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Laura Herges

Wer ist Clara?

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Laura Herges – Wer ist Clara?

Prolog: Ausgelöscht

Kapitel 1: Vergessen

Kapitel 2: Verwundet

Kapitel 3: Verschollen

Kapitel 4: Verwirrt

Kapitel 5: Verbunden

Kapitel 6: Verändert

Kapitel 7: Verschwiegen

Kapitel 8: Verborgen

Kapitel 9: Verpasst

Kapitel 10: Verschlossen

Kapitel 11: Vertraut

Kapitel 12: Verletzt

Kapitel 13: Verdammt

Kapitel 14: Verliebt

Kapitel 15: Verstört

Kapitel 16: Verdächtig

Kapitel 17: Verlogen

Kapitel 18: Verachtet

Kapitel 19: Verabscheut

Kapitel 20: Verschüttet

Kapitel 21: Verzweifelt

Kapitel 22: Verurteilt

Kapitel 23: Verwandt

Kapitel 24: Verhasst

Kapitel 25: Verschwunden

Epilog: Weiterleben

Impressum neobooks

Laura Herges – Wer ist Clara?

Wer bin ich?

Warum kann ich mich an nichts erinnern?

Und was ist in diesem Wald geschehen?

Plötzlich steht sie da, mutterseelenallein, mitten im Wald.

Clara kann sich an nichts mehr erinnern, außer an ihren Namen. Sie weiß nicht, was geschehen ist, und warum sie sich plötzlich in Völkersweiler, dem kleinen Dorf im Wald, wiederfindet.

Eine Familie aus dem Dorf nimmt das Mädchen ohne Identität bei sich auf, und während Clara verzweifelt versucht, ihre Erinnerungen wiederzuerlangen, fühlt sie sich immer stärker zu Jakob, dem ältesten Sohn der Familie, hingezogen. Doch genau wie alle anderen Familienmitglieder, scheint auch er etwas vor ihr zu verbergen. Wem kann sie vertrauen und wer spielt ein falsches Spiel?

Nichts ist so wie es scheint in dem kleinen Dorf, in dem jeder ein Geheimnis hat…

Für Völkersweiler.

Es war wundervoll, hier aufzuwachsen.

Tell me something I've never heard before.

I'm like a prayer you whisper from your

Window to the world.

No matter what you say, I won't stay, I'll find a way.

Promise you won't say,

Promise you won't say a word.

 VersaEmerge, “Illusion.”

Prolog: Ausgelöscht

Schritt für Schritt, ein Fuß vor den anderen. Es ist dunkel, aber das kann ich gerade noch erkennen: die Umrisse meiner Sneakers, die sich unermüdlich ihren Weg durch die Nacht bahnen. Wie hypnotisiert beobachte ich meine Schritte, als ob es nichts anderes auf der Welt gäbe. Aber irgendetwas stimmt nicht. Tief in mir breitet sich langsam ein ungutes Gefühl aus, das nach und nach alles mit Eis zu überziehen scheint. Fröstelnd schlinge ich die Arme um meinen Körper.

Ich muss kurz stehen bleiben, um nachzudenken. Ich atme tief durch und versuche, mich zu beruhigen, doch das ungute Gefühl lässt sich nicht abschütteln. Es ist, als ob es mir anhaften würde, als würde mich etwas langsam, aber unnachgiebig nach unten ziehen. Ich schließe für einen Moment die Augen. Irgendetwas ist ganz und gar nicht in Ordnung.

„Hey!“ Ich zucke zusammen, als ob man mich geschlagen hätte. Der Ruf reißt mich mit einem Mal aus meiner Trance und mein Kopf fährt hoch, um nachzusehen, wem ich diesen Schrecken zu verdanken habe. Die Silhouette eines Mannes hebt sich gegen das schwache Licht ab. Ich kann sein Gesicht nicht erkennen, aber eine Bewegung am Boden lässt mich erstarren. Er hat einen Hund dabei. Der ist zwar nicht besonders groß, aber sein Bellen schüchtert mich dennoch ein.

„Alles okay?“, fragt der Mann plötzlich und kommt näher. Instinktiv weiche ich zurück.

Er sagt etwas zu mir und bleibt stehen. Ich blinzele verwirrt. Ich habe absolut nichts verstanden. Aber eben hat er doch noch deutsch mit mir geredet, oder? Ich bin so durcheinander…

Er wiederholt die Worte, doch sie erscheinen mir immer noch unverständlich, wenn auch nicht mehr ganz so abstrakt. Ich glaube schon, dass das deutsch war, aber auf keinen Fall hochdeutsch.

„Kannst du das vielleicht noch mal sagen?“, frage ich zögernd und höre, wie erschöpft und heiser meine eigene Stimme klingt.

„Oh, sorry, du kommst nicht von hier, oder?“, erwidert er.

Ich denke nach und stoße auf… Leere. Verwirrt versuche ich es noch einmal, doch es ändert sich nichts. An dem Ort in meinem Gedächtnis, an dem sich mein Heimatort befinden sollte, ist einfach eine Lücke, eine weiße Leinwand, ein absolutes Nichts.

„Ich… weiß nicht!“, stoße ich erschrocken hervor und spüre, wie mein Herz anfängt, schneller zu schlagen. Was passiert hier? Habe ich vielleicht einen Schlaganfall oder so was?

„Na ja, also deine Aussprache sagt mir, dass du nicht von hier kommst.“ In meiner Schockstarre habe ich gar nicht gemerkt, wie er mir immer näher gekommen ist. Jetzt steht er genau vor mir und ich stelle fest, dass er doch eher ein Junge ist als ein Mann. Neugierig blickt er mich an.

„Aber wie, du weißt nicht? Was meinst du damit?“

Ich starre ihn an und schüttele den Kopf. „Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nicht, was los ist!“

Plötzlich spüre ich eine Berührung an meinem Bein und sehe, wie der Hund versucht, an mir hochzuspringen. Erschrocken weiche ich zurück.

„Luchsi, aus!“, sagt der Junge und meint dann an mich gewandt: „Sie ist ziemlich verspielt, aber sie hat noch nie jemanden gebissen.“

Ich nicke, halte aber dennoch lieber etwas Abstand.

„Vielleicht hast du irgendeine Krankheit, bei der dein Gedächtnis ausgelöscht worden ist“, meint der Junge, „Weißt du noch, wie du heißt?“

„Clara“, erwidere ich wie aus der Pistole geschossen. Zumindest das funktioniert also noch.

„Ich bin Lukas“, erwidert er. „Weißt du noch, was du um diese Uhrzeit im Wald wolltest?“

„Was?“, frage ich verwirrt.

„Na ja, es ist…“ Er tippt kurz auf seine Armbanduhr und der Bildschirm leuchtet blau auf, „halb elf und wir sind im Wald. Warum bist du so spät noch hier – allein?“

Erstaunt sehe ich ihn an und blicke mich dann um. Tatsächlich, wir stehen gerade im Wald und außer uns ist weit und breit niemand zu sehen. Erneut fröstele ich. Ich habe keine Ahnung, was ich hier mache. Wie er eben gesagt hat, ist meine Erinnerung völlig ausgelöscht.

„Ich hab keine Ahnung“, sage ich leise.

Lukas‘ Blick hat sich mittlerweile von neugierig in besorgt gewandelt.

„Wir sollten zu mir nach Hause gehen“, sagt er plötzlich, „Meine Eltern werden wissen, was zu tun ist.“

Ich nicke zögernd. Erwachsene zu Rate ziehen, das ist eine gute Idee. Oder zumindest fällt mir im Moment keine bessere ein.

Wir gehen los, und ich versuche erneut, tief durchzuatmen, um mich zu beruhigen. Das alles ist ganz und gar nicht normal. Mein Blick wandert zum Himmel. Vollmond. Dann schaue ich zu dem Hund, der fröhlich vor uns her rennt. Mir ist kalt.

Wir laufen noch nicht lange, als plötzlich der kalte Schein von weißem Laternenlicht durch das Blätterdach dringt. Wir nähern uns einem Ort. Zivilisation, das ist auf alle Fälle besser als der Wald. Ich blicke noch einmal zurück und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Was habe ich hier nur gemacht?

Als ich wieder nach vorne schaue, sehe ich bereits die ersten Häuser sowie ein Ortsschild.

„Völkersweiler“, murmele ich.

„Sagt dir der Name was?“, fragt Lukas.

Ich schüttele den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“ Aber was zur Hölle mache ich dann hier? Das Gefühl der Hilflosigkeit manifestiert sich in Form eines dicken Kloßes in meinem Hals, der es mir schwer macht, zu schlucken. Ich spüre, wie Tränen in mir aufsteigen, doch ich blinzele sie schnell weg. Ich kann mir jetzt nicht erlauben zu weinen. Ich muss herausfinden, was in dem Wald passiert ist, und zwar am besten so schnell wie möglich.

Die Häuser in dem Ort sind alle ziemlich klein: Ein-, höchstens Zweifamilienhäuser. Ansonsten sieht es hier ganz nett aus: Fast alle Häuser, an denen wir vorbeilaufen, haben einen kleinen Garten. In manchen stehen Rutschen und Schaukeln, in manchen Gartenzwerge, in manchen gibt es nur Blumenbeete.

Ich merke, wie die Straße unter meinen Schuhsohlen ansteigt und blicke geradeaus, um zu sehen, dass wir jetzt bergauf laufen. Hoffentlich ist es nicht ganz so weit, denke ich und blicke zu Lukas. Er ist vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre alt, seine Haare heben sich dunkel gegen das Laternenlicht ab und seine Augen sind starr auf die Straße gerichtet. Er trägt eine Steppjacke, Jeans und Turnschuhe.

Und ich? Ich blicke an mir herunter und sehe erneut die Turnschuhe von vorhin. Chucks, in irgendeiner dunklen Farbe. Das weiße Licht schluckt alles Bunte, sodass sich die einzelnen Farben nur erahnen lassen. Aber ich stelle dennoch fest, dass meine Schuhe nicht mehr die neuesten sind. Beim Gehen merke ich, dass die Sohlen schon ziemlich abgelaufen sind, und abgesehen davon sehen sie auch ziemlich schmutzig aus. Aber nicht nur meine Schuhe, auch auf meiner Jeans glaube ich, schmutzige Flecken erkennen zu können. Prüfend halte ich meine Hände vor meinen Körper. Ja, auch die Ärmel meines Kapuzenpullovers sind schmutzig. Und da dieser eine helle Farbe hat, muss es hier wohl am offensichtlichsten ins Auge springen. Ob es Lukas vorhin aufgefallen ist? Auch auf meinen Händen sind Schmutzspuren. Sie sehen schlicht aus, kein Nagellack, kein Schmuck, keine Uhr. Nichts.

Aber wahrscheinlich brauche ich einfach keine Uhr, schließlich habe ich ja ein… Instinktiv greife ich in meine linke Hosentasche, stelle aber sofort fest, dass diese vollkommen leer ist. Daraufhin überprüfe ich auch meine rechte Hosentasche und die Einschubtaschen meines Pullis – nichts.

„Ich hab kein Handy“, murmele ich.

„Was?“, fragt Lukas, den ich wohl gerade aus seinen Gedanken gerissen habe.

„Ich hab kein Handy“, wiederhole ich, „Aber das… das ist doch nicht normal, oder?“

Lukas blickt mich etwas hilflos an.

„Ich hab auch keinen Geldbeutel dabei oder irgendwas anderes“, fahre ich fort, „Aber wer geht denn ohne das alles in den Wald?“

„Vielleicht hattest du eine Handtasche oder so“, meint Lukas.

„Die ich dann im Wald verloren habe“ Ich blicke ihn erschrocken an. „Das könnte doch passiert sein, oder? Ich muss zurück und danach suchen!“

„Heute machen wir das am besten nicht mehr“, erwidert Lukas, „Es ist schon zu spät und total dunkel. Und außerdem sind wir jetzt da.“ Mit diesen Worten deutet er auf ein Haus, das sich plötzlich wie aus dem Nichts vor uns erhebt. Es ist auffällig groß, wenn ich es mit den anderen Häusern, die mir auf unserem Weg begegnet sind, vergleiche. In der Dunkelheit kann ich nicht allzu viel erkennen, aber auf alle Fälle erheben sich noch zwei weitere Stockwerke über dem Erdgeschoss, und es ist in irgendeiner hellen Farbe gestrichen. Lukas geht zur Haustür, nimmt einen Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und schließt auf. Der Hund rennt voraus ins Innere. Lukas deutet auf den Lichtkegel, der zu uns in die Dunkelheit fällt, und ich trete ein, gefolgt von ihm.

Früher:

Ich halte den Brief in meinen Händen. Meine Fingerknöchel treten weiß hervor, so sehr verkrampfe ich mich, als ich die Worte lese, die eigentlich gar nicht dort stehen dürften.

Vielleicht werde ich ja verrückt und bilde mir den Brief nur ein. Doch jedes Mal, wenn ich an seiner Echtheit zweifle, sehe ich ihn wieder direkt vor mir. Ich kann ihn fühlen, ihn sehen und manchmal glaube ich sogar, den Duft seines Verfassers riechen zu können.

Eigentlich glaube ich nicht an Gott, nicht mehr.

Aber anscheinend können die Toten doch auferstehen.

Jetzt:

Kapitel 1: Vergessen

„Bin wieder da!“, ruft Lukas und läuft an mir vorbei durch den schmalen Flur. Zumindest erahne ich, dass es das ist, was er gesagt hat. Angehört hat es sich eher wie ‚Binwiado‘.

Ich folge ihm zögernd bis zu einer offenstehenden Tür zu unserer Rechten.

„Ich hab jemanden mitgebracht“, sagt er, immer noch in diesem komischen Dialekt, und tritt zur Seite, um den Blick auf mich freizugeben. Ich blicke in ein Wohnzimmer, in welchem eine Frau und ein Mann auf einer ausladenden Couch sitzen und in gedimmtem Licht auf einen Fernseher starren.

„Hallo“, sage ich leise.

Die beiden blicken fragend zu Lukas.

„Ich hab sie im Wald aufgegabelt. Sie war allein“, höre ich aus dem folgenden Dialekt-Wortschwall heraus.

Die Frau, die wahrscheinlich Lukas‘ Mutter ist, fragt nach, wie er das meint und er entgegnet, dass ich mich an nichts erinnern kann.

„Und sie kann kein Pfälzisch“, meint er dann mit einem Blick auf mich.

Pfälzisch. Das ist also diese komische Sprache, die in meinen Ohren so fremd klingt.

Die Frau steht auf und kommt zu uns. Ihr Mann blickt weiterhin nur neugierig von der Couch aus zu uns herüber.

„Ist das wahr? Du kannst dich an nichts erinnern?“ Sie bemüht sich, hochdeutsch zu sprechen, doch ich höre immer noch einen kleinen pfälzischen Einschlag. Aber zumindest verstehe ich sie jetzt viel besser als vorher.

„Ich glaube, nur an meinen Vornamen“, erwidere ich zögernd, „Clara.“

„Clara…“, murmelt die Frau mit einem nachdenklichen Blick auf mein Gesicht, „Du musst auf jeden Fall so bald wie möglich zu einem Arzt, der sich das ansieht.“

„Sollen wir sie in die Notaufnahme fahren?“, fragt Lukas neben mir.

Die Frau wendet sich wieder mir zu: „Hast du irgendwelche Schmerzen oder ist dir schlecht?“

Ich schüttele den Kopf.

„Dann warten wir bis morgen, wenn das für dich okay ist“, sagt sie.

Oh ja, das ist mir sogar sehr recht, denn ich bin schrecklich erschöpft. Es fällt mir erst jetzt so richtig auf, aber ich glaube, wenn ich mich jetzt hier auf den Boden legen würde, würde ich direkt einschlafen.

„Wir haben ein Gästezimmer, wenn du willst, kannst du dort die Nacht verbringen“, sagt sie. Das klingt wie Musik in meinen Ohren.

„Danke, das ist sehr nett“, erwidere ich.

„Und wenn du willst, kannst du dich auch abduschen.“ Ihr sind also meine schmutzigen Kleider aufgefallen. „Von was bist du so… dreckig?“, fragt sie verwirrt.

Ich zucke nur mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“

„Gib ihr ein paar Kleider von Johanna“, sagt sie an Lukas gewandt, und dann wieder zu mir: „Das Bad ist oben, die erste Tür rechts. Deine Kleider kannst du vor die Waschmaschine legen, die wasche ich mit, wenn du magst.“

„Danke“, erwidere ich erneut, „Das ist wirklich sehr, sehr nett von Ihnen.“

„Sag ruhig ‚du‘ zu mir“, entgegnet sie lächelnd. Ich bin Eva und das ist mein Mann Paul.“ Sie deutet auf den Mann, der mir vom Sofa aus zunickt.

Der ist ja wirklich sehr gesprächig, denke ich.

Ich drehe mich um und will gerade zur Treppe laufen, als sich plötzlich erneut die Tür öffnet. Wie auf ein Kommando hin stürmt Luchsi los und springt an der Person hoch, die jetzt eintritt. Es ist wieder ein Junge, aber er ist etwas größer und scheint auch älter zu sein als Lukas.

„Hey Luchsi!“, sagt der Junge lachend und streichelt dem Hund durchs Fell, „Ja fein!“

„Jakob“, sagt Eva und er blickt auf. Sofort fällt sein Blick auf mich. Ich muss schlucken und würde am liebsten zu Boden blicken, aber etwas hält mich davon ab. Ich frage mich, ob es die Neugier in seinem Blick ist oder die Überraschung, doch etwas hindert mich daran, meinen Blick abzuwenden.

Eva spricht pfälzisch mit ihm und ich verstehe nur ein paar Wörter, aber sie erzählt ihm im Großen und Ganzen dasselbe, was wir eben besprochen haben. Und Lukas wirft am Ende noch ein, dass ich kein Pfälzisch spreche.

Erstaunt schaut Jakob wieder zu mir. „Du weißt gar nichts mehr?“, fragt er, doch bei ihm klingt es nicht so vollkommen fassungslos wie bei Lukas und Eva, sondern eher… besorgt?

Ich schüttele den Kopf. „Nein, nichts.“

„Das tut mir leid“, sagt er leise und ich spüre, wie die Tränen erneut versuchen, sich ihren Weg an die Oberfläche zu bahnen.

„Gehst du dann Johanna abholen?“, fragt Eva, oder zumindest glaube ich, dass sie das gefragt hat, denn es fällt mir immer noch genauso schwer wie vorhin, den Dialekt zu verstehen. Er nickt und geht wieder zur Haustür. Ich blicke ihm kurz nach und verabschiede mich dann nach oben, wo ich wie empfohlen duschen will.

Ich finde das Bad sofort, es befindet sich direkt neben der Treppe. Als ich das Licht einschalte, erstarre ich für einen Moment, denn aus dem Spiegel blickt mir ein fremdes Gesicht entgegen.

Das bin also ich? Prüfend lehne ich mich über dem Waschbecken ein Stück nach vorn. Ja, das Gesicht gehört tatsächlich mir. Graublaue Augen starren mir aus einem blassen Gesicht entgegen, eine leicht nach oben geneigte Stupsnase über relativ vollen Lippen. Ich habe dunkle Ringe unter den Augen; keine Ahnung, wann ich das letzte Mal geschlafen habe… Mein Haar ist hellbraun und ich trage es in einem Pferdeschwanz. Ich löse das Haargummi und mein Haar fällt mir in langen Wellen über die Schultern. Ich fahre mir durch die etwas strähnigen Locken und stelle erneut fest, dass mir nichts von alldem bekannt vorkommt. Mir klebt ein wenig Dreck auf der Wange. Ich wische ihn mir mit dem Handrücken weg, dann schließe ich mich ein und beginne, mich auszuziehen.

Erst jetzt fällt mir auf, wie dreckig meine Klamotten sind: Alles ist mit rotbraunen Sandflecken überzogen – die gestreifte Kapuzenjacke, die zerschlissenen Jeans und auch die dunkelblauen Chucks an meinen Füßen. Das einzige halbwegs saubere Kleidungsstück ist das dunkle T-Shirt mit irgendeinem englischen Aufdruck, der nicht besonders viel Sinn macht. Könnte allerdings auch sein, dass man die Flecken auf dem dunklen Stoff nur nicht so gut sieht…

Bevor ich in die Dusche trete, betrachte ich mich noch einmal kurz im Spiegel, doch immer noch scheint es der Körper einer Fremden zu sein, in dem ich mich befinde. Erneut spüre ich den Kloß in meinem Hals, doch bevor mir die Tränen kommen, steige ich in die Duschkabine und drehe den Wasserhahn auf. Es ist ein unglaublich angenehmes Gefühl, das warme Wasser über meinen Kopf laufen zu spüren, und zum ersten Mal an diesem Abend fühle ich so etwas wie Erleichterung. Ich bin in Sicherheit. Ich kann hier schlafen. Mir wird hier nichts passieren. Fürs Erste geht es mir gut, auch wenn ich mich an nichts erinnern kann.

Eine Welle der Dankbarkeit überrollt mich. Wer weiß, was mit mir passiert wäre, wenn Lukas mich nicht im Wald aufgegabelt hätte…

Ich finde nur ein Shampoo und ein Duschgel für Frauen – vermutlich gehören sie auch dieser Johanna.

Ich schäume meinen Körper und meine Haare damit ein und fahre zusammen, als ich meinen Hinterkopf berühre. Etwas tut weh, aber meine Finger sind nicht rot, also blute ich nicht. Ein wenig beunruhigt drehe ich das Wasser wieder auf. Ich meide die Stelle, während ich den Schaum abspüle.

Als ich aus der Dusche steige, fühle ich mich wie neugeboren. Ich rieche an meinen blumig duftenden Haaren, schlinge mir ein Handtuch, das ich aus dem Badregal nehme, um den Körper, und betrachte mich noch einmal im Spiegel. Immer noch klingelt nichts.

Seufzend fahre ich mir durch die verknoteten Haare. Mein Blick fällt auf eine Haarbürste, die im Regal liegt. Ich ziehe ein paar dunkle Haare aus den Borsten, bevor ich sie benutze.

„Sorry, Johanna“, murmele ich, während ich mein Haar entwirre.

Danach greife ich nach dem ebenfalls bereitliegenden Föhn und trockne mein Haar.

Bevor ich aus dem Badezimmer trete, werfe ich vorsichtig einen Blick auf den Gang. Niemand da, also schließe ich die Tür hinter mir und laufe in Richtung Gästezimmer, als zwei Stimmen meine Aufmerksamkeit erregen. Eine davon gehört Lukas, die andere einer Frau. Beide reden pfälzisch, deshalb verstehe ich nur etwa die Hälfte. Aber ich kapiere sofort, worum es in ihrer Diskussion geht: um mich.

„Sie hat doch nichts! Was hätte ich denn machen sollen?“

„Mich vorher fragen vielleicht?“

„Oh Mann, Jojo, du warst halt nicht da!“

„Warten bis ich da bin?“

So in etwa geht das Gespräch, dem ich lausche, während ich mich vorsichtig der Tür nähere, aus der die Stimmen dringen. Die Kälte des Fußbodens zieht durch meine nackten Sohlen in meinen gesamten Körper, doch ich bin zu neugierig, um jetzt umzukehren. Ich sehe das Mädchen nur von hinten: Sie hat tatsächlich schwarzes Haar, das ihr glatt bis knapp über die Schultern fällt. Sie trägt einen lilafarbenen Hoodie, einen schwarzen Minirock und eine Netzstrumpfhose. Über ihre Schulter hinweg sehe ich Lukas, der mit genervtem Gesichtsausdruck die Hände ringt.

„Es musste aber jetzt sein!“

„Sorry, dass ich genervt bin, wenn du meine Sachen irgendwelchen dahergelaufenen Waldmädchen gibst!“

In dem Moment trifft mich Lukas‘ Blick. Ich weiche erschrocken zurück, doch das Mädchen hat schon begriffen: Sie dreht sich zu mir um und ihr Blick fällt auf mich. Ich erröte und stammele eine Entschuldigung.

„Ich wollte euch nicht belauschen, ehrlich!“

Wie ihre Brüder wechselt auch Johanna sofort ins Hochdeutsche.

„Ähm, du bist also…?“

„Das Waldmädchen“, kann ich mir nicht verkneifen, und strecke ihr meine Hand entgegen, während meine andere weiterhin das Handtuch über meiner Brust festhält, „Clara.“

„Hi, ich bin Johanna“, erwidert sie und schüttelt meine Hand. Sie ist ebenfalls rot geworden, und es ist mehr als deutlich, wie unangenehm ihr die ganze Situation ist. Lukas hingegen scheint sich prächtig zu amüsieren: Auf seinem Gesicht hat sich ein belustigtes Grinsen ausgebreitet.

„Tut mir leid, dass du mir deine Sachen ausleihen musst“, sage ich zögernd.

„Nein! Nein, das muss es nicht, ehrlich!“, erwidert sie. Ihre mit dunklem Kajal umrandeten Augen sind vor Schreck weit geöffnet. „Wirklich, das ist kein Problem. Lukas hat dir auch schon ein paar Schlafsachen aufs Bett gelegt.“

„Danke“, erwidere ich mit einem zögernden Lächeln.

Die Blicke der beiden bleiben an mir hängen und ich fühle mich plötzlich nackt, trotz des Handtuchs.

„Ich gehe dann mal schlafen“, sage ich schnell, „Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“, erwidern beide, und Lukas fügt noch ein „Schlaf gut!“, hinzu, während ich mich schon auf dem Weg ins Gästezimmer befinde.

Auf dem Bett liegt ordentlich zusammengefaltet ein Schlafanzug, bestehend aus lila gestreiften Shorts und einem Top, auf dem in großen Buchstaben „I need coffee“ neben einem Coffee to Go-Becher steht. Ich weiß noch nicht mal, ob ich gerne Kaffee trinke. Seufzend nehme ich den Schlafanzug, unter dem noch eine Unterhose zum Vorschein kommt. Erneut werde ich rot, auch wenn ich alleine bin. Es ist mir trotzdem unangenehm.

Nach einem Kontrollblick auf die geschlossene Tür lasse ich das Handtuch fallen und ziehe mich um. Immerhin sind die Sachen bequem. Nur das Licht der Straßenlaternen fällt durch das Fenster und taucht das Zimmer in ein gespenstisch kaltes Licht. Ich schalte die kleine Nachttischlampe neben dem Bett ein und gehe zum Fenster, um den Rollladen nach unten zu lassen. Mein Blick fällt auf einen großen Garten, mit einem Brunnen, einem Pavillon und mehreren Bäumen. Plötzlich erregt etwas meine Aufmerksamkeit: Aus dem Augenwinkel habe ich eine Bewegung bei einem der Bäume wahrgenommen. Da, schon wieder! Jemand ist im Garten. Ein schattiger Umriss schält sich aus dem Dunkel des Gartens, doch ich kann nicht erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Die Person hält kurz inne, und ich kann ihren durchdringenden Blick durch das Glas der Scheibe auf meiner Haut spüren. Im nächsten Moment verschmilzt sie wieder mit den Schatten und ist verschwunden.

Mein Herz schlägt so schnell, dass ich es in meinen Ohren rauschen hören kann. Ich reiße an dem Rollladen, sodass dieser scheppernd nach unten fällt. Dann lege ich mich ins Bett und ziehe mir die Decke bis unters Kinn. Wer auch immer das war, er oder sie hat mich beobachtet.

Du bist hier in Sicherheit, denke ich wieder und lasse mich langsam auf das Kopfkissen sinken. Als ein spitzer Schmerz durch meinen Kopf schießt, fahre ich sofort wieder hoch. Ich ziehe scharf die Luft ein und berühre reflexartig meinen Hinterkopf. Erneut ertönt der Schmerz in meinem Kopf, diesmal jedoch gedämpfter. Jetzt bin ich mir ganz sicher: Ich habe eine Verletzung. Langsam setze ich mich wieder auf.

In diesem Moment klopft es an der Tür. Mein Herz setzt schon wieder einen Schlag aus.

„Ja?“, sage ich zögernd.

Die Tür öffnet sich und Johanna kommt herein. Erleichtert atme ich aus.

„Hey Clara, sorry, dass ich dich noch mal störe!“, sagt sie mit einem entschuldigenden Lächeln auf den Lippen, und setzt sich zu mir auf die Bettkante, „Ich hab das eben nicht so gemeint. Ich war nur genervt, aber du kannst nichts dafür.“

„Macht nichts“, erwidere ich lächelnd, „Und danke, dass ich deine Sachen ausleihen kann.“

„Kein Problem“, entgegnet sie und will sich erheben, doch ich halte sie auf.

„Johanna, warte mal kurz.“ Sie blickt mich fragend an. „Kannst du dir vielleicht mal meinen Hinterkopf ansehen? Ich glaube, dass ich eine Verletzung habe.“

„Oh… ähm, klar“, sagt sie zögernd, „Warte, lass mich das Licht einschalten.“

Sie erhebt sich und drückt auf den Lichtschalter neben der Tür. Geblendet kneife ich die Augen zusammen. Dann kommt sie zu mir zurück und ich drehe ihr den Rücken zu. Ich spüre, wie sie meine Haare anhebt und scharf die Luft einzieht.

„Ja, du hast da ein bisschen Schorf. Tut es sehr weh?“

Ich drehe mich zu ihr um und blicke in ihr besorgtes Gesicht. Um sie zu beruhigen, schüttele ich den Kopf.

„Aber du solltest es vielleicht trotzdem mal von einem Arzt ansehen lassen. Das könnte doch gut etwas mit deinem Gedächtnisverlust zu tun haben…“

Aber natürlich: Ich habe irgendetwas auf den Hinterkopf bekommen und deswegen meine Erinnerungen verloren – alles macht Sinn! Hatte ich etwa einen Unfall? Oder wurde ich… geschlagen? Ich schaudere bei dem Gedanken daran.

„Wir werden morgen mit dir zum Arzt gehen, okay?“, sagt Johanna, die meine Beunruhigung bemerkt haben muss.

„Danke, das ist nett“, erwidere ich mit einem Lächeln.

„Dann schlaf dich mal gut aus. Ich muss morgen in die Schule“, sagt sie mit gequältem Gesichtsausdruck.

„Schlaf gut“, entgegne ich und lege mich auf die Seite, während Johanna aufsteht, das Licht ausschaltet und die Tür hinter sich zuzieht.

Diese Verletzung… Der Gedächtnisverlust… So einen Zufall gibt es doch gar nicht, oder? Ich überlege hin und her, versuche fieberhaft, mich zumindest an irgendwas zu erinnern, aber egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich habe keinen Erfolg.

Frustriert schließe ich die Augen und merke erst jetzt, wie müde ich eigentlich bin. Innerhalb weniger Sekunden bin ich bereits weggedämmert.

Ich renne. Durch nichtssagende Straßen, vorbei an kahlen Häusern und leeren Gesichtern.

Ich weiß nicht, wohin ich will, oder woher ich komme.

Ich weiß nur eines: Ich renne.

Früher:

Zunächst habe ich noch geglaubt, jemand wolle mich an der Nase herumführen. Ich habe geglaubt, dass es nur ein grausamer Scherz wäre, von wem auch immer. Aber niemand könnte so grausam sein, sich so etwas auszudenken. Oder zumindest hoffe ich das.

Ich habe niemandem davon erzählt – es macht mir Angst. Dieses Geheimnis, das ich plötzlich mit mir herumtrage, lastet schwer auf meinen Schultern, und ich ringe jeden Tag mit mir.

Vielleicht wäre es besser, es mit jemand anderem zu teilen…

Jetzt:

Kapitel 2: Verwundet

Ich erwache aus dem merkwürdigen Traum.

Ich blinzele mehrmals, während sich die Umrisse des Raums aus der Dunkelheit schälen.

Wo bin ich?, ist mein erster Gedanke. Während die Erinnerung an gestern in mein Gedächtnis zurückkehrt, wird die Frage durch eine andere abgelöst: Wer bin ich?

Ich kann mich an alles erinnern, was gestern passiert ist: Lukas, seine Familie, die Dusche, die Kopfwunde. Aber alles, was davor war, bleibt nach wie vor vollkommen ausgelöscht.

Ich schlucke hart und stehe vorsichtig auf. Trotz allem fühle ich mich erholt, und ein Blick auf den Radiowecker neben meinem Bett verrät mir auch warum: Es ist schon halb zwölf. Ich habe fast zwölf Stunden geschlafen.

Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht und öffne den Rollladen. Es ist ein strahlend schöner Tag: Die Sonne scheint von einem hellblauen, wolkenlosen Himmel auf den großräumigen Garten, auf den ich schon gestern einen Blick geworfen habe. Ich denke wieder an die Person, die da unten stand und mich beobachtet hat, und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Wäre es möglich, dass ich mir das nur eingebildet habe, in meinem verwirrten Zustand? Insgeheim hoffe ich es.

Ich öffne das Fenster und gehe ins Bad, wo ich mir als erstes kaltes Wasser ins Gesicht spritze. Ein weiterer Blick in den Spiegel bringt mir immer noch keine Klarheit. Nun sehe ich die blauen Augen, die blasse Haut und das hellbraune Haar zum ersten Mal im Tageslicht, doch ich erkenne das Mädchen im Spiegel dennoch nicht.

Als ich nach Johannas Haarbürste greife, fällt mein Blick auf einen Becher, der auf dem Waschbeckenrand steht. Mein Name ist mit einem Edding auf das weiße Plastik geschrieben worden, und darin befinden sich eine ungeöffnete Tube Zahnpasta und eine Zahnbürste. Die Geste rührt mich: Diese Leute kennen mich gar nicht und sind trotzdem so gastfreundlich zu mir. Lächelnd betrachte ich den Becher und putze mir die Zähne. Dann trete ich aus dem Badezimmer in den Flur. Alles ist ruhig und ich weiß zunächst nicht, was ich jetzt tun soll. Dann entscheide ich mich, nach unten zu gehen. Barfuß gehe ich die Treppe hinab und spüre erneut, wie die Kälte des Bodens in meine Fußsohlen steigt.

Unten angekommen werfe ich zunächst einen Blick ins Wohnzimmer, wo mich gestern Eva und Paul begrüßt haben, doch auch dieser Raum ist leer. Es ist trotzdem interessant, alles im Tageslicht zu sehen: Das Zimmer ist hell, mit weißen Holzmöbeln und einer großen, grauen Couchlandschaft. An den Wänden hängen unzählige Bilder. Neugierig betrete ich den Raum und schaue mir die Bilder an: Es sind vor allem Kinderfotos, dazwischen auch ein paar Hochzeitsbilder, die offensichtlich aus den Neunzigern stammen. Ein Bild springt mir besonders ins Auge, weil hier die ganze Familie versammelt ist: Vater, Mutter und drei Kinder, zwei Jungs und ein Mädchen. Hier sind sie allerdings noch weitaus jünger, zwischen zehn und fünf vielleicht.

„Gefallen dir die Bilder?“

Ich zucke zusammen und fahre herum.

„Oh, Entschuldigung! Ich wollte dich nicht erschrecken, tut mir leid.“ Vor mir steht der Junge, der mir schon gestern Abend begegnet ist: Lukas‘ Bruder.

„Hast… du gut geschlafen?“, fragt er zögernd.

Ich nicke stumm. Er kommt langsam näher und stellt sich neben mich. Er ist etwa einen halben Kopf größer als ich. „Das da ist Lukas“, sagt er und deutet auf den kleineren Jungen auf dem Familienbild, „Das ist Johanna“, er zeigt auf das Mädchen, „Und das bin ich.“ Sein Finger verweilt kurz auf dem größten Kind, einem kleinen Jungen mit drei Zahnlücken. Lächelnd blicke ich von dem Foto zu ihm. Seine Augen sind genau die gleichen: dunkelbraun und glänzend. Er sieht Lukas nicht besonders ähnlich – dieser hat etwas helleres Haar und hellere Augen, ebenso wie Johanna. Diese hat zwar sogar noch dunklere Haare als ihr ältester Bruder, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sie nur schwarz färbt, damit sie zu ihrem restlichen Stil passen.

„Das ist ein schönes Bild“, sage ich zögernd, „Es ist mir direkt aufgefallen. Ihr seht alle so fröhlich aus.“

„Ja, das stimmt“, erwidert er, während sein Blick auf dem Bild verweilt. In seinem Lächeln glaube ich, etwas Wehmütiges erkennen zu können. Dann blickt er plötzlich wieder mich an. „Hast du Hunger?“

Ich nicke. „Dann komm mit“, entgegnet er lächelnd und läuft voraus in die Küche. Auch dieser Raum ist lichtdurchflutet – vor einer Eckbank steht ein großer Tisch aus hellem Holz, und davor noch drei dazu passende Stühle. Auch die Küchenzeile ist groß und modern.

„Was magst du?“, fragt er, „Müsli? Toast?“

„Toast ist super“, entgegne ich.

„Okay, ich mache dir einen“, erwidert er, „Setz dich doch!“ Er deutet mit dem Kopf zu dem Tisch. Ich lasse mich auf die Küchenbank sinken und lehne meinen Rücken an. Hier ist es immerhin wärmer als im Wohnzimmer, denn die Sonne scheint direkt durch die Fenster in diesen Raum.

Ich betrachte ihn still, während er Toast aus einer der Schubladen holt und ihn in den Toaster steckt. Dann dreht er sich zu mir um. „Magst du Kaffee?“

Ich überlege für einen Moment. „Ich glaube nicht“, erwidere ich dann zögernd.

„Kakao?“, fragt er. Ich nicke. Er dreht sich wieder um und werkelt weiter in der Küche herum.

Ich beiße mir auf die Lippe, bevor ich ein wenig beschämt frage: „Kannst du mir deinen Namen noch mal sagen?“

Er dreht sich um und lächelt mich an. „Klar, ich bin Jakob.“

„Jakob“, wiederhole ich leise und nicke.

„Und du bist Clara?“, vergewissert er sich noch einmal, während er sich lächelnd mit dem Rücken gegen die Küchenzeile lehnt.

„Ja.“ Mein Name – das Einzige, woran ich mich noch erinnern kann…

„Mit K oder mit C?“, fragt er weiter.

„Mit C“, entgegne ich sofort.

„Das hast du also nicht vergessen“, murmelt er gedankenverloren. Ich nicke wieder.

„Und ansonsten weißt du nichts mehr? Auch nicht, wie alt du bist? Oder was du im Wald gemacht hast?“

„Keine Ahnung“, erwidere ich leise.

„Ich bin mir sicher, dass deine Erinnerungen wieder zurückkommen“, meint er. Es soll aufheiternd klingen, aber ich bin gerade nicht besonders optimistisch. „Hey“, sagt er dann zögernd, „Johanna hat gesagt, dass du eine Verletzung am Hinterkopf hast?“

„Ja.“ Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern.

„Darf ich… mal sehen?“

Ich nicke und drehe mich um. Behutsam streicht er mein Haar beiseite. Sein Daumen berührt dabei kurz meinen Nacken. Die Berührung ist sanft, wenn auch unbeabsichtigt. Mir läuft ein wohliger Schauer über den Rücken und ich hoffe, dass er es nicht gemerkt hat.

„Das sieht nicht gerade gut aus“, sagt er, „Wir sollten sowieso mal zum Arzt fahren, nachdem du was gegessen hast.“ Er lässt mein Haar los und ich drehe mich wieder zu ihm um.

„Du und ich?“, frage ich zögernd.

„Klar, wer sonst? Es ist niemand anderes hier“, entgegnet er lächelnd.

„Aber wo sind denn alle?“, frage ich.

„Arbeiten oder in der Schule“, erwidert Jakob, „Es ist Mittwoch.“

„Oh.“ Natürlich. Plötzlich komme ich mir ziemlich dumm vor. Nur, weil diese Leute mich gestern aufgenommen haben, heißt das natürlich nicht, dass sie keinen Alltag haben.

In dem Moment ertönt ein klackendes Geräusch. Ich zucke zusammen, bevor ich sehe, dass es nur der Toast war.

„Magst du Nutella? Oder Marmelade?“, fragt Jakob, während er die beiden Scheiben auf einen Teller legt.

„Ja, gern“, erwidere ich.

Einen Moment später stellt er den Teller, zusammen mit einer Tasse Kakao einem Messer, Butter, Nutella und Marmelade vor mir auf den Tisch. „Danke“, sage ich lächelnd.

Still sieht er mir zu, während ich mir zunächst Butter, und danach Marmelade auf die erste Scheibe Toast streiche.

„Und du?“, frage ich zögernd, bevor ich den ersten Bissen nehme, „Hast du heute frei?“

„Ja, ich hab Semesterferien. Ich studiere“, erwidert er.

„Cool, was studierst du denn?“, frage ich.

„Englisch und Germanistik – aber nicht auf Lehramt“, entgegnet er.

„Hier in der Nähe?“

„In Heidelberg. Da hab ich auch ein WG-Zimmer, wo ich während des Semesters wohne.“

„Schön“, erwidere ich nickend.

„Warst du schon mal in Heidelberg?“, fragt er.

„Ich weiß nicht“, entgegne ich mit einem entschuldigenden Lächeln.

„Oh, stimmt ja. Tut mir leid!“ Er erwidert mein Lächeln.

Wir schweigen für einen Moment, dann frage ich: „Also du bist der Älteste von euch dreien?“

Jakob nickt. „Ich bin zwanzig, Lukas siebzehn und Johanna sechzehn.“

„Und, gehen die beiden auf die gleiche Schule?“, frage ich. Es ist belangloser Smalltalk, aber besser als Schweigen.

„Ja, aufs Trifels-Gymnasium. Da habe ich auch mein Abi gemacht.“

„Was bedeutet ‚Trifels‘?“

Jakob lächelt. „Du kommst echt nicht von hier, oder? Das ist eine Burg hier in der Nähe – viele Dinge sind danach benannt, die Schule, Hotels, eine Apotheke und sogar unsere Zeitung.“

Er greift in den Zeitungsständer, der neben der Eckbank steht, und fördert eine Zeitung zutage, die er mir in die Hand drückt. ‚Trifels Kurier‘ prangt in dicken Lettern auf der Titelseite, und darunter ein Artikel über ein Treffen mehrerer Bürgermeister aus der Region.

„Das hier ist übrigens meine Tante Anna“, sagt Lukas und deutet auf die einzige Frau auf dem Foto. Sie ist groß und schlank und trägt ihr braun-blondes Haar glatt und lang. Tatsächlich kann ich in ihrem hübschen Gesicht eine gewisse Ähnlichkeit zu Jakob erkennen.

„Sie ist die Bürgermeisterin von Völkersweiler“, sagt dieser in dem Moment.

Völkersweiler. Jetzt fällt mir wieder das Ortsschild von gestern ein.

„So heißt der Ort hier, oder?“, frage ich. Er nickt.

Ich habe den Namen noch nie gehört, oder zumindest glaube ich das. Plötzlich ertönen von draußen die Kirchenglocken. Es ist zwölf Uhr.

„Tut mir leid, dass ich so lange geschlafen habe. Das passt bestimmt gar nicht in deinen Tagesplan, dass du mit mir heute noch zum Arzt fahren musst…“ Ich spüre, dass ich rot werde.

Jakob lacht. „Welcher Tagesplan? Schon vergessen, ich bin Student.“ Damit entlockt er auch mir ein Lachen.

„Nein ehrlich“, meint er dann, „Das macht gar nichts. Ich hab zwar Hausarbeiten zu schreiben, aber die sind generell ziemlich tolerant mit dem Abgabedatum. Und ehrlich gesagt bin ich ganz froh, dass du nicht schon vor drei Stunden aufgewacht bist. So lange bin ich nämlich auch noch gar nicht wach…“

Ich lächele und blicke wieder auf meinen Toast. Ich spüre seinen Blick auf mir, während ich die zweite Scheibe mit Nutella bestreiche.

„Du isst keine Butter unter der Nutella“, kommentiert Jakob.

„Nein, das ist eklig“, erwidere ich reflexartig.

„Sehe ich genauso“, entgegnet er lächelnd. Ich erwidere das Lächeln.

„Danke übrigens für die Zahnbürste und die Zahnpasta“, sage ich, bevor ich von meiner zweiten Scheibe Toast abbeiße.

„Woher weißt du, dass ich das gemacht habe?“, fragt er.

Ich zucke mit den Schultern. „Das war geraten.“ Er lächelt mir erneut zu.

„Was machen deine Eltern eigentlich beruflich?“, frage ich, um weiteres Schweigen zu verhindern.

„Mein Vater ist als Elektriker selbstständig und meine Mum ist Kassiererin. Nichts Besonderes also.“

„Wie meinst du das?“ frage ich.

Er seufzt. „Wenn du neu an die Uni kommst, ist das eine der ersten Fragen, die dir von deinen Kommilitonen gestellt wird. Und viele glauben, dass sie einen bestimmten Status haben, nur weil ihre Eltern viel Geld verdienen, als Professor oder Anwalt oder so. Hast du gewusst, dass weniger als 25 Prozent aller Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien überhaupt studieren?“

Ich schüttele den Kopf.

„Ist alles ziemlich oberflächlich an der Uni“, erwidert er, „Aber vielleicht kennst du das ja selbst.“

„Ich wüsste gerne, ob ich studiere“, entgegne ich und wir müssen beide aufgrund der absurden Situation lachen.

„Sicher meldet sich bald jemand. Wer weiß, vielleicht hat deine Familie schon eine Vermisstenmeldung bei der Polizei gemacht…“, meint er einen Moment später.

„Ich hoffe es“, erwidere ich und esse den letzten Happen von meinem Toast.

„Sollen wir uns dann langsam mal auf den Weg machen?“, fragt Jakob, nachdem ich auch meinen Kakao leer getrunken habe. Ich nicke.

„Okay“, sagt er und erhebt sich. Ich tue es ihm gleich und nehme den Teller und die Tasse vom Tisch.

„Wohin soll ich das tun?“, frage ich.

„Stell es einfach in die Spülmaschine“, erwidert er und öffnet eine Klappe unter der Küchenzeile, hinter der sich die Spülmaschine verbirgt.

„Und der Arzt ist hier im Ort?“, frage ich, während ich das Geschirr einräume.

„Im Nachbardorf“, erwidert Jakob.

Als ich die Spülmaschine geschlossen habe, bemerke ich, dass er mich ansieht. Sein Blick wandert von oben bis unten über meinen Körper. „Aber so kannst du nicht gehen…“, sagt er mit einem Lächeln. Ich spüre, wie ich wieder rot werde und wünschte, ich würde mehr als den kurzen, dünnen Schlafanzug tragen…

„Komm, du kannst dir was von Johannas Sachen ausleihen“, meint er und läuft voraus.

„Ich glaub nicht, dass sie das so gut findet“, erwidere ich, während wir durch den Flur laufen.

„Wieso?“, fragt Jakob und beginnt, die Treppe in den ersten Stock nach oben zu steigen.

„Na ja…“, entgegne ich, während ich ihm folge, „Ich hab gestern mitbekommen, wie sie Lukas angemotzt hat, weil er mir ihren Schlafanzug gegeben hat. Aber als ich dann in der Tür stand, war sie ziemlich nett zu mir…“

Jakob lacht. „Das ist Johanna: immer erst motzen, bevor sie nachdenkt – sie ist halt in der Pubertät…“

Ich folge ihm in das Zimmer seiner Schwester, es ist das erste im Flur, auf der linken Seite. Daneben, gegenüber vom Bad, ist ein weiteres Zimmer, in das ich bisher noch keinen Blick geworfen habe, und neben meinem Zimmer gibt es noch einen weiteren Raum, doch auch hier weiß ich noch nicht, was sich darin befindet.

Ohne zu zögern betritt Jakob das Zimmer seiner Schwester. Ich folge ihm und erblicke schwarze, glänzende Vorhänge, eine lilafarbene Wand, eine weitere Wand, die übersät ist mit Fotos und Postern, unter der Johannas Bett mit lila-schwarz gestreifter Bettwäsche steht. Auf dem Boden liegt ein lilafarbener Teppich, und an den anderen Wänden stehen ein Schrank und ein Schreibtisch aus hellem Holz, die absolut nicht in dieses Zimmer passen – vermutlich Überbleibsel aus der Zeit, bevor Schwarz Johannas Lieblingsfarbe wurde…

Jakob öffnet den Schrank, und uns fällt ein Schwall von Klamotten entgegen. Überrumpelt fangen wir beide einen Teil der Kleiderlawine auf, bevor einige Teile auf den Boden fallen.

„Wie kann man nur so unordentlich sein?“, murmelt er kopfschüttelnd, was mich amüsiert.

„Pubertät halt“, sage ich schulterzuckend, was ihm ebenfalls ein Lachen entlockt.

„Also, da es hier überhaupt kein System zu geben scheint – oder ich einfach zu dumm bin, um das System zu verstehen – würde ich sagen, du nimmst dir einfach irgendwas, was dir gefällt.“

„Ich hoffe, ich erwische jetzt nicht gerade Johannas Lieblingsteil…“, sage ich zögernd.

„Solange es nicht schwarz oder lila ist, ist das Risiko relativ gering“, erwidert er und zwinkert mir zu. Ich spüre schon wieder, dass ich rot werde, und sehe weg, während ich mich durch die Kleider wühle. Dabei stoße ich auf eine lange Jeans.

„Dafür ist es, glaube ich, zu warm heute“, meint Jakob, der sich ebenfalls auf die Suche gemacht hat.

Ich lege die Hose zurück und nehme stattdessen eine Jeansshorts. Ich halte sie mir kurz an den Körper. Müsste passen.

„Hier, versuch das mal“, sagt Jakob in diesem Moment und drückt mir ein beigefarbenes Shirt mit großen Rüschen am Ausschnitt in die Hand.

„Das gehört Johanna?“, frage ich ungläubig.

„Ja, kaum zu glauben, was?“, entgegnet er amüsiert, „Das hatte sie vor ein paar Monaten noch gefühlt jeden zweiten Tag an. Und da hatten ihre Haar noch die gleiche Farbe wie die von Lukas…“

„Und warum ist sie dann so… geworden?“, frage ich zögernd.

„Pubertät?“, erwidert er schulterzuckend, und wir müssen beide lachen. „Ich hoffe jedenfalls, dass es nur eine Phase ist“, meint er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Ich gehe dann mal nach unten und warte, bis du fertig bist.“ Mit diesen Worten dreht er sich um und lässt mich allein.

Mir wird klar, dass ich noch einen BH brauche, und mein Blick fällt auf die Schubladen im unteren Bereich des Schranks. Ich bücke mich und öffne eine der Schubladen, doch ich sehe nur Socken. Ich wühle durch die Strümpfe, in der Hoffnung, doch noch einen BH zu entdecken, aber stattdessen stoße ich auf etwas anderes: Am Boden der Schublade liegt etwas Helles, Flaches. Es ist ein Foto, verborgen zwischen all den Socken, auf dem ich eine strahlende Johanna sehe. Das geht mich nichts an. Schnell schließe ich die Schublade wieder und öffne die darunter. Bingo.

Ich nehme mir einen schlichten weißen BH ohne Bügel aus der Schublade. Dann zögere ich für einen Moment. Meine Neugier siegt schließlich doch, und ich öffne die Schublade mit den Socken wieder. Mit einem schlechten Gewissen nehme ich das Foto heraus und betrachte es. Es ist ein Polaroid und die Johanna auf dem Foto hat hellbraunes, langes Haar und trägt ein rosafarbenes Shirt. Sie sieht jünger aus, auch wenn das Foto wahrscheinlich noch gar nicht so alt ist. Die schwarzen Haare und das dunkle Make-up lassen sie älter wirken. Ich drehe das Polaroid um und sehe, dass jemand etwas auf die Rückseite geschrieben hat:

‚Du bist wunderschön, meine Süße‘, steht dort in unordentlichen, gekritzelten Buchstaben.

Schnell lege ich das Foto zurück in die Schublade. Das geht mich nun wirklich nichts an…

Ich nehme mir ein Paar Socken und ziehe mich um. Erst beim Anziehen bemerke ich, dass das Shirt schulterfrei ist. Als ich alles angezogen habe, betrachte ich mich im Spiegel. Sieht eigentlich ganz gut aus. Aber Jakob meinte, draußen wäre es ziemlich warm – zu warm für meine offenen langen Haare vermutlich. Schnell gehe ich ins Bad und werfe einen Blick in Johannas Regalfach. Zum Glück finde ich gleich ein Haargummi, mit dem ich mir die Haare vorsichtig, um nicht an meine Wunde zu kommen, zu einem Pferdeschwanz binde.

Dann gehe ich schnell die Treppe nach unten. Jakob sitzt auf der Couch im Wohnzimmer und ist mit seinem Handy beschäftigt. Als ich hereinkomme, lässt er es sinken und betrachtet mich.

„Sieht gut aus“, meint er mit einem Lächeln, das mich schon wieder erröten lässt, und erhebt sich. Im Flur steht ein großer Schuhschrank, aus dem er mir ein Paar helle Turnschuhe reicht.

„Glaub mir, Johanna hat dafür sicher keine Verwendung mehr“, sagt er, als er meinen fragenden Blick sieht. Dann schlüpft auch er in ein Paar Turnschuhe, nimmt einen Schlüssel von dem Brett, das neben der Haustür hängt, und wir gehen nach draußen.

Die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel und unter anderen Umständen hätte ich sicher einen Moment innegehalten, um ihre Wärme auf meinem Gesicht zu genießen, aber jetzt gerade habe ich keinen Kopf dafür. Ich bin nervös. Wie gestern schießen mir tausend Fragen durch den Kopf, zu denen ich keine Antwort kenne.

Wir laufen die Stufen, die zur Straße führen, hinunter und zu einem alten Polo, der am Straßenrand geparkt steht. Im Vorbeigehen fällt mir das Klingelschild mit der Aufschrift ‚Sommer‘ auf. Bis eben wusste ich noch nicht mal, wie die Familie, bei der ich übernachten durfte, mit Nachnamen heißt…

„Ist das dein Auto?“, frage ich, als Jakob die Fahrertür des Polos aufschließt und mir bedeutet, auf der Beifahrerseite Platz zu nehmen.

„Ja“, entgegnet er, als wir beide sitzen, „Ich hab’s zum achtzehnten geschenkt bekommen. Ist zwar eine alte Kiste, aber mir reicht’s.“

Ich steige in das aufgeheizte Auto, und fange sofort an, zu schwitzen. Hier drinnen ist die reinste Sauna. Als er den Motor startet, schaltet sich auch das Radio ein, und ein Song ertönt, den ich von irgendwoher kenne.

„Sind das… die Red Hot Chili Peppers?“, frage ich zögernd.

„Ja, genau!“, erwidert Jakob, während er das Auto auf die Straße fährt. Er lächelt mir zu. „Das ist ‚Under the Bridge‘, eins meiner Lieblingslieder. Magst du die Band auch?“

Ich zucke mit den Schultern, und sein Lächeln wird ein wenig schwächer.

„Oh, stimmt ja. Tut mir leid“, sagt er, und ich schweige ein wenig beschämt.

Jakob fährt los, die Straße runter, die ich gestern mit Lukas entlanggelaufen bin. Im Tageslicht stelle ich fest, dass es nur einen winzigen Bürgersteig gibt, wenn überhaupt; an manchen Stellen fehlt er komplett. Die Häuser haben alle höchstens ein Stockwerk über dem Erdgeschoss, ganz selten auch zwei, und oft einen Vorgarten. In einigen spielen Kinder oder Erwachsene sitzen in der Sonne. Wir kommen jetzt ans Ende des kleinen Hügels, den Lukas und ich gestern hoch gelaufen sind, und biegen nach rechts ab. Links ist der Wald, aus dem ich gekommen bin, rechts das Dorf. Schon wieder führt die Straße bergab. Es fasziniert mich, wie die Häuser an den hügeligen Untergrund angepasst sind: Manche von ihnen scheinen geradezu aus dem Boden herauszuwachsen. Hier unten sind die Häuser kleiner, und ich kann keine Vorgärten mehr sehen. Wir fahren an einem kleinen Dorfplatz vorbei, der das Zentrum des Ortes zu bilden scheint. Ein Brunnen aus rotem Sandstein mit einer schwarz lackierten Wasserpumpe steht in der Mitte des kleinen Platzes, und einige Kinder jagen einander mit Wasserspritzpistolen. Ich schaue ihnen nach, als wir vorbeifahren.

„Meine Freunde und ich haben das früher auch oft gemacht“, sagt Jakob plötzlich, „Wasserschlachten am Brunnen, das waren noch Zeiten…“

Ich schaue ihn an, doch sein Blick ruht weiterhin auf der Straße.

„Es muss toll sein, an so einem schönen Ort aufzuwachsen“, sage ich.

„Ja, auf jeden Fall“, erwidert er lächelnd.

Wir haben jetzt das Ende des Dorfs erreicht, und vor uns liegt eine Landstraße. Jakob bleibt an der Einmündung zum Dorf stehen und ich erhasche einen Blick auf das Ortsschild. Völkersweiler. Warum klingelt da bei mir nichts? Und was habe ich nur hier gemacht?

Ich seufze leise, aber anscheinend nicht leise genug, denn plötzlich sagt Jakob: „Du musst keine Angst haben, Herr Weiß ist echt nett. Er war schon immer unser Hausarzt.“

„Das ist es nicht“, erwidere ich, „Ich hab nur Angst davor, was er sagen wird…“

Jakob biegt nach rechts auf die Landstraße ab. „Egal was es ist, wir werden dir helfen“, sagt er. In meiner Brust breitet sich plötzlich ein warmes Gefühl aus. Ich habe so ein Glück, zufällig an so nette Menschen geraten zu sein.

„Danke“, sage ich leise und versuche, meine Emotionen zurückzuhalten.

Wir fahren an einem kleinen Friedhof vorbei, und dann befinden sich plötzlich sowohl rechts als auch links von uns nur noch Wiesen. Allerdings nur für etwa eine Minute, denn dann taucht schon das nächste Ortsschild vor uns auf. Gossersweiler-Stein.

„Komischer Name“, murmele ich. Auch dieser Ort sagt mir rein gar nichts.

„Ja, stimmt“, erwidert Jakob lachend, „Und er wird noch komischer, wenn du ihn pfälzisch aussprichst. Beziehungsweise die zwei Namen. Gossersweiler und Stein sind eigentlich zwei getrennte Dörfer – und wenn du zu jemandem aus Stein sagst, dass er in Gossersweiler lebt, dann Gnade dir Gott…“

Ich muss lachen. „So schlimm?“

Jakob blickt mich an. „Ich würd’s nicht versuchen“, meint er lachend. „Jedenfalls sagen wir zu Stein ‚Stä‘ und zu Gossersweiler ‚Gousch‘.“

„Hä, wieso das denn?“ Ich muss schon wieder lachen.

„Keine Ahnung“, entgegnet er schulterzuckend, „Da müsste ich meinen Opa fragen, aber der weiß es vermutlich auch nicht…“

Wir fahren in eine Rechtskurve und biegen dann rechts ab.

„Da ist es“, meint Jakob, als wir eine kleine Rampe hinauf fahren. Auf dem kleinen Parkplatz stehen bereits fünf Autos, was bedeutet, dass schon so gut wie alle Plätze belegt sind. Jakob parkt den Polo auf dem äußersten, dem einzigen freien Parkplatz, und wir steigen aus und laufen zur gläsernen Eingangstür. Galant hält er sie für mich auf. „Danke“, sage ich ein wenig verlegen und betrete die Praxis. Es ist etwas dunkel drinnen, und als ich mich umsehe, wird mir bewusst, wie klein hier alles ist: Wir stehen quasi mitten im Wartezimmer, das einfach der vordere Teil des Raums ist, nicht abgetrennt durch eine Tür, eine Wand oder etwas Ähnliches. Und direkt vor uns, ebenfalls im selben Raum, befindet sich die Rezeption. Jakob läuft an mir vorbei und erst jetzt wird mir klar, dass ich verwirrt stehen geblieben bin. Schnell laufe ich ihm nach.

„Bitte?“, fragt das Mädchen, das an der Rezeption sitzt und wohl kaum älter ist als wir.

„Hallo“, erwidert Jakob und sagt dann etwas auf Pfälzisch, dass ich als „Wir würden gerne in die Sprechstunde“ identifiziere.

„Wie jetzt, du oder sie?“ Das Mädchen deutet auf mich.

„Ähm…“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll, doch Jakob setzt bereits zu einer Erklärung an.

„Eigentlich sie“, sagt er, „Aber ich geh mit.“

„Okayyyy“, entgegnet das Mädchen gedehnt, und meint an mich gewandt: „Ich bräucht dann noch‘s Kärtel.“

Fragend blicke ich sie an.

Jakob seufzt und erwidert: „Hat se net.“

Jetzt fällt der Groschen bei mir: Sie will meine Krankenkassenkarte. Jakob senkt die Stimme und erklärt in einer Kurzfassung den Grund für unseren Arztbesuch.

Das Mädchen seufzt und erklärt, dass sie irgendeine Karte bräuchte, woraufhin Jakob ihr sagt, dass sie seine nehmen soll. Mit vorwurfsvollem Blick folgt sie seinem Rat, steckt seine Karte in das Erfassungsgerät und gibt sie ihm dann zurück.

„Dann grad noch än Moment Platz nemme“, sagt sie und deutet mit dem Kopf auf den Wartebereich, aus dem uns schon von weitem neugierige Blicke entgegenschlagen.

Als wir hinlaufen, schauen die meisten weg, während andere keinen Hehl aus ihrer Neugier machen.

„Hallo“, sagt Jakob freundlich in die Runde, woraufhin die meisten auch ein Hallo murmeln, dann setzen er und ich uns auf die äußersten Plätze einer Wartebank. Außer uns sitzen noch eine junge Mutter mit zwei quengelnden Kindern, ein Mann in Handwerkerkleidung, zwei alte, miteinander tuschelnde Damen und ein etwa vierzehn- oder fünfzehnjähriger Junge im Wartebereich. Während die Damen weiterreden, wirft eine von ihnen immer wieder Blicke in Jakobs und meine Richtung.

„Warum schauen die so?“, flüstere ich ihm zu, was ihn zu amüsieren scheint.

„Weil sie dich nicht kennen“, erwidert er so dicht an meinem Ohr, dass sein Atem mich kitzelt. Ich blicke ihn an.

„Du bist etwas Neues, Exotisches, worüber es sich zu tratschen lohnt“, meint er mit einem amüsierten Grinsen, „Ignorier es einfach.“

„Und dich kennen sie?“, frage ich nach.

„Ich glaube, eine von ihnen war mit meiner Oma befreundet, keine Ahnung. Nur weil alte Leute dich kennen, heißt das nicht, dass du sie auch kennst. Meistens ist das Gegenteil der Fall…“

Die Frau mit den Kindern wird ins Behandlungszimmer gerufen. Die beiden alten Frauen quatschen immer noch über uns.

Ich nehme mir eine der Zeitschriften, die auf dem niedrigen Tisch vor uns liegen, und lese ein wenig darin. Es ist ein Naturmagazin mit Bildern von wunderschönen Landschaften. Ich blättere es durch und betrachte circa hundert Orte, an denen ich jetzt lieber wäre als hier.

„Jakob Sommer?“, sagt plötzlich eine Stimme und Jakob erhebt sich. Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Ich laufe Jakob nach und folge ihm durch eine offene Tür neben der Rezeption. Es befindet sich nicht viel in dem Raum, nur ein Schreibtisch mit Drehstuhl, zwei weitere Stühle, ein Waschbecken und eine Liege. Am Schreibtisch sitzt ein Mann, der uns den Rücken zuwendet. Jakob setzt sich auf einen der anderen Stühle und ich folge zögernd seinem Beispiel.

Der Mann steht auf und schließt die Tür. Er ist vielleicht Mitte 40, hat dunkle Haare und eine Brille. Erst als er zurückkommt, scheint er mich zu bemerken.

„So, womit kann ich helfen?“, fragt er und nimmt auf seinem Stuhl Platz. Ich bin überrascht, dass er hochdeutsch spricht.

„Wir sind eigentlich nicht wegen mir hier, sondern wegen ihr.“ Jakob deutet mit dem Kopf auf mich. „Mein Bruder hat sie gestern im Wald gefunden, und sie hat ihr Gedächtnis verloren.“

Der Arzt blickt von Jakob zu mir und sein Blick ruht auf mir, ohne dass er etwas sagt.

„Er hat Recht“, sage ich nervös, „Alles woran ich mich erinnern kann, ist mein Vorname. Ich…“ Ich muss schlucken. „Ich glaube, dass mich etwas am Hinterkopf getroffen hat. Ich habe da eine Wunde…“

„Kann ich mir die mal ansehen?“, fragt der Arzt. Ich nicke und stehe auf. Dann wende ich ihm den Rücken zu, löse meinen Zopf und streiche mein Haar beiseite, sodass er die Wunde betrachten kann.

Der Arzt stößt einen Pfiff aus. „Das ist nicht gerade was Kleines. Eigentlich hätte man die auch nähen können, aber dafür ist es jetzt zu spät… Wurde die Wunde gereinigt?“

„Ich war gestern duschen“, murmele ich kleinlaut und wende mich wieder dem Arzt zu.

„Wir sollten sie trotzdem noch desinfizieren“, meint er, „Ich bin gleich zurück.“

Mit diesen Worten verlässt er das Zimmer und lässt uns allein zurück.

„Hey, alles klar?“, fragt Jakob.

Ich nicke. „Ich frage mich nur, wie das passiert sein könnte…“

In diesem Moment kommt der Arzt zurück, mit einem Tupfer und Desinfektionsmittel.

„Können Sie bitte auf der Liege Platz nehmen?“

Ich nicke und tue was er sagt. Dann hebe ich mein Haar wieder an, sodass er die Wunde sehen kann, und er beginnt, sie zu desinfizieren. Ich zucke zusammen und stoße einen Schmerzenslaut aus. Das Mittel brennt wie Feuer.

„Wir haben’s schon“, meint der Arzt in diesem Augenblick. Ich atme einen Moment lang durch, dann frage ich: „Glauben Sie, mein Gedächtnisverlust hängt mit dieser Wunde zusammen?“

„Das glaube ich nicht nur, da bin ich mir sogar sicher“, erwidert er.

Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken, obwohl ich es bereits geahnt habe. Aber die Gewissheit zu haben, macht alles noch unheimlicher. „Und wie… habe ich diese Wunde bekommen?“

„Also, so wie ich das beurteile, wurden sie von einem schweren Gegenstand am Kopf getroffen. Hatten Sie vielleicht einen Autounfall? Haben Sie noch weitere Verletzungen?“

Ich schüttele den Kopf. „Nein. Als ich… als Lukas mich gefunden hat, war ich… ziemlich schmutzig, aber nicht verletzt.“

„Dann lässt das für mich nur einen Schluss zu“, meint der Arzt, „Jemand muss Sie niedergeschlagen haben.“

Früher:

Ich habe es niemandem erzählt – wem denn auch?

Meine Eltern haben ihre eigenen Sorgen und Probleme, und Freunde habe ich nicht – nicht mehr…

Die letzten Monate waren die schlimmsten meines Lebens, und dann taucht plötzlich dieser Brief auf und bringt alles noch mehr durcheinander, als es ohnehin schon war. Ich bin wütend auf mich selbst, darüber, dass ich mich schon wieder so aus der Bahn werfen lasse.

Und falls es doch einen Gott gibt, bin ich auch wütend auf ihn: War das letzte Jahr denn nicht schon genug?

Jetzt:

Kapitel 3: Verschollen

Mir ist plötzlich eiskalt. „Sind Sie sich sicher?“, frage ich, „Könnte ich nicht vielleicht… im Wald spazieren gegangen, und dann ausgerutscht sein, und gestürzt, oder so was?“

Doch der Arzt schüttelt den Kopf. „Nein, dann hätten Sie auch noch weitere Verletzungen. Aber wenn es wirklich nur diese eine Wunde ist, kann ich mir nichts anderes vorstellen.“

Geschockt senke ich den Blick. Wer sollte so etwas tun? Und vor allem: Warum?

„Ich verstehe das nicht…“, murmele ich.

„Werden die Erinnerungen denn zurückkommen?“, fragt Jakob in dem Moment.

Oh mein Gott, daran hatte ich ja noch gar nicht gedacht! Gespannt blicke ich den Arzt an, doch zu meiner Erleichterung nickt er.

„Bei fast allen durch Verletzungen ausgelösten Amnesien kommen die Erinnerungen irgendwann zurück.“

„Irgendwann?“, frage ich, während mein Herz schwer wird.

„Das variiert stark, aber in Ihrem Fall würde ich sagen, dass es frühestens in ein paar Tagen und spätestens in ein paar Wochen passieren wird.“

Ein paar Wochen… Und was mache ich bis dahin?

„Können wir denn irgendwas tun, um zu helfen?“, fragt Jakob.

„Ich fürchte nein“, meint der Arzt und wendet sich dann wieder an mich. „Es kann sein, dass bestimmte Trigger ihre Erinnerungen teilweise zurückbringen. Das ist oft der Fall. Bestimmte Orte, Klänge, Gerüche; es kann alles Mögliche sein. Aber außer Ihnen Schmerzmittel für die Wunde zu verschreiben, kann ich leider nichts tun.“

„Danke, aber das brauche ich nicht“, erwidere ich. Was ich brauche, sind meine Erinnerungen, und die kann mir im Moment niemand zurückgeben…

„Gut, wir sollten es aber dennoch röntgen lassen, auch wenn ich nicht glaube, dass Sie bleibende Schäden davongetragen haben. Und falls die Wunde sich doch entzünden sollte, kommen Sie sofort zu mir, in Ordnung?“

Ich nicke. „Danke“, sage ich dann und schüttele ihm zum Abschied die Hand. Nachdem sich auch Jakob sich verabschiedet hat, verlassen wir die Arztpraxis – allerdings nicht ohne, dass er noch ein ‚Tschüss‘ in Richtung der Rezeption ruft und sogleich ein Echo davon zurückbekommt.

Als wir im Auto sitzen, lasse ich erschöpft den Kopf in meine Hände fallen und schließe für einen Moment die Augen.

„Hey, Kopf hoch“, meint Jakob aufmunternd und legt sanft seine Hand auf meinen Rücken. Ich schaue ihn an.

„Es könnte immer noch schlimmer sein“, sagt er.

„Ach ja? Wie denn?“, erwidere ich niedergeschlagen.

„Du könntest zum Beispiel obdachlos sein.“

„Wer weiß, vielleicht bin ich’s ja“, entgegne ich, „Ich hatte ja noch nicht mal einen Geldbeutel oder ein Handy dabei…“ Ich überlege einen Moment lang, dann frage ich: „Glaubst du, dass die Person, die mich niedergeschlagen hat, mir meine Sachen gestohlen hat?“

„Vielleicht hast du’s auch einfach nur verloren“, meint Jakob. „Wir werden es gleich herausfinden. Meine Eltern haben gestern schon gesagt, dass ich mit dir zur Polizei gehen soll. Vielleicht gibt es ja eine Vermisstenanzeige. Oder vielleicht hat jemand deine Sachen gefunden und abgegeben. Also: jetzt erst mal ins Krankenhaus zum Röntgen, und dann fahren wir zur Polizei.“ Mit diesen Worten nimmt er seine Hand von meinem Rücken und startet den Motor.

„Ich wünschte, ich könnte so optimistisch sein wie du…“, sage ich, während ich mich anschnalle.

Wir fahren den Weg zurück nach Völkersweiler, doch anstatt links in den Ortseingang abzubiegen, fahren wir weiter. Die Landstraße führt einen ziemlich steilen Hügel hinauf und dann in einer scharfen Kurve weiter bergauf, bevor es wieder bergab geht, mitten in den Wald hinein.

„Ziemlich schwierige Strecke, oder?“, frage ich etwas beunruhigt. Jakob gibt ganz schön Gas. Und er ist zwanzig, wie viel Fahrerfahrung kann er schon groß haben?

„Ach, ich bin früher jeden Tag diese Strecke in die Schule gefahren. Man gewöhnt sich ziemlich schnell dran…“

Ich schaue aus dem Fenster und bin überrascht, dass es scheinbar mitten im Wald überhaupt so gute Straßen gibt. Es ist wirklich schön hier, aber auch ziemlich weg vom Schuss…

„Ich würde dich ja nach Musikwünschen fragen, aber das Auto ist so alt, dass ich nur einen CD-Player habe“, sagt Jakob in dem Moment.

„Ach, kein Problem, mir gefällt deine Musik“, erwidere ich. Jetzt gerade läuft ein weiteres Lied, das mir bekannt vorkommt.

„Ist das…? Warte, gib mir eine Sekunde.“ Ich schließe die Augen und denke nach. „‚Gives You Hell‘ von The All-American Rejects.“

„Ich bin beeindruckt“, sagt Jakob grinsend. „Ist schon faszinierend, wie du dein Allgemeinwissen noch zu haben scheinst, aber nichts über dich selbst weißt…“

„Ja…“, murmele ich und versinke fast wieder in meine Gedanken, doch Jakob unterbricht mich.

„Do you speak English?“, fragt er plötzlich.

„Yes, I do“, entgegne ich wie automatisch und blicke ihn überrascht an.

„Parles-tu français?“, fragt er weiter.

„Oui?“, erwidere ich gedehnt.

„¿Hablas español?“

Ich blicke ihn an. „Nee“, entgegne ich dann und wir müssen beide lachen. „Aber danke, dass du mir demonstriert hast, dass mein Gehirn zumindest teilweise noch funktioniert…“

„Ich könnte jetzt auch anfangen, dir Matheaufgaben zu stellen, aber lassen wir das lieber, da würde ich mich wahrscheinlich total blamieren.“

„Was ist Mathe noch mal?“, frage ich, und wir lachen beide.

Jakob ist der erste Mensch, vor dem mir mein Gedächtnisverlust nicht unangenehm ist. Er ist der erste, der mir nicht das Gefühl gibt, dass ich mich für irgendwas entschuldigen müsste. Und ich schaffe es sogar noch, Witze über meine Situation zu machen, obwohl sie echt alles andere als lustig ist…

Wir haben inzwischen den Wald durchquert und ich sehe wieder nur noch Felder zu beiden Seiten der Straße.

„Und du bist die Strecke jeden Tag gefahren?“

Er nickt. „Mittlerweile nur noch einmal die Woche, wenn ich montags nach Heidelberg fahre.“

„Gefällt’s dir dort besser als hier?“, frage ich.

„Es ist anders“, erwidert er, „Die Stadt ist super schön, und ich mag die Uni sehr, aber die Leute dort sind… kalt. Ich mag die Leute hier lieber. Sie sind zwar oft neugierig und tratschen viel, aber wenn mal was ist, kannst du dich auf sie verlassen. In Heidelberg kennst du nicht mal deine Nachbarn…“

Wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein neues Ortsschild auf: ‚Annweiler‘. Auch das sagt mir rein gar nichts.

„Warum hören die ganzen Ortsnamen hier mit –weiler auf?“, frage ich.

„Das hab ich mich auch schon gefragt“, erwidert Jakob lächelnd, „Also, ich habe mal gelesen, dass ein Weiler eine kleine Siedlung ist, kleiner als ein Dorf. Bestimmt haben sich dann die ganzen Weiler hier im Laufe der Zeit zu Dörfern entwickelt. Oder Städten. Annweiler ist sogar eine Stadt.“

Eine Stadt, die sogar einen Kreisel besitzt, durch den wir soeben gefahren sind… Tatsächlich sehe ich auf den ersten Blick, dass dieser Ort viel größer ist als Völkersweiler oder Gossersweiler: Die Hauptstraße ist zweispurig und die Gebäude größer als in den anderen Orten. Aber dennoch scheint es nur eine Kleinstadt zu sein. Zumindest kann ich nirgends Plattenbauten oder etwas anderes erkennen, was auf eine größere Stadt hindeuten würde…

Das Krankenhaus ist erwartungsgemäß ziemlich klein, und wir müssen zum Glück nicht lange warten, bis ich drankomme. Die Vermutung des Arztes bestätigt sich, und ich erfahre bereits kurz nach dem Röntgen, dass ich keine inneren Verletzungen davongetragen habe – immerhin etwas.

Danach machen wir uns gleich auf den Weg zur Polizei: Wir parken in einer Seitenstraße und laufen zu dem Gebäude, in dem sich die Polizeiwache befindet. Als wir reinkommen, stellt sich das Polizeirevier als ähnlich groß wie die Arztpraxis heraus: Es gibt eine Anmeldung, hinter der niemand sitzt, und vier Zimmer, in denen anscheinend gearbeitet wird. Eine Tür steht einen Spaltbreit offen, und ein Gespräch dringt zu uns nach draußen.

„Ja, genau so müsst des sei!“ Lachen. „Ja, ich sag’s doch! Genau so!“ Wieder Lachen. Ich bin mir sicher, dass es sich hierbei um kein professionelles Gespräch handeln kann. Jakob scheint den gleichen Gedanken zu haben wie ich, denn er geht geradewegs auf die angelehnte Tür zu und klopft gegen den Türrahmen.

„Wart mol kurz“, sagt die Stimme, und dann: „Ja?“

Jakob öffnet die Tür und grüßt den Polizisten, zu dem die Stimme gehört.

Der Mann mittleren Alters sagt etwas auf Pfälzisch in den Telefonhörer, das wohl so etwas bedeutet wie „Hör mal, kann ich dich zurückrufen? Hier ist gerade jemand gekommen…“ Dann legt er auf und bedeutet Jakob und mir hereinzukommen.

Wir nehmen auf den beiden Stühlen vor seinem Schreibtisch Platz.

„Womit kann ich eich helfe?“

Jakob erwidert – natürlich ebenfalls auf Pfälzisch – dass wir uns nach den Vermisstenanzeigen erkundigen wollten, und dann erzählt er zum dritten Mal heute die Kurzfassung meiner Geschichte. Der Polizist mustert mich einen Moment lang skeptisch, dann tippt er etwas in seinen Computer ein und starrt einige Momente lang auf den Bildschirm, während er mir immer wieder prüfende Blicke zuwirft.

„Tut mir leid, aber es sieht so aus, als ob Sie nicht vermisst werden“, wendet er sich dann mit einem starken pfälzischen Akzent an mich.

„Wurde dann vielleicht irgendwas bei Ihnen abgegeben, das mir gehören könnte?“, frage ich, „Handy, Geldbeutel…“

Doch er schüttelt den Kopf und erstickt meine Hoffnung im Keim. „Hier wurde schon seit über einem Monat nichts mehr abgegeben. Tut mir leid.“

„Danke trotzdem“, sagt Jakob.

Erneut verlassen wir einen Ort, von dem ich mir Hilfe erhofft hatte. Und erneut gehen wir mit leeren Händen.

„Was machen wir jetzt?“, frage ich Jakob, als wir wieder draußen sind. Die Sonne scheint geradezu ironisch vom strahlend blauen Himmel.

„Weiß nicht. Magst du ein Eis?“

So war die Frage eigentlich nicht gemeint, doch ich nicke trotzdem. Warum nicht? Jetzt gerade kann ich gut eine kleine Aufmunterung gebrauchen… Wir lassen das Auto stehen und laufen ein Stück.

„Hey Clara“, meint Jakob plötzlich, „Also wegen dem Gedächtnisverlust… Du musst dir keine Sorgen machen, wo du wohnen kannst, bis deine Erinnerungen zurückkommen. Wir werden dich jetzt nicht rausschmeißen oder so…“

Ich bleibe stehen und blicke ihn an. Als er es bemerkt, bleibt er ebenfalls stehen.

„Jakob, das…“ Ich schüttele den Kopf. „Danke, das… Das ist wahnsinnig nett!“ In einer plötzlichen Gefühlsregung umarme ich ihn. Er ist zunächst so überrascht, dass er nicht reagiert, aber nach einem Moment zieht er mich noch näher an sich. Es fühlt sich mehr als gut an – so eine Umarmung hatte ich bitter nötig, nach allem, was seit gestern Abend passiert ist…

Ich löse mich wieder von ihm und er lächelt mir aufmunternd zu. Wir überqueren die Straße und stehen jetzt vor einer relativ großen Bankfiliale. Davor fließt ein kleiner Bach entlang, an dem einige Menschen sitzen und Eis essen. Wir folgen dem Bachlauf und kommen in eine malerische Gasse mit Fachwerkhäusern und einem Wasserrad. Es sieht geradezu märchenhaft aus.

„Wow, es ist echt schön hier“, sage ich, während ich mich kaum sattsehen kann.

Jakob nickt. „Das stimmt. Wenn man schon so lange hier wohnt, verliert man manchmal den Blick dafür…“

Wir laufen bis ans Ende der Gasse und biegen dann links ab. Vor uns erstreckt sich ein Platz mit Kopfsteinpflaster, an dessen Ende ein Gebäude mit der Aufschrift ‚Rathaus‘ steht. Rechts von uns befindet sich ein runder Brunnen, an dem viele Kinder spielen, und direkt dahinter eine Terrasse, die brechend voll ist. Jakob und ich steigen die wenigen Stufen zur Terrasse nach oben und laufen zum Eingang der Eisdiele. Drinnen herrscht ebenfalls reger Betrieb, und drei Kunden stehen vor uns an der Theke. Zwei Kinder suchen sich gerade ihre Eissorten aus, und ein älterer Mann hinter der Theke reicht ihnen ihre Eiswaffeln. Als er aufblickt, um der Mutter der beiden den Preis zu nennen, bleibt sein Blick an Jakob hängen und er nickt ihm lächelnd zu.

„Jakob, wie geht’s dir?“, fragt er, als wir kurz darauf dran sind.

„Hey Matteo, mir geht’s gut, und dir?“, erwidert Jakob.

„Man kann nicht klagen“, erwidert der Mann mit italienischem Akzent, „Hast du deine Freundin mitgebracht?“ Er deutet auf mich.

„Eine gute Freundin“, entgegnet Jakob lächelnd.

Er nimmt eine Kugel Schoko und eine Kugel Straciatella. Ich entscheide mich für Schoko und Erdbeere.

„Schönen Tag noch, und bis bald!“, verabschiedet sich Matteo von uns, woraufhin wir beide „Danke, gleichfalls!“ erwidern.

„Du scheinst hier echt jeden zu kennen“, sage ich, als wir wieder draußen sind.

„Nach 20 Jahren sollte man das auch, oder?“, meint Jakob lachend.

Wir laufen zurück durch die Gasse mit den Fachwerkhäusern und setzen uns ebenfalls auf eine der Bänke am Rande des kleinen Flusses.

„Hast du irgendwelche Hobbys?“, frage ich, während ich an meinem Eis schlecke.

„Ich spiele Fußball“, erwidert er, „Im Verein in Völkersweiler, schon seit ich fünf war.“

„Das ist eine lange Zeit“, stelle ich fest.

„Wir haben jeden Samstag ein Spiel. Wenn du willst, kannst du ja mal zuschauen.“

Ich zögere.

„Ich würde mich freuen“, meint er dann, was mich schon wieder zum Lächeln bringt.

„Okay“, sage ich, „Aber nur, wenn du auch ein Tor schießt.“

„Das dürfte machbar sein“, erwidert Jakob grinsend. Er sieht jünger aus, wenn er lacht, denke ich.

„Und du bist früher hier zur Schule gegangen?“, frage ich.

„Ja, genau.“

„Das muss cool gewesen sein in einer so schönen Stadt…“

„War’s auch. Aber die Schule ist nicht direkt in der Stadt, sondern ein Stück weit im Wald. Apropos…“ Er holt sein Handy aus seiner Hosentasche und schaut auf die Uhr.

„Johanna ist wahrscheinlich schon zu Hause, aber ich glaube, Lukas ist noch dort. Ich frage ihn mal, ob wir ihn abholen sollen.“

Er tippt schnell eine Nachricht in sein Handy und lässt es dann wieder in seiner Hosentasche verschwinden.

Wir schweigen für einen Moment und ich schaue den Kindern zu, die im Wasser spielen und jauchzend am Ufer entlangrennen. Ich beneide sie für ihre Unbeschwertheit, und meine Gedanken wandern wieder zu der Wunde an meinem Hinterkopf, die mich vor ein scheinbar unlösbares Rätsel stellt. Doch bevor ich darüber nachdenken kann, piept Jakobs Handy, und er holt es wieder aus seiner Hosentasche.

„Lukas hat geschrieben, dass seine letzte Stunde gerade vorbei ist.“

Mit diesen Worten erhebt er sich. Schade, ich wäre gerne noch eine Weile mit ihm dort geblieben…

Wir fahren durch die kleine Stadt, und ich schaue durchs Fenster und sehe hin und wieder Menschen, die sich wie wir ein Eis gönnen, Einkaufstaschen tragen oder die offensichtlich gerade von der Schule kommen. An einer Ampel biegen wir rechts ab und kommen kurz darauf an einem Park vorbei. Die Straße führt jetzt steil bergauf und uns kommen immer mehr Schüler entgegen. Die Häuser weichen Bäumen und ehe ich mich versehe, sind wir scheinbar mitten im Wald.

„Sind wir hier wirklich richtig?“, frage ich zögernd.

„Wieso? Weil es so abgelegen ist?“, entgegnet Jakob lachend, „Ja, das ist ein bisschen nervig, wenn man eine Freistunde hat und hier festsitzt, aber die Ruhe ist eigentlich auch ganz nett.“

Wir biegen um eine scharfe Rechtskurve und jetzt kann ich tatsächlich mehrere Schulgebäude erkennen: Eins ist weiß gestrichen, das andere aus Sandstein; beide sehen modern aus. Vor den Gebäuden befindet sich eine Verkehrsinsel, um die Jakob herumfährt. Eine Gruppe Jugendlicher steht bei einer Tischtennisplatte wenige Meter entfernt. Jetzt sehe ich auch das Haltestellenschild neben ihnen. Sie warten hier also alle auf den Bus. Jakob lässt die Scheibe auf meiner Seite herunter, beugt sich ein Stück rüber und ruft: „Hey Lukas, spring rein!“

Jetzt sehe ich, wie Lukas sich aus der Gruppe löst, begleitet vom Tuscheln und dem verschämten Kichern mehrerer Mädchen, die ganz klar in Richtung Jakob starren. Lukas verdreht genervt die Augen, während er um den Wagen herumläuft. Das Tuscheln intensiviert sich, als Jakob aussteigt und den Sitz vorklappt, sodass Lukas sich auf die Rückbank setzen kann.

Manche recken sogar die Hälse, als wir losfahren. Ich weiß nicht, ob Jakob es nicht bemerkt hat, oder ob er es einfach nur ignoriert, weil er es gewohnt ist, aber Lukas ist es definitiv aufgefallen. Und es scheint tatsächlich öfters vorzukommen, so genervt wie er gewirkt hat.

„Und, wie war dein Tag?“, fragt Jakob, während wir den Berg hinunter fahren. Er spricht Pfälzisch, und ich höre interessiert zu und versuche, mir ein paar Wörter, die sich vom Hochdeutschen unterscheiden, zu merken. Jakob hat das T in ‚Tag‘ mehr wie ein D ausgesprochen, und das ‚G‘ wie ein ‚Ch‘, aber das Wort war langgezogen, sodass es sich nicht wie ‚Dach‘ anhört.

„Wie immer“, entgegnet Lukas.

„Hast du Englisch zurückgekriegt?“, fragt Jakob nach einem Moment des Schweigens.

„Nö“, erwidert Lukas genervt.

„Ich bin mir sicher, dass es dieses Mal gut lief, wir haben so viel zusammen gelernt…“

Lukas seufzt. „Ja, Mama, ich sag dir Bescheid, sobald ich die Arbeit zurückkriege.“

Ich schaue zu Jakob und sehe, wie er sich auf die Unterlippe beißt. Es versetzt mir einen kleinen Stich.

„Wir waren beim Arzt und bei der Polizei“, sage ich schnell, um das Thema zu wechseln und drehe mich zu Lukas um.

„Und?“, fragt er, nun schon ein wenig interessierter.

„Nichts“, entgegne ich, „Niemand sucht bisher nach mir. Aber der Arzt hat gesagt, dass ich wohl einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen, und deshalb mein Gedächtnis verloren habe.“

„Oh, krass“, meint Lukas, „Wer könnte das gemacht haben?“

„Keine Ahnung“, erwidere ich, „Aber immerhin hat er gesagt, dass die Erinnerungen bald zurückkommen werden – spätestens in ein paar Wochen.“

„Wir sollten unsere Eltern fragen, ob du solange bei uns wohnen kannst“, meint Lukas.

Ich schlucke hart. Was, wenn die Eltern der beiden das nicht wollen? Wo kann ich denn schon wohnen, ohne Geld und ohne Identität?

Jakob muss meine plötzliche Anspannung bemerkt haben, denn er legt seine Hand auf meine.

Überrascht schaue ich ihn an, doch sein Blick ruht auf der Straße. Wir stehen an einer Kreuzung und er wartet, bis kein Auto kommt. Seine Hand ist groß und warm.

„Keine Angst“, sagt er mit ruhiger Stimme, „Du kannst bei uns bleiben, da bin ich mir sicher.“

Nun ist die Straße frei und er nimmt seine Hand wieder von meiner, doch das Gefühl der Wärme bleibt noch für einen Moment und verdrängt die Angst, die ich eben noch empfunden habe. Ich atme aus. Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich die Luft angehalten hatte.

Jakob klang so überzeugt, dass ich mir tatsächlich fast keine Sorgen mehr mache. Stattdessen bin ich immer noch etwas verwirrt wegen eben.

Für den Rest der Fahrt redet niemand mehr. Jakob dreht das Radio etwas lauter, um die Stille zu übertönen. Es war angenehmer, als wir noch allein waren.

Ich schaue nach draußen und bin immer noch erstaunt darüber, von wie viel Wald sowohl Völkersweiler als auch Annweiler umgeben sind. Die Landschaft ist wirklich schön, aber gleichzeitig verängstigt sie mich auch, weil ich gestern eben aus genau diesem Wald gekommen bin, ohne Erinnerungen an mein altes Leben. Jetzt bin ich Clara, ein Mädchen mit einem Namen und sonst nichts.

Erneut fällt mir auf, wie schön und wie groß das Haus der Sommers ist, als wir dort ankommen. Jakob schließt das Auto ab, nimmt einen Stapel Briefe und Prospekte aus dem Briefkasten und schließt die Haustür auf.

„Jakob?“, fragt eine Stimme aus der Küche.

„Ja“, erwidert er, während wir drei unsere Schuhe ausziehen und dann in die Küche gehen, wo seine Mutter gerade Kartoffeln schält.

„Sind das Johannas Sachen?“, fragt sie, als sie mich sieht.

„Sie hatte nichts anderes“, erwidert Jakob an meiner Stelle.

„Steht dir gut“, erwidert sie schulterzuckend, „Johanna zieht das eh nicht mehr an.“

Erneut fällt mir auf, dass ihr Hochdeutsch im Gegensatz zu dem von Jakob und Lukas doch ein wenig von ihrem pfälzischen Akzent gefärbt ist. Ich finde es charmant.

„Was gibt’s Neues?“, fragt sie, während sie sich die Hände an einem Geschirrtuch abwischt, Jakob die Briefe aus der Hand nimmt und sie durchsieht. Ihr Haar hat die gleiche Farbe wie das von Lukas. Sein Bruder scheint eher nach seinem Vater zu kommen.

„Leider nichts Gutes“, entgegnet er.

„Der Arzt hat gesagt, dass ich einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen habe und mein Gedächtnis vielleicht erst in ein paar Wochen zurückkommt“, sage ich.

Sie hält inne und blickt mich erschrocken an. „Ein Schlag? Aber wer tut denn sowas?“

„Keine Ahnung“, erwidere ich und senke meinen Blick.

„Kann Clara denn solange bei uns bleiben?“, fragt Jakob.

„Aber natürlich, das ist doch gar keine Frage!“, erwidert seine Mutter sofort.

Ich blicke auf und sehe, dass Jakob mir aufmunternd zulächelt, wie um zu sagen: „Siehst du, ich hab’s doch gewusst!“

„Danke“, sage ich nun an seine Mutter gewandt, „Das ist wirklich wahnsinnig nett. Sobald ich wieder weiß, wer ich bin und wo ich mein Konto habe, werde ich euch Geld geben, für die Miete und…“

Doch sie winkt nur ab. „Mach dir darum keine Sorgen. Jetzt zählt erst mal, dass du wieder gesund wirst.“

Ich nicke. Ich bin krank. So habe ich die Sache bisher noch gar nicht betrachtet. Ist Gedächtnisverlust überhaupt eine Krankheit?

„Wir waren auch bei der Polizei, aber bisher hat keiner eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Aber sie geben uns Bescheid, wenn sich daran was ändert“, sagt Jakob.

Mir fällt auf, dass er mit seiner Mutter hochdeutsch redet, um Rücksicht auf mich zu nehmen.

„Hey Mum, gibt’s noch…?“

Wir alle drehen uns um und sehen Johanna, die jetzt in der Tür steht.

„Sind das etwa meine Sachen?“, fragt sie, als sie mich sieht.

„Ähm…“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll; sie war gestern schon so wütend auf mich…

„Was hätte sie denn sonst anziehen sollen?“, erwidert Jakob an meiner Stelle, „Ich habe ihr die Sachen gegeben. Dachte, das stört dich nicht, solange nichts in schwarz oder lila dabei ist?“

„Soll das heißen, du warst an meinem Schrank?!“

Sowohl Jakob als auch Johanna sind wieder zurück in ihr Pfälzisch verfallen. Unbehaglich blicke ich zwischen den beiden hin und her.

„Nein, die Sachen sind mir zugeflogen. Also echt Johanna, was ist dein Problem?“

„Dass du nicht einfach meine Sachen durchwühlen sollst! Du hättest mich fragen sollen und ich hätte dir was gegeben!“

„Du warst aber zufällig gerade nicht da, und wir mussten zum Arzt!“

„Hey, beruhigt euch!“, ihre Mutter dazwischen.

„Frag sie das nächste Mal“, sagt sie dann an Jakob gewandt, „Und du“, sie schaut zu Johanna, „macht nicht immer so ein Drama aus allem.“

Johanna ringt empört nach Luft.

„Abgesehen davon muss heute noch einer von euch nach Opa sehen. Das gilt auch für dich Lukas!“

Lukas, der am Küchentisch auf seinem Handy herumgetippt hat, blickt genervt auf.

„Ich war erst letzte Woche!“, sagt er.

„Und ich war erst gestern“, erwidert seine Mutter.

Lukas seufzt auf. Johanna setzt sich zu ihm, während Jakob neben mir stehen bleibt und die Mutter der drei sich wieder dem Briefkasteninhalt widmet.

„Also ich war vorgestern mit Vanessa dort“, sagt Johanna.

Inzwischen scheint mich niemand mehr zu beachten, sodass alle wieder ausnahmslos Pfälzisch reden. Mir egal, ich verstehe es mittlerweile ganz gut – zumindest viel besser als gestern.

„Du sollst keine Freunde mit zu Opa nehmen“, sagt Jakob.

Ich blicke zurück zu seiner Mutter, damit ich mich nicht ganz so fehl am Platz fühle.

„Wieso, er kennt sie doch!“, erwidert Johanna.

Mittlerweile hat ihre Mutter einen Brief geöffnet.

„Er ist dement, er tut so, als würde er jeden kennen“, meint Jakob.

Sie überfliegt den Brief und ich kann sehen, wie sich ihre Finger um das Papier zusammenkrampfen.

„Vanessa gehört sowieso fast zur Familie!“

Plötzlich sieht sie mich an. Sie hat gemerkt, wie ich sie beobachtet habe. Ich fühle mich ertappt und senke schnell den Blick

„Leute!“, fährt Lukas dazwischen und seufzt. „Wann warst du das letzte Mal?“, fragt er an Jakob gewandt.

„Sonntag“, sagt dieser.

Ich höre das Rascheln von Papier. Die Mutter der drei stapelt die Briefe und Werbeprospekte und wirft sie in den Müll. Der Brief von eben muss auch dabei sein.

„Dann bin wohl doch ich dran. Super.“ Mit diesen Worten erhebt sich Lukas und stapft aus der Küche.

„Ich bin dann auch mal wieder oben“, sagt Johanna und verschwindet ebenfalls.

„Jemand müsste noch mit Luchsi rausgehen“, sagt ihre Mutter.

„Okay, ich mache das“, erwidert Jakob unnötigerweise. Da wir als einzige noch da sind, ist es offensichtlich, dass es eher eine Aufforderung als eine Frage war.

„Ich komme mit, wenn das okay ist“, sage ich.

Jakob sieht mich an, als ob ihm eben erst wieder bewusst geworden ist, dass ich ja auch noch da bin.

„Also, nur wenn du willst.“

„Doch, klar“, meint er.

„Gut, aber bleibt nicht zu lange weg. Anna kommt heute Abend zum Essen“, sagt seine Mutter und wendet sich wieder den Kartoffeln zu. Anna, Jakobs Tante, die Bürgermeisterin. Immerhin funktioniert mein Kurzzeitgedächtnis noch.

Jakob verlässt die Küche und ich laufe ihm hinterher. Was habe ich da eben nur gesehen?

Ich würde gerne den Brief aus dem Müll holen und nachschauen, was drin steht, aber dafür müsste ich schon ziemlich unhöflich sein. Und außerdem hat sie mir gerade erlaubt, zu bleiben bis ich mein Gedächtnis zurückhabe. Da kann ich nicht riskieren, mit so einer Aktion alles zu zerstören.

„Luchsi!“, ruft Jakob, als wir im Flur stehen.

Sofort kommt der Hund angerannt und springt freudig an ihm hoch.

„Ja, das ist mein Mädchen!“, sagt er lächelnd und streichelt ihn.

Nun wendet Luchsi sich mir zu und ich zucke zurück.

„Nein, schön bei mir bleiben!“, sagt Jakob und zieht die Hundedame von mir weg. Er geht in die Hocke und streichelt ihr über den Kopf.

„Du musst keine Angst vor ihr haben, sie tut nichts“, sagt er dabei an mich gewandt.

„Sagen das nicht alle Hundebesitzer?“, erwidere ich zögernd.

„Da hast du wahrscheinlich Recht“, lacht er und blickt mich jetzt zum ersten Mal wieder an. Seine Augen sind ganz dunkel in diesem Licht, und sie glänzen wie polierte Onyxe.

„Komm, ich zeig’s dir!“

Zögernd gehe ich ebenfalls in die Hocke.

„Und jetzt streichle ihr mal über den Kopf.“ Jakob nimmt seine Hand weg und ich hebe zögernd meine Finger.

Als ich kurz davor bin, den Hundekopf zu berühren, schaue ich noch einmal zu ihm. Er nickt mir ermutigend zu. Langsam lasse ich meine Hand sinken und spüre sogleich Luchsis Fell unter meinen Fingern. Es ist weicher als ich gedacht hätte. Vorsichtig bewege ich meine Finger zurück und wiederhole die Bewegung noch ein paarmal. Die Hundedame hat ihre Augen geschlossen und scheint meine Streicheleinheiten richtig zu genießen. Überrascht lächele ich Jakob zu.

„Siehst du, sie mag dich“, meint er, erwidert mein Lächeln und steht wieder auf. Er nimmt eine Hundeleine von der Garderobe, legt sie Luchsi an und wir gehen zusammen nach draußen. Es ist immer noch perfektes Wetter und Luchsis Gegenwart hält uns zumindest nicht davon ab, uns alleine zu unterhalten. Einen Moment lang überlege ich, ob ich Jakob von dem Brief, der seine Mutter eben so schockiert zu haben scheint, erzählen sollte, oder von dem Menschen, den ich gestern im Garten gesehen habe. Doch dann wird mir wieder bewusst, dass ich ihn eigentlich gar nicht richtig kenne, und nur weil er nett zu mir war, bedeutet das nicht, dass wir Freunde sind.

„Wir können ja dorthin gehen, wo Lukas dich gestern gefunden hat und schauen, ob wir dein Handy oder deinen Geldbeutel finden“, meint er in diesem Moment.

„Das ist eine super Idee!“, erwidere ich. Daran hatte ich schon gar nicht mehr gedacht.

Wir laufen denselben Weg zurück, den ich gestern mit Lukas gekommen bin und es ist komisch, nun alles im Tageslicht zu sehen. Zudem wird mir jetzt erst so richtig bewusst, wie hügelig das Dorf ist. Die Straße zum Haus der Sommers ist so steil, dass Fahrrad fahren hier der reinste Albtraum sein muss…

„Tut mir leid, dass du das eben mitbekommen musstest“, sagt Jakob plötzlich und für einen Moment glaube ich, er meint die Sache mit dem Brief, bevor mir bewusst wird, dass er sich auf die Zankerei zwischen ihm und seinen Geschwistern bezieht.

„Ach, ich glaube zwischen Geschwistern ist das normal, dass man nicht immer einer Meinung ist“, winke ich ab.

„Ich wünschte nur, sie würden sich nicht ständig beschweren, wenn sie bei irgendwas helfen müssen. Unsere Eltern haben es schwer genug mit drei Kindern und dem Haus…“

„Kann ich mir vorstellen“, erwidere ich leise und blicke zu Luchsi, die fröhlich vor uns her trottet. „Wie lange habt ihr Luchsi eigentlich schon?“, frage ich, um ihn ein wenig abzulenken.

„Seit sieben Jahren“, entgegnet er, „Wir haben sie damals als Welpen bekommen und sie ist bei uns aufgewachsen.“

„Und wie seid ihr auf den Namen gekommen?“

Er lacht. „Das haben uns schon viele Leute gefragt. Ist ja auch nicht der typische Hundename… Irgendwie hat Johanna damals vorgeschlagen, dass wir sie ‚Luchs‘ nennen sollten. Keine Ahnung wieso, vielleicht waren das ihre Lieblingstiere. Jedenfalls dachten wir da noch, sie wäre ein Rüde. Kurz darauf haben wir dann aber festgestellt, dass sie doch ein Mädchen ist, und deshalb heißt sie jetzt Luchsi.“

Ich muss lachen. „Das ist echt süß!“

„Findest du?“, erwidert er ebenfalls lachend, „Ist zumindest besser als ‚Hasso‘ oder ‚Laika‘ oder so was…“

Wir sind mittlerweile am Waldrand angekommen und ich zögere für einen Moment.

„Ist das… okay für dich?“, fragt Jakob, der es sofort bemerkt.

Doch ich nicke, fasse mir ein Herz und laufe weiter, während ich versuche, mich an irgendetwas zu erinnern. Doch da ist einfach nichts außer der gewohnten Leere, wenn ich versuche daran zu denken, was passiert ist, bevor Lukas mich hier gefunden hat.

Ich blicke mich um, aber ich sehe keinerlei Hinweise auf irgendwas.

„Vielleicht wenn wir uns ein bisschen vom Weg entfernen?“, meint Jakob.

Ich schaue ihn zögernd an.

„Du musst dir keine Sorgen machen, ich kenne die Gegend wie meine Westentasche.“

„Okay, wenn du das sagst“, erwidere ich.

„Vertrau mir“, meint er lächelnd und läuft mit Luchsi die Böschung hinauf in den Wald.

Ich folge ihm zögernd. Das Gelände ist steiler als ich gedacht hätte und ich halte mich an einem dünnen Baumstamm fest, um nicht abzurutschen und mich vor Jakob zu blamieren. Er streckt mir seine Hand entgegen und ich ergreife sie dankbar.

„Okay, lass uns zuerst auf dieser Seite suchen und dann auf der anderen“, meint er.

Gemeinsam mit Luchsi suchen wir gefühlt jeden Quadratzentimeter ab, zuerst auf der linken, und dann auf der rechten Seite des Wegs, und gehen teilweise so tief in den Wald hinein, dass ich ohne Jakob überhaupt keine Orientierung mehr hätte. Doch außer für Luchsi, die zwischendurch immer wieder ihr Revier markiert, ohne Erfolg.

„Wir müssen leider zurück, wir essen bald“, meint Jakob, als wir am Ende des Wegs, der bis zu einer Straße führt, angekommen sind.

„Wie kann es sein, dass wir hier nichts finden? Das ist doch verrückt!“, stoße ich frustriert hervor.

„Na ja…“ Jakob zögert. „Wenn dich jemand niedergeschlagen hat, wieso sollte dieser Jemand dann nicht auch deine Sachen mitgenommen haben?“

„Du meinst, ich bin überfallen worden?“ Zum zweiten Mal an diesem Tag läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter.

„Möglich wäre es“, meint er, „Hoffentlich wissen wir es bald…“

„Ja, hoffentlich“, erwidere ich.

Wir laufen zurück und schweigen. Der Gedanke scheint uns beide so zu bedrücken, dass wir keinen Ton mehr herausbekommen.

Ganz anders ist es, als er die Tür aufschließt und wir das Haus wieder betreten. Bereits aus dem Flur schallen uns Lachen und Gesprächsfetzen entgegen. Luchsi kommt mit uns in die Küche, wo bereits Lukas, Johanna, Eva, Paul (ich habe Jakob bei unserem Spaziergang noch einmal nach den Namen seiner Eltern gefragt) und eine weitere Frau am Küchentisch sitzen.

Luchsi rennt aufgeregt zu der Frau und springt an ihrem Stuhl hoch.

„Hallo, Luchsi!“, sagt diese lachend und streichelt ihr über den Kopf. Dann steht sie auf, geht zu Jakob und begrüßt ihn mit einer Umarmung und irgendwas auf Pfälzisch.

„Wie geht’s dir, alles gut?“, fragt sie.

„Klar, und bei dir? Ich hab den Bericht in der Zeitung heute gelesen“, entgegnet er lächelnd.

„Ach, der mit diesem schrecklichen Foto…“, winkt sie ab.

„Quatsch, überhaupt nicht!“, erwidert Jakob.

„Wenn du das sagst…“, meint sie lächelnd und wendet sich dann mir zu.

„Und du musst Clara sein“, sagt sie in lupenreinem Hochdeutsch.

„Genau“, erwidere ich und schüttele ihre Hand, die sie mir hinstreckt.

„Ich bin Anna. Schön, dich kennenzulernen.“ Das strahlende Lächeln, mit dem sie mir begegnet, erklärt, warum jeder sie zu mögen scheint: Diese Frau hat eine unglaubliche Ausstrahlung.

„Ebenso“, erwidere ich und setze mich auf den Platz neben ihr, während Jakob auf meiner anderen Seite Platz nimmt.

„Eva hat mir schon alles erzählt, das muss schrecklich für dich sein, keine Erinnerungen mehr zu haben.“

„Ja, es ist nicht besonders angenehm“, erwidere ich, „Aber zum Glück haben mich hier alle so nett aufgenommen…“

„Das stimmt, unsere Familie hält immer zusammen“, entgegnet Anna. „Und falls du mal bei irgendwas Hilfe brauchst, kannst du auch immer gerne zu mir kommen, und das sage ich jetzt nicht nur so dahin!“

„Danke, das ist wirklich nett“, erwidere ich.

Während Eva das Essen auf den Tisch stellt – es gibt Schnitzel mit Bratkartoffeln – betrachte ich Anna verstohlen aus dem Augenwinkel. Sie hat braunes Haar mit blonden Strähnen und trägt schlichte, aber hochwertig wirkende Kleidung. Was sie wohl beruflich macht?

„Anna hat übrigens das Haus hier gebaut“, sagt Jakob, als habe er meine Gedanken gehört.

Überrascht blicke ich sie an. „Echt?“

„M-hm, ich bin Bauunternehmerin“, erwidert sie lächelnd.

„Und auch noch Bürgermeisterin“, sage ich anerkennend.

„Ja, aber das mache ich ehrenamtlich.“ Mit jedem Satz beeindruckt sie mich mehr.

„Und wie bist du auf den Job gekommen?“, frage ich.

„Bauunternehmerin oder Bürgermeisterin?“, erwidert sie lächelnd.

„Beides!“

„Also, ich habe Bauingenieurswesen in München studiert und habe dann eine Zeitlang in den USA gearbeitet, aber dann haben mir meine Familie und meine Heimat so sehr gefehlt, dass ich wieder zurückgekommen bin. Und dann habe ich mich selbstständig gemacht.“

„Das ist echt mutig“, sage ich, „Du warst da bestimmt noch jung.“

„Dreißig“, erwidert sie, „Und ja, am Anfang hatte ich schon ein bisschen zu kämpfen, aber dann kamen nach und nach immer mehr Aufträge, und heute läuft es ziemlich gut.“ Sie strahlt übers ganze Gesicht, und es ist offensichtlich, wie stolz sie auf das Unternehmen ist, das sie selbst aufgebaut hat.

„Und vor zwei Jahren wurde dann der Bürgermeister-Posten frei. Ehrlich gesagt war es Evas Idee, dass ich mich bewerben sollte – und das habe ich dann getan und die Stelle bekommen.“

„Ich frage mich immer noch, wie du das alles unter einen Hut bekommst“, sagt Paul in diesem Moment. Ich bin überrascht: Das war das erste Mal, dass ich ihn überhaupt habe reden hören. Er scheint generell eher der einsilbige Typ zu sein – das komplette Gegenteil seiner Schwester.

„Mit viel Leidenschaft“, erwidert diese in dem Moment und lächelt ihrem Bruder zu. Doch dieser bleibt stumm und widmet sich lieber wieder seinem Schnitzel.

„Das Essen schmeckt übrigens fantastisch“, sagt Anna in diesem Moment.

Mir wird jetzt erst bewusst, dass ich noch keinen Bissen gegessen habe. Schnell schneide ich ein Stück von meinem Schnitzel ab und stecke es mir in den Mund, und danach gleich ein paar Bratkartoffeln.

„Es schmeckt wirklich super“, sage ich dann an Eva gewandt, die sich mit einem Lächeln bei mir bedankt. Ob sie das mit dem Brief heute Nachmittag wohl schon vergessen hat? Oder vielleicht hofft sie auch nur, dass ich es bereits vergessen habe…

Die Gespräche am Tisch verstummen auch während des Essens nicht, was vor allem an Anna liegt. Irgendwie schafft sie es, immer im richtigen Moment genau das Richtige zu sagen. Sicher ist das einer der Gründe, warum sie so weit gekommen ist. Es scheint nur einen zu geben, der gegen ihren Charme immun ist: Paul. Wann immer sie etwas sagt, gibt er ihr kurze oder nichtssagende Antworten, und ich frage mich, ob er wohl zu allen so ist. Jedenfalls ist er ganz anders als seine immer freundliche Ehefrau. Ich mag Eva. Aber dennoch kann ich den Brief nicht vergessen.

Die Zeit vergeht wie im Flug, und nach einer schnellen Dusche, gehe ich zurück ins Gästezimmer, wo ich – wie mir jetzt auffällt – den ganzen Tag noch nicht gewesen bin. Eva hat mir meine Sachen zusammengefaltet aufs Bett gelegt. Ich lege alles beiseite und schlüpfe in den von Johanna geliehenen Schlafanzug. Dann trete ich wieder ans Fenster und blicke nach unten in den Garten. Nichts tut sich. Erleichtert atme ich auf und lasse den Rollladen herunter. Dann laufe ich zu dem Bücherregal am anderen Ende des Zimmers, das mir gestern vor Müdigkeit gar nicht aufgefallen ist. Darin findet sich so ziemlich alles, von romantischem Teenie-Kitsch bis zu blutrünstigen Thrillern. Ich greife nach einem Buch, das mir aufgrund seines schlichten Einbands erst im zweiten Moment auffällt: Les Jeux Sont Faits von Jean-Paul Sartre. Ich weiß ja mittlerweile, dass ich etwas Französisch spreche, bin aber dennoch erleichtert, als ich beim Aufklappen des Buches feststelle, dass es sich hierbei um eine zweisprachige Ausgabe handelt. Ich schaue mir die Inhaltsangabe auf Deutsch an und beschließe, es zu lesen. Ein Mann und eine Frau, die füreinander bestimmt sind, aber frühzeitig den Tod finden, dann aber eine zweite Chance bekommen, auf die Erde zurückzukehren, und beweisen müssen, dass sie zusammengehören – klingt interessant.

Ich lese die ersten paar Seiten und lösche dann das Licht. Ich bin schon wieder todmüde, der Tag war anstrengend für mich – wenn nicht körperlich, dann auf jeden Fall mental. Die Worte des Doktors kommen mir wieder in den Sinn. Jemand hat mich niedergeschlagen. Ich zucke zusammen, als ich schon kurz vorm Einschlafen bin, und muss tief durchatmen, um mich wieder zu beruhigen.

Was ist nur in diesem Wald passiert?

Früher:

Ich habe meine Eltern noch nie angelogen. Oder zumindest noch nie so, wie ich es jetzt vorhabe.

Sobald ich den Brief gelesen hatte, wusste ich eigentlich schon, dass ich es tun würde. Auch wenn ich weiß, dass es falsch und vermutlich auch gefährlich ist, muss ich doch herausfinden, wer ihn geschrieben hat. Ob tatsächlich…? Nein, das ist unmöglich. Das kann einfach nicht sein. Warum würde jemand so etwas tun? Warum würde man den Menschen, die man am meisten liebt, so etwas antun?

Ich versuche, es mir zu erklären, doch dafür gibt es keine Erklärung.

Jetzt:

Kapitel 4: Verwirrt

Als ich am nächsten Tag erwache, brauche ich erneut einen Moment, um zu verstehen, wo ich bin. Erinnerungen – die, die ich habe – schießen mir durch den Kopf und ich drehe mich seufzend auf den Rücken. Ich habe keine Fortschritte gemacht, ich weiß immer noch nicht, wer ich bin.

Nach ein paar Minuten und einem Blick auf den Wecker, der mir verrät, dass es schon wieder nach zwölf Uhr ist, beschließe ich, dass ich besser aufstehen sollte. Ich ziehe den Rollladen hoch und stelle fest, dass draußen schon wieder schönes Wetter ist: Die Sonne strahlt vom blauen Himmel, an dem sich ein paar Schäfchenwolken tummeln, und es ist so warm wie gestern. Ich will nicht, dass Jakob mich schon wieder im Schlafanzug sieht, deshalb ziehe ich die kurze Hose von gestern an, sowie meinen eigenen BH und mein eigenes T-Shirt, das sich auf den zweiten Blick als nicht gerade schön entpuppt: Es ist wohl schon älter, der Aufdruck ist verwaschen und der Saum ein wenig ausgefranst. Ich schaue vorher aufs Etikett, in der Hoffnung auf einen Hinweis. Doch es ist schon so verwaschen, dass die Schrift verblasst ist und ich sie nicht länger entziffern kann.

Nachdem ich im Bad war, gehe ich nach unten. Die Küche ist leer, doch Nutella, Orangensaft und die Packung Toast liegen schon für mich auf dem Tisch, ebenso wie ein Teller, ein Glas und ein Messer. Es rührt mich, wie fürsorglich Jakob ist, auch wenn ich hier so ziemlich der einzige Mensch zu sein scheine, der das wertschätzt – im Gegensatz zu seinen Geschwistern. Ich denke daran, wie Lukas reagiert hat, als sein Bruder ihn gestern nach der Klausur gefragt hat, oder an Johannas ständige Zickereien. Klar, die beiden sind Teenager, aber sie könnten ruhig etwas dankbarer dafür sein, dass Jakob sie dauernd irgendwo hinfährt und wieder abholt. Doch er scheint schon so daran gewöhnt zu sein, dass es ihm gar nicht mehr auffällt…

Ich stecke zwei Scheiben Toast in den Toaster, dann mache ich mich wieder auf die Suche nach Jakob, was nicht gerade lange dauert. Im Wohnzimmer steht die Tür zur Terrasse offen, und draußen finde ich ihn, wie er in der Sonne sitzt und liest.

„Hey“, begrüße ich ihn.

„Hey“, erwidert er mit einem Lächeln und klappt das Buch zu, „Hast du gut geschlafen?“

„Sehr gut“, entgegne ich, „Wie ein Stein.“

Er lacht.

„Was liest du?“, frage ich und setze mich neben ihn auf das kleine Sofa.

„Macbeth“, erwidert er und reicht mir das Buch.

„Magst du Shakespeare?“, frage ich.

„Ja, sehr“, sagt er, „Wir haben in der Schule Hamlet durchgenommen, und seitdem habe ich einige seiner Stücke gelesen.“

„Vielleicht kannst du’s mir ja mal ausleihen, wenn du fertig bist“, sage ich nach einem Blick auf den Buchrücken.

„Klar, gern“, erwidert er. Er blickt zur offenen Terrassentür und sagt: „Wenn du willst, kann ich dir drinnen Gesellschaft leisten.“

„Oder ich dir hier draußen“, sage ich lächelnd.

„Wenn dir das lieber ist“, entgegnet er ebenfalls lächelnd.

Ich nicke. „Gib mir nur eine Sekunde.“ Mit diesen Worten erhebe ich mich und gehe zurück in die Küche, wo mein Toast inzwischen fertig ist. Ich bestreiche die beiden Scheiben mit Nutella, schenke mir ein Glas Orangensaft aus und gehe zurück nach draußen. Ich stelle beides auf dem Glastisch neben der Couch ab und setze mich wieder neben Jakob.

„Ist das dein T-Shirt?“, fragt Jakob.

Ich schaue noch einmal an mir herunter und nicke. „Deine Mum hat meine Sachen für mich gewaschen. Das wird Johanna sicher freuen…“

„Sie ist im Moment echt schwierig“, sagt Jakob, „Aber sie meint das nicht so, ehrlich.“

Er zögert, bevor er fortfährt: „Ich habe das Gefühl, dass sie gerade versucht, sich selbst zu finden. Deshalb auch die dunklen Klamotten und das rebellische Verhalten.“

Ich lache schnaubend. „Hoffentlich hat sie sich bald gefunden.“

Doch er beachtet mich gar nicht. „Ich kann sie gut verstehen, bei mir hat es auch lange gedauert, bis ich wusste, was ich will. Und nicht mal jetzt weiß ich, ob ich überhaupt auf dem richtigen Weg bin…“

Ich blicke ihn an. „Wie meinst du das?“

„Na ja, ich werde bald für mindestens ein Semester ins Ausland gehen müssen, und ehrlich gesagt will ich das gar nicht.“ Er sieht mich an. „Ich habe das noch niemandem gesagt, aber ich habe das Gefühl, dass ich nicht weggehen sollte. Die Jungs vom Fußball haben das Training extra auf Montag und Freitag gelegt, weil ich an den Tagen keine Uni habe, und wenn ich gehe, müssen meine Geschwister noch öfter zu unserem Opa und meine Eltern müssen sie überall rumkutschieren, dabei haben sie ja schon so viel Stress wegen dem Haus…“ Die Worte scheinen nun geradezu aus ihm herauszusprudeln. Ich bin überrascht über seine plötzliche Offenheit. „Und das will ich nicht. Ich will einfach, dass es allen wieder gut geht und ich… ich will nicht egoistisch sein.“

Wir schweigen für einen Moment und er senkt beschämt den Blick. Das war so nicht geplant, da bin ich mir sicher.

„Du fühlst dich deiner Familie verpflichtet“, sage ich einen Moment später.

„Nein“, erwidert er schnell, „Nein, so war das gar nicht gemeint. Ist ja nicht so, als ob mir jemand sagen würde, dass ich irgendwas machen muss… Es ist nur, dass…“ Er seufzt. „Ach, ich weiß auch nicht.“

„Ist schon gut, Jakob“, sage ich, „Du musst mir nichts erklären, ich verstehe dich.“

Er blickt mich überrascht an.

„Du solltest nicht so streng mit dir selbst sein“, sage ich, und er lächelt. Mein Herz macht einen Satz.

Schnell sehe ich weg und widme mich lieber meinem späten Frühstück. Was mache ich da nur?

„Liest du das Buch eigentlich für die Uni?“, frage ich, ohne ihn anzusehen, um das Thema zu wechseln.

„Nein, das lese ich nur so“, erwidert er, „Ich muss jetzt in den Ferien zwei Hausarbeiten schreiben, aber für die habe ich zum Glück kein festes Abgabedatum.“

„Worüber musst du die schreiben?“ Ich wage immer noch nicht, ihn anzusehen. Was ist denn plötzlich nur los mit mir?

„Eine über den sozialen Aufstieg in einem Buch, das wir gelesen haben, und die andere über meinen Dialekt.“

Ich blicke ihn überrascht an.

„Ich habe eine Umfrage gemacht und will dadurch herausfinden, wie der Dialekt im Vergleich zur Standardsprache beurteilt wird.“

„Und, was hast du bisher herausgefunden?“, frage ich interessiert.

„Dass Pfälzisch nicht gerade den besten Ruf hat…“, meint er.

„Inwiefern?“

„Na ja, die meisten Leute finden, dass es sich anhört wie hinterwäldlerische Bauernsprache.“

Ich muss lachen. „Wie gemein!“

„Einer hat sogar geschrieben ‚Es klingt wie eine Vergewaltigung der deutschen Sprache.‘“

Ich pruste los und auch Jakob stimmt in mein Lachen mit ein. Es dauert einen Moment, bis ich mich wieder beruhigt habe, und mir schnaufend die Lachtränen aus den Augen wische.

„Freut mich ja sehr, dass das schlechte Gerede über meine Muttersprache dich so erheitert“, sagt Jakob mit affektiertem Blick, was mich nur noch mehr zum Lachen bringt, ebenso wie ihn.

„Ich finde euren Dialekt süß“, sage ich, und füge noch ein „Ehrlich!“ hinzu, als ich seinen skeptischen Blick sehe.

„Da bist du mit die Einzige“, meint er, „Wenn ich in Heidelberg Bus fahre und meine Mum mich anruft, und ich Pfälzisch mit ihr rede, werde ich immer angeschaut, als ob die Leute nicht glauben könnten, dass ich wirklich hier studiere.“ Er muss lachen. „Wie hat es dieser Bauerntrampel nur an die Uni geschafft?“

„Das ist so dumm!“, sage ich kopfschüttelnd, „Als ob das irgendwas über dich aussagen würde!“

„Ich weiß“, erwidert er, „Aber die Vorurteile sind leider da, und werden sich auch nicht ändern. Alle Dialekte sterben früher oder später aus: In der Stadt reden mittlerweile so gut wie alle Hochdeutsch, und auch hier ist es so, dass mein Opa Wörter benutzt, die meine Eltern nicht benutzen, und meine Eltern benutzen Wörter, die ich nicht benutze. Und so geht nach und nach alles verloren…“

„Das ist echt schade“, sage ich leise.

Für eine Weile esse ich und keiner von uns sagt ein Wort. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass er auf seinem Handy herumtippt. Ich würde ihn gerne so viele Dinge fragen, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, und die Tatsache, dass ich ihm nichts über mich erzählen kann, macht das Ganze noch unangenehmer. Ich will nicht so neugierig wirken, auch wenn ich es in Wahrheit bin.

„Hast du irgendwelche Lieblingsfilme?“, höre ich mich plötzlich fragen.

Er blickt überrascht auf.

„Ich frage nur, weil ich… ja im Moment nicht viel zu tun habe“, sage ich schulterzuckend und komme mir dabei ziemlich dämlich vor.

„Also, ich glaube, mein Lieblingsfilm ist Inception. Hast du den mal gesehen?“, fragt er.

„Ich bin mir nicht sicher“, erwidere ich, „Worum geht es da?“

„Es geht um Leute, die die Träume von anderen manipulieren können.“

„Klingt unheimlich“, erwidere ich.

„Ja, der Gedanke ist ziemlich gruselig“, sagt er, „Aber der Film ist mega cool: Da ist diese Gruppe von Leuten, die versucht, einen Gedanken in die Psyche eines millionenschweren Erben einzupflanzen, sodass er die Firma seines Vaters verkauft. Also reisen sie in seine Träume und kommen dabei immer eine Ebene tiefer in sein Unterbewusstsein. Das ist total gut gemacht: Die erste Ebene ist eine Stadt, die zweite ein Hotel und die dritte eine Alpinlandschaft, und dabei werden sie die ganze Zeit von solchen Agenten verfolgt, die sein Unterbewusstsein repräsentieren. Es ist cooler, wenn man es im Film sieht.“ Seine dunklen Augen leuchten, als er mir davon erzählt. „Ich kann ihn dir ja mal zeigen, wenn du magst.“

„Ja, gern“, erwidere ich.

Während ich meinen Toast aufesse, erzählt Jakob mir noch von The Departed (habe ich ebenfalls nicht gesehen), Ocean’s Eleven (da klingelt was) und den Avengers-Filmen (von denen ich vielleicht einen oder zwei gesehen habe, aber mehr nicht).

„Mir ist gerade etwas eingefallen, wie wir deinem Allgemeinwissen etwas auf die Sprünge helfen können“, meint er plötzlich, nachdem ich mein Geschirr zurück in die Küche gebracht, und mich danach wieder zu ihm gesetzt habe.

Er steht auf, geht ins Haus und kehrt einen Moment später mit einem Handy zurück.

„Das ist mein altes Handy, du kannst es haben“, sagt er, doch ich verstehe nicht ganz, wie mir ein Handy bei meinem Gedächtnis weiterhelfen soll.

„Der Akku hält nicht mehr lange, vielleicht noch zwei oder drei Stunden, deshalb habe ich mir auch ein neues gekauft“, meint er, „Die PIN ist 1307 – mein Geburtstag.“ Er tippt auf dem Bildschirm herum, dann reicht er mir das Handy. ‚Das Quiz‘ steht auf dem Monitor.

„Das ist eine App, auf der du gegen andere Leute spielen kannst. Warte kurz.“ Er nimmt sein neues Handy und tippt ein paarmal auf den Bildschirm. Plötzlich erscheint ein Pop-up auf meinem Bildschirm: ‚Jakob137 fordert dich zu einem Spiel auf‘.

„Du musst auf ‚Annehmen‘ klicken“, sagt er, was ich auch tue.

Nun kann ich zwischen verschiedenen Kategorien wählen und entscheide mich für ‚Kunst‘. ‚Welcher Künstler zählt zum Impressionismus?‘ lautet die Frage. Ich weiß, dass ‚Claude Monet‘ die richtige Antwort ist. Die Antworten zu den nächsten Fragen kenne ich zwar nicht, aber ich rate zumindest einmal richtig.

„So, und jetzt bin ich dran“, meint Jakob, nachdem ich zu Ende gespielt habe. Er bekommt nun die gleichen Fragen wie ich gestellt und darf in der nächsten Runde die Kategorie der Fragen wählen. Die Idee ist wirklich nicht schlecht, und dazu macht es noch Spaß, sich ein bisschen mit ihm zu duellieren.

Wir spielen einige Runden und necken uns gegenseitig, wenn mal einer eine Frage falsch beantwortet, die der andere richtig hat. Wir sind solange beschäftigt, bis plötzlich Luchsi angetrabt kommt und zu uns auf die Couch springt. Ich zucke zusammen und weiche reflexartig zurück.

„Luchsi, das sollst du doch nicht!“, lacht Jakob und streichelt der Hündin über den Kopf. Mit Blick zu mir meint er dann: „Ich glaube, sie will, dass ich mit ihr Gassi gehe. Magst du mitkommen?“

„Klar“, erwidere ich und stehe auf, auch um ein paar mehr Zentimeter zwischen mich und den Hund zu bringen. So ganz geheuer ist der mir nämlich immer noch nicht…

Bevor wir gehen, schlüpfe ich in meine eigenen, mittlerweile ebenfalls gewaschenen Schuhe und wir treten nach draußen. Es ist wieder angenehm warm, genauso wie gestern, die Sonne scheint, und eine leichte Brise weht über uns hinweg.

Wir laufen dieses Mal nicht in Richtung des Waldes, aus dem ich gekommen bin, sondern einen anderen Hügel hinauf, der von Feldern gesäumt wird und später ebenfalls in den Wald führt. Der Wald scheint hier allgegenwärtig zu sein, es dauert immer nur ein paar Minuten, bis man dort ist, und er scheint teilweise so dicht zu sein, dass man sich leicht darin verlieren könnte. Noch immer frage ich mich, wie ich vor zwei Tagen ganz alleine den Weg hinaus gefunden habe…

Luchsi scheint heute ganz besonders aufgedreht zu sein, sie zieht ungeduldig an der Leine, sodass Jakob letztendlich doch nachgibt: Erneut entfernen wir uns vom Weg, dieses Mal allerdings nur, um in einem der Felder weiterzulaufen. Das Korn ist bereits geschnitten worden, sodass es einfach ist, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Jakob hat Luchsi von der Leine losgemacht, und sie sprintet sofort los, nur um kurz darauf mit einem Stock im Maul zu ihm zurückzukehren.

Die Prozedur wiederholt er ein paar Mal, bevor wir weiterlaufen. Nach einer Weile sind wir wieder im Wald und kommen an einem eingezäunten Gelände vorbei.

„Das da drüben ist der Reiterhof“, sagt Jakob, während wir uns nach links wenden. Der Waldrand befindet sich rechts von uns, wenige Meter davor steht eine kleine Kapelle. Doch wir laufen weiter auf der linken Seite, die von Feldern und Wiesen gesäumt wird. Plötzlich sehe ich wie aus dem Nichts zwei weitere Häuser vor uns auftauchen.

Ich bin ein wenig überrascht, dachte ich doch, hier oben würde niemand mehr wohnen. Ebenso überraschend ist die Tatsache, dass die Häuser vielleicht hundert Meter auseinander stehen, aber dennoch kaum unterschiedlicher sein könnten: Das erste Haus ist klein und so heruntergekommen, dass es schon lange verlassen zu sein scheint. Das andere Haus hingegen ist groß und neu, das sieht man auf den ersten Blick. Es ist fast ebenso groß wie das Haus der Sommers, aber moderner, mit einem Wintergarten, riesigen Fenstern und… kann ich da oben, auf dem Dach, etwa einen Pool erkennen?

„Das ist Annas Haus“, sagt Jakob und deutet auf die Villa.

„Das?“ Ich bin stehen geblieben und starre ihn entgeistert an.

„Ja. Ist noch gar nicht sooo lange her, dass sie hier eingezogen ist. Drei Jahre vielleicht? Auf jeden Fall, bevor sie Bürgermeisterin wurde…“

„Oh mein Gott, deine Tante muss extrem reich sein!“, stoße ich hervor.

„Sie… verdient ziemlich gut mit ihrer Baufirma“, meint Jakob.

„Das kann ich mir vorstellen“, erwidere ich, „Sie muss so hart für all das gearbeitet haben…“

„Oh ja, das hat sie wirklich. Umso cooler ist es, dass sie so auf dem Boden geblieben ist“, sagt er.

„Das stimmt, sie wirkt wirklich sehr nett“, entgegne ich und betrachte noch einmal das Haus, als plötzlich ein Geräusch aus dem anderen Haus ertönt. Ich zucke erschrocken zusammen, dachte ich doch, es wäre unbewohnt. Auf einmal öffnet sich die hölzerne Eingangstür, die gerade noch so in den Angeln zu hängen scheint. Luchsi stößt ein Knurren aus und ein ungutes Gefühl macht sich in meiner Magengrube breit.

Aus der entstandenen Öffnung tritt ein Mann, der uns wütend anschaut und auch gleich darauf zu schreien beginnt. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken, als ich seine Stimme höre. Sie ist heiser und laut und seine Worte klingen schon beinahe wie eine Art Beschwörung, was sicher auch an dem manischen Blick seiner hellen Augen liegt. Ich verstehe kein Wort, vermutlich weil seine Sprache von einer Kombination aus Lallen und dem stärksten pfälzischen Akzent, den ich bisher gehört habe, geprägt ist. Luchsi fängt an zu bellen, während der Mann immer weiter schreit. Er kommt immer näher auf uns zu und ich sehe, wie fertig er aussieht: Seine Kleidung ist schmutzig und zerschlissen, seine Haltung gebückt und seine braunen Haare und der Bart ein einziges Durcheinander. Zunächst bin ich vor Schreck wie gelähmt, doch als er uns immer näher kommt, weiche ich erschrocken zurück und sehe gleichzeitig geschockt, wie Jakob sich schützend vor mich stellt.

„Das reicht jetzt!“, schreit er plötzlich, und ich zucke erneut zusammen. Ich hätte nicht gedacht, dass er seine Stimme erheben würde. Auch Luchsi ist verstummt.

„Lass uns in Ruhe, Eddie! Verschwinde!“

Das Gesicht des Manns verzerrt sich erneut zu einer wütenden Fratze, und ich habe schreckliche Angst davor, was als nächstes passieren wird. Er setzt zu einer Antwort an, und ich sehe, wie Jakobs Körper sich noch mehr anspannt, doch dann fällt der Blick des Mannes plötzlich auf mich. Er erstarrt in seiner Bewegung und die vor Wut zusammengekniffenen Augen weiten sich auf einmal. Sein Mund steht weit offen und er fixiert mich mit einem derart intensiven Blick, dass sich meine Nackenhaare aufstellen. Im nächsten Moment dringt erneut ein Schrei aus seiner Kehle, doch dieser Schrei ist anders: Er formt keine Worte, sondern brüllt einfach nur, ein einziges angsteinflößendes Geräusch. Und dann rennt er los, zurück in sein Haus.

„Los, lass uns verschwinden!“, sagt Jakob in dem Moment. Ich sehe in seinem Gesicht, dass er ebenfalls Angst hat.

Wir nehmen die Beine in die Hand und rennen zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Ich halte nicht an, bis wir zurück auf dem Weg sind, der auf beiden Seiten von Feldern gesäumt wird, und auch dann bleibe ich nur stehen, weil Jakob es tut. Luchsi hat die ganze Zeit gebellt, bis gerade eben.

„Was war das?“, stoße ich mit brennender Lunge hervor.

„Keine Ahnung“, erwidert Jakob kopfschüttelnd, während auch er nach Atem ringt. „Der Typ ist schon immer total gestört, aber so… so habe ich ihn noch nie erlebt.“

Ich kann immer noch kaum fassen, was gerade passiert ist. „Wer war das?“, frage ich atemlos.

„Der verrückte Eddie“, entgegnet er, und nach einer kurzen Atempause fährt er fort: „In jedem Dorf gibt es einen Verrückten. Und das ist der von Völkersweiler.“

„Mein Gott, Jakob“, stoße ich hervor, „Ich… ich hatte solche Angst um dich!“ Erst jetzt spüre ich, dass ich am ganzen Körper zittere. Jakob sieht mich an. Der Blick seiner dunklen Augen ist unergründlich.

„Hey, komm her“, murmelt er dann und zieht mich an sich.

Erst jetzt, in seiner Umarmung, verliere ich die Anspannung von eben und erlaube mir, durchzuatmen. Ich ziehe ihn ebenfalls an mich und atme tief durch.

„Es tut mir so leid, dass das passiert ist“, sagt er dicht neben meinem Ohr. Ich löse mich wieder soweit von ihm, dass ich in sein Gesicht blicken kann.

„Ich habe den Kerl auch noch nie so erlebt, das musst du mir glauben. Sonst wären wir nie dort lang gelaufen.“

Ich nicke. „Und wie ist er dann normalerweise“, frage ich mit gesenktem Blick.

„Er motzt einen schon mal an, wenn man sich zu laut unterhält und dabei vor seinem Haus steht. Aber ansonsten ist er harmlos, ehrlich.“ Jakob seufzt. „Sollen wir zurück nach Hause gehen?“

Ich nicke und muss schlucken. Der erste Schreck hat sich gelegt, aber meine Knie zittern immer noch.

„Okay, dann los“, meint er, und erst jetzt merke ich, dass ich mich immer noch an ihm festhalte. Schnell lasse ich ihn los und hoffe, dass er nicht bemerkt, wie mir das Blut in die Wangen schießt.

Wir schweigen auf dem gesamten Weg, und nicht mal Luchsi gibt einen Ton von sich. Sie scheint zu spüren, wie angespannt unsere Stimmung ist.

„Kann ich dich was fragen?“, breche ich das Schweigen, nachdem Jakob die Haustür aufgeschlossen hat.

„Schieß los“, sagt er, während wir unsere Schuhe ausziehen.

„Warum wohnt Anna neben diesem Freak?“ Es erscheint mir völlig unlogisch, warum jemand ein Haus gerade neben so jemandem bauen sollte.

Jakob seufzt. „Das frage ich mich auch manchmal.“ Er hält einen Moment lang inne. „Wollen wir uns auf die Terrasse setzen?“, fragt er dann mit einem Blick zu mir.

Ich nicke, Luchsi tapst in ihr Körbchen im Wohnzimmer, und wir beide machen es uns wieder auf dem Sofa draußen bequem.

„Du denkst wahrscheinlich gleich, dass Anna total gestört ist, aber sie war mal mit Eddie zusammen.“

„Was?“ Ich schreie das Wort beinahe heraus, so geschockt bin ich von dieser Enthüllung. Wie kann eine so elegante, hübsche, erfolgreiche Frau mal was mit diesem Freak gehabt haben?

„So habe ich auch reagiert, als ich es erfahren habe“, sagt Jakob und kann sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen, „Aber du musst wissen, dass das alles seeeehr lange her ist. Die beiden waren Teenager – und Eddie muss damals noch normal gewesen sein. Das war, bevor er mit den Drogen angefangen hat…“

Ich muss schlucken. „Warum hat er das getan?“, frage ich.

Jakob zuckt mit den Schultern. „Er hatte es nicht leicht, hat Anna gemeint. Sein Vater ist jung gestorben, und seine Mutter muss ziemlich kalt zu ihm gewesen sein. Irgendwann hat er Depressionen bekommen, und deshalb eine Therapie begonnen, sie aber wieder abgebrochen und stattdessen angefangen, Drogen zu nehmen. Keiner konnte ihm helfen – nicht mal Anna, obwohl sie es versucht hat.“

„Obwohl sie nicht mehr zusammen waren?“, frage ich.

„Ja, sie hat, glaube ich, nie damit aufgehört, sich um ihn zu sorgen. Auch wenn man heute über Eddie spricht, und sie dabei ist, bekommt sie diesen schrecklich traurigen Ausdruck in ihren Augen.“

Ich muss schlucken. Diese Geschichte ist wirklich schrecklich, und die Tatsache, dass alle Eddie als den Verrückten im Dorf betrachten, macht die Sache nur noch schlimmer. Er ist ein armer, gequälter Mensch, dem niemand helfen konnte. Und dennoch habe ich Angst vor ihm. Wenn ich nur zurückdenke an den Ausdruck in seinen Augen, als er mich angesehen hat, bekomme ich eine Gänsehaut…

„Anna war ja ein paar Jahre in den USA, und als sie zurückkam, hat sie zunächst in Landau gewohnt, aber sie wollte unbedingt wieder zurück nach Völkersweiler, um näher bei uns zu sein. Unsere Familie hat das Grundstück da oben schon seit einer Ewigkeit besessen, und als sie mit ihrer Baufirma erfolgreich wurde, hat sie meinem Vater seinen Anteil ausbezahlt und dort ihr Haus gebaut.“

Ich zögere. „Und hat sie keine… Angst vor diesem Eddie?“, frage ich vorsichtig.

Doch Jakob schüttelt den Kopf. „Er würde ihr nie etwas tun. Ich glaube, dass er trotz allem nie vergessen kann, dass sie sozusagen seine erste Liebe war. Und wohl auch seine einzige…“

Ich senke den Blick. Wenn die Geschichte nicht so grausam wäre, würde ich diesen Teil fast romantisch finden.

„Manchmal schaut sie immer noch bei ihm vorbei und guckt, ob er seine Stromrechnungen bezahlt hat“, sagt Jakob.

„Oh wow“, murmele ich. Ich bewundere Anna dafür, was sie tut. Mich würden keine zehn Pferde in das halb zerfallene Haus bringen…

„Ja, ich schätze, als Bürgermeisterin muss sie so sozial sein… Aber für mich wäre es auch nichts.“ Er zwinkert mir zu, worauf ich mit einem Lächeln antworte. Der Schreck von vorhin ist fast wieder vergessen. Aber nur fast. Ich bekomme das Bild dieser Augen einfach nicht aus dem Kopf und befürchte, dass ich heute Nacht davon träumen werde…

Ich lasse meinen Blick über den Garten schweifen: Bunte Blumenbeete, kleine Bäume und sogar einen kleinen Teich gibt es neben dem Pavillon, der mir schon am ersten Abend aufgefallen ist.

„Euer Garten ist wirklich wunderschön“, sage ich.

„Aber auch nur, weil sich der beste Rasenmäher der Welt darum kümmert.“

Ich blicke ihn an und sehe das Grinsen in seinem Gesicht.

„Du?“, frage ich und muss lachen, als er stolz nickt.

„Hast du die Fische schon gesehen?“, fragt er einen Moment später.

Ich schüttele den Kopf.

„Na dann, komm mal mit“, meint Jakob und erhebt sich. Ich stehe ebenfalls auf und folge ihm zu dem kleinen Teich, an dessen Oberfläche sogar ein paar Seerosen schwimmen. Im Wasser kann ich einige Fische erkennen: Einer ist ganz orange, zwei andere weiß und orange gefleckt, ein vierter schwarz und orange. Ein weiterer Fisch, ganz weiß, taucht unter den Seerosen auf.

„Sind das Koi-Karpfen?“, frage ich, woraufhin Jakob nickt. Wir gehen beide in die Hocke, um die Fische besser betrachten zu können.

„Die sind wirklich schön“, sage ich, während ich die Fische beobachte, wie sie sich schnell und wendig durchs Wasser bewegen.

„Der weiße heißt übrigens Daenerys.“

Ich muss lachen.

„War Johannas Idee“, erklärt er, „Der orangefarbene heißt Goldie – auch Johannas Idee.“

„Sehr kreativ“, erwidere ich, während ich mein Lachen unterdrücke.

„Nicht wahr?“, entgegnet er, „Genauso wie die Namen der Zwillinge“, er deutet auf die beiden weiß-orange gemusterten Fische, „Mario und Luigi.“

Nun pruste ich vor Lachen. „Sind das überhaupt Männchen?“

„Wer weiß, wer weiß…“, entgegnet Jakob, „Frag Lukas, der hat die Namen ausgesucht…“

„Und durftest du auch einen Namen aussuchen?“, frage ich.

„Oh ja, für mich blieb der orange-schwarze übrig“, erwidert er.

„Und wie hast du ihn genannt?“

„Nemo“, entgegnet er lächelnd.

„Oh, das ist süß!“, erwidere ich und lächele ihn ebenfalls an.

Einen Moment lang sieht keiner von uns weg, dann ertönt plötzlich das Geräusch der Terrassentür, die zufällt. Wir schauen beide zurück und sehen Eva, die von der Arbeit zurück ist.

„Jakob, fährst du dann zu Opa?“, ruft sie.

„Ja, mach ich“, erwidert Jakob und erhebt sich.

„Kann ich mitkommen?“, frage ich.

„Bist… du dir sicher?“, entgegnet er zögernd, „Er ist nicht immer gut drauf, und seine Demenz kann manchmal echt anstrengend sein…“

Ich will aber noch mehr Zeit mit dir verbringen!, denke ich, aber sage stattdessen: „Ich würde gerne mitkommen, wenn ich darf.“

„Okay“, erwidert er lächelnd.

Wir gehen zurück ins Haus, wo Eva bereits eine Kühltasche mit Lebensmitteln vorbereitet hat.

„Wie war euer Tag? Irgendwas Neues?“, fragt sie an mich gewandt, während sie ihre Einkäufe aus einer anderen Kühltasche in den Kühlschrank legt.

„Nein, leider nicht“, erwidere ich und habe fast ein schlechtes Gewissen, weil ich keinerlei Fortschritte mache. Sie nickt abwesend und sagt dann an Jakob gewandt: „Das ist sein Abendessen für heute, und ich habe noch Kuchen für morgen gekauft. Jakob nickt und nimmt die Tasche, bevor wir wieder nach draußen gehen und in sein Auto steigen.

„Funktioniert die Pumpe eigentlich?“, frage ich, als wir kurz darauf erneut an dem Brunnen auf dem Dorfplatz vorbeifahren.

„Was?“

„Die Pumpe am Brunnen, passiert etwas, wenn man sie betätigt?“

„Nein“, lacht er, „Das ist nur Deko. Aber wir haben dort früher, als Kinder, die ein oder andere Wasserschlacht veranstaltet.“

Ich lache.

„Das Wasser ist aber eiskalt, also nicht unbedingt die beste Idee. Aber Spaß hat es trotzdem gemacht…“

Ich lächele und frage mich im selben Moment, wie meine Kindheit wohl gewesen ist. Ob ich auch Eltern und Geschwister habe, die mich vermissen? Aber wenn dem so wäre, hätten sie dann nicht schon längst nach mir gesucht?

Ich spüre, wie ich bei dem Gedanken traurig werde, während Felder und in der Ferne der Wald an mir vorbeiziehen. Ein Ortsschild zeigt einen Moment später, dass wir uns jetzt in Gossersweiler-Stein befinden. Schon wieder.

„Kommt deine Familie aus dem Ort?“, frage ich.

„Die meines Vaters ja, meine Mutter kommt aus einem anderen Ort in der Nähe. Der Ort heißt Lug.“

„L-U-G?“, frage ich. Er nickt.

„Drei Buchstaben?“ Ich bin verwirrt.

„Könnte der kürzeste Ortsname in Deutschland sein“, erwidert Jakob lachend. „Ja, die beiden haben sich schon als Jugendliche kennengelernt und sind mittlerweile seit fünfundzwanzig Jahren zusammen.“

„Krass“, erwidere ich, „Das ist eine echt lange Zeit…“

„Ja, aber wenn man sich liebt, warum nicht?“

„Hast du denn eine… Freundin?“, frage ich nach einem Moment des viel zu kurzen Überlegens, und würde gleich danach am liebsten im Boden versinken.

„Nein“, erwidert er und ich atme innerlich auf. Er wartet ebenfalls einen Moment, bis er weiterspricht: „Ich könnte dich jetzt fragen, ob du einen Freund hast, aber die Antwort darauf kenne ich ja…“

Ich lache und hoffe, dass er mich nicht gleich anschaut und sieht, wie rot ich geworden bin. Der Gedanke kam mir bisher noch gar nicht. Was, wenn ich einen Freund habe, der mich vermisst? Ich habe plötzlich einen Kloß im Hals. Wie ist das wohl, wenn man plötzlich weiß, dass man mit jemandem zusammen ist, sich aber an keinen einzigen Moment mit der Person erinnern kann? Ist eine Beziehung dann überhaupt noch möglich?

Wir biegen in eine kleine Querstraße ein, die so eng ist, dass ich mich frage, wie Jakob es schafft, nicht beide Seitenspiegel abzufahren. Aber er scheint es gar nicht mehr zu bemerken, so oft ist er die Strecke wahrscheinlich schon gefahren…

Wir halten an einem Haus, dessen hölzerner Balkon mir sofort ins Auge springt. Auf dem Balkon stehen mehrere Gartenstühle, und auf einem davon sitzt ein Mann, der Jakob fröhlich zuwinkt, als dieser aus dem Auto steigt.

„Hallo, Opa!“, ruft Jakob nach oben. „Hallo!“, rufe auch ich. Dann schließt er die Tür zum Haus auf und wir treten beide ein. Ich fröstele. Im Vergleich zu draußen ist es hier ziemlich frisch. Ich folge Jakob eine Marmortreppe hinauf und trete dann durch eine weitere Tür in einen Raum, der das Esszimmer zu sein scheint.

Die Tür zum Balkon steht offen und wir gehen nach draußen zu Jakobs Großvater. Dieser sitzt mit seiner Zeitung auf einem Gartenstuhl, trägt ein T-Shirt und eine Jogginghose, und scheint gerade vollkommen entspannt zu sein.

Jakob wechselt nun wieder in den Pfälzisch-Modus und stellt mich seinem Großvater als eine Freundin vor.

„Schön, Sie kennen zu lernen“, sage ich. Meine Aussprache scheint ihn zu irritieren, denn er erwidert: „Ebenso, ebenso“, woraufhin Jakob leise und mit amüsiertem Grinsen zu mir sagt: „Ich habe ihn noch nie hochdeutsch reden hören!“

„Wie war dein Tag, Opa?“, fragt Jakob, immer noch auf pfälzisch.

„Gut, gut. Ich hab Zeitung gelesen und war im Garten“, entgegnet dieser, nun ebenfalls wieder in seinem Dialekt, „Und du?“

„Wir waren auch draußen, mit Luchsi“, sagt Jakob, „Und jetzt machen wir dir was Gutes zum Abendessen.“

„Was gibt’s denn?“, fragt sein Großvater.

„Selbstgemachte Pizza“, erwidert Jakob.

„Oh, die esse ich gerne“, sagt sein Opa.

„Weiß ich doch“, entgegnet Jakob lächelnd. Ich folge ihm in die Küche die, ehrlich gesagt, mal wieder renoviert werden könnte. Die Fliesen sind in diesem komischen Siebziger Jahre-Grün gehalten, und passen nicht gerade gut zu den braunen Fliesen auf dem Boden… Aber immerhin scheinen noch alle Geräte zu funktionieren.

Jakob holt einige Lebensmittel aus der Kühltasche, die uns Eva mitgegeben hat: Pizzateig, Tomatenmark, eine Paprika, Salamischeiben, frische Champignons und Streukäse.

„Wir haben Glück, heute ist er gut drauf“, murmelt er, während er alles auf der Ablage ausbreitet.

„Man merkt ihm gar nicht an, dass er dement ist“, sage ich leise.

„Jetzt gerade nicht, aber es gibt auch schlechte Tage“, meint Jakob und wäscht sich an der Spüle die Hände. Ich tue es ihm gleich, bevor wir anfangen. Ich schneide die Pilze und die Paprika, während Jakob den Pizzateig ausrollt und mit Tomatenmark bestreicht. Wir sind ein gutes Team, und so haben wir ruck zuck die fertig belegte, und gewürzte Pizza im Ofen.

„Lust auf noch mehr Kinderbilder von mir und den anderen?“, fragt er lächelnd, nachdem er den Ofendeckel hochgeklappt hat.

„Aber immer doch“, erwidere ich, und er führt mich ins Wohnzimmer, in dem auf einer Kommode unzählige gerahmte Bilder stehen. Ich erkenne Eva und Paul auf einem alten Hochzeitsbild. Die beiden sehen so jung und glücklich aus; gerade der griesgrämig wirkende Paul ist mit dem breiten Lächeln im Gesicht kaum wieder zu erkennen. Als nächstes fällt mein Blick auf ein Bild eines Jungen in einem schicken Anzug, in dem er sich nicht unbedingt wohlzufühlen scheint. Schüchtern lächelt er in die Kamera.

„Bist das du?“, frage ich an Jakob gewandt und deute auf das Bild. Eigentlich ist es eine rhetorische Frage: Seine mittlerweile markanter gewordenen Gesichtszüge sind auf dem Foto noch weich und kindlich, aber dennoch habe ich ihn sofort an den dunkeln Augen erkannt.

Er nickt. „Das war an meiner Konfirmation – ist schon eine ganze Weile her…“

Er deutet auf ein anderes Bild, das eine ältere Frau zeigt, die auf einer Wiese sitzt, auf ihrem Schoß ein Baby, und neben ihr zwei kleine Jungs, die fröhlich in die Kamera lachen.

„Das ist mein Lieblingsbild“, sagt er.

„Deine Oma?“, frage ich.

Er nickt. „Sie ist leider vor ein paar Jahren gestorben. Seitdem kommt jeden Tag einer von uns her, um sich um Opa zu kümmern.“

„Das tut mir leid“, murmele ich und spiele einen Moment lang mit dem Gedanken, seine Hand zu nehmen, lasse es dann aber doch lieber.

„Ist schon gut. Die Erinnerungen an sie werden wir für immer haben.“

Wir bleiben noch ein paar Minuten stehen und Jakob erklärt mir, wo und wann ein paar Bilder aufgenommen wurden. Dann setzen wir uns nach draußen zu seinem Großvater.

„Wie heißt du noch mal?“, fragt dieser mich mit einem so starken Akzent, dass Jakob für mich übersetzen muss.

„Clara“, erwidere ich dann.

„Und du wohnst in Völkersweiler?“ Er spricht das Wort ‚Völkersweiler‘ dabei wie ‚Velgeschweiler‘ aus, sodass mir erst bewusst wird, was er meint, als Jakob antwortet: „Ja, sie wohnt in Völkersweiler.“

„Es gab schon einmal eine Clara in Völkersweiler“, meint Jakobs Großvater plötzlich.

„Wirklich?“, frage ich, doch Jakob winkt nur ab. Sicher redet sein Opa öfters wirres Zeug, wenn die Krankheit schon fortgeschritten ist…

„Ja, aber das ist schon lange her“, meint er und blickt in den Himmel. Plötzlich scheint er ganz abwesend zu sein.

„Ich glaube, wir sollten dann mal die Pizza aus dem Ofen holen“, sagt Jakob und steht auf.

Während er die Pizza holt, decke ich den Tisch für uns drei. Schon verrückt: Ich kenne diesen Jungen erst seit zwei Tagen, und jetzt sitze ich hier und esse mit ihm und seinem Opa zu Abend. Ich kann dennoch nicht sagen, dass es sich schlecht anfühlt, eher im Gegenteil: Es kommt mir so vor, als würden wir uns schon viel länger kennen.

Jakob bringt die Pizza aus der Küche und schneidet sie für seinen Opa in kleine Stücke, sodass dieser es nicht selbst tun muss. Die Geste rührt mich. Es tut mir leid, dass Jakob und seine Geschwister ihren Großvater irgendwann endgültig an das Vergessen verlieren werden, an eine Krankheit, für die es keine Heilung gibt.

„Schmeckt’s dir, Opa?“, fragt Jakob, nachdem wir angefangen haben zu essen.

„Ist gut“, erwidert dieser, damit beschäftigt, Pizzastücke auf seiner Gabel aufzuspießen.

Nach dem Essen stellt Jakob seinem Großvater das richtige Fernsehprogramm ein – irgendeine Naturdoku – während ich anfange, das Geschirr zu spülen. Einen Moment später kommt er zu mir, nimmt sich ein Geschirrtuch und fängt an, das gespülte Geschirr abzutrocknen und einzuräumen.

„Danke fürs Helfen“, sagt er, „Es geht echt viel schneller zu zweit.“

„Gerne“, erwidere ich, „Ich hätte ansonsten ja eh nichts zu tun gehabt…“

„Es ist bestimmt total langweilig für dich hier“, sagt er plötzlich, „Ich meine, in Völkersweiler passiert eben nicht viel…“

„Nein, Quatsch“, erwidere ich, „Ich bin gerne bei euch, ehrlich.“

Er lächelt mir zu. „Da bin ich aber froh.“

„Jakob, hilf mir mal!“, ruft plötzlich sein Opa aus dem Wohnzimmer.

„Komme!“, antwortet Jakob, legt das Geschirrtuch beiseite und geht zu ihm.

Es dauert kurz, bis er zurück ist, sodass ich das restliche Geschirr fertig gespült, und abgetrocknet habe.

„Müssen wir sonst noch irgendwas machen?“, frage ich.

Er schüttelt den Kopf. „Meine Mum hat letztes Wochenende erst die Wohnung geputzt und Wäsche gewaschen. Also haben wir jetzt frei.“ Er lächelt mir zu.

Wir verabschieden uns von Jakobs Großvater und machen uns auf den Heimweg. Dort angekommen fragt Eva ihren Sohn, wie es gelaufen ist.

„Er hatte einen guten Tag“, erwidert er, „Und dank Clara hatte ich heute auch nur halb so viel Arbeit“, sagt er an mich gewandt, was mich wieder zum Lächeln bringt.

„Ich dachte, wir sollten keine Freunde mitbringen“, stichelt Johanna, die neben ihrer Mutter auf der Couch sitzt und mit ihr irgendeine Datingshow guckt.

„Ich gehe jetzt hoch, muss an meiner Hausarbeit weiterschreiben“, sagt Jakob nur und ignoriert die Bemerkung.

Er bedankt sich im Flur noch einmal bei mir und verschwindet dann in seinem Zimmer, während ich ins Bad gehe, um zu duschen. Erneut starrt mir das blasse Gesicht aus dem Spiegel entgegen, das ich nicht wiedererkenne. Es ist jedes Mal wieder ein Schock.

„Wer bist du?“, flüstere ich und verzichte schon wieder auf eine Antwort.

Als ich in mein Zimmer zurückkehre, schalte ich den Fernseher ein, den ich bisher ignoriert hatte. Er ist klein und nicht gerade neu, aber ich will auch einfach nur ein bisschen abschalten und mich berieseln lassen – und dafür reicht er allemal. Ich zappe durch die Programme und bleibe schließlich bei derselben Datingshow hängen, die Johanna und ihre Mutter schauen. Ich frage mich, ob es tatsächlich Menschen gibt, die daran glauben, dass man auf diesem Weg die wahre Liebe finden kann. Mir fällt wieder ein, wie ich Jakob vorhin gefragt habe, ob er eine Freundin hat, und erneut ist es mir schrecklich peinlich. Jetzt denkt er bestimmt, ich will was von ihm…

Nach einer Weile schalte ich den Fernseher aus und lese stattdessen in dem Buch weiter, das ich mir aus dem Bücherregal genommen habe. Es bleibt weiterhin spannend: Sowohl der Mann als auch die Frau versuchen, einander kennenzulernen, aber ihnen werden dabei so viele Hindernisse in den Weg gelegt, dass ich bezweifle, dass die beiden am Schluss ein Happy End bekommen… Das Buch fesselt mich so sehr, dass ich irgendwann auf die Uhr schaue und erschrocken feststelle, dass es schon fast zwei Uhr ist. Ich gehe ins Bad, putze mir die Zähne und lege mich nach meinem üblichen Kontrollblick in den Garten hin. Wieder ist niemand dort unten und ich frage mich mittlerweile ernsthaft, ob ich mir die Person in der ersten Nacht nur vorgestellt habe…

In dieser Nacht wache ich schweißgebadet auf. Ich habe von Eddie geträumt, davon, dass er mich und Jakob verfolgt hat. Aber es waren nicht seine Schreie, oder sein schäbiges Aussehen, die mir am meisten Angst gemacht haben. Es waren seine Augen. Diese Augen verfolgen mich auch jetzt noch, als ich schnell atmend in die Dunkelheit starre. Es dauert eine ganze Weile, bis ich mich wieder soweit beruhigt habe, dass ich weiterschlafen kann.

Früher:

Ich habe das Geld genommen und mir davon ein Zugticket gekauft, genauso wie es in dem Brief stand. Und nun bin ich auf dem Weg in eine Stadt, in der ich noch nie gewesen bin.

Ich bin noch nie so weit weg von zu Hause gewesen, schon traurig.

Aber als ich so im Zug sitze, stelle ich mir vor, wie es wäre, das alles hinter mir zu lassen: die schlimme Zeit, die Menschen, die mich beleidigt und mit dem Finger auf mich gezeigt haben, und die Menschen, die mir mal so nah waren, und mir dann einen Dolch in den Rücken gerammt haben.

Was wäre, wenn ich eines Tages gehen würde, einfach so? Würde mich überhaupt jemand vermissen?

Jetzt:

Kapitel 5: Verbunden

Der nächste Tag beginnt genau wie gestern und wie der Tag davor – so langsam komme ich mir vor wie in dem Film Und Täglich Grüßt das Murmeltier… Den Film habe ich gesehen, da bin ich mir ganz sicher.

Einen Unterschied gibt es allerdings: Als ich in die Küche komme, ist noch nichts vorbereitet. Könnte es etwa sein, dass…? Ich gehe zurück nach oben und stelle fest, dass Jakobs Zimmertür noch zu ist. Leise klopfe ich an, doch es kommt keine Reaktion. Ich öffne die Tür vorsichtig einen Spaltbreit und sage leise: „Jakob?“

Drinnen fällt das gedimmte Licht der Sonne durch die Rollladenschlitze in ein ansonsten dunkles Zimmer.

„Hm?“, kommt es verschlafen zurück.

„Oh, tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken!“, sage ich und will die Tür schon wieder schließen, doch er sagt „Warte!“ und hält mich damit zurück.

Nun öffne ich die Tür ganz und sehe, wie sich seine Umrisse unter der Bettdecke bewegen.

„Wie viel Uhr ist es?“, fragt er gähnend.

„Kurz nach zwölf“, erwidere ich.

„Oh, Mist!“, stößt er hervor.

Ich trete ein und stelle mich vor sein Bett. Er reibt sich den Schlaf aus den Augen, während er sagt: „Wegen der blöden Hausarbeit war ich noch ewig wach. Ich hätte nicht so lange schlafen sollen…“

„Ist doch nicht schlimm, wir sind alleine“, erwidere ich, „Und ich werde dich nicht verpetzen.“

Er blickt mich zum ersten Mal an und lächelt. „Guten Morgen!“ Sein Blick ist noch ganz verschlafen, und mit seinen verstrubbelten Haaren wirkt er jünger als sonst. Mein Herz macht einen kleinen Satz.

„Guten Morgen!“, erwidere ich.

„Bist du auch gerade aufgestanden?“, fragt er, und mir wird bewusst, dass ich immer noch im Schlafanzug bin.

„Ja“, erwidere ich, „Und ich habe vergessen, Johanna gestern nach einem T-Shirt zu fragen…“

„Du kannst eins von mir haben“, entgegnet er, während er sich durch das wirre Haar streicht.

„Ehrlich?“

„Klar, bedien‘ dich!“, meint er und deutet auf seinen Kleiderschrank gegenüber dem Bett.

Ich öffne ihn und nehme das erstbeste Shirt, das mir in die Hände fällt. Es ist ein Bandshirt von Green Day.

„Ist das okay?“, frage ich und zeige ihm meine Auswahl.

„Klar“, erwidert er und setzt sich auf. „Geh ruhig schon mal nach unten, ich komme gleich.“

„Okay“, sage ich und gehe kurz ins Gästezimmer, um mich umzuziehen. Das Shirt ist mir viel zu groß und hängt mir über eine Schulter, aber es gefällt mir trotzdem. Und es riecht gut, frisch gewaschen und irgendwie nach… Jakob? Lächelnd laufe ich wieder in die Küche.

Während Jakob im Bad ist, bereite ich das Frühstück für uns beide zu – Toast, Butter, Nutella, Marmelade und als ich im Kühlschrank eine Packung Eier finde, entscheide ich mich spontan dazu, auch noch Rührei zu machen. Dann trage ich alles bis auf die Eier, die in der Pfanne brutzeln, auf die Terrasse und begrüße lächelnd Jakob, der in dem Moment in die Küche kommt.

„Oh wow, du hättest dir doch nicht so viel Arbeit machen müssen!“, meint er, als er sieht, dass ich koche.

„Ach was“, winke ich ab, „Betrachte es als Dankeschön für das T-Shirt.“

Wir müssen beide lachen. Ich nehme zwei Teller und verteile das Rührei zu gleichen Teilen darauf.

„Schmeckt echt super“, sagt er, als wir kurz darauf auf der Terrasse sitzen und essen.

„Danke“, erwidere ich, „Aber unsere Pizza gestern war auch nicht schlecht, oder?“

„Das stimmt“, meint er, „Wir sollten ein Restaurant eröffnen, sobald du deine Erinnerungen wieder hast.“

„Klingt nach einem guten Plan“, entgegne ich lachend.

„Was willst du später eigentlich werden?“, frage ich einen Moment später.

„Bitte frag nicht“, erwidert er abwinkend, „Keiner in meiner Familie versteht, warum ich überhaupt meine Fächer studiere, wenn ich kein Lehrer werden will. Und ich frage mich das selber auch manchmal… Früher dachte ich immer, dass ich mal Journalist werde, aber ich bezweifle mittlerweile, dass ich damit genug Geld verdienen würde…“

„Genug Geld wofür?“, frage ich, und nehme einen Schluck von meinem Orangensaft.

„Na ja, zum… Leben?“, erwidert er, „Ich meine, irgendwann hätte ich auch gerne eine Familie…“

„Magst du Kinder?“, frage ich.

„Klar, wer mag keine Kinder?“

„Ich“, erwidere ich.

„Echt?“, entgegnet er überrascht.

„Nö, war ein Witz.“ Wir müssen beide lachen.

„Ich mag Kinder auch“, stelle ich noch einmal klar, „Also nicht jetzt – das wäre ein bisschen unpraktisch mit der ganzen Sache mit dem Gedächtnisverlust, aber irgendwann mal…“

„Ich verstehe dich“, erwidert er, was mich zum Lächeln bringt.

Und tatsächlich habe ich das Gefühl, dass wir einander verstehen, auch wenn wir uns noch nicht lange kennen. Ich fühle mich wohl in seiner Gegenwart, und ich glaube, dass es auch umgekehrt so ist. Zumindest hoffe ich das.

Als wir fertig gefrühstückt und abgeräumt haben, spielen wir wieder das Quiz gegeneinander, bis wir von Johanna unterbrochen werden, die gerade aus der Schule kommt.

„Du hättest uns ruhig abholen können“, sagt sie an Jakob gewandt.

„Ich hab lange geschlafen“, erwidert er.

„Schön für dich“, entgegnet sie und verschwindet wieder nach drinnen.

Ich blicke ihn an, und erinnere mich wieder an unser Gespräch von gestern. Er scheint dem gleichen Gedankengang zu folgen, und seufzt nur.

Kurz nach Johanna kommt auch Eva von der Arbeit und bittet Jakob, mit Luchsi Gassi zu gehen. Natürlich gehe ich wieder mit. Dieses Mal schlagen wir einen ganz anderen Weg ein und laufen zu dem Brunnen auf dem Dorfplatz. Ich betätige die Pumpe, um Jakobs Aussage von gestern zu überprüfen, und stelle enttäuscht fest, dass es sich dabei tatsächlich nur um eine Attrappe handelt. Wir setzen uns kurz auf eine der Bänke beim Brunnen, und ich lasse den Blick über den Dorfplatz schweifen. Ich bleibe bei einem Schild hängen, das an eins der Häuser montiert ist. ‚De Schoppe‘ steht darauf. Ich deute auf das Schild und frage Jakob, was es bedeutet. Lachend erklärt er mir, dass es sich bei einem ‚Schoppen‘ um einen halben Liter eines – meistens alkoholischen – Getränks handelt, und dass das der Name des Gasthauses war, das sich früher in dem Gebäude befand. Ein Blick auf die mit Papier abgeklebten Fenster verrät allerdings, was Jakob einen Moment später erzählt: „Es wurde schon geschlossen, als ich noch ein Baby war“, sagt er, „Es wird aber bald wiedereröffnet werden.“

„Echt? Das ist ja cool!“, entgegne ich.

„Ja, aber das ist noch geheim, also sag es niemandem weiter“, erwidert er verschwörerisch.

„Woher weißt du es dann?“

„Weil Anna das Gebäude gekauft hat.“

„Echt jetzt?“

Er nickt. „Als sie Bürgermeisterin geworden ist, war das ihr Hauptthema: wieder Leben ins Dorf bringen. Wenn du dich umsiehst, merkst du, dass es hier kaum noch was gibt. Sogar wenn man zum Arzt oder zum Bäcker will, muss man ins Nachbardorf. Hier ist wirklich nichts mehr. Und deshalb will sie die Kneipe wiedereröffnen – weil es ein erster Schritt zur Wiederbelebung von Völkersweiler ist. Sie sucht aber noch nach einem Geschäftsführer.“

„Gibt es eigentlich irgendwas, was Anna nicht geschafft hat?“, frage ich.

Jakob zuckt die Schultern. „Wenn sie sich etwas vornimmt, dann schafft sie das eigentlich auch immer. Sie ist einfach wahnsinnig ehrgeizig und arbeitet härter als irgendjemand sonst, den ich kenne…“

Ich denke an unser Abendessen mit Anna zurück. „Kann ich dich was fragen, Jakob?“

„Ja klar“, erwidert er.

„Es geht mich eigentlich nichts an, aber mir ist vorgestern aufgefallen, dass Anna und dein Vater… nicht besonders eng miteinander zu sein scheinen…“

Er schaut mich überrascht an. „Ist das so offensichtlich?“

Ich zucke mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich meine, es geht mich ja eigentlich auch nichts an…“, wiederhole ich ein wenig beschämt.

Jakob scheint einen Moment lang zu überlegen, was er mir erzählen soll, dann erwidert er: „Ja, ihr Verhältnis ist wirklich ein bisschen komisch. Aber ich glaube, das liegt vor allem daran, dass Anna sechs Jahre jünger als er ist und schon so viel erreicht hat, was er niemals erreichen wird.“

Ich beiße mir auf die Lippe. So genau wollte ich das, glaube ich, gar nicht wissen. Doch Jakob redet noch weiter: „Mein Vater ist Elektriker und meine Mum arbeitet halbtags an der Kasse. Das ist natürlich nichts Negatives, aber Anna war nun mal die Einzige in der Familie, die studiert hat, bis ich anfing. Sie ist die Einzige, die es wirklich zu etwas gebracht hat. Sie ist die Schlaue, die Erfolgreiche, die ein eigenes Unternehmen besitzt und auch noch Bürgermeisterin ist. Und dann ist sie auch noch jünger als mein Vater. Versteh mich nicht falsch, mein Vater ist ein guter Mensch, aber wären wir in der Situation nicht alle ein wenig neidisch?“

Ich blicke ihn an und erwidere zögernd: „Vermutlich schon.“

„Und was noch dazu kommt ist, dass sie unser Haus entworfen, und gebaut hat, und dass meine Eltern das Haus bei ihr abbezahlen müssen. Natürlich hat sie ihnen einen guten Preis gemacht, aber es ist trotzdem noch jeden Monat eine ganz schön hohe Summe, die die beiden ihr bezahlen – und das ist nicht unbedingt leicht mit ihren Jobs…“

Ich muss schlucken. Das war mir natürlich nicht bewusst. Niemals hätte ich gedacht, dass Jakob mich in diesen Familienkonflikt einweihen würde.

„Also ja, mein Vater liebt seine Schwester, aber trotzdem ist ihr Verhältnis ein bisschen… schwierig…“, beendet er seine Erklärung.

Ich nicke. Es ist nicht immer leicht, Geschwister zu haben, das weiß Jakob sicher auch aus Erfahrung.

„Und du weißt, wie gern ich sie habe, aber manchmal denke ich, vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn sie in den USA geblieben wäre. Dann hätten meine Eltern jetzt keine Schulden bei ihr, und ihr Verhältnis zu meinem Vater wäre sicherlich auch besser…“

„Danke“, sage ich.

„Danke wofür?“

„Danke, dass du mir vertraust“, erwidere ich.

„Es tut auch ganz gut, mal mit jemandem über diese Dinge reden zu können…“, entgegnet er.

Ich überlege, ob ich noch etwas sagen sollte, bleibe aber letztendlich stumm und stehe wieder von der Bank auf, damit wir weiterlaufen und über leichtere Dinge reden können.

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9783753192031
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