Читать книгу: «Befreite Schöpfung»
Meiner Tochter Janila und meiner Frau Maritza,
die mich auf diesem Weg mit ihrer Liebe und ihrer Aufmunterung
unterstützt haben;
allen meinen Lehrern,
die mich mit ihrem Einsichtsvermögen und ihrer Weisheit inspiriert haben;
und dem lebendigen Kosmos,
dessen sich entfaltende Schönheit mich mit Ehrfurcht erfüllt.
Mark Hathaway
Mirian Vilela und Steven Rockefeller
für ihre tiefe Liebe zur lebendigen Erde
und für ihren wesentlichen Beitrag zur Verfassung der Erdcharta.
Leonardo Boff

Originalausgabe:
Mark Hathaway / Leonardo Boff, The Tao of Liberation. Exploring the Ecology of Transformation, Maryknoll, Orbis Books, New York 2009
© 2009 by Mark Hathaway and Leonardo Boff
Die E-Book-Ausgabe entspricht im Wesentlichen der ungekürzten Originalausgabe.
„Orientierung durch Diskurs“
Die Sachbuchsparte bei Butzon & Bercker, in der dieser Band erscheint, wird beratend begleitet von Michael Albus, Christine Hober, Bruno Kern, Tobias Licht, Cornelia Möres, Susanne Sandherr und Marc Witzenbacher
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

E-Book (Mobi): ISBN 978-3-7666-4306-3
E-Pub: ISBN 3-978-3-7666-4304-9
© 2016 Butzon & Bercker GmbH, Hoogeweg 100, 47623 Kevelaer,
Deutschland, www.bube.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagabbildung: © ilcondor – Fotolia.com
Umschlaggestaltung: Christoph Kemkes, Geldern.
Satz: Schröder Media GbR, Dernbach
Printed in Germany
Inhalt
Vorwort (Fritjof Capra)
Über das Tao Te King
Prolog
1. In einer Zeit der Krise nach Weisheit streben
Die Krise der Erde: Eine kosmische Perspektive
Das Streben nach Weisheit
Die Erkundung der Hindernisse
Tiefer eintauchen: Kosmologie und Befreiung
Die Ökologie der Veränderung
Teil I: Erkundung der Hindernisse
2. Ein pathologisches System entlarven
Krankheitssymptome
Krebsartiges Wachstum
Verzerrte Entwicklung
Herrschaft der Konzerne
Ein parasitäres Finanzsystem
Monokultur des Geistes
Macht als Herrschaft
Von der Krankheit zur Gesundheit
3. Jenseits der Herrschaft
Tiefenökologie
Ökofeminismus
Die Ursprünge von Patriarchat und Anthropozentrismus
Der globale Kapitalismus: Ein androzentrisches System
Macht neu denken
4. Die Lähmung überwinden und die Psyche erneuern
Die Dynamik der Ohnmacht
Systemische Verstärkungen
Tiefer eintauchen: Perspektiven der Ökopsychologie
Von der Lähmung zur Wiederherstellung der Verbindung
Teil II: Kosmologie und Befreiung
5. Die Neuentdeckung der Kosmologie
Traditionelle Kosmologien
Der Verlust der Kosmologie im Westen
Kosmologie und Veränderung
6. Die Kosmologie der Herrschaft
Vom Organismus zur Maschine: Der Tod des lebendigen Kosmos
Das Ganze auf Teile reduzieren: Atomistischer Materialismus
Die Natur unterwerfen: Das Streben nach Kontrolle
Ewigkeit, Determinismus und Sinnverlust
Privater Vorteil, Fortschritt und das Überleben der am besten Angepassten
Eine Kosmologie der Ausbeutung und Verzweiflung
Jenseits des Mechanismus
7. Die Materie überschreiten: Der ganzheitliche Mikrokosmos
Dinglosigkeit
Radikale Relationalität
Die schwangere Leere
Die Immanenz des Geistes
Der holografische Kosmos
Quantenholismus
8. Komplexität, Chaos und Kreativität
Erkundung der Systemtheorie
Das Entstehen von Kreativität und Geist
Komplexität und Veränderung
9. Gedächtnis, morphische Resonanz und Emergenz
Der Widerhall des Gedächtnisses
Jenseits des genetischen Determinismus
Von ewigen Gesetzen zu sich entwickelnden Gewohnheiten
Kreativität und Veränderung
Morphische Resonanz und verändernde Praxis
10. Der Kosmos als Offenbarung
Kosmogenese
Die Entfaltung des Lebens
Gaia: Die lebendige Erde
Ein Gespür für Sinn
Die Weisheit des Kosmos
Das Menschsein neu erfinden
Die Erd-Charta als ein gemeinsamer Rahmen
Teil III: Das Tao der Befreiung
11. Spiritualität für das Ökozoikum
Spiritualität verstehen
Ökologie, Spiritualität und die christliche Tradition
Die Rolle der Religionen
12. Die Ökologie der Veränderung
Handeln im Gleichklang mit dem Tao
Eine neue Vision entwerfen
Ein vierfacher Pfad zur Befreiung
Die Reise fortsetzen
Literatur
Vorwort
Im Laufe unseres Jahrhunderts werden zwei Entwicklungen das künftige Wohl der Menschheit besonders stark beeinflussen. Die eine ist der Aufstieg des globalen Kapitalismus, und bei der anderen handelt es sich um die Schaffung nachhaltiger Gemeinschaften auf der Grundlage der Praxis des ökologischen Designs.
Der globale Kapitalismus hat es mit elektronischen Netzwerken des Finanz- und Informationsflusses zu tun, während sich das Ökodesign mit ökologischen Netzwerken des Energie- und Materialflusses beschäftigt. Das Ziel der globalen Wirtschaft in ihrer derzeitigen Form ist die Maximierung von Reichtum und Macht ihrer Eliten. Das Ziel des Ökodesigns hingegen ist es, die dauerhafte Tragfähigkeit des Lebensnetzes in höchstmöglicher Weise zu entwickeln. Diese beiden Szenarien befinden sich derzeit auf Kollisionskurs.
Die neue Ökonomie, die aus der informationstechnischen Revolution der letzten drei Jahrzehnte hervorging, organisiert sich weitgehend um Netzwerke von Finanzströmen. Hoch entwickelte Informations- und Kommunikationstechniken versetzten das Finanzkapital in die Lage, sich auf seiner rastlosen Suche nach Investitionsmöglichkeiten mit hoher Geschwindigkeit rund um den Globus zu bewegen. Das System stützt sich auf Computersteuerung, mit deren Hilfe die außerordentliche Komplexität bewältigt werden kann, wie sie aus der schnellen Deregulierung und einer verwirrenden Vielfalt neuer Finanzinstrumente heraus entstanden ist.
Diese Art von Ökonomie ist so komplex und von Turbulenzen geprägt, dass eine herkömmliche ökonomische Analyse an ihr scheitert. Die Zocker in diesem Kasino sind keine geheimnisvollen Spekulanten, sondern größere Investmentbanken, Pensionsfonds, transnationale Konzerne und Investmentfonds, die ausdrücklich zum Zweck der Finanzmanipulation geschaffen wurden. Der sogenannte globale Markt ist streng genommen überhaupt kein Markt, sondern vielmehr eine Maschine, die auf einen einzigen Zweck hin programmiert wurde, der alle anderen Werte ausschließt: Geld zu machen. Das heißt, dass die wirtschaftliche Globalisierung systematisch alle ethischen Dimensionen des Geschäftslebens ausgeblendet hat.
In den letzten Jahren wurden die sozialen und ökologischen Auswirkungen der Globalisierung von Wissenschaftlern und für das Gemeinwesen Verantwortlichen ausgiebig diskutiert. Deren Analysen machen deutlich, dass die neue Ökonomie eine Vielzahl miteinander verflochtener schädlicher Folgen hervorbringt. Sie hat einer Weltelite von Finanzspekulanten, Unternehmern und High-Tech-Spezialisten zu Reichtum verholfen. Ganz oben ist es zu einer bislang noch nie da gewesenen Akkumulation von Wohlstand gekommen. Doch insgesamt waren die sozialen und ökologischen Folgen katastrophal. Und wie wir an der Finanzkrise des Jahres 2008 erkennen konnten, hat diese neue Ökonomie auch den finanziellen Wohlstand der Menschen überall auf der Welt gefährdet.
Der neue globale Kapitalismus führte zu einer wachsenden sozialen Ungleichheit und zu gesellschaftlicher Ausgrenzung, zu einem Niedergang der Demokratie, zu einer noch schnelleren und immer weiter um sich greifenden Verschlechterung der natürlichen Lebensgrundlagen, zu wachsender Armut und Entfremdung. In der ganzen Welt hat er lokale Gemeinschaften bedroht und zerstört, und indem er eine falsch verstandene Biotechnik förderte, hat er sich an der Heiligkeit des Lebens selbst vergriffen: Er hat versucht, Vielfalt in Monokultur zu verwandeln, Ökologie zum Engineering verkommen zu lassen und das Leben selbst zur Ware zu degradieren.
Es ist zunehmend deutlich geworden, dass der globale Kapitalismus in seiner derzeitigen Gestalt weder sozial noch ökologisch, ja nicht einmal in finanzieller Hinsicht nachhaltig ist und von Grund auf umgestaltet werden muss. Das ihm zugrunde liegende Prinzip, dass das Geldmachen den Vorrang vor Menschenrechten, Demokratie, Schutz der Umwelt und jeglichem anderen Wert haben soll, ist ein Programm, das direkt in die Katastrophe mündet. Doch dieses Prinzip kann verändert werden. Es ist kein Naturgesetz. Dieselben elektronischen Netzwerke des Finanz- und Informationsflusses könnten im Sinne von anderen Werten programmiert werden. Der entscheidende Punkt ist nicht die Technik, sondern die Politik. Die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts wird darin bestehen, das der globalen Wirtschaft zugrunde liegende Wertesystem so zu ändern, dass es mit den Erfordernissen der Würde des Menschen und der ökologischen Nachhaltigkeit vereinbar ist.
Der Prozess der Umgestaltung der Globalisierung hat faktisch bereits begonnen. Zur Jahrhundertwende hat sich eine eindrucksvolle weltweite Koalition von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) genau zu diesem Zweck herausgebildet. Diese Koalition, die auch weltweite Bewegung für soziale Gerechtigkeit genannt wird, hat eine Reihe von erfolgreichen Protestveranstaltungen anlässlich der Treffen der WTO (Welthandelsorganisation), der G 7 und der G 8 organisiert und mehrere Weltsozialforen – meistens in Brasilien – veranstaltet. Bei diesen Treffen arbeiteten die NGOs eine ganze Reihe von Vorschlägen für eine alternative Handelspolitik aus, die auch konkrete und radikale Forderungen zur Umstrukturierung der globalen Finanzinstitutionen beinhalteten, welche den Charakter der Globalisierung tiefgreifend verändern würden.
Diese weltweite Bewegung für soziale Gerechtigkeit ist ein Beispiel für eine neue Art von politischer Bewegung, wie sie für unser Informationszeitalter typisch ist. Die professionelle Nutzung des Internets ermöglicht es den NGOs, sich miteinander zu vernetzen, Informationen auszutauschen und ihre Mitglieder in so kurzer Zeit wie nie zuvor zu mobilisieren. Aufgrund dessen wurden die neuen weltweiten NGOs zu effektiven politischen Akteuren, die unabhängig von den herkömmlichen nationalen oder internationalen Institutionen sind. Sie bilden einen neuen Typus der globalen Zivilgesellschaft.
Um den politischen Diskurs innerhalb einer systemischen und ökologischen Perspektive zu verorten, stützt sich die globale Zivilgesellschaft auf ein Netzwerk von Wissenschaftlern, Forschungsinstituten, „think tanks“ und Studienzentren, die weitgehend außerhalb unserer führenden akademischen Institutionen, kommerziellen Organisationen und von der Regierung abhängigen Trägern tätig sind. Heute gibt es Dutzende solcher Forschungs- und Studieneinrichtungen auf der ganzen Welt. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie ihre Arbeit innerhalb eines ausdrücklich formulierten Rahmens gemeinsamer zentraler Werte durchführen.
Die meisten dieser Forschungseinrichtungen bilden Gemeinschaften von Wissenschaftlern und Aktivisten gleichermaßen, die sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Projekte und Kampagnen engagieren. Dabei scheinen sich die größten und aktivsten Koalitionen an der Basis auf drei Themenbereiche zu konzentrieren. Der eine betrifft die Umgestaltung der herrschenden Spielregeln und Institutionen der Globalisierung; einen weiteren bildet der Widerstand gegen genetisch manipulierte Nahrungsmittel und die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft; und der dritte ist das ökologische Design, das heißt ein konzertiertes Bemühen darum, unsere Infrastruktur, die Städte, die Technologien und Industrien so umzugestalten, dass sie ökologisch nachhaltig werden.
Im weitesten Sinne meint Design die Gestaltung von Energie- und Materialströmen für die Zwecke des Menschen. Ökologisches Design ist ein Prozess, im Verlauf dessen unsere menschlichen Zwecksetzungen sorgfältig mit den umfassenderen Mustern und Strömen der Natur verknüpft werden. Die Prinzipien des ökologischen Design bilden die Organisationsprinzipien ab, welche die Natur entwickelt hat, um das Gewebe des Lebens dauerhaft zu erhalten: ein steter Kreislaufstrom der Materie, die Nutzung von Sonnenenergie, eine Abkehr vom Bestreben herauszufinden, was wir der Natur entnehmen können, und eine Hinwendung zu dem, was wir von ihr lernen können.
In den letzten Jahren nahmen die Praktiken und Projekte eines ökologisch orientierten Designs einen enormen Aufschwung; sie alle sind inzwischen gut dokumentiert. Dazu zählen eine weltweite Renaissance ökologischer Landwirtschaft; die Neuorganisation verschiedener Industriezweige zu Einheiten, innerhalb derer der Abfall des einen die Ressource des anderen bildet; die Abkehr von einer am Produkt orientierten Wirtschaft hin zu einer an Dienstleistungen und Stoffströmen orientierten Wirtschaft, in welcher die industriellen Rohmaterialien und technischen Komponenten beständig zwischen Herstellern und Verbrauchern zirkulieren; Gebäude, die so gestaltet sind, dass sie mehr Energie erzeugen als verbrauchen (Passivenergiehäuser), keinen Abfall produzieren und ihren Betrieb aus eigenen Ressourcen aufrechterhalten; Autos mit Hybridantrieb, die gegenüber herkömmlichen Autos eine um ein Vielfaches effizientere Nutzung des Treibstoffs aufweisen, etc.
Diese Techniken und Projekte des Ökodesign setzen allesamt die Grundprinzipien der Ökologie um und weisen deshalb einige wesentliche Gemeinsamkeiten auf. Es sind tendenziell Projekte kleinen Zuschnitts, die eine reichhaltige Vielfalt aufweisen, die Energie effizient nutzen, keine Verschmutzung verursachen, am Gemeinwesen orientiert und arbeitsintensiv sind und damit eine Menge Arbeitsplätze schaffen. Die heute verfügbaren Techniken liefern den schlagenden Beweis dafür, dass der Übergang zu einer nachhaltigen Zukunft kein technisches oder konzeptionelles Problem mehr darstellt. Er ist lediglich eine Frage von Werten und des politischen Willens.
Es hat den Anschein, als hätte dieser politische Wille in den letzten Jahren bedeutend zugenommen. Ein bemerkenswertes Anzeichen dafür ist Al Gores Film Eine unbequeme Wahrheit, der für die Förderung des ökologischen Bewusstseins eine wichtige Rolle gespielt hat. Im Jahr 2006 hat Al Gore persönlich zwölfhundert Freiwillige darin geschult, seine berühmte Dia-Show vorzuführen und die Botschaft weltweit zu verbreiten. Bis 2008 hatten sie fast zweitausend Präsentationen durchgeführt und damit ein Gesamtpublikum von zwei Millionen Menschen erreicht. In der Zwischenzeit hatte das Klima-Projekt, Gores Organisation, über tausend in gleicher Weise engagierte Personen in Australien, Kanada, Indien, Spanien und Großbritannien geschult. Sie verfügen nun über 2600 Referenten und haben weltweit ein Publikum von mehr als vier Millionen Menschen erreicht.
Eine weitere wichtige Entwicklung stellt das Erscheinen des Buches Plan B 3.0. So retten wir die Welt von Lester Brown, dem Gründer des Worldwatch Institute und einem der einflussreichsten ökologischen Vordenker dar. Der erste Teil von Browns Buch ist eine detaillierte Darstellung der grundlegenden wechselseitigen Verflochtenheit unserer hauptsächlichen Probleme. In einer Klarheit, die nichts zu wünschen übrig lässt, zeigt er auf, wie der Teufelskreis von Bevölkerungsdruck und Armut zur Erschöpfung der Ressourcen führt ‒ zu sinkenden Grundwasserspiegeln, versiegenden Quellen, schrumpfenden Wäldern, schwindenden Fischbeständen, Bodenerosion, Ausbreitung von Wüsten usw. – und wie diese Erschöpfung von Ressourcen, die durch den Klimawandel noch verschärft wird, gescheiterte Staaten hervorbringt, deren Regierungen ihren Bürgern keine Sicherheit mehr gewährleisten können. Von diesen werden einige aus purer Verzweiflung Terroristen.
Dieser erste Teil ist – wie nicht anders zu erwarten – deprimierend. Der zweite Teil hingegen, ein detaillierter Wegweiser zur Rettung der Zivilisation, ist optimistisch und höchst spannend. Er enthält die Beschreibung mehrerer gleichzeitiger Aktionen, die sich wechselseitig verstärken und damit die wechselseitige Abhängigkeit der Probleme, auf die sie reagieren, abbilden. Jeder einzelne der Vorschläge kann mithilfe von bereits vorhandenen Techniken umgesetzt werden, und tatsächlich werden auch alle Vorschläge anhand von erfolgreichen Beispielen irgendwo auf der Welt illustriert. Browns Buch ist möglicherweise der klarste Aufweis der Tatsache, dass wir über das Wissen, die Techniken und die finanziellen Mittel verfügen, um die Zivilisation zu retten und eine nachhaltige Zukunft aufzubauen. […] Es bleiben jedoch einige grundlegende Fragen. Warum hat es so lange gedauert, bis wir die ernsthaften Gefährdungen des Überlebens der Menschheit erkannten? Warum sind wir so furchtbar langsam darin, unsere Wahrnehmung, unser Denken, unseren Lebensstil und unsere Institutionen zu ändern, die die Ungerechtigkeit und die Zerstörung der Fähigkeit unseres Planeten, Leben dauerhaft zu beherbergen, beharrlich fortschreiben?
Diese Fragen bilden die Hauptthemen dieses Buches. Die Autoren – einer kommt aus dem Süden des Globus, der andere aus dem Norden ‒ haben beide sehr gründlich über theologische Fragen sowie Fragen um das Thema Gerechtigkeit und Ökologie nachgedacht. Ihre Antwort auf die oben gestellten Fragen ist, dass die grundlegende Herausforderung in viel mehr besteht als in der Verbreitung von Wissen und in der Veränderung von Gewohnheiten. Aus ihrer Perspektive sind all die Bedrohungen, mit denen wir konfrontiert sind, Symptome einer tiefer liegenden kulturellen und spirituellen Krankheit, von der die Menschheit befallen ist. Dem System, das zurzeit herrscht und unsere Welt ausplündert, wohnt – so behaupten sie – eine tief sitzende Krankheit inne. Armut und Ungleichheit, Raubbau an der Erde und die Vergiftung des Lebens stellen sie als die drei Hauptsymptome dieser Krankheit heraus, und sie stellen fest, dass „dieselben Kräfte und Ideologien, welche die Armen ausbeuten und ausgrenzen, auch die gesamte Lebensgemeinschaft der Erde verwüsten“.
Die Überwindung dieser tief sitzenden Erkrankung erfordert nach Meinung der Autoren eine grundlegende Veränderung des menschlichen Bewusstseins. „In einem sehr realen Sinne“, schreiben sie, „sind wir dazu aufgerufen, uns selbst als Art neu zu erfinden.“ Diesen Prozess tiefer Veränderung bezeichnen sie als „Befreiung“. Sie verwenden diesen Ausdruck in dem Sinn, in dem er innerhalb der Tradition der Theologie der Befreiung benutzt wird, das heißt sowohl im persönlichen Sinne spiritueller Entfaltung oder Erleuchtung als auch im kollektiven Sinne eines Volkes, das danach strebt, sich selbst aus der Unterdrückung zu befreien. Meiner Ansicht nach verleiht dieser zweifache Gebrauch des Terminus „Befreiung“ dem Buch seinen einzigartigen Charakter. Denn er versetzt die Autoren in die Lage, die gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche, ökologische, emotionale und spirituelle Dimension der gegenwärtigen globalen Krise im Zusammenhang zu bedenken.
Wie Hathaway und Boff im Prolog feststellen, ist das „Tao der Befreiung“ ein Streben nach der Weisheit, die nottut, um tiefgehende befreiende Veränderungen in unserer Welt zustande zu bringen. Im Bewusstsein, dass eine solche Weisheit letztlich nicht in Worte gefasst werden kann, haben sie sich dazu entschlossen, sie mithilfe des alten chinesischen Wortes Tao („der Weg“) zu beschreiben. Dieses meint sowohl einen individuellen spirituellen Weg als auch die Art und Weise, wie sich das Universum entfaltet. Der taoistischen Tradition zufolge erreichen wir spirituelle Erfüllung dann, wenn wir in Einklang mit der Natur handeln. Mit den Worten des chinesischen Klassikers Huai Nan zu formuliert: „Diejenigen, die der natürlichen Ordnung folgen, treiben im Strom des Tao.“
Die Weisheit, die nötig ist, um von einer von unbegrenztem Wachstum und materiellem Konsum besessenen Gesellschaft zu einer auf Dauer lebensförderlichen Zivilisation des Gleichgewichts zu gelangen, setzt in diesem Buch zwei Schritte voraus. Der erste Schritt besteht darin, die sehr konkreten Hindernisse zu verstehen, die sich einer befreienden Veränderung in den Weg stellen. Der zweite Schritt ist die Ausformulierung einer „Kosmologie der Befreiung“ – eine Zukunftsvision, die – wie es der im Buch zitierte Thomas Berry herausstellt – „attraktiv genug ist, um uns in dem jetzt sich vollziehenden Veränderungsprozess des Projektes Mensch zu halten“.
Die vielfältigen und miteinander verquickten Hindernisse, wie sie Hathaway und Boff erkunden, haben ihre Ursache in unseren politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Sie werden von einer mechanistischen und deterministischen Weltanschauung noch verstärkt und durch Ohnmachtsgefühle, Verleugnung und Verzweiflung verinnerlicht. Die äußeren, „systemischen“ Hindernisse werden ausführlich besprochen. Sie umfassen die Illusion unbegrenzten Wachstums auf einem endlichen Planeten, übermäßige Macht transnationaler Konzerne, ein parasitäres Finanzsystem und eine Tendenz, Wissen zu monopolisieren und – wie es Vandana Shiva ausdrückt – eine geistige Monokultur durchzusetzen. Die Autoren erläutern, dass diese äußeren Hindernisse durch unterdrückerische Erziehungssysteme, die Manipulation der Massenmedien, einen alles durchdringenden Konsumismus und künstliche Umwelten (besonders im städtischen Raum), die uns von der lebendigen Natur isolieren, verstärkt werden.
Um die verinnerlichte Ohnmacht zu überwinden, die die Gestalt von Abhängigkeit und Gier, Verleugnung, psychische Abstumpfung oder Verzweiflung annehmen kann, müssen wir – so schlagen die Autoren vor – unseren Selbst-Sinn erweitern. Wir müssen unsere Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, Gemeinschaft aufzubauen und Solidarität zu üben, verstärken, unser Empfinden dafür, dass wir der Erde angehören, von Neuem wecken und dadurch unser „ökologisches Selbst“ wiederentdecken. Sie schlagen vor, dass wir „uns auf die Dinge konzentrieren sollen, die uns wirklich erfreuen, die uns tatsächlich Vergnügen bereiten: Zeit mit unseren Freunden verbringen, spazieren gehen, Musik hören oder sich über eine einfache Mahlzeit freuen“. Das Meiste von dem, was uns wirklich Freude bereitet, so betonen sie, kostet wenig oder gar kein Geld.
Doch um wirklich aufzuwachen und die Verbindung von Neuem herzustellen, bedarf es auch eines neuen Verständnisses von der Wirklichkeit und eines neuen Bewusstseins vom Platz der Menschheit innerhalb des Kosmos. Wir brauchen „eine lebendige und vitale Kosmologie“. Die Autoren benutzen den Ausdruck „Kosmologie“ im Sinne einer gemeinsamen Weltanschauung, die unserem Leben Sinn verleiht, und sie stellen eine gegenwärtig entstehende „Kosmologie der Befreiung“ einer „Kosmologie der Herrschaft“ gegenüber, die eine „Ersatzkosmologie des Erwerbs und Konsums“ beinhaltet, welche zurzeit unsere modernen Industriegesellschaften in Bann hält.
Die Autoren behaupten, dass ein neues Verständnis des Kosmos nun aus der modernen Wissenschaft hervorgeht, die auf vielfache Weise frühere autochthone Kosmologien in Erinnerung ruft. Doch im Gegensatz zu den meisten von ihnen nimmt die neue wissenschaftliche Weltsicht ein sich entwickelndes Universum in den Blick und stellt deshalb einen geeigneten begrifflichen Rahmen für die befreiende Veränderung dar, deren wir bedürfen. Zur Untermauerung dieser These schöpfen Hathaway und Boff aus einem riesigen Fundus zeitgenössischer Denker: Philosophen, Theologen, Psychologen und Naturwissenschaftler. Innerhalb des breiten Spektrums von Gedanken, Modellen und Theorien, die sie diskutieren, sind nicht alle miteinander vereinbar. Einige wenige sind esoterischer Natur und bewegen sich definitiv außerhalb des wissenschaftlichen Konsenses. Und manchmal ziehen die Autoren Schlussfolgerungen, die über den gegenwärtigen Stand der Wissenschaften hinausgehen. Doch es gelingt ihnen auf bewundernswerte Weise, die Entstehung eines neuen, in sich stimmigen Wirklichkeitsverständnisses aufzuzeigen.
Die Pioniere der heutigen Naturwissenschaften betrachten das Universum nicht mehr als eine Maschine, die sich aus elementaren Bauteilen zusammensetzt. Wir haben entdeckt, dass die materielle Welt letztlich ein Netzwerk untrennbarer Muster von Beziehungen ist; dass der Planet als ganzer ein lebendiges, sich selbst regulierendes System ist. Die Auffassung vom Körper als einer Maschine und vom Geist als einer davon getrennten Entität wurde ersetzt von einer Sichtweise, die nicht nur das Gehirn, sondern auch das Immunsystem, die Gewebearten des Körpers, ja sogar jede einzelne Zelle als lebendige, kognitive Systeme betrachtet. Die Evolution wird nicht mehr als der Wettkampf ums Überleben aufgefasst, sondern als kooperativer Tanz, in dem Kreativität und das ständige Auftreten von Neuheit die treibenden Kräfte darstellen. Und mit dem neuen Akzent auf Komplexität, Netzwerke und Organisationsmuster entwickelt sich langsam eine neue „Wissenschaft der Qualität“.
Die Autoren vertreten auch – zu Recht, wie ich meine – die Auffassung, dass die im Entstehen begriffene wissenschaftliche Kosmologie in völlige Übereinstimmung mit der spirituellen Dimension der Befreiung gebracht werden kann. Sie erinnern die Leser daran, dass innerhalb ihrer eigenen christlichen Tradition die ursprüngliche Bedeutung von Geist – ruha im Aramäischen, ruach auf Hebräisch – der Atem des Lebens ist. Dies ist auch die ursprüngliche Bedeutung von spiritus, anima, pneuma und anderer antiker Ausdrücke für „Seele“ oder „Geist“. Spirituelle Erfahrung ist demzufolge zuerst und in erster Linie eine Erfahrung des Lebendig-Seins. Ihr zentraler Bewusstseinsinhalt besteht zahlreichen Zeugen zufolge in einem tiefen Empfinden der Einheit mit Allem, einem Empfinden dafür, dem Universum als ganzem anzugehören.
Dieses Gespür für die Einheit mit der natürlichen Welt wird durch die neue Auffassung vom Leben in den modernen Naturwissenschaften völlig bestätigt. Sobald wir begreifen, wie die Wurzeln des Lebens tief in die Grundlagen der Physik und Chemie hineinreichen, wie die sich entfaltende Komplexität lange vor der Entstehung der ersten lebenden Zellen ihren Anfang nahm und wie sich das Leben im Laufe von Milliarden von Jahren entwickelt hat, indem es immer wieder auf dieselben Grundmuster und Prozesse zurückgriff, werden wir gewahr, wie eng wir mit dem gesamten Gewebe des Lebens verbunden sind.
Das Bewusstsein davon, mit der gesamten Natur verbunden zu sein, ist besonders stark innerhalb der Ökologie. Verbundenheit, Beziehung und wechselseitige Abhängigkeit sind Grundbegriffe der Ökologie. Und Verbundenheit, Beziehung und Zugehörigkeit bilden auch das Wesen der spirituellen Erfahrung. So scheint die Ökologie die ideale Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität zu sein. Und in der Tat plädieren Hathaway und Boff für eine „ökologische Spiritualität“, der es in erster Linie um die Zukunft des Planeten Erde und der Menschheit insgesamt geht.
Sie zeigen auf, dass jede Religion einzigartige ökologische Einsichten und Zugänge aufweist, und sie ermutigen uns dazu, diese Vielfalt von Lehren nicht als eine Bedrohung, sondern vielmehr als eine Stärke zu betrachten. „Jeder von uns muss von Neuem in die jeweils eigene religiöse Tradition hineinschauen“, schlagen die Autoren vor, „und die Einsichten darin aufspüren, die uns zu einer Ehrfurcht vor allem Leben, zu einer Ethik des Teilens und der Fürsorge, zu einer Vision des im Kosmos inkarnierten Heiligen hinführen.“
Das Tao der Befreiung beinhaltet auch viele konkrete Vorschläge für Ziele, Strategien und politisches Handeln für effektive Veränderung, die zu einer gerechten und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft führt. Zwei Bezugsrahmen, die detailliert besprochen werden, sind der Bioregionalismus, der auf der Idee beruht, eine tiefe Verbundenheit mit der Natur auf lokaler Ebene wiederzuerlangen, und die Erdcharta, „ein wahrhaft befreiender Traum für die Menschheit“, die als ihr erstes Prinzip die Achtung und Sorge für die Gemeinschaft des Lebens anführt.
Da wir an einem Scheideweg in der Geschichte der Menschheit angelangt sind, werden die Leser in diesem Buch einen Reichtum an Ideen und tiefen Einsichten zu einem grundlegenden Bewusstseinswandel und einer radikalen Veränderung in unserer Welt finden, auf die es jetzt ankommt. Unter all diesen Gedanken ist der wichtigste und tiefste vielleicht der, der im Zentrum der Bemühungen der Autoren steht. Anstatt den Übergang zu einer nachhaltigen Gesellschaft in erster Linie als Begrenzungen und Einschränkungen zu begreifen, plädieren Hathaway und Boff eindringlich für eine neue und überzeugende Auffassung von Nachhaltigkeit als Befreiung.
Berkeley, am Ersten internationalen Tag der Mutter Erde, 22. April 2009
Fritjof Capra
Über das Tao Te King
Wir haben uns dazu entschlossen, das Tao Te King, einen antiken chinesischen Text, der etwa vor 2500 Jahren geschrieben worden ist, als Quelle der Inspiration für dieses Buch zu benutzen. Der Text wird in der Überlieferung Lao Tse zugeschrieben, einem Weisen, der von etwa 551 bis 479 v. Chr. gelebt haben soll. Doch die meisten Gelehrten meinen, dass er in Wirklichkeit eine Sammlung von Sprüchen aus der Überlieferung aus einer Vielzahl von Quellen ist. Der Text wurde vermutlich zwischen dem siebten und zweiten Jahrhundert v. Chr. verfasst.
Jonathan Star zufolge können wir die Bedeutung des Titels Tao Te King folgendermaßen verstehen:
Tao ist die höchste Wirklichkeit, das alles durchdringende Substrat; es ist das ganze Universum und die Art und Weise, wie das Universum wirkt. Te ist die Gestalt und Macht von Tao; es ist die Art und Weise, wie sich das Tao zeigt; es ist das Tao, das sich in einer Form oder Kraft konkretisiert. Tao ist die transzendente Wirklichkeit; Te ist die immanente Wirklichkeit. King meint ein Buch oder ein klassisches Werk. Also meint Tao Te King wörtlich „Das klassische Buch der höchsten Wirklichkeit (Tao) und seiner vollkommenen Erscheinung (Te)“, „Das Buch des Weges und seiner Kraft“, „Das klassische Buch von Tao und seiner (moralischen) Kraft“. (2001, 2)
Nach der Bibel ist das Tao Te King der am stärksten verbreitete Text der Welt. Es gibt unzählige Übersetzungen davon, einige eher wissenschaftliche und am Wortsinn orientierte, andere eher poetische. Das alte Chinesisch ist eine Begriffssprache. Deshalb ruft jedes Wort des Textes tatsächlich eine Menge Bilder ins Bewusstsein, die in vielfacher Weise übersetzt werden können. Deshalb gelingt es keiner Übersetzung, den gesamten Atem oder die Tiefe des Textes ganz zu erfassen. In gewissem Sinne ist jede Übersetzung eines solchen Textes eine Art der Interpretation, und keine liefert und das vollständige Bild dessen, was darin ausgesagt wird.
Da wir keinerlei Art von akademischer Abhandlung über den Text verfassen wollen, haben wir uns dazu entschlossen, auf eine Vielfalt von Übersetzungen zurückzugreifen; die meisten davon sind eher poetischer Natur. Diese fügten wir zu einer Version zusammen, die gut zu dem Kapitel passt, dem ein bestimmter Textabschnitt als Einleitung dient. Hierfür haben wir die Übersetzungen von Mitchell (1988), Muller (1997) sowie Feng und English (1972) benutzt und dabei die hervorragende wörtliche Übersetzung von Jonathan Star in Gemeinschaft mit C. J. Ming als allgemeinen Leitfaden herangezogen.1
1 Aufgrund dieser Vorgehensweise der Autoren hat der Übersetzer die Passagen aus dem Tao Te King aus dem Englischen rückübersetzt, dabei aber von den zahlreichen deutschen Ausgaben herangezogen: Laotse 1978 und Lao-Tse 1995; d. Übers.
Prolog
Es gab etwas, gestaltlos und vollkommen,
chaotisch und vollendet zugleich.
Es war da, noch vor Himmel und Erde.
Still, endlos, leer und einsam,
alles durchdringend, stets in Bewegung,
alles in seinem Dasein haltend, und dennoch nie erschöpft.
Es ist die Mutter des Kosmos.
Da ich keinen besseren Namen weiß,
nenne ich es das Tao.
Es fließt durch alle Dinge hindurch,
innen und außen,
und kehrt zurück zur Quelle von allem …
Die Menschen folgen der Erde.
Der Himmel folgt dem Tao.
Das Tao folgt allein sich selbst.
(Tao Te King § 25)
Das Tao der Befreiung ist ein Streben nach Weisheit, jener Weisheit, die wir brauchen, um tiefgreifende Veränderungen in unserer Welt zustande zu bringen. Wir haben uns dazu entschlossen, diese Weisheit mithilfe des alten chinesischen Wortes Tao zu beschreiben. Es bedeutet einen Weg oder Pfad, der zur Harmonie, zum Frieden und zu rechter Beziehung hinführt. Das Tao kann als ein Ordnungsprinzip verstanden werden, das die allem gemeinsame Grundlage des Kosmos bildet. Es ist sowohl die Art und Weise, wie das Universum funktioniert, als auch die fließende kosmische Struktur, die nicht beschrieben, sondern lediglich verkostet werden kann.2 Das Tao ist die Weisheit im Herzen des Universums selbst, das seinen Sinn und seine Zielrichtung in sich birgt.
Wir benutzen das Bild des Tao und die Texte des alten Tao Te King, doch dieses Buch handelt dennoch nicht vom Taoismus als solchem. Der Gedanke, auf den wir mit der Benutzung des Wortes Tao verweisen, geht in gewissem Sinne über jede existierende Philosophie oder Religion hinaus. Ähnliche Gedanken finden sich auch in anderen Traditionen. So bedeutet zum Beispiel das Dharma im Buddhismus „die Art und Weise, wie Dinge funktionieren“ oder „sich in geordneter Weise selbst entfalten“ (Macy 1991 a, XI). In ähnlicher Weise bedeutet das von Jesus benutzte aramäische Wort, das üblicherweise mit „Königreich“ oder „Reich“ übersetzt wird – malkuta – „die leitenden Prinzipien, die unser Leben zur Einheit hinführen“, und es evoziert „das Bild eines ‚fruchtbaren Arms‘, der sich zur Schöpfung anschickt, oder einer Sprungfeder, die bereit ist, das gesamte grünende Potenzial der Erde freizusetzen“ (Douglas-Klotz 1990, 20). Sowohl Dharma als auch Malkuta bringen dies auf unterschiedliche Art auf den Begriff, doch für die Absicht dieses Buches können wir sie in dem Sinne auffassen, dass sie auf dieselbe Wirklichkeit verweisen wie das Tao – eine Realität, die sich letztlich einer prägnanten und kurzen Beschreibung entzieht, sondern nur auf einer tieferen Ebene intuitiv erfasst werden kann.
Das chinesische Zeichen für das Tao vereint die Begriffe für Weisheit und für das Gehen miteinander und beschwört so das Bild eines Prozesses herauf, der Weisheit in das Handeln, oder mit anderen Worten in eine Form von Praxis umsetzt. Im „Tao der Befreiung“ suchen wir nach dieser Art von „voranschreitender Weisheit“, wie sie dem Gefüge des Kosmos selbst innerlich ist.
Auf der Suche nach dieser Weisheit ziehen wir Einsichten und Erkenntnisse aus so unterschiedlichen Gebieten wie Wirtschafswissenschaften, Psychologie, Kosmologie, Ökologie und Spiritualität heran. In gewissem Sinne bleibt es dennoch unmöglich, die Gestalt des Tao der Befreiung vollständig zu entwerfen. Das Tao ist eine Kunst, keine exakte Wissenschaft. In einem sehr realen Sinne ist das Tao ein Geheimnis. Wir können Wegweiser anbieten, doch wir können keine detaillierte Landkarte zeichnen.
Wir suchen nach Weisheit in der Hoffnung, Einsichten zu finden, welche die Menschheit in die Lage versetzen, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gewohnheiten und Systeme hinter sich zu lassen, welche Ungerechtigkeit und die Zerstörung der Fähigkeit unseres Planeten, auf Dauer Leben zu beherbergen, fortschreiben. Wir hoffen dabei neue Lebensweisen zu finden, die es möglich machen, die Bedürfnisse aller Menschen mit den Bedürfnissen und dem Wohlbefinden der umfassenderen planetarischen Gemeinschaft und auch des Kosmos selbst in Einklang zu bringen.
Wir benutzen das Wort Befreiung für diesen Prozess der Veränderung. Bis jetzt wurde dieser Begriff entweder im personalen Sinne der spirituellen Verwirklichung oder im kollektiven Sinne für ein Volk benutzt, das sich aus unterdrückerischen politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Strukturen befreit. Bei unserer Verwendung dieses Begriffs sind beide Dimensionen mit einbezogen, aber gleichzeitig in einen weiteren ökologischen, ja sogar kosmologischen Kontext gestellt. Für uns ist Befreiung der Prozess in Richtung einer Welt, in der alle Menschen in Würde und in Harmonie mit der umfassenderen Gemeinschaft der Daseinsformen leben können, die Gaia, die lebendige Erde, bilden. Befreiung meint von daher, den schrecklichen Schaden wiedergutzumachen, den wir einander und der Erde zugefügt haben. Auf einer tieferen Ebene erkennt Befreiung die Fähigkeit der Menschen als schöpferische, das Leben fördernde Beteiligte an der weitergehenden Entwicklung Gaias.
Wir können Befreiung sogar innerhalb einer kosmischen Perspektive als den Prozess auffassen, im Verlauf dessen das Universum sein Potenzial zu verwirklichen versucht, indem es nach einem je höheren Grad an Ausdifferenzierung, Verinnerlichung (Interiorisation oder Selbstorganisation) und Gemeinschaft strebt. Innerhalb eines solchen Kontextes werden Menschen und Gesellschaften in dem Maße befreit, in dem sie:
– vielfältiger und komplexer werden und die Unterschiede wahrhaftig respektieren und freudig begrüßen;
– den Aspekt der Innerlichkeit und des Bewusstseins vertiefen, indem sie kreative Prozesse der Selbstorganisation stärken und
– die Bande der Gemeinschaft und der Verwiesenheit aufeinander stärken, einschließlich ihrer Verbundenheit mit der umfassenderen planetarischen Gemeinschaft des Lebens.
Dieses Buch setzt mit der Frage ein: Wie geschieht Veränderung? Oder vielleicht etwas genauer: Warum ist es so schwierig, die Veränderungen auf den Weg zu bringen, die wir so dringend brauchen, um Gaia, die lebendige Gemeinschaft der Erde, deren Teil wir sind, zu retten? Ein wesentlicher Beitrag dieses Buches mag im Kontext bestehen, in den diese Frage eingeordnet wird. Hoffentlich kann unser Text als ein Ausgangspunkt für andere dienen, die nach neuen, schöpferischen Zugängen zu befreiender Veränderung suchen.
Was wir geschrieben haben, stellt den Zusammenfluss der Denkströme zweier Autoren dar. Einer davon kommt aus dem Süden, der andere aus dem Norden.3 Leonardo Boff ist wahrscheinlich vielen unserer Leser gut bekannt. Als Theologe hat er über Fragen der Befreiung und der Ökologie gründlich nachgedacht und darüber mehr als hundert Bücher publiziert. Viele Jahre lang hat er in seinem Heimatland Brasilien sowie in anderen lateinamerikanischen und europäischen Ländern Theologie gelehrt. Im Jahr 2001 hat er auch den Right Livelihood Award (auch als „alternativer Nobelpreis“ bekannt; d. Übers.) verliehen bekommen.
Mark Hathaway hat in den letzten zwanzig Jahren in der Erwachsenenbildung gearbeitet und sich dabei für die Themen Gerechtigkeit und Ökologie engagiert. Acht Jahre davon waren der Arbeit als Volkserzieher und Pastoralreferent in einer armen Nachbarschaftsgemeinschaft in Chiclayo, einer Stadt an der Nordküste Perus, gewidmet. Im Lauf der Jahre hat er Mathematik, Physik, Theologie, Schöpfungsspiritualität und Erwachsenenbildung studiert und in katholischen, ökumenischen und interreligiösen Initiativen für Gerechtigkeit und Ökologie gearbeitet. Zurzeit lebt er in Kanada, seinem Heimatland, wo er als Koordinator des Südamerika-Programms der Vereinigten Kirche Kanadas und als freischaffender „Ökologe“ arbeitet, der über die Zusammenhänge zwischen Ökologie, Wirtschaft, Kosmologie und Spiritualität forscht und schreibt.
Das ursprüngliche Herzstück dieses Buches bildete eine Abhandlung, die Mark für die Erlangung seines Magistertitels aus Erwachsenenbildung schrieb. Sie trug den Titel: „Verändernde Erziehung“. Während Leonardos Besuch in Toronto im Jahr 1996 bot sich für die beiden die Gelegenheit zur persönlichen Begegnung. Nachdem Leonardo die Abhandlung gelesen hatte, schlug er vor, in Zusammenarbeit ein Buch zu verfassen, das auch die lateinamerikanischen Perspektiven mit einbeziehe. Das vorliegende Buch ist das Ergebnis dieser gemeinsamen Anstrengung.
Zwei zentrale Bezugspunkte des Textes sind die vorrangige Option für die Armen und die vorrangige Option für die Erde. Wir betrachten diese beiden Optionen als grundlegend miteinander verknüpft: Dieselben Kräfte und Ideologien, die die Armen ausbeuten und ausgrenzen, zerstören auch die gesamte Lebensgemeinschaft auf der Erde. In diesem Buch gehen wir den Beziehungen zwischen den verschiedenen Faktoren nach, die eine echte Veränderung behindern. Gleichzeitig bemühen wir uns um ein besseres Verständnis dessen, wie sich Veränderung in der Welt auf natürliche Weise vollzieht. Zusammengenommen können diese Einsichten als Leitfaden für diejenigen dienen, die um lebenfördernde Veränderungen kämpfen.
Wir haben uns von einem breiten Spektrum von Perspektiven und Einsichten inspirieren lassen. Diese stammen von vielen unterschiedlichen Personen und spirituellen Traditionen, und wir empfinden all denen gegenüber große Dankbarkeit, die ihre Weisheit mit uns geteilt haben. Wir hoffen, dass diese Fäden im Verlauf des Schreibens zu einem Wandteppich zusammengeknüpft werden, der klar und voller lebendiger Farben zugleich ist. In vieler Hinsicht stellt dieses Unterfangen eine Herausforderung dar. Wir haben uns eher für die Weite der Vision und nicht so sehr für eine engere und gründlichere Analyse der einzelnen Teile entschieden. Damit hoffen wir, den Lesern Dimensionen zu erschließen, die sie selber tiefer erkunden können.
Die Art und Weise, wie der Text zustande kam, möchten wir mit dem Bild der Spirale zum Ausdruck bringen. Zeitweise wird es ohne Zweifel so scheinen, als ob dieselben Themen wieder aufgegriffen würden, doch von einer anderen Perspektive aus. Wenn wir dem Weg der Spirale tiefer folgen, werden es uns diese unterschiedlichen Perspektiven ermöglichen, das Ganze zu erfassen, das größer ist als die Summe seiner Teile, das gewebte Bild, das sich nur zeigt, wenn wir einen Schritt zurücktreten und von einer Analyse einzelner Fäden aus der Nähe Abstand nehmen. Wir hoffen, dass sie dabei das Strömen und die Textur des Tao der Befreiung auf einer tiefen Ebene der Intuition erspüren werden, wo seine geheimnisvolle Weisheit ihr Handeln im Kampf für die Erneuerung der Welt leiten möge.
2 Die Definition des Tao beziehen wir von Dreher 1990; Heider 1986; Feng und English 1989 sowie Star 2001.
3 Im Verlauf dieses Buches werden wir oftmals den Ausdruck „Norden“ (oder der „globale Norden“) benutzen, um damit die überentwickelten Gesellschaften mit einem hohen Konsumniveau anzusprechen, die vorwiegend im Norden zu finden sind, und „Süden“ (bzw. „globaler Süden“) meint dann entsprechend die armgemachten Gesellschaften, wie sie vorwiegend im Süden zu finden sind, besonders in den tropischen und subtropischen Breiten des Globus.
1. In einer Zeit der Krise nach Weisheit streben
Wenn die Besten unter denen,
die nach Weisheit streben, vom Tao hören,
dann geben sie sich sofort Mühe, es zu verwirklichen.
Wenn durchschnittliche Weisheitssucher vom Tao hören,
dann folgen sie ihm zuweilen, und zuweilen vergessen sie es wieder.
Wenn Weisheitssucher ohne Verstand vom Tao hören,
dann lachen sie lauthals.
Lachten sie nicht,
dann wäre es nicht das Tao.
Darum heißt es:
Der Weg im Licht erscheint dunkel,
der Pfad, der nach vorn führt, scheint rückwärts zu laufen,
der gerade Weg scheint krumm zu sein,
die größte Kraft erscheint schwach,
die echteste Reinheit scheint beschmutzt,
wahrer Überfluss scheint nicht genug zu sein,
auf echte Standhaftigkeit scheint kein Verlass zu sein.
Der weiteste Raum kann nicht ausgefüllt werden,
das größte Talent braucht lange, um zu reifen,
der höchste Ton ist schwer zu hören,
die vollkommene Gestalt kann nicht leibhaftig werden.
Das Tao ist nirgends zu finden.
Und doch ernährt es alle Dinge und führt sie ihrer Erfüllung zu.
(Tao Te King § 41)
Heute stehen wir wahrscheinlich vor der wichtigsten Entscheidung in der Geschichte der Menschheit und wahrhaftig auch der Erde selbst. Die sich gegenseitig verstärkenden Entwicklungen einer wachsenden Armut und einer sich beschleunigenden Verschlechterung der ökologischen Bedingungen verursachen einen heftigen Strudel der Verzweiflung und Zerstörung, aus dem zu entrinnen zunehmend schwerer wird. Wenn es uns nicht gelingt, energisch, rasch und weise genug zu handeln, dann werden wir uns bald zu einer Zukunft verdammt sehen, in der die Möglichkeiten für ein sinnvolles, hoffnungserfülltes und schönes Leben in starkem Maß dahingeschwunden sind.
Für die Mehrzahl der Menschen, die sich an den Rändern der Weltwirtschaft abmühen, scheint sich das Leben bereits jetzt am Rand des Absturzes zu bewegen. Jedes Jahr nimmt die Kluft zwischen Arm und Reich noch stärker zu. In einer Welt, in der die Illusionen einer Konsumgesellschaft feilgeboten werden, müssen die meisten einen harten Kampf bestehen, nur um das erforderliche Minimum zum Überleben zu bekommen. Der Traum von einem einfachen, aber dennoch würdevollen Leben bleibt dauerhaft kaum erreichbar. Für viele wird das Leben Jahr für Jahr schwieriger.
Die anderen Lebewesen, die diesen Planeten mit der Menschheit teilen, machen sogar noch eine schwerere Krise durch. Da sich die Menschen einen immer größeren Teil der Gaben der Erde angeeignet haben, bleibt für andere Lebensformen immer weniger übrig. Da wir die Luft, das Wasser und das Land mit Chemikalien und Abfall verpesten, wird das komplexe System, welches das Gewebe des Lebens aufrecht erhält, zunehmend unterminiert. Viele Arten verschwinden für immer. Unser Planet erlebt in der Tat eine der größten Massenvernichtungen aller Zeiten.
Natürlich gibt es Zeichen der Hoffnung. Unzählige einzelne Personen und Organisationen setzen sich mit Fantasie und Mut für eine Veränderung ein. Einige haben Bewegungen ins Leben gerufen, die heute weltweit aktiv sind. Ihre Anstrengungen bewirken sehr konkrete Veränderungen auf lokaler Ebene in der ganzen Welt. Gleichzeitig ermöglichen neue Kommunikationsmittel den Dialog zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen. Die Möglichkeiten, Weisheit und Erkenntnisse miteinander auszutauschen, sind deshalb wahrscheinlich größer als jemals zuvor. Viele Menschen haben ein stärker ausgeprägtes Bewusstsein von ihren grundlegenden Rechten und verteidigen diese aktiver. Auf Gebieten wie Gesundheitsvorsorge und Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wurden echte Fortschritte erzielt. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein hinsichtlich der ökologischen Problematik, und viele Gemeinden bemühen sich, in Harmonie mit der Natur und nicht gegen sie zu arbeiten. All diese Trends eröffnen neue Möglichkeiten für die Erneuerung der Welt.
Doch das sind bloß kleine Lichtblicke inmitten der Dunkelheit. Immer noch gibt es wenige Anzeichen für ein effektives, abgestimmtes Handeln in einer solchen Größenordnung, dass es in der Lage wäre, die zunehmende Armut und den ökologischen Niedergang tatsächlich zu stoppen oder gar einen Prozess in Gang zu setzen, um die Gemeinschaft des Planeten wieder gesunden zu lassen. Institutionen auf Weltebene, insbesondere Regierungen und Konzerne, beziehen in ihr Handeln die dringende Notwendigkeit nach wie vor nicht ein, die Art und Weise, wie wir in dieser Welt leben, von Grund auf zu ändern. Im Gegenteil: Die Grundideen, Motive, Gewohnheiten und politischen Strategien, die so viel Verwüstung und Ungerechtigkeit verursacht haben, beherrschen nach wie vor unser politisches und ökonomisches System. Michail Gorbatschow stellte im Jahr 2001 fest:
„Obwohl es eine wachsende Zahl von mutigen Initiativen von Verantwortlichen in Regierungen und Unternehmen gibt, die Umwelt zu schützen, sehe ich nicht, dass eine politische Führung und der Wille entstehen, Risiken in der Größenordnung einzugehen, die notwendig wäre, um der gegenwärtige Situation gerecht zu werden. Obwohl es eine wachsende Zahl von Menschen und Organisationen gibt, die sich der Bewusstseinsbildung widmen und Änderungen in der Art und Weise, wie wir die Natur behandeln, herbeiführen wollen, erkenne ich immer noch keine klare Vision und keine gemeinsam abgestimmte Vorgehensweise, die die Menschheit rechtzeitig zu einer Kurskorrektur inspirieren könnten.“ (Gorbachev 2001,4)
Joanna Macy und Molly Brown (1998) bezeichnen die zentrale Herausforderung unserer Zeit, nämlich den Wechsel von industriellem Wachstum hin zu einer lebenerhaltenden Zivilisation, als die „Große Wende“. Leider haben wir keine Gewähr dafür, dass wir diese wesentliche Veränderung rechtzeitig hinbekommen, um die Auflösung des sorgfältig geknüpften Netzes zu verhindern, welches das komplexe Leben trägt und erhält. Sollten wir uns als unfähig erweisen, eine solche Veränderung zu bewerkstelligen, dann nicht, weil es an der entsprechenden Technik, an genügend Information oder etwa an schöpferischen Alternativen mangelt, sondern vielmehr, weil es an politischem Willen fehlt und weil die uns drohenden Gefahren so schwer zu ertragen sind, dass sie viele von uns aus Angst schlicht aus ihrem Bewusstsein verbannen.
Wir sind dennoch fest davon überzeugt, dass der gegenwärtige Kreislauf von Verzweiflung und Zerstörung durchbrochen werden kann, dass wir immer noch die Chance haben, effektiv zu handeln und den Kurs zu ändern. Es ist noch Zeit, die Große Wende einzuleiten und unseren Planeten zu heilen. In diesem Buch suchen wir nach einem Weg zur Veränderung, zu einem Wandel, der uns zu einer neuen Weise, in der Welt zu sein, herausfordert – einer Weise des In-der-Welt-Seins, die gerechte und harmonische Beziehungen innerhalb der menschlichen Gesellschaft und innerhalb der größeren planetarischen Gemeinschaft umfasst. Wir suchen nach einer Weisheit – dem Tao ‒, das uns zu einer ganzheitlichen Befreiung hinführt.
Wir sind davon überzeugt, dass die Kraft für diese Veränderungen bereits unter uns vorhanden ist. Sie ist als Keim bereits im menschlichen Geist da. Sie ist im Evolutionsprozess Gaias, unserer lebendigen Erde, am Werk. Sie ist in Wahrheit bereits in den Stoff des Kosmos selbst hineingewoben, in das Tao eingelassen, das durch alles und in allem fließt. Wenn es uns gelingt, einen Weg zu finden, uns auf das Tao einzustellen und uns mit seiner Energie zu verbinden, dann werden wir den Schlüssel für wahrhaft revolutionäre Veränderungen finden, die zu einer echten Befreiung hinführen. Doch das Tao ist keineswegs etwas, dessen wir uns bemächtigen und das wir kontrollieren könnten. Wir müssen es vielmehr zulassen, dass es durch uns wirkt, indem wir uns seiner verändernden Energie öffnen, damit die Erde geheilt werden kann. Mit den Worten von Thomas Berry ausgedrückt:
„Die dynamischen Kräfte, die wir brauchen, um die Zukunft zu gestalten, fehlen uns nicht. Wir schwimmen, über alle Vorstellbarkeit hinaus, in einem Meer von Energie – aber diese Energie wird zur unsrigen letztlich nicht durch Beherrschung, sondern durch Anrufung.“ (2011, 175)
Bevor wir diese Aufgabe in Angriff nehmen, müssen wir die sehr konkreten Hindernisse verstehen, die einer befreienden Veränderung im Weg stehen. Vielleicht ist der erste Schritt in Richtung Weisheit einfach der, dass wir die Notwendigkeit der Veränderung einsehen. Viele von uns wissen die Größe und Schwere der Krisen, mit denen wir konfrontiert sind, noch nicht angemessen einzuschätzen. Zu einem großen Teil rührt dies daher, dass unsere Wahrnehmung der Realität so deformiert ist, dass sie das verbirgt, was ansonsten offen zutage läge. Wir tendieren dazu, die Welt aus einem sehr eingeschränkten Blickwinkel heraus zu betrachten, sowohl was die Zeit, als auch was den Raum betrifft. Wir blicken selten über unsere unmittelbare Vergangenheit oder Zukunft bzw. über unsere eigene Gemeinde oder Region hinaus.
Teilweise rührt diese verkürzte Sichtweise auch daher, dass viele der Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, nur allmählich schlimmer werden, vor allem im Vergleich zu unserer relativ kurzen eigenen Lebensspanne. Wir tendieren dazu, uns sehr schnell an neue Realitäten zu gewöhnen – wenigsten in einem oberflächlichen Sinn ‒, und deshalb erkennen wir den Ernst der Krisen nicht, die uns bevorstehen. Ein einleuchtendes Beispiel dafür ist ein Frosch, der steigenden Temperaturen ausgesetzt wird: Wenn man einen Frosch in kochendes Wasser wirft, dann wird er sofort zu entkommen versuchen. Wenn man ihn hingegen in kaltes Wasser setzt und dieses langsam erhitzt, dann wird er die Gefahr erst bemerken, wenn es bereits zu spät ist, und er wird an der Hitze zugrunde gehen.
Die Krise der Erde: Eine kosmische Perspektive
Um die Schwere der Krise zu ermessen, mit der wir konfrontiert sind, wollen wir deshalb einen Schritt zurücktreten, von unserer alltäglichen Wahrnehmung für einige Augenblicke der Wirklichkeit Abstand gewinnen und eine eher „kosmische“ Perspektive einnehmen. Stellen wir uns vor, dass die gesamte, 15 Milliarden Jahre lange Geschichte des Kosmos auf ein einziges Jahrhundert verdichtet wird.4 Mit anderen Worten: Jedes „kosmische Jahr“ entspricht 150 Millionen irdischen Jahren.5
So gesehen entstand die Erde im siebzigsten Jahr des kosmischen Jahrhunderts, und überraschend bald danach entstand in ihren Ozeanen das Leben, nämlich im Jahr 73. Fast zwei kosmische Jahrzehnte lang beschränkte sich das Leben weitgehend auf einzellige Bakterien. Doch diese Organismen tragen viel zum Wandel des Planeten bei, indem sie seine Atmosphäre, seine Ozeane und seine geologischen Verhältnisse so radikal verändern, dass diese komplexere Lebensformen dauerhaft erhalten können.
Im Jahr 93 beginnt eine neue Phase der Kreativität sowohl durch die Entstehung der sexuellen Fortpflanzung als auch durch den Tod der einzelnen Exemplare. In diesem neuen Stadium beschleunigt sich der Evolutionsprozess rasant. Zwei Jahre später, also im Jahr 95, tauchen die ersten mehrzelligen Organismen auf. Das erste Nervensystem entwickelt sich im Jahr 96 und die ersten Wirbeltiere nicht einmal ein Jahr später. Säugetiere tauchen zur Mitte des Jahres 98 auf, zwei Monate nach dem ersten Auftreten der Dinosaurier und der ersten Blütenpflanzen.
Vor fünf Monaten schlug ein Asteroid auf der Erde ein und zerstörte viele Lebensarten, darunter die Dinosaurier. Doch der Planet erholte sich innerhalb kurzer Zeit und übertrifft nun tatsächlich noch seine vergangene Schönheit. Diese Epoche – das Känozoikum – weist eine überbordende Fülle und Vielfalt des Lebens auf, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat.
In diesem atemberaubend schönen Zeitalter entstehen Menschen. Vor zwölf Tagen begannen unsere ersten Vorfahren, aufrecht zu gehen. Sechs Tage danach fängt der Homo habilis an, Werkzeuge zu benutzen, und gestern zähmte der Homo erectus das Feuer. Die modernen Menschen von der Spezies des Homo sapiens sind vor zwölf Stunden geboren worden.
Den Großteil des Nachmittags und Abends dieses kosmischen Tages lebten wir in Einklang mit der Natur, waren mit ihren Rhythmen und Gefahren vertraut. Unser Dasein hatte tatsächlich wenig Einfluss auf die größere Gemeinschaft des Lebens – bis wir vor vier Minuten mit der Erfindung des Ackerbaus das erste Mal Pflanzen kultivierten und Tiere züchteten. Das Ausmaß unserer Eingriffe nahm immer stärker zu, wenn auch langsam, bis dann vor zwanzig Minuten einige von uns damit begannen, Städte zu bauen und in ihnen zu wohnen. Gerade mal vor zwei Minuten wurde der Einfluss der Menschheit auf die Ökosysteme um ein Vielfaches größer, als Europa sich zu einer Technologiegesellschaft zu entwickeln begann und seine eigene Macht durch koloniale Ausbeutung ausdehnte. Genau in dieser Zeit begann auch die Kluft zwischen Arm und Reich schnell zu wachsen.
In den letzten zwölf Sekunden (seit 1950) hat sich der Rhythmus von Ausbeutung und ökologischer Zerstörung dramatisch beschleunigt. In diesem kurzen Augenblick vollzog sich all dies:6
– Wir haben fast die Hälfte aller größeren Wälder der Erde, der grünen Lunge unseres Planeten, zerstört. Viele der wichtigsten und größten Waldgebiete – darunter die großen borealen Wälder, die Regenwälder in gemäßigten Zonen und die tropischen Regenwälder – unterliegen immer noch einem Prozess beschleunigter Zerstörung. Jedes Jahr wird eine Waldfläche, die größer ist als Bangla Desh, abgeholzt.
– Wir haben riesige Mengen Kohlendioxid und andere Treibhausgase in die Atmosphäre freigesetzt, was einen gefährlichen Kreislauf globaler Erwärmung und Instabilität des Klimas in Gang setzte. Die weltweite Temperatur hat im Durchschnitt bereits um 0,5 Grad Celsius zugenommen und könnte im Verlauf der nächsten zwanzig kosmischen Sekunden um zwischen 2 und 5 Grad Celsius ansteigen.7
– Wir haben in der Ozonschicht, der schützenden Haut unseres Planeten, die die schädliche UV-Strahlung herausfiltert, ein gigantisches Loch verursacht. In der Folge hat die UV-Strahlung Rekordwerte erreicht und bedroht die Gesundheit vieler lebender Organismen.
– Wir haben die Fruchtbarkeit der Böden und ihrer Fähigkeit, Pflanzen zu ernähren, ernsthaft gefährdet. 65 % des einst bebaubaren Landes sind inzwischen bereits verloren gegangen, davon etwa die Hälfte in den letzten neun kosmischen Sekunden, und weitere 15 % der Landoberfläche des Planeten werden zur Wüste. Während der letzten fünf kosmischen Sekunden hat die Erde eine solche Menge an Boden verloren, wie sie der kultivierten Fläche von Frankreich und China zusammengenommen entspricht. Zwei Drittel aller Ackerflächen wurden durch Erosion und Versalzung mäßig bis schwer geschädigt.
– Wir haben Zehntausende von neuen chemischen Stoffen in die Luft, den Boden und das Wasser des Planeten eingebracht. Bei vielen von ihnen handelt es sich um langlebige giftige Substanzen, die die Lebensprozesse schleichend vergiften.
– Wir haben tödlichen nuklearen Abfall erzeugt, der über Hunderttausende von Jahren hindurch in gefährlicher Weise radioaktiv sein wird. Das ist eine Zeitspanne, die weitaus länger ist als diese zwölf kosmischen Stunden, in denen der moderne Mensch existiert.
– Wir haben Hunderttausende von Pflanzen- und Tierarten zerstört. Jährlich verschwinden etwa 50.000 Arten, und die meisten davon aufgrund von menschengemachten Ursachen. Man schätzt, dass die Rate des Aussterbens zehntausendmal größer ist als vor dem Auftauchen des Menschen auf dem Planeten. Und man nimmt an, dass wir derzeit die größte Massenvernichtung der Erdgeschichte durchmachen. Wissenschaftler sagen voraus, dass 20 bis 50 % aller Arten im Verlauf der nächsten dreißig Jahre (das entspricht sieben kosmischen Sekunden) verschwunden sein werden, wenn die derzeitigen Trends anhalten.
– Die Menschen verbrauchen bzw. verschwenden zurzeit 40 % aller Energie, die für alle auf dem Land lebenden Lebewesen auf der Erde zur Verfügung steht (dies wird als die Nettoprimärproduktion, NPP, des Planeten bezeichnet). Und wenn wir fortfahren wie bisher, werden wir innerhalb der nächsten acht kosmischen Sekunden (das sind fünfunddreißig irdische Jahre) 80 % in Anspruch nehmen und nur 20 % allen anderen Lebewesen übriglassen.
So viel Zerstörung in so kurzer Zeit! Und wofür? Die „Wohltaten“ dieses Prozesses kamen nur einem sehr kleinen Teil der Menschheit zugute: Die reichsten 20 % der Weltbevölkerung verdienen zurzeit etwa zweihundertmal mehr als die ärmsten 20 %.8 Zu Beginn des Jahres 2009 hatten die 793 Milliardäre der Welt zusammen ein Nettovermögen im Wert von 2,4 Billionen US-Dollar (Pitts 2009) – das ist mehr als das jährliche Einkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. (Zu Beginn des Jahres 2008, bevor die gegenwärtige Wirtschaftskrise einsetzte, gab es 1195 Milliardäre mit einem Gesamtvermögen von 4,4 Billionen US-Dollar; das ist etwa doppelt so viel, wie die ärmsten 50 % im Jahr verdienen!) Und wenn man die Einkommen vergleicht, dann erhält das eine Prozent der Reichsten so viel wie die 57 % der ärmeren Weltbevölkerung.9
Unser Planet, das Ergebnis von vier Milliarden Jahren kosmischer Evolutionsgeschichte, wird von einer relativ kleinen Minderheit der Menschheit verschlungen, und selbst diese privilegierte Gruppe kann nicht darauf setzen, dass dieser Ausbeutungsprozess noch lange andauern kann. Es überrascht daher kaum, dass eine Gruppe von sechshundert Wissenschaftlern, darunter mehr als hundert Nobelpreisträger, anlässlich eines Treffens im Jahr 1992 eine „Warnung an die Menschheit“ veröffentlichten:
„Es bleiben nur noch ein oder wenige Jahrzehnte, bevor die Gelegenheit zur Abwendung der Bedrohungen, vor denen wir heute stehen, verloren ist und die Aussichten für die Menschheit enorm abgenommen haben […] Wir brauchen eine neue Ethik ‒ eine neue Bereitschaft zur Einlösung unserer Verantwortung, sorgsam mit uns selbst und der Erde umzugehen. Aus dieser Ethik muss eine große Bewegung entspringen, die widerstrebende Politiker und Regierungen davon überzeugt, die erforderlichen Veränderungen vorzunehmen.“ (Brown 1994, 40)
Inzwischen sind seit dieser Warnung, während wir dies niederschreiben, siebzehn Jahre ins Land gegangen. Auch wenn einige auf Weltebene einflussreiche Persönlichkeiten die Probleme von Armut und ökologischer Zerstörung ernster nehmen, gibt es immer noch keine miteinander abgestimmte Bewegung, um die Energien der Menschheit zu mobilisieren und der bevorstehenden Krise entgegenzutreten. Tatsächlich wird dem sogenannten Krieg gegen den Terrorismus (der weitgehend ein Krieg zur Sicherung der Ölquellen und des „Weiter so wie bisher“ ist) weitaus mehr Energie gewidmet als den Bedrohungen, die das Leben in einem bisher noch nie da gewesenen Ausmaß zerstören.
Das Streben nach Weisheit
Zum ersten Mal in der Entwicklung der Menschheit sind alle größeren Krisen, mit denen wir es zu tun haben – die Zerstörung der Ökosysteme, die bedrückende Armut von Milliarden Menschen aufgrund von Gier und aufgrund von systembedingter Ungerechtigkeit und die weiterhin bestehende Bedrohung durch Militarismus und Krieg – von uns selbst verursacht. Zusammengenommen haben diese Krisen das Potenzial, nicht nur eine bestimmte Kultur oder eine einzelne Region der Welt, sondern die menschliche Zivilisation als ganze und wahrlich auch die Integrität des gesamten Lebensnetzes auf unserem Planeten zu zerstören. Nicht nur die gegenwärtige, sondern auch die künftigen Generationen der planetarischen Gemeinschaft sind bedroht.
Verständlicherweise erzeugen die Gefahren, denen wir ins Auge sehen, Angst. Es ist wichtig, dass wir beides wahrnehmen: die Situation als solche, und die Gefühle, die sie in uns hervorruft. Wenn wir die der Krise angemessene Dringlichkeit betonen, dann ist es deshalb auch entscheidend, apokalyptische Warnungen zu vermeiden, die nur die Lähmung der Verzweiflung auslösen. Wir müssen uns darauf besinnen: Die Tatsache, dass die Krise von uns verursacht ist, bedeutet gleichzeitig, dass es Hoffnung gibt, sie in sinnvoller Weise zu bewältigen. Tatsächlich haben viele Menschen mit Einsicht und Fantasie hart daran gearbeitet, praktische Alternativen aufzuzeigen, die es der Menschheit ermöglichen könnten, in Würde zu leben, ohne die Gesundheit der Ökosysteme der Erde zu gefährden.
Wir sind davon überzeugt, dass wir über den Großteil der Information und der Kenntnisse verfügen, die wir brauchen, um unsere gegenwärtige Krise zu überwinden. Macy und Brown stellen mit Recht fest:
„Wir können das Leben wählen. Ungeachtet unheilsschwangerer Vorhersagen können wir immer noch handeln, um eine Welt zu erhalten, in der man leben kann. Entscheidend ist es, sich über Folgendes klar zu sein: Wir können unsere Bedürfnisse befriedigen, ohne das System zu gefährden, das Leben ermöglicht. Wir haben das technische Wissen und die Kommunikationsmittel, um das zu leisten. Wir haben genügend Grips und Ressourcen, um genügend Nahrungsmittel zu erzeugen, eine saubere Luft und sauberes Wasser sicherzustellen und die nötige Energie mithilfe von Sonne, Wind und Biomasse zu erzeugen. Wenn wir nur wollen, dann haben wir die Mittel, das Bevölkerungswachstum zu kontrollieren, Waffensysteme abzubauen und Kriege abzuwenden und in demokratischer Selbstverwaltung jedem eine Stimme zu geben.“ (1998, 1)
Natürlich werden harte Arbeit, aufeinander abgestimmtes gemeinsames Handeln und Organisation erforderlich sein, um diese Alternativen in die Praxis umzusetzen. Doch zu allererst bedürfen wir der Energie, der Vision, des Sensoriums und der Weisheit, die unserem verändernden Handeln den Weg weisen – wir bedürfen eines echten Tao, das zur Befreiung führt. Wir müssen die verschiedenen Dimensionen der globalen Krise und die Kräfte verstehen, die sich vereint haben, um sie zu verewigen. Wir brauchen ein immer tieferes Verständnis der Wirklichkeit selbst, gerade auch davon, welcher Art die Veränderung ist. Und wir müssen unser Gespür schärfen und unser Wahrnehmungsvermögen entwickeln, damit es imstande ist, in schöpferischer und effektiver Weise zu reagieren.
Im Streben nach dieser Art von Weisheit müssen wir zuerst erkennen, dass all die Bedrohungen, mit denen wir konfrontiert sind, in gewisser Weise als Symptome einer tiefer liegenden kulturellen und spirituellen Krankheit sind, von der die Menschheit befallen ist, insbesondere jene 20 % der Menschen, die den Großteil des Wohlstands der Welt konsumieren. Das veranlasst uns dazu, unsere Kulturen, unsere Werte, unsere politischen und wirtschaftlichen Systeme und uns selbst genauer zu betrachten. Der Psychologe Roger Walsh bemerkt, dass die Krisen, mit denen wir es zu tun haben, dazu dienen können, „unsere Schutzpanzer abzulegen und uns dabei zu helfen, uns sowohl mit dem wahren Zustand der Welt als auch mit unserer Rolle dabei zu konfrontieren“ (1984, 77). Sie haben das Potenzial, uns zu wirklich tiefgreifenden Veränderungen unserer Lebensweise, unseres Denkens und Handelns, ja tatsächlich auch der Art und Weise, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen, hinzuführen.
Krisenzeiten können schöpferische Zeiten sein, Zeiten, in denen neue Visionen und neue Möglichkeiten entstehen. Das chinesische Zeichen für Krise, wei-ji, setzt sich aus den beiden Zeichen für Gefahr und Chance zusammen (sie werden von einem nicht aufzuhaltenden Speer und einem undurchdringbaren Schild repräsentiert). Das ist nicht einfach ein Widerspruch oder ein Paradoxon. Die Gefahr selbst, der wir ins Auge sehen, spornt uns dazu an, tiefer zu sehen, nach Alternativen zu suchen und Chancen zu ergreifen. Unser eigenes Wort Krise kommt vom altgriechischen Verb krinein, was „trennen, unterscheiden“ bedeutet. Damit ist eine Wahl zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten angesprochen. Wenn wir nicht handeln, um die Situation der sich verschlimmernden Armut und ökologischen Zerstörung zu verändern, dann entscheiden wir uns dafür, den Weg fortzusetzen, der in den Abgrund der Verzweiflung führt.
Doch es gibt auch die Möglichkeit einer anderen Wahl: Wir haben die Chance, uns für eine neue Weise, auf unserem Planeten zu leben, eine neue Weise, miteinander und mit den anderen Kreaturen der Erde zu leben, zu entscheiden. Es gibt viele Inspirationsquellen für eine veränderte Welt. Einige davon sind alt und entstammen dem Erbe verschiedener Kulturen und spiritueller Traditionen. Andere entstehen aus Strömungen wie etwa der Tiefenökologie, dem Feminismus, dem Ökofeminismus und der neuen Kosmologie, die von den Naturwissenschaften ausgeht. Eine neue Sichtweise der Wirklichkeit, eine neue Weise des In-der-Welt-Seins wird möglich. Macy und Brown bemerken zu Recht:
„Das auffallendste Merkmal der derzeitigen historischen Situation auf Erden ist nicht, dass wir dabei sind, unsere Welt zu zerstören – das ist tatsächlich schon eine ganze Weile der Fall. Es besteht vielmehr darin, dass wir gerade wie aus einem tausend Jahre langen Schlaf aufwachen und empfänglich werden für eine neue Beziehung zu unserer Welt, zu uns selbst und zueinander. Dieser neue Bezug zur Wirklichkeit macht die Große Wende möglich.“ (1998, 37)
Die Erkundung der Hindernisse
Wenn eine echte Veränderung, die in eine Welt auf der Grundlage einer neuen Vision mündet, als schwierig erscheint, dann ist das weitgehend darauf zurückzuführen, dass eine ganze Reihe von miteinander zusammenhängenden Hindernissen einen Wandel unmöglich erscheinen lassen. Ein wichtiger Schritt auf der Suche nach einem Tao der Befreiung besteht daher darin, die ganz konkreten Faktoren zu begreifen, die einem Wechsel im Weg stehen. Um dies deutlicher zu sehen, werden wir die Hindernisse, mit denen wir konfrontiert sind, von drei unterschiedlichen Perspektiven aus in den Blick nehmen. Bildlich kann man sich das etwa als einen Prozess vorstellen, in dessen Verlauf mehrere Schichten abgetragen werden. Wir werden bei Gelegenheit wieder auf dasselbe Hindernis zurückkommen, um es von einer anderen, oftmals subtileren Ebene aus zu betrachten. Doch in gewissem Sinne sind all diese unterschiedlichen Schichten oder Perspektiven einander ergänzende Weisen, eine einzige Wirklichkeit zu sehen.
Aus einem bestimmten Blickwinkel heraus sind die von uns in Augenschein genommenen Hindernisse systemischer Natur. Die politischen und wirtschaftlichen Strukturen der Welt zerstören die Erde aktiv und verhindern gleichzeitig ein effektives Handeln zur Lösung der Probleme. In zunehmendem Maße hat eine kleine Anzahl von transnationalen Konzernen die Macht inne, die von demokratischen Instanzen immer weniger zur Verantwortung gezogen werden können. Die Wirtschaft des globalen Kapitalismus hat eine Ideologie des Wachstums und des quantitativen Fortschritts zur Grundlage. Ein immer größerer Teil des Profis wird mittels Spekulation erzielt, während den wirklich produktiven Tätigkeiten der Natur und der Sozialökonomie wenig Wert beigemessen wird. Immer weniger Menschen profitieren von diesem System, während ein immer größerer Teil der Menschheit schlicht ausgeschlossen wird. Das Leben der Natur und das Leben der Armen werden in lebloses Kapital in Form von Geld verwandelt – Geld, das von seinem Wesen her eine abstrakte Größe ist und keinen Wert in sich hat. Da dies kein nachhaltiges System ist, kann nicht einmal jene Minderheit der Menschen, die zurzeit davon profitiert, hoffen, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird. Kurz: Unsere Welt wird von einem krankhaften System außerhalb jeder Kontrolle beherrscht, das, sich selbst überlassen, die Erde selbst zu zerstören droht.
Indem wir dieses krankhafte System untersuchen, wollen wir seine Dynamik klarer verstehen und seinen von Grund auf ungesunden Charakter aufzeigen. Dabei werden wir sehen, wie der transnationale Kapitalismus seine Wurzeln sowohl im Patriarchat (der Beherrschung der Frauen durch die Männer) als auch im Anthropozentrismus (der Beherrschung der Natur durch den Menschen) hat. Die Herausforderung, eine Alternative zu entwickeln, besteht zum Teil darin, das Wesen von Macht neu zu fassen, und zwar nicht als Kontrolle, sondern als schöpferisches Potenzial, das in die Beziehungen des wechselseitigen Einflusses hineinverwoben ist.
Aus einer zweiten Perspektive gesehen verbinden sich die Strukturen globaler Ausbeutung und Herrschaft, um unsere Fähigkeit zur Veränderung auf einer psychisch-spirituellen Ebene zu untergraben. Objektive Unterdrückung erzeugt eine psychische Resonanz in Gestalt internalisierter Ohnmacht. Die Schwere der Krisen, mit denen wir es zu tun haben, bringt tendenziell auch eine Dynamik der Verleugnung, Schuld und – wenn wir den Mut haben, die Wirklichkeit ungeschönt zur Kenntnis zu nehmen – der Verzweiflung hervor. Ein Suchtverhalten kann als Abwehrmechanismus entstehen, um die schwer zu ertragende Wirklichkeit nicht wahrnehmen zu müssen. Unser Geist wird abgetötet, und wir hören auf, in vollem Sinn als Menschen zu leben. Die Medien, unser Bildungssystem, der Konsumismus und (in vielen Ländern) militärische Unterdrückung verstärken zusammen mit einer ganzen Reihe subtilerer kultureller Mechanismen diese Herrschaft über den Geist. Unsere Wirklichkeitswahrnehmung selbst ist von einem System verzerrt, das uns zu verführen sucht und jede wirkliche Bewegung in Richtung Veränderung verhindern will.
Um die psychisch-spirituellen Hindernisse, die sich einer Veränderung entgegenstellen, zu überwinden, werden wir darüber nachdenken, wie wichtig es ist, unsere Ängste zuzugestehen, Gemeinschaft aufzubauen sowie Kreativität und Solidarität zu fördern. Darüber hinaus werden wir über die Notwendigkeit nachdenken, unsere Entfremdung von der Natur zu überwinden und wirkliche psychische Genesung zu erlangen, damit wir die innere Kraft finden, die wir brauchen, um für eine tiefgehende Veränderung unserer Welt zu arbeiten. Letztlich ist es unser Ziel, den Geist neu zu erwecken und ein tiefes Gespür des Mitleids zu entwickeln. Mitleid meint die Fähigkeit, sich mit den Freuden und Leiden aller Kreaturen der Erde zu identifizieren. Das bedeutet, in viel tieferem und reicherem Sinne zu leben, als es in den meisten modernen Gesellschaften üblich ist.
Tiefer eintauchen: Kosmologie und Befreiung
Wenn wir den spirituellen Zustand der Ohnmacht betrachten, dann werden wir dahin geführt, eine dritte, vielleicht grundlegendere Perspektive einzunehmen: unsere Wahrnehmung des Wesens der Wirklichkeit selbst. Wir nennen diese Perspektive die kosmologische. Sie stellt möglicherweise die größte Herausforderung dar, doch gleichzeitig auch die an neuen Alternativen reichhaltigste. Unsere Kosmologie umfasst unser Verständnis vom Ursprung, der Entwicklung und dem Sinn des Universums sowie den Ort der Menschen darin. Die Art und Weise, wie wir den Kosmos erfahren und verstehen, unsere „Kosmovision“, bildet den innersten Kern unserer Ansichten über das Wesen von Veränderung.
In den letzten drei Jahrhunderten hat eine mechanistische, deterministische, atomistische und reduktionistische Kosmologie die Menschheit zunehmend beherrscht. In jüngerer Zeit hat der Konsumismus unsere Wahrnehmung der Realität sogar noch mehr eingeengt und trivialisiert. Diese Faktoren zusammengenommen haben unsere Fähigkeit, Veränderung zu denken und schöpferisch zu handeln, ernsthaft beeinträchtigt.
Im Lauf der letzten hundert Jahre jedoch hat sich aus den Naturwissenschaften heraus ein neues Verständnis des Kosmos zu entwickeln begonnen. In vieler Hinsicht erinnert es an eine frühere Kosmologie, wie sie unter autochthonen Völkern immer noch allgemein akzeptiert ist. Diese Kosmologie betrachtet das Universum als einen einzigen Organismus, der auf ganzheitliche Art wirkt. Im Unterschied zu einigen traditionellen Kosmologien nimmt die neue, aus den Wissenschaften herkommende Kosmologie das Universum jedoch als ein sich entwickelndes Universum in den Blick. Der Kosmos ist keine statische, ewig gleichbleibende Größe, sondern vielmehr ein Prozess, der sich ständig entfaltet und neu schafft. Wir werden sehen, dass diese Weltanschauung eine Herausforderung für unser Verständnis der Dynamik von Veränderung darstellt. Sobald wir uns unserer Verbundenheit mit dem Kosmos bewusst werden, wird Veränderung in einem neuen Kontext gesehen, der unsere Annahmen über lineare Kausalität und blinden Zufall von Grund auf infrage stellt. Die Bedeutung von Intuition, Spiritualität und alten Weisheitstraditionen wird immer klarer. Wir gelangen dahin, uns nicht länger als passive Konsumenten oder unbeteiligte Zuschauer in einem Spiel blinden Zufalls zu begreifen, sondern vielmehr als aktive Teilnehmer am unbegreiflichen Geheimnis des Prozesses, in dessen Verlauf das Universum seinen Sinn entfaltet.
Die Ökologie der Veränderung
Sobald wir die verschiedenen Schichten von Hindernissen für den Wandel betrachten und die neue Kosmologie erkunden, wie sie aus den Naturwissenschaften hervorgeht, beginnen wir auch die wechselseitige Beziehung zwischen den Dimensionen eines ganzheitlichen Prozesses der Veränderung zu begreifen. Dies ist etwas, was wir im Bezugsrahmen von Ökologie denken können. Das Wort „Ökologie“ bezieht sich üblicherweise auf das Verhältnis zwischen Organismen und deren Umgebung. In ihrem Wesen geht es um eine Erforschung von wechselseitiger Beziehung und gegenseitiger Abhängigkeit. Wenn man stärker vom Wortsinn ausgeht, dann meint Ökologie „die Erforschung des Heims“ (das griechische Wort oikos, also Heim oder Haus, kann auch als die Erde selbst verstanden werden). Deshalb scheint es angebracht, von einer „Ökologie der Veränderung“ zu sprechen, um damit den Prozess in seinen wechselseitigen Beziehungen zu beschreiben, der in Gang gesetzt werden muss, um die Gesundheit unserer gemeinsamen Heimat, der Erde, wiederherzustellen.
Eine effektive Ökologie der Veränderung wird einer neuen Sichtweise der Wirklichkeit bedürfen, sie braucht etwas, das als konkretes Ziel dienen und uns Hoffnung vermitteln kann. Nach dem Untergang des „Realsozialismus“ in den letzten fünfzehn Jahren (der trotz seiner Beschränkungen wenigstens die Hoffnung nährte, dass irgendeine Alternative möglich sei) ist eine überzeugende Vision von einer veränderten Welt so dringend wie selten zuvor. Wenn wir realistische Wege aufzeigen, wie wir in Würde im Einklang mit der Erde leben können, dann können wir damit anfangen, eine Alternative zu entwickeln, eine das Leben fördernde kraftvolle Strömung der Inspiration, die uns in eine bessere Zukunft vorantreibt.
Eine konkrete Vision einer Welt, die es möglich macht, würdevoll in Einklang mit anderen Kreaturen zu leben, ist die des „Bioregionalismus“. Bioregionalismus entwirft eine Gesellschaft auf der Grundlage von kleinen lokalen Gemeinschaften, die in einem Netzwerk von Beziehungen miteinander verbunden sind, welche von Gleichheit, Miteinander-Teilen und ökologischem Gleichgewicht anstelle von Ausbeutung geprägt sind. Dieses Modell strebt die Schaffung von Gemeinschaften an, die sich selbst tragen und sich selbstständig weiterentwickeln. Die Größe dieser Gemeinschaften entspräche den natürlichen „Bioregionen“ auf der Grundlage der Ökologie, der Geschichte von Natur und Kultur einer bestimmten Gegend, sie wäre von den Werten der Selbstgenügsamkeit und der Harmonie mit der Natur geprägt und gelangte auf diese Weise zu gemeinschaftlicher Entscheidung, zur Befriedigung individueller Bedürfnisse und zum Aufbau einer lokalen Kultur. (Nozick 1992)
Auf den ersten Blick mag eine solche Vorstellung als unrealistisch, ja utopisch erscheinen. Doch im Laufe der Lektüre dieses Buches wird es zunehmend klarer werden, dass dieses Modell viel besser in Einklang mit den Bedürfnissen der Menschheit und dem sich entfaltenden evolutionären Prozess des Kosmos steht als die Strukturen von Herrschaft und Ausbeutung, die zurzeit unserem Planeten Gewalt antun. Uns ein Modell in diesem Sinne anzueignen könnte in der Tat unsere einzige echte Hoffnung auf ein zukünftiges lebenswertes Leben sein.
Schließlich wollen wir unsere Einsichten noch einmal durchgehen, vertiefen und in eine Einheit bringen, indem wir einige mögliche Prozesse beschreiben, wie man sich dem Tao der Befreiung öffnen und es verwirklichen kann. Auf diese Weise werden auch die Umrisse der Ökologie der Veränderung deutlicher hervortreten. Wir verbinden damit die Hoffnung, dass dies ein neues Nachdenken und neue Prozesse anstößt, welche die Praxis all derer bereichern können, die sich um die Gesundung und das Wohlbefinden der planetarischen Gemeinschaft sorgen.
Letztlich ist es der Sinn dieses Buches, in all den Kämpfen um die Verbesserung und Stärkung der menschlichen und nichtmenschlichen Lebensgemeinschaft der Erde neue Hoffnung und schöpferische Energie zu vermitteln. Gewiss steht unsere Aufgabe unter dem Vorzeichen der Dringlichkeit. Der Weg, der vor uns liegt, wird nicht leicht sein. Duane Elgin gebraucht für die Zeit, die uns bevorsteht, den Ausdruck „planetarische Kompression“: Die Krisen des ökologischen Niedergangs und der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, des Klimawandels und der Armut werden uns in einen Strudel von Zwängen hineinziehen, wobei „die menschliche Zivilisation entweder im Chaos versinken wird oder in einem spiralförmigen Prozess der Veränderung emporsteigt“ (1993, 120). Wir können weitreichende Veränderungen vermeiden und damit in eine Zukunft mit größerem Elend, Armut und ökologischer Zerstörung abgleiten, oder wir können aufwachen, uns der Dringlichkeit und Radikalität der erforderlichen Veränderungen stellen und das Tao der Befreiung wählen.
Wenn wir uns zu Letzerem entschließen, dann gibt es eine Chance für ein spirituelles Erwachen der Menschheit und eine neue planetarische Zivilisation, in der Schönheit, Würde, Vielfalt und der uneingeschränkte Respekt vor dem Leben das Zentrum von allem bilden – eine echte Große Wende. Wir hoffen, dass die Überlegungen in diesem Buch zu der Weisheit beitragen können, die wir brauchen, um wirkungsvoll für eine solche Veränderung zu arbeiten.
Teil I: Erkundung der Hindernisse
2. Ein pathologisches System entlarven
In Einklang mit dem Tao
ist der Himmel klar und rein,
die Erde ist in ruhiger Heiterkeit und ganz,
der Geist wird mit Kraft erneuert,
Flussbette werden wieder gefüllt,
die Myriaden von Kreaturen der Welt gedeihen und leben in Fröhlichkeit,
Anführer sind auf Frieden bedacht,
und ihre Länder werden in Gerechtigkeit regiert.
Wenn die Menschheit in das Tao eingreift,
wird der Himmel trüb,
die Erde wird ausgebeutet,
der Geist erschlafft,
Ströme trocknen aus,
das Gleichgewicht gerät aus den Fugen,
Kreaturen werden ausgelöscht …
(Tao Te King § 39)
Wenn Herrscher im Glanz leben und Spekulanten gedeihen,
während Bauern ihr Land verlieren und die Kornspeicher sich leeren;
wenn Regierungen Geld für Prunk und Waffen ausgeben;
wenn die Oberschicht extravagant und verantwortungslos ist,
nachsichtig mit sich selbst, und mehr besitzt, als sie jemals benutzen kann,
während die Armen nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen.
All das ist Raub und Chaos,
es hat mit dem Tao nichts gemein.
(Tao Te King § 53)
Ein erster Schritt auf dem Weg hin zu einer Welt, in der Leben, Schönheit und Würde wirklich gedeihen können, besteht darin, die jetzige Wirklichkeit unseres Planeten zu verstehen. Wie wir bereits gesehen haben, leben wir in einer Zeit, in der die Ökosysteme der Erde in raschem Tempo zerstört werden, wobei eine kleine Minderheit der Menschheit ihr Monopol auf den weltweiten Wohlstand behauptet. Inzwischen vollziehen sich tiefgreifende und rasche Veränderungen in der Organisationsweise der Gesellschaft. In vieler Hinsicht stehen wir vor einem Scheideweg. Technische Durchbrüche auf den Gebieten der Kommunikation, der Computertechnik und der Gentechnik vergrößern die Macht des Menschen wie niemals zuvor. In wirtschaftlicher Hinsicht ist die Welt auf allen Ebenen dem Diktat des „Marktes“ und des Profitstrebens unterworfen. In politischer Hinsicht entwickeln sich die transnationalen Konzerne zu den beherrschenden Mächten der Welt. Dabei erhalten sie Rückendeckung von der militärischen Macht der Länder, die ihren Interessen zu Diensten sind. In kultureller Hinsicht setzen die Massenmedien die Werte und Sehnsüchte des Konsumismus weltweit durch.
Vielen gilt diese Art von „Globalisierung“ als unvermeidlich. Und in der Tat versichern uns diejenigen, die als Sprachrohr der beherrschenden Mächte fungieren, dass sich dies so verhält. Es gibt keine Alternative.
Aber was wäre nun, wenn die Krisen der Armut und der ökologischen Zerstörung, mit denen wir es zu tun haben, nicht einfach nur zufällige Nebeneffekte oder „Kinderkrankheiten“ unseres wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Systems sind? Was wäre, wenn sie nicht einfach durch einige kleinere Reparaturarbeiten zu beheben sind? Wenn eine innere Erkrankung das Wesen dieser Krisen ausmacht? Wären wir dann nicht gezwungen, den Weg, auf dem wir uns befinden, neu zu überdenken und nach Alternativen zu suchen? Stünden wir dann nicht vor der Herausforderung, in neuer, kreativer Weise unser Denken und Handeln darauf auszurichten, zu verändern, was bisher als unvermeidlich galt?
Tatsächlich sind wir davon überzeugt, dass dem System selbst, das zurzeit unsere Welt beherrscht und ausbeutet, eine tief liegende Erkrankung innewohnt. In diesem Kapitel werden wir versuchen, dieses pathologische Phänomen aufzudecken. Dabei verfolgen wir nicht die Absicht, unsere Leser ohnmächtig oder überfahren zurückzulassen. Ganz im Gegenteil, der erste Schritt zur Genesung ist es, zu akzeptieren, dass wir krank sind, und diese Krankheit zu verstehen. In gewissem Sinne leben wir alle in einer Art kollektivem Wahn, in dem das, was sowohl unlogisch als auch zerstörerisch ist, als normal und unvermeidlich gilt. Natürlich mag es für diejenigen, die am meisten an dieser Erkrankung zu leiden haben, völlig klar sein, dass wir es mit einer grundsätzlichen Störung zu tun haben: für die Kreaturen, deren Lebensraum zerstört wird, und für die große Mehrheit der Menschheit, die an den Rändern unserer neuen globalen Wirtschaft lebt. Andererseits mag es für diejenigen, die (wenigstens kurzfristig) von den Vorteilen des Systems profitieren, weniger klar sein, dass wir es mit einer Krankheit zu tun haben. Für alle aber wirft eine gründlichere Analyse des Systems Erkenntnisse ab, die uns allen helfen können, die herrschende (Un-)Ordnung10 herauszufordern und Alternativen ins Auge zu fassen.
Worin besteht nun die Erkrankung unserer Welt? Ein erster Schritt besteht darin, die Symptome dieser Krankheit, die unseren Planeten heimsucht, näher zu betrachten – eine Krankheit, die in der Art und Weise ihren Ursprung hat, wie die Gesellschaft zurzeit organisiert ist. Konkret werden wir sowohl die Probleme von Armut und Ungleichheit als auch die ökologischen Probleme näher betrachten, die daraus resultieren, dass wir durch Raubbau und Verschmutzung über die Grenzen der Erde „hinausschießen“.
Krankheitssymptome
Armut und Ungleichheit
Ein erstes Krankheitssymptom ist die größer werdende Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Viele mögen dagegen einwenden, dass finanziell gesehen die Menschheit heute reicher ist als jemals zuvor in ihrer Geschichte. Wir leben in einer Welt voller Wunder, die sich unsere Vorfahren vor einem Jahrhundert kaum vorstellen konnten: schnelles Reisen und rasche Kommunikation, eine hoch entwickelte Medizin, Maschinen, die Arbeit einsparen, und komfortabler Luxus. Einigen Schätzungen zufolge gibt es zurzeit eine größere Vielfalt an Konsumgütern als an lebenden Arten. Insgesamt produzieren die Menschen jetzt fast fünfmal so viel pro Kopf als vor hundert Jahren. (Little 2000)
Doch dieses schier unglaubliche Wachstum von Wohlstand hat nicht zur Ausrottung oder wenigstens zu einer deutlichen Verringerung der menschlichen Armut geführt. Tatsächlich blieb der Anteil der Menschen, die in Armut leben, während der letzten fünfzig Jahre relativ konstant. (Korten 1995). Einen echten Fortschritt gab es im Hinblick auf die Kindersterblichkeit, die Verlängerung der Lebenserwartung, der Alphabetisierungsrate und verbessertem Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung. Dennoch lebt fast ein Drittel der Weltbevölkerung immer noch von einem US-Dollar am Tag. Wenn man genauer hinsieht und insbesondere das Wegbrechen traditioneller Kulturen, Lebensweisen und der diese tragenden Ökosysteme betrachtet, dann gelangt man zur Feststellung, dass sich die tatsächliche Lebensqualität von vielen der Armen dieser Welt verschlechtert hat.
Inzwischen hat sich der Gegensatz zwischen Arm und Reich zu einer tiefen Kluft ausgeweitet. Relativ gesehen sind Asien, Afrika und Lateinamerika tatsächlich ärmer als wir vor hundert Jahren. Weltweit hat sich die Disparität der Einkommen zwischen Reichen und Armen verdoppelt. Schlimmer noch: Immer noch werden große Mengen an Reichtum von den ärmeren in die reicheren Länder transferiert. Für jeden Dollar an Entwicklungshilfe fließen drei als Schuldendienst in den Norden zurück. Der Nettotransfer von Reichtum ist sogar noch größer, wenn man die unfairen „Terms of trade“ (d. h. das Austauschverhältnis von Import- und Exportprodukten; d. Übers.) betrachtet, die die armen Länder zu niedrigen Löhnen und niedrigen Warenpreisen zwingen.
Wenn man den Wohlstand betrachtet, dann ist die Größenordnung der Ungleichheit sogar noch schockierender. Die drei reichsten Menschen der Welt verfügen über ein Vermögen, das das Bruttosozialprodukt der 48 ärmsten Länder zusammengenommen übersteigt. Wie wir bereits angemerkt haben, verfügen die Milliardäre zusammen über ein Vermögen von 2,4 Billionen US-Dollar; das ist mehr als das jährliche Einkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. Im Vergleich dazu betrügen die Gesamtkosten für eine Grundschulbildung, eine medizinische Grundversorgung, angemessene Ernährung, sauberes Trinkwasser und Kanalisation für all diejenigen, die dies alles bislang nicht haben, bloß 40 Milliarden US-Dollar im Jahr, das heißt weniger als 2 % des Vermögens der weltweit Reichsten. (UNDP-Bericht 1998) Vor Kurzem wurden die zusätzlichen Kosten für die Millennium-Ziele der Entwicklungspolitik – die über die bereits angeführten Ziele hinaus noch die Eindämmung von HIV/Aids und der Malaria und die Erhaltung der Umwelt umfassen – von der Weltbank auf 40 bis 60 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Das schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute) rechnet dagegen hoch, dass im Jahr 2007 weltweit jede Woche (!) 25 Milliarden US-Dollar für militärische Zwecke ausgegeben wurden.
Der unmittelbare Eindruck, der sich aufdrängt, wenn man diese Tatsachen bedenkt, ist, dass die Armut innerhalb der menschlichen Gesellschaft grundsätzlich nicht auf einen Mangel an Reichtum oder Ressourcen zurückzuführen ist, sondern eher auf die beschämende Verteilung der Reichtümer der Welt. Gandhi sagte: „Die Erde hat genug, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen, aber nicht genug, um die Gier derjenigen zu stillen, die einem unvernünftigen Konsum nachjagen.“
Ein zweiter Gedanke, der einem in den Sinn kommt, ist: Während die Armut an sich unsagbares Leid hervorruft, wird dieses durch die Ungleichheit noch verschlimmert. Dies gilt besonders für die heutige Welt, in der selbst die ärmsten Menschen mit Radio, Fernsehen und Werbung konfrontiert sind. Je mehr die Massenmedien das Bild eines „Konsumparadieses“ für wenige verbreiten, umso stärker wachsen Entfremdung und Verzweiflung unter den Armen. Die Suggestion der Medien untergräbt auch die traditionellen Ressourcen des gesellschaftlichen Zusammenhalts (Kultur, Familie, Tradition). Während die ökologische Verwüstung ihren Lauf nimmt, schwindet auch der materielle und spirituelle Halt, den traditionelle Lebensweisen sowie die Schönheit der Natur geboten haben.
Raubbau an der Erde
Das zweite Leitsymptom der Erkrankung ist die rasch voranschreitende Ausplünderung der Reichtümer der Erde, darunter sauberes Trinkwasser, saubere Luft, fruchtbares Ackerland und eine reichhaltige Vielfalt von Lebenszusammenhängen. Dieselbe Gier, die die Armut von Menschen verursacht, lässt auch die Erde selbst verarmen. Der Konsum der Menschen beansprucht einen immer größeren Teil der natürlichen Reichtümer der Erde. Dabei handelt es sich um einen Reichtum, dessen Wert nicht in Geld ausgedrückt werden kann, weil er die Basis des Lebens selbst ist. In einer eher technischen Sprache heißt das, dass wir Zeugen der Erschöpfung der „Ressourcen“ der Erde sind. Unsere Welt tritt gerade in eine Periode des „Niedergangs“ ein, in der die Menschheit die allen gemeinsamen Güter der Erde schneller verschlingt, als diese sich erneuern können.11
Dieser Prozess des „Niedergangs“ bedroht unsere Fähigkeit, die Nahrungsmittelproduktion aufrechtzuerhalten. Die moderne Agrarwirtschaft benutzt Chemikalien, um das Wachstum der Pflanzen zu fördern und die Erträge kurzfristig zu vergrößern, doch dabei gehen Nährstoffe verloren, die nicht rechtzeitig ersetzt werden können. Dies führt zur Verschlechterung der Böden und der Qualität der Nahrungsmittel. Der Boden wird einfach als „Wachstumsmedium“ behandelt und nicht als ein komplexes Ökosystem, in dem jedes Gramm Erde eine Milliarde Bakterien, eine Million Pilze und Zehntausende von Protozoen enthalten kann. „Der Boden bringt Leben hervor, weil er selbst lebendig ist.“ (Suzuki/McConnell 1997, 80) Es dauert fünfhundert Jahre, bis eine 2,5 cm hohe Schicht von Ackerboden entsteht, und dennoch verlieren wir 23 Milliarden Tonnen Boden jedes Jahr. Das heißt, dass wir in den letzten zwanzig Jahren fruchtbaren Boden in der Größenordnung verloren haben, wie sie dem Ackerland Frankreichs und Chinas zusammengenommen entspricht. Jedes Jahr benutzen oder zerstören wir 40 % von den 100 Milliarden Tonnen fruchtbaren Bodens, den die Ökosysteme der Erde schaffen.
Die extensive Bewässerung führt inzwischen zu einer weit verbreiteten Versalzung, und der Maschineneinsatz auf Randflächen hat weitere Bodenerosion zur Folge. Nimmt man dazu noch die Auswirkungen des Klimawandels, dann führen all diese Faktoren zu einem Verlust bebaubaren Landes und dessen Verwandlung in Wüste: Zwischen 1972 und 1991 ging mehr Ackerland an die Wüste verloren als die Fläche, die in China und Nigeria zusammengenommen bestellt wurde. Man schätzt, dass nun 65 % des einst bebaubaren Landes bereits Wüste sind.
Die in biologischer Hinsicht reichhaltigsten Ökosysteme an Land, die Wälder, werden ebenfalls zerstört. Im Lauf der letzen zwanzig Jahre war von der Entwaldung eine Fläche betroffen, die größer ist als die Vereinigten Staaten östlich des Mississippi. Mehr als die Hälfte der Waldbestände, die 1950 noch existierten, sind nun abgeholzt. Es geschieht auch einiges an Wiederaufforstung. Doch diese neu gepflanzten Wälder sind oftmals nicht viel mehr als Baumplantagen, die eine weitaus geringere Vielfalt und Dichte lebendiger Arten beherbergen als die alten Wälder, die sie ersetzen sollen. Es überrascht daher nicht, dass Hunderttausende von Pflanzen- und Tierarten für immer verschwunden sind und weitere tausendmal schneller aussterben als jemals zuvor seit dem Verschwinden der Dinosaurier.
Auch die Ozeane, die 99 % des Lebensraums auf unserem Planeten ausmachen und in denen 90 % aller Arten leben, sind tiefgreifenden Veränderungen unterzogen. Mindestens ein Drittel des CO2 und 80 % der Wärme, die durch den Klimawandel entsteht, werden von den Ozeanen absorbiert. Dies wiederum ändert den Säuregehalt, die Eisdecke, das Volumen und den Salzgehalt der Meere und kann möglicherweise Meeresströme verändern, die einen großen Einfluss auf das Klima haben. Ein Viertel aller Korallenriffe – die Ökosysteme mit der größten Artenvielfalt im Meer – wurde bereits zerstört, und gut die Hälfte der noch existierenden sind gefährdet. Die tiefgreifenden chemischen Veränderungen in den Ozeanen können wahrscheinlich auch das Plankton gefährden, das eine Hauptnahrungsquelle für andere Meerestiere darstellt und auch die wichtigste Lunge des Planeten ist, da es ganze 50 % des Sauerstoffs produziert. (Mitchell 2009)
Grundwasser, das sich über Millionen von Jahren in riesigen grundwasserführenden Schichten angesammelt hat, wurde im Lauf des letzten Jahrhunderts rasch verbraucht, und wahrscheinlich wird sich die Rate der Entnahme im nächsten Vierteljahrhundert um weitere 25 % erhöhen. Viele Menschen sehen sich jetzt schon mit chronischem Wassermangel konfrontiert, und diese Probleme werden sich in vielen Regionen der Welt im Lauf des nächsten Jahrzehnts wahrscheinlich verschärfen. Erdöl und Kohle, die im Laufe von 500 Millionen Jahren entstanden sind, könnten zur Mitte des nächsten Jahrhunderts völlig erschöpft sein (und der Kohlenstoff, den die Erde so sorgfältig in sich eingeschlossen hat, um ihre Atmosphäre stabil zu halten, wird wieder freigesetzt). Wir sind bereits sehr nah am „Peak oil“, das heißt dem Fördermaximum von Erdöl, und die Nachfrage wird sehr bald das Angebot übertreffen. Dazu kommt, dass viele wichtige metallische Rohstoffe wie Eisen, Bauxit, Zink, Phosphat und Chrom im Lauf dieses Jahrhunderts nahezu völlig erschöpft sein werden.
Jede Minute eines jeden Tages
– verlieren wir – meist durch Brandrodung ‒ eine Fläche an tropischem Regenwald, die fünfzig Fußballfeldern gleichkommt;
– verwandeln wir einen halben Quadratkilometer Land in Wüste und
– verbrennen so viele fossile Brennstoffe, dass die Erde zehntausend Minuten bräuchte, um diese wieder mithilfe des Sonnenlichts zu produzieren. (Ayers 1999 b)
Es wird geschätzt, dass bereits jetzt die reichsten 20 % der Menschheit mehr als 100 % dessen verbrauchen, was die Erde nachhaltig hervorbringt, während die verbleibenden 80 % weitere 30 % davon verbrauchen (und dabei handelt es sich um eher vorsichtige Schätzungen). Mit anderen Worten: Wir sprengen jetzt schon die Grenzen der Erde. Es leuchtet unmittelbar ein, dass ein relativ kleiner Teil der Menschheit für diese Situation verantwortlich ist. Der übermäßige Konsum der Wenigen lässt die gesamte planetarische Lebensgemeinschaft verarmen. Einige Ökologen schätzen, dass in den fünfundzwanzig Jahren zwischen 1970 und 1995 ein Drittel des „natürlichen Kapitals“ der Erde verloren ging (Sampat 1999). Und die Ausbeutungsrate hat sich seither weiterhin beschleunigt. Es ist klar, dass eine solche Ausplünderung des Reichtums unseres Planeten nicht ohne ernsthafte, lebensbedrohende Folgen für uns alle weitergehen kann.
Die Vergiftung des Lebens
Das dritte Krankheitssymptom könnte die größte Bedrohung für uns alle darstellen. Da wir einen stetig wachsenden Berg von Abfall produzieren, überschreiten wir die Kapazitäten der natürlichen „Senken“ des Planeten, Schadstoffe zu absorbieren, unschädlich zu machen und wieder dem natürlichen Kreislauf zuzuführen. Noch schlimmer: Wir bringen chemische und nukleare Schadstoffe in die Umwelt ein, die langfristig bleiben, und wir verändern die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre selbst. Diese Probleme der Tragfähigkeit des Planeten untergraben die Gesundheit aller Lebewesen und deren Lebensräume in ernsthafter Weise. Dazu folgende Beispiele:
– Siebzigtausend vom Menschen produzierte Chemikalien wurden in die Luft, das Wasser und den Boden freigesetzt, die meisten davon in den letzten fünfzig Jahren, und jedes Jahr werden etwa tausend neue Chemikalien erzeugt. Die jährliche Produktion synthetischer organischer Stoffe hat von sieben Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf fast eine Milliarde Tonnen heute zugenommen (Karliner 1997). Davon wurden 80 % niemals auf ihre Toxizität hin getestet. (Goldsmith 1998). Jede Minute sterben fünfzig Menschen an Vergiftung durch Pestizide (Ayers 1999 b), und jeden Tag werden eine Million Tonnen gefährliche Abfälle produziert (Meadows et al. 1992).
– Weiterhin wird Atommüll produziert, ohne dass man sichere Lagerstätten dafür hat. Teilweise bleibt dieser Müll 250.000 Jahre lang radioaktiv. In der ganzen Welt gibt es mehr als 1800 Tonnen Plutonium. Dieses Element ist so giftig, dass bereits eine Millionstel Unze davon für einen Menschen tödlich sein kann. Bloß acht Kilogramm davon genügen, um eine Bombe daraus herzustellen, die dieselbe Zerstörungskraft wie die von Hiroshima hat.
– Wir haben riesige Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre freigesetzt, und zwar dreimal so viel, wie die natürlichen Kreisläufe normalerweise absorbieren können. Dadurch wurde ein gefährlicher Kreislauf globaler Erwärmung und Destabilisierung des Klimas in Gang gesetzt. Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass dies die stärkste Veränderung des Erdklimas seit dem Beginn des Eozäns vor etwa 55 Millionen Jahren ist (Lovelock 2008). Gleichzeitig haben wir durch die Zerstörung der Wälder und der maritimen Ökosysteme die Fähigkeit der Erde, Kohlendioxid aus der Luft zu binden, ernsthaft vermindert. Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre ist nun höher als jemals zuvor in den letzten 160.000 Jahren, und die weltweite Durchschnittstemperatur ist bereits um 5 Grad Celsius angestiegen. Bei den derzeitigen Emissionsraten wird sich der CO2-Gehalt in den nächsten fünfzig Jahren verdoppeln, und die globale Durchschnittstemperatur wird um weitere 2 bis 5 Grad Celsius ansteigen. (IPPC, Intergovernmental Panel on Climate Change). As Folge davon wird das Wetter chaotischer werden, und Verwüstungen durch Stürme werden zunehmen. Die Zahl der Menschen, die von wetterbedingten Katastrophen betroffen waren, stieg von 100 Millionen im Zeitraum von 1981 bis 1985 auf 250 Millionen im Zeitraum von 2001 bis 2005 (Worldwatch 2007).
Die Probleme der Tragfähigkeit stellen eine besondere Herausforderung aufgrund ihrer langfristig andauernden Auswirkungen dar. Selbst wenn wir die Produktion giftiger Chemikalien morgen einstellen würden, selbst wenn wir alle Atomanlagen sofort abschalten würden, selbst wenn wir aufhören würden, Treibhausgase wie Methan und CO2 zu emittieren, blieben die schädlichen Folgen Jahrhunderte und Jahrtausende lang bestehen, im Fall des Atommülls sogar hunderte Millionen Jahre lang. Doch die Produktion vieler dieser Substanzen wächst weiterhin, in manchen Fällen sogar beschleunigt. James Lovelock (2008) bemerkt sogar, dass einige der Veränderungen, die wir verursacht haben, irreversibel zu werden drohen. Wenn wir zum Beispiel die Treibhausgase nicht bald reduzieren, könnten wir einen Umschlagpunkt erreichen, vom dem ab sich das Klima für unseren Planeten dauerhaft erwärmen könnte.
Manchmal mögen wir die Zusammenhänge zwischen den Problemen der Tragfähigkeit, der Erschöpfung von Ressourcen, der Armut und Ungleichheit nicht unmittelbar sehen. Insbesondere kann es schwierig sein, die Zusammengehörigkeit von ökologischen und sozialen Dimensionen der Krise zu erfassen. Teilweise ist dies darauf zurückzuführen, dass die Massenmedien die Themen oftmals so darstellen, als ob eine Art Konkurrenz zwischen menschlichen Bedürfnissen und dem Schutz der Ökologie bestünde. Sollen wir zum Beispiel einen alten Wald erhalten oder ihn abholzen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen? Sollen wir einen Fluss, in dessen natürlichen Verlauf bislang nicht eingegriffen wurde, schützen, oder ein Bergwerk bauen, um eine schlechte Wirtschaftslage zu verbessern? Sollen wir Chemikalien und Gentechnik einsetzen, um die Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen? Sollen wir einen neuen Staudamm bauen, um Energie für die industrielle Entwicklung bereitzustellen?
Fast immer jedoch, wenn wir einen Schritt zurücktreten und einen weiteren Blickwinkel zulassen, stellt sich diese Vorstellung, dass wir entweder die Armut bekämpfen oder die Ökosysteme schützen können, keineswegs aber beides zugleich, als eine Lüge heraus, die gebetsmühlenartig von jenen wiederholt wird, die die Erde und den ärmsten, verwundbarsten Teil der Menschheit zugleich ausbeuten. Um dies deutlicher zu sehen, wollen wir die sechs wesentlichen Charakteristika unserer derzeitigen Welt(un-)ordnung, wie sie vom Kapitalismus des industriellen Wachstums geschaffen wird, näher untersuchen:
– Die Verschreibung an ein grenzenloses Wachstum
– Ein verzerrtes Verständnis von Entwicklung
– Wachsende Unterwerfung unter die Herrschaft der Konzerne
– Verschuldung und Spekulation als die Hauptquellen des Profits
– Die Tendenz, Wissen zu monopolisieren und eine weltweite Einheitskultur durchzusetzen
– Der Rückgriff auf Macht im Sinne von Beherrschung, wozu militärische Macht und Gewalt gehören.
Krebsartiges Wachstum
„In gewissem Sinne ist der gemeinsame Glaube ans Wachstum gerechtfertigt, weil Wachstum ein wesentliches Charakteristikum des Lebens ist […]. Was an den heutigen Anschauungen über wirtschaftliches und technologisches Wachstum jedoch falsch ist, das ist das Fehlen jeglicher Qualifizierung. Allgemein wird angenommen, alles Wachstum sei gut, ohne zu erkennen, dass es in einer endlichen Umwelt ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Wachstum und Niedergang geben muss. Während einige Dinge wachsen, müssen andere abnehmen, damit ihre Bestandteile wieder freigesetzt und neu verwendet werden können. Der größte Teil des wirtschaftlichen Denkens unserer Zeit beruht auf der Idee des undifferenzierten Wachstums. Auf den Gedanken, dass Wachstum hinderlich, ungesund oder krankhaft sein kann, kommt man gar nicht. Wir brauchen daher dringend eine Differenzierung und Qualifizierung des Wachstumsbegriffs.“ (Capra 2004, 233–234)
Heute ist Wachstum gleichbedeutend mit wirtschaftlicher Gesundheit geworden. Wenn das Wachstum stagniert oder, schlimmer noch, wenn die Wirtschaft „schrumpft“, dann befinden wir uns in der Rezession, und darauf folgen mit Sicherheit Arbeitslosigkeit und andere soziale Missstände. Nur wenige von uns stellen die alte Weisheit infrage, die die Notwendigkeit einer sich immer weiter ausdehnenden Ökonomie behauptet.
Doch wirtschaftliches Wachstum im herkömmlichen Sinn bedeutet den Verbrauch von mehr natürlichen Ressourcen und die Produktion von mehr gefährlichen Nebenprodukten wie chemische und nukleare Abfälle. Dabei unterliegen, wie wir bereits gesehen haben, viele wesentliche Rohstoffe für eine wachsende Wirtschaft einem rasch fortschreitenden Prozess der Erschöpfung. Obwohl einige „Optimisten“ davon ausgehen, dass man hierfür synthetische Ersatzstoffe finden wird, gibt es wenige oder kaum Anzeichen dafür, dass diese Hoffnung begründet wäre.
Die Crux dieser Angelegenheit besteht darin, dass der Planet, auf dem wir leben, endlich ist. Es gibt nur eine bestimmte Menge an sauberer Luft, trinkbarem Wasser und fruchtbarem Boden. Auch die Menge an verfügbarer Energie ist begrenzt (sie wird durch die Sonne erneuert, aber in einem festgelegten Maß). Da alle Ökonomien und alle Menschen Anspruch auf diese begrenzten wesentlichen Voraussetzungen erheben, liegt es klar zutage, dass es Grenzen des Wachstums gibt.
Warum aber beharren die meisten Wirtschaftswissenschaftler weiterhin darauf, dass ein grenzenloses, undifferenziertes Wachstum der Wirtschaft sowohl nötig als auch gut sei? Teilweise ist dieser Glaube auf eine Verwechslung von Wachstum und Entwicklung zurückzuführen. Herman Daly stellt klar: „Wachsen heißt an Größe zunehmen durch Einverleibung oder Hinzufügung von Material, während entwickeln meint, die Möglichkeiten zu erweitern oder zu verwirklichen, in einen reichhaltigeren, großartigeren, besseren Zustand zu bringen.“ (1996, 2) Unsere Wirtschaft muss in diesem qualitativen Sinne, aber nicht unbedingt quantitativ wachsen. Tatsächlich „entwickelt sich unser Planet im Lauf der Zeit, ohne zu wachsen. Unsere Wirtschaft, ein Subsystem dieser endlichen, nicht-wachsenden Erde, muss ein ähnliches Entwicklungsmuster übernehmen“ (1996, 2).
In früherer Zeit, als die Menschen eine relativ kleine Population auf der Erde darstellten und unsere Techniken relativ einfach waren, waren wir oftmals in der Lage, so zu handeln, als sei die Erde ein grenzenloses Rohmateriallager. Es ist wahr: Das Römische Reich, die Bewohner der Osterinsel, die Zivilisation der Maya im Tieflanddschungel und andere Kulturen richteten für die lokalen Ökosysteme schwere Schäden an und verursachten damit oftmals den Zusammenbruch ihrer eigenen Gesellschaften. Doch die Gesundheit des umfassenden globalen Ökosystems war niemals ernsthaft bedroht, und die lokalen Ökosysteme waren in der Lage, im Lauf der Zeit zu gesunden.
Heute hat die menschliche Population rasch zugenommen, und der Konsum der Menschen ist sogar noch weitaus schneller gewachsen. Von dem, was Daly eine Ökonomie der „leeren Welt“ nannte, sind wir zu dem übergegangen, was er als Ökonomie der „vollen Welt“ bezeichnet.
„Das wirtschaftliche Wachstum hat die Welt mit uns und unseren Dingen angefüllt, aber sie hat sie im Vergleich dazu der Dinge entleert, die vor uns da gewesen sind – was nun uns und unseren Dingen einverleibt ist, nämlich das natürliche System, welches das Leben erhält und das wir seit Kurzem in später Anerkennung seiner Nützlichkeit und Knappheit ‚natürliches Kapital‘ nennen. Eine weitere Expansion der ökologischen Nische des Menschen steigert nun oftmals die Kosten für die Umwelt schneller, als sie die Vorteile der Produktion vermehrt, und leitet damit eine neue Ära des antiökonomischen Wachstums ein […] eines Wachstums, das eher zur Verarmung als zur Bereicherung führt, da es unter dem Strich mehr kostet, als es wert ist. Dieses antiökonomische Wachstum macht es schwerer und nicht etwa leichter, die Armut zu besiegen und die Biosphäre zu schützen.“ (Daly 1996, 218)
Ein nicht nachhaltiger Pfad
Wir haben bereits eine Weise erwähnt, wie man die Wirtschaft der „vollen Welt“ verstehen kann: das Nettoprimärprodukt (NPP). Die Menschen verbrauchen nun über 40 % der Energie, die mittels Fotosynthese an Land erzeugt wird; 3 % werden direkt verbraucht, während der Rest schlicht verschwendet oder zerstört wird (durch Verstädterung, Entwaldung, Verschwendung von Feldfrüchten etc.) Der Anteil des verbrauchten NPP steigt noch weiter an, wenn wir die zerstörerischen Auswirkungen von Verschmutzung, globaler Erwärmung und Ausdünnung der Ozonschicht mit einbeziehen. (Meadwos et. al. 1992) Bei den derzeitigen Wachstumsraten werden wir um das Jahr 2030 80 % des NPP zu Lande für uns beanspruchen. (Korten 1995)
Ein anderer Zugang, um die Grenzen des Wachstums zu begreifen, ist die Vorstellung vom „ökologischen Fußabdruck“, wie sie William Rees und Mathias Wackernagel aus Britisch Kolumbien entwickelt haben. Ein ökologischer Fußabdruck basiert auf der Berechnung der Landfläche, die nötig ist, um die Lebensmittel, das Holz, das Papier und die Energie für einen Durchschnittsbewohner einer bestimmten Region oder eines Landes zu produzieren.
Während wir einen sehr kleinen Teil von 12 % der Landfläche der Erde nichtmenschlichen Arten überlassen (diese Größenordnung scheint schon fast auf skandalöse Weise gering zu sein), stehen jedem Menschen für seinen Unterhalt zurzeit 1,7 Hektar (bzw. 1,8 Hektar, wenn man auch die Meeresressourcen mit einbezieht) zur Verfügung. Doch der durchschnittliche Fußabdruck pro Person beträgt bereits 2,3 Hektar.12 Mit anderen Worten: Wir verbrauchen bereits 30 % mehr als das, was langfristig aufrechterhalten werden kann, und zwar vor allem aufgrund unseres Verbrauchs nichterneuerbarer Ressourcen. Wenn wir einen Anteil von 33 % des Landes anderen Lebewesen überließen – was eher der Vernunft entspräche ‒, dann hätte jede Person weniger als 1,3 Hektar zur Verfügung. Das bedeutet, dass wir in diesem Fall 75 % mehr konsumieren als das, was dem Kriterium der Nachhaltigkeit entspräche.
Oberflächlich betrachtet, könnte man daraus den Schluss ziehen, dass die Weltbevölkerung um mindestens ein Drittel reduziert werden müsste. Natürlich spielen die bloßen Zahlen eine Rolle, aber sie enthalten nicht die ganze Geschichte. Der Durchschnittsbewohner von Bangla Desh zum Beispiel hat einen ökologischen Fußabdruck von 0,6 Hektar, ein Peruaner braucht 1,3 Hektar. Die reichsten Nationen der Erde andererseits brauchen irgendetwas zwischen 5,4 Hektar (Österreich) und 12,2 Hektar (USA). Wenn jeder Erdenbewohner so viel bräuchte wie ein Bewohner des Nordens im Durchschnitt, dann würden wir mit etwa 7 Hektar pro Person ungefähr drei bis vier weitere mit der Erde vergleichbare Planeten benötigen, um unser Dasein zu erhalten. Es ist also klar, dass der übermäßige Konsum im Norden eine der Hauptursachen der ökologischen Bedrohung ist.
Ein weiterer Beleg für die Unmöglichkeit eines stetigen uneingeschränkten Wirtschafswachstums wird von einer ausgefeilten Computersimulation geliefert, wie sie die Autoren des Buches „Die Grenzen des Wachstums“ (Meadows et. al. 2006) benutzt haben. Wenn wir den derzeitigen Wachstumspfad in herkömmlicher Weise fortsetzen, ohne dabei größere politische Veränderungen vorzunehmen, werden unser materieller Lebensstandard und der menschliche Wohlstand kurz nach der ersten Dekade unseres Jahrhunderts dramatisch abnehmen – spätestens um 2025.
Je nach den unterschiedlichen Strategien und Szenarien, deren man sich bedient, kann der schnelle Niedergang des menschlichen Wohlstands hinausgezögert werden. Doch es ist verblüffend, dass selbst eine Verdoppelung der verfügbaren nichterneuerbaren Ressourcen einen relativ geringen Effekt hat. Nimmt man verbesserte Technologien in Verbindung mit einer größeren Verfügbarkeit von Ressourcen hinzu, dann verspricht dieses Szenario mehr Aussichten, den Kollaps zu vermeiden, obwohl sogar in diesem Fall die Lebenserwartung um die Mitte des Jahrhunderts zurückgeht. Doch dieses Szenario geht von den allerkühnsten optimistischen Annahmen aus: eine Verdoppelung der bekannten Ressourcen, eine effektive Kontrolle der Verschmutzung, deutlich höhere Ernteerträge, Schutz vor Bodenerosion und eine deutlich verbesserte Ressourcenproduktivität. Längerfristig (nach 2100) jedoch wird der Lebensstandard letztlich nicht mehr nachhaltig sein, da die Kosten steigen.
Man sollte auch anmerken, dass die Abänderung auch nur einer dieser optimistischen Annahmen ausreichen würde, um einen dramatischen Niedergang des menschlichen Wohlstands zu bewirken. (So zum Beispiel wenn man die Annahme revidiert, dass eine deutlich höhere Ressourceneffizienz durch eine verbesserte Technik erreicht werden kann: In diesem Fall würde die Projektion im Ergebnis einen Kollaps rund um das Jahr 2075 zeigen). Es kann auch sehr wohl der Fall sein, dass dieses Modell die Auswirkungen des Klimawandels unterschätzt, den wir bereits in Gang gesetzt haben. Schließlich bemerkt Meadows:
„Solange es exponentielles Wachstum der Bevölkerung und Industrie gibt, solange diese beiden verankerten Wachstumsprozesse durchstarten und immer mehr Bedürfnisse erzeugen, macht es nicht viel Unterschied, von welchen Annahmen man im Hinblick auf die Technologie, auf die Ressourcen und auf die Produktivität ausgeht. Irgendwann ist die Grenze erreicht, man schießt über das Ziel hinaus und kollabiert […] Selbst wenn man von kühnen Annahmen in Bezug auf die Technologie oder die Ressourcen ausgeht, dann verzögert das den Zusammenbruch vielleicht um ein Jahrzehnt. Es wird immer schwerer, sich eine Reihe solcher Annahmen vorzustellen, die in diesem Modell zu nachhaltigen Ergebnissen führen.“ (zitiert bei Gardner 2006, 38)
Wenn andererseits das Bevölkerungswachstum stabilisiert und der Pro-Kopf-Verbrauch deutlich gesenkt werden kann (während man gleichzeitig die Verschmutzung effektiver kontrolliert und den Boden schützt), kann der wirtschaftliche und ökologische Zusammenbruch immer noch vermieden werden. Im Gegensatz zum vorhergehenden Szenario kommt dies ohne die – wahrscheinlich unrealistische – Annahme einer Verdoppelung der verfügbaren nichterneuerbaren Ressourcen aus.
Doch die Zeit ist ein kritischer Faktor. Die Projektionen, die Meadows und andere durchgeführt haben, zeigen, dass das Ergebnis weniger Verschmutzung, mehr nichterneuerbare Ressourcen für alle und ein leicht höherer allgemeiner Wohlstandsindex gewesen wäre, wenn die wesentlichen Veränderungen, die in diesem Szenario vorausgesetzt werden, vor zwanzig Jahren tatsächlich stattgefunden hätten. Umgekehrt: Je länger wir damit warten, das Wachstum zu stoppen, umso katastrophaler werden die Folgen sein und umso schwieriger der Übergang zur Nachhaltigkeit. Die Autoren bemerken:
„Wachstumsvorgänge, besonders exponentielles Wachstum, sind deshalb so tückisch, weil sie die für wirksame Aktionen verfügbare Zeit immer mehr verkürzen. Die Belastung eines Systems wächst immer rascher an, bis schließlich die Fähigkeit zum Handeln nicht mehr ausreicht. Bei einer langsameren Entwicklung wäre sie aber mit dem jeweiligen Problem noch fertig geworden […] Wenn die Bevölkerung und die Wirtschaft die materiellen Grenzen der Umwelt überzogen haben, gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: entweder der Zusammenbruch infolge nicht mehr beherrschbarer Mangellagen und Krisen oder bewusste, freiwillige Reduzierung der Durchsatzmengen als soziale Gemeinschaftsaufgabe.“ (Meadows et.al. 1992, 218; 228–229)
Und in jüngerer Zeit:
„Wenn wir die Verringerung der Durchsatzmengen und den Übergang zur Nachhaltigkeit aufschieben, bedeutet dies bestenfalls, dass wir die Optionen zukünftiger Generationen einschränken – und schlimmstenfalls, dass wir den Zusammenbruch beschleunigen.“ (Meadows et.al. 2006, 263)
Die Attraktivität des Wachstums
Obwohl wir bereits jede vernünftige Grenze einer nachhaltigen Wirtschaft überschritten haben, scheinen wir immer noch weit davon entfernt zu sein, uns freiwillig zu einer Reduktion des Konsums oder des „ökonomischen Durchsatzes“ zu entschließen. Tatsächlich bestehen die meisten Wirtschaftswissenschaftler und Politiker nach wie vor darauf, dass Wachstum ein wesentliches Merkmal einer gesunden Wirtschaft sei. Warum ist Wachstum nach wie vor so attraktiv?
Die Befürworter führen ins Feld, dass weiteres Wachstum zur Bekämpfung der Armut nötig sei. Es ist ganz offensichtlich, dass viele Menschen – wahrscheinlich der größere Teil der Menschheit – nicht über genügend Ressourcen verfügen, um ein Leben in Würde zu führen. Wachstum wird als ein „leicht gangbarer“ Weg betrachtet, diesem Problem zu begegnen. Wir müssen auf diese Weise den Kuchen nicht anders verteilen, sondern ihn bloß größer machen.
Doch die Tatsache, dass es sehr konkrete Grenzen des Wachstums gibt, bedeutet, dass dieser Weg schlicht nicht möglich ist. Geht man davon aus, dass die Weltbevölkerung im Lauf dieses Jahrhunderts auf neun Milliarden Menschen ansteigen wird, dann müsste die Wirtschaft mindestens um das Zwanzigfache wachsen, um für alle Menschen jenes Konsumniveau zu gewährleisten, das derzeit die reichsten 20 % genießen. Die UN haben die Schätzung vorgelegt, dass die Wirtschaft, wenn wir uns bei der Armutsbekämpfung allein auf das Wirtschaftswachstum verlassen, um das Fünf- bis Zehnfache wachsen müsste, nur um für die heute Armen einen vernünftigen Lebensstandard zu gewährleisten. (McKibben 1998, 72) Da die Wirtschaft bereits heute jedes nachhaltige Niveau überschritten hat, würde der ökologische und ökonomische Zusammenbruch lange vor Erreichen dieser Ziele eintreten. Warum also reden Politiker und Wirtschaftsfachleute dem Wachstum als Mittel zur Armutsbekämpfung immer noch beharrlich das Wort? Das Worldwatch Institute hat dazu folgende Beobachtung gemacht:
„Die Sichtweise, dass das Wachstum einen immer größer werdenden Kuchen an Reichtümern herbeizaubert, ist ein einflussreiches und geeignetes politisches Instrument, denn sie macht es möglich, die unbequemen Themen der Ungleichheit der Einkommen und einer Schräglage in der Verteilung des Wohlstandes zu vermeiden. Die Menschen gehen davon aus: Solange es Wachstum gibt, kann sich das Leben der Armen verbessern, ohne dass die Reichen Einbußen an ihrem Lebensstil hinnehmen müssen. Die Wahrheit jedoch sieht anders aus: Eine ökologisch nachhaltige Weltwirtschaft zu erreichen ist nicht möglich, ohne dass diejenigen, die Glück (sic!) hatten, ihren Konsum begrenzen, um den Armen die Möglichkeit einzuräumen, den Ihrigen zu steigern.“ (Brown et. al. 1991, 119–120)
Jedenfalls hat ein Jahrhundert eines unvorhergesehenen „Wachstums“ zu keiner wirklichen Abnahme der Armut geführt, und es sieh auch nicht so aus, als könnte dies in Zukunft der Fall sein. Selbst wenn sich die wirtschaftlichen Wachstumsraten der armen Länder verdoppeln würden, würden nur sieben von ihnen im nächsten Jahrhundert zu den reichen Ländern aufschließen, und nur neun weitere im nächsten Jahrtausend. (Hawken 1993)
Der Entwicklungsexperte David Korten betont sogar, dass gerade eine Politik der Wachstumsförderung die Armut verschlimmern kann, da sie „Einkommen und Vermögen an diejenigen, die Eigentum besitzen, zulasten derjenigen, die ihr Leben durch ihrer Hände Arbeit fristen, umverteilt“ (1995, 42). Ein Umstieg auf landwirtschaftliche Exportprodukte zum Beispiel mag das Wachstum steigern, doch er fördert auch das große Agrobusiness zulasten der Kleinbauern, die Lebensmittel erzeugen. Mehr Abholzung steigert das Wirtschafswachstum, doch es führt auch zur Vernichtung traditioneller Lebensweisen, deren Grundlage die Ressourcen des Waldes sind, und gleichzeitig bewirkt es auch eine zunehmende Bodenerosion und verminderten Regen.
Vieles, was als Wachstum zählt, ist einfach ein Wechsel von einer nicht-monetären zu einer monetären Wirtschaft. Häufig wird das dadurch erreicht, dass man die Armen ihrer traditionellen wirtschaftlichen Grundlage beraubt und sie dazu zwingt, innerhalb einer monetären Wirtschaft zu abhängigen Arbeitern zu werden. Korten zieht daraus den Schluss:
„Das fortgesetzte Streben nach Wirtschaftswachstum als dem Organisationsprinzip der Politik beschleunigt den Zusammenbruch der Regenerationsfähigkeiten der Ökosysteme und des sozialen Netzes, das menschliche Gemeinschaft erhält. Gleichzeitig intensiviert es den Wettlauf zwischen Arm und Reich um Ressourcen – ein Wettlauf, den die Armen zwangsläufig immer verlieren.“ (1995, 11)
Der einzige Weg, den Problemen von Armut und Ungleichheit wirksam zu begegnen, ist es deshalb, dass diejenigen, die das Meiste haben, ihren Konsum drastisch reduzieren, damit die begrenzten Reichtümer der Welt gerechter unter allen verteilt werden. Natürlich mag einiges dieser Reduktion durch eine effizientere Nutzung vorhandener Ressourcen erreicht werden, etwa durch den Umstieg auf nachhaltige Energieformen oder die Umschichtung von Ressourcen aus den Militärausgaben. Doch eine gleichzeitige Reduktion des Konsums insgesamt und eine Zunahme der Ressourcen für die Armen erfordern immer noch eine Änderung des Lebensstils der Reichen (und mächtigsten) 20 % der Menschheit.
Die Herausforderung, den Konsum im Norden zu reduzieren und Wohlstand an den Süden umzuverteilen, mag auf den ersten Blick überwältigend erscheinen, doch dies käme letztlich allen zugute. Einige Vorteile daraus wären ökologischer Natur. Das Worldwatch Institute hebt hervor, dass die sich weitende Kluft zwischen Reich und Arm ein wesentlicher Faktor ökologischer Zerstörung ist. Einerseits richten diejenigen, die auf der Einkommensskala ganz oben sind, aufgrund ihres hohen Konsumniveaus und der Erzeugung riesiger Mengen von Abfall und Verschmutzung den größten ökologischen Schaden an. Andererseits tragen auch diejenigen, die in extremer Armut leben, zur Schädigung der Ökosysteme bei, während sie immer weiter an den Rand gedrängt werden. Aufgrund dieser Situation können sie gezwungen sein, mageres Land zu überweiden, Wälder zu schädigen, weil sie Brennholz brauchen, und Feldfrüchte an Abhängen anzupflanzen, die anfällig für Bodenerosion sind. Im Gegensatz dazu beeinträchtigt der Teil der Menschheit mit einem bescheidenen, aber ausreichenden Auskommen tendenziell die umfassendere planetarische Gemeinschaft am wenigsten. Ein größeres Maß an Gleichheit würde also viele der Schäden beseitigen, die aus den Extremen von Wohlstand und Armut resultieren. (Brown et. al. 1994)
Darüber hinaus würde eine Neuverteilung des Wohlstands der Welt Milliarden Menschen aus der Verzweiflung und dem Elend bedrückender Armut befreien, es ihnen ermöglichen, ihr menschliches Potenzial stärker zu entfalten, und auf sinnvolle Weise zu einer nachhaltigen Zukunft beizutragen. Die Vorteile einer solchen Umverteilung für den Norden sind nicht so unmittelbar erkennbar, doch man kann sicher die Meinung vertreten, dass eine Abkehr von der Konsumkultur der überentwickelten Welt letztlich zu einer Erneuerung des Gemeinschaftslebens verhelfen würde, da die Leute von einem von Stress und Konkurrenz geprägten Lebensstil befreit würden. Eine bessere Verteilung von Einkommen und Wohlstand könnte eine bessere Gesundheit aller bewirken. So schreibt Korten:
„Sauberes Wasser und geeignete Sanitäranlagen sind vielleicht die wichtigsten Faktoren für Gesundheit und langes Leben. Die Erfahrung an Orten wie zum Beispiel dem indischen Bundesstaat Kerala zeigt, dass diese notwendigen Dinge bereits ab einem ganz bescheidenen Einkommensniveau erreichbar sind. Im Gegensatz dazu ist in Ländern mit einem hohen Einkommensniveau eine Zunahme von Krebserkrankungen, Erkrankungen der Atemwege, Stress und Herz- und Gefäßerkrankungen, von Schädigungen der Leibesfrucht und eine Abnahme der Spermienzahl zu verzeichnen. Es gibt eine zunehmende Fülle von Belegen dafür, dass all diese Phänomene Nebenprodukte des Wirtschaftswachstums sind und auf die Verschmutzung der Luft und des Wassers, chemische Zusätze und Pestizidrückstände in der Nahrung, hohe Lärmpegel und einer zunehmenden Beeinträchtigung durch elektromagnetische Strahlung zurückgehen. (1995, 40–41)
Schließlich ist es ein Vorteil größerer Gleichheit, dass diese sehr wahrscheinlich der Schlüssel für eine Eindämmung der Überbevölkerung sein könnte. Gewöhnlich begann das Bevölkerungswachstum erst dann zurückzugehen, wenn die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt waren und die Leute sich sicher genug fühlten, um weniger Kinder zu haben (diese stellen eine Grundform der Altersvorsorge dar). Es ist bemerkenswert, dass in den Siebzigerjahren, als die Einkommen im Süden stiegen, die Bevölkerungswachstumsraten deutlich zurückgingen. Mit dem Beginn der Verschuldungskrise und der Durchsetzung einer harten Austeritätspolitik in den Achtzigerjahren sanken die Einkommen drastisch, und gleichzeitig stiegen die Raten des Bevölkerungswachstums an. Erst in den Neunzigerjahren sanken diese wieder, doch selbst zu dieser Zeit konnte etwa ein Drittel der Reduktion auf die Aids-Pandemie zurückgeführt werden.
Zusammen mit der Einkommenssicherheit ist die Stärkung der Frauen ein Schlüssel für die Stabilisierung der Bevölkerungszahl. Das beinhaltet auch ihre Fähigkeit, über die Größe der Familie selbst zu entscheiden. Eine solche Stärkung der Frauen ist aber sicher in einer Gesellschaft einfacher, die eine weniger hohe Arbeitslosenrate und weniger soziale Gewalt aufweist. Doch auch diese Bedingungen sind normalerweise nur dort gegeben, wo ein Mindestmaß an gerechterer Einkommensverteilung und ein Rückgang der Armut erreicht wurden. Das heißt, letztlich ist eine größere Einkommenssicherheit der wesentliche Faktor dafür, dass die Kurve des Bevölkerungswachstums schnell nach unten geht.
Ein fehlerhafter Indikator, eine falsche Perspektive
Eine unserer Hauptschwierigkeiten mit der Wachstumswirtschaft ist die Art und Weise, wie Wachstum gemessen wird. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), die hauptsächliche Messgröße von Wirtschaftswachstum, ist ein ernstlich fehlerbehafteter Indikator.13 Das BIP ist im Grunde die Summe der produzierten Güter und Dienstleistungen, wozu alle wirtschaftlichen Aktivitäten zählen, bei denen Geld im Spiel ist. Das heißt also: Die Kosten für die teure Beseitigung von Verschmutzung, die Produktion einer Atombombe oder die Arbeitskosten für die Abholzung von altem Waldbestand werden ins BIP mit eingerechnet und gelten als wirtschaftlicher Vorteil. Andere wirtschaftliche Aktivitäten, bei denen kein Geld fließt, wie zum Beispiel landwirtschaftliche Subsistenzbetriebe (Nahrungsmittelproduktion für die eigene Familie oder Gemeinde), freiwilliger Arbeitseinsatz oder Kindererziehung werden absurderweise überhaupt nicht berücksichtigt. Einen Kilometer mit dem Auto zurückzulegen trägt viel mehr zum BIP bei als dieselbe Strecke zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren, obwohl die letztgenannten Möglichkeiten keine ökologischen Kosten verursachen.
Grundsätzlich bewertet das BIP viele Leben zerstörende Aktivitäten positiv, während es viele Leben fördernde nicht darstellt. Während man die Kapitalabschreibung für Gebäude, Fabriken und Maschinen berechnet, gibt es keine ähnlichen Kalkulationen für die Entwertung des „natürlichen Kapitals“: der Abnahme der Tragfähigkeit der Erde. Oftmals wird Wohlstand künstlich dadurch „produziert“, dass man die Kosten der Zerstörung des wahren Wohlstands der Erde, Wälder, Wasser, Luft oder Böden, verschleiert. So erzeugt zum Beispiel die Abholzung von Regenwald Wachstum, doch niemand berechnet die Kosten der Wohlstandseinbußen für die Lebewesen, Luft, Boden und Wasser, die allesamt vorher von diesem Ökosystem aufrechterhalten wurden. Korten geht sogar so weit zu behaupten, das BIP sei nicht viel mehr als die Berechnung des „Ausmaßes, in welchem wir Ressourcen in Abfall verwandelt haben“ (1995, 38).
Im Film Who’s Counting liefert die feministische Wirtschaftswissenschaftlerin Marilyn Waring ein interessantes Beispiel für die Art von verzerrtem Bild, welches das BIP liefert. Sie macht deutlich, dass die Wirtschaftsaktivität infolge der von Exxon Valdez verursachten Ölkatastrophe an der Küste von Alaska diese Fahrt zu der am meisten wachstumsstimulierenden aller Zeiten gemacht habe. Das BIP rechnete die Kosten für die Reinigungsarbeiten, die Auszahlungen von Versicherungen und sogar die Zuwendungen an „grüne“ Organisationen als Wachstum. Dieser Haben-Spalte stand jedoch keine Soll-Spalte gegenüber. Die Kosten für tote Vögel, Fische und Meeressäugetiere sowie die Zerstörung von herrlicher Schönheit zählten einfach nicht.
Sowohl aus ethischer wie auch aus praktischer Sicht ist das BIP als Maßstab für wirtschaftlichen Fortschritt sehr fragwürdig. Die Art von nicht qualifiziertem wirtschaftlichem Wachstum, welches das BIP berechnet, ist nicht unbedingt gut und kann oftmals schädlich sein. Herman Daly drückt es so aus: „Es ist ein grundlegender Fehler, die Erde zu behandeln, als ob sie zum Ausverkauf stünde.“ (zitiert bei Al Gore 1992, 191)
Doch genau das tun wir, wenn wir das wahre Kapital des Planeten, nämliche seine Fähigkeit, leben zu beherbergen, zerstören, um künstliches, abstraktes und totes Kapital in Form von Geld (etwas, das tatsächlich keinen Wert in sich hat) anzuhäufen. Wir verschulden uns tatsächlich am Wohlstand allen Lebens in Zukunft, um einen kurzfristigen Gewinn für eine Minderheit der Menschheit zu erzielen. Dies stellt eine sehr gefährliche Art der Finanzierung über Schulden dar.
Viele plädieren nun für die Ersetzung des BIP durch einen „echten Fortschrittsindikator“ (Genuine Progresse Indicator, GPI) als Alternative. Der GPI unterscheidet zwischen Leben fördernden und Leben zerstörenden Aktivitäten. Die ersteren werden als produktiv, die letzteren als Kosten bewertet. Dies ermöglicht eine genauere Bestimmung von echtem wirtschaftlichem Fortschritt ‒ einem Fortschritt, dessen Grundlage eine qualitative Entwicklung und nicht so sehr quantitatives Wachstum ist. Die Anwendung dieses Indikators macht deutlich, dass der GPI in den USA während der fünfundzwanzig Jahre vor 1992 tatsächlich gesunken ist, obwohl das BIP gewachsen ist (Nozick 1992). Spätere Daten scheinen zu bestätigen, dass sich dieser Trend fortsetzt. Der GPI liegt im Jahr 2002 immer noch geringfügig unter dem Niveau von 1976.
Wenn wir über die traditionelle, am BIP gemessene Wachstumswirtschaft hinausgelangen wollen, dann müssen wir einen qualitativen Zugang wählen. Die herkömmlichen Vorstellungen von Profit, Effizienz und Produktivität müssen infrage gestellt und neu definiert werden. Brauchen wir Wachstum? Gewiss. Wir brauchen ein Wachstum an Kenntnissen und Weisheit, ein Wachstum am Zugang zu einer Grundversorgung für alle, ein Wachstum an menschlicher Würde. Wir müssen auch das Schöne fördern, die Vielfalt des Lebens erhalten und die Gesundheit der Ökosysteme kräftigen. Doch wir brauchen kein Wachstum an überflüssigem Konsum. Wir brauchen noch weniger ein krebsartiges Wachstum, das Leben zerstört, nur um totes Kapital für einen kleinen Teil der Menschheit anzuhäufen.
Verzerrte Entwicklung
Als die Anthropologin Helena Norberg-Hodge im Jahr 1975 zum ersten Mal in die Ladakh-Region Kaschmirs in Indien kam, fand sie dort ein Volk vor, das bis dahin völlig isoliert von der Weltwirtschaft gelebt hatte. Dennoch erfreuten sich die Bewohner von Ladakh einer hohen Lebensqualität. Die lokalen Ökosysteme waren im Kern gesund, Verschmutzung war praktisch unbekannt. Es stimmt zwar, dass man an einige Ressourcen schwer herankam, doch die meisten Menschen arbeiteten nur vier Monate im Jahr hart, sodass viel Zeit für die Familie, für Freunde und für kreative Tätigkeiten blieb. So brachten die Bewohner von Ladakh eine beeindruckende Vielfalt an Kunst hervor. Die Leute lebten in geräumigen, der Gegend angepassten Häusern. Fast alle Güter des Grundbedarfs wie Kleidung, Häuser und Nahrung wurden produziert und verteilt, ohne dass man dafür Geld benutzte. Als Norberg-Hodge einen Einheimischen fragte, wo denn die Armen lebten, machte der Angesprochene zunächst einen verwirrten Eindruck, um dann zu antworten: „Wir haben hier überhaupt keine armen Leute.“ (1999, 196)
Im Lauf der Jahre jedoch begann sich die lokale Wirtschaft zu „entwickeln“. Die ersten Touristen kamen in die Gegend und brachten Erzeugnisse und Erfindungen der Weltwirtschaft mit. Bald merkten die Leute, dass sie Geld brauchten, um sich Luxusgüter kaufen zu können. Nach und nach orientierten sich die Leute an der Geldwirtschaft. Als man Feldfrüchte für den Verkauf einführte, wurde die Wirtschaft vom Erdöl abhängig, da ein modernes Transportwesen für die Verschiffung der Ware erforderlich war. Auch der Zustand der lokalen Ökosysteme verschlechterte sich mit der Verbreitung des Chemieeinsatzes in der Landwirtschaft. Als sich die lokale Wirtschaft auflöste, erodierte auch die Kultur der Ladakh-Region, und die Menschen verloren das Gespür für ihre Identität.
Wenn wir diese Geschichte hören, dann ist unsere erste Reaktion darauf vielleicht ein nostalgischer Blick zurück auf eine einfache Zeit und Kultur. Die meisten von uns mögen das, was den Bewohnern von Ladakh widerfahren ist, als traurig, aber in gewisser Weise unvermeidlich betrachten. Andere mögen sich fragen, ob es nicht eine andere Möglichkeit der Öffnung auf die Welt hin gegeben hätte, einen Weg, der nicht zwangsläufig zum Niedergang der lokalen Kultur und Ökosysteme geführt hätte.
Jedenfalls scheint die Frage angebracht zu sein, ob der Wachstumsprozess, wie ihn die Bewohner von Ladakh erlebt hatten, einen „Fortschritt“ oder eine Entwicklung darstellte. Wie wir weiter oben bereits gesehen haben, sollte Entwicklung qualitative Verbesserungen des Lebens der Menschen beinhalten. Wogen die „Wohltaten“ der Weltwirtschaft (Fernsehen, Zugang derer, die es sich leisten können, zu bestimmten Konsumgütern, ein modernes Transportwesen) die Kosten in Gestalt von Armut, ökologischer Zerstörung und kulturellem Verfall auf? Das ist unwahrscheinlich. Jedenfalls scheint es eine grobe Verzeichnung der Tatsachen zu sein, einen solchen Prozess als „Entwicklung“ zu bezeichnen. Und doch war der Großteil der Welt seit dem Zweiten Weltkrieg in ein groß angelegtes „Entwicklungs“-Unternehmen involviert, das viele Gemeinsamkeiten mit dem Prozess aufweist, den die Bewohner von Ladakh durchgemacht haben.
Es ist nicht zu leugnen, dass es in den letzten sechzig Jahren echten Fortschritt in der Eindämmung von Krankheiten, der Erhöhung der Lebenserwartung und einem verbesserten Zugang zu Bildung gegeben hat. Doch es ist verstörend, dass selbst diese Errungenschaften nun, da sich die Armut in vielen Ländern Afrikas, aber auch Asiens und Lateinamerikas, verschärft, wieder gefährdet sind. Selbst einige der „Wunder“-Ökonomien Asiens, die Lieblingskinder der Entwicklungsideologen, haben aufgrund der Finanzkrisen nach und nach Rückschläge erlitten.
Die Entwicklung der Armut
Tatsächlich ist dieser Prozess der Entwicklung oftmals ein Beispiel der „Fehlentwicklung“, beruhend auf den Grundannahmen der Wachstumsökonomie, die wir bereits beschrieben haben. Dies gilt insbesondere für Mammutprojekte wie Staudämme, Bewässerungssysteme, Freihandelszonen und viele andere industrielle Entwicklungen. All diese Unternehmungen mögen tatsächlich „Wachstum“ innerhalb der Geldökonomie produzieren, deren Maßstab das BIP ist (obwohl sie mit der gleichen Wahrscheinlichkeit auch eine drückend schwere Schuldenlast entstehen lassen), doch oftmals tragen sie auch zur Verarmung der Mehrheit der Leute bei und untergraben die Gesundheit der Ökosysteme. Man betrachte nur die folgenden Beispiele:
– Das Narmada-Bewässerungsprojekt, das zurzeit in Indien realisiert wird, beinhaltet den Bau von dreißig großen, 135 mittleren und dreitausend kleinen Dämmen, mit denen das Wasser des Narmada und seiner Zuflüsse nutzbar gemacht werden soll. Insgesamt geht man davon aus, dass durch das Projekt mehr als eine Million Menschen von ihrem Land vertrieben werden und dass 350.000 Hektar Wald zerstört werden, was zu einer Vernichtung empfindlicher Pflanzenarten und einer Massentötung von wild lebenden Tieren führt. Viele der Betroffenen sind Adivasi (indigene Bewohner), die das Land verlieren werden, das sie bereits seit Jahrtausenden bewohnen.
– Überall auf der Welt hat die Einführung von Hybrid-Saatgut im Zuge der „grünen Revolution“ zu kurzfristigen Steigerungen der landwirtschaftlichen Produktivität geführt, doch zu einem hohen Preis. Die neuen Sorten brauchen viel (und teuren) Kunstdünger und Pestizide, welche dem Wasser, dem Boden und der Gesundheit der Landarbeiter schaden. Viele der Sorten brauchen mehr Wasser, was eine extensive Bewässerung erforderlich macht (und genau das führt zu den riesigen Dammprojekten wie in Narmada). Die meisten der neuen Hochertragssorten werden als Monokulturen angepflanzt und verdrängen die traditionellen Mischkulturen. Die Landwirtschaft wird so anfälliger für Dürren, Schädlingsbefall und Krankheiten. (Dankelman/Davidson 1988) In jüngerer Zeit hat die Einführung von gentechnisch veränderten Feldfrüchten wie etwa herbizidresistenten Sojabohnen in Südamerika zu einer weiteren Konzentration des Reichtums bei den Großgrundbesitzern geführt und gleichzeitig die Vertreibung von kleineren Produzenten sowie die Zerstörung komplexer Ökosysteme gefördert.
– Die einst produktive Bauerngemeinde von Singrauli in Indien ist zu einem ökologischen Katastrophengebiet geworden, als ein Dutzend Kohletagebauten und eine Reihe von Kohlekraftwerken in der Gegend errichtet wurden. Die Kontamination des Bodens, der Luft und des Wassers hat zu einer epidemischen Ausbreitung von Tuberkulose, Hautirritationen und anderen Erkrankungen geführt. Siebentausend Menschen, von denen viele früher Bauern waren, arbeiten nun in den Minen. Patricia Adams bemerkt, dass die indische Presse Singrauli mit den „ersten Kreisen von Dantes Hölle“ verglichen hätten (1991).
– In Lesotho, Südafrika, realisiert die Regierung zusammen mit der Weltbank das Highland-Wasserprojekt, im Zuge dessen fünf größere Dämme, 200 Kilometer Tunnel und ein Wasserkraftwerk gebaut werden. Aufgrund der Flutung des Mohal-Dammes wurden 27.000 Siedler von ihren Farmen vertrieben. Ihnen wurde Hilfe bei der Ansiedlung in der Stadt versprochen, doch die meisten von ihnen haben niemals eine Entschädigung erhalten.
– Die größte Goldmine Südamerikas, Yanacocha, wurde in der Nähe von Cajamarca im peruanischen Hochland erschlossen. Für einen kleinen Teil der Bevölkerung bedeutete dies neuen Reichtum, doch die meisten wurden durch steigende Bodenpreise und steigende Preise für andere unverzichtbare Produkte geschädigt. Verbrechen und Prostitution nehmen ebenfalls zu. Zyanid ist ins Grundwasser eingedrungen und hat viele lokale Wasserquellen vergiftet. Mehrere Ströme zeigen bereits Anzeichen der Vergiftung. Darüber hinaus kontaminierte eine Quecksilberlache aus einem Lastwagen im Jahr 2002 einen vierzig Kilometer langen Straßenabschnitt, was zu Vergiftungen von fast tausend Anwohnern führte.
– Die Maquila-Freihandelszone an der Grenze zwischen Mexiko und den USA wurde geschaffen, um die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos anzukurbeln. Arbeiter(-innen) (es sind meist Frauen) sind hier zu niedrigen Löhnen beschäftigt und einer großen Bandbreite von Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt. Inzwischen ist das Grenzgebiet voller Umweltgifte, und schwere Schädigungen der Neugeborenen sind an der Tagesordnung.
All diese „Entwicklungsprojekte“ schaffen Wachstum nach dem Maßstab des BIP. Doch sie haben zu keiner besseren Lebensqualität der Bevölkerungsmehrheit geführt. Alle zerstören sie die natürlichen Ökosysteme und untergraben die Fähigkeit der Erde, Leben zu beherbergen. Dennoch beharren die meisten Wirtschaftsfachleute und „Entwicklungsexperten“ weiterhin darauf, dass der Weg zum Fortschritt über diese Art von Fehlentwicklung führe. Warum nur?
Die Zerstörung der Subsistenz
Ein Schlüsselproblem besteht darin, dass Entwicklung im westlichen Sinne, unter Rückgriff auf den irreführenden Indikator BIP, traditionelle Subsistenzwirtschaften nicht entsprechend wertschätzen kann. Das sind Wirtschaften, die auf die Produktion für den unmittelbaren, lokalen Konsum ausgerichtet sind. So wie die Bewohner von Ladakh vor einigen Jahrzehnten können sich die Menschen innerhalb einer Subsistenzwirtschaft einer recht hohen Lebensqualität erfreuen und Zeit für die Familie und kulturelle Aktivitäten haben, ohne dass viel Geld im Umlauf ist. Durch die verzerrende Brille der modernen Wirtschaft betrachtet, wird dieser Mangel an Bargeld-Transaktion als Armut gedeutet, als ein „Problem“, gegenüber dem man „Abhilfe“ schaffen muss.
Doch die indische Ökofeministin Vandana Shiva bemerkt: „Die kulturell bestimmte Wertung des Subsistenzdaseins als Armut gibt auch keine Auskunft über ein tatsächlich vorhandenes niedriges Niveau physischer Lebensqualität.“ (Shiva 1989 a, 22)14 Lokal erzeugte, unverarbeitete Lebensmittel, die ohne Chemikalien produziert wurden, sind fast immer gesünder als die Nahrung im Westen. Kleidung und Häuser, die aus natürlichen Materialien hergestellt wurden, sind oftmals dem lokalen Klima besser angepasst und fast immer eher erschwinglich. Shiva merkt an: „Und als kulturell befangenes Projekt zerstört diese Entwicklung ganzheitliche und tragfähige Lebensstile und löst so konkret erfahrbare, materielle Armut aus. Mit anderen Worten: Dieses Projekt lässt Elend entstehen, indem es die Voraussetzungen für das Leben selbst negiert und alle verfügbaren Ressourcen für die Warenproduktion abzieht.“ (Shiva 1989 a, 22). „Die Waren nehmen zu, doch die Natur ist verkümmert. Die Armutskrise des Südens kommt von der zunehmenden Knappheit von Wasser, Lebensmittel, Futter und Brennstoff, wie sie mit der wachsenden Fehlentwicklung und ökologischen Zerstörung eihergeht.“ (Shiva 1989 b, 5)
Die von den Befürwortern der Entwicklung verschriebene „Heilkur“ besteht also in Megaprojekten, in Feldfrüchten für den Export, in der Verstärkung der Ausbeutung natürlicher Ressourcen. All diese Maßnahmen vermehren den Geldfluss, doch sie berauben die Armen auch ihrer Lebensmöglichkeit. Frauen sind oft die am stärksten Betroffenen eines solchen Wandels. „Diese Armutskrise trifft die Frauen am härtesten, erstens, weil sie unter den Armen die Ärmsten sind, und dann weil sie von Natur aus die Hauptstützen der Gesellschaft sind.“ (Shiva 1989 b, 5)
So werden zum Beispiel Subsistenzbauern, oftmals Frauen, häufig von der kommerziellen Landwirtschaft verdrängt und verlassen ihre Familien ohne irgendein Einkommen. Dies beschleunigt oft den Prozess der Urbanisierung, da die Familien, die aus ihrer traditionellen Wirtschaft herausgerissen werden, in den Städten auf Jobsuche gehen. Diese Jobs finden sich häufig im Niedriglohnsektor wie etwa in den Maquilas von Mexiko und Zentralamerika. Gleichzeitig geraten die lokalen Ökosysteme unter Druck, da Wälder abgeholzt und Pestizide eingeführt werden und da Fabriken und Minen das Land, das Wasser und die Luft verschmutzen. David Korten schließt daraus:
„Nach mehr als dreißig Jahren in der Entwicklungshilfe habe ich erst vor Kurzem das Ausmaß erkannt, in dem das Entwicklungsprojekt des Westens den Leuten die traditionellen Mittel für ihr Leben genommen und die von den Familien und den Gemeinden geschaffenen Sicherheitsnetze zerstört hat, um eine Abhängigkeit von den Jobs und Produkten der Konzerne zu erzeugen. Es ist die Fortsetzung jenes Prozesses, der mit der Einzäunung bzw. Privatisierung von Land in Gemeineigentum in England begann, um die Gewinne der Produktion in den Händen einiger weniger anstatt der Vielen zu konzentrieren […] Landwirtschaft, Verwaltung, ein Gesundheitswesen und Erziehung unter lokaler Kontrolle und in gegenseitiger Unterstützung [werden ersetzt] durch Systeme, die für eine zentrale Kontrolle besser handhabbar sind.“ (1995, 251)
Anpassung an die Fehlentwicklung
Vor mehr als einem Jahrzehnt haben Forscher der Yale University und zweier größerer botanischer Gärten in den USA eine Studie über den Wert der sogenannten kleineren Waldprodukte veröffentlicht, die in einem intakten Regenwald geerntet werden. Im Durchschnitt belief sich der Wert von Naturkautschuk, essbaren Früchten und anderen Gütern pro Hektar auf etwa 6000 US-Dollar. Das ist mehr als das Doppelte dessen, was man mit Viehwirtschaft auf durch Rodung gewonnenem Weideland oder mit Holz aus schnell wachsenden Baumpflanzungen erzielen kann.
Und dennoch werden zehn Millionen Hektar Regenwald jedes Jahr abgeholzt oder einfach abgebrannt. Oftmals bieten Regierungen wie etwa die von Brasilien oder Indonesien direkte oder indirekte Anreize dafür. Warum? Im Gegensatz zu traditionellen Produkten aus dem Regenwald, die weitgehend auf lokalen Märkten feilgeboten werden, kann Großvieh, Soja und Bauholz auf dem Weltmarkt verkauft werden, wo sie „bedeutende Mengen an Devisen“ einbringen. Es sind „herausragende Exportgüter, die von der Regierung kontrolliert und mit großzügigen Bundesmitteln unterstützt werden“ (zitiert bei Adams 1991, 36). Diese Fähigkeit, auf dem Weltmarkt Devisen zu erwirtschaften, ist entscheidend, denn man braucht harte Währungen, um die riesigen Auslandsschulden zu bedienen.
Tatsächlich wird auf verschuldete Länder immenser Druck ausgeübt, damit sie ihren Schuldendienst leisten. Internationale Finanzinstitutionen wie der Internationale Währungsfond (IWF) und die Weltbank verhängen harte Maßnahmen – die sogenannten Strukturanpassungsmaßnahmen – als Bedingung für neue Kredite. Ziel dieser Strukturanpassungsmaßnahmen ist es, die Devisenerwirtschaftung für den Schuldendienst sicherzustellen. Zu diesem Zweck müssen die Regierungen der betroffenen Länder die Inflation unter Kontrolle halten (durch die Beschränkung des Konsums im eigenen Land), Regierungsausgaben kürzen, eine exportorientierte Landwirtschaft und Industrien fördern, die Ressourcen ausbeuten, die Position der Arbeiter schwächen und den Schutz der Umwelt begrenzen, sowie Auslandsinvestitionen (meistens vonseiten transnationaler Konzerne) erleichtern. Kurioserweise kann die Auslandsverschuldung, deren Bekämpfung ja das erklärte Ziel der Strukturanpassungsmaßnahmen ist, weitgehend auf diese Art von Mammutprojekten zurückgeführt werden, die mit der Praxis der „Fehlentwicklung“ zusammenhängen. Dazu kommen die Auswirkungen schlechter Kreditbedingungen und hoher Zinssätze.
In der Praxis führen die Strukturanpassungsmaßnahmen selten zu einer Verringerung der Schuldenlast, wie sie es eigentlich sollten. In Wirklichkeit können sie das Problem sehr wohl verschärfen. Die Strukturanpassungsmaßnahmen führen oftmals durch die Erhöhung der internen Zinssätze zwecks Eindämmung der Inflation zu einer Rezession. Da der Konsum im Land, die Beschäftigungsrate und die Löhne sinken, verringern sich auch die Steuereinnahmen. Da immer mehr Länder die Produktion derselben Exportgüter steigern, wachsen Angebot und internationaler Wettbewerb, was die Preise, die Einkünfte und die Löhne letztlich nach unten drückt. Man benötigt neue Kredite, lediglich um die Zinsen für die alten Schulden zu bezahlen (was oft mit weiteren Strukturanpassungsmaßnahmen verbunden ist), und oftmals müssen die Zinsen im Land noch stärker erhöht werden, um noch mehr Geld anzulocken.
Als Strategie, um die Rückzahlung der Schulden zu gewährleisten, haben Strukturanpassungsmaßnahmen also hoffnungslos versagt. Und dennoch haben die Gläubiger aus dem Norden als Bedingung für neue Kredite darauf bestanden, dass sie durchgesetzt werden. Warum? Die tatsächliche Absicht hinter den Strukturanpassungsmaßnahmen scheint es gewesen zu sein, ein billiges Heer von Arbeitern zu schaffen, das verzweifelt um Jobs bettelt, billige Rohstoffe für den internationalen Markt sicherzustellen und den transnationalen Konzernen neue Märkte zu erschließen. Diesen Prozess bezeichnet man üblicherweise als die Durchsetzung der „neoliberalen Wirtschaft“. Das ist ein Modell eines ungezügelten Kapitalismus, das den Wohlstand der großen Mehrheit der Menschen genauso opfert wie die Erde, nur um einige Wenige reicher zu machen. In vieler Hinsicht kann man die Strukturanpassungsmaßnahmen als eine Art moderne Schuldnerhaft betrachten, die ganze Völker und Ökosysteme gefangen nimmt.
In einem Interview mit dem New Internationalist im Jahr 1999 beschrieb der frühere Präsident von Tansania, Julius Nyerere, kurz vor seinem Tod, auf welche Weise die Strukturanpassungsmaßnahmen zur Verarmung von Millionen geführt und die tatsächlichen Fortschritte einer echten menschlichen Entwicklung zunichte gemacht haben.
„Im vergangenen Jahr war ich in Washington. Bei der Weltbank war die erste Frage, die sie mir stellten: ‚Wie kam es zu Ihrem Scheitern?‘ Ich antwortete, dass wir ein Land übernommen hatten, dessen Bevölkerung zu 85 % Analphabeten waren. Die Briten hatten uns 43 Jahre lang regiert. Als sie abzogen, gab es zwei ausgebildete Ingenieure und zwölf Ärzte. Das war das Land, das wir geerbt hatten. Als ich abtrat, gab es eine Alphabetisierungsrate von 91 %, und fast jedes Kind ging zur Schule. Wir bildeten Tausende Ingenieure, Ärzte und Lehrer aus. Im Jahr 1988 betrug das Pro-Kopf-Einkommen in Tansania 280 US-Dollar. Jetzt, im Jahr 1998, ist es auf 180 US-Dollar gesunken. Also fragte ich die Leute von der Weltbank, was falsch gelaufen war. Denn in den letzen Jahren hatte Tansania formell seine Zustimmung gegeben und alles getan, was der IWF und die Weltbank wünschten. Der Schulbesuch fiel auf 63 % zurück, und die Bedingungen im Gesundheitswesen und anderen sozialer Einrichtungen haben sich verschlechtert. Ich gab die Frage nun an sie zurück: ‚Was lief schief?‘“ (Bunting 1999, http://www.newint.org/features/1999/=1/anticolonialism/)
Das Versagen der Strukturanpassungsmaßnahmen drückt sich nicht nur in der Verarmung eines großen Teils der Menschheit aus, sondern auch in der Verwüstung der Erde selbst. Die landwirtschaftliche Exportproduktion erfordert den massiven Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden; Regenwälder werden für den Holzexport abgeholzt; empfindliche Mangrowensümpfe werden in Garnelenzüchtungen verwandelt; Bergbau und Schmelzöfen erzeugen ein tödliches Gebräu giftiger Chemikalien.
Die Strukturanpassungsmaßnahmen setzen tatsächlich auch den einzigen Marktmechanismus außer kraft, der die Erhaltung des natürlichen Reichtums der Erde fördern könnte. Wenn Waren knapper werden, dann sollte theoretisch der Preis steigen und die Produzenten zwingen, effizienter zu werden und nach ökologisch sinnvolleren Alternativen zu suchen. Genauso sollte bei steigenden Preisen der Konsum abnehmen und so für die Erhaltung sorgen.
Doch die Strukturanpassungsmaßnahmen haben leider diese Art von Regulierung auf der Basis von Marktbeziehungen schwer beeinträchtigt. Das neoliberale Modell, das mittels Strukturanpassungsmaßnahmen durchgesetzt wurde, zwingt die Länder in einen Wettbewerb der Exportprodukte hinein, um Devisen zu erwirtschaften. Da Holz, mineralische Rohstoffe, Öl und landwirtschaftliche Produkte in einem nicht nachhaltigen Ausmaß exportiert werden, entsteht vorübergehend ein künstliches „Überangebot“, und die Preise werden niedrig gehalten. Auf diese Weise können Marktmechanismen, die ansonsten die Erhaltung oder ökologisch verträglichere Alternativen fördern würden, nicht mehr effektiv wirken. Es sieht so aus, als würden die Preise erst dann steigen, wenn viele der Ressourcen der Erde praktisch erschöpft sind, was tatsächlich die Gefahr eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs anstelle eines allmählichen Übergangs zu einer nachhaltigeren Wirtschaft heraufbeschwört.
Entwicklung neu denken
Sowohl die Strukturanpassungsmaßnahmen als auch die Praktiken einer fehlgeleiteten Entwicklung erzeugen eine riesige und nicht abtragbare Schuld gegenüber der armgemachten Mehrheit der Menschheit und gegenüber der gesamten Lebensgemeinschaft, welche die Erde mit uns teilt. Wenn wir diese Schuld sühnen sollen, dann müssen wir vieles von dem, was heute unter dem Namen Entwicklung geläufig ist, neu überdenken und infrage stellen. Insbesondere müssen wir alles in hinterfragen, was traditionelle Kulturen und traditionelles Wissen gefährdet, alles, was Teilhabe und Demokratie schwächt, alles, was die Gesundheit der Ökosysteme untergräbt.
Selbst Projekte, die menschliche Grundbedürfnisse zum Ziel haben, müssen von Zeit zu Zeit hinterfragt werden. So kann zum Beispiel der Bau von Schulen schlechte Auswirkungen haben, wenn das Erziehungssystem die Menschen dazu verleitet, ihre traditionelle Lebensweise zugunsten von Konsumismus und Geldwirtschaft aufzugeben. Krankenhäuser und Kliniken können dazu benutzt werden, um eine Medizin nach westlichem Vorbild durchzusetzen und traditionelle Heiler und Heilverfahren zu verdrängen. Straßen können die Abhängigkeit vom Öl vergrößern und die Produktion von Lebensmitteln für den Export fördern.
Entwicklung muss daher ebenso wie Wachstum eher in qualitativer denn in quantitativer Hinsicht neu bewertet werden (besonders wenn die zu messenden Einheiten, sofern Geld und das BIP als Maßstab gelten, in sich fragwürdig sind). Auf diese Weise muss Entwicklung dazu übergehen, nicht mehr kurzfristige Zwecksetzungen und Profit für wenige zu bewerten, sondern langfristige Verbesserungen der Lebensqualität aller und der Kreaturen der Erde. Möglicherweise finden wir sogar zu einer neuen Ausdrucksweise, welche nicht mehr mit dem negativ aufgeladen ist, was wir heute mit „Entwicklung“ verbinden. Manche sprechen jetzt von „nachhaltiger Entwicklung“. Theoretisch meint dies eine Entwicklung, welche das Wohl der kommenden Generationen nicht gefährdet. In der Praxis jedoch scheint der „Entwicklung“ immer der Vorrang vor der „Nachhaltigkeit“ eingeräumt zu werden. Eine weitere Alternative ist „nachhaltige Gemeinschaft“. Diese scheint insofern besser zu sein, als sie das anzustrebende Ziel beschreibt (besonders wenn wir Gemeinschaft in dem umfassenden Sinn verstehen, dass sie andere Kreaturen mit einschließt), doch sie ist möglicherweise zu statisch. Wir könnten es mit „Ökoentwicklung“, „nachhaltige Gemeinschaftsentwicklung“ oder sogar mit „partizipative Koevolution“ als geeignetere Bezeichnungen versuchen.
Um wirklich nachhaltige Gemeinschaften aufzubauen, müssen wir von der Weisheit gesunder Ökosysteme lernen, in denen der Abfall von anderen Organismen dem Kreislauf wieder zugeführt wird, um von Neuem Leben hervorzubringen. Ein faszinierendes Beispiel dafür ist die Aigamo-Methode, um Reis anzubauen. Sie wurde von Takio Furuno aus Japan entwickelt: In den gefluteten Reisfeldern werden Enten gehalten, die für die Reispflanzen eine Quelle natürlichen Düngers darstellen. Zusätzlich fressen die Enten das meiste Unkraut (nicht die Reispflanzen, denn diese schmecken ihnen nicht) und machen damit eine Menge schwerer, den Rücken belastender Handarbeit überflüssig. Auch ein im Wasser wachsendes Farnkraut wird benutzt, um zusätzlichen Stickstoff und zusätzliches Futter für die Enten zu liefern. Mehr als 75.000 Reisbauern in Asien wenden diese Methode an. Durchschnittlich nahmen dadurch die Ernteerträge um 50 bis 100 % zu, ohne dass chemische Substanzen verwendet werden mussten. Und die Enten sind für die Bauern eine zusätzliche Eiweißquelle bzw. tragen zusätzlich zum Lebensunterhalt bei (Ho 1999).
Überall auf der Welt findet man zahlreiche andere Beispiele für ein solches schöpferisches ökologisches Denken. Diese Art von „Ökoentwicklung“ zeigt, dass es möglich ist, das Leben der menschlichen Gemeinschaften zu verbessern und dabei die Erde gesund zu erhalten. Wenn wir irgendeine Form der Ökoentwicklung in Angriff nehmen, sollten wir in der Tat von der Weisheit vieler autochthoner Völker in Amerika lernen, die die Folgen ihrer Handlungen für die sieben folgenden Generationen in den Blick nehmen. Mike Nickerson sagt es pointiert: „Mehr als siebentausend Generationen haben sich darum gesorgt und sich abgeplagt, um uns das Leben zu ermöglichen. Sie haben uns die Sprache, Kleidung, Musik, Werkzeuge, Ackerbau, Sport, Wissenschaft und ein umfassendes Verständnis der Welt in und um uns herum gegeben. Wir sind gewiss dazu verpflichtet, Wege zu finden, um wenigstens weiteren sieben Generationen all dies zu ermöglichen.“ (1993, 12)
Herrschaft der Konzerne
Wir können nicht hoffen, von einem unbegrenzten, unqualifizierten Wachstum und einer fehlgeleiteten Entwicklung wegzukommen, wenn wir uns nicht den entscheidenden Mächten auf Weltebene stellen, welche diese Erkrankungen weiter gedeihen lassen: die transnationalen Konzerne. Die fünfhundert größten Konzerne der Welt beschäftigen 0,05 % der Bevölkerung, aber sie kontrollieren 25 % der weltweiten Wirtschaftsleistung (gemessen am Maßstab des BIP) und wickeln 70 % des Welthandels ab. Die Hälfte der einhundert führenden Ökonomien der Welt sind keine Länder, sondern Konzerne. Die dreihundert führenden Konzerne (dabei sind die Finanzinstitute nicht mit berücksichtigt) besitzen etwa ein Viertel des weltweiten Produktivvermögens, und die fünfzig größten Finanzgesellschaften kontrollieren 60 % allen Produktivkapitals. (Korten 1995, 222) Tom Athanasiou schreibt:
„Die transnationalen Konzerne sind sowohl die Architekten als auch die Gebäudeteile der Weltwirtschaft [… Sie] diktieren die allgemein geltenden Maßstäbe […]. Sie sind regionale und globale Akteure in einer Welt, die in Nationen und Stämme aufgesplittert ist. Sie spielen ein Land gegen das andere, ein Ökosystem gegen das andere aus, einfach deshalb, weil das ein gutes Geschäft ist. Niedrige Löhne und Sicherheitsstandards, Ausplünderung der Umwelt, endloses Wachsen der Bedürfnisse – all das sind Symptome wirtschaftlicher Kräfte, die in den transnationalen Konzernen Gestalt gewinnen und so mächtig sind, dass sie alle Beschränkungen einer Gesellschaft, der sie angeblich dienen, durchbrechen.“ (1996, 196)
Transnationale Konzerne haben zielstrebig daran gearbeitet, die Regeln der globalen Ökonomie zu ihren Gunsten zu gestalten. In großen wie kleinen Ländern sind sie in der Lage, beträchtlichen Einfluss auszuüben:
– durch die Pflege „freundschaftlicher Beziehungen“ mit politischen Parteien;
– durch das Versprechen (bzw. die Drohung), Investitionen und damit Arbeitsplätze zu schaffen bzw. abzuziehen;
– indem sie auf die globalen Finanzmärkte Druck ausüben, über die Politik einer Regierung faktisch durch Machenschaften wie Währungsspekulation „abzustimmen“.
Gemessen an ihrer Kontrolle der Weltwirtschaft ist dieser politische Einfluss in den letzten fünfundzwanzig Jahren wirklich massiv geworden. So überrascht es nicht, dass die Politik der Strukturanpassungsmaßnahmen großen Konzernen gegenüber extrem wohlwollend ist. Darüber hinaus sind wirtschaftliche Regeln, wie sie in Verträgen und Institutionen verankert sind, die über Handel und Investitionen bestimmen – wie zum Beispiel die WTO (Welthandelsorganisation), die NAFTA (nordamerikanisches Freihandelsabkomen) oder das (wenigstens vorläufig gescheiterte) Multilaterale Abkommen über Investitionen (MAI) (oder in jüngster Zeit TTIP, Ceta, etc.; d. Übers.) – weitgehend „Freibriefe“ für transnationale Konzerne. Martin Khor, der Leiter des Third World Network, stellt fest, dass die Welthandelsabkommen als „Weltwirtschaftspolizei fungieren, um neue Regeln durchzusetzen, die die außerhalb jeder politischen Einbindung vonstatten gehenden Operationen der transnationalen Konzerne in höchstem Maß steigern“ (Khor 1990, 6).
Dieser neue globale Rahmen macht es für Bürger und Regierungen zunehmend schwerer, das Wohl der Menschen und der Natur zu schützen. So wurde zum Beispiel die kanadische Regierung dazu gezwungen, ihr Verbot des provinzübergreifenden Handels mit dem Treibstoffzusatz MMT, der sich als ein starkes Nervengift erwiesen hatte, aufzuheben, denn die Regeln der NAFTA untersagen solche Beschränkungen. Ironischerweise ist MMT in den USA, dem Land, in dem die Ethyl Corporation die Chemikalie produziert, nicht zugelassen. Ein anderes Beispiel findet sich in den der WTO vorgeschlagenen Veränderungen, die Zölle auf alle Waldprodukte aufzuheben und Investoren den ungehinderten Zugang zu den Wäldern anderer Länder zu gestatten. Sie hätten keinerlei Verpflichtungen, sich an im betreffenden Land geltende Arbeits- und Umweltgesetze zu halten.
Konzerne und ökologische Zerstörung
Zusätzlich zur Förderung von weltweiten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die einen effektiven Schutz von Natur und Arbeitern nahezu unmöglich macht, spielen transnationale Konzerne eine direkte Rolle bei vielen der ökologisch zerstörerischen Aktivitäten. Die transnationalen Konzerne produzieren mehr als die Hälfte aller fossilen Brennstoffe und sind direkt für mehr als die Hälfte der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Darüber hinaus produzieren die transnationalen Konzerne fast alle die Ozonschicht zerstörenden chemischen Substanzen. Sie kontrollieren auch 80 % des Landes, das der exportorientierten Landwirtschaft gewidmet ist. Bloß zwanzig transnationale Konzerne stehen für 90 % aller Pestizidverkäufe (Athanasiou 1996). Des Weiteren spielen transnationale Konzerne wie General Electric, Mitsubishi und Siemens eine größere Rolle bei Atomkraftwerken.
In jüngerer Zeit haben transnationale Konzerne eine wachsende Kontrolle über das Saatgut der Welt, ja sogar über das genetische Material selbst, erlangt. Sie haben sich Lebensformen und sogar einzelne Gene patentieren lassen. Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, wie sie von transnationalen Konzernen wie Monsanto und Aventis produziert und kontrolliert werden, hat sich seit 1995 stark ausgebreitet und betrifft heute mehr als hundert Millionen Hektar (das ist ungefähr die Größe Boliviens oder Frankreichs und Deutschlands zusammengenommen). Bereits 60 % der Sojabohnen weltweit und 25 % der Maispflanzen enthalten Gene aus anderen Arten.
„Transgene“ Feldfrüchte bergen eine doppelte Gefahr in sich. Da das Saatgut dem produzierenden Konzern gehört, entzieht es den Bauern die Kontrolle über die Versorgung mit Saatgut (dieser Prozess begann in kleinerem Maßstab bereits mit den Hybridpflanzen im Zuge der „grünen Revolution“ im letzten Jahrhundert). Um dieses Saatgut verwenden zu dürfen, sind die Bauern gezwungen, einen „Vertrag über die Verwendung der Technik“ zu unterzeichnen, der es verbietet, Saatgut aus der Ernte für die Aussaat im kommenden Jahr aufzuheben. Die Konzerne haben sogar daran gedacht, in das Saatgut selbst genetische Kontrollen einzubauen, die es faktisch steril machen würde. Doch bislang fand diese „Terminator“-Technik noch keine Billigung.
Beunruhigender aber ist vielleicht die Tatsache, dass transgene Pflanzen das Ergebnis einer künstlichen Übertragung von Genen von einer Art auf eine andere sind, indem man die DNA manipuliert. Dieser im Wesentlichen zufallsgesteuerte Prozess der Einbringung fremder Gene kann unbeabsichtigte Auswirkungen auf das Genom einer Pflanze haben. Tatsächlich ist nur ein verschwindender Teil genetischer Experimente erfolgreich. Doch Gene vermehren sich und breiten sich aus, und jeder unbeabsichtigte Effekt ‒ darunter spätere Mutationen aufgrund eines weniger stabilen Genoms – könnte sich sehr rasch durch Pollen auf wichtige Arten von Feldfrüchten übertragen.
Warum verbietet man angesichts der potenziellen Risiken gentechnisch veränderte Organismen nicht einfach? Große Chemie- und Agrokonzerne behaupten, transgene Pflanzen seien notwendig, um die Nahrungsmittelproduktion zu steigern und sogar, um den Einsatz von chemischen Substanzen in der Landwirtschaft zu verringern. Doch keines der Argumente scheint wirklich zu tragen. Wie wir gesehen haben, ist die Hauptursache für Hunger und Armut die unzulängliche Verteilung des Wohlstands und die Verschlechterung der Ökosysteme. Transgene Pflanzen werden, indem sie den Konzernen die Kontrolle über das Saatgut sichern und die Ökosysteme genetisch kontaminieren, diese Probleme nur noch verschlimmern. Selbst wenn die Nahrungsmittelproduktion bedeutend gesteigert würde, hätte das höchstwahrscheinlich keine Auswirkungen auf die Armut. Tatsächlich führen höhere Erträge oft zu niedrigeren Preisen, was bedeutet, dass die Kleinbauern faktisch verarmen.
Dazu kommt, dass keine der bislang in den Handel gebrachten transgenen Pflanzen die Ernteerträge oder die Ernährung verbessern sollte. Fast alle Veränderungen zielten auf eine Herbizidtoleranz (die es Farmern ermöglicht, Unkraut auszutilgen, ohne die Feldfrüchte dabei zu schädigen) oder Insektizidresistenz ab. Sie erleichtern es Konzernen und Großgrundbesitzern auch, ihre bebauten Flächen zu erweitern. Tatsächlich haben Großgrundbesitzer in Argentinien und Paraguay Herbizide auf benachbarte Grundstücke versprüht, um die Feldfrüchte der kleineren Bauern zu vernichten und sie zum Landverkauf zu zwingen.
Die beste Art, Nahrungssicherheit zu gewährleisten, ist es, eine große Bandbreite von pollenbefruchteten Pflanzen zu verwenden. Dies garantiert eine genetische Vielfalt und damit eine Kombination von Eigenschaften, die die Anpassung an Wetter und Bodenbedingungen ermöglichen. Lovins und Lovins schreiben: „Die neue Pflanzenkunde zielt darauf ab, die Entwicklung der Pflanzen nicht an ihrem evolutionären, sondern an ihrem wirtschaftlichen Erfolg auszurichten: Überleben nicht der am besten Angepassten, sondern der Fettesten, derer, die am besten geeignet sind, vom Verkauf monopolisierter Produkte in großem Stil zu profitieren.“ (2000)
Aufgrund der massiven Investitionen transnationaler Konzerne in ökologisch zerstörerische Technologien sind sie zu einem mächtigen Faktor geworden, der sich ökologisch vernünftigeren Vorgehensweisen widersetzt. Wesentlich mehr Geld wurde in den letzten zwanzig Jahren in Atomenergie als in Sonnen- und Windenergie gesteckt, vor allem, weil es für die transnationalen Konzerne leichter war, aus dieser zentral kontrollierten Technik (und deren militärischen „Spin-off-Effekten“) Profit zu schlagen. Gleichzeitig haben Ölkonzerne massive Werbekampagnen gestartet, um Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Annahme von der globalen Erwärmung zu streuen, obwohl es unter Wissenschaftlern Konsens ist, dass die Aktivität des Menschen einen deutlichen (und die meisten würden sagen: einen bei Weitem vorherrschenden) Einfluss auf die globale Erwärmung hat.
Natürlich gibt es Konzerne, die tatsächlich die Ökologie fördern. Große Versicherungsgesellschaften machen sich Sorgen über Sturmschäden aufgrund der globalen Erwärmung und betreiben deshalb seit einiger Zeit Lobbyarbeit für eine Reduktion der Treibhausgase. Es gibt viele Konzerne – meist kleinere ‒, die ökologisch besser verträgliche Technologien entwickeln, wie zum Beispiel Solarmodule, Windgeneratoren und Brennstoffzellen. Doch insgesamt widersetzen sich die größten und mächtigsten transnationalen Konzerne alternativen Technologien, wenn sie keine Mittel finden, sie um ihres Profits willen zu kontrollieren und zu beherrschen.
Es ist also klar, dass große transnationale Konzerne immer noch den Hauptteil der Verantwortung für die ökologische Zerstörung tragen, die wir derzeit erleben. Dies wird sich wahrscheinlich nicht ändern, wenn nicht die Art und Weise, wie Konzerne strukturiert und gelenkt sind, einem radikalen Wandel unterzogen wird. Paul Hawken (1993) schreibt, dass Unternehmen von ihrer Bilanz her besser dastehen, wenn sie die Tatsache, dass sie um des heutigen Profits willen die Zukunft bestehlen, einfach ignorieren. Wenn ein Konzern versucht, wirklich ethisch, gerecht und ökologisch zu werden, dann bedingt das Ausgaben, die andere nicht haben. Langfristig gesehen, untergraben viele Konzerne ihre eigene Profitabilität, doch Aktienkurse berücksichtigen selten langfristige Perspektiven.
Korporative Personen in großem Maßstab
Viele Analytiker stellen fest, dass unser derzeitiges Problem mit den Konzernen darauf zurückzuführen sei, dass Gerichte in den USA (und später die anderer Länder) den Konzernen das Recht zugesprochen haben, wie juridische Personen behandelt zu werden. Man hat eine ganze Reihe von Rechten auf sie ausgedehnt, darunter das Recht auf freie Meinungsäußerung und politische Teilhabe. Doch, so zeigt Kalle Lasn auf, Konzerne sind in Wirklichkeit gar keine Personen:
„Ein Konzern hat kein Herz, keine Seele, keine Moral. Er kann keinen Schmerz empfinden. Man kann mit ihm nicht streiten. Deshalb ist ein Konzern nichts Lebendiges, sondern ein Prozess, eine effektive Art und Weise, Einkünfte zu erzielen […]. Um weiter ‚am Leben‘ zu bleiben, muss er lediglich eine Bedingung vorfinden: Sein Einkommen muss seine Ausgaben langfristig übersteigen. Solange dies der Fall ist, kann er auf unbestimmte Zeit existieren. Wenn ein Konzern Menschen verletzt oder die Umwelt schädigt, wird er kein Bedauern und kein schlechtes Gewissen verspüren, denn von seinem inneren Wesen her ist er nicht dazu in der Lage […]. Wir dämonisieren Konzerne wegen ihres unerschütterlichen Strebens nach Wachstum, Macht und Wohlhaben. Doch sie erfüllen nur die Befehle, die ihrer inneren Anlage entsprechen. Genau dafür wurden Konzerne – von uns – geschaffen.“ (1999, 221)
In ähnlicher Weise behauptet Joel Bakan, dass die überdimensionalen korporativen Personen als kranke Wesen geschaffen wurden. Wir können von ihnen nicht erwarten, dass sie sich ethisch verhalten, solange sie in einer Weise strukturiert sind, dass sie wie Psychopathen denken und handeln:
„Von seinem Zuschnitt her schützt das Konstrukt der Korporative die Menschen, welche Konzerne betreiben, vor der gesetzlichen Haftung, indem man dem Konzern – einer ‚Person‘ mit einer psychopathischen Missachtung gesetzlicher Schranken – die Hauptlast der Strafverfolgung aufbürdet […]. Als Psychopath kann der Konzern moralische Gründe, anderen nicht zu schaden, weder anerkennen noch danach handeln. Von seiner rechtlichen Verfasstheit her gibt es nichts, was dem Grenzen setzen könnte, was er in der Verfolgung seiner eigennützigen Ziele anderen antut, und er ist dazu gezwungen, Schaden anzurichten, damit die Einnahmen die Kosten übersteigen. Lediglich die pragmatische Sorge um seine Eigeninteressen und die Gesetze eines Landes legen dem Raubtierinstinkt eines Konzerns Beschränkungen auf, und oftmals reicht das nicht aus, um ihn darin zu stoppen, Leben zu zerstören, Gemeinden zu schädigen und den Planeten insgesamt in Gefahr zu bringen.“ (2004, 79 und 60).
David Korten bemerkt, dass die Konzerne als „Super-Personen“ nun außer Kontrolle sind. Selbst diejenigen, die einen Konzern „betreiben“, wurden zunehmend überflüssig. Konzerne sind nun eine
„… ‚Größe für sich‘ mit keinen echten Verbindungen zu den Menschen oder dem Standort. Tatsächlich, so behauptet er, entfernen sich die Interessen von Konzernen zunehmend von denen der Menschen und der planetarischen Gemeinschaft insgesamt. Dennoch erlangen Konzerne weiterhin immer mehr Kontrolle über unser Leben. Es ist fast so, als erlebten wir eine Invasion von Außerirdischen, die unseren Planeten zu kolonisieren versuchen, uns zu Sklaven degradieren und so viele von uns wie möglich ausgrenzen.“ (1995, 74)
John Ralston Saul (1995) stellt fest, dass dieser Trend große Ähnlichkeit mit den Zielen korporativer Bewegungen wie etwa dem Faschismus der 1920er- und 1930er-Jahre aufweist. Diese strebten danach, a) die Macht den Menschen und Regierungen zu nehmen und sie wirtschaftlichen Interessengruppen zu übertragen; b) „unternehmerische Initiative in Bereichen zu fördern, die normalerweise öffentlichen Körperschaften vorbehalten sind“ (das nennen wir „Privatisierung“); und c) die Bindung des privaten an das öffentliche Interesse zu lösen.
Wenn man diese Aufzählung liest, dann bleibt der Eindruck zurück, dass der Korporatismus trotz des Zweiten Weltkriegs nun in einer neuen, subtileren und machtvolleren Weise triumphiert. Ein weniger demokratisches und weniger ökologisches Modell weltweiten Regierungshandelns ist kaum vorstellbar.
Manchmal scheint die überbordende pathologische Macht der Konzerne unbesiegbar. Doch es werden bereits Risse im Panzer der Konzerne sichtbar. Menschen in Teilen Europas und Brasiliens, ja sogar in einigen Bundesstaaten der USA, haben bereits erfolgreich gentechnikfreie Zonen geschaffen. Progressive Regierungen, besonders in Südamerika, haben die von den transnationalen Konzernen geförderte neoliberale Politik einer ernsthaften Kritik unterzogen. Weltweite Proteste gegen den IWF, die Weltbank und die Welthandelsorganisation (WTO) – alles entscheidende internationale Instrumente für die Herrschaft der Konzerne – haben an Stärke gewonnen. Es ist in weiten Teilen auf diese Bewegung und auf die Wahl von Regierungen, die diesem Programm skeptisch gegenüberstehen, zurückzuführen, dass die WTO-Verhandlungen in den letzten Jahren fast unmöglich wurden.
Korten meint, dass der heutige, von den Konzernen geprägte weltweite Kapitalismus eine starke Ähnlichkeit mit den zentral kontrollierten Ökonomien des früheren Sowjetblocks aufweist. „Der Westen verfolgt nun einen extremistischen ideologischen Weg [ähnlich dem des ehemaligen Ostblocks]; der Unterschied besteht darin, dass wir in die Abhängigkeit von abgehobenen und unkontrollierbaren Konzernen, und weniger von einem abgehobenen und unkontrollierbaren Staat getrieben werden.“ (1995, 88–89) Beide Systeme konzentrieren wirtschaftliche Macht auf zentralisierte Institutionen, die sich der Kontrolle und der Mitbestimmung der Menschen entziehen. Beide stützen sich auf Großstrukturen, die in sich ineffizient und weder für Menschenrechte noch für echte Bedürfnisse empfänglich sind. Und beide bringen eine pervertierte Ökonomie hervor, die andere Lebewesen und Ökosysteme als Ressourcen behandelt, die ohne Folgen aufgebraucht werden können. Wie wir alle wissen, brach das einst als unüberwindbar geltende sowjetische System innerhalb von wenigen Jahren zusammen. Der Kapitalismus der globalen Konzernherrschaft mag sehr wohl ein besser entwickeltes System der Kontrolle und Ausbeutung sein, doch es gibt gute Gründe für die Annahme, dass er einem ähnlichen Schicksal erliegen könnte, wenn er seinen Kurs nicht radikal ändert. Korten stellt fest:
„Ein Wirtschafssystem ist nur so lange machbar, als die Gesellschaft über Mechanismen verfügt, den Missbräuchen vonseiten staatlicher Gewalt oder Marktmacht und der Erosion des natürlichen, sozialen und moralischen Kapitals zu begegnen, die durch solche Missbräuche normalerweise verschärft wird.“ (1995, 89)
Ein parasitäres Finanzsystem
Die von Wachstum, einer fehlgeleiteten Entwicklung und der Konzernherrschaft verursachten Probleme werden durch ein parasitäres Finanzsystem noch verschlimmert, das das Wirtschaftsgeschehen zunehmend verändert: Von der Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen verschiebt sich der Schwerpunkt auf die Profitmacherei durch Manipulation des Geldes. So haben zum Beispiel im Jahr 1993 zwei der größten Konzerne, nämlich General Electric und General Motors, mehr Profit durch ihre Aktivitäten auf dem Finanzmarkt als durch die Herstellung von Elektronik oder Autos erwirtschaftet. (Dillon 1997)
Insgesamt hat die „Finanzwirtschaft“ der Welt die Wirtschaft, die es tatsächlich mit Gütern und Dienstleistungen zu tun hat, weit übertroffen. Finanztransaktionen sind nun siebzigmal mehr „wert“ (da das Geld der Maßstab ist!) als der globale Handel mit konkreten Waren. Der Geldwert der Aktien, die an den weltweit größten Börsen gehandelt werden, stieg von 0,8 Billionen US-Dollar im Jahr 1977 auf 22,6 Billionen US-Dollar im Jahr 2003. Korten stellt fest: „Dies stellt einen enormen Zuwachs an Kaufkraft für die herrschende Klasse im Vergleich zum Rest der Gesellschaft dar. Es erzeugt die Illusion, dass Wirtschaftspolitik den tatsächlichen Wohlstand einer Gesellschaft vermehrt, wo sie ihn doch in Wirklichkeit vermindert.“ (2006, 68)
Insgesamt reichten die täglichen Transaktionen von Aktien, Währungen, Warentermingeschäften und festverzinslichen Wertpapieren an etwa 4 Billionen Dollar im Jahr 1997 (Dillon) heran, während die Bank für internationale Angelegenheiten hochrechnet, dass sich heute bereits allein die Devisentransaktionen auf diese Summe belaufen (im Jahr 1997 betrugen diese noch 1,5 Billionen US-Dollar). Dillon schreibt: „Die meisten dieser Transaktionen (95 %) sind rein spekulativer Natur. Sie sind an sich nicht notwendig, um die Produktion von Gütern und Dienstleistungen zu finanzieren.“ (1997, 2) Die Einführung neuer Techniken hat dazu beigetragen, dass die Finanztransaktionen an Tempo und Umfang zugenommen haben. Fast alle diese Transaktionen arbeiten jetzt mit „Cybergeld“, das heißt mit elektronischen Transfers per Computer und einer Kommunikation nahezu ohne jede Verzögerung rund um den Globus. Dillon schreibt: „Nichts, was man anfassen könnte, wechselt den Besitzer. Dennoch werden Spekulanten reich, indem sie nicht mehr machen, als Nullen und Einsen an Computerchips zu verschieben, wenn sie Cybergeld kaufen und verkaufen.“ (1997, 3)
Vor vielen Jahren sprach der Wirtschaftswissenschaftler John Meynard Keynes die Warnung aus: „Spekulation kann Schaden anrichten, wenn sie gleichsam in Form von Blasen auf einem steten Strom des Unternehmens schwimmt. Doch die Lage ist dann ernst, wenn das Unternehmen selbst die Blase mitten in einem Whirlpool von Spekulation wird.“ Doch genau dies scheint eine zutreffende Beschreibung unserer gegenwärtigen Weltwirtschaft zu sein. Die Unbeständigkeit, die aus dieser Situation erwächst, kann schnell und plötzlich schweren Schaden anrichten. Im Jahr 1995 trieb ein Händler in Singapore die 233 Jahre alte britische Barings Bank in den Bankrott, nachdem er in einer Transaktion im Umfang von 29 Milliarden Dollar in japanischen Derivaten 1,3 Milliarden Dollar verlor. Noch beunruhigender waren die Finanzkrisen in Mexiko im Jahr 1994 und die Asienkrise im Jahr 1998, die dadurch ausgelöst wurden, dass Investoren plötzlich ihr Geld aus den Regionen abzogen und so die auf Finanzblasen aufruhende Wirtschaft zusammenbrechen ließen. In beiden Fällen schuf der riesige und unbeständige Fluss von spekulativem Kapital die Bedingungen, die schließlich zur Krise führten. In beiden Fällen wurden ausländische Investoren weitgehend durch international finanzierte Bürgschaften vor Verlusten geschützt (nachdem sie vorher sagenhafte Spekulationsgewinne gemacht hatten). Doch die Kosten für diese Finanzpakete wurden von den Menschen und Ökosystemen der betroffenen Regionen getragen, insbesondere in Form einer noch größeren Schuldenlast und der Verhängung weiterer Strukturanpassungsmaßnahmen.
Schließlich hat die jüngste Subprime-Hypothekenkrise, die ihren Ausgang in den USA nahm, in einem noch viel größeren Ausmaß die Finanzmärkte auf der ganzen Welt in den Abgrund gerissen. Wieder einmal führte Spekulation – insbesondere der Handel mit Subprime-Hypotheken, die als Wertpapiere verkauft wurden – zum massiven Zusammenbruch einer auf Finanzblasen basierenden Wirtschaft, diesmal jedoch nicht regional begrenzt, sondern in weltweitem Maßstab. Der Wirtschafswissenschaftler Herman Daly schreibt dazu:
„Das Chaos, in das die Weltwirtschaft gestürzt wurde und dessen Auslöser die Subprime-Hypothekenkrise in den USA gewesen ist, ist keine ‚Liquiditätskrise‘, wie es oft heißt. Eine Liquiditätskrise würde bedeuten, dass die Wirtschaft in Schwierigkeiten wäre, weil die Unternehmen keine Kredite und Darlehen mehr bekämen, um ihre Investitionen zu finanzieren. Tatsächlich aber ist die Krise das Ergebnis eines Überhandnehmens von Finanzvermögen im Vergleich zum Wachstum des realen Wohlstands – das ist das genaue Gegenteil von zu wenig Liquidität. Das Problem, das wir in den USA beobachten, ist entstanden, weil die Summe des realen Wohlstands keine ausreichende Rücklage bildet, um die atemberaubend hohen Schulden zu garantieren. Diese sind entstanden, weil die Banken in der Lage waren, Geld zu schöpfen, Kredite auf der Grundlage von fragwürdigen Vermögenswerten zu gewähren, und aufgrund des Staatsdefizits der USA, das angehäuft wurde, um den Krieg und die jüngsten Steuererleichterungen zu finanzieren […] Um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass Wachstum uns reicher macht, verschoben wir die Kosten auf später, indem wir fast grenzenlos Finanztitel ausgaben und dabei der Bequemlichkeit halber vergaßen, dass diese sogenannten Vermögenswerte für die Gesellschaft insgesamt Schulden darstellen, die aus künftigem Wachstum des realen Wohlstands bezahlt werden müssen. Das künftige Wachstum ist jedoch sehr zu bezweifeln, wenn man von den nach hinten verschobenen realen Kosten ausgeht, während die Verschuldung sich weiterhin auf ein absurdes Niveau verschlimmert.“ (2008)
Wieder einmal wurden die Regierungen dazu gezwungen, das Finanzsystem durch massive Kredite und sogar Aufkäufe von Geldinstituten zu retten. Dabei bürdeten sie dem Steuerzahler ein Risiko von Billionen Dollar auf. Inzwischen zeitigt das Platzen der Blase sehr reale Kosten: die Arbeitslosigkeit steigt an, Menschen verlieren ihr Zuhause und der weltweite Handel schrumpft rasch.
Finanzspekulation ist einerseits von der Realität abgekoppelt, doch sie erzeugt dennoch reale Kosten für die Menschen und die umfassendere planetarische Gemeinschaft. Spekulanten stellen eine ungeheure wirtschaftliche Macht dar. Wie anlässlich der Krisen in Mexiko und in Asien deutlich wurde, können sie ihre Fonds sehr schnell irgendwohin verschieben und als Folge ihrer Entscheidungen Wirtschaften zusammenbrechen lassen. Selbst die Politik der reichsten Länder ist solchem Druck ausgesetzt. In den frühen 1990er-Jahren zum Beispiel führte die kanadische Regierung die Drohung mit finanziellen Repressalien als Grund für die Kürzung von Regierungsausgaben an. Internationale Anleger stellen tatsächlich so etwas wie eine Veto-Macht für die Politik aller Länder dar. Sie drängen sie dazu, Gesetze und Regelungen zu erlassen, die durch eine offene Investmentpolitik (welche die Instabilität noch vergrößert), „freien Handel“, niedrige Steuern und einen schwachen Schutz für Arbeiter und für die Umwelt die Profite der Konzerne vermehren.
Investoren üben auch Macht gegenüber einzelnen Konzernen aus. Um die Kosten zu senken, die Profite zu erhöhen und die Aktienkurse ansteigen zu lassen, vernichten Gesellschafen Arbeitsplätze oder verlagern sie dorthin, wo die Löhne niedriger sind. In ähnlicher Weise erhöht es kurzfristig die Profite und Aktienkurse, wenn „natürliche Vermögenswerte“ durch die Ausbeutung der Reichtümer der Erde in einem nicht nachhaltigen Ausmaß liquidiert werden. Konzerne, die versuchen, verantwortlich zu handeln, die nach langfristiger Nachhaltigkeit anstelle von kurzfristigen Profiten streben, sind intensivem finanziellen Druck ausgesetzt, damit sie sich anders verhalten. Diejenigen, die dies nicht tun, können auch für Finanzinvestoren anfällig werden, die man gemeinhin als „Heuschrecken“ bezeichnet (weil sie Unternehmen ausschlachten; d. Übers.).
Ned Daly zitiert das Beispiel der Pacific Lumber Company, die Holz in den alten Wäldern an der kalifornischen Küste gewinnt. Während der 1980er-Jahre galt die Gesellschaft als ein Modell im Hinblick auf ihr Verhalten gegenüber Arbeitern und der Umwelt, unter anderem wegen großzügiger Zuwendungen an die Arbeiter und innovative Methoden eines nachhaltigen Umgangs mit dem Waldbestand. Genau dieses Verhalten führte dazu, dass die Gesellschaft nur bescheidene Profitraten erzielte, was einen niedrigen Aktienkurs bedingte. Dies wiederum machte sie zu einem erstklassigen Ziel für eine feindliche Übernahme durch den Investor Charles Hurwitz. Als er die Kontrolle übernahm, verdoppelte er sofort den Holzeinschlag und zog vom Rentenfond der Gesellschaft mehr als die Hälfte des Vermögens ab. Das ermöglichte es ihm, die Risiko-Wertpapiere auszubezahlen, mit denen er die Übernahme finanziert hatte, und einen beachtlichen Profit zu erzielen. Sein Gewinn jedoch hatte den Preis einer beschleunigten Zerstörung eines weltweit einzigartigen, majestätischen Waldbestandes (N. Daly 1994).
In gewisser Hinsicht kann man das weltweite Finanzsystem als einen Parasiten betrachten, der Leben aus der Realwirtschaft saugt. Ohne Zweifel ist Finanzinvestment nötig, nämlich produktives Investment, das Arbeitsplätze mit ordentlichen Löhnen schafft, während tatsächliche Nachhaltigkeit innerhalb der Grenzen der Ökosysteme die Zeichen für echte Innovation und Fortschritt sind. Die meisten Investoren der Welt scheinen sich einem „extraktiven Investment“ zu widmen, das keinen Wohlstand schafft, sondern einfach „den existierenden Wohlstand herausholt und konzentriert […]. Im schlimmeren Fall führt das zu einer Abnahme des Wohlstands [und der Gesundheit] der Gesellschaft insgesamt, auch wenn es für den Einzelnen [oder eine Gruppe von Investoren] eine hübsche Rendite einbringen mag.“ (Korten 1995, 195) Die Machenschaften des Charles Hurwitz scheinen ein Paradebeispiel für diese Art von parasitärem Investment zu sein.
Ein illusorischer Wohlstand
Im Zentrum des extraktiven Investments und eines parasitären Finanzsystems steht eine falsche Auffassung vom Geld. Selbst Adam Smith widersprach der Vorstellung, man könne Geld aus Geld machen. Geld war als ein Instrument gedacht, nicht als ein Zweck an sich. John Ralston Saul schreibt: „Die Explosion der Geldmärkte ohne Bezug zur Finanzierung tatsächlicher Aktivitäten ist nichts als Inflation. Und deshalb sind diese Geldmärkte sehr esoterisch, Ideologie in Reinkultur.“ (1995, 153–154)
Der Wirtschaftswissenschaftler Herman Daly (1996) nennt dies einen „Trugschluss unangebrachter Konkretheit“. Wir verwechseln Geld (oder die Nullen und Einsen im Cyberspace, die die reale Währung weitgehend ersetzt haben) mit dem echten Reichtum, den es darstellen soll. Was immer für das abstrakte Symbol des Reichtums als wahr gilt, das – so nimmt man an – trifft auch auf den realen Reichtum zu.
Realer Reichtum aber ist dem Prozess des Verderbens unterworfen. Getreide kann nicht dauerhaft in Scheunen und Silos aufbewahrt werden. Kleidung wird mit der Zeit abgetragen oder von den Motten gefressen. Und Gebäude verfallen mit der Zeit. Im besten Fall kann natürlicher Reichtum (wie Wälder oder Feldfrüchte) in einem Maß, das die Sonneneinstrahlung, die Verfügbarkeit von sauberem Wasser und eines gesunden Bodens vorgibt, gedeihen. Doch realer Reichtum wächst niemals eine bedeutende Zeitstrecke hindurch exponenziell und kann tatsächlich mit der Zeit sogar abnehmen.
Doch Geld verdirbt nicht. Wenn man das Symbol (Geld) mit der Wirklichkeit (Reichtum) gleichsetzt, dann wird Reichtum eine abstrakte Größe unabhängig von den Gesetzen der Physik und Biologie. Er kann immer angehäuft werden, ohne zu verderben. Durch den Zaubertrick der Verschuldung und andere ausgetüftelte Finanzmanipulationen kann Geld sogar mehr werden – und das sogar im Sinne eines exponenziellen Wachstums. Aufgrund des Trugschlusses der unangebrachten Konkretheit nehmen die meisten Wirtschaftswissenschaftler (und viele Politiker, Investoren und die einfachen Leute, die von der Geldillusion vernebelt sind) deshalb an, dass auch der reale Reichtum exponenziell zunimmt.
Tatsächlich ist das akkumulierte Geld überhaupt kein realer Reichtum. Es ist lediglich eine Art Pfandrecht auf künftige Produktion, das aufgrund einer gesellschaftlichen Übereinkunft zu einem späteren Zeitpunkt gegen realen Reichtum eingelöst werden kann.15 Um die wachsenden Pfandrechte auf die Zukunft, die durch diese Art von Kapitalakkumulation hervorgebracht werden, decken zu können, muss die Wirtschaft ständig wachsen, oder der Wert des Geldes muss mittels Inflation reduziert werden, um einen Abgleich zum tatsächlich existierenden Reichtum herzustellen. (Alternativ dazu kann, wie es bei der Subprime-Hypothekenkrise der Fall war, die Blase einfach platzen und eine Kettenreaktion auslösen, die unter anderem den Zusammenbruch von Firmen und den Wertverlust virtueller Vermögen bewirken kann).
An dieser Stelle beginnen wir klarer zu begreifen, wie das Profitstreben der Finanzwirtschaft Reichtum in den Händen von wenigen konzentriert, während es die Armen und die umfassendere planetarische Gemeinschaft noch mehr verarmen lässt. Einerseits ist die Welt dazu gezwungen, ein unbegrenztes Wachstum in einer Art Besessenheit zu verfolgen, um die stets wachsenden Anrechte auf eine zukünftige Produktion erfüllen zu können. Dabei plündert sie den natürlichen Reichtum des Planeten aus. Gleichzeitig führt der Inflationsdruck zur Verarmung besonders der bereits Armen, die kein Einkommen aus Investitionen erzielen, das exponenziell wächst.
Ein anschauliches Beispiel mag hilfreich sein: Zwischen 1980 und 1997 transferierten die ärmeren Länder 2,9 Billionen US-Dollar als Schuldendienst an Banken, Regierungen des Nordens und internationale Finanzinstitutionen wie Weltbank und IWF. Doch im selben Zeitraum wuchs ihre Gesamtverschuldung noch von 568 Milliarden Dollar auf über zwei Billionen. Verschuldung transferiert also massenhaft Ressourcen von den Armen zu den Reichen, und zwar durch den Zaubertrick der sich aufsummierenden Zinsen. Dieses stets wachsende Pfandrecht gegenüber der zukünftigen Produktion der ärmeren Länder kann niemals eingelöst werden. Und doch fährt das parasitäre Weltfinanzsystem fort, die Armen und die Erde selbst auszusaugen, und besteht darauf, dass alles, was nur an Reichtum herausgepresst werden kann, dazu verwendet werden muss, die Finanzwirtschaft zu bereichern.
Geld kolonisiert das Leben
Die meisten von uns betrachten die Ökonomie als die Wissenschaft (oder Kunst) der Produktion, der Verteilung und des Konsums von Reichtum. In einer etwas gröberen Sichtweise denken viele von uns, Ökonomie sei die Kunst des Geldmachens. Im Griechischen jedoch lautet das Wort oikonomia, das ist die Kunst, einen Haushalt – die Gemeinschaft, eine Gesellschaft oder die Erde ‒ zu führen und für ihn zu sorgen. Tatsächlich haben Ökonomie und Ökologie eine gemeinsame Wurzel. Es geht um die Wissenschaft vom Haus (griech.: oikos).
Aristoteles traf eine klare Unterscheidung zwischen „Ökonomie“ und „Chrematistik“. Letzteres meint die spekulativen Tätigkeiten, die nichts von Wert erzeugen, aber dennoch Profit abwerfen. Chrematisitk wird als der „Zweig der politischen Ökonomie“ definiert, „der sich mit der Handhabung von Eigentum und Reichtum beschäftigt mit dem Ziel, den Geldwert für den Besitzer kurzfristig zu maximieren“ (H. Daly/Cobb, 1989, 138).
Aristoteles nimmt das Beispiel des Philosophen Thales von Milet zu Hilfe, um den Unterschied zwischen Ökonomie und Chrematistik zu veranschaulichen. Jahrelang hatten sich die Mitbürger über den einfachen Lebensstil des Thales lustig gemacht. Sie fragten: „Wenn die Philosophie so wichtig ist, warum warst du dann nicht imstande, Reichtum anzuhäufen?“ Thales entschloss sich dazu, ein praktisches Exempel zu statuieren. Aufgrund seiner astronomischen Kenntnisse war er in der Lage, eine Rekordernte für Oliven vorherzusagen. Deshalb mietete er noch während des Winters alle Olivenpressen zu einem sehr günstigen Preis. Als die Rekordernte dann eintraf, nutzte er seine Monopolstellung aus, um einen beachtlichen Profit für sich selbst zu erzielen – doch auf Kosten der Gemeinschaft insgesamt.
In vieler Hinsicht ähnelt das, was Thales getan hat, dem, was heute auf den Weltfinanzmärkten vor sich geht. Er jedoch sah es als das an, was es ist – eher als eine Übung in Chrematistik, nicht in Ökonomie. Letztendlich hatte er nichts von Wert geschaffen. Er hat keine neuen Nutzanwendungen für Olivenöl erfunden, er hat keine neue Olivenpresse gebaut und keine Olivenbäume gepflanzt. Er hat sich einfach nur selbst bereichert, und zwar auf Kosten der anderen.
Vieles von dem, was wir als „Ökonomie“ ausgeben und praktizieren, ist nicht viel mehr als eine etwas ausgefeiltere Chrematistik. Tatsächlich haben die Aktivitäten, die die höchste Rendite abwerfen, wenig oder gar keinen Wert (sie erhalten oder fördern das Leben nicht, ja sie können es sogar zerstören), während Tätigkeiten, die wirklich produktiv sind – Kindererziehung, Produktion von Lebensmitteln, Naturschutz – wenig Geld einbringen. Deshalb ist in unseren Augen der Investmentbanker mehr „wert“ als die Bäuerin, die sich abmüht, den Boden und ihre Familie zu ernähren. Vandana Shiva schreibt:
„Der Gipfel des Reduktionismus wird dann erzielt, wenn der Zugriff auf die Natur mit einer Auffassung von Wirtschaftsaktivität konfrontiert wird, deren Ziel nur mehr das Cash ist. Dann verschwindet das Leben als Organisationsprinzip für Wirtschaftsbelange völlig. Das Geld aber – und das wirft das eigentliche Problem auf – ‚verhält‘ sich asymmetrisch zum Leben und zu den Lebensprozessen: Manipulation, Ausbeutung und Destruktion von Leben in der Natur können in der Tat Quelle von Reichtum sein, niemals jedoch zur Quelle von Leben für die Natur und ihr lebenstützendes Potenzial werden. Diese Asymmetrie ist dafür verantwortlich, dass sich die ökologischen Krisen verschärfen und dass das lebenspendende Potenzial der Natur abnimmt, weil mit wachsender Kapitalakkumulation und der Verbreitung von ‚Entwicklung‘ ein Prozess in Gang kommt, bei dem die Währung ‚Leben‘ durch die Währung ‚Cash und Profite‘ ersetzt wird.“ (1989 a, 37)
David Korten sagt, in unserer Zeit habe das Geld das Leben kolonisiert. Das ist ein treffender Satz. In ähnlicher Weise hat vor mehr als fünfzig Jahren der große Wirtschafshistoriker Karl Polanyi davor gewarnt, dass „der Begriff Gewinn“ die Oberhand über den gesellschaftlichen (und wir können hinzufügen: auch den ökologischen) Bezugsrahmen erlangen könnte, sodass die Gesellschaft (und die umfassendere planetarische Gemeinschaft) ein bloßes „Anhängsel des Wirtschafssystems“ würde. Er warnte davor, dass die „Selbstregulierung des Marktes“ nicht länger bestehen könne, „ohne die humane und natürliche Substanz der Gesellschaft selbst zu vernichten“, wenn die Gesetze des Handels (oder genauer gesagt; der Chrematistik) den Vorrang vor den Gesetzen der Natur und den Gesetzen Gottes erhielten (zitiert bei Athanasiou 1996, 197).
Monokultur des Geistes
Das krankhafte System, das den Planeten beherrscht, scheint in der Tat die Menschen und andere Lebenszusammenhänge in bloße „Anhängsel des Wirtschafssystems“ zu verwandeln. Auf diese Weise setzt es eine Kultur (oder besser gesagt die Karikatur einer solchen) durch, die lokale Kulturen und lokales Wissen zerstört, dadurch die Menschheit insgesamt ärmer macht und unser eigenes Überleben als Art gefährdet. Vandana Shiva betont, dass diese „globale Kultur“, die der Welt durch den Kapitalismus der Konzernherrschaft aufgezwungen wird, sich in gewisser Weise als allgemein gültig darstellt, obwohl sie in Wirklichkeit das Produkt einer partikulären Kultur ist (die in Nordamerika und Europa ihren Ursprung hat). „Sie ist lediglich die globalisierte Version einer lokal sehr begrenzten und geistig provinziellen Tradition.“ (Shiva 1993, 9)
Diese sogenannte globale Kultur, die durch die Werbung, die Massenmedien und ein okzidental geprägtes Bildungssystem so erfolgreich verbreitet wird, tendiert dazu, überhaupt zu leugnen, dass es lokales Wissen und traditionelle Weisheit gibt, bestreitet deren Daseinsberechtigung oder erklärt sie schlicht als nicht existent. Im besten Fall integriert die sich weltweit durchsetzende Kultur einige symbolische Elemente wie Musik, Kleidung oder Kunst aus nichtwestlichen Kulturen. Doch das Wesen und die Werte dieser Kulturen werden weitgehend nicht zur Kenntnis genommen. Gleichzeitig lässt die globalisierte Kultur „Alternativen verschwinden, indem sie die Wirklichkeit austilgt und zerstört, welche sie darzustellen versuchen. Die Einförmigkeit des herrschenden Wissens dringt durch die Bruchlinien ein. Zusammen mit der Welt, auf die sie sich beziehen, werden diese Alternativen dem Untergang preisgegeben. So erzeugt das herrschende wissenschaftliche Denken eine Monokultur des Geistes, indem es den Raum für Alternativen verschwinden lässt.“ (Shiva 1993, 12)
Das Wissen aufspalten und monopolisieren
Eine Weise, wie Wissen aufgespalten und zerstört wird, ist ironischerweise die massenhafte Verbreitung von Information, die vielfach nur von geringem Wert ist. Das durchschnittliche amerikanische Kind sieht sich dreißigtausend Werbespots an, bevor es den ersten Schulabschluss macht, und Teenager verbringen mehr Zeit damit, sich von kommerziellem Fernsehen einlullen zu lassen, als sie in der Schule zubringen (Swimme 1996). Eine solche langfristige und ständige Gehirnwäsche, die schon früh beginnt, kann unseren Blickwinkel nur einengen und uns dazu abrichten, die herrschende (Un-)Ordnung als Normalität zu betrachten. Es ist zum Beispiel kaum zu glauben, dass ein durchschnittlicher US-Bürger mehr als tausend Firmenlogos, aber nicht einmal zehn Tier- und Pflanzenarten aus seiner Region kennt (Orr 1999). Die herrschende Monokultur stopft uns mit „irrelevanter“ Information voll, hält uns aber oft davon ab, echtes Wissen zu erwerben.
Gleichzeitig tendiert das Medium Fernsehen von sich aus dazu, Wissen in einzelne isolierte Bruchstücke von Information aufzuspalten. Die Fernsehnachrichten, die sich hauptsächlich aus kurzen „Soundelementen“ zusammensetzen, bringen uns bei, mit komplexen Themen so umzugehen, dass wir sie zunächst in Bruchstücke zerlegen, die losgelöst von jeglichem einheitsstiftenden Bezugsrahmen oder irgendeiner Hintergrundanalyse sind. Fernsehprogramme, die zwischen dreißig und sechzig Minuten lang sind, beschäftigen sich in der Regel auch mit einfachen Fragen (wenn sie überhaupt irgendwelche Fragen thematisieren!), die schnell „gelöst“ werden können. Auf diese Weise vermeiden sie weitgehend komplexe Themen. Doch diese Art von den Geist abstumpfender Unterhaltung entfremdet die Menschen oft von traditionellen kulturellen Tätigkeiten wie Geschichten erzählen, miteinander reden, Musik, Kunst und Tanz.
Dieser gesamte Prozess erinnert an die Worte von T.S. Eliot:
„Wo ist die Weisheit, die uns im Wissen abhanden kam?
Wo ist das Wissen, das wir mit der Information verloren haben?
Dem könnten wir sogar noch eine dritte Zeile hinzufügen:
Wo ist die Information, die wir in der Zerstreuung verloren haben?
Die globalisierte Kultur streckt ihre Fangarme aus und versucht dabei alles an traditionellem Wissen an sich zu reißen und zu monopolisieren, was sich als profitabel erweisen könnte. Das kann man überdeutlich am Bestreben der transnationalen Konzerne erkennen, das Leben selbst zu patentieren. Die Welthandelsorganisation öffnete dafür die Tore, als sie den Patentschutz für Samen und genetisches Material zuzulassen begann. Vandana Shiva schreibt, dass zwei US-amerikanische Konzerne das ausgenutzt haben, um Patente für Basmati-Reis und Neem – ein natürliches Pestizid und Funghizid – einzureichen. Beide Pflanzen wurden seit Jahrhunderten von indischen Bauerngemeinden kultiviert.16 Diese Art von „Biopiraterie“ wird zur Normalität. Es hat sogar Versuche gegeben, Gene einer autochthonen Bevölkerung patentieren zu lassen. Dass dieser Wahnsinn innerhalb der (Un-)Ordnung, die derzeit den Planeten beherrscht, als folgerichtig angesehen werden kann, ist ein klarer Beweis für den krankhaften Charakter, der ihr zutiefst eingeschrieben ist.
Zerstörung der Vielfalt
Die „Monokultur des Geistes“ breitet sich aus und vernichtet dabei andere Kulturen, Sprachen und Wissenssysteme wie ein Krebsgeschwür. Genauso wie die einheimischen Pflanzen- und Tierarten aussterben und durch einige wenige, wirtschaftlich nützliche Varianten ersetzt werden, so verschwinden auch ganze Kultursysteme. Viele von ihnen haben sich innerhalb von Tausenden von Jahren entwickelt und sind einzigartig an ein bestimmtes Ökosystem angepasst. Das trifft besonders auf die autochthonen Kulturen zu. Jeder Verlust einer Kultur bedeutet den Verlust an Vielfalt, den Verlust am wahren Reichtum der Erde. So wie die Vernichtung einer Pflanzenart im Regenwald den Verlust eines Heilmittels gegen Krebs oder einer wertvollen Nahrungsquelle bedeuten kann, so bedeutet auch die Zerstörung von einzelnen Mosaiksteinen des weltweiten kulturellen Gesamtbildes eine Minderung der Schönheit und des Geheimnisses des Lebens selbst. Das ist etwas, das niemals zutreffend gemessen oder quantitativ zum Ausdruck gebracht werden kann.
Ein besonderes Beispiel dafür ist der Rückgang der in der Welt gesprochenen Sprachen. Die Sprache ist in vieler Hinsicht ein zentraler Aspekt der Kultur, denn sie bewahrt in sich einzigartige Weisen zu denken auf. Der Verlust einer jeden einzelnen Sprache bedeutet also den Verlust einer einzigartigen Perspektive, einer einzigartigen Weise, die Welt zu verstehen. Vor etwa zehntausend Jahren, so schätzen Sprachwissenschaftler, gab es zwölftausend Sprachen, die von den damals lebenden fünf bis zehn Millionen Menschen auf der Welt gesprochen wurden. Heute sind davon nur noch siebentausend übrig, obwohl die Weltbevölkerung auf über sechs Milliarden angestiegen ist. Gleichzeitig hat sich der Verlust an Sprachen beschleunigt, insbesondere im Lauf des letzten Jahrhunderts. Zurzeit verlieren wir etwa eine Sprache am Tag. Bei dieser Verlustrate wird es in hundert Jahren nur noch 2500 Sprachen geben. Andere Fachleute sind sogar noch weniger optimistisch und nehmen an, dass bis zum Jahr 2100 90 % der noch verbliebenen Sprachen verschwunden sein werden (Worldwatch Institute 2007).
In seinem Werk über den Aufstieg und Fall der Weltzivilisationen schrieb der Kulturhistoriker Arnold Toynbee, dass eine Zivilisation, die sich im Abstieg befindet, zu immer größerer Uniformität und immer mehr Standardisierung neigt. Wie gesunde Ökosysteme ermöglicht auch eine gesunde Zivilisation eine Vielfalt von Kulturen und Wissensformen. Uniformität ist ein Anzeichen für Stagnation und Verfall (Korten 1995).
Die immer größere Gleichförmigkeit der sich global ausbreitenden Kultur ist eine Begleiterscheinung der zunehmend vereinheitlichten Weltwirtschaft. In seinem Buch The Economy of Commerce vergleicht Paul Hawken (1993) unsere derzeitige Weltwirtschaft mit der ersten Ausbreitung von Unkraut. Auf Feldern, die gerade erst abgeerntet worden sind, wachsen die Pflanzen um die Wette, um den Boden so schnell wie möglich zu bedecken. Es wird viel Energie vergeudet, und die Artenvielfalt ist gering. Die Pflanzen, die man in solchen Biotopen findet, sind im Allgemeinen nicht sehr nützlich für andere Arten, auch nicht für die Menschen. Im Gegensatz dazu weisen die Ökosysteme mit der größten Artenvielfalt das größte Entwicklungspotenzial auf, wie zum Beispiel alte Waldbestände und Korallenriffe. In ähnlicher Weise vernachlässigt unsere Weltwirtschaft in ihrem wahnhaften Drang nach ungezügeltem Wachstum und nach Ausdehnung andere, wichtigere Eigenschaften wie etwa Komplexität, Kooperation, Bewahrung und Vielfalt. Es ist ein unreifes System.
Analog dazu kann man dies auch auf das Wachstum einer globalen Monokultur anwenden. Letztlich stellt der Verlust der kulturellen Vielfalt für die Gemeinschaft der Menschen ebenso eine Bedrohung dar, wie der Verlust der Vielfalt an Ökosystemen unseren Planeten insgesamt gefährdet. Wir ersetzen ein vielfältiges „Ökosystem von Kulturen“ durch eine Monokultur, die sich wie Unkraut verhält, rasch wächst, doch von geringem Nutzen ist. Schlimmer noch: Die sich ausbreitende Unkrautkultur enthält ein tödliches Gen, genauso wie eine gentechnisch veränderte Baumwollart das Pestizid Bt produziert, und damit wird es in vieler Hinsicht zum Gegenspieler des Lebens selbst.
Macht als Herrschaft
Im Zentrum der globalen Krankheit, die die Welt befallen hat, steht eine Auffassung von Macht als Herrschaft. Um sich auf der ganzen Welt durchzusetzen, hat der Kapitalismus (und sein Vorläufer, der Merkantilismus) Zwang ausgeübt, zunächst in Form des Kolonialismus. Zwischen 1500 und 1800 eroberten oder unterwarfen europäische Mächte den Großteil der Welt ihrer Herrschaft. Ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch begannen sich die Menschen in den betreffenden Regionen gegen diese Herrschaft aufzulehnen. Dieser Prozess nahm vor allem in Lateinamerika seinen Anfang. Während die hauptsächlich von der Mittelklasse getragenen Unabhängigkeitsbewegungen selten bedeutende Veränderungen für die ärmsten Bevölkerungsschichten bewirkten, zwangen diese Kämpfe die Hegemonialmächte dazu, ihre Strategie zu ändern. Gegen Ende der 1960er-Jahre war der traditionelle Kolonialismus, der sich auf direkte politische Gewalt stützte, fast vollständig von einem wirtschaftlichen Neokolonialismus ersetzt worden. In den letzten Jahren haben transnationale Konzerne (in Zusammenarbeit mit den Ländern, die ihnen politisch als Handlanger dienen) ihre Kontrolle ausgedehnt: zuerst mithilfe der Strukturanpassungsmaßnahmen und in jüngerer Zeit durch einen „liberalisierten“ Handel und Investitionsabkommen, die die Kontrolle durch die Einheimischen und die Souveränität der Bürger zunichte machen, aber gleichzeitig die Rechte der ausbeutenden wirtschaftlichen Kräfte, insbesondere der großen Konzerne, garantieren.
Diese wirtschaftlichen Waffen sind wirksame Herrschaftsinstrumente, doch sie werden auch durch die Drohung mit Waffengewalt gestärkt. Militärausgaben verschlingen immer noch einen großen Teil der weltweiten Ressourcen. Dem SIPRI (Stockholmer internationales Friedensforschungsinstitut) zufolge haben die Regierungen der Welt im Jahr 2007 1,3 Billionen US-Dollar (das entspricht 2,5 % des weltweiten BIP) zur Unterstützung des Militärs ausgegeben. Was vielleicht noch wichtiger ist: Viele der intelligentesten und talentiertesten Köpfe der Welt sind immer noch mit militärischer Forschung befasst. Was könnte alles passieren, wenn man diese Ressourcen zur Lösung der dringendsten Probleme der Welt einsetzen würde! Der Krieg zerstört ebenfalls nach wie vor Leben und Gemeinschaften, besonders in internen Konflikten, die oft mit den Problemen der Armut, der Ressourcenknappheit und den Interessen großer Konzerne zusammenhängen. Auch die Bedrohung durch Atomwaffen ist nach wie vor sehr real. Es gibt auf der Welt immer noch etwa 12.000 nukleare Sprengköpfe. Das ist genug, um die Erde mehrfach zu zerstören.
Für viele Menschen auf der Welt stellen Krieg und militärische Unterdrückung also reale und aktuelle Bedrohungen dar. In den letzten Jahren ist das im Zuge der Konflikte, repressiven Taktiken und Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem sogenannten Krieg gegen den Terror immer klarer geworden. Eine Person oder eine Gruppe mit dem Etikett „Terrorist“ zu versehen kommt immer mehr einer Lizenz für Gefangennahme auf unbestimmte Zeit, Folter und sogar Ermordung gleich.
In einem allgemeineren Sinne beherrschen militärische Metaphern weiterhin den gesamten Krankheitszustand des Planeten. Wir denken eher in Kategorien wie „eine Krankheit besiegen“ und nicht „das Wohlbefinden fördern“; wir sprechen vom „Überleben der an besten Angepassten“ oder sogar vom „Zerstöre oder werde zerstört“ und nicht so sehr von Kooperation und gegenseitiger Hilfe zum Überleben. Wir sehen Herrschaft als etwas irgendwie Natürliches oder Unvermeidliches an, ob es nun um die Herrschaft der Reichen über die Armen, der Männer über die Frauen, eines Landes über ein anderes oder der Menschen über die Natur geht.
Vielleicht ist es deshalb nicht überraschend, dass die Menschen nun versuchen, mittels Genmanipulation den Prozess des Lebens selbst zu beherrschen. Andere Techniken könnten die Herrschaftsgewalt noch vergrößern, insbesondere Roboter und die Nanotechnologie. Letztere könnte sich selbst reproduzierende Maschinen hervorbringen, die nur wenig größer als ein Molekül sind und lebende Organismen nachahmen. Bill Joy warnt davor, dass all diese Technologien das Potenzial in sich tragen, Schaden in einem unvorhergesehenen Ausmaß anzurichten. Im Gegensatz zu nuklearen Sprengköpfen benötigt man für diese Technologien keine Ausgangsmaterialien, die schwer zu beschaffen wären. Und sie können sich alle selbst reproduzieren. Schließlich werden sie alle von großen Konzernen entwickelt, und die Regierungen der Länder üben dabei kaum Kontrolle aus. Deshalb sind sie weit von einer Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit entfernt.
Die Gefahr, die von diesen neuen Technologien ausgeht, ist sehr real. Gene aus gentechnisch veränderten Feldfrüchten haben sich bereits auf andere Pflanzen, ja sogar andere Arten übertragen. Mikroskopische „Nano-Einheiten“ könnten sich selbst reproduzieren und damit zum Beispiel die Möglichkeit eröffnen, dass Mikromaschinen geschaffen werden könnten, die die Erde bedecken, aufzehren und sie so in Staub verwandeln oder die systematisch für das Leben auf dem Planeten wesentliche Bakterien vernichten. Wenn die künstliche Intelligenz weitere Fortschritte macht, dann könnten sich auch Roboter selbst reproduzieren und in Zukunft die Menschen ersetzen.
Auf den ersten Blick kommen einem solche Zukunftsszenarien wie reine Science-Fiction vor. Doch es gibt gute Gründe für die Annahme, dass diese Technologien noch zu Lebzeiten von vielen von uns Wirklichkeit werden. Und der Geist der Gentechnik ist bereits aus der Flasche entwichen. Joy stellt fest:
„Die neuen Büchsen der Pandora der Gentechnik, der Nanotechnologie und der Roboter sind fast geöffnet, doch wir scheinen es kaum bemerkt zu haben […]. Wir werden in dieses neue Jahrhundert ohne Plan, ohne Kontrolle und ohne Bremsen hineingeschleudert. Sind wir bereits zu weit gegangen, um die Richtung noch zu ändern? Ich glaube nicht, aber wir haben es noch nicht versucht, und die letzte Chance, die Kontrolle zu erlangen, die letzte Sicherheitsschleuse, kommt rasch näher. Wir haben bereits unsere ersten Roboter als Haustiere, es gibt im Handel zu erwerbende Techniken der Genmanipulation und die Nanotechnologien entwickeln sich rasch. Während die Entwicklung dieser Technologien durch eine Reihe von kleinen Schritten voranschreitet, […] kann der Durchbruch zur Selbstreproduktion der Roboter, der Genmanipulation oder der Nanotechnologie plötzlich kommen und dasselbe Gefühl der Überraschung auslösen, das wir hatten, als wir vom ersten geklonten Säugetier erfuhren.“ (Joy 2000; http://www.wired.com/wired/archive/8.04/joy.html)
Die Kräfte der Menschen scheinen viel schneller zuzunehmen als ihre Weisheit. Joy glaubt daran, dass es immer noch Gründe zur Hoffnung gibt. Er macht darauf aufmerksam, dass die Menschheit in der Lage war, auf chemische und biologische Waffen zu verzichten, weil sie dessen gewahr wurde, dass sie einfach zu schrecklich und zu zerstörerisch sind, um jemals zum Einsatz zu kommen. Können wir auch auf das Wissen und die Macht verzichten, die mit diesen neuen Technologien verbunden sind, oder können wir zumindest im Sinne des Vorsorgeprinzips strenge Sicherheitsauflagen für sie verhängen? Letztlich wird dies vielleicht davon abhängen, ob die Menschheit – und insbesondere diejenigen, die innerhalb des über unseren Planeten herrschenden krankhaften Systems den meisten Einfluss haben ‒, bereit ist, sich vom Streben nach immer mehr Macht, Kontrolle und Herrschaft abzuwenden.
Von der Krankheit zur Gesundheit
Ist es wirklich möglich, den pathologischen Kurs zu ändern und stattdessen einen Weg einzuschlagen, der zu Genesung und Leben führt? Auf den ersten Blick erscheinen allein das Ausmaß und die offensichtliche Macht der globalen (Un-)Ordnung als schier unüberwindlich. Darüber hinaus bringen uns der Wahnsinn und die grundlegende Irrationalität dieser „Ordnung“ dazu, eine solche Möglichkeit zu leugnen (Wie könnte dies denn tatsächlich geschehen?) oder zu verzweifeln (Wie kann dies je aufgehalten werden?).
Paradoxerweise aber könnte gerade diese Irrationalität ein Zeichen der Hoffnung sein. Die weltweit herrschenden wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Systeme versuchen uns ständig davon zu überzeugen, dass diese Art von „Globalisierung“ auf der Basis „freier Märkte“, von Finanzspekulation, Deregulierung, Konzernherrschaft und grenzenlosem Wachstum in gewissem Sinne unvermeidlich ist. Es gibt keinen anderen Weg. Wir mögen kleinere Kurskorrekturen vornehmen können, doch ein grundsätzlicher Richtungswechsel ist unmöglich. Doch ein System, das so krankhaft und irrational ist wie die gegenwärtige (Un-)Ordnung, ist eindeutig nicht alternativlos. Es ist ein künstliches und der Logik widerstrebendes Konstrukt, das sich im Widerspruch zu Milliarden von Jahren der Entwicklung des Kosmos und der Erde befindet.
Zugrunde liegende Annahmen und Überzeugungen
„Wenn sich die Menschen als Einzelwesen der Forderung ihrer elementaren Triebe unterwerfen, also den Schmerz vermeiden und nur nach eigener Befriedigung trachten, dann wird sich für die Allgemeinheit ein Zustand der Unsicherheit, der Furcht und des gemeinsamen Elends ergeben.“ (Einstein 1952, 21)
Um dies deutlicher zu sehen, wollen wir uns einen Moment Zeit nehmen, um die zugrunde liegenden Annahmen und Überzeugungen näher anzuschauen, die die gegenwärtige Krankheit der Welt zuinnerst prägen. Dann wollen wir sie mit dem konfrontieren, was wir „ökologischen Hausverstand“ oder auch eine Denkweise nennen könnten, die die Weisheit des Tao zum Ausdruck bringt.
Zunächst ist das herrschende System besessen von der Idee des quantitativen, undifferenzierten und grenzenlosen „Wachstums“, wie es im Zerrspiegel des BIP erscheint. Ein wachsender „Durchsatz“ (die Rate des Ressourcenverbrauchs) wird als ein Zeichen von Gesundheit betrachtet, selbst dann, wenn dabei die Natur ausgeplündert wird und die Armut sich im Prozess der Fehlentwicklung verschärft. Gleichzeitig versucht eine von Monokultur geprägte Mentalität eine einzige Kultur und ein einziges Wirtschaftsmodell auf dem ganzen Planeten durchzusetzen. Das Ergebnis sind unreife „Unkraut“-Gesellschaften mit einem hohen Energieverbrauch und einer geringen Artenvielfalt.
Im Gegensatz dazu weisen gesunde Ökosysteme viel stabilere Eigenschaften auf. Sie sind das, was Herman Daly „Ökonomien des stabilen Gleichgewichts“ („steady state economies“) nennt. Das heißt nicht, dass keine Veränderung möglich oder nicht wünschenswert wäre; alle Ökosysteme entwickeln sich im Laufe der Zeit. Doch die Veränderung ist in erster Linie qualitativer Natur, sie besteht in einem Wachstum an Vielfalt, die tatsächlich zu einer noch größeren Stabilität des Systems durch die Zeit hindurch führt. Des Weiteren gibt es eine Fülle verschiedener Ökosysteme, von denen jedes in einzigartiger Weise an ein bestimmtes Klima und eine bestimmte geografische Region angepasst ist. Das Tao ist in der Vielfalt, der Ausdifferenzierung und der Stabilität zu finden, nicht in einer krebsartigen Wucherung einer Monokultur.
Zweitens räumt die herrschende globale (Un-)Ordnung dem Begriff „Gewinn“ oder Profit um jeden Preis den Vorrang ein. Das System ist auf einen kurzfristigen Gewinn fixiert und stellt diesen über langfristige Nachhaltigkeit. Seine Priorität ist der Profit für wenige zulasten der vielen. Oftmals sind die Aktivitäten, die den größten „Profit“ hervorbringen, gleichzeitig auch diejenigen, die die Lebensqualität untergraben. Und umgekehrt werden Tätigkeiten, die das Leben tatsächlich dauerhaft erhalten und fördern, als „unwirtschaftlich“ betrachtet. „Gewinn“ wird nur ausgehend von finanziellen Kategorien definiert. Das Geld wird als „der einzige Maßstab für Wert und Reichtum“ aufgefasst, selbst wenn die Qualität und Vielfalt des Lebens im Zuge der Akkumulation leblosen Kapitals untergraben wird.
Vom Standpunkt der Ökosysteme aus gesehen ist Geld schlicht und einfach eine Abstraktion, die geschaffen wurde, um den Tausch zu erleichtern. Es hat keinen Wert an sich. (Was wäre denn der Wert des Geldes, wenn keine gesunde Nahrung, keine saubere Luft und kein sauberes Wasser mehr übrig wären, die man kaufen könnte?) Lediglich die Gesundheit und Vielfalt des Netzes des Lebens selbst haben einen realen Wert. Tätigkeiten, die dies untergraben – dazu gehört die Zerstörung von Leben um der Kapitalakkumulation willen ‒, sind ein Übel und keineswegs gut. Jede Tätigkeit wird letztlich an ihrem langfristigen, dauerhaften Wert gemessen. Ein kurzfristiger Gewinn auf Kosten eines langfristigen Wohlbefindens ist überhaupt kein Gewinn, ganz im Gegenteil: Er stellt einen Verlust dar. Das Tao aber hegt Wertschätzung für das Leben und schaut auf das, was für die siebte Generation – und darüber hinaus – gut ist.
Drittens sorgt die (Un-)Ordnung des herrschenden Systems dafür, dass sich Macht und Reichtum in den Händen der Konzerne als „Super-Personen“ konzentrieren. Das sind künstliche Gebilde, die sich der Verantwortung gegenüber der umfassenderen Gemeinschaft entziehen, innerhalb derer sie tätig sind. Macht wird grundsätzlich als Herrschaft verstanden und entsprechend ausgeübt. Der Wettbewerb wird als der Motor von Veränderung und Fortschritt betrachtet (auch wenn große Konzerne zugleich versuchen, den Wettbewerb dadurch zu verhindern, dass sie Märkte und Macht monopolisieren).
Vom Standpunkt der Ökosysteme aus betrachtet, dient der Reichtum dann am besten der Gemeinschaft, wenn er so umfassend wie möglich geteilt wird. Die Macht wird so dezentralisiert; in einem gesunden Ökosystem dominiert keine der einzelnen Arten. Es gibt sehr wohl die Dynamik des Wettbewerbs, doch grundlegender als dieser sind das Zusammenwirken und die wechselseitige Abhängigkeit voneinander. Vom Gesichtspunkt der Ökosysteme betrachtet, ist eine Art, die sich über ihre natürlichen Schranken hinaus auszubreiten beginnt, krank und Krebszellen in einem Körper zu vergleichen. Arten, die ihre jeweilige ökologische Nische über vernünftige Grenzen hinaus erweitern, werden zwangsläufig ihre Nahrungsgrundlage aufzehren und so einen Zusammenbruch der Population herbeiführen. Das Tao achtet auf das Gleichgewicht und die wechselseitige Abhängigkeit, die es allen Arten und allen Menschen ermöglicht, in Harmonie miteinander zu leben.
Ökologisch gesehen hat also die (Un-)Ordnung, die unseren Planeten zurzeit beherrscht, nichts Logisches oder Natürliches an sich. Sie befindet sich ganz und gar nicht mit dem Tao im Einklang. In ähnlicher Weise scheint das herrschende System auch unter dem Gesichtspunkt einer menschlichen Ethik oder menschlicher Werte irrational zu sein. David Korten (1995) fasst einige der Grundannahmen über das Verhalten der Menschen zusammen, die in der derzeit herrschenden Ideologie enthalten sind:
1 1. Menschen werden grundsätzlich von Gier und Eigeninteresse angetrieben, die sich insbesondere im Wunsch nach finanziellem Gewinn ausdrücken.
2 2. Der Fortschritt und der Wohlstand des Menschen werden am besten am Maßstab wachsenden Konsums gemessen. Das bedeutet, dass wir unser Menschsein im Erwerbsstreben verwirklichen.
3 3. Konkurrenzverhalten (und damit der Wunsch, andere zu beherrschen) ist für die Gesellschaft vorteilhafter als Kooperation.
4 4. Die Tätigkeiten, welche den größten finanziellen Ertrag bringen, sind für die Gesellschaft – und die umfassendere Gemeinschaft des Lebens als ganzer – am nützlichsten. Gier und Erwerbsstreben werden letztlich zu einer optimalen Welt führen. (Korten 1995, 70–71)
In dieser deutlichen und unverhohlenen Form würden in der Tat nur wenige Menschen diesen Grundannahmen zustimmen. Sie stehen bestimmt im Widerspruch zu fast jeder Religion und Philosophie innerhalb der Tradition der Menschheit. Das Tao Te King etwa hält fest:
„Diejenigen, die erkennen, dass sie genug haben,
sind wirklich reich.“ (§ 53)
Selbst Adam Smith, der gemeinhin als der Leitstern für Kapitalismus und „freie Marktwirtschaft“ gilt, hätte dieser Karikatur eines Wertesystems heftig widersprochen. Smith hielt Sympathie (oder Mitleid), und keineswegs Wettbewerb oder Gier für die wesentliche Eigenschaft der Menschheit. Tugend umfasst seiner Definition zufolge drei Elemente: Anstand, Klugheit (ein berechtigtes Streben nach Eigeninteresse) und Wohltätigkeit (das Glück anderer befördern) (Saul 1995, 159).
Eine neue Perspektive einnehmen
Wie können wir aus diesem verzerrten Koordinatensystem ausbrechen, das unsere Werte in Antiwerte verkehrt? Und wie können wir praktisch den Übergang von unserem System, das auf Chrematistik, Monokultur und Herrschaft beruht, zu einer oikonomia schaffen, das heißt einer Art, sich um den Haushalt der Erde, unserer Heimat, zu kümmern? Wie kann es uns gelingen, eine Welt zu schaffen, in der die Menschheit innerhalb der ökologischen Schranken des Planeten lebt und gleichzeitig die ungeheuren Ungerechtigkeiten zwischen Arm und Reich beseitigt?
Wenn wir uns diese Fragen stellen, ist es hilfreich, sich darauf zu besinnen, dass die herrschende globale (Un-)Ordnung in keinerlei Hinsicht völlig den Sieg errungen hat. Immer noch gibt es auf der Welt eine große kulturelle Vielfalt. Und es gibt überall auf der Welt eine Menge Widerstandsnester gegen die gleichmacherischen Trends. Es gibt sie, und sie wehren sich nach wie vor. Das gilt in besonderer Weise für diejenigen, die vom herrschenden System am meisten ausgegrenzt und unterdrückt werden: die Frauen, indigene Völker und Menschen, die innerhalb von Subsistenzwirtschaften leben. Doch selbst für Bereiche nahe am „Zentrum“ der herrschenden Macht gilt dies. Allenthalben gibt es Gemeinschaften, die nach Alternativen zur sich weltweit durchsetzenden Wirtschaft und Kultur suchen. Überall bilden sich Bewegungen heraus, die sich der Durchsetzung des Hegemonialsystems widersetzen und eine neue Ordnung auf der Grundlage von Gleichheit, Gerechtigkeit, Stärkung der eigenen Fähigkeiten und ökologischer Gesundheit schaffen wollen. Überall gibt es Menschen und Organisationen, die eine innovative Politik und schöpferische Technologien entwerfen. Nichts an der derzeitigen (Un-)Ordnung ist unvermeidlich: Wir können immer noch einen anderen Weg einschlagen, einen Weg, der uns zur Großen Wende führt, und in der Tat entschließen sich viele Menschen genau dazu.
Korten zufolge haben wir die Wahl zwischen dem, was er „Imperium“ nennt – das derzeit herrschende weltweite Herrschaftssystem oder das, was Macy und Brown als die „Industrielle Wachstumsgesellschaft“ bezeichnen ‒, und der Erdgemeinschaft, das heißt einer Ordnung auf der Grundlage der Prinzipien einer nachhaltigen Gemeinschaft, die für unsere Heimat Sorge trägt, eine wirkliche oikonomia. Der Gegensatz hinsichtlich der Grundannahmen und Werte zwischen den beiden Alternativen kann folgendermaßen (in Anlehnung an Korten 2006, 32) dargestellt werden:
| Imperium (Industrielle Wachstumsgesellschaft) | Erdgemeinschaft (Oikonomia) |
| Das Leben ist feindselig und von Konkurrenz geprägt | Das Leben ist von gegenseitiger Unterstützung und Kooperation geprägt |
| Die Menschen haben Defekte und sind gefährlich | Die Menschen haben viele Möglichkeiten |
| Ordnung durch Hierarchie der Beherrschung | Ordnung durch Partnerschaft |
| Bewähre dich im Konkurrenzkampf oder stirb | Kooperiere und lebe |
| Liebe die Macht | Liebe das Leben |
| Verteidige deine Rechte | Verteidige die Rechte aller/Verantwortung füreinander |
| Das Männliche dominiert | Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern |
Im Gegensatz zur derzeitigen krankhaften Ökonomie, die die finanzielle „Hyper-Ökonomie“ über alles andere stellt und das Nichtmenschliche sowie Subsistenzwirtschaften einfach ignoriert, anerkennt dieses Modell, dass die nichtmenschliche Ökonomie an erster Stelle kommt. Dann kommt die menschliche Tätigkeit, die der Erhaltung des Lebens dient, wie etwa die Kindererziehung und die Subsistenzlandwirtschaft (beides wird gegenwärtig weigehend von Frauen ohne Bezahlung geleistet). Dies wird als die Grundlage für alle weiteren wirtschaftlichen Aktivitäten des Menschen betrachtet. Dann kommt der Beitrag des öffentlichen Sektors und der Sozialökonomie. Dazu gehören viele Tätigkeiten von Volksbewegungen und Nichtregierungsorganisationen. Zum Schluss kommen der private Sektor (dazu zählen Genossenschaften, kleine Unternehmen und auch größere Konzerne) und der Finanzsektor (er soll den anderen Schichten dienen, doch er hat an sich nicht viel Substanz).
Der Grundgedanke dieses Modells ist es, die herrschende Ökonomie vom Kopf auf die Füße zu stellen. Anstelle einer Wirtschaft, die vom Finanzsektor und den Konzernen beherrscht ist und Leben aus den darunter liegenden Schichten saugt, sind der Finanzsektor und das Unternehmertum dazu da, der umfassenderen Gemeinschaft zu dienen. Die Gemeinschaft der Menschen wiederum trägt ihrer Abhängigkeit von der umfassenderen Erdgemeinschaft Rechnung und ist sich dessen bewusst, dass das Ökosystem die Grundlage allen Lebens und aller menschlichen Tätigkeiten ist. Allgemein gesprochen, wird ein ökonomischer Wert daran gemessen, inwiefern eine Tätigkeit zu gesunden Beziehungen und zur Erhaltung des Lebens beiträgt, und nicht am finanziellen Ertrag.
Praktisch gibt es viele Arten von Politik, die uns zu dieser Art einer erneuerten Praxis der oikonomia hinführen können. Die derzeitige Pathologie verstetigt sich selbst weitgehend dadurch, dass sie Tätigkeiten belohnt, die Schaden anrichten und zugleich die wahren Kosten der Zerstörung verschleiern. Es ist nicht schwer, sich politische Maßnahmen vorzustellen, die das Gegenteil bewirken, zum Beispiel:
– Unsere Wirtschaftsindikatoren im Sinne des oben erwähnten „echten Fortschrittsindex“ reformieren, damit der Verbrauch von natürlichem Kapital als Kostenfaktor sichtbar wird und nicht als Einkommen gewertet wird. Gleichzeitig kann man den alternativen Index heranziehen, um den Wert von nichtbezahlten menschlichen Tätigkeiten und den Beitrag des Ökosystems zur Erhaltung des Lebens abzubilden.
– Arbeit und Einkommen weniger besteuern, im Gegenzug aber den Ressourcen“durchsatz“ stärker besteuern. Im Allgemeinen tragen die Arbeiter die Hauptlast der Steuern. „Grüne“ Steuern wären eine viel sinnvollere Alternative. Einerseits sollten Energie, Wasserverbrauch in der Industrie, Verschmutzung, Pestizide und verschwenderische Verpackung besteuert werden, um einen Ansporn zur Erhaltung zu geben und schädliche Produktion zu vermeiden. Auf der anderen Seite sollte erneuerbare Energie, öffentlicher Transport, ökologischer Landbau und Techniken, die der Erhaltung dienen, subventioniert werden, um sie zu fördern. Auch eine geringe Besteuerung von Finanztransaktionen (sie wird oft auch nach dem Wirtschaftswissenschaftler, der diese Idee zuerst äußerte, als Tobin-Steuer bezeichnet) würde die Spekulation in hohem Maß eindämmen und gleichzeitig die finanziellen Mittel bereitstellen, um die Armut zu bekämpfen, Schulden zu streichen und Umweltschäden zu beheben.
– Die Schulden der ärmsten Länder streichen und Wege finden, wie man die Schulden der Länder mit „mittlerem Einkommen“ verringern und tilgen kann. Wie wir gesehen haben, stellen die Verschuldung und die mit ihr einhergehenden Strukturanpassungsmaßnahmen einen entscheidenden Hebel für eine fehlgeleitete Entwicklung dar. Viele der Schulden, um die es hier geht, sind bereits mehrfach wieder zurückgezahlt worden (und viele waren von Anfang an ungerecht oder illegitim). Wenn man bloß Geld von den Militärausgaben abzweigt oder eine Finanztransaktionssteuer einführt, wäre das wahrscheinlich bereits mehr als genug, um die Armen von ihrer Schuldenlast zu befreien.
– Mithilfe einer Reihe von Maßnahmen die Macht der Konzerne beschränken: Spenden von Konzernen an politische Parteien verbieten; die juridische Fiktion beseitigen, derzufolge Konzerne „Personen“ sind, die mit Rechten wie etwa dem der freien Meinungsäußerung und der politischen Teilhabe ausgestattet sind; Aktionäre gesetzlich haftbar machen für die Schäden, die von Konzernen verursacht werden, und auf diese Weise ethisches Investment fördern; Bedingungen definieren, unter denen einem Konzern die Geschäftsgrundlage entzogen werden kann, wenn er etwa wiederholt gegen Umweltgesetze verstößt, Beschäftigte schädigt oder in kriminelle Machenschaften verstrickt ist.
Es fehlt nicht an guten Ideen im Bereich von Politik und Technik, die uns in die Lage versetzen könnten, eine nachhaltige und gerechtere Zukunft zu schaffen. Und es fehlt auch nicht an ökonomischen Ressourcen. Paul Hawken bemerkt:
„Die USA und die damalige UdSSR gaben mehr als zehn Billionen US-Dollar für den Kalten Krieg aus. Das ist genug Geld, um die Infrastruktur der Welt komplett zu ersetzen: jede Schule, jedes Krankenhaus, jede Straße, jedes Gebäude und jeden landwirtschaftlichen Betrieb. Anders ausgedrückt: Wir kauften und verkauften die gesamte Welt, um eine politische Bewegung zu bekämpfen. Jetzt zu behaupten, wir verfügten nicht über die Ressourcen, um eine neue Wirtschaft aufzubauen, ist absurd. Denn die Bedrohungen, mit denen wir heute konfrontiert sind, werden jetzt schon Realität, während sich die Bedrohungen der nuklearen Pattsituation nach dem Krieg auf die Möglichkeit von Zerstörung bezogen.“ (1993, 58)
Was ist also wirklich nötig, damit die Große Wende stattfinden kann? Wie können wir auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Befreiung der Menschheit und der Erde selbst vorankommen? Wir müssen einen Begriff davon bekommen, dass der jetzige Zustand der Dinge alles andere als unvermeidlich ist, dass er von Grund auf irrational und krankhaft ist. Um dieses Verständnis zu erlangen, müssen wir selbst den ersten Schritt tun. Der nächste Schritt wird dann darin bestehen, den Ursprung einiger Glaubenssätze, Haltungen, Sichtweisen und Praktiken zu verstehen, die dem derzeitigen System zugrunde liegen.
4 Die hier angegebenen Zeiträume des kosmischen Jahrhunderts stützen sich auf die Zeittafel aus dem Buch von Swimme/Berry, Die Autobiographie des Universums (1999), 275–283. Eine jüngere Schätzung geht davon aus, dass der Kosmos vor 13,73 Milliarden Jahren entstand.
5 Entsprechend umfasst ein kosmischer Monat 12,5 Millionen Jahre, ein kosmischer Tag 411.000 Jahre, eine kosmische Stunde etwa 17.000 Jahre, eine kosmische Minute ca. 285 Jahre und eine kosmische Sekunde 4,75 Jahre.
6 Die statistischen Angaben in diesem Abschnitt entstammen mehreren Quellen: Sale 1985; Nickerson 1993; Ayers 1998; Berichte des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) 2001; des Worldwatch Institute (1991; 1994; 1997; 2000 und 2005); des International Fund for Agricultural Development (2006).
7 Um die Größenordnung dieser Veränderung deutlich zu machen: Die Erde ist jetzt um 5 bis 7 Grad Celsius wärmer als zur Hälfte der letzten Eiszeit.
8 Der Entwicklungsbericht des UNDP (United Nations Development Programme) aus dem Jahr 1992 schätzte, dass die Kluft zwischen den reichsten 20 % und den ärmsten 20 % der Länder dem Verhältnis von 60 : 1 entsprach. Diese Zahlen beruhen auf einem landesweiten Durchschnittswert. Doch wenn man die tatsächlichen individuellen Einkommen betrachtet, entspricht die Kluft einem Verhältnis von 150 : 1 (Athanasiou 1996). Im Jahr 2005 bezifferte das UNDP die Kluft ausgehend vom Durchschnitt der Länder auf 82 : 1. Dies lässt es als wahrscheinlich erscheinen, dass die Kluft bezogen auf die individuellen Realeinkommen einem Verhältnis von 200 : 1 entspricht.
9 Die statistischen Angaben stammen aus Milanovic 1999, 2. Die Verteilung der Einkommen ist seit dem Erstellen dieser Statistik noch ungleicher geworden.
10 Es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, die systeminhärente Erkrankung, die derzeit unseren Planeten beherrscht, zu benennen. In diesem Buch werden wir hauptsächlich den Ausdruck (Un-)Ordnung benutzen, um ein System oder eine „Ordnung“ zu bezeichnen, das von Grund auf krankhaft ist. Es ist im Wesentlichen ein System, das einer Krankheit wie dem Krebs vergleichbar ist. Andere wie etwa David Korten und einige ökumenische Organisationen beschreiben diese (Un-)Ordnung mit dem Terminus „Imperium“. Korten zum Beispiel definiert Imperium als „die hierarchische Organisation menschlicher Beziehungen auf der Grundlage des Prinzips der Beherrschung. Die Mentalität des Imperiums beinhaltet materiellen Überfluss für die herrschenden Klassen, Verehrung für die beherrschende Kraft von Tod und Gewalt, Verleugnung des weiblichen Prinzips und Unterdrückung der Wahrnehmung des Potenzials menschlicher Reife“ (2006, 20). In ähnlicher Weise definiert der Weltbund der Reformierten Kirchen Imperium als „die Verbindung von wirtschaftlichen, politischen, kulturellen, geografischen und militärischen imperialen Interessen, Systemen und Netzwerken, die die politische Macht und den wirtschaftlichen Reichtum beherrschen wollen. Es ist bezeichnend für das Imperium, dass es den Fluss von Reichtum und Macht von den verwundbaren Menschen, Gemeinden und Ländern zu den mächtigeren erzwingt oder erleichtert. Heute sprengt das Imperium alle Beschränkungen, es zerstört Identitäten und bildet sie neu, es untergräbt Kulturen, unterwirft Nationen und Staaten und grenzt Religionsgemeinschaften entweder aus oder vereinnahmt sie.“ Ein Vorteil der Benutzung des Ausdrucks „Imperium“ ist es, dass er das gegenwärtige System klar mit einem Gesellschafsmodell in Verbindung bringt, das grob gesprochen vor fünftausend Jahren seinen Anfang nahm und den Einsatz militärischer Gewalt mit einschließt. Andererseits weist die moderne Form des Imperiums spezifische Charakterzüge auf, die bei den meisten, die das Wort hören, nicht immer assoziiert werden. Das trifft insbesondere für seine geradezu besessene Zerstörung der lebenden Systeme der Erde zu. Eine dritte Weise, die Krankheit des Systems zu benennen, ist der Ausdruck „Industrielles Wachstumssystem“. Er stammt vom norwegischen Ökophilosophen Sigmund Kwaloy und betont die Abhängigkeit des Systems von einem stets wachsenden Ressourcenverbrauch ebenso wie eine Mentalität, welche die Erde als „Lagerhaus und Kloake gleichermaßen“ betrachtet. (Macy/Brown 1998). Letztlich haben alle drei Termini ihre Berechtigung, sie ergänzen einander und sind hilfreich. Sie werden mehrmals in diesem Buch benutzt, ebenso wie andere Ausdrücke wie zum Beispiel „globaler Kapitalismus der Konzernherrschaft“.
11 Viele der statistischen Daten in diesem Abschnitt sind entnommen aus Brown 1991 und Sale 1985, wobei Aktualisierungen anhand des Berichts des World Watch Institute von 2007, anhand von Suzuki/McConnel 1997 und weiterer Quellen wie etwa der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO) vorgenommen wurden.
12 Und einigen Schätzungen zufolge beträgt der durchschnittliche ökologische Fußabdruck 3,1 Hektar. Vgl. z. B.: http://www.nationmaster/graph/env_eco-foo-environment-ecological-footprint.
13 Ein älterer, leicht davon abweichender Indikator ist das Bruttonationalprodukt (BNP). Es teilt mit dem BIP grundsätzlich die gleichen Beschränkungen.
14 Die deutsche Übersetzung dieses Buches von Vandana Shiva ist eine gekürzte Fassung. Deshalb finden sich viele Zitate nicht in dieser deutschen Ausgabe und müssen aus dem englischen Original rückübersetzt werden. Die Quellenangabe verweist jeweils auf die deutsche oder englische Fassung (Shiva 1989 a bzw. b); d. Übers.
15 Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie diese Forderungen wahrhaft groteske Ausmaße annehmen können, findet sich in einem Artikel des venezolanischen Forschers Luis Britto García (1990) in Form eines fiktiven Briefes eines Indiohäuptlings namens Guaicaipuro Cuautémoc an die politischen Lenker Europas. Der Brief zeigt auf: Wenn Europa versuchen würde, den „freundlichen Kredit“ von 185.000 kg Gold und 16 Millionen kg Silber, den es vor mehr als dreihundert Jahren von den amerikanischen Völkern erhalten hat, zu „marktüblichen“ Zinsen zurückzuzahlen, dann würde Europa als erste Abzahlung 185.000 kg Gold und 16 Millionen kg Silber zur 300. Potenz (also hoch 300) schulden. Das kommt einer Zahl gleich, die mehr als 300 Ziffern umfasst, und das Gewicht würde das des Planeten Erde deutlich übertreffen. Die 300. Potenz scheint eine Übertreibung zu sein, doch es stimmt, dass bei einem Zinssatz von 13,5 % die Menge an Gold und Silber, die erforderlich ist, um die Schuld nach 300 Jahren zurückzuzahlen, das Gewicht der Erde übertreffen würde.
16 Glücklicherweise wurde nach einem Rechtsstreit das Patent auf den Neembaum jetzt zurückgewiesen und der Patentanspruch auf Basmati-Reis eingeschränkt. Das ist allerdings weitgehend darauf zurückzuführen, dass diese Beispiele durch viele Publikationen öffentliche Aufmerksamkeit erregten. Leider werden viele solcher Patente der Öffentlichkeit niemals bekannt.
3. Jenseits der Herrschaft
Das Tao des Himmels ist wie ein Bogen:
Es drückt das Hohe hinab und hebt das Niedrige empor.
Es nimmt von denen, die zu viel haben,
und gibt denen, die zu wenig haben.
Der meisten Menschen Weg verläuft umgekehrt:
Sie benutzen ihre Macht dazu, von dem zu nehmen, was zur Neige geht,
und von denen, die zu wenig haben,
um denen geben zu können, die zu viel haben.
Die Weisen, die dem Tao folgen, können immerfort geben,
denn sie bringen ohne Mühe Frucht.
Sie handeln, ohne etwas zu erwarten,
sie haben Erfolg, ohne das Verdienst für sich in Anspruch zu nehmen,
und sie haben es nicht nötig, irgendjemandem ihren Wert zu beweisen.
(Tao Te King, § 77)
Diejenigen, die andere in Einklang mit dem Tao leiten,
wenden keinen Zwang an, um andere zu unterwerfen,
und sie versuchen nicht, die Welt mit Waffengewalt zu beherrschen.
Denn jede Kraft hat ihre Gegenkraft,
Gewalt, selbst wenn in guter Absicht angewandt,
fällt auf einen selbst zurück.
(Tao Te King § 30)
Wie konnte ein System, das so irrational und zerstörerisch ist wie unsere gegenwärtige krankhafte (Un-)Ordnung, überhaupt entstehen? Der Ökopsychologe Theodore Roszak meint, dass unsere derzeitige ökologische und soziale Krise als „mehr als eine Anzahl von Irrtümern, Fehlkalkulationen und Fehlentscheidungen“ angesehen werden muss, „die durch etwas mehr Sachkenntnis am richtigen Ort leicht wieder ausgebügelt werden könnten“. Wie wir gesehen haben, sind die Werte, Grundüberzeugungen und Grundannahmen, die das innere Wesen der Herrschaftssysteme bilden, bereits in sich verkehrt: Sie gebären aus sich heraus eine Gewalt, die das Leben attackiert. Deshalb „ist nichts Geringeres notwendig als ein verändertes Bewusstsein, ein radikal neuer Begriff von Vernunft und geistig-seelischer Gesundheit, der die wissenschaftliche Rationalität entthront und die zentralen Paradigmen des industriellen Lebens [wir fügen hinzu: auch die Globalisierung unter der Herrschaft der Konzerne] an der Wurzel ausreißt“ (Roszak 1994, 319–320).
In diesem Abschnitt möchten wir die Perspektiven der Tiefenökologie und des Ökofeminismus erkunden; sie können uns helfen, die Grundüberzeugungen infrage zu stellen, die dem zugrunde liegen, was wir die „Ideologie der Herrschaft“ nennen können. Dann wollen wir von diesem Blickwinkel her die historische Entstehung dieser Ideologie betrachten und näher prüfen, wie sie innerhalb des derzeitigen globalen Kapitalismus Gestalt angenommen hat. Schließlich wollen wir die gewonnenen Einsichten dazu nutzen, um den Begriff der Macht selbst zu analysieren und ihn einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.
Tiefenökologie
Die Tiefenökologie beschäftigt sich wie andere ökologische Denkansätze auch mit der gegenwärtigen Zerstörung der Biosphäre der Erde und mit den Möglichkeiten einer Wiederherstellung der Lebenssysteme des Planeten. Doch sie geht deutlich über manche „oberflächlichen“ Formen ökologischen Denkens hinaus, welche die Leute dazu motivieren wollen, die „Umwelt“ zu retten, weil diese irgendwie nützlich für den Menschen sei. In der Sichtweise der Tiefenökologie haben andere Arten oder Ökosysteme einen Wert in sich, unabhängig vom Nutzen oder ästhetischen Wert für die Menschen. Die Tiefenökologie meint in der Tat, dass viele Arten des Engagements für die Umwelt insofern anthropozentrisch, d. h. auf den Menschen als Mittelpunkt ausgerichtet, sind, als sie die Welt immer noch so betrachten, als wären die Menschen der Maßstab aller Werte, die Spitze einer hierarchisch vorgestellten Schöpfung. Der Psychologe Warwick Fox bringt dies folgendermaßen zum Ausdruck: „Selbst viele von denen, die sehr direkt mit Umweltthemen zu tun haben, verfestigen weiterhin, wenn auch unwissentlich, die überhebliche Haltung, dass wir Menschen im Zentrum des kosmischen Dramas stünden, dass die Welt im Wesentlichen für uns gemacht wurde.“ (1990, 10–11)
Die Tiefenökologie stellt tatsächlich bereits die Vorstellung von einer „Umwelt“ unabhängig von der Menschheit infrage. Die Menschheit wird als ein Teil der Welt der Natur betrachtet, als ein Teil des umfassenderen „Netzes des Lebens“. Dies gilt sowohl für eine physikalische als auch für eine eher spirituelle oder psychologische Ebene. Wenn wir die Luft, das Wasser und den Boden vergiften, dann vergiften wir uns selbst. Wenn wir die Schönheit und Vielfalt der planetarischen Gemeinschaft verkommen lassen, dann machen wir auch unser Menschsein ärmer. Wendel Berry schreibt: „Die Welt, die uns umgibt, die um uns ist, ist auch in uns. Wir sind aus ihr gemacht; wir essen, trinken und atmen sie; sie ist Bein von unserem Bein und Fleisch von unserem Fleisch.“ (zitiert bei Hawken 1993, 215)
Die Tiefenökologie versucht, über die symptomatische Herangehensweise einiger Varianten des Umweltdenkens hinauszugehen und die tiefer liegenden Wurzeln der ökologischen Krise aufzuspüren: „Die Tiefenökologie erkennt, dass nichts weniger als eine vollständige Revolution in unserem Bewusstsein dauerhaft von Nutzen sein wird, um die Lebenssysteme unseres Planeten zu erhalten.“ (Seed et. al. 1988)
Das Bewusstsein revolutionieren
Und worin besteht nun diese „Revolution im Bewusstsein“? Arne Naess (1912–2009), von dem die Idee der Tiefenökologie ursprünglich stammt, behauptet, ihre beiden entscheidenden Elemente seien Selbstverwirklichung und biosphärische Gleichheit.17
Selbstverwirklichung behauptet, dass die Menschen mit der gesamten Ökosphäre zutiefst verbunden sind. Menschen stehen nicht neben oder über dem umfassenderen Netz des Lebens. Alle Organismen, auch die Menschen, werden als „Knotenpunkte im biosphärischen Netz oder Feld intrinsischer Beziehungen“ betrachtet (Arne Naess, zitiert bei Roszack 1994, 320). Selbstverwirklichung entspringt daher einer tiefen Empathie und dem Mitleid, das uns mit allen Lebewesen verbindet. Naess bringt es folgendermaßen zum Ausdruck: „Im Stadium der Reife werden Menschen Freude erleben, wenn andere Lebensformen Freude erleben, und Kummer, wenn andere Lebensformen Kummer erleben.“ (zitiert bei Kheel 1990, 135) Gleichzeitig werden wir aufgrund dieser tiefen Verbundenheit durch die Vielfalt und Mannigfaltigkeit der Arten und Ökosysteme der Erde bereichert:
„Die Selbstverwirklichung, die wir erfahren, wenn wir uns mit dem Universum identifizieren, wird noch verstärkt durch die Vermehrung der Weisen, wie Individuen, Gesellschaften und sogar Arten und Lebensformen sich selbst verwirklichen. Je größer also die Vielfalt, umso größer die Selbstverwirklichung […]. Die meisten Menschen, die sich mit Tiefenökologie beschäftigen, hatten – gewöhnlich, aber nicht immer, in der Natur – das Gefühl, dass sie mit etwas Größerem als ihrem eigenen Ego, ihrem eigenen Namen, ihrer Familie, ihren besonderen Eigenschaften als Individuum in Verbindung stehen […] Ohne diese Identifikation wird jemand nicht leicht dazu gelangen, sich auf Tiefenökologie einzulassen.“ (Devall/Sessions 1985, 76)
Biosphärische Gleichheit entspringt einer ähnlichen Weltauffassung. Jedes Lebewesen und jedes Ökosystem haben ein unveräußerliches Daseinsrecht, das nicht von der Nützlichkeit für die Menschheit abhängt. Natürlich kann es sein, dass ein Organismus den anderen töten muss, um selbst zu überleben, doch kein Organismus (auch nicht der Mensch) hat das Recht, andere ohne einen Grund zu zerstören, und kein Organismus hat das Recht, eine ganze Art auszurotten. Die Menschen mögen deshalb töten, um Grundbedürfnisse zu befriedigen, sie mögen der Erde entnehmen, was nötig ist, um ihre Gesundheit und Würde sicherzustellen, aber sie haben nicht das Recht, die Artenvielfalt zu zerstören, um Kapital und Reichtümer anzuhäufen oder unnötigen Luxus zu produzieren. Letztlich bedeutet dies auch, dass Menschen davon absehen müssen, andere Arten und andere Menschen beherrschen zu wollen:
„Ökologisches Bewusstsein und Tiefenökologie stehen in scharfem Widerspruch zur herrschenden Weltsicht der technisch-industriellen Gesellschaften, die die Menschen als isoliert und in grundlegender Weise getrennt vom Rest der Natur, als ihr überlegen und für den Rest der Schöpfung zuständig betrachtet. Doch die Auffassung, dass die Menschen getrennt von der übrigen Natur sind und über ihr stehen, ist lediglich Teil von umfassenderen kulturellen Denkmustern. Tausende Jahre lang war die westliche Kultur vom Gedanken der Herrschaft besessen: der Herrschaft der Menschen über die nichtmenschliche Natur, der Männer über die Frauen, der Reichen und Mächtigen über die Armen, des Westens über die nichtwestlichen Kulturen. Ein tiefenökologisches Bewusstsein macht es uns möglich, diese falschen und gefährlichen Illusionen zu durchschauen.“ (Devall/Sessions 1985, 65–66)
Kritik am Anthropozentrismus
Vom Standpunkt der Tiefenpsychologie aus gesehen ist die Grundhaltung des Anthropozentrismus die Wurzel der ökologischen Krise. Der Anthropozentrismus kann als die Überzeugung definiert werden, dass nur der Mensch einen Wert in sich habe. Alles andere auf der Welt ist dagegen von relativem Wert und nur insofern von Bedeutung, als es den Interessen des Menschen dient.
Der Anthropozentrismus trennt uns vom Rest der planetarischen Gemeinschaft. Wir betrachten uns als über den anderen Kreaturen stehend. Den Res der Biosphäre reduzieren wir auf eine Umwelt, die von uns getrennt ist.
Der Anthropozentrismus bildet das innere Wesen unseres derzeitigen antiökologischen theoretischen und praktischen Verhältnisses zur Wirtschaft. Bereits unsere Sprache – wir sprechen von „Rohmaterial“, „natürlichen Ressourcen“, ja sogar von „Sorge um die Umwelt“ ‒ verrät uns, da sie unser Grundverständnis bestätigt, dass die nichtmenschliche Welt dem Menschen zu Diensten ist und ihm zur Verfügung steht.
Die meisten von uns haben diese Auffassung nie ernsthaft infrage gestellt. Es kommt uns ganz selbstverständlich vor, die Menschheit als irgendwie oberhalb oder außerhalb des Rests der Erdgemeinschaft anzusiedeln. Wir meinen, das Recht zu haben, die Erde zu gebrauchen, auch wenn dies anderen Arten schadet oder sie tatsächlich ausrottet.
Einige bestehen natürlich darauf, dass wir anthropozentrisch sein und dabei trotzdem andere Lebensformen schützen können. Und es liegt tatsächlich auf der Hand: Um die Gattung Mensch zu erhalten, müssen wir die Natur wenigstens zum Teil schützen. Doch es erhebt sich unmittelbar die Frage: Wie viel Natur muss erhalten werden, und den Verlust welcher Arten können wir uns leisten? Dies führt letztlich zu einer „Rutschbahn“; wir kommen damit in ein Fahrwasser, das zusammen mit vielen anderen Teilen der Erdgemeinschaft die Menschheit bedroht.
Und mehr noch: Was ausreichend sein mag, um ein begrenztes Überleben der Menschheit zu ermöglichen, könnte dennoch nicht genug sein, um Liebe, Schönheit und die Pflege des Geisteslebens aufrechtzuerhalten. Der ökologische Kulturhistoriker (oder „Geologe“) Thomas Berry (1914–2009) betont, dass die Menschen nur auf einem Planeten in die Evolutionsgeschichte eintreten konnten, der so schön ist wie der unsere. Auf die Schönheit der Erde scheint es wesentlich anzukommen, wenn wir das bewahren sollen, was wir an der Menschheit am meisten schätzen.
In gewisser Hinsicht mögen einige der oben angeführten Argumente selbst anthropozentrisch erscheinen. Doch auf einer anderen Ebene ist es auch eine Anerkennung unserer gegenseitigen Verbundenheit mit allem Leben, wenn wir den Standpunkt vertreten, dass Menschen andere Arten im weitesten und umfassendsten Sinne brauchen. Letztlich aber ist der Anthropozentrismus, so erläutert Warwick Fox (1990), sowohl irrational als auch einengend, und zwar aus folgenden Gründen:
Er stimmt mit der naturwissenschaftlichen Realität nicht überein. Weder unser Planet noch die Menschheit können als das Zentrum des Universums betrachtet werden. Die Biosphäre der Erde stellt ein dynamisches Ganzes dar, innerhalb dessen die Menschen in Abhängigkeit von allen anderen Arten existieren. Wir können uns auch nicht als die Krone der Schöpfung betrachten. Die Evolution ist ein Phänomen, das sich in Verzweigungen ausbreitet, und keine hierarchische Pyramide.
Anthropozentrische Einstellungen haben sich in der Praxis als katastrophal erwiesen. Sie haben uns dazu geführt, Arten und Ökosysteme im schnellsten Tempo seit der kosmischen Katastrophe, die das Verschwinden der Dinosaurier bewirkte, zu zerstören.
Er ist keine logisch stringente Auffassung, denn es gibt keine scharfe Trennlinie zwischen uns und anderen Arten – weder in evolutionärer noch in physischer Hinsicht. Unser eigener Leib ist in Wahrheit eine symbiotische Gemeinschaft: Fast die Hälfte unseres Trockengewichts stammt von anderen Organismen wie etwa von Hefepilzen und Bakterien in unserem Darm, die uns helfen, unsere Nahrung zu verstoffwechseln, und die wichtige Vitamine erzeugen.
Er ist moralisch verwerflich, weil er nicht mit einer wirklich offenen Einstellung gegenüber der Erfahrung vereinbar ist. Er ist im Kern eine egoistische Haltung, die uns in einer Illusion gefangen hält und uns gegenüber der Wahrheit blind macht.
Der Anthropozentrismus mag uns „natürlich“ erscheinen, doch er verleugnet die ökologische Einsicht, dass wir in grundlegender Weise auf das ganze Netz des Lebens bezogen und von diesem abhängig sind. Wir können nicht ohne die Erde existieren; wir sind Teil eines größeren Ganzen. Es gibt keine „Umwelt“ außerhalb von uns. Wir tauschen ständig Materie mit unserer Umgebung aus, atmen Sauerstoff ein und nehmen Wasser und Nährstoffe auf, die einstmals Teil anderer Kreaturen waren. Alles Leben auf Erden hat denselben genetischen Kodierungsmechanismus gemeinsam. Alle anderen Lebewesen sind „unsere Beziehungen“.
Wir sind also dazu aufgerufen, von einem Anthropozentrismus zu einer „biozentrischen“ oder „ökozentrischen“ Perspektive überzugehen. Der Anthropozentrismus ist von seinem Wesen her eine egozentrische Geisteshaltung. Doch wir sind dazu aufgerufen, unser Empathievermögen auf alle Lebewesen auszudehnen, ja sogar auf den Boden, die Luft und das Wasser, die ebenfalls ein Teil von uns sind.
Eine anthropoharmonische Alternative
Stephen Scharper (1997) schlägt als Alternative zur anthropozentrischen Geisteshaltung eine „anthropoharmonische“ vor. Anstatt die „Natur zu erobern“, müssen sich die Menschen in Harmonie mit der umfassenderen Ökosphäre entwickeln. Das heißt nicht, dass wir bestreiten müssten, dass der Mensch in gewisser Hinsicht einzigartig auf Erden ist. Wir sollten unsere Einzigartigkeit feiern und dabei unsere Abhängigkeit von allen anderen Kreaturen anerkennen. Es heiß auch nicht, dass die Menschen niemals andere Lebensformen töten können, denn es gibt tatsächlich keine andere Möglichkeit zu überleben, als andere Organismen aufzuzehren.
Doch eine anthropoharmonische Ethik leben meint, einen tiefen Respekt und Liebe gegenüber allem Leben zu entwickeln. Es heißt, damit aufzuhören, Herrschaft auszuüben, zu manipulieren und die Erde zu verbrauchen und zu verschmutzen, als ob sie unser Privateigentum wäre. Und es heißt, nicht mehr zu verbrauchen, als für ein Leben in Würde und Gesundheit nötig ist – und folglich damit aufzuhören, nach grenzenloser Akkumulation zu streben.
Arne Naess behauptet, dass uns die Tiefenökologie letztlich dazu herausfordert, neu zu definieren, was es heißt, Mensch zu sein. Dabei geht es nicht darum, dass wir unsere Identität verleugnen (sie ist ja der einzigartige Anteil, den wir an der sich entfaltenden Evolution haben), sondern vielmehr darum, sie in den umfassenderen Kontext des „ökologischen Selbst“ zu stellen. Eine solche Umorientierung muss weit über die Ebene der bloß verstandesmäßigen Akzeptanz hinausgehen, sie muss jede Facette unseres Seins und Handelns durchdringen. Insbesondere fordert sie die Menschheit dazu auf, das Streben nach Erwerb, Konsum und Herrschaft aufzugeben, da dieser Weg niemals zur echten Verwirklichung der Menschheit führen kann. Stattdessen müssen wir Sicherheit, Liebe und Gemeinschaft in Harmonie mit der umfassenderen Ökosphäre anstreben. Diese Art von Bekehrung zu einer neuen Ethik ist eine sehr tiefgehende Herausforderung, und dennoch eine, die die Menschheit zu einer erfüllteren Lebensweise hinführen könnte.
Ökofeminismus
Der Ökofeminismus vertieft in vielerlei Hinsicht noch die Kritik der Tiefenökologie am Umweltdenken. Gleichzeitig stellt er uns eine breitere Analyse zur Verfügung, die auch das Problem der zwischenmenschlichen Ungerechtigkeit mit berücksichtigt. Eine Art, den Ökofeminismus zu verstehen, ist es, ihn als eine Integration der Perspektiven des Feminismus und der Tiefenökologie zu begreifen, obwohl die Synthese, die daraus entsteht, wahrscheinlich radikaler (im ursprünglichen Sinne des Wortes, das heißt stärker an die Wurzel gehend) und umfassender ist als die Summe ihrer beiden Komponenten.
Der Feminismus für sich genommen ist eine vielfältige und vielgestaltige Bewegung, die man nicht mit einer einzigen Definition angemessen erfassen kann. Für unseren Zusammenhang jedoch können wir Feminismus als eine tiefgehende Kritik am Patriarchat verstehen, wobei Patriarchat hier das System ist, vermittels dessen die Männer die Frauen beherrschen. Radikale Spielarten des Feminismus stellen jedoch einen Kausalzusammenhang zwischen der Herrschaft und Ausbeutung auf der Grundlage von gesellschaftlichen Klassen, Rassen, Ethnien und unterschiedlicher sexueller Orientierung her. Das Patriarchat wird so in einem sehr weiten Sinne verstanden. Ein radikaler Feminismus ist also nicht einfach das Streben nach Gleichheit zwischen Männern und Frauen innerhalb der herrschenden (Un-)Ordnung (was ohnehin nicht möglich wäre); er ist vielmehr eine Kritik aller Systeme, die Unterdrückung und Ausbeutung verstetigen.
Vandana Shiva (1989 a und b) behauptet denn auch, dass der Feminismus letztlich eine Philosophie und Bewegung jenseits der Geschlechtergrenzen sei. Er erkennt an, dass Männlichkeit und Weiblichkeit gesellschaftlich und ideologisch konstruiert sind und dass sich das weibliche Prinzip der Kreativität in den Frauen, den Männern und der Natur verwirklicht findet. Die Wiederaneignung dieses Prinzips als eine Herausforderung für das Patriarchat beruht auf einer Integrationskraft, welche die Frauen dazu aufruft, produktiv und aktiv zu sein, und Männer dazu motiviert, ihre Aktivitäten auf die Möglichkeiten der Lebensförderung hin neu zu orientieren. Während Frauen in Gestalt der feministischen Bewegung die Führung übernommen haben – was insofern nicht mehr als recht ist, als Befreiung normalerweise bei den Unterdrückten ihren Anfang nimmt ‒, müssen auch die Männer aktiv für den Feminismus und dessen Herausforderung des Patriarchats Partei ergreifen.
Der Feminismus ist wahrscheinlich eine der wichtigsten und originellsten Bewegungen aller Zeiten. Fritjof Capra (2004) schreibt, dass das Patriarchat bis vor Kurzem als so alles durchdringend und tief verwurzelt erschien, dass es selten, wenn überhaupt, ernsthaft infrage gestellt wurde. Dabei prägte es alle menschlichen Beziehungen und unsere Beziehung mit der Welt um uns zutiefst. Dennoch ist die feministische Bewegung heute eine der stärksten kulturellen Strömungen unserer Zeit geworden. Sie hat nun tatsächlich alle Grenzen und Klassenschranken überschritten und ist in ihrer Reichweite wahrhaftig global geworden.
Die Verbindung von Patriarchat und Anthropozentrismus
Der Ökofeminismus verbindet die Einsichten aus Feminismus und Tiefenökologie zu einer neuen Synthese und behauptet eine dynamische Verschränktheit von Patriarchat und Anthropozentrismus. Aus einer ökofeministischen Perspektive ist es kein purer Zufall, dass das westliche patriarchalische Denken die Frauen mit der Natur identifizierte: Diese gesellschaftliche Konstruktion diente dazu, beide gleichzeitig auszubeuten und zu beherrschen, da sie beide als den Männern unterlegen aufgefasst werden. Vandana Shiva schreibt: Die Metaphern und Begriffe eines Verstandes, der von der feministischen Perspektive unbeeinflusst ist, hatten zur Grundlage, dass Natur und Frauen als wertlos, passiv und letztlich verzichtbar betrachtet wurden.“ (1989 b, 223) Sowohl die Frauen als auch die Natur werden als passiv betrachtet, während die Männer als rational, stark und emotionslos gelten. In einer patriarchalischen Gesellschaft wird die gesellschaftlich konstruierte Rolle des Mannes als überlegen gewertet, während die Frauen und die Natur grundsätzlich als Ausbeutungsobjekte angesehen werden. Deshalb behaupten Ökofeministinnen, dass es weitaus zutreffender ist, von Androzentrismus (Männerzentriertheit) anstelle von Anthropozentrismus zu sprechen. Charlene Spretnak meint:
„Die moderne technokratische Gesellschaft ist vom patriarchalischen Herrschafts- und Kontrollwahn durchdrungen. Beide (stützen) ein Managerethos, welches Produktionseffektivität und kurzfristige Gewinne über alles andere setzt: über ethische und moralische Standards, über die Gesundheit des Gemeinwesens, und über die Intaktheit aller biologischer Prozesse, besonders derer, welche die grundlegende Kraft des Weiblichen ausmachen. Die Experten, die unsere Gesellschaft lenken, wollen sich ihrer Ängste vor der Natur entledigen, mit der sie keine echte Beziehung oder tiefe Verbindung haben […]. Der Ökofeminismus sagt, dass uns dieses System zum Ökozid und zur Selbstvernichtung der Gattung Mensch hinführt, da es auf Dummheit, Angst, Wahnvorstellung und Gier gründet.“ (1990, 9,8)
Für den Ökofeminismus ist daher der Schlüssel für die Befreiung der Frau und der umfassenderen planetarischen Gemeinschaft die Beseitigung der Grundlagen von Patriarchat und Androzentrismus selbst und damit die Beendigung aller Arten von Herrschaft, insbesondere derjenigen der Männer über die Frauen und die außermenschliche Welt. Damit will er den inneren Wert aller Natur ins Recht setzen und gleichzeitig „die Kultur und das Handeln der Frauen aufwerten“ (T. Berman 1993, 16)
Die Analyse erweitern
Zugleich behauptet der Ökofeminismus, dass dieselbe Logik, die der Unterdrückung der Frauen und der Natur zugrunde liegt, mit leichten Abwandlungen auch dazu dient, Unterdrückung aufgrund von Rasse, Klasse und sexueller Orientierung zu rechtfertigen. Genauso wie die Frauen und die Natur als schwach, passiv und von niedrigerem Wert angesehen werden, werden auch „Nichtweiße“ als dem Tierreich näherstehender und weniger „zivilisiert“ als Weiße dargestellt. In ähnlicher Weise werden Menschen aus der Arbeiterklasse in die Nähe von „primitiven“ tierischen Instinkten gerückt und als solche beschrieben, die sehr schnell „Proletarier“ produzieren (das Wort „Proletarier“ leitet sich vom lateinischen „proles“, Nachkommen, her; Proletarier waren ursprünglich die besitzlosen Klassen, die nichts anderes hatten als ihre proles, ihren Nachwuchs; d. Übers.). Schwule Männer werden dafür verurteilt, dass sie „feminine“ Verhaltensweisen annehmen, während lesbische Frauen ihrerseits dafür verurteilt werden, dass sie in männliche Rollen schlüpfen. In all diesen Fällen ist dieselbe Logik des herrschenden patriarchalischen Geistes bestimmend.
In vieler Hinsicht erweitert also der Ökofeminismus den Blickwinkel der Tiefenökologie, indem er die Verbindungslinien zwischen allen Systemen von Herrschaft und Kontrolle zieht. Gleichzeitig versucht der Ökofeminismus einen Abstraktionsgrad zu überwinden, den man bei so mancher tiefenökologischer Vorstellung einer allgemeinen Identifikation mit der Natur vorfindet. Ökofeministinnen zeichnet insbesondere aus, dass sie betonen, es sei eine emotionale Bindung an reale Orte und reale Menschen nötig, um das Handeln für Gerechtigkeit und ökologische Harmonie zu inspirieren. Wir müssen in wirklichen Erfahrungen verwurzelt sein und dürfen uns nicht einfach mit einer Abstraktion identifizieren, wenn wir uns selbst der Ehrfurcht, dem Wunder und dem Einfühlungsvermögen öffnen, die uns tragen können. „Die Gefahr einer abstrakten Identifizierung mit dem ‚Ganzen‘ besteht darin, dass sie die Existenz unabhängiger Lebewesen nicht wahrnehmen oder respektieren kann […]. Unser tiefes, ganzheitliches Bewusstsein von der gegenseitigen Verbundenheit allen Lebens muss ein gelebtes Bewusstsein sein, das wir sowohl im Verhältnis zu einzelnen Seinsformen als auch zum größeren Ganzen erfahren.“ (Kheel 1990, 136–137)
Die Ursprünge von Patriarchat und Anthropozentrismus
Eine ökofeministische Perspektive kann Einsichten vermitteln, die uns helfen können zu erklären, wie Gier, Ausbeutung und Herrschaft einen so gewaltigen Einfluss auf das wirtschaftliche, politische und kulturelle System gewinnen konnten, dem die meisten Gesellschaften unterworfen sind. Insbesondere verhelfen uns diese Einsichten zum Verständnis dessen, wie die Grundüberzeugungen, Grundannahmen und „Werte“ der herrschenden globalen (Un-)Ordnung aus der Dynamik von Patriarchat und Anthropozentrismus (bzw. Androzentrismus) hervorgehen.
Für ein solches Verständnis ist es hilfreich, die historischen Ursprünge und die Entwicklung von Patriarchat und Anthropozentrismus zu betrachten. Dies wiederum macht den Prozess sichtbar, in dessen Verlauf diese gesellschaftlichen Konstrukte entstanden, und es liefert Anhaltspunkte dafür, wie von Gerechtigkeit, Gleichheit und Nachhaltigkeit geprägte Alternativen geschaffen werden können, um sie abzulösen.
Viele alte und moderne ursprüngliche Kulturen haben ein hohes Maß an Geschlechtergerechtigkeit und zugleich ein harmonisches Verhältnis zur Natur verwirklicht. Oftmals weisen diese Kulturen eine vom Geschlechterverhältnis bestimmte Arbeitsteilung auf, doch das deutet nicht unbedingt auf eine Ausbeutungsbeziehung zwischen den Geschlechtern hin. Tatsächlich waren in frühen Zeiten, noch vor Ackerbau und Viehzucht in großem Maßstab, die meisten Kulturen vermutlich recht egalitär, und viele waren „matrizentrisch“, das heißt um die Frau als Mittelpunkt organisiert. Das heißt, sie hatten weibliche Hauptgottheiten, und Frauen genossen in ihren Gesellschaften ein hohes Ansehen. Die meisten Stämme von Jägern und Sammlern, die jungsteinzeitlichen Gesellschaften Europas und Anatoliens und die frühen andinen Kulturen scheinen diesem matrizentrischen Muster zu gehorchen.18
Die Anfänge des Patriarchats
Um das Jahr 5000 v. Chr. jedoch drang das Patriarchat allem Anschein nach in Europa und den Mittleren Osten ein. In Zentralasien könnte es möglicherweise schon früher entstanden sein, in vielen anderen Gesellschafen der Welt erst wesentlich später, oftmals vermittels Invasion und Kolonisierung. (Es gibt jedoch auch Gesellschaften, wie zum Beispiel die balinesische oder die der Kung-San in der Kalahari-Wüste im südlichen Afrika, die sich bis heute weitgehend ein von Gleichheit geprägtes Beziehungsgefüge zwischen den Geschlechtern bewahrt haben.)
Maria Mies geht davon aus, dass das Patriarchat zuerst unter Hirtengesellschaften Fuß fasste. Als die Männer die Reproduktionsprozesse bei Tieren zu beobachten und zu verstehen begannen, wurden sie sich ihrer eigenen Rolle im Zeugungsprozess bewusst. Dies führte zu einer Veränderung in ihrem Verhältnis zur Natur und zu einer neuen sexuell bestimmten Arbeitsteilung. Innerhalb einer Nomadengesellschaft in häufig trockenen Regionen wurde die traditionelle Rolle der Frau als Sammlerin von Nahrungsmitteln zweitrangig. Deshalb wurde den Frauen eine untergeordnete Stellung als Hüterinnen der Kinder zugewiesen. Eine neue Produktionsweise, die auf Zwang, Kontrolle und Manipulation beruhte, entstand.
In Ackerbaugesellschaften könnte das Patriarchat im Zuge der Erfindung des Pflugs entstanden sein. Rosemary Radford Ruether schreibt:
„Der Pflug war das Instrument der männlichen Vorherrschaft über die Tiere und über das Land. Zusammen mit dem Schwert dienten diese Geräte den Männern als Mittel zur Eroberung anderer Männer und schließlich der eigenen Frauen.“ (1994, 175)
Ken Wilber (1996) macht deutlich, dass der Gebrauch des Pflugs eine Menge physischer Kraft erfordert. Schwangere Frauen, die versuchten, den Pflug zu führen, hatten oft Fehlgeburten. Deshalb war es aus biologischen Gründen von Vorteil, dass sich Frauen von dieser Art von Arbeit fernhielten. Auf diese Weise tendierte die Einführung des Pflugs dazu, Feldarbeit stärker auf Männer zu verlagern. Dies hatte zur Folge, dass die Männer die Aufgabe der Nahrungsproduktion an sich zogen und Frauen zunehmend auf den Bereich des Haushalts abgedrängt wurden. Der Pflug ermöglichte es darüber hinaus, Nahrungsmittelüberschüsse zu erzielen. Dadurch wurde ein Teil der Männer für Aufgaben jenseits der Notwendigkeiten des täglichen Lebenserhalts frei. Die Frauen hingegen blieben weitgehend an die reproduktiven Aufgaben und den Haushalt gebunden.
Im Lauf der Zeit führte dies zur faktischen Entfernung der Frauen aus der Sphäre der Öffentlichkeit. Wilber macht deutlich, dass in Gesellschaften mit einer Gärtnerkultur (in der der Ackerbau mithilfe des Grabstocks und der Hacke erfolgt) Frauen mehr als 80 % der Nahrungsmittel produzieren, dass es darin gleichberechtigte Beziehungen zwischen Mann und Frau – trotz unterschiedlicher Rollen ‒ gibt und dass viele der Hauptgottheiten weiblich sind. Im Gegensatz dazu sind über 90 % der Agrargesellschaften (welche den Pflug benutzen) männlich dominiert, und die obersten Gottheiten sind tendenziell männlich.
Produktion, die auf Raub beruht
Selbst in der Jungsteinzeit ermöglichten es Fortschritte im Ackerbau bereits Dörfern, Überschüsse zu produzieren und im Lauf der Zeit Reichtum anzuhäufen. Mies beobachtet, dass dies zum ersten Mal in der Geschichte den Krieg ökonomisch lukrativ machte. Es war oft weitaus einfacher, sich die Produktion der anderen unter Zwang anzueignen, als für sich selbst zu produzieren. Auf diese Weise entstand „Raubproduktion“ (die von ihrem Wesen her unproduktive Produktion ist!) in Form von Eroberung und Plünderung. Man umgab Dörfer mit Mauern, und die „Kunst“ der Kriegführung wurde entwickelt. Männer erlangten das Monopol für Waffen (wahrscheinlich aufgrund ihrer überlegenen Körpergröße und aufgrund der Tatsache, dass sie von der Aufgabe der Aufzucht des Nachwuchses befreit waren), was zu einer neuerlichen Konzentration von Macht und Ansehen aufseiten der Männer und damit zum weiteren Gedeihen des Patriarchats führte. Mies schreibt, dass andauernde Beziehungen der Ausbeutung und Herrschaft zwischen Frauen und Männern und die asymmetrische Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen letztlich geschaffen und aufrechterhalten wurden durch direkte Gewalt und Zwang auf der Grundlage des männlichen Monopols des Waffenbesitzes (Mies 1989, 76–88).19
Das Wachstum der Agrargesellschaften beschleunigte diesen Prozess. Als immer größere Mengen an Reichtum angehäuft wurden, wurden immer mehr Männer von der Nahrungsmittelproduktion befreit. Einerseits ermöglichte dies die Erfindung der Schrift, der Astronomie, der Metallverarbeitung und der Mathematik, doch andererseits setzte es auch Kräfte zur Schaffung von Gruppen frei, die auf die Kriegsführung spezialisiert waren. Zum ersten Mal entstanden Berufsarmeen und sogar ganze Kriegerklassen.
Im Lauf der Zeit rief das Wachstum der Bevölkerung in Stadtstaaten ebenfalls einen Wettbewerb nach zunehmend knapper werdenden natürlichen Ressourcen hervor: nach fruchtbarem Land, Wasser zur Bewässerung, wertvollen Metallen usw. Im Verlauf dieses komplexen Prozesses vollzog sich innerhalb der Gesellschaften mehr und mehr eine Teilung hinsichtlich Klassen, Geschlechtern und Rassen.
Mies schlussfolgert, dass die räuberische Form der Aneignung damals zum Paradigma aller historischen ausbeuterischen Beziehungen zwischen Menschen wurde ‒ und wir möchten hinzufügen, auch zwischen den Menschen und der umfassenderen planetarischen Gemeinschaft. Im Verlauf dieses Prozesses wurden bestimmte Gruppen von Menschen (sowie die Erde selbst) als bloße „Naturressource“ für die Bereicherung anderer betrachtet. Die Ausbeutung, die von dieser „räuberischen Produktion“ geschaffen wurde, beinhaltete mehr als die einseitige Aneignung des Mehrwertes, der über das hinaus produziert wurde, was den Bedürfnissen und Erfordernissen einer Gemeinschaft entsprach; Darüber hinaus erstreckte sie sich auf „Raub und Erbeutung der für andere Gesellschafen notwendigen Lebensmittel. Dieser Begriff von Ausbeutung impliziert darum immer auch Verhältnisse, die in letzter Instanz durch Gewalt geschaffen und aufrechterhalten werden“ (Mies 1989, 81–82).
Die Vertiefung des Anthropozentrismus
Derselbe Prozess, der nach und nach zur Verfestigung der Macht des Patriarchats führte, trug auch zu einer Vertiefung des Anthropozentrismus bei. In den meisten Gesellschaften von Jägern und Sammlern ist die Beziehung zwischen den Menschen und der außermenschlichen Welt eng und unmittelbar. Von Zeit zu Zeit kann man bestimmt ein gewisses Maß von Angst vor der Natur beobachten, doch im Großen und Ganzen existiert schlicht keine strikte Trennung zwischen den Menschen und der umfassenderen Gemeinschaft des Lebens. Die Produktionsweise selbst beruht nicht auf einer Kontrolle über die Natur, sondern vielmehr auf Einklang mit ihr.
Sobald die Gesellschaft eine Gartenpflege entwickelt, wird ein Element der Kontrolle eingeführt, doch diese Veränderung ist noch relativ geringfügig. Die Menschen leben weiterhin erdverbunden, und das Niveau menschlicher Eingriffe ist noch recht niedrig. In Hirtengesellschaften führt die Zähmung von Tieren wahrscheinlich zu einem ausgeprägteren Sinn für Kontrolle und Herrschaft. Dieser nimmt in Agrargesellschaften noch weiter zu, da sie die Arbeitskraft von Tieren zum Pflügen nutzen, und noch mehr, als große Bewässerungsanlagen entstehen.
Als innerhalb der Agrargesellschaften Städte und Stadtstaaten entstehen, tritt die Hinwendung zum Anthropozentrismus noch deutlicher hervor. Bereits in den neolithischen Siedlungen muss – besonders, als sie mit Mauern und Befestigungsanlagen versehen wurden ‒ eine psychologische Trennung von der außermenschlichen Welt eingesetzt haben. Doch mit der Entstehung der Städte beschleunigte sich dieser Prozess enorm. Eine Stadt ist weitgehend die Schöpfung von Menschen, ein künstlicher Lebensraum, in dem die Natur unter Kontrolle gehalten wird und die Bauten von Menschen immer zentralere Bedeutung bekommen.
Duane Elgin (1993) schreibt auch, dass Stadtstaaten hierarchischer verfasst waren als kleine Siedlungen. Die Gesellschaft ist zunehmend in Klassen und Kasten gespalten, und es gibt eine klare Arbeitsteilung zwischen Herrschern, Priestern, Kriegern, Handwerkern und Kaufleuten. Gleichzeitig tragen Stadtstaaten zum Wachstum der „räuberischen“ Formen der Aneignung bei. Es gibt immer mehr Reichtum, der verteidigt werden muss, und immer ausgefeiltere Methoden der Kriegsführung. Gleichzeitig vollzieht sich ein soziopsychologischer Wandel, da der Reichtum systematisch erfasst und angehäuft wird und eine neue Weltsicht auf der Grundlage der „mathematischen Ordnung der Himmel“ entsteht. Parallel dazu wandern die Gottheiten von der Erde in den Himmel aus, was vielleicht der symbolische Ausdruck des Schrittes der Menschheit weg von der direkten Verbindung mit der natürlichen Welt ist.
An einem Punkt dieses Prozesses scheint die Idee des Privateigentums aufgekommen zu sein. Mit dem Wachstum der Stadtstaaten und der Aufspaltung der Gesellschaf in Klassen wurden große Grundstücke oftmals als eine Quelle des Reichtums für die mächtigeren Teile der Gesellschaft reserviert (Herrscher, Priester …). Oft wurden diese Grundstücke mithilfe von Sklavenarbeit kultiviert. In der Folge davon wurde das gemeinsame Land einer Siedlung verkleinert, was zur Verarmung des Bauernstandes führte. Im Verlauf dieses Prozesses wurde Land mehr und mehr als persönlicher Besitz und nicht so sehr als ein gemeinsamer Reichtum, der geteilt werden soll, betrachtet. (Dieser Wandel hat sich jedoch früher nicht vollständig vollzogen, und tatsächlich hat sich das Gemeineigentum von Land in vielen Kulturen bis heute gehalten). Dieser Wandel zeigt eine bedeutende Veränderung des Bewusstseins an: Land wird nun als eine Ressource betrachtet, als Privateigentum unter der Kontrolle von Menschen – in den meisten Fällen von Männern. Zuvor war Land – wie dies auch heute noch in vielen ursprünglichen Kulturen der Fall ist – etwas, was man nicht besitzen, sondern nur miteinander teilen konnte. Das Land gehörte den Menschen nicht. Eher gehörten die Menschen dem Land und – in Konsequenz davon – der Erde.
Der Aufstieg der Stadtstaaten ging oftmals mit ökologisch zerstörerischem Verhalten einher. John Perlin (2005) stellt eine Verbindung zwischen der Abholzung der Wälder in den alten Kulturen Mesopotamiens, Kretas, Griechenlands und Roms und dem Niedergang ihrer Zivilisationen her. In ähnlicher Weise schreiben viele das Verlassen der Dschungelstädte der Mayas den Folgen der Entwaldung zu. Oftmals war die Abholzung das Ergebnis einer exzessiven Nachfrage nach Holz für Bauvorhaben (und auch für den Schiffbau), zum Befeuern von Öfen und für die Metallverarbeitung. In anderen Fällen war Abholzung die Folge der Landgewinnung für den Ackerbau. In beiden Fällen jedoch ging dies mit einer Veränderung der Weltsicht einher, welche die Beherrschung und Ausbeutung menschlicher und natürlicher „Ressourcen“ zum Zweck der Anhäufung von Reichtum rechtfertigte.
Einige Konsequenzen für die Gegenwart
Was können wir daraus lernen? Die Entwicklung von Patriarchat und Anthropozentrismus ist sicherlich komplex, doch es ist klar, dass irgendwie alle Formen von Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung gemeinsame Wurzeln haben. Gleichzeitig ist es hilfreich, über die Ebene der historischen Entwicklung hinauszugehen und die psychologischen Prozesse wahrzunehmen, die hier im Spiel sind.
So legt zum Beispiel Rosemary Radford Ruether (1994) nahe, dass die frühen matrizentrischen Gesellschaften möglicherweise bereits den Keim ihrer eigenen Zerstörung in sich trugen. Im Gegensatz zur weiblichen Rolle, die von Natur aus auf die Reproduktion und Erhaltung des Lebens hingeordnet ist, muss die männliche Rolle gesellschaftlich konstruiert werden.
In den Gesellschaften der Jäger und Sammler gegen Ende der Eiszeit spielten männliche Jäger noch eine wichtige Rolle bei der Nahrungsbeschaffung wegen der großen Mammuts, die gejagt werden mussten. Die gesellschaftlich konstruierte Rolle des Mannes als Jäger war immer noch mit einem großen Maß an Bedeutung verbunden und gab den Männern das Gefühl der Sicherheit hinsichtlich ihres Beitrags zur Gesellschaft. Doch als die Eiszeit zu Ende ging, verlor die Jagd nach und nach an Bedeutung, und die Rolle der Frauen, die das Hauptkontingent der Sammler ausmachten, wurde gestärkt.
In der Jungsteinzeit waren Frauen oftmals sowohl die hauptsächlichen Nahrungsproduzentinnen als auch der wichtigere Elternteil. In solchen Gesellschaften – diesen des alten Europa und Anatoliens zum Beispiel – scheiterten Männer möglicherweise daran, eine Rolle zu entwickeln, die affirmativ und bedeutend genug gewesen wäre. Dies beförderte das Aufkommen eines männlichen Ressentiments gegenüber dem Ansehen der Frauen. Mary Gomes und Allen Kanner (1995) betonen, dass Herrschaft eine Möglichkeit sein kann, Abhängigkeit zu verleugnen. In einer solchen Situation begannen Männer ihre Männlichkeit in der Weise der Feindschaft gegenüber der Frau zu definieren, und die Grundlagen für das Patriarchat waren geschaffen. Solange man sich nicht mit dem zugrunde liegenden Ressentiment konfrontiert, ist es sehr unwahrscheinlich, dass das Patriarchat in seiner gegenwärtigen Gestalt überwunden werden kann.
Ruether meint, dass eine konkrete Konsequenz aus dieser Analyse die Notwendigkeit ist, neue Formen der Geschlechterparität zu schaffen und Abhängigkeit durch Verwiesenheit aufeinander zu ersetzen. Insbesondere ist es dringend an der Zeit, dass in den heutigen Gesellschaften der Mann in einer neuen Rolle voll und ganz in die Elternschaft und die häusliche Arbeit einbezogen wird, die der Lebenserhaltung dient. Insgesamt müssen Geschlechterrollen durchlässiger und flexibler werden und es so beiden Geschlechtern ermöglichen, auf sinnvolle Weise an Leben hervorbringenden anstelle von Leben zerstörenden Tätigkeiten teilzuhaben. Sie führt die traditionelle balinesische Gesellschaft
als nachahmenswertes Beispiel dafür an, wie eine stabile, nicht auf Ausbeutung beruhende Beziehung zwischen den Geschlechtern erreicht werden kann.
Darüber hinaus findet die Analyse von Gomes und Kanner, die die Herrschaft als Mechanismus der verleugneten Abhängigkeit betrachtet, Anwendung auf unser Verhältnis zur umfassenderen planetarischen Gemeinschaft. Wir Menschen versuchen, die Erde selbst und alle Lebewesen zu beherrschen, da wir unsere Abhängigkeit vom umfassenderen Netz des Lebens zu verleugnen suchen: „Wir haben als Angehörige einer städtisch-industriellen Zivilisation unsere Identität als Gattung auf der Verleugnung dieser Wahrheit begründet. Die Abhängigkeit des Menschen von der Gastfreundschaft der Erde ist allumfassend, und das bedroht das sich als unabhängig dünkende Selbst aufs Äußerste.“ (Gomes/Kanner 1995, 114) Dieser Prozess scheint bereits vor langer Zeit mit dem Entstehen der Agrargesellschaften und der Kultur der Stadtstaaten in Gang gekommen zu sein, auch wenn das Ausmaß der Entfremdung mit der Entwicklung der Industriegesellschaften außerordentlich zugenommen hat.
Der globale Kapitalismus: Ein androzentrisches System
Aus einer ökofeministischen Perspektive gesehen stellt der moderne Kapitalismus das am weitesten entwickelte und am meisten ausbeuterische aller patriarchalischen, anthropozentrischen Systeme dar. Der weltweite, von der Herrschaft der Konzerne geprägte Kapitalismus hat, wie alle Systeme imperialer Herrschaft vor ihm, ein extraktives, nicht wechselseitiges und ausbeuterisches Objekt-Verhältnis zur Natur zur Grundlage, wie es zuerst zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Mensch und Natur etabliert wurde (Mies 1989, 83–88). Wie wir bereits bei unserer Untersuchung der Pathologie des grenzenlosen Wachstums und einer fehlgeleiteten Entwicklung gesehen haben, wird der Beitrag der außermenschlichen Ökonomie (und sehr oft der der Frauen, insbesondere deren unbezahlte Arbeit) vom herrschenden Wirtschaftssystem fast völlig unsichtbar gemacht. Tatsächlich bildet die Zerstörung des natürlichen Reichtums der Erde um einer künstlichen und illusorischen Kapitalakkumulation willen das Herzstück der Gesellschaften industriellen Wachstums, wie sie vom Kapitalismus der Konzernherrschaft geschaffen wurden. Gleichzeitig gilt, wie unsere Analyse der Konzernherrschaft und der Finanzspekulation zeigt: Diejenigen, die den Produktionsprozess und die Produkte kontrollieren, sind selbst keine Produzenten, sondern Aneigner. Was weniger deutlich sein mag, aber durch eine feministische Analyse aufgedeckt wird, ist die Tatsache, dass ihre sogenannte Produktivität die Existenz und die Unterwerfung anderer – und letztlich weiblicher – Produzenten voraussetzt (Mies 1989, 83–88). Die „räuberische Aneignung der Produktionsmittel“ bildet also das Herzstück des Kapitalismus selbst.
Wie der Kapitalismus entstand
Aus einer ökofeministischen Perspektive sind die Ursprünge des Kapitalismus mit verschiedenen historischen Prozessen untrennbar verbunden: der Ausbreitung von Kolonialismus und Sklaverei, der Verfolgung der Frauen während der großen Hexenjagden in Europa und dem Aufstieg der modernen Wissenschaften und der Technologie, der in die industrielle Revolution mündete. Zusammengenommen bewirkten diese Prozesse, dass die Natur nicht mehr im Bild der Mutter Erde gesehen wurde, sondern als eine leblose Maschine, die den Bedürfnissen des „Menschen“ bzw. Mannes als Rohstoffquelle und Abfallhalde dient. Gleichzeitig entstanden neue und ausgeklügeltere Formen des Patriarchats, die in effizienter Weise dazu dienten, die Frauen einer Ausbeutung auf neuem Niveau preiszugeben.
Viele Historiker vertreten die Meinung, dass die „ursprüngliche Kapitalakkumulation“, die den Ausgangspunkt des Kapitalismus bildete, nur aufgrund der gewaltsamen Aneignung des Reichtums aus Europas Kolonien in Amerika – insbesondere Gold, Silber und Agrarprodukte aus den Kolonien Spaniens und Portugals – möglich war. Wie wir bereits erwähnt haben, bezieht sich der fiktive Brief des Guaicaipuro Cuautémoc an die Entscheidungsträger Europas scherzhaft auf 185.000 kg Gold und 16 Millionen kg Silber, die zwischen 1503 und 1660 von San Lucar de Barrameda „als erste von mehreren Freundschaftskrediten Amerikas für die Entwicklung Europas“ verschifft wurden (Britto García 1990). Natürlich verhält es sich in Wirklichkeit so, dass dieser Reichtum mit dem Schweiß, dem Blut und dem Leben Hunderttausender indianischer Arbeitskräfte in den Bergwerken ganz Lateinamerikas bezahlt wurde. Ergänzt wurde diese Arbeitskraft durch Millionen Afrikaner, die gewaltsam ihrer Heimat und ihrer Freiheit beraubt und dann als Sklaven nach Amerika verschifft wurden. Viel mehr noch wurden zur Sklavenarbeit auf den Plantagen gezwungen und sorgten so für wertvolle Exportprodukte nach Europa. Während Spanien und Portugal diesen Reichtum nicht dazu nutzten, ihre eigene industrielle Entwicklung zu finanzieren, wurde dadurch eine Nachfrage nach Luxusgütern geschaffen, die die Grundlagen für die industrielle Expansion Nordwesteuropas legte.
Fast zur gleichen Zeit, genauer zwischen der Mitte des 15. und der Mitte des 18. Jahrhunderts, der Zeit der Scheiterhaufen, wie man sie manchmal nennt, wurde in Europa die große Verfolgung von „Hexen“ in Gang gesetzt. Man schätzt, dass 80 bis 90 % der Getöteten Frauen waren und dass bis zu zwei Millionen Menschen getötet worden sein mögen, größtenteils auf wahrhaft erschreckende Weise. Viele der getöteten Frauen praktizierten traditionelle Heilverfahren und Methoden der Geburtshilfe, und fast alle Betroffenen waren arm. Die Hexenverfolgung nahm ihren Anfang als Bestandteil der katholischen Inquisition (die sich auch auf Lateinamerika erstreckte), doch diese Praxis verbreitete sich bald im protestantischen Teil Europas (und später in den Neuengland-Staaten).
Einerseits kann die Zeit der Scheiterhaufen als Ausdruck der Angst vor der Stärke der Frauen und der Kraft der Natur verstanden werden, insbesondere, da die Frauen, die traditionelle Heilkünste ausübten (was eine Kenntnis der Kräuter und damit der Orte in der freien Natur voraussetzte, wo diese gesammelt werden konnten), besonders gefährdet waren. Tatsächlich kommt das englische Wort für Hexe, „witch“, von „wita“, was „die Weise“ bedeutet. Hexen waren also oftmals solche Menschen, die über eine in der Natur gründende Weisheit verfügten.
Darüber hinaus betont Mies (1986), dass die Hexenjagden einen Angriff auf die Sexualität der Frauen darstellten und auf die Kontrolle ihrer Fruchtbarkeit abzielten (daher rührt die Verfolgung von Hebammen). In einem allgemeineren Sinne wollten die Hexenjagden die Frauen aus dem öffentlichen Bereich verdrängen. Die Verfolgung hatte zur Konsequenz, dass Frauen ihre Arbeit verloren und ihr Eigentum konfisziert wurde. In psychologischer Hinsicht kann man sich leicht das kollektive Trauma vorstellen, das durch eine solche massive und schreckliche Verfolgung hervorgerufen worden sein muss. Ohne Zweifel haben Frauen entdeckt, dass ihre beste Verteidigung darin liegt, so wenig wie möglich Profil zu zeigen und sich als gelehrige, gehorsame Ehefrauen und Töchter zu erweisen, die eng an ihre häusliche Umgebung gebunden waren.
Interessant ist es, den zeitlichen Zusammenfall der Sklavenraubzüge in Afrika und der Hexenjagd in Europa zu beobachten. Mies meint, dass dies kein Zufall ist:
„Die Sklavenjagd in Afrika hatte darum in den gleichen Jahrhunderten ihr Gegenstück in der Hexenjagd Europas.“ (Mies 1989, 86)
„Genauso wie der Prozess der ‚Naturalisierung‘ der Kolonien auf den Gebrauch von Gewalt und Zwang in großem Maßstab gegründet war, war auch der Prozess der Domestizierung der europäischen (und später nordamerikanischen) Frauen keine friedliche und idyllische Angelegenheit. Die Frauen gaben die Kontrolle über ihre Produktivität, ihre Sexualität und ihre reproduktiven Fähigkeiten nicht freiwillig an ihre Männer und an den GROSSEN MANN (Kirche, Staat) ab.“ (Mies 1986, 69)
Der dritte historische Prozess, der zur gleichen Zeit einsetzte, war die wissenschaftliche Revolution. Diese wird an anderer Stelle in diesem Buch genauer erforscht werden. Hier genügt der Hinweis, dass dieser Prozess Europas Art und Weise, die Welt zu sehen, tiefgehend bestimmte. Das trifft insbesondere auf die geistigen und politischen Eliten zu. Anstatt die Erde als terra mater aufzufassen, wurden Land, Wälder und alles Lebendige zu einer leblosen Maschine und einer unerschöpflichen Quelle von „Rohmaterialien“ zum Gebrauch des Menschen gemacht. Dieser Wandel, so betont Vandana Shiva, „beseitigte alle ethischen und kognitiven Schranken gegenüber ihrer Vergewaltigung und Ausbeutung“ (1989 b, XVII). Auf der gleichen Linie wurden Frauen (und auch die ursprünglichen Völker), die als der Natur näher stehend und daher weniger rational und weniger wertvoll angesehen wurden, zu kaum mehr als Instrumenten im „Dienst für den Mann“ degradiert.
Aus einer ökofeministischen Perspektive ist die moderne Wissenschaft insofern das Musterbeispiel eines patriarchalischen Projekts, als es neue Formen der Unterwerfung und Ausbeutung ermöglicht. Letztlich bringt sie Fehlentwicklung (die mit dem Kolonialismus begann und durch moderne Formen der wirtschaftlichen Beherrschung fortgesetzt wurde), denn sie beruht auf Formen der Wirklichkeitswahrnehmung, die reduktionistisch (das Ganze wird zu verstehen versucht, indem man es in einzelne Teile zerlegt), dualistisch (etwas muss entweder dieses oder jenes sein, aber nicht beides gleichzeitig) und linear (direkte Beziehung von Ursache und Wirkung) sind. Shiva sagt über diese herrschenden Wahrnehmungsweisen:
„Die herrschenden Wahrnehmungsweisen, die allesamt auf Reduktionismus, Dualität und Linearität abgestellt sind, können mit der Gleichwertigkeit in der Vielfalt nicht zurechtkommen, auch nicht mit Formen des Lebens und Handelns, die jeweils sinnvoll und rechtens sind und sich dennoch voneinander unterscheiden. Der reduktionistische Verstand nötigt den Frauen, allen nicht zum Westen zählenden Völkern und der Natur Rollen und Machtformen westlicher Männer-Begrifflichkeit auf und stuft sie damit gleichzeitig als ‚unzulänglich‘ und ‚entwicklungsbedürftig‘ ein. Vielfalt, Einheit und Harmonie in der Vielfalt können in diesem Kontext des westlichen Modells von Fehlentwicklung wissenschaftstheoretisch gar nicht mehr begriffen werden. Daher wird dieser Kontext selbst zum Synonym für die Unterentwicklung der Frauen (d. h. den Ausbau sexistischer Herrschaft) und für die Demontage der Natur (d. h. die Verschärfung der ökologischen Krise).“ (Shiva 1989 a 16–17)
Letztlich, so Shiva, verwandelte diese Art zu denken und die davon inspirierte industrielle Revolution die Wirtschaft
„vom klugen Management von Ressourcen für den Lebenserhalt und die Befriedigung der Grundbedürfnisse in einen Prozess der Warenproduktion um der Profitmaximierung willen. Der Industrialismus schafft eine grenzenlose Gier nach Ausbeutung von Ressourcen, und die moderne Wissenschaft liefert die ethische und kognitive Erlaubnis dafür, die eine solche Ausbeutung ermöglicht, Akzeptanz für sie herstellt und sie als wünschenswert erscheinen lässt. Das neue Verhältnis der Herrschaft und Kontrolle des Menschen/Mannes über die Natur war auf diese Weise mit neuen Mustern von Herrschaft und Kontrolle über die Frau und deren Ausschluss von der partnerschaftlichen Teilhabe an Wissenschaft und Entwicklung verbunden.“ (1989 b, XVII)
Kapitalismus und Ausbeutung
Der Kapitalismus entstand also in einem Kontext, in dem der Androzentrismus im Bewusstsein der Intellektuellen und herrschenden Eliten Europas neue Triumphe feierte. Der „Mensch“ (bzw. der „Mann“) wurde als rationales, autonomes Wesen definiert („Ich denke, also bin ich“) und als die Spitze einer hierarchischen Ordnung betrachtet, deren Basis die „wilde“, ungezähmte Natur bildete, während Frauen, Indigenas, Farbige und Bauern die Mitte der Pyramide bildeten. Das Patriarchat im Sinne eines einheitlichen Systems von Herrschaft und Ausbeutung bildete das Fundament, auf dem der Kapitalismus errichtet werden konnte.
Maria Mies vertritt denn auch tatsächlich die Meinung, dass der Kapitalismus ohne das Patriarchat nicht existieren kann. Die kapitalistische Akkumulation hat ihre Grundlage in der Aneignung von Reichtum, der von der Natur und den Armen dieser Welt (besonders außerhalb Europas) produziert wird. Mit anderen Worten: Sein Zentrum bildet die „räuberische“ (oder parasitäre) Produktionsweise, die durch das Patriarchat gerechtfertigt und am Leben gehalten wird. Der Kapitalismus ist auf die unbezahlte Arbeit der Frauen, auf die Ausplünderung der Ressourcen des Planeten und die äußerst schlecht entlohnte Arbeit der ausgebeuteten Klassen und Rassen angewiesen. Dieser Prozess endloser Akkumulation leblosen Kapitals saugt das Leben aus der Erde und all ihren Lebewesen. Diejenigen, die die Produktion unter Kontrolle haben und von ihr profitieren, sind hingegen nicht selbst Produzenten, sondern Usurpatoren. Dies wird in besonderer Weise im Fall der modernen „Finanzwirtschaft“ deutlich.
Wie alle Formen räuberischer Produktion ist der Kapitalismus auf Gewalt angewiesen. Manchmal nimmt diese Gewalt direkte Formen im tatsächlichen Gebrauch oder der Drohung mit Waffen an. Während der gesamten Epoche des Kolonialismus bis hinein in unsere Gegenwart wandte man die „Kanonenboot-Diplomatie“ an, um die herrschende weltweite (Un-)Ordnung aufrechtzuerhalten. Das kann man noch am Fallbeispiel der beiden Irakkriege und der Sanktionen gegen dieses Land sehen: Millionen unschuldiger Menschen wurden getötet, um die Ölversorgung des Westens sicherzustellen. Heute ist dagegen die Anwendung von Mechanismen der Repression innerhalb einzelner Länder noch üblicher. So lassen zum Beispiel Regierungen, die das Diktat der Strukturanpassungsmaßnahmen umsetzen wollen, das Militär und die Polizei auf die eigene Bevölkerung los, um deren berechtigte Proteste zum Schweigen zu bringen.
Die am meisten verbreitete Form der Gewalt im Kapitalismus ist jedoch die strukturelle Gewalt, die von ökonomischem Zwang ausgeht. Einerseits sind die Verschuldungskrise und die Strukturanpassungsmaßnahmen hervorragende Beispiele für einen solchen Zwang, den man auf ganze Völker und Staaten ausübt. In einem allgemeineren Sinn macht sich der Kapitalismus die ungleiche Arbeitsteilung als eine Struktur zunutze, um sich Reichtum anzueignen. Die Entlohnung der Arbeiter ist geringer als der Wert, den sie produzieren, was die Kapitalakkumulation ermöglicht. Die Ausbeutung der Frauen und der Ökosysteme ist sogar noch größer, denn ihr Beitrag zur Wirtschaft wird ganz einfach nicht als solcher anerkannt (er wird etwa durch Indikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt verschleiert).
Dieses Versäumnis, die grundlegendsten Leben erhaltenden Tätigkeiten nicht entsprechend zu würdigen, ist nicht etwa bloß ein Versehen. Es hat seine Grundlage in der sexuellen Arbeitsteilung, die „menschliche“ (zum Großteil männliche) Arbeit höher bewertet als „natürliche“ Tätigkeiten (dazu zählen Subsistenzwirtschaft, Hausarbeit und die großzügigen Gaben der umfassenderen planetarischen Gemeinschaft). Nicht entlohnte Arbeit, die weitgehend von Frauen verrichtet wird, wird als geringer eingestuft, auch wenn sie für die Erhaltung und Förderung des Lebens absolut notwendig ist.20 Ähnlich verhält es sich hinsichtlich der Dienste, die eine biotische Gemeinschaft wie etwa ein Wald für alle leistet: Produktion von Sauerstoff, Reinigung und Speicherung von Wasser, Aufbau eines gesunden Bodens – dies alles zählt einfach nichts. Und dennoch ist „diese Produktion von Leben die dauerhafte Voraussetzung aller historischen Formen produktiver Arbeit, auch der unter dem Regime kapitalistischer Akkumulation“ (Mies 1986, 47). Tatsächlich ist diese nicht bewertete Arbeit die erste Quelle allen wahren Reichtums, und deren Ausbeutung ist das Fundament der parasitären, räuberischen Produktionsweise, die das Herzstück des modernen Kapitalismus bildet. Im Gegensatz zu Marx, der die Ausbeutung der Lohnarbeit als die Hauptquelle der kapitalistischen Akkumulation betrachtete, geht eine ökofeministische Analyse einen Schritt weiter und behauptet, dass der Kapitalismus sowohl auf die Ausbeutung der Lohnarbeiter als auch auf die Überausbeutung von Frauen und der umfassenderen planetarischen Gemeinschaft angewiesen ist. Mies zieht die Schlussfolgerung:
„Dies setzt jedoch das Verständnis voraus, dass die Frauenunterdrückung heute ein wesentlicher Bestandteil der kapitalistischen (oder sozialistischen) patriarchalischen Produktionsverhältnisse ist. Sie ist Bestandteil des Paradigmas ewigen Wachstums, stetig sich vergrößernder Produktivkräfte, einer unbeschränkten Ausbeutung der Natur, einer unbeschränkten Warenproduktion, stetig sich ausbreitender Märkte und unendlicher Akkumulation des fixen Kapitals …“ (1989, 36)
„[Es wurde mir klar], dass die Frauen in ihrem Kampf um die Wiedergewinnung ihrer Menschlichkeit nichts aus der Fortschreibung dieses Paradigmas gewinnen können. Überall würden Feministinnen gut daran tun, den vom wissenschaftlichen Sozialismus formulierten Glauben aufzugeben, dass der Kapitalismus durch seine Gier nach unaufhörlicher Akkumulation oder ‚ewigem Wachstum‘ die Voraussetzung für die Frauenbefreiung geschaffen hat, die dann unter dem Sozialismus verwirklicht werden kann. Heute ist mehr denn offenbar, dass der Akkumulationsprozess selbst überall das Innerste des menschlichen Wesens zerstört, weil er auf der Zerstörung der Souveränität der Frauen über ihr Leben und ihre Körper aufbaut. Da Frauen für ihr Menschsein nichts aus der Fortsetzung des Wachstumsmodells gewinnen können, sind sie in der Lage, die Perspektive einer Gesellschaft zu entwickeln, die nicht auf Ausbeutung von Natur, Frauen und fremden Völkern beruht.“ (Mies 1989, 8–9)
Es ist daher einfach nicht möglich, dass Frauen die Ausbeutung und Unterdrückung im Kontext des herrschenden ökonomischen Paradigmas abschaffen. Ebenso ist es unmöglich, die Unversehrtheit der umfassenderen planetarischen Gemeinschaft innerhalb dieses Rahmens zu schützen. Aus ökofeministischer Sicht ist ein umfassender Kampf erforderlich, der die Beziehung zwischen Männern und Frauen, zwischen Mensch und Natur und zwischen Nord und Süd verändert.
Jenseits des Kapitalismus: Ökofeministische Perspektiven
Welche Art von Alternative könnte der Ökofeminismus ins Auge fassen, um das gegenwärtige System des weltweiten Kapitalismus der Konzernherrschaft zu ersetzen? Anstelle der räuberischen Produktion auf der Grundlage von Ausbeutung strebt der Ökofeminismus eine neue Wirtschaft an, die grundlegend auf die Produktion und den Erhalt von Leben ausgerichtet ist. Anstelle von Ausbeutung werden die wirtschaftlichen Beziehungen von Gegenseitigkeit geprägt und nicht hierarchisch sein. Dies gilt sowohl für das zwischenmenschliche Verhältnis als auch für die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Deshalb werden kolonisierende dualistische Aufspaltungen wie etwa die zwischen Mann und Frau oder Menschheit und Natur genauso abgelehnt wie solche, die auf Klassenzugehörigkeit oder ethnischer Zugehörigkeit beruhen. Ebenso wird die Vorstellung eines grenzenlosen Wachstums und Fortschritts als gefährliche Illusion durchschaut, die Ungleichheit und Zerstörung bewirkt. Die Erde wird als endlich akzeptiert, und die Menschheit strebt danach, in Harmonie mit ihr zu leben. (Mies 1989, 278)
Ein zentrales Element dieser neuen Sichtweise ist ein neues Verständnis der Arbeit. Ziel menschlicher Anstrengung ist nicht mehr ein Wachstum im Sinne einer quantitativen Zunahme zum Zweck der Kapitalakkumulation, sondern vielmehr die Stärkung von Lebensprozessen und die Förderung menschlichen Glücks. Das bedeutet auch, dass Arbeit nicht mehr als eine bloße Last betrachtet wird, sondern als ein Ganzes, das sich aus Freude und notwendiger Mühe zusammensetzt.
Innerhalb einer solchen Sichtweise erlangt Arbeit in direktem, sinnlichem Kontakt mit der Natur einen besonderen Wert. Maschinen und Technik können weiterhin ihre Rolle spielen, doch ihr Zweck ist es nicht mehr, uns von der organischen Materie, lebenden Organismen oder der materiellen Welt fernzuhalten. Arbeit muss zuerst und vor allem sinnvoll sein, muss etwas Nützliches und Notwendiges für die Produktion oder Erhaltung des Lebens darstellen. Das bedingt auch eine neue Auffassung von Zeit: Wir teilen sie nicht mehr in Arbeit und Freizeit auf, sondern verteilen eher beide in freier Weise.
Die Prozesse von Produktion und Konsum müssen wieder zu einer Einheit zusammengeführt werden, und Ortsgemeinden müssen auf regionaler Ebene eine Wirtschaft aufbauen, die sich im Wesentlichen selbst trägt und in der das, was von der Gemeinschaft produziert wird, auch von ihr konsumiert wird. Eine solche neue Form von Arbeit kann jedoch nicht entstehen, solange die bestehende, am Geschlecht orientierte Arbeitsteilung nicht beseitigt ist. Mies hält daran fest, dass die Umgestaltung der geschlechtlichen Arbeitsteilung, wie sie derzeit existiert, tatsächlich im Zentrum des gesamten Prozesses eines Neuentwurfs der Ökonomie stehen muss:
„Jedes Streben nach ökologischer, wirtschaftlicher und politischer Autarkie (Selbst-Genügsamkeit) muss mit dem Respekt vor der Autonomie des Körpers der Frauen, ihres produktiven Vermögens, neues Leben zu schaffen und Leben durch Arbeit zu erhalten, und ihrer Sexualität beginnen. Eine Veränderung der bestehenden geschlechtlichen Arbeitsteilung würde zuallererst bedeuten, dass die Gewalt, welche das kapitalistisch-patriarchalische Mann-Frau-Verhältnis charakterisiert, weltweit abgeschafft würde, und zwar nicht durch Frauen, sondern durch die Männer.“ (1986, 222)
Rosemary Radford Ruether (1994) spricht nicht nur von der Notwendigkeit einer Neubewertung der sexuellen Arbeitsteilung, sondern der Geschlechterrollen allgemein. Frauen müssen Autonomie und Individualität in ihrem Leben stärken, doch dies sollte nicht mittels einer Praxis der Herrschaft (Selbstbehauptung auf Kosten anderer) geschehen, sondern vielmehr auf die Weise, dass man verbindende Wege findet, im Kontext einer Leben fördernden Gemeinschaft zugleich eine Person für andere und für sich selbst zu sein. Ruether stimmt mit Mies jedoch darin überein, dass sich die erste Veränderung in der Lebensweise der Männer vollziehen muss. Männer müssen „die Illusion eines autonomen Individualismus überwinden, samt dessen Ausweitung in die egozentrische Macht über andere, angefangen bei der Frau, mit der er verbunden ist“ (1994, 278). Die beste Art, dies zu bewerkstelligen, ist es ihrer Meinung nach, wenn Männer ohne Vorbehalte Leben fördernde Beziehungen mit Frauen eingehen und sich an Aufgaben wie der Sorge um die Kinder, Waschen, Kochen, Nähen und Saubermachen beteiligen:
„Nur wenn Männer voll in die Kultur des Alltagslebens eingebunden sind, können Männer und Frauen zusammen das größere System des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens umzugestalten beginnen. Sie können anfangen, ein neues kulturelles Bewusstsein und neue Organisationsstrukturen in den Blick zu bekommen, die diese größeren Systeme mit ihren Wurzeln in der Erde verbinden und die Erde von Tag zu Tag und von Generation zu Generation zu erhalten.“ (1994, 279)
Die Veränderung der Arbeit und der Geschlechterrollen muss auch mit einer tiefgreifenden Veränderung der Art und Weise einhergehen, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen. Vandana Shiva betont: „Der ‚rationale‘ Mann des Westens hat sich demaskiert: Er ist ein Ausbund an Irrationalität und bedroht selbst das Überleben der Menschheit.“ (Shiva 1989 a, 234) Sie hält daran fest: „Die Rückgewinnung des weiblichen Prinzips heißt: den Respekt für das Leben der Natur und das Leben der Gesellschaft wieder ins Leben zu rufen. Das ist der einzige mögliche Weg, der in die Zukunft führt.“ (Shiva 1989 a, 235)
Wenn das weibliche Prinzip bei den Frauen und in der Natur untergraben wird, dann wird es zu einem Prinzip der Passivität entstellt. Bei Männern bewirkt derselbe Prozess „eine Veränderung der Auffassung von Aktivität von Schöpfung zu Zerstörung und der Auffassung von Macht von Ermächtigung zu Beherrschung“. Wenn das weibliche Prinzip zugleich in den Männern, den Frauen und der Natur abstirbt, dann werden „Gewalt und Aggression die männlichen Modelle von Aktivität, und Frauen und die Natur werden zu passiven Objekten der Gewalt“ (Shiva 1989 b, 53).
Um diesen Prozess umzukehren, plädiert der von der Jung-Schule herkommende Theoretiker Gareth Hill für die Wiedererlangung des „dynamisch Weiblichen“ innerhalb der Gesellschaft. In diesem Zusammenhang bezieht sich „weiblich“ nicht auf die Frauen als Geschlecht, sondern vielmehr auf ein Ensemble von Werten oder Eigenschaften, die vom Patriarchat systematisch negiert wurden. Das dynamisch Weibliche weist über das statische Bild von Ernähren und mütterlicher Fürsorge hinaus, obwohl es mit Sicherheit Eigenschaften wie Mitleid und den Wunsch, Leben zu erhalten, mit umfasst. Doch gleichzeitig hat das dynamisch Weibliche eine spielerische, vitale Seite an sich. Es ist zugleich aktiv und reaktiv, fruchtbar und beständig. Es erinnert an das Kapitel im Tao Te King, in dem von der Kraft des Wassers die Rede ist:
Nichts in der Welt
ist so sanft und ertragreich wie das Wasser.
Doch im Auflösen des Harten und Starren
ist es unübertroffen.
Das Weiche überwindet das Harte;
das Geschmeidige überwindet das Starre.
Jeder weiß, dass dies wahr ist,
doch nur wenige können das in ihrem Tun verwirklichen.
(§ 78)
Das dynamisch Weibliche ist auch schöpferisch und hat etwas von Chaos und Überraschendem an sich, das unvorhersehbar hervorbricht. Es steht in scharfem Gegensatz zu Herrschaft und Kontrolle (Gomes/Kanner 1995). Letztlich fordert uns die Integration des dynamisch Weiblichen in unser wirtschaftliches, politisches und kulturelles Handeln dazu heraus, Macht auf eine völlig andere Weise zu begreifen und auszuüben: nicht als Herrschaft, Ausbeutung und Kontrolle, sondern als etwas Positives und Schöpferisches.
Macht neu denken
Solange Macht in der Form von Herrschaft und Ausbeutung ausgeübt wird, wird das Patriarchat weiterhin verheerenden Schaden anrichten und die ökologischen und gesellschaftlichen Systeme untergraben, die das Leben erhalten. Wir bauchen ein völlig neues Verständnis und eine neue Praxis von Macht, damit das weibliche Prinzip in unserer Zeit erneuert werden und wiedererstarken kann.
Das Wort Macht ruft viele unterschiedliche Gedanken und Bilder hervor. In einigen Kreisen hat es einen rein negativen Klang bekommen. Macht wird schlicht als die Durchsetzung des Willens eines Einzelnen oder einer Gruppe auf Kosten der anderen gesehen. Doch im Gegensatz dazu ist die Wurzel des englischen Wortes power das lateinische Verb posse, das „können“ heißt. Auch das spanische Substantiv poder lässt diese Herkunft noch erkennen. Vom Wesen her ist Macht also das, was befähigt. Das Bild, das in dieser sprachlichen Wurzel enthalten ist, ist also nicht so sehr zerstörerisch, sondern vielmehr etwas Produktives oder sogar Schöpferisches.
In patriarchalischen Gesellschaften wurde Macht herkömmlicherweise als etwas gesehen, was eine Gruppe oder ein Individuum auf Kosten der anderen besitzt. Dies ist eine von Grund auf verzerrte Auffassung. Michel Foucault vertritt die Ansicht, dass Macht nichts Statisches oder etwas, das man besitzen kann, ist. Es ist eher etwas, das durch ein Cluster netzförmiger Beziehungen hindurchfließt. Macht ist eher etwas wie Fäden, die Seinsformen miteinander verbinden. „Individuen sind die Vehikel von Macht, nicht diejenigen, die sie gebrauchen.“ (Foucault 1980, 98)
Wie wir schon früher bemerkt haben, bringt Shiva die Ausübung männlicher Macht in Verbindung mit der gesellschaftlichen Konstruktion der Natur und des Weiblichen als passiv. Da Macht relational ist, hängt Erstere von Letzterem ab. Die Herausforderung besteht nun darin, Macht neu zu bestimmen: Sie soll keine Beziehung mehr sein, in der das Aktive über das Passive, der Unterdrücker über die Unterdrückten, der Ausbeuter über die Ausgebeuteten herrscht, sondern eine neue Beziehung auf der Grundlage von Gegenseitigkeit und Kreativität. Um zu sehen, wie dies verwirklicht werden kann, bedürfen wir einer eher praktischen Analyse von Macht.
Analyse der Macht
In ihrem Buch Truth or Dare (1987) arbeitet die ökofeministische Autorin, Aktivistin und Psychologin Starhawk drei Grundtypen oder Formen heraus, in denen sich Macht ausdrückt: „Macht über“, „Macht von innen heraus“ und „Macht mit“.
Die „Macht über“ wird wohl am besten als Macht beschrieben, die einschränkt oder kontrolliert. So wird Macht üblicherweise in unseren gegenwärtigen patriarchalischen Gesellschaften aufgefasst und ausgeübt. Sie ist im vorherrschenden mechanistischen Paradigma verwurzelt, das später noch näher untersucht wird. „Macht über“ tendiert dazu, sich selbst eine hierarchische Struktur zu geben; sie entfaltet sich über Systeme von Autorität und Herrschaft. Dies ist jene Art von Macht, die es dem patriarchalischen Kapitalismus ermöglicht, sich die Produktion durch Ausbeutung anzueignen.
Wir sind an die „Macht über“ und ihre impliziten Drohungen in unserem Leben so gewöhnt, dass sie weitgehend auf einer unbewussten Ebene wirkt – so, als ob wir den Gefängniswärter in unseren Köpfen hätten. Im Allgemeinen werden wir uns der „Macht über“ nur in ihren extremsten Formen bewusst, wie zum Beispiel im Fall offener Gewalt. Doch während Macht mithilfe von Waffengewalt oder Zwangsmaßnahmen das deutlichste Beispiel für „Macht über“ ist, entfaltet sie üblicherweise ihre Wirkung mittels subtilerer Mechanismen von Druckausübung, Manipulation und Kontrolle, die in einem gewissen Maß von Furcht motiviert ist.
Es ist bemerkenswert, dass „Macht über“ in gewissem Sinne tatsächlich „befähigt“. „‚Macht über‘ versetzt Individuen und Gruppen in die Lage, Entscheidungen zu fällen, die andere betreffen, und Kontrolle zu verstärken.“ (Starhawk 1987, 9) Doch „Macht über“ ist in ihrem Wesen negativ. Es ist Macht, die dazu benutzt wird, die Macht anderer niederzudrücken oder zurückzudrängen.
Eine zweite Art von Macht, welche für Starhawk das genaue Gegenteil der „Macht über“ darstellt, ist diejenige, welche sie „Macht von innen heraus“ nennt. „Macht von innen heraus“ ist die Macht, die alles Leben erhält: die Macht der Kreativität, die Kraft zu heilen und zu lieben. Sie wird in besonderem Maße erfahren, wenn Menschen gemeinsam handeln, um sich der Kontrolle der „Macht über“ zu widersetzen. Von daher ist klar, dass „Macht von innen heraus“ das Zentrum dessen bildet, was oft mit dem Wort „Befähigung“ (empowerment) bezeichnet wird. Somit ist sie auch ein zentraler Begriff für viele befreiende Modelle von Erziehung und politischem Handeln.
Es ist interessant, dass das Tao möglicherweise die reinste und auf das Wesentliche konzentrierte Form dieser Art von Macht ist: die innere Macht, die sich im Herzen des Kosmos selbst zeigt.21 „Macht von innen heraus“ ist auch mit der chinesischen Vorstellung des Te verwandt (des zweiten Wortes des Tao Te King): Te wird durch ein Schriftzeichen dargestellt, das das Zeichen für Geradeaus-Gehen mit dem des Herzens verbindet (Dreher 1990, XIV, 12). Es beinhaltet also die Bedeutung von authentisch leben, vom Herzen (dem vitalen Zentrum) her leben, so leben, dass man dabei Intuition und Mitleid miteinander verbindet. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet ist Te eine persönliche Kraft, die jemanden befähigt, klar zu sehen und entschlossen am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt zu handeln. Te ist auch die Kraft, die im Saatgut enthalten ist, die Kraft, ins Leben einzutreten. Wir können deshalb das Te als die Kraft der Lebensenergie in allem Sein verstehen, eine Kraft, die mit der kosmischen Kraft des Tao verbindet und diese kanalisiert.
Die dritte Weise, in der sich Macht ausdrückt, ist die „Macht mit“ bzw. die Macht des Einflusses oder die Macht als Prozess. Ihre Quelle ist die Bereitschaft anderer, unsere Gedanken anzuhören. Sie ist „Macht mit“, die uns befähigt, gemeinsam zu handeln und echt partizipatorische Organisationen zu schaffen. Während die „Macht über“ die Autorität einer bestimmten Position benutzt, um den eigenen Willen durchzusetzen, indem sie Gehorsam verlangt, hat die „Macht mit“ persönlichen Respekt zur Grundlage, der praktisch erworben wurde. „‚Macht mit‘ ist subtiler, flexibler und zerbrechlicher als Autorität. Sie hängt von persönlicher Verantwortung, von unserer eigenen Kreativität und unserem Mut sowie von der Bereitschaf anderer ab, darauf zu reagieren.“ (Starhawk 1987, 258) Joanna Macy, eine buddhistische ökologische und Friedensaktivistin, betrachtet diese Art von Macht als eine Art Synergie auf der Grundlage der Offenheit gegenüber anderen. „Die Ausübung von Macht als einem Prozess erfordert es, dass wir alle Zwangsausübung, die der Teilhabe von uns und anderen am Leben zuwiderläuft, entlarven und zurückweisen.“ (zitiert bei Winter 1996, 258)
Macht als Prozess lädt uns dazu ein, unser Empathievermögen zu stärken. Aktivitäten wie etwa Volkserziehung oder die Organisation von Basisbewegungen setzen diese Art von Macht ein.
In der Praxis existieren alle diese drei Formen von Macht nebeneinander und sind in jedem konkreten Stück Wirklichkeit miteinander verflochten. So zum Beispiel vermischen sich die „Macht über“ und die „Macht von innen“ oftmals miteinander, obwohl sie begrifflich das Gegenteil voneinander sind. Herrschaft muss sich letztlich auf ein gewisses Maß an Kreativität stützen, so entstellt diese auch sein mag. Oftmals zwingt jemand einem anderen seine eigene Kreativität auch auf und verwandelt so „Macht von innen heraus“ in „Macht über“. In ähnlicher Weise kann sich „Macht mit“ auch in „Macht über“ verwandeln. Starhawk schreibt, dass in der herrschenden Kultur beide leicht miteinander verwechselt werden. Einfluss kann sehr leicht in Autorität umschlagen, insbesondere deshalb, weil wir alle so sehr durch Macht als Herrschaft indoktriniert wurden.
Die Tatsache, dass „Macht mit“ oft mit „Macht über“ vermengt und mit ihr verwechselt wird, wurde tiefgehend von der Philosophin Hannah Arendt analysiert. Im Zusammenhang mit ihrer Reflexion über Gewalt, der extremsten Form von „Macht über“, und der Macht, gemeinsam zu handeln (was Starhawks „Macht mit“ entspricht) schreibt sie:
„Obwohl Macht [Macht mit] und Gewalt [Macht über] ganz verschiedenartige Phänomene sind, treten sie zumeist zusammen auf. Bisher haben wir nur solche Kombinationen analysiert, wobei sich herausgestellt hat, dass in ihnen jedenfalls die Macht immer das Primäre und Ausschlaggebende ist. Dies ändert sich jedoch, sobald wir unsere Aufmerksamkeit den selteneren Fällen zuwenden, wo sie in Reingestalt auftreten […]. Auch die größte Macht kann durch Gewalt vernichtet werden; aus den Gewehrläufen kommt immer der wirksamste Befehl, der auf unverzüglichen, fraglosen Gehorsam rechnen kann. Was niemals aus den Gewehrläufen kommt, ist Macht […]. Politisch gesprochen genügt es nicht zu sagen, dass Macht und Gewalt nicht dasselbe sind. Macht und Gewalt sind Gegensätze: Wo die eine absolut herrscht, ist die andere nicht vorhanden. Gewalt tritt auf den Plan, wo Macht in Gefahr ist; überlässt man sie den ihr innewohnenden Gesetzen, so ist das Endziel, ihr Ziel und Ende, das Verschwinden von Macht […]. Gewalt kann Macht vernichten; sie ist gänzlich außerstande, Macht zu erzeugen.“ (1970, 53–54; 57)
In ähnlicher Weise sagt Starhawk, dass „Herrschaftssysteme die ‚Macht mit‘ zerstören, denn diese kann nur unter solchen wirklich existieren, die gleich sind und auch anerkennen, dass sie gleich sind“ (1987, 12). Im Gegensatz zu „Macht über“ kann die „Macht mit“ jederzeit von der Gruppe selbst widerrufen werden; sie verletzt die Freiheit der anderen nicht.
Das Verhältnis von „Macht mit“ und „Macht von innen“ ist vielleicht klarer. Innerhalb einer Gruppe, in der die Meinung einer jeden Person Wertschätzung erfährt (das heißt, wo wir es mit „Macht mit“ zu tun haben), ist es wahrscheinlicher, dass wir unsere „Macht von innen heraus“ zum Ausdruck bringen und entfalten werden. Und in dem Maß, indem unser kreatives und Leben schaffendes Potenzial zunimmt, werden wir auch den Respekt der anderen erfahren.
Veränderung der Machtbeziehungen
Es ist ein schwieriger Schritt von der begrifflichen Neubestimmung von Macht hin zu ihrer tatsächlichen Rekonstruktion, doch wir müssen ihn dennoch zu machen versuchen. Die räuberische Produktionsweise des Patriarchats ist von der Ausübung von „Macht über“, der Macht der Herrschaft, abhängig. Wenn man dieser Macht nicht entgegentreten kann, wenn keine neuen Formen entwickelt werden können, die eher lebensförderlich als todbringend sind, dann werden die Möglichkeiten für eine Veränderung der Welt in der Richtung, die die Ökofeministinnen anzeigen, minimal bleiben.
Es ist an dieser Stelle hilfreich, sich in Erinnerung zu rufen, dass Macht weder statisch noch quantitativ festgelegt ist. Die traditionellen politischen Versuche der Veränderung sprachen von „die Macht übernehmen“. Doch es gibt eine andere Möglichkeit: die Möglichkeit, neue Quellen der Macht zu schaffen und dabei an den Rändern zu beginnen. An einem gewissen Punkt wird eine Konfrontation mit denen, die die „Macht über“ innehaben, natürlich unausweichlich sein. Doch zuerst müssen die Ressourcen der „Macht mit“ und der „Macht von innen heraus“ an der Basis gestärkt werden. Und tatsächlich ist die weltweite Bewegung der Zivilgesellschaft, die sowohl in Volksorganisationen als auch in vielen Nichtregierungsorganisationen Gestalt annimmt, der Beweis, dass eine solche Macht bereits geschaffen und aufgebaut wird.
Ein Weg, um sowohl die „Macht mit“ als auch die „Macht von innen heraus“ zu stärken, ist es also, partizipatorische Organisationen zu schaffen, in denen eine Atmosphäre der Offenheit die Mitglieder in die Lage versetzt, sich frei zu fühlen, so zu sein und sich so zu geben, wie sie sind. Diejenigen, die Veränderungsprozesse zu ermöglichen versuchen, müssen auch ein gewisses Maß an Sicherheit innerhalb der Gruppe gewährleisten, die diejenigen befähigen soll, sich ehrlich, ohne Angst auszudrücken, die am meisten daran gehindert und am verwundbarsten sind. Zu diesem Zweck kann eine Reihe von „Grundregeln“ in manchen Situationen hilfreich sein.
Eine zweite Strategie, um befreiende Macht zu kultivieren, ist es, das Bewusstsein zu stärken. Joanna Macy stellt fest: „‚Macht mit‘ setzt eine aufmerksame Offenheit gegenüber der umgebenden physischen oder geistigen Welt und ein waches Bewusstsein gegenüber unseren eigenen Reaktionen und die anderer voraus. Sie ist die Fähigkeit, auf eine Weise zu handeln, die die bewusste Teilhabe am Leben insgesamt vergrößert.“ (1995, 257) Starhawk schreibt: „Ein waches Bewusstsein ist der Beginn eines jeden Widerstands. Wir können der Herrschaft nur dann widerstehen, wenn wir Bewusstsein erlangen und bewahren: ein Bewusstsein von uns selbst, von der Art und Weise, wie die Wirklichkeit um uns herum aufgebaut wird, von jeder scheinbar bedeutungslosen Entscheidung, die wir treffen, davon, dass wir tatsächlich Entscheidungen treffen.“ (1987, 79)
„Macht mit“ zu entwickeln ist nur im Kontext einer Gruppe möglich. Von ihrem Wesen her ist diese Form der Macht diejenige, die von sich selbst her am stärksten auf Beziehung angelegt ist. Menschen, die an befreienden Initiativen teilnehmen, können ihre „Macht mit“ am besten dann entwickeln, wenn die Gruppe echte Teilhabe und die gemeinsame Verantwortung in Leitungsfunktionen ermöglicht. Starhawk stellt fest: „Um andere mit Fähigkeiten auszustatten, muss eine Gruppe nicht nur so strukturiert sein, dass sie der Befreiung dient, sie muss sich auch dessen bewusst sein, wie sich die Macht innerhalb der Gruppe verteilt und verändert.“ (1987, 268)
Die befreienden Arten von Macht, wie sie in der „Macht von innen heraus“ und der „Macht mit“ Gestalt gewinnen, werden am effektivsten innerhalb von Interaktionen entwickelt, die Wert hervorbringen. Macy spricht insbesondere von „synergetischen Austauschprozessen“, die „etwas [schaffen], das zuvor nicht da war, und die die Fähigkeiten und das Wohlbefinden aller Beteiligten stärken“ (1995, 257). Tatsächlich kann der Begriff „Synergie“ das am besten einfangen, was wir mit „Macht mit“ meinen.
Letztlich aber wird die Neustrukturierung von Macht innerhalb der Gesellschaft als ganzer Strategien erfordern, die über diese Anfänge hinausgehen. Das Patriarchat hat sich im Laufe von Tausenden von Jahren entwickelt, und der weltweite Kapitalismus der Konzernherrschaft, die jüngste Erscheinungsform dieser Herrschaftsmentalität, hat den Großteil der Welt fest im Griff. Um neue Formen von Macht zu schaffen und den alten entgegenzutreten, bedürfen wir tiefer Ressourcen im Inneren, eines neuen Verständnisses dessen, was die Realität ausmacht, und eines neuen Verständnisses von Veränderung selbst.
Unsere erste Aufgabe besteht darin, den Bann zu brechen, den das Patriarchat, der Anthropozentrismus und das gegenwärtige Herrschaftssystem über uns verhängt haben. Wir müssen die Lähmung überwinden, die uns in Unterdrückung, Verzweiflung, Verleugnung und Sucht festhält. Der Weg auf dieses Ziel zu wird im Zuge der nächsten Etappe unserer spirituellen Reise erkundet werden.
17 Genauer noch arbeitet Naess (1989, 29) die folgenden grundlegenden Prinzipien der Tiefenökologie heraus: 1. Das Gedeihen menschlichen und außermenschlichen Lebens auf Erden hat einen Wert in sich. Der Wert nichtmenschlicher Lebensformen ist unabhängig vom Nutzen, den diese für die beschränkten Zwecke des Menschen haben mögen. 2. Der Reichtum und die Vielfalt des Lebens bilden Werte an sich und tragen zum Gedeihen des menschlichen und außermenschlichen Lebens auf Erden bei. 3. Die Menschen haben kein Recht, diesen Reichtum und diese Vielfalt zu mindern, außer um das Lebensnotwendige sicherzustellen. 4. Das gegenwärtige Eingreifen der Menschen in die außermenschliche Welt geht weit über das Maß hinaus, und die Situation verschlechtert sich in raschem Tempo. 5. Das Gedeihen menschlichen Lebens und menschlicher Kultur lässt sich mit einer Abnahme der Bevölkerung in Einklang bringen. Das Gedeihen nichtmenschlichen Lebens erfordert eine solche Abnahme. (Dieses Prinzip scheint von etwas vereinfachenden Annahmen auszugehen. Es wäre besser, es im Sinne einer Abnahme des menschlichen Konsums zu formulieren, was möglicherweise auch einen Rückgang der Bevölkerung im Lauf der Zeit erfordert.) 6. Eine deutliche Verbesserung der Lebensbedingungen erfordert eine neue Politik. Dies betrifft die Grundlagen der Wirtschaft, der Technologie und ideologische Strukturen. 7. Die ideologische Veränderung besteht hauptsächlich darin, die Lebensqualität (wie sie Situationen mit einem Wert in sich selbst innewohnt) höher zu bewerten als einen hohen Lebensstandard. Es wird ein tiefes Bewusstsein des Unterschieds zwischen „groß“ und „großartig“ geben. 8. Diejenigen, welche sich mit den bisherigen Punkten einverstanden erklären, haben die Verpflichtung, sich direkt oder indirekt am Versuch zu beteiligen, die notwendigen Veränderungen herbeizuführen.
18 Gleichzeitig sollte festgehalten werden, dass die Suche nach einem idyllischen goldenen Zeitalter, in dem vollkommene Gleichheit zwischen Mann und Frau herrschte, wie man sie in der jüngsten Literatur finden kann, etwas ernüchtert werden muss. Bücher wie das von Eisler, The Chalice and the Blade (1987) haben in jüngster Zeit zu einer Romantisierung der jungsteinzeitlichen Kultur des alten Europa und Anatoliens und auch der vorklassischen Kultur des minoischen Kreta beigetragen, indem sie behaupteten, dies wären Gesellschaften mit harmonischen Geschlechterbeziehungen gewesen. Diese Kulturen werden als solche beschrieben, in denen die Mutter im Mittelpunkt steht (eher matrifokal und matrizentrisch als matriarchal, denn Letzteres würde eine Herrschaft der Frau bedeuten) und die Göttinnen verehren. Sie liefern einen machtvollen Mythos, der die Nicht-Notwendigkeit patriarchalischer und anthropozentrischer Herrschaft belegt. Es ist jedoch schwierig nachzuweisen, dass in diesen Gesellschaften tatsächlich harmonische Geschlechterbeziehungen vorherrschten. Deshalb ist hier ein gewisses Maß an Vorsicht geboten.
19 Die deutsche Ausgabe (Mies 1989) ist mit der englischen Ausgabe (Mies 1986) nicht identisch, sie wurde von der Autorin gründlich überarbeitet. Etliche hier wiedergegebene Passagen finden sich nur in der englischen Ausgabe und müssen daher aus dieser rückübersetzt werden; d. Übers.
20 Dies trifft in besonderer Weise auf die Strukturanpassungsmaßnahmen zu. Frauen nehmen oftmals als Reaktion auf die von den Strukturanpassungsmaßnahmen ausgelöste wirtschaftliche Krise von Neuem unbezahlte Arbeit auf sich. So stellten die Gemeinschaftsküchen (comedores populares) in Lateinamerika eine wesentliche Überlebensstrategie dar, indem sie die Menschen in einer Zeit von Preiserhöhungen und hoher Arbeitslosigkeit mit Essen versorgten. Tatsächlich subventioniert die unbezahlte Arbeit von Frauen eine ganze Überlebensökonomie. Man kann deshalb sagen, dass der Schuldendienst indirekt durch die unbezahlte Arbeit von Frauen geleistet wird.
21 Das Wort, das Jesus für „Macht“ benutzte, das aramäische hayye, hat ebenfalls diese Bedeutung von Macht. Es wird am besten mit „Lebenskraft“ oder „Ursprungsenergie, die den Kosmos durchdringt“, wiedergegeben (Douglas-Klotz 1999, 65).
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