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Kurt Geisler

Küstengold

Kriminalroman

Zum Buch

Zwischen den Meeren August. Wie jeden Sommer hat sich Helge Stuhr in St. Peter-Ording erholt. Er lernt dort in vergnüglicher Runde Leute kennen, die im Energiehandel tätig sind und es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Kommissar Hansen bittet seinen Freund Stuhr nach Rendsburg, um ihm den Tatort zu zeigen, an dem ein Abteilungsleiter der dortigen Stadtwerke von einem Windrad erschlagen wurde. Allerdings bekommt auch die Presse Wind von dem Mord. Schnell wird klar, dass der Tathergang nach dem gleichen Muster verlief wie zwei vorherige Morde an Mitarbeitern von Stadtwerken in Eckernförde und Kiel. Es stellt sich schnell heraus, dass der nächste Tatort die Neumünsteraner Stadtwerke sein könnten. Der windige Direktor der Stadtwerke hat aber ganz andere Sorgen, denn er will Gespräche mit einer russischen Energiefirma wegen der Übernahme führen. Stuhr findet eine heiße Spur, die in das Atomkraftwerk Brokdorf führt …

Kurt Geisler, geboren 1952 in Kiel, ist eingefleischter Schleswig-Holsteiner. Nach seinem Studium der englischen, dänischen und deutschen Sprache arbeitet er lange Zeit als Lehrer, bis er ins Bildungsministerium berufen wurde. Er lebt in der Landeshauptstadt. In seiner Freizeit fotografiert er gerne. Seine Bilder waren bereits in verschiedenen Ausstellungen zu sehen und haben seinen Blickwinkel für das literarische Schaffen geschärft. »Küstengold« ist sein dritter Kriminalroman um das ungewöhnliche Ermittlertrio.

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Friesenschnee (2011)

Bädersterben (2010)

Impressum

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Alle Rechte vorbehalten

3. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von Kurt Geisler

ISBN 978-3-8392-3938-4

Die Stunde Null

Genüsslich stemmte Stuhr sein Weizenbier zum Beginn seines Urlaubs gegen die Sonne. Endlich, er hatte es geschafft, dem geschäftigen Trubel in Kiel zu entkommen. Wie jeden Sommer hatte er auf gutes Wetter gelauert und sich für eine Woche in St. Peter-Ording an der Nordsee einquartiert. Er liebte an diesem mondänen Badeort die schönen Plätze zum Flanieren, die eleganten Hotels und das grüne, geschichtsträchtige Hinterland.

Auch dieses Jahr hatte er zur Erstbesteigung den Pfahlbau Arche Noah erwählt, um gleich am Ende der Seebrücke mit Blick auf den weitläufigen Strand vor St. Peter-Ording sein Einlaufbier zu genießen.

Seit dem letzten Jahr hatte sich allerdings manches verändert. Die Terrasse war jetzt riesengroß, neue Scheiben erlaubten eine weiträumigere Sicht, und vom Service herrschte nun auch hier das Feeling der berühmtesten Bretterbude der Republik, der Sansibar auf Sylt.

Das manifestierte sich selbst auf dem Bierdeckel mit den gekreuzten Säbeln: Sansibar Arche Noah.

Der erste Schluck in der jodhaltigen Luft der Nordsee war immer der schönste, und er beglückwünschte sich ausgiebig dazu. Schnell trat das wohlige Gefühl des Wegdösens bei ihm ein. Ja, er wollte in dieser Ferienwoche alles von sich fallen lassen und zu seinen inneren Wurzeln zurückkehren. Vielleicht würde er noch einmal ganz von vorn anfangen, nach all dem, was er im letzten Jahr erlebt hatte.

Mit Jenny. Ohne Jenny.

Stuhr lehnte sich entspannt auf seinem bequemen Liegestuhl zurück, um die Sonne in sein Antlitz einzusaugen. Das gelang auch einige Zeit, bis eine gepflegte schlanke weibliche Bedienung seine besinnliche Phase störte, um auf dem verwaisten Tisch neben ihm einen rötlichen Drink abzustellen. Dann öffnete sie eine Zigarettenschachtel Overstolz und zog drei Zigaretten hervor, um sie mit einem Reserviert-Schild abzustellen.

Overstolz, das war der klangvolle Name einer alten Marke. Stuhr konnte sich aus seiner Kindheit noch gut an die Werbung erinnern. Im Geschmack liegt der Genuss.

Nachdenklich widmete sich Stuhr wieder seinem Sonnenbad, bis ihn ein irritierendes Flackern störte. War ihm seine Erholung nicht vergönnt?

Stuhr blinzelte in die Sonne, aber erkennen konnte er nichts. Verärgert stand er auf, um die Lage besser einschätzen zu können. Nun verfolgte er, wie ein kleines brummendes Sportflugzeug unterhalb der Sonne ansetzte, um auf dem Sand vor dem Pfahlbau zu landen. Das würde kein leichtes Unterfangen sein, denn der Pilot konnte dazu nur den kleinen Sandstreifen nutzen, der nicht verschlammt, aber auch noch nicht ausgetrocknet war. Verboten war es vermutlich auch.

Die Badegäste, die sich auf diesem schmalen Streifen befanden, stoben in Panik schreiend auseinander, und dann ließ bereits das Dröhnen der wie eine lahme Ente absackenden Maschine die Windschutzscheiben der Terrasse erzittern.

Die blonde Bedienung schien ebenfalls Interesse an der Vorstellung gefunden zu haben. Gebannt verfolgte sie das Schauspiel.

Das Ende des Fluges gestaltete sich spektakulär. Beim Auslaufen geriet der Vogel in eine quer stehende Wasserrinne und steckte prompt die Nase in den Strand, wodurch der Propeller heftig den sandigen Untergrund aufwühlte, bis sich ein abgebrochener Luftschraubenflügel mit unerwarteter Wucht durch die aufschreienden Strandgänger in Richtung Nordsee verabschiedete. Schließlich blieb die Maschine mit hochgerecktem Heckflügel wie eine tauchende Ente im Untergrund stecken.

Lame Duck Approach, so würde das sicherlich sein ehemaliger Kollege Oberamtsrat Dreesen in seinem angeeigneten Fliegerlatein betiteln. Einige Strandgänger stöpselten sich die Finger in die Ohren, weil sie eine gewaltige Explosion befürchteten.

Die trat auch ein. Allerdings nur in der Form, dass ein groß gewachsener Mann die rechte Seitentür öffnete und leichtfüßig aus dem verunglückten Fluggerät sprang. Der Schaden schien ihn nicht weiter zu stören, denn er strebte hurtig auf den Pfahlbau zu.

Jetzt kraxelte auch der Bruchpilot auf der anderen Seite der verunglückten Maschine aus dem Cockpit und begann kopfschüttelnd den Zustand seines Fluggerätes zu inspizieren. Ein Blick auf den malträtierten Propeller verdeutlichte ihm, dass ein neuerlicher Start ausgeschlossen war.

Selbst schuld, sagte sich Stuhr und flößte sich genüsslich einen zweiten Schluck von seinem köstlichen Getränk ein.

Die Kellnerin seufzte und drehte sich weg, um sich wieder ihrem Tagesgeschäft zu widmen. Sie war eine bemerkenswert schöne Frau im mittleren Alter, die sich grazil durch die vollbesetzten Stuhl- und Tischreihen schlängelte. Ihre tiefe Bräune verdankte sie sicherlich ihrem Freiluftjob. Obwohl ihrem kurzen Rock und den gelben Lederstiefeln alle verstohlenen Blicke der männlichen Kundschaft auf der Sonnenterrasse galten, war zu vermuten, dass diese aufreizende Person nicht immer nur Glück im Leben mit den Männern hatte. Warum sollte sie sonst hier kellnern?

Stuhr schloss die Augen und genoss, dass die Sonne ihre bräunende Kraft endlich wieder auf seiner Haut entfalten konnte. So musste Urlaub schmecken.

Nur wenig später irritierte ihn ein Raunen, das über die Terrasse des Pfahlbaus wogte. Er öffnete die Augen. Der groß gewachsene Mann aus dem Flieger setzte sich am Nachbartisch nieder. Wie selbstverständlich langte er zu dem von der Bedienung zuvor servierten Drink und prostete Stuhr unerwartet zu.

»Gestatten. Mein Name ist Schneider. Elmar Schneider. Ich möchte Sie nicht weiter stören, aber nach so einer Bruchlandung muss man zunächst mal Dampf ablassen.«

Dann stürzte Schneider sein Getränk mit einem einzigen Zug herunter, bevor er sich auf die Overstolz-Packung stürzte. Er fingerte eine der filterlosen Zigaretten heraus und schob sie sich zwischen die Lippen. Anschließend hob er lässig seine Hand. Verlangte er nach Feuer für seine Zigarette?

Stuhr bezweifelte, dass in einer emanzipierten Gesellschaft wie auf der Arche Noah irgendein Mensch für eine Nachbestellung dieser Art in Bereitschaft stand.

Falsch vermutet, denn wenig später senkte die grazile Hand der Bedienung ein neues Getränk auf den Tisch seines Nachbarn. Anschließend wurde ihm sogar das verlangte Feuer gereicht. Dann entfernte die Kellnerin dezent das geleerte Glas.

Schneider unternahm einen neuen Anlauf.

»Verstehen Sie mich bitte nicht verkehrt, aber ich bin die ganze Woche in irgendwelchen Fliegern unterwegs. Ich bin Geschäftsmann und jette ständig zwischen Hongkong, New York, Rio und Tokio hin und her. Ich schaffe jeden Deal. Mein Spitzname ist V2.«

Schneider stürzte auch den zweiten Drink hinunter. Als er Stuhrs verdutzten Blick bemerkte, beeilte er sich, eine Erklärung hinterher zu schieben. »Nein, nicht die Vergeltungswaffe. Die Stunde Null. Sie wissen, der Song von Bowie.«

David Bowie? Klar, V2 Schneider, die Rückseite von ›Heroes‹. Stuhr hatte sich immer gefragt, was dieser Song bedeuten sollte. Jetzt saß diese Raketeninkarnation direkt neben ihm. Stuhr konnte sich seine Nachfrage nicht verkneifen.

»Und was treibt Sie an diesem beschaulichen Nachmittag auf den Sand vor St. Peter-Ording?«

Schneider inhalierte tief den Rauch seiner Overstolz, bevor er antwortete.

»Gute Frage. Natürlich ist es nicht die Ruhe, die mich hertreibt. Sie müssen wissen, durch meine Taschen fließt viel Geld, und ich investiere gern in vielversprechende Projekte. Selbst in dieser Region, und nicht nur in sichere Sachen. Ich bringe die richtigen Partner zusammen, das weiß man in St. Peter-Ording zu schätzen, und deswegen genieße ich einige Privilegien. Sie verstehen?«

Stuhr verstand natürlich nicht und überlegte, ob er nicht besser den Platz wechseln sollte. In diesem Moment wurde die Aufmerksamkeit aller Sonnenhungrigen auf der Terrasse des Pfahlbaus von der Sirene eines mit hoher Geschwindigkeit durch die Strandgänger kurvenden heraneilenden Polizeiwagens abgelenkt, der unweit der Arche Noah direkt beim Flugzeug stoppte.

Von seiner hohen Warte aus konnte Stuhr gut mitverfolgen, wie zwei Polizisten zum Bruchpiloten eilten, um ihn zur Rede zu stellen. Mithören konnte er aus der Distanz nicht, und so richtete er seine Frage an sein Gegenüber: »Geht es Ihnen jetzt an den Kragen? Oder wurde Ihnen auch dieses Privileg eingeräumt?«

Schneider grinste. »Sie meinen das Landen mit einem Fluggerät auf einem öffentlichen Strand? Nein, das ist seit den frühen 1970ern von den Behörden untersagt worden, und dieses Privileg konnte ich mir leider bisher vor Ort noch nicht erkaufen. Im Übrigen war es eine Notlandung wegen Problemen mit dem Höhenruder. So wird es jedenfalls im Flugbuch stehen. Mit dieser Ausrede können Sie allerdings auch die Golden Gate Bridge unterfliegen. Allerdings hat dieser Trottel von Pilot unterschätzt, wie weich der Sand in den Pfützen ist. Na ja, ich bin nicht umsonst gut versichert.«

Schneider war vor lauter Erzählen die Zigarettenglut erloschen. Er hob seine Zigarette in die Luft und ließ sich wiederum genüsslich von der Bedienung Feuer geben, bevor er auf Stuhrs erstaunten Gesichtsausdruck reagierte.

»Wundern Sie sich bitte nicht, dass mich die Kellnerin so freundlich bedient. Sie zeigt nur ihre Dankbarkeit. Ich habe sie erst am letzten Wochenende wieder vernascht, und es scheint ihr gefallen zu haben. Ein ordentliches Mädel, allerdings war es anfänglich ziemlich anstrengend mit ihr.«

Stuhrs Stirn kräuselte sich. Schneider schien das zu bemerken.

»Verstehen Sie mich bitte nicht verkehrt. Wissen Sie, ich komme gestresst mit praller Brieftasche und dicker Hose am Wochenende in Sankt Peter an, während die Bedienung jeden Tag auf der Terrasse wie auf einem Catwalk zwischen den Neureichen herumtingelt. Soll ich nach meiner anstrengenden Arbeitswoche auch noch nachts bei ihr den Supermann spielen? Nein, einen solchen Stress kann und will ich mir nicht erlauben. Ich habe ihr gesagt, wenn sie wirklich etwas von mir will, dann muss sie sich schon ein wenig anstrengen und ihren Unterkörper in Wallung bringen. Das hat sie auch irgendwann begriffen.«

So genau wollte Stuhr das eigentlich nicht wissen, aber Schneider setzte noch einen drauf.

»Aber es ist schon okay mit ihr. Sie ist ein geradliniges Mädchen, die Verena. Sie zog zwar ihr eigenes Ding durch, aber immerhin habe ich die Dame mehrfach zum Zappeln bekommen. Ist also kein Wunder, dass Verena mich heute so zuvorkommend bedient.«

Stuhr war fassungslos und drehte sich ungläubig weg. Einen solchen Chauvinisten hatte er schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Schneider musste einer von diesen Überfliegern sein, die wie Raketen hochschießen, von denen man aber nach dem Verglühen nicht einmal mehr die Aschenreste findet.

Diese Zeitgenossen verabscheute Stuhr. Aus welchem Grund sollte er sich Schneider länger antun?

Ein neues Getränk senkte sich auf Schneiders Tisch. Lustvoll ergriff er es und rückte mitsamt Stuhl näher.

»Sie sind ebenfalls ein attraktiver Mann. Den Stoßverkehr mit Damen dieser Preisklasse müssen Sie doch auch kennen. Oder etwa nicht?«

Stuhr zuckte desinteressiert mit den Schultern. Er liebte ja seine Jenny Muschelfang, wenngleich sie momentan seit langen Monaten nicht mehr zusammen waren. Das ging Schneider aber nichts an.

Der ließ aber nicht locker. »Verstehen sie mich bitte nicht verkehrt, aber die Damen fliegen nun einmal auf erfolgreiche Geschäftsleute wie mich. Ich habe mehr als ausreichend Kohle, zwei Porsche und einen eigenen Flieger.«

Stuhr konnte sich das gut vorstellen. Jede Nacht an einem anderen Hintern zu liegen, das mochte für viele männliche Geschlechtsgenossen von Schneider ein hehres Ziel sein. Stuhr dagegen sehnte sich nach einer Frau, mit der er es einfach gut aushalten konnte. Wie mit Jenny im letzten Sommer. Jetzt war sie weg.

Schneider musste Stuhrs Stimmungslage erfasst haben, weil er jetzt von seiner Euphorie herunterkam und auf ihn einging. »Sie machen einen traurigen Eindruck, als wenn sie verlassen worden sind. Aber was soll es? Es gibt genug andere. Die Frauen, die ich knacke, die haben alle ihre Reize. Aber kann einen das auf Dauer glücklich machen?« Er stürzte den nächsten Drink hinunter.

Die Antwort trieb Stuhr in Ratlosigkeit. Glück? Was ist schon Glück? Stuhr blickte tief in sein Weizenbier, um aus dem Schaumkranz eine Antwort herauszulesen. Es gelang ihm nicht.

Stuhr zuckte mit den Schultern. Dieser Schneider war ein imposanter Kerl und verströmte eine gewisse Geradlinigkeit, wenngleich ihm die Geschmacksrichtung nicht ganz passte. Immerhin war er fast so groß wie Stuhr, aber Schneiders Schultern wirkten noch ein wenig breiter. Sein gebräunter Teint war ausgesprochen gepflegt, und seine Kleidung von lässiger Eleganz. Stuhr schätzte ihn auf knapp 50, aber zehn Jahre mehr oder weniger würden seine Ausstrahlung kaum verändern. Er musste mehr als wohlhabend sein. Schon verständlich, dass sich attraktive Frauen wie die Bedienung von ihm angezogen fühlten.

Die Bedienung, die offenbar Verena hieß, stellte den nächsten Drink ab.

Schneider zog lustvoll an seiner Zigarette. »Ein guter Freund, der nicht enttäuscht.«

Stuhr verstand das nicht. »Sie spielen auf die Bedienung an?«

»Nein, auf meine Overstolz. Das ist ein alter Werbespruch der Kölner Unternehmerfamilie Overstolzen, stammt noch von vor dem Krieg. Das ist meine Zigarettenmarke und wird sie auch bleiben, solange ich nach Luft schnappen kann.«

Vorsichtig wagte Stuhr einen Einschub: »Die Bedienung. Ich meine Ihre Verena. Sie sind noch zusammen?«

Schneider nahm einen tiefen Zug, bevor er selbstgefällig räsonierte. »Mit Verena? Nein. Nur weil man ab und zu mal ein Glas Milch trinken möchte, muss man nicht gleich eine ganze Kuh kaufen. Schauen sie sich auf der Terrasse um. Es gibt viele schöne Frauen in Sankt Peter. Deswegen fliege ich hierher und nicht nach Holzkirchen oder Hammerfest.«

Vorsichtig fragte Stuhr nach. »Hat denn Ihre Verena kein Problem damit?«

Schneider sah ihn ungläubig an. »Verena? Warum, die lebt doch von Menschen wie mir. Was meinen Sie, warum sie mich so freundlich umgarnt? Die weiß genau, was sie will. Und was nicht.«

Schneider prostete ihm augenzwinkernd zu.

Stuhr musste aufpassen, dass er sich nicht verschluckte.

Mahlzeit

Dienstlich zu tun gab es in der Staatskanzlei heute nichts mehr. Selbstgefällig ordnete Oberamtsrat Dreesen seine Schreibutensilien entlang der oberen Schreibtischkante. Noch eine halbe Stunde, dann würde er an diesem sonnigen Freitagnachmittag ausstempeln. Er freute sich mächtig auf das Wochenende, denn am Sonntag würde er endlich wieder einmal in weiblicher Begleitung an der See entspannen.

Das Telefon schreckte ihn hoch. Wer wagte es, ihn am heiligen Freitagnachmittag noch anzurufen? Im Display erkannte er, dass ihn sein Kollege Brodersen aus dem Wirtschaftsministerium anrief. Erfreut nahm Dreesen den Hörer ab, denn ein kurzes Schwätzchen würde ihm die Wartezeit bis zum Ausstempeln verkürzen.

»Moin, Dreesen. Ist die Langeweile bei euch noch auszuhalten?«

Sofort brauste Dreesen auf: »Was soll das denn heißen? Ich habe eine stramme Woche hinter mir. Euren ganzen Mist wegen dieser unterirdischen Kohlendioxid-Lagerstätte habe ich abgeeselt. Vor so viel Verwaltungskunst müsste eure gesamte Abteilung auf Knien vor mir herumrutschen. Einschließlich eurem Obersack von Abteilungsleiter.«

Brodersen konnte in der Tat manchmal ein wenig querulatorisch sein, dann musste man ihn schnell mit einem harten Spruch zur Räson bringen. Aber ungerade war sein Kollege nicht. Natürlich hatte er den Nagel irgendwie auf den Kopf getroffen, denn den gesamten Wochenanfang war Dreesen von morgens bis abends auf seinem Bürosessel hin- und hergerutscht, um sich zu überlegen, wie er seinen sorgfältig geplanten Sonntagsausflug mit Jeanette Muschelfang sauber unter Dach und Fach bringen konnte. Er wollte ihr endlich das Du anbieten. Jenny. Das klang schon viel vertrauter als Jeanette und Sie.

Brodersen zeigte sich ausgesprochen milde. »Komm ’runter, Dreesen, so war das nicht gemeint. Mein Chef hat mir sogar zwei Gehirnschrauben in die Hand gedrückt. Soll ich als Dank für deine Verwaltungskunst mit dir zischen. Er musste leider schon weg. Wann haust du denn ab?«

»Halbig vier«, antwortete Dreesen unwirsch, denn er wusste genau, wohin Brodersens Abteilungsleiter entschwunden war. Er vergriff sich seit einiger Zeit an Dreesens ureigenstem Fleisch und Blut, an der Kollegin Schlenderhahn. Letzten Herbst hatte Dreesen noch den Finger an ihr gehabt, aber dann hatte Brodersens Abteilungsleiter unerwartet dazwischen gestochen. Jus primae noctis, hatte ihm Brodersen einmal augenzwinkernd beim Vorübergehen zugezischt. Das Recht der ersten Nacht. Sein anderer Spruch schmerzte ihn mehr: Ober sticht Unter. Nicht die Wortwahl tat weh, sondern die Machtlosigkeit gegen Brodersens Abteilungsleiter.

Brodersen weckte ihn aus den Gedanken. »Weißt du was? Ich komme schnell noch einmal in dein Büro zur offiziellen Dankesbekundung.«

Das kam Dreesen durchaus entgegen. Er willigte ein, denn ein neutraler Augenzeuge wie Brodersen wäre genau der Richtige, um seine Gegenantwort zu ›Ober sticht Unter‹ in Form von Jeanette Muschelfang in die Welt zu pusten.

Nur wenig später stand Brodersen mit zwei Piepern vor ihm, wie man im Norden die kleinen Miniatur-Schnapsflaschen nennt. »Küstennebel, Dreesen. Ist gut, den kann man nicht riechen. Mohltied.«

Dreesen konnte sich das Grinsen über den Trinkspruch nicht verkneifen, als wenn Brodersen einen Gruß zur Mahlzeit entbieten würde. Dreesen entgegnete mit seinem Klassiker: »Prostata.« Dann kippte er den Schnaps herunter. »Keine Angst, Brodersen, aus dir mache ich noch einen richtigen Verwaltungsbeamten.«

Sein Kollege aus dem Wirtschaftsministerium freute sich. »Eigentlich bin ich eher friedlich gesinnt, das sind ja nun wahrlich nicht alle bei uns in der Landesverwaltung. Aber ich bin von Geburt Kriegsjahrgang. Da hat man gelernt zu überleben.«

Auf den skeptischen Blick von Dreesen hin beeilte sich Brodersen, eine Ergänzung hinzuzufügen. »Baujahr 1953, Endzüge Koreakrieg.«

Dreesen musste lächeln. Brodersen war ein feiner Kollege, mit dem man viele Attacken gegen die Landesverwaltung ins Leere laufen lassen konnte. »Schon gut. Am Mittwoch habt ihr aber mit diesem Antrag zur Kohlendioxidlagerung im Meeresgrund der Nordsee einen Haufen stinkenden Unrat auf meinem Schreibtisch platziert. Wie kamt ihr auf die Idee, dass ausgerechnet ich diese hochkomplexe Antragsmaschinerie der Energiewirtschaft verwaltungstechnisch zum Stillstand bekommen würde?«

Brodersen zeigte sich ungeniert. »Wenn nicht du, Dreesen, wer denn sonst?«

Das Lob gab Dreesen umgehend zurück. »Das hättest du auch gekonnt. Da bin ich mir sicher.«

Brodersen wiegelte ab. »Früher musste ich immer die Schuhe von meinem großen Bruder tragen. Seitdem hatte ich nie mehr Lust, in den Schuhen eines anderen Mannes zu laufen. Ich bin meinen eigenen Weg gegangen und als Amtsrat bin ich nicht unzufrieden. Aber ich weiß, wie es ist, wenn einem Schuhe zu groß sind. Nein, das war schon Spitzenklasse, wie du diesen Vorgang abgewürgt hast.«

Zufrieden leerte Dreesen den Pieper.

Brodersen hakte nach. »Sag mal, warum hast du uns eigentlich geholfen? Du warst doch die ganze Zeit für eine Beteiligung am Projekt, und für meinen Chef wirst du aus bekannten Gründen wenig übrig haben.«

»Wegen Hesselbein«, zischte Dreesen voller Verachtung. »Der Karrieretyp, den sie mir nach dem Regierungswechsel vor die Nase gesetzt haben.«

»Hesselbein? Was hat der dir denn getan?« Brodersen wurde neugierig.

»Nun, ich habe das ganze letzte Jahr hart daran gearbeitet, dass ich an einem Projekt zur Errichtung einer unterirdischen CO2-Lagerstätte unter dem Watt mitarbeiten kann. Ich war deswegen mehrfach zu Vorbereitungstreffen in Berlin. Diese Sitzungen in dieser Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die haben richtig was gebracht. Ganz anders als sonst.«

»Etwas gebracht? Die Mitarbeit in einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe? Das kann nicht dein Ernst sein, Dreesen.«

»Doch, doch. Du weißt, wie knapp ich nach der Scheidung von meiner Frau bin. Reisen kann ich mir seitdem ausschließlich dienstlich leisten. Mit den Kollegen in der Arbeitsgruppe habe ich deswegen endlos viele Aktivitäten in ganz Europa geplant. Da kann man mit dem erhöhten Auslandstagegeld richtig gut Urlaub machen.«

Brodersen wiegelte ab. »Und das hätte deine Hausspitze mitgemacht?«

Dreesen war sich sicher. »Klar, für den Ministerpräsidenten wären schließlich ebenfalls schöne Reisen abgefallen, weltweit übrigens. Man muss als Regierungschef gelegentlich dem Mief vor der Haustür entfliehen, um globalere Sichten entwickeln zu können.«

Große Worte von Dreesen, und deswegen setzte Brodersen interessiert nach. »Wo wart ihr denn überall auf dem Globus?«

Die Frage behagte Dreesen nicht, und so antwortete er unwirsch. »Nirgends.«

Auf den erstaunten Blick von Brodersen legte er nach. »Sie haben mir den Hesselbein vor die Nase gesetzt. Einer dieser jungen Überflieger mit dem richtigen Parteibuch. Dabei zeigt der Name doch schon, dass er bei uns nichts zu suchen hat.«

Dreesen war die Verachtung für Hesselbein deutlich anzumerken.

Brodersen konnte nicht folgen. »Was hat der Hesselbein damit zu tun?«

»Hesselbein hat ungetrübt von jeglicher Fachkenntnis angeordnet, dass in allen länderübergreifenden Gremien zukünftig nur noch Vertreter des Höheren Dienstes teilnehmen sollen. Damit das Land angemessen repräsentiert wird, hat er gesagt. Da war ich natürlich außen vor.«

»Und das hast du dir von einem Traubenlutscher aus Hessen gefallen lassen?« Jetzt wollte Brodersen die ganze Geschichte hören.

»Natürlich nicht«, entgegnete Dreesen. »So geht man mit einem norddeutschen Oberamtsrat nicht um. Ich musste notgedrungen Abwehrmaßnahmen ergreifen. So bin ich auf meine Art in den Landtag gezogen.« Dreesen grinste mit einer Selbstzufriedenheit, die nur gestandene Oberamtsräte empfinden können.

Brodersen konnte seine Neugier kaum zügeln. »Du hast mit den Landespolitikern geredet? Das wird dir aber schaden. Nun lass mich nicht so zappeln.«

»Nein. Ich bin zum Essen in die Kantine vom Landtag gegangen und habe mich immer an Tische gesetzt, an denen Abgeordnete in der Nähe saßen. Dann habe ich vor meinen Kollegen mit lauter Stimme beklagt, dass ich in meiner Bund-Länder-Arbeitsgruppe verlässlich erfahren habe, dass der Bund den ganzen Kohlendioxid-Dreck im Meeresgrund der Nordsee in Schleswig-Holstein lagern will. Alles bei uns.«

Brodersen verstand das nicht. »Und?«

Jetzt triumphierte Dreesen. »Da haben alle lange Ohren bekommen. Schließlich haben sich inzwischen überall an der Nordsee Bürgerinitiativen gegen die Kohlendioxid-Verklappung gebildet, und überall im Watt wehen Protestflaggen.«

Brodersen klappte die Kinnlade herunter. Nachdenklich fragte er nach: »Aber wenn der Hesselbein jetzt zur Bund-Länder-Arbeitsgruppe gehört, bekommt der doch mit, was du angezettelt hast.«

Dreesen schüttelte den Kopf. »Nö. Der Bund-Länder-Arbeitsgruppe habe ich einfach ohne Begründung schriftlich abgesagt.«

Brodersen schaute ihn fassungslos an.

Dreesen fuhr ungerührt fort. »Ich habe anschließend meine Kollegen in Berlin angerufen und Ihnen von den vielen Bürgerprotesten an der Westküste berichtet. Und dass unsere Politiker das Ziel haben, alle weiteren Aktivitäten der Arbeitsgruppe zu verhindern. Keine Reisen und so. Das haben die sofort begriffen. Schleswig-Holstein behält sich vor, selbst zu entscheiden, wann sie wieder an der Arbeitsgruppe teilnehmen wollen, haben sie vermerkt. Erstmal keine Einladungen mehr nach Schleswig-Holstein versenden, heißt das in der Verwaltungspraxis.«

Brodersen war die Sorge um Dreesen deutlich anzumerken. »Hesselbein wird vermutlich früher oder später über die Akten stolpern.«

Oberamtsrat Dreesen lächelte überlegen. »Nein, die Akten sind absolut sicher verwahrt. An einem Ort, wo sie niemand suchen oder finden wird. Rate mal.«

Brodersen fiel nichts ein.

Dreesen erlöste ihn. »In der Zentralregistratur, wo sie hingehören. Ein Labyrinth.«

Brodersen konnte seine Bewunderung nicht mehr zurückhalten. »Mensch, Dreesen. Du bist ein Ass. Du gehörst zu denen, die wirklich etwas im Land bewegen.«

»Wenn nicht ich, Brodersen, wer denn sonst?« Dreesen nickte selbstgefällig. Die Beerdigung der Bund-Länder-Arbeitsgruppe war ihm staubfrei gelungen. Es wäre ja auch noch schöner, wenn sich Hesselbein in sein gemachtes Nest gesetzt hätte.

Dreesens Gedanken schweiften wieder zu Jeanette ab. Gut, sie siezten sich noch. Seit fast einem Jahr. Stuhr hatte letzten Sommer einfach im falschen Moment dazwischengefunkt. Aber der war seit einiger Zeit glücklicherweise abgemeldet. Dreesen würde den nächsten Schritt zu einer engen Beziehung mit Jenny jetzt angehen. Ob es auf Dauer gut gehen würde?

Nachdenklich sah er seinen Kollegen an. »Sag mal, Brodersen. Bist du eigentlich glücklich?«

Sein Amtskollege war von dieser unerwarteten Anfrage überrascht, denn er wand sich wie ein Aal. »Mensch, Dreesen. Du kannst aber anspruchsvolle Fragen stellen. Kennst du einen einzigen Mann mit Frau und Kindern, der glücklich ist?«

»Nein, ich meine etwas anderes. Ich bin an einer faszinierenden Frau dran. Hamburger Geldadel, ausgesprochen gut aussehend. Sonntag geht es mit ihr gemeinsam an die Nordsee.«

Brodersen wiegelte ab, bevor er die Frage mit einer wegwerfenden Handbewegung abtat. »Na, erst einmal müsst ihr euch richtig kennen lernen. Nach zehn Jahren ist es dann egal, mit wem man zusammen ist. Das musst du doch noch von der Ehe mit deiner Olsch wissen.«

Dreesen hielt dagegen. »Du kannst Jeanette nicht einfach so mit meiner Alten vergleichen. Das ist eine ganz andere Preisklasse. Zudem verehre ich sie.«

»Deine Exfrau nicht?«

»Bist du verrückt, Brodersen? Meine Olsch hat mir nach der Scheidung finanziell dermaßen die Hosen ausgezogen, dass ich am Stock gehe. Nun kommt endlich wieder ein wenig Licht in mein Leben, und du machst mir das mies. Ein feiner Kumpel bist du. Hast du noch einen Pieper?«

Den hatte Brodersen. »Auf einem Bein kann man bekanntlich schlecht stehen, Dreesen.« Er griff in die Hosentasche, und dann wiederholte sich die Trinkzeremonie. Brodersen war neugierig. »Hast du ein Foto von dieser Jeanette?«

Tänzelnd holte Dreesen beschwingt den Fotoaufsteller von seinem Schreibtisch und übergab ihn seinem Kollegen. Das Foto zeigte Jeanette und ihn. Sie standen zwar noch getrennt auf beiden Seiten eines Dienstfahrzeugs, aber solche Beweise zählten in einer Behörde: Ehepartner, Geliebte, Scheidungen und Kinderglück, all dies ließ sich aus den Fotoaufstellern ablesen.

»Nicht schlecht«, brummelte Brodersen. »Die würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen.«

Dreesen lachte laut auf. »Tut mir leid, aber bei Jeanette hättest du keine Chance.«

Brodersen ging darauf nicht ein. »Meine Frau ist schon in Ordnung. Sie kann gut kochen, ist reinlich. Als Beamter kann man sich eine Scheidung nicht leisten.«

Das Glucksen konnte sich Dreesen nicht verkneifen. »Ja, das weiß ich doch am besten. Aber ein wenig Abwechselung kann nicht schaden. Vielleicht habe ich auch etwas für dich. 30, 50, 80. Ist das nichts?«

Ungläubig musterte ihn Brodersen. »Ein Model für mich, oder wie meinst du das?«

Dreesen grinste. »Nein, kein Model, sondern eine gute Gelegenheit für dich. Ich meine das neue Teilzeitangebot, was die Landesregierung gerade ausheckt. Du musst 30 Dienstjahre auf dem Buckel haben und mindestens 50 Jahre alt sein. Dann bekommst du 80 Prozent der letzten Bezüge als Ruhegehalt.«

Dieser Lichtstreifen am Horizont ließ Brodersen aufleben. »80 Prozent Pension mit 50 Jahren? Ist das dein Ernst?«

Dreesen lachte sich schimmelig. »Nein, natürlich nicht. Ich wollte dir zum Wochenende nur eine kleine Freude bereiten.«

Brodersen lachte kurz schallend, bevor er mit neidvollem Blick das Foto von Jeanette kommentierte. »Es hat nicht jeder so viel Glück wie du.«

Dreesen schlug Brodersen freundschaftlich auf die Schulter. »Ach, was. Das mit dem Glück geht auf und ab. Du wirst sehen.«

Brodersen reichte ihm die Hand zum Abschied: »Dann Waidmannsheil.«

»Waidmannsdank.« Dreesen schnappte sich fröhlich seine Aktentasche und folgte Brodersen aus dem Büro. Ein aufregendes Wochenende lag vor ihm, welches sein Leben von Grund auf verändern könnte.

Wenn ihm Stuhr nur nicht wieder in die Quere kommen würde.

Geschäfte anderer Art

Die Stimmung auf der Sonnenterrasse der Sansibar Arche Noah wurde im Laufe des Nachmittags immer ausgelassener. Stuhr nippte weiter genüsslich an seinem Weizenbier, während er den immer bunter werdenden Ausführungen von Schneider lauschte.

»Frauen einmal ganz beiseite, die sind nicht alles im Leben. Wissen Sie, mir ging es nicht immer gut. Früher habe ich mich von morgens bis abends mit einem kleinen Bauunternehmen abgeplagt, aber mein Bankkonto raste dennoch immer weiter in den Keller.«

Schneider spürte Stuhrs Interesse und holte weiträumig aus. »Wissen Sie, ich habe mich immer bemüht, ehrliche Arbeit abzuliefern. Ich hatte mich seinerzeit auf den Verkauf von Holzvillen spezialisiert, für gehobene Ansprüche natürlich. Selbst den Ökotrip habe ich aufgenommen und amerikanische Holzständerbaukonzepte übernommen. Irgendwann konnte ich mich vor Bestellungen kaum noch retten.«

Das freute Stuhr. »Na, da wird sich Ihr Konto ja schnell erholt haben.«

Verständnislos musterte ihn Schneider. »Erholt? Wie kommen Sie denn darauf? Es hätte mich fast in den Ruin getrieben. Sie glauben ja nicht, was ich mit der Klientel erlebt habe, die diese Häuser kaufen.«

Stuhr rätselte. »Vermutlich nicht ganz unvermögende Mitmenschen.«

»Vermögend schon, aber denken Sie nicht, dass das Geld bei denen locker sitzt. Nein, anstatt mir den verdienten Lohn zu überweisen, beauftragen sie Bausachverständige und Rechtsanwälte, um Abzüge vom Kaufpreis zu erwirken. Dann kann man sich nur noch überlegen, ob man gleich auf seinen Gewinn verzichtet oder frisches Geld auf juristische Zweikämpfe setzt.«

»Hatten Sie denn keine ehrlichen Zahler?«

Schneider schüttelte den Kopf. »Anfangs nicht. Ein einziges Mal habe ich den gesamten Preis bar auf die Hand gezahlt bekommen, allerdings auch zwei Säcke voll mit kleinen Scheinen und Münzgeld. Der Kunde musste seinen persönlichen Geldspeicher geleert haben. Ich habe erst später mitbekommen, dass der Käufer Vorsitzender der Nordfriesischen Weihnachtstombola war.«

Stuhr konnte das nicht glauben. »Sie denken, er hat Spenden veruntreut?«

»Was würden Sie denn denken? So geht es nicht weiter, habe ich mir jedenfalls daraufhin gesagt. Wenn alle bescheißen, dann musst du auch bescheißen.«

»Bescheißen?«, wiederholte Stuhr ungläubig.

»Ja, bescheißen. Zuerst natürlich den Staat, das geht am einfachsten. Was blieb mir übrig, als billige Arbeitskräfte aus dem Osten einzustellen? Ohne Steuerkarte natürlich. Während der Woche haben die Polen geknüppelt wie die Irren, damit sie am Wochenende möglichst früh nach Hause konnten.«

»Polnische Leiharbeiter?«

»Ja. Von denen habe ich viel gelernt. Am meisten von Pawel, meinem Vorarbeiter. Der stammte aus Schlesien und war ein Schlitzohr. Er hat mich auf die richtige Spur gebracht. ›Szef, du musst nicht selbst arbeiten. Arbeit liebt die Dummen, sagt ein altes Sprichwort.‹ Pawel hatte recht. Erst später habe ich herausbekommen, dass er von meinen Arbeitern Vermittlungsgebühren abgepresst hat.«

Ungläubig verfolgte Stuhr Schneiders Geschichte. Genüsslich sog der an seiner Zigarette, bevor er mit zwei Fingern Nachschub orderte, ohne sich umzudrehen. »Sie trinken doch einen Blutsturz mit mir?«

»Einen Blutsturz?« Stuhr verstand nicht.

»Ja, das rötliche Gesöff. Prosecco mit Martini Rosso. Reinigt die Blutbahnen.« Ohne sich um Stuhrs Antwort zu kümmern, erzählte er weiter.

»Ich habe Pawel zunächst nicht verstanden, denn ich war gewohnt, immer selbst mit reinzuhauen. Aber dieser Pawel hat mir als Chef die Augen geöffnet. ›Szef, du musst immer behalten die Übersicht. Ein General muss alles übersehen, er darf selbst nicht kämpfen. Dumme leben von der Arbeit. Der Kluge lebt von den Dummen.‹ Ich ließ also die Jungs werkeln und kümmerte mich ausschließlich um meine Geldgeschäfte. Ein weiser Entschluss, denn seitdem lebe ich im Überfluss.«

Stuhr sah ihn zweifelnd an, denn so ganz erschloss sich ihm der Schlüssel zum Reichtum noch nicht.

Schneider bekam seinen Blutsturz wie gehabt über sein Haupt gereicht. Anschließend legte Verena eine halbe Hafenrundfahrt auf der Terrasse ein, um Stuhr seinen Cocktail fachgerecht von der rechten Seite zu reichen. Beim Niederknien geriet der Blick auf ihre schönen Beine außer Sichtweite, dafür schob sich das ausladende Angebot ihrer Brüste in den Vordergrund, welche nicht einmal von einem Büstenhalter gepusht wurden.

Schneider nahm keine Notiz davon, er dozierte weiter über seine Geschäftspraktiken.

»Nun, ich will nicht allzu viel aus dem Nähkästlein plaudern, aber mit der Mehrwertsteuer geht immer etwas. 19 Prozent sind kein Pappenstiel, und Pawel hat mir zusätzlich Nachhilfe in Punkto Kalkulation gegeben. Immer einfach die eigenen Kosten verdoppeln zur Preisfindung, und dann einen kleinen Rabatt einräumen.«

Stuhr schüttelte ungläubig den Kopf. »Das klingt sehr simpel. Wie ist dieser Pawel denn darauf gekommen?«

Schneider nahm einen tiefen Lungenzug. »Pawel hat seine Lehren aus dem Sozialismus gezogen und immer Gegenleistungen für seine Rabatte eingefordert. Das System funktioniert genauso im Kapitalismus.«

Stuhr konnte kaum glauben, dass Schneider damit durchgekommen war. »Und Ihre Kunden haben anstandslos bezahlt?«

Schneider lachte mit bleckendem Gebiss. »Nein, natürlich nicht. Aber nun konnte ich meinen Kunden locker entgegenkommen. Teuer, aber kulant. Das hat mir beste Empfehlungen und viele Folgeaufträge beschert. Meine anspruchsvollsten Kunden waren zufriedengestellt, weil sie mir etwas abfeilschen konnten. Diese Volksgruppen sind nun einmal so. Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte. Die haben die Kohle.«

Dem wollte Stuhr nicht widersprechen. »Dann laufen Ihre Geschäfte ja prächtig.«

Schneider lächelte entspannt. »Nein, da habe ich lediglich meine erste Million mit gemacht. Aber es war mühsam. Ich habe Pawel kurzerhand die Zimmerei geschenkt und bin mit meinem Kapital in interessantere Wirtschaftszweige eingestiegen. Ab und zu treffen Pawel und ich uns noch, dann trinken wir ein Fläschchen Wodka und erzählen uns die skurrilsten Geschichten.«

Wieder schüttelte Stuhr ungläubig den Kopf.

Schneider rückte jetzt ganz nahe. »Aber passen Sie auf. Wenn Sie Pawel begegnen und bei ihm eine Holzvilla bestellen, dann stammt im besten Fall lediglich das Holz des gefälschten Prägestempels aus ökologischen Beständen, denn das Baumaterial für die Holzhütten kommt aus den Wäldern der Umgebung von Tschernobyl.«

Stuhr verzog ungläubig das Gesicht. War das nicht Betrug? »Und welche Geschäfte betreiben Sie jetzt, wenn ich fragen darf?«

»Dürfen Sie, dürfen Sie. Ich habe mich voll und ganz dem Handel in der Energiebranche verschrieben. Die Politiker zwingen uns ja förmlich dazu, unsere Millionen im Energiebereich zu verdienen. Es geht nur noch um Papiere und Beratungsleistungen. Keine unliebsamen Mitarbeiter, keine quengeligen Kunden, keine Regressansprüche mehr. Nur noch schnelle Geschäfte ohne Vorleistungen. Ihren Namen habe ich leider immer noch nicht verstanden.«

Nur der Nachname würde nichts von ihm verraten. Er reichte Schneider die Hand. »Stuhr. Aus Kiel. Moin.«

Schneider sprang völlig unerwartet hoch und vollführte fingerhebend drei tänzelnde Drehungen, bevor er sich wieder setzte. »Ihr Norddeutschen seid schon ein Kapitel für sich. Nur nicht jemand anderem zu nahe kommen. Dabei kann ich Ihnen ein völlig neues Lebensgefühl erschließen.«

Stuhr schüttelte uninteressiert den Kopf, weil es sich anhörte, als ob ihm Schneider Waldparzellen auf dem Mond verscherbeln wollte.

Sein Sitznachbar stöhnte auf. »Meine Geschäfte sind konkreter als Sie denken, Herr Stuhr. Schauen Sie sich nur einmal das riesige Naturschutzgebiet vor St. Peter-Ording an, auf dem lediglich einige Pfahlbauten stehen. Das ist genau die richtige Stelle, um einen unterirdischen Speicher für Kohlendioxid einzurichten. Die wohlhabenden Touristen können auf den Pfahlbauten weiter feiern, und nicht einmal die barfüßigen Strandgänger werden sich gestört fühlen. Hier oben kann alles so bleiben, wie es ist, während unten eine neue Geldquelle unerlässlich sprudeln kann.«

Skeptisch fragte Stuhr nach. »Ist das Ihr Ernst? Das ist doch vermutlich alles Naturschutzgebiet hier oder nicht?«

»Richtig, das gehört alles zum Schleswig-Holsteinischen Nationalpark Wattenmeer. Und genau deswegen wird sich jedes Sandkorn, in das Sie hier investieren, über kurz oder lang in einen Klumpen Gold verwandeln. Sie müssen einfach nur daran glauben.«

Das fiel Stuhr schwer. »Glauben?«

Schneider überging die Nachfrage. »Mein Konzept ist, Chancen doppelt und dreifach zu nutzen. Nehmen Sie die Nordseeküste als Beispiel: unter dem Wattenmeer ein Kohlendioxidlager anlegen und obendrauf einen Offshore-Windpark setzen. Dafür werden Genehmigungen benötigt. Man muss also beste Kontakte zu allen Beteiligten haben. Genau das ist mein Job. Jede Genehmigung eine Million Euro Gewinn.«

»Doppelt, ich verstehe. Aber dreifach?«

Das erläuterte Schneider souverän: »Tourismusförderung. Ich berate Investoren und besorge Fördergelder. Bei meinen Kontakten kein Problem, verstehen Sie?«

Stuhr entschied sich, ein neutrales Gesicht aufzusetzen. »Nö.«

Schneider zog die Kumpelkarte. »Mensch, Stuhr. Verstehen Sie mich nicht falsch. Aus jedem Klumpen Gold werden zwei.«

Stuhr liebte Milchmädchenrechnungen nicht. »Oder drei. Und in den Spiegel gehalten sind es dann sechs.«

Schneider musste nun auch lachen. »Hab schon verstanden. Das ist nicht Ihre Welt. Lassen Sie uns noch einen Kleinen nehmen. Prost.«

Stuhr prostete zurück, während er bemerkte, dass Verena bereits mit neuen Drinks im Anmarsch war. Bei Absenken auf den Tisch wirkten die rot schillernden Blutstürze harmlos.

Jetzt rückte Schneider heran. »Ich setze mich zu Ihnen an den Tisch, da kann man sich besser unterhalten. Zu schade, dass es die Bundeswehr hier nicht mehr gibt. Das war eine regelrechte Goldquelle. Nach Übungen auf dem Sand oder Flugzeugabstürzen im Watt hat die Bundeswehrverwaltung immer gut Geld abgedrückt, um keinen schlechten Ruf zu hinterlassen. Ein Geschäftsfeld, das ich leider aufgeben musste. Trotzdem: pures Küstengold, die ganze Ecke hier. Glauben Sie mir.«

Stuhr wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Schneider war ein abgebrühter Hund, ein richtiger Profitgeier. Aber das sollte Stuhr nicht weiter kratzen, denn er war nach St. Peter-Ording gekommen, um sich zu erholen. Mit Freuden registrierte er die gepflegten Hände von Verena, die neue Getränke servierte. Stuhr blieb nicht verborgen, dass anschließend diese Fingernägel den Rücken von Schneider herunterkratzten.

Der reagierte unwirsch. »Bitte lass das, Verena. Kleine Mädchen sollten die großen Jungs nicht bei ihren Geschäften stören. Wir sind hier nicht im Streichelzoo.«

Die Bedienung wich jedoch nicht von Schneider und begann mit beiden Händen, seinen Nacken intensiv zu massieren. Gequält lächelnd ließ Schneider die Prozedur über sich ergehen. Unangenehm konnte es nicht sein.

Augenzwinkernd klärte die Kellnerin Stuhr auf. »Heutzutage muss man Kundenpflege betreiben. Es gibt nicht mehr genug zahlungskräftige Laufkundschaft wie früher. Die Zeiten ändern sich.«

Als Schneider kurzzeitig genussvoll die Augen schloss, ging sie zum Generalangriff über. »Noch ein wenig Ganzkörperentspannung hinterher, der Herr Oberschneider?«

Aber Schneider schüttelte ihre Hände von seiner Schulter und öffnete wieder die Augen. »Morgen vielleicht. Heute habe ich noch geschäftlich zu tun, meine kleine Honigschnute.«

Verena bemerkte, dass sie zurzeit nicht mehr hilfreich sein konnte. »Dann erst einmal Wohlsein den Herren. Tja, wer nicht will, der hat schon.«

Schnippisch drehte sie sich um und verließ die beiden, um die zahlreich aufgelaufenen Bestellwünsche von den Nachbartischen entgegenzunehmen.

Erleichtert prostete Schneider Stuhr zu. »Verena ist schon eine klasse Frau, Stuhr. Aber einfangen lasse ich mich nicht.«

Zum Trinken kam Schneider jedoch nicht, denn sein Handy klingelte. Offenbar war es der Pilot, der Bericht erstattete. Besonders aufzuregen schien Schneider dieser nicht. Er beendete das Gespräch, indem er den Piloten anwies, eine andere Maschine zu besorgen. Dann wendete er sich wieder Stuhr zu.

»Jetzt aber. Prost.«

Schneider kippte den Drink herunter und sog anschließend mit einem tiefen Zug eine gewaltige Menge Nikotin in sich hinein. Dieser Mann schien in allen Dingen maßlos zu sein.

Stuhr tat es ihm nach, aber gewöhnen konnte er sich nicht an das Zeug. Zudem stieg es ihm mächtig in den Kopf.

Schneider beugte sich wieder vor. »Meine Maschine muss geborgen und dann von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung begutachtet werden. Das kann Wochen dauern. Der Pilot soll deshalb eine andere Maschine auftreiben. Das wird am Wochenende nicht ganz so schnell gehen. Für mich heißt es, dass ich hier für ein paar Tage feststecke. Gibt es einen besseren Ort dafür?«

Verena enterte mit neuen Drinks wieder den Platz und stellte die alten Gläser beiseite. »Darf ich ein Foto mit meinem Handy von den beiden Herren schießen?«

Stuhr begann, die Gläser beiseite zu schieben, aber Verena stellte sie seelenruhig zurück. »Stehenlassen, das Rot bringt doch erst richtig Farbe für die beiden Herren auf das Foto.«

Schneider ermunterte Stuhr, gemeinsam mit ihm ein Wort in den Mund zu nehmen, das ein Lächeln auf das Foto zaubern sollte: »Ameisenscheiße.« Stuhr tat es ihm nach, aber als das Klicken des Handys zu vernehmen war, war er nicht sicher, ob es im richtigen Moment aufgenommen wurde. Man würde sehen.

Die Stimmung auf der Arche Noah wurde immer ausgelassener. Ja, in St. Peter-Ording abzufeiern, das war schon etwas ganz Besonderes. An jedem Wochenende steppte im Sommer hier der Bär, und dieses Mal würde Schneider in Feierlaune sicherlich noch einen oben draufsetzen.

Je tiefer sie anschließend in das Gespräch versanken und je ausgelassener die Feierlaune wurde, umso mehr wurde Stuhr klar, dass dieser schillernde Schneider ihn so schnell nicht mehr loslassen würde. Immer wieder zuckten Fotoblitze über die Sonnenterrasse bis in die späte Nacht. Irgendwie haben Typen wie Schneider ja auch etwas Besonderes an sich.

Stuhr blickte verstohlen zur Bedienung. Sie sah wirklich klasse aus. Jetzt bemerkte auch Verena seinen interessierten Blick und hielt mit ihren stechenden blauen Augen dagegen, während ihr Lächeln immer diabolischer wurde.

Bei Gott, in welche Mördergrube war er nur hineingeraten? Nein. Stuhr maßregelte sich. Er hatte im letzten Jahr schon genug Mist gebaut und ein unmittelbarer Nachfolger von Schneider bei dieser Verena wollte er nicht werden.

Gesichert war nur, dass Stuhr heute nicht mehr nüchtern vom Sand kommen würde.

Mit Pauken und Trompeten

Todmüde jagte Stuhr viel zu schnell über die von den trüben Scheinwerfern seines alten Golfs kaum erleuchtete Landstraße. Ungläubig schaute er auf die Uhr. Es war noch keine sechs Uhr am frühen Morgen.

Kommissar Hansen hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Stuhr fragte sich, warum er das eigentlich immer mit sich machen ließ. Der Kommissar hatte sicherlich ohnehin Bereitschaft und schob ruhestandsfähigen Dienst. Aber er selbst hätte noch schön in seinem Hotelbett in Sankt Peter liegen bleiben können, zumal sein Schädel von dem Gelage am Abend vorher mit Schneider noch heftig schmerzte.

Er durchwühlte das Handschuhfach nach einem Kaugummi, aber er wurde nicht fündig. Als Stuhr vorzeitig pensioniert worden war, hatte er sich geschworen, nie mehr vor neun Uhr morgens aufzustehen. Und jetzt versuchte er mühselig, im Morgengrauen den Weg nach Rendsburg zu finden.

Am besten den Ring um den alten Ortskern wählen und dann mit der Schwebefähre übersetzen, hatte ihm Kommissar Hansen mit auf den Weg gegeben. Sie hatten sich vor Jahren in der Staatskanzlei kennengelernt, als Hansen zum Personenschutz des Ministerpräsidenten abkommandiert war. Stuhr wäre früher auch gerne zur Polizei gegangen, aber Freunde hatten ihm wegen der schlechten Aufstiegsmöglichkeiten abgeraten. Kommissar Hansen war schon in Ordnung, und wenn er mit seinen dienstlichen Mitteln nicht weiterkam, rief er Stuhr gern einmal an. So konnte Stuhr jetzt als Frühpensionär ermitteln, ohne jemals bei der Polizei gewesen zu sein.

Als ehemaliger Beamter der Staatskanzlei hatte Stuhr immer noch viele Kontakte in den verschiedenen Ministerien und konnte dienstprivat schon noch das eine oder andere herausbekommen. Sein alter Dienstausweis, der bis zu seinem 65. Lebensjahr gültig sein würde, wurde ihm nie abverlangt und leistete nach wie vor treue Dienste.

Das Rendsburger Ortsschild flog an ihm vorbei, und schnell erreichte er über den Stadtring und die Kreisverwaltung die Alte Kieler Landstraße. Wenig später tauchten in den Nebelschwaden die filigranen Bögen der alten Eisenbahnbrücke auf, die sich über die Kreisstadt in luftige Höhen hochschraubt und den Nord-Ostsee-Kanal Richtung Kiel überquert. Jetzt entdeckte er auch den Wegweiser zur Schwebefähre, einer Hängebahn, die unterhalb der Stahlbrücke montiert war. Stuhr bremste seinen Wagen ab und bog zum Kreishafengelände ein. Wenig später hielt er unterhalb der Eisenbahnbrücke vor einer Schranke, hinter der sich im Wasser des Kanals die Lichter der Laternen auf der gegen­überliegenden Seite spiegelten.

Aus dem Morgengrauen glitt die an vielen Seilen hängende Schwebefähre heran, deren tiefliegender Bug sich unter der Fahrbahn einklinkte. Die Schranke öffnete sich, und Stuhr konnte auffahren. Die Fähre bot Platz für vier Fahrzeuge, aber da er der einzige Fahrgast war, zeigte der Kapitän im Führerstand Gnade und schloss die Schranken wieder.

Stuhr genoss den kühlen Morgenwind, als er in wenigen Metern Höhe mitsamt der Fähre durch die Nebelschwaden über den Kanal schwebte. Kurze Zeit später legte die Fähre auf der anderen Seite in Osterrönfeld an, und er konnte seine Fahrt fortsetzen.

Keinen halben Kilometer weiter konnte Stuhr mehrere Scheinwerfer ausmachen, deren grelles Licht ihn zunehmend blendete. Die davor parkenden Fahrzeuge warfen ihm lange Schatten entgegen. Der Kommissar hatte recht gehabt, das war wirklich einfach zu finden.

Stuhr fuhr auf einem kleinen Wirtschaftsweg direkt zum Licht hin. Die wenigen Personen, die bei den Polizeifahrzeugen hantierten, wirkten gespenstisch im aufsteigenden Nebel der Morgendämmerung.

Stuhr stoppte und zwängte sich aus dem Golf.

Kommissar Hansen eilte auf ihn zu. »Moin, Stuhr. Du hast dir ja schon wieder so eine alte Rostlaube zugelegt.«

Stuhr reichte ihm die Hand. »Moin, Hansen. Golf II, da kenne ich jede Kerbe im Lenkrad.«

Der Kommissar verzog die Nase. »Mein Gott, hast du eine Fahne.«

Stuhr unternahm Anstalten, sich umzudrehen. »Tut mir leid, gestern einen Kleinen gehabt. Ich kann ja auch umkehren und nach Sankt Peter zurückfahren.«

Hansen Stimme klang streng. »Dann muss ich dir leider von Amts wegen den Lappen abnehmen. Besser, du bleibst.«

Stuhr wollte protestieren, aber im gleichen Augenblick nahm ihn Hansen am Arm und führte ihn fort. »Prima, Stuhr, dass du gleich herkommen konntest. Ich möchte dir etwas zeigen, komm mal mit.«

Der Kommissar führte ihn zu einem im Dunkeln liegenden Windrad, dessen langsam laufende Rotoren gleichmäßige rhythmische Geräusche verursachten, die dem Fallen des Beiles einer Guillotine nicht unähnlich klangen. Er wies auf eine auf dem Boden liegende Plane, die einen Körper abdeckte.

»Ich möchte dir den Anblick ersparen, denn einen Körper ohne Kopf vergisst man nicht so leicht.«

Nun zeigte der Kommissar mit dem Zeigefinger auf einen Hubwagen direkt unter dem Windrad, der ungleichmäßig mit Blutspritzern überzogen war. »Wie mit einer Keule weggeschlagen. Irgendjemand muss das geknebelte Opfer an die Hubkanzel gebunden und langsam zu den Rotoren des Windrades hochgefahren haben. Der Kopf ist ein ganzes Stück durch die Luft gesegelt und dann den Hang zum Kanal heruntergerollt. Dort ist er von den Schafen sauber geleckt worden. Der Knebel steckt immer noch im Kiefer.«

Unbestritten ein hässlicher Tod, aber es wird zumindest schnell gegangen sein. Stuhr musste würgen.

Er wurde nachdenklich. Gab es einen schönen Tod? Stuhr beschloss, irgendwann einmal mehr über diese letzten Dinge des Lebens nachzudenken, wenn er dazu jemals Zeit finden sollte. »Habt ihr schon eine erste Vermutung?«

»Deswegen habe ich dich aus dem Bett geholt, Stuhr. Der Kollege Fingerloos hat ganze Arbeit geleistet. Er konnte den Toten anhand des Ausweises identifizieren. Muss eine üble Fummelei in der Blutsuppe gewesen sein. Den Papieren nach handelt es sich um einen Sönke Sörensen, Abteilungsleiter von der Nordstrom AG in Rendsburg. Die versorgen Mittelholstein mit Strom und Gas. Hingerichtet wurde er von einem Windrad seiner Firma. Siehst du, dort auf dem Sockel, da steht der Schriftzug. Du hast doch in deiner aktiven Zeit in der Staatskanzlei ständig mit Energiethemen zu tun gehabt, oder? Hier läuft ein großes Ding.«

Stuhr schaute Hansen erstaunt an. »Ein großes Ding? Habt Ihr Hinweise auf die Täter?«

»Schwierig. Fingerloos und seine Leute suchen noch nach weiteren Spuren oder möglichen Zeugen. Ich denke, dass die Zusammenhänge komplex sind.«

Hansens Kollege hatte Stuhr jetzt bemerkt, denn er winkte ihm mit Mundschutz und blutverschmierten Latexhandschuhen fröhlich zu, als wenn man sich beim Kappenfest trifft.

Stuhr wies auf die verstörte Schafherde, die auf der anderen Seite der Weide eng zusammen­gedrängt verharrte. »Hundert stumme Tatzeugen, Hansen. Fang bei ihnen an.«

Der Kommissar seufzte. »Wenn es so einfach wäre. Schafe stehen symbolisch für Geduld. Ihnen wird die Unruhe kaum gefallen haben. Schau dich einmal um, Stuhr. Die Weide erlaubt einen Blick auf den Sitz der Firma von Sörensen auf der anderen Seite des Nord-Ostsee-Kanals, genau am Schnittpunkt einer viel befahrenen Land- und Wasserstraße. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn zu dieser frühen Zeit ist am Samstagmorgen normalerweise kein Mensch unterwegs. Das alles kann kein Zufall sein, Stuhr.«

»Wurde dieser Sörensen denn vermisst?«

»Nein. Jedenfalls wurde nach bisherigem Stand keine Anzeige bei der Polizei erstattet. Einem Brief zufolge, den wir beim Opfer gefunden haben, konnten wir entnehmen, dass er vor etwa vier Wochen zu Hause ausgezogen ist.«

»Der Grund?«, fragte Stuhr.

»Offenbar eine Geliebte. Jelena Simonovich, eine 23-jährige Rumänin. Aber die Grausamkeit der Tat spricht nicht gerade für ein Eifersuchtsdrama. Ich habe Oberkommissar Stüber gebeten, bei den Angehörigen schnellstmöglich nähere Informationen einzuholen.«

Ob der dem Hauptkommissar Hansen zugeordnete Stüber erste Wahl bei den Ermittlungen war, bezweifelte Stuhr. »Inwiefern glaubst du, dass ich bei der Aufklärung helfen kann?«

Hansen holte aus. »Man muss zunächst die Hintergründe betrachten, Stuhr. Die Nordstrom AG ist einer der wenigen verbliebenen kleinen unabhängigen Stromanbieter in Schleswig-Holstein. Das könnte vielleicht ein Schlüssel zu Auflösung des Mordes sein.«

Stuhr blickte skeptisch. Er traute dem Kieler Kommissar nicht allzu tiefe Einblicke in die Energiewirtschaft zu, zumal die Kieler Rundschau in dieser Hinsicht nur wenig kritischen Lesestoff bot.

Hansen setzte seinen kleinen Exkurs ungerührt fort. »Einige wenige große Unternehmen betreiben die Mehrzahl aller Kraftwerke und das Netz in Deutschland und sind an vielen kleineren Stadtwerken und Regionalversorgern beteiligt. Es scheint ein Wettbewerber mitzuspielen, der mit harten Bandagen um Anteile kämpft.«

Stuhr nickte. Ihm war bekannt, dass der deutsche Energiemarkt weitgehend unter diesen Energieriesen aufgeteilt war. Das Bundeskartellamt verdächtigte diese Konzerne seit Langem, die Strompreise durch Absprachen in die Höhe zu treiben. Neuerdings sollten sogar russische Konzerne mitmischen.

Kommissar Hansen bemerkte Stuhrs skeptischen Blick. »Nach der Einschätzung meiner Kollegen vom Wirtschaftsdezernat sollen die Energiekonzerne auch vor illegalen Mitteln nicht zurückgeschreckt haben: Bestechung, Betrug und Prostitution.«

Stuhr musterte ihn ungläubig. »Ja, aber auch Mord? Wie soll ich dir helfen können? Das ist vermutlich alles eine Nummer zu groß für mich.«

Der Kommissar wurde konkret: »Stuhr, du musst mit deinen alten Kontakten herausbekommen, ob ein Antrag bei der Landesregierung auf die Übernahme der Nordstrom AG vorliegt. Wenn ich das auf dem Dienstweg anschieben würde, dann hätte ich mit ziemlicher Sicherheit nach vier Wochen immer noch keine plausible Auskunft.«

Stuhr wurde unwirsch. »Hansen, um das herauszubekommen, hättest du heute Morgen einfach kurz bei mir anrufen können. Das kann nicht der einzige Grund gewesen sein, mich zu nachtschlafender Zeit am Samstagmorgen an diesen grauenhaften Ort zu beordern.«

Der Kommissar sah ihm fest in die Augen. »Ruhig Blut, Stuhr. Ich muss vielleicht ein wenig weiter ausholen, es muss aber unter uns bleiben. Dies ist nämlich bereits der dritte Mord in den letzten Wochen; immer am Wochenende, immer das gleiche Muster. Wir haben die beiden anderen Morde bis jetzt mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen vor der Presse unter Verschluss halten können. Das wird dieses Mal kaum gelingen, weil der Tatort unweit von einer vielbefahrenen Straße liegt.«

Stuhr pfiff durch die Zähne. Jetzt kam Musik in diesen Fall. Sein erwartungsvoller Blick veranlasste den Kommissar, weitere Einzelheiten preiszugeben: »Die Serie begann vor zwei Wochen in Kiel. Ein Sensor im Gemeinschafts­­kraftwerk in Dietrichsdorf hatte nachts die Blockierung eines Abflussrohres gemeldet, das erwärmtes Kühlwasser in die Kieler Förde zurückführt. Taucher entdeckten unter Wasser die Leiche eines Mitarbeiters des Kraftwerks, der mit einem Nylontau an das Abflusssieb gefesselt war. Es könnte sich um das gleiche Material handeln, mit dem das Opfer auf dem Hubwagen angebunden wurde.«

Stuhr bohrte nach: »Hatte der getötete Mitarbeiter auch eine Geliebte?«

Der Hauptkommissar schmunzelte. »Nein, so einfach liegt der Fall nicht, und wie der ans Sieb geriet, das wissen wir auch nicht. Er wollte abends nur Zigaretten holen gehen.«

»Gibt es denn kein Muster?«

Hansen klärte ihn auf. »Alle Morde fanden am Wochenende statt. Der zweite Mord geschah am letzten Wochenende in Eckernförde. Der Werkstattleiter der dortigen Stadtwerke wurde verschmort auf den Isolatoren in einem Umspannwerk entdeckt. Keiner weiß, wie er dorthin gekommen ist. Offensichtlich haben der oder die Täter Schlüssel gehabt. Und ich kann dich beruhigen, Stuhr. Auch der Werkstattleiter hatte keine Geliebte.«

Stuhr staunte nicht schlecht. »Drei ungeklärte Morde also. Was wird als Nächstes geschehen?«

Hansen seufzte. »Wenn wir das nur genauer wüssten. Wir waren seit gestern alle in Bereitschaft. Von der Systematik her wäre nach Kiel und Eckernförde als nächste Stadt an der Ostsee Schleswig in Frage gekommen. Wir haben seit Freitag alle Gebäude der Schleswiger Versorgungsbetriebe überwacht. Dann ereilt den armen Kerl hier das Schicksal am Rande von Rendsburg.«

Zu kurz gedacht, sagte sich Stuhr. Eine Landkarte als Täterprofil, so simpel schien auch ihm der Fall nicht gelagert zu sein. Größere Zusammenhänge hatte Kommissar Hansen offensichtlich nicht im Auge. Ihm war anzumerken, dass er mit seinem Latein am Ende war.

Neue Erkenntnisse waren nicht mehr zu erwarten, und so unternahm er vorsichtig Anstalten, diesen unwirtlichen Ort zu verlassen. »Ich werde mich auf die Socken machen, Hansen. Alte Weisheit: Wer morgens vor neun Uhr auf der Straße ist, der ist nichts und der wird nichts. Ich fahr zurück nach St. Peter-Ording.«

Der Kommissar spottete. »Klar, die erwarten dich in Sankt Peter bereits mit Pauken und Trompeten. Aber Spaß beiseite, Stuhr. Du weißt doch, wer in der Landesverwaltung für diese Dinge zuständig ist: Strom, Energie, Klimaschutz?«

Stuhr überlegte. Gut, er könnte vielleicht einmal unverbindlich im Wirtschaftsministerium nachfragen. »Ich sehe mal, was ich die Woche über erreichen kann. Die Zuständigkeiten für die Energiewirtschaft sind quer über die halbe Landesregierung verteilt, das wird ein wenig dauern. Wie geht es hier weiter?«

»Na ja, der Notdienst der Stadtwerke wird gleich das Windrad blockieren. Dann können wir die Blutspuren an den Flügeln mit denen auf dem Boden vergleichen. Ansonsten sehe ich nicht, dass wir hier noch großen Erkenntnisgewinn erzielen können.«

Stuhr zuckte mit den Schultern und verabschiedete sich. »Dann viel Glück bei der weiteren Spurensuche. Ich muss wieder ins Bett. Tschüß, Hansen.«

Er wollte sich umdrehen, aber Hansen hielt ihn an der Schulter fest.

»Hier, nimm dies. Sonst musst du noch bei meinen Kollegen pusten.« Der Kommissar reichte ihm einen Kaugummi zum Abschied.

Stuhr stieg in seinen Wagen und beeilte sich, diese Stätte des Grauens zu verlassen. Selbst die Schafe wirkten immer noch verstört. Er fluchte, denn fast wäre er beim Einbiegen in die Landstraße mit dem Leichenwagen kollidiert. Dann befand er sich wieder auf dem Weg zur Schwebefähre. Während sie heranglitt, ging am Horizont die Sonne auf. Sie tauchte die letzten sich auflösenden Nebelschwaden in ein warmes, rötliches Licht.

Stuhr erfreute sich an diesem Naturschauspiel. Man sollte öfter früh aufstehen, befand er.

Mit Rücksicht auf seine Gefühlslage und den nervös pumpenden Magen beschloss er allerdings, auf ein ausgiebiges Frühstück in seinem Hotel in St. Peter-Ording zu verzichten.

Hilflos

Kommissar Hansen war sich unsicher, ob es richtig gewesen war, Stuhr vollständig über die Lage zu informieren und um Hilfe zu bitten. Aber seine Verbindungen in die Landesverwaltung waren unverzichtbar, um an interne Informationen heranzukommen.

Zufrieden konstatierte Hansen, dass sich der Leichenwagen näherte. Wenn die Leiche von Sörensen erst einmal weggeschafft wäre und das Tageslicht zunehmen würde, dann würde man auf der Weide unter dem Windrad am Nord-Ostsee-Kanal die Spuren besser sichern können.

Kaum, dass die Morgensonne begann, sich unter den Nebel zu schleichen und die Kanallandschaft in leuchtende Farben zu tauchen, eilte sein Kollege Pferdi Fingerloos heran. Ein feiner Kollege, nur hatte Kommissar Hansen ihm in einem schwachen Moment das Du angeboten. Das galt es irgendwann noch zu korrigieren, denn bei der Ansprache mit dem Vornamen zuckte Hansen nach wie vor jedes Mal zusammen.

»Konrad, halt dich fest. Wir haben den Mord fast aufgeklärt. Es gibt lediglich zwei frische Spuren. Mit mindestens Schuhgröße 47 und tiefen Abdrücken ist einer der Täter ein großer und kräftiger Mann, der die Hubkanzel mitsamt dem an die Brüstung gebundenen Opfer den rotierenden Windflügeln zugeführt haben muss. Fingerabdrücke ließen sich auf dem Steuerungspult allerdings nicht sichern. Eine zweite Spur, vielleicht Schuhgröße 45, deutet darauf hin, dass noch jemand, vermutlich auch ein Mann, auf der Weide ständig hin und her lief. Das lässt darauf schließen, dass der zweite Täter die Anweisungen gegeben haben könnte. Beide Fußspuren verlieren sich allerdings auf der Straße.

Zur Schwebefähre sind die beiden Täter sicherlich nicht gestapft, denn die erste Fahrt begann erst nach vier Uhr. Das wäre auch viel zu auffällig gewesen.«

Besser als nichts, dachte sich Hansen. »Und Spuren von Sörensen?«

»Nein. Von Sörensens Schuhen wurden keinerlei Abdrücke gefunden. Das könnte bedeuten, dass Sörensen längst tot war, bevor er geköpft wurde.«

»Oder er ist mit übersinnlichen Kräften von der intergalaktischen Flotte auf den Hubwagen gebeamt worden.« Fingerloos griente.

Wütend trat Kommissar Hansen ins Gras. Was sollte er tun? Er konnte am nächsten Wochenende schlecht jeden Energieversorger in Schleswig-Holstein bewachen.

Ein Fahrzeug mit aufgeblendeten Scheinwerfern näherte sich auf dem Wirtschaftsweg. Die hinter ihm tief stehende Morgensonne erleuchtete das fluoreszierende Nummernschild: KI-KR 313.

Das konnte nur die Kieler Rundschau sein. Hansen fluchte, denn die Presse konnte er zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gebrauchen. Ein weißer Opel hielt genau hinter dem Leichenwagen. Nun, viel zu sehen gab es zum Glück nicht mehr, denn der Tote lag bereits in einem Zinksarg hinter Milchglasscheiben mit eingravierten betenden Händen.

Im aufkommenden Tageslicht war zwar zu erkennen, dass die Kollegen vom Erkennungsdienst überall auf der Weide kleine flatternde Fähnchen aufgestellt hatten, mit denen sie die Spuren markiert hatten. Wie ein Kindergeburtstag wirkte die Szenerie dennoch nicht.

Kommissar Hansen ließ die Scheinwerfer ausschalten, denn das Licht der Morgensonne war inzwischen so hell geworden, dass es für die weitere Spurensicherung ausreichen würde. Zudem würde der Fotograf der Rundschau bei diesem kräftigen Gegenlicht kaum zu einem brauchbaren Foto kommen.

So war Kommissar Hansen überrascht, dass dennoch ein riesiges Objektiv aus dem Seitenfenster des Opel auf das Windrad gerichtet wurde. Am vielfachen Klacken bemerkte er, dass ganze Serien von Fotos geschossen wurden. Anschließend wurde er selbst einige Male abgelichtet. Nun erst stieg der Fahrer aus dem Wagen. »Presse, Kieler Rundschau, wir hätten einige Fragen.«

Der Kommissar giftete zurück: »Ausgeschlossen. Bitte bleiben Sie hinter dem Absperrband zurück. Wir sichern noch die Spuren. Unsere Öffentlichkeitsabteilung wird Sie früh genug informieren. Jetzt lassen Sie uns bitte in Ruhe weiterarbeiten.«

Die Reporter machten allerdings keinerlei Anzeichen abzuziehen. Jetzt brüllte der Fotograf: »Die Leute werden wissen wollen, was hier passiert ist. Die vielen Blutspuren.«

Der Kommissar versuchte, die Sache herunterzuspielen. »Wir untersuchen den Fall akribisch. Vielleicht ein Schafmord. Es ist nicht auszuschließen, dass es ein Unfall war.«

Das Lachen des Reporters klang nicht besonders belustigt. »Herr Kommissar, dann erklären Sie unseren Lesern doch bitte einmal, wie das Blut vom Schaf dort oben hinkommt.«

Hansen biss sich auf die Lippen, ihm schwante Böses. Er drehte sich um und schaute nach oben. Mit zunehmendem Tageslicht konnte man gut erkennen, dass die Spitzen der jetzt blockierten Flügel mit Blut besprenkelt waren. Dieses ruhige Bild wurde lediglich vom mechanischen Klicken des Fotoapparates gestört.

So unternahm Hansen gar nicht erst den Versuch, sich herauszureden. »Wissen Sie, Sie halten sich an den Falschen. Für Verlautbarungen zu unseren Ermittlungen gibt es bei uns einen Pressesprecher. Sie verschwenden hier Ihre Zeit.«

Die Reporter schienen wenig Lust zu haben, sich mit Hansen herumzuärgern. »Sie werden schon sehen, was wir Montag auf der Titelseite bringen. Wenn Sie uns noch irgendetwas zu sagen haben, dann sollten Sie es jetzt tun. Es ist Ihre letzte Gelegenheit. Wir haben Informanten.«

»Das würde ich gern machen, meine Herren. Ich darf aber nicht. Die Ermittlungen laufen schließlich erst an. Unser Erkennungsdienst ist in vollem Gange, wie Sie sehen. Spätestens am Montagmorgen wird es eine Pressekonferenz geben, wie immer um zehn Uhr. Die wird unser Pressesprecher leiten, dafür bezahlen wir ihn schließlich. Das ist mein letztes Wort für heute.«

Die Reporter bemerkten, dass für sie nichts mehr zu holen war. Angesäuert stiegen sie wieder in ihren Opel und entschwanden auf der Landstraße.

Sein Kollege Fingerloos hastete herbei. »Wir haben vielleicht eine wichtige Entdeckung gemacht, Konrad. Auf dem Schild auf der anderen Seite der Schwebefähre ist das N bei Rendsburg eingekreist. Sieht ziemlich frisch aus.«

Kommissar Hansens Laune verbesserte sich nicht merklich. Was konnte ihm schon zu N einfallen? New York, Nürnberg, Norderstedt, Nortorf, Neustadt, Neumünster, Nie-zum-Ergebnis-Kommen? Möglicherweise war es nur eine Kritzelei von Kindern, und selbst eine bewusste Irreführung durch die Täter war nicht auszuschließen. Nein, das war keine richtige Spur.

Unauffällig beobachtete er von der Seite Pferdi Fingerloos. Schließlich war er seit letztem Sommer mit der Verlegerin der Kieler Rundschau liiert, dieser Petra Bester. Sollte er …?«

Hansen würgte den Gedanken ab. Seine Hilflosigkeit verschlechterte seine Stimmung.

Die sollte sich noch weiter verschlimmern, denn jetzt bog eine schwere dunkle Limousine mit aufgeblendeten Scheinwerfern auf den Wirtschaftsweg ein.

Hansen fluchte lauthals. »Noch mehr Vollidioten! Wer kommt nun schon wieder? Auf diesem Acker herrscht mehr Betrieb als auf dem Hamburger Hauptbahnhof.«

Forsch trat er dem ankommenden Fahrzeug entgegen und hob die Arme als eindeutige Geste zum sofortigen Anhalten.

Erst jetzt konnte er das Nummernschild erkennen. Es war Polizeidirektor Magnussen, sein Chef.

Kein Bier vor vier

Viel zu früh rissen schreiende Möwen Stuhr aus seinem Schlaf. Konnten sie nicht wenigstens am heiligen Sonntag einmal Ruhe geben? Vermutlich suchten sie Beute hinter den Reinigungsfahrzeugen, die wie Heinzelmännchen frühmorgens den Sand vor Sankt Peter säuberten.

Schlaftrunken schlurfte Stuhr zur Terrasse seines Hotel-Apartments. Sein Kopf schmerzte. Dieses Mal aber nicht vom Alkohol, denn er hatte nach dem gestrigen frühmorgendlichen Auftakt mit Kommissar Hansen beschlossen, den Samstag über die Finger davon zu lassen. Er hatte einen lockeren Tag im Strandkorb verbracht und sich dabei gehörig den Pelz verbrannt. Selbst in der Spiegelung der Terrassenscheibe war zu erkennen, dass er sich tüchtig verbrannt hatte. Aber was sollte es? Er cremte sich nach dem Duschen gründlich ein und schritt gemächlich die Treppen zum Frühstücksraum hinunter. Die Rezeptionistin stoppte seinen Gang mit erhobener Sonntagszeitung.

»Moin, Herr Stuhr. Da sollten Sie einmal hineinschauen. Im hinteren Teil gibt es einen umfassenden Bericht über das Strandleben in St. Peter-Ording mit aufschlussreichen Fotos. Eine lohnende Strandlektüre.«

Augenzwinkernd übergab sie ihm die Postille. Stuhr dankte und schlurfte zum Frühstücksraum, in dem er seinen Morgenkaffee einnahm. Lesen mochte er nicht, Essen auch nicht. Nachdenklich schaute er auf die Strandterrasse seines Hotels.

Gestern auf dem Sand hatte er viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Es war ein langer kalter Winter ohne Jenny gewesen. So schwer, wie sie manchmal zu ertragen war, so sehr fehlte sie ihm. Er müsste in seinem Leben vermutlich einiges ändern, wenn er eine zweite Chance bei ihr bekommen würde. Nur was? Er musste herausbekommen, was Frauen wie Jenny denken.

Die freundliche Bedienung lenkte ihn kurzfristig ab.

»Nichts gegessen? Herr Stuhr, Sie dürfen nicht immer nur Ihren Gedanken nachhängen. Gehen Sie doch einmal an unser leckeres Frühstücksbuffet.«

Der ungnädige Blick von Stuhr lehrte sie, sich auf ihre Dienstleistungsfunktion zurückzuziehen. »Soll ich das Kaffeegeschirr abräumen?«

Stuhrs Entscheidung stand fest. Er würde in seiner Strandbuchhandlung einen dieser bunten Frauenromane erstehen, die der selbstbewussten Frau eine lebenswerte Zukunft versprachen – selbstverständlich ohne Mann.

Die Bedienung wich noch nicht von der Stelle. »Kann das weg?«

Stuhr schüttelte gedankenverloren den Kopf, ergriff die Sonntagszeitung und verließ dankend den Frühstücksraum. Gegen den Strom der Strandgänger gelangte er zur Buchhandlung und holte tief Luft, bevor er den Laden betrat. Es fiel ihm schwer, sich an das Regal der Frauenromane mit den farbenfrohen Buchumschlägen heranzutasten, ohne von den Verkaufskräften bemerkt zu werden. Aber es musste sein.

Er spähte nach anderen Kunden, die ihn beobachten könnten, aber die waren alle selbst mit dem Stöbern beschäftigt. So konzentrierte er sich auf seine Suche. Zeit für eine inhaltliche Recherche war nicht gegeben, er musste nach pastellfarbenen Buchrücken und einschlägigen Titeln gehen.

›Endlich frei‹. Nein, dieser Buchtitel auf dem hellgelben Buchrücken entsprach nicht dem, was er sich von Jenny erwartete.

Vielleicht eher das Buch nebenan. ›Mit 50 hat man noch Träume.‹

Unbemerkt zog er das Buch aus dem Regal. Das hellblaue Cover mit den hochhackigen roten Pumps würde Jenny sicherlich ansprechen, wenngleich der Untertitel etwas martialisch klang. ›Vom Blitzschlag zum Befreiungsschlag.‹

»Das wird Ihrer Frau sicher gefallen.« Die aus dem Nichts zur Beratung herangeschwebte Verkäuferin bemerkte nicht, dass sich Stuhr erschrocken hatte. Sie rasselte ihre Verkaufsargumente herunter. »Das Büchlein haben wir schon hundertfach verkauft. Es ist diesen Sommer der Renner an der Nordseeküste. Nur 11,80, aber nicht ganz ohne.«

Stuhr zog die Augenbrauen hoch. »Nicht ganz ohne?«

»Ja, eine Bekannte von mir hat es über Ostern gelesen. Zu Pfingsten ist sie zu Hause ausgezogen und jetzt amüsiert sie sich in den Bars in Sankt Peter. Ihr Mann darf löhnen.«

Stuhr begann zu frösteln. Er versuchte den Wahrheitsgehalt einzuschätzen, aber die Verkäuferin wirkte glaubhaft. Das schien genau das richtige Buch für Frauenversteher zu sein. »Ich nehme es.«

»Einpacken, als Geschenk?«, fragte die Verkäuferin fast automatisch nach, bevor sie sich auf den Weg zur Kasse machte.

»Ja, ja, als Geschenk, natürlich«, stotterte Stuhr erleichtert und zahlte. Er bedankte sich für die gute Beratung und verließ freundlich grüßend den Laden.

Auf dem Vorplatz zur Seebrücke steuerte er den Papierkorb an, der am weitesten vom nächsten Badegast entfernt stand. Er musste das Geschenkband mit ein wenig Gewalt vom Buch ziehen. Unbeobachtet entsorgte er das Umschlagpapier und verbarg das Buch in seiner Sonntagszeitung.

Dann pilgerte er, wie immer bei schönem Wetter, über die neue Seebrücke zu den Pfahlbauten. Die Zeitung mit dem Buch hielt er fest unter dem linken Ellenbogen eingeklemmt, damit es nicht entdeckt werden konnte. Er spähte in die Taschen der anderen Strandgäste und entdeckte so manche Lektüre, aber ein weiteres Buch mit einem hellblauen Cover konnte er nicht ausmachen.

Ein seltsames Gefühl von Einsamkeit überkam ihn, wie er über die Seebrücke schlenderte, denn hier hatte er Jenny kennengelernt. Wie es ihr wohl ging? Wer weiß, in welchen Armen sie sich jetzt herumtrieb?

Oder trauerte sie um ihn? Zumindest ein wenig?

Stuhr schüttelte die trüben Gedanken ab. Bevor er den Sand betrat, zog er die Schuhe aus. Tiefe Radspuren unweit der Arche Noah ließen darauf schließen, dass Schneiders verunglücktes Flugzeug abtransportiert worden sein musste.

Nein, Schneider oder Verena, denen musste er nicht begegnen. Deswegen trieb es Stuhr heute zur Windsurfstation an der Badestelle Ording. Dieser Bau wurde zwar nur von mannshohen Stelzen getragen, aber er verfügte über eine große Terrasse, die einen prächtigen Ausblick auf das Strandleben vor der freien Nordsee gewährte.

Stuhr hatte sich auf den Holzplanken vor dem Windsurfshop einen der in Pastelltönen gestrichenen herumstehenden Barhocker geschnappt und ihn in die schattige Bootshalle gestellt. Er liebte es, aus dieser erhöhten abgedunkelten Position das Strandtreiben zu verfolgen. Zum Zeichen der Besitz­ergreifung legte er die Zeitung mit dem darin verborgenen Buch auf den Hocker und begab sich zur Bar im Surfshop, um einen Milchkaffee zu ordern.

Der wurde ungewöhnlich schnell vor ihm auf dem Tresen platziert. »Der geht auf unser Haus. Mehr Werbung für SPO geht ja kaum. Welcome und Cheers.«

Verdutzt nahm Stuhr den Milchkaffee entgegen. SPO war die trendige Abkürzung für St. Peter-Ording. Während er sich bemühte, vorsichtig das Heißgetränk zu seinem Hocker auf der Terrasse zu balancieren, wurde ihm immer wieder auf die Schulter geklopft. Das war verwunderlich, weil er hier kaum bekannt war. Zur Windsurfstation zog es ihn nur, wenn es richtig heiß war und er abtauchen musste.

Nachdenklich schlürfte er seinen Milchkaffee und beobachtete interessiert das gelangweilte Abhängen der Möwen auf der spiegelglatten Nordsee. Ab und zu verschaffte sich Stuhr ein wenig Abkühlung, indem er ein kühlendes Bad nahm.

Mittags hielt es Stuhr nicht mehr aus. Zeit für einen Konterdrink, befand er und schälte sich vom Barhocker, um ein eiskaltes Bier aus der Bar zu holen. Dort buchte er auch einen Strandkorb, den er gegen die Sonne drehte, bevor er sich genüsslich niederließ.

Die Nordseeluft tat seinem Schädel gut, das Bier auch. Vorsichtig zog er das Frauenbuch aus der Zeitung und begann, den Klappentest zu lesen. ›Powerfrau Bea stellt sich die Frage aller Fragen: Soll das mit 50 alles gewesen sein? Völlig zu Recht fragt sie sich, wo die Romantik in ihren Beziehungen geblieben war.‹

Romantik? Das kam unerwartet und klang kompliziert für Stuhr. Hatten Jenny und er eigentlich romantische Momente gehabt? Außer im Bett natürlich?

Während er darüber grübelte, schielte er zur Sonntagszeitung. Er könnte den Sportteil lesen. Oder diese Reportage über Sankt Peter. Jäh wurde er in seinen Gedankenspielen unterbrochen.

»Moin, Stuhr. Schön heiß heute, was?«

Stuhr musste nicht einmal hochblicken, denn er erkannte Oberamtsrat Dreesens dröge Stimme sofort. Er grüßte zurück. »Moin, Dreesen. Was machst du denn an der Westküste? Kleine Dienstfahrt in die Marsch?«

Nur zögerlich und unsicher antwortete sein ehemaliger Mitarbeiter. »Nö, sonntags eher nicht. Ein bisschen die Füße vertreten und abschalten. Mal herauskommen aus dem Alltagstrott, du verstehst?«

Stuhr verstand nicht, aber er hatte eine böse Ahnung. Bevor er Dreesen in die Augen blicken konnte, fegte Jenny Muschelfang um die Ecke und ohrfeigte ihn links und rechts mit ihrem Exemplar der Sonntagszeitung.

»Du Ferkel, du lernst aber auch nichts aus deinen Fehlern. Und dann noch mit Schneider, diesem Betrüger.«

Dreesen versuchte, sie von weiteren Schlägen mit der Zeitung abzuhalten. »Aber Jeanette, nun regen Sie sich bitte nicht so auf. Kommen Sie, wir gehen weiter. Der Kollege Stuhr hat doch nicht nur schlechte Seiten.«

Das ›Sie‹ nahm Stuhr mit Befriedigung zur Kenntnis. Anscheinend war Dreesen bei ihr noch keinen Fingerbreit weitergekommen.

Aber jetzt wurde Jenny zur Furie. Wütend blaffte sie Dreesen mit einem Fingerzeig auf Stuhrs Sonnenbrand an. »Nicht nur schlechte Seiten? Der hat doch noch einen hochroten Kopf vom letzten Saufgelage und trinkt schon wieder Bier um Bier in der Mittagssonne!«

Sie holte nur kurz Luft, denn sie hatte den hellblauen Frauenroman entdeckt. Jetzt kam Jenny richtig in Fahrt. »Warte nur ab, mein Freundchen, bis dein Flittchen ihre Lektüre durchgelesen hat. Dann wirst du dein blaues Wunder erleben. Wo treibt sich das Luder überhaupt herum? Ist es die aus der Sonntagszeitung? Du Schuft!«

Wieder schlug sie Stuhr die Sonntagszeitung mehrfach um die Ohren. Glücklicherweise zog Dreesen Jenny behutsam aus seinem Gesichtsfeld.

Stuhr wurde mulmig. Welches Luder meinte sie nur? Er war sich keiner Schuld bewusst.

Kurze Zeit später kehrte Dreesen alleine zurück. »Tut mir leid, Stuhr. Das wollte ich nicht. Jeanette und ich hauen jetzt besser ab. Kann ich etwas für dich tun?«

Die Schläge von Jenny hatten Stuhr nicht wehgetan, nur ihre unbändige Wut. Aber sicher, Dreesen könnte etwas für ihn tun. »Sag mal, wer ist aktuell im Wirtschaftsministerium zuständig für diesen ganzen Energiekram? Genehmigungen und so.«

»Der Kollege Meyer-Riemenscheidt. Den müsstest du noch von früher kennen. So ein jüngerer schwitziger Dicker mit roten Wangen. Er war früher für Wirtschaftsförderung an der Nordseeküste zuständig, jetzt prüft er alle möglichen Anträge im Energiebereich. Du kannst aber auch seltsame Fragen stellen.«

»Wieso seltsam?«

»Na, hör mal. Du ziehst hier über die Tische und durch die Betten und dann fragst du mich ausgerechnet nach dem Kollegen Meyer-Riemenscheidt.«

Stuhr sah Dreesen ungläubig an. Der tippte an die Sonntagszeitung.

»Das ist schon ein scharfer Feger in der Postille, Stuhr, mit dem du am Freitagabend auf der Arche Noah gefeiert hast. Da kann ich schon verstehen, dass du selbst Frauen wie Jenny abservierst.«

Stuhr bemühte sich, seriös zu erscheinen. »Hör auf Dreesen, am Freitag war ich superbreit. Ich bin abgestürzt. Eine Ausnahme.«

Dreesen beugte sich vor. »Kannst ja am kommenden Donnerstag zu meinem 50. ins Sportheim in meinem Dorf kommen. Da wird die Post so richtig abgehen.«

Skeptisch fragte Stuhr nach. »Ist Jenny auch dabei?«

Dreesen hielt den Finger vor den Mund. »Tschüß, ich muss weiter.« Dann entschwand er und eilte Jenny hinterher.

Stuhr schob den Frauenroman beiseite und begann neugierig die Sonntagszeitung von hinten aufzublättern. ›VIPs: Strandleben in SPO – Schöne Frauen und Machos‹, das musste die Reportage sein.

Bereits das erste Foto ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Schneider hielt lässig seine Overstolz im Mundwinkel, während er versuchte, mit einer brennenden 50-Euro-Geldnote Stuhrs Zigarre anzuzünden.

Aber es kam noch schlimmer, denn auf dem zweiten Foto hielt Stuhr besitzergreifend die Bedienung Verena im Arm. Eigentlich ein schönes Foto, wenn sich seine rechte Hand nicht in ihren Ausschnitt geschlichen hätte und ihre rechte Brust fest umklammerte. Daher stammten also die vielen Fotoblitze, an die er sich noch vage erinnern konnte.

Stuhr fluchte laut, bevor er begann, den Artikel genauer zu studieren.

Drei schwarze Punkte

Manchmal stehen Pressekonferenzen unter keinem guten Stern. Hansens Chef, der Polizeidirektor Magnussen, zog an diesem Montagvormittag eine unglückliche Miene, denn die Veranstaltung war dem Pressesprecher vollends entglitten.

Sein Versuch, die Reporter in der Kieler Polizeidirektion mit vertraulichen Informationen über die Morde in Kiel und Eckernförde auf seine Seite zu ziehen, endete nahezu mit einem Aufruhr. Die Reporter waren aufgebracht und warfen der Kripo Unfähigkeit vor, ihre Bürger im nördlichsten Bundesland ordentlich zu schützen.

Dabei war die Sachlage weitaus schlimmer, denn nach 14 Tagen, in denen die Presse an der Nase herumgeführt worden war, gab es immer noch keine einzige erfolgversprechende Spur.

Hansen konnte sich plastisch die nachfolgende Dienstbesprechung ausmalen, denn Magnussen nahm solche Dinge immer ausgesprochen persönlich. Bei der letzten Besprechung hatte ihm sein Chef vor versammelter Mannschaft theatralisch eine virtuelle Blindenbinde überreicht.

Dabei war sich Kommissar Hansen absolut sicher, keine Spur übersehen zu haben. Oberkommissar Stüber hatte ihn gestern Abend noch angerufen und darauf hingewiesen, dass der Täter zunehmend auf die Führungsetagen von Energieunternehmen zu zielen schien: Erst traf es einen Mitarbeiter, dann einen Werkstattleiter, jetzt einen Abteilungsleiter. Das nächste Opfer könnte ein Vorstandsmitglied oder ein Direktor sein, aber das war nichts für die Presse.

Wieder einmal platzte Hansens Chef der Kragen. Kurzerhand übernahm er die Leitung der ihn unzufrieden stimmenden Versammlung und begann, die Vertreter der Presse anzuschnauzen. »Bei allem Respekt vor Ihrer Pflicht, die Öffentlichkeit zu informieren, meine Damen und Herren. Wir können am nächsten Wochenende nicht ein ganzes Bundesland in Angst und Schrecken versetzen und an jede Ecke einen Polizisten stellen. Oder kann einer von Ihnen voraussagen, wo der Täter nach den Morden in Kiel, Eckernförde und Rendsburg erneut zuschlagen wird?«

Sein verdutzter Chef musste verschiedene spontane Zurufe von den Pressevertretern zur Kenntnis nehmen.

»Neumünster.« – »Ja klar, Neumünster!«

Polizeidirektor Magnussen fragte irritiert nach. »Wie kommen Sie denn ausgerechnet auf Neumünster?«

Der Vertreter des Rendsburger Tagesspiegels antwortete als Erster: »Das ist das N der ehemaligen KERN-Region. Sie wissen, Kiel, Eckernförde, Rendsburg und Neumünster hatten diesen Verbund gebildet, um sich besser bei Investoren zu verkaufen. Neumünster wird der nächste Tatort sein. Garantiert. Hundert zu eins.«

Hansen fluchte innerlich. N war sicherlich Neumünster. Wieso war er nicht selber darauf gekommen?

Die Konferenz geriet zum Tumult. Die Pressevertreter warfen dem Polizeichef Unfähigkeit vor, auch nur allerkleinste Zusammen­hänge zu erkennen. Der brach undiplomatisch die Konferenz ab und eilte zornig zum Ausgang.

Hansen hatte Mühe, seine Schadenfreude zu unterdrücken, als sich Magnussen näherte. Beim Vorbeigehen zischte er unfreundlich: »Kommen Sie gleich in mein Büro. Unverzüglich!« Dann war sein Chef im Treppenhaus entschwunden.

Das Handy des Kommissars vibrierte. Er flüchtete in die Herrentoilette und nahm das Gespräch an. Es war Stuhr, der sich nach dem Stand der Dinge erkundigte.

Hansen versicherte ihm, dass der gesamte Polizeiapparat mit Hochdruck dabei war, den Aufenthaltsort der jungen Rumänin zu ermitteln. Dann berichtete er Stuhr von den Vermutungen auf der Pressekonferenz über den nächsten Tatort Neumünster.

Der Kommissar nahm das Gerät vom Ohr, weil Stuhr aus Verärgerung fluchte.

»So ein Mist. Warum bin ich nicht darauf gekommen? Man hätte die Anfangsbuchstaben der drei Städte nur einmal in der Reihenfolge der Taten nebeneinander schreiben müssen, dann hätte jedes Kind blind den vierten Buchstaben dahinter geschrieben. Zudem war der vierte Buchstabe auf dem Ortsschild am letzten Tatort eingekreist.«

Hansen musste zustimmen. »Genauso ist es. Was meinst du, wie mein Chef mich nachher falten wird?«

Das Brummen von Stuhr deutete Hansen als Mitleidsbezeugung. Dann erfolgte die Nachfrage. »Hansen, hast du dir schon einmal überlegt, warum der Täter seinen nächsten Tatort preisgegeben hat? Er scheint das alles sehr bewusst zu machen. Natürlich kann man nicht hinter jeden Laternenpfahl in Neumünster einen Polizisten stellen, aber die Ausfallstraßen könnte man schon abriegeln. Der Täter säße dann in der Falle.«

Das leuchtete Hansen ein. Dass der Täter Neumünsteraner war, mochte Hansen nicht glauben. Der Mörder musste sich sehr sicher sein, denn er spielte mit der Polizei Katz und Maus. Er würde das alles noch einmal in Ruhe überdenken müssen. Aber erst nach dem Gespräch bei seinem Chef.

»Stuhr, hast du schon in der Staatskanzlei Erkundigungen wegen der Nordstrom AG einziehen können? Wir müssen schnell an Informationen gelangen.«

Stuhr grummelte etwas Unverständliches in den Hörer. Zweimal fiel der Name Jenny.

»Jenny Muschelfang? Treibt die sich auch in Sankt Peter herum? Mein Gott, könnt ihr denn nicht die Finger voneinander lassen?«

Stuhr beendete unerwartet das Gespräch.

Kommissar Hansen kehrte in den menschenleeren Saal zurück, der jetzt ungeschminkt den herben Charme der Fünfzigerjahre verströmte. Das Interieur von Zweckbauten aus dieser Bauperiode kann ein tiefes Gefühl von Langeweile erzeugen. Die kam aber nicht auf bei ihm, weil die forsche Stimme seines Herrn aus dem Treppenhaus gellte.

»Wachtmeister Hansen!«

Der Kommissar zuckte zusammen. Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen. Aber vorwerfen lassen wollte er sich von Magnussen nichts, schließlich hatte auch er keine Spur gefunden. Und wer sagte denn, dass die Vermutung Neumünster stimmte? Nein, es gab überhaupt keinen Grund, mit gesenktem Kopf das Büro des Chefs zu betreten.

Er holte tief Luft und betrat das Vorzimmer, aber bevor er Fräulein Schönerstedt einen Gruß entbieten konnte, wurde er von einer herauseilenden Person weggedrängelt.

»Dieser Vollidiot!«, fluchte Hansen.

Fräulein Schönerstedt fragte interessiert nach. »Meinen Sie den Ratsherrn Meyer? Der war nur kurz beim Chef im Büro.«

Hansen lächelte ihr kurz zu. »Nein. Wenn sie es genau wissen möchten, ich meine den Obervollidioten dort drin.«

Das Fräulein Schönerstedt senkte betreten den Kopf.

Entschlossen betrat Kommissar Hansen das Chefbüro von Magnussen.

Das Ende des Abendlands

Es war Montagmorgen, und wieder hatte Stuhr einen schmerzenden Schädel. Dieses Mal wusste er wenigstens, woher. In einer kleinen Kaschemme hatte er gestern Abend seinen Kummer mit Bier betäubt.

Nach dem Artikel in der Sonntagspostille mochte er sich auf den Straßen im Badeort nicht mehr sehen lassen. Er hatte sich fest vorgenommen, zukünftig die Sachen anders anzugehen. Schließlich stand am kommenden Wochenende sein Umzug bevor, und er hatte noch nichts geregelt.

Der Himmel über Sankt Peter hielt sich bedeckt, und so hatte er nach dem Frühstück Gelegenheit, die anstehenden Dinge aus seinem Hotelzimmer zu regeln. Er holte sich eine Dose Cola aus dem Eisschrank und setzte sich an den kleinen Couchtisch.

Zunächst galt es, Kommissar Hansens Drängen nachzugeben und diesen Meyer-Riemenscheidt ans Telefon zu bekommen. Stuhr nestelte sein Handy aus der Hosentasche und rief die Vermittlung der Landesregierung an, die ihn durchstellte.

»Wirtschaftsministerium. Mein Name ist Meyer-Riemenscheidt«, meldete sich eine dienstbeflissene Stimme am Telefon. Dabei wusste Stuhr noch aus früherer Zeit, dass sich in Meyer-Riemenscheidts verräuchertem Büro die Aktenberge bis zur Decke türmten. Nach eingehender Prüfung, hieß es dann Monate später in seinen ablehnenden Antwortschreiben. Als wenn Zigarilloqualm Akten prüfen könnte.

Stuhr gab sich freundlich. »Moin, Herr Kollege. Helge Stuhr hier, wissen Sie noch? Ehemals Staatskanzlei, jetzt außer Dienst. Haben Sie vielleicht einen Moment Zeit für mich?«

Erfreut meldete sich die Stimme eine halbe Oktave höher wieder: »He, Stuhr, Sie Glückspilz. Vorzeitige Pension, Haupttreffer. Sie haben es geschafft, stimmt doch, oder? Was kann ich für Sie tun? Dienstlich kann es ja kaum sein.«

Es war ungewöhnlich, dass Meyer-Riemenscheidt sich für seine Pensionierung interessierte. Der musste mindestens noch 25 Jahre bis zur Pension vor sich haben. Stuhr wechselte das Thema.

»Richtig, Herr Kollege. Es ist dienstprivat, sozusagen. Wie damals, als mein früherer Mitarbeiter Dreesen mehrfach hilfreich für Sie tätig sein konnte. Sie erinnern sich?«

Das kurze Brummen genügte Stuhr als Zustimmung. »Ich stecke an einer Frage fest, die mich beschäftigt. Kollege Dreesen meinte, Sie könnten mir helfen.«

Meyer-Riemenscheidt zeigte sich zutraulich: »Warum sollte ich Ihnen denn nicht helfen können? Worum geht es?«

Stuhr fiel mit der Tür ins Haus: »Um die Nordstrom AG in Rendsburg, verehrter Kollege. Laufen bei Ihnen irgendwelche Anträge wegen Übernahme?«

»Nordstrom, Nordstrom, Nordstrom. Da muss ich einmal nachdenken. Irgendetwas war da. Jetzt weiß ich es. Warten Sie, es muss auf dem rechten Stapel liegen. Augenblick, bitte dranbleiben.«

Stuhr ging zum Kühlschrank und schnappte sich eine zweite Coladose. Die hatte er fast ausgetrunken, bevor sich Meyer-Riemenscheidt wieder meldete. »Lieber Kollege, ich habe den Vorgang gefunden. Er lag auf der Heizung, da packe ich immer die Sachen hin, die wirklich heikel sind. Aber hier ist die Akte. Es ist ein Antrag der Fairstrom GmbH aus Hannover auf Übernahme der Rendsburger Nordstrom AG. Er stammt noch aus dem letzten Jahr. Ich soll für den Staatssekretär einen Verfahrensvorschlag erarbeiten, aber das dauert seine Zeit.«

Das verwunderte Stuhr bei der Lethargie von Meyer-Riemenscheidt nicht.

Aber der schien sich keinerlei Schuld bewusst zu sein, denn er plapperte munter drauflos. »Jetzt fällt mir der gesamte Vorgang wieder ein. Sehr komplex. Viele kommunale Stadtwerke bilden Verbünde, um sich besser gegen die großen multinationalen Energiekonzerne behaupten zu können. Gleichzeitig drängen die russischen Energieerzeuger auf den europäischen Markt und beteiligen sich an Stadtwerken oder Verbünden. Das allerdings muss vorher bei uns angezeigt und genehmigt werden. Wenn wir Bedenken haben, dann setzen wir uns auf dem kurzen Dienstweg mit den Inhabern der Stadtwerke zusammen. Das sind in Schleswig-Holstein zum Glück noch oft die Städte selbst.«

Stuhr versuchte, den Entscheidungsstand aus Meyer-Riemenscheidt herauszukitzeln. »Und was werden Sie letztendlich empfehlen?«

Lange Zeit war nichts außer schwerem Atmen am anderen Ende der Leitung zu hören, bis ein heftiges Aufstöhnen die Stille beendete. »Wenn ich das nur wüsste. Das macht es ja so schwer, Stuhr. Ich bin schließlich kein Detektiv. Nach Aktenlage spricht nichts gegen die Übernahme der Nordstrom AG durch die Fairstrom GmbH. Aber der Hauptgesellschafter dieser Firma ist die UniProm aus Nowgorod, und das ist immerhin der zweitgrößte russische Gasproduzent. Wenn die erst einmal die Mehrheit bei der Nordstrom AG haben, dann ist der gesamte Kreis Rendsburg-Eckernförde von den Blähungen eines russischen Oligopolisten abhängig. Damit wird das Ende des Abendlandes eingeläutet, zumindest für Rendsburg.«

Das hielt Stuhr für übertrieben, denn deutsche Firmen unterhielten schließlich auch Tochterfirmen auf der ganzen Welt und strebten nach Beteiligungen an den russischen Gasproduzenten.

Meyer-Riemenscheidt machte aus seinem Herz aber keine Mördergrube. »Ich habe kein gutes Gefühl dabei, wenn ein Erdgas förderndes Unternehmen vom Bohrloch in Sibirien über die Pipelines hin bis zum Gasherd in Kleinkummerfeld die Wertschöpfungskette komplett beherrscht. Bei solchen komplexen Zusammenhängen muss man intensive Nachforschungen anstellen und lange überlegen, bevor man eine ablehnende Begründung schreibt. Das geht nicht so von heute auf morgen wie früher bei Ihnen in der Staatskanzlei.«

Stuhr bedankte sich trotz des kleinen Seitenhiebes artig und wünschte Meyer-Riemenscheidt viel Kraft für eine richtige Entscheidung. Er beendete das Gespräch.

Sein Blick glitt auf den hellblauen Frauenroman. Sollte er nicht nachher beginnen, ihn zu lesen?

Zunächst rief er jedoch nochmals den Kommissar an, um von dem aufschlussreichen Gespräch mit seinem Kollegen im Wirtschaftsministerium zu berichten. Hansen klang ausgeglichener als vorhin und berichtete seinerseits über das Verhör von Sörensens Frau und deren Mutter.

»Eigentlich keine ungewöhnliche Geschichte, Stuhr. Am Anfang ihrer Ehe durchlitten die Sörensens schwere Zeiten mit den kleinen Kindern und wenig Geld. Dann folgte sein schneller Aufstieg zum Abteilungsleiter in der Firma, und sie konnten ein kleines Häuschen bauen. Die Autos wurden neuer und größer, aber der Mann musste immer öfter länger arbeiten. Sie schöpfte keinen Verdacht, denn die ganzen Jahre war Sörensen für Frau und Kinder dagewesen, bis er plötzlich auf dieses junge rumänische Flittchen abgeflogen war. So gab sie es jedenfalls zu Protokoll.«

»Hältst du ihre Aussagen für glaubhaft?«

»Glaubhaft? Mensch Stuhr, bei solchen Affären versucht jede Seite, die Wahrheit für sich zu beanspruchen. Die Nachfrage bei Sörensens Verwandten verlief ähnlich. Seine Schwiegermutter machte allerdings keinen Hehl daraus, dass sie Sörensen gehasst hatte, weil er einen Keil in die gute Beziehung zu ihrer Tochter getrieben hatte. Sie hatte beide oft sonntags zum Kaffee eingeladen, mitgekommen war er nur selten. Um die Ehe der beiden zu retten, hatte sie sogar einen Wünschelrutengänger bestellt, der unter dem Ehebett ihrer Tochter die Ursache aller Probleme feststellte: eine unterirdische Wasserader. Selbst das Erdungsgerät, das sie heimlich gegen die negativen Ströme der Wasserader unter dem Ehebett aufstellen ließ, hatte die Schwiegermutter bezahlt. Ihre Tochter hatte sogar ihren Rat befolgt, jegliche Intimitäten mit Sörensen so lange einzustellen, bis die Wirkung des Erdungsgerätes einsetzte, auch wenn es länger dauern würde. Was soll man schon dazu sagen?«

Stuhr konnte das nicht fassen. »Und seine Kollegen?«

»Die befanden, dass Sörensen ein prima Kollege war, und berichteten, dass er vor seinem gewaltsamen Tod seit einigen Wochen endlich wieder lachen konnte.«

Stuhr versuchte, für sich ein Fazit zu ziehen. »Normales Geschäft also und keine neuen Hinweise, auch nicht auf die Rumänin.«

»Richtig, Stuhr. Wir stehen mit leeren Händen da.«

Stuhr nicht, denn er griff sich jetzt den Roman und schlug die erste Seite auf. ›Abschied von der Vergangenheit.« Das klang interessant. Er musste Hansen abschütteln.

»Ich muss leider auflegen, Hansen. Habe hier dringend etwas aufzuarbeiten. Tschüß. Wir hören voneinander.«

Trotz der Proteste von Kommissar Hansen beendete Stuhr das Gespräch und begann interessiert zu lesen.

Ein kleiner Direktor

Der Direktor der Neumünsteraner Stadtwerke war auf den ersten Blick ein feiner Mann. Seine weißgrauen, gepflegten vollen Haare passten gut zu seinem braungebrannten Gesicht. Auf so etwas standen die jungen Dinger, wie er selbstgefällig befand. Er war 60 Jahre alt, im besten Alter also. Nun gut, seine 1,56 Meter Körpergröße störten ihn manchmal, aber mit seiner Macht als Vorgesetzter konnte er selbst die jungen langen Kerle in seinem Verwaltungsapparat aushebeln. Sprüche wagten die ihm gegenüber nicht.

Gern stand Direktor Bergfeld auf der obersten Treppenstufe und schrie nach irgendeinem Mitarbeiter, den er auf der Stelle sehen wollte. Der Flurfunk sorgte dann dafür, dass derjenige kurze Zeit später tatsächlich vor ihm stand. Sie wollten schließlich alle etwas bei ihm werden.

Gut, er wusste, dass man ihn deswegen nicht gerade liebte. Aber dafür bekam er sein Gehalt nicht. Er musste den Laden auf Trab halten. Immerhin wollten fast 80.000 Menschen in der Stadt mit Wasser und Energie versorgt werden. 35 andere Gemeinden wurden zusätzlich außerhalb des Stadtgebiets mit Strom beliefert, viele davon auch mit Gas und Wasser. Aus den ehemaligen Neumünsteraner Baltischen Licht- und Wasserwerken des 19. Jahrhunderts war ein moderner Dienstleistungsbetrieb entstanden, der von ihm optimal straff geführt wurde. Alles Wichtige ging über seinen Schreibtisch.

Er regierte mit eiserner Hand. Allein schon, damit niemand Einblick in die Freiräume gewinnen konnte, die seinen Posten ein wenig erträglicher machten. Denn es wurde für seine Stadtwerke als regionales Energieversorgungsunternehmen immer schwieriger, die Selbstständigkeit zu bewahren. Vielen benachbarten Stadtwerken drohte die Übernahme durch einen der international agierenden Energieriesen, und selbst bei ihm in Neumünster war unlängst die Hansestream mit 24,9 Prozent Beteiligung eingestiegen. Noch hatte er das Sagen, aber mit einer Aktie mehr von denen hätte er eine echte Laus im Pelz.

So spendete er immer wieder großzügig für die unter chronischer Geldnot leidende Stadt Neumünster, damit diese nicht das Interesse an ihrer Mehrheitsbeteiligung verlor.

Mit seiner ersten Frau stand Arnold Bergfeld wegen der strittigen Abfindung nach der Scheidung immer noch vor Gericht. Geld wollte sie von ihm. Richtig viel. Dabei hätte sie arbeiten gehen können. So wie er. Das hatte sie aber schon die ganze Ehe über nicht getan. Er würde es ihr noch zeigen.

Seine jetzige Frau Katja war erheblich jünger und ein wenig größer als er. Er zeigte sich gern mit ihr, und um seinen kleinen Sohn kümmerte sie sich rührend. Allerdings war sie nach der Geburt ein wenig aus den Fugen geraten. Er bedauerte das, denn jetzt wurde jeder Sexualakt ein Vabanquespiel. Er hatte ein wenig die Lust an ihr verloren.

Mit Anja dagegen, dieser kleinen schlanken Brünetten aus der Personalverwaltung, hatte er diese Probleme nicht, wenn er sie in ihrer kleinen Wohnung im Staatsforst besuchte. Sie war ledig geblieben und immer für ihn da, wenn er es wollte. Gut, sie war schon älter, knapp über 40, aber sie hatte immer noch eine ordentliche Figur. Anja hatte nie Kinder gehabt, deswegen konnte sie ihm auch die weitaus bessere Biometrie bieten.

Der Staatsforst von Neumünster hieß Iloo und lag außerhalb des Stadtgebietes. Die Neumünsteraner Stadtwerke besaßen das Recht, dort ein kleines Umspannwerk zu betreiben, aber auch die Pflicht, die Waldwege zu beleuchten. An einem Bach wurde sogar eine alte Wassermühle betrieben. Das Rad wurde zwar noch vom Wasser gedreht, aber Energie produzierte sie schon lange nicht mehr. Es war ein romantischer Ort, den er gern für andere Zwecke ausgenutzt hätte. Aber er hatte auf seinen guten Ruf zu achten.

Er stellte seinen Dienstwagen nahe der Wassermühle ab und betrachtete ihn ärgerlich. Ein richtiger Chef fährt einen dicken schwarzen Mercedes und keinen blauen Audi A4, befand er. Kopfschüttelnd machte er sich zu Fuß auf den kurzen Weg zu Anja.

Sie würde sich über seinen Besuch freuen. Sie hatte sonst doch nichts. Es gab zwar Gerüchte, die er auf der letzten Betriebsfeier aufgeschnappt hatte, dass sie angeblich unglücklich verliebt sein sollte in Fries, den Leiter vom Werkschutz. Der soll sie angeblich unlängst nach einer kurzen Affäre verlassen haben, um seine Familie zu retten. Bergfeld gab nicht viel auf das Gerücht. Gewäsch! So etwas wie ihn würde Anja sowieso nie wieder bekommen.

Er stand jetzt vor dem Haus und schaute sich um, aber es war niemand zu sehen. Er klingelte an ihrer Haustür. Zweimal kurz, einmal lang. Das verabredete Zeichen. Der Summer brummte. Eilig hastete er die Stufen hoch, denn er hatte Druck.

Sie trat ihm in der Wohnungstür völlig aufgelöst entgegen. »Schön, dass du endlich da bist. Arnie, du bist in Gefahr! Nimm mich in die Arme!« Sie warf sich an ihn.

Bergfeld ärgerte sich darüber. Manchmal war sie eben eine hysterische Ziege. Sie hatte bestimmt durch die Gerüchteküche der Hauptverwaltung von den Sicherheitsmaßnahmen gehört, die von der Polizei seit gestern eingeführt wurden, weil angeblich am Wochenende ein Anschlag auf die Stadtwerke erfolgen könnte. So ein Quatsch. Zudem war ein Direktor bisher noch nicht das Ziel eines Anschlags in der von der Presse marktschreierisch veröffentlichten Mordserie der letzten Wochen gewesen, sondern die niederen Chargen.

Außerdem wollte er am Wochenende wegfahren. Geschäfte machen. Er würde im Sauerland Verhandlungen führen. Eine Beteiligungsgesellschaft wollte ihm ein lukratives Angebot unterbreiten. Freitagmittag würde er wegfahren und erst am Montagmorgen zurück sein. Natürlich würde alles bezahlt werden, auch die Spesen. In seiner Firma würde er es erst im Nachhinein als Dienstreise deklarieren, damit er doppelt abkassieren konnte. Frauen kosten Geld.

Das musste Anja aber nicht wissen. Er freute sich immer, wenn sie ihn Arnie nannte. Ja, dieser Vergleich mit Arnold Schwarzenegger machte ihn stolz. So entschloss er sich, sie dennoch in die Arme zu nehmen und die Sache herunterzuspielen.

»Ach, Anja, wenn ich vor jedem Gerücht Angst hätte, dann säße ich sicherlich nicht auf meinem Chefsessel.«

Sie umschlang ihn leidenschaftlich. »Bleib bei mir, Arnie. Ich melde mich krank, und wir verschanzen uns, bis die Bedrohung vorüber ist. Bei mir bist du in Sicherheit.«

Sie konnte ihn auf eine Art ansehen, der er nur wenig entgegenzusetzen hatte. Er zog sie fest an sich und kniff ihr anschließend in die Pobacken. Er fühlte, wie ihre Muskeln zuckten.

»Nicht jetzt, Arnie«, wehrte sie seine Kniffe ab. »Nimm mich erst einmal richtig in den Arm.«

Bergfeld wehrte ab. »Ach, Dummerchen. Seit wann bist du so ängstlich? Am Wochenende muss ich große Geschäfte abschließen. Da kann ich mich nicht ängstlich in einem Mauseloch verstecken.«

Anja schien eine andere Antwort erhofft zu haben, denn sie begann, an seiner Brust zu schluchzen. Bergfeld fand das ein wenig übertrieben. Er bemerkte, dass ihre Wimperntusche sein Hemd schwarz einfärbte und drückte sie zurück. »Nun sieh doch, das Hemd ist versaut.«

Jetzt heulte Anja richtig los. Bergfeld war sich nicht sicher, ob er diese Stimmung noch umbiegen konnte. Wenn er bei ihr nicht zum Stich kommen konnte, warum sollte er sich das Gejammer überhaupt antun?

Er entschloss sich zum geordneten Rückzug, denn mit Anja würde heute nichts mehr laufen. »Engel­chen, ich wollte sowieso nur einmal hereingucken und sehen, wie es dir geht. Wird alles gut, glaube mir. Ich muss noch einmal zurück ins Büro.«

Anja reagierte nicht. Also nahm er sie wieder in den Arm und drückte sie. »Ich muss jetzt wirklich los. Ich schicke dir noch eine SMS. Einverstanden, Engelchen?«

Er wollte sich lösen, aber sie hielt ihn weiter fest umklammert. Mit aller Macht wollte sie ihn bei sich behalten. Bergfeld schüttelte energisch den Kopf und löste sich sanft, aber bestimmt aus ihrem Griff. Wortlos drehte er sich um und ging.

Vor der Haustür ärgerte er sich über Anja. Frauen können schon seltsame Wesen sein, befand er. Warum verderben sie sich selbst die schönsten Momente? Na ja, er würde sie zunächst einmal kurzhalten müssen. Frauen brauchten das, sonst bekamen sie Oberwasser. Wer seine Frau schont, der schont sie für andere. Das sagte sein Schwiegervater schon immer.

Er beschloss, nach Hause zu fahren. Nach einem Vierteljahr könnte sich seine Frau einmal wieder liebevoll zeigen. Wenn nur der Bengel schon im Bett wäre. Um das sicherzustellen, würde er Katja am besten gleich aus dem Auto anrufen. Dann wären sie nachher allein, und er käme endlich zum Stich.

Er drehte sich nicht mehr um, als er in den Wagen stieg.

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
Объем:
310 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783839239384
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