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Leonie Graf

Das Feuer der Werwölfe

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Feuer der Werwölfe

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Danksagung

Impressum neobooks

Das Feuer der Werwölfe

Leonie Graf


Impressum

Texte: © Copyright by Leonie Graf

Umschlag: © Copyright by Leonie Graf

Verlag: Leonie Graf

Rosenstraße 20

78576 Emmingen-Liptingen

Druck: epubli, ein Service der

neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Prolog

Q= 5

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Kapitel 1

Es musste die neun sein. Ja, ganz sicher die neun.

Mali saß auf dem Fußboden ihres Zimmers und löste ein Sudoku, das vor ihr auf dem Boden lag. Eilig kritzelte sie die neun in eines der Felder.

Malis Zimmer war sehr klein und gemütlich eingerichtet. Direkt neben der alten, braunen Holztür stand ihr ebenso altes Bett. An der Wand standen drei riesige Regale, alle bis oben hin voll mit Büchern. Alte Schulbücher, aber auch Liebesromane, Thriller, Fantasyromane und vor allem Rätselbücher. Mali liebte Rätsel. Manchmal verbrachte sie den ganzen Tag damit eines ihrer Rätsel zu knacken. Vor Mali auf dem Boden lag auch ein kleines Papier mit komischen Zeichen, die aussahen, als wäre es eine fremde Sprache mit eigenen Schriftzeichen. Meistens blickte Mali nur von ihren Rätseln oder Büchern auf, wenn es Essen gibt, oder wie heute, wenn ihre Mutter an die Zimmertür klopft und mit ihr reden will.

„Amalia, ich muss mit dir reden“, begann sie.

Für Mali war das kein gutes Zeichen. Immer wenn ihre Mutter sie mit vollem Namen anspricht, läuft das Gespräch auf etwas sehr Unangenehmes hinaus. Sie haben sich beide daran gewöhnt, dass sie den Namen nicht benutzen. Seit Malis Vater eines Tages abgehauen ist bedeutete ihr voller Name, dass gleich etwas sehr Ernstes geschehen würde.

Malis Mutter setzt sich zu ihr auf den Boden. Mit einer Hand streichelte sie über den weichen, roten Teppich. Sie sah Mai an.

„Leg mal kurz dein Rätsel weg, mein Schatz. Ich möchte, dass du mir mit deiner ganzen Aufmerksamkeit zuhörst. Es ist nämlich sehr wichtig“

Widerwillig blickte Mali von ihrem Blatt auf. Ihr Blick schweifte durch ihr Zimmer. Sie wollte ihre Mutter nicht anschauen, denn als sie Mali das letzte Mal mit vollem Namen angesprochen hatte, gab es zwei Wochen Hausarrest, weil Mali die Tische in der Schule bekritzelt hatte. Normalerweise kam Mali sehr gut mit ihrer Mutter aus. Die beiden verstanden sich sehr gut, aber manchmal konnte ihre Mutter sehr streng sein. Auch nachdem Mali damals eingesehen hatte, dass sie einen Fehler gemacht hatte, blieben die zwei Wochen Hausarrest. Das hatte sie ihrer Mutter bis heute nicht verziehen, obwohl das jetzt auch schon über anderthalb Jahre her war.

Nur ganz entfernt hörte Mali die Stimme ihrer Mutter.

„Ich möchte, dass du mir versprichst, dass niemand davon erfährt.“

Es war als würde ihre Mutter am anderen Ende der Welt stehen. So, dass Mali sie weder hören noch sehen konnte. Nur gelegentlich trägt der sanfte Wind ein paar Worte zu ihr, die sie in Gedanken versunken, und ohne große Bedeutung aufnimmt.

„Mali, hör mir bitte zu.“ Sanft drückt Malis Mutter Malis Kopf nach oben, sodass sie sich beide in die Augen blickten. Mali wollte ihren Kopf zurückziehen, doch irgendetwas hielt sie auf. War es die Hand ihrer Mutter, die sanft ihren Kopf stützte? Doch wahrscheinlich war es, weil Mali merkte, dass es heute keinen Hausarrest geben würde. Irgendetwas an dem Tonfall ihrer Mutter sagte ihr das. Sie klang besorgt und nervös, so als ob sie auf etwas sehr Unangenehmes warten würde. Sanft schob Mali die Hand ihrer Mutter zur Seite, blickte aber weiter in die schönen hellblauen Augen ihrer Mutter.

„Mali, du weißt sicher, dass wir alle mal sterben müssen.“

Mali nickte. Natürlich wusste sie das. Sie war schließlich fünfzehn und nicht fünf. Immer wenn ihre Mutter so komische Fragen stellte, wusste Mali, dass ihre Mutter es ihr eigentlich schon hätte früher sagen wollen, aber sich nicht getraut hatte. Jetzt war es allerdings an der Zeit, dass Mali es erfahren musste, doch ihre Mutter wusste nicht wirklich, wie sie es erklären sollte, geschweige denn, wo sie anfangen sollte.

„Naja, also…ähm…, wenn ich dann irgendwann nicht mehr da bin…“

„Nein, Mama! Du wirst nicht sterben!“, Mali griff nach der Hand ihrer Mutter. Was war das denn? Sie hatte doch vorhin zu gegeben, dass alle Menschen einmal sterben müssen. Aber allein schon der Gedanke, dass sie irgendwann alleine für sich sorgen musste, machte Mali so Angst, dass sie die Hand ihrer Mutter nie wieder loslassen würde. Damals, als ihr Vater von heute auf morgen verschwunden war hatte Mali sich geschworen ihre Mutter nie im Stich zu lassen. Sie hatte gesehen welche Schmerzen es Malis Mutter damals bereitet hatte einfach verlassen zu werden. Mali war damals zwar noch sehr klein gewesen, doch seit diesem Tag wusste sie, was es bedeutete, dass man füreinander da war.

Vorsichtig lockerte ihre Mutter Malis Hand, ließ sie dennoch nicht ganz los.

„Also, wenn ich mal nicht mehr da bin, möchte ich, dass du etwas tust“, sagte sie jetzt.

Dass du etwas tust! Wie klang das denn bitte schön. Dass du etwas tust. Natürlich musste sie etwas tun. Das war doch völlig klar. Essen, schlafen, Haushalt, sich um sich kümmern. Da konnte man so viel aufzählen, dass einem irgendwann mal bewusstwird, wieviel man eigentlich den ganzen Tag macht.

Aber das war natürlich nicht das, was Malis Mutter meinte. Es musste irgendetwas Besonderes sein, sonst würde sie jetzt kein langes, unangenehmes Gespräch mit Mali führen. Allerdings dachte Mali, dass sie, wenn ihre Mutter tot wäre, so viel machen müsste, dass sie ziemlich sicher keine Zeit für irgendwelche großen Aufgaben hätte.

„Wenn ich nicht mehr da bin, musst du die dritte Schublade bei mir im Schlafzimmer öffnen.“

„Aber wie soll ich sie öffnen, wenn du sie abgeschlossen hast, und den Schlüssel nicht mehr findest?“

„Ich habe den Schlüssel.“

„Aber du sagtest immer, dass du ihn nicht mehr findest!“ Mali klang vorwurfsvoll.

„Das sagte ich doch nur, dass du nicht immer nachfragst. Du warst früher immer so neugierig.“

„Aber ich bin fünfzehn, warum hast du mir nie früher gesagt, dass du den Schlüssel hast? Ich hätte dich auch schon mit zehn oder elf Jahren verstanden. Kennst du mich etwa so schlecht?“ Malis Blick war anklagend, doch ihre Mutter machte keine Anstalten unter ihrem Blick nachzugeben. Sie hielt Malis Blick mit ebenso einer Intensität stand.

„Ach bitte, mein Liebling. Mach mir keine Vorwürfe. Ich weiß inzwischen auch, dass es ein Fehler war es dir nicht früher zu sagen.“

Malis Mutter seufzte laut. Sie nahm Malis Hand und öffnete sie. Dann nahm sie ihre Kette ab und legt sie in Malis Hand. Behutsam schloss Mali die Finger darum. Die Kette war kalt. Es war eine schöne, schlichte Kette mit einem dünnen silbrigen Band, an dem ein klitzekleiner Schlüssel baumelte. Mali hatte diese Kette an ihrer Mutter schon oft gesehen, wusste aber nie, dass an ihr ein Schlüssel hing, da ihre Mutter sie immer von der Kette ferngehalten hatte, mit der Ausrede, die Kette sei zu wertvoll und könne kaputtgehen, wenn Mali sie in die Hände bekam.

Mali strich sich die Haare aus dem Gesicht. Langsam und mit zitternden Händen nahm Malis Mutter die Kette und hängte sie ihr um den Hals. Sie passte wunderbar zu dem T-Shirt, das sie heute trug.

Einen kurzen Moment schauten sie sich beide tief in die Augen. In den schönen, hellblauen Augen ihrer Mutter, spiegelten sich Malis grüne Augen, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, wider.

Die Augen von Malis Mutter wurden feucht. Die Tränen glitzerten leicht. Malis Mutter lehnte sich leicht nach vorne und umarmte Mali so, als würde sie sie nie wieder loslassen wollen.

Jetzt erst wurde Mali bewusst, wie wichtig ihrer Mutter dieses Gespräch gewesen sein musste.

Lange Zeit lagen sich die beiden in den Armen, während Malis Mutter eine Träne nach der anderen vergoss. Mali reichte ihr ein Taschentuch.

Doch, sosehr Mali am Anfang nichts Gutes geahnt hatte, es war nicht so schlimm, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Sie hielten sich so fest sie konnten, beide mit demselben Gedanken: Dass sie sich niemals verlieren und für immer und ewig zusammen bleiben wollten.

29.06

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Kapitel 2

Die Nacht hatte alles verschluckt. Es war so dunkel, dass man nichts außer ein paar Umrissen erkennen konnte. Plötzlich lösten sich dunkle Gestalten aus dem Schatten der umliegenden Häuser. Ganz langsam und ohne ein einziges Geräusch zu machen. Sie bewegten sich wie mehrere Schatten, die mit schwarzen, kalten Händen auf Mali zu glitten. Die Schatten spürten und rochen ihre Angst. Panik stieg in ihr hoch, sie wollte weglaufen, doch ihre Füße standen fest auf dem ebenfalls schwarzen Boden. Keinen Millimeter konnte sie sich rühren. Sie war wie festgewachsen. Die Hände kamen immer näher, sie streiften kalt und feucht über Malis Gesicht. Dort, wo sie sie berührt hatten, tropfte Blut von ihrer Haut. Und alles, was das Blut berührte, löste sich auf in Nichts. Immer mehr um Mali herum verschwand, bis sie das Gefühl hatte, dass sich der Boden unter ihr auftat, er hatte sich ebenfalls vollkommen aufgelöst, und sie quälend langsam darin verschwand. Sie fiel immer tiefer in das riesige Loch mit Nichts. Um Mali herum war einfach nur Nichts.

Mali öffnete die Augen. Schweißgebadet lag sie in ihrem Bett und keuchte, als ob sie gerade einen Marathon gelaufen wäre. Nur sehr langsam beruhigte sie sich wieder. Sie warf einen Blick auf ihren Wecker. Acht Uhr morgens. Spät genug, um aufzustehen. Ihre Mutter schlief sicherlich noch. Doch anders als ihre Mutter war Mali absolut kein Langschläfer. Auch in den Ferien stand sie für gewöhnlich vor neun Uhr auf. Nur ganz selten schlief sie bis um zehn. Manchmal las sie dann morgens schon, aber heute war ihr nicht nach lesen zu Mute. Sie wollte lieber etwas Aktiveres machen, um den Albtraum aus ihren Erinnerungen zu verdrängen. Also stand sie auf und zog sich an. Dann ging sie hinunter in die Küche und richtete das Frühstück.

Etwas später kam auch ihre Mutter die Treppe hinunter geschlurft.

„Ich habe ein Rumpeln gehört“, erklärte sie ihr eher untypisch frühes Erscheinen. „Du bist ja schon auf.“

Mali nickte.

„Ja“, meinte sie mit einem Schmunzeln. „Ich habe ja jetzt endlich Ferien. Da müssen wir schon den ganzen Tag nutzen.“ Sie zwinkerte ihrer Mutter zu. Beide mussten lachen.

„Du weißt, dass ich keine Morgenmensch bin“, sagte Malis Mutter immer noch lachend.

Nachdenklich runzelte sie die Stirn.

„Ferien“, murmelte sie dann leise. „Stimmt ja.“

Noch ehe Mali fragen konnte, was ihre Mutter damit meinte, hellte sich deren Miene schon wieder auf. Sie hatte das fertig gerichtete Frühstück entdeckt.

„So“, sagte sie deutlich fröhlicher als gerade eben noch. Sie schien fast munter zu sein. „Lass uns erstmal frühstücken. Dann zeigen sich vielleicht auch bei mir die Lebensgeister.“ Sie lachte wieder. Dann setzten sich die beiden an den Tisch und aßen ihre Nutellabrötchen.

Aber der Albtraum wollte Mali einfach nicht aus dem Kopf gehen. Wer waren diese Schatten, oder waren sie gar nicht da? Aber woher kam dann all das Blut?

Mali betrachtete ihre Mutter. Auch sie schien nicht gut geschlafen zu haben. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und machte einen müden Eindruck. Sie war jedoch inzwischen wach genug, um zu merken, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmte.

"An was denkst du, mein Schatz?"

"Ich hatte einen Albtraum, er war sehr sonderbar…"

"Möchtest du es mir erzählen?"

Mali wusste, dass es ihr danach sicher bessergehen würde, aber sie wollte ihre Mutter nicht beunruhigen und sagte daher: " Nein, ist schon okay, war auch nicht so schlimm. Ich werde ihn sicher bald vergessen."

Doch da hatte sie nicht ganz Recht, denn der Traum verfolgte sie noch den ganzen Vormittag lang und wollte ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen. Um sich abzulenken, legte sie sich auf ihr Bett und begann zu lesen. Doch auch das ging nicht. Sie war nicht richtig bei der Sache und dachte immer wieder an schwarze Schatten mit kalten, schwarzen Händen.

Nach dem Mittagessen, es gab Spaghetti Bolognese, setzte sich Mali an den Computer und klickte sich ein bisschen durch verschiedene Videos. Als sie nichts fand, was sie wirklich interessierte, schnappte sie sich ihr Handy und stalkte ein paar Leute über Instagram. Mali hatte sich schon seit langem einen Spaß draus gemacht nach Leuten aus ihrer Klasse oder ihrer Schule im Internet zu suchen. Schon mehrmals hatte diese Suche verwunderliche Neuigkeiten zu Tage gefördert. Einmal hatte sie ein bisschen über einen hübschen, aber sehr schüchternen Jungen aus ihrer Parallelklasse recherchiert und dabei ganz zufällig herausgefunden, dass er zweifacher Weltmeister im Judo war. Das traute man ihm gar nicht zu.

So hatte Mali schon die ein oder andere Tatsache herausgefunden. Es war immer etwas Interessantes dabei und Mali schaffte es oft sich so für ein paar Stunden abzulenken.

Ein großer, kräftiger Junge aus ihrer Klasse, er hieß Markus, der sich selbst immer für etwas Besseres hielt, wollte Mali folgen. Mit einem Zögern ließ sie es zu und fragte jedoch gleichzeitig bei ihm an, ob sie ihm ebenfalls folgen konnte. Nicht einmal eine Minute später wurde Malis Anfrage bestätigt. Sie scrollte mit dem Finger durch seine einhundertzweiunddreißig Beiträge. Auf ungefähr der Hälfte von ihnen war er mit nacktem Oberkörper zu sehen und präsentierte seinen Sixpack.

„So ein Angeber“, murmelte Mali bitter. Sie hatte Markus noch nie leiden können, aber vielleicht, so hoffte sie, könnte sie ja ein zwei interessante Informationen über ihn herausfinden, die ihn in einem anderen Licht dastehen lassen würden. Sie fand heraus, dass er bolivischer Abstammung war und zwei kleine Schwestern hatte.

„Die Armen“, dachte Mali voller Mitleid. So einen Bruder zu haben war sicher nicht leicht.

Mali hatte keine Geschwister und hatte sich auch noch nie welche gewünscht. Sie kam gut mit ihrer Mutter aus und freute sich immer auf gemeinsame Nachmittage mit ihr. Eine Schwester oder einen Bruder vermisste sie dabei nicht.

Mali klickte sich durch weitere fünf Profile und hatte dabei zum ersten Mal seit diesem Vormittag ihren Traum vergessen, als es an der Tür klingelte.

Sie setzte sich auf und schob ihre nackten Füße in ihre mit Fell überzogenen Hausschuhe, die sie letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hatte. Sie lief die Treppe hinunter zur Haustür. Mali wusste, dass ihre Mutter um diese Zeit vermutlich in ihrem Arbeitszimmer war und da wollte sie selten gestört werden, weswegen Mali immer die Türe öffnete oder das Telefon abnahm, wenn es klingelte.

Durch das Milchglas hindurch sah sie Schwarz und Gelb. Ganz offensichtlich war es die Post, die mal wieder ein Paket ablieferte.

"Mama, die Post ist da", rief Mali nach oben. Sie wollte ihrer Mutter nur schnell Bescheid geben, dass es kein unerwarteter Besuch war.

"Ich komme mein Schatz", rief ihre Mutter von oben herunter. Das war ungewöhnlich, doch augenscheinlich erwartete sie ein Päckchen und wollte es sofort öffnen.

Mali öffnete die Tür. Draußen stand, wie erwartet der Postbote, doch irgendetwas stimmte nicht, das merkte Mali sofort. Doch was es war, konnte sie nicht sagen. Der Mann hatte ein sehr kantiges Kinn. Er sah auf unbedeutende Weise gut aus. Ein kleines Grübchen war auf seiner rechten Wange zu sehen. Er grinste freundlich, doch Mali wurde das Gefühl nicht los, dass etwas an ihm nicht stimmte. Ihr blieb jedoch auch nicht genug Zeit zum Nachdenken, sonst hätte sie die Türe vielleicht wieder verschlossen. Doch der Postbote stellte mit erstaunlicher Schnelligkeit einen Fuß zwischen Türe und Rahmen, sodass Mali nicht die geringste Chance mehr hatte, die Tür zu schließen. Seine dunklen, fast schon schwarzen Augen blitzten sie gefährlich an. Bevor Mali auch hätte um Hilfe schreien können presste der Mann ihr ein seiner fleischigen Bärenpranken auf den Mund und hielt sie mit der anderen im Schwitzkasten.

"Halt den Mund, oder du wirst es bereuen.", zischte der Mann und nahm die Hand von ihrem Mund. Mali wagte es nicht, auch nur einen Mucks von sich zu geben, da der vermeintliche Postbote sie immer noch im Schwitzkasten hatte. Jetzt wusste sie auch, was ihr an dem Postboten so seltsam vorgekommen war. Er hatte geklingelt aber kein Paket bei sich gehabt.

"Lassen sie mich los", fauchte Mali, was tausendmal mutiger klang als sie sich fühlte. Der Mann lachte ein grausames und kaltes Lachen.

"Du denkst wohl, ich lasse dich laufen, damit du gleich zu deiner Verräterin von Mutter rennst und bei ihr Schutz suchst? Nein, nein, nein. Du bist jetzt meine Geisel. Vielleicht rückt deine Mutter die Papiere dann schneller raus." Mali, die keinen blassen Schimmer davon hatte, was der Mann eigentlich von ihrer Mutter wollte, fragte ängstlich: "Was haben sie mit mir vor?"

„Hm mal überlegen.“ Er tat so als würde er ernsthaft darüber nachdenken, was er mit Mali machen wollte.

„Wobei“, fragte er dann „Willst du das ernsthaft wissen?“ Er lachte wieder. „Viele meiner Opfer wären hinterher froh es nicht gewusst zu haben.“

Mali gab einen erstickten Laut von sich.

„Opfer?“ Sie war sich nicht ganz sicher, ob der Mann es ernst meinte, oder ob er ihr nur Angst einjagen wollte. Das war ihm allerdings sehr gut gelungen.

„Und jetzt halt die Klappe, du dumme Göre“ Der Mann presste ihr wieder die Bärenpranke auf den Mund. Mali, der das Adrenalin in den Ohren rauschte, biss so fest sie konnte in die Hand des Mannes. Mit einem entsetzten Aufkeuchen zog er die Hand weg. Noch ehe Mali reagieren konnte, spürte sie den Luftzug, bevor die Hand des Mannes gegen ihre Backe klatschte. Mali keuchte ebenfalls auf und hielt sich die Wange. Schmerz durchzuckte sie wie ein Blitz. Es tat weh. Sehr weh. Nie hätte sie gedacht, dass eine Ohrfeige mit so einer Wucht erteilt werden konnte. Tränen traten ihr in die Augen, doch Mali versuchte sie zurückzublinzeln. Sie wollte sich vor diesem Fiesling nicht die Blöße geben und schwach wirken. Tapfer biss sie die Zähne zusammen, doch bevor sie auch nur ein weiteres Mal blinzeln konnte, sah sie sich einer Pistole gegenüber. Der Mann hatte sie blitzschnell aus seinem Gürtel gezogen und bedrohte Mali nun damit.

Wie ein Flashback fühlte sich Mali an die unzähligen Bücher erinnert, die sie immer las. Sie hatte heimlich immer ein bisschen darüber geschmunzelt, wie die Hauptpersonen es schafften in so eine Lage zu kommen. Und Schwups, innerhalb von ein paar Minuten wurde auch Mali Leben komplett auf den Kopf gestellt und sie befand sich in ebendieser Situation. Würde sie sich nicht Zentimeter vom Lauf der Pistole befinden hätte Mali laut aufgelacht. So jedoch brachte sie nur ein leises Wimmern zustande. Ihr Entschluss nicht schwach zu wirken, kam ihr wieder in den Sinn. Also atmete sie tief ein und wandte sich dann an den Mann. Die ganze Wut über sein plötzliches Auftauchen schwang in ihrer Stimme mit.

„Was wollen Sie von mir?“ Malis Stimme war eiskalt und klang fast schon gefährlich, jedoch schien das diesen Bär von Mann nicht einzuschüchtern.

„Du bist jetzt ganz brav und rufst deine Mutter runter. Keine Warnung, kein Mucks oder sonst irgendwelche Eskapaden, dass das klar ist.“ Der Mann wackelte spielerisch mit der Pistole, um Mali zu verstehen zu geben, dass sie es nicht wagen sollte, es zu versuchen.

Mutiger, als Mali es sich im Angesicht einer Pistolenmündung zugetraut hätte meinte sie: „Meine Mutter ist nicht da.“

Ehe sie sich versehen konnte, spürte sie den Lauf der Pistole gegen ihre Schläfe gepresst.

„Wag es nicht mich anzulügen“, zischte der Mann gefährlich leise neben ihrem Ohr.

„Sie werden nicht schießen“, sagte Mali mit fester Stimme. „Der Schuss würde meine Mutter in Alarmbereitschaft setzten, das wäre gar nicht gut für ihren ‚Überraschungsbesuch‘, oder?“ Mali betonte das Wort Überraschungsbesuch, so dass es lächerlich klang.

Der Mann jedoch ließ sie los und entfernte sich auf etwa einen halben Meter. Mali traute sich immer noch nicht zu rühren. Der Mann hob die Pistole auf Höhe ihres Gesichts.

„Das wird mich nicht davon abhalten, dich hier und jetzt auf der Stelle umzubringen.“ Er lachte wieder sein grausames Lachen. Mali sah entsetzt zu wie sich sein Finger um den Abzug spannte. Der einzige Gedanke, der ihr noch durch den Kopf schoss- welche Ironie, da sie doch gleich von einer Kugel durchsiebt würde- war, dass der Mann es tatsächlich wagte, sie in ihrem Haus umzubringen.

Mali sah wie sich die Muskeln im Unterarm des Mannes immer weiter anspannten. Sein Mittelfinger krümmte sich immer weiter, doch dann ertönte ein Rumpeln. Genau in diesem Moment krachte der riesige Wandschrank mit dem Rosenmuster, der sonst immer im Gang bei der Treppe stand herunter. Mit einem hässlichen Geräusch, eine Mischung aus Kratzen und Krachen schlug der Schrank auf den Treppenstufen auf und fiel dann direkt auf den vermeintlichen Postboten zu. Dieser gab einen entsetzten Schrei von sich, als er den Schrank auf sich zukommen sah, doch er hatte keine Zeit mehr auszuweichen. Er stürzte und wurde unter dem Schrank begraben. Er schrie noch lauter. Mali hörte Knochen knacken.

In dem Moment, in dem der Schrank auf ihn stürzte, wurde sein Arm, mit dessen Hand er die Pistole hielt, herumgerissen. Die Pistolenmündung, die zuvor auf Mali gezeigt hatte, richtete sich jetzt auf Malis Mutter, die genau im selben Augenblick auf dem Treppenabsatz erschien. Ihre Hände waren aufgescheuert, da sie den schweren Wandschrank zur Treppe geschoben hatte, um ihn dann hinunterzustoßen.

Der Finger des Postboten, der um den Auslöser gelegt war, spannte sich mit letzter Kraft und unter Schmerzen noch weiter an, drückte ab und ein Schuss hallte durch den Raum. Begleitet von seinem letzten gequälten Todesschrei.

Mali erblickte nur den Ausdruck von Entsetzen und Schreck auf dem Gesicht ihrer Mutter, deren Augen weit geöffnet waren, als sie in die Pistolenmündung blickte. Sie hatte keine Zeit mehr zu reagieren.

Raum und Zeit schienen stehen zu bleiben und dann war es vorbei. Da blieb nichts mehr außer Schmerz und Blut, das floss. Mali, vor Schreck und Entsetzen wie festgenagelt, sah wie ihre Mutter von der Wucht der Pistolenkugel nach hinten geschleudert wurde. Darum bemüht das Gleichgewicht zu halten, schwankte sie und taumelte dann auf die Treppe zu. Mali sah geschockt dabei zu wie ihre Mutter die Treppe hinunterfiel und wie sich deren neuer Lieblingspullover rot färbte. Am Kopf ihrer Mutter, wo er auf die Treppenstufen geknallt war, trat ebenfalls etwas Blut aus.

Mali spürte nicht außer Kälte, die rasend schnell in ihr hochkroch. Ohne, dass sie es gewollt hatte, fingen ihre Füße an zu Laufen, immer schneller und schneller, bis sie bei ihrer Mutter angelangt war. Ihre Mutter lag mit seltsam angewinkelten Armen und Beinen auf dem Boden. In ihrer Brust steckte noch immer das schwarze Geschoss, umgeben von Sturzbächen aus Blut. Mali wusste nicht was sie tat, doch sie presste die Hände auf die Wunde ihrer Mutter, wollte das Blut, das zwischen ihren Fingern hervorquoll, zurückhalten, wollte, dass es endlich aufhören würde, dass es endlich vorbei sein würde. Ein Schluchzen bahnte sich den Weg aus ihrer Kehle.

Plötzlich flackerten die Augenlider ihrer Mutter, sie stöhnte. Sie öffnete ihren Mund ganz leicht, gerade weit genug, dass Mali wusste, dass ihre Mutter ihr noch etwas sagen wollte.

"Öffne die Schublade, wie ich es dir gesagt hatte. Öffne sie und…"

Der Rest des Satzes ging in einem heiseren Röcheln unter, das Malis Mutter nun von sich gab.

"Mama, ich bleibe bei dir bis zum Schluss, bis es vorbei ist."

"Mein Schatz, in der Schublade, sind Dinge… die der … gefährlich werden könnten, … nimm sie an dich. Du wirst… jemanden finden müssen… finde Carlos Vendris, im Wald… Carlos… Vendris… mein Schatz, pass auf dich auf. Sei mutig…sei…stark"

Die Augenlider von Malis Mutter schlossen sich und Mali blieb noch stundenlang auf dem kalten Steinboden sitzen, mit dem toten, kalten und schlaffen Körper ihrer Mutter in den Armen. Dem Menschen, den sie über alles in der Welt geliebt hatte. Der einzige Mensch der sie jemals über alles geliebt hatte.

30.06

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Kapitel 3

Die Tränen, die über Malis Gesicht liefen, wollten kein Ende nehmen. Sie wusste, dass es nichts bringen würde, noch weiter so dazusitzen, doch hatte sie kein anderes Ziel im Kopf, außer ihre Mutter in den Armen zu halten. Es war, wie wenn es noch einen kleinen Lebensschimmer in ihr gab, der nie völlig verlöschen würde, wenn Malis Hände ihren Körper nie loslassen würden. Mali wusste, dass das natürlich Unsinn war. Es gab keinen Zweifel, dass ihre Mutter tot war. Alleine schon der Sturz von der Treppe hinunter hätte sie das Leben kosten können, wenn es blöd gelaufen wäre. Trotzdem wollte sie für ewig so sitzen bleiben. Doch sie wusste, dass sie die Schublade öffnen musste und ihren Inhalt an sich nehmen musste. Die vermutete Neugierde, die bei dem Gedanken an das Öffnen der Schublade aufkommen sollte, blieb jedoch aus.

Mali zwang sich dazu wieder aktiv zu werden. Sie schaffte es nicht sich aufzuraffen, weswegen sie für sich selbst auf drei zählte. Als sie bei drei angekommen war, legte sie den schlaffen Körper ihrer Mutter ganz behutsam auf dem Boden ab. Sie beugte sich ein letztes Mal zu ihrer Mutter herunter, hauchte ihr einen Kuss auf die kalte Wange und faltete dann ganz langsam und behutsam ihre eigenen Beine auseinander. Es tat weh. Ihre Beine kribbelten stark und knickten bei der leichtesten Belastung unter ihr ein. Doch das störte Mali nicht. Sie empfand es eher als Genugtuung. Ihre Mutter war gerade gestorben und sie jammerte über eingeschlafene Beine, die etwas kribbelten. Sie konnte ruhig auch einmal etwas Schmerz aushalten. Mit zusammengebissenen Zähnen zwang sie sich aufrecht stehen zu bleiben. Sie schwankte leicht und doch befahl sie ihren Füßen, sich zu bewegen und in Richtung Treppe zu gehen.

Als Mali den ersten Fuß auf die Treppe setzte knickte ihr linkes Bein unter ihr ein und sie stürzte. Mit einem leisen Ächzen auf den Lippen zog sie sich am Geländer hoch. Während sie nun die Treppe hochstieg, hielt sie das Geländer fest umklammert. Ihre Fingerknöchel traten weiß unter ihrer blassen Haut hervor. Nach jeder Treppenstufe musste sie ihren Körper wieder neu erinnern, wie man atmete. Schwer keuchend kam sie eine gefühlte Ewigkeit später oben an. Wieder musste sie sich zwingen, weiterzugehen. Zwingen, jetzt endlich die Tür zum Büro ihrer Mutter zu öffnen. Zwingen, die letzten Schritte hineinzutun. Zwingen, den Schlüssel, an der Kette um ihren Hals, zu nehmen und die Schublade aufzuschließen.

Mali war noch nicht oft in dem Arbeitszimmer ihrer Mutter gewesen. Sie wusste, dass ihre Mutter nie bei ihrer Arbeit gestört werden wollte, weswegen sie das auch vermieden hatte. So setzte Mali heute zum ersten Mal bewusst ihre Schritte in das kleine Zimmer. Durch das Fenster an der gegenüberliegenden Wand fiel helles Licht herein und tauchte das Zimmer in ein helles gelbes Schimmern. In der Mitte standen der Schreibtisch und dahinter der Drehstuhl ihrer Mutter.

Mali machte einen weiteren Schritt in den Raum hinein. Vor dem Schreibtisch blieb sie stehen und ging in die Hocke. Der Schreibtisch war alt und aus Holz. Er hatte eine feine Maserung. Das Holz war in einem sehr dunklen Braunton mit einem leichten Rotstich lackiert. Früher hätte Mali den Schreibtisch wunderschön gefunden. Heute jedoch schenkte sie ihm keine Beachtung. Ob der Schreibtisch nun hellbraun, dunkelbraun oder schwarz lackiert war, was spielte das noch für eine Rolle? Eigentlich spielte doch gar nichts mehr eine Rolle.

Vor ihrem inneren Auge erschien ein Bild. Sie als kleines Mädchen, das um den Schreibtisch herumkrabbelte und verzweifelt versuchte die Schublade zu öffnen. Ihre Mutter, die in der Tür stand und ihr lächelnd dabei zusah. Sie machte einen Schritt in das Zimmer hinein und kam zu der dreijährigen Mali, um sie auf den Arm zu nehmen. Mali erinnerte sich, wie sie ihr geheimnisvoll lächelnd ins Ohr flüsterte: "Bald wirst du alt genug sein. Doch jetzt wollen wir essen. Ich habe dir einen Grießbrei gemacht.", und somit ihr junges Ich sofort auf andere Gedanken brachte. Gemeinsam verließen sie das Zimmer und mit ihnen war auch die Erinnerung, an diesen Tag, fort.

Die Realität brach wie eine Sturzflut über Mali herein. Ihre Mutter war nicht mehr da, sie war allein. Völlig auf sich allein gestellt.

Langsam rollten ihr dicke Tränen die Wangen herab. Sie blickte auf den kleinen Schlüssel in ihrer Hand und die Erinnerungen an ihre Mutter liefen an ihrem inneren Auge vorbei. Wie sie zusammen gelacht hatten oder spielten. Wie sie zusammen neue Essensideen ausprobierten und Essen kochten, das nicht schmeckte, sodass sie sich schlussendlich immer eine Pizza bestellen mussten. Wie sie gemeinsam tanzten und Musik hörten, dabei laut grölend mitsangen. Wie sie nur zu zweit, aber glücklich neben einem großen Tannenbaum saßen und leise lächelnd zusammen ihre Geschenke auspackten und anschließend zusammen Pfannkuchen aßen. All das stürzte jetzt über Mali herein und begrub sie unter sich. Die Tränen strömten ihr in Bächen die Wangen herunter als ihr bewusst wurde, wie normal alles, ihr ganzes Leben, gestern doch noch gewesen war.

Als ihre Tränen nun zum zweiten Mal versiegten, blieb nichts als eine große Leere, die jedoch so groß und schwer war, dass sie Mali mit ihrem Gewicht zu erdrücken drohte.

Sie nahm den kleinen Schlüssel behutsam in die Hand, wog in vorsichtig darin und drehte ihn immer wieder zwischen ihren Fingern. Dann steckte sie ihn das Schloss. Mit einem leisen Klicken ließ er sich drehen. Es war so leise, dass Mali es kaum wahrnahm. Mit einem weiteren Klicken ging die Schublade auf. Langsam, ganz langsam, streckte sie ihre Hand aus und zog die Schublade ein kleines Stückchen weiter heraus. Gerade so weit, dass sie mit der Hand hineingreifen konnte. Mit dem letzten bisschen Neugier, was noch in ihr war und nicht von dem Verlust ihrer Mutter zurückgedrängt worden war, fasste sie mit der Hand in die Schublade. Sie schien leer zu sein. Gerade als sie ihre Hand schon enttäuscht zurückziehen wollte, fühlte sie etwas. Ein kleines dünnes etwas. Etwas raschelte. Dann erkannte Mali, was es war. Eine Ecke. Eine Ecke eines Stücks Papier. Verwundert zog sie die Schublade noch ein kleines Stückchen weiter auf, um einen Blick hineinzuerhaschen. In ihr lagen ungefähr zehn Bögen fein säuberlich gefaltetes Papier. Bedruckt mit schwarzen Wörtern, die Mali jedoch nicht sofort entziffern konnte. Eine Welle der Unbegreiflichkeit brach über sie herein. Ihre Mutter war für ein paar Fetzen bedrucktes, beschissenes, normales Papier gestorben.

02.07

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Kapitel 4

Mali beschloss die Papiere ihrer Mutter genauer zu untersuchen. Auf der ersten Seite stand Q=5 und anschließend war es mit einer unverständlichen Zahlenabfolge bedruckt, die sich auf den anderen Seiten fortsetzte. Die einzelnen Zahlen wurden immer durch Schrägstriche getrennt. Mali konnte Satzzeichen und Lehrstellen erkennen, was sie vermuten ließ, dass die Zahlen Wörter verschlüsselten. Aber wie?

Auffällig war, dass über den einzelnen Absätzen Zahlen wie als Überschrift angeordnet waren. So stand da zum Beispiel 24.05, oder 12.09. Jedoch konnte Mali sich auch darauf keinen Reim machen. Waren das Daten? So wie in einem Tagebuch zum Bespiel? Aber das waren doch keine Tagebucheinträge, oder etwa doch? Hatte ihre Mutter Tagebuch geschrieben? Sie wurde nicht schlau daraus.

Bis in die späten Abendstunden brütete Mali übe den Zahlen. Sie vermutete eine wichtige Nachricht, die mit diesem Code aus lauter Zahlen verschlüsselt wurde. Außerdem vermutete sie, dass Q=5 wichtig zum Verständnis der Botschaft war. So wichtig, dass man es nicht verschlüsselt hatte, man jedoch alleine damit nichts anfangen konnte. Dummerweise traf aber genau das auf Mali zu. Sie konnte nichts damit anfangen.

Stundenlang probierte sie alle Möglichkeiten, die sie kannte, um den Code zu knacken, bis es zu dunkel war, um noch etwas erkennen zu können.

Erst jetzt spürte sie die Müdigkeit, die während den letzten Stunden in ihr hochgekrochen war. Müdigkeit, ein so normales Gefühl, dass es fast fremd wirkte. Müdigkeit, die sie überrollte, sodass sie es sich so gut es ging auf ihrem Bett gemütlich machte und auf der Stelle einschlief. Mali war so erschöpft, dass sie es nicht einmal mehr schaffte, die Klamotten auszuziehen, geschweige denn sich zuzudecken.

Ein dünner goldener Streifen zeichnete sich auf dem Fußboden ab. Sein Rand erreichte geradeso den Teppich. Er wurde immer dicker und dicker, bis die aufgehende Sonne das Zimmer komplett in goldenes Licht tauchte. Mali taten alle Knochen weh. Sie hatte nicht gut geschlafen. Der altbekannte Albtraum ist zurückgekehrt. Eine Gänsehaut kroch über ihren Rücken. Ob das Blut von ihrer Mutter war? Angewidert verzog sie das Gesicht. Und die unheimlichen Schatten? Waren das Geister? Aber es gab doch gar keine Geister.

Mali hievte sich aus dem Bett, ging hinunter in die Küche und begann wie in Zeitlupe auf einem Brot herumzukauen. Die Schatten und das Blut wollten ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen. Als sie zu Ende gegessen hatte, fragte Mali sich zum ersten Mal, wie sie jetzt weiter vorgehen sollte. Hierblieben konnte sie auf keinen Fall, das war klar. Die Leute würden sich wundern, wenn sie nur noch Mali antreffen würden. Außerdem, wusste irgendjemand davon, dass Mali und die Papiere hier waren? Hatte der Mann womöglich sogar Komplizen gehabt? Nein, sie musste weg. Das Risiko konnte sie nicht eingehen. Doch wohin? Und was sollte sie alles mitnehmen? Sie holte eine große Tasche aus ihrem Zimmer und begann alles, was ihr nützlich erschien, hineinzustopfen. Die Vorstellung etwas Sinnvolles zu tun, beruhigte sie auf eine sonderbare Weise, sodass sie für ein paar Stunden nicht an ihre Mutter, die Papiere und ihren Albtraum dachte.

Als ihr gegen Mittag nichts mehr einfiel, was sie noch in die Tasche packen könnte, oder was sie noch vergessen haben könnte, holte sie die Papiere, setzte sich auf das braune Ledersofa im Wohnzimmer und fing wieder an zu überlegen, was sie bedeuten könnten. Langsam fielen ihr wieder die Augen zu. Ihr Kopf schien ihr ungewöhnlich schwer und fiel ihr auf die Brust. Langsam ließ Mali sich auf das weiche Sofa sinken, als sie ein merkwürdiges Scharren hörte. Mit einem Seufzen schlug sie die Augen auf und stand auf. Sie nahm die Papiere vom Couchtisch, faltete sie wieder zusammen und steckte sie in ihre Jackentasche. Dann erhob sie sich und drehte sich um in Richtung Tür und schrie auf. Im Türrahmen stand ein Mann. Und sie sah genau in den Lauf seiner Pistole.

10.07

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Kapitel 5

"Mitkommen", brummte der Mann.

Als Mali sich nicht bewegte schob er ein "Sofort" hinterher. Mali stand unter Schock. Sie hatte gedacht es wäre vorbei, sie wäre in Sicherheit. Der Mann unter dem Schrank war tot. Sie hatte völlig vergessen, dass er auch nach ihrem Leben getrachtet hatte. Anscheinend hatte er tatsächlich einen Komplizen. Das war gar nicht gut.

Langsam schien Malis Gehirn wieder anzuspringen. Noch war es jedoch in der Aufwärmphase. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie man sich bewegt, wie man aufsteht, wie man läuft. Die Minuten vergingen und sie hatte sich immer noch nicht mehr als fünf Zentimeter bewegt.

"Nun mach schon", schrie der Mann. "Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit"

Nur langsam kam Bewegung in Mali. Sie setzte einen Fuß vor den anderen und stolperte in Richtung des Mannes. Als sie ihn erreicht hatte schnellte sein Arm nach vorne. Er nahm sie in den Schwitzkasten und zog sie hinter sich her. Endlich konnte Mali wieder klar denken. Ein Adrenalinstoß durchströmte sie. Die ganze Zeit über hatte sie nur auf Autopilot gearbeitet, doch jetzt schien ihr Gehirn und ihre Reaktionsgeschwindigkeit mit einem Mal wieder da zu sein. Mit einem Ruck riss sie sich los, dreht sich um und rammte ihr Knie in den Schritt des Mannes. Der Mann stöhnte auf und ließ die Pistole fallen. Er krümmte sich am Boden zusammen.

So schnell sie konnte rannte Mali los. Aus dem Haus hinaus, einmal quer durch den Garten. Mit einem Sprung, den sie sich nie im Leben zugetraut hätte, sprang sie über den Gartenzaun und rannte weiter. Was so ein bisschen Adrenalin bewirken konnte, war immer wieder erstaunlich.

Im Laufen drehte Mali sich um und sah, dass sich ihr Verfolger derzeit wieder erholt hatte und nun hinter ihr herrannte. Mit einem erstickten Aufschrei rannte sie noch etwas schneller, zwang sich alles zu geben und bog in eine kleine Gasse ab. Mali wunderte sich, dass der Mann nicht schoss. Mit einem Blick zurück erhielt sie Gewissheit über ihre Vermutungen. Der Mann hatte die Pistole, die er fallen gelassen hatte, aus Versehen liegen gelassen. Allerdings würde Malis Vorsprung zu groß werden, wenn er jetzt nochmal zurücklief und sie holen würde. Das schien dem Mann soeben auch bewusst geworden sein, denn er fluchte laut.

Mali bog in eine weitere Gasse ab. In diesem Bezirk der Stadt kannte sie sich nicht mehr aus. Das hielt sie jedoch nicht davon ab noch etwas schneller zu laufen, als die Schritte des Mannes lauter wurden. Ein Zeichen dafür, dass er aufholte.

Malis Brust schmerzte und sie hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Ihre Lunge zog sich immer wieder zusammen, jedoch ohne genügend Sauerstoff einzuatmen. Zum Glück hatte das Seitenstechen, dass sie sonst immer bei Dauerläufen heimsuchte, noch nicht angefangen. Jedoch wusste Mali nicht, ob es besser war Atemnot zu haben. Sie wusste, sie würde dieses Tempo nicht mehr lange durchhalten können und der Mann war sehr schnell. Zu schnell. Das einzige, was sie jetzt noch tun konnte, war ihn abzuschütteln.

Mali bog noch einmal ab. Ihr Verfolger war dicht hinter ihr, als sie bemerkte, dass sie in eine Sackgasse geraten war.

"Jetzt habe ich dich, du freche Göre", schrie der Mann.

Mali sah sich so schnell sie konnte nach einem geeigneten Fluchtweg um. Sie fühlte sich wie ein in die Enge getriebenes Tier. Genau in dem Moment, als ihr klar wurde, dass der Mann binnen weniger Sekunden bei ihr sein würde, entdeckte sie einen schmalen Durchlass zwischen zwei Häusern. So schnell sie konnte, beschleunigte sie ihre Schritte wieder. Dann bog sie in die kleine Gasse zwischen den zwei Häusern ab. Sie war gerade um die Ecke gebogen, als sie plötzlich jemand packte und in einen Hauseingang zog. Sie wollte schreien, doch der Fremde hielt ihr mit der freien Hand den Mund zu. Mali strampelte und trat um sich und musste dabei mehr als einmal das Schienbein des Fremden getroffen haben, doch das schien ihn nicht zu stören. Immer noch hielt er Mali fest und zog sie noch etwas weiter in den Hauseingang, als Malis Verfolger nun auch in die kleine Gasse abbog. Er hatte sie nicht gesehen und Mali drückte sich noch weiter in den Hauseingang hinein. Sie versuchte so gut es ging mit den Schatten zu verschmelzen. Dazu musste sie ihren Rücken ganz dicht an die Brust des Fremden pressen, doch das war ihr in diesem Moment egal. Zu ihrem Glück rannte der Mann, der sie verfolgte, an ihrem Versteck vorbei. Mali atmete erleichtert aus. Sie rechnete damit, dass der Fremde seinen Klammergriff um ihren Brustkorb lösen würde, doch nichts geschah. Der Fremde hielt sie immer noch fest gepackt. Wütend begann Mali wieder zu strampeln, doch gegen die Kraft des Fremden hatte sie keine Chance.

Erst als ihr Verfolger komplett außer Sichtweite war, er war um eine weitere Ecke gebogen, lockerte der Fremde seinen Griff. Mali nutzte die Gelegenheit und riss sich los. Sie drehte sich so, dass sie dem Fremden direkt ins Gesicht schauen konnte und musste zu ihrer Verblüffung feststellen, dass der Fremde ein Junge, nicht viel älter als sie selbst war.

"Wer bist du?", fragte sie erstaunt.

"Das ist jetzt nicht von Bedeutung", meinte der Junge nur.

Es war wie ein elektrischer Schlag der Mali durchfuhr. Sie zuckte zurück. Die Stimme, dachte sie nur. Es ist genau dieselbe Stimme. Und das Gesicht war auch so ähnlich. Entsetzten spiegelte sich in ihren Augen, als sie den Mörder ihrer Mutter wiedererkannte. Aber das konnte doch nicht sein. Wie war er unter dem Schrank hervorgekommen? Warum hatte sie das nicht bemerkt? Sie wich entsetzt vor dem kantigen Gesicht ihres Gegenübers zurück. Ja es waren dieselben dunklen, fast schon schwarzen Augen, dasselbe markante Kinn und das kleine Grübchen auf der rechten Wange.

Der fremde Junge bemerkte, dass Mali drauf und dran war wegzurennen und hielt sie schnell wieder fest. Mali war so unter Schock, dass sie gar nicht ganz verstand, was eigentlich passierte und sie wehrte sich auch nicht. Der Junge hatte ihre Mutter ermordet, aber er hatte sie auch gerade gerettet? Was zählte jetzt? Die Erschöpfung brach über Mali herein und sie nahm alles nur noch wie durch einen Nebelschleier wahr.

Sie konnte sich nur noch daran erinnern, dass der Junge mit seiner freien Hand einen Schlüssel aus der Tasche gezogen und die Tür hinter sich aufgeschlossen hatte. Dann hatte er Mali hindurch geschoben und war mit ihr eine Treppe nach oben gegangen. Auf der Treppe hatten Malis Beine dann den Dienst verweigert und sie war gestürzt, der Junge hatte sie aufgefangen und die letzten Stufen nach oben getragen. Dort hatte er sie in ein Bett gelegt und zugedeckt. Mali war sofort eingeschlafen. Sie hatte nicht einmal mehr mitbekommen, dass der Junge beim Herausgehen die Tür mit einem Schlüssel zuschloss.

12.07.

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Kapitel 6

Als Mali aufwachte wusste sie zunächst nicht, wo sie war. Sie lag in einem Bett, aber es war nicht ihr eigenes. Der Raum, in dem es stand, war spärlich beleuchtet. Um sie herum standen nur ein Schrank, der zu zerfallen drohte, wenn man ihn auch nur berührte, und ein kleiner Tisch, auf dem ein Tablett mit Essen stand. Sofort meldete sich ihr Magen mit einem lauten Knurren. Mali fiel über das Essen her, als hätte sie tagelang nichts gegessen, was zugegebenermaßen ja auch stimmte. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie nichts mehr gegessen. Der Tod. Mit einem Schlag fiel Mali alles wieder ein. Der Tod, der Mann mit der Pistole, der sie verfolgt hatte, der fremde Junge, der ihr geholfen hatte und doch gleichzeitig der Mörder ihrer Mutter war, der sie dann in dieses Haus, in dieses Zimmer gebracht hatte.

Mali stöhnte. Ihr Schädel brummte. Mit einem Seufzen ließ sie sich wieder auf das Bett fallen. Die Gabel noch immer in der Hand. Keine fünf Minuten später, war sie eingeschlafen.

Sie schlief tief und traumlos und als sie zum zweiten Mal an diesem Tag erwachte, fühlte sie sich zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Mutter richtig bei Bewusstsein. Langsam setzte sie sich auf, ihr Kopf tat immer noch weh. Stöhnend fasste sie sich mit einer Hand an den Schädel. Ihre kühlen Finger presste sie auf ihre Schläfen, was erstaunlich guttat.

Malis Augen wanderten umher und suchten die Umgebung ab. Der Tisch, auf dem vorhin das Tablett mit dem Essen gestanden hatte, war leer. Nur noch die Gabel lag auf dem Boden. Sie musste ihr wohl aus der Hand gefallen sein. Die Vorhänge vor dem einzigen Fenster in diesem Zimmer waren zugezogen. Mali stand auf und schob sie zur Seite. Dahinter waren die Rollläden heruntergelassen, sodass Mali nicht nach draußen sehen konnte. Sie öffnete das Fenster und versuchte die Rollläden hochzuschieben. Ohne Erfolg. Sie blickte nach einem Riegel, einer Schnur, irgendetwas, mit dem sie die Rollläden hätte öffnen können, um. Ihr Blick fiel auf ein Tastenfeld neben dem Fenster. Man musste eine kleine weiße Klappe anheben, um an die Tasten heranzukommen. Deswegen war das Feld vor der weißen Wand so gut wie unsichtbar und Mali hatte es jetzt erst bemerkt. Wahllos tippte sie ein paar Zahlen ein. Das Tastenfeld piepste leise. Falscher Code. War ja auch nicht anders zu erwarten gewesen, dachte sich Mali. Sie seufzte. Alle Hoffnungen auf eine Sicht aus dem Fenster waren zerschlagen worden. Das Tastenfeld hatte gepiepst als sie die sechste Zahl eingetippt hatte. Wunderbar. Ein sechsstelliger Code. Da hatte sie erst recht keine Chance ihn jemals zu knacken.

Mali seufzte noch einmal und klopfte mit der Faust gegen den Rollladen. Er gab nicht nach. Sie hatte also keine Ahnung, wo sie sich befand. Mühsam versuchte sich Mali an den Weg zu erinnern, den sie gestern eingeschlagen hatte, aber sie musste bald schon aufgeben. In ihrer Eile hatte sie nicht darauf geachtet, wohin sie gerannt war.

Mali lief zu der Tür und wollte sie öffnen. Verschlossen. Das hatte sie sich doch fast gedacht. Sie war also nicht gerettet worden, sondern nur von dem Mörder ihrer Mutter eingesperrt worden. War der Mann, der sie verfolgt hatte, also kein Komplize von dem Mörder gewesen? Mali verfluchte sich dafür, wie sie nur hatte so dumm sein können. Sie war dem Mörder direkt in die Falle getappt. Nachdenklich starrte sie in die Luft. Sie konnte nicht verstehen, warum dieser Junge ihre Mutter umgebracht hatte. Mali wusste, dass sie auf keine ihrer Fragen eine Antwort finden würde. Mit einem Seufzen ging sie zurück zu ihrem Bett. Sie legte sich hin und starrte an die Decke. An einigen Stellen blätterte der Putz schon ab, aber man konnte noch sehen, wie schön dieses Zimmer mal gewesen sein musste. Nun war es unbenutzt, halb zerfallen und verstaubt. Der Lattenrost des Bettes quietschte leise als Mali sich bewegte. Die Decke über ihr war leicht schräg, wodurch sie sich sicher sein konnte, dass das Zimmer unter dem Dach lag. Immerhin wusste sie, dass sie nicht im Erdgeschoss war. Doch das brachte ihr auch nicht viel. Nur der Gedanke an eine Flucht war damit zerstört worden.

Mali seufzte tief. Und ließ sich zurück in die Kissen sinken. Sie schloss die Augen, öffnete sie aber sofort wieder, als sie eine Stimme direkt neben sich hörte.

"Du bist wach."

Es war keine Frage, eher eine Feststellung. Neben ihr stand der fremde Junge. Er trug nur Jeans. Kein T-Shirt, keine Jacke, rein gar nichts sonst. Sein Oberkörper war gut durchtrainiert und auch sein Gesicht war sehr hübsch. Bis auf die Tatsache, dass genau dieses Gesicht, Malis Mutter getötet hatte. Mali überlief ein Schaudern und sie richtete sich auf. Sie störte es, wie der Junge oberkörperfrei vor ihrem Bett stand und auf sie herunterschaute.

"Wer bist du?", fragte Mali angriffslustig. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe ihren Ärger und ihre Wut aus ihrer Stimme zu verbannen.

Der Junge antwortete nicht sofort. Er musterte Mali. Sein Blick war so tief, dass es Mali das Gefühl gab nichts anzuhaben. Instinktiv sah sie an sich herunter. Sie hatte immer noch Jeans und den blauen Pulli an, den sie an dem Tag, an dem ihre Mutter gestorben war, schon getragen hatte.

Die Erinnerung überwältigte Mali. Nur mit Mühe konnte sie die Tränen zurückhalten. Sie würde doch jetzt nicht vor diesem fremden Jungen anfangen zu heulen. Doch ganz plötzlich hatte sie das absurde Bedürfnis, sich dem Jungen in die Arme zu werfen, sodass er sie festhielt und sie tröstete. Er schien ihr Vertrauen zu erwecken. Mali schüttelte sich bei dem Gedanken. Sie durfte nicht zulassen, dass etwas anderes die Tatsache, dass er ihre Mutter getötet hatte, überdeckte. Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als der Junge ihr endlich antwortete.

"Du siehst gut aus", meinte er und sah Mali in die Augen. In ihrem Blick meinte Mali etwas Dunkles aber auch Trauriges erkennen zu können. Sofort erfasste sie wieder ein Frösteln. Der Junge musste es wohl bemerkt haben, denn er setzte sich neben sie auf das Bett, nahm die Decke und legte sie ihr um die Schultern.

Das war zu viel für Mali. Sie sprang vom Bett auf und stellte sich direkt vor den Jungen, umsichtig darauf bedacht ihm nicht in die Augen zu schauen.

"Wer zur Hölle bist du? Und was mache ich hier? Warum bin ich nicht zu Hause? Kann man mir nicht einfach mal alles erklären?"

Ein Schluchzen schüttelte Mali und sie taumelte. Der Junge sprang vom Bett auf, griff Mali unter den Ellenbogen und stützte sie. Vorsichtig bugsierte er sie auf das Bett und brachte sie dazu sich hinzulegen. Er deckte sie wieder zu.

"Ruh dich etwas aus", meinte er, ging hinaus und schloss die Tür ab.

Nun konnte Mali die Tränen nicht mehr zurückhalten, sie strömten ihr über die Wangen. Alles was sich über die Tage angestaut hatte, brach nun wie ein Wasserfall aus ihr heraus. Schluchzer schüttelten sie und die Tränen ließen sich nicht stoppen. Doch nach all der Zeit, fühlte es sich endlich befreiend an. Die Trauer um ihre Mutter, die Angst, was mit ihr passierte und die Wut darüber, dass sie nicht wusste, wo sie war, wer dieser seltsame Junge war und was er von ihr wollte, bahnten sich einen Weg nach draußen.

Einige Zeit später lag sie einfach nur da und starrte an die Decke. Die Tränen waren versiegt und ihre Augen ausgetrocknet und rot. Sie juckten fürchterlich. Mali wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Einfach hier liegen und warten? Gegenüber vom Fenster hatte Mali noch eine weitere Tür entdeckt, die in ein angrenzendes Bad führte, das Mali sehr gelegen kam. Sie lud sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht. Das Kopfweh ließ langsam nach.

Mali sah sich suchend nach einem Handtuch um, als sie etwas bemerkte. Es war das Fenster, das ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Die Sicht nach draußen war weder von Vorhängen noch von einem Rollladen verdeckt.

Neugierig lief Mali zu dem Fenster und blickte nach draußen. Sie war unter dem Dach, es musste wohl das dritte Stockwerk sein. Die Häuser ringsum sahen zu Malis bitterer Enttäuschung alle gleich aus. Ihre Vermutung hatte sich bestätigt. Sie war noch nie in diesem Viertel gewesen. Allerdings konnte sie auch nicht sagen, wo ihr eigenes Viertel lag. Sie hatte komplett die Orientierung verloren und würde sie so schnell auch nicht wiederbekommen. Mit einem Seufzen drehte Mali sich vom Fenster weg. Viel hatte es ihr nicht gebracht. Das einzige, was sie dadurch erfahren hatte war, dass sie nun wusste, dass eine Fluch unmöglich war. Sie konnte nicht aus dem Fenster springen, wie sie insgeheim gehofft hatte.

Mali seufzte noch mal und ging dann zurück in ihr Zimmer.

Als sie dort ankam saß der fremde Junge auf ihrem Bett und blickte sie an.

"Da bist du ja“, sagte er. Es klang vorwurfsvoll, so, hätte er schon stundenlang auf Mali gewartet.

"Wie es aussieht hast du dich wieder etwas beruhigt", fügte er mit einem leichten Grinsen hinzu.

Mali verlor die Nerven. Wie konnte dieser Typ nur so ruhig bleiben und sie völlig im Unklaren lassen. Er merkte doch, dass sie das wütend machte.

"Sag mir jetzt verdammt nochmal, wer du bist und was das alles hier soll", fauchte sie.

Zum ersten Mal, seit sie hier war, antwortete der Junge ihr etwas Sinnvolles: "Tut mir leid, aber ich darf nichts sagen. Mein Vater hat es mir verboten."

Mali seufzte, aus diesem Typen konnte man einfach nicht schlau werden.

"Kannst du mir wenigstens deinen Namen verraten?", fragte sie genervt.

Der Junge zögerte. Dann schüttelte er den Kopf.

"Nein, tut mir leid. Auch das geht nicht. Wobei, was ist schon dabei. Nenn mich Damian.“

Damian, was für ein seltsamer Name, dachte Mali. Aus ihren Büchern wusste sie, dass Damian für 'der mächtige Mann' steht. Passend dachte sie verbissen.

"Also gut, Damian…warum hast du meine Mutter…" Mali brachte das Wort nicht über die Lippen.

Damian zögerte, dann schüttelte er nur den Kopf.

"Es tut mir wirklich leid, dass du über nichts Bescheid weißt, aber ich darf dir nichts erzählen."

Mali verlor jetzt endgültig die Geduld.

"Verdammt nochmal!“, schrie sie wütend. „Kannst du mir nicht einfach sagen was hier eigentlich gespielt wird? Weißt du wie es sich anfühlt, von dem Mörder der eigenen Mutter gerettet und doch gefangen gehalten zu werden? Weißt du wie ich mich grad fühle?"

"Nein", meinte Damian. "Das weiß ich nicht. Ich würde dir auch gerne helfen, aber mein Vater…" Bei dem Wort Vater stockte er kurz, wie wenn er überlegen musste, ob er jetzt nicht zu viel verraten hatte.

"Dein Vater ist mir scheißegal. Sag mir jetzt endlich was das alles soll!" Mali konnte nur noch mit Mühe die Tränen zurückhalten.

Unten schlug die Haustüre zu. Plötzlich wirkte Damian gehetzt. Wie ein aufgescheuchtes Tier sprang er auf.

"Mein Vater", keuchte er.

Wie ein in die Ecke gedrängtes Tier sah er sich hektisch um dann machte er ein Schritt auf Mali zu und packte sie am Arm.

"Hey!", empörte sie sich.

"Pst!", zischte Damian.

Mit einem flehenden Blick sah er Mali an.

"Bitte, du musst jetzt mitspielen."

Mali kochte vor Wut. "Wieso sollte ich? Du hältst mich hier gefangen und denkst ich mache genau das was du sagst? Da hast du dich gewaltig geschnitten."

Auf der Treppe waren Schritte zu hören. Dann eine tiefe Stimme: "Damian, bist du da oben? Ich habe doch gesagt, dass du nicht zu ihr sollst. Sie ist gefährlich."

Damian geriet in Panik. Irgendwie tat er Mali leid. Doch sie hatte die Schnauze voll davon, immer mitspielen zu müssen. Sie wollte endlich wissen, was hier los war.

„Sag mir endlich was hier los ist“, forderte sie kühl.

"Ok", willigte Damian ein. "Wenn du jetzt mitspielst, bringe ich dich hier raus und erkläre dir alles. Versprochen."

Mali nickte kurz und knapp. Sie wusste nicht warum, doch sie war sich sicher, dass er sein Wort halten würde.

"Danke" flüsterte Damian.

Dann passierte alles sehr schnell. Er ließ sich nach vorne auf Mali fallen. Sie hatte keine Zeit mehr zu reagieren. Der Angriff kam zu schnell, zu unerwartet. Mit einem leisen Aufschrei ging sie zu Boden. Damian zog ein Seil aus der Hosentasche und band ihr die Arme hinter dem Rücken zusammen. Sein Knie hielten ihre Beine gefangen. Mali war unfähig sich zu rühren. Damian war viel stärker als sie. Gegen ihn hatte sie keine Chance.

"Hey!", protestierte sie. Und versuchte sich frei zu strampeln. "Lass mich sofort los!"

"Bitte.“ Damian sah sie wieder mit diesem flehenden Blick an. Dann zog er ein Taschentuch aus der Tasche und stopfte es Mali als Knebel zwischen die Zähne. Mit einem weiteren Seil band er noch ihre Füße zusammen. Genau in dem Moment wurde die Tür aufgerissen. Damian fuhr herum. In der Tür stand ein großer Mann. Es war derselbe Mann, der Mali verfolgt hatte. Und es war derselbe Mann, der Malis Mutter erschossen hatte. Mali hatte das Gesicht sofort wiedererkannt. Und es glich dem von Damian fast aufs Haar. Man sah ganz deutlich, dass der Mann Damians Vater war. Damians Vater hatte ihre Mutter erschossen, nicht Damian. Mali musste würgen.

Damian sah sie an und legte hinter seinem Rücken, für seinen Vater unsichtbar, eine Hand auf ihr Bein, um sie zu beruhigen. Ganz sachte streichelte er ihr Bein mit seinem Daumen. Und zu ihrem Erstaunen beruhigte Mali sich fast sofort. Was zur Hölle stellte er mit ihr an? Verärgert schüttelte Mali seine Hand ab. Er hatte ihre Mutter zwar nicht umgebracht, doch er war der Sohn eines Mörders. Sie konnte es sich nicht leisten ihm zu vertrauen. Das kleine bisschen Vertrauen, das sie ihm schon entgegengebracht hatte, hatte Damian schon vernichtet. Wie hatte sie nur annehmen können, dass er sie wirklich hier rausbrachte?

"Was hast du hier zu suchen, Damian", donnerte Damians Vater jetzt. "Sie ist gefährlich. Sie könnte dir etwas antun."

Damian lachte trocken auf.

"Mir etwas antun? Sie liegt hier geknebelt und zu einem Päckchen verschnürt. Wie zur Hölle, soll die mir was antun!"

"Rede nicht so mit mir!", schrie sein Vater. Er holte aus und gab seinem Sohn eine schallende Backpfeife.

Mali gab einen erstickten Laut von sich. Die Erinnerung überflutete sie. Auch sie hatte die gleiche Ohrfeige von ihm erhalten.

"Halt die Klappe", schimpfte der Mann an sie gewandt und Mali verstummte augenblicklich. Dann zog er Damian auf die Füße und verließ mit ihm zusammen das Zimmer. Er schloss hinter ihnen ab.

Jetzt war Mali wieder alleine. Und sie wusste noch weniger als zuvor, lag hier zusammengeschnürt und geknebelt und konnte sich nicht einmal bewegen. Ihre Beine schliefen allmählich ein. Wie hatte sie nur so dumm sein können und auf Damian hereinfallen können. Damian hatte sie in das Haus seines Vaters gebracht. Seinem Vater, der sie umbringen wollte, direkt vor die Füße gesetzt. Sie hatte sich von ihm um den Finger wickeln lassen. Wie hatte sie nur so dämlich sein können und ihm vertrauen können? Jetzt lag sie hier gefesselt und war nur noch ein leichtes Spiel für Damians Vater. Er musst nur seine Waffe auf sie richten und abdrücken. Sie konnte sich nicht mal wehren. Sie konnte nichts tun als warten. Warten, dass Damians Vater endlich kam und sie erschoss. Sie hatte schließlich nichts anderes verdient als das. Wie hatte sie nur so dumm sein können. Sie hatte doch tatsächlich geglaubt, Damian würde ihr helfen.

Erschöpft ließ sie den Kopf auf den Boden sinken und schloss die Augen. Wenige Minuten später war sie auch schon eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wachte Mali davon auf, dass jemand leise die Tür öffnete. Panisch versuchte sie sich so zu drehen, dass sie die Tür im Blick hatte. Ein stechender Schmerz fuhr durch ihre Hüfte, die in einem komischen Winkel zusammengeschnürt gewesen war. Ihre Beine waren eingeschlafen und kribbelten unangenehm. Mali musste ein Wimmern unterdrücken. Die Tür öffnete sich ganz und im Türrahmen erkannte Mali eine dunkel gekleidete, große Person. Mali blinzelte. Sie konnte nicht erkennen, wer die Person war. Als diese jedoch einen Schritt auf Mali zumachte, erkannte sie Damian und seufze zu ihrem Unwillen erleichtert auf. War er hier, um sein Versprechen zu halten? Um sie doch noch zu befreien? Das konnte Mali fast nicht glauben. Und doch kam Damian zu ihr und löste ihre Fesseln. Den Knebel zog sie sich dann selbst aus dem Mund.

„Was sollte das denn jetzt bitte schön, was habe ich dir getan?“

„Pst.“, Damian sah sich erschrocken um. „Nicht so laut. Sonst hört mich mein Vater.“

„Dein Vater weiß nicht, dass du bei mir bist?“, fragte Mali verunsichert. Konnte sie seinen Worten Glauben schenken?

„Nein, und er soll es auch nie erfahren“, antwortete Damian leise. „Deswegen wäre ich dir sehr dankbar, wenn du etwas leiser sein könntest.“

„Was hast du vor?“ Mali streckte vorsichtig ihre Beine aus und ein scharfer Schmerz durchzuckte sie. Jetzt fing auch noch das andere Bein an zu kribbeln. Mit den Händen rieb sie sich über die Handgelenke, dort wo ihr die Fesseln in die Haut eingeschnitten hatten. Rote Striemen zogen sich über ihre Handgelenke, doch nach Malis Urteil waren sie nicht tief genug, um Narben zu hinterlassen. Das war gut. Die Striemen würden in drei oder vier Stunden nicht mehr zu sehen sein. Damian streckte ihr eine Hand hin und half ihr auf. Mali schwankte leicht, doch sie schaffte es stehen zu bleiben und nicht umzufallen.

Damian ging zum Fenster. Er öffnete als erstes das Fenster selbst und dann den Rollladen, indem er einem Code in das Tastenfeld eingab. Mit einem leisen Quietschen, er war schon längere Zeit nicht mehr geölt worden, wurde er noch oben gezogen.

„Meinst du, du schaffst es aus dem Fenster zu klettern?“, fragte er flüsternd.

Mali nickte nur. Was hatte er vor? Wollte er wirklich mit ihr aus dem Fenster springen? Aus dem dritten Stock? Wie verrückt war das denn bitte schön. Doch Mali wusste auch, dass es ihre einzige Chance war. Sie musste Damian vertrauen. Also trat sie entschlossen neben ihn ans Fenster.

„Und du willst mich hier jetzt wirklich rausholen? Egal was dein Vater davon denkt?“, fragte sie immer noch nicht ganz überzeugt. Sie fragte sich, ob er nur wieder ein nächstes Spielchen mit ihr spielte und sie auf direktem Weg zu seinem Vater brachte. Doch andererseits hätte er das auch einfacher haben können. Mali wusste, dass sie auf ihr Vertrauen zu ihm angewiesen war, wenn sie die Chance ergreifen wollte von hier zu fliehen. Sie durfte jetzt nicht zweifeln.

„Ja was denn sonst?“, antwortete Damian in diesem Moment. „Und mein Vater ist mir egal. Der erlaubt mir sowieso nichts“, fügte er bitter hinzu.

„Und das ist nicht irgendeine Falle?“, fragte Mali trotzdem. „Du lockst mich nicht hier raus und um die Ecke wartet dann dein Vater, bereit mich umzubringen?“

Damian sah Mali ernsthaft schockiert an.

„Das ist es also, was du von mir denkst?“

Mali konnte sehen, wie verletzend der Gedanke für ihn sein musste. Vielleicht war er ja wirklich nur nett und wollte ihr helfen. Sie sollte ihm mehr Vertrauen schenken. Es tat ihr wirklich leid, ihn so verletzt zu haben.

„Nein, nein“, meinte sie schnell. „So habe ich das nicht gemeint. Aber weißt du, dein Vater hat meine Mutter“ Sie zögerte kurz. „umgebracht“, presste sie hervor. Dann sprach sie ganz schnell weiter. An ihre Mutter zu denken, tat ihr immer noch weh.

„Und dann hat er mich verfolgt, um mich ebenfalls umzubringen. Da ist es schwer Vertrauen zu haben und nicht bei jeder Möglichkeit eine Falle zu vermuten. Das musst du doch auch verstehen, oder?“

Sie sah Damian erwartungsvoll an, in der Hoffnung, dass… Ja das was eigentlich? Dass diese Worte ihn glücklich machen würden? Den verletzenden Satz ausradieren würden? Mali seufzte und drehte sich zum Fenster, bereit die Flucht zu wagen und Damian zu vertrauen. Damian der immer noch kein Wort sagte drehte sich auch wieder dem Fenster zu.

Eine Weile starrten sie beide nur aus dem Fenster. Dann räusperte sich Mali und fragte mit einem Krächzen: „Können wir dann gehen?“

Damian schien wie aus einer Trance zu erwachen. Verwirrt, wie um festzustellen, wer gerade gesprochen hatte, sah er sich um.

„Ähm, ja natürlich. Klar doch.“

Er stellte sich direkt unter das Fenster und formte seine Hände zu einer Räuberleiter. Mali stieg hinein und schwang ihr linkes Bein über den Rahmen. Dann kletterte sie nach draußen und setzte sie sich auf den kleinen Vorsprung, der draußen direkt unterhalb des Fensterrahmens angebracht war. Er war nicht sehr breit, doch immerhin breit genug, dass sie sich einigermaßen sicher fühlte, als sie darauf saß. Sie rutschte ein Stück zur Seite, um Damian Platz zu machen und sah dann nach unten. Es ging etwa zehn Meter in die Tiefe und unwillkürlich rutschte Mali wieder ein Stück zurück ins Zimmer. Was hatte sie auch erwartet. Schließlich befanden sie sich im dritten Stock, direkt unter dem Dach.

„Keine Angst, du schaffst das.“ Damian war plötzlich neben ihr aufgetaucht. Ohne ein Geräusch zu machen, war er neben Mali auf den Fenstersims geklettert.

„Siehst du das Regenrohr da?“ Er zeigte mit dem Arm links neben sich auf ein altes, verrostetes Regenrohr, das etwa einen halben Meter vom Fenstersims entfernt in die Tiefe führte.

„Ich gehe vor und fang dich zur Not auf. Wenn es dir zu anstrengend ist, dann kannst du im ersten Stock, auf diesem kleinen Sockel da unten, kurz Pause machen, alles klar?“

Damian sah Mali abwartend an. Mali konnte nicht nicken. Die Angst lähmte sie.

„Und dieses Regenrohr hält mich?“, brachte sie mit einem Krächzen hervor. Ein kleines hysterisches Lachen bahnte sich den Weg von Malis Kehle nach draußen.

„Das ist doch bestimmt schon ein halbes Jahrhundert alt. Wahrscheinlich zerfällt es in lauter Einzelteile, wenn ich es auch nur berühre.“

Damian lachte leise.

„Keine Sorge, das ist stabiler als es aussieht. Das kannst du mir glauben. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich auf diesem Weg aus dem Haus gehe.“

Mit einem geschmeidigen, katzenähnlichen Sprung schwang er sich an das Regenrohr und kletterte in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit daran herunter. Das Rohr gab ein wenig vertrauenerweckendes Quietschen von sich, doch es schien zu halten.

In der Tat sah es so aus, als ob es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass Damian an dem Regenrohr hinuntergeklettert war. Mali fragte sich im Stillen, was für Gründe es geben könnte, dass man in seinem eigenen Haus aus dem Fenster klettert und an einem Regenrohr hinunterrutscht, um aus dem Haus zu gelangen.

Sie sah zu dem Rohr hinüber und ganz plötzlich kam es ihr unendlich weit weg vor. Sie würde springen müssen, um es zu erreichen. Damian hatte sich nur ein ganz kleines bisschen von dem Fenstersims abstoßen müssen, es hatte so leicht ausgesehen. Doch Mali wurde plötzlich bewusst, dass sie mindestens fünfzehn Zentimeter kleiner war als er. Bei dem Sprung könnte sie abrutschen, in die Tiefe stürzen und sich das Handgelenk brechen. Sie könnte das Rohr aus Versehen loslassen und würde sie nicht nur das Handgelenk, sondern mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit alle Knochen brechen, wenn sie denn überhaupt noch leben würde. Konnte man einen Sturz aus dem dritten Stock überleben? Höchstwahrscheinlich nicht, dachte Mali verbittert.

Von unten sah Damian erwartungsvoll zu ihr hoch und gab ihr minder hilfreiche Tipps.

„Du musst dich nur leicht abstoßen und dann das Rohr ganz festhalten, sonst fällst du runter.“

Ach, was du nicht sagst, dachte Mali bissig.

Nichtsdestotrotz fixierte sie das Rohr und machte sich zum Absprung bereit. Sie saß in der Hocke auf dem Fenstersims. Mit einer Hand hielt sie sich am Fensterrahmen fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und schon vor dem Sprung in die Tiefe zu stürzen.

In ihrem Kopf lieferten sich zwei Gedanken eine Rauferei darum, welcher ihren Kopf besetzen würde. Der erste war: Spring, du schaffst das. Glaub an dich. Der zweite eher nicht ermutigend, nämlich, du wirst dir alle Knochen brechen, wenn nicht sogar sterben.

Bevor eine der Gedanken gewonnen hatte, beschloss Mali zu springen. In ihrem Kopf zählte sie bis drei. Eins. Zwei. Drei. Auf drei stieß sie sich so kräftig vom Fenstersims ab, wie sie nur konnte. Im Flug streckte sie die Arme aus, um nach dem Regenrohr, das immer schneller auf sie zugeflogen kam, zu greifen. Wie von selbst schlossen sich ihre Hände um das Rohr und klammerten sich daran fest. Mali hatte etwas zu viel Schwung geholt. Verzweifelt diesen Schwung abzufedern, so dass sie nicht am Rohr vorbeiflog, rutschten ihre Hände ein Stück an dem Regenrohr herunter. Mit einem Schrei, unfähig ihren Fall entlang des Regenrohrs zu verhindern, rutschte Mali immer weiter in die Tiefe. Ihre Handflächen, die sie immer noch an das Regenrohr gepresst hielt, brannten, als sie daran herunterrutschten. Jedoch bremsten sie Mali so weit, dass sie fast sanft von Damian unten aufgefangen wurde. Mali keuchte erleichtert auf.

„Das müssen wir noch mal üben“ Damian lachte leise. Dann stellte er Mali auf ihre eigenen Füße und nahm sie bei der Hand. Er zog sie hinter sich her die Straße hinunter.

Plötzlich hörten sie einen Schrei. Es war Damians Vater. Er hatte ihre Flucht bemerkt und stand jetzt im Türrahmen. In der Hand hielt er zu Malis Entsetzen eine Pistole. Sie hatte nur kurz einen Blick über die Schulter geworfen, was jedoch nicht stehen geblieben. Sie musste es bis zu der Ecke da vorne schaffen, dann könnte Damians Vater nicht auf sie schießen.

„Bleibt sofort stehen, oder ich schieße“, schrie er ihnen hinterher. Doch sie beide dachten gar nicht daran.

Plötzlich knallte es direkt neben Mali. Sie schrie laut auf. Damians Vater hatte tatsächlich auf sie geschossen. Er hatte tatsächlich auf seinen eigenen Sohn geschossen. Die Kugel hatte sie beide nur knapp verfehlt.

Damian zog an Malis Arm und sie rannten nur noch etwas schneller. Damian fluchte leise, als die nächste Kugel neben ihnen einschlug. Sie liefen jetzt im Zick Zack, um ein nicht so leichtes Zeil für die Pistole abzugeben.

„Das werde ich dir nie verzeihen, du Verräter“, schrie Damians Vater jetzt. „Ich bring dich um, wenn ich dich in die Finger kriege!“

Er schoss noch wieder. Zwei Kugeln schlugen in die Hauswand neben ihnen ein.

Da die Ecke, es waren noch fünf, vier, drei Meter.

Sie bogen gerade um eine Ecke, als eine Kugel in die Hauswand hinter ihnen einschlug und kleine Splitter regnen ließ. Die Schreie von Damians Vater wurden leiser, und obwohl sie sich sicher waren, dass er sie nicht verfolgte, rannten sie immer noch.

Um eine Ecke, dann um eine weiter, dann noch eine. Mali hatte die Orientierung verloren, doch sie ließ sich von Damian leiten. Scheinbar hatte er ein Ziel.

Mali keuchte schwer. So ein Sprint war ihre Ausdauer nicht gewohnt und sofort zogen sich ihre Lungenflügel krampfhaft zusammen, um nach Luft zu schnappen. Damian machte jedoch erst langsam, als sie vor einer kleinen baufälligen Scheune standen. Sie mussten sich inzwischen schon etwas außerhalb der Stadt befinden, denn Mali hatte diese Scheune noch nie bewusst wahrgenommen. Es war ein Schuppen, in der Größe eines kleinen Unterstandes für Tiere. Und genauso roch er auch. Als Damian die quietschenden Scheunentore öffnete schlug Mali sofort der Geruch von Bauernhof ins Gesicht. Die Scheune war jedoch leer. Überall lag Stroh und Heu, auch auf dem kleinen Heuboden. Die kleine Leiter, die auf den Boden hinaufführte, sah vertrauenerweckender aus als das Regenrohr fand Mali und kletterte beruhigt hinauf als Damian ihr offenbarte, dass das ihr Nachtlager werden würde.

Mali wunderte sich inzwischen über fast nichts mehr. In weniger als ein paar Tagen war ihr Leben so aus den Fugen geraten, dass es ihr nur recht war, wenn jemand anderes die Entscheidungen traf. Sie war sehr müde und freute sich darauf, schlafen zu können, auch wenn es nur ein paar Stunden auf einem Heuhaufen bedeutete. Damian folgte ihr, als er sich vergewissert hatte, dass das Scheunentor verriegelt war. Er setzte sich neben Mali ins Heu.

„Hier wird uns niemand finden“, sagte er. Dessen war sich Mali ebenfalls sicher.

Auch wenn sie gerne sofort die Augen geschlossen hatte, war sie doch neugierig, wie es weitergehen sollte.

„Was ist der Plan?“, fragte sie deshalb.

Damian schwieg eine Weile. Mali erwartete schon wieder keine Antwort zu bekommen, als er sich schließlich doch noch räusperte.

„Der eigentliche Plan war, dich hier abzuliefern, dann kannst du dorthin gehen, wohin du willst und ich würde wieder zu meinem Vater zurückkehren. Er würde nie etwas davon bemerken, dass ich dir zur Flucht verholfen hätte. Ich hätte am Morgen einfach gesagt, dass ich keine Ahnung hätte, wo du seist und, dass du wohl aus dem Fenster abgehauen bist. Jetzt, wo mein Vater durch deinen Schrei auf deine Flucht aufmerksam geworden ist, muss ich wohl oder übel hierbleiben. Zurück kann ich jetzt jedenfalls nicht mehr. So viel ist klar. Mein Vater reißt mir den Kopf ab, wenn ich mich wieder blicken lasse, das hast du ja gehört.“

Mali sah betreten zu Boden.

„Tut mir leid“, murmelte sie leise.

„Ist schon ok.“ Damian zuckte mit den Schultern. „Ganz ehrlich, so toll ist es bei meinem Vater auch nicht, dass ich unbedingt zurück möchte. Hier erlebe ich wenigstens Abenteuer. Oder so etwas wie ein Abenteuer. Kommt ganz darauf an.“

„Worauf?“, fragte Mali neugierig.

„Darauf, was du jetzt vorhast. Wenn du zurück nach Hause gehst, wird das ziemlich langweilig für mich, denke ich. Dann muss ich mir irgendwas suchen, wo ich blieben kann. Wenn du jedoch irgendeinen geheimen Auftrag zu erledigen hast, dann denke ich würde das schon spannender werden.“

Mali fasste sich ertappt an die Jackentasche. Dort hatte sie die Papiere ihrer Mutter versteckt. Es war, wenn man es genau nahm, schon eine Art Geheimauftrag, den sie da zu erledigen hatte. Und da sie keine Ahnung hatte, wie sie diesen Carlos Vendris finden sollte, kam es ihr nur Recht, dass sie etwas Hilfe hatte.

„Du willst mich also begleiten, bei dem was ich tun muss?“

„Du hast also tatsächlich einen Geheimauftrag?“, fragte Damian mit einem Grinsen. „Das passiert einem nicht alle Tage, dass da ein Mädchen angelaufen kommt, mit dem man aus dem dritten Stock springen muss, um dann eine geheime Mission zu erledigen. Ich dachte sowas gibt es nur in Büchern“, sagte er immer noch grinsend. Mali fand, dass es tatsächlich komisch klang, wenn Damian die Ereignisse so kurz zusammenfasste. Und doch war es genauso passiert.

Damian wurde wieder ernster und dachte über Malis Frage nach.

„Kommt drauf an, was dein Geheimauftrag ist.“, antwortete er ihr dann, wobei er wieder grinste, als er das Wort Geheimauftrag mit Gänsefüßchen untermalte.

Mali erinnerte sich daran, dass sie ihm vertrauen wollte. Also entschied sie sich für die Wahrheit.

„Ich muss eine Art Geheimbotschaft von meiner Mutter überbringen.“

„Ah eine Geheimbotschaft also. Und was steht da drin? Wie man eine Atombombe baut, oder irgendwelche Rachepläne?“

Mali musste ebenfalls grinsen, es machte Spaß mit Damian herumzualbern. So war die Wahrheit, die sich immer hinter ihren Sätzen verbarg, besser zu ertragen.

„Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung“, gab Mali zu. Sie zog die inzwischen schon verknitterten Aufzeichnungen ihrer Mutter aus ihrer Jackentasche und breitete sie vor Damian aus. Du kannst es dir mal anschauen. Ich kann mir jedenfalls keinen Reim darauf machen.“

Damian überflog die Zettel schnell. Dann ließ er sie sinken und dachte nach. Mali kam diese plötzliche Stille unangenehm vor. Also fragte sie ungeduldig: „Und? Irgendeine Idee?“

Damian schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid, Holmes, da kann ich Ihnen leider nicht behilflich sein.“ Damian grinste wieder.

„Da enttäuschen Sie mich aber, Watson“, erwiderte Mali ebenfalls mit einem Grinsen.

„Was machen wir jetzt?“ Es war das erste Mal, dass Mali Damian ratlos erlebte.

„Ich wollte noch mal zurück in unser Haus. Vielleicht finde ich da noch etwas, was mich weiterbringen könnte. Und sei es nur um ein paar Klamotten zu holen, für den Fall, dass ich dort nicht bleiben werde.“

„Also dann“, meinte Damian schläfrig. „Für morgen haben wir ja schon mal einen Plan. Das klingt gut.“ Er ließ sich rückwärts ins Heu fallen und blickte an die Scheunendecke. Er schien schon wieder in Gedanken versunken.

Auch Mali rollte sich auf die Seite und dachte nach. Sie erinnerte sich noch glasklar an die letzten Worte ihrer Mutter. Sie soll die Aufzeichnungen zu einem Carlos Vendris in den Wald bringen. Das war schon seltsam kryptisch gewesen, und dann erst die Aufzeichnungen selber. Auf nichts von beidem konnte Mali sich einen Reim machen, weswegen sie froh war so etwas, wie einen Verbündeten zu haben. Allerdings konnte sie nicht genau sagen, warum sie Damian das mit Carlos Vendris verschwiegen hatte. Vielleicht war das Vertrauen zwischen ihnen noch nicht groß genug und Damian musste sich diesen letzten Vertrauensbeweis erst noch erarbeiten, oder aber ihr Unterbewusstsein hielt ihn immer noch für den Mörder ihrer Mutter, so dass es immer damit rechnete, dass er einfach wieder verschwinden und sie seinem Vater ausleifern würde. Nein. Sie konnte sich noch nicht sicher sein, wer Damian war, weshalb es nur selbstverständlich war, weshalb sie ihm diese Informationen vorenthielt. Wenn es an der Zeit wäre, würde sie ihn schon noch einweihen.

Mali hörte ein Rascheln neben sich. Sie drehte sich zu Damian um. Er hatte sich aufgesetzt und sah sie jetzt fragend an.

„Ähm, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber wie heißt du eigentlich?“

Mali sah ihn erstaunt an, dann aber wurde ihr bewusst, dass sie ihm ihren Namen tatsächlich noch gar nicht verraten hatte. Sie schämte sich augenblicklich dafür. Ständig verlangte sie Antworten, doch sie selbst hatte ihm noch weniger gesagt als er ihr. Dabei war es nur verständlich, dass sie das in all der Aufregung der letzten Stunden komplett vergessen hatte.

„Mali“, murmelte sie leise. „Also eigentlich Amalia, aber jeder nennt mich nur Mali“, fügte sie vollständigkeitshalber noch hinzu.

„Macht es dir was aus, wenn ich dich auch Mali nenne?“, fragte Damian.

„Nein, das macht mir gar nichts aus. Das ist voll ok. Wie gesagt, jeder nennt mich so, auch meine Mutter.“

Damian nickte. Dann schwiegen sie wieder eine Zeit lang.

„Mali?“

„Ja?“

„Du hast vorhin gesagt, dass es schwer ist mir zu vertrauen, weil mein Vater deine Mutter umgebracht hat und so. Du erinnerst dich?“

Mali nickte. Sie wusste nicht worauf Damian hinauswollte.

Die nächste Frage schien ihm schwer zu fallen.

„Meinst du…du könntest mir vertrauen, wenn ich dir die ganze Wahrheit erzähle?“

Mali wunderte sich etwas über die Frage. Doch schließlich nickte sie.

„Ich denke schon, dass ich das könnte, wenn du komplett ehrlich bist.“

Damian nickte ebenfalls. „Ich verspreche es.“

Dann schwieg er wieder eine Weile, bevor er leise zu sprechen begann. Mali verstand ihn kaum, wagte es jedoch nicht ihn zu unterbrechen.

„Das was du gesagt hast, stimmt nicht komplett. Mein Vater hat deine Mutter nicht umgebracht. Das war mein Onkel.“

„Dein Onkel?“, fragte Mali ungläubig. Jetzt hatte sie Damian doch unterbrochen. „Seht ihr euch also alle so ähnlich?“

Damian zuckte mit den Schultern.

„Mein Onkel ist, wie du eigentlich wissen müsstest bei dem Tod deiner Mutter ebenfalls gestorben. Mein Vater, hat dich dann nur herausgeholt. Aber ja es stimmt, er will auch dich umbringen.“

„Warum?“

„Ich weiß es nicht“, meinte Damian ausweichend.

„Damian, du hast versprochen ehrlich zu sein.“

Damian nickte gequält.

„Also gut, er will die komplette Linie deiner Mutter auslöschen, mehr kann ich dir nicht sagen.“ Er schluckte schwer.

„Warum kannst du nicht?“ Malis Stimme war nun nicht mehr als nur noch ein leises Flüstern.

Damian schien mit sich zu ringen. Wahrscheinlich verfluchte er sich selbst dafür ihr versprochen zu haben, ehrlich zu sein, dachte Mali grimmig.

„Ich kann es dir nicht sagen“, auch Damians Stimme war nur noch ein Flüstern. „Ich weiß nicht, ob ich dir genug vertrauen kann, dass du dieses Geheimnis bewahrst. Solange ich mir da nicht sicher bin, kann ich es dir nicht sagen.“

„Du erwartest von mir, dass ich dir voll und ganz vertraue, aber selber vertraust du mir nicht genug, um mir anzuvertrauen, warum dein Vater mich tot sehen möchte? Findest du das nicht auch ein bisschen kindisch?“ Mali versuchte sich ihre Gekränktheit nicht anmerken zu lassen. Sie hatte sich empört aufgesetzt und blickte Damian jetzt von oben an. Er wich ihrem Blick aus.

„Mali, ich weiß, dass ich dich damit verletzt habe. Aber…“

„Was aber?“ Mali war jetzt erst richtig sauer. Was konnte er ihr jetzt noch für eine Erklärung für sein Verhalten liefern, ohne es noch schlimmer zu machen.

„Aber…es tut mir leid.“ Damian sah sie flehend an. Was wollte er? Dass sie ihm vergab?

„Ach ja es tut dir leid.“ Mali lachte verächtlich. „Bist du wirklich so naiv zu glauben, dass es das jetzt wiedergutmacht?“

„Nein bin ich nicht.“ Damian senkte den Blick. „Gute Nacht Mali, schlaf gut.“ Er legte sich wieder hin und drehte sich mit dem Rücken zu Mali.

Mali sah ihn nur verdutzt an. Was war das denn bitte schön wieder gewesen. Damian verhielt sich manchmal echt seltsam. Langsam und immer noch verwirrt legte auch sie sich hin. Doch einschlafen konnte sie jetzt nicht mehr so schnell. Dafür schwirrten ihr zu viele Fragen durch den Kopf.

20.07

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Kapitel 7

Mali beobachtete wie die ersten Sonnenstrahlen durch das kleine Scheunenfenster fielen. Sie musste wohl doch etwas geschlafen haben, denn sie fühlte sich fast fit. So leise wie möglich stand sie auf. Sie würde sich jetzt auf den Weg nach Hause machen, und zwar ohne Damian. Mit einem Blick zu ihm vergewisserte sie sich, dass er immer noch schlief. Sie klopfte sich das Heu aus der Kleidung und stieg dann rückwärts die Leiter hinab. Eine der Stufen knarzte etwas, als Mali darauf trat. Mit angehaltenem Atem sah sie zu Damian. Er regte sich jedoch nicht einen Zentimeter. Sein Atem ging immer noch gleichmäßig.

Mali öffnete das Scheunentor einen Spalt breit. Es gab ein leises Quietschen von sich. Sie atmete die frische Luft ein, die ihr draußen entgegenschlug. Dann machte sie sich auf in die Richtung, aus der sie in der Nacht gekommen waren. Ihr Plan war, dass sie jetzt erstmal in Richtung Stadtmitte laufen würde, bis sie wieder wusste, wo sie eigentlich war.

„Ich würde in die andere Richtung laufen, wenn du nach Hause willst“, ertönte plötzlich eine Stimme hinter Mali. Sie fuhr erschrocken herum. Damian.

„Was machst du denn hier?“, fauchte Mali. „Ich brauche dich nicht. Ich gehe alleine.“

„Mali, du hast versprochen mir zu vertrauen.“ Damian stand jetzt direkt vor ihr und blickte ihr in die Augen.

„Erstens habe ich es dir nicht versprochen und zweitens war die Bedingung, dass du ehrlich bist, was du nicht warst.“ Mali war sauer. Was dachte der eigentlich, was für Spielchen er mit ihr spielen konnte.

„Wenn das, was ich gestern gesagt habe nicht ehrlich war, dann weiß ich auch nicht“, meinte Damian.

Mali knirschte mit den Zähnen. Sie musste zugeben, dass er Recht hatte. Er war wirklich ehrlich gewesen. Er konnte ja nichts dafür, dass ihr die Wahrheit nicht gefiel.

„Also gut.“ Mali zuckte mit den Schultern. „Aber du leistest keinen Widerspruch und ich entscheide, was wir machen, bis wir wieder aus dem Haus raus sind, auch welchen Weg wir dahin nehmen, ist das klar?“

Damian nickte. „Ja, aber ich würde den anderen Weg…“

Mali schnitt ihm das Wort ab.

„Also dann gehen wir.“

Sie schlug ihren Weg ein. Sie wusste nicht, ob es ihr Trotz oder mangelndes Vertrauen war, sie wollte jedoch auf keinen Fall den Weg gehen, den Damian vorgeschlagen hatte. Zügig liefen sie nebeneinanderher, keiner von beiden sagte ein Wort. Sie beide waren in ihre eigenen Gedanken versunken.

Nach ein paar Minuten kamen sie wieder in die Stadt. Mali erinnerte sich an die dunklen Gassen, die sie gestern Nacht entlang gerannt waren, die unheimlichen Schatten, die durch das diffuse Licht der Straßenlaternen auf die Hauswände geworfen wurden, die alles umfassende Stille. Doch jetzt war alles anders. Die Gassen sahen freundlich aus, nicht mehr bedrohlich. Es herrschte reges Treiben. Es war zwar noch früh am Morgen und doch liefen schon einige Menschen zügig durch die Straßen. Die Stille war dem leisen Gemurmel der Leute gewichen. Die Leute schienen fröhlich.

Mali sah eine kleine Traube Leute dicht beieinanderstehen. Sie redeten miteinander. Scheinbar ging es um Klatsch und Tratsch, so wie die Leute ihre Köpfe zusammensteckten.

Mali und Damian stürzten sich in das Labyrinth der Gassen. Plötzlich blieb Mali stehen. Am Ende der Gasse, die sie gerade betreten hatten, sah sie den alten Marktplatz. Er war leer. Wie immer. Seit Mali denken konnte, hatte niemand den Platz betreten. Die Leute mieden ihn und gingen mit gesenktem Kopf daran vorbei, um ihn nicht ansehen zu müssen. In der Mitte des großen, runden Platzes stand ein Brunnen. Der Brunnen war seit Jahren nicht mehr in Betrieb, über dem Rand hingen angetrocknete Algen. Das Rohr, das sich aus einem Steinquader über den Brunnen erstreckte und aus dem früher vermutlich immer das Wasser rausgelaufen war, rostete inzwischen schon. Die Steinwände des Brunnens waren mit Moos bewachsen und die schönen, in den Stein gemeißelten Figuren schon fast nicht mehr zu sehen. Hinter dem Brunnen stand eine große Steintafel. Auf einem kleinen Sockel davor, lagen ein paar, inzwischen schon zu Staub zerfallene, Blumensträuße. Niemand schien sie wegzunehmen. Niemand schien neue, frische dazuzulegen. Auch die Steintafel war schon mit Moos bewachsen, wenn auch nicht so stark wie der Brunnen. Nur wenige der Namen, die auf die Tafel geritzt waren, konnte man gerade noch so entziffern. Alle anderen waren schon komplett verwittert. Es waren viele Namen, sehr viele. Sie standen unter einer Inschrift mit den Worten: Die Verstorbenen. Daneben prangte ein Datum. Die Jahreszahl war ebenfalls zu verwittert, um sie noch lesen zu können, doch den Tag konnte Mali gut lesen. Es war der zweite Juli gewesen.

Mali war schon oft vor dem Platz stehen geblieben. Sie hatte sich jedoch nicht getraut ihn zu betreten. Die Tafel jedoch hatte sie sich immer von der Weite angeschaut, weswegen sie viele der Namen, die hineingeritzt und noch nicht verwittert waren, kannte. May Abraham, Sina Bauer, Max und Cloe Belfour, waren nur die ersten Namen von den insgesamt 518. Mali kannte fast niemanden von diesen Personen. Belfour hieß ein Mädchen aus ihrer Stufe mit Nachnamen, wenn sie sich recht erinnerte, aber der Zusammenhang war ihr unklar. Emma Belfour war ein sehr schüchternes Mädchen. Mali hatte kaum etwas mit ihr zu tun.

Das Denkmal auf dem Platz war sicher schon sehr alt. Es zeugte von irgendeinem Krieg. Mali hatte es jedoch nie gewagt jemanden danach zu fragen. Die Leute wurden komisch, wenn man auf das Thema zu sprechen kam. Sie mieden den Blick auf das Denkmal, sie mieden das Thema und Mali wollte nicht diejenige sein, die das Thema auf den Tisch brachte. Auch ihre Mutter hatte sie nie nach dem Denkmal gefragt. Ihr war schon mehrfach aufgefallen, dass ihre Mutter immer das Gesicht verzog, wenn sie an dem Denkmal vorbeigingen, ganz so, als ob sie Schmerzen hätte. Mali wollte sie nicht auch noch damit belästigen und danach zu fragen. Und alle jüngeren Leute schien es entweder nicht zu interessieren, was damals vorgefallen war, oder die, die es doch interessierte, wussten ebenso wenig wie Mali darüber Bescheid.

Da Mali so abrupt stehen geblieben war, wäre Damian fast in sie hineingelaufen.

„Was ist?“, fragte er.

Mali schüttelte nur den Kopf. Sie wusste jetzt endlich, wo sie waren. Von hier würde sie den Weg nach Hause finden. Es war nicht mehr allzu weit, jedoch musste sie sich eingestehen, dass Damian wirklich recht gehabt hatte. Der Weg, den er davor vorgeschlagen hatte, wäre wirklich kürzer gewesen.

„Du hattest Recht“, gab Mali kleinlaut zu. „Deiner war wirklich der kürzere Weg.“

Sie blickte Damian an. Halb rechnete sie schon mit einer bissigen Bemerkung von wegen, ich habe es dir doch gesagt, oder hättest du mal besser auf mich gehört, doch Damian schwieg nur. Die einzige Regung war ein kurzes Nicken. Dann nahm er Malis Arm und zog sie weiter.

Mali wusste nicht genau, was sie von dieser Reaktion halten sollte, doch sie war froh darüber, dass Damian ihr nicht unter die Nase rieb, dass er doch Recht gehabt hatte. Sie mochte es nicht, wenn sie Fehler machte und jemand ihr dann deutlich zu verstehen gab, dass er besser war als sie.

Als sie dann endlich vor der Haustür ihres Hauses standen, kamen bei Mali die ersten Zweifel. War es eine gute Idee, wieder zurückzukommen? Würde der Leichnam ihrer Mutter immer noch da liegen? Bei dem Gedanken daran drehte sich Malis Magen um. Ihre Hand verkrampfte sich um die Türklinke.

Damian schien ihr ihre Gedanken ansehen zu können. Er legte seine Hand auf Malis und sah sie abwartend an.

„Bereit?“

Mali nickte nur. Dann drückte Damian die Klinke gemeinsam mit Malis Hand herunter. Die Tür war nicht abgeschlossen und schwang nach innen auf. Im Flur war es dunkel. Nur das wenige Licht, das durch den Türspalt zur Küche fiel, warf einen leuchtenden Streifen auf den alten Teppich. Mali tastete nach dem Lichtschalter. Mit einem Flackern ging das Licht an. Alles sah aus wie immer. Die Türen zur Küche und zum Wohnzimmer waren angelehnt. Hinten bei der Treppe stand der alte Wandschrank. Er war aufgestellt worden. Die beiden Leichen waren verschwunden. Mali atmete erleichtert auf. Nichts zeugte mehr von dem Tag. Keine Blutspuren, gar nichts mehr. Nur der Wandschrank stand nicht mehr auf seinem alten Platz. Er thronte mitten im Eingangsbereich. Eine Ecke war abgebrochen. Ansonsten hatte der Schrank seinen Sturz die Treppe hinunter unbeschadet überlebt. Mali wunderte sich immer noch, wie ihre Mutter es geschafft hatte, ihn die Treppe hinunterzustoßen. Sie versuchte sich gegen die aufkommende Erinnerung zu wehren, doch die Bilder zogen an ihrem inneren Auge vorbei: Der herunterfallende Schrank, einer Pistole, der Postbote, ihre Mutter Blut. Um sich abzulenken, ließ Mali ihren Blick wieder durch das Zimmer schweifen. Reste von rot-weißem Absperrband lagen auf dem Boden, ansonsten zeugte nichts mehr von der Arbeit der Polizei. Die Spurensicherung war schon fertig mit ihrer Arbeit.

Mali bückte sich und sammelte alle Reste davon ein. Damian half ihr schweigend dabei. Gemeinsam versenkten sie die Fetzen des Absperrbands in einem Mülleimer. Mit einem lauten Knall ließ Mali den Deckel zufallen, wie als würde sie die Erinnerung darin einsperren.

Mali blieb noch kurz im Wohnzimmer stehen. Sie sah sich um, um zu sehen, ob noch irgendwo Spuren von der Polizei übrig waren, die sie übersehen hatte. Als das nicht der Fall war ging sie wieder hinaus in den Flur. Das Lämpchen von ihrem Anrufbeantworter blinkte rot. Mali drückte auf die Wiedergebetaste. Es ertönte die hohe Stimme einer Polizistin, die Mali darum bat zur Wache zu kommen, um eine Zeugenaussage zu machen. Als der Anrufbeantworter mit einem Piepen zu verstehen gab, dass die Aufnahme zu Ende war, drückte Mali auf die Löschtaste. Sie hatte keine Zeit irgendwelche Zeugenaussagen abzugeben.

Sie drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer. Halb hatte sie schon vergessen, dass Damian ebenfalls noch da war.

„Ich schaue mal nach, ob ich noch etwas finde, was mir hilft die Aufzeichnungen meiner Mutter besser zu verstehen“, sagte sie.

Damian nickte.

„Willst du mitkommen?“, fragte sie zögerlich.

Damian antwortete ihr nicht. Er trat einfach zu ihr und nahm ihre Hand, als würde er wissen, dass Mali gerade jemanden an ihrer Seite brauchte.

Mali ging langsam auf die Treppe zu, Damian folgte ihr. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte mit suchen, doch irgendwie schien es ihr richtig, sich das Büro ihrer Mutter vorzunehmen, um einen Hinweis auf die verschlüsselten Papiere zu bekommen.

Als Mali den Treppenabsatz erreichte, zögerte sie. Damian verstärkte kurz den Druck um ihre Hand, um ihr zu zeigen, dass er bei ihr war. Mali holte tief Luft, dann stieß sie vorsichtig die Tür zum Arbeitszimmer ihrer Mutter auf. Sie erinnerte sich an den Tag, als sie die Papiere aus dem Schreibtisch genommen hatte. Der alte, hölzerne Schreibtisch, dessen Schönheit ihr damals so unbedeutend vorgekommen war, stand an einer Wand. Durch das Fenster darüber fiel helles Licht darauf. Damals war sie blind gewesen für seine Schönheit, doch heute empfand sie anders. Der Schreibtisch kam ihr unglaublich schön und wertvoll vor. Außerdem hielt er Erinnerungen für sie bereit. Erinnerungen an ihre Mutter. Doch Mali war nicht bereit sie zuzulassen. Sie wollte nicht anfangen zu weinen. Nicht hier vor Damian.

Mit den Fingern ihrer freien Hand strich sie zärtlich über die Maserungen.

„Er ist wunderschön“, flüsterte sie leise.

Damian nickte.

Mali trat einen Schritt vor und öffnete die dritte Schublade wieder mit dem Schlüssel. Sie hatte ihn die ganze Zeit um den Hals hängen gehabt. Die Schublade war jedoch leer. Auch in den anderen Schubladen, die nicht verschlossen waren, war nichts zu finden. Enttäuscht zuckte Mali mit den Schultern. Sie wusste nicht genau, was sie erwartet hatte.

„Nichts“, meinte sie nur und stand auf.

„Willst du noch bleiben?“, fragte Damian vorsichtig. Sie beide wussten, dass sich diese Frage nicht nur auf das Arbeitszimmer ihrer Mutter bezog, sondern allgemein gemeint war. Wollte sie noch länger in ihrem Haus bleiben? Eine weitere Nacht, bevor sie ihre Aufgabe in die Hand nehmen sollte, diesen Carlos Vendris zu suchen? Wollte sie das wirklich noch länger aufschieben? Irgendwann, das war Mali klar, musste sie sich der Aufgabe widmen, so unerreichbar deren Lösung auch scheinen mag.

Mali zuckte unschlüssig mit den Schultern.

„Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Eigentlich will ich den Ort hier nicht wieder so schnell verlassen, aber ich habe Angst, dass die Erinnerungen zu stark sind und mich erdrücken werden.“

„Verstehe“ Damian sah zu Boden.

„Nein ich glaube nicht, dass du das verstehst“, antwortete sie eine Spur bissiger als beabsichtigt. Sie war zwar nicht in der Stimmung schon wieder zu streiten, aber sie konnte Damians Art nicht leiden, wie er immer meinte, er würde alles wissen und verstehen. Er hatte nicht so etwas durchgemacht wie sie, er hatte nicht erst vor kurzem seine Mutter verloren. Mali ärgerte sich schon wieder, wie sie hatte so dumm sein können, einzuwilligen, dass er mitkam. Er machte doch bloß Ärger oder nervte sie.

„Gut, vielleicht, habe ich nicht gerade vor ein paar Tagen meine Mutter verloren, aber glaube ja nicht, dass du die einzige bist, die einen geliebten Menschen verloren hat“, schoss Damian zurück. Mali merkte, dass er verletzt war. Er war rot geworden. So viele Gefühle hat er bisher noch nie gezeigt. Noch nie hatte er etwas so Persönliches von sich preisgegeben. Schnell blickte er zur Seite.

„Tut mir leid“ Mali fühlte sich schlecht. Dauernd bildete sie sich Vorurteile über Damian und beurteilte ihn anhand dessen. Dauernd beurteilte und verurteilte sie ihn, obwohl sie ihn kaum kannte.

„Hast du auch deine Mutter verloren?“

Damian sah Mali überrascht an. Dann drehte er wieder den Kopf weg.

„Ich will nicht darüber reden“, murmelte er.

„Damian, wie soll ich dir vertrauen, wenn du dich dauernd vor mir verschließt?“ Mali war wütend. Dauernd wollte dieser Typ etwas über sie erfahren, doch wenn es ihm zu persönlich war, wechselte er sofort das Thema.

Damian raufte sich die Haare.

„Mali, ich verspreche dir, dass ich es dir irgendwann erzähle, aber ich kann es noch nicht. Nicht jetzt, ok?“ Er sah Mali flehend an. „Bitte Mali“

Schließlich willigte Mali ein.

„Gut, wenn du es versprichst.“

„Versprochen.“

Es entstand eine lange Pause. Damian brach das Schwiegen irgendwann.

„Willst du eine Nacht hierbleiben?“

Mali schüttelte den Kopf.

„Nein, ich muss weiter. Ich muss…“ Sie stockte. Sie wusste nicht, wie viel sie Damian anvertrauen konnte. Sollte sie ihm jetzt schon die ganze Wahrheit erzählen? Sie konnte es nicht riskieren. Also entschied sie sich für ein Bruchstück.

„Ich muss in den Wald. Meine Mutter hat mir aufgetragen etwas zu suchen.“ Dass es sich bei diesem Etwas um eine Person handelte, verschwieg Mali.

„Was musst du suchen?“, fragte Damian.

„Ich weiß es nicht“, log Mali.

Damian überlegte.

„Das könnte eine interessante Suche werden, wenn wir nicht mal wissen, wonach wir suchen.“ Er lachte. Mali verstand zwar nicht was an dieser Situation so lustig war, jedoch war sie froh, dass Damian nicht weiter nachfragte.

„Hier finden wir wahrscheinlich nichts mehr“, meinte sie nur und verließ das Zimmer. Damian folgte ihr. Sie gingen wieder nach unten in die Küche. Im Türrahmen blieb Mali kurz stehen. Sie erinnerte sich an ihr letztes Frühstück mit ihrer Mutter. Sie verbannte diese Erinnerung jedoch sofort wieder aus ihrem Kopf. Dafür hatte sie jetzt echt keine Zeit.

„Was ist?“, fragte Damian, der ihr Zögern bemerkt hatte.

„Nichts“, log Mali wieder. Und während sie sich und Damian etwas zu essen machte, fragte sie sich unwillkürlich, ob sie beide jemals an den Punkt kommen würden, dass sie dem anderen so weit vertrauten, dass sie keine Geheimnisse voreinander hatten. Wenn, dann würde das jedoch noch lange gehen, wenn sich Damian weiterhin so benahm, dachte Mali grimmig.

Sie brachen bald auf. Mali holte ihren Rucksack vom Schrank und suchte auch noch den ihrer Mutter. Beide Rucksäcke packten sie voll mit Essen, das sie noch in der Vorratskammer gefunden hatten, vollgefüllten Trinkflaschen und ein paar Wechselklamotten. Mali wusste nicht, wie lange sie unterwegs sein würden, doch sie rechnete mit ein paar Tagen. Hoffentlich nicht mehr, dachte sie verzweifelt.

Gegen Nachmittag standen die Rucksäcke gepackt im Hausflur und Mali und Damian waren gestärkt.

Mali holte ihre Wanderschuhe aus dem Regal und zog sie an. Ein Blick zu Damian zeigte ihr, dass er selbst schon einigermaßen festes Schuhwerk anhatte. Das war gut, so musste sie sich wenigstens nicht auf die Suche nach passenden Schuhen für ihn machen. Mali bezweifelte nämlich stark, dass sie Schuhe in seiner Größe finden würde. Sowohl sie als auch ihre Mutter hatten beide sehr kleine Füße.

Als letztes zog Mali die Papiere ihrer Mutter aus der Jackentasche, faltete sie vorsichtig zusammen und verstaute sie in ihrem Rucksack.

An der Tür blieb sie noch einmal stehen und drehte sich noch einmal um.

„Warte kurz hier“, rief sie Damian schon im Laufen zu. „Ich muss nur noch schnell was holen.“

Zügig lief sie die Treppe hoch und ging in ihr Zimmer. Von ihrem Schreibtisch schnappte sie sich ihr Handy. In einer der komplett überfüllten Schubladen fand sie auch noch ein Ladekabel. Beides in der Hand lief sie wieder nach unten. Dort angekommen stellte sie ihren Rucksack noch einmal ab und packte unter dem kritischen Blick von Damian beides hinein.

„Was willst du denn damit?“, fragte er amüsiert. „Erwartest du, dass es im Wald Steckdosen gibt?“ Er musste grinsen.

„Hältst du mich wirklich für so blöd?“, fragte Mali leicht eingeschnappt. Ohne eine Antwort von Damian abzuwarten, zuckte sie kurz mit den Schultern.

„Wer weiß. Vielleicht sind wir irgendwann froh es doch noch eingepackt zu haben.“

Sie zog den Reißverschluss ihres Rucksackes wieder zu und schulterte ihn. Dann wandte sie sich Damian zu.

„Bereit“, murmelte sie. Damian nickte bloß.

Gemeinsam verließen sie das Haus und Mali zog die Haustür mit einem Ruck hinter sich zu. Sie wusste nicht warum, aber es fühlte sich an, als würde es ein längerer Abschied sein. Sie wusste nicht, wann sie wiederkommen würde. Der Gedanke machte ihr Angst, sodass sie kurz mit dem Gedanken spielte einfach hierzubleiben. Die blöden Papiere waren es vielleicht nicht einmal wert ihren Besitzer zu erreichen. Doch dann zwang Mali sich weiterzugehen. Sie musste die Aufgabe, die ihre Mutter ihr noch gegeben hatte, erfüllen. Sie durfte sie jetzt nicht enttäuschen. Sie musste es zumindest einmal probieren diesen Carlos Vendris zu finden.

Der Stadtteil, in dem Mali wohnte, grenzte direkt an den Wald, weswegen es ein sehr kurzer Fußmarsch bis dahin war. Ein kleiner Weg führte in den Wald hinein, verlor sich jedoch schon bald im Dickicht. Zögerlich machte Mali einen Schritt hinein. Hier war es merklich kühler und dunkler. Es war still. Nur gelegentlich durchbrach ein Knarzen der Bäume die Stille. Das einzige Geräusch waren Malis und Damians Schritte, die sich ihren Weg durch das unebene Unterholz bahnten. Schweigend schlugen sie sich nebeneinanderher durch das Dickicht. Hin und wieder schrammte eine Brombeerranke über Malis Unterarme und hinterließ dort einen Kratzer. So gut es ging wich Mali den Ranken aus. Sie beide konzertierten sich auf den schwierigen Weg. Kleine Äste knackten und Laub stob auf, wo immer sie auch ihre Füße aufsetzten. Gelegentlich hörte man auch noch das Pfeifen eines Vogels oder das beharrliche Pochen eines Spechtes.

Mali gefiel die Stille des Waldes. Seit sie klein war, hatte sie gerne im Wald gespielt. Sie fand es aufregend sich hinter den großen Bäumen zu verstecken und zu warten, ob ihre Mutter sie fand. Meistens hatte sie es aber nicht lange ausgehalten sich zu verstecken und war nach ein paar Minuten schon wieder hinter den Bäumen hervorgesprungen. Ihre Mutter hatte dann jedes Mal so getan, als hätte sie sich fürchterlich erschreckt. Daraufhin hatten sie sich beide immer vor Lachen auf dem Waldboden gewälzt. Bei der Erinnerung an ihre unbeschwerte Kindheit musste Mali schmunzeln. Dann jedoch hatte ihre Mutter ihr eines Tages verboten weiter als hundert Meter in den Wald hineinzugehen. Mali hatte den Grund dafür nie erfahren und würde es wahrscheinlich auch nie erfahren, jetzt da ihre Mutter tot war. Ab dann hatte der Wald an Reiz für sie verloren, weswegen sie nur noch selten hergekommen war.

„Wo sollen wir anfangen zu suchen?“ Damian war stehen geblieben. Auch Mali hielt jetzt an. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie beinahe in ihn hineingelaufen wäre. Mit seiner Frage holte er sie unsanft wieder zurück in die Gegenwart.

„Ich wäre jetzt ins Herz des Waldes gelaufen, um sich dann von innen in Kreisen nach außen zu bewegen“, antwortete Mali. Als Damian nichts antwortete fügte sie noch leise hinzu: „So machen die das zumindest immer in meinen Büchern.“

Damian nickte nur. Dann meinte er: „Der Wald ist groß. Es wird gute drei Stunden dauern, bis wir in der Mitte sind und ab dann wird es erst richtig schwierig, das ist dir klar, oder?“

Mali zögerte, doch dann nickte sie. Was hatten sie für eine andere Wahl. Das war die einfachste Art, den ganzen Wald zu durchkämmen, auch wenn es sehr lange dauern konnte. Aber sie musste das Risiko eingehen. Sie musste es schaffen Carlos Vendris zu finden.

„Also gut“, meinte Damian. Dann zeigte er etwas schräg in den Wald hinein. „Da entlang.“

„Woher weißt du das?“, fragte Mali.

„Da werden die Bäume immer dichter. Ungefähr in dieser Richtung müsste das Zentrum liegen.“ Damian lief los. Etwas verdutzt blieb Mali zurück, doch dann lief auch sie los, immer tiefer in den Wald hinein. Sie hoffte, dass es nicht allzu lange dauern würde, bis sie Carlos gefunden hatte. Auf drei oder mehr Tage hier im Wald mit einer mürrischen Begleitung an ihrer Seite war sie nicht so erpicht, obwohl sie sich immer als kleines Kind vorgestellt hatte, alleine im Wald zu leben und sich durchzuschlagen. Aber in ihrer Vorstellung war sie eben stets alleine unterwegs gewesen. Und wenn sie doch eine Begleitung dabeigehabt hätte, dann wäre es ihre Mutter gewesen und nicht ein Junge wie Damian. Doch jetzt, da sie älter war, fand Mali diese Vorstellung im Wald überleben zu müssen nicht mehr ganz so traumhaft.

27.08

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