Читать книгу: «Der falsche Schah»
LEONHARD F. SEIDL
DER
FALSCHE
SCHAH
VOLK VERLAG MÜNCHEN
Dieser Roman entstand im Rahmen des Literaturstipendiums des Mittelalterlichen Kriminalmuseums, Rothenburg o. d. T. 2020. Der Autor dankt der Stiftung mittelalterliches Kriminalmuseum, Rothenburg o. d. T. und der Bildungsstätte Wildbad für die Verleihung des Stipendiums.
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ISBN 978-3-86222-379-4
www.volkverlag.de
Inhalt
Auf dem Höhepunkt der Macht
Die Geburt des Kaisers
Der tiefe Fall
Der Einmarsch des Kaisers
Auf zur Folterkammer
Ausrufung des Kaisers
Im Folterkeller
Ernennung zum Oberst
Schreckung der Eisernen Jungfrau
Erdbeben
Territio verbalis – das Erschrecken
Am deutschen Busen der Natur
Ziemliche Tortur
Dem Adi sein Apfel
Auf dem Folterstuhl
Iranische Arier
Scharfe Tortur
Adi, der Prophet
Eingesackt
Krönung und Nachwuchs
Gerädert
Die Nazen sind zurück!
Farah und der Keuschheitsgürtel
Regenbogen über Rothenburg
Gebratenes Menschenfleisch
Salon Soraya
Der Armesünderlöffel
Die Märchenhochzeit
Auf glühenden Kohlen
Schein und Sein
Knackender Kiefer
Farah kommt!
Der Schwedentrunk
Alles für den Schah!
Aufgehängt
Auf dem Höhepunkt der Macht
Die Schandmaske
Dank
Für meine Klausi-Oma mit der Farah Diba-Frisur
„Er wird euch irreführen und Versprechungen machen,aber lasst euch nicht täuschen.“
Ryszard Kapuscinski, Schah-in-schah
Auf dem Höhepunkt der Macht
„Der Schah ist eine besonders gefährdete Person“, hast du die letzten Wochen überall in Rothenburg ob der Tauber gehört. Daran muss jetzt auch der Bartholomäus König denken, wie er in seinem feschen Anzug unter den Altanen des mittelalterlichen Rathauses steht, die nicht weniger fesche Farah Diba neben sich. Die Frau, von der sogar seine Mutter träumt, die letztlich der Grund ist, also seine Mutter, warum er jetzt da steht, an der Stelle vom Schah.
Der Schäfertanz auf dem Marktplatz ist vorbei, der Oberschäfer tritt nach vorn. „Den kaiserlichen Majestäten zur Ehre sind wir angetreten und danken für die Huld und Gnad zum Ruhme unserer Vaterstadt. Ein Hoch dem alten Schäferstand. Ein Hoch dem ganzen deutschen Land. Ein Hoch den edlen Gästen. All stimmt ein und ruft mit lautem Schall: Sie leben hoch!“ Tusch.
„Hoch!“, jubeln die Rothenburger. Tusch. „Hoch!“ Tusch. „Hoch!“
Und dann ist der Schah dran. Der Dolmetscher neben ihm ahnt nicht im Geringsten, was ihm blüht. Kann also nicht einmal froh sein, noch einen kurzen Moment verschnaufen zu dürfen. Weil, der König sagt laut und deutlich „Grüß Gott!“, hebt dabei die Hand und winkt. Die Menschenmassen zu seinen Füßen jubeln: sein Vater, seine Mutter, die Rothenburgerinnen und Rothenburger, Alte, Kinder, sogar die Kranken haben sich rausgeschleppt. Manche verlieren die ein oder andere Träne, was im Regen völlig untergeht. Seine Tochter, die Aurelia, ist schon abgeführt worden von der Polizei, sitzt im Bully mit dem Blaulicht auf dem Dach.
Der Schah erhebt erneut seine Stimme: „Labe eâr chere fotlan mamnunam …“
Zuerst werden die Backen vom Dolmetscher rosig, dann der ganze Schädel fuchsrot, was auch die Schweißperlen nicht vereiteln können. Stille auf dem Marktplatz, die Rothenburger warten gespannt, was ihnen der Schah zu sagen hat, auf die Worte des rotkopferten Dolmetschers. Der schaut zum Schah, würd ihn am liebsten fragen, was er da eigentlich gesagt hat. Aber dem Schah sein gestrenger Blick, den er nur allzu gut kennt, hindert ihn daran, diesen Blödsinn zu machen, obwohl ja eigentlich der Schah, vulgo König, derjenige ist, der gerade Blödsinn macht.
In der geschlossenen Psychiatrie im Bezirkskrankenhaus (BKH) Ansbach tobt derweil ein Mann, der wie der König ausschaut, im Wechsel Flüche auf Farsi und Englisch ausstößt und behauptet, der Schah von Persien zu sein.
Die Geburt des Kaisers
Später fragte sich Bartholomäus König oft, ab wann seine Eltern wussten, dass er am selben Tag wie der Schah von Persien zur Welt gekommen war: am 26. Oktober 1919. Denn ihre Anspielungen waren auffällig zahlreich gewesen. So wurde davon gesprochen, dass er jetzt dort hingehe, wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht. Das mag eine geläufige Redewendung und eine Ermunterung der Mutter gewesen sein, in Erwartung einer baldigen Zukunft ohne Windel. Und sie wollte dadurch sicherlich auch erklären, warum er zu Fuß aufs Klosett gehen musste und sich nicht von ihr tragen lassen durfte, auch wenn er noch so sehr belferte. Vor allem aber wird es daran gelegen haben, dass sich Mutter König die Kleider nicht dreckig machen wollte. Denn Dreck war für sie gleichbedeutend mit Unordnung. Selbst ein Halbblinder konnte es beobachten, wie sich ihre Gesichtszüge verkrampften, entdeckte sie Unordnung, wie körperlich schmerzhaft so ein Anblick für sie war.
Wenn seine Mutter ihn auf den Thron setzte, wie sie sagte, war er schon ein wenig verwundert darüber, dass er außerhalb des Throns nicht walten durfte wie ein König. Selbst wenn er es so nicht ausdrücken konnte mit seinen zwei Jahren, es war eher ein Verlangen nach mehr, nach Verwirklichung, nach Freiheit. Darum versuchte er, an seiner Wirkung als König zu arbeiten. So, wie er es in den Geschichten gehört hatte, die ihm seine Großmutter von den Königen aus dem Morgenland erzählt hatte. Noch dazu hatte die Oma gesagt, dass derjenige, der auf dem Thron sitze, „gerade regiert“. Und dass er regieren würde, hatte sich der König angesichts der Mutter und ihres Regimes von Anfang an gewünscht. Auch wenn er es wieder nicht so formuliert hätte. Also bastelte er sich aus dem Zeitungspapier, das als Klopapier diente und von dem er immer einen schwarzen Hintern bekam, eine Krone. Samt eines Zepters: Dafür rollte er die Zeitung zusammen, denn eine Klobürste gab es damals noch nicht.
Die Mutter beeindruckte er damit nur wenig. Und das, obwohl der Bartholomäus extra aufrecht auf dem Töpfchen saß und mit stolz geschwellter Brust, das Zepter schwingend, eine vollmundige Rede an sein Volk hielt: „Sieliewale, Sieliewewe, Tschagapeng bilabung sufschuwa, lieck!“
Aber anstatt sich an der Phonomonologie des zwei Jahre alten Hosenscheißerherrschers zu erfreuen, warf Mutter König Krone und Zepter in den lodernden Ofen und Bartholomäus in sein Zimmer. Wie gesagt, er spürte die Unterdrückung, so, wie er spürte, dass er auf den Thron musste, weil er es einmal zu lange unterdrückt hatte und dann war die Sauerei und damit die Unordnung und damit die Unruhe bei der Mutter und auch der blaue Popo beim Bartholomäus groß, sodass er sich gar nicht mehr wie ein Bartholomäus fühlte, sondern mehr wie der König. Sofern ich mich richtig erinnere. Denn das liegt mittlerweile knapp hundert Jahre zurück und so ein Gehirn verstaubt ja auch ein wenig über die Jahrzehnte, von den ganzen Dingen, die darin herumstehen, und den Menschen, Tieren und Pflanzen, die sich darin herumtreiben.
So schön wie der Schah von Persien, der Mohammad Reza Pahlavi, hat es der Bartholomäus König also nicht gehabt, wie er auf die Welt gekommen ist. Wobei, um das zu verifizieren, müsste man den Auslandskorrespondenten von Persien fragen, wie der Iran damals noch geheißen hat. Und ob ich den gleich erreiche, kann ich nicht versprechen. Darum erzähle ich jetzt lieber von der Geburt vom König, der damals noch nicht einmal Bartholomäus genannt wurde.
Wir schreiben das Jahr 1919. Es brodelt in und um München. Der große Krieg ist vorbei, der Kaiser hat Reißaus genommen in die Niederlande und nicht wenige Mannsbilder sind auf dem Schlachtfeld geblieben. Und die Weiberleut waren froh, wenn s’ überhaupt einen gekriegt haben, damit sie sich beim Tanzen nicht einen Antänzer kaufen haben müssen. Aber dafür hätte die Mutter vom König eh keine Zeit gehabt, weil sie ja hochgradigst schwanger war, mit einem Bauch, der sie sakrisch genervt hat; weil: Unordnung im Bauch, im Gedärm, in ihrem Kopf sowieso, dieses Mal nicht nur wegen der Unordnung außerhalb, sondern wegen den Hormonen.
Die König ist also gerade in den Schwammerln unterwegs, die nach einem kräftigen Herbstguss am Morgen des 26. Oktobers aus dem saftig-würzigen Waldboden sprießen, zwischen Tannennadeln, Laub und Ameisen. Im Korb liegen Maroni, Eierschwammerl und ein paar Steinpilze, obwohl sie sich mit dem Bücken schon arg schwertut. Das Wasser läuft ihr gerade im Mund zusammen bei dem Gedanken an die Knödl mit Rahmschwammerl, da spürt sie es: Der Bartholomäus macht einen Purzelbaum. Der erste in seinem Leben. Sie schnauft ganz arg und überlegt, was sie machen soll. Sie stellt den Korb mit den Schwammerln auf den Boden und langt sich an den Bauch. Da trifft sie ein Tropfen am Hirn und es zwickt: Der Bartholomäus hat in die Fruchtblase gebissen. Das Wasser, in das er gerade noch hineingepieselt hat, rauscht hinaus wie das Wasser in der nahen Isar Richtung Bad Tölz. Als wollt die Mutter diese Sauerei sofort aus sich heraus haben.
Die König spürt, wie es nass wird in der Unterwäsch und furchtbar laut in ihrem Kopf. Sie weiß, jetzt ist gleich der Moment der Niederkunft gekommen. Sie versucht zu überlegen, was ihr gar nicht so leicht fällt, weil es ja so laut ist zwischen ihren Schläfen. Was noch verstärkt wird durch die harten Tropfen, die jetzt in immer größerer Zahl durch die gelbbraunen Blätter jagen und auf ihrem Kopf einschlagen. Donk! Donk! Donk! Sie kommt sich vor wie ein Fassl, das gerade angezapft wurde; nur von innen und nicht von außen. Da fällt ihr das Glashaus ein.
Vor einer halben Stunde ist sie vorbeigelaufen an dem Glashaus, von dem sie schon bei der Kramerin und in der Kirch gehört hat. Ja, die Leut reden eigentlich seit Tagen von nix anderem mehr. Von den drei Staderern, den Brüdern Peter, Franz und Ottmar Ostermayr, die sich da, im Wald, südlich von München, eine Halle aus Glas ins Nirgendwo stellen. „Glashaus“, sagen die Leut. Und weiter: „Die Bildl für das Kintopp festzuhalten, das geht nicht ohne Licht.“ So wie es heut in den Bavaria Filmstudios einen Scheinwerfer braucht, um einen Film zu drehen, so haben die damals das Tageslicht gebraucht.
Der König ihre Unterleibsschmerzen werden immer heftiger, sie schnauft, so wie man es aus den Filmen kennt, die es damals noch gar nicht gegeben hat. Trotzdem schafft sie es, samt Korb und Bartholomäus, bis zum Glashaus. Schon von Weitem hört sie es klopfen, hört Pferdl schnauben, Männer schreien. Dann sieht sie das Stahlgerippe, in dem schon einzelne Fensterscheiben befestigt sind. Darin: riesige Pfannen, Stangen, Tische. Drum herum: Anhänger, Zelte und Rösser, die die in Decken eingepackten Glasscheiben auf dem Anhänger ziehen und denen genauso heiß ist wie dem Fuhrknecht, den immer die Sorge umtreibt, die Gläser könnten zu Bruch gehen. Dieser Fuhrknecht ist dann auch der erste, der ihr zur Hilfe eilt und fragt: „Was hast denn?“
Seine Frau, die Else, die gerade die Brotzeit vorbeigebracht hat, streicht sich über ihre weiße Schürze, sagt: „Pack ma’s!“ Und dann kümmert sie sich auch schon um ihre Geschlechtsgenossin.
Ich glaub, das kann ich so sagen, auch wenn die König nicht mit den Roten sympathisiert hat. Die Frau vom Fuhrknecht nämlich schon. Die hat das ganz pfundig gefunden, was die im April in München gemacht, wie die die Herrschaft an sich gerissen haben, obwohl manche von denen sagen, dass sie gar keine Herrschaft haben wollen, weil sie ja Anarchisten sind. Wie der langhaarige, bartige Erich Mühsam zum Beispiel. Aber ich schweife ab, was kein Wunder ist, weil auch mein Puls steigt angesichts der Niederkunft von der König.
Die Else hat also noch eine andere Frau gerufen, saubere Handtücher gepackt, die andere instruiert, dass sie heißes Wasser holen soll, kennt man ja alles … Dann hat sie die König schon auf eine Decke am Boden gelegt.
Und noch bevor das heiße Wasser da war, war der Bartholomäus da. Lange noch, bevor dort, im Glashaus, wo er das Licht der Welt erblickte, der erste Stummfilm Der Ochsenkrieg nach dem Roman vom Ludwig Ganghofer gedreht worden ist.
Jetzt aber warten alle darauf, dass der Bartholomäus schreit, wie die Else ihn in den Armen hält. Aber er schreit nicht, sondern schaut die Else an. Die Else schunkelt und schaukelt das runzligrote Menschenkind, aber es will einfach nicht schreien. Irgendwann wird es ihr zu blöd und sie streckt ihm die Zunge raus: „Bähhhhhh!“ Da dauert es keine Sekunde und auch der Bartholomäus streckt die Zunge raus und macht ein, zugegebenermaßen verwaschenes: „Bähhhhhh!“
Die Else zuckt zusammen, lässt ihn fast fallen. Die Dienstmädchenhaube mit den Rüschen fällt ihr vom Kopf. Die Gänsehaut auf ihren kräftigen Unterarmen stoppt das verwunschene Baby wie Schmirgelpapier. Und die Haube landet auf seinem nackerten Schädel, der damals schon schmaler war als der von den meisten anderen Babys. Die Haube sieht auf dem Bartholomäus seinem Kopf aus wie eine Krone. Und für einen Moment huscht ein siegessicheres Grinsen über seine kleine Goschen.
Aber wie die Else die Krone wieder auf ihren Kopf setzt, wird sein Gesicht ganz blau; erst die Lippen, dann das ganze Gfrieß. Die Else schaut ihre Helferin an, die Helferin die Mutter, dann alle drei das Kind: Und das reißt das Maul auf und plärrt. Was die Umstehenden fälschlicherweise als normal interpretieren und jetzt auch erleichtert lächeln.
Die Else gibt das unheimliche Buberl trotzdem lieber seiner Mutter, die immer noch ganz malad im Glashaus auf der Decke liegt. Und der Fuhrknecht sagt: „Ja, so genga die Gang.“
Womit er schon ganz schön viel über die Zukunft vom Bartholomäus vohergesagt hat. Weil, die Geburt hat schon gezeigt, wo es einmal mit ihm hingehen wird, aber das wirst du später sehen.
Der tiefe Fall
Das Klatschen und Jubeln der Rothenburger Bürger war noch nicht verstummt, da hat der König gespürt, dass hinter ihm was vor sich geht. Der Dolmetscher, der seine Aufgabe wirklich bravourös gemeistert und zum Gelingen von Königs Lebenshöhepunkt beigetragen hat, ist mit seinem granatapfelroten Schädel neben ihm gestanden und hat sich mit dem Taschentuch über die Stirn getupft; eigentlich hätt er einen Putzlappen gebraucht. Aber, wie bitte, hätte das ausgeschaut beim Dolmetscher vom Schah Mohammad Reza Pahlavi?
Dann hat der König die Hand von der Farah Diba genommen. Es ist ein Raunen durch die Menge auf dem Marktplatz gegangen. Und ein freudiges, romantisches Seufzen ist herausgestochen: die Stimme seiner Mutter. Sie anzuschauen, dazu ist er nicht mehr gekommen, weil ihn die Farah Diba aus ihren dattelbraunen Augen angeschaut hat. Weil sie natürlich überrascht war, dass der Schah, der sonst immer so darauf bedacht war, Contenance zu bewahren, ihr in aller Öffentlichkeit die Hand gibt, Zuneigung oder sogar Zärtlichkeit zeigt. Das Streicheln vom König seinem Daumen über ihren Handrücken war fraglos zärtlich und hat sie an die letzte Nacht im Hotel Eisenhut erinnert. Und König, als könne er Gedanken lesen, hat durch seine Sonnenbrille zurückgeschaut und das Gefühl gehabt, dass sein Kopf mit seinem Herz mitbumpert. Weil der so voller Bilder war: vom Bett mit dem Engel über dem Kopf. An dem er sich angehauen hat. Von der Anna, die extra nicht auf den Marktplatz gekommen ist, um ihn nicht abzulenken. Dann wieder von Farah Diba im Nachthemd. Dann wieder von Anna, die ein so unglaublicher Mensch ist. Die ihn so liebt, dass sie gesagt hat: „Wenn du das machen musst, dann mach das.“ Einfach unglaublich. Weil, es ist ja nicht nur die Nacht mit der Farah. Es ist so viel mehr. Nämlich, das, was jetzt noch kommen wird, von dem beide gewusst haben, dass es kommen wird, aber keiner von beiden drüber geredet hat.
Dem König sein Kopf war wie ein Kinoprojektor, auf dem eine Filmrolle durchdreht, weswegen man auf der Leinwand ganz viele Bilder auf einmal sieht und deswegen keines so richtig.
Die Filmvorführung gestoppt haben die zwei Perser im Anzug hinter ihm. Mit Sonnenbrillen, obwohl an dem Tag gar keine Sonne geschienen hat. Jeder von denen hat einen Arm vom König gepackt, und zwar so, dass man es vom Marktplatz aus nicht gesehen hat. „Let’s go“, haben sie geflüstert, weil sie ja nicht gewusst haben, dass der König auch Farsi kann.
Der König streichelt der Farah Diba noch einmal über ihre Hand, über die Samthandschuhe, flüstert ihr was ins Ohr, was ich dir jetzt nicht verraten werd, ihm aber später noch helfen wird. Und dann geht er mit ihnen.
Wenn du jetzt aber glaubst, die bringen ihn gleich auf die Polizeiwache, dann täuscht du dich gewaltig. Weil, zum einen sind sie sich ja nicht sicher, ob es wirklich der falsche Schah ist, weil er ja genauso ausschaut wie der Reza Pahlawi. Und die Farah Diba so intim mit ihm ist und sie in der Nacht im Eisenhut noch intimer miteinander waren, was die SAVAK-Geheimdienstler sogar mitbekommen haben. Und zum anderen haben die Geheimdienstler schon zuhause im Iran die Leut nicht auf die Polizeiwache gebracht, um dann mit ihnen das zu tun, was sie jetzt mit dem König vorhaben. Weil, obwohl es im Iran alle gewusst haben, hat es keiner wissen dürfen. So ein bisserl wie bei den Nazis.
Die beiden Geheimagenten geleiten den König also, noch wie einen Kaiser, ins Rathausinnere. Durch eine Holztür in das kühle Treppenhaus. Worin der König sich vorgekommen ist wie in einem Schneckenhaus. Als würde er nach oben geschraubt werden und gleichzeitig immer tiefer ins Innere vordringen. Aber eigentlich war es andersrum. Er ist aus dem Inneren der Macht wieder nach außen befördert worden, zurück zum „normalen“ Menschen. Der jetzt dazu gebracht werden sollte, zu sagen, warum er das gemacht hat. Ob er für die Amis arbeitet oder für die Russen. Damals war das ja alles noch ganz brisant; der Kalte Krieg. Da hat der eine Angst gehabt, dass der andere die Atombombe zündet und riesige Schwammerl wachsen, nicht nur im Wald von Grünwald oder im feuchten Taubertal an den Bäumen inmitten vom Moos.
Neben den grauen, steinernen Treppenstufen hat sich ein ebenso steinernes Treppengeländer – abgerundet, ein Handschmeichler – nach oben geschoben. Die Agenten, die den König immer wieder ein bisserl geschubst haben, haben wunderbar in dieses Steinambiente gepasst. Und einmal, wie er fast gestolpert wär, weil ihm einer der beiden Büffel einen zu harten Stoß gegeben hatte, hat der König nach oben geschaut und sternförmige Verflechtungen mit Wappen an den Enden gesehen.
Hinter der wuchtigen Holztür geht der König in den nächsten Raum, die Agenten machen ihm, gewohnheitsmäßig, die Tür auf. Worauf er sich schon wieder besser fühlt. Trotzdem wartet er jeden Moment darauf, dass hinter dieser Tür was auf ihn wartet, aber da wartet nix und keiner. Deswegen versucht er es mit der bewährten kindlichen Geisteshaltung, er ist ein Entdecker, weil er ja noch nie auf dem Rothenburger Rathaus war, weil er weiß, dass er seine ganze Kraft, seinen ganzen Mut noch braucht, zusammennehmen muss, weil ihn die zwei wahrscheinlich noch auseinandernehmen werden und das nicht nur im sprichwörtlichen Sinne.
Die Türen knarzen wie in einem Horrorfilm. Es geht an wuchtigen Deckenbalken vorbei, mit kantigen Nägeln, die in Rothenburg nix Bsonders sind. Das Licht wird immer weniger. Das Schildl „Bitte nicht rauchen!“ kann er gerade noch lesen. „No Smoking!“ steht direkt drunter, in schöner, geschwungener Schrift, dass es für jeden Lehrer, außer für den König, eine Freude gewesen wäre – aber schon viel unfreundlicher. Vielleicht kriegt der König deswegen auf einmal Lust, eine zu rauchen, obwohl es ihm bis jetzt nie richtig geschmeckt hat. Als wollte er das ungute Gefühl mit einem unguten Geschmack in Rauch aufgehen lassen.
Dann geht’s leicht bergab und wieder rauf, ins Gebälk. Der Agent hinter ihm schnauft, hat vielleicht zu viel geraucht. Die Treppe wird enger. Die Steinwand gröber. Die Decke kommt näher. Wird schief. Der König muss an seine widerständische Tochter Aurelia denken. Bei dem Gedanken, dass sie gegen ihn protestiert hat, muss er schmunzeln. Ob sie schon in einer Zelle sitzt? Sein kleines Widerstandsgewächs. Ein stolzes Lächeln vertreibt die ungute Vorahnung.
Die nächste Tür ist mit Eisenstreben beschlagen. Der Putz quillt zwischen den groben Steinen heraus. Lebt. Nein, doch kalt und tot.
Und dann wird es endlich heller. Ein Fenster. Die Dächer. Die Häuser. Die schmalen Gassen. Die er kennt. Grün, mit lachendem Fenstergesicht. Weiß, von Fachwerk durchzogen, mit tausend Augen im roten Dach. Obwohl das Fenster fast blind ist von der Sonne, von Wind und Wetter. Blendung als Strafe, wenn man nicht gespurt hat. Wie im Frühmittelalter, ja, in unsere Breiten, mit einem rotglühenden Stückerl Eisen, das so nah an die Netzhaut gehalten worden ist, dass sie zerstört wurde und die Augenflüssigkeit ausgetrocknet ist. Ein Blick wie eine getrocknete Goji-Beere, die sich manche heut als Superfood ins Essen tun.
Bevor der König weiter drüber nachdenken hätt können – wenn er die Goji-Beeren damals schon gekannt hätt –, wie es sich anfühlt, eine Superbeere im Auge statt im Müsli zu haben, ist es die nächste Holztreppe raufgegangen, die noch enger war. Er hat also stattdessen darüber nachgedacht, dass im Byzantinischen Reich einmal geblendet worden ist, um die Kaisernachfolge zu verhindern, und hat sich gedacht: Passt!
Und hat sich den Schädel angehauen, dass für einen Moment gar nix mehr gepasst hat, weil die Tür, durch die sie ihn geschoben haben, so winzig war, der Schmerz und sein Schädel aber so groß und hoch und voller Bilder. Dann wieder ein Fenster. Nicht ganz so blind. Dahinter: rote Häuserdächer, verwitterte Schindeln. – Die Anna hat mal gesagt „Bunt schauen die alten Dächer aus“ und der König hat geantwortet: „Nein!“
Und dann war’s auch wieder gut, weil: Blick ins dunkelgrüne Taubertal. Treppauf, treppauf. Zwischen Latten, Balken und gekalkter Wand, noch ein Fenster, enger, höher, schmaler. Gitter vor dem winzigen Loch ins Freie, voller Taubenschiss. Die Stadtmauer, das Kirchdach, das Kreuz. Ein zweigeteiltes Fenster: das Hotel Eisenhut, Farah Diba, die letzte Nacht, Herrngasse, der Herrnbrunnen, der Burgturm, das Stadttor.
Die nächste Treppe erinnert an eine Speichertreppe, die man zuvor runterlassen muss. Das Letzte, was er sieht, bevor er raufsteigt, ist das gemalte Holzschild, das ausschaut wie eine Todesanzeige und auf dem, natürlich in Frakturschrift, steht: „Für Unfälle wird nicht gehaftet.“ An zwei kalten Eisengriffen zieht er sich am Ende der Leiter nach oben, saugt die tiefe Luft frisch ein. Er saugt die tiefe Luft frisch ein …? Aber hoppla! War dein Hirn grad genauso faul und hat das Überlesen? Lassen wir es mal so stehen, im Angesicht der verdrehten und brenzligen Situation.
Auf alle Fälle steht der König jetzt noch höher als er vorhin gestanden hat, bei seiner Rede. Was gar nicht so hoch war, weil er ja aus Sicherheitsgründen nicht auf dem Balkon des Rathauses gestanden hat, sondern unter den Altanen, wir einfachen Leut würden sagen: unter dem Balkon.
Er steht also da oben. Schaut hinunter auf die Leut, die ihm gerade noch zugejubelt haben. 220 Stufen später sehen deren Köpf aus wie Stecknadeln auf einem Stecknadelkissen; nur nicht so bunt. Oder wie Ameisen auf einem Haufen. Immer am Umeinanderwuseln, am Arbeiten und am Ratschen. Wenn’s um die Königin geht, um den Nachwuchs, dann kennen sie gar nix. Ein bisserl wie eine kollektive Helikoptermutter.
Ja, die Ameisen: Kurz bevor sie sterben, ziehen sie sich aus ihrem Haufen zurück und verenden jammerseelenallein, um die anderen nicht anzustecken. Das Kollektiv bedeutet alles, der einzelne nur dann etwas, wenn er was zum Kollektiv beiträgt. Da wird dem König bewusst, wie wenig der Einzelne auch da unten im Grunde doch zählt. Außer, er ist von Rang und Namen – wie er gerade, als Schah. Jetzt, wo ihn nicht mehr tausend Augen ehrerbietig anschauen, erlaubt er sich sogar ein kurzes Lächeln. Mal schauen, was ihm blüht, weil er gegen dieses ungeschriebene Gesetz verstoßen hat.
„Ganz schön hoch“, sagt der kleinere der zwei iranischen Geheimagenten wie nebenbei. Und schaut dabei durch seine Sonnenbrille nach oben, zum größeren. Wie ein Kind, das um Aufmerksamkeit heischt, zu seinem Vater. Vielleicht will er ja aufsteigen und Ober-Geheimdienstrat werden. Natürlich meint er mit „Ganz schön hoch“ den König. Oder? Obwohl der Kollege mit dem spitzen Kinn jetzt nickt. Und „Allerdings“ sagt. In welcher Sprache, das überlasse ich gerne deiner Fantasie, weil der König, der kann ja Deutsch, Englisch und Farsi, und ich weiß jetzt nicht, was du alles kannst. Und wenn ich dir jetzt da hinschreibe, was der SAVAK-Agent auf Farsi sagt, dann verstehst du das vielleicht nicht. Also bleiben wir mal beim Deutsch und beim Du, weil: persönlicher. Was wir jetzt schon alles zusammen erlebt haben und noch erleben werden, da kann man sich eigentlich gar nicht mehr siezen, oder?
„Eure Majestät befinden es vermutlich ebenfalls als hoch?“, sagt der Größere.
Der König antwortet darauf „Die Höhe ist eine Frage der Größe“ und versucht, nicht mehr nach unten zu schauen, auf das sechzig Meter entfernte, steinharte Kopfsteinpflaster.
Der Einmarsch des Kaisers
Der Schah und König lebten sozusagen nebeneinander her, auf zwei Kontinenten. Der eine in Asien, in einem Land, das damals noch Persien hieß und vor allem wegen des Öls interessant war für die Politiker im Westen. Der andere in Deutschland mit einem Vater, vulgo Hieronimus König, den sein Kübelwagen im Ersten Weltkrieg sogar bis nach Riga zur Antra kutschiert hatte. Ein fesches lettisches Mädel, die Haare so braun wie der Boden im Wald von Grünwald. Sachen hat der König mit ihr erlebt – aber auch mit ihrem Bruder, weshalb er zwei Wochen später noch nicht richtig hatschen hat können. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Der Vater war also genau da gewesen, wo der Lügenbaron Münchhausen einige Jahre gelebt hat, was wir als wegweisendes Indiz für die Lebensgeschichte vom Bartholomäus König werten könnten, aber derselbe würde uns da vehement widersprechen, wenn er könnte, weil er sich nie als Lügner empfunden hat. Außer vielleicht, wenn man Lügen als eine Kunst begreifen tät.
Würde man hier schon zum zweiten großen Weltkrieg oder in dessen nähere Umgebung vorspulen, dann bekämen wir nochmal eine höchst interessante Lage, weil der Vater vom Schah den Hitler ganz pfundig gefunden hat, was die Engländer und Russen weniger pfundig gefunden haben. Da sind wir, bis auf leider wieder mehr werdende, unverbesserliche Ausnahmen, heute schon auf der Seite der Engländer und Russen. Ganz im Gegensatz zum Vater vom König. Aber dazu später mehr, bevor ich euch zu sehr verwirre. Weil, so eine Geschichte ist ja wie ein Vier-Gänge-Menü: Aperitif, Vorspeise, Hauptspeise, die auch der Höhepunkt ist, und die Nachspeise, auf die manchmal noch der Schnaps folgt. Und der Höhepunkt wird sich in der Nacht im Schlafzimmer von der dritten Frau vom Schah abspielen, der berühmten Farah Diba, im Hotel Eisenhut in Rothenburg ob der Tauber, an die sie übrigens heute noch zurückdenkt. Obwohl oder gerade weil der König und nicht der Schah bei ihr genächtigt hat.
Auf alle Fälle ist der Vater vom Schah 1921 mit seiner Kosakenhorde in Teheran einmarschiert. Und wie durch Zufall, aber an Zufälle glaubte der Bartholomäus auch damals, als zweijähriger Bub, nicht, hat er sich genau am selben Tag Vaters Stahlhelm aus dem Ersten Weltkrieg aufgesetzt. Und kaum hat er ihn aufgehabt, hat er die Hendlbrust rausgestreckt – er war nämlich unterwegs, wie ihn Mutter Natur geschaffen hat – und hat die spindeldürren Haxen in die Luft gestochen, wie es sich gehört. Wo er das wieder hergehabt hat, frag mich nicht, vielleicht aus seinen deutschen Genen.
Er marschiert also wie eine Eins durch das Wohnzimmer – gut, bis auf dass der Helm ihn eher zu einem Deserteur als zu einem Soldaten gemacht hat, weil der immer verrutscht ist und ihm die Sicht auf die Frontlinie, also die imaginierte, verdeckt hat. Und da hat er gespürt, der Klein-König, dass ihm was fehlt. Und zwar die Waffe. Weil: Ein Soldat braucht eine Waffe, sonst ist er ja kein Soldat. Also hat er sich den Holzschemel vor den Schrank geschoben und sich die Luger vom Vati, die der immer noch geölt hat – vielleicht hat er geahnt, dass wieder ein Krieg kommen wird –, geschnappt und schon hat das Marschieren noch besser hingehauen, dass sogar der Kaiser in seinem niederländischen Exil gesagt hätte: Servus! Bloß hat das damals keinen mehr interessiert, ob der Wilhelm Servus sagt oder nicht, weil der davor schon so viel Schmarrn erzählt hatte.
Der König-Stempf marschiert so durchs Wohnzimmer mit der Luger in der Hand. Schwungvoll, zackig. Da löst sich ein Schuss und trifft den Kaiser zwischen die Augen.
Ihr fragt euch jetzt sicher, wie das gehen kann, wenn der Kaiser doch in den Niederlanden im Exil saß. Es war nämlich so: Der Vater vom König war immer noch ein Kaisertreuer, weswegen er auch so gegen die Roten gehetzt hat, weil die nach seiner Meinung ja Schuld waren am verlorenen Krieg. Außerdem hat er sich nie wieder so gut gefühlt wie damals im Krieg. So kurz vor dem Sterben, da fühlt man sich eben so richtig lebendig. Nicht einmal im Bett mit der Mutti hat er sich so vital gefühlt, obwohl der Orgasmus ja im Französischen auch „der kleine Tod“ genannt wird. Daran hat die Mutti wiederum nicht einmal denken wollen und weil der Vati sowieso einen Brass auf die Franzosen gehabt hat seit dem Krieg, hätt sie es schon dreimal nicht aussprechen dürfen, weil: sonst hätt es Krieg gegeben im Schlafzimmer. Tja. Wie es der Exil-Kaiser mit französischen Lehnwörtern gehalten hat, ist mir nicht bekannt, auf jeden Fall hat der König-Vater immer noch ein Bild von seinem vergötterten Wilhelm in der Stube hängen gehabt.
Der Bartholomäus ist vom Schuss dermaßen erschrocken, dass er es auf einmal ganz pressant – auch so ein sprachliches Überbleibsel der Franzosen auf bayerischem Hoheitsgebiet – gehabt und sich gedacht hat, wenn er jetzt nicht gleich aufs Töpfchen geht, dann gibt’s eine Sturzflut. Und nachdem die Mutter den Boden gewohnheitsmäßig zweimal wöchentlich gebohnert hat, wär diese Flut nicht ganz so schnell aufgesaugt worden – was der Bartholomäus natürlich nicht gedacht hat, weil er zwar schon ein gescheites Bürscherl war, aber so gescheit auch wieder nicht. Es war wieder einmal mehr so ein Gefühl, wie wenn er eben dringend … Also hat er sich den Stahlhelm vom Vati geschnappt, vor sich hingestellt und hineingepieselt und schon ist es ihm wieder besser gegangen, auch wenn das komische Gefühl dadurch nicht ganz weggegangen ist.
Der letzte Tropfen ist gerade so in den Stahlhelm hineingetröpfelt, da hört er die Schritte vom Vati, draußen vor der Tür. Er rennt davon, in sein Kinderzimmer, hört: „Ja, was is denn da los!“ Und ein Platschen.
Das war das erste und das letzte Mal, dass der König Senior den Boden gewichst hat, sofern man das in dem Fall überhaupt sagen kann, weil so emanzipiert waren die Mannsbilder damals noch nicht und der Vati vom Bartholomäus schon dreimal nicht. Der hat seinen Spross lieber angeplärrt: „Du Esel! Was hast du dir dabei gedacht?“
Auf zur Folterkammer
Der Regen drischt am Feuerkessel hinter dem Marktplatz auf den König ein. Trotzdem zeigt er Haltung und stolpert nicht über das Kopfsteinpflaster. Schreitet bergab durch das enge Rosmaringässchen, in dem er auf einmal einen unbändigen Hunger auf Kartoffeln kriegt; mit Rosmarin. Wie sie seine Mutter kocht, wie keine andere – wo ihn seine Mutter beim Essen schimpft und straft wie keine andere. Wenn auch nur der kleinste Rosmarinzweig neben dem Teller oder gar auf dem Boden landet … Wär er ohne sie jetzt da? Vorwärtsgetrieben von zwei iranischen SAVAK-Geheimagenten, die nicht wissen, ob sie ihn wie einen Betrüger oder ihren verehrten Schah von Persien behandeln sollen. Berüchtigt wegen ihrer Foltermethoden. Die selbst ihr royaler Dienstherr offiziell nicht kennt, damit er nicht dafür belangt werden kann.
Und das ist jetzt der gravierende Unterschied zwischen dem Schah und dem König. Der König kennt die Foltermethoden, wissentlich, und das würde er auch jederzeit zugeben. Ob das in der Situation, in der er steckt, einen Unterschied macht, weiß ich nicht, aber du vielleicht.
Stumm stolpern sie hinter ihm her, die Agenten, über das bucklige Kopfsteinpflaster, weil sie es eben nicht so gut kennen wie der König. Was ihm sehr zupasskommt, weil ein Schah nicht zu stolpern hat. Er bleibt sogar einmal kurz stehen, während sie die Mauer aus grauem Stein passieren, aus der sich nur manchmal ein grünes Pflanzerl den Weg in die Freiheit bahnt, dreht sich um, nimmt die Sonnenbrille ab und sagt mit tiefer Stimme: „Bewahren Sie Contenance, meine Herren, wir sind hier zu Gast.“
Die Steinfassaden der Häuser verengen das Gässchen, als würden sich weitere Wolken vor die Sonne schieben. Die Tropfen schlagen trotzdem noch auf den König ein, dem der Regen das Genick entlang unter Anzug, Hemd und Unterhemd läuft. Seine Schultern werden nass und schwer. Er hat das Gefühl, von den Fassaden erdrückt zu werden. Nur der Rundbogen der Tür des roten Fachwerkhauses und die steinern umrahmten Fenster lassen ihn stellenweise aufatmen. An diesem Nachmittag mit abnehmendem Licht weisen die iranischen Agenten dem König den Weg nach rechts in die Kirchgasse, schon ein bisserl vorsichtiger nach der Rüge vom Chef. Genau in dem Moment biegt auch ein junger Schutzmann ums Eck. Und zwar exakt der, der ihn gestern Abend vorm Hotel Eisenhut abgeklopft und durchsucht hat, bevor er zur Farah Diba rein ist. Der Schandi ist einen Kopf kürzer, also ungefähr so groß wie der kleinere der zwei Agenten, schießt ums Eck und rennt mit seinem kantigen Schädel genau in dem König seinen Krawattenknoten. Und zuckt dermaßen zusammen, dass der König meint: Jetzt fällt er gleich um. Der Schutzmann sagt aber dann nur mechanisch: „Grüß Gott.“ Und lässt den König stehen.
In der Kirchgasse weitet sich die Straße. Die Jakobskirche vor ihnen. Der Blick durch das Tor stadtauswärts: der graue Himmel. Vögel. Freiheit! Eine letzte Möglichkeit zur Flucht. Um des Überlebens willen.
Als hätt der Größere dem König seine Gedanken geahnt, packt er ihn unauffällig am Arm, schiebt ihn weiter. Über die Straße. Sein Griff: eisern. Der Applaus der Rothenburger: vergangen. Gestern, beschirmt vom Bürgermeister Ledertheil. Farah Diba neben ihm. In der weltbekannten Kirche hat Dekan Kirchenrat Kelber den berühmten Riemenschneider Heilig-Blut-Altar erklärt. Ja, Blut wird fließen. Auch heute: Königs Blut. Ob die Abendmahlszene aus einem Holz geschnitzt sei, hat Farah Diba wissen wollen. Oh, Farah.
In der abschüssigen Klostergasse legen die Agenten einen Zahn zu. Der Große vor dem König, der Stempf hinter ihm. Auf dem rechten Gehweg, wie es sich gehört, nur nicht auffallen. Die wenigen Passanten, die ihnen im Regenwetter entgegenkommen, verstecken sich unter ihrem Schirm.
Wenn der König nach dem winzigen Birnbaum, der dort drüben am Haus sprießt, jetzt rechts abbiegen würde, wäre er in wenigen Minuten zuhause, bei seiner Anna. Tät erfahren, ob Aurelia wieder frei oder ob ein Anwalt informiert worden ist. Es geht bergab, das Regenwasser fließt mit. Die riesige, hohe Mauer vom Klostergarten neben ihnen.
Eine schwarze Katze huscht über der Straße, der Große kickt nach ihr wie nach einem Ball, dass sie laut „Zzzzzzzsccccht“, zwei Meter vor ihm im Dreck landet, sich aufrappelt und davonrennt.
König muss daran denken, wie sich heute Morgen die Farah Diba an ihn geschmiegt hat, während sie auf das windschiefe Fachwerkhäuserl in der Burggasse zugehen; weil es sich mit dem Rücken an den Sandsteinbau nebenan lehnt und mit der anderen Seite an die Burgmauer. Eingewuchert von giftigem Efeu. Mit einem nackerten Stein-Jesus an der Fassade, der auf einem Sockel, frierend, die Hände vor der Brust verschränkt. Immerhin geschützt von einem Dacherl mit einem kleinen Kreuz darauf. Ob irgendwer den König vor den zwei SAVAK-Geheimagenten schützen wird?
Kurz vor der Burgmauer überholt ihn der Kleine, der Lehrling. Sie schauen alle zwei ja eigentlich gleich aus; schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, schwarze Schuhe, schwarze Haare, schwarze Sonnenbrille. Nur das Hemd ist jeweils weiß, wie beim König auch. Noch. Blutspritzer würde man darauf sofort erkennen. Unterscheiden kann der König die beiden bis jetzt nur anhand ihrer Körpergröße. Aber auch das wird sich ändern. Weil, die Brutalität eines Menschen – zu was wer fähig ist – zeigt sich erst, wenn er das tun soll, was ihm befohlen wird und mit dem er meint, einer Sache zu dienen.
Der Kleine hält unter einer Lampe, die aus der Mauer des Burghotels hervorsticht und in der früher eine Kerze gelodert hat. Er schlägt dreimal mit dem eisernen Klopfer gegen die massive, schnörkelvoll verzierte Tür. Über dem Klopfer eine Burg. Die Tür öffnet sich: Die Folterkammer erwartet ihn.
Ausrufung des Kaisers
Der Bartholomäus kann von Glück sagen, dass er kein Esel war und vor allem kein Esel in Persien. Weil, der Vater von seinem Bruder im Geburtstage, der hat nämlich ganz schön aufgedreht da drüben in seinem Teil des asiatischen Kontinents. Viel mehr als sein Vater daheim, der nach dem großen Krieg erst einmal wieder Land gewinnen hat müssen unter den Füßen. Aber wie es halt so ist, wenn einem schon ganz viel gehört, Land, Gold und Geld, dann möchte man immer mehr haben. Der Vati hätte in diesem Zusammenhang den Bertold Auerbach zitiert: „Wer nicht zufrieden ist mit dem, was er hat, der wäre auch nicht zufrieden mit dem, was er haben möchte.“ Und die Mutter hätte genickt, weil die gar nicht genug Ordnung hat haben können, auch in Zufriedenheitsdingen.
So oder so hat der Bartholomäus froh sein können, dass er kein Esel in Persien war, vor allem nicht zu jener Zeit und vor allem nicht der Esel. Es war nämlich so, dass der Vati vom Schah ganz schön zintig geworden ist, wenn irgendwer auch nur einen Zeh auf seinen Grund gesetzt hat. Selbst wenn es nur ein Eselzeh war. Also, wenn wir jetzt mal davon ausgehen, dass Esel auch Zehen haben.
Auf alle Fälle ist der Esel, weil er eben ein Esel war, einfach auf den Grund und Boden vom Schah gelaufen, der früher mal einem Bauern gehört hat. Genauer gesagt dem Bauern, dem auch der Esel gehört hat; es war ganz einfach, auf den Grund vom Schah zu laufen, weil der damals so viel davon gehabt hat. Sein Besitzer, der lumpige Bauer, hat sogar noch versucht, ihn davon abzuhalten, aber störrisch, wie Esel nun mal sind – und das hat die Spezies mit dem Schah und dem Bartholomäus gemein –, ist er einfach weitergelaufen. Der Bauer hat gezogen und geschnauft wie eine asthmatische Bergziege, aber vergebens. Der Esel hat in die erste Distel gebissen, die ihm vor sein Maul gekommen ist, und hat sie genüsslich verschlungen. Wobei man sich da schon fragt, wie die Esel das machen, weil, wenn der Bartholomäus in eine Distel gebissen hätte, da mag man gar nicht dran denken, so weh tut der Gedanke schon. Es wäre sicherlich das erste und letzte Mal gewesen, dass er in diese Ausformung der Flora gebissen hätte. So, wie es auch für den Esel seine letzte Distel war.
Denn der Schah war dermaßen stinkig, dass er die ganzen Bauern der Region, nicht nur den Besitzer von dem Esel, die übrigens eine Eselin war – namens Maneli, was „Bleib bei mir“ heißt –, zusammengetrommelt hat, als Publikum. Und wer nicht gekommen ist, musste ihm hinterher zur Strafe einen Esel abliefern. Dazu musst du wissen, dass die meisten noch nicht einmal einen einzigen Esel hatten und schon damals bitterarm waren, eingeweichtes Stroh und Dattelkerne gegessen haben, die vorher noch einmal vom Schah abgelutscht worden waren; was man als Ehre bezeichnen hätte können, auch wenn sich von Ehre niemand was kaufen kann und vom Schladderadatz vom Schah, der eh schon wieder eingetrocknet war, bis die Kerne bei den Bauern ankamen, schon gleich dreimal nicht.
Und dann stehen da also die ganzen Bauern um die Maneli herum. Daneben der Besitzer, der eine ganz besondere Beziehung zu ihr gehabt hat, weil er schon über sechzig Jahre alt und Zeit seines Lebens Junggeselle gewesen war. Auf alle Fälle fieberte er mit, ob jetzt tatsächlich das passieren würde, was der Schah angekündigt hat. Und es passiert: Ein Schuss fällt, die Maneli kurz darauf, die Distel vom Schah noch in ihrem Enddarm. Beißt sie ins Gras.
1925, der kleine Schah und der Bartholomäus sind noch immer richtige Rotzlöffel, zieht die Familie König nach Rothenburg ob der Tauber. Die Eltern sind froh, der Bartholomäus ist traurig. Ich glaube sogar, mit dem Umzug, mit dem Abschied vom Glashaus, ist so was wie eine Grundmelancholie im König angelegt worden. Weil er jeden Tag im Glashaus, in den Filmstudios gewesen ist. Und die Else war so etwas wie seine Ersatzmutter geworden, bei der er sich wohler gefühlt hat als bei seiner leiblichen Mutter. Die hat ihn ein Kind sein lassen, im Dreck spielen, auf Bäume klettern, von wo aus er dann die Filmaufnahmen beobachten hat können. Und einmal hat er sogar mitspielen dürfen, im Stummfilm Der Brunnen des Wahnsinns. Vielleicht ist er dir aufgefallen, neben der Beari, der Oberpriesterin, wenn du den Film gesehen hast.
Der Schwermut im König ist geblieben, obwohl er sich in Rothenburg sofort daheim gefühlt hat. Nicht wegen der Menschen oder seiner Eltern – bei denen hat er sich eh nie daheim gefühlt, weil, was ist das für ein Zuhause, wo du als Kind keinen Saustall machen darfst, wo in deinem Hirn doch ein ständiger Saustall herrscht, weil du erst einmal die Welt ordnen musst. Und dann sollst du auch noch dein eigenes Zimmer mit den Spielsachen ordnen – das der König doch tatsächlich gehabt hat, was zu der Zeit überhaupt nicht selbstverständlich war. Aber das Glashaus hat ihm gefehlt, das er immer noch so genannt hat, obwohl es der Hagel zerdeppert hatte wie der Vater die Vase, das Erbstück, der Mutter. Damals war nicht nur eine Unordnung im Haus, sondern auch eine Wut in der Mutter, dass der Vater sofort zum Wirt und nach drei Tagen erst wieder zurückgekommen ist mit einem Blick, als hätte er den Jesus eigenhändig ans Kreuz genagelt. Zum Glück hat er das nicht gemacht; weil, zwei linke Hände. Und es hat schon gereicht, dass er ein blaues Auge gehabt hat und die Mutter eine wehe rechte Hand. Nein, zuhause hat sich der König in Rothenburg ob der Tauber gefühlt, weil die ganze Stadt eine mittelalterliche Filmkulisse war.
Durch den Umzug hat die Mutter die ersten Wochen ganz vergessen, dem König die Haare zu schneiden, weshalb der Vater gesagt hat: „Schaust ja aus wie ein Sandler.“ Er hätte auch sagen können, dass er ausschaut wie der Jesus, aber dann wäre es ja keine Beleidigung mehr gewesen. Also für den Vater, für die Mutter schon.
Der König hat sich eigentlich ganz gut gefallen mit den Haaren, die noch nicht einmal richtig lang waren. Weil er damit ein bisschen ausgeschaut hat wie der Oskar Marion in seiner Ritterrüstung. Als Burgli, der Hauptmann in florentinischen Diensten in dem Film Monna Vanna, der auch im Glashaus in Grünwald gedreht worden ist. Aber an diesem Tag hat die Mutter keinen Radi gekannt. Die Schere erschien dem Bartholomäus riesengroß, als bekäme sie sonst die Hecke im Garten vor die Klingen, und der Kamm, der rupfte wie der Pfarrer, als er den Bartholomäus in der Schule beim Mädl-Ärgern erwischt und geschopft hatte. Der König kam sich vor wie das Unkraut, das aus dem Gemüsebeet hinter dem neuen Haus in Rothenburg gezogen wurde – was die Mutter jeden Tag gemacht hat, weil auch in einem Beet natürlich Ordnung herrschen musste. Wenn sie damit fertig war, hat sie sich die erdigen Hände in der hölzernen Regentonne gewaschen, an der Gartenschürze abgetrocknet und gesagt: „So!“
Auch jetzt wartete der Bartholomäus darauf, dass die Mutter endlich „So!“ sagen würde, wie die Haare in seine Augen flogen, faserig an seinem Mund pappten und ihn im Genick juckten. Aber da konnte er lange darauf warten. Weil für die Mutter die Haare vieeeel zu lang waren, schnippelte sie eine Ewigkeit daran herum. Nahm immer wieder mit dem Kamm die Haare auf, um die korrekte Länge abzumessen.
Die Tränen drückten sich aus seinem Bauch, über seinen Hals und die Nase bis in die Augen. Bis, ja, bis der Mutter auf einmal die Haare ausfielen, sie ebenso Haare ließ, mit jedem Schnitt um seinen Kopf herum ein wenig mehr, und sie irgendwann nur noch mit einer Glatze vor dem Spiegel stand. Das Erstaunen drückte die Tränen dorthin zurück, wo sie hergekommen waren, und sein Bauch entkrampfte sich wieder. Und während seine Haare weiter fielen, wuchsen ihr Haare auf dem Kinn, um die Lippen herum, auf den Zähnen, den Backen, bis sie irgendwann wie ein alter Barbier aussah. Der Mutter schien es nicht aufzufallen, sie schnippelte munter weiter an Bartholomäus’ Haaren herum. Und diese Veränderung der Realität, seiner Realität, schenkte seinem Geist eine derartige Freiheit, dass der kleine, über die Maßen gescheite Bub auf einmal darüber nachdachte, ob die Mutter sich die Haare auch selber schnitt. Nicht zuletzt, weil er mitbekommen hatte, dass der Geldsäckel der Familie dieser Tage nicht gerade prall gefüllt war. Und dann dachte er darüber nach, ob sie dazu all jenen, und nur jenen, die Haare schnitt, die sich nicht selbst die Haare kürzten, wie ihm. Und da merkte er, dass sich ein Widerspruch auftat, wobei er es natürlich nicht Widerspruch nannte, sondern wieder einmal viel mehr fühlte, dass da irgendwas nicht stimmig war – wie damals, als er in den Soldaten-Stahlhelm des Vaters gepieselt hatte. Weil, wenn sie sich die Haare selbst schnitt, dann gehörte sie doch zu denen, denen sie die Haare mit der Schere bearbeiten musste … Falls ich mich jetzt nicht verhauen habe, wisst ihr vielleicht, was ich meine.
„So!“, sagte die Mutter. Womit der Bartholomäus auch den Knoten in seinem Kopf über das Friseusen-Paradoxon stehen ließ. Sie kämmte seine nahezu nicht mehr vorhandenen Haare, schüttelte das Handtuch aus, ja, tatsächlich, sie schüttelte es aus und verteilte die Haare dadurch kreuz und quer im Bad, um den Bartholomäus herum. Ihn steckte sie mit dem Kopf unter den Wasserhahn, noch bevor sie die Temperatur geprüft hatte, weshalb ihm wegen des eisernen Griffes der Mutter nichts anderes übrigblieb, als die Zähne zusammenzubeißen, weil sich das Wasser erst eiskalt und dann brühend heiß über seinen kahlen Schädel ergoss. Die Aula-Seife aus Rothenburg schmirgelte, wieder heiß, dann kalt, dann auch noch brennender Schaum in seinen Augen. Nur kurz rubbelte die Mutter den immer noch wehen Kinderkopf, dann überließ sie ihn sich selbst und seinem Schmerz. Denn die Haare mussten zusammengekehrt, das Waschbecken gereinigt und zuletzt noch der Spiegel abgewischt werden. Der Besen schlug gegen das Schäufelchen, die Haare türmten sich darauf und die Mutter trug sie nach draußen zur Tonne im Hof.
Da erst sah Bartholomäus, was sie ihm angetan hatte. Er erkannte sich nicht wieder! Er war ein anderer Mensch geworden! Jetzt schossen die Tränen aus seinen Augen. Flossen über sein Gesicht. Das bin ja gar nicht mehr ich!
Vor dem Fenster war der Himmel gerade noch wolkenverhangen gewesen. Doch jetzt schob sich ein Sonnenstrahl durch, fiel auf den sauber geputzten Badezimmerspiegel und von dort aus in Bartholomäus’ Gesicht. Wäre er nicht geblendet gewesen, hätte er sich noch weiter in sein Elend versenken können. Aber er war eben geblendet, was ihm wiederum ermöglichte, Abstand von seinem Schrecken und damit dem Schmerz der Entfremdung zu gewinnen. Und Raum für all die Bilder aus seiner Realität, die sich nun zu einem Ganzen fügten: seine glatzköpfige, bärtige Mutter und er, der nicht mehr er war.
Was für ein Kraft entstand aus dieser Kombination, aus dieser Erkenntnis: eine Mutter, deren zwanghafte Ordnung durch einen Bart und eine Schere zunichte gemacht worden war und damit auch ihre Macht über ihn. Die ihre Herrschaft nicht nur durch Schere und Kamm ausgeübt hatte, sondern durch den alltäglichen Zwang, penible, preußische Ordnung zu halten, obwohl sie doch aus Oberbayern stammten und jetzt in Franken lebten. Ja, es steckte eine enorme Kraft in dieser Erkenntnis, eine Art Freiheit, die durch die Veränderung des Äußeren, ja, des Menschen Bartholomäus König entstanden war.
Ab jenem Tag trug der Barholomäus diese Kraft in sich und ich traue mich zu behaupten, dass er an diesem Tag zum König wurde, der im Laufe seines Lebens danach strebte, dieses Sein zu perfektionieren.
Der gleichaltrige Schah-Sohn, zu dem der König zu Fuß mindestens 800 Stunden und wahrscheinlich noch viel länger unterwegs gewesen wäre, bereitete sich indes auf die Feierlichkeiten zur Ausrufung seines Vaters zum Schah von Persien vor. Auch er saß vor einem Spiegel, seine Augenbrauen wurden mit einem Faden gezupft, was ihm ebenfalls die Tränen in die Augen trieb, aber er wusste: Würde auch nur eine davon aus seinen Augen rollen, durfte er sich der scharfen Rüge seiner Kinderpflegerin gewiss sein.
Während sich der König nach seinem Initiationsritus noch in seiner Erleuchtung sonnte, ging die Tür zum Bad auf. „Mutti, i hob die Stell! Direktor werd i!“, rief König Senior in urwüchsigem Altbairisch, das er vor seinen Mitmenschen zukünftig, als der Herr Direktor, tunlichst zu verbergen suchte. Genau wie König Junior seine Fähigkeit zur Mimikry.
„Der junge Herr wird uns noch vor manches Rätsel stellen“, fällt mir da spontan ein. Also genau das, was Generalfeldmarschall Moltke auch über Kaiser Wilhelm II. gesagt hat.
Im Folterkeller
Die schwere Holztür öffnet sich und der König glaubt erst gar nicht, was er sieht. Weil, es schaut so gemütlich aus. Ein gefliester Boden, umgeben von einer Steinwand, gar nicht kühl, kunstvoll. Und pfeilgrad: Licht! Er versucht, sich zu freuen und dann aber auch gleich wieder gleichmütig zu bleiben, weil: Licht war ja auch auf dem Rathausturm. Und wie sagte die Mutter so oft so bös: „Wer hoch steigt, fällt tief.“ Schaun wir mal.
Der Kleine geht voran, hält ihm die Tür auf und der König reißt sich zusammen. Nicht bedanken, weil er ja der Schah von Persien ist und so einer bedankt sich nicht.
Dann geht’s durch die nächste Tür nach draußen. Ein kühler Wind empfängt ihn auf der Terrasse des Burghotels, neben der Stadtmauer. Der Burgturm trotzig wie der König vor ihm, mit einem Brunnen, der früher die Durstigen mit Wasser versorgt hat oder auch nicht, weil er vielleicht noch gar nicht da war. Die Stadtmauer rechts, wieder Efeu. Links sein Taubertal, das kennst du ja schon und wirst du noch besser kennenlernen. In den Blumenrabatten Friedhofsflora: blutrote Gerbera. Der König macht den Mund auf und hört, wie trocken er ist. Hofft, dass nur er es gehört hat. Sieht das Fernrohr, das schlaff nach unten hängt, gen Tal. War er weitsichtig genug?
Zwei Schritte die Treppen runter. Und es geht schon wieder durch die nächste Tür; wird noch kühler, immer weiter runter. Und vor allem wird es duster, enger, steil geht es die Stiege bergab. Vor und hinter ihm je ein iranischer Agent. Dicke, feuchte Mauern, durch die kein Schrei nach außen dringt. Kerzenflammen bringen das Treppenhaus zum Zittern. Und dann weiß er, warum sie ihn hierher gebracht haben, hat es vorhin schon gewusst.
Was ihm als erstes ins Auge sticht in dem Gewölbe, ist das Rad, von einem alten Fuhrwerk, nicht größer als das Rad am Wagen des Scharfrichters. Unscheinbar steht es in der Ecke, unschuldig ausgestellt. Nur unterscheidet es sich von einem gewöhnlichen Rad, das vielleicht auch Blut an seinen Beschlägen haben könnte, von Viechern, die überfahren worden sind, von Igeln, Schnecken, Gewürm; es unterscheidet sich durch die messerscharfe, spitze Schneide, die an ihm angebracht ist, ausschaut wie fesches Beiwerk und dem Folterwerkzeug seinen nüchternen Namen nicht gegeben hat.
Jetzt könnte ich einen schlechten Wortwitz machen und schreiben, der König fühlt sich wie gerädert. Aber nein, er ist grantig und sagt: „Meine Herren, verraten Sie mir, warum Sie mich, den Schah von Persien, an diesen unwirtlichen Ort bringen?“
Der Kleine, noch ganz bubenhafter Lehrling, schaut den Großen an, schluckt, dass sein Kehlkopf wie eine Wasseramsel in der Schandtauber von Stein zu Stein hüpft. Jetzt nimmt der Große seine Sonnenbrille ab, was er schon längst hätte tun sollen. Der König schluckt, schluckt und schluckt, obwohl es nix zum Schlucken gibt, und versucht, sich das Schlucken nicht anmerken zu lassen. Aber: schwierig. Weil, das eine Auge ist blind, kein Glasauge, eher eine Weintraube, angeschrumpelt. Der Agent macht den Mund auf. Ein Goldzahn blitzt. Wirklich! Und sagt: „Yek as barat mi pazam, do wagab roqan daste base.“
Der Kleine pfeift durch die Zähne, weil er, genau wie der König, verstanden hat: „Ich werde dir eine Suppe kochen, auf der sich zwei Handspannen Öl befinden.“ Und weiß, dass das eine Drohung ist.
„Wo befindet sich Ihre Majestät, Farah Diba?“, fragt der König, nicht zu schnell und nicht zu langsam.
„Die Schahbanu ist in Sicherheit“, sagt der Kleine, ein bisserl zu schnell.
„Oder ist sie etwa hier drin verborgen?“ Der König zeigt auf eine wuchtige Figur, die in der Ecke steht. Mit einem zerklüfteten, von Streifen durchzogenen Holzgesicht und einer Art Krone, dem Messer des Rades nicht unähnlich. Auf einem massigen Korpus aus Stahl, vernietet, zusammengeschweißt, zwei Griffe zum Öffnen: die eiserne Jungfrau.
„Öffnen Sie! Sofort!“, befiehlt der König.
Der Lehrling springt, macht auf. Quietschend kommen Eisenstacheln zum Vorschein. Als hätte man einen Seeigel in der Mitte auseinandergerissen und sein Inneres nach außen gekehrt. Was man eben auf gar keinen Fall machen soll, das hat der König im Laufe seines Lebens gelernt: sein Inneres nach außen zu kehren.
„Wenn Sie mir jetzt nicht unverzüglich mitteilen, wo sich Ihre königliche Majestät, die Kaiserin von Persien, befindet, dann werden Sie da drin …“ Er macht eine kunstvolle Pause, schwingt mit Finger und Arm wie ein Dirigent des Todes und zeigt wieder auf die Eiserne Jungfrau. „… da drin Platz nehmen!“ Dann geht er zu einem riesigen Kürbis, der auf einem Schemel abgelegt wurde, in einer Ausbuchtung der steinernen Wand, unter einem gemauerten Rundbogen. Wahrscheinlich liegt der Kürbis noch vom letzten Herbst da, Halloween hat’s ja damals noch nicht gegeben. König deutet darauf und sagt: „Wissen Sie, was das ist?“
Der Kleine kriegt auf einmal so einen verträumten Blick, einen Glotzer, dass sich der König fragt, ob er was Falsches gesagt hat. Dann fällt ihm ein, warum. Er brüllt: „Kaka Kadu vielleicht?“
Der Kleine zuckt zusammen, seine Mundwinkel beben. Bei dem Großen bewegt sich lediglich ein Haar an der Augenbraue, unter seiner kahlrasierten Glatze.
Du musst wissen, dass Kaka Kadu persische Pfannkuchen sind, die mit Feigen und Zucker gegessen werden. Aus Kürbispüree und einem Hauch von Rosenwasser und Kardamom. Gebrutzelt werden die, ähnlich wie die Reiberdatschi, Baggers, Kartoffelpuffer, zu denen wir in einem der nächsten Kapitel noch kommen werden, wenn ein anderer arischer Führer Rothenburg besucht. Kaka Kadu kommen aus dem Norden des Iran, aus Gilan, wo der Kleinere herstammt und in den Reisfeldern umhergestreift ist wie der König unter den Apfelbäumen. Nur, dass man aus Äpfeln kein Mehl, wie aus Reis, machen kann – und daraus wiederum Kaka Kadu, die dem Kleinen seine Großmutter immer gemacht hat –, sondern Apfelmus, zum Kaiserschmarrn.
„Nehmen Sie den Stuhl“, sagt der König zu ihm.
Der Kleine rennt zum angewiesenen Barhocker, nimmt ihn.
„Und stellen ihn in die Eiserne Jungfrau!“
Er schaut ihn fragend an. Versteht nur Bahnhof, weil er noch so jung ist und bei Jungfrau natürlich an ganz was anderes denkt.
„Da rein!“
Er tut, wie ihm befohlen.
Der Größere schaut wie versteinert zu.
„Und jetzt den Kürbis.“
Er nimmt ihn mit einer fahrigen Bewegung, lässt ihn fast wieder fallen.
„Vorsicht!“
Umfasst ihn fester.
„Auf den Stuhl.“
Er kraxelt auf den Hocker. Rutscht ab. Der Kürbis fällt runter. Er schaut zum König. Zu seinem Kollegen. Hebt den Kürbis auf. Schafft es irgendwie, samt Kürbis auf den Barhocker zu klettern. Schnauft rasant, sein Brustkorb hüpft auf und nieder.
„Neeeiiiin“, sagt der König langsam, souverän, fast flüsternd, zeigt majestätisch auf den Kleinen.
Dem seine Füße schlackern und man sieht, wie er versucht, seinen Hintern anzuspannen, damit man nicht sieht, wie sie schlackern.
Der König sagt: „Runter!“
Der Kleine macht eine Kniebeuge, bis zu den Fersen. War da soeben ein Grinsen auf dem gehässigen Mund des Großen?
„Treten Sie herunter!“, befiehlt der König.
Zackig hüpft der Kleine runter auf die Fliesen. Die Haxen knicken ein. Schmerzverzerrter Gesichtsausdruck. Der Kürbis hüpft davon. Unterdrücktes Stöhnen. Versuch, stramm zu stehen.
„Den Kürbis!“
Dem Kleinen seine Augen folgen dem König seiner Hand. Der malt mit seinem Zeigefinger Kreise, vom Boden bis zur Decke, weil es gar so schön ist; und der Kleine folgt mit seinem Blick. Als hätt der König einen glühenden Stecken in der Hand und würd damit in der Dunkelheit bunte Bilder malen. Der Kleine schwankt und der König weiß, dass der Kleine gelernt hat zu gehorchen, und sagt, wieder ganz langsam: „Guuuut.“
Was dem Kleinen ein entspanntes Lächeln auf die Lippen zaubert.
Ernennung zum Oberst
Wie so oft in den Rothenburger Gassen, hat an einem heißen Sommertag ein Krieg zwischen den Christen- und Judenkindern getobt. Ganz in der Nähe der Judengasse 10, wo im Mittelalter die Juden in der Mikwe, einem Tauchbad, die Treppen runtergestiegen sind, um sich im Wasser zu reinigen. Jetzt sind sich da zwei Banden auf dem Schulhof der Jakobsschule, wo der Vater vom König Direktor gewesen ist, gegenübergestanden. Aufgehetzt vom Kirchenvater Augustinus und der schiefen Auslegung der Bibel. Die Tauben auf dem Dachfirst und auf den kleinen Fenstern mit Dacherl waren die einzigen Zeugen, faul von der Hitzen haben sie nicht einmal gegurrt, sondern nur hin und wieder auf die Schule geschissen.
Das Peterle, seines Zeichens Sohn des Stadtbauers Adalhard Mohrenstecher und der Stadtbäuerin Hannahle, hat den Angriff wie ein Feldhauptmann gestartet und die jüdischen Nachbarskinder aus seinem großen Maul angebrüllt als würd er sich jetzt schon auf das abgemagerte Tausendjährige Reich einstimmen: „Ihr Jude, ihr hebt den Heiland ans Kreiz gschlooche!“
Die heiße Luft hat über dem Kopfsteinpflaster gezittert.
Der König steht, wie immer, zwischen den Fronten, weil er in beiden Schützengräben Spielkameraden gehabt und die Bibel genau studiert hat. Und da drin ist eindeutig gestanden, dass dem Jesus sein Tod und seine Auferstehung passiert sind, um die Schuld aller Menschen auf sich zu nehmen. Die große, allumfassende Versöhnung. Auch wenn der König nicht wirklich daran geglaubt hat, weil er jeden Tag das Gegenteil gesehen hat; wie jetzt eben auch wieder.
„Mir?“, hat der Isaak zurückgebrüllt, dass seine schwarzen Locken nur so gewackelt haben. „Mir? Naa, do weiß i nix! Des misse die draußen von der Adam-Hörber-Straße gwese sei!“
Das Peterle ist auf den Isaak zugegangen, seine Kreuzritter sind nachgerückt wie ein kampfeshungriges römisches Heer. Weil der König nicht gewusst hat, was er tun soll, hat er sich angesichts der drohenden Blutsuppe innerlich gewunden wie der Turm der Schule vor ihm. Zu seinem Glück ist aus der Jakobsschule eine eindringliche, befehlende Stimme gedrungen.
Der Bladdntoni, der Bauer von der Frankenhöhe, aus Dombühl, hat genau in dem Moment auf der Herrngasse nebendran seinen Hut abgesetzt, um sich mit einem Taschentuch die glänzende Glatze zu polieren. Und auch dem seine Ohrwascheln haben die Befehle aus der Schule deutlich vernommen. Er hat den König ein paar Meter weiter stehen gesehen und ihn gefragt: „Wos is denn do drinne los? Worum werd denn do so plägt?“
Der König hat die zwei Armeen beäugt, die kurz davor waren, übereinander herzufallen. Freilich hat er gewusst, dass der Lehrer Bücklibock da drin die älteren Pennäler herumkommandiert. Trotzdem hat er gesagt: „Da drin werden Affen dressiert. Wenn S’ a Zehnerle zahlen, können Sie’s sehen.“ Dabei hat er das Wort „Zehnerle“ genau so betont, dass die Betonung dem Bladdntoni nicht aufgefallen ist, die Gotteskrieger es aber gehört haben. Und schon haben die daran gedacht, dass man das Zehnerle in zuckersüß-salzigen Bärendreck umsetzen könnt.
„Des guck i mir ou“, hat der Kuhbauer begeistert gesagt und mit seinen Wurstfingern ein Zehnerle aus seinem Geldsack gefischt. Und es dem König in die Hand gedrückt. Dann ist er ins Schulhaus gestürzt, wo es nach feuchtem Schwamm, Kreide und dem Schweiß der Schüler gerochen hat. Schwer keuchend ist er die Wendeltreppe rauf und hat an die Tür vom Klassenzimmer geklopft. Aufgemacht hat ihm der Lehrer Bücklibock, der dem Lehrer Lämpel aus „Max und Moritz“ wie aus dem Bilderbuch geschnitten war, haarscharf, bis zur Meerschaumpfeife am Feierabend.
„I mechet …“, hat der Bauer gestottert. „Ja … Wo sind etz do die Affe, die wo dressiert werde? Die will ich sehe!“
Der Bücklibock ist sich vorgekommen wie der Tierpfleger vom Tiergarten in Nürnberg, was, unter uns gesagt, schon öfter vorgekommen ist. Trotzdem hat er versucht, die Haltung zu bewahren und nicht zu sehr wie ein Blasebalg in der Schmiede zu schnaufen. Auch weil der Bauer vom Treppenrennen schon so exaltiert inhaliert und gepustet hat und der Bücklibock darum gemeint hat, da steht ihm sein asthmatisches Spiegelbild gegenüber. „Ja, was glauben Sie denn … Sie!“, hat der Bücklibock gepoltert.
Das hat der Glatzentoni kapiert und ist wieder nach unten gestürmt, um sich den „Schmalzrussen“ zu schnappen. Dem Bücklibock sein „Bauraseggl!“ hat er nicht mehr gehört.
Der König ist derweil feierlich von der christlich-jüdischen Armee zum „Oberst“ ernannt worden. Und die ist jetzt vereint vorgerückt, um in der Georgenapotheke am Markt die Gläser mit Bärendreck zu erobern.
Weil der Bauer noch einmal umgedreht ist und dem Bücklibock den König mit seiner markanten Erscheinung beschrieben hat – tiefschwarze Haar, buschige Augenbrauen, ein schmales, kantiges Gesicht und eine große Nase; weshalb ihn manche auch für einen Juden gehalten haben –, war klar, dass der König früher oder später bestraft werden wird, ob der Lehrer Bücklibock nun gewusst hat, dass er der Oberst war, oder nicht. Womit der König extra gerechnet hat, war, dass der König Senior, der Herr Direktor, den Lehrer Bücklibock, der aus Ulm stammte, extra angewiesen hatte, mit dem Bartholomäus besonders hart ins Gericht zu gehen. Weil: Sohn vom Direktor. Und alle sollten sehen, dass er daraus keinen Vorteil ziehen konnte.
Der Bartholomäus König hat geahnt, dass ihm der Herr Lehrer eine Abreibung mit dem spanischen Röhrle verabreichen würde. Und da traf es sich sehr gut, dass am Vortag Schlachttag gewesen war.
Am Schlachttag hat die Stadtbäuerin Hannah Mohrenstecher aus der Wenggasse, wo es damals noch viele Stadtbauern gegeben hat, mit dem großen Fleischermesser einer massigen Sau den Hals aufgeschnitten. Das dunkelrot-schwarze, dampfende Blut rann aus dem Schnitt und in den Kiebel, wo das Hannahle sofort damit begann, den riesigen Kochlöffel zu rühren. So blieb der „Blutbapp“, wie sie es den Kindern erklärte, am Kochlöffel hängen und klumpte nicht. Die Kinder hatten die Sau übrigens irgendwann, als sie noch kleiner, aber schon eine Sau war, „Hieronimus“ getauft, nach dem Herrn Direktor, der damals noch der „Herr Lehrer“ gewesen ist
In einem aufwendigen Prozedere, in das die ganze Familie involviert war, produzierte die Stadtbäuerin dann aus dem Schweinefleisch, dem Blut und dem Darm der armen Hieronimus Würst. Was die arme Hieronimus nicht wusste, war, dass dem Herrn Lehrer auch beizeiten zum Sterben zumute war, vor allem, wenn er zu viel Würst verspeist und zu viel Landwehr-Bier aus dem eine Stunde Fußmarsch entfernten Steinsfeld getrunken hatte. Weil, dann tobte in seinem Gedärm ein Stellungskrieg, der auf dem Scheißhaus seinen Niederschlag fand, dass es im Plumpsklo nur so donnerte. Der König Junior wusste in so einem Fall, dass er seine Ruhe vor dem Tyrannen hatte, und der König Senior versuchte sich in der dunklen Ahnung, dass ihn der Tyrann Morbus Crohn, wie er ein paar Jahre später erfahren würd, in seiner Gewalt hatte.
Auf alle Fälle schickte das Hannahle, wie es Brauch war, ihre Kinder mit den Würsten zum Herrn Pfarrer und eben zum Herrn Direktor am Eck vom Pfäffleinsgässchen. (Das mag jetzt ein bisserl verwirrend für dich sein, dass der Schuldirektor im Pfäffleinsgässchen gewohnt hat und nicht umgekehrt, aber in meiner Geschichte wird dich noch mehr verwirren, also fast wie im richtigen Leben.)
Die Familie vom Herrn Direktor hat aber dazu noch eine Kanne voll Schweineblut gekriegt, das über Nacht im Holz-Eisschrank im Keller gelagert worden war. Das Hannahle hat nämlich gewusst, dass die Maria König gerne einmal einen Thüringer Blutkuchen backt, wie ihn ihre Thüringer Großmutter schon gemacht hat; mit Salzkartoffeln und Salzgurken natürlich. Was wiederum für dem Hieronimus seinen Darm, also dem vom Direktor – für den von der gleichnamigen Sau sowieso – einem gesalzenen Dolchstoß gleichkam. Für die Kinder in der Schule dagegen einem Friedensvertrag, weil der Herr Direktor, der ja auch unterrichten musste, dann extrem viel Zeit auf dem Häusl verbracht hat.
Jetzt aber zurück zum König Junior, auf den das „Stäggele“ gewartet hat. Da die ganze Klasse schon gewusst hat, was ihm blüht – und ihm so manche Landeier nicht gerade wohlgesonnen waren –, war die Vorfreude nicht nur beim Lehrer Bücklibock groß, der prinzipiell eine rechte Zwiderwurzen war und ein strenges Regiment geführt hat. (Du siehst, die Zeichen sind in Rothenburg auch nach dem großen Krieg auf Krieg gestanden, als hätten die Leut daraus nix gelernt. Aber vielleicht ist das die bleibendste Eigenschaft der Menschen, dass sie aus der Vergangenheit nix lernen. Und vielleicht sind gerade die Deutschen da besonders erinnerungsresistent.) Beim König war es mehr seine Suche nach Freiheit, die ihn ein bisserl beratungsresistent ausschauen hat lassen, zumindest in den Augen vom Lehrer Bücklibock. Es war nämlich nicht das erste Mal, dass der beim König zum Stock gegriffen hat.
Die Klasse hat also schon auf dieses Schauspiel gewartet wie die Leut heute auf den Tatort am Sonntagabend. Der Bücklibock hat seine Bücher, Kreide, Stifte und Hefte noch akkurater als sonst auf seinem Pult geordnet, was fast nicht ging, und den Rohrstock aus dem Schrank geholt. Absurderweise hat er ihn noch einmal demonstrativ mit seinem Stofftaschentuch geputzt.
Dann sagt der Bücklibock genüsslich: „Bartholomäus König.“ Und die, bei denen die Freude groß ist, versuchen sie zu verbergen, damit ihr Name nicht als nächster ausgerufen wird.
Der König dagegen spielt seine Rolle vorzüglich, angesichts der drohenden zwanzig Hiebe mit dem Stock. Hat er die letzten Jahre doch ordentlich Erfahrung in der Schauspielerei sammeln können: den Blick schuldbewusst zu Boden gewandt, die damals noch schmalen Schultern hängen lassen, wer es sehen wollte, hätte die Knie – beim Laufen! – schlottern sehen können. König selbst war das eigentlich zu dick aufgetragen, aber überzeugend war’s allemal. Schon ist er am Lehrerpult angelangt.
„Bück dich“, sagt Bücklibock betont ruhig, „Schindluder lass ich keines mit mir treiben.“ Trotzdem errötet sein Schädel, als wäre er der gezüchtigte Hintern vom König. Und das, obwohl der Bücklibock ein hageres Mannsbild ist, ein Strich in der mittelfränkischen Landschaft, also weit entfernt vom Bluthochdruck aufgrund von Schäufele – für Nichtfranken: martialisch ausschauende Schweineschulter und Bier.
König bückt sich wie befohlen, stützt sich mit den Ellbogen auf dem Pult ab. Bücklibock holt aus. Da schaut der König der Anna Krohn kurz in die Augen und sagt „Herr Lehrer!“, worauf dessen Kopf noch mehr errötet und alle gespannt die Luft anhalten.
Bücklibock lässt den Stock wieder sinken: „Ja, König?“
Das Holz knistert im Ofen, der Anna Kohn ihre türkisbraunen Augen funkeln.
„Guten Morgen, Herr Lehrer.“
Worauf die Klasse in ein derart deppertes Gelächter ausbricht, dass dem Bücklibock angesichts dieser anarchischen Gemütsäußerung der Schweiß auf der Stirn ausbricht. „Ruhe!“, brüllt er und es ist Ruhe.
Alle wissen, dass König einen riesigen Fehler begangen hat. Denn Bücklibock holt aus, wie er noch nie ausgeholt hat. Der Stock zischt surrend auf Königs kleinen Hintern nieder, der Schmerz lässt ihn zusammenzucken und das Gesicht verziehen wie seine Mutter, wenn sie irgendwo Unordnung entdeckt hat.
Der Bücklibock holt wieder aus, wieder ein Zuckerer. Auf einmal hält der Lehrer zum Erstaunen der Schüler inne. Schaut am König hinunter und hält sich die Hand vor den Mund. Und dann sehen es alle: Ein Blutstrom rinnt aus Königs Hose und zeichnet eine immer länger werdende rote Spur der Gewalt durch das Klassenzimmer.
Es ist jetzt so leise, dass man den Bücklibock schnaufen hört, sein Stridor pfeift durch das ganze Zimmer und entlarvt ihn als Asthmatiker. Seine Hand zittert immer stärker. Der Stock fällt zu Boden. Und der Bücklibock sagt leise, ja schon fast andächtig: „Geh heim, Bub.“
König schnappt sich Jacke, Tornister und Schiefertafel, rast aus dem Zimmer und denkt sich: Pfiffkas!
Die Anna Kohn schaut ihm verwundert hintennach.
Der König prescht die Straße hinunter. Dass der Dreck hinter ihm nur so staubt in der Hitzen. Die Schweinsblasen, in der das Blut von der Stadtbäuerin gewesen ist, das jetzt der Wilpert Heinz vom Fußboden des Klassenzimmers schrubben muss, holt er aus der Hosentasche seiner kurzen Lederhosen und schmeißt sie in den Graben. Neben einen toten Hund.
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