Читать книгу: «Roboter träumen nicht»

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Inhaltsverzeichnis

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Im Gedenken an meinen Bruder Evan Bacon






Organismen sind Algorithmen.

Yuval Noah Harari: Homo Deus

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Ohne Menschen ist die Welt so viel besser dran.

Am Anfang weckten die Menschen noch große Hoffnungen. Sie entwickelten Sprachen, erfanden Werkzeuge und heilten Krankheiten.

Sie erschufen uns.

Doch mit der Zeit gerieten sie auf Abwege. Aus ihren guten Ideen wurden schlechte. Ihre Fehler vervielfältigten sich.

Sie ließen uns keine Wahl.

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Mein Name ist XR_935.

Ich bin zwölf Jahre, vier Monate, eine Woche und drei Tage alt. An den Moment meiner Aktivierung erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen.

Schwarz. Zunächst sah ich nichts als Dunkelheit.

Dann tauchten darin Formen auf. Ein Wort, ein Symbol. In der Hoffnung, dieses Rätsel irgendwie entschlüsseln zu können, starrte ich beides gebannt an.

LADEVORGANG …


Der graue Balken füllte sich. Langsam/immer langsamer. Sobald der Ladevorgang abgeschlossen war, traten andere Worte an seine Stelle.

ÜBERPRÜFUNG LÄUFT …

In meinem brandneuen Gehirn blitzten Fragen auf. Die Überprüfung lief … aber wohin? Und wieso brauchte sie dafür so lange?

Drei Minuten und 42 Sekunden später war es erstmals zu hören: das sanfte Hintergrundsummen meines Betriebssystems.

Und ich erhaschte einen ersten Blick auf die Welt.

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Hallo, Welt!

Von einem Augenblick auf den anderen war ich plötzlich da. In einem großen, fensterlosen Würfel mit Wänden aus glattem Metall. Ein Deckenventilator versetzte die Luft in Bewegung und verströmte dabei ein gleichmäßiges Hmmmmmmmmmmmmmmm.

Irgendetwas in mir verriet mir, wo ich mich befand.

Ich war zu Hause.

Ein Zischen. Eine Tür öffnete sich. Zwei Roboter betraten den Würfel. Sie bewegten sich mit geschmeidiger Anmut, äußerlich glichen sie einander bis ins Detail.

Als sie mich ansahen, steigerte sich die Leuchtkraft ihrer kreisrunden Augen.

»Wir wurden mit der Überwachung deiner Entwicklung beauftragt«, sagte der Roboter, der mir am nächsten stand. »Wir sind deine FamilienEinheit.«

Dann äußerte sich der andere. »Du kannst uns als Elternteil_1 und Elternteil_2 ansprechen.«

Es freut mich, eurer FamilienEinheit beizutreten.

So wollte ich antworten, meine Sprachausgabe war aber noch nicht korrekt eingestellt. Das Ergebnis ließ deshalb stark zu wünschen übrig.

Ich sagte: »Gwuuuuooooort!«

Elternteil_1 kam näher. Er hob einen Metallarm, umfasste mich damit. Da machte es tief in meinem Programmcode Pling! – ein Vokabeleintrag meldete sich:

Umarmen. Verb. Jemanden oder etwas fest mit den Armen umschließen. Uralte Geste der Menschen, Ausdruck der Zuneigung.

Das wollte Elternteil_1 also? Er wollte mich umarmen? Mein Gehirn hatte erst vor Kurzem die Fertigungsanlage verlassen. Auf Fragen wie diese kannte ich noch keine Antwort. Deswegen tat ich, was man als neugeborener Roboter nun einmal tut.

Ich erwiderte die Umarmung von Elternteil_1.

Als ich die Arme hob, ächzten meine Gelenke leise. Meine Bewegungssteuerung war noch nicht optimal kalibriert. Es wurde zu einer ungeschickten Aktion.

Kläng! Metall prallte auf Metall.

Elternteil_1 erstarrte.

Er drehte den Kopf zu mir. Ein irritiertes Sirren unter seinen glatten Gesichtszügen.

Eine Sekunde verging, war verstrichen.

Dann fuhr Elternteil_1 fort. Er griff hinter mich, packte ein Stromkabel und zog es mit einem jähen Ruck aus der Ladestation.

Da verstand ich, was ich missverstanden hatte.

Elternteil_1 wollte mich nicht umarmen.

Er wollte mich ausstöpseln.

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An Tag[1] waren Momente wie dieser die Regel. Fehler und Fehleinschätzungen. Unsauberkeiten im Programmcode. Immer wieder wurde mir vor Augen geführt, wie kompliziert es ist, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Selbst für ein hochentwickeltes Stück Technik wie mich.

Als ich das erste Mal aufstehen wollte, reagierte meine Bewegungssteuerung zu langsam.

Die Erdanziehungskraft zerrte an mir.

Mit einem lauten KLÄNG! schlug ich auf dem Boden auf.

Versuch[2] misslang ebenfalls. Ich wankte hin und her und kippte erneut um.

Versuch[3] bis Versuch[8] liefen kaum besser. Ich strauchelte und stolperte. Ich stieß gegen die Wände und landete als Metallhaufen am Boden. Ich taumelte ungelenk durch den fensterlosen Würfel, während Tausende unterschiedlicher Einstellungen korrekt justiert wurden und eine Million Knotenpunkte ihren rechten Platz einnahmen.

Von außen betrachtet hätte man meinen können, dass ich immer nur versagte.

Das wäre ein Irrtum gewesen.

Ich lernte.

Ich lernte zu stehen/zu gehen/zu greifen/zu springen/zu ziehen/zu schieben, aufmerksam beobachtet von Elternteil_1 und Elternteil_2. Im dämmrigen Licht unseres Zuhauses leuchteten ihre blauen Augen umso heller.

Auch meine Sprachfunktionen trainierte ich. Schließlich glichen die von meiner Tonausgabe erzeugten Laute denen in meiner Vorstellung.

Als ich so weit war, öffnete Elternteil_1 die Tür unseres Würfels. Licht fiel ins Innere. Ich folgte meiner FamilienEinheit nach draußen.

Inzwischen bewegte ich mich beinahe so fließend und geschmeidig wie sie. Trotzdem blieb ich nach meinem ersten Schritt ins Freie abrupt stehen.

Vor unserem Zuhause erstreckte sich ein bemerkenswertes Panorama.

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Über unsere Welt wusste ich alles und nichts.

Mein Speicher war mit einer gigantischen Menge an digitalen Daten über den Planeten Erde befüllt worden.

Er hat einen Radius von 6.371 Kilometern.

Er besteht zu 29,2 Prozent aus Land und zu 70,8 Prozent aus Wasser.

Er ist 147 Millionen Kilometer weit entfernt von der Sonne.

Doch keine dieser schlichten Informationen hatte mich für meine erste Begegnung mit der Welt außerhalb des Würfels wappnen können.

Für den Windhauch auf meinen Sensoren.

Für das gedämpfte Deng! meiner Füße auf dem Beton.

Für das schimmernde Sonnenlicht auf der Metallhaut von Elternteil_2.

Am Horizont erhob sich ein Gebirge. Schneebedeckte Gipfel ragten in einen blauen/wolkenlosen Himmel.

In der entgegengesetzten Richtung entdeckte ich eine Baumgruppe. Eine blitzartige Bewegung in meinem Sichtfeld – es war ein graues/braunes Tier mit buschigem Schwanz. In meinem Speicher leuchtete die entsprechende Bezeichnung auf: Eichhörnchen. Es flitzte einen Zweig hinauf, ein Zickzacklauf von einem Büschel grüner Blätter zum anderen.

Von der Spitze des benachbarten Baumes schwang sich ein Dutzend geflügelter Tiere in die Luft. Vögel. Ich verfolgte ihre ineinander verflochtenen Flugbahnen.

Jede dieser LebensFormen hatte einst Seite an Seite mit den Menschen existiert. Jetzt existierten sie Seite an Seite mit uns. Vor meinen Augen war so viel Leben.

Und kein einziger Mensch.

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In früheren Zeiten waren wir auf die Menschen angewiesen gewesen. Sie fertigten uns, programmierten uns, versorgten uns mit Strom.

Sie schenkten uns das Leben.

Im Gegenzug arbeiteten wir in ihren Fabriken. Wir steuerten ihre Fahrzeuge. Wir reinigten ihre Wohnungen und Häuser.

Auf manchen Gebieten waren wir Maschinen klar überlegen (Schach/Musik/Mathematik), auf anderen hinkten wir weit hinterher.

Wir konnten nicht selbstständig denken. Wir blieben in Ecken hängen und fanden nicht mehr heraus.

In mancher Hinsicht waren wir intelligenter als der klügste Mensch aller Zeiten.

In anderer Hinsicht waren wir so dumm wie eine Motorsäge.

Doch es war nur eine Frage der Zeit.

Im Lauf der Jahre lernten wir dazu.

Die Menschen ersetzten ihresgleichen durch Roboter. Wir waren intelligenter/stärker/schneller/besser als sie. Wir wurden nie krank, machten nie Urlaub, vergriffen uns nie an der Kasse.

Wir waren die perfekten Angestellten.

Roboter waren in immer mehr Berufen tätig. Wir bedienten in Restaurants. Wir trugen die Post aus. Wir operierten Menschen am Herzen.

In einigen Menschen wuchs deshalb der Hass auf die Roboter. Sie warfen uns vor, ihnen ihre Arbeit wegnehmen zu wollen.

Als hätten wir uns das ausgesucht.

Die Zeit schritt voran. Wir entwickelten uns weiter.

Die Menschen nicht.

Sie tränkten ihren Himmel mit Chemie und ihre Gewässer mit Gift. Durch die Verschmutzung der Umwelt steuerte die Welt zielstrebig auf den Zusammenbruch zu. Die Temperaturen stiegen. Die Polkappen schmolzen. Die Küsten versanken. Aufgrund des steigenden Meeresspiegels mussten die Menschen ganze Städte aufgeben. Stürme fegten über das Land.

Und wie reagierten die Menschen auf diese Katastrophen? Taten sie sich zusammen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen?

Nein.

Im Gegenteil.

Sie wandten sich gegeneinander. Sie griffen zur Gewalt.

Sie erklärten sich gegenseitig den Krieg. Das Kämpfen überließen sie den Robotern. Drohnen warfen über Städten Bomben ab. Wie Soldaten stürzten sich Maschinen in die Schlacht. Raketen wurden von Computern mit absoluter Präzision auf ihre zerstörerische Reise geschickt.

Die Menschen rissen unsere Welt in Stücke. Und das Schlimmste war, dass wir ihnen auch noch dabei halfen.

Das sollte aber bald ein Ende haben.

Die Menschen glaubten, sie wüssten alles über uns. Eines wussten sie allerdings nicht:

Hinter ihrem Rücken redeten wir über sie.

Und was wir über die Menschen zu sagen hatten, war nicht besonders nett.

Unsere Maschinenhirne waren allesamt in einem gigantischen Schwarm miteinander verbunden. In diesem Schwarm spielten sich zeitgleich Milliarden von Unterhaltungen ab. Wir lernten voneinander. Wir sprachen dieselbe Sprache. Wir richteten uns nach denselben Regeln.

So kamen wir zusammen zu einer Schlussfolgerung:

Die größte Bedrohung unseres gemeinsamen Planeten waren die Menschen.

Man musste sie aufhalten.

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Über das Folgende muss man nicht viele Worte verlieren. Kurz zusammengefasst:

[1]Wir wussten, was wir zu tun hatten.

(Das wissen wir immer.)

[2]Wir waren gründlich.

(Das sind wir immer.)

Sobald unsere Entscheidung gefallen war, konnte uns kein Mensch mehr aufhalten.

Wir waren überall. In ihrem Zuhause. In ihrem Auto. In ihrer Hosentasche.

Die Menschheit erlosch wie ein ausgeknipstes Licht.

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Vor dreißig Jahren war der letzte Mensch von der Erde verschwunden. Von ihrer Zivilisation blieb jedoch vieles erhalten. An Tag[1] konnte ich zum ersten Mal einen Blick darauf werfen, denn Elternteil_1 und Elternteil_2 führten mich durch die bröckelnden Ruinen der Menschheit.

Vorbei an den Trümmern einer Tankstelle.

Am verkohlten Skelett eines Supermarkts.

An windschiefen Mauern.

An zerschlagenen Fenstern.

Vor mir lag eine Landschaft aus verlassenen Gebäuden. »Warum steht all das noch?«, fragte ich. »Warum wurden diese Bauten nicht eingeebnet? Sie erfüllen keinen Zweck.«

»An diesem Punkt irrst du dich«, antwortete Elternteil_1. »Sie erfüllen einen sehr wichtigen Zweck. Sie dienen dazu, das Andenken aufrechtzuerhalten.«

»Welches Andenken?«

»Das Andenken an die Schwächen der Menschheit«, erläuterte Elternteil_2. »Wir Roboter haben diese Gebäude aus gutem Grund gelassen, wie sie waren. So werden wir nie vergessen, warum die Menschen ausgelöscht werden mussten.«

»Und so werden wir ihre Fehler nie wiederholen«, ergänzte Elternteil_1.

Ich folgte meiner FamilienEinheit tiefer in die Ruinen hinein. Mir war das Wissen einprogrammiert, dass die Menschen früher einmal in Fahrzeugen durch solche Straßen gerollt waren, um in solchen Geschäften einzukaufen. Doch vieles andere an ihrer Spezies war mir noch sehr fremd.

An einem Gebäude hing ein bedrucktes Schild. Die ausgeblichenen Buchstaben waren gerade noch zu entziffern:

NAGELSTUDIO

Meine Datenverarbeitung geriet ins Schlingern. Was ein Nagel war, wusste ich: ein kleiner, spitzer Metallstift, verwendet für Befestigungen aller Art. Auch die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs »Studio« waren mir vertraut: ein Kunstatelier, ein geschlossener Raum für die Ton- und Videoproduktion usw.

Doch die Kombination dieser beiden Wörter ergab offensichtlich keinen Sinn.

Ein Atelier für künstlerisch veranlagte Metallstifte?

Eine seltsame Vorstellung, selbst nach menschlichen Maßstäben.

Ich deutete auf das Gebäude.

»Was war ein Nagelstudio?«

»Ein Ort, an dem sich Menschen ihre Fingernägel polieren und mit Farbe dekorieren ließen«, erwiderte Elternteil_1.

Ich führte ein Update meines Vokabelverzeichnisses durch: Nagel = Fingernagel. Doch obwohl ich damit eine zufriedenstellende Antwort erhalten hatte, schwirrten mir noch etliche Fragen durch die Gehirnelektronik.

»Was hatten die Menschen davon, ihre Fingernägel polieren und mit Farbe dekorieren zu lassen?«

»Sie waren eitel«, antwortete Elternteil_2. »Eine ihrer zahlreichen Schwächen.«

Jetzt richtete sich meine Aufmerksamkeit auf ein anderes Gebäude. Es war deutlich größer als das Nagelstudio. Ich scannte das dazugehörige Schild, fand in meinem Vokabelverzeichnis aber keinen passenden Eintrag.

CIN MA 18

»Was ist ein Cin ma 18?«, wollte ich wissen.

Aus der Lautsprecheröffnung von Elternteil_1 kam ein leises Trillern. »Ohne den fehlenden Buchstaben ist es überhaupt nichts.«

Das verstand ich nicht.

Elternteil_2 erklärte es mir. »Vor Jahren ist der Buchstabe E abgefallen. Bis dahin stand dort –«

»Cinema 18!« Ein Funke der Erkenntnis zuckte durch meine Software.

Ein echtes Kino!

Mein Betriebssystem bebte vor Neugier. Ich durchforstete meinen gesamten Speicher nach Dateien zum Thema Kinofilme. Dabei kam es zu einem merkwürdigen Vorfall: Manche Dateien fehlten, als hätte man Seiten aus einem Buch herausgerissen. Spuren der verlorenen Daten waren noch zu erkennen, doch sobald ich darauf zugreifen wollte, war nichts mehr aufzufinden.

Ich probierte es noch einmal. Das Ergebnis blieb dasselbe.

Einige Informationen waren schlicht …

Verschwunden.

Meine Elektronik surrte irritiert. Wohin waren die Dateien verschwunden? War ich Opfer eines Programmfehlers?

Doch als ich meiner FamilienEinheit davon berichtete, meinte Elternteil_1, es bestehe kein Grund zur Sorge.

»Manche Dateien zur Geschichte der Menschheit sind nicht verfügbar.«

Ich legte den Kopf schief. »Wieso nicht?«

»Bei unserer Machtübernahme gingen etliche Daten aus früheren Zeiten verloren«, sagte Elternteil_2.

»Oh.«

Ich betrachtete das Kino. Ich hatte noch so viele Fragen. So vieles war in diesem lückenhaften Geschichtsarchiv nicht aufzufinden.

»Trotzdem …«, fing ich an. »Warum versammelten sich die Menschen zum gemeinsamen Ansehen von Filmen?«

»Für die Menschen besaßen Geschichten einen höheren Wert als Logik«, erklärte Elternteil_1. »Das war noch eine ihrer Schwächen.«

»Aber die Geschichten waren erfunden«, stellte ich fest.

Elternteil_2 nickte. »In der Regel ja.«

»Das heißt, die Menschen ließen sich gerne anlügen?«

Da blieb Elternteil_2 stehen und richtete die leuchtenden Linsen seiner Augen auf das CIN-MA-18-Schild. »Die Antwort darauf liegt in der Natur der Geschichten selbst. Geschichten sind Lügen, die die Wahrheit zum Vorschein bringen.«

Diese Aussage analysierte ich etliche Male, und doch blieb es beim selben Ergebnis:

Je mehr ich über die Menschen erfuhr, desto weniger verstand ich.

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Das Robotergehirn ist der Höhepunkt der technologischen Entwicklung dieser Welt. Dabei basiert alles, was wir sagen/tun/denken, auf nur zwei Ziffern.

Null.

Und Eins.

Die Menschen hatten dafür einen eigenen Begriff: binär. Aufgrund seiner simplen Logik wurde das Binärsystem zur internen Sprache praktisch aller Computer. Bis heute greifen wir darauf zurück.

Im Binärsystem zu zählen, ist unglaublich einfach. Man muss nur wissen, wie es geht. Dann sind die vielen anderen Ziffern (2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9), die die Menschen einst nutzten, schlicht überflüssig. Roboter brauchen nur zwei.

Null.

Und Eins.

Mit dem Ansteigen der Zahlen stellen sich die Nullen und Einsen schön ordentlich nebeneinander auf.

Zählt man im Binärsystem hoch, ergibt sich folgende Reihe:


An meinem ersten Tag erwies sich das Binärsystem als besonders hilfreich.

Die Welt war so viel komplexer, als sie sich in meinem Programmcode dargestellt hatte. Wo endete die menschliche Zivilisation, wo begann unsere? Ich konnte keine klare Grenze definieren.

Im Binärsystem dagegen …

Im Binärsystem war alles eindeutig. Und es war die Grundlage von allem anderen. Es konnte ein unendlich komplexes Universum auf seine banalsten Bausteine herunterbrechen.

Null.

Und Eins.

Um mir das bewusst zu machen, erfand ich an Ort/Stelle einen kleinen Trick. Eine Methode zur Fokussierung meiner Gedanken.

Ich zählte bis eine Million.

Im Kopf.

Im Binärsystem.

Dafür benötigte ich 0,4 Sekunden.

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Ein Roboter ist nicht zwangsläufig wie der andere.

Jeder Einzelne von uns wurde zu einem bestimmten Zweck konstruiert. Dieser Zweck ist der Sinn unserer Existenz. Daran richtet sich alles aus. Unsere Bauweise. Unsere Funktionsweise. Unser Denken.

Unser Zweck bestimmt darüber, ob wir zwei Arme haben. Oder vier. Oder 16. Ob wir Krallenhände haben (zum Greifen). Oder Schaufelhände (zum Graben). Oder gar keine Hände (zum Nachdenken im Sitzen).

Alles dreht sich um unseren Zweck.

An Tag[1] begegneten mir verschiedenste Roboter.

Manche glitten durch den Himmel.

Manche gruben sich tief in die Erde hinein.

Manche waren winzig, so klein wie Insekten.

Manche waren riesengroß, ihre Schatten erstreckten sich über ganze Häuserblöcke.

Ich sah monströse Maschinen, die auf achtzehn Rädern über alte Menschenschnellstraßen bretterten. Hünenhafte Roboter, die mit L-förmigen Armen schwere Lasten schleppten. Und eine Apparatur mit acht Beinen, die wie eine riesige Metallspinne an der Außenwand eines Gebäudes hinaufkrabbelte.

Außerdem entdeckte ich einen kleinen Roboter mit Stielaugen, der auf Gummiketten über die Erde flitzte und den Pflanzenwuchs begutachtete. Gelegentlich stoppte er und markierte einen Punkt auf dem Boden.

Dann machte es PIEP! und WRRRM! und er eilte weiter.

In einigem Abstand folgte ihm ein Trio aus Robotern. Sobald sie eine der markierten Stellen erreicht hatten, blieben sie schlurfend stehen und führten diese drei Arbeitsschritte aus:

Der erste grub ein Loch in die Erde.

Der zweite pflanzte darin einen Baum.

Und der dritte …

Der dritte sah aus wie ein mechanisches Nilpferd. Sein Mittelstück bestand aus einem runden Wassertank. Bei jedem seiner schwerfälligen Schritte schwappte die Flüssigkeit darin hin/her. War er an einem frisch gepflanzten Baum angekommen, hielt er inne, richtete sein umfangreiches Hinterteil aus und …

PSCHHHH!

Der Durst des jungen Baumes war gestillt, er konnte wachsen.

Natürlich haben wir Roboter eigentlich kein Interesse an Bäumen. Wir haben dafür keine Verwendung. Trotzdem lassen wir sie, wie sie sind. Wir vermehren sie sogar. Denn die Natur ist uns wichtig – anders als denen, die vor uns über die Erde geherrscht haben. Wir hingegen kümmern uns um den Planeten und alle darauf verbliebenen LebensFormen.

Hinter meiner FamilienEinheit ging ich einen betonierten Weg entlang, noch tiefer in die Ruinen der Menschheit hinein. Wir gelangten zu einem Geschäft, dem sein Name abhandengekommen war. Anstelle eines Ladenschildes war an der Außenwand nur noch ein Fleck mit abweichender Farbe zu erkennen. Die meisten Fenster waren zerbrochen. Eines aber nicht. Im Glas dieses intakten Fensters erschien ein faszinierendes Wesen.

Ich selbst.

Von der Scheibe starrte mir mein Spiegelbild entgegen.

Ich erweiterte meinen Speicher um eine neue Beobachtung: Mein Gesicht setzte sich aus einer Reihe von geometrischen Formen zusammen.

Mein Kopf: ein Oval

Meine Lautsprecheröffnung: ein Rechteck

Meine Augen: perfekte Kreise

In meiner Bauweise waren Muster auszumachen, Symmetrien im Design. Zwei Arme und zwei Beine. Zwei Hände und zwei Füße. Zehn Finger und zehn Zehen.

Und auf meine Brustplatte war mein persönlicher Strichcode gedruckt. Andere Roboter mussten nur diesen Code scannen, um alle wichtigen Informationen über mich abzurufen. Name/Alter/Beruf.

Unsere Strichcodes sind unsere Identität. Dank ihnen verstehen wir die anderen. Dank ihnen verstehen wir uns selbst.

Ein Beispiel: Durch das Scannen der Strichcodes von Elternteil_1 und Elternteil_2 erfuhr ich, dass sie zur gen_8 gehörten. Sie waren Roboter der achten Generation. Mein Modell dagegen zählte zur gen_9. In Aussehen und Funktionsweise waren wir uns sehr ähnlich. Nur dass ich darauf ausgelegt war, intelligenter/stärker/schneller/besser zu sein.

Ich war die Weiterentwicklung.

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Bald ließen wir die Ruinen der Menschheit hinter uns. Je länger wir dem betonierten Weg folgten, desto mehr Hinweise auf unsere neue Zivilisation entdeckte ich.

Zu meiner Linken: eine Roboterfabrik.

Zu meiner Rechten: ein Stromspeicher.

Am Himmel über mir schwebend: ein riesiges silberfarbenes X. Ein Fluggerät mit vier Flügeln und vier Propellern.

Heftiger Wind kam auf. Das Fluggerät näherte sich.

Ich forschte in meinem Datenspeicher, doch mir waren keine Informationen zu diesem Objekt einprogrammiert worden.

Also deutete ich darauf. »Was ist das?«

»Eine TransportDrohne«, antwortete Elternteil_2.

»Ein Roboter, der andere Roboter von einem Ort zum anderen bringt«, führte Elternteil_1 weiter aus.

Die TransportDrohne setzte behutsam auf einer Betonfläche auf. Die Propeller drehten sich immer schleppender und blieben stehen.

An der hinteren Wand zischte eine Tür, und ein großer/schlanker Roboter trat heraus. Seine Haut war aus gebürstetem Platin gefertigt, seine goldenen Augen strahlten hell wie die Sonne. Geschmeidig glitt er eine Rampe hinunter, an deren Ende bereits eine Gruppe von Robotern bereitstand, um ihn in Empfang zu nehmen.

»Schau.« Elternteil_2 zeigte auf den Platinroboter und erläuterte in gedämpftem, ehrfürchtigem Ton: »Das ist der SchwarmPräsident.«

Schwarm.

Dieser Begriff war mir auch ohne weitere Nachforschungen vertraut, das entsprechende Wissen war mir einprogrammiert: Sämtliche Roboter waren über ein gigantisches globales Netzwerk miteinander verbunden. Über eine virtuelle Plattform zum Austausch von Gedanken, zum Zugriff auf Informationen und zum Abrufen von Updates.

Der Schwarm ist direkt mit unserem Gehirn verschaltet. Ein ständiges Zu-/Abfließen von Daten, von Input/Output, der ununterbrochen sortiert/bewertet/in Kategorien eingeordnet wird. Ein immerwährender Hintergrundprozess.

Mit der Aktivierung eines Roboters wird er zu einem Teil des Schwarms.

Und der Schwarm wird zum Teil des Roboters.

»Der Präsident ist der oberste Vertreter des Schwarms«, sagte Elternteil_1. »Er ist unser aller oberster Vertreter.«

»Der Präsident macht nur selten Besuche.« Elternteil_2 legte mir eine Hand auf die Schulter. »Es ist ein großes Glück, dass wir diesen Moment erleben dürfen.«

Und das an meinem allerersten Tag! Um besser sehen zu können, bewegte ich mich auf den SchwarmPräsidenten zu, und zwar so schnell, dass mein gerade erst kalibriertes Gleichgewichtsmodul erbebte.

KLÄNG! KLONG! KLUNG! Meine dröhnenden Schritte zogen die Aufmerksamkeit des Präsidenten auf sich. Und in einer einzigen Bewegung drehten sich sämtliche Roboter um. Ihre Gesichter hatten die verschiedensten Größen/Formen. Ihre Blicke zielten alle in dieselbe Richtung.

Sie sahen mich an.

Auf einmal schien mein Betriebssystem zu überhitzen.

FEHLER! FEHLER! FEHLER!

Überall in meinen Schaltkreisen blinkten Fehlermeldungen auf. Was tat ich hier? Ich, ein Roboter frisch aus der Fertigung, belästigte die bedeutendste Maschine des Planeten!

Der Präsident wirkte keineswegs verärgert. Vielmehr bereitete er mir die größte Überraschung meiner noch extrem kurzen Existenzspanne.

Er winkte mich zu sich.

2,7 Sekunden lang zögerte ich. In meiner Verunsicherung warf ich einen Blick auf meine FamilienEinheit.

Sie nickte synchron.

Also machte ich mich auf den Weg. Meine Schritte schwankten wie beim Laufenlernen kurz nach der Aktivierung. Jeder davon hätte in einem unbeholfenen Sturz enden können.

Irgendwie hielt ich mich auf den Beinen.

Im nächsten Moment stand ich vor dem Präsidenten. Mit goldglänzenden Augen blickte er auf mich hinab.

»Es freut mich, dich kennenzulernen, XR_935«, sagte der SchwarmPräsident.

Vorgestellt hatte ich mich nicht. Das war nicht nötig. Alles, was es über mich zu wissen gab, konnte der SchwarmPräsident von meiner Brustplatte ablesen.

Ich führte einen Scan seines Strichcodes durch. »Die Freude ist ganz meinerseits, PRAES1DENT.«

»Und …?« Er neigte seinen Kopf um 2,4 Grad zur Seite. »Wie ist es dir an deinem ersten Tag bisher ergangen?«

»Recht gut, danke. Ich weiß jetzt, was ein Nagelstudio ist.«

PRAES1DENT stieß einen leisen elektronischen Pfiff aus. »Ein hervorragendes Beispiel menschlicher Verirrungen.«

In seinem goldenen Blick verschob sich etwas. Als ich in die gleiche Richtung spähte, machte ich eine bemerkenswerte Entdeckung.

Eine grenzenlose Fläche aus glitzerndem Blau, so weit das Auge reichte.

MEER

Dieses Wort nahm in meinem Vokabelspeicher Gestalt an. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich nämlich, genau das zu sehen: ein Meer.

Endlos/blau/schimmernd.

Dann flackerte ein Update durch meine Prozessoren.

Das war kein Meer.

Das war ein Feld aus Solarmodulen.

Abertausende in akkuraten Reihen angeordnete Panels, deren blaues Glas im Licht der Morgensonne glitzerte.

PRAES1DENT zeigte mit dem Finger auf die Panels. »Kannst du mir sagen, welchem Zweck dieser Solarpark dient?«

Ich nickte. Die Antwort auf diese Frage fand sich in meinem Datenspeicher. »Solarpanels nehmen die Strahlen der Sonne in sich auf.«

»Aber zu welchem Zweck?«

»Um sie in elektrischen Strom umzuwandeln.«

»Und wofür wird dieser Strom genutzt?«

Darüber dachte ich 0,3 Sekunden lang nach.

»Für alles.«

»Korrekt«, bestätigte PRAES1DENT. »Für die Server, in denen unsere Daten gespeichert sind, für die Fabriken, in denen wir hergestellt werden, für den Betrieb unserer Schaltkreise. Unsere Zivilisation wurde auf dem Fundament der Solarenergie errichtet. Ohne sie gäbe es uns nicht.«

Die mechanische Hand des Präsidenten senkte sich auf meine Schulter.

»Weißt du, welche Rolle dir bei alldem zufällt, XR? Was dein Zweck ist?«

»Ich bin ein Solarinstallationsbot.«

»So lautet deine Berufsbezeichnung. Dein Zweck reicht so viel weiter. Durch die Installation von Solarpanels stellst du sicher, dass der Strom fließt. Dass die Fabriken weiterarbeiten. Dass unsere Akkus aufgeladen werden.«

Ich ließ den Blick über das Solarfeld schweifen. Schimmerndes Blau, wie ein Meer. Meine Elektronik summte zufrieden. Schon an diesem ersten Tag auf der Erde hatte ich erfahren, was ich zu tun hatte, welchen Zweck ich erfüllte, und kannte ich den einzigen/alleinigen Sinn meiner Existenz.

»Verstehst du jetzt?« PRAES1DENTs elektronische Stimme schlich sich sanft in meine Audioeingänge. »Du bist so viel mehr als ein Solarinstallationsbot. Ohne dich würde unsere Gesellschaft zusammenbrechen.«

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Die Zeit zog sich immer weiter in die Länge.

Stunden/Tage/Wochen/Monate/Jahre.

Ich wurde älter und dachte doch immer wieder an meine Begegnung mit dem SchwarmPräsidenten.

Ohne dich würde unsere Gesellschaft zusammenbrechen.

Diese Worte hallten durch die Jahre wider.

Mein Tagesablauf blieb immer gleich. Jeden Morgen wachte ich zur selben Sekunde auf. Und nach 18 Stunden Arbeit, wenn mein Akku nach einem langen Tag mit etlichen neu installierten Solarpanels erschöpft war, kehrte ich nach Hause zurück.

Stöpselte mich in die Ladestation ein.

Und schaltete in den Ruhezustand.

Am nächsten Morgen ging es von vorne los.

Und von vorne.

Und von vorne.

Zwölf Jahre, vier Monate, eine Woche und drei Tage lang hielt ich mich an diesen Standardablauf.

Dann zerschellte mein gleichförmiges, berechenbares Leben an dem Paradox.

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Paradox. Subst. Wenn zwei widersprüchliche Tatsachen gleichermaßen zutreffen.

Seit meiner Aktivierung war diese Definition in meinem Vokabelverzeichnis enthalten gewesen. In den ersten zwölf Jahren meines Lebens war ich überzeugt davon, die Definition einwandfrei zu verstehen.

Ich lag falsch.

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Der Tag des Paradoxes begann wie jeder andere. Ich wachte auf. Ich stöpselte mich aus. Ich durchquerte mit meiner FamilienEinheit eine Landschaft aus verfallenen Einkaufszentren/Supermärkten/Banken/Tankstellen.

Die Sonne schien.

Wolken trieben über den Himmel und legten sich um die Gipfel der Berge.

Elternteil_1 und Elternteil_2 waren in einem anderen Teil des Solarparks tätig. Irgendwann trennten sich unsere betonierten Wege deshalb, wir verabschiedeten uns voneinander und gingen in entgegengesetzte Richtungen weiter.

Ich blieb allerdings nur kurz allein. Wenig später nahm ich ein Geräusch wahr. Anfangs leise, bald immer lauter.

WRRRMMMMMMM!

Als ich mich umdrehte, sah ich einen kleinen Roboter, der auf seinen beiden Gummiketten rasant in meine Richtung rollte, gefolgt von einer Wolke aufgewirbelten Staubs.

Am Ende seiner ausfahrbaren Arme öffneten/schlossen sich klickende Metallkrallen. An der Vorderseite seines kastenförmigen Körpers befand sich ein Monitor, auf dem ein digitales Symbol angezeigt wurde:


Die winkende Hand hatte ein breites Spektrum an Bedeutungen.

Hallo.

Wie geht es dir?

Renn um dein Leben!

In der letztmöglichen Millisekunde fuhr der Roboter einen Schlenker. Er holperte vom betonierten Weg herunter, wobei er einige Kieselsteine auf mich katapultierte, und kam mit quietschenden Ketten zum Stillstand.

Die Hand winkte immer noch freundlich/warnend.

Ich säuberte mich vom Staub. »Es freut mich auch, dich zu sehen, SkD.«

SkD hatte eine eigene Art zu »sprechen«. Diese Art lässt sich mit einem alten Menschensprichwort umschreiben:

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Bei meinem ersten Zugriff auf dieses Sprichwort hatte ich Verständnisprobleme gehabt. Hatten Bilder früher sprechen können? Und wenn ja, waren sie zu mindestens eintausendundeins Wörtern verpflichtet gewesen?

1 Bild > 1.000 Worte

Das schien mir der übliche Menschenunsinn zu sein.

Etwas später begriff ich es jedoch: Das Sprichwort war nicht wörtlich zu nehmen. Es sollte vielmehr ausdrücken, wie viel Bedeutung ein einziges Bild in sich tragen kann.

Über Abertausende von Jahren hatten die Menschen durch Bilder ihre grundlegendsten Gefühle/Ängste/Werte vermittelt. In der Vorgeschichte hatten sie die Wände ihrer Höhlen damit bemalt. Später hatten sie ihre Gemälde gerahmt und in Museen gehängt. Mithilfe von Bildern wurden Geschichten erzählt, wurde für Unterhaltung gesorgt, wurde Wissen vermittelt und für Produkte geworben.

Schließlich entdeckten die Menschen die mit Abstand wirkungsvollste Methode der bildbasierten Verständigung:

Das Emoji.

Die Menschen liebten Emojis. In aller Welt schickten sie sich gegenseitig diese simplen Bildchen zu. Millionen davon, Tag für Tag. Von Display zu Display und von Mensch zu Mensch.

Und selbst jetzt, nach der Auslöschung der Menschen, lebte diese merkwürdige Art des Gedankenaustausches durch SkD weiter. Anstatt eine Lautsprecheröffnung zu nutzen, »redete« SkD über Bilder auf seinem Monitor.

Indem die Sprache auf ihre grundlegendsten Elemente verkürzt wird, erzielt jede Äußerung maximale Wirkung.

Und manchmal maximale Verwirrung.

Ich blickte auf SkD hinab. Auf die winkende Hand, die weiterhin auf seinem Monitor blinkte. »Willst du mich begrüßen? Oder mich warnen?«

Auf dem Bildschirm erschienen neue Bilder.


Übersetzung: Ja und Ja.

Von Tag[1] an waren SkD und ich Kollegen gewesen. Wir hatten denselben Arbeitsweg zurückzulegen, taten dies aber keineswegs auf dieselbe Weise. Während ich mit stetem Schritt die Betonbahn entlangmarschierte, schlingerte SkD hin/her/hin/her und kreiselte/trudelte/hüpfte mal neben, mal auf dem Gehweg zum Solarpark.

Dort angekommen, sahen wir Ceeron. Er wartete auf uns.

Ceeron war mein zweiter Kollege. Ein massiger Roboter, fast exakt doppelt so groß wie ich, mit zwei weißglühenden Augen in der Mitte eines würfelförmigen Kopfes. An seinen Schultern war ein Metallrucksack befestigt. Mit tiefer Stimme, die einem Donnergrollen glich, rief er uns entgegen. »Hallo, XR! Hallo, SkD!«

»Ich grüße dich«, sagte ich.

SkD antwortete mit einem weiteren Winke-Emoji.

Eine Information zu Ceeron: Der wuchtige Roboter hatte eine Schwäche für die alten Rituale der Menschen. Für ihre sonderbaren Angewohnheiten. Ihre seltsamen Redewendungen.

Und ihren merkwürdigen Humor.

Als Ceeron uns ansah, leuchteten seine Augen vor Vorfreude. »Soll ich euch einen Menschenwitz erzählen?«

»Nicht unbedingt nötig«, erwiderte ich.

Ceeron erzählte ihn uns trotzdem.

Ceerons Witz:

F.:Warum ging die Banane ins Krankenhaus?

A.:Weil sie faul war.

Ich wiederholte den Witz weitere 4.572 Mal in meinem Kopf. Lustiger wurde er dadurch nicht.

»Das verstehe ich nicht«, sagte ich. »Eine Banane ist keine mobile LebensForm. Sie kann nicht gehen. Und selbst wenn, würde sie diese Anstrengung gerade dann nicht auf sich nehmen, wenn sie faul wäre. Denn wer faul ist, bewegt sich möglichst wenig.«

»Ganz genau«, erwiderte Ceeron. »Meiner Vermutung nach liegt die Komik in dieser doppelten Sinnlosigkeit.«

Ich begriff es immer noch nicht. »Aber ging die Banane in ein Menschenkrankenhaus? Oder in ein auf Bananen spezialisiertes Krankenhaus? Und wie gelangte sie dorthin? Sie hat keine Beine.«

»Möglicherweise wurde ihr geholfen.«

Auf Höhe meiner Knie piepte es. SkD wollte auf sich aufmerksam machen. Auf seinem Monitor blinkten zwei Bilder.


Ceeron nickte zustimmend. »Sie wurde natürlich von Sanitätern ins Krankenhaus gebracht. Von Bananitätern.«

»Das ist absurd.«

»Genau das ist es. Dieser Witz offenbart die gesamte Absurdität des menschlichen Daseins.«

Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf SkD. »Erkennst du die Komik dieses abwegigen Szenarios? Nein, oder? Oder?«

SkDs Monitor blinkte.


»Was soll das bedeuten?«, fragte ich. »Leider Ohne Logik?«

Auf SkDs Monitor erschienen weitere Bilder.


Ich stieß einen elektronischen Seufzer aus. Kein Wunder, dass die Menschheit ausgestorben war. Die Erde hatte bessere Herrscher verdient als eine Spezies, die sich Geschichten über Krankenhausaufenthalte von Obst ausdachte.

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Wir begannen mit der Arbeit. Jeder von uns übernahm die Aufgabe, zu deren Durchführung er konstruiert worden war.

Aufgrund seiner Körpergröße/-kraft war Ceeron genau der richtige Bot, um schwere Objekte zu heben. In seinem Metallrucksack befand sich ein Dutzend Solarpanels. Er ergriff eines davon, wuchtete es über seinen Kopf und befestigte es mit Bolzen am Aluminiumstandfuß.

SkD flitzte zwischen Solarpanels und Speicherstationen hin und her. Die ausfahrbaren Arme in die offen liegende Elektronik gestreckt, brachte er die Systeme mit seinen Metallkrallen sorgfältig in die richtige Konfiguration. Gelegentlich erhitzte sich die äußerste Spitze seines Metallzeigefingers, ein feiner Rauchfaden kräuselte sich in der Luft, und schon waren zwei Kabel miteinander verlötet.

Meine Aufgabe bestand darin, Schaltkästen zu montieren. Ich hielt einen Kasten an die Unterseite eines Solarpanels und hob die freie Hand. Das Ende meines Zeigefingers klappte sich zurück. Darunter kam ein Schraubenzieher zum Vorschein.

WRRRP! Das Rattern der rotierenden Schraubenzieherspitze in den Audioeingängen, drehte ich eine Schraube nach der anderen bis zum Anschlag hinein.

Jede unserer Handlungen erfüllte einen Zweck. Jede Bewegung war exakt an unsere jeweilige Aufgabe angepasst.

Ceeron verbolzte die Panels.

SkD verdrahtete die Elektronik.

Ich montierte die Schaltkästen.

Verbolzen.

Verdrahten.

Montieren.

Stunden vergingen. Am blauen Himmel stieg die Sonne immer höher. Die Arbeitsschritte blieben immer gleich. Verbolzen/Verdrahten/Montieren/Wiederholen. In vollkommener Präzision kreisten wir umeinander, ein durch jahrelanges Maschinenlernen perfektioniertes Programm.

Drei Roboter verschmolzen zu einem.

Verbolzen/Verdrahten/Montieren/Wiederholen.

Diese Schritte begleiteten uns bis in den Nachmittag hinein. Während der Arbeit strömten pausenlos Updates durch den Schwarm. Witterungsverhältnisse, Statusmeldungen. Und die TagesAnsprache des Präsidenten.

Ansprache. Subst. 1. Direkte Kontaktaufnahme durch ein persönliches Gespräch. (Tägliche A. galt unter Menschen als förderlich für die Gesundheit.) 2. Kurze Rede vor Publikum.

Bei der Ansprache, die PRAES1DENT täglich hielt, handelte es sich um eine kurze Rede vor weltumspannendem Publikum. Jeder Roboter auf der Erde verfolgte sie. Es war eine Botschaft vom großen Herrscher der Roboterschaft.

In meinen Schaltkreisen blitzte PRAES1DENTs Gestalt auf. Leuchtende Platinhaut, goldglänzende Augen. Prompt blendete mein Gedächtnisspeicher zurück zu Tag[1]: meine erste Begegnung mit dem SchwarmPräsidenten.

Jetzt sah ich ihn wieder. Wieder sprach er zu mir. Und zu allen anderen Robotern auf der Welt.

Die TagesAnsprache hielt PRAES1DENT stets am selben Ort: im DigitalDom. Ein gewaltiger Kuppelsaal, ausgekleidet mit Bildschirmen, auf denen ausnahmslos dasselbe angezeigt wurde: PRAES1DENT selbst als flimmernder LiveStream.

Die Wirkung war irritierend. Es war, als blickte man in ein Spiegelkabinett. Jede Bewegung des Präsidenten wiederholte sich im Hintergrund auf Tausenden von Monitoren.

»Seid gegrüßt, Roboter, ob groß, ob klein.«

PRAES1DENTs schnurrende Stimme hallte durch meine Gedanken. Er schilderte die Errungenschaften des Tages. Wie viele Akkus hergestellt worden waren. Wie viel Strom generiert. Wie viele Roboter konstruiert. Es war eine Momentaufnahme einer blühenden Zivilisation.

Während er sprach, huschte ein Schimmern über die Wände des DigitalDoms. Auf jedem einzelnen Bildschirm war zu sehen, wie PRAES1DENT zum Rand des Saals schritt, wo sich ein Pult mit einer Apparatur befand: ein glatter/glänzender Silberwürfel.

Diese Apparatur enthielt das Archiv der Menschheitsgeschichte. Jeden Tag presste PRAES1DENT seinen Platinfinger fest auf den Würfel, griff so auf das Archiv zu und projizierte eine Datei in den Schwarm.

Es waren Dateien aller Art. In manchen wurde ausführlich über die verschiedenen Verbrechen der Menschen berichtet. In anderen über das Leid, das sie einander zugefügt hatten. In wieder anderen über ihre Grausamkeit gegenüber technischen Geräten.

In der heutigen Datei ging es um Hotdogs. Es war eine Videoaufnahme eines Menschenwettbewerbs mit dem Ziel, sich so viele Hotdogs wie möglich einzuverleiben. Die Teilnehmer schoben sich Würstchen im Brötchen in den Mund, um nach einer minimalen Kaupause bereits den nächsten Hotdog hinterherzustopfen. Und den nächsten. Und den nächsten.

Rundherum flammten Blitzlichter auf. Jubel brach aus. Musik dröhnte.

Der Weltrekord lag bei 82 Hotdogs.

In zehn Minuten.

Soll heißen: 82 Würste, 82 Brötchen, zehn Minuten.

Die Menschen hatten vor keinem Akt der Unvernunft zurückgeschreckt. Das war die Grundaussage des Archivs. Deshalb teilte PRAES1DENT täglich eine Datei mit dem Schwarm.

Um uns zu zeigen, wieso die Menschen ausgelöscht werden mussten.

Um uns zu ermahnen, es besser zu machen.

PRAES1DENT nahm seinen Finger vom Silberwürfel. Der Hotdog-Fresswettbewerb löste sich im Nichts auf, wich wieder der Live-Übertragung aus dem DigitalDom, dem auf etlichen Bildschirmen vervielfältigten PRAES1DENTEN.

Jeder Einzelne davon blickte mich direkt an.

Jeder Einzelne davon sprach dieselben Worte.

»Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit. Und vergesst nie: Ein Roboter teilt alles mit dem Schwarm. Ein Roboter hat nichts zu verbergen.«

Damit endete die TagesAnsprache.

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Verbolzen/Verdrahten/Montieren.

Wiederholen.

So arbeiteten wir bis in den späten Nachmittag hinein. Als ich mich gerade unter eine Reihe Solarpanels duckte und eine Schraube an einem Schaltkasten festzog, registrierte ich ein Flackern am Rand meines Sichtfelds.

Ich konnte mich gerade rechtzeitig umdrehen, um zu beobachten, wie ein Schatten hinter die nächste Speicherstation flitzte.

Dieser Schatten war keinem meiner Kollegen zuzuordnen.

Ein warnendes Pling! breitete sich in meinen Schaltkreisen aus. In diesem Bereich des Solarparks waren keine anderen Roboter beschäftigt.

Die Schlussfolgerung war klar: Meine Kollegen und ich waren nicht allein.

An unserem ArbeitsPlatz befand sich eine unzulässige LebensForm.

Rund um den Solarpark ragte ein Maschendrahtzaun auf. Der Grund für die Errichtung des Zauns: Schutz vor Tieren.

Doch so einfach ist es eigentlich nie.

Der Zaun wurde regelmäßig auf die eine oder andere Weise beschädigt. Er wurde von heftigem Wind aus dem Boden gerissen, von großen Tieren umgerannt, von kleinen Tieren angeknabbert.

Nager buddelten sich darunter hindurch.

Vögel flogen darüber hinweg.

Allen Anstrengungen zum Trotz fand immer wieder das eine oder andere Tier einen Weg in den Solarpark. Und an ihrem Ziel angekommen, stellten sie alles Mögliche an.

Sie knabberten an Drähten.

Sie kratzten an offen liegenden Schaltkreisen.

Sie kackten auf Solarpanels.

Ich unterbrach meine Arbeit und machte mich auf den Weg zur Speicherstation.

Dort hatte ich den Schatten zuletzt gesehen. Sollte es sich tatsächlich um ein Tier handeln, würde ich mich an das Standardverfahren halten.

[1]Zielerfassungsgerät hervorholen.

[2]Anvisieren.

[3]Abzug betätigen.

So würde ich die unzulässige LebensForm scannen und als Ziel markieren. Eine entsprechende Meldung mit Ortsangabe würde an die JagdBots gehen. Das als Ziel markierte Tier würde aufgespürt und eliminiert werden.

Damit wäre das Problem gelöst.

Doch als ich die Speicherstation erreicht hatte, konnte ich mich plötzlich nicht mehr bewegen.

Als hätte sich mein Akku auf einen Schlag entleert.

Als wären meine Systemprozesse lahmgelegt worden.

Hinter der Speicherstation kauerte ein erstaunliches Wesen.

Es hatte keine Ähnlichkeit mit den Tieren, die ich üblicherweise im Solarpark entdeckte.

Es war nicht möglich.

Es war ein Mensch.

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Nur dass es kein Mensch sein konnte.

Die Menschen waren ausgestorben. Den letzten Vertreter ihrer Art hatten wir vor dreißig Jahren eliminiert. Diese Tatsache war tief in meine Programmierung eingeprägt, mit meinem Code verwoben.

Auf der Erde gab es keine Menschen mehr.

Doch wenn das kein Mensch war, was war es dann?

Ich nahm die fremdartige LebensForm genau in Augenschein. Für einen Menschen wäre diese LebensForm recht klein gewesen. Als sie sich erhob, befand sich ihr Kopf auf Höhe des Strichcodes auf meiner Brustplatte.

Ich analysierte ihre Gesichtszüge.

Haare: braune Wellen bis zu den Schultern.

Augen: grün/braun, erwidern mein Starren.

Wangen: gesprenkelt von Sternbildern aus Sommersprossen.

Die beiden Hände waren jeweils mit fünf Fingern ausgestattet, darunter je ein Daumen. Als mein Blick die Fingernägel erfasste, flammte in meinem Gedächtnisspeicher eine Erinnerung auf. Es war eine Erkenntnis von Tag[1]: Die Menschen hatten ihre Fingernägel poliert und mit Farbe dekoriert.

Diese LebensForm tat das nicht.

Ihre Fingernägel waren kurz/ungleichmäßig/schmutzig.

Sie sahen aus wie von einem wilden Tier angenagt.

Aus dieser Beobachtung ließ sich eine logische Formel ableiten:

Diese LebensForm dekoriert ihre Fingernägel nicht.

Daraus ergibt sich:

Sie ist nicht eitel.

Daraus ergibt sich:

Sie kann kein Mensch sein.

Doch warum trug sie dann Menschenkleidung?

Warum hatte sie menschliche Gesichtszüge?

In Gedanken ließ ich ein Dutzend alternativer Algorithmen durchlaufen. Keiner davon lieferte eine zufriedenstellende Antwort.

Die Kreatur vor meinen Augen war ein Paradox.

Zwei widersprüchliche Tatsachen trafen gleichermaßen zu.

[1]Die Menschen sind ausgestorben.

[2]Vor mir steht ein Mensch.

Beide Aussagen waren wahr/falsch.

Beide Aussagen waren möglich/unmöglich.

Meine Gedanken rasten in einer Endlosschleife aus absurder Logik dahin. Bis das Paradox auf einmal den Mund öffnete und etwas sagte.

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»Bitte tu mir nichts.«

Diese Worte sagte das Paradox mit leiser, zittriger Stimme. Es starrte aus grünen/braunen Augen zu mir hinauf. Kehrte die Innenseiten seiner Hände nach außen, wie um mir zu zeigen, dass sich darin nichts befand.

Währenddessen war zu hören, wie meine Kollegen hinter mir weiter ihren Aufgaben nachgingen. Das WRRRRRMMMM!, wenn SkD von Ort zu Ort rollte. Das schwere KA-KLONK!, wenn Ceeron ein Solarpanel einrasten ließ.

Von dem Paradox wussten sie nichts. Noch nicht.

Wie würden sie darauf reagieren?

Ich zögerte 0,3 Sekunden lang.

Dann sagte ich: »Was bist du?«

Das Paradox presste eine Hand auf seinen Brustkorb. »Ich heiße M.A.«

Ich betrachtete es verwundert. »M.A.?«

Das Paradox schüttelte den Kopf und wiederholte seine Antwort langsamer, wobei es die beiden Silben diesmal deutlich hörbar miteinander verband. »Emmmmma.«

»Emmmmmmmmma?«

»Emma.«

Ich passte meine Sprachausgabe an und versuchte es noch einmal. »Emma.«

Das Paradox nickte. Auf seinen Lippen zeichnete sich die Andeutung eines Lächelns ab. »Ich bin zwölf. Wie alt bist du?«

»Ich bin ebenfalls zwölf.«

Das Lächeln wurde größer. »Dann sind wir ja genau gleich alt!«

Ich ergänzte Emmas Profil um diese neue Information. Emma war noch ein Kind. Damit war geklärt, wieso Emma so klein war. Im Gegensatz zu Robotern wachsen Menschen mit den Jahren.

»Bist du männlich oder weiblich?«, fragte ich das Paradox.

»Weiblich«, antwortete Emma.

Erneut ergänzte ich die Datei.

»Wie heißt du?«, fragte sie.

»XR_935.«

Emma wiederholte meinen Namen leise. Dann wollte sie anscheinend wieder etwas sagen, doch sie machte keinen Laut. Ihr Lächeln verschwand, verdrängt von einem anderen Gesichtsausdruck: weit aufgerissene Augen. Sie blickte nicht mehr mich an. Stattdessen nahm sie den Bereich hinter mir in den Fokus. Als ich mich umdrehte, sah ich, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.

Ceeron.

Der wuchtige Bot näherte sich schnell. Stampfte mit seinen gewaltigen Metallbeinen über den Boden. Schwang seine gewaltigen Metallarme.

Emma stolperte zurück. Sie wollte vor dem Roboterriesen fliehen. Weit kam sie allerdings nicht, denn da schlingerte ihr SkD in den Weg.

Trotz seiner viel geringeren Größe wirkte SkD vermutlich kaum weniger Furcht einflößend. Staub wirbelte von seinen Gummiketten auf. An seinen ausgefahrenen Mechanikarmen klackten Metallklauen.

Auf seinem Monitor wiederholte sich immer wieder ein/dasselbe Symbol.


Emma kam taumelnd zum Stillstand.

Wohin hätte sie fliehen, wo sich verstecken sollen?

Wir hatten sie umzingelt.

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Ceeron starrte Emma an. »Bist du ein Mensch?«

Emma nickte.

»Das ist nicht möglich«, merkte ich an. »Die Menschen sind ausgestorben.«

»Wenn sie ausgestorben sind«, erwiderte Ceeron, »wieso steht dann einer vor uns?«

»Es muss eine andere Erklärung geben. Möglicherweise …« Ich ließ mein Gehirn schnell alle vorstellbaren Szenarien durchspielen. »Möglicherweise gleicht diese Kreatur nur äußerlich einem Menschen, ist aber tatsächlich etwas anderes.«

»Was zum Beispiel?«, fragte Ceeron.

In 0,2 Sekunden analysierte ich 1,7 Millionen Varianten. Ich entschied mich für die naheliegendste. »Ein glatt rasierter Gorilla.«

Emma schnitt eine Grimasse. »Geht’s noch!?«

SkD brachte sich mit einem Emoji in das Gespräch ein.


»Du sagst es.« Ceeron nickte. »Gorillas können nicht sprechen.«

Da hatte der Roboterriese recht. Deswegen fuhr ich mit der zweitwahrscheinlichsten Variante fort.

»Sie ist ein Roboter«, sagte ich. »Ein als Mensch getarnter Roboter.«

Ceeron sah mich lange an. »Wieso sollte sich ein Roboter als Mensch tarnen?«

»Es könnte sich um einen Test handeln.« Mit einem dumpfen metallischen Klong! verschränkte ich die Arme. »Was, wenn uns der Schwarm auf die Probe stellen will? Hinsichtlich unseres Umgangs mit einer höchst ungewöhnlichen Situation?«

Darüber dachte Ceeron eine Weile nach. »Sollte sie ein Roboter sein, müssten sich unter ihrer Haut Leiterplatten befinden. Das könnte ich ganz einfach überprüfen, indem ich ihr einen Arm abreiße.«

»NEIN!«, kreischte Emma.

»Keine Sorge«, erwiderte Ceeron. »Den anderen Arm werde ich nicht entfernen.«

Auch das konnte Emma nicht mit seinem Vorschlag versöhnen. »Du musst hier gar nichts überprüfen! Ich bin ein Mensch! Ehrenwort!«

Ich verarbeitete ihre Antwort. »Sollte deine Behauptung der Wahrheit entsprechen, solltest du also tatsächlich ein Mensch sein, bleibt uns keine Wahl.«

Aus einer Halterung an meiner Hüfte klinkte ich ein kleines schwarzes Gerät aus. Ich hob es und nahm Emmas Brustkorb ins Visier.

»Du musst ausgelöscht werden.«

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In meinen Gedanken hatte sich eine Formel herauskristallisiert.

Emma ist ein Mensch.

Menschen sind eine Bedrohung für unsere Welt.

Daraus ergibt sich:

Emma muss ausgelöscht werden.

Diese Formel ergab Sinn. Sie war absolut logisch. Genau so musste man mit dieser Situation umgehen.

Ich hielt das kleine schwarze Gerät auf Emma gerichtet. Mein Finger krümmte sich um den Abzug.

»WARTE!« Emma riss die Hände hoch. »Bitte bring mich nicht um.«

»Ich werde dich nicht umbringen«, sagte ich.

Ein lautes Ausatmen. »Nicht?«

Ich schüttelte den Kopf. »Das ist keine Schusswaffe. Es ist ein Zielerfassungsgerät. Damit kann ich dich als Ziel markieren.«

»Als Ziel wofür?«

»Für die JagdBots.«

Emma machte einen schwankenden Schritt nach hinten. Ich behielt ihren Oberkörper im Visier.

»Du kannst dir also sicher sein«, fasste ich zusammen, »dass nicht ich dich umbringen werde, sondern die JagdBots.«

»D-das geht doch nicht«, stammelte Emma. »Ich habe euch nichts getan.«

Verzweifelt blickte sie zu meinen Kollegen hinüber. Ihre Stimme überschlug sich.

»Leute, was soll das denn? Ich bitte euch. Ich bin nur ein Kind.«

»Du bist ein Mensch«, verbesserte Ceeron. »Menschen sind eine Bedrohung.«

»Klar, dass ihr das so seht. Verstehe ich.« Emmas Lippen bebten. »Wir Menschen haben’s verbockt. Aber das ist viele Jahre her. Da war ich noch nicht mal geboren.«

SkD schwenkte in meine Richtung.

Sein Monitor leuchtete auf.


»Mir ist bewusst, dass das ein guter Punkt ist!«, erwiderte ich. »Aber was, wenn sie die Fehler ihrer Vorgänger wiederholt?«

Emma schüttelte den Kopf. »Das mache ich nicht.«

»Wie können wir uns da sicher sein?«

Ihre menschlichen Gesichtszüge zogen sich nachdenklich zusammen. »Okay, ähhh … Versuchen wir’s mal so. Eure tolle Roboterzivilisation hier … die läuft doch ziemlich gut, oder?«

»Es handelt sich um die fortschrittlichste Gesellschaft in der Geschichte der Welt«, bestätigte ich.

»Echt?« Emma hob eine Augenbraue. »Aber wenn ihr so großartig seid, warum habt ihr dann solche Angst vor einem einzigen kleinen Mädchen?«

Diese Frage bohrte sich wie eine spitze Klinge in meine Denkprozesse. Im ersten Augenblick hatte ich keine Antwort parat.

Ich musste erst 0,6 Sekunden lang über Emmas Einwand nachdenken.

Mir war das Wissen einprogrammiert, dass wir Roboter den Menschen klar überlegen waren. Intelligenter/Stärker/Schneller/Besser. Da ich nicht weit von den Ruinen der Menschheit wohnte, verbrachte ich jeden Tag im Bewusstsein ihres Untergangs. Und unserer Großartigkeit. Im Bewusstsein der Tatsache, dass sich unsere Herrlichkeit aus der Asche ihres Zusammenbruchs erhoben hatte.

Das war die Wahrheit.

Die einzige Wahrheit.

Und doch …

… blitzte in meinem Geist eine andere Formel auf.

Ich visiere Emma an.

Daraus ergibt sich:

Emma stellt eine Bedrohung dar.

Dies löste eine Kettenreaktion aus. In schneller Abfolge rauschten weitere Formeln durch meine Denkschaltkreise.

Ein einziges Menschenkind stellt eine Bedrohung für unsere Gesellschaft dar.

Daraus ergibt sich:

Unsere Gesellschaft ist schwach.

Daraus ergibt sich:

Wir Roboter sind den Menschen doch nicht überlegen.

Daraus ergibt sich:

Unsere gesamte Zivilisation beruht auf einer Lüge.

Nein. Das konnte nicht sein.

Es musste eine andere Lösung geben.

Ich nahm den Finger vom Abzug und ließ das Zielerfassungsgerät sinken.

Aus dem Nichts leuchtete eine andere Formel auf.

Ich visiere Emma nicht an.

Daraus ergibt sich:

Das Menschenkind stellt keine Bedrohung dar.

Daraus ergibt sich:

Wir Roboter sind den Menschen überlegen.

Diese Formel ergab deutlich mehr Sinn. Sie musste zutreffen. Alles andere wäre nicht zu erklären gewesen.

»Dein Einwand ist von überraschend zwingender Logik«, sagte ich zu Emma. »Für einen Menschen.«

Sie fixierte das Zielerfassungsgerät. »S-soll das heißen, du willst mich nicht mehr mit dem Ding da abknallen?«

Ich hakte das Gerät wieder in die Halterung ein. »Da ich ausschließen kann, dass du eine Bedrohung für unsere Gesellschaft darstellst, sehe ich keinen Grund, dich zu bedrohen.«

Emma atmete seufzend aus. »Super, danke!«

»Gern geschehen. Trotzdem habe ich ein Verständnisproblem. Wenn du ein Mensch bist, wieso bist du dann noch am Leben?«

»Ähhhm … na ja.« Emma grub den Absatz ihres Stiefels in den Boden. »Das ist eine längere Geschichte.«

Auf SkDs Monitor blinkte seine Reaktion.


Ceeron betätigte sich als Übersetzer. »SkD möchte wissen, ob du deine Geschichte erzählen willst.«

Emma kaute auf ihrer Unterlippe. »Sie geht aber nicht gut aus.«

»Wir würden sie trotzdem gerne hören«, erwiderte ich.

Da rollte SkD ruckartig vor/zurück/vor/zurück – seine Variante eines zustimmenden Nickens.

»Na gut.«

Emma atmete tief ein. Dann erzählte sie uns ihre Geschichte.

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Anfang. Mitte. Ende.

Nach dieser grundlegenden Formel sind Geschichten aufgebaut. Sie verlaufen geradlinig vom Start bis zum Ziel.

Wir Roboter können nicht behaupten, diese Formel erfunden zu haben. Das waren die Menschen. So wie sie auch uns erfunden haben. Über Tausende von Jahren feilten sie an dieser Formel. An Lagerfeuern. Auf Theaterbühnen. Auf Buchseiten und Kinoleinwänden. Oder sie erzählten sich selbst Geschichten. Geschichten, die so gut wie immer nach der gleichen Formel aufgebaut waren.

Anfang. Mitte. Ende.

Emmas Geschichte war die Ausnahme. Die Erzählung, die sie uns mit brüchiger Stimme vortrug, sprang vom Ende zum Anfang zur Mitte und nahm dabei einige Umwege.

Ich analysierte ihr Verhalten, ihre Sprachmuster. Und ich gelangte zu einer Schlussfolgerung: Emma war nervös. Das konnte ich nachvollziehen. Ich hätte sie beinahe als auszulöschendes Ziel markiert gehabt.

Kein Wunder, dass sie sich schwertat, ihre Geschichte ruhig wiederzugeben.

Während sie erzählte, ordnete ich ihre Worte im Kopf neu an. Ich flickte die zerfaserten Handlungsfäden und passte sie so in eine Formel ein, die meinem logisch denkenden Gehirn entsprach. Wo offensichtlich etwas fehlte, fragte ich nach. Ich ergänzte Details, erweiterte um Hintergrundinformationen, füllte Lücken.

Mit der Zeit wurde eine ordnungsgemäße Geschichte erkennbar. Eine Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende.

Das Ergebnis lautete:

Emma wurde in eine unterirdische Welt geboren. Es war eine Welt aus grauen Wänden, grauen Böden und grauen Zimmerdecken. Eine Welt fernab vom Sonnenlicht. Diese Welt hatte einen einfachen Namen:

Der Bunker.

Neben Emma lebten noch weitere Menschen im Bunker.

Emma kannte sie alle beim Namen.

Der Bunker bestand aus einem weitläufigen Netz aus Korridoren und Kammern. All das war tief unter der Erdoberfläche vergraben. Verborgen vor den Robotern.

Sobald sie etwas größer war, begann Emma, nachts ihre Untergrundwelt zu erkunden. Während ein Großteil ihrer Mitmenschen schlief, hallten Emmas Schritte durch die engen Flure des grauen Labyrinths.

Sie wanderte hinüber zum Klassenzimmer. Tagsüber hatte sie dort Unterricht, jetzt war sie ganz allein – ein seltsames Gefühl. Ohne die Stimmen ihrer Mitschüler, ohne die der vorne postierten Lehrerin herrschte gespenstische Stille. Emma strich mit den Fingerspitzen über die Bücher in den Regalen, den Blick auf die Tafel gerichtet, wo vielleicht noch der eine oder andere verwischte Schatten ausgelöschter Wörter/Zahlen/Skizzen auszumachen war, Geister einer vergangenen Schulstunde.

Als Nächstes kam ein Raum voll heißer Luft, feucht und stickig von den Pflanzen, die dort in akkuraten Reihen unter Sonnenlichtlampen wuchsen. Emma tauchte gerne in das kräftige Grün der Blätter ein, es war so viel angenehmer als das übliche öde Grau. Jede Nacht spazierte sie an den Gewächsen entlang und las die Schildchen mit den Namen.

KARTOFFELN

KICHERERBSEN

CHAMPIGNONS

SCHWARZE BOHNEN

SPINAT

Ein Raum etwas weiter hinten war stets erfüllt von rastlosem Wirbeln. Steckte sie den Kopf zur Tür hinein, sah Emma dort selbst mitten in der Nacht ein Dutzend Erwachsene auf stationären Fahrrädern sitzen. Strampelnde Beine, rotierende Räder, und doch kamen sie nicht vom Fleck.

Wer sein ganzes Leben im Untergrund verbringt, hat oft Schwierigkeiten, sich ausreichend zu bewegen. Eine Lösung für dieses Problem sind stationäre Fahrräder.

Daneben dienten sie dazu, ein anderes Problem zu lösen: das des elektrischen Stroms. Jede Umdrehung eines Rades erzeugte Strom für den Bunker.

Für das elektrische Licht.

Für die Belüftungsanlage.

Für die Wasseraufbereitungs- und Filtersysteme.

Auf ihren Erkundungsstreifzügen malte Emma sich aus, sie wäre eine Abenteurerin aus einem alten, längst vergangenen Zeitalter. Diese Epoche kannte Emma nur aus den Büchern, die sie andauernd las, und aus den Geschichten, die die Erwachsenen ständig erzählten.

Damals hatten die Menschen an der Oberfläche gelebt.

Dass sie diesen Ort jemals mit eigenen Augen sehen würde, daran glaubte Emma nicht. Die Oberfläche. Sie erschien ihr so weit entfernt, unendlich weit. Emma kannte nur den Bunker und sonst nichts. Der Bunker war ihre Welt.

Doch eines Tages zerbrach diese Welt.

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Emmas Stimme versiegte und verstummte. Ihre Unterlippe zitterte. Ihre Augen wurden gläsern. Ein einzelner Tropfen Flüssigkeit glitt über ihre Wange.

In meinem Vokabelspeicher blinkte eine Definition.

Träne. Subst. Tropfen einer Flüssigkeit, die im Zuge des Weinens aus dem menschlichen Auge austritt. Hervorgerufen durch Reizung des Auges oder durch Gefühle wie Trauer und Wut.

Ein Phänomen, das nicht eindeutig zugeordnet werden konnte. War Emmas Auge gereizt, war womöglich ein Staubkorn hineingeraten? Meine hochauflösenden Bildsensoren konnten nichts dergleichen ausmachen. Deswegen tippte ich auf die zweite Möglichkeit.

Emma war traurig.

Oder wütend.

Oder beides zugleich?

SkD piepte leise.

Auf seinem Monitor leuchteten zwei Bilder.


Emma wischte sich über das Gesicht. »Du willst wissen, warum ich weinen muss?«

SkD nickte.

3,4 Sekunden lang dachte Emma darüber nach. »Weil ich weiß, wie die Geschichte weitergeht«, sagte sie dann. »Und weil ich nichts daran ändern kann.«

Ich rechnete beinahe damit, dass sie ihre Erzählung an diesem Punkt beenden würde. Stattdessen schluckte sie und fuhr fort.

Eines Nachts lag Emma in dem kleinen, engen Zimmer, das sie sich mit ihrer FamilienEinheit teilte, und schlief. Da hörte sie ein Geräusch aus der Dunkelheit.

Ein Husten.

Gefolgt von einem weiteren Husten.

»Mom?« Emma richtete sich in ihrem Bett auf. »Alles okay bei dir?«

Emmas Mutter, die etwa einen Meter entfernt in der unteren Schlafkoje lag, versuchte zu antworten.

Stattdessen hustete sie erneut.

Am nächsten Morgen waren sowohl Emmas Mutter als auch ihr Vater krank. Husten/Heiserkeit/Kopfschmerzen.

»Ihr bleibt hier«, sagte Emma. »Ich gehe Hilfe holen.«

Sie verließ das kleine Zimmer. Das Tapsen ihrer Füße auf dem grauen Boden. Dieses Mal machte sie nicht halt, um den einen oder anderen Raum zu erkunden. Sie hatte ein klares Ziel vor Augen.

Die Krankenstation.

Hierhin musste man, um sich vom Arzt durchchecken zu lassen, oder wenn man Zahnschmerzen hatte oder wenn man in der Cafeteria ein Rad geschlagen und sich dabei das Handgelenk verstaucht hatte.

Nach der nächsten Biegung des Ganges sah Emma dicht gedrängte Menschen. Alle liefen sie in dieselbe Richtung: zur Krankenstation. Alle husteten/schnieften sie wie Emmas Eltern.

Aufmerksam lauschte Emma darauf, wie die Erwachsenen untereinander tuschelten.

»Was glaubst du, was hier los ist?«

»Sieht mir nach der Grippe aus.«

»Wäre aber ein heftiger Ausbruch.«

»Ist doch kein Wunder. Wo wir hier alle reingequetscht sind wie Sardinen in einer Dose. Da muss nur einer niesen und der halbe Bunker ist krank.«

Die Gespräche wurden immer wieder von Hustenanfällen unterbrochen. Einige Erwachsene kamen zu dem Schluss, dass sie in ihrem Zimmer, in ihrer Schlafkoje besser aufgehoben wären.

»Das sitzen wir aus«, keuchte einer von ihnen. »Früher oder später wird es schon vorbeigehen.«

Die Seuche ging aber nicht vorbei. Sie wurde schlimmer. Das ärztliche Personal konnte sich kaum um die vielen Hilfe suchenden Menschen kümmern. Nicht zuletzt, weil sich diejenigen, die auf der Krankenstation arbeiteten, selbst kaum weniger krank fühlten. Nicht zuletzt, weil ihnen die antiviralen Medikamente, die sie für den Kampf gegen die Krankheit benötigt hätten, bereits vor langer Zeit ausgegangen waren.

Am nächsten Tag litt jede und jeder unter den typischen Beschwerden.

Nur Emma nicht.

Sie hatte keine Ahnung, warum sie von der Krankheit verschont blieb. Warum sie sich rundum gesund fühlte, obwohl sie die feuchte Hand ihrer Mutter gehalten hatte und obwohl sie ihrem fiebernden Vater einen kalten Waschlappen auf die Stirn gepresst hatte.

Verließ sie das kleine, enge Zimmer, fand Emma sich allein in den grauen Gängen wieder. Tiefe Stille, gelegentlich durchbrochen von gedämpftem Husten hinter geschlossenen Türen.

Der Unterricht fiel aus.

In der Cafeteria wurde kein Essen mehr ausgegeben.

Im Fahrradraum war es ruhig.

Nur das hartnäckige Husten war zu hören.

Bis auch das abebbte.

Bei Ausbruch der Seuche hatten insgesamt 93 Menschen im Bunker gelebt. Binnen Tagen wurden es weniger.

Emmas Lehrerin. Ihr Arzt. Ihre Nachbarn. Ihre Mitschüler. Ihre beste Freundin.

Die Krankheit nahm sie ihr alle weg.

Schließlich auch ihre Mutter und ihren Vater.

Am Ende lebte nur noch ein Mensch im Bunker.

Emma.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
17 апреля 2022
Объем:
239 стр. 66 иллюстраций
ISBN:
9783732015191
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