Читать книгу: «Overlord – Light Novel 02»


Inhalt
Prolog
Kapitel 1 Zwei Abenteurer
Kapitel 2 Die Reise
Kapitel 3 Der Weise König des Waldes
Kapitel 4 Die Zwillingsschwerter des sicheren Todes
Epilog
Charakterprofile
Nachwort

Das Büro des Herrschers der Großen Gruft von Nazarick war äußerst luxuriös. Die gesamte Einrichtung bestand aus fein verzierten Möbeln und Gegenständen, die dem Raum eine Atmosphäre von Eleganz und Kostbarkeit verliehen. Weicher scharlachroter Teppichboden dämpfte jeden Schritt. Flaggen mit verschiedenen Designs hingen an der Wand am anderen Ende des Raumes.
Der Tisch in der Mitte war aus wunderschönem Elfenbein gehauen. Der Besitzer dieses Zimmers saß in einem schwarzen Ledersessel. Man konnte dieses Individuum, gekleidet in einen pechschwarzen Umhang, der aussah, als würde er jegliches Licht absorbieren, auch den »Dunklen Lord des Todes« nennen.
Sein kahler Kopf hatte weder Haut noch Haare – er bestand lediglich aus Knochen. Rote Flammen mit einem Hauch von Schwarz darin tanzten in seinen leeren Augenhöhlen. Einst war sein Name Momonga, doch nun verwendete er den Namen seiner Gilde, Ainz Ooal Gown.
Ainz faltete seine Knochenfinger. Seine neun Ringe glänzten und reflektierten das Licht, das vom Zauber Continual Light ausging. »Mann, und was mach ich jetzt?«
Acht Tage waren nun schon vergangen, seit das DMM-ORPG (Dive Massively Multiplayer Online Role-Playing Game) Yggdrasil seine Server heruntergefahren hatte und er auf mysteriöse Weise – in der Form dieses skelettartigen Avatars – in eine andere Welt versetzt worden war. Während dieser Zeit hatte er überprüft, in welchem Zustand sich das Schloss, die Große Gruft von Nazarick, befand und wie es um seine Lakaien und Untergebenen stand. Nachdem er jedoch festgestellt hatte, dass sich seine neue Situation nicht grundlegend vom In-Game-Zustand unterschied, hatte er beschlossen, seinen nächsten Zug zu planen.
»Alles wird zu Eurer Zufriedenheit umgesetzt, mein Lord.« Eine wunderschöne Frau, die still an Ainz’ Seite stand, antwortete ihm auf sein Gemurmel. Ihr Anblick war makellos und unvergleichlich und sie war in ein schneeweißes Kleid gehüllt. Ihr Lächeln glich dem einer Göttin und ihr langes, glänzendes Haar reichte ihr bis zur Hüfte, was einen starken Kontrast zu ihrem Kleid bildete. Aber sie war kein Mensch.
Ihre Augen waren golden und ihre Pupillen schmale Schlitze wie bei einer Echse. Große Hörner wuchsen ihr aus den Schläfen und wanden sich um ihren Kopf wie die eines Widders. Aus ihrem unteren Rücken sprossen zwei rabenschwarze Schwingen empor, die sich um ihre Gestalt schmiegten und sogar ihre Füße verdeckten.
»Hmm. Ich schätze deine Loyalität sehr, Albedo.«
Ihr Name war Albedo und sie war ein NPC und die Oberste der sieben Ebenenwächter der Großen Gruft von Nazarick. Ainz und die anderen Mitglieder seiner Gilde hatten das Schloss und die NPCs geschaffen, die nun ein eigenes Bewusstsein erlangt und Ainz ihre ewige Treue geschworen hatten. Es gefiel ihm, wie ein Herrscher behandelt zu werden, doch es war ihm auch eine Last, da er in seinem realen Leben nur ein einfacher Büroangestellter gewesen war. Sich vor seinen Untergebenen als Herr und Meister zu geben und ihnen Befehle zu erteilen, sodass alles in der Gruft reibungslos ablief – es gab vieles, das nun in seiner Verantwortung lag.
Das größte Problem war, dass der Gilde noch immer Informationen über die Außenwelt fehlten.
»Und der nächste Bericht?«
»Hier ist er, Lord Ainz.«
Ainz nahm einen Stapel Papiere entgegen und ließ den Blick über die dicke Schrift eines Füllhalters wandern. Es war ein Bericht der Wächterin der sechsten Ebene, Aura Bella Fiora.
In ihrem Bericht stand, dass sie bisher noch immer keinen anderen Spielern aus Yggdrasil begegnet waren und auch keine Spur von ihnen entdeckt hatten. Sie berichtete aber, dass ihre Untersuchung des Waldes nahe der Gruft nach Plan verlief und dass sie den See jenseits der Berge erreicht hatten.
Ainz nickte. Seine größte Sorge war, anderen Spielern zu begegnen, deshalb war er erleichtert, dass dem nicht so war. »In Ordnung. Bitte lass Aura wissen, dass sie ihren Befehl weiterhin nach Plan ausführen soll.«
»Verstand…« Es klopfte mehrfach leise an der Tür. Albedo sah erst zu Ainz hinüber, verbeugte sich dann und ging zur Tür, um zu öffnen. Als sie sah, wer es war, meldete sie: »Shalltear würde Euch gerne sprechen.«
Ainz gab ihr die Erlaubnis zum Eintritt und ein Mädchen im Alter von ungefähr vierzehn Jahren trat elegant durch die Tür. Sie war in ein schwarzes Ballkleid mit weitem Rock gekleidet und ihre blasse Haut mutete fast wie Porzellan an. Auch bei ihr war »unübertroffen« das richtige Wort, um ihr wunderschön geformtes Gesicht zu beschreiben. Ihr langes silbernes Haar wippte bei jedem ihrer Schritte, genau wie ihr Busen, der für ihr Alter sehr üppig schien. Sie war die Wächterin der ersten, zweiten und dritten Ebene, Shalltear Bloodfallen, die »Wahre Vampirin«.
»Ich hoffe, es geht Euch gut, Lord Ainz.«
»Danke, ich hoffe, dir auch, Shalltear. Was führt dich heute in mein Quartier?«
»Ich wollte natürlich Euer überaus attraktives Gesicht sehen.«
Ainz’ Schädel hatte keine Möglichkeit, seine Mimik zu verändern, doch die Flammen tief in seinen Augenhöhlen flackerten. Er wollte schon fast sagen, dass sie sich nicht so einschleimen sollte, entschied sich dann jedoch anders – der Grund dafür war, dass er sehen konnte, wie sich Albedos Ausdruck nach und nach veränderte, während sie aus dem Augenwinkel beobachtete, wie Shalltears rote Augen sich lüstern verengten. Ihre sanfte Ausstrahlung blieb unverändert und auch ihrer Schönheit tat es keinen Abbruch, doch ihr Lächeln hatte sich zur Grimasse eines eifersüchtigen Dämons verzerrt. Ainz machte das jedoch nichts aus – ihr Zorn galt einzig und allein Shalltear, nicht ihm.
»Bist du dann fertig, Shalltear? Lord Ainz und ich haben wichtige Dinge über die Zukunft der Großen Gruft von Nazarick zu besprechen. Würde es dir etwas ausmachen, zu gehen? Wir wollen nicht gestört werden.«
»Du könntest mich wenigstens begrüßen, bevor du mir Befehle erteilst. Sei nicht so überheblich, alte Schachtel. Wieso so eilig? Machst es wohl nicht mehr lange, was?«
»Willst du Ärger, du Klappergestell? Im Gegensatz zu dir habe ich wenigstens Kurven.«
»Wohl eher Hängetitten und tiefe Falten!«
»Du kannst dich noch so aufreizend zurechtmachen, das täuscht nicht darüber hinweg, dass an dir nichts dran ist – vor allem obenrum …«
»›Nichts dran?!‹ Ich bring dich um!«
»Dein letztes Stündlein hat geschlagen!«
Vor Ainz ragten zwei Wesen auf, deren Gesichtsausdruck schwer zu beschreiben war – er war aber so eisig, dass er die Sonne hätte gefrieren können. Er widerstand dem Drang, sein Gesicht in den Händen zu vergraben und schritt ein, bevor es zu Gewalttaten kommen konnte. »Schluss mit dem Kinderkram, ihr beiden.«
Beide reagierten auf Ainz’ Worte in gleicher Manier und strahlten ihn an. Gerade waren sie noch zwei Furien direkt aus der Hölle gewesen, doch nun standen dort zwei unschuldige, liebreizende Jungfern.
Frauen können wirklich Furcht einflößend sein … Oder vielleicht gilt das nur für die beiden hier? Sogar Ainz, bei dem größere Emotionsausbrüche gedämpft wurden, seit er ein Untoter war, war etwas unwohl bei den extremen Stimmungsschwankungen, denen er sich hier gerade gegenübersah.
Der wahre Grund für ihre Feindseligkeit war natürlich, dass sie Konkurrentinnen um Ainz’ Liebesgunst waren. Albedo und Shalltear waren beide unsterblich in Ainz verliebt – was bedeutete, dass Ainz von zwei unvergleichlich schönen Frauen begehrt wurde. Wer würde sich nicht darüber freuen?
Ainz jedoch konnte ihre Gefühle nicht einfach so erwidern, besonders wenn die nekrophile Shalltear ihm mit der süßlichen Stimme ins Ohr flüsterte: »Eure Knochenstatur ist außergewöhnlich – man könnte fast meinen, sie wäre von einem Gott geschaffen worden.« Für sie war das vielleicht ein Ausdruck ihrer Zuneigung – vielleicht sah sie es sogar als Kompliment an –, doch bei Ainz saß der Schock immer noch tief: Vor ein paar Tagen hatte er zu ersten Mal in seinem Leben ein Kompliment für sein Äußeres bekommen – und das als Skelett!
Er schüttelte diese trivialen Gedanken ab und wiederholte seine Frage. »Ich frage erneut: Was führt dich her, Shalltear?«
»Mein Lord, ich werde mich wie gewünscht Sebas anschließen. Ich werde wohl für eine Weile weg sein, also wollte ich mich nur von Euch verabschieden.«
Ainz erinnerte sich an den Befehl, den er ihr gegeben hatte, und nickte. »Verstehe. Bleib wachsam, mach deine Arbeit gut und komm wohlbehalten wieder nach Hause, Shalltear.«
»Ja, mein Lord!«, antwortete sie ehrfürchtig.
»Du kannst jetzt gehen, Shalltear. Sobald du mein Quartier verlassen hast, sag Narberal oder Entoma, dass sie Demiurge zu mir schicken sollen. Ich will unseren nächsten Zug mit ihm besprechen.«
»Verstanden, Lord Ainz.«

Kapitel 1: Zwei Abenteurer
1
E-Rantel, die Festungsstadt, war in einer Schlüsselposition zwischen dem Königreich Re-Estize und seinen Nachbarländern, dem Kaiserreich Baharuth und dem Gottesstaat Slane gelegen. Die Stadt machte ihrem Namen alle Ehre, denn sie war von drei dicken Mauerwällen umgeben. Die Bereiche zwischen diesen Mauern dienten unterschiedlichsten Zwecken.
Im äußersten Ring war die königliche Armee mit all ihren Militäreinrichtungen stationiert. Im innersten Ring war die Administration untergebracht. Auch die Lagerhallen mit dem Proviant für das Militär befanden sich dort und der ganze Bereich wurde streng bewacht. Der mittlere Ring gehörte den Stadtbewohnern. Wenn jemand den Namen der Stadt hörte, kam ihm zuerst das rege Treiben ebendieser Zone in den Sinn.
Im Zentrum lag der Marktplatz, der größte freie Platz der ganzen Zone. Offene Stände boten dort allerhand Waren an. Hier fand man alles, angefangen von frischem Gemüse bis hin zu verarbeiteten Nahrungsmitteln. Es herrschte reges Treiben. Verkäufer priesen den Passanten lautstark ihre Waren an, ältere Kunden feilschten mit den Verkäufern um den besten Preis, junge Männer, die vom Duft des gegrillten Fleisches angelockt worden waren, aßen genüsslich ihre Spieße.
Das lebhafte Treiben zur Mittagszeit ließ vermuten, dass der Lärm bis zum Abend nicht abnehmen würde – doch als zwei Gestalten plötzlich aus einem fünfstöckigen Gebäude traten, wurde es mit einem Mal ganz still auf dem Platz. Alle Augen waren auf sie gerichtet.
Eine der Gestalten war eine Frau. Sie sah aus, als wäre sie höchstens Anfang zwanzig und sie hatte wunderschöne Mandelaugen, die leuchteten wie Obsidian. Ihr volles Haar, das so schwarz war, dass es feucht zu glänzen schien, war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre ebenmäßige, blasse Haut reflektierte das Licht wie eine Perle in der Sonne. Das Anziehendste an ihr war jedoch ihre Schlichtheit. Sie hatte etwas Exotisches an sich, das jedem den Kopf verdrehte. Sogar ein einfacher brauner Umhang schien sich in ein luxuriöses Gewand zu verwandeln, wenn sie ihn trug.
Das Geschlecht der Gestalt neben ihr war nicht zu deuten – es waren einfach keine besonderen geschlechtsspezifischen Merkmale ersichtlich.
Jemand auf dem Platz flüsterte: »Der Dunkle Krieger …«
Tatsächlich war die Gestalt neben der Frau in eine glänzende pechschwarze Ganzkörperrüstung gehüllt, die mit purpurnen und goldenen Akzenten versehen war. Es war unmöglich, ihr Gesicht durch den dünnen Schlitz in ihrem Helm zu erkennen, doch passend zu ihrer massive Statur ragten die Griffe zweier auf dem Rücken gekreuzter Großschwerter über ihrem karminroten Umhang empor.
Sie ließen ihren Blick über den Platz schweifen, dann ging die in die Rüstung gehüllte Gestalt voraus. Die Menschen auf dem Platz verfolgten die Schritte der beiden Gestalten, die sich nun wieder den Blicken der Menge entzogen, und Getuschel breitete sich aus. Dass die Leute so erregt waren, lag nicht daran, dass sie Angst hatten oder sich von den Waffen bedroht fühlten – sie waren nur gerade Zeuge eines überaus seltenen Anblicks in dieser Stadt geworden.
Ein weiterer Grund für ihre Gelassenheit war, dass das Gebäude, aus dem die beiden Gestalten herausgekommen waren, ein Ort für Abenteurer war, die sich auf Monstereliminierung spezialisiert hatten – die Abenteurergilde. Es kam häufig vor, dass man bewaffnete Leute ein- und ausgehen sah. Tatsächlich traten nach den gerade erschienenen Gestalten noch weitere Personen mit Waffen ein und kamen wieder heraus. Und wer gute Augen hatte, hatte die Kupfermarken erkannt, die die beiden um den Hals trugen. Womit klar war, dass der Grund für das Aufsehen, das die beiden erregt hatten, einzig die Schönheit der jungen Frau und die beeindruckende Rüstung der anderen Gestalt gewesen sein mussten.
Das Paar ging schweigend die schmale Gasse entlang, in der das Wasser in den Wagenradrillen das Sonnenlicht reflektierte. Der Weg war nicht gepflastert, sondern bestand aus einer Mischung aus gestampfter Erde und Dreck, was das Vorankommen erschwerte. Eine falsche Bewegung und man rutschte sofort aus, doch vielleicht lag es an ihrem überlegenen Gleichgewichtssinn, dass die beiden weiterhin mit einer Eleganz ausschritten, als bewegten sie sich auf Kopfsteinpflaster.
Die Frau prüfte, ob auch niemand in der Nähe war, bevor sie sich an die Figur in der Ganzkörperrüstung wandte: »Lord Ai…«
»Nein. Mein Name ist Momon. Und du bist nicht Narberal Gamma von den Plejaden, sondern Nabe, Momons Abenteurerfreundin.« Es war die Person in Rüstung – Ainz –, die die Frau unterbrochen hatte – Narberal.
»Oh! Bitte verzeiht meinen Fehler, Lord Momon!«
»Lass das mit dem Lord. Wir sind einfach nur Abenteurer und wir sind Freunde. Es würde verdächtig erscheinen, wenn du mich Lord nennst.«
»A… Aber Ihr seid doch eins der Höchsten Geschöpfe!«
Ainz bedeutete ihr, ihre Stimme zu senken, und antwortete mit einer gewissen Genervtheit: »Wie oft soll ich das noch sagen? In diesem Land hier bin ich Momon, der Dunkle … Ich meine, Momon, und du bist meine Partnerin. Also hör auf mit dem Lord. Das ist ein Befehl.«
Einen Moment lang schwieg Narberal, doch dann stimmte sie mit leichtem Widerwillen zu. »Verstanden, Sir Momon.«
»Schon besser, aber das mit dem Sir können wir auch sein lassen. Ich bin dein Kamerad, wenn du mich also Sir nennst, entsteht wieder ein Gefälle zwischen uns.«
»Wäre das nicht … respektlos oder …?«
Narberal sprach nicht weiter, aber Ainz zuckte nur mit den Schultern. »Niemand darf herausfinden, wer wir wirklich sind. Das verstehst du doch, oder?«
»Natürlich, Herr.«
»Lass das … Na ja, wie dem auch sei. Ich will ja nur sagen, dass wir vorsichtig sein sollten.«
»Verstanden, Sir Momon! Seid Ihr sicher, dass ich für diese Mission die Richtige bin? Wenn Ihr eine Gefährtin wünscht, wäre dann jemand mit Grazie und Eleganz wie Albedo nicht besser geeignet?«
»Albedo, hm …?« In Ainz’ Stimme schwangen gemischte Gefühle mit. »Albedo muss Nazarick führen, während ich weg bin.«
»Falls ich mir den Kommentar erlauben darf … Ich bin sicher, Cocytus könnte Nazarick auch allein führen. Das haben die Wächter alle gesagt … Aber wenn es um Eure Sicherheit geht, mein Lord, dann wäre es doch ratsam, Nazaricks beste Verteidigerin, Albedo, bei Euch zu haben, nicht wahr?«
Diese Frage brachte Ainz in Verlegenheit. Als er angekündigt hatte, dass er sich persönlich auf die Reise nach E-Rantel begeben würde, war es die Wächterin Albedo gewesen, die am nachdrücklichsten dagegen protestiert hatte – doch erst, als sie erfahren hatte, dass sie Ainz nicht begleiten durfte.
Er hatte immer noch das Gefühl, ihr etwas zu schulden, weil sie ihn gedeckt hatte, als er, gleich nachdem er in diese Welt versetzt worden war, ohne Leibgarde ausgezogen war. Deshalb hatte er auf ihren Widerwillen nicht allzu heftig reagiert. Aber dieses Mal war es anders. Dies war eine sorgfältig geplante Erkundung, keine Laune, also würde er auch zu seinem Plan stehen.
Albedo hatte wahrscheinlich ihre persönlichen Wünsche unterdrückt und gehorcht, denn alle Wächter erfüllte es, wenn sie ihre Befehle ausführen konnten – aber Ainz fühlte sich dabei nicht wohl. Es störte ihn, dass er den Kreationen seiner früheren Gildenkameraden Befehle aufzwang.
Ainz hatte mit Engelszungen auf sie eingeredet, doch Albedo war strikt gegen seine Entscheidung gewesen. Ihre Meinungen gingen so weit auseinander, dass es einfach keinen gemeinsamen Nenner geben konnte. Dementsprechend schien es auch keine Lösung für das Problem zu geben. Dann hatte Demiurge Albedo jedoch etwas ins Ohr geflüstert, worauf sie sich abrupt zurückgezogen und all ihre Beschwerden hinuntergeschluckt hatte. Und damit war es entschieden gewesen. Sie hatte sich sogar ein »Ich verstehe es jetzt« abgerungen und sich mit einem sanften Lächeln von ihm verabschiedet.
Ainz wusste immer noch nicht, was Demiurge zu ihr gesagt hatte. Zusammen mit Albedos dramatischem Stimmungswechsel machte ihn das etwas nervös.
»Der Grund, warum ich Albedo nicht mitgebracht habe, ist, dass ich niemandem mehr vertraue als ihr. Genau deshalb muss ich mich in meiner Abwesenheit nicht um Nazarick sorgen, da ich weiß, dass es bei ihr in den besten Händen ist.«
»Verstehe. Das hatte ich mir schon gedacht. Also bedeutet das, dass Ihr zu Albedo das innigste Verhältnis habt, nehme ich an?«
Er hätte in dieser Situation unmöglich sagen können: Ja, na ja, denk schon, also nickte Ainz nur. »Und ich weiß, wie gefährlich diese Mission ist.« Ainz hielt seine rechte Hand hoch und wackelte mit dem Ringfinger. »Aber ich muss das tun. Wenn ich nur von Nazarick aus meine Befehle gebe, fehlen mir wichtige Informationen, da mir diese Welt immer noch zum größten Teil unbekannt ist. Ich muss selbst hinausgehen und mir ein Bild machen. Ich bin sicher, es hätte auch andere Wege gegeben, diese Mission anzugehen, doch ich wollte mich für die entscheiden, bei der ich mich am sichersten fühle, nachdem wir es ohnehin schon mit so vielen Unwägbarkeiten zu tun haben.«
Ainz blickte durch den Schlitz in seinem Helm auf Narberal herab, die seine Entscheidung demütig akzeptierte, und fragte dann mit ein wenig Unbehagen in der Stimme: »Sag mal, siehst du Menschen als niedere Lebensformen an?«
»Natürlich tue ich das. Menschen sind wertloser Abschaum.«
Die Antwort kam ohne Zögern und aus tiefstem Herzen. Ainz presste ein »Also denkst du auch so …« hervor, doch es war zu leise, als dass Narberal es hätte hören können. Er grummelte weiter vor sich hin: »Das ist der Grund, warum ich euch nicht einfach in eine Menschenstadt schicken kann. Ich hätte es zu meiner obersten Priorität machen sollen, die Persönlichkeiten meiner Untergebenen genauer zu studieren.«
Einer der Gründe, warum er Albedo nicht mitnehmen konnte, war ihre Einstellung den Menschen gegenüber. Sie betrachtete sie als niedere Lebensformen. Er konnte sie unmöglich in eine Stadt mitnehmen, in der so viele Menschen lebten, und riskieren, dass sie ein Blutbad anrichtete, sobald er sie kurz aus den Augen ließ. Außerdem beherrschte Albedo keine Tarnmagie, was es unmöglich gemacht hätte, ihre Hörner oder ihre Flügel zu verstecken.
Und dann gab es da noch den allerwichtigsten Grund – den, von dem er niemandem erzählen konnte: Ainz, der früher ein normaler Büroangestellter gewesen war, hatte kein Vertrauen in seine Fähigkeit, Nazarick zu führen und für die Zukunft zu planen, wenn ihm nur Informationen aus zweiter Hand zur Verfügung standen. Deshalb hatte er auch beschlossen, diese Mission anzutreten und Albedo im Gegenzug das Kommando zu überlassen, wozu sie bestens qualifiziert war. Wann immer möglich, sollte man einem talentierten Untergebenen Aufgaben übertragen. Es kam nie etwas Gutes dabei heraus, wenn jemand aus den oberen Rängen in etwas herumpfuschte, das außerhalb seines Kompetenzbereichs lag.
Außerdem war Albedo durch zwei metaphorische Ketten an ihn gebunden: ihre Liebe zu Ainz und ihre Treue ihm gegenüber. Unter solchen Umständen fühlte er sich sicher dabei, ihr die Große Gruft von Nazarick zu überlassen.
Liebe … Wann immer er Albedo sah oder sie ihm sagte, wie sehr sie ihn bewunderte, wurde er an sein Vergehen erinnert, ihre Hintergrundgeschichte manipuliert zu haben. Ja, kurz bevor die Server heruntergefahren worden waren, hatte er einen Teil am Ende ihres ellenlangen Profils verändert und hineingeschrieben, dass sie Momonga – also Ainz – liebte. Er hatte damals natürlich keine Ahnung gehabt, dass sie alle nach dem Server-Shutdown in eine andere Welt katapultiert werden würden. Er hatte sich an seinem letzten Tag nur ein kleines Späßchen erlauben wollen.
Wenn er jedoch so darüber nachdachte, schien Albedo selbst kein Problem mit der Veränderung zu haben. Was aber würde Ainz’ Freund, Tabula Smaragdina, dazu sagen, wenn er herausfand, was geschehen war? Was, wenn mir das passiert wäre? Wenn jemand einen meiner NPCs verändert hätte …? Auch behagte ihm nicht, dass er ihren Zustand ausnutzte und einfach davon ausging, dass sie ihn nicht hintergehen würde.
Er schüttelte den Kopf, um diese dunklen Gedanken zu verbannen. Sein untoter Körper ließ keine starken Emotionen zu, doch kleine Gefühlsausbrüche wie dieser beeinflussten ihn immer noch so, als wäre er ein Mensch. Wenn ich mich gänzlich in einen Untoten verwandle, werde ich dann diese Schuldgefühle los? Während er sich hinter seinem Vollvisier diesen Fragen hingab, wandte er sich wieder Narberal zu. »Nabe, ich sage nicht, dass du diese Einstellung einfach ablegen sollst, aber bitte unterdrücke sie wenigstens. Dies ist eine Menschenstadt und wir wissen nicht, wie stark einige von den Leuten hier vielleicht sind, ganz zu schweigen von all den anderen Dingen, die uns weiterhin verborgen bleiben. Achte darauf, dass du nichts tust, was irgendwelche Feindseligkeiten auslösen könnte.«
Narberal verneigte sich tief, um ihre Loyalität und Unterwürfigkeit zu unterstreichen, und Ainz legte eine seiner Hände auf ihren Kopf, um einen letzten Punkt klarzumachen. »Eins noch. Wenn wir Kämpfe zu ernst nehmen und jemandem den Hals umdrehen wollen … dann macht das den Menschen Angst. Ich weiß nicht, ob du tatsächlich blutdurstig bist oder nicht, aber zumindest scheint es so – also mach nichts ohne meine Zustimmung, in Ordnung?«
»Ja, Sir Momon.«
»Okay, das Gasthaus, von dem uns die Dame erzählt hat, sollte hier irgendwo sein …« Ainz sah sich um.
Manche Geschäfte waren offen und man sah hier und da Leute ein- und ausgehen. Rechts von ihnen transportierten ein paar Handwerker in Schürzen irgendwelche Waren. Ainz und Narberal suchten anhand des Bildes auf dem Schild nach dem Gasthaus, da sie die Schrift dieses Landes nicht lesen konnten.
Endlich fand Ainz das entsprechende Bild und beschleunigte seinen Schritt. Narberal passte sich seinem Tempo an.
Ainz klopfte den Dreck von seinen Eisenschuhen und betrat die Stufe am Eingang. Er stieß die Schwingtüren auf und trat in den schlecht beleuchteten Gastraum ein. An den Fenstern, die Licht hereingelassen hätten, waren größtenteils die Läden geschlossen. Jemand, der gerade von draußen, wo helllichter Tag herrschte, hereinkam, hätte im ersten Moment gar nichts gesehen, aber Ainz hatte die Fähigkeit Dark Vision, die ihm erlaubte, alles zu erkennen.
Die Gaststube war recht geräumig. Am anderen Ende des Erdgeschosses befand sich eine Bar, hinter der zwei Einbauregale voller Flaschen aufragten. Die Tür neben dem Tresen führte vermutlich in die Küche.
In der Ecke führte eine Wendeltreppe in die oberen Stockwerke. Der Dame in der Gilde zufolge befanden sich im ersten und zweiten Stock die Zimmer des Gasthauses.
Ein paar Gäste, vorwiegend Männer, saßen um runde Tische herum. Die Atmosphäre ließ schon erahnen, dass dies Leute waren, die es gewohnt waren, sich in gefährliche Situationen zu begeben.
Fast alle Blicke waren auf Ainz und Narberal gerichtet, viele beäugten sie kritisch. Die einzige Person, die ihnen keine Aufmerksamkeit schenkte, war eine junge Frau, die am anderen Ende des Raumes saß und auf eine Phiole starrte.
Ainz zog bei diesem Anblick eine seiner nicht vorhandenen Augenbrauen hoch. Er war zwar auf vieles vorbereitet, aber dieser Ort war dann doch schäbiger, als er erwartet hatte.
Es hatte natürlich auch widerliche und abstoßende Orte in Yggdrasil gegeben – sogar in der Großen Gruft von Nazarick fand man immer mal wieder solche Ecken. Das Quartier des Prinzen des Schreckens zum Beispiel oder auch die Gifthöhle. Aber dies war eine andere Art von schmutzig.
Der Boden war übersät mit Essensresten und Pfützen von irgendwelchen Flüssigkeiten. An den Wänden waren eigenartige Flecken und in einer Ecke war irgendetwas geronnen und hatte Schimmel gebildet …
Ainz seufzte innerlich und spähte in den hinteren Bereich des Raumes. Dort stand ein Mann, der eine schmuddelige Schürze trug. Unter den hochgekrempelten Ärmeln kamen seine starken Unterarme zum Vorschein. Sie waren voller Narben, doch es war schwer zu sagen, ob diese von Schwertern oder Tieren verursacht worden waren. Seine Gesichtszüge rangierten irgendwo zwischen absoluter Männlichkeit und wildem Tier und auch dort zeichneten sich ein paar Narben ab. Sein Kopf war kahl geschoren – nicht ein einziges Haar war übrig geblieben. Dieser Mann, der einen Wischmopp in der Hand hielt und eher wie ein angeheuerter Schläger als ein Gasthausbesitzer anmutete, musterte Ainz ganz besonders genau.
»Ihr braucht also ’n Zimmer, was? Wie viele Nächte sollen’s denn sein?«, fragte er mit ruhiger Stimme.
»Eine Nacht bitte.«
»Eine Kupfermarke …? Fünf Kupferstücke für ’n Bett im Gemeinschaftszimmer«, gab der Mann schroff zurück. »Zu essen gibt’s Haferschleim – oder auch altes Brot – und Gemüse. Wenn ihr Fleisch wollt, kostet das extra.«
»Wenn es ginge, hätten wir gern ein Zimmer nur für uns allein.«
Ein leises Grunzen erklang. »Es gibt in dieser Stadt drei Gasthäuser, die Abenteurer aufnehmen. Das schlechteste is meins. Ihr wurdet von der Gilde geschickt, was? Wisst ihr, woher ich das weiß?«
»Nein, aber Ihr werdet es uns sicher gleich sagen.«
Auf Ainz’ abrupte Antwort hin verfinsterte sich die Miene des Gasthausbesitzers. »Denk doch mal nach! Oder ist dein schicker Helm nur mit heißer Luft gefüllt?«
Ainz blieb unbeeindruckt angesichts des aggressiven Tonfalls des Gasthausbesitzers. Nach seinem letzten Kampf konnte er diesen Ausbruch wie den Wutanfall eines Kindes betrachten.
Dieser Kampf und die Folterung der Gefangenen hatten ihm gezeigt, welche Macht er wirklich besaß. Angeschrien zu werden musste ihn nicht weiter bekümmern.
Der Gasthausbesitzer bemerkte, dass er Ainz nicht einschüchtern konnte, und gab nur ein leises Grummeln von sich, das schon fast wie Bewunderung klang. »Scheint, als hättet ihr ziemlichen Mumm, was? Die Abenteurer, die normalerweise herkommen, haben meistens Bronze- oder Eisenmarken. Wenn sie ähnliche Fähigkeiten haben und miteinander auskommen, tun sich viele zusammen und ziehen gemeinsam los. Mein Laden hier ist perfekt, um Teammitglieder zu finden …« Die Augen des Gasthausbesitzers weiteten sich bedrohlich. »Von mir aus könnt ihr in eurem eigenen Zimmer schlafen, aber wenn ihr keine Leute trefft, dann könnt ihr hier auch keine Freunde finden. Und wenn ihr kein ausgewogenes Team habt, dann verreckt ihr bei eurem nächsten Kampf gegen ’n Monster. Deshalb übernachten die Grünschnäbel lieber gleich in ’nem großen Zimmer, damit sie Leute treffen können. Ich frag euch deshalb noch mal: Wollt ihr ’n Gemeinschaftszimmer oder ’n Doppelzimmer?«
»Ein Doppelzimmer, bitte. Und wir brauchen keine Nahrung.«
»Tse, ich versuch hier nur, nett zu sein … Oder willste behaupten, dass diese Ganzkörperrüstung nicht nur zum Angeben is? Na, was soll’s. Eine Nacht macht sieben Kupferstücke – im Voraus, versteht sich.« Der Gasthausbesitzer streckte die Hand aus.
Unter den Blicken aller Anwesenden machten die beiden sich auf den Weg. Plötzlich wurde Ainz ein Bein in den Weg gestreckt. Er blieb stehen und drehte sich zu dem Mann um, dem es gehörte.
Er hatte ein widerliches Grinsen auf den Lippen. Alle anderen, die um seinen Tisch herum saßen, grinsten entweder ebenso dreckig oder starrten Ainz und Narberal mit durchdringendem Blick an.
Weder der Gasthausbesitzer noch irgendwelche anderen Gäste schritten ein. Entweder war es ihnen egal oder sie erwarteten, dass ihnen gleich eine lustige Show geboten werden würde. Einige wenige jedoch beobachteten jede Bewegung der Neuankömmlinge.
Oh Mann. Ainz stieß ein leichtes Seufzen aus und schob dann mit seinem Schuh das Bein von sich.
Als hätte er nur darauf gewartet, erhob sich der Mann plötzlich von seinem Stuhl. Da er keine Rüstung trug, konnte man die Muskeln deutlich erkennen, die sich unter seiner Kleidung abzeichneten. Eine Marke, die der glich, die Ainz trug, baumelte um seinen Hals – seine war allerdings aus Eisen. »Hey, das hat wehgetan!«, rief er in drohendem Ton, während er sich langsam vor Ainz aufbaute. Zwischenzeitlich hatte er seine Handschuhe übergezogen und als er die Fäuste ballte, konnte man das Metall bedrohlich knarzen hören.
Ainz und der Mann schätzten einander ab, doch sie standen ein bisschen zu dicht zusammen, um sich zu prügeln. Sie waren in etwa gleich groß. Ainz machte den ersten Schritt. »Oh, ich hab dein Bein nicht gesehen. Mit diesem Helm ist meine Sicht ziemlich eingeschränkt. Oder vielleicht liegt es daran, dass du so Stummelbeinchen hast … Das wirst du mir doch nicht krummnehmen, oder?«
»Mistkerl!« Auf Ainz’ Provokation hin funkelten die Augen des Mannes bedrohlich. Aber als sein Blick dann an Ainz vorbei auf Narberal fiel, wurde seine Wut durch eine andere Emotion ersetzt. »Du machst mich echt krank, aber hey, ich bin ein netter Kerl. Wenn du mir deine Braut für die Nacht überlässt, lass ich das noch mal durchgehen.«
»Ha! Ha ha ha!« Ainz brach in Gelächter aus und streckte die Hand aus, um Narberal aufzuhalten, die sich schon in Bewegung setzen wollte.
»Was …?«
»Ach, es ist nur, das war gerade ein Paradebeispiel für die Worte eines richtigen Dreckskerls, da konnte ich einfach nicht anders, als zu lachen. Tut mir echt leid.«
»Hä …?« Vor Wut zeichneten sich inzwischen rote Flecken auf dem Gesicht des Mannes ab.
»Oh, bevor es zu einer Schlägerei kommt, darf ich vielleicht vorher was fragen? Bist du stärker als Gazef Stronoff?«
»Was?! Was zum Teufel redest du da?«
»Verstehe. Die Reaktion reicht mir als Antwort. Ich glaube, ich müsste mich bei dir so sehr zurückhalten, dass es keinen Spaß mehr macht. Zeit, dass du ’ne Fliege machst!«
Blitzschnell packte Ainz den Mann am Kragen, um ihn vom Boden hochzuheben. Da er sich nicht wehren oder gar ausweichen konnte, stieß der Mann ein erschrockenes »Woah!« aus und die Menge begann zu toben. Wie stark jemand wohl sein musste, um einen anderen mit nur einer Hand in die Luft zu heben? Alle konnten es sich ziemlich gut vorstellen.
Auf den Aufruhr folgte ein kollektives Atemanhalten. Ainz durchbrach die gespannte Stimmung, indem er den Mann sanft durch den Raum schleuderte – »sanft« natürlich nur aus Ainz’ Sicht.
Der Körper des Mannes flog mit beeindruckender Geschwindigkeit fast bis zur Decke, bevor er auf einen Tisch krachte.
Der Aufprall des Körpers, das Zerbrechen der Dinge auf dem Tisch, das Bersten des Holzes, das schmerzerfüllte Stöhnen des Mannes – die Kakophonie all diese Geräusche erfüllte den Raum. Dann, als hätte sich das Ächzen des Mannes über den Lärm gelegt, senkte sich Stille über den Raum. Nur einen Herzschlag später jedoch …
»Nyaaaargh!« Ein eigenartiger Schrei entrang sich aus dem Mund der Frau, die an dem Tisch gesessen hatte – der Schrei kam aus tiefster Seele und drückte aus, dass sie gerade etwas Unaussprechliches mitangesehen hatte. Die Reaktion war völlig normal, wenn man bedachte, dass ein Mann plötzlich auf ihrem Tisch gelandet war, doch dieser Schrei galt definitiv etwas anderem.
»Also? Was habt ihr jetzt vor? Es wäre echt mühsam, wenn ich einen jeden von euch einzeln verdreschen müsste, ganz zu schweigen davon, dass es eine ziemliche Zeitverschwendung wäre. Ihr könnt also gerne alle auf einmal auf mich losgehen«, wandte sich Ainz an die anderen Männer, die um den Tisch saßen, von dem der eben Besiegte aufgestanden war.
Sie verstanden nur zu gut, was er da angedeutet hatte, und senkten eilig ihre Köpfe. »Hm? Ohh! Wir wollen uns für unseren Kameraden entschuldigen, bitte, nimm die Entschuldigung an!«
»Verstanden. Ich verzeihe euch. Das hat mir gar nichts ausgemacht. Stellt aber sicher, dass ihr dem Gasthausbesitzer den Tisch ersetzt.«
»Natürlich. Wir kümmern uns darum.«
Das wäre geklärt. Ainz wollte gerade weitergehen, als eine andere Stimme ihn auf einmal ansprach. »Hey, hey, hey!«
Als er sich umdrehte, kam die Frau, die vorhin so laut geschrien hatte, auf ihn zumarschiert.
Sie war höchstens zwanzig und ihr rotes Haar war auf eine praktische Länge zurechtgestutzt, aber selbst mit viel Wohlwollen waren die Spitzen alles andere als gerade geschnitten – ihr Haar glich eher einem Vogelnest. Ihr Gesicht war von mittelmäßiger Schönheit. Sie trug jedoch keinerlei Make-up und in ihren Augen stand eine tiefe Verachtung. Ihre Haut hatte eine gesunde Bräune und ihre Armmuskeln traten hervor. Ihre Hände waren schwielig, was darauf hindeutete, dass sie Schwertträgerin war. Der erste Eindruck, den man von ihr hatte, war nicht der einer Frau, sondern einer Kämpferin. Die Eisenmarke um ihren Hals schwang bei jedem Schritt mit.
»Was meinste, was du hier machst?!«
»Was meinst du?«
»Du hast ’nen Schimmer, was du da grade veranstaltet hast?!« Sie zeigte auf den zerschmetterten Tisch. »Du hast diesen Idioten hier rumgeschleudert und mein Trank, mein kostbarer Trank, ist zerbrochen! Was soll das überhaupt, hier einfach solche Kleiderschränke rumzuschmeißen?!«
»Worauf willst du hinaus?«
»Worauf ich rauswill?! Oh Mann …« Ihre Augen funkelten und sie senkte die Stimme. »Ich verlange natürlich Ersatz! Für meinen Trank!«
»Es war doch nur ein Trank …«
»Ich hab auf mein Essen verzichtet und geschmachtet und gespart, wie ’ne Kirchenmaus hab ich gelebt, nur damit ich mir diesen Trank leisten konnte – und du hast ihn einfach so zerstört! Dieser Trank sollte mich auf einer gefährlichen Reise vor dem Tod bewahren! Und wie reagierst du, nachdem du mir meinen Traum einfach zerstört hast?! Das macht mich echt rasend!« Sie schritt weiter auf Ainz zu. Ihre weit aufgerissenen Augen waren blutunterlaufen. Sie sah nun gänzlich aus wie ein wütender Bulle.
Ainz unterdrückte ein Seufzen. Es war rücksichtslos von ihm gewesen, dass er nicht auf die Umgebung geachtet hatte, bevor er den Mann weggeschleudert hatte. Aber es gab einen bestimmten Grund dafür, dass er nicht einfach zustimmte, ihr den Trank zu ersetzen.
»Wieso verlangst du nicht von dem Kerl hier Ersatz? Wenn er seine Gräten bei sich behalten hätte, wär das alles nie passiert, oder?« Er starrte die Freunde des Mannes durch den Schlitz in seinem Helm an.
»Ohhh …«
»Aber …«
»In Ordnung, ihr könnt mir entweder einen neuen Trank geben oder mich ausbezahlen, beides ist mir recht … Aber er hat ein Goldstück und zehn Silberstücke gekostet.« Die Männer starrten auf ihre Füße. Anscheinend hatten sie nicht genug Geld, um den Trank zu ersetzen. Der Blick der Frau wanderte also wieder zurück zu Ainz. »War ja klar. Die kommen immer her und saufen sich die Hucke voll. Woher sollten die auf einmal so viel Geld haben? Aber du … du trägst diese schicke Rüstung, also musst du doch wenigstens einen kleinen Heiltrank dabeihaben, oder?«
Verstehe, dachte Ainz. Deshalb hat sie mich also als Erstes angesprochen. Die Sache wurde immer komplizierter. Ein falscher Zug und alles wäre ruiniert. Er dachte einen Moment nach und traf dann eine Entscheidung. »Habe ich, aber … bist du sicher, dass das ein Heiltrank war?«
»Na klar! Ich hab so hart dafür geschu…«
»Ja, das hab ich verstanden. Ich werde dir einen Trank geben, also sind wir danach quitt.« Er nahm einen schwachen Heiltrank aus seinem Inventar und streckte ihn der Frau entgegen.
Sie beäugte ihn misstrauisch, nahm ihn aber mürrisch entgegen.
»Gibt es sonst noch irgendwas?«
»Nein, ich denke, das war’s.« Es klang so, als stünde immer noch irgendetwas im Raum, was geklärt werden musste, doch Ainz tat den Gedanken schnell ab. Er hatte wichtigere Dinge, über die er sich den Kopf zerbrechen musste. Da war ja auch noch Narberal, die jede Sekunde einen fatalen Fehler begehen konnte. Auch wenn er die Situation entschärft hatte, stand sie anscheinend immer noch unter Strom. Die anderen Schaulustigen um sie herum schienen dies auch zu spüren, denn ihnen stand allesamt der Schrecken ins Gesicht geschrieben.
»Lass uns gehen«, sagte Ainz, auch um Narberal auf andere Gedanken zu bringen, und wandte sich wieder dem Gasthausbesitzer zu. Dann nahm er beiläufig seinen schwarzen Lederbeutel heraus, zog eine Silbermünze hervor und ließ sie in die raue Hand des Inhabers fallen.
Der Gasthausbesitzer verstaute sie ohne ein weiteres Wort und als er seine Hand wieder hervorholte, lagen mehrere Kupferstücke darin. »Okay, hier, du kriegst sechs Kupferstücke zurück.« Er ließ die Stücke in Ainz’ Hand fallen und legte mit einem Klirren einen Schlüssel auf die Theke. »Die Treppe hoch und dann gleich die erste Tür rechts. Euer Gepäck könnt ihr in den Schubfächern verstauen, die unter den Betten eingebaut sind. Ich glaub nicht, dass ich euch das sagen muss, aber haltet euch nicht in der Nähe der anderen Zimmer auf, wenn ihr keinen Grund dazu habt. Wenn ihr jemandem verdächtig vorkommt, gibt’s Ärger. Andererseits kann man so auch Leute kennenlernen. Ihr scheint ja mit jedem Ärger fertigwerden zu können. Solange ihr mir keinen macht, verstehen wir uns.« Die Augen des Gasthausbesitzers huschten kurz zu dem Mann, der immer noch ächzend auf dem Boden lag.
»Verstehe. Könnten Sie uns bitte außerdem mit der Minimalausrüstung aushelfen, die man zum Abenteuern braucht? Ich habe alles verloren, was ich hatte. Als ich bei der Gilde gefragt habe, sagten die, dass Sie uns da …«
Der Gasthausbesitzer sah sich die Rüstung und Kleidung von Ainz und Narberal an und ließ seinen Blick dann zu dem Lederbeutel wandern. »Ja, natürlich. Ich werde euch alles bis zum Abendbrot vorbereiten lassen. Stellt sicher, dass ihr genug Geld zum Zahlen habt.«
»Machen wir. Okay, Nabe, gehen wir.«
Narberal folgte Ainz die alte Wendeltreppe hinauf, die bei jedem Schritt quietschte und knarzte, und sie verschwanden in ihrem Zimmer.
*
Sobald Ainz verschwunden war, wendeten die Kameraden des zuvor umhergeschleuderten Mannes Heilmagie auf ihn an. Und als wäre ihre Magie der Auslöser, erwachte das totenstille Gasthaus plötzlich wieder zum Leben.
»Der Typ ist also wirklich so hart, wie er aussieht, was?«
»Ja, diese Kraft war echt nicht von schlechten Eltern! Ich frag mich, wie er trainiert hat.«
»Außer diesen zwei Großschwertern hatte er keine anderen Waffen dabei, aber das zeigt eigentlich nur, wie selbstsicher er ist.«
»Argh, noch ein Typ, der uns alle mit einem Streich ausschalten könnte?«
Sämtliche Unterhaltungen drückten Bewunderung, Staunen und auch Überraschung aus. Tatsächlich hatte jeder von Anfang an gewusst, dass Ainz kein gewöhnlicher Abenteurer war. Das Erste, was ihn verriet, war natürlich seine eindrucksvolle Ausrüstung. Eine Ganzkörperrüstung war nicht billig. Nur jemand, der ein Abenteuer nach dem anderen absolviert hatte – also jemand mit jeder Menge Erfahrung –, konnte sich so etwas leisten. Wenn man nur die Belohnungen rechnete, könnte man ein solches Vermögen angehäuft haben, wenn man die Silbermarke erreichte. Natürlich gab es auch Leute, die Ausrüstung erbten, oder welche, die sie in Ruinen und auf Schlachtfeldern auflasen. Deshalb hatten die Männer testen wollen, wie stark Ainz wirklich war.
Hier im Gasthaus war man freundlich zueinander und doch waren alle auch Konkurrenten. Wenn jemand Neues sich zeigte, dann wollten alle wissen, wie stark der Neuling war. Dementsprechend waren Situationen wie die gerade eben hier gang und gäbe. Tatsächlich war jeder von ihnen einer solchen Prüfung unterzogen worden, auch wenn niemand von sich sagen konnte, dass er sie so mühelos bestanden hatte.
Mit anderen Worten war also jedem klar: Ob sie nun Freunde oder Feinde waren, dieses unbekannte Paar mit den Kupfermarken besaß wahre Stärke.
»Wie sollen wir ab jetzt mit ihnen umgehen?«
»Ich glaube, wir können nie wieder mit der hübschen Lady ein Wort wechseln.«
»Wenn sie nur zu zweit sind, können sie meinem Team beitreten!«
»Du meinst wohl, du wirst drum betteln, dass sie euch beitreten!«
»Ich frag mich, wie sein Gesicht unter dem Helm aussieht.«
»Ich werd mich heute Nacht vor ihr Zimmer hocken und sie belauschen!«
»Er hat Gazef Stronoff erwähnt, den stärksten Krieger, den es gibt!«
»Denkst du, er ist vielleicht sein Schüler oder so?«
»Möglich.«
»Überlasst so einen wichtigen Job mir! Ich bin ein Dieb mit ausgeprägtem Gehörsinn.«
Inmitten all des Getratsches über das unbekannte Paar kam der Gasthausbesitzer auf einen ganz speziellen Abenteurer zu – die Frau, die gerade den Trank von Ainz erhalten hatte.
»Hey, Brita.«
»Hmm? Was?« Ohne den Kopf zu bewegen, richtete die Frau ihren Blick, der zuvor auf dem roten Trank geruht hatte, auf ihn.
»Was ist mit dem Trank?«
»Keine Ahnung.«
»Komm schon, was meinste damit, ›keine Ahnung‹? Du hast ihn doch nur genommen, weil du wusstest, wie viel er wert ist, oder?«
»Ja, stimmt. Um ehrlich zu sein, hab ich so einen Trank noch nie vorher gesehen. Und du bist nur hier, weil’s dir genauso geht, stimmt’s?«
Sie hatte ins Schwarze getroffen. »Und das ist okay für dich? Immerhin hat er deinen Trank vernichtet. Der hier könnte weniger wert sein als der, den du hattest!«
»Hmm, ja. Das Risiko besteht, aber ich hab das Gefühl, dass ich trotzdem Gewinn mache. Er hat ihn mir ja erst angeboten, nachdem ich gesagt hab, wie viel meiner wert war.«
»Oh …«
»Außerdem habe ich noch nie einen Trank in dieser Farbe gesehen. Das heißt, dass er ziemlich selten sein könnte, oder? Wenn ich gezögert hätte, dann wäre das fast gewesen, als wär ich in ein Drachennest eingedrungen, nur um dann nichts mitzunehmen. Morgen werde ich ihn jedenfalls schätzen lassen, dann weiß ich endlich, wie viel er wirklich wert ist.«
»Ach ja? Dann lass mich die Kosten für die Schätzung übernehmen. Und nicht nur das, ich werd dir außerdem einen richtig guten Laden nennen.«
»Das würdest du tun?«, fragte Brita, die Augenbrauen ungläubig hochgezogen. Der Gasthausbesitzer war ein guter Mann, aber er war kein Dummkopf. Er hatte sicher einen Hintergedanken.
»Nun mach doch nicht so ein Gesicht. Alles, was du tun musst, ist, mir zu sagen, was der Trank für eine Wirkung hat.«
»Das ist alles, ja?«
»Kein schlechter Deal, oder? Und mit meinen Kontakten kann ich dich sogar mit der besten Trankbrauerin in der Gegend bekanntmachen – Lizzie Baleare.«
Brita stand nun aufrichtige Überraschung ins Gesicht geschrieben.
E-Rantel war eine Stadt, in der es viele Söldner und Abenteurer gab, also gab es auch einen reichen Handel mit Ausrüstung und Items, die ganz auf diese Berufsgruppen ausgerichtet waren. Besonders das Geschäft mit den Tränken boomte und es gab hier viel mehr Heiler und Alchemisten als in anderen Städten.
Unter ihnen war Lizzie Baleare als beste Heilerin bekannt, die die komplexesten Tränke überhaupt herstellen konnte. Als der Name dieses bestsortierten Ladens in E-Rantel gefallen war, musste Brita das Angebot einfach annehmen.
2
Die Holztür fiel leise zu.
Die einzigen Möbel in diesem Zimmer waren ein kleiner Tisch und zwei simple Holzbetten, unter denen Schubkästen eingebaut waren. Da die Fensterläden geöffnet waren, strömten Sonnenlicht und frische Luft herein.
Ainz sah sich sichtlich enttäuscht um. Er wusste, dass dies ein Gasthaus am Rande der Stadt war und dass er sich nicht so viel Komfort und Sauberkeit erhoffen konnte, wie er sie aus Nazarick gewohnt war, doch dieser Anblick verstörte ihn.
»Dass Ihr in einem Zimmer wie diesem hier die Nacht verbringen müsst, Lord Momon, das ist …«
»Oh, sag das bitte nicht. Unser Ziel ist, uns in dieser Stadt einen Ruf als Abenteurer aufzubauen. Wir müssen hoch hinaus, damit auch jeder meinen Namen erfährt. Bis dahin wird es nicht schaden, wenn wir auch unseren Lebensstil entsprechend anpassen.« Ainz verbarg seine wahren Emotionen, um sie zu beruhigen, und schloss die Fensterläden. Trotzdem fiel noch genug Licht, durch die Spalten zwischen den Läden, dass es nicht ganz dunkel im Zimmer wurde. Ainz und Narberal hatten beide die Fähigkeit Dark Vision, deshalb machte ihnen das Dämmerlicht nichts aus, aber für jemanden, der diese Fähigkeit nicht hatte, wäre es wahrscheinlich dennoch zu finster gewesen, um etwas erkennen zu können. »Ein Abenteurer zu sein ist viel trostloser, als ich es mir vorgestellt hatte.«
Abenteurer. In Ainz löste das Wort immer noch eine gewisse Faszination aus. Sie zogen durch die Welt und stürzten sich ins Unbekannte. Er hatte diesen Beruf immer als einzig »richtige Art« gesehen, Yggdrasil zu spielen, doch nachdem er mit der Rezeptionistin bei der Gilde gesprochen hatte, wurde ihm bewusst, dass es eine viel zu praktisch orientierte und langweilige Tätigkeit war.
Abenteurer waren im Grunde nichts anderes als Monster eliminierende Söldner. Sie hatten zwar auch etwas von den Abenteurern, von denen Ainz immer geträumt hatte – zum Beispiel gab es natürlich die Möglichkeit, Ruinen zu erkunden oder auch Städte, die von bösen Göttern zerstört worden waren, die vor zweihundert Jahren aufgetaucht und ihr Unwesen getrieben hatten, oder in unbekannte und unerforschte Gebiete auszuziehen –, doch eigentlich waren sie nur Monsterbekämpfer.
Die Monster hatten verschiedene Spezialfähigkeiten, die sich je nach ihrer Art unterschieden. Das war auch der Grund, warum die Bekämpfung Leute erforderte, die mit einer Vielzahl verschiedener Fertigkeiten gegen sie vorgehen konnten, über die gewöhnliche Soldaten nicht verfügten.
So gesehen hätte man erwarten können, dass sie so etwas wie die Position eines Helden in einem Videospiel einnahmen, auf den sich viele Leute verließen …
Aber das entsprach nicht der Realität. Den herrschenden Klassen gefiel nicht, dass bewaffnete Gruppen unkontrolliert durch ihre Ländereien zogen. Deshalb waren Abenteurer nicht wirklich angesehen, auch wenn sie gutes Geld verdienten. Der Grund, warum diese Abenteurer nicht auf nationaler Ebene angestellt wurden, war derselbe wie auch bei großen Firmen in der echten Welt: Vollzeitangestellte kosten Geld, deshalb ist es einfacher, bei Bedarf vorübergehend Leute anzuheuern. Und genau, wie es auch Firmen gibt, die ohne Zeitarbeiter auskommen, gab es hier auch Länder, deren eigene Armeen die Monster in Schach halten konnten. In diesen Gebieten war das Ansehen der Abenteurer sogar noch geringer.
Die Dame hinter der Theke der Gilde hatte sich darüber beschwert, dass es keine Abenteurer im Gottesstaat Slane gab und dass der Status von Abenteurern im Kaiserreich Baharuth weiter gesunken war, seit der neue Herrscher an die Macht gekommen war.
Ainz schüttelte den leichten Anflug von Enttäuschung ab. Es war gar nicht so ungewöhnlich, dass man einen Job annahm, den man immer schon gewollt hatte, nur um herauszufinden, dass dieser gar nicht so toll war, wie man immer gedacht hatte.
Mit einer kleinen Handbewegung lösten sich seine rabenschwarze Rüstung und die zwei Großschwerter in Luft auf und gaben seinen Skelettkörper frei, der immer noch in magische Gegenstände gehüllt war. Hin und wieder erschien ein rotes Fadenkreuz auf seiner schmalen, schwarz-verspiegelten Sonnenbrille und verschwand wieder. Die Amethystkrone auf seinem Kopf erinnerte an eine Rosenranke – aus der Außenseite ragte eine Vielzahl von Dornen. Er trug ein schwarzes Langarmshirt, das einen Seidenschimmer hatte, und dazu eine weite Hose. Der Gürtel erinnerte an einen schwarzen Gürtel aus dem Kampfsport. Unter seinen Handschuhen kamen an allen Fingern außer den Ringfingern Ringe zum Vorschein. Seine robusten, rotbraunen Stiefel waren mit Goldfäden bestickt. Um seinen Hals hing eine Halskette mit einem silbernen Anhänger, der wie ein Löwenkopf geformt war, und sein karminroter Umhang fiel über seine Schultern herab.
Für gewöhnlich konnte man Items in Yggdrasil durch Datenkristalle aufwerten. Deshalb war es ziemlich schwierig, zusammenpassende Rüstungsteile zu finden. Es gab allerdings genügend Spieler, die es leid waren, wie dahergelaufene Zirkusclowns auszusehen, sodass die Spieleentwickler ein Update eingeführt hatten, das es Spielern, die bestimmte Kriterien erfüllten, ermöglichte, das Design ihrer Rüstungsteile zu vereinheitlichen, ohne dabei Statuswerte einzubüßen.
Das zusammenpassende Set der schwarzen Ganzkörperrüstung, die Ainz bis eben noch getragen hatte, war durch Create Greater Item erschaffen worden, was eine dieser Voraussetzungen war.
Zu den Items, die Ainz ausgerüstet hatte, gehörten Direct Hit Glasses, eine Crown of Psychic Defense, Black Widow Spider Clothes, ein Black Belt, Járngreipr-Handschuhe, eine Nemean Lion-Halskette, Haste Boots und …
In Yggdrasil kaufte und verkaufte man meistens Datenkristalle, manchmal kam es allerdings auch vor, dass Spieler ein mächtigeres Item kreierten und dann einfach ihre zuvor getragene Ausrüstung verkauften. Das Problem dabei war, dass ein Spieler ein Item, das er geschaffen hatte, nennen konnte, wie immer er wollte (die Admins forderten nur Änderungen, wenn der Name verbotene Begriffe oder gezielte Beleidigungen enthielt).
Verständlicherweise wurden Items mit seltsamen Namen auf dem Markt eher gemieden. Eine Namensänderung kostete nicht viel, aber es gab nicht viele Leute, die diese Funktion nutzen würden, nur um ein bestimmtes Item kaufen zu können. Deshalb zermarterten sich viele Spieler das Hirn, wenn es um die Namen ihrer Items ging. Mythische Namen oder auch englische Begriffe waren gängige Lösungen für das Probleme.
Natürlich gab es auch Ausnahmen. Ringe einfach Ring1, Ring2, Ring3 usw. zu nennen war irgendwie noch eine liebenswerte Variante. Ainz hatte auch schon Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger als Namensvarianten gesehen. Einer von Ainz’ Freunden, Krieger Takemikazuchi, hatte zwei Odachi, die er für verschiedene Dinge benutzte. Er nannte die achte Generation von einer dieser Waffen Takemikazuchi MK 8.
Auch Ainz’ karminroter Umhang hatte einen benutzerdefinierten Namen: Necroplasmic Mantle. Die Idee stammte von einem dunklen Helden aus einem amerikanischen Comic.
Die Items, die er trug, hatten alle Relic-Rang. Sie lagen zwei Stufen unter seinen sonstigen Ausrüstungsgegenständen, doch ihm fielen verschiedene Gründe ein, wieso er keine allzu mächtigen Items hierherbringen sollte, deshalb hatte er sich zurückgehalten.
Als Ainz seine Schultern kreisen ließ und die Bewegungsfreiheit genoss, nachdem er die Rüstung abgelegt hatte, stellte Narberal ihm eine Frage. »Was sollen wir wegen der nervigen Frau von vorhin tun?«
»Ach, du meinst die, deren Trank ich zerstört habe? Die sollte kein Problem mehr sein. Wenn mir etwas so Teures kaputtgemacht worden wäre, würde ich mich auch aufregen …« Als er sich an die Veränderungen in seiner Psyche erinnerte, die er durchgemacht hatte, seitdem er in diesem Körper steckte, hielt einen Moment inne und sagte dann: »Schätze ich. Ich war rücksichtslos, also war es nur natürlich, dass sie mir die Schuld gegeben hat.«
»Aber all dies ist nur passiert, weil ein dummer Mensch so töricht war, Euch zum Kampf herauszufordern, Ihr, der Ihr eines der Höchsten Geschöpfe seid. Die Schuld liegt allein bei dem Mann.«
»Das ist wahr, aber ich war derjenige, der den Mann geworfen hat. In diesem Fall sollten wir uns in Toleranz üben und vergeben. Außerdem sind wir in dieser Stadt, um uns einen Ruf als Momon und Nabe aufzubauen, Bewohner dieser Welt. Wenn irgendjemand rauskriegen würde, dass wir uns nicht mal einen Trank leisten können, dann wäre das ein schlechter Start für unser Vorhaben.«
Narberal schien nicht gerade überzeugt von Ainz’ Worten zu sein, doch sie stimmte trotzdem mit einer tiefen Verbeugung zu.
»Außerdem hatte sie mehr Erfahrung als wir. Wir sollten uns wahrscheinlich davor hüten, den Stolz von erfahreneren Abenteurern anzukratzen.«
Momonga spielte mit der Kette, die um seinen Hals hing. Dies sind nur Metallmarken. Ich frage mich, ob man die irgendwie fälschen kann … Na, das soll Sorge der Abenteurergilde sein. Im Grunde war das Ding nur eine Erkennungsmarke.
Die Abenteurermarken belegten das jeweilige Fähigkeitslevel der Abenteurer: Es gab den Kupfer-, Eisen-, Silber-, Gold-, Platin-, Mithril-, Oreichalkos-, und Adamantrang. Die letzteren Metalle bedeuteten einen höheren Rang und einen besseren Ruf und diese Abenteurer konnten nicht nur schwierigere Quests annehmen, sondern wurden auch besser bezahlt. Das System war so angelegt, dass unnötige Todesfälle von Abenteurern vermieden werden sollten.
Ainz hatte sich gerade erst bei der Gilde registriert, also hatte er eine Kupfermarke, was den niedrigsten Rang darstellte. Diese Frau von vorhin hatte eine Eisenmarke gehabt. Und in jeder Gesellschaft kam man nur voran, indem man Höhergestellten zumindest ein Mindestmaß an Respekt entgegenbrachte.
»Aber Lord Ainz, Adamant ist ein so weiches Metall. Ihr solltet lieber ein prismatisches Metall bekommen wie Apoitakara oder Hihi’irokane*. Die müssen blind sein.« Narberal zählte hochrangige Metalle aus Yggdrasil auf.
Ainz kniff die Augen leicht zusammen und sprach dann etwas an, das ihn schon die ganze Zeit beschäftigt hatte. »Nabe, nur um sicher zu gehen. Du solltest mich Momon nennen, während wir hier sind.«
»Verstanden, Lord Momon!«
»Müssen wir das wirklich noch mal durchgehen? Einfach nur Momon!«
»E… Es tut mir leid, Sir Momooon!«
»Sir Momooon klingt ziemlich dämlich … Na, was auch immer. Wenn Momon zu schwierig für dich ist, dann sag wenigstens Sir Momon. In Ordnung?«
»Ja, Sir Momon!«
Sie verbeugte sich erneut tief und Ainz packte sich an die Stirn. Sie versteht einfach nicht, wieso ich will, dass sie mich Momon nennt. Vielleicht ist sie einfach nur ein bisschen langsam … Na ja, wenigstens ist hier keiner, der uns sehen kann. Ich lass es noch mal durchgehen.
»Lass uns erst mal unseren Plan besprechen.«
»Mein Lord!« Sie sank auf eines ihrer Knie und senkte den Kopf – die Pose einer Dienerin, die Befehle von ihrem Meister erwartet.
Was mach ich nur mit ihr? Für den Moment waren sie sicher, denn er hatte die Tür verriegelt, sobald sie drinnen waren – doch er ahnte, dass die Leute reden würden, wenn sie eine Szene wie diese hier beobachteten. Wieso versteht sie nicht, warum ich will, dass sie mich Momon nennt? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es auf dem Weg hierher erklärt habe …
Geschlagen fuhr er fort: »Wir werden uns in dieser Stadt verdeckt einen Ruf als Abenteurer aufbauen. So erlangen wir Informationen, die nur Abenteurer oder mächtige Leute hier haben. Ich möchte natürlich besonders von Gerüchten um andere Yggdrasil-Spieler wissen. Sobald wir einen höheren Rang haben, werden wir auch neue Jobs angeboten bekommen, die dann unserem neuen Erfahrungslevel entsprechen. Das bedeutet auch, dass die Informationen, die wir erlangen können, akkurater sein werden und wir mehr damit anfangen können. Unsere Hauptaufgabe besteht also im Moment darin, als Abenteurer erfolgreich zu sein.«
Als Narberal dem zustimmte, begann Ainz die anderen Aufgaben aufzuzählen, die außer dieser noch anstanden. »Wir sind allerdings bereits auf Probleme gestoßen.« Er nahm seinen kleinen Lederbeutel heraus, öffnete ihn und leerte seinen Inhalt in seine Hand. Es waren nur ein paar Münzen und Gold war auch keins zu sehen. »Erstens sind wir pleite.«
Es gab verschiedene Gründe, warum er den Streit vorhin beigelegt hatte, indem er der Frau einen Trank geben hatte. Einer davon war, dass Ainz nicht sicher gewesen war, ob er die Sache mit Geld hätte regeln können. Es wäre zu erniedrigend gewesen, wenn er hätte eingestehen müssen, dass er eigentlich kein Geld hatte.
Narberal sah ihn zweifelnd an und Ainz fuhr fort: »Also, wir haben schon Geld. Aber das meiste davon ist Gold aus Yggdrasil. Das will ich nur im Notfall benutzen.«
»Aber warum? Habt Ihr nicht schon festgestellt, dass Yggdrasil-Münzen auch hier monetären Wert haben?«
»Das schon. Als ich in Carne war, hatte ich die Goldmünzen dabei … Sie sagten mir damals, dass eine davon zwei von ihren Goldmünzen wert sei. Aber wenn ich in dieser Stadt auf einmal Yggdrasil-Gold nutze, lässt sich nicht voraussagen, was passieren könnte. Wenn wir nicht aufpassen, könnten wir auch gleich laut herausschreien, dass ein Yggdrasil-Spieler hier ist. Das möchte ich unter allen Umständen vermeiden, bis wir mehr über diese Welt in Erfahrung gebracht haben.«
»Spieler … Wesen mit demselben Rang wie mein Lord, aber aufsässiges Gesindel, das einst Nazarick überfallen hat.«
Ainz runzelte die nicht vorhandene Stirn, als er sie »mein Lord« sagen hörte, doch er entschied sich, es nicht weiter zu kommentieren – aus dem gleichen Grund wie auch zuvor. »Ja. Wir müssen uns vor ihnen hüten.«
Er, Ainz Ooal Gown, hatte den höchsten Level in Yggdrasil erreicht – Level 100. Aber unter Spielern war das nichts Außergewöhnliches. Tatsächlich hatten die meisten Spieler es so weit gebracht. Ainz wusste, dass er unter ihnen im höheren Durchschnitt gelegen hatte, was seine Kraft anging. Der Grund dafür war, dass er sich nicht nur auf Klassen fokussiert hatte, die auf einen untoten Caster zugeschnitten waren, sondern sie auch mal nach dem Spielinhalt ausgewählt hatte, auch wenn das weniger Macht bedeutete. Wenn man seine vielen Divine-Stufe-Items und seine Items aus dem Cash Shop miteinbezog, war er wahrscheinlich eher stärker als der Durchschnitt, aber es würde trotzdem immer jemanden geben, der ihm überlegen war.
Deshalb wollte er es vermeiden, von anderen Spielern entdeckt zu werden. Wenn er sich in den falschen Kampf begab, könnte es sein, dass er einer Vielzahl von Gegnern gegenüberstand, denen er nicht gewachsen war.
Spieler waren außerdem für gewöhnlich Menschen, also würden die meisten sich auch mit Menschen verbünden. Wenn Spieler wie diese dann auf jemanden wie Albedo trafen, die Menschen als niedrige Lebensformen betrachtete, würden sie vielleicht entscheiden, dass die Große Gruft von Nazarick wie auch Ainz Ooal Gown Feinde der Menschheit waren. Entsprechend hatte er sich auch dazu entschieden, Albedo lieber im Schloss zu lassen und sie nicht mit auf diese Reise zu nehmen.
Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass Narberal auch so drauf ist … Ainz war kein Feind der Menschheit, er würde jedoch keine Skrupel kennen, wenn er seine Ziele nur erreichen konnte, indem er Menschen tötete. Trotzdem wollte er Konfrontationen mit anderen Spielern vermeiden.
»Das war schon echt eine Verschwendung.«
»Was war eine Verschwendung?«
»Dass wir diesen Nigun so schnell verloren haben. Er hatte wahrscheinlich eine Menge Informationen, aber wir haben ihn zu schnell erledigt.«
Von all den Mitgliedern der Heiligen Schrift des Sonnenlichts, die sie in Carne gefangen genommen hatten, waren nur noch zehn am Leben. Die anderen waren während der Befragungen gestorben und Futter für Ainz’ beschworene Untote geworden. Er erinnerte sich an ein paar Informationsfetzen, die sie aus den Gefangenen hatten herausfoltern können, und lachte über sich selbst.
»Die meisten Spieler würden sich wahrscheinlich auf die Seite des Gottesstaats Slane stellen, was?«
Der Gottesstaat Slane war eine religiöse Nation, die an die Sechs Götter glaubte, die vor sechshundert Jahren erschienen waren. In den Worten der Mitglieder des Kults der Heiligen Schrift des Sonnenlichts war es ein Land, das danach strebte, den schwachen Menschen zu ermöglichen, die mächtigeren Rassen zu besiegen und so zu gedeihen. Wenn es Spieler gab, die immer noch ihre Menschlichkeit besaßen, würden sie wahrscheinlich den Lehren des Gottesstaats zustimmen.
In dieser Welt standen die Menschen nicht an der Spitze der Nahrungskette – hier wurden sie eher als untergeordnete Rasse angesehen. Ja, sie hatten große Städte in den Ebenen wie diese hier, doch gerade dass sie auf den großen Ebenen lebten, war ein Zeichen ihrer Schwäche.
Die Ebenen waren eigentlich ein gefährlicher Ort. Es gab keine Versteckmöglichkeiten und man konnte leicht von Feinden ausgemacht werden. Der Grund, warum sie sich hier niedergelassen hatten, war, dass sie sich als fragile Rasse mit Augen, die nicht in der Dunkelheit sehen konnten, und ohne kräftige Beine oder bessere Ausdauer an keinem anderen Ort ein Leben hatten aufbauen können.
Es gab Rassen, die den Menschen körperlich überlegen waren und deren Zivilisationen der ihren voraus waren. Diese hatten den Kontinent jedoch nicht bezwingen können. Selbst nachdem die Acht Gierigen Könige ihn vor fünf Jahrhunderten eingenommen hatten, hatten sie sich in endlosen internen Kämpfen gegenseitig aufgerieben. Wenn das nicht geschehen wäre, wären die Menschen vielleicht sogar gänzlich ausgelöscht worden.
Wenn man sich in so einer Welt wiederfand, würde man sich wahrscheinlich den Menschen anschließen wollen. Und genau deshalb hielt Ainz sich vom Gottesstaat Slane fern – er befürchtete, dort anderen Spieler zu begegnen.
»Jedenfalls habe ich dich die Schwerter mitbringen lassen, die wir den vermeintlichen Rittern des Gottesstaats abgenommen haben, weil ich dachte, wir könnten sie im Notfall verkaufen. Aber bevor es dazu kommt, sollten wir lieber Arbeit finden.«
»Verstanden. Also gehen wir morgen wieder zur Gilde?«
»Ja. Eigentlich würde ich mir gern die Stadt ansehen und mehr Informationen sammeln, aber das wird warten müssen, bis wir etwas Geld verdient haben.«
»In Ordnung, mein Lord. Ich werde Euch als Kampf-Maid mit aller Kraft zur Seite stehen.«
»Sehr gut. Vielen Dank, Narberal.«
Zufrieden über Narberals tiefe Verbeugung, sprach Ainz einen Illusionszauber und kleidete sich in seine Rüstung. »Ich werde rausgehen und mich umsehen. Du bleibst hier in Bereitschaft.«
»Sollte ich nicht mit Euch ge…?«
»Nein, danke. Ich werde nicht lange unterwegs sein. Ich habe gehört, es gibt hier irgendwo einen großen Friedhof. Den möchte ich mir genauer ansehen, wenn möglich … Du bleibst hier, für den Fall, dass jemand versucht einzubrechen. Bleib stets wachsam. Ich glaube nicht, dass wir bisher irgendwelche Fehler gemacht haben, aber man kann durchaus sagen, dass wir uns in feindlichem Territorium befinden. Halt die Augen offen.«
»Ja, mein Lord.«
»Und vergiss nicht, dich in Nazarick zu melden.«
Nachdem Ainz das Zimmer verlassen hatte, stieß Narberal einen Seufzer aus. Dann massierte sie sich die Schläfen. Sie war die ganze Zeit wachsam gewesen, doch nun wurden ihre Lider schwer, während die Anspannung aus ihrem Körper wich. Sogar ihr Pferdeschwanz hing herunter, als wäre selbst dieser erschöpft.
Aber sie hatte die Befehle ihres großen Herrschers natürlich nicht vergessen. Sie schärfte all ihre Sinne, sodass sie auch wahrnehmen konnte, was sich vor dem Zimmer abspielte, doch als Magic Caster konnte sie an die Fähigkeiten eines Diebes nicht heranreichen. Sie kompensierte dies durch einen ihrer Tricks.
»Rabbit Ears!« Als sie den Zauber sprach, erschien auf einmal ein Paar niedlicher Hasenöhrchen auf ihrem Kopf. Sie zuckten und halfen ihr, auch aus der Ferne Geräusche besser wahrzunehmen.
Rabbit Ears war einer von drei Zaubern in Yggdrasil, die die Spieler »Häschenmagie« nannten. Die anderen beiden waren einmal der Rabbit’s Foot, der das Glück des Anwenders erhöhte, und der Bunny Tail, der dafür sorgte, dass man weniger Gegner anzog. Diese Zauber erfreuten sich absurder Popularität, denn das Outfit eines weiblichen Avatars änderte sich, wenn er alle drei Zauber auf einmal sprach. Narberal benötigte im Moment allerdings nur den einen, also verzichtete sie darauf.
Dieser Zauber war einer der wenigen, die sie gelernt hatte, die nicht für den Kampf gedacht waren. Nachdem sie sich ausreichend umgehört und überprüft hatte, dass sich auch niemand in der Nähe aufhielt, sprach sie den Zauber Message.
Als hätte sie schon auf den Anruf gewartet, antwortete eine liebliche Frauenstimme umgehend in Narberals Kopf. »Narberal Gamma. Gibt es ein Problem?«
»Nein, ich wollte mich nur melden.«
Narberal sprach mit Albedo, der Obersten der Ebenenwächter der Großen Gruft von Nazarick. Nachdem sie ihre derzeitige Lage detailliert geschildert hatte, schloss sie ihren Bericht mit der Information, von der sie wusste, dass Albedo sie am dringendsten hören wollte. »Lord Ainz sagte, dass er niemandem mehr vertraut als Euch.«
»Ti hi!«, ertönte ein seltsam schriller Schrei in Narberals Kopf. »Sehr gut, das ist gut. Gut gemacht, Narberal! Du weißt, wie man sich einschleimt! Hör bloß nicht damit auf! Das ist ein Befehl!«
Narberal fragte sich, ob dieser Befehl wirklich nötig war, aber sie erinnerte sich daran, dass Albedo mit Shalltear in einen erbitterten Kampf verwickelt darum war, wer an der Seite ihres Lords dienen würde. Aus dieser Perspektive ergab der Befehl also durchaus Sinn.
Während Narberal zu dieser Erkenntnis kam, erklang Albedos Stimme erneut in ihrem Kopf. »Während Shalltear nicht hier ist, werde ich mich Lord Ainz langsam annähern. Er mag eine unbezwingbare Festung sein, doch wenn ich in Wellen angreife und einen Brückenkopf lege, wird er sich irgendwann geschlagen geben müssen! Und an jenem glorreichen Tag wird sich Shalltear die Augen ausweinen!«
Narberal zog ihre Brauen leicht zusammen, als sie Albedo so glückselig vor sich hin schreien hörte. Wie nicht anders zu erwarten, war die Oberste der Ebenenwächter wirklich anstrengend, wenn sie so aufgeregt war.
Ihre Stimme klang so aufgekratzt, während sie ihre Pläne schmiedete, dass Narberal sie vor ihrem geistigen Auge förmlich rumhüpfen sehen konnte, doch mit einem Mal wurde Albedo todernst. »Aber warum hilfst du mir? Wieso unterstützt du mich und nicht Shalltear? Hast du irgendwelche Hintergedanken?«
»Ganz einfach. Wenn mich jemand fragen würde, wer an Lord Ainz’ Seite auf dem Thron sitzen sollte – Ihr oder Shalltear –, würde ich mich ganz klar für Euch entscheiden.«
»Ti hi! Das ist wundervoll! Endlich ein Mädchen, das Nazaricks Zukunft im Blick hat! Beeindruckend!«
»Darüber hinaus mag Yuri Meisterin Shalltear nicht besonders.«
»Ah, Yuri Alpha. Ich verstehe. Sehr interessant. Kann ich dann davon ausgehen, dass ich die anderen auch als meine Verbündeten betrachten kann?«
Narberal stellte sich die Vizekommandantin Yuri Alpha und ihre anderen Teamkameradinnen eine nach der anderen vor, bevor sie antwortete. »Hmm. Ich bin nicht sicher. Lupusregina scheint mehr auf Eurer Seite zu sein, aber Solution tendiert wohl zu Meisterin Shalltear. Bei Entoma und Shizu weiß ich es nicht. Sie scheinen beide nicht wirklich festgelegt zu sein.«
»Denkst du, es gibt vielleicht einen Weg, Solution umzustimmen?«
»Ich denke, das wäre ziemlich schwierig. Sie und Shalltear haben einiges gemeinsam, wisst Ihr …«
»Oh, verstehe. Wie ihren schlechten Geschmack, was?« Narberal stimmte zu, sie verstand das außergewöhnliche Hobby von Solution Epsilon immer noch nicht. Auch Narberal betrachtete die Menschen als niedere Lebensform, aber das hieß nicht, dass sie sie quälen wollte. Wenn sie ihr in die Quere kamen, tötete sie sie. Wenn sie ihr Probleme bereiteten, tötete sie sie. Aber das hieß nicht, dass sie sich in ihrer kostbaren Freizeit mit ihnen beschäftigen wollte.
»Tja, daran lässt sich nichts ändern. Also gut. Lass uns versuchen, die anderen Mädchen auf meine Seite zu ziehen. Wir beginnen am besten mit Entoma und Shizu.«
»Klingt gut. Solution und Entoma essen beide gern Menschen, also ist die Chance groß, dass Solution klein beigeben wird, wenn wir Entoma dazu bringen können, sich mit Euch zu verbünden.«
»Hmm … Verstehe. Um wieder das Thema zu wechseln … Erzähl mir, wie es meinem Liebsten, Lord Ainz, geht?«
»Ja, Meisterin.«
Die Berichterstattung wurde mit einem Mal wieder lebhafter. Allerdings gab es immer wieder kleinere Ausbrüche. Albedo tobte, als sie erfuhr, dass Narberal und Ainz im selben Zimmer nächtigen würden. Narberal musste die Verbindung viermal wieder aufbauen und Ainz war sichtlich genervt, als er davon erfuhr, doch das war eine andere Geschichte.
3
Brita folgte ihrer Nase und meinte plötzlich, tatsächlich Farben riechen zu können. Und die leicht grünliche Note, die sie wahrnahm, war vermutlich nicht nur Einbildung. Es musste irgendeine Chemikalie oder eine zerdrückte Pflanze sein. Das sagte ihr jedenfalls, dass sie sich auf dem richtigen Weg befand.
Brita folgte der Straße und erreichte den Häuserblock, bei dem der Geruch stärker wurde. Sie sah sich noch einmal in beide Richtungen um und blieb dann vor dem größten Haus des ganzen Blocks stehen. Die meisten der Häuser in der Gegend waren so konstruiert, dass sie vorne ein Geschäft und im hinteren Bereich eine Werkstatt hatten, während dieses hier einfach nur nach Werkstatt aussah. Das Holzschild an der Tür und das an der Hauswand bestätigten, dass sie richtig war.
Sie drückte die Tür auf. Die Glocke darüber bimmelte so laut, dass sie erschrak. Der Raum wirkte wie ein Empfangszimmer, in dem wahrscheinlich Gespräche mit Kunden geführt wurden. Zwei Sofas standen sich in der Mitte des Raumes gegenüber und entlang der Wände konnte sie Regale sehen, die vollgestopft mit Dokumenten waren. Eine Topfpflanze stand in der Ecke.
Kaum war Brita eingetreten, wurde sie begrüßt. »Tag auch!« Es war die Stimme eines Mannes. Oder doch nicht? Sie klang etwas zu jung dafür.
Als sie sich umsah, bemerkte sie einen Jungen, der im hinteren Bereich des Zimmers stand. Er trug eine abgenutzte Schürze, die bei all den Pflanzenresten, die darauf klebten, fürchterlich riechen musste. Sein langes blondes Haar hing ihm ins Gesicht, deshalb konnte sie nicht sagen, wie alt er wirklich war. Aber seiner Körpergröße und der Tonlage seiner Stimme nach zu urteilen, befand er sich wohl gerade in einem Wachstumsschub.
Brita hatte so eine Ahnung, wer der Bursche sein könnte. Ja, seine Großmutter war weit und breit bekannt, doch auch diesen Jungen hatte sein Talent zu einer Berühmtheit in E-Rantel gemacht.
»Nphelia Baleare?«
»Das bin ich«, nickte er und fragte dann: »Was kann ich für Euch tun?«
»Oh, ähm, Moment.« Brita nahm das gefaltete Papier aus ihrer Tasche, das der Gasthausbesitzer ihr überreicht hatte, und gab es dem Jungen, der nun näher gekommen war. Er öffnete es und begann langsam zu lesen.
»Das ist also … Ich verstehe. In Ordnung. Könntet Ihr mir den Trank vielleicht zeigen?«
Nphelia nahm den Trank, den sie hervorgeholt hatte, und hielt ihn auf Augenhöhe – zumindest vermutete sie auf dieser Höhe die Augen, die unter seinen Haaren verborgen waren.
Die Stimmung veränderte sich mit einem Mal.
Nphelia strich seinen Pony zur Seite und darunter kam ein Gesicht zum Vorschein, bei dem klar war, dass die Mädchen sich in der Zukunft um ihn reißen würden. Er sah immer noch sehr jung aus, aber nun verhärteten sich seine Züge. Sein eindringlicher Blick hatte nichts mehr von der Gelassenheit seiner Begrüßung eben. Er blinzelte einige Male und seine Augen strahlten aufgeregt. Er schüttelte das Fläschchen ein paarmal und nickte dann. »Entschuldigt bitte, aber im Moment kann ich noch nicht viel darüber sagen. Würdet Ihr mir bitte folgen?«
Brita folgte Nphelia in einen chaotischen Raum. Wobei – eigentlich erschien er nur chaotisch, da sie mit all den Dingen darin nichts anzufangen wusste.
Auf einem Tisch vor ihnen drängten sich bauchige Fläschchen, Reagenzgläser, eine Brennblase, Mörser, Labortrichter, Messgläser, Brenner, eine Waage, eigenartige Aufbewahrungsgläser und verschiedene andere Gerätschaften. An den Wänden standen Regale, die mit unzähligen medizinischen Kräutern und Erzen vollgeräumt waren. Der ganze Raum war erfüllt von einem zusammengewürfelten Gestank, der roch, als wäre er gesundheitsschädlich.
Die Person, die sich im Raum befand, warf den beiden Eindringlingen einen bösen Blick zu. Sie war eine sehr alte Frau, mit Falten im Gesicht und an den Händen. Ihr schulterlanges Haar war schneeweiß. Ihre Arbeitskleidung wies sogar noch mehr grüne Flecken als Nphelias auf und roch nach Kräutern.
Als sie eintraten, rief er: »Großmutter!«
»Was gibt’s? Was ist los? Ich höre dich auch, wenn du nicht so schreist. Meine Ohren sind noch gut genug.«
Nphelia hatte nur eine Großmutter und die war als die beste Heilerin der Stadt bekannt – Lizzie Baleare.
»Sieh dir das an!«
Lizzie nahm das Fläschchen, das Nphelia ihr in die Hände drückte. Ihr durchdringender Blick war so scharf, dass Brita sich innerlich auf einen Angriff vorbereitete. Sie spürte, dass sie sich in der Präsenz einer mächtigen Frau befand, die genau wusste, was sie tat.
Und das bildete sie sich nicht ein. Heiler mussten Magie für die Herstellung ihrer Medizin nutzen und je besser der Ruf eines Heilers war, desto höherrangig musste auch die Magie sein, die er anwenden konnte. Das bedeutete, dass Lizzie – die als die beste Heilerin in E-Rantel galt – im Kampf stärker sein musste als Brita.
»Das ist … Hat sie ihn mitgebracht? Den legendären …? Das ist unmöglich … Gottesblut? Hey, was ist das hier?«
»Hm?« Brita blinzelte verwirrt. Um das zu erfahren, war sie doch hier.
»Dieser Trank … er dürfte gar nicht existieren. Wo habt Ihr ihn her? Ist er aus den Ruinen?«
»Hm? Ähm … nein, also …«
»Ihr drückt Euch nicht sehr verständlich aus, meine Liebe. Ich will eine klare Antwort! Woher habt Ihr das? Ihr habt es doch nicht gestohlen? Hmm?«
Brita zog den Kopf ein. Sie fühlte sich, als würde sie wie ein kleines Kind gescholten, obwohl sie doch gar nichts falsch gemacht hatte.
»Großmutter! Du machst ihr Angst.«
»Was meinst du, Nphelia? Ich mach ihr doch keine Angst. Kein bisschen … oder?«
Ähm, ich habe definitiv Angst, wollte Brita schon sagen, doch das konnte sie natürlich nicht machen, also schluckte sie die Worte gleich wieder hinunter und verlor keine Zeit mehr, ihr zu sagen, woher sie den Trank hatte. »Jemand … ähm … hat ihn mir gegeben.«
»Hm?« Lizzies Blick wurde noch anklagender. »Ihr meint …?«
»Großmutter, nun warte doch mal einen Augenblick. Ähm, Brita, wer hat Euch denn diesen Trank gegeben und warum?«
Die Rettungsleine ergreifend, die Nphelia ihr gerade hinwarf, gab Brita eine einfache Antwort und erklärte, dass sie den Trank von einer mysteriösen Person in Ganzkörperrüstung erhalten hatte.
Lizzie runzelte ihre ohnehin schon runzelige Stirn. »Wusstet Ihr, dass es drei verschiedene Arten von Tränken gibt?« Obwohl Lizzie gerade eine Frage gestellt hatte, wartete sie nicht auf Britas Antwort, bevor sie fortfuhr: »Es gibt Tränke, die werden nur aus Kräutern gebraut. Sie haben keinen sofortigen Effekt, sie verbessern die Selbstheilungskräfte des Menschen. Sie sind nicht wirklich effektiv, aber dafür sehr günstig in der Herstellung und im Erwerb. Dann gibt es noch Tränke, die mit Kräutern und Magie hergestellt werden. Ihre Wirkung setzt schneller ein, aber es dauert trotzdem eine Weile, bis sie sich entfaltet. Abenteurer trinken sie oft nach einem Kampf oder wenn sie etwas mehr Zeit haben, um sich zu erholen. Zuletzt gibt es noch Tränke, die nur durch Magie hergestellt werden können. Sie werden durch die Kombination von alchemistischen Lösungen gebraut, die mit Magie versetzt werden. Ihre Wirkung setzt augenblicklich ein und entspricht der von Zaubern. Natürlich hat das aber seinen Preis. Dieser Trank, den Ihr gebracht habt, weist keine Ablagerungen von Heilkräutern auf. Das bedeutet, dass wir sicher sein können, dass er allein durch Magie hergestellt wurde, aber …« Lizzie nahm ein Fläschchen mit einer blauen Flüssigkeit und drückte es Brita in die Hände. »Dies hier ist eine typische Heilmedizin. Seht Ihr den Farbunterschied? Egal wie man sie herstellt, am Ende ist sie immer blau. Aber Eure ist rot. Das bedeutet, dass Euer Trank völlig anders gebraut wurde. Mit anderen Worten ist dieser Trank also eine echte Rarität – er könnte das Potenzial haben, die Trankherstellung zu revolutionieren! Obwohl ich nicht sicher bin, ob meine Worte irgendeine Bedeutung für Euch haben …«
Nachdem sie mit ihrer Erklärung fertig war, sprach Lizzie zwei Zauber über den Trank. »Appraise Magic Item! Detect Enchantment!« Verwunderung und Wut zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab. »He he … Wah ha ha ha!«
Mit einem Mal war der Raum von schallendem Gelächter erfüllt. Lizzie sah langsam wieder auf. Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem verrückten Lächeln. Brita war wegen des plötzlichen Stimmungswechsels so erschrocken, dass sie wie erstarrt war. Sie brachte keinen Ton heraus.
»He he he. Ich wusste es! Sieh dir das gut an, Nphelia! Das hier, das ist der perfekte Trank! Danach sterben alle – Heiler und Alchemisten, jeder, der in die Trankherstellung involviert ist –, aber auch nach jahrelanger Forschung blieb es uns bisher verwehrt: der vollkommene Trank!« Lizzies Gesicht strahlte vor Begeisterung und ihr Atem war beschleunigt. Sie hielt das Fläschchen Nphelia hin, doch sie hielt es so fest umklammert, dass es wirkte, als wolle sie es nie wieder hergeben. »Tränke zerfallen, nicht wahr?«
»Ja, jeder weiß das«, antwortete Nphelia tonlos, was einen starken Kontrast zu Lizzies überschwänglicher Reaktion bildete, doch Brita konnte auch auf seinem Gesicht einen Anflug von Begeisterung ausmachen.
Sie verstand nur nicht, warum sie so begeistert waren. Aber sie spürte zumindest, dass sie hier an etwas Großem teilhatte. Es musste etwas zu bedeuten haben, wenn die größte Heilerin der Stadt so aufgeregt war.
»Für Tränke, die gänzlich durch Magie hergestellt werden, braucht man alchemistische Lösungen. Diese werden durch die Anwendung von Alchemie auf Erze erzeugt, deshalb liegt es nur nahe, dass diese auch nach einer gewissen Zeit zerfallen. Entsprechend müssen wir Preservation anwenden.« Sie hielt für einen Augenblick inne, ehe sie fortfuhr.: »Oder besser gesagt, mussten!«
Brita verstand nur im Ansatz, was Lizzie ihr damit sagen wollte, und sah überrascht auf den Trank hinab.
»Das hier! Dieser Trank! Er wird nicht zerfallen! Es ist also der perfekte Trank! Nie zuvor war jemand in der Lage, so etwas herzustellen! Die Legende besagt, dass ein wahrer Heiltrank das Blut der Götter darstellt. Diese Geschichte wird schon seit Jahrhunderten erzählt.« Sie schüttelte den Trank und die rote Flüssigkeit schwappte umher. »Natürlich ist es nur eine Legende und Heiler scherzen sogar untereinander, dass die Götter selbst blaues Blut haben müssen, aber …« Sie hielt einen Moment inne, um noch einmal auf das Fläschchen zu starren, das fest umschlossen in ihren zitternden Händen lag. »Dieser Trank hier muss das wahre Blut der Götter sein!«
Lizzie war außer Atem, so sehr hatte sie sich aufgeregt. Nphelia streichelte ihr den Rücken, um sie zu beruhigen. Brita war einfach nur sprachlos.
Erneut war es Lizzie, die die Stille, die sich über die drei gelegt hatte, brach: »Ich nehme an, Ihr seid hier, um Euch über die Wirkung dieses Tranks zu erkundigen. Das hier ist das Äquivalent einer Heilmagie der Stufe zwei. Auch wenn man die Seltenheit nicht einrechnet, läge der Wert bei etwa acht Goldstücken. Doch durch diese Wertsteigerung schießt der Preis so in die Höhe, dass Euch jemand dafür töten könnte.«
Brita zitterte am ganzen Leib. Allein der Wert für die Wirkung des Tranks war eine große Summe für eine Abenteurerin mit Eisenmarke wie sie. Diese zusätzliche Wertsteigerung stellte allerdings ein echtes Problem dar. Sie fühlte sich nicht einmal mehr in der Gegenwart von Lizzie sicher, die mit ihrem scharfen Blick jede Sekunde auf sie losgehen mochte.
Aber Brita verstand immer noch nicht alles. Wieso hatte dieser mysteriöse Mann in der Ganzkörperrüstung ihr einfach so einen solchen Heiltrank gegeben? Wie sah wohl das Gesicht aus, das sich unter seinem Helm verbarg?
Unzählige Fragen strömten auf Brita ein und Lizzie fügte noch eine weitere hinzu. »Ihr wärt nicht vielleicht daran interessiert, diesen Trank an mich zu verkaufen? Ich würde Euch einen guten Preis machen. Wie wäre es mit zweiunddreißig Goldstücken?«
Britas Augen weiteten sich. Für sie war das ein unaussprechliches Vermögen. Eine dreiköpfige Familie könnte davon drei Jahre lang gut leben.
Sie konnte sich nicht entscheiden. Sie wusste, dass der Trank unglaublich wertvoll war. Wäre es die richtige Entscheidung, ihn für zweiunddreißig Goldstücke zu verkaufen? Andererseits war die Wahrscheinlichkeit, dass sie jemals einen weiteren in ihre Hände bekommen würde, verschwindend gering.
Aber wenn ich jetzt ablehne, komme ich dann lebend nach Hause?
Lizzie schüttelte ihren Kopf angesichts Britas Unvermögen, eine Entscheidung zu treffen. Dabei konnte sie ihr auch nicht helfen. Dann schlug sie jedoch etwas anderes vor …
4
Am nächsten Morgen stieß Momon/Ainz die Tür zur Gilde ein weiteres Mal auf. Als er eingetreten war, sah er schon den Tresen am anderen Ende des Raumes, an dem drei freundliche Rezeptionistinnen Abenteurer berieten. Da waren ein Ritter in Ganzkörperrüstung, ein drahtiger Mann in leichter Rüstung mit Pfeil und Bogen und jemand in priesterlicher Kleidung mit dem Siegel eines Gottes und ein arkaner Magier in einer Robe, der einen Stab in der Hand hielt – Abenteurer aller Art trafen hier zusammen.
Zu seiner Linken befand sich eine große Tür und zu seiner Rechten das Schwarze Brett. Dort hingen einige Pergamente, die am Tag zuvor noch nicht dort gewesen waren. Natürlich hatten sich bereits Abenteurer darum versammelt. Eine Gruppe beratschlagte sich vor einem der Anschläge. Ainz, den bei diesem Anblick ein ungutes Gefühl beschlich, ging hinüber zur Rezeption.
Er konnte spüren, dass die anderen Abenteurer die Marke um seinen Hals inspizierten und ihn dann von Kopf bis Fuß musterten. Es war dasselbe Gefühl, das er auch am Tag zuvor im Gasthaus gespürt hatte.
Aus dem Augenwinkel beobachtete er die Abenteurer um sich herum. Ihre Marken waren silbern und golden. Nicht eine einzige Kupfermarke war zu sehen. Er fühlte sich nicht wirklich zugehörig und doch ging er weiter auf die Rezeption zu.
Eine Gruppe schien gerade fertig geworden zu sein und Ainz näherte sich der nun freien Rezeptionistin. »Entschuldigen Sie. Ich bin auf der Suche nach Arbeit …«
»Oh! Dann suchen Sie sich doch bitte ein Pergament vom Schwarzen Brett aus und bringen Sie es hierher.«
Ainz nickte, doch dann hatte er auf einmal das Gefühl, dass seine verloren geglaubten Schweißdrüsen zurückgekehrt seien. Er ging auf das Brett zu und betrachtete es. Dann nickte er bestimmt. Jepp. Ich kann hier nichts lesen.
Zu den Gesetzen dieser Welt gehörte, dass das gesprochene Wort direkt übersetzt wurde, aber das galt nicht für die Schrift.
Beim letzten Mal hatte die Rezeptionistin alles Nötige für ihn veranlasst, also hatte er angenommen, dass es auch diesmal so sein würde. Wie naiv.
Aaah! Er wollte am liebsten schreien und sich auf dem Boden wälzen, doch dann beruhigte sich sein Geist schlagartig wieder. Dankbar für die Veränderungen, die mit seinem neuen Körper einhergegangen waren, betrachtete er die Situation mit kühlem Kopf.
Analphabetismus schien hier weit verbreitet zu sein, dennoch war es peinlich, nicht lesen zu können. Die Leute würden nur auf ihn herabsehen. Er hatte alle seine Items, die ihm hätten helfen können, fremde Schriften zu lesen, Sebas Tian gegeben und in Yggdrasil-Zeiten hatte er derartige Zauber immer nur verspottet. »Ich habe Schriftrollen, so eine Magie ist komplett nutzlos«, waren seine Worte gewesen.
Er fühlte sich wie ein Idiot. Er wusste ja, dass er die Schrift in dieser Welt nicht entziffern konnte, warum hatte er sich dann also keinen Plan für so eine Situation zurechtgelegt? Aber es half nichts, darüber zu jammern – was geschehen war, war geschehen. Auch Narberal konnte die Schrift hier nicht lesen. Schachmatt, Ende.
Doch auch wenn er das alles wusste, konnte er sich als Herrscher von Nazarick nicht einfach dieser Schmach aussetzen. Er traf eine Entscheidung, riss irgendein Pergament vom Brett und ging damit zurück zur Rezeption. »Diesen Auftrag würde ich gern annehmen.«
Die Rezeptionistin sah sich das Pergament an, das er ihr ziemlich eifrig in die Hand gedrückt hatte, und verzog das Gesicht. Mit einem peinlich berührten Lächeln entgegnete sie: »Tut mir sehr leid. Dies ist ein Auftrag für Abenteurer des Mithrilrangs.«
»Ich weiß. Deshalb habe ich ihn ja ausgewählt.«
Als die Rezeptionistin den unterschwelligen Stolz in Ainz’ Stimme hörte, standen ihr leichte Zweifel ins Gesicht geschrieben. »Oh, ähm …«
»Ich möchte diesen Auftrag annehmen.«
»Aber …? Ähm, ich meine, ich verstehe, dass Ihr das möchtet, aber das ist gegen die Vorschriften und …«
»Das sind dumme Vorschriften. Ich kann nicht glauben, dass ich erst all diese lausigen Quests annehmen soll, nur damit ich aufsteigen kann.«
»Aber Euer Scheitern könnte viele Leben kosten.« Ganz davon zu schweigen, dass auch der Ruf der Gilde ruiniert wäre, für den so viele Abenteurer so hart gearbeitet hatten, schwang in ihrem strengen Tonfall mit.
»Hmpf.« Die Blicke der Abenteurer um Ainz herum wurden nun ebenso finster wie der der Rezeptionistin. Dieser Neuling wollte also einfach die Vorschriften missachten, denen sie alle so vorbildlich gefolgt waren. Ganz normal, dass sie das aufregt, dachte er. Dem untoten Ainz machte das nichts aus, doch der Überrest von Satoru Suzuki in ihm verbeugte sich unzählige Male, um um Entschuldigung zu bitten.
Was Satoru Suzuki jedoch wirklich hasste, waren Menschen, die Vorschläge einfach ablehnten, ohne sich vorher eine Erklärung anzuhören – oder eine Alternative anzubieten – sowie weinerliche Memmen ohne gesunden Menschenverstand. Ainz war im Moment ein Paradebeispiel des Letzteren – einer von diesen Idioten, denen man nur zu gern eins überziehen würde.
Aber er würde trotzdem nicht so schnell klein beigeben. Er hatte es wirklich in Betracht gezogen, aber er musste erst die Grenzen ausloten. Deshalb spielte er seine Trumpfkarte aus. »Die Dame hinter mir, Nabe, kommt mit mir. Sie kann Magie der Stufe drei nutzen.«
Die Luft erzitterte und plötzlich starrten alle erstaunt auf Narberal. In dieser Welt war Magie der Stufe drei nur sehr begabten Castern vorbehalten. Während sie Ainz in seiner Ganzkörperrüstung musterten, fragten sich alle, ob stimmte, was er gesagt hatte. Abenteurern war es möglich, bessere Ausrüstung zu erlangen, sobald sie im Rang aufstiegen. Nichts war überzeugender als die Tatsache, dass dieser Mann, der wohl Nabes Freund sein musste, eine so edle Rüstung trug.
Als Ainz die Veränderung in den Gesichtern um sich herum bemerkte, klopfte er sich innerlich auf die Schulter und spielte seine nächste Karte aus. »Und natürlich bin auch ich als Krieger genauso stark wie sie. Dieser Auftrag wird uns keine Probleme bereiten, das garantiere ich Euch.«
Die Reaktionen der Abenteurer um ihn herum sowie die der Rezeptionistin waren nicht mehr so ausgeprägt wie bei seiner ersten Aussage, doch er spürte, dass sie ihn alle nun in einem anderen Licht sahen.
»Ich bin kein Abenteurer geworden, um komische Quests für eine Handvoll Kupferstücke anzunehmen. Wir wollen höherrangige Aufträge. Wenn Ihr sehen wollt, wozu wir imstande sind, dann werden wir Euch mit Freuden eine Demonstration unserer Fähigkeiten geben. Können wir den Auftrag nun also annehmen?«
Die Feindseligkeit war wie weggefegt. Nun herrschte eher eine Atmosphäre von Oh ja, natürlich oder Das verstehe ich nur zu gut. Für diese rohen Kämpfer, für die die Stärke eines Abenteurers mehr zählte als alles andere, ergaben seine Worte natürlich Sinn.
Die Rezeptionistin allerdings war weniger verständnisvoll. »Es tut mir sehr leid, aber so sind die Vorschriften.«
Ainz jubelte innerlich, während sie sich entschuldigte und sich verbeugte. »Ich verstehe – da kann man nichts machen, wie es aussieht. Bitte verzeiht meine Anmaßung.« Er nickte ihr kurz zu. »Bitte gebt mir einfach die schwierigste Quest für den Kupferrang, den Ihr anzubieten habt. Vielleicht gibt es ja eine, die nicht am Schwarzen Brett zu finden ist?«
»Äh … Ja, Sir.«
Als die Rezeptionistin aufstand und Ainz innerlich schon Tränen der Freude über seinen Sieg vergoss, meldete sich einer der anwesenden Männer zu Wort: »Wenn Ihr auf eine Herausforderung aus seid, wie wär’s dann, wenn Ihr mit uns kommt?«
»Hm?« Ainz konnte seine aufflackernde Wut nicht ganz verbergen. Er sah auf, um sein Missgeschick zu überspielen, und erblickte vier Männer, deren Silbermarken im Licht glänzten. Dabei lief doch gerade alles so, wie ich wollte, grummelte er innerlich, als er sich zu ihnen drehte. »Lohnt sich der Auftrag denn?«
»Na ja, hmm, ich denke, das kommt darauf an, was man daraus macht«, antwortete einer der Männer, der wie der Anführer der Gruppe wirkte. Er war ein Krieger, der einen Spangenpanzer trug – eine Art Rüstung, bei der dünne Metallplatten über ein Kettenhemd und eine Lederschicht gelegt wurden.
Soll ich mit denen zu ihrer Quest losziehen? Natürlich kann ich mir das auch überlegen, nachdem ich gehört habe, worum es geht, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Rezeptionistin beim nächsten Mal wieder einen Auftrag für mich aussuchen wird. Wenn ich allerdings diesen Job hier annehme, kann ich vielleicht ein paar Kontakte knüpfen und Informationen sammeln.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis er eine Entscheidung getroffen hatte. Dann nickte er langsam. »Das hört sich gut an. Wir kommen gerne mit. Aber würdet Ihr mir erst verraten, worum es genau geht?«
Die Männer ließen von der Rezeptionistin ein Zimmer für ihre Besprechung vorbereiten, nachdem sie Ainz’ Antwort gehört hatten.
Es war im Grunde ein Konferenzraum. In der Mitte stand ein Tisch mit Stühlen. Die vier Männer setzten sich ans andere Ende des Tisches.
»Okay, Ihr könnt hier sitzen.«
Ainz nahm auf dem Stuhl Platz, der ihm zugewiesen wurde. Narberal setzte sich still neben ihn.
Die Männer waren jung – keiner von ihnen sah aus, als wäre er älter als zwanzig –, aber sie sahen nicht wie Grünschnäbel aus. Sie wirkten um einiges gesetzter als andere in ihrem Alter. Sie waren entspannt, saßen aber weit genug auseinander, um jeden Moment ihre Waffen zücken zu können. Das hatten sie ganz unbewusst getan, was bedeutete, dass ihnen das in zahllosen Schlachten um Leben und Tod in Fleisch und Blut übergegangen sein musste.
»Okay, bevor wir das Geschäftliche besprechen, stellen wir uns doch erst mal vor.« Der Krieger, der ihn auch zuvor angesprochen hatte, schien für die Gruppe zu sprechen. Er hatte das typische Aussehen der Leute dieses Königreichs. Er war blond und blauäugig und obwohl an seinem Gesicht nichts Besonderes war, war er doch gut aussehend. »Freut mich sehr. Ich bin der Anführer der Schwerter der Dunkelheit, Peter Mauk. Dies hier ist der Ranger Lukeluther Volve, die Augen und Ohren unseres Teams.«
Ein blonder Mann in Lederrüstung grüßte Ainz mit einem Nicken. In seinen braunen Augen blitzte der Schalk. Er war recht groß gewachsen und hatte lange Arme und Beine, die irgendwie an eine Spinne erinnerten. Es war jedoch klar, dass sein Körperbau das Resultat von jahrelangem Training sein musste.
»Dies ist das Gehirn unseres Teams, ein Magic Caster, Ninya der Spell Master.«
»Auf gute Zusammenarbeit.«
Ninya war wohl der Jüngste der Gruppe. Er hatte blaue Augen und braunes Haar. Ein Lächeln, das zu jugendlich aussah, um zu einem Erwachsenen zu gehören, umspielte seine Lippen, als er sich verbeugte. Verglichen mit den anderen Mitgliedern der Gruppe, die alle recht braun gebrannt aussahen, war er sehr blass. Er war außerdem der Attraktivste der Gruppe. Sein gutes Aussehen war aber eher androgyner Natur. Auch seine Stimme war etwas hoch für die eines Mannes.
Obwohl sein Lächeln aufrichtig wirkte, hatte es etwas Maskenhaftes an sich.
Die anderen Männer trugen alle Rüstungen, doch er war nur in Leder gekleidet. Dafür konnte man in den Schatten unter dem Tisch eine Vielzahl kurioser Objekte erkennen, die von seinem Gürtel baumelten – eigenartig geformte Fläschchen und Schnitzereien. Wenn er der Spell Master genannt wurde, war er wahrscheinlich ein Nutzer von arkaner Magie wie Ainz selbst.
»Peter, könntest du bitte aufhören, mich so zu nennen? Das ist mir peinlich.«
»Warum? Was ist falsch mit dem Namen?«
»Das ist also sein Spitzname?«
Lukeluther lieferte die Erklärung, da Ainz nicht zu verstehen schien, worauf sich die Bezeichnung bezog. »Er hat ein Talent, müsst Ihr wissen! Dieser Junge ist ein berühmtes Caster-Genie!«
»Ach?«, entgegnete Ainz. Er hatte drei der Gefangenen der Heiligen Schrift des Sonnenlichts befragt, um Informationen über die Talente und Kräfte zu bekommen, mit denen manche Leute hier geboren wurden. Er war erfreut, nun endlich ein Beispiel vor sich zu haben.
Narberal hingegen grunzte spöttisch. Ainz war froh, dass nur er es gehört zu haben schien. Er fühlte sich wie ein Manager, dessen Kollege gerade ein Problem bei einem Klientengespräch verursacht hatte, und wurde für einen kurzen Moment wütend, bevor er sich wieder fing. Es würde nichts bringen, eine Szene zu machen.
»Es ist keine große Sache. Das Talent, mit dem ich geboren wurde, passte eben einfach zu meinem Typ.«
»Oho.« Ainz lehnte sich interessiert nach vorne und spitzte die Ohren.
Talente, wie auch Kampfkünste, existierten in Yggdrasil nicht – es gab sie nur in dieser Welt. Vielleicht einer in zweihundert Menschen wurde mit einem Talent geboren, also war es nicht unbedingt selten, dass man eine Kraft besaß. Es gab allerdings eine unendliche Vielfalt von ihnen, die von sehr schwach bis sehr stark reichten. Die Bandbreite reichte von der Fähigkeit, das Wetter des nächsten Tages mit siebzigprozentiger Treffsicherheit vorhersagen zu können, bis zur Beschleunigung der Erntezeit von Poaceae-Getreidearten um ein paar Tage, vom Beschwören stärkerer Monster bis hin zur Fähigkeit, die Magie der Drachen zu nutzen, die einst über die ganze Welt geherrscht hatten.
Die Art der Kraft war allerdings bei der Geburt schon festgelegt und oft passte das Talent nicht wirklich zu der Natur seines Trägers. Wenn jemand zum Beispiel mit einem Talent für die Verstärkung von Zerstörungszaubern geboren wurde, ihm aber die Veranlagung oder körperliche Stärke fehlte, um ein Caster zu werden, lag das Talent brach.
Wenn ein Talent allerdings der Natur seines Trägers entsprach, konnte dieser sich wirklich glücklich schätzen – mit der Ausnahme von ein paar außergewöhnlich starken Fähigkeiten bedeutete es aber noch nicht, dass ein Talent das Leben seines Trägers bestimmte. Die Tatsache, dass Gazef Stronoff selbst kein Talent besaß, war das beste Beispiel dafür.
Talentträger, die besondere Fähigkeiten für den Kampf aufwiesen, neigten allerdings dazu, sich für eine Karriere als Abenteurer zu interessieren – deshalb gab es auch viele Abenteurer, die Talente besaßen. Unter diesen war Ninya ein hervorragendes Beispiel für den glücklichen Umstand, wenn ein Talent tatsächlich auch mit der Natur seines Trägers übereinstimmte.
»Hast du mit deiner magischen Begabung nicht nur vier Jahre gebraucht, um das zu meistern, wofür andere acht brauchen? Ich mein, ich bin ja kein Caster, also weiß ich nicht, ob das wirklich eine Errungenschaft ist, aber …«
Als Magienutzer war Ainz sehr interessiert an seinen Fähigkeiten, doch auch seine Gier als Sammler trieb ihn an, mehr zu erfahren. Wenn er sich eine Kraft aneignen könnte, die niemand sonst in der Großen Gruft von Nazarick hatte, würde sie das um einiges stärker machen. Wenn es einen Weg gab, diese Fähigkeit irgendwie zu stehlen, wäre es das durchaus wert, sich ein paar Feinde zu machen.
Wenn es einen Weg gab, wäre es wahrscheinlich Wish Upon a Star, ein Zauber der höchsten Stufe.
Ninya hatte natürlich keine Ahnung, dass Ainz unter seinem Helm solche Gedanken hegte und ihn dabei beobachtete wie ein Jäger seine Beute, während sie sich ganz normal unterhielten.
»Ich hatte wirklich Glück, dass ich mit dieser Kraft geboren wurde. Sie hat mir geholfen, den ersten Schritt in Richtung der Erfüllung meiner Träume zu gehen. Ohne diese Kraft wäre ich sicher als irgendein armer Dörfler geendet«, murmelte Ninya mit düsterer Stimme.
Um die Stimmung ein wenig aufzulockern, fiel Peter ihm ins Wort, natürlich mit einem Tonfall, der das exakte Gegenteil zu Ninyas darstellte: »Na, jedenfalls ist er ein berühmter Talentträger in unserer Stadt!«
»Es gibt trotzdem jemanden, der noch berühmter ist als ich.«
»Die Anführerin der Blauen Rosen?«
»Die Anführerin der Blauen Rosen ist auch berühmt, aber ich meine jemanden aus dieser Stadt.«
Das letzte Mitglied der Truppe, dessen Namen Ainz bisher noch nicht erfahren hatte, meldete sich lautstark zu Wort. »Er meint Herrn Baleare!«
Ainz’ Interesse war geweckt und er fragte: »Und was für ein Talent hat er?«
Alle wirkten sichtlich überrascht. Die Antwort auf diese Frage war wohl allgemein bekannt. Ainz war so erpicht darauf gewesen, mehr zu erfahren und Nazaricks Position zu stärken, dass er für einen Moment nicht aufgepasst hatte. Das war natürlich ein Problem, doch er war sich sicher, dass er seine Fehler überspielen konnte. Bevor er allerdings zu einer Ausrede ansetzen konnte, waren die anderen bereits zu ihrer eigenen Schlussfolgerung gelangt.
»Verstehe! Dass wir also noch nie von Euch und Eurer wunderschönen Begleiterin gehört haben, die sicher in der ganzen Stadt bekannt wäre, liegt also daran, dass Ihr gar nicht von hier seid?«
Ainz nahm diese Steilvorlage dankbar an und antwortete: »Das ist richtig. Wir sind gestern erst hier eingetroffen.«
»Ah, dann könnt Ihr das natürlich nicht wissen, was? Er ist hier ziemlich bekannt, aber wahrscheinlich hat sich das noch nicht bis in andere Städte herumgesprochen.«
»Scheint so, denn ich habe noch nie von ihm gehört. Würdet Ihr uns von ihm erzählen?«
»Sein Name ist Nphelia Baleare. Er ist der Enkel einer berühmten Heilerin und sein Talent ist, dass er jedes magische Item benutzen kann. Er kann Schriftrollen mit verschiedenen Magietypen nutzen, was normalerweise unmöglich ist, und er kann Items nutzen, die für gewöhnlich nur von Nichtmenschlichen genutzt werden können. Ich wette, dass er sogar Items benutzen kann, für die man eigentlich königliches Blut bräuchte.«
»Hmm …«, brummte Ainz, der sich bemühte, sich seine Verunsicherung nicht anmerken zu lassen.
Wie weit geht so ein Talent wohl? Könnte er auch Items benutzen, die zum Beispiel nur von Gildenmeistern benutzt werden können, wie das Zepter von Ainz Ooal Gown? World Items auch? Oder gibt es da irgendeine Beschränkung?
Er wusste, dass er ein Auge auf diesen Nphelia haben musste. Natürlich könnte er sich allerdings auch als wertvoller Verbündeter erweisen.
Narberal musste dasselbe gedacht haben, denn sie brachte ihre Lippen nah an die Stelle, an der sie Ainz’ Ohren vermutete, und flüsterte leise und mit Bedacht: »Dieser Typ könnte gefährlich werden.«
»Ich weiß. In diese Stadt zu kommen war die richtige Entscheidung.«
»Momon, ist irgendwas?«
»Oh, nein, es ist nichts. Ich wollte fragen, ob Ihr mir vielleicht auch das letzte Mitglied Eurer Gruppe vorstellen möchtet?«
»Natürlich. Das ist Dyne Woodwonder, ein Druide. Er nutzt Heilmagie und Magie, die die Natur manipulieren kann. Außerdem hat er ein breites Wissen über allerlei Heilkräuter. Wenn Ihr also irgendwas braucht, dann zögert nicht und fragt einfach. Er hat sogar Medizin für Bauchschmerzen und solche Sachen.«
»Ich freue mich auf die Zusammenarbeit!«, sagte der Mann ehrfürchtig. Sein struppiger Bart in Kombination mit seinem massigen Körperbau ließ ihn wie einen Barbaren erscheinen. Er war allerdings jünger, als Ainz es zu sein schien. Ein leichter Grasgeruch drang aus der Tasche, die an seinem Gürtel befestigt war.
»Okay, dann sind wir dran, oder? Das ist Nabe und ich bin Momon. Es freut mich, mit Euch zusammenzuarbeiten.«
»Ebenso.«
»Wir werden ein gutes Team abgeben, Momon. Wir können uns übrigens gern duzen. Und ich will keinen Druck machen, aber ich würde gern zum Geschäftlichen kommen. Nicht dass es ein richtiger Job wäre …«
»Äh …«
Auf Ainz’ misstrauischen Einwurf hob Peter eine Hand, um ihn um Geduld zu bitten. »Unser Ziel ist, die Monster zu jagen, die um die Stadt herum auftauchen.«
»Monsterfangen also …?« Ainz fand, dass dies auf jeden Fall als Arbeit gelten konnte. Oder gibt es irgendeinen Grund, warum Abenteurer so was nicht als Job betrachten? Fast hätte er die Frage gestellt, aber falls auch das wieder allgemein bekannt war, könnte es wirken, als würde er nicht wissen, wovon er sprach, und das würde ein schlechtes Licht auf ihn werfen. Er entschied sich also für eine sicherere Frage. »Um welche Monster handelt es sich?«
»Oh nein, so war das nicht gemeint – ich frage mich, wie ihr das bei euch nennt. Wir jagen die Monster und werden dann von der Stadt über die Gilde bezahlt, je nachdem wie stark die Monster waren.«
Ah! Jetzt hatte Ainz es verstanden. Die Arbeit, die Peter und die anderen machten, würde in Yggdrasil und anderen Spielen dem Monstergrinden entsprechen, um Drops zu sammeln.
»Wenn man hier was verdienen will, kommt man nicht daran vorbei«, erklärte der Druide Dyne sachlich.
Lukeluther meldete sich ebenfalls zu Wort. »Wir haben zu essen. Andere Leute haben weniger zu befürchten. Die Händler können wieder sicherer reisen. Die Regierung kann ihre Steuern eintreiben. Alle gewinnen!«
»Heutzutage hat jedes Land mit Gilden so ein System, aber das ist wirklich überraschend, wenn man bedenkt, dass das vor fünf Jahren noch nicht so war«, warf Ninya ein und alle nickten.
Plötzlich schienen sie in Nostalgie zu versinken und Ainz vollkommen vergessen zu haben, während sie völlig vom eigentlichen Thema abschweiften. Er hatte zur Unterhaltung nichts mehr beizutragen. Es wäre zu verdächtig gewesen, dass er rein gar nichts über das Land wusste, in dem er sich befand, also hörte er ihnen lieber schweigend zu.
»Lang lebe die Goldene Prinzessin, richtig?«
»Der Vorschlag stieß auf einigen Widerspruch, aber ich hab gehört, sie wollte die Grundsteuer für Abenteurer abschaffen.«
»Wow. Es ist unglaublich, dass sie uns so wertschätzt.«
»Nicht wahr? Sie hat all das beschlossen, obwohl wir bewaffnete Truppen sind, die dem Königreich nicht mal ihre Loyalität bewiesen haben. Je nach Gruppierung sind manche vielleicht sogar Feinde! Nicht mal das Kaiserreich ist so tolerant.«
»Diese Prinzessin hat wirklich ein paar wundervolle Ideen … obwohl sie meistens abgelehnt werden.«
»Ich hoffe, ich kann irgendwann mal eine Frau heiraten, die so toll ist!«
»Du hast noch einiges an Arbeit vor dir, wenn du hoffst, irgendwann in die Ränge des Adels aufzusteigen!«
»Nein, danke … ich passe. So ein striktes, formelles Leben ist nichts für mich.«
»Ach, komm schon, es wär sicher der Hammer, ein Adliger zu sein! Die Regierung erlaubt dir sogar, andere Menschen auszunutzen, und du kannst tun und lassen, was immer du willst!«
In diesen Worten offenbarten sich Ninyas wahre Gefühle, die er hinter seinem Lächeln verbarg. Unter seinem Helm zog Ainz seine nicht vorhandene Augenbraue hoch, doch Narberal wirkte gänzlich unbeeindruckt.
Dann rief Lukeluther heiter: »Ugh! Das ging wieder mal unter die Gürtellinie! Du hast wie immer nichts übrig für den Adel, was?«
»Manche von ihnen sind sicher rechtschaffene Leute, aber … als jemand, dessen ältere Schwester von diesen Schweinehunden entführt wurde, kann ich einfach nicht …«
»Dieses Gespräch hat ein paar unerwartete Wendungen genommen. Diese Sache sollten wir nicht vor Momon und Nabe besprechen.«
Dynes Versuch, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, folgend räusperte sich Peter und fuhr mit seiner Erklärung fort: »Also, darum geht’s. Wir machen uns auf die Suche nach Monstern in der Gegend. So nah an der Zivilisation werden sie nicht sehr stark sein … Ich hoffe, das macht euch nichts aus, Momon?«
Peter nahm ein Stück Pergament heraus und breitete es vor ihnen in der Mitte des Tisches aus. Es schien eine grobe Karte der Gegend zu sein, mit Wäldern und Flüssen und anderen Landschaftsmerkmalen.
»Unser Plan war, dass wir von hier nach Süden ziehen und dort jagen.« Er tippte mit seinem Finger auf die Mitte der Karte und zog ihn bis in den Süden, zur Markierung eines Waldes. »Wir werden hauptsächlich Monster bekämpfen, die aus den Wäldern an der Grenze zum Gottesstaat Slane kommen. Die einzigen Monster, die Waffen benutzen oder ganze Gruppen angreifen, dürften wahrscheinlich Goblins sein.«
»Ja, die sind allerdings echt schwach, also wird unsere Bezahlung auch dementsprechend klein ausfallen, wenn wir sie erledigen.«
Ainz wunderte sich ein wenig über die entspannte Stimmung. Die Goblins, die er aus Yggdrasil kannte, hatten alle spezielle Namen und waren Monster von Level 1 bis 50 – man hätte sie niemals alle so über einen Kamm scheren können. Wenn sie nicht aufpassten, würden sie in echte Schwierigkeiten geraten.
Sind sie so gechillt, weil sie sicher sind, dass Goblins auf höheren Leveln hier nicht auftauchen werden? Oder ist es, weil Goblins in dieser Welt einfach nicht so stark sind?
»Es gibt also keine starken Goblins?«
»Doch, schon. Aber sie verstecken sich nicht in dem Wald, zu dem wir unterwegs sind. Die stärkeren Goblins sind die Sippenanführer. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mit ihrer ganzen Sippe angreifen würden.«
»Außerdem sind sich die Goblins bewusst, wie weit der menschliche Einfluss reicht. Sie wissen, wie schwer es wäre, eine größere Invasion durchzuführen – besonders bei den stärkeren Sub-Rassen, die etwas mehr Grips haben.«
»Und wenn Nabe Magie der Stufe drei anwenden kann, sind auch die Sub-Rassen leicht zu besiegen.«
»Verstehe. Ich will euch nur daran erinnern, dass es auch Goblins gibt, die Magie der Stufe drei anwenden können. Nur um einen Anhaltspunkt zu haben: Könnt ihr mir vielleicht sagen, wie diese Monster heißen, denen wir wahrscheinlich über den Weg laufen werden?«
Die Blicke aller Mitglieder der Schwerter der Dunkelheit richteten sich sofort auf Ninya, der eine ernste Miene aufsetzte und seine Erklärung begann. »Die Monster, denen wir häufig begegnen, sind Goblins und ihre Wölfe. Ich kenne keine Aufzeichnungen darüber, dass wir in dieser Gegend auf irgendwelche anderen wilden Kreaturen treffen könnten, die im Kampf ein Problem für uns darstellen würden. In der Ebene wäre wahrscheinlich das gefährlichste Monster, dem wir begegnen könnten, ein Oger.«
»Also gehen wir nicht in den Wald?«
»Nein, im Wald ist es ziemlich gefährlich. Wir hätten wohl kein Problem mit springenden Blutegeln, Riesenkäfern und solchen Dingern, aber die von den Bäumen hängenden Spinnen und Waldwürmer, die aus dem Boden auftauchen und einen mit Haut und Haar verschlingen können, wären sicher schwieriger zu überwältigen.«
Verstehe. Ainz nickte. Also werden wir gegen die Monster kämpfen, die aus dem Wald auf die Ebene kommen.
»Okay, das ist der Job, Momon. Wie sieht’s aus? Werdet ihr uns helfen?«
»Äh … Ich denke, ja … Aber könntet ihr mir vorher vielleicht noch sagen, mit was für einer Belohnung wir rechnen können?«
»Oh, ach ja. Das ist wichtig, nicht wahr? Da es zwei Teams gibt, eures und unseres, werden wir die Belohnung durch zwei teilen.«
»Wenn man bedenkt, dass euer Team größer ist, ist das wirklich großzügig.«
»Wenn Monster auftauchen, werdet ihr allerdings auch die Hälfte von ihnen erledigen müssen, und wir können nur Magie der Stufe zwei nutzen. Ich denke, dass es sich dadurch wieder ausgleicht.«
Ainz gab vor, für einen Moment nachzudenken, und nickte dann. »Das ist in Ordnung für mich. Wir haben einen Deal. Und da wir für eine Weile zusammenarbeiten werden, werde ich euch mein Gesicht zeigen.«
Ainz nahm seinen Helm ab. Leichte Überraschung zeichnete sich auf den Gesichtern der vier Abenteurer vor ihm ab.
»Schwarzes Haar und schwarze Augen, wie Nabe. Ihr seid gewiss nicht von hier. Ich hab gehört, dass es im Süden ein Land gibt, in dem Leute wie ihr leben … Kommt ihr beide von da?«
»Ja. Wir sind ziemlich weit gereist.«
»Er ist älter, als ich dachte … Ein ziemlich alter Knacker.«
»Sei nicht unhöflich! Ein Krieger, der Magie der Stufe drei nutzen kann, muss so alt sein!«
»Dann muss Nabe ja wirklich schnell gelernt haben!«
Ainz’ Gehör war scharf genug, dass er das Geflüster der drei anderen hören konnte. Er fühlte sich zu jung, als dass man ihn »alter Knacker« nennen konnte, aber verglichen mit diesen Jungspunden war er wahrscheinlich wirklich alt. Wenn man bedachte, dass die Leute hier schon mit sechzehn volljährig waren, war er schon in reiferen Jahren.
»Da ihr mein Gesicht jetzt gesehen habt, werde ich den Helm wieder aufsetzen«, sagte er, als er ihn wieder über seinen Kopf stülpte. »Wenn sich herumspricht, dass wir beide Ausländer sind, könnte das Probleme machen.«
Ainz grinste unter seinem Helm. Er hatte schwache Illusionsmagie benutzt, die sich sofort auflösen würde, wenn man sie berührte, doch er war froh, dass er so vorausschauend gewesen war.
»Okay, wenn wir gemeinsam jagen gehen wollen, dann sollten wir jetzt alle Fragen aus dem Weg schaffen. Gibt es irgendwas, das ihr wissen wollt?«
»Ja!«
Eine Hand schoss in die Höhe, kaum dass Ainz ausgesprochen hatte. Sie gehörte Lukeluther. Als er sah, dass kein anderer etwas fragen wollte, stellte er seine Frage direkt an Narberal. »Was für eine Beziehung habt ihr zueinander?«
Stille.
Ainz konnte sich nicht vorstellen, warum er so etwas fragen würde. Peter und der Rest der Truppe dagegen wussten es nur zu genau.
»Wir sind Freunde.«
Lukeluthers Reaktion auf Ainz’ Antwort ließ die Stimmung des ganzen Treffens mit einem Mal kippen. »Ich habe mich verliebt! Es ist Liebe auf den ersten Blick! Willst du mit mir ausgehen?«
Alle starrten ihn an. Als sie realisierten, dass er das nicht als Scherz, sondern todernst meinte, wanderten ihre Blicke zu Narberal. Als neuer Mittelpunkt der Aufmerksamkeit im Raum seufzte sie nur, bevor sie antwortete: »Sei still, du Wurm. Sprich mich erst wieder an, wenn du weißt, wo dein Platz ist, oder ich reiße dir die Zunge raus.«
Eine tiefe Stille breitete sich im Raum aus.
»Äh, ähm …«
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