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KYKLADEN
Von Delos bis Santorin
Kurt Roeske und Patrick Schollmeyer

INHALT
Cover
Titel
Vorwort
Zur Einstimmung
Schauplätze – Die Kykladen im Wandel der Zeiten | Zum Auftakt – Museums- statt Meeresluft | Zeitlos schön – Die Kykladenidole und ihre Epoche | Eine farbenfrohe Epoche – Die Herrschaft des Minos | Neue kriegerische Herren – Die goldreichen Mykener auf den Kykladen | Bewegte Zeiten – Aristokraten geben den Ton an | Zwei Zeitzeugen der Extraklasse – Herodot und Thukydides | Ein Konflikt schlägt hohe Wellen – Der Perserkrieg und die Kykladen | Könige und Kaiser regieren die Welt – Die Kykladen, Spielball der Mächtigen | Epilog – Die Zeiten verdüstern sich | Die Reise geht los: Eine besondere Beziehung – Athen und der Nordwind | Mit Sturmgebraus übers Meer – Von Seenot und Schiffbrüchen | Ein Selbstmörder gibt dem Meer seinen Namen | Aigeion, der gestürzte Riese – Symbol der Bedrohung
Melos – Die gottverlassene Insel
Begehrtes Gestein – Früher Fernhandel | Auf den Spuren der Globalisierung – Ein bronzezeitliches Handelszentrum | Eine außergewöhnliche Frau – Die Lady von Phylakopi | Ein noch berühmteres Idol – Die Venus von Milo und ihre spannende Entdeckungsgeschichte | Die Heimatstadt der Venus | Schauplatz einer Tragödie – Der Untergang der Melier | Ende der Geschichte
Santorin / Thera – Ein Geschenk des Meergottes Triton
Akrotiri – Das bronzezeitliche Pompeji | Streit der Gelehrten – Datierungsprobleme | Hirngespinste? – Der ewige Mythos von Atlantis | Neue Besiedlung nach der Katastrophe – Ein erstes Lehrstück griechischer Kolonisation | Hoch am Berg – Die Siedlung der Theräer | Mannwerdung in Alt-Thera | Sport als Bildung | Warum in die Ferne schweifen – Ein zweites Lehrstück griechischer Kolonisation | Abstieg – Vom kahlen Felsen der Erinnerung zur lebensspendenden Quelle | Zeitenwechsel – Ein umgebauter Tempel
Naxos – Die Insel des Dionysos
Konflikte aller Arten | Die bestrafte Liebe der Aloaden | Das Tor des Tyrannen | Die Ankunft des Dionysos | Orte der Verehrung und des kultischen Weingenusses – Frühe Tempelbauten für den Herrn der Gelage und andere Götter | Steinreich | Der Gott und die schlafende Schöne – Ariadne auf Naxos | Ariadnes Klage | Assoziationen | Das brutale Ende des Reichtums – Naxos und der Ionische Aufstand
Paros – Gottgesegnete Heimat eines besonderen Steines sowie eines grossen Dichters
Der Leuchtende | Schweres Schicksal – Viel Steine gab’s und wenig Brot | Was von der Pracht übrigblieb | Athens Griff nach der Insel – Der Tod eines Helden | Eine neue Herrin – Von Demeter zur Allheiligen | Heimat eines Genies – Archilochos, die Stimme des Individuums in der lyrischen Dichtung | Der Wandel der Gesellschaft und die Geburt der monodischen Lyrik | Zwei Herzen schlagen in einer Brust – Krieger und zugleich Dichter | Umwertung | Der verlorene Schild | Bewährung im Leid | Die Liebe | Leid und Freude im Menschenleben | Die Illusion des Nachruhms
Zwischenstation – Mykonos, Tor nach Delos
Frevel und Tod eines großen Helden | Bilder des Leids – Erinnerung und Mahnung
Weithin leuchtender Stern – Heilige Insel Delos
Lobpreisungen der Dichter | Jenseits der Poesie – Nachantike Inselbesucher | Ein Norddeutscher in bayerischen Diensten – Die Archäologie hält Einzug | Geburtsstation nach einem Eifersuchtsdrama | Eine goldene Zukunft – Die Verheißungen der Götter | Der Gott schützt die Seinen – Eine Episode aus den Perserkriegen | Über Stock und Stein – Auf Spurensuche in den Ruinen von Delos | Im Angesicht Apollons – Das delische Hauptheiligtum | Der Herr der Tempel – Ein Wunderkind macht Furore | Die Scharen strömen – Prominente und weniger prominente Besucher des Heiligtums | Der Hörneraltar – Ein Held macht Station auf der Insel und tanzt vor Glück | Immer nur Männer, wo sind die Plätze der Göttinnen? | Eine schwierige Geburt am Heiligen See – Die Palme der Leto | Die großen Tabus | Großreinemachen eines Tyrannen | Die hockenden Löwen von Delos – Steinerne Zeugen glanzvoller Prozessionen | Eine besondere Zeit – Warten auf den Tod | Bedauernswerte Nachbarn – Der Sklavenmarkt von Delos | Das andere Delos – Der Glanz einer internationalen Handelsmetropole | Zeitvertreib für die städtische Jugend – Athletische Vergnügungen | Fremd und doch heimisch – Kultanlagen für nichtgriechische Gottheiten | Versunken im Straßengewirr – Die Häuser der Besserverdienenden | Private Festfreuden – Partys nur für Männer | (K)ein Haus wie das andere – Architektur und Ausstattung der delischen Wohnviertel | Zu Gast bei Neureichs – Ein Augen- und Gaumenschmaus | Unterhaltung pur – Das Theater und sein Publikum | Hohe Schauspielkunst oder bloßes Geschrei? – Die Qualität der Aufführungen | Gefeiert, aber rechtelos – Die infame Welt der Schauspieler | Außer Rand und Band – Das antike Theaterpublikum | Ein langer Tag im Theater – Essen und andere Vergnügungen | Das eigentliche Spektakel – Junge Männer und schöne Frauen | Spielverderber – Christliche Eiferer treten auf den Plan | Abschied von der Stadt – Die ehrgeizige Gattin | Die Lichter gehen endgültig aus – Das letzte Opfer für Apollon
Tenos – Heiliges Pilgerziel, einst und jetzt
Eine Säule, die sich bewegt – Die brausende Trauer des Windgottes | Besuch bei einer Nationalheiligen | Eine zweite allmächtige Jungfrau – Die Kopfgeburt der Athena | Ein Heiligtum am Meer – Die heidnischen Vorgänger der Muttergottes | Poseidon als Heil- und Festgott | Antike Krankenhausgeschichten | Zum Abschied auf den Berg – Die malerischen Ruinen von Exoburgo
Lesehinweise | Personenregister | Bildnachweis | Impessum
Vorwort
Es ist ein Zufall, aber dennoch nicht minder passend, wenn im Lutherjahr 2017 eine neue Reiseführerreihe startet, die sich Schauplätze der Antike nennt. War es doch der wortgewaltige Reformator, der den Begriff des Schauplatzes in die deutsche Sprache eingeführt hat. Er benötigte ihn, um das neutestamentlich-griechische Theatron angemessen übersetzen zu können. Gemäß dem zugrundeliegenden griechischen Verb theasthai (schauen, zuschauen) sollen die Reisenden in die Lage versetzt werden, vor Ort in die Welt der Antike einzutauchen, sich als echte Zuschauer zu fühlen. Es geht dabei weniger um die Vergegenwärtigung kunsthistorischer Zusammenhänge als vielmehr um die antiken Menschen selbst, ihr Handeln und ihre Gedankenwelt. In der Tat sollen die in den Bänden der Reihe behandelten Landschaften und Stätten als Theater, mithin als Bühne und zugleich Kulisse für das vergangene antike Leben begriffen werden. Zu diesem Zweck kommen vor Ort originale Texte bedeutender antiker Dichter, Denker und Historiker in moderner und leicht verständlicher deutscher Übersetzung zu Wort. Sie erfüllen die Ruinen mit Leben und lassen die Toten wieder auferstehen. Vor dem inneren Auge des Reisenden entsteht auf diese Weise ein buntes Panorama längst vergangener Zeiten, das einen unmittelbaren Zugang ebenso zur großen Geisteswelt wie auch zum Alltag der Antike ermöglicht.
Am Anfang der Reihe steht ein Band zur malerischen Inselwelt der Kykladen. Auch wenn diese abseits der üblichen Pfade der bildungshungrigen Touristen liegen, so finden sich dort doch überaus faszinierende Stätten, Schauplätze mythischer Liebespaare, Kulissen blutiger historischer Ereignisse und Bühnen für die großen und auch vielen kleinen Gestalten der Geschichte.
Der Text wurde von beiden Autoren gemäß ihrer jeweiligen fachspezifischen Ausrichtung weitgehend gemeinsam gestaltet, wobei der eine die Grundidee zur Reihen- und Bandstruktur sowie die archäologischen Abschnitte und der andere Auswahl, Übersetzung und Kommentierung der literarischen Zeugnisse beigesteuert hat.
Die beiden Autoren haben vielfältigen Dank abzustatten. Der erste gebührt der Verlegerin Annette Nünnerich-Asmus und ihrem engagierten Team. Sie hat sich nicht nur in bewährter Professionalität dem Vorhaben angenommen, sondern selbst am Grundkonzept mitgewirkt. Zu danken ist weiter Angelika Schurzig für die Herstellung von Abbildungsvorlagen sowie insbesondere dem Althistoriker, Klassischen Philologen und Freund Rolf Walther für kompetente fachliche Beratung. Hoffen wir, dass die Mühe all derer, die bei der Entstehung des vorliegenden Bandes mitgewirkt haben, von Erfolg gekrönt sein wird. Möge der vorliegende Band und die Reihe an sich ihr wohlwollendes Publikum finden!
Mainz, 20. März 2017
Kurt Roeske
Patrick Schollmeyer
ZUR EINSTIMMUNG

Abb. 1 Blick in die Caldera von Santorin
Schauplätze – Die Kykladen im Wandel der Zeiten
Wer heute die Inselwelt der Kykladen bereist, befindet sich meist unbewusst auf der Suche nach der typischen Postkartenidylle, die längst zum Synonym für Griechenland schlechthin geworden ist: Strahlendweiße würfelförmige Häuser mit blauen Dächern, umgeben von der nicht minder tiefblauen Ägäis, eingetaucht in gleißendes Sonnenlicht (Abb. 1); ein Szenario, das zum Träumen verführt und vor allem pure Erholung verspricht. Der besondere Ruf von Mykonos und Ios als freizügige Partyinseln lenkt dann in der Regel vollends den Blick auf die angenehmen Seiten des Lebens. Klassische Bildung scheint in diesem Klischee dagegen nicht unbedingt vorzukommen. Nur wenige der jungen Partybegeisterten, die im Hochsommer alljährlich in Scharen auf die ansonsten höchstens von 1500 Personen bevölkerte Insel Ios strömen, dürften wohl dorthin reisen, um Ausschau nach dem Grab Homers zu halten, der dort laut Pausanias (10, 24, 2), einem griechischen Reiseschriftsteller des 2. Jhs. n. Chr., aus Verbitterung darüber starb, dass er ein Rätsel nicht lösen konnte, das ihm die einheimischen Fischer gestellt hatten. Überhaupt gibt es kaum Ereignisse oder bekannte Persönlichkeiten, die im kulturellen Gedächtnis der Menschheit so fest mit den Kykladen verbunden sind, dass die Inseln deshalb prominente Erinnerungsorte wären, die es unbedingt aufzusuchen gilt. So braucht es auch Niemanden zu wundern, dass die Kykladen nicht unbedingt als erste Adresse für Bildungsreisende gelten. Wer die berühmtesten klassischen Schauplätze Griechenlands aufsuchen möchte, zählt in der Regel die Kykladen ganz anders als Athen, Delphi, Epidauros, Mykene und Olympia nicht zu seinen Topfavoriten.
Doch dieses Bild trügt. Die Kykladen haben eine faszinierende Geschichte zu bieten, die bis zu den Anfängen europäischer Hochkulturen schlechthin führt und voll von Geschichten interessanter Menschen ist, die die Inseln gleichsam zu besonderen Schauplätzen des antiken Griechenlands machen. Bedeutend für die alten Griechen waren sie jedenfalls schon allein deshalb, da sie nach damaliger Vorstellung einen Kreis (gr. Kyklos) um einen der heiligsten Orte des Altertums bildeten, nämlich um Delos, die Geburtsinsel der göttlichen Zwillinge Artemis und Apollon.
Zum Auftakt – Museums- statt Meeresluft
Bevor wir jedoch die Reise beginnen können, sollten wir uns mit der Geschichte der Inselregion zumindest in den Grundzügen vertraut machen. Hierzu eignet sich insbesondere der Besuch zweier einschlägiger Museen in der griechischen Hauptstadt Athen, ist doch der dortige Flughafen wegen der vielen internationalen Verbindungen ohnehin meist die erste Station einer Kykladenreise, dies gilt in der Regel auch für diejenigen, die mit dem Zug, dem Bus oder dem eigenen Auto anreisen wollen. Denn man erreicht die Kykladen am bequemsten per Fähre von Athens Hafen Piräus aus. Es spricht folglich so einiges dafür, die Inselrundreise hier beginnen zu lassen.

Abb. 2 Marmornes Kykladenidol, 3. Jt. v. Chr., Nationalmuseum Athen
Der Museumsbesuch hat zudem den Vorteil, dass dortige Zeitzeugen, wenn auch stumme, dennoch dem, der sie zu befragen weiß, umso beredter von längst untergegangenen Kulturen erzählen, die das Inselleben einst geprägt haben. Wer die Historie der Kykladen kennenlernen möchte, sei auf die entsprechenden Abteilungen des Archäologischen Nationalmuseums und die öffentlich zugängliche Spezialsammlung der reichen griechischen Reederfamilie Goulandris verwiesen. Dort stehen in Hülle und Fülle kostbare Artefakte aller Materialen, Formen und Zeiten bereit, deren Studium das für eine Reise notwendige historische Rüstzeug liefert.
Zeitlos schön – Die Kykladenidole und ihre Epoche
Ins Auge springen sogleich die unzähligen kleinen Marmoridole aus der Bronzezeit (Abb. 2), die in geradezu modern-abstrakter Gestaltung menschliche Wesen beider Geschlechter zeigen. Die nach den Inseln benannte Kykladenkultur erreichte im 3. Jt. v. Chr. (2700–2250 v. Chr.) ihren Höhepunkt. Damals lebten die Menschen in Familienverbänden in Dörfern, die über die Inseln verstreut waren. Es wurde Ackerbau betrieben, man pflanzte Weinreben sowie Olivenbäume und züchtete Schafe, Ziegen sowie Schweine. Es gab einen regen Handelsverkehr nach West und Ost. Marmor (Naxos und Paros), Obsidian (Melos), Bauxit und Kupfer (Naxos) wurden exportiert, Zinn aus dem Osten importiert. Zum Transport dienten Langschiffe ohne Segel, die mit bis zu 40 Ruderern bemannt waren. Nach Ausweis der Grabbeigaben gab es bereits eine elitäre Oberschicht. Im Lauf der Zeit wuchs die Bevölkerung, und je mehr Menschen sich um Haus und Hof kümmern konnten, umso mehr Männer widmeten sich der Seefahrt, dem Handel und der Piraterie, was wiederum dazu führte, dass man anfing, die Siedlungen durch Befestigungen vor Überfällen zu schützen.

Abb. 3 Kykladenpfanne, 3. Jt. v. Chr., Archäologisches Museum Naxos
Die Kykladenkultur wird in erster Linie von den Marmorfiguren repräsentiert, die man in großer Zahl in Gräbern auf den Inseln gefunden hat. Ihnen waren im Neolithikum Darstellungen von dickleibigen Frauen vorausgegangen, die auf die Verehrung einer Fruchtbarkeitsgöttin, wie wir sie aus Asien kennen, schließen lassen. Die meisten Kykladenfiguren sind stehend, weiblich, nackt mit vor dem Körper verschränkten Armen und betonten Geschlechtsmerkmalen dargestellt. Einige scheinen geschlechtslos zu sein, und nur ein kleiner Teil ist männlich. Bemerkenswert sind Musikanten, die Harfe oder Flöte spielen. Alle Skulpturen waren bemalt und ihre Größe differiert von 15 cm bis zu 1,50 m. Da man sie nicht aufstellen konnte, ist zu vermuten, dass die Menschen die kleineren von ihnen – vielleicht als Amulett – getragen haben. Sie wurden gewiss nicht als Kunstwerke hergestellt und betrachtet. Nur von etwa 20 % der ca. 14.000 Figurinen ist ihre Herkunft bekannt, sodass man sich ihrer Echtheit sicher sein kann. Was – oder besser gesagt – wen sie abbilden, bleibt daher weiterhin umstritten. Die häufig in Gräbern gefundenen Werke könnten sowohl Götter als auch Sterbliche darstellen. Auch weiß man bedauerlicherweise nicht, was ihre eigentliche Funktion war, ob sie etwa in magischen Ritualen eine besondere Verwendung fanden.
Am Beginn der europäischen Moderne haben sie jedenfalls eine große Rolle gespielt. Zahlreiche Künstler des 19. / 20. Jhs. ließen sich von den Idolen inspirieren und waren begeistert von ihrer so einfachen wie klaren Formensprache. Gerade das „Antiklassische“, das Abstrakte, was man für zeitlos hielt, faszinierte sie. Henry Moore (1889–1986) hat ihre „elementare Einfachheit“ bewundert, Pablo Picasso (1881–1973) ihre „bloße Form“. Künstler wie Paul Gauguin (1848–1903), Amadeo Modigliani (1848–1920), Constantin Brancusi (1876–1957), Alberto Giacometti (1901–1966), Hans Arp (1886–1996) und Henri Matisse (1869–1954) sahen in den Kykladenfiguren etwas, das ihren eigenen Intentionen entsprach.
Außer den Figuren verdienen auch die sogenannten, meist in Gräbern gefunden „Griffschalen“ Erwähnung, die man fälschlich als „Kykladenpfannen“ bezeichnet (Abb. 3). Sie können nicht als Pfannen gedient haben, da sie keinerlei Brandspuren aufweisen und weil sie auf der Unterseite verziert sind. Die Darstellungen, Wellen des Meeres, Fische, Schiffe, Sonne und Sterne, deuten auf Schifffahrt, Handel, Fruchtbarkeit hin und legen die Vermutung nahe, dass es sich um Trink- und Spendengefäße für religiöse Feste handelte. Neuerdings wurde eine Nutzung als Trommeln vorgeschlagen, mit denen man den Ruderen der Kykladenschiffe den notwendigen Takt geschlagen habe. Aber wie bei den Figurinen muss letztlich auch die Deutung der Kykladenpfannen spekulativ bleiben.
Eine farbenfrohe Epoche – Die Herrschaft des Minos
Im 2. Jt. v. Chr. kam die Ägäis unter den Einfluss der kretischen Minoer. Über die Gründe des Niedergangs der Kykladenkultur kann man nur spekulieren: Sickerten neue Bevölkerungsgruppen ein? Verringerten sich die Bodenerträge, sodass die Abhängigkeit von Importen wuchs? Brach der Handel zusammen, weil die von den Kretern entwickelten mit Segeln ausgerüsteten Schiffe denen der Kykladenbewohner überlegen waren? Gab es soziale Unruhen, Aufstände? Haben Erdbeben schwere Schäden angerichtet?
Über die Herrschaft der Minoer schreibt der Historiker Thukydides aus Athen (ca. 456 – ca. 396 v. Chr.) in seinem Werk über den Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.) folgendes:

Von denen, über die wir durch mündliche Überlieferung Kenntnis haben, war Minos der Erste, der eine Flotte baute und die Herrschaft über einen sehr großen Teil des Meeres errang, das jetzt das „hellenische“ heißt, der die Kykladen eroberte und die meisten von ihnen als Erster besiedelte, nachdem er die Karer vertrieben und seine Söhne als Herren eingesetzt hatte. Natürlich bekämpfte er auch nach Kräften die Piraterie, um höhere Einkünfte zu erzielen. (1,4).
„Minos“ war kein Eigenname, sondern wahrscheinlich ein vererbbarer Titel des Königs. Von diesem Wort, das einer vorgriechischen Sprache angehört, ist der Name der Kultur abgeleitet, die alle Inseln der Ägäis geprägt hat. Wenn Thukydides davon spricht, dass die Minoer die Kykladen als Erste besiedelten, so meint er wohl, dass sich unter ihrer Herrschaft erstmals so etwas wie staatliche Strukturen herausbildeten. Heute weiß man, dass die Minoer die Kykladen nicht beherrschten, sondern dass sie vielmehr Handelsniederlassungen gründeten und dadurch eine starke, auch kulturelle Dominanz erlangten.

Abb. 4 Schiffsfresko aus Akrotiri, Ende 17. Jh. v. Chr., Nationalmuseum Athen
Im ersten Stock des Athener Nationalmuseums kann man besonders farbenfrohe Erzeugnisse dieser bunten Epoche bewundern. Es handelt sich dabei um Wandmalereien, die auf der Kykladeninsel Santorin zum Schmuck von Häusern einer einst lebhaften, beim heutigen Ort Akrotiri gelegenen bronzezeitlichen Hafensiedlung dienten, die bei einem Vulkanausbruch wohl im 17. Jh. v. Chr. verschüttet wurde. Zu sehen sind reich gewandete junge Frauen (Göttinnen, Kultdienerinnen?), boxende Knaben, ein Fischer mit seinem reichen Fang und Tiere aller Arten, darunter die berühmten fliegenden Schwalben. Ein Fresko wirft besondere Fragen auf: Es schmückte die Wände des Zimmers 5 im oberen Stockwerk des Westhauses und zeigt ein großes Panorama mit einer Schiffsprozession auf dem Meer und menschlichen Siedlungen am Ufer (Abb. 4). Über Soldaten auf einem Schiff sind „Eberzahnhelme“ aufgehängt, die man eigentlich erst aus der mykenischen Zeit kennt. Hatten die Theräer ebenfalls derartige Helme? Waren schon in so früher Zeit Mykener auf der Insel – als Herrscher oder als angeworbene Söldner?
Neue kriegerische Herren – Die goldreichen Mykener auf den Kykladen
Man geht davon aus, dass die kykladische Inselwelt um 1500 v. Chr. von neuen, noch kriegerischeren Herren, als die minoischen Kreter es waren, erobert worden ist. Diese kamen diesmal von Westen, vom griechischen Festland her, auf dem sie sich ca. 2000 v. Chr. festgesetzt hatten. Das Athener Nationalmuseum beherbergt die grandiosen Funde Heinrich Schliemanns aus Mykene und ermöglicht damit vor Ort einen einzigartigen Einblick in die materielle Kultur der nach diesem Hauptfundort benannten Mykener.
Ihre Fürsten residierten aber nicht nur in Mykene selbst, dessen Herrscher laut griechischer Mythentradition freilich eine besondere Stellung zukam, sondern auch in anderen, in der Regel ebenfalls schwer befestigten Zentren wie Orchomenos, Theben, Athen, Tiryns, Pylos und Sparta. Wie die minoischen Paläste standen auch die trutzigen mykenischen Burgen inmitten von Siedlungen. In ihrer Architektur unterschieden sie sich aber von ihnen: Sie waren auf einen rechteckigen Thronsaal, das Megaron, hin ausgerichtet. Die Mykener schufen eine eigene Schrift, eine Silbenschrift, die man als Linear B bezeichnet und die 1952 entziffert worden ist. Die Menschen, die sie benutzten, sprachen also ein frühes Griechisch. Man hat auf Kreta und auf dem Festland fast 6.000 kleine beschriftete Tontäfelchen gefunden, deren Erhalt der Tatsache verdankt wird, dass sie bei der Zerstörung der Häuser durch das Feuer gehärtet worden sind. Mehr als die Hälfte stammt aus Knossos, das die Mykener ebenfalls eroberten. Die Schrift diente lediglich der Verwaltung, für längere literarische Texte war sie hingegen ungeeignet. Sorgfältig wurde über die Güter Buch geführt, die von den Untertanen als Abgaben an den König geliefert werden mussten und über die Güter, die den Palast verließen. Wir lernen aus den Täfelchen viel über die frühe Form der griechischen Sprache, außerdem geben sie uns Auskunft über die Landwirtschaft, die Herrschafts- und Sozialstruktur, über Berufe, Verträge und die Religion. So konnten Götternamen wie Zeus, Poseidon, Hera, Artemis, Athena, Dionysos und Hermes sicher entziffert werden. Apollon erscheint nur mit seinem Beinamen „Paian“, Aphrodite gar nicht. Zudem findet eine namenlose Herrin (gr. Potnia) häufige Erwähnung.
Die Mykener pflegten die Handelsbeziehungen weiter, die die Minoer geknüpft hatten. Ihre Kunst war von den Minoern beeinflusst, ohne jedoch reine Nachahmung zu sein. Manche Objekte dürften gar direkt aus minoischen Werkstätten stammen. Um 1200 v. Chr. ereilte die mykenischen Burgen auf dem Festland das Schicksal der gewaltsamen Zerstörung – sie wurden nie wieder aufgebaut. Zur gleichen Zeit brach das Hethiterreich zusammen und Ägypten wurde bedroht.
Ägyptische Quellen sprechen von „Seevölkern“. Über die Frage, wer sie waren, woher sie kamen und ob sie wirklich die Ursache der globalen Katastrophe gewesen sind, rätselt die Wissenschaft bis heute. Man nimmt an, dass es eine durch klimatische Veränderungen im Mittelmeerraum verursachte Dürreperiode mit entsprechendem Getreidemangel und nachfolgender Hungersnot gegeben haben könnte. Daraufhin dürften Unruhen und Aufstände ausgebrochen sein. Die Infrastruktur brach jedenfalls mit Sicherheit zusammen. Viele Menschen verließen ihre Heimat und suchten neue Siedlungsgebiete.
Von all dem erzählen die Museumsobjekte kaum etwas. Auch ist nicht klar, ob und in welchem Maß die Kykladeninseln davon betroffen waren. Die stummen Zeugen der Vergangenheit mögen so manches Unglück und persönliche Schicksalsschläge beobachtet haben. Allein sie schweigen noch und überlassen uns unserer Phantasie.
Bewegte Zeiten – Aristokraten geben den Ton an
Viele der Emigranten fanden auf den ägäischen Inseln und an der kleinasiatischen Westküste eine neue Heimat. Als um 1000 v. Chr. die Dorer, von Norden kommend, in Griechenland einwanderten (Dorische Wanderung), machten sich erneut Menschen auf den Weg in den Osten. Die größte Gruppe unter ihnen bildeten die Ionier, die sich auf fast allen Kykladeninseln festsetzten (Ionische Wanderung). Ziele der Dorer waren Kreta, Rhodos, Melos und Thera, die Äoler wählten Lesbos als ihre neue Heimat.
Bei den Ioniern, Dorern und Äolern handelte es sich aber nicht um ethnisch unterschiedliche Stämme im eigentlichen Sinn, sondern um Sprachgruppen. Bei ihnen hatte sich in nachmykenischer Zeit jeweils ein eigener Dialekt der griechischen Sprache herausgebildet. Die jeweilige eigene Sprachform spielte für das Identitätsbewusstsein der Gruppen eine große Rolle.
Die Kenntnis der Schrift war nach dem Ende der mykenischen Zeit verloren gegangen. Um 800 v. Chr. übernahmen die Griechen die Buchstabenschrift der Phönizier, des von der Levanteküste stammenden antiken Händlervolks, und passten sie ihrer Sprache dadurch an, dass sie Zeichen, die sie nicht brauchten, zur Bezeichnung von Vokalen verwendeten. Es spricht vieles dafür, dass sich bereits Homer dieser Schrift bedient hat.
Im 8. Jh. v. Chr. geriet die Welt der Griechen erneut in Bewegung. Menschen verließen die kleinasiatischen Städte und gründeten an den Ufern des Schwarzen Meeres Kolonien, Menschen vom Festland und von Euböa zog es in den Westen nach Unteritalien und Sizilien. Man spricht von der „großen griechischen Kolonisation“.
Kolonisation meint, dass auf fremdem Gebiet neue Stadtstaaten (gr. Poleis) gegründet wurden, die Griechen sprachen von „fernen Wohnorten“ (gr. Apoikiai).
Die Gründung vollzog sich nach festgelegten Regeln. Man versicherte sich der Zustimmung des delphischen Apollon, der Gott konnte auch selbst zur Gründung einer Kolonie ermuntern. Die Auswanderer folgten einem ernannten oder gewählten Anführer. War ein guter Standort gefunden, der an der Küste lag, über einen Ankerplatz und ein für die Bewirtschaftung geeignetes Hinterland verfügte, steckte man die Grenzen ab, sicherte die Siedlung, erstellte einen Bebauungsplan, richtete die Kulte ein und erließ Gesetze. Die neu gegründete Kolonie übernahm in der Regel die Organisationsform der Mutterstadt und unterhielt stets freundschaftliche Beziehungen zu ihr. Rechtlich blieb sie allerdings autonom.
Auch einige der ägäischen Inseln beteiligten sich an der Kolonisation: Naxier gründeten ca. 735 v. Chr. gemeinsam mit Einwohnern der Stadt Chalkis auf Euböa die Kolonie Naxos in Sizilien (heute Giardini-Naxos), die ihrerseits wenige Jahre später Katane (heute Catania) und Leontinoi (heute Leontini) gründete, Paros sicherte sich 680 v. Chr. die an Goldminen reiche, Thrakien vorgelagerte Insel Thasos und das libysche Kyrene, eine Tochter der Insel Thera.
Es gab viele Gründe wie soziale Spannungen, Rivalitäten unter den führenden Familien, ökonomische Interessen der entsendenden Poleis, Hoffnung der Auswanderer auf bessere Lebensbedingungen, die die Menschen dazu bewegten, ihre Heimat zu verlassen und sich in der Fremde neu anzusiedeln, wobei sich die Landnahme keineswegs immer friedlich vollzog: Auch manch ein Abenteurer wird sich gern der Gruppe angeschlossen haben.
Die Archaik ist nicht nur die Zeit des Aufbruchs, sondern auch die Zeit, in der sich die Städte zu Stadtstaaten entwickelten und in der sich das Individuum seiner selbst als einer autonomen Persönlichkeit bewusst wurde. In der Lyrik fanden die Menschen eine neue Form, in der persönliche Erfahrungen, Gedanken und Gefühle zum Ausdruck gebracht werden konnten. An die Stelle des im Hexameter verfassten umfangreichen Epos traten kleine, strophisch gegliederte Einheiten, die sich mannigfacher Metren bedienten. Nun gab es keine Muse mehr, die verkündete, wie es wirklich war. Blieb der Dichter im Epos verborgen, so war jetzt präsent, wer sich in den Versen äußerte. Es ging nicht mehr um Berichte über Vergangenes, sondern das Erlebnis der Gegenwart gewann an Bedeutung.
Wie das Epos wurde auch die Lyrik in der Öffentlichkeit vorgetragen. Der lyrische Dichter suchte seine Zuhörer aber nicht an Fürstenhöfen oder auf den Marktplätzen, sondern im Kreis Gleichgesinnter im Symposion, dem Trinkgelage, zu dem sich Adlige nach dem Essen in begrenzter Zahl zusammenfanden. Der Ahnherr der lyrischen Dichtung und zugleich einer ihrer bedeutendsten Repräsentanten, Archilochos, stammte aus Paros. Überhaupt erlebte die Lyrik ihre Blütezeit vornehmlich auf den ägäischen Inseln.
Dort spielte zudem die Bildhauerkunst in Folge der reichen Marmorvorkommen eine besondere Rolle im Wirtschaftsgefüge der Zeit. Auf Paros befanden sich die wertvollsten Steinbrüche der Antike. Aber auch Naxos verfügte über qualitätvollen Marmor und entsprechend versierte Künstler. Ihre Auftraggeber waren zumeist reiche Großgrundbesitzer, die die politische und militärische Macht in Händen hielten. Sie bildeten eine gemeinsame griechische Adelskultur aus, deren Wertmaßstäbe von Besitz und Ruhm auch auf den Kykladeninseln galten. Diese festgefügte Welt geriet mit der Etablierung der Demokratie in Athen sowie vor allem im Kontext der beiden großen Perserkriege zu Beginn der klassischen Epoche (5. / 4. Jh. v. Chr.) schließlich heftig ins Wanken.
Zwei Zeitzeugen der Extraklasse – Herodot und Thukydides
Die Kenntnisse über die geschichtlichen Ereignisse dieser Zeit verdanken wir in erster Linie zwei bedeutenden antiken Historikern, die, jeder auf seine Weise, die Geschichtsschreibung begründet haben: Herodot aus Halikarnassos und Thukydides aus Athen.
Herodot lebte von ca. 485 bis ca. 425 v. Chr., seine väterlichen Vorfahren waren Karer. Er wirkte in seiner Heimatstadt am Kampf gegen den karischen Tyrannen Lygdamis II. mit, musste fliehen, kehrte zurück und machte sich erneut auf, diesmal, um die Welt zu erkunden. Es darf als sicher gelten, dass er längere Zeit in Athen und später in der 444 v. Chr. am Golf von Tarent gegründeten Kolonie Thurioi gelebt hat. Genaue Zeitangaben sind nicht möglich. Sein Werk beginnt so:

Dies ist die Darlegung der Erkundung (historie)
des Herodot aus Halikarnassos,
damit weder das, was Menschen geleistet haben,
mit der Zeit vergessen wird,
noch große und bewundernswerte Taten,
sei es, dass sie von Griechen,
sei es, dass sie von Barbaren vollbracht wurden,
ihren Ruhm verlieren.
Insbesondere ist es die Darlegung der Ursache (aitia),
die sie zum Krieg gegeneinander veranlasste.
Selbstbewusst stellt sich der Autor vor. Er legt dar, was er selbst erforscht hat, nicht, was er wie Homer dem Gesang einer Muse verdankt. Sein Interesse richtet sich nicht nur auf die Leistungen der Griechen, sondern in gleichem Maße auf das, was die Barbaren vollbracht haben, ja, es richtet sich universal auf die Menschheit. Mit „Barbaren“ meint er wertneutral „Nicht-Griechen“ und „Leistungen“ umfassen auch kulturelle Werte und Schöpfungen. Herodot weiß, wie schnell die Menschen und ihre Taten vergessen werden. Aus dem Bewusstsein der Vergänglichkeit erwächst der Antrieb zur Geschichtsschreibung. Am Schluss seines Vorworts schränkt er sein Thema auf den Krieg der Griechen und Perser ein. Er will die Ursache aufdecken, die zu der Auseinandersetzung geführt hat. In diesem Bestreben, den Dingen auf den Grund zu gehen, erweist er sich als ein Historiker im modernen Sinn, und auch dadurch, dass er die Ursache letztlich im Menschen selbst findet, in dem ihm eigenen Streben nach Macht. Hybris nannten das die Griechen, wenn der Mensch seine Grenzen überschreitet. Maßlosigkeit birgt in sich bereits den Keim des Scheiterns. Götter greifen zwar in das Geschehen ein, sie äußern sich in Erdbeben, durch Orakel und Propheten, aber sie nehmen dem Menschen nicht die Verantwortung für sein Handeln ab. Sie sind Garanten dafür, dass das Geschehen – Aufstieg und Fall der Menschen und Mächte – für den, der einen langen Zeitraum überblickt, erklärbar ist und sich als sinnvoll erweist. Der mythischen Überlieferung stand Herodot kritisch gegenüber und er war derjenige, der als Erster den Ost-West-Konflikt thematisierte.
Der römische Staatsmann, Redner und Philosoph Markus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) hat ihn den „Vater der Geschichtsschreibung“ (pater historiae) genannt (de legibus, 1, 5). Zu Recht: Ist er doch der Erste, der in einem umfangreichen Prosawerk historische Ereignisse kausal miteinander verknüpft und erklärt.
Thukydides (ca. 456 – ca. 396 v. Chr.) war eine Generation jünger als Herodot. Auch er hat sich politisch betätigt, bevor er sich seinen Studien widmete. 424 v. Chr. bekleidete er das Amt eines Strategen (militärischer Befehlshaber), weil man ihn aber für einen Misserfolg verantwortlich machte, wurde er für 20 Jahre verbannt. Er nutzte die Zeit, um das Geschehen des Peloponnesischen Krieges zu beobachten. Was er sah und was ihm glaubwürdig berichtet wurde, notierte er. Erst nach der endgültigen Niederlage Athens kehrte Thukydides in seine Heimatstadt zurück. Sein Werk schließt an das des Herodot an, aber er war der Erste, der Zeitgeschichte schrieb. In einem Überblick wird die Geschichte von 479 v. Chr. bis zum Ausbruch des Peloponnesischen Krieges behandelt. Der Text scheint unvol endet geblieben zu sein, da er bereits mit den Ereignissen des Jahres 411 v. Chr. abschließt, und nicht, wie sicher geplant, mit der Kapitulation Athens 404 v. Chr. Viele Passagen schrieb Thukydides zudem erst unter dem Eindruck des endgültigen Zusammenbruchs seiner Heimatstadt.
Gegenüber Herodot zeichnet Thukydides ein geschärftes Methodenbewusstsein aus. Er hat sich kritisch mit seinen Vorgängern auseinandergesetzt, auch mit Herodot, dessen Namen er allerdings nicht explizit nennt. Die Ursache der Geschehnisse ist für ihn der Mensch in seiner über die Zeiten hinweg konstanten Natur. Die Überzeugung, dass maßloses Machtstreben ein Wesensmerkmal der menschlichen Natur ist, verbindet ihn mit seinem Vorgänger. Sorgfältig unterscheidet er aber zwischen Anlässen und Ursachen.

Wer auf Grund der dargelegten Beweise zu der Auffassung gelangt, dass mein Bericht im Wesentlichen den Tatsachen entspricht, dürfte nicht in die Irre gehen. Er sollte weder den Dichtern vertrauen, die in ihren Gesängen übertreiben, noch den Geschichtsschreibern, deren Darstellungen eher angenehm anzuhören sind als wahr, meist unbewiesen und im Laufe der Zeit ins Mythenhafte abgeglitten. Er sollte ihnen keinen Glauben schenken. Er darf davon überzeugt sein, dass mein Bericht sich auf sehr einleuchtende Beweise stützt, soweit es jedenfalls in Anbetracht der vergangenen Zeit überhaupt möglich ist. (1,21).
Thukydides beschreibt Situationen und lotet Handlungsspielräume aus. Vielleicht hat er gehofft, dass Staatsmänner aus seinem Werk lernen könnten, ihr Handeln am Möglichen auszurichten, statt immer weiter gesteckten Zielen nachzujagen. Er selbst bezeichnete sein Werk als einen „Besitz für immer“ („ktema eis aei“).
Ein Beispiel für die distanzierte und um Objektivität bemühte Art der Darstellung ist der Bericht über das Verhältnis der Athener zu ihren Bundesgenossen im Delisch-Attischen Seebund, den wir auf den folgenden Seiten zitieren. Thukydides beurteilt beider Verhalten kritisch: Die Athener führen ein zu hartes Regiment und erzeugen Unzufriedenheit, die Bundesgenossen entziehen sich kurzsichtig und aus Bequemlichkeit der Heeresfolge, zahlen lieber den Tribut, als Schiffe zu stellen, und vergrößern so die Macht der Athener, während sie ihre eigene Kriegstauglichkeit mindern. Diese scharfe Kritik gilt auch für das Verhalten vieler Kykladeninseln in dieser Epoche.
Ein Konflikt schlägt hohe Wellen – Der Perserkrieg und die Kykladen
Der Perserkrieg begann mit einem Aufstand der an der Westküste Kleinasiens gelegenen Griechenstadt Milet gegen das Perserreich (Ionischer Aufstand). Anlass zu diesem folgenreichen Ereignis gab ein fehlgeschlagener Versuch des dortigen Stadttyrannen, Aristagoras, mit Unterstützung des persischen Statthalters Artaphernes die reiche Insel Naxos zu erobern. Um die Niederlage wettzumachen, stürzte er sich in das Abenteuer des Krieges mit den Persern, das länger als 50 Jahre dauern und erst 448 v. Chr. mit dem sogenannten Kalliasfrieden seinen Abschluss finden sollte Die Schlachten bei Marathon (490 v. Chr.), bei den Thermopylen (490 v. Chr.), bei Salamis (480 v. Chr.) und schließlich bei Platää (479 v. Chr.) markieren den Verlauf des Krieges und benennen zugleich die Orte der persischen Niederlagen.
Die meisten Kykladeninseln konnten sich jedoch nicht des Zugriffs der Perser erwehren. Sie wurden zum Heeresdienst verpflichtet und mussten Geiseln stellen. Lediglich Delos verschonte der persische Großkönig wegen seiner religiösen Bedeutung. Manche Inseln wie Naxos erlitten schwerste Zerstörungen.
Die Athener ließen nach ihrem Sieg die perserfreundlichen Inseln nicht ungeschoren davonkommen. Es heißt, der siegreiche Feldherr Themistokles forderte von ihnen Geld und drohte, er würde sie, falls sie die Zahlung verweigerten, mit der hellenischen Flotte belagern und erobern. Bei Herodot heißt es:

Mit dieser Drohung erpresste er große Summen von den Bewohnern der Stadt Karystos (auf Euböa) und von den Pariern. … Ob auch andere Inseln Geld gezahlt haben, weiß ich nicht. Ich glaube aber, dass außer den Genannten auch einige andere gezahlt haben. … Die Karystier wurden trotz der Zahlung nicht verschont. Die Parier konnten mit ihrem Geld Themistokles besänftigen und die Kriegsgefahr abwenden. So trieb Themistokles von Andros aus ohne Wissen der anderen Feldherrn Geld von den Inselbewohnern ein. (8,112).
Ob Herodot dem Themistokles gerecht wird, sei dahingestellt. Es ist damit zu rechnen, dass die Opposition in Athen ein Interesse daran hatte, sein Bild zu verdunkeln.
Die Athener hatten zuerst die Siege über die Perser mit der Flotte errungen, die Spartaner mit dem Heer, und dann gingen sie zügig daran, die Situation zu nutzen und ihre Seeherrschaft zu sichern und auszubauen. 478 / 77 v. Chr. gründeten sie den Delisch-Attischen Seebund zum Schutz der kleinasiatischen Küstenstädte und der ägäischen Inseln vor einem erneuten Angriff der Perser. Die Mitglieder verpflichteten sich, entweder Schiffe zu stellen oder Geld zu zahlen, das zunächst im Tempel des Apollon auf Delos, später (454 v. Chr.) auf der Akropolis in Athen deponiert wurde. Waren im Grunde genommen alle Mitglieder formell gleichberechtigt, so reklamierte dennoch Athen dank seiner Macht und großen Flotte die uneingeschränkte Führung, ein Zustand, der Missfallen erregte. Immer wieder versuchten daher Bündnispartner, ihre Unabhängigkeit zurückzuerlangen,

hauptsächlich, weil sie mit der Zahlung ihrer Beiträge oder mit der Stellung von Schiffen im Rückstand waren. Manche wollten sich auch gänzlich der Heeresfolge entziehen. Denn die Athener führten ein strenges Regiment und zeigten Härte jenen gegenüber, die es nicht gewohnt oder nicht willens waren, sich anzustrengen. In diesen Fällen griffen sie zu Zwangsmaßnahmen. Auch sonst übten sie die Herrschaft bald nicht mehr zur Zufriedenheit der Bundesgenossen aus. Sie betrachteten sie bei Kriegszügen nicht als gleichberechtigt und konnten die Abtrünnigen leicht wieder in ihre Gewalt bringen. Daran waren die Bundesgenossen selbst schuld. Wegen ihrer Abneigung gegen den Kriegsdienst waren die meisten, um nicht fern von der Heimat Dienst leisten zu müssen, die Verpflichtung eingegangen, statt Schiffe zu stellen lieber den auferlegten Betrag zu zahlen. So vergrößerten sie mit ihren Abgaben die Flotte der Athener, während sie selbst, wenn sie abfielen, ungeübt und unerfahren in den Krieg eintraten. (Thukydides, 1,39).
Perikles, der als einflussreicher Staatsmann von 461 bis 429 v. Chr. die Geschicke Athens leitete, nutzte die Gelder, um die Akropolis mit Prachtbauten zu schmücken. 449 v. Chr. begann der Bau des Parthenon, 432 v. Chr. der Bau der Propyläen. So haben auch die ägäischen Inseln zum Ruhm Athens beigetragen. Die Zweckentfremdung der Gelder löste in Athen heftige Diskussionen aus.
Als 431 v. Chr. der Peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta ausbrach, hing für Athen viel von der Loyalität der Inseln ab. Die Insel Melos, eine Kolonie der Spartaner, die sich 416 v. Chr. weigerte, Athen zu unterstützen, wurde kurzerhand erobert und grausam bestraft. 404 v. Chr. endete der Peloponnesische Krieg mit der Niederlage Athens. Die Mauern der Stadt wurden geschleift, der größte Teil der Flotte konfisziert und der Seebund aufgelöst. Auf den Inseln hatten nun die Spartaner das Sagen, ihre Herrschaft währte jedoch nicht lange. Man empfand sie als drückend, und als 378 v. Chr. die Gründung eines neuen Seebundes erfolgte, waren manche Inselstaaten wieder schnell bereit, diesem beizutreten. Dieser zweite Seebund blieb bestehen, bis die Makedonen ihn 338 v. Chr. auflösten. Wenige Jahre vor der Neugründung hatte der persische Großkönig Artaxerxes II. (404–356 v. Chr.) in einem Friedensvertrag, den er mit Athen und Sparta geschlossen hatte, den meisten ägäischen Inseln noch Autonomie gewährt (386 v. Chr.).
Könige und Kaiser regieren die Welt – Die Kykladen, Spielball der Mächtigen
Die Welt der griechischen Stadtstaaten ging zugrunde, als der König der Makedonen, Philipp II. (359–336 v. Chr.), im Jahr 338 v. Chr. bei Chaironea in Böotien die Heere der Athener, Thebaner und ihrer Verbündeten vernichtend schlug. Als Führer und Feldherr eines von ihm gegründeten „Korinthischen Bundes“ übte er fortan die Herrschaft über Griechenland aus.

Abb. 5 Bronzeporträt aus Delos, 2. Jh. v. Chr., Nationalmuseum Athen
Nach seinem Tod wurde sein Sohn Alexander (336–323 v. Chr.) König von Makedonien.
Unter den ihm nachfolgenden Herrschern (gr. Diadochen) aus unterschiedlichen hellenistischen Königsdynastien, deren Gründer allesamt Feldherren Alexanders waren, blieben die Kykladen zunächst unter makedonischem Einfluss. Sie wurden zu einem „Inselbund“ („Nesiotenbund“) zusammengeschlossen. Um 290 v. Chr. fielen sie an die makedonisch-ägyptischen Ptolemäer, die Thera zu einem wichtigen Flottenstützpunkt ausbauten. Der Bund bestand bis zur Mitte des 3. Jhs. v. Chr. Zu dieser Zeit gewann die Insel Rhodos an Einfluss, sie verlor ihn wieder, als sie den Makedonenkönig Perseus unterstützte, der 168 v. Chr. in der Schlacht bei Pydna den Römern unterlag. Um die Rhodier zu bestrafen, wurde Delos Athen zugesprochen und zum Zollfreihafen erklärt, was zu einem enormen Wohlstand der dortigen Siedlung führte, die unter römischer Herrschaft regelrecht aufblühte. Im Saal der hellenistischen Skulpturen des Athener Nationalmuseums stehen einige Skulpturen und Porträts aus dieser Phase (Abb. 5).
Seit der Zeit Alexanders gehörten die Kykladeninseln somit zu wechselnden Großreichen. Folglich waren sie zu Steuerzahlung und Heeresfolge verpflichtet, durften sich aber selbst verwalten. Sie taten das nach dem Vorbild Athens: Die Bürger traten in Volksversammlungen zusammen und wählten jährlich Beamte (gr. Archonten) und einen Rat (gr. Boule). Auch die Römer, die seit dem 3. Jh. v. Chr. mehr und mehr unter den Einfluss der griechischen Kultur geraten waren, gestanden ihren griechischen Untertanen einen hohen Grad an Autonomie zu. Griechisch durfte neben dem Lateinischen Amts- und Verwaltungssprache bleiben. Die neuen Machthaber hatten in erster Linie ökonomische Interessen. Sie forderten hohe Abgaben, eine Politik, die bei den Untertanen zu großer Unzufriedenheit führte. Aus dieser Verdrossenheit versuchte Mithridates VI. Eupator, König von Pontos (ca. 113–63 v. Chr.), zu Beginn des 1. Jhs. v. Chr. Kapital zu schlagen. Er bemächtigte sich Kleinasiens (91–87 v. Chr.) und erließ 88 v. Chr. in Ephesos den Befehl, in den kleinasiatischen Städten an einem festgesetzten Tag alle Römer und Italiker zu töten. Antike Historiker sprechen von 80.000, ja, 150.000 Toten. Das griechische Festland und die Kykladen schlossen sich ebenfalls größtenteils dem neuen Machthaber an. Ungeachtet dessen wurden viele Inseln von Mithridates selbst (88 v. Chr) oder einem seiner Verbündeten (69 v. Chr.) überfallen und geplündert. Von den Folgen konnten sie sich lange nicht erholen. Erst 63 v. Chr. gelang es den Römern, Mithridates zu besiegen.
Die Römer hatten 146 v. Chr. die ägäischen Inseln zusammen mit dem griechischen Festland und Makedonien zur römischen Provinz „Macedonia“ vereinigt. Als die Provinz 27 v. Chr. auf Veranlassung des ersten römischen Kaisers Augustus geteilt wurde, bildeten sie mit Griechenland zusammen die Provinz „Achaea“. Die Herrschaft der römischen Kaiser stellte die längste Friedenszeit in der Antike für die Kykladen dar. Allenthalben entwickelte sich neuer Wohlstand.
Epilog – Die Zeiten verdüstern sich
Seit der Teilung des Imperium Romanum in ein West- und ein Ostreich (395 n. Chr.), gehörten Griechenland, Makedonien und die ägäischen Inseln zum Ostreich, aus dem das Byzantinische Reich hervorging. Vom 8. Jh. an häuften sich Überfälle von Seeräubern, islamischen Sarazenen und christlichen Normannen. Die Inseln wurden nach und nach entvölkert.
1054 trennten sich dann die griechische Kirche des Ostens und die lateinische Kirche des Westens voneinander. Als 1204 die „Franken“ auf ihrem 4. Kreuzzug, unter der Führung des venezianischen Dogen Enrico Dandolo, Konstantinopel eroberten und plünderten, gründeten sie auf dem Gebiet des Byzantinischen Reichs ein „Lateinisches Kaiserreich“. Diesen Herrschaftsumschwung ausnutzend errichtete Marco Sanudo, ein Neffe des Dogen, 1207 auf der Insel Naxos ein eigenes Herzogtum, das er „Archipelagos“ (aigaion pelagos, Ägäisches Meer) nannte und dem u. a. Paros, Thera und Mykonos angehörten. Sanudo residierte auf Naxos, während er mit den anderen Inseln seines Herrschaftsbereichs einflussreiche venezianische Familien belehnte.
Die Eroberer bildeten allerdings nur eine kleine Oberschicht, die in den Städten wohnte. Sie verhielten sich tolerant und ließen den griechischen Untertanen ihren orthodoxen Glauben. Wie alle Herren forderten aber auch sie hohe Abgaben, mit denen sie den Bau ihrer Burgen finanzierten. Viele Kykladengriechen verlegten sich deshalb auf das Geschäft der Piraterie, andere wanderten nach Kreta aus.
Schon in der ersten Hälfte des 14. Jhs. wurden die Inseln mehrfach von muslimisch-türkischen Verbänden geplündert und viele Einwohner verschleppt. 1537 eroberte Chairedin, ein zum Islam konvertierter Christ, der wegen seines roten Vollbarts „Barbarossa“ genannt wurde, im Dienst des Sultans die Inseln und machte sie tributpflichtig. Wiederum verließen viele der Bewohner daraufhin ihre Heimat.
Eine der versklavten Frauen, die auf Paros geborene vornehme Venezianerin Cecilia Venier-Baffo, verschlug es in den Harem des Sultans Selim II. (1566–1574). Sie wurde Mutter des Sultans Murat III. (1574–1595), der den Inseln dank seiner Herkunft großzügig Privilegien gewährte.
Bis 1577 regierte noch ein vom Sultan eingesetzter Herrscher, ein portugiesischer Jude, Jussuf Nassy, anschließend übernahmen die Türken endgültig selbst die Herrschaft und Verwaltung. Sie waren keine Seefahrer, deshalb siedelten sich nur wenige von ihnen auf den Inseln an. Sowohl den griechisch-orthodoxen als auch den römisch-katholischen Christen gegenüber verhielten sich die Türken tolerant. Kirchen durften gebaut werden und geistliche Orden konnten sich betätigen.
Trotz dieser relativen kulturellen Unabhängigkeit spielten die Kykladeninseln im griechischen Freiheitskampf mit ihren Schiffen, erfahrenen Seeleuten und Kapitänen eine wichtige Rolle. 1830 schlossen sie sich folgerichtig dem neu gegründeten griechischen Staat an.
Die Reise geht los: Eine besondere Beziehung – Athen und der Nordwind

Abb. 6 Turm der Winde, Römische Agora Athen, 1. Jh. v. Chr.
Nach dem gewiss anstrengenden Schnellkurs in Sachen Inselgeschichte ist es Zeit, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und endlich die Überfahrt zum ersten kykladischen Reiseziel anzutreten. Dabei sollte man die Warnungen so mancher Reiseführer nicht leichtfertig sprichwörtlich in den Wind schlagen. Denn zu Recht wird einem geraten, zu jeder Reisezeit einen Windschutz einzupacken. Besonders im Juli/August sind die von Norden wehenden Winde, der Meltemi oder die Etesien, besonders stark spürbar. „Meltemi“ ist ein türkisches Wort, das die Winde euphemistisch als „lind“ bezeichnet, Etesien nannten sie die Griechen (Herodot, 6, 140), weil sie Jahr für Jahr (etos heißt Jahr) mit zuverlässiger Regelmäßigkeit aufzutreten pflegten. Die Griechen wären nicht die Griechen, wenn sie den Wind nicht als Gott personifiziert, mit einem Namen versehen und mit einem Mythos ausgestattet hätten: Sie nannten ihn Boreas. In Athen ist er auf dem Fries des sogenannten „Turms der Winde“ aus dem 1. Jh. v. Chr., ein Bauwerk der römischen Agora, als ein geflügelter, bärtiger Mann abgebildet, der einen Mantel trägt und in eine Muschel bläst (Abb. 6). Der Mythos weiß von seiner Liebe zu Oreithyia, einer der Töchter des attischen Königs Erechtheus. Der römische Dichter Publius Ovidius Naso (43 v. Chr.–17 / 18 n. Chr.) erzählt die Geschichte in den „Metamorphosen“, den „Verwandlungsgeschichten“, obwohl in diesem Fall niemand seine Gestalt ändert:

Lange entbehrte der Gott die geliebte Orithyia,
während er um sie warb und lieber den Bitten als roher
Kraft vertraute. Als er aber mit Schmeicheleien
nichts erreichte, ergriff ihn heftiger Zorn – nach seiner
Art und nach der Gewohnheit von Winden –, und er sagte:
„Das geschieht mir recht! Denn warum habe ich auf meine
Waffen verzichtet, auf die Grausamkeit, die Gewalt, den
Zorn und die Drohung und habe mich auf das Bitten verlegt, das
gar nicht zu mir passt. Gewalt ist meine Domäne.
Mit Gewalt vertreibe ich die finsteren Wolken,
wühle mit Gewalt das Meer auf, knorrige Eichen
knicke ich, härte Schnee und schlage die Erde mit Hagel.
Treffe ich am heiteren Himmel meine Brüder,
das ist nämlich mein Schlachtfeld, dann strenge ich mich an und
ringe mit ihnen so, dass von unseren Kämpfen ein Donner
mitten durch den Äther dröhnt und Feuerstrahlen
aus den hohlen Wolken herausgeschleudert werden.
Steige ich hinab in die Tiefe der gewölbten
Erdengänge und lege ungestüm den Rücken
unter die untersten Höhlungen, scheuche ich die Toten
auf und lasse den ganzen Erdkreis erzittern. Mit solcher
Mühe hätte ich um die Ehe werben sollen.
König Erechtheus hätte ich nicht um die Tochter bitten,
sondern handelnd zum Schwiegervater machen sollen.“
So oder ähnlich – aber gewiss nicht weniger trotzig –
sprach der Windgott, spannte die Federn aus und schlug die
Flügel; die ganze Erde spürte den Luftzug. Die weite
Fläche des Meeres wogte, und hoch über alle Gipfel
zog er seinen staubigen Mantel und fegte mit ihm den
Boden. Im Schutz der Finsternis traf und umarmte er liebend
Orithyia mit seinen goldenen Flügeln. Sie war zu
Tode erschrocken. Die Flammen seiner Liebe wurden
durch die Bewegung immer stärker entfacht. Der Räuber
hat seinen Flug durch die Lüfte erst dann beendet, als er
bis zum thrakische Volk der Kikonen und bis zu ihrer
Stadt gelangt war. Die attische Jungfrau wurde dort die
Gattin des Herrschers und Mutter zweier Kinder, Söhne,
Zwillinge, die vom Vater die Flügel geerbt hatten und der
Mutter Orithyia in allem anderen glichen (6, VV. 683–714).
Am Ende hat der wilde Gott sein Ziel erreicht und die Windsbraut erobert. Das wird ihn beruhigt haben. Da aber, wie es heißt, heftiger Zorn zu seinem Wesen gehört, findet er immer wieder neue Gründe, sich zu erregen, über die Erde zu fegen, Staub aufzuwirbeln und das Meer wogen zu lassen. Zum Glück weht er nicht immer so heftig wie in dieser Geschichte, aber er fackelt nicht lange. Er nimmt sich nicht die Zeit, sich anzukündigen, er ist ganz plötzlich da. Athen, der Startort unserer Reise, und er haben schließlich eine besondere, geradezu verwandtschaftliche Beziehung.
Mit Sturmgebraus übers Meer – Von Seenot und Schiffbrüchen
Es liegt uns fern, den interessierten Reisenden, die sich anschicken die Kykladen zu erkunden, Angst zu machen, wenn wir – sozusagen zur literarischen Einstimmung auf die anstehende Fährfahrt – zusätzlich von einem gewaltigen Seesturm sowie einem veritablen Schiffbruch berichten. Wir tun es, um unsere Leserinnen und Leser mit der ältesten und sehr eindrucksvollen Schilderung eines derartigen Ereignisses bekannt zu machen. Sie steht in Homers Odyssee (ca. 700 v. Chr.). Es mag zur Beruhigung beitragen, dass Odysseus, bevor der Sturm losbricht, 17 Tage bei ruhiger See unterwegs war und dass die Geschichte gut ausgeht: Odysseus wird gerettet. Und schließlich durchqueren wir das Meer auch nicht mehr auf Flößen.
Odysseus hatte viele angenehme und entspannte Jahre bei der schönen Nymphe Kalypso verbracht. Als er endlich nach Hause strebt, stellt sich ihm Poseidon, der Gott des Meeres, in den Weg: Ein Sturm soll ihm die Heimkehr, wenn nicht verwehren, so doch erschweren. Es ist nicht das einzige Unwetter, in das der Held auf seiner Irrfahrt gerät, zudem ist er auf einem Floß unterwegs.

Da ergriff der Gott mit den Händen den Dreizack, führte
alle Wolken zusammen, wühlte das Meer auf, ließ aus
all den verschiedenen Winden Wirbel entstehen und hüllte
Meer und Land in Wolken. Vom Himmel breitete sich die
Nacht aus. Zusammen stürzten die Winde aus dem Osten,
aus dem Westen herab, der widrige Südwind und der
aus dem heiteren Äther geborene Nordwind (Boreas), und sie
wühlten das Meer auf. Odysseus wurden die Knie schwach,
und sein Mut sank, bekümmert sprach er zu seinem stolzen Herzen:
„Ach, ich Armer, was soll denn am Ende aus mir noch werden?
Welche Wolken hat Zeus gesammelt, den weiten Himmel
zu umgeben! Er erregte das Meer, aus vielen
Winden entstandene Wirbelstürme drängen heran, ich
werde jetzt dem jähen Verderben nicht mehr entgehen. …“
Kaum hatte er gesprochen, da drängte eine große
Woge furchtbar gegen ihn an, sie traf ihn und warf das
Floß im Wirbel um. Er fiel in weiter Entfernung
von dem Floß ins Meer, und das Steuerruder entglitt den
Händen, ein starker Windstoß brach den Mastbaum mitten
durch, der Stoß war aus unterschiedlichen Winden entstanden.
Weit entfernt ins Meer fiel das Segel, fiel die Segelstange
der Wind stieß Odysseus unter Wasser.
Lange tauchte er nicht auf, so groß war die Kraft der
großen Woge. Ihn beschwerten die Kleider. Spät erst
tauchte er wieder auf und spie das bittere Wasser
aus, das ihm in reichlicher Menge vom Kopf herabfloss.
Trotzdem dachte er an das Floß, so erschöpft er war, er
schwamm ihm nach in den Wogen, ergriff es, setzte sich mitten
in das Floß. So entging er gerettet dem Schicksal des Todes.
Wogen trugen das Floß mit der Strömung bald hierhin, bald dorthin.
Wie im Herbst der Nordwind (Boreas) Disteln, die aneinander
haften, über die Ebene trägt, so trugen nun die
Winde das Floß bald hierhin, bald dorthin. Jetzt warf der Südwind
es dem Nordwind zu, es vor sich her zu treiben,
jetzt überließ es der Ostwind dem Westwind zur Verfolgung.
(5, VV. 291–332 mit Auslassungen).
Dank dem Rat, die Kleider auszuziehen, das Floß zu verlassen und schwimmend der Kraft der Arme zu vertrauen, wurde Odysseus durch göttlicher Hilfe gerettet. Wer im Ägäischen Meer von Insel zu Insel reist, tut gut daran, es mit Muße zu tun. Ab und zu müssen selbst die großen robusten Fähren im Hafen bleiben. So groß ist Macht der Windgötter.
Ein Selbstmörder gibt dem Meer seinen Namen
Bei der Fahrt über das Meer hat man ausreichend Zeit zum Nachdenken. Wir nutzen es, um uns Gedanken über seinen Namen zu machen. Die Ägäis ist ein Arm des Mittelmeers, der das griechische Festland und die kleinasiatische Küste voneinander trennt und zugleich miteinander verbindet. Im griechischen Mythos kommen zwei Figuren vor, die mit dem Meer in Verbindung gebracht werden.
Die bekannteste Gestalt ist Aigeus. In der 431 v. Chr. im Dionysostheater aufgeführten Tragödie „Medea“ des Euripides lernen wir ihn als einen weisen, hilfsbereiten, rechtlich denkenden Menschen kennen. Er galt auch als eine Erscheinungsform des Poseidon: Aigai war der Name eines mythischen Ortes, der mit dem Meeresgott in Verbindung gebracht wurde (Homer, Ilias, 13, VV. 21 / 22). Seinem Sohn Theseus werden wir auf Naxos begegnen. Auf Kreta besiegte er mit Hilfe der Königstochter Ariadne den Minotaurus, auf Naxos verließ er sie schließlich, was schlimme Folgen nach sich zog. Wir wenden uns dem Schluss der Erzählung zu, die wir dem Werk des römischen Lyrikers C. Valerius Catullus (ca. 84–54 v. Chr.) entnehmen:

Theseus nimmt von Naxos aus Kurs auf Athen.
Theseus, von dunklem Nebel verblendet, entfielen alle
Weisungen aus dem vergesslichen Herzen, die er bis dahin
standhaft im Gedächtnis bewahrt hatte, und so zeigte
er auch nicht, die glückverheißenden Segel hissend,
seinem bangen Vater, dass er wohlbehalten
heimkehre in die Stadt des Erechtheus. Denn – so erzählt man –
einst, als Aigeus den Sohn, der die Mauern Athens mit seiner
Flotte verließ, den Winden anvertraute, umarmte
er den jungen Mann und gab ihm folgenden Auftrag:
„Du, mein einziger Sohn, den ich bei weitem mehr noch
liebe als mein Leben, den ich jetzt in Gefahren
schicken muss, der du mir kürzlich erst in meinem
hohen Alter wiedergeschenkt worden bist, nun, da dich
gegen meinen Willen mein Geschick und deine
feurige Tapferkeit mir entreißen, obwohl die müden
Augen noch nicht gesättigt sind vom Anblick des lieben
Sohnes, wisse: Traurig lasse ich dich ziehen,
und ich will nicht dulden, dass du Zeichen des Glücks trägst,
sondern ich will zuerst, laut klagend, meine grauen
Haare mit Erde und Staub verunstalten, dann gefärbte
Segel an dem schwankenden Mastbaum hissen, damit das
dunkle Tuch den brennenden Schmerz meines Herzens anzeigt.
Wenn die Athena, die dem Geschlecht und Haus des Erechtheus
Schutz versprach, erlaubt, dass du deine Rechte mit dem
Blut des Minotaurus besprengst, dann achte darauf, dass
dieser Auftrag fest in deinem Herzen verankert
bleibt und keine Zeit ihn auslöschen kann: Wenn deine
Augen unsere Hügel erblicken, dann sollen die Masten
von dem traurigen Kleid befreit werden und die gedrehten
Taue weiße Segel hissen, damit ich sie so
schnell wie möglich sehe und Grund zur Freude habe,
wenn eine glückliche Zeit dich in die Heimat zurückbringt.“
Theseus behielt bis jetzt diesen Auftrag in seinem Herzen.
Jetzt entglitt er aber seinem Gedächtnis wie Wolken,
die, vom Wind verjagt, des schneebedeckten Berges
luftigen Gipfel verlassen. Der Vater spähte ängstlich
von der Höhe der Burg. Die ständig fließenden Tränen
hatten die Augen getrübt. Kaum sah er das rot gefärbte
Segel, stürzte er sich hinab von der Höhe des Felsens.
Glaubte er doch, ein gnadenloses Schicksal habe
Theseus vernichtet. So also war das Haus befleckt vom
Tod des Vaters, als der todesmutige Theseus
es betrat. Wie er der Minostochter einst mit
rücksichtslosem Herzen Leiden zugefügt hatte,
so empfing er selbst nun Schmerzen. (64, VV. 207–248).
Der Mythos von Aigeus als dem Herrscher, dem die Ägäis ihren Namen verdankt, verbindet Athen mit dem Meer, mit Kreta und Naxos. Mit dieser Erzählung konnten die Athener ihren Herrschaftsanspruch begründen, und in ihr spiegelt sich vielleicht das von den Mykenern herbeigeführte Ende der kretisch-minoischen Seeherrschaft.
Aigeion, der gestürzte Riese – Symbol der Bedrohung
Die Griechen kannten aber noch eine zweite Mythengestalt, deren Name auf das Meer verweist. Aigeion nannten die Menschen das hundertarmige Wesen, das bei den Göttern Briareos hieß (Homer, Ilias, 1, VV. 403 / 4). Von ihm erzählt Hesiod, der im 7. Jh. v. Chr. ein Werk über die Entstehung der Götter mit dem Titel „Theogonia“ verfasste. Nachdem die Erdgöttin Gaia und der Himmelsgott Uranos aus dem Chaos entstanden waren, brachten sie die Titanen, deren jüngster Kronos war, und die Kyklopen hervor, die in der Mitte der Stirn ihr einziges Auge trugen. Weiter fährt er fort:

Aber noch andere waren von der Erde und dem
Himmel entsprossen. Drei Söhne, Riesen, unnennbaren Namens:
Kottos, Briareos und auch Gyges, Kinder voll Hochmut.
Hundert Arme streckten sich aus ihren Schultern vorwärts,
klotzig und ungefüge, und fünfzig Köpfe entsprossen
jedem aus seinen Schultern, die auf starken Gliedern
ruhten. Grausig waren ihr Wuchs und ihre Kräfte.
Diese waren von allen, die dem Uranos und der
Gaia entsprossen, die schrecklichsten Kinder. Sie waren von Anfang
an dem Vater verhasst. Sobald sie geboren wurden,
hinderte er sie daran, ans Licht zu gelangen, und barg sie
tief im Schoß der Erde, Uranos. An seinem Frevel
hatte er seine Freude. (VV. 147–159).
Das Chaos, am Anfang die Abwesenheit der Ordnung und dann ihre stete Bedrohung, wurde durch die Herrschaft des Uranos überwunden. Doch diese Herrschaft währte nicht ewig. Kronos, der Sohn, stürzte den Vater, indem er ihn kastrierte. Die Kastration ist die mythische Figur des Vatermordes. Durch diesen Frevel ging die Herrschaft vom Vater auf den Sohn über. Aber auch die Herrschaft des Kronos währte nicht ewig. Seine Kinder, Zeus und seine Geschwister, erhoben sich gegen ihn, stürzten ihn und warfen ihn sowie die anderen Titanen in den Tartaros, in dem sie, da sie unsterblich waren, gemeinsam mit den Hundertarmigen und den Kyklopen weiter existierten.

Der früher groß war, Uranos,
der gewaltige, alles besiegende Herrscher
am Anfang der Welt –
keiner spricht mehr von ihm. Er war.
Der nach ihm kam und ihn bezwang, Kronos,
der Krummes Sinnende,
auch er fand seinen Bezwinger
und ist nicht mehr.
Wer aber an Zeus denkt, den Sieger,
der gewinnt Einsicht, Verständnis des Ganzen.
Er brachte die Menschen auf den Weg zum Denken,
zum richtigen Denken.
Er gab das Gesetz: Durch Leiden lernen.
Tun, leiden, lernen.
Selbst in den Schlaf tropft die Sorge
und rinnt zum Herzen, Sorge,
die das Leiden nicht vergessen kann,
und es wächst wider Willen weiser Sinn.
Irgendwie aufgezwungen
ist die gütige Gabe der Götter,
die erhaben am Weltruder thronen.
(Aischylos, Agamemnon, VV. 167–183; Übersetzung: Peter Stein).
Der Mythos berichtet, wie aus dem Chaos der Kosmos entsteht, und zugleich, wie der Kosmos ständig von den im Tartaros lebenden unsterblichen dämonischen Kräften bedroht ist. Die Titanen, die Kyklopen, der hundertarmige Aigeion – sie leben, und sie wirken in den aufgewühlten, Menschen verschlingenden Fluten der Ägäis, in den Städte vernichtenden Eruptionen der Vulkane. Sie erinnern den Menschen an seine und seiner Welt Vergänglichkeit.
Mythen begegneten den Menschen nicht nur in der Literatur, sie waren in der Antike allgegenwärtig. In den Friesen, Metopen, Giebeln der Tempel wurden Mythen dargestellt, auf Gegenständen des täglichen Gebrauchs, Vorratsgefäßen und Trinkbechern, auf Mosaiken sowie Bildern in den Häusern.
Mythen sind zeitlos. Sie argumentieren und beweisen nicht, sie erzählen. Sie sind wahr und gültig. Sie führen auf den Ursprung zurück. Sie deuten die Welt, suchen Zugang zu ihrem Verständnis. In ihnen äußert sich die Vernunft nicht weniger als in der Wissenschaft und Philosophie, nur anders.
Auf unserer Reise durch die Inselwelt der Kykladen werden wir auf weitere mythische Geschichten stoßen und erleben, wie sehr der Mythos das Denken der antiken Griechen geprägt hat. Insofern sind die Kykladen vor allem auch Schauplätze der heidnischen Götter- und Sagengestalten. In ihren Geschichten entfaltet sich ein reiches Panorama griechischer Kultur und Geschichte, das wir auf unsere Reise kennenlernen wollen.
Melos –
Die gottverlassene Insel

Abb. 7 Felsige Steilküste von Melos
Melos – in neugriechischer Aussprache Milos (Apfel) – liegt in gewisser Weise abseits der heutigen Reiserouten (Abb. 7). Wenn über die Kykladen gesprochen wird, so spielt die Insel dabei kaum eine Rolle. Sie ist weder das Traumziel der partybegeisterten Sonnenhungrigen noch das der am klassischen Griechenland interessierten Bildungsreisenden. Doch hatte Melos nicht immer eine solche Außenseiterrolle inne. Man braucht schon ein wenig Vorstellungskraft, will man sich die immense Bedeutung klarmachen, die Melos in der Vergangenheit für sich reklamieren konnte.
Begehrtes Gestein – Früher Fernhandel
Genauer gesagt war die Insel in prähistorischer Zeit ein Zentrum durchaus global zu nennender Handelsverbindungen. Der Grund hierfür lag in den reichen Obsidianvorkommen, die im östlichen Mittelmeer nahezu einzigartig sind. Aus diesem vulkanischen Glasfluss ließen sich schon im Neolithikum durch Spaltung sehr scharfe Klingen herstellen, die selbst in der Bronzezeit durchaus konkurrenzfähig gegen die viel schneller stumpf werdenden Metallschneiden waren. Noch die mykenischen Kriegsherren nutzten beispielsweise im 16. Jh. v. Chr. statt bronzener Pfeilspitzen solche aus Obsidian, wie ein entsprechender Fund von 45 Stück aus dem Schachtgrab vier von Mykene belegt. Wann und durch wen die melischen Obsidianfelder entdeckt wurden, ist freilich äußerst umstritten. Die frühesten Zeugnisse für Obsidian aus Melos – nachgewiesen durch chemisch-physikalische Untersuchungen – stammen aus einer Höhle bei Ermioni in der Argolis und werden ins 8. Jt. v. Chr. datiert. Funde in Thessalien, auf Kreta und in Makedonien, die wohl dem 7. und 6. Jt. v. Chr. angehören, belegen die weitere Verbreitung des melischen Obsidians. Problematisch ist daran, dass sich für diese Frühzeit bislang keine Siedlungsspuren auf Melos nachweisen lassen, was bedeuten würde, dass die Inselvorkommen nur von Externen genutzt und damit auch entdeckt worden sind, was wiederum wenig glaubwürdig erscheint. Die Frage ist insofern von besonderer Tragweite, weil sie mit dem Beginn der europäischen Seefahrt verknüpft werden muss. Denn ohne eine solche, wenn auch nur mit sehr einfachen Booten und/oder Flößen, wäre es schlechterdings nicht vorstellbar, wie die nachweislich melischen Obsidianklingen von der Insel bis auf das Festland gelangt sein sollen.
Auf den Spuren der Globalisierung – Ein bronzezeitliches Handelszentrum
Für die Bronzezeit des 3. und 2. Jts. v. Chr. sind die Fakten dagegen etwas eindeutiger. In diesem Zeitraum verfügte Melos an der Ostküste, etwa 7 km von der heutigen Inselhauptstadt entfernt, über eine bedeutende Siedlung, deren moderner Flurname Phylakopi lautet (Abb. 8). Die Kenntnis dieser Stätte verdanken wir verschiedenen britischen Archäologenteams, die dort erstmals von 1896 bis 1899 und dann nochmals 1911 sowie schließlich in den 1970er-Jahren gegraben haben. Die bronzezeitliche Geschichte von Phylakopi kann durchaus bewegt genannt werden und spiegelt gleichsam die gesamtpolitischen Verhältnisse der Epoche mit ihren wechselnden, global agierenden Oberherren wider. Der Aufstieg der Siedlung ist ohne die benachbart liegenden großen Obsidianfelder von Demenegaki und Sta Nychia kaum vorstellbar, auch wenn wir nicht mit Sicherheit sagen können, ob die Menschen von Phylakopi Abbau und Handel tatsächlich kontrolliert haben. Immerhin entwickelte sich die Siedlung (Abb. 9) von einer dörflichen Struktur des 3. Jts. v. Chr. schon um 2000 v. Chr. zu einer regelrechten Stadt, die bereits über eine Befestigungsmauer sowie geradlinige Straßen verfügte. Leider sind keine schriftlichen Quellen aus dieser Zeit erhalten, die die damaligen Bewohner und ihre kulturellen Kontakte wieder lebendig werden lassen. An ihre Stelle treten aber in gewisser Weise die zahlreichen Keramikfunde, die einen Eindruck von den weitreichenden Handelsbeziehungen geben. So wurde nicht nur die einheimische Keramik bis auf das Festland exportiert, sondern zugleich wurden auch fremde Erzeugnisse importiert. Eine besonders prominente Rolle bei diesem interkulturellen Austausch dürfte das minoische Kreta mit seiner damals einzigartigen Hochkultur gespielt haben. Vielleicht hat es in Phylakopi auch regelrechte minoische Handelsniederlassungen und Werkstätten gegeben; die Verwendung der minoischen Linear-A-Schrift ist jedenfalls belegt. Diese sicherlich sehr lebendige Hafen- und Handelsstadt endete durch eine Katastrophe, deren Ursachen (Brand? Krieg?) wir nicht wirklich kennen. Bemerkenswert ist jedenfalls der sehr rasche Wiederaufbau, der ganz unter mykenischen Vorzeichen stand. Investiert wurde beispielsweise in eine monumentale Befestigungsmauer von mehreren Metern Dicke mit unterirdischen Gewölben, sogenannten Kasematten. Der Straßenverlauf blieb weiterhin orthogonal, doch baute man nicht direkt auf den Fundamenten der älteren zerstörten Häuser. Stattdessen kam es zur Errichtung neuer Bauten, die zudem sehr reich ausgestattet waren. So verfügten manche von ihnen ähnlich wie die in Akrotiri / Santorin über kostbare figürliche Wandmalereien. Besonders berühmt ist das heute im Athener Nationalmuseum aufbewahrte Fresko mit den fliegenden Fischen (Abb. 10). Die damaligen Herren der Siedlung sind im 16. Jh. v. Chr. sicher Mykener gewesen, deren wahrscheinliche Residenz im Nordosten der Stadt lag, wo sich eine Residenz mit einem charakteristischen Versammlungsraum (gr. Megaron) befindet, das im 14. Jh. v. Chr. in einen regelrechten mykenischen Palast umgewandelt wurde, der nicht nur aus einem Haupttrakt mit Vorhalle und 8 × 6 m großem Hauptraum bestand, sondern zudem einen Korridor aufwies, der zu einer Flucht von Nebenräumen führte. Die Wasserversorgung sicherte ein gut 9 m tiefer Brunnen. Besonders interessant ist schließlich ein architektonisches, unmittelbar an die Wehrmauer angebautes Ensemble im Süden der Siedlung. Hierbei dürfte es sich um ein spätmykenisches Heiligtum (Abb. 11) handeln, das zwei Komplexe umfasste. Um 1360 v. Chr. wurde zunächst das sogenannte Westheiligtum errichtet. Hierbei handelte es sich um einen 6 × 6,6 m großen Hauptsaal mit zwei gemauerten Tischen oder Altären, dessen Eingang an der Ostwand lag und der zwei westlich sich anschließende kleinere Nebenräume aufwies. Nordöstlich davon errichtete man später einen weiteren Komplex, das sogenannte Ostheiligtum. Um 1120 v. Chr. scheint die gesamte Anlage dann durch ein Erdbeben zerstört und anschließend nur sehr notdürftig repariert worden zu sein. Nur wenige Jahre später verließen die Bewohner Phylakopi schließlich endgültig. Immerhin lag der Zeitpunkt der Siedlungsaufgabe gut 100 Jahre nach dem Untergang der international bestens vernetzten bronzezeitlichen Staatenwelt. Um 1200 v. Chr. war es im gesamten Mittelmeerraum bereits zu weitreichenden Zerstörungen gekommen, die beispielsweise zum sukzessiven Verschwinden der mykenischen Palastkulturen führten.

Abb. 8 Ruinenfeld von Phylakopi

Abb. 9 Plan des Ruinenfeldes von Phylakopi

Abb. 10 Fliegende Fische, Freskomalerei aus einem Haus in Phylakopi, Nationalmuseum Athen

Abb. 11 Rekonstruierter Innenraum des Heiligtums von Phylakopi

Abb. 12 Sog. Lady von Phylakopi, 14. Jh. v. Chr., Archäologisches Museum Melos
Eine außergewöhnliche Frau – Die Lady von Phylakopi
Ein besonders spektakuläres Licht auf die damaligen kulturellen Verflechtungen werfen die vielen im Schutt der beiden Heiligtümer gefundenen tönernen Statuetten. So stellen beispielsweise zwei der vielen männlichen Statuetten einen keulenschwingenden Gott dar, wie er in dieser Gestalt vor allem aus dem Vorderen Orient bekannt ist. Besondere Berühmtheit erlangte eine immerhin gut 45 cm hohe weibliche Statuette mit ehemals erhobenen Armen, die als Lady von Phylakopi bekannt wurde und heute im Archäologischen Museum von Melos, im Hauptort (Plaka) der Insel bewundert werden kann (Abb. 12).
Ein noch berühmteres Idol – Die Venus von Milo und ihre spannende Entdeckungsgeschichte
Die tönerne Lady von Phylakopi stellt sozusagen das bronzezeitliche Pendant zu einer noch bekannteren Göttin aus Melos dar, die freilich bereits kurz nach ihrer Entdeckung ihre Heimat verlassen musste und in Paris ein neues Domizil fand. Von dort trat sie ihren Siegeszug als Idealbild weiblicher Schönheit an. Die Rede ist von der sogenannten Venus von Milo (Abb. 13), einer der bis heute meist bewunderten Statuen der Antike, die weltweite Bekanntheit genießt und neben Leonardo da Vincis Mona Lisa sowie der Nike von Samothrake zu den drei touristischen Tophighlights des Louvre zählt. Entsprechend global verbreitet sind die zahllosen Souvenirartikel und Fotografien dieser marmornen Diva.

Abb. 13 Venus von Milo, 2. Jh. v. Chr., Louvre Paris
Ihre Entdeckungsgeschichte führt weg vom prähistorischen Phylakopi zu einem anderen Schauplatz der Insel, nämlich dem eigentlichen historischen Melos der Antike, die einstige Hauptstadt lag oberhalb der heutigen. Von einigen Bauwerken blieben nennenswerte Ruinen erhalten. Im 19. Jh. war das Gelände noch weitgehend unberührt und die einheimischen Bauern des unweit gelegenen Dorfes Trypiti nutzten es für ihre Zwecke. In dieser Kulisse trat am 8. April 1820 der Bauer Giorgos Kentrotas auf den Plan. Er war auf der Suche nach geeignetem Baumaterial und dürfte nicht im mindestens daran gedacht haben, dass ihm an jenem Tag eine weltbewegende Entdeckung gelingen würde, die bald die Gedanken so mancher Männer beflügeln sollte. Die Wiederverwendung antiker Steine ist damals durchaus üblich und eigentlich seit der Spätantike Praxis gewesen. Man verbaute diese nicht nur, sondern verbrannte den Marmor gerne auch zu Kalk. Unzähliges wurde auf diese Weise ebenso unwiederbringlich vernichtet wie manches wenigstens bruchstückhaft gerettet. Mit welchen genauen Absichten sich Kentrotas ans Werk machte, lässt sich jedenfalls nicht mehr rekonstruieren. In der Nähe des antiken Theaters entdeckte er in einer Nische, der genaue Fundort ist heute durch eine Tafel an Ort und Stelle markiert, eine knapp über 2 m große weibliche Figur aus Marmor. Hilfe erhielt er von einem wohl zufällig in der Nähe sich aufhaltenden französischen Matrosen, dem späteren Obersten Olivier Vautier. Dieser half nicht nur bei der vollständigen Bergung, sondern fertigte auch erste Zeichnungen an. Zudem meldete er den Fund dem Marquis de Rivière, dem damaligen Botschafter Frankreichs beim osmanischen Sultan in Konstantinopel, zu dessen Reich die Insel zu dieser Zeit gehörte. Den Franzosen gelang es gegen Zahlung einiger Geldstücke, die Statue von Kentrotas zu erhalten, sie entgegen dem Befehl nach Konstantinopel zu verschiffen und als Geschenk an den damaligen französischen König nach Paris bringen zu lassen, wo sie bereits im November 1820 ankam. Schon ein Jahr später überließ Ludwig XVIII. die Statue dem Louvre. Dort erlangte sie rasch ihre bis heute andauernde Berühmtheit, die sie zu einem wahren Pilgerziel werden ließ. Worin aber bestand, beziehungsweise besteht der Reiz dieser Skulptur? Zum einen umgibt sie ein gewisses Rätsel. Denn ihr fehlen beide Arme, und die Frage der richtigen Rekonstruktion bewegt bis heute die wissenschaftlichen Gemüter. Doch lässt sich allein daraus wohl kaum die spezielle Aufregung um gerade diese Statue erklären, da fehlende Gliedmaßen bei nicht wenigen antiken Skulpturen zu beklagen sind und somit keinen Grund für eine besondere Berühmtheit abgeben. Es sind vielmehr das dargestellte Sujet sowie der Wirbel um eine falsche Künstlersignatur, die die Fantasie der Betrachter derart in Wallung brachten. Durch die Überlebensgröße sowie den nackten Oberkörper ist eindeutig klar, dass der Künstler ein Abbild der griechischen Liebesgöttin Aphrodite schuf. Angefertigt wurde sie wahrscheinlich zwischen 130 und 100 v. Chr. für eine Nische in einem Baukomplex, der als Gymnasion (Ausbildungsplatz für die männliche Jugend einer Stadt) diente. Eine ebenfalls gefundene, möglicherweise zugehörige Künstlersignatur nennt einen gewissen (Hage?)sandros, Sohn des Menides, aus Antiochia am Mäander. Die Fundumstände deuteten somit auf eine wenig spektakuläre einstige Funktion als Nischenschmuck eines größeren architektonischen Ensembles hin, und die Signatur eines unbekannten Bildhauers versprach zudem nicht gerade höchstes Prestige. Insofern hätte die Öffentlichkeit die Statue wahrscheinlich kaum beachtet, wären die Zeitumstände nicht anders gewesen. Mit Ludwig XVIII., dem Bruder des in der französischen Revolution hingerichteten Ludwigs XVI., war nach dem Sturz Napoleons ein Herrscher angetreten, dem ein schwieriges Erbe zufiel. So sah er sich gezwungen, die Kunstschätze des Louvre, die der Kaiser der Franzosen im Zuge seiner europäischen Eroberungskriege geraubt hatte, zum Großteil an die ursprünglichen Besitzer zurückzuerstatten, ein kolossaler Aderlass für die Sammlungen des Louvre. Es musste daher unbedingt Ersatz her für die berühmten Meisterwerke, die Paris wieder verließen. Die marmorne Venus kam da sozusagen gerade recht. Flugs verdrängte man aus der Diskussion den genauen Aufstellungskontext, vergaß die Künstlerinschrift irgendwo im Magazin – sie ist bis heute verschollen – und dichtete zu guter Letzt einen neuen Bildhauer hinzu, und was für einen. Plötzlich sollte ihr Urheber Praxiteles gewesen sein, der geniale und allseits bewunderte Schöpfer der schon in der Antike hochgerühmten, überaus schönen und vor allem vollkommen nackten Aphrodite von Knidos. Mit dieser plumpen Umetikettierung, die allein schon in chronologischer Hinsicht vollkommen unmöglich war – Praxiteles lebte und arbeitete schließlich im 4. Jh. v. Chr. – gelang dennoch ein genialer Coup. Sogleich beanspruchte das Marmorbild eine ungeheure Aufmerksamkeit. In der Fantasie ließen sich die anzüglichen Anekdoten etwa über die erotische Wirksamkeit der knidischen Aphrodite – so habe sich ein Jüngling nach Sonnenuntergang im Tempel einschließen lassen und anderntags ein Spermafleck am Oberschenkel der Statue Kunde vom nächtlichen Treiben gegeben – im prüden 19. Jh. allzu leicht auf ihr melisches Gegenstück übertragen. Kunstbeflissene Altertumswissenschaftler taten ihr Übriges dazu bei, indem sie nicht müde wurden, die Statue zum Inbegriff weiblicher Anziehungskraft schlechthin zu erklären. Der Sinnenreiz war umso höher, als man nicht aufhörte zu betonen, dass es sich bei der Aphrodite von Melos tatsächlich um ein originales griechisches Werk handele. Dies gewährte ihr in den Werturteilen des 19. Jhs. einen gewissen Vorsprung vor der bis dato als schönste weibliche Antike gepriesenen sogenannten Venus von Medici in den Florentiner Uffizien, da diese kein griechisches Originalwerk, sondern nachweislich eine kaiserzeitlich-römische Arbeit ist.
Die Heimatstadt der Venus
Auch auf Melos selbst ist von diesem Hype um ihre wahrscheinlich berühmteste Tochter zumindest ansatzweise etwas zu spüren. Immerhin steht im dortigen Museum eine Kopie der Statue, und in den Inselläden sind reichlich Souvenirstatuetten und andere Mitbringsel mit dem Konterfei oder in Gestalt der Aphrodite erhältlich. Wahre Besucherströme löst die Dame dagegen nicht aus, obwohl es an ihrem Fundort durchaus so manche interessante Ruine zu besichtigen gibt. Schließlich lag dort in der Antike die Hauptsiedlung der Melier. Nach der um 1100 v. Chr. erfolgten Aufgabe der bronzezeitlichen Siedlung von Phylakopi waren am Beginn des 1. Jts. v. Chr. dorische Siedler auf die Insel gekommen. Sie gründeten damals im Nordosten ihre neue Stadt Melos bewusst an der engsten Stelle, d. h. der Einfahrt in eine natürliche Bucht, da diese Lage ideale Bedingungen für die Schifffahrt und damit für Handel sowie Fischfang als Lebensgrundlagen bot. Eine zweite Hügelsiedlung befand sich am Propheten-Elias-Berg. Schon in archaischer und klassischer Zeit scheinen die Melier recht wohlhabend gewesen zu sein. Aufwändig dekorierte Grabgefäße, aber auch tönerne Reliefs sowie Steinplastiken künden hiervon. Die in Alt-Melos erhaltenen Ruinen stammen allerdings in der Regel erst aus späteren Epochen. So besaß die Stadt in hellenistischer Zeit ein großes offenes (Abb. 14), welches möglicherweise schon im 4. Jh. v. Chr. errichtet worden ist, sowie ein weiteres gedecktes Theater (gr. Odeion) und das bereits erwähnte Gymnasion. Die Mauern reichten bis zum Hafen hinab, wo es auch ein Heiligtum des Meeresgottes Poseidon gab und das heutige Fischerdorf Klima liegt. Der damalige Reichtum resultierte wohl in der Regel aus Bergbauerträgen. Noch heute stellt der Abbau von Mineralien die Haupteinnahmequelle der Insel dar. Unter römischer Herrschaft blieb der Wohlstand erhalten. Das Theater wurde umgestaltet und es konnten neue Bauten wie eine Halle (gr. Stoa) und sogar ein Heiligtum für Dionysos errichtet werden. Die recht weiträumige Ruinenlandschaft lädt zum Flanieren ein. Mit zu den beeindruckendsten Zeugen der Vergangenheit zählen die Katakomben, die unweit einer passenderweise Trypiti, d. h. „durchlöchert“, genannten Ortschaft liegen (Abb. 15). An dieser Stelle gab es bereits eine ältere Nekropole (Totenstadt), in der die antiken Melier ihre Verstorbenen begraben hatten. Vom Ende des 2. Jhs. bis zum 5. Jh. n. Chr. wurden hier dann mehrere tausend Tote in über 2.000 unterirdischen Gräbern beigesetzt. Diese melischen Katakomben zählen wegen ihrer Größe zu den bedeutendsten vergleichbaren Anlagen im ganzen Mittelmeerraum. Im Jahr 2009 hat die Heilige Synode der orthodoxen Christenheit Melos deshalb zur Heiligen Insel erklärt. In der Tat wurden hier vor allem auch Christen bestattet, doch sollte man sich vor Ort nicht verleiten lassen, mit dem Begriff der Katakombe zugleich blutige Christenverfolgungen, schauerliche Martyrien und geheime Gottesdienste zu verbinden. Die Katakomben waren schlichtweg eine unterirdische Friedhofsanlage und entbehrten in der Antike jeglichen Geheimnisses.

Abb. 14 Ruinen von Alt-Melos

Abb. 15 Katakomben von Trypiti
Schauplatz einer Tragödie – Der Untergang der Melier
Eine echte Tragödie spielte sich dagegen bereits in klassischer Zeit auf Melos ab. Auch wenn die erhaltenen Ruinen, wie bereits erwähnt, aus anderen Epochen stammen, so sollte man dennoch die Gelegenheit nutzen, vor Ort innezuhalten und sich hierzu am besten in das Theater begeben, von wo aus man zudem noch eine fantastische Sicht genießen kann, um sich dort des berühmten Melierdialogs aus dem Geschichtswerk des Thukydides (ca. 455 – ca. 400 v. Chr.) zu erinnern. Mit diesem Text erhält der Ort plötzlich eine ganz andere Bedeutung, und die einst dort lebenden Menschen werden in ihrem ganzen Unglück gleichsam wieder lebendig. Meer und Ruinenlandschaft verschwimmen zu einer grandiosen Kulisse für einen grausamen Konflikt von wahrhaft großer ethischer Bedeutung. Es geht schließlich um das auch heute noch topaktuelle Thema des Verhältnisses von Macht und Recht.
In den entsprechenden Passagen thematisiert der große Athener Historiker die blutigen politischen Auseinandersetzungen zwischen Athen und Melos, die schließlich dazu führten, dass die melischen Männer getötet, die Frauen und Kinder versklavt wurden.
Die Kapitel über den Dialog der Athener mit den Meliern stehen am Ende des 5. Buchs des thukydideischen Geschichtswerks (in heutiger Zählung Kapitel 84 – 116). Es spricht viel dafür, dass dies die Mitte des auf zehn Bücher berechneten unvollendeten Gesamtumfangs sein sollte. Die Kapitel sind auch dadurch hervorgehoben, dass Thukydides hier und nur hier die Form des Dialogs gewählt hat. Der Dialog ist keine wortgetreue Wiedergabe eines tatsächlich so geführten Gesprächs. Der Historiker äußert sich in einem Methodenkapitel darüber, wie er es mit dem Bericht über Reden gehalten hat:

Den genauen Wortlaut dessen, was die Einzelnen jeweils in einer Rede gesagt haben …, zu überliefern, war für mich, soweit ich die Rede selbst gehört habe, ebenso schwierig wie für die anderen, die sie an irgendeiner anderen Stelle gehört und mir berichtet haben. Wie mir nun die einzelnen Redner das, was im Hinblick auf die jeweilige Lage am ehesten erforderlich war, in ihrer Rede gesagt zu haben scheinen, so habe ich es aufgeschrieben; dabei habe ich mich so eng wie möglich an den Gesamtsinn des wirklich Gesagten gehalten.
(1, 22, 1).
D. h.: Form und Inhalt verantwortet der Autor. Er hält sich jedoch an das, was ihm über den jeweiligen Redner und seine politische Einstellung bekannt war, und an das, was der Redner in einer gegebenen Situation als das der Lage am ehesten Angemessene gesagt haben könnte. Mit anderen Worten: Thukydides bedient sich der Reden, um eine Situation im Hinblick auf die Gegebenheiten und die Intentionen der verantwortlich Handelnden zu analysieren. Die Reden haben den Stellenwert eines Kommentars. Der Melierdialog weicht insofern von den methodischen Grundsätzen ab, als der Historiker nicht wiedergibt, was tatsächlich gesagt worden ist, sondern das, was die Kontrahenten möglicherweise gedacht haben könnten.
Im Jahr 416 v. Chr. stand Athen im 15. Jahr des Peloponnesischen Krieges, der Auseinandersetzung mit dem Rivalen Sparta. Athen war eine Seemacht, seine Stärke beruhte auf dem Delisch-Attischen Seebund, den es 478 / 77 v. Chr. gegründet hatte und dem die kleinasiatischen Küstenstädte sowie die Inseln im Ägäischen Meer angehörten. Zweck des Bündnisses waren der Schutz vor einer persischen Aggression und die Sicherung der Handelswege.
422 / 21 v. Chr. hatten Athen und Sparta einen Friedensvertrag geschlossen, der 50 Jahre gelten sollte. Tatsächlich hatte der Krieg nur eine Pause eingelegt. Der Angriff der Athener auf Melos stellte vielleicht keinen Bruch des Vertrages, wohl aber eine Provokation der Spartaner dar. Melos erscheint zwar in den Listen derjenigen Städte und Inseln, die Athen damals tributpflichtig gewesen sind. Man vermutet, dass die Angabe rein fiktiv war.

84: Im darauffolgenden Sommer … zogen die Athener gegen die Insel Melos zu Felde. Das Aufgebot umfasste 30 eigene Schiffe, sechs aus Chios, zwei aus Lesbos, an eigenen Truppen 1200 Hopliten, 300 zu Fuß kämpfende und 20 berittene Bogenschützen; dazu kamen 1500 Hopliten von den verbündeten Inseln.
Melos ist eine Kolonie der Lakedaimonier und wollte sich – anders als die übrigen Inseln – den Athenern nicht unterwerfen. Es blieb zunächst neutral und nahm an den Kriegshandlungen nicht teil. Als die Athener aber ihr Land verwüsteten und die Melier so zur Unterwerfung zwingen wollten, traten diese offen in den Krieg ein.
Die Feldherrn Kleomedes, der Sohn des Lykomedes, und Trisias, der Sohn des Trisimachos, zogen mit dem oben genannten Aufgebot in das Land der Melier. Bevor sie aber dem Land Schaden zufügten, schickten sie Gesandte, um mit den Meliern zu verhandeln.
Die Melier führten die Gesandten nicht vor die Volksversammlung, sondern sie forderten sie auf, den verantwortlichen Beamten und dem nur aus wenigen Personen bestehenden „Rat der führenden Männer“ ihr Anliegen vorzutragen. Die Gesandten der Athener sagten folgendes:
85: Da wir nicht vor der Volksversammlung reden dürfen, damit das Volk nicht in einer zusammenhängenden Rede, die einmal vorgetragen wird, etwas Verlockendes und Unwiderlegbares hört und so von uns getäuscht wird. Denn wir wissen, dass ihr uns darum vor den kleinen Kreis des „Rats der führenden Männer“ geführt habt, so empfehlen wir euch, die ihr jetzt hier versammelt seid, noch vorsichtiger zu Werk zu gehen: Erhebt auch ihr nicht in einer einzigen Rede, sondern Punkt für Punkt bei allem, mit dem ihr nicht einverstanden seid, sogleich Einspruch und äußert eure Meinung. Sagt zuerst, ob ihr unserem Vorschlag zustimmt.
86: Die melischen Ratsherren antworteten: Euer freundlicher Vorschlag, dass wir uns in Ruhe gegenseitig die Meinung sagen, verdient keinen Tadel. Die Maßnahmen aber, die ihr zum Krieg schon getroffen habt und die ihr nicht erst für die Zukunft androht, stehen mit ihm nicht im Einklang. Wir sehen nämlich, dass ihr gekommen seid, um über das, was gesagt werden wird, zu richten, und dass das Ergebnis für uns, wenn wir mit unserem Rechtsstandpunkt die stärkeren Argumente auf unserer Seite haben und deswegen nicht nachgeben, wahrscheinlich Krieg bedeutet, wenn wir uns fügen, Sklaverei.
87: Die Athener: Wenn ihr hierhergekommen seid, um Vermutungen über die Zukunft anzustellen oder aus irgendeinem anderen Grund als dem, ausgehend von der Lage, die ihr vor Augen habt, über die Rettung eurer Stadt zu beraten, so können wir gleich aufhören. Wenn aber dazu, so wollen wir reden.
88: Die Melier: Es ist doch wohl natürlich und verzeihlich, dass Menschen, die sich in einer solchen Situation befinden wie wir jetzt, über vieles reden und nachdenken. Natürlich geht es in dieser Zusammenkunft um unsere Rettung, und wenn es euch recht ist, soll die Verhandlung in der von euch vorgeschlagenen Form stattfinden.
89: Die Athener: Wir haben selbst nicht vor, mit schön klingenden Floskeln viele Worte zu machen – dass wir zum Beispiel zu Recht die Herrschaft ausübten, weil wir die Meder besiegt hätten, oder dass wir euch zu Recht strafen wollten, weil uns von euch Unrecht angetan worden sei. Das würde ohnehin keinen Glauben finden. Und wir erwarten ebenso von euch, dass ihr nicht glaubt, uns beeindrucken zu können, wenn ihr betont, ihr wäret nicht mit uns zu Felde gezogen, weil ihr Stammesverwandte der Lakedaimonier seid, oder ihr hättet uns kein Unrecht zugefügt. Wir erwarten, dass wir beide das zu erreichen suchen, was auf Grund unserer wahren Überzeugungen möglich ist.
Ihr wisst so gut wie wir, dass im Verhältnis der Menschen untereinander von Recht nur dann die Rede sein kann, wenn die Macht gleich verteilt ist, und dass die Überlegenen alles durchsetzen, wozu sie in der Lage sind, die Schwachen in allem nachgeben müssen.
90: Die Melier: Unserer Meinung nach wäre es nützlich – wir sprechen gezwungenermaßen so, weil ihr es ja zur Grundlage der Verhandlung macht, vom Nutzen statt vom Recht zu sprechen – wenn ihr nicht darauf beharrtet, das Recht als gemeinsame Grundlage von der Verhandlung auszuschließen. Eher solltet ihr die Rücksicht auf einen, der in Bedrängnis gerät, als gerecht gelten lassen und ihm die Hilfe auch dann nicht versagen, wenn er, an einem strengen Maßstab gemessen, mit seinen Argumenten nicht hat überzeugen können.
Das sagen wir auch in eurem Interesse; denn solltet ihr einmal scheitern, so könnte euch die Rache der Sieger zu einem warnenden Beispiel für andere machen.
91: Die Athener: Über das Ende unserer Herrschaft, sollte es einmal eintreten, denken wir nicht nach. Denn diejenigen, die über andere herrschen, wie es auch die Lakedaimonier tun, sind für die Besiegten keine Gefahr. Wir kämpfen übrigens gerade gar nicht gegen die Lakedaimonier. Gefährlich ist es vielmehr, wenn die Unterworfenen sich auf die stürzen, von denen sie beherrscht werden, und sie besiegen. Überlasst es uns, mit dieser Gefahr fertig zu werden.
Dass wir zum Nutzen unserer Herrschaft hier sind und dazu, euch jetzt Vorschläge zur Rettung eurer Stadt zu unterbreiten, das wollen wir darlegen. Es ist unser Anliegen, dass wir die Herrschaft über euch kampflos erringen und dass ihr zu unser beider Nutzen gerettet werdet.
92: Die Melier: Inwiefern könnte es für uns ebenso nützlich sein, versklavt zu werden, wie für euch, zu herrschen?
93: Die Athener: Insofern ihr einen Vorteil hättet, wenn ihr euch freiwillig unterwerft, und wir einen Gewinn verbuchen, wenn wir euch nicht vernichten.
94: Die Melier: Dass wir uns aus dem Krieg heraushalten, Freunde statt Feinde sind und uns mit keiner Seite verbünden, das stellt euch nicht zufrieden?
95: Die Athener: Nein, eure Freundschaft schadet uns mehr als euer Hass. Freundschaft legen unsere Untertanen als Schwäche aus, Hass als Stärke.
96: Die Melier: Urteilen eure Untertanen so über das, was recht und billig ist, dass sie die Städte, die keine Beziehung zu euch haben, mit denen auf eine Stufe stellen, die von euch unterworfen worden sind? Die meisten sind unterworfen worden, weil ihr sie gegründet habt, einige dann noch einmal, nachdem sie abgefallen waren.
97: Die Athener: Unsere Untertanen meinen, dass es keiner der beiden Gruppen an einem Rechtsgrund fehle, dass aber die, die keine Beziehung zu uns haben, nur deshalb nicht unsere Untertanen seien, weil sie uns an Macht überlegen seien und wir nur aus Furcht nicht gegen sie vorgingen. Durch eure Unterwerfung würde unsere Macht vergrößert, und außerdem würdet ihr einen Beitrag zu unserer Sicherheit leisten, wenn ihr, die ihr schwächer seid als andere, euch nicht gegen uns, die seebeherrschende Macht, durchsetztet.
98: Die Melier: In unserer Neutralität seht ihr also keinen Beitrag zu eurer Sicherheit? Wie ihr uns verboten habt, auf der Grundlage des Rechts zu argumentieren, und uns dazu drängt, euren Nutzen im Auge zu haben, so müssen auch wir aufzeigen dürfen, was für uns nützlich ist, und versuchen, euch zu drängen, darüber nachzudenken, ob unser Nutzen nicht mit eurem zusammenfällt. Wie kann es sein, dass ihr euch nicht alle diejenigen, die jetzt neutral sind, zu Feinden macht, wenn sie auf unser Schicksal schauen und erwarten, dass ihr irgendwann auch gegen sie vorgehen werdet? Vermehrt ihr nicht mit eurem Vorgehen die Zahl der ohnehin schon vorhandenen Feinde, und macht ihr nicht diejenigen gegen ihren Willen zu euren Feinden, die bisher noch gar nicht daran dachten, Feinde zu werden?
99: Die Athener: Wir glauben nicht, dass die uns gefährlicher werden könnten, die auf dem Festland wohnen, … als die Inselbewohner, sei es, dass sie wie ihr noch frei sind, sei es, dass sie durch die erzwungene Unterwerfung verbittert werden. Denn die einen wie die anderen könnten sich am ehesten zu einer unüberlegten Handlung hinreißen lassen und sich und uns in eine offensichtliche Gefahr stürzen.
100: Die Melier: Wenn ihr nun so große Risiken auf euch nehmt, eure Herrschaft nicht zu verlieren, und es die Unterworfenen tun, von ihr befreit zu werden, dann würden wir, die wir noch frei sind, doch sehr schmählich und feige handeln, wenn wir uns nicht mit allen Mitteln dagegen wehren würden, unterworfen zu werden.
101: Die Athener: Nein, wenn ihr es vernünftig bedenkt. Denn es geht für euch ja nicht darum, mit uns von gleich zu gleich um den Preis der Tapferkeit zu kämpfen, und nicht darum, dass ihr euch nicht dem Vorwurf der Schande aussetzt, sondern es geht vielmehr um euer Leben, und das bedeutet, sich uns, den viel Stärkeren, nicht entgegenzustellen.
102: Die Melier: Wir wissen aber, dass im Krieg das Glück unparteiischer ist, als es die Stärke der Gegner erwarten lässt. Wenn wir jetzt gleich nachgeben, gibt es keine Hoffnung mehr; wenn wir aber handeln, dann besteht noch Hoffnung, dass wir uns behaupten.
103: Die Athener: Die Hoffnung, in der Gefahr ein Trost, mag denen, die aus der Position der Stärke auf sie vertrauen, zwar einmal schaden, aber sie vernichtet sie nicht. Wer aber alles aufs Spiel setzt, denn die Hoffnung ist von Natur aus verschwenderisch, erkennt ihr trügerisches Wesen erst, wenn er scheitert. Dann lässt sie ihm aber noch nicht einmal so viel zurück, dass er sich künftig vor ihr, die er doch jetzt durchschaut hat, hüten kann. Ihr, die ihr schwach seid und alles auf eine Waagschale legt, hütet euch vor einer derartigen Erfahrung. Seht zu, dass ihr es nicht macht wie die Vielen: Obwohl sie im Vertrauen auf ihre menschlichen Möglichkeiten ihr Leben noch retten könnten, wenden sie sich, sobald sie in Bedrängnis geraten und die Hoffnungen, auf die sie blickten, schwinden, unbegründeten Hoffnungen zu, der Weissagung, den Orakelsprüchen und allem, was sich zum Unheil mit den Hoffnungen verbindet.
104: Die Melier: Seid versichert, dass auch wir es nicht für eine leichte Aufgabe halten, gegen eure Macht und das Glück zu kämpfen, wenn es nicht seine Gunst auf beide Seiten gleich verteilt. Dennoch vertrauen wir darauf, dass wir vom Glück auf Grund göttlichen Ratschlusses nicht benachteiligt werden, da wir fromm sind und uns gegen Ungerechte zur Wehr setzen, und dass das, was uns an Macht fehlt, durch den Beistand der Lakedaimonier ausgeglichen wird. Sie müssen uns helfen, wenn sie auch sonst keinen Grund haben, dann doch wegen der Verwandtschaft und aus Ehrgefühl. So ist es also nicht gänzlich unvernünftig, wenn wir zuversichtlich sind.
105: Die Athener: Was das gute Verhältnis zu den Göttern angeht, glauben auch wir nicht, es an etwas fehlen zu lassen. Denn wir fordern und tun nichts, was dem üblichen menschlichen Verhalten gegenüber den Göttern und der Gesinnung der Menschen im Umgang miteinander widerspricht. Wir halten es nämlich im Hinblick auf die Götter für wahrscheinlich, im Hinblick auf die Menschen für sicher, dass beide in jedem Fall dort, wo sie Macht haben, infolge einer Naturnotwendigkeit herrschen. Wir haben dieses Gesetz weder erlassen, noch, nachdem es erlassen worden ist, als erste befolgt; wir haben es vielmehr als ein geltendes Gesetz übernommen und werden es als ein ewig gültiges hinterlassen. Wir befolgen es, weil wir wissen, dass ihr wie alle anderen, wenn ihr ebenso mächtig würdet wie wir, genauso handeln würdet. Und so ist es nicht wahrscheinlich, dass wir uns davor fürchten müssen, von den Göttern benachteiligt zu werden.
Wenn ihr nun aber eure Hoffnung auf die Lakedaimonier setzt und zuversichtlich glaubt, dass sie euch aus Ehrgefühl beistehen werden, so beglückwünschen wir euch zu eurer Gutgläubigkeit, beneiden euch aber nicht um eure Torheit. Denn die Lakedaimonier verhalten sich untereinander und in den Belangen, die ihre heimischen Gewohnheiten betreffen, meistens zwar edel; zu ihrem Verhalten anderen gegenüber gäbe es aber viel Kritisches zu sagen. Alles in allem könnte man sie so charakterisieren: Von allen Völkern, die wir kennen, hält keines so offensichtlich das Angenehme für das sittlich Gebotene und das Nützliche für das Gerechte. Eine derartige Einstellung kommt eurer grundlos erhofften Rettung nicht entgegen.
106: Die Melier: Gerade deswegen glauben wir zuversichtlich, dass sie die Melier, ihre Stammesverwandten, um ihres Nutzens willen nicht preisgeben werden, damit sie nicht ihren Freunden in Griechenland treulos, ihren Feinden nützlich werden.
107: Die Athener: Meint ihr also nicht, dass Nutzen etwas mit Sicherheit zu tun hat und dass es mit Gefahren verbunden ist, gerecht und gut zu handeln? Ein solches Wagnis gehen die Lakedaimonier in der Regel nicht ein.
108: Die Melier: Wir sind überzeugt, dass sie diese Gefahren für uns eher auf sich nehmen werden als für andere und dass sie sie in unserem Fall für weniger risikoreich halten werden, weil wir – und das ist für Kriegshandlungen nicht unbedeutend – nahe an der Peloponnes wohnen und durch unsere Stammesverwandtschaft in unserer Gesinnung zuverlässiger sind als die anderen.
109: Die Athener: Verlass bietet für die, die Hilfe leisten sollen, nicht der gute Wille derer, die um Hilfe bitten, sondern sie sehen darauf, ob der Bittsteller auch über große Machtmittel verfügt. Gerade die Lakedaimonier achten darauf noch mehr als die anderen. Sie trauen ja ihrer eigenen Streitmacht so wenig, dass sie nur gemeinsam mit vielen Bundesgenossen in das Gebiet ihrer Nachbarn einfallen.
110: Die Melier: Sie könnten auch andere schicken … oder sich gegen euer Land wenden; dann hättet ihr es statt mit einer Insel, die euch nichts angeht, mit eurem eigenen Land zu tun…
111: Die Athener: Mit solchen Unternehmungen haben wir Erfahrung, und ihr wisst gut, dass die Athener auch nicht eine einzige Belagerung aus Furcht vor anderen jemals abgebrochen haben…
Ihr werdet doch nicht auf das „Ehrgefühl“ verfallen, das sehr oft so viele Menschen zugrunde richtet, weil sie voraussehbare Gefahren auf sich nehmen, um Schande abzuwehren. Viele haben nämlich vorausgesehen, worauf sie sich einließen, und doch hat sie das sog. „Ehrgefühl“ durch die Macht des in die Irre führenden Namens dazu getrieben, sich, besiegt von einem Wort, mit aller Kraft freiwillig in unheilbares Unglück zu stürzen und dazu noch Schande auf sich zu laden, die mehr ihrem Unverstand als dem Schicksal geschuldet war.
Davor werdet ihr euch, wenn ihr gut beraten seid, hüten und nicht meinen, es sei mit eurer Ehre nicht vereinbar, wenn ihr euch der mächtigsten Stadt unterwerft, zumal da sie maßvolle Forderungen stellt: Ihr behaltet, was ihr habt, und werdet lediglich tributpflichtige Bundesgenossen. Aber entscheidet euch, da ihr die Wahl zwischen Krieg und Sicherheit habt, nicht aus falsch verstandenem Ehrgefühl für das Schlechtere. Denn wer vor dem Gleichstarken nicht zurückweicht, sich mit dem Stärkeren gut stellt und sich gegenüber dem Schwächeren maßvoll verhält, verzeichnet wohl die meisten Erfolge.
Wenn wir uns nun zurückziehen, bedenkt das und macht euch immer wieder klar, dass ihr über euer Vaterland beratet. Ihr habt nur das eine, und mit einem einzigen Beschluss entscheidet ihr über sein Schicksal.
112: Die Athener zogen sich aus der Verhandlung zurück.
Die Melier fassten, als sie unter sich waren, einen Beschluss, der dem entsprach, was sie in der Verhandlung gesagt hatten, und gaben folgenden Bescheid: Ihr Männer aus Athen, wir haben unsere Meinung nicht geändert. Wir wollen unsere Stadt, die schon seit 700 Jahren bewohnt wird, nicht der Freiheit berauben, sondern wir werden versuchen, sie ihr zu erhalten. Dabei vertrauen wir auf das göttliche Geschick, das sie bisher geschützt hat, und auf Menschen, die Hilfe der Lakedaimonier.
Wir schlagen euch vor: Wir sind eure Freunde, niemandes Feinde, und ihr schließt mit uns einen Vertrag, der beiden Seiten annehmbar erscheint, und zieht ab.
113: Das war der Bescheid der Melier.
Die Athener brachen die Verhandlungen mit folgenden Worten ab: Nach eurem Beschluss zu urteilen, seid ihr, wie uns scheint, die Einzigen, die die Zukunft deutlicher sehen als die Gegenwart, die das Ungewisse, weil sie es sich wünschen, für schon gegenwärtiges Geschehen halten und im Vertrauen auf die Lakedaimonier, auf das Geschick und auf Hoffnungen so gut wie alles aufs Spiel setzen und scheitern werden.
116: Als die Athener alle Macht auf die Belagerung konzentrierten und dann noch Verrat von Seiten der Melier hinzukam, ergaben sich die Melier den Athenern auf Gnade und Ungnade. Die Athener töteten alle erwachsenen Männer, deren sie habhaft werden konnten, verkauften die Frauen und Kinder in die Sklaverei und besiedelten später selbst die Insel, indem sie 500 Siedler auf sie entsandten.
In Athen lebte damals der aus Melos stammende Dichter und Philosoph Diagoras. Es heißt, er habe aus Trauer und Zorn die Existenz der Götter geleugnet und die Mysterien verspottet. Er sei daraufhin wegen Asebie (Gottlosigkeit) angeklagt und verurteilt worden und habe Athen verlassen. Eineinhalb Jahrzehnte später musste sich Sokrates gegen dieselbe Anklage verteidigen.
Als Thukydides den Dialog schrieb, wusste er, dass den Athenern bald nach der Eroberung von Melos in Sizilien eine Niederlage drohte, die die Stadt an den Rand des Abgrunds brachte. Das Schicksal der Soldaten, die als Gefangene in den Bergwerken von Syrakus oder auf der Flucht elend umkamen, lehrte die Athener, wie es die Melier prophezeit hatten, dass unmenschliches, machtbesessenes Verhalten auf die Täter zurückschlägt. Thukydides selbst hat diesen Zusammenhang hergestellt, indem er unmittelbar nach dem Melierdialog über die sizilische Expedition berichtet.
Nach der Niederlage in einer Seeschlacht 405 v. Chr. schließlich „glaubten die Athener, dass ihnen nun dasselbe widerfahren werde, was sie den Meliern, Stammesverwandten der Lakedaimonier, angetan hatten, die sie belagert und besiegt hatten.“ (Xenophon – ca. 430 – nach 355 – Hellenika, 2,2,3). Sollten die Götter vielleicht doch eine Instanz sein, die Unrecht straft?
Thukydides nutzt den Dialog zur Analyse der Bedingungen rücksichtsloser Machtpolitik. Dem seebeherrschenden Athen stand eine relativ kleine Insel gegenüber. Mit einem unverhältnismäßig großen Aufgebot zogen die Athener gegen sie zu Felde und ließen an der Absicht, sie zu beherrschen, keinen Zweifel. Es ging um die Alternative: Freiwillige Unterwerfung oder Krieg, Vernichtung und Versklavung.
Die Argumentation der Athener beruht auf der Überzeugung, dass das Begehren, immer mehr haben zu wollen, nach immer mehr Einfluss und Macht zu streben – die Griechen nannten es Pleonexia – im Menschen von Natur aus angelegt ist. Es beherrscht die Einzelnen wie die Staaten gleichermaßen und stellt ein Weltgesetz dar, das nicht weiter begründet werden kann als durch die Feststellung des Tatbestands. Da das Streben nach Macht prinzipiell unbegrenzt ist, kollidiert es notwendig mit dem Selbstbehauptungswillen anderer. Geschichte ist folglich ein permanenter Prozess von Konflikten. Im Kontext dieser Prämisse gibt es Menschen verbindende Werte und Tugenden nur dann, wenn die Machtverhältnisse ausgeglichen sind. Teilen sich die Menschen in Starke und Schwache auf, bestimmt der Starke, was Recht und Moral ist, der Schwache muss sich fügen. Nützlich bedeutet für den Starken etwas anderes als für den Schwachen. Jeder Schwache, der nicht weicht und nachgibt, stellt für den Mächtigen eine potentielle Bedrohung dar. Seine Unabhängigkeit könnte als Unfähigkeit und Schwäche des Starken interpretiert werden. Im Machtbereich des Mächtigen darf es niemanden geben, der sich nicht unterwirft. Für den Schwachen ist dagegen das Leben, das Überleben, das höchste der Güter, es zu bewahren, der einzige Nutzen. Sich von Werten, von einem Ehrgefühl leiten zu lassen, ist gefährlich, weil es das Leben kosten kann. Der Schwache handelt töricht, wenn er seine Hoffnung auf die Hilfe anderer setzt, Freunde, Bundesgenossen, Verträge, Freundschaften und Verwandtschaften sind keine Handlungsmotive, sondern jeder agiert nach Maßgabe seines Nutzens. Ebenso wertlos wie eitle Hoffnungen ist der Glaube an gute Götter. Auf dem Olymp geht es nicht anders zu als auf der Erde. Zeus hat das Sagen, und die Götter sind stets auf der Seite der Starken und Mächtigen.
So, lehrt der Dialog, verhält es sich auf und über der Erde. Der Historiker kommentiert nicht mit Worten, er kommentiert durch die Art der Darstellung und die Komposition seines Werks. Nur aus einer einzigen Bemerkung, die die Athener machen, könnte man eine Mahnung gerade an die herauslesen, die sie äußern: „Wer sich gegenüber den Schwachen maßvoll verhält, dürfte wohl die meisten Erfolge erzielen.“ So beeindruckend es ist, das Wesen der Geschichte durch das Machtstreben des Menschen monokausal zu erklären, so muss man dennoch kritisch anmerken, dass damit stets nur ein Teilaspekt erfasst werden kann.
Angesichts der Grausamkeit, mit der die Athener gegen die Melier vorgegangen sind, hat Jacob Burckhardt (1818 – 1897) in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ festgestellt, dass von allen Kulturvölkern die Griechen das seien, „welches sich das bitterste, empfundenste Leid zugefügt haben“. Auch diese dunkle Seite gehört zu dem Bild der in vieler Hinsicht mit Recht so bewunderten Griechen.
Warum gilt der Dialog noch heute als ein Meisterstück der antiken Literatur? Doch wohl, weil wir in ihm auch eine Analyse politischen Handelns in der jungen und jüngsten Gegenwart entdecken.
Ende der Geschichte
Am Ende bezahlten auch die attischen Siedler ihre Rechnung. Denn sie wurden vertrieben und die geflüchteten Melier, die auf der Peloponnes Zuflucht gefunden hatten, zurückgeführt. Dank der Bodenschätze kam die Insel in der Folgezeit trotz der Verheerungen rasch wieder zu Wohlstand. In der byzantinischen Zeit gab man allerdings wegen drohender Gefahren vom Meer her gegen ca. 800 n. Chr. die Hafenstadt an der Bucht schließlich auf und siedelte stattdessen aus Sicherheitsgründen an einem neuen Ort im Landesinnern, der heute Zephyria, Chora oder Palaiopolis heißt. 1207 wurde Melos Teil des Herzogtums Naxos. Mit der Herrschaft venezianischer Fürstenhäuser begann eine Epoche des wirtschaftlichen Aufschwungs, der sich auch im Bau vieler Kirchen niederschlug. Noch im 13. Jh. errichteten die Venezianer oberhalb der antiken Stadt Melos eine Burg (Kastro), von der aus sie den Norden der Insel leichter unter ihrer Kontrolle halten konnten. 1580 endete aber die Herrschaft der Venezianer, und von da an hatten die osmanischen Türken das Sagen. Unterhalb Kastros entstand Plaka, das heute amtlich wieder Melos heißt, und sich rasch zum Zentrum der Insel entwickelte, während Zephyria dagegen wieder weitgehend in der Bedeutungslosigkeit versank.
1821 nahm Melos am griechischen Befreiungskrieg teil und 1824 kamen viele Kreter auf die Insel, nachdem ihr Aufstand gegen die Türkei gescheitert war. Als sich Ludwig Ross, der seit 1843 Oberkonservator der griechischen Altertümer war, 1843 in Plaka aufhielt, notierte er:

Die Bevölkerung hat sich während des letzten Menschenalters teils durch Übersiedlung der meisten Familien aus der ungesunden alten Stadt in das Kastron mit seinen Vorstädten und Dörfern Plaka, Tripyti und Trion Vasallon, teils durch Einwanderer, namentlich Kreter, von 250 Familien auf 450 – 500, also 2500 Seelen, gehoben. Der größere Teil der Einwanderer lebt von Ackerbau, Viehzucht und Bergbau.
Im 20. Jh. setzte sich die kriegerische Vergangenheit der Insel weiter unrühmlich fort. So diente Plaka im Ersten Weltkrieg der englischen, der heutige touristische Hauptort Adamas im Zweiten Weltkrieg hingegen der deutschen Flotte als Operationsbasis. Heute kommen Auswärtige zwar nicht in Scharen, dafür aber wenigstens in friedlicher Absicht nach Melos.
Santorin / Thera –
Ein Geschenk des Meergottes Triton

Abb. 16 Blick über die moderne Inselhauptstadt Fira auf das Meer
Santorin (neugriechisch Santorini) gilt als eine der Bilderbuchkykladeninseln schlechthin und gehört infolgedessen auch zu den meist besuchten. Der italienisch klingende Name stammt von den Venezianern und ist erstmals 1153 bezeugt. Als Namenspatronin fungierte die von Kaiser Diokletian (284 – 305 n. Chr.) dorthin verbannte Heilige Irini (Santa Irini), eine Christin aus Thessaloniki, die 304 n. Chr. in ihrem Exil starb und bald als Schutzpatronin verehrt wurde. Ob die Römer die Insel mit dem bei Plinius (1. Jh. n. Chr.) überlieferten Namen „Strongyle“, die Runde, bezeichneten, lässt sich dagegen nicht zweifelsfrei sagen.
Besonders eindrucksvoll ist die äußere Form der Insel. Herodot (Historien 4,47) nennt sie gar „Kalliste“, die Schönste. Sie gleicht einer nach Westen geöffneten Sichel, die die sogenannte Caldera (spanisch: Kessel) umgibt und 200 bis 300 m steil zum Meer abfällt. An diesem Steilrand wohnen die Menschen in typisch strahlend weißen würfelförmigen Häusern, die häufig ein farbiges, meist blaues Kuppeldach haben, – zusammengefasst in vom Tourismus pulsierenden Ortschaften wie Fira (Abb. 16), der heutigen Inselhauptstadt, und Oia. Nach Osten erstreckt sich dagegen eine flache Ebene bis hin zum Meer mit zum Teil ausgedehnten vulkanischen Sandstränden. Aus ihr ragt der knapp 600 m hohe Prophet-Elias-Berg heraus.
Dass diese einzigartige Gestalt das Resultat einer großen antiken Naturkatastrophe ist, kommt einem angesichts der pittoresken Schönheit und des lebhaft-ausgelassenen Treibens nicht so leicht in den Sinn, entspricht aber dennoch den Tatsachen. Die Caldera entstand durch einen gewaltigen Vulkanausbruch, der wohl ins 17. Jh. v. Chr. datiert werden muss. Die Sichel ist mit den Inseln Thirasia und Aspronisi der stehen gebliebene Rand des einstigen Vulkans, in dessen Krater das Wasser einströmte. Aus diesem mit dem Meer verbundenen See tauchten im Lauf der Jahrhunderte kleine Inseln auf, die Palaia und die Nea Kameni, die Alte und die Neue Verbrannte (Insel). Die Explosion hat möglicherweise einen Tsunami ausgelöst und war so gewaltig, dass Bimsstaub bis nach Kreta, Ägypten, Kleinasien und an die Südküste des Schwarzen Meeres getragen wurde.
Die antiken Menschen dachten sich die Entstehung der Insel gleichwohl ganz anders. So kennt die griechische Mythologie die Geschichte des Euphemos, eines Sohnes des Poseidon: Er gehörte zu der Schar der Argonauten, die unter Iasons Führung nach Kolchis am Schwarzen Meer aufgebrochen waren, um ein goldenes Vlies, das dort aufbewahrt und streng bewacht wurde, nach Griechenland zurückzuholen, was mit Hilfe der Königstochter Medea gelang. Auf der Rückfahrt erhielt Euphemos in Libyen von Triton – er war ein Meergott und auch ein Sohn Poseidons – ein merkwürdiges Gastgeschenk: eine Erdscholle.
Die Geschichte der Argonauten erzählt Apollonios Rhodios, der um 300 v. Chr. geboren wurde und nach 246 starb. Ob er Rhodios hieß, weil er einen großen Teil seines Lebens als Verbannter auf Rhodos verbracht hatte oder weil er von der Insel stammte, weiß man nicht. Bevor er nach Rhodos kam, war er in Alexandria Prinzenerzieher und Leiter der Bibliothek. Sein Werk, ein Epos in Hexametern, steht in der Nachfolge Homers. Der Dichter lässt das Argo genannte Schiff der Helden bei der östlich von Thera gelegenen kleinen Insel Anaphe ankern.

Als sie dort bei ruhiger See die Taue lösten,
dachte Euphemos an ein nächtliches Traumgesicht. … In dem
Traum war folgendes geschehen: Die göttliche Scholle,
die er an seiner Brust trug, war in der Hand durch weiße
Milchtropfen flüssig geworden. Aus der Scholle war, so
klein sie war, eine Frau entstanden, die wie ein junges
Mädchen aussah. Ihn hatte großes Verlangen ergriffen,
und in Liebe hatte er sich mit ihr vereinigt.
Jammernd hatte er so geklagt, als habe er seine
Tochter liebend umarmt, die er selbst mit seiner Milch einst
aufgezogen hatte. Sie sprach mit freundlichen Worten:
„Freund, ich bin vom Geschlecht des Triton, die Amme deiner
Kinder, nicht deine Tochter. Libye und Triton
nenne ich meine Eltern. Übergib mich des Meeresgottes Nereus
Töchtern, den Nereiden. Im Meer will ich wohnen, nahe
bei Anaphe. Später werde ich aufsteigen zu den
Strahlen der Sonne; ich werde für deine Kinder bereit sein.“
An den Traum erinnerte Euphemos sich und erzählte
ihn dem Iason. Der dachte sogleich an die göttlichen Sprüche
des Apollon, des Schützen, erhob seine Stimme und sagte:
„Wahrlich, da hast du großen und herrlichen Ruhm empfangen.
Denn die Götter werden für dich, wenn du die Scholle
in das Meer geworfen hast, eine Insel schaffen.
Auf dieser Insel werden deine Nachkommen wohnen.
Triton hat dir diese Insel als ein Geschenk des
libyschen Landes verliehen. Es war kein anderer Gott als
Triton, dem wir begegnet sind und der dir die Scholle
überreicht hat.“ Als Iason so gesprochen hatte,
führte Euphemos aus, was Iason ihm geraten
hatte. Er freute sich über die Göttersprüche und warf die
Scholle in das Meer, und aus dem Meer erhob sich
eine Insel, Kalliste, die „Schönste“, des Euphemos Kindern
eine heilige Amme. Diese hatten vorher
Lemnos bewohnt. Sie waren von Tyrseniern vertrieben
worden und hatten in Sparta um Schutz gebeten. Als sie
Sparta wieder verließen, hatte sie Theras, der Sohn des
Antesion, ein tüchtiger Mann, zur Insel Kalliste
mit sich geführt. Sie änderte ihren Namen. Sie nannte
sich nach dir nun, Theras, “Thera“. Als das geschah, war
Euphemos schon gestorben. (4, VV. 1731 – 1764).
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