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Die Buchreihe Memoria mit Aufzeichnungen, Tagebüchern und Biografien aus dem 20. Jahrhundert wird über die Arbeitsgruppe Geschichte und Region/Storia e regione von der Stiftung Südtiroler Sparkasse unterstützt.



Leo Hillebrand

Wackernells Visionen

Das Lebenswerk eines Südtiroler Ingenieurs

Mit einem Vorwort von Manfred Ebner


Inhalt

Vorwort

Einleitung

Kindheit an historischer Stätte

Der Ernst des Lebens

Dramatische Ereignisse am Monte Pelmo

Über Umwege nach Hause

Aufbruch zu neuen Ufern

Student in Mailand

Reger Geist in fittem Körper

Schwerer Start

Neue Perspektiven

Private Weichenstellungen

Pionier der Frostschutzberegnung

Die ersten Anlagen entstehen

Fachliche Kontroversen

Siegeszug der Frostschutzberegnung

Debatte um die Brennerautobahn

Projekt Meraner Trasse

Kein Autobahntunnel für Bozen

Statik und Kollaudierungen

Patente und Urheberrechte

Übermächtige Konkurrenz

Schwerpunkt Betriebsgebäude

Towerhouse am Bahnhof Bozen

Lehrer an der Geometerschule

Zwischen Beruf und Freizeit

Passion Segeln

Im öffentlichen Auftrag

Der Flughafen auf dem Berg

Kampf um die Talferbrücke

Die Renovierung des Bozner Pfarrturms

Landeshauptstadt im Fokus

MeBo alternativ

Die Passerdamm-Variante

Vater der Nordwestumfahrung

Die Umfahrung von Naturns-Staben

Leidenschaft Geschichte

Die Via Claudia Augusta

Römerbrücke und Diana-Altar

Vom Castrum Maiense zum Schloss Ortenstein

Ein rüstiger Senior

Norbert Wackernell – Eine Einschätzung von Zeitzeugen und Weggefährten

Anmerkungen

Mit freundlicher Unterstützung der Abteilung Deutsche Kultur in der

Südtiroler Landesregierung und dem Amt für Europäische Integration und Humanitäre Hilfe in der Autonomen Region Trentino-Südtirol


© Edition Raetia, Bozen 2021

Grafisches Konzept: Dall’O & Freunde

Druckvorstufe: Typoplus

Lektorat: Jochen Hemmleb

Fachlektorat: Adina Guarnieri für Geschichte und Region/Storia e regione

Korrektorat: Helene Dorner

Projektleitung im Verlag: Felix Obermair

Gedruckt in der EU

Die Bilder stammen aus dem Fotobestand von Norbert Wackernell, mit Ausnahme von:

S. 150: Marktgemeinde Naturns (Hrsg.), Umfahrungsstraße Naturns-Staben. Ein Jahrhundertwerk, Naturns 2003

S. 152 und S. 153: Archiv Manfred Ebner

Titelbild: Norbert Wackernell vor dem Damm des Tarbela-Stausees in Pakistan, 1976

ISBN 978-88-7283-795-5

www.raetia.com

Vorwort

Manfred Ebner

Zum ersten Mal hörte ich von Ing. Norbert Wackernell in den 1960er-Jahren im Rahmen der Diskussion über die Brennerautobahn. In Meran löste der Vorschlag, die Autobahntrasse über das Stadtgebiet zu führen, viele kontroverse Diskussionen aus. Der Gemeinderat war damals geschlossen für diese Lösung, zu der es aus Meraner Sicht aber glücklicherweise nicht gekommen ist. Nach meinem Ingenieursstudium in Graz arbeitete ich sieben Jahre als Mitarbeiter bei Wackernells Konkurrenten Ing. Georg Plattner an Projekten in Südtirol. Man hörte damals von vielen Studenten der Bozner Geometerschule, wie unerbittlich streng Wackernell dort als Lehrer war.

Mich haben immer wieder Wackernells oft utopische Studien beeindruckt, die in der Presse vorgestellt wurden, wie zum Beispiel die Planung des Flughafens am Salten. Wackernell hat in besonderer Weise gezeigt, dass der Ingenieur nicht ein alles berechnender Techniker ist, sondern dass die Kreativität das Wesentliche an der Ingenieurskunst ist. Er ließ sich nicht von den Worten „das ist zu teuer“ oder „das ist ein verrückter Vorschlag“ abschrecken und ließ seiner Kreativität stets freien Lauf. Wackernell war bekannt dafür, innovativen, mitunter aber auch weltfremden Ideen nachzuhängen. Er vertrat schon früh Lösungen, die sehr aufwendig und teuer waren, wie etwa Umfahrungsstraßen in Tunnel zu versetzen. Er strebte stets die optimale Lösung für die Umgebung an. Allerdings entwickelte sich der Zeitgeist in Wackernells Sinne und er kam beispielsweise mit seinem Umfahrungsprojekt für Naturns-Staben – für Kenner der Szene eigentlich überraschend – zum Zug.

Trends setzte Wackernell auch in der Öffentlichkeitsarbeit: Nachdem er einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte, setzte er die Medien gezielt ein, um seine Ideen weiterzubringen. Er spielte diesen seine Studien zu, um zu vermeiden, sich in kleinlicher Überzeugungsarbeit gegenüber den zuständigen Beamten aufzureiben.

Ich lernte Wackernell 1989 kennen, als er, Ing. Aribo Gretzer und ich von der Südtiroler Landesverwaltung den Auftrag zur Planung der Nordwestumfahrung von Meran erhielten. Er war es, der den Mut hatte, eine vollständig unterirdische Unterquerung der Stadt vorzuschlagen. Es war eine sehr harmonische Zusammenarbeit. Die Planungszeit war begleitet von massiven Protesten von Gegnern dieser Umfahrung. Diese erhielten viel Zulauf, auch begünstigt von einer gezielten Falschmeldung in einer Zeitung, dass eine Ausfahrt mitten in der Stadt vorgesehen sei. Nach Genehmigung des Vorprojektes zog er sich zu seinem 80. Geburtstag von der Planung zurück. Immer wieder war aber von neuen Ideen in der Presse zu lesen. Er tüftelte ständig an Verbesserungen herum, gab sich nie mit etwas zufrieden. Nach Ausarbeitung und Genehmigung unseres gemeinsamen Vorprojektes (Ebner-Gretzer-Wackernell – Anm. d. Verf.) zur Meraner Nordwestumfahrung überraschte er uns zum Beispiel mit seiner „Passerdammvariante“, die Ing. Gretzer und ich beim gegebenen Stand der Dinge natürlich ablehnten.

Von Wackernell erfuhr ich in persönlichen Gesprächen, dass er in Sichtweite von meinem Geburtshaus auf der anderen Passerseite aufgewachsen war, mit meinem 22 Jahre älteren Bruder Sport getrieben und mit ihm die gleichen Schulen besucht hatte. Zusammen mit den beiden anderen Planern der Nordwestumfahrung blieben wir auch, nachdem er nicht mehr Mitglied der Planungsgruppe war, in Kontakt und waren unter anderem mit ihm und seiner Frau in Wolkenstein zum Skifahren eingeladen. Ein besonderes Erlebnis war die Vorstellung seines Buches auf der Zenoburg 2019, zu der er Ing. Aribo Gretzer und mich eingeladen hatte. Hier konnten wir erleben, wie kreativ er trotz fortgeschrittenen Alters geblieben war.

Das letzte Mal gesehen habe ich ihn 2020 beim Baubeginn des zweiten Bauloses der Nordwestumfahrung mit dem Küchelbergtunnel. Ich hatte ihn vorher angerufen und gebeten, unbedingt dabei zu sein. Obwohl er bereits sehr gebrechlich war, ist er gekommen und hat eine ganze Mappe von Zeitungsausschnitten über dieses Projekt mitgebracht und mir gezeigt.

Einleitung

Am Anfang waltete der Zufall: Ich war bei meiner Arbeit für das Dorfbuch Nals – Geschichte und Geschichten auf den Namen Norbert Wackernell gestoßen. Ich betreute das Thema Landwirtschaft, und es war der Meraner Ingenieur, der Mitte der 1950er-Jahre in Nals für eine der ersten großen Beregnungsanlagen Südtirols verantwortlich zeichnete. Nahezu 60 Jahre nach ihrer Fertigstellung rief ich im Rahmen meiner Recherchen ein Studio Wackernell in Bozen an, um nach so langer Zeit nachzufragen, ob es denn noch Unterlagen zu dieser Anlage gebe. Am Telefon antwortete mir ein resolut wirkender Mann mit kräftiger Stimme. Erst war ich etwas verwirrt, doch dann begriff ich, dass es sich nicht nur um das richtige Studio handelte, sondern ich den Entwickler der Nalser Anlage persönlich am Apparat hatte. Das war mein erster Kontakt mit Norbert Wackernell. Da das Gespräch gleichermaßen interessant wie ergiebig war und mir sein Name in der Folge noch öfters unterkam, ergab es sich, für die Rubrik „Geschichte am Freitag“ in der Neuen Südtiroler Tageszeitung eine biografische Skizze von ihm zu verfassen. Es folgten zwei ausführliche Gespräche im Februar und März 2017 und der entsprechende Zeitungsartikel.1 Dabei wurde mir erst bewusst, wie facettenreich und vielfältig Leben und Werk dieses Ingenieurs waren, wie zahlreich seine Projekte, an denen er in der einen oder anderen Form beteiligt war. Weil das Genre Biografie zu den Schwerpunkten meines Curriculums zählt, war der Gedanke naheliegend, dieses gleichermaßen beruflich wie privat bemerkenswerte Leben in Buchform aufzuarbeiten. Wenn das Leben von Norbert Wackernell von objektivem Interesse ist, dann in erster Linie, weil es in vielerlei Hinsicht das Klischee vom Leben des typischen Südtirolers der Zwischen- und Nachkriegszeit kontrastiert: Er stammt nicht aus bäuerlichem Milieu, er hatte nicht zahlreiche Geschwister, er litt nicht unter der Schule im Faschismus, er musste sich nicht mit abstrakten Berufswünschen zufriedengeben, weil die Eltern bildungsfern waren oder sich die Ausbildung der Kinder schlichtweg nicht leisten konnten. Der 1927 geborene Wackernell steht vielmehr für ein Lebensmodell, das in Südtirol erst viele Jahrzehnte später durch den anhaltenden Wirtschaftsaufschwung, die Liberalisierung und Individualisierung der Gesellschaft Verbreitung fand. Auch der Homo Faber Wackernell stellt ein interessantes Modell dar. Nicht so sehr, weil er an zahlreichen bedeutenden Projekten teilnahm und am Ende seiner Tätigkeit als Ingenieur zu den bekannteren Vertretern seiner Zunft zählte. Bemerkenswert ist seine berufliche Laufbahn vielmehr, weil er sich nicht von Beginn auf einen Bereich konzentrierte und dann nur mehr Gewinnmaximierung betrieb. Ob als Lehrer, als Planer so disparater Dinge wie Kegelbahnen, Langlaufloipen oder Laufställe, als Projektant zum Teil kühner Vorhaben –, immer standen die Bereitschaft, Neues aufzunehmen, Motivation, Interesse, ja die Neugierde im Zentrum. Und das bis ins hohe Alter! Mit diesem Buch liegt eine Lebensbeschreibung vor, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, sondern das Typische, Exemplarische herausheben möchte. Methodisch basiert die Arbeit in erster Linie auf insgesamt zehn ausführlichen Interviews, die ich im Spätwinter 2017 bzw. zwischen Oktober 2019 und Februar 2020 mit Wackernell führte. Zusätzlich wertete ich die von ihm publizierten Texte, vor allem in der Tageszeitung Dolomiten, in der Kulturzeitschrift Der Schlern und im Fachblatt Der Landwirt aus. Er stellte mir außerdem eine Reihe von Manuskripten aus seinem Archiv zur Verfügung, in erster Linie zur Südtiroler Landesgeschichte. Das vielleicht interessanteste Material sind die Mappen mit den technischen Berichten zu verschiedenen Projekten, wobei gerade jene Studien am interessantesten waren, die nicht umgesetzt wurden.

Im Rahmen dieses Buchprojektes erhielt ich Unterstützung von verschiedener Seite: Mein Dank geht an Felix Obermair und Thomas Kager von der Edition Raetia, die diese Publikation durch ihr Engagement ermöglicht haben. Außerdem danke ich den Wackernell-Töchtern Prisca, Lioba und Itta. Sie haben das Entstehen dieses Buches nicht nur wohlwollend begleitet, sondern auch den umfangreichen Fotobestand der Familie zur Verfügung gestellt. Abschließend danke ich der Südtiroler Landesregierung, der Stiftung Südtiroler Sparkasse sowie der Autonomen Region Trentino-Südtirol für die finanzielle Unterstützung des Projektes.

Kindheit an historischer Stätte

Als der 92-jährige Norbert Wackernell im Juni 2019 auf der Zenoburg über Meran sein Buch Der Zorn der Piltrude und der Bischof vorstellte, schweifte er zurück zu den Stätten seiner Kindheit: die Passeirergasse in der Meraner Altstadt, in der er seine Kindheit verbrachte; der Küchelberg zwischen Pulverturm und eben der Zenoburg, wo sein Vater jenes Haus bauen wird, das Wackernell bis zuletzt bewohnte. Auch wenn er als junger Ingenieur in den 1950er-Jahren seine Zelte in Bozen aufschlagen wird: Die Gegend, in der er Kindheit und Jugend verbrachte, lässt ihn nicht mehr los. Bereits als Universitätsstudent verfasst er 1953 die Studie „Die Entstehung der Stadt Meran“. In den folgenden Jahrzehnten war er als Ingenieur immer wieder in Projekte wie der Meraner Trasse der Brennerautobahn, der Passerdamm-Variante oder der Nordwestumfahrung involviert. Projekte also, die für die Stadt von fundamentaler Bedeutung waren. Ab den 1990er-Jahren schließlich vertiefte sich Wackernell zunehmend in historische Studien zur Entwicklung des Meraner Raumes seit der Römerzeit. Sie zogen den rüstigen Senior bis zuletzt in ihren Bann. Diese Hingabe an die Stätten seiner Herkunft überrascht nicht: Die Landschaft des Küchelberges und der nahen Passer mit der wilden Gilf-Klamm ist bis heute beeindruckend. Zudem waren die Zeitumstände, unter denen Wackernell in den 1930er- und 1940er-Jahren aufwuchs, für den Charakter eines jungen Menschen prägend. Und dies, obwohl seine Kindheit und Jugend grundlegend anders verliefen als für die Mehrheit seiner Generation in Südtirol. In Vielem kontrastieren sie die Südtiroler Zeitumstände geradezu diametral. Im Südtirol der Zwischenkriegszeit herrschten politisch wie wirtschaftlich äußerst schwierige Umstände. Mit dem Übergang an Italien wurde dieser landwirtschaftlich geprägte, bereits zu k. u. k. Zeiten als arm und rückständig geltende Teil Tirols von seinen traditionellen Absatzmärkten jenseits des Brenners abgeschnitten und sah sich gerade im Obstund Weinbau einer direkten Konkurrenz mit inländischen Produzenten ausgesetzt. Zu dieser Grundproblematik kam in den 1930er-Jahren die Weltwirtschaftskrise und mit ihr äußerst harte, von Deflation geprägte Jahre. Berücksichtigt man überdies, dass in einer durchschnittlichen Südtiroler Familie aufgrund des Kinderreichtums die spärlichen Mittel auf viele Köpfe aufzuteilen waren, lässt sich ermessen, unter welch harten Umständen die große Mehrheit der in den 1910er- und 1920er-Jahren Geborenen aufwachsen musste. Norbert Wackernell hingegen wurde in vergleichsweise behütete Verhältnisse hineingeboren. Sein Vater war Ingenieur, zählte also zur Bildungselite des Landes. Die Familie der Mutter betrieb in der Passeirergasse nahe der Santer Klause einen Gemischtwarenladen, der nicht zuletzt deshalb gut lief, weil er direkt an der Durchzugsroute der Passeirer Fuhrwerker lag, die sich vor der Heimfahrt mit Proviant eindeckten. Zudem war der kleine Norbert ein Einzelkind, auf das sich nicht nur die gesamte Aufmerksamkeit seiner Eltern, sondern auch aller weiteren Verwandten konzentrierte. Wackernells Vater Wilhelm hatte gleich nach dem Ersten Weltkrieg am Turiner Politecnico Elektrotechnik studiert und sich dann beruflich in Südtirol etabliert, wo er über lange Jahre die E-Zentrale in Forst bei Algund betreute. Zu seinen wichtigsten Projekten zählte die Realisierung der Hochspannungsleitung von der Forster Zentrale über den Jaufenpass nach Sterzing. Sein familiärer Hintergrund ist schon insofern interessant, als er eine Erklärung für eine dezidiert liberale Haltung in allen Lebenslagen liefert. Die Vorfahren der Wackernells lebten als Teil einer evangelischen Enklave in Zell am Ziller und flüchteten infolge der Gegenreformation in das Unterengadin. Sie nahmen dabei die Bäume und Fruchtäste jener Kornel-Kirsche mit, die sie bereits in Zell angebaut hatten. Die angestammte Engadiner Bevölkerung bezeichnete das neue Siedlungsgebiet der Salzburger als „Val Cornel“. Daraus entwickelte sich der Familienname Wackernell. Viele der zahlreichen Nachkommen der Großfamilie wanderten im Lauf der Zeit aus dem Engadin ab. Ein Zweig ließ sich im Oberinntal nieder, wo man aus der Kornel-Kirsche weiterhin Marmelade und Schnaps herstellte. Über das Inntal gelangten die mittlerweile zum Katholizismus konvertierten Vorfahren nach Meran. Norbert Wackernells Großvater mütterlicherseits hatte Maria Pasoldi aus Branzoll geheiratet. Die Pasoldis waren bereits vor 1918 zweisprachig, da es in Branzoll schon unter Österreich eine zweisprachige Schule gab. Wackernell erinnerte sich, seine Großmutter habe im Geschäft perfekt zweisprachig mit den Kunden kommunizieren können und auch der Großvater habe von ihr leidlich gut Italienisch gelernt. Der zeitlebens offene und unverkrampfte Umgang Wackernells mit der italienischsprachigen Bevölkerung erklärt sich wohl auch durch diesen Aspekt der Familiengeschichte. Aber nicht nur in dieser Hinsicht stand Wackernell deutlich in einer urban-liberalen Tradition. Angesichts des Umstandes, dass die Kirche in Südtirol unter dem Faschismus nochmals einen Bedeutungszuwachs erfuhr, nimmt sich der Lebenswandel seiner Familie ausgesprochen liberal aus. Bereits sein Großvater, so stellte Wackernell süffisant fest, habe sich sonntags ausschließlich zur Kirche begeben, um dort seine Freundinnen zu einem Spaziergang abzuholen. Dem Gottesdienst blieb er stets fern. Ausgesprochen laizistisch waren auch die Eltern. Sie praktizierten nicht. Der Vater habe zu ihm einmal lakonisch gemeint, er meide die Kirche, denn auf dem Friedhof liege er schließlich noch lange genug. Außerdem betonte Wackernell, er sei unter seinen Schulfreunden der einzige Nicht-Ministrant gewesen. Die Ministrantenkleidung überzustreifen hätte er als beengend empfunden. Das Freigeistige war schon damals ein Wesenszug des angehenden Ingenieurs, der sich auch im Erwachsenenleben immer wieder zeigen sollte. Fehlte es dem kleinen Norbert nie an elterlicher Zuneigung – die vom Vater geschossenen Bilder bringen das klar zum Ausdruck –, so fehlte es ihm auch materiell kaum an etwas. Bereits im Vorschulalter erfreute er sich an anspruchsvollem Spielzeug und besaß eine Reihe von Kinderbüchern. Bewegung kam in diese beschauliche Kindheit, als Norbert 1933 eingeschult wurde. Die in der Zwischenzeit vollkommen italianisierte Schule barg für viele Zeitgenossen traumatische Erfahrungen. Und auch für Wackernell verlief die Anfangsphase seiner Schullaufbahn mit kleineren Reibereien. So erschien er einmal mit Lederhosen im Unterricht. Sofort schickte ihn die Lehrerin mit dem Hinweis „Coi pantaloni sporchi non vieni più a scuola!“ nach Hause. Solche Episoden stellten aber die Ausnahme dar und auch die sprachlichen Schwierigkeiten überwand der kleine Norbert rasch. Zum einen standen die Eltern der Zweisprachigkeit konstruktiv gegenüber, zum anderen profitierte er vom Umstand gemischter Klassen. Zu seinen Schulfreunden zählte er von Beginn an etliche Italiener, die das Lernen des Italienischen außerordentlich beschleunigt hätten. Bereits ab der zweiten Klasse hatte er keinerlei Probleme mehr, dem Unterricht zu folgen, und es gelang ihm, sich zunehmend aktiv einzubringen. Wackernell lobte rückblickend seine Grundschullehrer ausdrücklich: Ab der dritten Klasse seien mit Dalbosco und Giuliani außerordentlich kompetente und motivierte Lehrpersonen am Pult gestanden, die sich auch nie faschistisch gebärdet hätten. Nach den fünf Jahren Volksschule entschied sich Wackernell für das Humanistische Gymnasium, das er bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1943 besuchte. Diese Schule durfte er als deutschsprachiger Südtiroler jedoch nicht mehr weiter frequentieren. Damit begann für den 16-Jährigen eine der turbulentesten Phasen seines Lebens. Bereits in den 1930er-Jahren bekam seine Familie die zunehmende Aggressivität des faschistischen Regimes zu spüren. Der beruflich gut positionierte, politisch uninteressierte Vater wurde aufgrund seiner Weigerung, in die Partei einzutreten, 1930 kurzfristig entlassen und blieb zwei Jahre ohne Arbeit. Not litt die Familie aufgrund des gut gehenden Ladens des Großvaters dennoch nicht, doch drückte die Situation unweigerlich auf die Stimmung in der Familie. Wackernell erinnerte sich lebhaft daran, wie der Vater nach seinem Parteieintritt zu Hause auftauchte und sich zur Belustigung von Mutter und Sohn im vollen faschistischen Ornat vom Fez bis zu den Stiefeln präsentierte. Wackernells Großmutter mütterlicherseits war nach dem Ersten Weltkrieg an der Spanischen Grippe verstorben. Einige Jahre später verkaufte der betagte Großvater das Geschäft sowie ein angrenzendes Haus, um auf dem am Zenoberg erworbenen Grundstück die heutige Villa Norbert zu bauen, die für Wackernell bis zum Umzug nach Bozen in den 1950er-Jahren das Zuhause sein sollte und die er später als Zweitwohnsitz nützte.

Der Ernst des Lebens

Der politische Umsturz im September 1943 riss den jungen Wackernell unsanft aus seinen Lebensverhältnissen. Die dramatischen Ereignisse rund um Option und Krieg hatte er nur indirekt mitbekommen, sein Lebenswandel wurde dadurch vorerst kaum berührt. Der Vater geriet allerdings im Zusammenhang mit der Optionsentscheidung schwer unter Druck. Er war geradezu konditioniert von der Nazi-Propaganda, dass ihn das faschistische Regime im Falle einer Nichtoption nach Sizilien deportieren würde. Er tendierte bereits deutlich in Richtung einer Option, als ihn ein ausführliches Gespräch mit seiner Schwester umstimmte. Diese unterhielt enge Kontakte zu hohen Militärs. Die italienischen Stellen hätten ihr versichert, dass die Wackernells auf jeden Fall in Südtirol bleiben könnten. Schließlich sei der Bruder Siegfried 1928 im Einsatz für das Regime in Libyen gefallen. In der Folge optierte Wilhelm Wackernell für Italien. Für ihn selbst sollte sich diese Entscheidung lohnen, blieb er doch im Großen und Ganzen vom Krieg verschont und konnte die meiste Zeit zu Hause verbringen. Anders der Sohn: Norbert musste gleich wie die Oberschüler aus Optanten-Familien ab Herbst 1943 die von den deutschen Besatzern improvisierte Oberschule im Vinzentinum Brixen besuchen. Die Deutschen hatten im bischöflichen Knabenseminar die geistlichen Lehrer und Aufseher delogiert, nur die Ordensfrauen versahen weiterhin ihren Dienst. Auf den jungen Wackernell machte die ganze Angelegenheit einen überaus improvisierten Eindruck. Die Lehrer seien alte Männer gewesen, die offensichtlich nach politischen Gesichtspunkten und nicht nach fachlicher Kompetenz ausgewählt worden seien. Der Deutschlehrer beherrschte die Hochsprache lediglich mangelhaft, und der Mathematiklehrer sei ein alter Artillerieoffizier gewesen, den man offenbar ausgewählt habe, weil er eine Ahnung von Parabeln hatte. Mit ihm habe man auch kaum gerechnet, sondern sei regelmäßig zum Üben auf den Schießstand nach Vahrn gegangen. Zu den wenigen fachlich kompetenten Professoren habe Oswald Sailer gezählt. Eine lange Zukunft war der deutschen Oberschule in Brixen ohnehin nicht beschieden: Als die Alliierten auch Brixen ins Visier nahmen und mehrere Bomben in der Nähe des Vinzentinums niedergingen, schlossen die Behörden die Schule und übersiedelten die gesamte Lehrer- und Schülerschaft nach Gröden. Sie brachten die Mädchen in St. Christina unter. Die Buben dagegen erhielten im Wolkensteiner Hotel Oswald Unterricht und wohnten im benachbarten Hotel Post. Wackernell erwartete, in Gröden die Matura ablegen zu können. Doch es sollte anders kommen. Noch bevor das Schuljahr 1944/45 begann, wurde er – obwohl Sohn eines Dableibers – für den sogenannten „Südeinsatz“ zwangsrekrutiert. Man verfrachtete ihn auf einen Lastwagen und brachte ihn nach Verona. Dort kam er im Rahmen der „Organisation Todt“ (OT) zum Einsatz. Diese paramilitärische Einheit war von der Reichsführung mit der Aufgabe betraut, den südlichen Teil der „Alpenfestung“ zu errichten. Wackernell und sein Mitschüler Bernhard Höllrigl kamen zunächst in Verona zum Einsatz, wo sie in erster Linie als Dolmetscher zwischen deutschen und italienischen Stellen fungierten. Den größeren Teil der Zeit ihres „Südeinsatzes“ verbrachten die beiden Südtiroler aber in Rovereto, wo sich das Hauptquartier der Organisation Todt befand. Geplant war unter anderem der Bau einer Serie von Bunkern und Schützengräben von Bassano del Grappa bis zum Gardasee. Wackernell und Höllrigl übersetzten zunächst die Pläne zu den Bauvorhaben. War dann beispielsweise ein Bunker fertiggestellt, erfolgte die sogenannte Baustandsmeldung direkt in das Führer-Hauptquartier nach Berlin. Für deren vorherige Übertragung ins Deutsche waren ebenfalls die beiden Südtiroler zuständig. Wackernell beschrieb die Atmosphäre in Verona und Rovereto als entspannt. Mit den Deutschen, fast durchwegs Hamburger, seien sie gut zurechtgekommen und mit den eingebundenen Italienern habe es ohnehin nie Spannungen gegeben. Das OT-Personal war in den Hallen des Flugzeugbauers Caproni untergebracht und die Versorgung den Umständen entsprechend gut. Kritisch war vielmehr, dass im Winter 1944/45 auch Rovereto Ziel alliierter Luftangriffe wurde. Die Bomber nahmen vor allem die Brücken ins Visier und den Bahnhof, in dessen unmittelbarer Nähe die beiden Südtiroler einquartiert waren. Ein Angriff blieb Wackernell in besonderer Erinnerung: „Wir waren auf der Straße unterwegs, da hörte ich die Bomber kommen. Mit gespielter Ruhe meinte ich altklug zu Bernhard: ‚Wenn man es bei den Tieffliegern glitzern sieht, dann wird es kritisch, dann klinken sie nämlich die Bomben aus.‘ Bernhard sah nach oben und schrie nur: ‚Und wie es glitzert!‘ Da krachte es auch schon. Wir warfen uns nieder, die Bomben gingen aber über uns hinweg.“ Wackernell meinte rückblickend, er habe in dieser Phase schon verstanden, dass der Krieg nicht mehr lange dauern könne. Schwere Bedenken hatte er allerdings bezüglich der Alpenfestung. Er befürchtete, sie könne den Krieg verlängern und Südtirol zum unmittelbaren Kriegsgebiet werden lassen. Entsprechend erleichtert war er, als er am 25. April 1945 von der Kapitulation General Kesselrings in Oberitalien hörte.

Dramatische Ereignisse am Monte Pelmo

Bevor sich Norbert Wackernell jedoch über das Kriegsende freuen und Zukunftspläne schmieden konnte, stand ihm 1944 das wohl dramatischste Ereignis seines Lebens bevor. Er und Bernhard Höllrigl sollten drei Hamburger Ingenieure dabei unterstützen, auf der Hochebene unterhalb des Monte Pelmo (südlich von Cortina d’Ampezzo) Vermessungen vorzunehmen. Die Deutschen entwickelten nämlich konkrete Pläne, dort eine Abschussrampe für die V2 zu bauen. Teil des Projektes war die Errichtung einer Seilbahn, mit der man die Raketenteile auf den Berg transportieren wollte. Und den Bau dieser Bahn galt es vorzubereiten. Die Gruppe kam vor Weihnachten 1944 am Fuß des Berges in Forno di Zoldo an und stieg zu jener Almhütte auf, die ihr in den kommenden Wochen als Unterkunft diente. Die Ausstattung der Hütte war zwar spartanisch, speziell das Schlafen bereitete einige Schwierigkeiten. Die Verpflegung war dagegen für die Zeitumstände erstklassig, ja geradezu privilegiert. Jede Woche kam ein Kleinlastwagen aus Rovereto und brachte alles Nötige mit. Sogar für Sonderwünsche gab einen gewissen Spielraum. Die Vermessungsarbeit schritt zügig voran. Aber bald merkte die Gruppe, dass sie nicht allein auf der Anhöhe war: In der Gipfelzone hatte sich eine bis an die Zähne bewaffnete, etwa zwei Dutzend Mann starke Partisanengruppe verbarrikadiert. Bald kam es zum ersten Kontakt und es gelang, eine Art Abkommen zu schließen. Die Italiener sollten Wackernell und Co. unbehelligt ihre Arbeit verrichten lassen, umgekehrt würden die OT-Leute die Existenz der Partisanengruppe vor Ort nicht ins Hauptquartier nach Rovereto melden. Tatsächlich gestalteten sich die Beziehungen in der Folge durchaus entspannt, insbesondere nachdem sich die Partisanen überzeugt hatten, dass die Technikergruppe über keinerlei Waffen verfügte. Dies war auch die Folge eines fast absurden Problems: Die Briten hatten Kenntnis von der Partisaneneinheit und ihrem Aufenthaltsort. Sie überflogen das Gebiet und warfen öfters Waffen und Munition ab, nie aber Nahrungsmittel. So ergab es sich, dass die gut versorgte Vermessungstruppe den Italienern immer wieder Verpflegung abtrat. Umgekehrt waren die Partisanen bei verschiedenen Arbeiten behilflich. Wackernell gewann den Eindruck, es handle sich weniger um eine hoch politisierte, aggressive Gruppe, sondern um junge Männer, die schlichtweg vermeiden wollten, von der Wehrmacht gefangen und zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert zu werden. Die Beziehungen hätten wohl auch ohne Probleme mit Abschluss der Vermessungstätigkeit geendet, hätte nicht einer der deutschen Ingenieure entgegen den Vereinbarungen in einem Gespräch mit dem Hauptquartier durchblicken lassen, es seien Partisanen in der Gegend. Dann ging alles ganz schnell! Unten in Forno trafen zwei Lastwagen mit einer Polizei-Einheit von insgesamt etwa 25 Mann ein. Die gesamte Besatzung bestand ausgerechnet aus Südtirolern. Wackernell und Höllrigl war die akute Gefahrensituation sofort klar. Sie stiegen hinab ins Dorf und nahmen Kontakt mit dem Anführer der Einheit, einem Möltner namens Schrott, auf. Tatsächlich erklärte dieser, man wolle das Partisanennest ausheben. Wackernell wandte ein, die Partisanen seien am Gipfel in einer optimalen Position, bestens ausgerüstet und, anders als die Südtiroler Polizisten, kampferprobt. Bei einem Angriff drohe der Einheit ein Gemetzel, womöglich würde niemand überleben. Die Südtiroler sollten sich daher ohne Aufhebens zurückziehen. Dies lehnte Schrott mit dem Hinweis auf die eindeutige Befehlslage ab. Zu einer weiteren Zuspitzung der Situation kam es, als die Partisanen Wind von der Anwesenheit der Polizeieinheit bekommen hatten. Sie warfen Wackernell und seinen Kollegen Verrat vor. Wackernell schaltete nun den Bürgermeister von Forno ein und es kam zu hektischen Verhandlungen. Die Lösung brachte schließlich Wackernells Vorschlag, bei seinem Vorgesetzten in Rovereto, Rücke, in der Sache zu intervenieren. Tatsächlich gelang mit dem Hinweis, der Polizeieinsatz gefährde die Vermessungen und damit die zeitgerechte Umsetzung des V2-Projektes, eine Rücknahme des Befehls. Daraufhin zog die Südtiroler Einheit ohne weitere Zwischenfälle wieder ab. Wackernell sprach im Allgemeinen überaus uneitel über seine Projekte und Verdienste. Kam er hingegen auf diese Episode zu sprechen, verlieh er ohne falsche Bescheidenheit seiner Überzeugung Ausdruck, durch sein entschlossenes Eingreifen zahlreiche Menschenleben gerettet zu haben.

Über Umwege nach Hause

Nach diesem Zwischenfall kehrten Wackernell und Höllrigl mit den deutschen Ingenieuren in das OT-Hauptquartier nach Rovereto zurück. Dort war man von der Arbeit der beiden Südtiroler angetan und entließ sie nach Hause, um ihnen im Sommer 1945 das Ablegen der Kriegsmatura zu ermöglichen. Zurück in Meran erfuhr Wackernell unmittelbar, dass der „totale Krieg“ auch Südtirol erreicht hatte. Als er zu Hause die Türglocke betätigte, blieb diese stumm. Als alles Rufen auch nicht half und ihm niemand die Tür öffnete, zog er seine Pistole und feuerte seine einzigen Schüsse während des Krieges ab. Endlich hörten ihn seine Eltern und öffneten die Tür. Aufgrund der Verdunkelungsmaßnahmen wurde in Meran nämlich abends der Strom abgeschaltet, weshalb die Glocke nicht mehr funktionierte. Wackernell begab sich gleich nach der Heimkehr in die Schule nach Wolkenstein. Auch hier hatte der Krieg unübersehbar seine Spuren hinterlassen. Mit dem herkömmlichen Unterricht war es nicht weit her. Vielmehr trainierten die Jungen das Ausheben von Schützengräben oder das Schießen auf Skiern. Ernst wurde die Situation, als ein Lastwagen voller Waffen und Munition vor der Schule vorfuhr. An die Schüler erging die Aufforderung, sich zum Sellajoch zu begeben und dort die anrückenden Amerikaner zu bekämpfen. Dabei priesen die deutschen Instrukteure die Vorzüge der angeblichen „Wunderwaffe“ Panzerfaust an. Die Gruppe um Wackernell lehnte einen solchen Einsatz allerdings kategorisch ab. Sie war von einer Gruppe von Deserteuren gewarnt worden: Mit Panzerfäusten gegen die US-Armada etwas ausrichten zu wollen, sei das reinste Himmelfahrtskommando. Die amerikanische Panzertruppe hätte eine Strategie entwickelt, ihre Fahrzeuge einfach auf den Schützengräben zu drehen und die Gegner lebendig unter sich zu begraben. Das ließen sich die Jungen nicht zweimal sagen, setzten sich nach und nach aus der Schule ab und traten die Flucht nach Hause an. Ungefährlich war das nicht: Auf den Straßen patrouillierte die Feldgendarmerie auf der Suche nach Deserteuren, die sich ebenso wie bereits vom Süden zurückflutende Wehrmachtseinheiten nach Norden durchschlagen wollten. Die Schüler galten zwar als Zivilisten, hätten sich aber nicht von der Schule entfernen dürfen. Wackernell meldete sich denn auch mit der Bitte beim Direktor ab, keine Suchaktion zu starten. Auf der Treppe traf er auf einen der fanatischsten Nazis an der Schule, Prof. Stärkele. Auf Wackernells „Auf Wiedersehen!“ antwortete dieser barsch mit einem „Heil Hitler!“, aber dabei blieb es auch. Die Vertreter des Regimes hatten offensichtlich resigniert. Da Straßen viel zu gefährlich waren, nahm Wackernell den Weg über die Berge. Über den Tschögglberg gelangte er schließlich in zwei Tagen nach Meran. Dort traf er seine Eltern unversehrt wieder, auch der Großvater hatte den Krieg überstanden. Zu diesem erfreulichen Umstand gesellte sich freilich ein Wermutstropfen: Aus der Kriegsmatura wurde nichts. Dafür hatte der Krieg zwei Monate zu früh geendet.

Aufbruch zu neuen Ufern

Das Frühjahr 1945 bedeutete auch für Norbert Wackernell einen Neuanfang. Er hatte den Krieg zwar äußerlich unversehrt überlebt, das Ereignis prägte ihn jedoch ein Leben lang. Vor allem wirkte die Angst nach, gegen Kriegsende doch noch zum aktiven Militär eingezogen zu werden. Wie schmal die Grenze zwischen Leben und Tod war, erfuhr er in den letzten Kriegsmonaten wiederholt. Als Beispiel führte er eine Episode um seinen späteren Schwager Florian Putzer aus St. Pauls an. Putzer stand in enger Verbindung zu SS-Sturmbannführer Karl Nicolussi-Leck, der ihn, so vermutete Wackernell, wohl auch vor dem Kriegsdienst bewahrt habe. Dafür verpflichtete sich der junge Paulser, „Freiwillige“ zu rekrutieren. So tauchte er auch bei Wackernell mit einem Formular auf, das dieser unterfertigen sollte: die Beitrittserklärung zur SS. Wohl nicht zuletzt das in der Familie vorhandene Misstrauen gegenüber politischen Organisationen bewahrte Wackernell vor einem fatalen Fehltritt. Obwohl er eigenen Aussagen zufolge damals nicht in der Lage war, die SS als Organisation klar zu verorten, lehnte er ab. Die Richtigkeit seiner Entscheidung wurde ihm bald drastisch vor Augen geführt: Zwei Buben vom nahen Stemmerhof unterschrieben – und kehrten beide nicht mehr aus dem Krieg zurück. Aufgrund solcher Erfahrungen sah der junge Wackernell nach Kriegsende nicht frohen Mutes einer friedlichen, harmonischen Zukunft entgegen, sondern er blieb von tiefer Skepsis geprägt. Diese kam vor allem in seiner Einstellung zum Ausdruck, es sei nur eine Frage der Zeit, bis es zum nächsten bewaffneten Konflikt käme. Der bald folgende Kalte Krieg schien diese Haltung zu bestätigen. Erst mit der zunehmenden politischen Entspannung zwischen Ost und West Anfang der 1970er-Jahre blickte auch Wackernell optimistischer in die Zukunft. Seine anfängliche Zukunftsskepsis wurde freilich überlagert von den unmittelbar drängenden Fragen des Lebens wie der Fortsetzung seines Bildungsweges. Weil er die Kriegsmatura nicht mehr absolvieren konnte, schrieb er sich ins Wissenschaftliche Lyzeum ein, um die Abschlussprüfung nachzuholen. Zuvor galt es, im Herbst 1945 eine Aufnahmeprüfung zu schaffen, die es in sich hatte. Obwohl Wackernell den ganzen Sommer hindurch lernte, bestand er nur knapp. In der Folge lief dann alles wie geplant: Er absolvierte das Schuljahr und bestand im Sommer 1946 die Matura. Auch der Weg danach war vorgezeichnet. Obwohl sich die Eltern nie in Schul- und Studienfragen einmischten und allenfalls der Großvater ihm öfters eine Zukunft als Ingenieur prophezeit hatte, war die Entscheidung klar: Er schrieb sich am Mailänder Politecnico in das Fach Hoch- und Tiefbau ein. Doch ein Studium nach dem Krieg – das war leichter gesagt als finanziert. Auch für eine Familie des gehobenen Mittelstandes stellte es in der Nachkriegszeit eine materielle Herausforderung dar. Ein Ereignis drohte Wackernells Studienpläne abrupt zunichtezumachen. 1947 ging der Meraner Banco di Roma pleite, eben jene Bank, bei der die Familie ihr gesamtes Barvermögen deponiert hatte. Nur ein Glücksfall rettete die Situation. Der Direktor der Meraner Filiale war ein Jagdfreund des Vaters. Er präsentierte sich eines Nachts an der Haustür und teilte den verdutzten Eltern mit, im mitgebrachten Koffer befinde sich deren gesamte Einlage. Morgen melde die Bank nämlich Konkurs an. Es war eine illegale Handlung. Norbert Wackernell aber rettete sie das Studium.

Student in Mailand

Das Studium in Mailand begann Wackernell zusammen mit seinem Spezi aus Schul- und Kriegszeiten, Bernhard Höllrigl. Die beiden Jungen bezogen eine Privatwohnung. Bereits im ersten Studienjahr legte sich Wackernell dermaßen ins Zeug, dass er Anrecht auf ein Begabtenstipendium erhielt. Das inkludierte einen kostenlosen Heimplatz in der Casa dello Studente, wo der junge Meraner den Rest der Studienzeit zubrachte. Die Auswirkungen des Krieges waren noch überall sichtbar und spürbar. Wackernell erinnerte sich etwa an das eigenartige Fleisch, das in der Heimmensa ausgegeben worden sei: die, wie es im despektierlichen Studentenjargon hieß, „tette delle vacche“. Aus Spargründen kaufte die Mensa vornehmlich Euterfleisch, das sich beim Drücken mit der Gabel als noch deutlich milchhaltig erwies. Getreu seinem Credo trat Wackernell keiner Studentenorganisation bei, auch nicht dem bereits bestehenden „Bund der Südtiroler Hochschüler.“ Ansonsten hielt er durchaus Kontakt mit anderen Studenten aus Südtirol. So erinnerte er sich an den gleichaltrigen Roland Riz sowie an etliche Pusterer. Besonders ausgelassen war die Studentenzeit damals freilich nicht. Speziell das Studium am Politecnico war Knochenarbeit, die Paukerei Normalzustand. Viele Studienanfänger, so Wackernell, seien gescheitert, andere hätten sieben, acht Jahre zum Abschluss benötigt. Er absolvierte das Studium in der Mindestdauer, nicht zuletzt aus finanziellen Erwägungen. Die Benachteiligung deutschsprachiger Studenten war zwar keineswegs die Norm, kam aber durchaus vor. Als Wackernell zu einer Prüfung antrat, kam es zu folgender Situation: „Ich meldete mich zur Prüfung im Fach Brückenbau an, diese galt als eine der härtesten des gesamten Studiums. Der prüfende Professor war ein Ingenieur mit internationalem Renommee. Ich trat also in den Raum, er würdigte mich keines Blickes, las nur laut meinen Namen und meinte: ‚Ma lei è tedesco?‘ Ich sofort: ‚No, no, vengo dall‘Alto Adige, lì i nomi tedeschi sono frequenti.‘ Meine Äußerung verfehlte freilich den gewünschten Effekt. ‚Ma lei, come tedesco, ha il coraggio di venire da me a fare l’interrogazione?‘ Darauf ich: ‚Professore, non capisco!‘ Er: ‚Ma lei non sa, che i tedeschi hanno buttato giù tutti i miei ponti sul Po [am Ende des Zweiten Weltkrieges – Anm. d. Verf.] E la nostra amministrazione non mi ha fatto ricostruire uno, hanno dato tutti gli ordini a bravi socialisti.‘ Ich dachte nur daran, mich schnell aus der Affäre zu ziehen und sagte: ‚Non c‘entro, professore, mi ritiro.‘ Das ging dem Professor dann doch zu weit: ‚No, no, stia!‘ Die folgende Prüfung hatte es allerdings in sich. Unter anderem stellte er mir eine Fangfrage, wie man die statische Belastbarkeit eines Geländers auf einer Steinbrücke berechnet. Aber ich war gut vorbereitet und hatte die korrekte Antwort parat. Schließlich entließ er mich mit 28 Punkten [höchste Bewertung: 30 Punkte – Anm. d. Verf.].“ Mit seinem Einsatz und einwandfreien Leistungen empfahl sich Wackernell für höhere Weihen: Man signalisierte ihm, dass man ihn nach Beendigung des Studiums an der Uni behalten wolle. Obwohl eine Assistenzstelle damals deutlich bessere Perspektiven bot als heute, lehnte er ab. Ungeachtet aller Offenheit gegenüber der italienischen Lebensweise und Kultur kam Mailand für ihn als künftiger Lebensmittelpunkt nicht in Frage. Ihn zog es wieder zurück nach Südtirol. Bevor Wackernell sich dauerhaft in Südtirol niederlassen konnte, war die Frage des Militärdienstes zu klären. Weil ihm der Einsatz in Verona und Rovereto während des Krieges nicht anerkannt wurde, war der gesamte Dienst zu absolvieren. Nicht zuletzt wegen seines Pessimismus hinsichtlich eines Weltfriedens und weil es für Akademiker keine Zugangsbeschränkungen gab, entschied er sich für die Offiziersschule in Lecce. Die eigentliche Ausbildung erfolgte in Cesano di Roma, die restlichen Monate verbrachte Wackernell in Apulien. Er fühlte sich im Süden wohl, zeigte aber wenig soldatische Gesinnung. Gerne pfiff er auf die täglichen Rituale und verbrachte bei jeder Gelegenheit seine Zeit damit, Englisch zu lernen. Nach Abschluss der Ausbildungsphase leistete der frisch gebackene Unteroffizier den letzten Abschnitt des Militärdienstes ausgerechnet in der „Wackernell-Kaserne“ in Mals. Diese war nach seinem 1928 in Libyen gefallenen Onkel Siegfried benannt. Das ihm zugeteilte Dutzend Wehrdiener, allesamt aus dem Pustertal, machte aber nicht wie vorgesehen Jagd auf Schmuggler und illegale Grenzgänger, sondern auf Wild. Wenn sich daraufhin wieder einmal der Protest der Jäger aus dem Revier erhob, bedurfte es der ganzen diplomatischen Kunst Wackernells, um die aufgebrachten Vinschger zu beruhigen.

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