen. Eine andere hatte eine hellbraune Iris, so hell, dass sie an die gelben Augen mancher Raubkatzen erinnerte. Aber diese Augen, die wie blaugrünes Meerwasser im Sonnenlicht schimmerten, waren etwas Neues. Sie waren kaum von farbigen Äderchen durchzogen, fast lupenrein, wie Diamanten. Es würde ihm schwer fallen, diesem einzigartigen Blick zu widerstehen, obwohl er darin geübt war. Allerdings war diese Frau auch in anderer Hinsicht eine Ausnahme. Sie war nicht nur ausgesprochen attraktiv. Sie war vor allem im Gegensatz zu den anderen Mädchen nicht freiwillig hier, war verständlicherweise nicht bereit sich zu fügen und legte zumindest für einige Minuten ein wildes Temperament an den Tag. Das versprach eine spannende Erziehung zu werden.
Vicky versuchte Tomaso gegen die Schienbeine zu treten. Aus ihrer Position heraus und noch dazu barfuß, war es nicht ganz einfach.
Ehe Vicky sich versah, hatte er sie in seinen Armen umgedreht, ihre Hände auf den Rücken gezogen, sie in eine kniende Position hinunter gezwungen und zusätzlich zwischen seinen Schenkeln eingeklemmt. Vicky keuchte wütend. Ihre Arme schmerzten unter dem Druck. »Aua, Sie sind ja verrückt. Lassen Sie mich sofort los, Sie …«
»Jetzt hör mal gut zu, meine Kleine. Wir sind Profis, was das Erziehen ungezogener Frauen betrifft. Je eher du das begreifst und dich fügst, desto besser für dich. Wir werden uns von jetzt an darum kümmern, dass du keine Dummheiten mehr machst. Du solltest dich also schnell ins Unvermeidliche fügen. Immerhin versprechen wir, dass wir dir einen wohlhabenden gut situierten Ehemann besorgen, was auch für dich gewisse Vorteile bringt. Du wirst nie wieder arbeiten müssen.« Er lachte. »Außer im Bett natürlich, aber das scheint dir ja sowieso am liebsten zu sein, wie man hört.«
Vickys Lippen begannen zu beben. Sie wollte nicht glauben, was er ihr da verkündete. Sie würde das auf gar keinen Fall hinnehmen.
»Es liegt alleine bei dir, wie hart dein Drill ausfällt. Ach ja, und noch etwas. Alle Mädchen sind freiwillig hier. Behaupte also nicht das Gegenteil. Es wird dir ohnehin niemand glauben.«
Tomaso ließ sie langsam an den Armen nach unten, bis sie mit der Brust am Boden lag, dann lockerte er seinen Griff und verließ ohne weitere Worte den Raum.
Vicky war wie betäubt. Es konnte sich nur um einen schlechten Scherz handeln. Ihr Bruder sollte das alles eingefädelt haben? Nein, das glaubte sie nicht. Nicht einmal Marc traute sie soviel Skrupellosigkeit zu. So grausam würde er bestimmt nicht sein. Oder doch? Sie hatten sich schließlich jahrelang nicht gesehen. Sollte es möglich sein, dass der einst so liebevolle Stiefbruder sie inzwischen aus tiefstem Herzen hasste?
Verwirrt setzte Vicky sich auf den Stuhl, um nachzudenken. Vor ein paar Tagen noch hatte sie mit ihm zusammen die Erbschaft begossen. Sie erinnerte sich plötzlich daran, dass er sie über ihr Leben, ihren Beruf ausgefragt hatte und wie freizügig sie mit ihren Antworten umgegangen war. Fühlte er sich etwa mit seinem Erbanteil benachteiligt und wollte sich an ihr rächen? Aber die Aufteilung war doch gerecht gewesen, jeder von ihnen hatte die Hälfte der vorhandenen Guthaben erhalten und das elterliche Haus würde für sie beide laut Testament von einem Makler veräußert werden. Es würde also noch ein einträglicher Erlös folgen, oder hatte Mark erwartet, das Haus alleine zu erben? Und falls es wirklich etwas damit zu tun hatte, wie sie sich den Männern gegenüber verhielt, so ging ihn dies gar nichts an. Sie würde das nicht dulden.
Wütend sprang Vicky auf, packte den Stuhl, schleuderte ihn gegen die Tür, wurde von ihrer eigenen Wucht zurückgeworfen. Erneut packte sie zu, schlug die Lehne gegen die Tür. Eine tiefe Schramme blieb zurück und der Stuhl knackste verdächtig. Beim nächsten Schlag brach die Lehne ab. Vicky sah sich keuchend um. Doch leider gab es weiter nichts, womit sie ihrem Ärger hätte Ausdruck geben können. Sie begann gegen die Tür zu trommeln und laut schreiend und fluchend ihre Freilassung zu fordern.
Es dauerte nur Sekunden, dann wurde der Schlüssel von außen herumgedreht und die Tür nach innen aufgestoßen.
Vicky taumelte zurück, strauchelte, fing sich und stürmte vorwärts. Sie tobte, sträubte sich und schrie, trat um sich, versuchte zu kratzen und zu beißen. Aber es half ihr alles nichts. Die beiden Männer packten sie, warfen sie geschickt auf den Bauch nieder, fesselten sie mit breiten Ledergurten an Händen und Füßen und befestigten eine kurze Kette dazwischen, so dass dazwischen eine unangenehme Spannung entstand und sie sich kaum mehr rühren konnte. Dann banden sie ihr ein Tuch über die Augen und schoben ihr einen Knebel zwischen die Zähne.
»So, Victoria. Denk über deine Situation nach, füge dich und strapaziere nicht unsere Geduld. Sonst müssen wir zu weitaus unangenehmeren Methoden greifen.« Tomasos Stimme klang kalt und unerbittlich.

Die geheime Kammer neben Tomasos Büro stand ihm immer zur Verfügung, auch wenn alle anderen speziell eingerichteten Räume gerade belegt waren. Geheim war sie eigentlich nur, weil sie niemand ungebeten betreten konnte. Die erste, die in das Vergnügen gekommen war und sofort davon erzählt hatte, war Mariella gewesen. Seither kursierten wilde Gerüchte über die Folterkammer.
Anna erschauerte unter Tomasos strenger Stimme. Sie erinnerte sich nicht, irgendetwas angestellt zu haben. Ganz im Gegenteil. So wie man es ihr beigebracht hatte, war sie nach dem Herein eingetreten und mit gesenktem Blick stehen geblieben.
Tomaso packte sie fest am Oberarm und gab ihr einen Schubs. »Ausziehen und da rein!«
Sie beeilte sich, seiner Aufforderung Folge zu leisten und wusste sofort, das war sie, die Folterkammer, die über eine Schiebetür von Tomasos Büro aus zugänglich war. Der Raum war in leuchtendem Orange gestrichen, Decke und Boden Schwarz. In der Mitte war ein Gestell aufgestellt, das einem mittelalterlichen Pranger glich, mit Aussparungen für Hals und Handgelenke, und von oben geschlossen wurde.
Es bedurfte keiner Fragen. Tomasos liebte verschiedene Arten von Züchtigungen. Einen speziellen Grund benötigte er nicht. Er war die Verkörperung eines Doms mit ausgeprägter Neigung für sadistische Spielchen.
»Beine auseinander!« Breite Metallfesseln, über schwere Ketten im Boden verankert, fixierten ihre Beine.
Die knappen Befehle und die aussichtslose Situation waren ganz nach Annas Geschmack. Sie liebte es, wenn sie weder aufspringen noch flüchten konnte, sondern seiner Willkür ausgeliefert war.
»Welches Vergehens bekennst du dich schuldig?«
Aha. Er wollte also den Scharfrichter spielen? Hoffentlich würde ihr Künftiger auch Gefallen an solchen Rollenspielen haben. Am besten mit noch mehr Geschichte drumherum, dann gelang es ihr auch, den passenden Dialog dazu zu liefern, ganz in das Geschehen einzutauchen und dabei immer heißer zu werden.
»Ich – ich war faul. Die ganze Hausarbeit ist liegengeblieben.«
Sie hatte keine Ahnung, ob es das war, was er hören wollte. Er stand vor ihr, breitbeinig, in eine schwarze Lederhose gekleidet. Schade, dass sie aufgrund des Halsgalgens nicht aufschauen konnte. Er sah bestimmt atemberaubend aus. Nun drehte er sich um und nahm etwas von der Wand.
Beim Eintreten hatte ein flüchtiger Blick genügt, um festzustellen, dass jede Menge unterschiedlichster Züchtigungsgegenstände aufgehängt waren.
»Ah, ja. Ich habe gehört, du hattest keine Lust, die alten Teppiche gründlich vom Staub zu befreien?«
Die geflochtene Fläche eines Teppichklopfers erschien in ihrem Blickfeld und Anna ächzte leise vor Erwartung. Tomaso ging um sie herum. Seine Hand strich ihr einmal sanft über ihren Po, dann holte er aus. Anna zuckte zusammen und seufzte. Der Schlag war nicht so schlimm ausgefallen wie erwartet. Tomaso nahm sich gerne die Zeit für eine ausgiebige Behandlung, wie er es nannte. Und so war es. Schlag um Schlag folgte, mit kleinen Pausen dazwischen. Es dauerte einige Zeit, bis ihr Po in Flammen stand. Sie war ein wenig enttäuscht, als er aufhörte.
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