Читать книгу: «Rot, sagte er»
KLAUDIA RUSCHKOWSKI
ROT, SAGTE ER
ROMAN

In Erinnerung an den Maler
Giuseppe Zigaina
Keines verbleibt in derselben Gestalt, und Veränderung liebend
Schafft die Natur stets neu aus anderen andere Formen,
Und in der Weite der Welt geht nichts – das glaubt mir – verloren.
Ovid, Metamorphosen
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
1
Kaum hatte der Mann die Tür einen Spaltbreit geöffnet, drängte sich das kleine struppige Etwas an ihm vorbei und stürmte hinaus, schlug an und war im Handumdrehen im Unterholz verschwunden. Kläffendes Gebell mäanderte durchs Tal. Der Mann pfiff und rief. Der Hund hörte nicht. Ihn hatte das Jagdfieber gepackt.
Ein Reh. Es tauchte jenseits der Brombeerhecke auf, fast flog es über die an den Vortagen abgemähten Felder, setzte über einen Graben, der die Äcker voneinander trennte, und sprang den gegenüberliegenden Hügel hinauf. Die Stoppeln unter seinen Hufen glänzten. Ein helles Goldrot.
Da war auch der Hund wieder. Er musste förmlich durch die Brombeeren hindurchgeschossen sein. Wie schnell, trotz seiner kurzen Beine. Er setzte sichtlich alle Kräfte ein, holte auf. Das Reh hatte die Kuppe fast erreicht. Und unversehens schlug es einen Haken … wie ein Hase, dachte der Mann, der die Szene von der Schwelle aus beobachtete … und schnellte diagonal am Hund vorbei hinab ins Tal.
Der Hund war von dem Richtungswechsel überfordert. Für einen entscheidenden Moment verlor er die Orientierung. Eine Umkehrung der Bewegung, eine innere Geometrie, die dem gejagten Tier den Ausweg wies. Die den Jäger die entscheidende Sekunde kostete. Sofern er überhaupt eine Chance gehabt hätte. Das Reh setzte zu einem letzten konzentrierten Sprung an, über ein Weißdorngestrüpp, das den Acker in der Senke teilte. Es schien in der Luft zu stehen. In einem Wirbel aus Licht und Staub. Sein heller Spiegel blitzte. Dann war es fort. Der Hund überschlug sich, landete im Gestrüpp, sah sich getäuscht und bellte, mehr erstaunt als verärgert.
Der Mann lachte. Er schloss die Tür hinter sich und nahm den Pfad, der vom Haus … eher eine Hütte, wenn man ehrlich war … zur schmalen Straße hinaufführte. Er holte weit aus. Sein Schritt war kräftig. Durch seine rötlichen Locken fuhr ab und zu ein leichter Wind. Seine grünen Augen leuchteten. Oder waren sie blau? Das mochte vom Licht abhängen. Oder von der Tageszeit. Er summte vor sich hin. Auf der Straße war niemand zu sehen. Die Glocken von San Giusto schlugen die volle Stunde. Sechs. Es war noch immer heiß wie am Mittag. Eine schwüle Hitze.
Dem Mann schien es nichts auszumachen, auch wenn das dünne Hemd an seinem Körper klebte. Er holte tief Luft, während er die Steigung zur Balze nahm. Auf dem kleinen Schotterplatz, in den die Straße oben mündete, hielt er inne. Er blickte sich um. Selbst vom Schreiner, der seine Werkstatt jedes Jahr zum ersten Mai ins Freie verlegte, wo er … aus Überzeugung, wie er sagte … bis weit in den Oktober arbeitete, war nichts zu sehen. Keine Menschenseele. Nur eine schwarzweiße Katze mit bernsteinfarbenen Ohren, die es sich im grünen Dämmer des verblichenen Wellblechdachs bequem gemacht hatte.
Der Mann überquerte den Platz. Er wandte sich zu einer Reihe niedriger Steineichen. In ihren Schattenfetzen wanderte er weiter, bis er auf Felsbrocken stieß, die den Pfad zur Balze halb versperrten. Er kletterte auf einen der mächtigen Findlinge.
Von dort aus konnte er das weite Tal überblicken. Halbrechts, auf einer Felszunge schräg unter ihm, direkt vor den Abstürzen, die alte Badia, das Kloster der Kamaldulenser. Wie durch ein Wunder verschont geblieben, als sich der Abhang vor hunderten von Jahren bei einem Erdrutsch löste und einen Teil der damaligen Stadt mit sich in die Tiefe riss.
Inmitten der Ebene, auf einem geduckten Hügel, der kleine Ort Peccioli mit seinem arabesken Glockenturm. Von Weitem machte er einen geheimnisvollen, fast orientalischen Eindruck. Im frühen Morgenlicht oder bei Sonnenuntergang wurde er zu einer Fata Morgana. Von Nahem schien er wie zusammengeklebt, ein selbstbewusster romanischer Turm, der sich im Verlauf der Jahre durch die beliebigsten Versatzstücke in ein Hirngespinst verwandelt hatte.
Wären die dichten dunklen Wolken nicht gewesen, die sich seit geraumer Zeit von Norden über den Monte Pisano in die Ebene vorschoben, der Mann hätte von seinem Felsen aus selbst Pisa sehen können. Bei klarer Luft vielleicht sogar die Piazza dei Miracoli.
So aber folgte sein Blick dem immer intensiveren Spiel der Wolken und des Lichts, das in raschem Wechsel mal den einen, mal den anderen Hügel aus der Landschaft herausleuchtete, ein Dorf, ein Wäldchen, ein Rinnsal, das flüchtig aufschimmerte, wenn ein letzter Sonnenstrahl sich in ihm verfing. Er sah in der Ferne das Meer. Konnte es sogar riechen. Die gewittrig schwüle Luft trug einen salzigen Hauch zu ihm. Er sog ihn tief in sich ein.
Der erste Blitz. Eine fein verästelte silberne Senkrechte. Er musste sich beeilen. Er sprang vom Fels und folgte dem Pfad bis zu einer niedrigen Baumgruppe, zwischen Gestein und Abgrund, die auf einen kahlen Vorsprung zulief. Von hier aus, hoch oben, würde er das Spektakel am besten genießen können. Würde sehen, wie sich die Blitze multiplizierten, wie sie sich in die Farben des Prismas ergossen, grünlich, bläulich, rötlich, hellgelb und violett. Würde die unbändige Energie spüren, die sich bereits voll diabolischer Freude in der Atmosphäre konzentrierte.
Ein gespannter Moment des Innehaltens. Dann die erste drastische Entladung. Elektrizität, die durch die Nervenbahnen strömte. Eine Dynamik, die für den Bruchteil einer Sekunde die Grenze zwischen Außen und Innen aufhob. Ein ekstatischer Schub. Verbunden mit dem ersten Windstoß, der heftig durch die Bäume fuhr und alles in stürmischen Wirbel versetzte.
Der Mann liebte Gewitter. Liebte das feine Kribbeln auf der Haut, das erotische Risiko, die Gefährdung, die Blitze, die immer waghalsiger durch den Himmel zuckten. Liebte es, am höchsten Punkt zu stehen, wie ein Baum, den Elementen ausgesetzt.
Über die Ebene stob kreischend ein Vogelschwarm, aufgeschreckt vom Donner, der jetzt durch die Wolken rollte. Tief unten im Gebüsch brachten sich Tiere raschelnd in Sicherheit. Ein Falter irrte durch die Luft.
Dem Donner folgte eine Druckwelle. Kaum verebbt, wogte die nächste hoch. So langsam, wie das Gewitter aufgezogen war, so stürmisch eilte es jetzt vom Monte Pisano und vom Meer aus heran und stürzte sich auf das Tal.
Fast schlagartig wurde es dunkel. Grelle Adern sprangen aus dem Anthrazit der Wolkendecke, Lichtstreife flackerten auf, verglühten … ein wahres Konzert, dachte der Mann … selbst elektrisiert, vor Glück, inmitten der energetischen Wucht, die ihn umgab.
Es krachte. Vorsichtig tat er einen Schritt, sah die Kalanken unterhalb der Badia in rötliches Licht getaucht. Der Wipfel einer freistehenden Steineiche hatte Feuer gefangen.
Der Mann streckte die Hand aus, fing die ersten Tropfen ein, die satt vom Himmel fielen. Ein Rinnsal floss über seinen Arm. Er lachte, leckte das vom Schweiß salzige Wasser von der Haut, hielt den Tropfen, die sich zusehends mehrten, sein Gesicht entgegen. Freute sich am Gefühl, mit dem das Nass durch seine Locken strömte, über seinen Körper rann …
In der Ferne wurde Gebell laut. Kam näher. Nicht lange darauf schoss der Hund struppig, keuchend durch das Unterholz.
2
Die Erde dampfte. Warme Nebelschwaden hingen zwischen den Hügeln, schlingerten über die Felder. Aus den Furchen sog die aufgehende Sonne die Feuchtigkeit. Ihre Strahlen zogen schräg durch den Dunst, verfingen sich in Spinnennetzen … Geflechte aus winzigen Wasserperlen … flimmerten im Grün der Blätter und schufen viele kleine Prismen, die für Augenblicke zwischen Bäumen und Gebüsch aufblitzten. Ein süßer Duft lag über dem Land.
Angel öffnete das Fenster, sog das Aroma ein und ließ den Blick über den Garten wandern, der sich rings um das Haus erstreckte. Bis auf eine Staude purpurner Glockenblumen, die der Regen zu Boden gedrückt hatte, schien alles unversehrt. Die Wedel der beiden Palmen, die sie vor sieben Jahren gepflanzt hatte … sieben Jahre, dachte sie, so lange war das jetzt schon her … sirrten in der Brise. Sie setzte den Kaffee auf, zog ein Stück Gartenband aus der Küchenschublade, griff nach einem der Bambusstecken, die für alle möglichen Fälle neben dem Eingang lehnten, und lief barfuß hinaus. Der Bambusstab drang mühelos in die noch feuchte Erde. Sie knotete das Band an ihm fest, schlang es um die Stängel und richtete die Staude auf. Die Blütenköpfe taumelten.
Drinnen begann es zu zischen. Angel biss das Band dicht am Stecken ab, rollte den Rest über dem Handrücken zusammen und war rechtzeitig zurück, um die brodelnde Moka von der Gasflamme zu nehmen. Sie angelte eine Tasse vom Regal, goss den Kaffee hinein, fischte ein paar Kekse aus einer Blechdose und ließ sich auf der Bank neben der Haustür nieder.
Wenn es das Wetter erlaubte, trank sie den Kaffee immer auf diesem Platz. Morgens, manchmal auch mittags. Von hier aus schaute sie über die Felder, zur Stadt hinauf. Wie ein Ozeandampfer schien sie auf dem Kamm des höchsten Hügels zu treiben, bereit, sich von der nächsten Woge mitnehmen zu lassen. Seit dreitausend Jahren zwischen Himmel und Erde, dachte Angel, immer im Scheinbaren. Scheinbar keine Regung, scheinbar auf dem Sprung. Nicht rund um einen Hügel in die Höhe gewachsen, obenauf ein Kirchturm oder ein Kastell, nicht umgekehrt von oben über die Hänge hinabgeflossen, sondern langgestreckt auf einem Grat.
Angel beobachtete, wie der Dunst aus den Feldern auf die Stadtmauern zu kroch. Ein riesiger Libellenflügel, dachte sie. Ihr fiel ein, was sie in der vergangenen Nacht geträumt hatte. Etwas bewegte sich auf einer Glasfläche. Ein großes, fast durchscheinendes Insekt. Es kam nur langsam voran. Dann war da ein Auge. Es schaute angestrengt von oben. Es zoomte näher. Das Insekt war ein Mensch. Das Auge sah durch seine Haut. Scannte ein Geflecht von Adern, Nerven. Wie hielt der Mensch sich auf dem Untergrund. Er musste Saugnäpfe an Händen und Füßen haben. Die Glasfläche wurde zu einem Fensterflügel. Er schlug auf. Der Mensch hatte Mühe, nicht zu fallen. Er schwankte wie ein Blatt. Er rutschte … und Hasard sagte eine Stimme, die ihr bekannt vorkam. Wie aus dem Nichts.
Das Telefon klingelte. Rasch nahm Angel den letzten Schluck Kaffee. »Pronto?«
Es war Annarella, aus der Post: »Hier liegt ein Einschreiben für dich. Ich habe unterzeichnet. War dir doch Recht? Bis fünf bin ich da. Holst du es ab?«
Angel schaute auf die Uhr. Halb acht. Dass Annarella so früh schon im Büro war.
»Vor fünf bin ich da. Danke, du bist ein Engel«, sagte sie, legte auf und seufzte. Sicher eine Rechnung.
Sie schlüpfte in Shorts und Hemd, zog ihre Arbeitsschuhe an … die besten, die ich je hatte, dachte sie, als sie die Schnürsenkel festzurrte … und ging um das Haus herum zur Werkstatt. Ein kleiner Holzbau auf einem flachen Steinfundament, auf dem einst wohl ein Stall gestanden hatte. Schafe vielleicht, vielleicht auch Schweine. Als sie kam, vor sieben Jahren, existierte nur noch ein Teil des Sockels, mit einer ramponierten Tränke. Ausreichend allerdings für die Genehmigung zu einem Neubau. Das einzig Neue weit und breit. Und auch dies aus alten Balken, die Angel vom Schreiner an der Balze bekommen hatte. Uralt, hatte er zärtlich gesagt. Deckenbalken. Aus einem der Palazzi in der Stadt. Er habe sich damals eine Menge uralter Dinge gesichert. Material, das seine kleine dunkle Werkstatt mit den vielen anderen Dingen, die er sich im Laufe der Zeit gesichert hatte, bis zum Überquellen füllte.
»Wenn du so wenig Platz hast«, hatte er Angel verraten, »und noch weniger Tageslicht, bleibt dir nichts anderes übrig, als draußen zu arbeiten … aber vielleicht«, hatte er dann hinzugesetzt, »stelle ich mir den Raum absichtlich so zu. Damit ich draußen sein kann.«
Wie gut, dass sie alles, was vor der Werkstatt im Wind trocknete, noch rechtzeitig vor dem Gewitter in Sicherheit gebracht hatte, dachte Angel. Sie schob den Riegel zur Seite und betrat den zu dieser Stunde noch kühlen Raum. Stieß die Fensterläden auf. Licht wirbelte um Terrakotta-Figuren. Vollständige, Torsi, halbe, Körperteile. Auf einem Arbeitstisch eine Kollektion kleiner Köpfe. Rohlinge, fertig für den ersten Brand. Da entdeckte sie die Bescherung. Etliche der Köpfe lagen durcheinander, manche der Figuren auf dem Boden, in tausend Stücken.
Sie kniete sich hin und schaute unter die Regale. »Komm schon«, lockte sie, »ich schneid dir nicht die Ohren ab.«
Aus einem Spalt unter dem Brennofen kam ein Niesen. Dann wurde eine weiße Pfote sichtbar. Ein kleiner staubiger Kater versuchte, seinen rotgetigerten Körper hinterherzuschieben. Angel zog ihn am Nackenfell aus der Klemme, schüttelte ihn ein wenig und pustete die Flocken aus seinem Schnurrbart. »Meine Schuld«, sagte sie. »Ich hätte besser auf dich aufpassen sollen.«
Sie setzte den Kater draußen in der Sonne ab. Sichtlich erleichtert sprang er davon. Angel schloss die Tür der Werkstatt hinter sich und machte sich ans Aufräumen.
Bis zum Nachmittag hatte sie die meisten der Stücke in einen neuen Zusammenhang gebracht. Anders als geplant. Die kleinen Köpfe mit den engelhaften Zügen hätten eigentlich auf groben Körpern ruhen sollen. Absichtsvoll gebrochen, in fragwürdiger Perfektion. Da sie nun tatsächlich gebrochen, ja zersplittert waren, würden sie womöglich eine ganz neue Gestalt annehmen. In ihrer Versehrtheit, dämmerte es Angel, lag womöglich eine Chance. Vielleicht würde bei diesem Prozess etwas sichtbar werden, das ihr bisher entgangen war. Solange wir die sichtbare Gestalt noch nicht sehen können … wo hatte sie das nur gelesen … ist es nötig, dass wir sichtbare Gestalten formen … dass wir unsere Sinne entwickeln, ja, vielleicht sogar ganz neue entdecken, um die Wirklichkeit zu sehen. In allen ihren Schichten.
Angel summte vor sich hin und beschloss, dem Kater aus der Stadt ein feines Stück Fisch mitzubringen.
Als sie sich gegen vier auf den Weg machte, flimmerte das Land bereits wieder in der Julihitze. Sie kurbelte die Fenster ihres Fiat Panda 4x4 hinunter. Ließ den warmen Wind durch den Wagen und sich selbst hindurchwehen, während sie den Feldweg zur Asphaltstraße hinaufholperte. An der Kurve, die über Marios Hof führte, stürzten ihr wie immer seine drei kleinen Hunde entgegen. Wieder einmal wunderte sie sich, wie sie es schafften, nicht unter die Räder zu kommen. Sie kläfften noch kurz in ihrem Rücken weiter. Dann hatten sie ihre Pflicht getan und trollten sich in den Schatten.
Angel fuhr auf die schmale Asphaltstraße und unter der alten Eisenbahnbrücke hindurch, über die früher eine Bahn gemächlich von der Stadt ins Tal und noch gemächlicher wieder hinauf gerattert war. Kurz darauf stoppte sie hinter einer Ape, aus deren Fenster sich Marios Sohn beugte, um mit Gino, einem Nachbarn, der dabei war, sein Hühnergatter auszubessern, etwas zu besprechen, das so wichtig war, um ein paar Minuten in Anspruch zu nehmen, aber nicht wichtig genug, um an den Rand zu fahren und auszusteigen. Am Hang bremste sie vor einer Kinderschar, die quer über die Straße zum Schwimmbad lief. Fädelte sich dann in den seit wie vielen Jahren provisorischen Kreisel zur Via Garibaldi ein. Fuhr an der Stadtmauer entlang, ließ einen dieser immensen LKWs passieren … ein Hochhaus auf Rädern, das gefährlich durch die kurvenreichen Straßen schlingerte … und entschloss sich im letzten Moment und angesichts der Uhrzeit, nicht wie sonst unten an der Docciola zu parken und die zweihundertdreiunddreißig herrlichen Stufen in die Stadt hinaufzusteigen, sondern gleich oben, in der Tiefgarage, sui Ponti.
Es war heiß, außerdem schon halb fünf. Annarella würde ihretwegen keine Überstunden machen.
Angel trat aus der Tiefe der Garage ins gleißende Licht. Sie bahnte sich ihren Weg durch Menschentrauben, grüßte flüchtig den einen und anderen Bekannten, eilte quer über die Piazza und betrat die Post.
Ein paar holländische Touristen bemühten sich vergebens, Briefmarken zu kaufen, und Annarella setzte ebenso vergebens sämtliche Sprachkenntnisse ein, um ihnen verständlich zu machen, dass sie auf der Post alles Mögliche kaufen konnten, nur keine Briefmarken.
Dann zuckte sie die Achseln, überließ die Leute der Diskussion, winkte Angel zu, ging zum Postfach und zog einen Umschlag aus der Ablage … »Hast du das gehört?«
3
Die Post war mehr als ein Amt. Hier schlug eines der Herzen der Stadt. Hier wurden Nachrichten übermittelt und Botschaften überbracht. Empfehlungen ausgesprochen. Hinweise gegeben und Ratschläge erteilt. Und Annarella war die Königin. Ein halbes Leben hatte sie in diesem Palazzo verbracht, ebenerdig, mit Blick auf die Piazza dei Priori. Sie sah, wer vorüberging. Mit wem. Wer ins Gespräch vertieft dort in der Sonne stand. Wer disputierte. Wer sich küsste. Wer seinen Blick über die Palazzi wandern ließ. Wer weder nach links noch rechts schaute. Wer sich an den Kindern freute, die johlend durch die Taubenschwärme jagten. Wer die Carabinieri auf den Afrikaner aufmerksam machte, der seine Kleinigkeiten sicher unerlaubt verkaufte. Wer dessen Schmuck bewunderte und mit ihm über seine Heimat sprach. Wer den Bischof in den Dom begleitete. Wer seine Begleiter auf das steinerne Schweinchen hinwies, das von seinem Sockel hoch oben an der Torre del Porcellino seit Ewigkeiten über die Piazza wacht.
Annarella sah sich einer Bühne gegenüber. Das Theater einer kleinen bemerkenswerten, uralten, heutigen, mitunter … scheinbar … zeitlosen Stadt. Jeder, der die Piazza überquerte, wurde einen Moment lang zum Darsteller. Bot ihr eine Szene. Erzählte ihr eine Episode in der Geschichte eines Tages, einer Woche, eines Jahres.
Was nicht heißen soll, dass Annarella untätig gewesen wäre oder ihre Kunden vernachlässigt hätte. Bei Weitem nicht. Sie besaß wahrscheinlich die beneidenswerte Gabe, mehreres gleichzeitig wahrzunehmen und sich mehreren Dingen zugleich zu widmen. Umso erstaunter war sie jetzt, dass ihr diese Sache offenbar völlig entgangen war. Dass nichts sie hatte aufhorchen lassen.
»Nein«, sagte Angel. »Was soll ich gehört haben?«
Annarella fuhr sich durchs Haar. »Er hat sich in die Balze gestürzt.« Angel schaute sie groß an. »Der Eremo … du weißt schon … sie haben ihn heute Vormittag gefunden. Kannst du dir das vorstellen? Aus heiterem Himmel.« Sie stockte … »Er war ein so froher Mensch« … und glättete eine Falte ihrer geblümten Bluse. »Das hätte ich schwören können.« Angel blieb still. »Mit einer Drohne haben sie ihn entdeckt. Die Filmleute aus Florenz. Wegen der Landschaftsaufnahmen. Für die nächste Folge der Medici.«
Annarella schüttelte den Kopf. Sie wirkte betroffen.
Angel versuchte, sich den Mann vor Augen zu rufen. Sie hatte ihn nicht allzu oft gesehen. Er lebte oltre le mura, wie sie, außerhalb der Mauern, aber auf der anderen Seite der Stadt. Wenn, war sie ihm im Istante begegnet, der Bar an der Hauptstraße, der Matteotti, die bei allen Volterranern nur Via Guidi hieß. Dort trank sie ihren Aperitif, wenn sie etwas in der Stadt zu erledigen hatte. Manchmal auch so. Gesprochen hatte sie ihn aber nie.
»Der mit den rötlichen Locken? Und den hellen grünen Augen?«
»Blau«, sagte Annarella. »Blau.«
Angel wurde traurig. »Weiß man schon Näheres? Warum?«
Annarella verneinte. Sie kam hinter dem Schalter hervor und schloss Angel in die Arme. »Das werden wir wohl nie erfahren.« Die beiden blickten sich an. »Er hatte niemanden. Nicht dass ich wüsste«, dachte sie laut. Angel legte ihr die Hand auf die Schulter. Dann wandte sie sich zum Gehen.
»Hier, dein Einschreiben«, sagte Annarella.
Angel lächelte. »Du bist wirklich ein Engel.« Sie steckte den Umschlag in die Tasche, warf Annarella eine Kusshand zu und verließ das Gebäude.
Annarella sah sie quer über die Piazza davongehen, eine kleine schlanke Gestalt, die in den Shorts und dem zerschlissenen Hemd von hinten eher einem Jungen glich als einer Frau Mitte vierzig. Dann nahm ihr eine Gruppe aufgeregter Jugendlicher die Sicht. Nachdenklich machte sie sich daran, den Computer herunterzufahren und die Kasse zu schließen.
Angel zwängte sich durch die Touristenschar vor dem Palazzo dei Priori und bog in die enge Via dei Marchesi, um sich bei Tiziana mit der Tagespresse zu versorgen. Eine Gruppe von Menschen stand diskutierend vor dem Zeitungsladen, darunter auch einige der Filmleute. Früher, hörte sie jemanden erklären, sei es nicht selten vorgekommen, dass einer seinem Leben durch einen Sprung in die Balze ein Ende gesetzt habe. Die Alten erinnerten sich noch lebhaft an jeden einzelnen Fall.
Der Bankangestellte beispielsweise. September neunundsiebzig. Der hatte Vollgas gegeben, war mit dem Auto in den Abgrund gerast. Die Feuerwehr musste ihn aus dem Blech schweißen. Ein halbes Jahr lag er im Krankenhaus. Da haben sie ihn zusammengeflickt. Kaum war er wieder auf den Beinen, ist er los und hat sich vom höchsten Felsen hinabgestürzt. »Wozu dann die ganze Mühe?«, fragte Ubaldo, ebenso ratlos wie vor vierzig Jahren.
Oder die Hausfrau, die das Wasser für die Pasta aufgesetzt hatte, ihrem Mann einen Zettel mit den Worten schrieb, die Soße sei im Kühlschrank, ihren besten Mantel anzog, das Haus verließ, ein paar Freundinnen zuwinkte und wenig später in den Abgrund sprang. »Die war doch verrückt«, warf Tiziana ein, die sich aus der Tiefe ihres Ladens zur Gruppe gesellt hatte, »die hat jahrelang im Manicomio gearbeitet … kein Wunder, dass die Verrückten da im Irrenhaus auf sie abgefärbt haben.«
»Und? Wer hat damals nicht im Manicomio gearbeitet?«, gab Ubaldo zurück.
Bis auf die Filmleute, die es nicht wissen konnten, nickten alle: »Eben.«
Der Junge vom Schreiner, den sie vor Jahren am Grund der Schlucht gefunden hatten. Gerade noch rechtzeitig. Nur weil ein Jäger sich weit in die Balze hineinverirrt hatte. Sonst wäre er einfach verschwunden, für immer und ewig. Vermutlich hätte nie einer herausbekommen, was mit ihm geschehen war.
»Den kannst du nicht mitzählen«, bemerkte Tiziana, »das war ein Unfall … er ist da rumgeklettert und ausgerutscht …«
»Einen Arm hat er verloren«, nickte Ubaldo. »Dabei hatte sein Vater drauf gesetzt, dass er einmal die Werkstatt übernimmt. Aber mit einem Arm. Wie willst du das machen, als Schreiner?«
Die Filmleute sahen sich mehr als einem halben Jahrhundert Stadtgeschichte gegenüber … in Gestalt von Tiziana, der temperamentvollen, sorgsam frisierten Zeitungsfrau, und dem runden Ubaldo, einem der letzten Nobili hier, beide an die achtzig. Sie waren zusammen zur Schule gegangen, hatten beide um dieselbe Zeit geheiratet … Ubaldo eine gebildete Mailänderin, Tiziana einen großherzigen Faschisten … waren zu Instanzen der kleinen alten Stadt geworden, kannten einander fast auswendig und waren sich doch nie wirklich grün.
Der letzte Selbstmörder sei übrigens der von der Versicherung gewesen, bemerkte einer aus der Gruppe. Zwei kleine Kinder. Geldsorgen. Ganz enorme. Wegen der Villa, die er sich kaufen musste. War das denn nötig?
Und jetzt der Eremo. Unbegreiflich. So ein froher Mensch. Hatte man immer gedacht. Wo kam er eigentlich her?
»Von woanders«, schnitt Tiziana das Gespräch ab. »Ciao Angel, die Repubblica? Wenn du in einer Stunde nochmal reinschaust, kannst du auch gleich die Spalletta mitnehmen. Alles zum Nachlesen, schwarz auf weiß.«
»So schnell?«, wunderte sich Angel.
»Massimo Grandini von der RAI«, stellte sich der sonnenbebrillte Herr neben ihr vor. »Wir haben unsere Drohnenaufnahmen gleich zur Verfügung gestellt … samt Kurzbeschreibung, wie wir ihn gefunden haben … sehr gute Fotos, selbst aus höchster Höhe. Es geht eben nichts über die Qualität der Technik. Und wir bei der RAI …« Sein Mund lächelte sie an. »Hätten Sie nicht Lust, als Komparsin bei den Dreharbeiten für die nächste Staffel der Medici dabei zu sein? Wir bräuchten noch ein paar reizende Ladies für Lorenzo Il Magnifico.«
Angel nickte bissig. »War er es nicht, der diese Stadt hier in Schutt und Asche gelegt hat?«
»Vor fünfhundertfünfzig Jahren. Sind Sie so nachtragend?« Grandini schob die Sonnenbrille in die Stirn.
»Ich überleg es mir«, lenkte Angel ein.
»Mach mit, meine Liebe. Ich bin auch dabei«, zwinkerte Ubaldo, »als Knappe, stell dir vor. Dann werden wir uns alle im Fernsehen sehen.«
Massimo Grandini zog ein Lederetui aus der Brusttasche und daraus seine Visitenkarte hervor. »Ich verlass mich drauf.«
Angel ließ das Kärtchen in ihren Shorts verschwinden. »In einer Stunde, Tiziana, ja?«
4
Volterra, eine der Protagonistinnen des etruskischen Zwölfstädtebunds, auf dem Bergrücken hoch über dem Val di Cecina, hatte sich nie mit der Eingliederung ins Herrschaftsgebiet von Florenz und der erzwungenen Abhängigkeit von den Medici abfinden können. Das Herz der Stadt schlägt autonom. Seit Ewigkeiten.
Volterra hatte alles, was es brauchte. Das Territorium war reich. Erze, Kupfer, Silber. Wertvolle Mineralien, die etlichen illustren Volterraner Familien bereits zu ihrem Wohlstand verholfen hatten. Dann wurde 1470 im Val di Cecina ein weiteres Mineral entdeckt. Für die Wirtschaft von strategischer Bedeutung und noch dazu sehr selten in Italien: Alaun. Ein schwefelsaures Salz. Kostbar und schwer zu beschaffen, da es nur in vulkanischem Gestein vorkommt. Unverzichtbar für Wollindustrie, Lederverarbeitung, Papierherstellung und vor allem für die Tuchproduktion, Färberei, Weißgerberei. Alaun lässt alle Farben leuchten.
Die Vorkommen schienen unerschöpflich. Die Medici waren elektrisiert. Mithilfe dieses Minerals könnten sie Italien wirtschaftlich vom Orient lösen, zugleich das Monopol des Papstes über den Mineralienhandel brechen.
Ein wahrer Goldrausch brach los. Die mächtigen Volterraner Familien bekämpften sich gegenseitig und bemerkten zu spät, dass hinter der Gesellschaft, die sich bereits stillschweigend die Schürfrechte gesichert hatte, Verbündete der Medici standen. In unbändiger Wut wieder geeint, stellten die Stadt und die Familien ihre Milizen ab und besetzten die Alaunminen.
Lorenzo de’ Medici reagierte prompt. Er forderte den Abzug der Milizen, umgehend, und die Rückgabe der Minen an die Gesellschaft.
Der gute Bischof Antonio degli Agli versuchte zu vermitteln. Keine Chance. Auf keiner Seite. Lorenzo erkannte die Gefahr, die seinem Machtanspruch durch die kleine renitente Stadt drohte, doch er scheute sich, alleine zu handeln. Er brauchte Verbündete. Er wollte nicht riskieren, durch den Alleingang von Florenz die fragilen politischen Gleichgewichte in Italien zu gefährden, durch deren geschickte Gewichtung er doch in die Geschichte einzugehen gedachte.
Schließlich fand er den richtigen Mann … Federico da Montefeltro, Herzog von Urbino … der wüste einäugige Condottiere mit der Hakennase … von dem es hieß, er habe sich die Nasenwurzel herausschneiden lassen, um mit dem ihm verbliebenen Auge, dem linken, auch die von rechts heranziehenden Feinde sehen zu können … und dazu Alliierte in Italien. Mehr als gedacht.
1472, im Mai, zog ein Heer aus siebentausend Söldnern und schwerer Artillerie gegen Volterra und belagerte die Stadt. Sie widerstand. Dann war der Vorrat innerhalb der Mauern aufgezehrt. Die Kapitulation unausweichlich. Belagerer und Belagerte unterzeichneten ein Traktat zur friedlichen Übergabe, die Waffen wurden niedergelegt, die Stadttore geöffnet. Was dann geschah … dass einige Bauern nicht aufgeben wollten, dass sie sich der alten Macht der Magnaten nicht wieder unterwerfen wollten, dass sie von allen Ansprüchen befreit sein wollten und ebenso verzweifelt wie wild entschlossen gegen die Besatzer stürmten … war Montefeltro Grund genug, der Soldateska freie Hand zu lassen.
Die Sieger gaben sich wilden Plünderungen hin, es wurde gemordet und vergewaltigt. Und selbst die venezianischen Truppen, die im letzten Moment zur Rettung von Volterra eingetroffen waren, wechselten die Seite, voller Gier, und schlossen sich den Eroberern an. Ihr Wüten erhielt zu allem Überfluss noch durch ein Erdbeben Unterstützung.
Am 18. Juni 1472 war die Republik von Volterra gefallen. Zwei steinerne Löwen flankierten jetzt das Rathaus. Symbole der Herrschaft der Medici. Sie stehen dort noch heute. Entsprechend erodiert. Als Florenz Lorenzos fünfhundertsten Todestag 1992 prachtvoll beging, feierte auch Volterra. Eine Messe für die Opfer.
Angel legte die Broschur auf den Tisch zurück. »Und nun«, sagte sie, »drehen sie hier also den Mythos der Medici. Und alle sind dabei.«
»Das Ganze ist fünfhundert Jahre her. Was sage ich, mehr noch. Bist du so nachtragend?», fragte Piero. »Außerdem war Volterra selbst an der Geschichte beteiligt, das hast du doch gelesen. Ein Kleinkrieg zwischen den Familien statt Geschlossenheit gegen Florenz. Aber was willst du, es ist ja heute nicht anders.«
Weil sie bis zur Auslieferung der druckfrischen Spalletta noch eine Stunde Zeit hatte, war Angel auf die Idee gekommen, bei Piero in der Bibliothek vorbeizuschauen und dort ein Geschichtsbuch aus dem Regal zu ziehen … »Volterra und die Medici«.
Piero hatte es ihr kopfschüttelnd abgenommen … »was willst du denn mit diesem Schinken?« … und ihr dafür eine Schrift von Enrico Fiumi in die Hand gedrückt, dem Stadthistoriker. »Schau hier mal rein. Da hast du das Wichtigste auf ein paar übersichtlichen Seiten.«
Während er schwitzend einen Wälzer nach dem anderen in die Regale räumte, vertiefte sich Angel in den Text.
»Ich wusste gar nicht, dass du dich für diese alte Sache interessierst. Warum liest du das Zeug nicht im Winter?«, ächzte der Bibliothekar. »Ich entstaube dir gerne ein paar von den Bänden hier. Warst du schon am Meer?«
Angel verneinte. Sie dachte an die Figuren in ihrer Werkstatt. Nicht wider Willen, nein. Sie war anscheinend gerade dabei, sich einer Arbeit zu überlassen, die ihr viel zu tun und denken geben würde.
»Ich komme schon noch hin. Spätestens im September.« Piero strich ihr mit feuchter Hand über das Haar. Angel hauchte ihm einen Kuss auf die nicht minder feuchte Wange. »Such du mir doch schon mal das Richtige heraus. Ich schaue dann vor Weihnachten wieder rein«, sagte sie. »Hast du es übrigens gehört?« Piero pustete sacht über ein zerfleddertes Dokument. »Der Eremo. Der mit den hellen grünen Augen. Sie haben ihn heute Morgen in der Balze gefunden, tot.«
»Frag mich nicht, wen sie in den letzten paar Jahrhunderten alles in der Balze gefunden haben, tot«, erwiderte er ungerührt und ließ den Blick über die mit Historienbänden und Nachschlagewerken tapezierten Wände wandern. »Ich kann dir da noch weitere interessante Lektüren empfehlen. Bring einen Koffer mit, vor Weihnachten.«
»Hier. Gerade ausgeliefert.« Mit spitzen Fingern zog Tiziana ein druckfrisches Exemplar vom soeben gelieferten Stapel des Volterraner Stadtanzeigers.
»Tod in der Balze«. In fetten schwarzen Lettern. Darunter eine Aufnahme der wilden Erdabstürze. Mittendrin, klein, ein Mensch. Das zweite Foto zeigte die Szene in Nahaufnahme. Ein Körper, hingesunken zwischen Büschen und Unterholz, den Kopf, geneigt, auf einem Stein, leicht abgestützt von einem Bäumchen, das ihn am Grund der Balze wie liebevoll aufgefangen zu haben schien.
»Ein neues Opfer der alten Abgründe«, hatte jemand ambitioniert getitelt. »Einer unserer Mitbürger wurde am Morgen leblos in der Balze unterhalb des höchsten Felsvorsprungs gefunden. Eremo, wie er hier hieß – sein richtiger Name ist der Redaktion nicht bekannt –, galt als stiller, liebenswürdiger und froher Mensch. Er zeigte weder psychische Störungen noch depressive Züge. Angesichts dessen und wiewohl es scheint, als sei er freiwillig aus dem Leben geschieden, kann Schlimmeres nicht ausgeschlossen werden. Hinweise und Beobachtungen bitte an die Carabinieri, Kommando Volterra, Piazza dei Priori.«
Auf der nächsten Seite, zwischen den obligatorischen Kleinanzeigen, ein Zoom auf Kopf und Oberkörper. Darunter: »Dank an die Experten der RAI, deren ausgefeilte Drohnentechnik den Toten aufgespürt und uns die aussagekräftigen Fotografien geliefert hat. Die Drohne kam übrigens zu Luftaufnahmen der umliegenden Landschaft für die nächste Folge der Medici zum Einsatz. Gedreht wird im September. Wieder werden Komparsen gesucht. Interessenten kontaktieren bitte Volterra Pro Loco, Piazza dei Priori.«
»Ist doch merkwürdig«, wunderte sich Tiziana. »Als vor ich weiß nicht wie vielen Jahren der Waldarbeiter abrutschte oder was und in die Balze stürzte … das kannst du nicht wissen, ist schon endlos her, wirklich tragisch … da war er nicht mehr wiederzuerkennen. All die Bäume und Büsche und vorspringenden Felsen. Schrecklich.«
Merkwürdig, dachte auch Angel, während sie die Fotos genauer betrachtete. Verletzungen waren nicht zu sehen. Vielleicht doch keine so gute Drohnentechnik? Oder retuschiert? Aus Gründen der Pietät?
»Traurig«, sagte Tiziana ernst. »Wir wussten zwar nicht, wo er herkam, aber wir haben uns an ihn gewöhnt. Was soll das heißen, Schlimmeres?«
Angel zuckte die Achseln.
»Bitte«, verwahrte sich Tiziana. »Warum? Er hat sich nie mit jemandem angelegt. Still, wie er war.« Sie dachte nach. »Wenn ich es recht überlege … er hat eigentlich gar nichts geredet … ich kann mich nicht erinnern … nur zugehört. Ja«, sagte sie, »er hat wunderbar zugehört.« Sie seufzte. »Weißt du, er schaute fast jeden Tag herein. Auch im Winter. Ich konnte ihm alles erzählen. Wenn nur der Hund nicht immer so gedrängt hätte. Bevor er ihn aufgelesen hat, den kleinen Kläffer, ist er oft geblieben. Eine halbe Stunde. Oder mehr. Bestimmt.« Sie fuhr sich über die Augen. »Ich werde ihn vermissen.«
Angel schloss Tiziana in die Arme, legte drei fünfzig auf die Theke, »auch für die Repubblica«, und wandte sich zum Gehen.
»Hier, noch der Robinson vom letzten Samstag …«, rief ihr Tiziana hinterher. Und drückte ihr das Journal mit einem »schon gut«, in die Hand.
Das erste Mal in all den Jahren, dass Tiziana mir etwas schenkt, dachte Angel, während sie die beiden Zeitungen zusammenfaltete und sich auf den Weg zur Garage machte. Scheint, dass es ihr wirklich nahegeht.
Vom Dom schlug es sieben. Angel passierte eine Reihe betagter Herren, die wie Vögel auf der Mauer hockten, miteinander plauderten und sich an der sanften Abendsonne freuten.
Sie ging über die langgestreckte Piazza Martiri della Libertà, die bei allen Volterranern nur I Ponti hieß, bis zum äußersten Punkt. Von dort aus überblickte man bei einem Wetter wie diesem das ganze Val di Cecina. Und konnte bis zum Meer sehen, das bläulich, grünlich, von hellem Silber und Goldrot durchzogen in der unmerklich sinkenden Sonne flirrte.
Nach dem gestrigen Gewitter war die Atmosphäre so klar, dass sich Korsika nicht nur deutlich in der Ferne abzeichnete, selbst die Falten und tiefen Schluchten seiner Gebirge schienen im schrägen Einfall des Sonnenlichts hervor.
Alles eine Frage der Beleuchtung, dachte Angel. Ob und wie etwas sichtbar wird. Aber ist das, was sichtbar wird, tatsächlich so, wie wir es sehen? Oder wie es uns das Licht verspricht?
Madonna, der Fisch!, schoss es ihr durch den Kopf. Versprochen ist versprochen.
5
Der Kater war selig. Satt saß er unter dem Lorbeerbusch. Schluckte. Leckte noch einmal über seinen Bart. Schleckte drei Tröpfchen vom Boden und begann dann, sich zu putzen. Strich sich mit den Pfoten sorgfältig über die Ohren, von hinten nach vorn, von vorn nach hinten, hielt inne, streckte graziös ein Bein in die Luft, knabberte es ab wie einen Maiskolben und leckte dann mehrmals andächtig darüber. Nun das nächste. Nochmal die Ohren. Ein weiteres Bein. Dann fuhr die raue rosige Zunge zwischen alle fünf Zehen sämtlicher Pfoten, an jeder einzelnen Kralle machten sich die kleinen scharfen Zähne ausgiebig zu schaffen.
Angel betrachtete den Kater von der Werkstatt aus. Sie bewunderte seine konzentrierte Hingabe. Gerade eben noch ein hilfloses blindes Etwas, nur wenige Wochen später ein bewusstes Wesen in einer sich zu erobernden Welt. Selbst wenn es sie nicht gäbe, wenn keiner da wäre, der ihm morgens das Futter hinstellte, jetzt würde er es auch alleine schaffen, hier auf dem Land.
Vor ein paar Tagen hatte sie beobachtet, wie er den Feldweg zum Haus hinunterschlenderte, wie er scheinbar ganz in sich selbst vertieft an der Hecke vorübertrabte, in der eine junge Amsel saß. Die flog unvorsichtig auf, der Kater machte einen Sprung, drehte sich einmal um die eigene Achse wie ein Tänzer, der aus reiner Lebenslust eine Pirouette springt, schnappte den Vogel in der Luft und setzte seinen Weg mit dem baumelnden Geschöpf zwischen den Zähnen fort. Er musste die Möglichkeit, die sich ihm bot, und den Vorgang selbst im Bruchteil einer Sekunde antizipiert haben.
Bis zum Mittag skizzierte Angel Szenen, wie sie die Skulpturen, die vor ihrem inneren Auge langsam Gestalt annahmen, in Verhältnisse bringen und in Beziehungen zueinander setzen wollte.
Das Durcheinander, das der Kater angerichtet hatte, ordnete sich jetzt in ihren Gedanken. Die Bruchstücke und Fragmente wurden zu archaischen Figuren … sie könnten, überlegte sie, vielleicht sogar durch Zeiten reisen … und auf einmal überkam sie eine große Lust, ihr bewährtes Terrain zu verlassen und die Terrakotta, an der sie sich in den letzten Jahren abgearbeitet hatte, mit anderen Materialien zu kombinieren. Sie hier und da vielleicht sogar durch andere Stoffe zu ersetzen. Nicht, dass sie nicht schon früher darüber nachgedacht hatte. Aber wie so oft braucht es den Anstoß, mehr noch, den einen Anstoß. Das kann auch etwas scheinbar Unbedeutendes sein. Der berühmte Tropfen, der das Fass nicht nur zum Überlaufen bringt, sondern der zugleich zum Sprung wird auf einer neuen Bahn.
Sie sah ihre Skulpturen auf einmal eine Bühne betreten, nicht mehr allein und einzeln, wie ausgestellt, sondern im Dialog miteinander.
Gemeinsam würden sie eine Szene entwickeln, vielleicht sogar ein Stück. Würden zu Spielern werden in einem Drama, das nicht von außen auf sie zukam, sondern von innen, aus dem Ensemble, Gestalt gewann.
Sie selbst wären dann die Autoren ihres Stücks. Komödie oder Tragödie, das würde sich im Lauf der Zeit erweisen.
Angel musste an Pirandellos sechs Personen denken, die einen Autor suchen, und freute sich über die Idee, für die paar Autoren, die hier bereits versammelt waren, eine Person zu finden … im Vorgang des Werdens … den Protagonisten für das Theater … keine Angst, ein überschaubares … das sie ihnen … mit ihnen … erdenken, an das sie Hand anlegen würde.
Und wenn es scheitert, meldete sich etwas in ihr. Wenn du da vielleicht Schein mit Sein verwechselst? Ach was. Sie tauchte ein paar Stofflappen in einen mit Wasser gefüllten Eimer, wrang sie gut aus und schlug sie um die Tonobjekte, die sie am Vortag geformt hatte. Möglichkeiten gibt es allemal. Gesichter viele. Überraschungen, wenn man Glück hat.
Während Angel in der Küche einen Kaffee aufsetzte und in einen rosafarbenen Pfirsich biss, zog sie die Spalletta vom Zeitungsstapel und blätterte zur Seite mit den verschiedenen Aufnahmen vom Toten.
Tatsächlich war ihr die Geschichte nicht aus dem Kopf gegangen. In der letzten Nacht war sie mehrmals aufgewacht. War hochgetaucht aus einem Gewirr von Bildern. Ein Wald … Steineichen … Hügel mit Menschengruppen. Kämpfende, die mit Waffen … Säbeln oder Degen … aufeinander losgingen. Vogelschwärme, die aus den Schnäbeln riesiger Muttervögel flogen, ein Schwarm Türkisblau, einer Petrolgrün, einer Scharlachrot … die sich am Himmel vermischten, explodierten und als schillernd virales Feuerwerk herabregneten. Eichhörnchen und Füchse und Rehe, von Hunden gejagt. Und immer wieder ein Schriftzug … EREMO oder war es OMERO oder beides … und eine Stimme, die etwas sagen wollte, doch kaum zu verstehen war.
Wirklich, eine bewegte Nacht, rekapitulierte Angel, während sie versuchte, sich an weitere Einzelheiten zu erinnern.
Gesichter, ja natürlich, die Gesichter, die ihren Traum bevölkert hatten. Die, wenn sie es recht bedachte, alle zu einem einzigen Gesicht zusammengeflossen waren. Einem Gesicht, das sie jetzt als Nahaufnahme vor sich sah. Das Gesicht des Mannes, von dem nicht einmal Tiziana wusste … die doch immer alles wusste … wer er war und woher er kam.
Der Pfirsichsaft rann ihr über die Hand und blieb an ihrem Unterarm kleben, während sie sich über das Bild beugte. Was um Himmels willen …
Der lockige Kopf des Toten lag leicht nach hinten geneigt. Die Augen schienen nicht ganz geschlossen. Der Mund war halb geöffnet.
Woran erinnerte sie dieses Gesicht? An wen? Wie konnte man so sterben? So … friedlich … nein, das würde es nicht treffen. Friedlich sah er nicht aus. Eher …
Der Deckel der kleinen Moka klapperte, und der Kaffee begann sprudelnd zu dampfen. Angel stellte die Flamme ab, schnippte den Pfirsichkern aus dem Küchenfenster direkt auf den Komposthaufen und spülte ihre Hände unter einem kühlen Wasserstrahl.
Was war es, das sie an diesem Gesicht so sehr bewegte. Ausnahmsweise ließ sie ein Zuckerstück in den Kaffee gleiten und rührte klingelnd um und um, bis es sich aufgelöst hatte. Ein herrlich süßer erster Schluck. Sie lächelte. Er lächelte. Aber ja. Sein Lächeln … sein faszinierendes, beinahe erotisches, mehr noch, sein dionysisches Lächeln … seine verklärten Lippen, deren letzter Seufzer einer der Wonne gewesen zu sein schien.
Angel trank den Kaffee aus, schlüpfte in die Sandalen, zog die Fliegentür hinter sich zu, schnupperte kurz am unscheinbaren Rosenstrauch mit den kleinen dunkelroten Blüten, die einen Duft verströmten, dass einem schwindlig wurde, zwickte den Kater, der unter seinem Lorbeerbaum döste, ins Ohr und machte sich auf den Weg in die Stadt.
6
Die Pinakothek war menschenleer um diese Zeit. Kein Einheimischer, kein Tourist. Selbst von den Volontären, die mehr oder minder freundlich Tickets verkauften, abrissen oder die vom Eintrittsgeld befreiten Volterraner durchwinkten, weit und breit keine Spur.
Angel trat in den quadratischen, von Arkaden umfassten Innenhof, in dem das gleißende Mittagslicht tanzte. Sie konnte nicht anders, sie musste sich mitten in dieses Flimmern stellen. Ihr Blick wanderte an den drei Stockwerken des Gebäudes empor, an seinen von innen verhängten Fenstern. Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute in den tiefblauen Himmel hoch über ihr. Wie sich die Hitze auf ihr niederließ, wie sie über Gesicht, Hals und Arme perlte, an ihrem Körper herabrieselte, sie schon nach wenigen Sekunden ganz und gar erfüllte. Angel dankte allen guten Geistern für diesen herrlichen Moment. Dann nahm sie die hohen, von ungezählten Füßen ausgetretenen Stufen des ehrwürdigen Palazzo Minucci Solaini, der seit geraumer Zeit die Gemälde und Schätze der kommunalen Pinakothek beherbergte. Betrat den abgedunkelten Raum. Warf zunächst einen Blick nach links, auf Ghirlandaios Madonna mit dem Kind. Betrachtete Luca Signorellis Engel der Verkündigung auf der ihr gegenüber liegenden Wand, von einem Dreistrahler herausgeleuchtet. Holte dann Luft, wandte sich nach rechts und ließ sich auf einer schmalen rotgepolsterten Bank nieder. Vor der Deposizione. Der Kreuzabnahme des Rosso Fiorentino.
Wie oft hatte sie schon hier gesessen und dieses eigenartige Bild betrachtet. Jedes Mal musste sie tief durchatmen, bevor es ihr gelang, sich ihm auszusetzen. Jedes Mal kam es als Wirbel auf sie zu. Ein dramatischer Wirbel aus Figuren, Körpern, Linien, Farbe und Bewegung.
Unten, in der Bildmitte, am Fuß des Kreuzes, eine langgestreckte kniende Frauenfigur in scharlachrotem, von einem hellgoldenen Gürtel gehaltenen Gewand … den Rücken zum Betrachter … dynamisch vorgebeugt, eine Bewegung, die sich von ihrem linken Bein, vom Scharlachrot bedeckt, in ihren ausgestreckten linken Arm verlängert, mit dem sie, die Junge, den Schenkel einer alten Frau umfasst. Die, Maria … den Kopf von einem schwarzen Tuch geschützt, das Antlitz dunkel und doch leichenfahl … wird zu beiden Seiten von zwei weiteren Frauen gestützt. Würde sie hinsinken … was gut möglich wäre, denn die vordere ihrer Helferinnen scheint abgelenkt, sie dreht den Kopf und blickt fragend aus dem Bild heraus, während die andere, die hintere, ebenfalls in rotes, zinnoberrotes, Tuch gehüllt, gespannt, besorgt fast auf die Kniende zu ihren Füßen blickt … dann würde sich der Kopf der Frau im scharlachfarbigen Gewand und dem leicht wie zum Kuss geöffneten Mund vermutlich tief in den Schatten senken, der Marias Schoß verhüllt.
Aus der Frauengruppe auf der linken Seite des Bildes wächst eine Leiter in die Höhe. Ihr oberes Ende lehnt vor dem Querbalken am Kreuz. Auf der Leiter hangelt ein halbbekleideter Mann, auch er mit dem Rücken … jeder Wirbel, jede Rippe ist darauf abzuzählen … zum Betrachter. Sein nackter linker Fuß berührt den Bildrand. Als stoße er sich davon ab. Mit den Zehen seines rechten Fußes hält er sich anscheinend gerade noch auf einer von den Frauen verdeckten Sprosse. Fast sieht es aus, als hinge er … um dessen Unterleib ein gelblichweißes Tuch gewickelt ist, aus dem zwei kraftvolle Oberschenkel ragen … in der Luft, als schwebte er schräg auf das Kreuz zu. Dabei scheint er, trotz der für ihn nicht ungefährlichen Lage, mit dem linken Arm das Bein der teuflischen Gestalt über ihm wegzudrücken, um an die Leiter zu gelangen und sich im letzten Moment dort festzuhalten. Sein anderer Arm greift unter die angewinkelten Knie des Christus. Dessen Füße ruhen auf dem Vorsprung des Kreuzes. Zarte Füße, tänzerisch, übereinanderliegend, das Blut an den Rändern des tiefen Lochs, durch das der Nagel sie ans Kreuz schlug … er ist bereits entfernt … scheint schon verkrustet, die Füße schimmern grünlich … wie der ganze Körper des Christus.
Grünlich, Grün … so eine Sache. Da scheidet sich die Farbsichtigkeit. Vielleicht handelt es sich eher um ein Oliv, vielleicht auch um ein dunkles Gelb, ein Ocker. Vielleicht vermischt mit ein paar rötlichen Partikeln.
Die wilde satanische Gestalt links oben auf der Leiter, mit ausgestrecktem Arm, weist mit dem Zeigefinger auf die Seitenwunde des Christus, fast wie ein Aufschrei. Womöglich will sie aber auch den Jungen, der den Christuskörper von der anderen Seite, von einer zweiten, am Rücken des horizontalen Kreuzbalkens ruhenden Leiter aus balancierend mit dem linken Arm stützt … wobei sich seine rechte Hand von hinten an das Kreuz klammert und er den eigenen, zwischen Kreuz und Christus eingeklemmten Hals zu riskieren scheint … womöglich will sie ihn durch ihren Schrei auf etwas hinweisen, etwas Erschreckendes, eine Gefahrenquelle, vielleicht.
Erst auf den zweiten Blick wird überraschend deutlich, dass der Junge sich gar nicht auf der hinteren Leiter hält, sondern brenzlig auf einer anderen Leiter steht, die vom rechten unteren Bildrand aus schräg zum horizontalen Kreuzbalken hochstrebt. Wo sie anlehnt, ist nicht zu erkennen. Wahrscheinlich wackelt sie. Sie wird gestützt. Von einem Kind in ärmelloser Tunika … hellgelb, leicht grünlich … um seine Taille ist ein dunkelgrünes Tuch geknotet. Als hätte der Maler die Farben, die er im Körper des Christus zu einer mischt, hier in ihre Bestandteile zerlegt.
Das Kind scheint von den Frauen abgelenkt. Sein Blick fällt in das dunkle Dreieck unterhalb von Marias Schoß. Es stützt die Leiter zwar, und seine braunen Arme wirken kräftig. In diesem auf Höhe der Christusfüße in zwei Hälften … wenn nicht gar Welten … geteilten Bild steht es jedoch für sich, dazwischen. Womöglich ist sein Interesse an dem, was oberhalb von ihm geschieht, nicht groß genug, um aufzublicken. Womöglich fürchtet es sich auch.
Der Mund des wilden Satans unter dem schwarzen Bart ist wie zu einem Ruf geöffnet. Oder er hat den Ruf schon ausgestoßen … so unruhig … entsetzt vielleicht … wie sein Blick dem ausgestreckten Arm folgt. Ein schwarzes Fell liegt schwer auf seiner Schulter. Schwarz auch sein struppiges Haar. Ein Schwarz, das sich als schattiger Pinselstreif in seinen Arm verlängert. Hinter ihm bläht sich ein Tuch in Rot, Florentinerrot, gehalten von einem dramatisch um die Taille geschlungenen lachsfarbenen Schal, krude durchsetzt mit schwarzblaugrün zerfetzten Schatten.
Am oberen Rand des Bildes … einer etwa drei Meter fünfundsiebzig hohen gerundeten Tafel … erscheint zusammen mit dem Wilden ein weißbärtiger Alter. Er steht auf der rechten Leiter und beugt sich über das Kreuz, die Arme aufgestützt und ebenso aufgeregt wie der Satanische, dem er etwas mitzuteilen scheint. In Purpur er, ein stahlblaues Tuch um den Kopf, und über ihm, im schwarzen Himmelsrund über dem Kreuz … ein Himmel wie vor einem heftigen Gewitter … womöglich auch ein Blick in die Schwärze des Kosmos … weht seine Schärpe … vielleicht stürzt ein Komet.
Jedenfalls, dort oben herrscht Sturm. Zumindest ein heftiger Wind. Wo doch unten kein Lufthauch geht. Oben aber der Wirbel … alles im Wirbel … um den Christus, den die Männer so fieberhaft und mit vereinten Kräften vom Kreuz herabhieven.
Und er? Scheint in den Armen des ihn von rechts stützenden Jungen zu ruhen. Genussvoll hingesunken. Sein Kopf liegt leicht schräg im Nacken, die Wange, von orangerotem Flaum bedeckt, lehnt sanft an seiner linken, wie spielerisch in die Höhe gezogenen Schulter. Seine rötlichen Locken kräuseln sich zart vor dem Kreuz. Seine verzückten Augen sind nicht ganz geschlossen. Sein erotischer Mund, der einen Seufzer auszustoßen scheint, bleibt halb geöffnet. Auf seinen verklärten Lippen, eins mit allem, liegt ein Lächeln … ein ekstatisches, orgiastisches Lächeln. Verstörend … irritierend … rätselhaft und unvergesslich.
Wie das des Eremo. Des Toten aus der Balze.
Angel musste weinen und wusste nicht, warum. Die Tränen rannen über ihre Wangen. Sie machte keinen Versuch, sie aufzuhalten oder abzuwischen. Sie ließ sie strömen, saß da und schaute durch den silbrigen Schleier auf das dionysische Gesicht.
Auch die Figur rechts im Bild weint, den Rücken tief gebeugt, den Kopf mit dem rötlichen Haar in beide Hände vergraben. Das Licht, das von rechts, von einer Lichtquelle außerhalb des Geschehens auf die Gestalten prallt, erhellt ihr Gewand … petrolblau oder grün, so wie der Hintergrund. Sinkt der Abend oder dämmert gar der Morgen? Der lachsfarbene Umhang, der den Weinenden schützen soll und ihm, erschüttert wie er ist, doch von der Schulter gleitet, formt das obere Rund des Bildes nach.
Der Weinende steht allein. Rosso Fiorentino. Der Maler selbst. Vom Geschehen abgewandt. Ein verweigertes Selbstporträt. Er spielt den heiligen Johannes auf dieser widerspruchsvollen Bühne.
Warum er so verzweifelt ist? Er hat das alles selbst gemalt.
Zwischen seinem gebeugten Kopf … im Nacken streift ihn eine Flut aus Licht, gleitet über seinen linken nackten Unterarm, der an den Bildrand stößt … und den dunklen Hügeln, die sich von unten in das Bild hineinschieben, eine helle blaugrüne, fast türkise freie Fläche.
Und da erscheinen plötzlich fünf Figuren, weit in der Ferne, stecknadelklein. Rotweiße Federbüsche schmücken Kopf und Hut. Zwei von ihnen kämpfen auf dem Kamm des Hügels vor der türkisen Atmosphäre. Mit Säbeln oder Degen. Einer zieht sich schon bedrängt zurück. Vielleicht handelt es sich auch nur um eine Übung. Für irgendeinen Ernstfall. Schwer auszumachen. Zwei stehen weiter vorn und reden. Der linke scheint gelassen. Der rechte aggressiv. Ein fünfter, der mit dem schönsten Hut, hält sich abseits. Anmutig weist sein eines Bein nach vorn. Auf dem anderen steht er fest.
Die fünf Figuren sind für sich. Das, was sich vorn ereignet, scheint sie nichts anzugehen. Die Gruppe vor ihnen scheint sie nicht wahrzunehmen. Bis auf den Rosso selbst. Vielleicht.
»Hier, bitte. Nehmen Sie.«
Angel hatte nicht bemerkt, dass es jetzt auch andere Besucher in der Pinakothek gab. Sie löste ihren Blick von dem Bild, von dem zwischen Himmel und Erde schwebenden Christus, von dessen Lächeln, und griff nach dem Taschentuch, das ihr gereicht wurde. Sie trocknete die Tränen, putzte sich die Nase und schaute auf, um sich zu bedanken.
Der Mann verließ den dunklen Raum jedoch schon durch die Tür zum Treppenhaus. Ein Lichtstrahl, der durch eines der Fenster im Obergeschoss fiel, glitt flüchtig über seine rötlichen Locken.
7
In Gedanken versunken ging Angel die Via dei Sarti entlang. Woher kam es nur, dass dieses Bild sie so bewegte? Dieses Lächeln, das dem des Toten aus der Balze so ähnlich war. Hatte nur sie es gesehen? Hatte sie es sich eingebildet? Etwas kurzgeschlossen? Und was wohl? War es wirklich so?
Allmählich erwachte die Stadt nach Mittagessen und Siesta zu neuem Leben. Die Rollläden vor ein paar Lebensmittelgeschäften wurden in die Höhe gezogen. Neben der geöffneten Tür einer Tabaccheria lehnte deren Besitzerin und rauchte. An der Ecke zur Matteotti sprang ein Ball gegen die Wand. Ein Kind weinte. Aus einem Fenster drang Technomusik. Aus einem anderen sang Eros Ramazzotti. Im Schaukasten des Kinos tauschte jemand die Plakate aus. Das Programm für die letzte Juliwoche. Vor der Sommerpause im August. Der neue Spiderman. Escape – Plan 3. Geheimnis einer Familie. Powidoki, von Andrzej Wajda. Also auch hier angekommen, stellte Angel fest. Auf Italienisch »Il ritratto negato«, das verweigerte Porträt.
Wajda verlässt uns und die Welt mit der Erzählung von einem freien Mann, dem Maler Władysław Strzemiński, einer wesentlichen Figur der malerischen Avantgarde der modernen Kunst, hieß es in der Ankündigung, die gerade mit Heftzwecken an der Rückwand des Kastens befestigt wurde. Und weiter: Der Maler, obwohl im Ersten Weltkrieg durch eine Granatenexplosion schwer versehrt, wird nicht müde, den Studenten seine Theorie des Sehens nahezubringen, beziehungsweise den ontologisch subjektiven Akt des Sehens und Wahrnehmens.
Sehr anspruchsvoll für einen Kinotext, dachte Angel. Freitag, nach dem Abendessen, halb zehn. Wahrscheinlich würde Gianluca schon zurück sein. Gewiss hätte er Lust, sie zu begleiten. Sie würde ihn anrufen.
Die Tür zum Istante stand weit offen, und Angel trat verwundert ein. »Ciao, Manù! Hast du’s endlich eingesehen, dass die Klimaanlage nichts bringt außer Sommergrippe?«
Manuele, der Besitzer der Bar, stöhnte hinter der Theke. »Cara mia, du kommst zehn Minuten vorbeigeschneit, ich stehe seit heute früh um neun schon hier und schwitze. Das Ding spinnt. Die Luft, die es rausbläst, kommt, scheint’s, direkt aus der Sahara. Aber keine Sorge. Morgen ist es repariert!«, verkündete Manuele, setzte aber vorsichtshalber ein »so Gott will« hinzu.
Er zog eine Flasche Sanbittèr Rosso aus dem Kühlfach, schnippte den Kronenkorken ab, ließ den leuchtend roten Inhalt über eine Handvoll Eisstücke in ein Cocktailglas sprudeln, spießte mit der Messerspitze zwei Zitronenscheiben auf und senkte sie samt Strohhalm in die Flüssigkeit.
Ganz gegen ihre Gewohnheit ließ sich Angel an einem Tischchen in der Ecke nieder. Eigentlich stand sie viel lieber am Tresen, die Ellenbogen aufgestützt, nippte am obligatorischen Sanbittèr und beobachtete die Menschen, die hereinkamen, hinausgingen oder vorüberliefen. Die zusammengewürfelte Menge, die sich an den hohen Fenstern vorbei drängte … auf der Hauptstraße, so eng, dass selbst im Juli nur für wenige Stunden volles Licht einfiel.
Heute saß Angel an dem Tischchen, weil Manuele sie darum gebeten hatte. Er deutete Danilo, dem Kellner, mit einem Nicken an, kurz für ihn zu übernehmen, und zog sich einen Stuhl herbei.
»Weißt du, dass er immer hier gesessen hat? Wenn er in die Stadt kam. Bestimmt drei vier Mal die Woche, auch im Winter. Hier saß er. Mit einem Rotwein. Madonnino del Chianti. Einer unserer besten. Hast du mal probiert? Immer nur ein Glas. Wenn ich ihn gefragt habe: Willst du nicht noch eins?, hat er den Kopf geschüttelt, immer. Warte … nur einmal, da habe ich ihm die ganze Flasche gebracht … Wann das war? Auf jeden Fall in diesem Jahr. April vielleicht. Oder Mai. Aber man hat ihm nichts angemerkt. Die Flasche habe ich ihm übrigens spendiert. Er hat mir ja auch hin und wieder eine Zeichnung geschenkt. Er hat meist gezeichnet, wenn er hier saß. Eigentlich ständig, wenn ich’s recht bedenke … Kannst du dir das erklären? Wenn ich nur irgendwas gespürt hätte. Aber er war immer … wie soll ich dir das sagen … so bei sich, so eins mit sich, vielleicht sogar mit allem.«
Manuele lächelte verlegen. »Ist gar nicht meine Art. Ich meine, so zu reden. Ist mir alles viel zu esoterisch … aber wenn du mich schon fragst … Kam vielleicht davon, weil er allein war, so auf sich selbst verwiesen. Er hatte niemanden. Nur den Hund. Auf einmal kam er mit dem Hund. Oder der mit ihm. Ein Findling, ein kleiner struppiger. Was wohl aus dem wird jetzt? Aber sonst war er wirklich ganz allein. Hieß ja nicht umsonst der Eremo … Sein richtiger Name? Ja, du stellst Fragen. Keine Ahnung. Offen gestanden. Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Eremo, das passte zu ihm. Ein echter Einsiedler. Jemand hat mir erzählt, dass er im Tal wohnt … wohnte, ja … unterhalb der Balze, dort, wo die kleine Straße hinabführt. In einem Haus auf dem Hangstück, das Giorgio gehört, du weißt schon, der mit dem Marktstand, der beim Obstverkaufen singt. Eher eine Hütte, wenn du mich fragst. Ganz einfach. Ich weiß nicht, ob es dort überhaupt Strom gibt. Wasser bestimmt. Zumindest eine Quelle … Ja, du hast recht, er muss die Balze gut gekannt haben. Wusste genau, wo man am besten runterspringt. Wenn man da nicht die richtige Stelle erwischt … Vor Jahren gab es mal einen Jungen, der ist ausgerutscht oder ich weiß nicht was … ach, du kennst die Geschichte … Den einen Arm hat er verloren. Wenn du wirklich Schluss machen willst, musst du dich auskennen. Sonst kommst du schlimmer raus, als du reingehst. Aber er … Ich kann’s mir einfach nicht erklären.«
Angel legte ihre Hand mitfühlend auf Manueles mit einem feuerspeienden Drachen verzierten Unterarm. Er sah sie dankbar an. »Es geht mir wirklich nah. Ich konnte ihm alles erzählen. Selbst die Sache mit … du weißt schon … Er hat alles verstanden. Er hat immer alles verstanden. Er wird mir fehlen«, sagte er traurig.
Ohne dass es Angel bewusst gewesen wäre, fuhr sie dreimal gedankenverloren um den Kreisel auf der Via Garibaldi und schließlich in Richtung Balze aus ihm heraus. In der Ferne blitzte das Meer als Silberstreif. Sie bog hinab ins Tal und durchquerte den langgestreckten Borgo San Giusto, die Vorstadt von Volterra.
Piccola Russia … so hieß das früher hier. Einmal schlug in diesen Gassen das rote Herz der Stadt … schlägt heute vielleicht noch ein winziger Teil davon … Antifaschisten und Partisanen, die hier lebten. Einer der letzten, ein kleiner schmaler Mann mit einer dicken Brille, erzählte Generationen von Kindern, wie er nach dem Krieg aus Russland zum Borgo San Giusto zurückgekommen war, zu Fuß. Und immer lachten sie ungläubig. Russland, das ist wie der Mond so weit. Zu Fuß. Wie ist das möglich? Auch der kleine, inzwischen uralte Mann lachte mit ihnen. Er konnte es selbst kaum glauben. Aber so war es gewesen.
Jetzt saß er auf der Terrasse vom Nachbarschaftsclub, wo die Alten des Viertels sich den Nachmittag mit Kartenspiel vertrieben, lauschte den Gesprächen und hing seinen Gedanken nach.
Die Leute hier gehörten schon immer zu den Ärmeren der Stadt. Arbeiter, Tagelöhner, kleine Handwerker. Man war faschistisch erzogen, grenzte sich ab, orientierte sich neu, wurde antifaschistisch, schloss sich den Partisanen an. Man traf sich im Club, der Ende der Fünfzigerjahre als Kulturverein Circolo Arci neu erstand, aß, trank und feierte miteinander. Politisierte. Und diskutierte. Über Arbeit und Soziales, über eine gerechte Verteilung der Mittel und des Reichtums, über Umwelt, Klima und Kultur.
»Um dieselben Themen geht es heute so wie damals.« Dies stand auf dem Spruchband, das die Straße überspannte. Die Ankündigung des jährlichen antifaschistischen Fests, am letzten Wochenende im September. In diesem Jahr war auch das antirassistisch wieder dabei … aus gutem Grund. »No Human is Illegal« … und … »Wir wollen einen Moment der Einheit und des Miteinanders schaffen« … las Angel, als sie auf das Banner zusteuerte … Gut, dachte sie, ich werde hingehen.
Kurz darauf parkte sie den Panda auf dem kleinen Schotterplatz neben der Balze, winkte dem Schreiner, der einer Reihe wackeliger alter Stühle neuen Halt gab, einen Gruß zu und ging langsam die schmale Straße hinab ins Tal.
8
Die Nachmittagssonne traf auf den Südwesthang der Stadt und fiel direkt in die Balze. Das Licht verfing sich in den Schrunden und Kratern der Abstürze, glitt über ihre rauen Kämme und die jäh vorspringenden Klippen. Traf auf das Gelb des porösen Sandsteins mit seinen Adern bläulicher Argilla, den Schichten perlweißer Tonerde, den erodierten Rinnen sandigen Kalksteins und den Schlieren aus gelbrötlichem Lehm. Leuchtete in jede Falte der Kalanken, die das Gelände zerschnitten, und deren messerscharfe Rücken und schmale Zinnen durch den Einfall des Lichts an Plastizität gewannen. Tiefblaue Schatten tasteten sich aus den Schluchten empor und blieben in der wilden, struppigen Vegetation hängen, die manche der nicht vollständig ausgedörrten Oberflächen überwucherte. Gleißend stießen sich die Strahlen von den hellgrauen Erdverwerfungen unterhalb von San Cipriano ab. Die Zypressen, denen der Ort seinen Namen verdankt, standen umso dunkler vor dem azurnen Himmel.
Angel betrachtete diese durch tragische Erdrutsche und Felsstürze, durch jahrhundertelange beharrliche Erosionen und ständig sich erweiternde Schluchten entstandene Geometrie des Raums. Eine theatralische Landschaft. Gewachsen durch eine Vielzahl winziger und ein paar gewaltige Ereignisse, über eine unendlich lange Zeit. Wie viele Schauspiele bringt das Licht dort Tag für Tag zur Aufführung. Jede Wolke, die sich vor die Sonne schiebt, ein kürzerer oder längerer Monolog. Jeder Regenguss ein mildes, herzhaftes oder tragisches Weinen, dem Zerstörung folgt oder Aufatmen. Der Wind, der durch die Büsche und Bäume fegt und den losen Staub zu Säulen wirbelt, ein Sturm von Nachrichten, der die Szene aufmischt.
Angel fragte sich, ob solch ein spektakuläres Gebiet wirklich den Namen Badlands verdient hatte. Ödland, Malpaís … les mauvaises terres à traverser … Sie sah es anders, immer wieder von neuem ergriffen vom Ungestüm der Balze. Erschreckt übrigens auch. Am Abend, wenn die Dunkelheit wie Tinte in die Tiefe fließt.
Seit dem zehnten Jahrhundert vor Christus befand sich auf diesem Gebiet die Nekropolis der etruskischen Stadt. Irgendwann wurde auch sie von den Erdmassen in den Abgrund gerissen. Viele Urnen konnten im Lauf der Zeit geborgen werden. Jetzt lagerten sie mit ihren Besitzern im etruskischen Museum. Auch wenn deren Asche beim Sturz verlorenging, ihr Bildnis überdauerte als Skulptur auf den Urnendeckeln. Ähnlichkeiten mit Lebenden nicht ausgeschlossen. Wie oft hatte Angel schon gemeint, in den Gesichtern der seit ewig Toten typische Züge alteingesessener Volterraner Familien entdeckt zu haben. Welch eine Stadt. Deren historische Schatten sich in den geologischen Schichtungen der Balze spiegeln.
Je tiefer Angel ins Tal gelangte, desto höher ragten die Abstürze über ihr auf. Das musste er sein, der Pfad, der zur Hütte des Eremo führte. Und das da hinten musste die Hütte sein. Was will ich hier, fuhr es ihr durch den Kopf, was suche ich. Ohne darüber nachzudenken, war sie dem Toten gefolgt. Von dem keiner wusste, woher er kam. Den keiner wirklich kannte. Den einige dennoch schmerzlich zu vermissen schienen. Und dessen Lächeln, dessen lächelnder Tod, ihr nicht aus dem Kopf ging.
Manuele hatte Recht. Strom gab es hier keinen. Nicht eine Leitung weit und breit. Dafür Olivenbäume, reichlich zerzaust, von wilden Brombeeren durchzogen. Die müssen vor dem nächsten Frühjahr unbedingt beschnitten werden, dachte Angel.
Der schmale Pfad führte durch eine hohe Wiese. Zwischen den in der Hitze vertrockneten Gräsern spross neues Grün. Hier und da eine späte purpurrote Sulla inmitten eines Meeres rosiger Kleeblüten, denen ein honigsüßer Duft entströmte. Rechts von der Hütte … eher ein winziges rustikales Häuschen aus Stein … wuchs eine niedrige Hecke aus hellrot blühendem Oleander. Links eine Pinie, deren Schatten auf den Eingang fiel. Hinter dem Haus wucherte ein breiter Streifen Unterholz. Ihm folgten Hügel, Täler, bereits abgemähte Felder. Dazu ein weiter Blick von der Anhöhe Richtung Meer. Paradiesisch. Nichts anderes fiel Angel dazu ein. Natürlich nur zur warmen Jahreszeit. Im Winter musste es hier eisig sein. Wenn sich die Tramontana von den Apuanischen Alpen herabstürzt.
Angel ging langsam auf die Eingangstür zu. Unter der Oleanderhecke entdeckte sie einen Brunnen mit einer teils verrosteten Pumpe. Vorsichtig bewegte sie den Schwengel. Ein Wasserstrahl spritzte hervor und vertrieb die Eidechse, die sich auf einem warmen Stein gesonnt hatte. Angel tauchte die Hand in das Nass, benetzte Arme, Hals und Stirn. Holte dann Luft und drückte auf die Klinke. Die Tür war nicht verschlossen.
Drinnen war es dunkel. Licht flirrte nur durch Ritzen in den Fensterläden. Tanzte als flimmernde Partikel durch den Raum. Angel bewegte sich in ihnen auf das Fenster zu. Ertastete den Knauf, drehte ihn, öffnete die Scheiben und stieß vorsichtig die Läden auf. Dann wandte sie sich um und blickte in den schlagartig lichtdurchtränkten Raum. Ein langer alter Holztisch. Ein Stuhl. Ein Sessel neben dem von vielen Feuern geschwärzten Kamin. Ein schmales Bett. Schmiedeeisen. Davor eine abgenutzte Matte, aus Stroh geflochten. Ein schmächtiger Bauernschrank, bemalt mit Rosen. Und an den einstmals weiß gekalkten Wänden Blätter mit Zeichnungen. Ein Blatt neben dem anderen. Auf dem Tisch Skizzenblöcke. Alben. Stapel von Zeichenbüchern. Zusammengeklappt. Aufgeschlagen. Zu Ziehharmonikas auseinandergefaltet.
Angels Herz begann zu klopfen. Sie machte einen Schritt auf die Zeichnungen zu. Studien über Studien. Rötel, Kohle, Sepia. Feder, Tinte, Blei. Der kleine Raum war über und über bevölkert. Mit den Figuren des Rosso Fiorentino.
Angel wurde schwindlig. Alles drehte sich vor ihren Augen, ein Wirbel aus Gestalten, Stimmen, Gesten, Lächeln, Wind und Licht.
Als sie zu sich kam, lag sie mitten im Raum auf den Dielen. Ein kleiner struppiger Hund leckte ihr übers Gesicht. Ihre Augen begegneten den seinen. Er stutzte und verschwand durch die Tür, die einen Spaltbreit offen stand.
Angel setzte sich auf und rieb ihren schmerzenden Hinterkopf. Der Raum hatte aufgehört, sich zu drehen. Jetzt roch sie den Geruch von Zedernholz, der sacht in der Luft hing. Langsam kam sie wieder auf die Beine. Sie wanderte die Wände ab.
Motive aus Rossos Kreuzabnahme. Nichts anderes. Das ganze Personal. Skizzen zu den Frauen, ihren Haltungen und Gewändern. Studien zu den stützenden, tragenden Armen der Männer. Zu ihren muskulösen Beinen, den tuchumschlungenen Hüften, den kräftigen Körpern. Umrissene, hingeworfene, sorgfältig studierte Bewegungen. Köpfe, aus jeder Perspektive. Der bärtige Alte, der Diabolische, das Kind. Die Frau, die aus dem Bild herausblickt. Blätter, die nur Hände zeigten. Wie sie sich festklammerten, wie sie suchend durch die Luft fuhren, entschieden auf etwas hinwiesen. Die Hände des Rosso, vor seinem Gesicht, die Finger verschränkt. Winzige Figürchen mit Federbüschen, im Ausfallschritt.
Wie oft, wie lange, dachte Angel, musste er vor dem Bild gesessen haben, der Eremo, der Tote aus der Balze. Warum hatte sie ihn nie gesehen. War ihm nie in der Pinakothek begegnet. Er schien das Bild förmlich in sich eingesogen zu haben. Und musste selbst ein Zeichner oder Maler sein. Gewesen sein. Das waren keine Studien eines Laien. Es schien, fuhr es ihr durch den Kopf, als sei er schier versunken. In diesem Bild. Und doch war alles nichts gegen das, was Angel auf dem Tisch entdeckte. Die Studien zum Johannes, zum Christus, die Alben, Blöcke, Bücher füllten, dicht an dicht.
Angel durchblätterte jeden Block. Öffnete ein Buch nach dem anderen. Wie verzaubert. Schulterrundungen und Arme. Hände, muskulös, dann wieder mädchenhaft und zart, beinahe zerflossen. Kraftvolle Oberschenkel. Knie. Füße, voller Leben. Als würden sie davonspringen wollen. Locken, rötlich, orangerot. Augen, halb geschlossen. Lider, hinter denen die Pupillen schimmerten. Münder. Lippen. Lächeln. Ein tausendfaches Lächeln. Es füllte die Seiten der Bücher, wie es offenbar den Geist des Eremo erfüllt hatte. Eine Obsession. Angel war in die Werkstatt einer Obsession geraten.
Sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, in einen Spiegel zu blicken. Wer spiegelte sich hier in wem. Wie ein exotischer Vogel zog ein Bild durch ihren Kopf, traf auf ihr desorientiertes Denken. Ein Liebender, der den Geliebten wie in einem Spiegel anschaute, ohne zu wissen, dass er in ihm sich selbst beschaute. Wer war hier wer.
Behutsam klappte sie die Alben zu. Faltete die Ziehharmonikas zusammen. Stapelte die Bücher aufeinander. Schob das Fläschchen mit der roten Flüssigkeit … ein Lack vielleicht oder ein Likör … das sie beiseite gestellt hatte, um keines der Blätter zu beschmutzen, an seinen Platz zurück. Alles sollte so sein wie zuvor. Ganz unbedacht und ahnungslos, doch wie angezogen von etwas, das sie sich nicht erklären konnte, hatte sie ein Heiligtum betreten. Fast schämte sie sich, in das Reich des Unbekannten eingedrungen zu sein. Sie schloss die Läden, das Fenster. Verließ auf Zehenspitzen den nun wieder dunklen Raum und zog die Tür hinter sich zu.
Die Sonne stand noch ziemlich hoch am Himmel, als sie sich auf dem Pfad wiederfand, inmitten der Wiese. Und doch … sie hatte das Gefühl, als sei sie Jahre unterwegs gewesen. Eine Zeitreise. Es konnte aber nicht später sein als sieben. Ein leichter Wind fuhr durch ihr Haar, als sie sich auf den Weg nach oben machte. Sie blies sich eine feuchte Strähne aus der Stirn. Sie hätte zerspringen mögen und wusste nicht, ob vor Aufregung, Bangigkeit, Schauder oder Glück. Durch den dünnen Stoff ertastete ihre Hand das kleine Skizzenbuch in der Tasche ihrer Shorts. Sie hätte es nicht tun sollen. Sie hätte alles sich selbst überlassen sollen. Aber etwas war stärker gewesen. Sie hatte es in ihre Tasche gleiten lassen, hatte es mitnehmen müssen. Sie fing an zu laufen. Sie rannte schnell, immer schneller, die Straße hinauf zum Schotterplatz. Atemlos, keuchend kam sie oben an.
»Trainierst du für einen Marathon?«, rief der Schreiner, als er sie erblickte, hochrot im Gesicht. »Da hast du noch was vor dir.«
Angel warf ihm ein Lächeln zu. Er lächelte zurück, beobachtete, wie sie den Panda wendete und sah ihr nach, als sie vom Schotterplatz hinab und in die Via Pisana bog. Dann wandte er sich wieder seinen Stühlen unter dem Wellblechdach zu, die von der Abendsonne mit einer rötlichgrünen Patina überzogen wurden. Dies eine Bein da würde er noch richten, dachte er, griff nach Beitel und Holzleim und begann, sich auf den ersten kühlen Schluck zu freuen.
Von der Anschlagtafel am Stadion, das Angel passierte, sprang ihr die schlichte Anzeige ins Auge. Sie hielt an, beugte sich aus dem Fenster und las … Unser Mitbürger (genannt) EREMO hat seiner Reise auf Erden ein Ende gemacht. Die Beisetzung findet morgen, 15 Uhr, in aller Stille auf dem kommunalen Friedhof statt …
9
Die Mondsichel war schon seit geraumer Zeit verschwunden, doch Angel konnte sich noch nicht von der lauen Nacht trennen. Sie lauschte dem Konzert der Grillen und Frösche und dachte nach. Das heißt, sie versuchte leidlich Ordnung in den Wirbel ihrer Gedanken zu bringen.
Was mochte diesen Menschen, den Eremo, den Toten, bewogen haben, sich an dieses Bild zu binden. Was mochte ihn derart erschüttert haben. War es ein Trug, den er für Wirklichkeit genommen hatte. In welches Labyrinth war er geraten. Von welcher Euphorie getrieben, welchem Wahn erlegen. Faszination in jedem Fall. Das konnte sie verstehen. Ihr ging es kaum anders. Aber wohin hatte ihn das geführt. Lass dich von dem, was nicht zu erkennen ist, an der Hand führen … fast schien es ihr, als spräche eine Stimme aus dem Äther. Wer hatte das gesagt … Und finde Formen und Fragmente aus einer lange vergangenen Zeit wieder, die erklären, was dir an Unsagbarem zustößt.
Jetzt, ja, erinnerte sie sich. Auch der Freund, der ihr diese Sätze anvertraut hatte, war ein Maler gewesen. Auch er war in einem Bild versunken. Der Anfang einer Metamorphose, so hatte er es ihr damals beschrieben … vor einer Zeit, die ihr in dieser Nacht als halbe Ewigkeit erschien und zugleich wie gestern … die Hälfte seines Lebens hatte sie in Anspruch genommen. Wenn es gelänge … er pflegte laut zu denken … diese Erfahrung in ihrer wahren Realität zu erklären, das heißt in der Gesamtheit ihrer geistigen und körperlichen Vorgänge, dann wäre es, als würde man sich selbst, wach und denkend, an einem seiner eigenen Träume teilhaben lassen.
Vielleicht hatte sich der Eremo in einem solchen Traum verloren. Nach welcher Hand hatte er gegriffen, im Nebel. War er einer Liebe erlegen, einer Sehnsucht oder womöglich einem Erschrecken … beim Gedanken an das Furchtbare in Gestalt einer absichtsvollen Täuschung, eines trügerischen Scheins. Oder waren es wirklich nichts als Skizzen, Studien, um die mannigfachen Schichten eines atemberaubenden Bildes zu begreifen.
Vielleicht war sie es ja, die sich verrannte. Aber das Lächeln. Sie kam nicht darüber weg. Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zu den Sternen. Schwan, Großer Wagen, Kassiopeia … herrliche Sterne … tot können wir euch nicht mehr sehen …
Das ist doch mehr als schade, dachte sie und nahm einen Schluck Rotwein. Madonnino del Chianti. Manuele hatte ihr beim Hinausgehen eine Flasche in die Hand gedrückt. »Hier. Trink auf ihn.« Und noch gerufen, da war sie schon in der Tür: »Wenn er dir gefällt … ich kann dir gern ein paar Kisten davon bestellen!«
Wann beginnt man, an den Tod zu denken … nein, nicht an den Tod im Allgemeinen, an den eigenen … hatte ihr Freund, der Maler, damals gefragt.
Eine Sternschnuppe glitt durch den Himmel. Ein dünner Feuerschweif. Die erste Laurentiusträne. Laurentius, dachte Angel, während sie das kurze Nachglühen zu verfolgen suchte, war nicht er es gewesen, der den Schatz der Kirche an die Gemeinde verteilt hatte, an Arme, Kranke und Bedürftige. Wofür man ihn auf einem glühenden Eisenrost zu Tode quälte. Seither fallen seine brennenden Tränen vom Himmel. Sie reiten auf den Perseiden, einem Strom von Meteoren, und versprühen sich über uns. Am eindrucksvollsten ohne Mond. Das schönste Feuerwerk in den finstersten Nächten. Wie viel muss er noch weinen, dachte sie, bis ein Brand daraus wird. Der genügend Herzen entzündet, um …
Ein Schatten tobte durchs Gebüsch, und Angel fuhr zusammen. Kein Wildschwein, nein, der Kater. Zwischen den Zähnen eine kleine Maus. Er bemerkte Angel, schien sich zu wundern, sie zu dieser Nachtzeit hier draußen anzutreffen, wollte schon weiterlaufen, besann sich, machte kehrt und legte ihr die Maus vor die Füße. »Kein Dank, ist doch selbstverständlich«, schien seine Haltung auszudrücken, und schon war er wieder fort.
Ein Geschenk nach dem anderen, und … welch ein Jäger, dachte Angel. Da heißt es immer, Kater würden das Jagen den Katzen überlassen. Hier schien der Fall anders zu liegen. Wenn Whitehall einen Chief Mouser beschäftigt, dann bist du ab jetzt der Capo Cacciatore von Collina, Kater.
Die Maus zuckte noch. Angel nahm sie vorsichtig vom Boden auf und hielt sie in den Kerzenschein. Eine dunkelgraue Feldmaus mit spitzer Schnauze und kleinen runden Ohren. Sie fuhr mit dem Finger über das weiche Rückenfell. Die Maus tat einen letzten Atemzug. Angel bettete sie unter die Hecke, bedeckte sie mit ein paar trockenen Blättern, seufzte, blies die Kerze aus und ging hinein. Am östlichen Horizont zeigte sich bereits ein zarter Lichtstreif, als sie in bewegte Träume fiel.
Бесплатный фрагмент закончился.
