Читать книгу: «Mein Sprung in ein neues Leben»

Шрифт:


Kira Grünberg:

Mein Sprung in ein neues Leben

Alle Rechte vorbehalten

© 2016 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: JaeHee Lee

Gestaltung: Sophie Gudenus

1 2 3 4 5 — 19 18 17 16

ISBN 978-3-99001-188-1

Inhalt

Vorwort

War’s das?

Quantensprünge

Einfach nur am Leben bleiben

In guten Händen

Gegen den Strom

Ich lebe nicht mehr, ich werde gelebt.

Zielgerade

Home, Sweet Home

In meinem Kopf gehe ich den ganzen Tag

Vorwort
von Robert Harting

Als mich die Horrormeldung von Kira Grünbergs Unfall erreichte, saß der Schock tief. Auch wenn ich sie zu diesem Zeitpunkt nicht persönlich kannte, ihr Name war mir ein Begriff. Stabhochspringerin, jung, aufstrebend, mit viel Potenzial. Eines der wenigen österreichischen Talente von internationalem Format.

Ich versuchte mir vorzustellen, was ein derartiger Schicksalsschlag für diese junge Athletin bedeutete. Was er für mich selbst bedeuten würde. Eingeschränkte Lebensqualität, völlig andere Prioritäten, ein Leben, das von Grund auf neu strukturiert und organisiert werden muss. Die gesamte Tragweite einer solchen Verlustsituation kann man trotzdem nur schwer erfassen, wenn man nicht direkt betroffen ist.

Ein wenig verunsichert war ich schon, als ich am 27. August 2015 im Rehazentrum Bad Häring vor der Tür von Zimmer 207 stand. Ich hatte keine Sekunde gezögert, Kiras Wunsch nach einem persönlichen Kennenlernen nachzukommen. Aber was würde mich erwarten, vier Wochen nach diesem Unfall? Ich kannte die Pressemeldungen, die kämpferischen Statements. Aber das konnte auch geschönt, für die Öffentlichkeit zurechtgebogen worden sein. Kiras Manager, der mich vom Flughafen abgeholt hatte, dürfte meine Nervosität gespürt haben. „Keine Sorge, Kira fängt dich auf.“

Kurz darauf saß ich ihr gegenüber. Sie lag in ihrem Bett, hübsch zurechtgemacht, gut gelaunt. Und fing mich tatsächlich von der ersten Sekunde an auf. Ohne viele Worte, einfach mit ihrer Ausgeglichenheit, ihrer Natürlichkeit. Meine anfängliche Unsicherheit wich schnell der Überzeugung, dass sich hier zwei getroffen hatten, die auf einer Wellenlänge waren. Wir brauchten keine Aufwärmphase, wussten, wovon der jeweils andere sprach, wenn wir über Hindernisse diskutierten, mit denen wir in unserer Karriere konfrontiert gewesen waren, über Sportinstitutionen und ihre Defizite, über Sportfunktionäre und ihre Selbstherrlichkeit. Und es dauerte nicht lange, um zu erkennen, dass zwischen Kira und ihre Außendarstellung kein Blatt Papier passte. Authentischer ging gar nicht.

Je länger ich mich mit ihr austauschte, desto bewusster wurde mir, dass Kira und ich offenbar sehr ähnlich tickten. Gerade was das Verarbeiten von Rückschlägen, was das Wegstecken von Verletzungen anbelangte. Nun lassen sich ihr Wirbelbruch samt Rückenmarksquetschung und mein im September 2014 erlittener Kreuzbandriss in ihrer medizinischen Dimension überhaupt nicht vergleichen. Das psychologische Momentum vielleicht schon eher. Wie viele andere bin auch ich damals auf dem Boden gelegen, hielt mir das Knie und schrie wie ein Irrer. Aber nach 30 Sekunden brachte ich die mentale Energie auf, zu sagen: „Es ist jetzt so, aber es wird nicht das Ende sein. Du kriegst das wieder hin.“ Ich denke, auch Kira gelang es zu einem sehr frühen Zeitpunkt, die Bedrohung in eine Herausforderung zu verwandeln. Davon bin ich überzeugt – so reflektiert, durchdacht und professionell, wie sie über ihr Schicksal spricht .

Schwere Verletzungen haben immer etwas mit Identitätsverlust zu tun. Wenn sich die Amplitude der Gefühle eingependelt hat, beginnt die Suche nach dem neuen Ich, während das alte darum kämpft, die frühere Identität aufrechtzuerhalten. Ich habe es so erlebt, als würde ich im Meer schwimmen, den Strand aber nie erreichen. Meine Entscheidungsfähigkeit war völlig abhandengekommen. Heute steht für mich außer Frage: Du kommst nach einer Verletzung nie als der Alte zurück, du bist immer jemand Neuer. Wer du sein wirst, bestimmst aber du selbst.

Kira hat diese Entscheidung längst getroffen. Sie ist nicht die „Querschnittsgelähmte“, nicht die „Sportlerin mit dem schlimmen Unfall“, mit der man Mitleid haben muss. Sie ist das Vorbild, das ihr Schicksal annimmt und aus den Fragmenten ihres früheren Daseins ein neues, tolles Leben bastelt. Das ist, wofür sie die Menschen zu Recht bewundern. Ich traue ihr zu, ein Role Model für all jene zu werden, die sich einer Bedrohung dieser Art ausgesetzt sehen. Weil sie in überzeugender Manier demonstriert, wie man sich dieser Bedrohung stellt und sie zu beherrschen lernt. Nach dem Motto: „Das ist mein Schicksal. Und jetzt passt mal auf, was ich daraus mache.“ Auch wenn das nach außen mühelos aussieht – es bleibt ein beeindruckender mentaler Kraftakt.

Ich empfand unser Treffen als außerordentlich inspirierend. Auch das Zusammentreffen mit ihrer Familie. Man spürte dieses perfekte Teamwork mit klar verteilten Rollen und Aufgaben, mit einem klar vorgegebenen Ziel: Kira ein selbstständiges, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Ich werde Kiras Weg immer im Auge behalten, mich bei jedem ihrer kleinen und größeren Siege mitfreuen und hoffe, dass viele, die gefährdet sind, sich ihrem Schicksal zu ergeben, ihrem leuchtenden Vorbild folgen. #staystrongkira


Robert Harting, geboren am 18.10.1984, ist Olympiasieger, dreifacher Welt- und zweifacher Europameister im Diskuswerfen. Seine Bestleistung liegt bei 70,66 Metern. Nach einem Kreuzbandriss feierte der deutsche „Sportler des Jahres“ 2012–2014 im Februar 2016 ein Comeback.

War’s das?

Hinter der Tür wartet das große, schwarze Loch. Bedrückend und ein wenig bedrohlich. Stickig heiß im Sommer, kalt und zugig im Winter. Heimstätte für Spinnen und anderes Getier. Kein Ort, an dem man länger als unbedingt nötig verweilen möchte. Aber so sind alte Dachböden nun mal. Auf unserem lehnen, unter all dem Gerümpel, von dem niemand so genau zu sagen vermag, warum es hier und nicht auf irgendeiner Mülldeponie vor sich hin gammelt, in einer dunklen Ecke zwei Krücken. Wir nennen sie ehrfurchtsvoll „die Familienkrücken“.

Meine Mutter Karin ist als Erste mit ihnen durch die Gegend gehumpelt. Vor gut und gern zwölf Jahren, nachdem sich ihre Achillessehne beim Sprinttraining mit einem lauten Schnalzer verabschiedet hatte. Seither mussten die Gehbehelfe für meinen Opa (Knieersatzgelenk) und meine Schwester Brit herhalten. Ab 15. Juli 2015 war schließlich ich für vier Tage die Nutznießerin. Weil mich, so wie Brit bereits dreimal, ein lädiertes Außenband im oberen Sprunggelenk zur Schonung nötigte.

Das Malheur war bei der Hürdengymnastik passiert, eine Übungsfolge, bei der man die Hindernisse eng aneinanderreiht und sie mit raumgreifenden Schritten aus dem Stand überwindet. Der Schmerz, als ich mit der Außenkante des rechten Fußes über die Hürde rollte, verhieß nichts Gutes. Zumal auch das Eintauchen in einen Kübel mit kaltem Wasser keine Linderung brachte. Ich war auf die Diagnose „Bänderriss“ gefasst, als ich in der Praxis von Dr. Christian Hoser, meinem langjährigen medizinischen Begleiter, Freund der Familie und sogar zeitweiligen Trainingspartner (der Masters-Mehrkämpfer überwindet mit dem Stab Höhen von vier Metern!) vorstellig wurde. Ein Röntgenbild und eine Ultraschalluntersuchung später war es ärgerliche Gewissheit: Ligamentum fibulotalare anterius gerissen, Ligamentum fibulocalcaneare eingerissen. Klingt unheilvoll, war es auch.

Von der Leichtathletik-WM im Olympiastadion von Peking trennten mich nur noch sechs, vom Limitschluss nur mehr vier Wochen. Anspruchsvolle 4,50 Meter hatte der Internationale Leichtathletikverband IAAF als Richtmarke festgesetzt, fünf Zentimeter über meiner Anfang März in Prag erzielten Bestleistung. Das versetzte mich keineswegs in Panik. Ich hatte die Leistungen der internationalen Konkurrenz stets im Auge behalten, war mir sicher, dass man am Ende auf mich als erste oder zweite Nachrückerin zurückgreifen würde, um das angepeilte Feld von 30 Athleten aufzufüllen. Ich aber wollte mich aus eigener Kraft qualifizieren und das idente Olympialimit gleich mit abhaken.

Also switchte ich noch am gleichen Tag in den Therapiemodus, ließ mir von Dr. Hoser eine Schiene verpassen – eine kleinere für untertags, eine größere für die Nachtlagerung – und wählte die Nummer des Physiotherapeuten meines Vertrauens. Klaus Ullmann hatte meine müden Knochen, Muskeln und Sehnen noch jedes Mal auf Vordermann gebracht, und das von meinem 14. Lebensjahr an. Er ließ mich auch diesmal nicht hängen, beorderte mich zwecks Akutbehandlung an dem gleichen Abend zu einem Gasthof in Rum, wo er einen Teil des Skisprung-Nationalteams um sich geschart hatte. Die Lymphdrainagen an diesem und dem nächsten Tag sorgten dafür, dass die Schwellung keine allzu imposanten Ausmaße annahm.

Den Rest besorgten die Sporttherapie Huber in Rum, die sich des Stabilisationstrainings annahm – und ich. Bei jeder Gelegenheit lagerte ich die Beine hoch, pappte Topfen auf die schmerzenden Körperstellen, schmierte Salben drauf, legte Verbände an. Und veranlasste meinen Vater Frithjof, unseren 5,5 mal 2,5 m kleinen Pool mit Wasser zu befüllen. Für meine nächste Therapieeinheit: Aquapaddling, auf der Luftmatratze liegend, während mir die Sonne auf den Rücken schien. So eine Zwangspause hatte zweifellos auch ihre guten Seiten. Zumal sich ihr Ende früher ankündigte als befürchtet. Vielleicht lag es an den netten Genesungswünschen, die mir das österreichische Team von der Leichtathletik-U20-EM im schwedischen Eskilstuna übermittelt hatte. Die Botschaft blieb für zwei Wochen der letzte Eintrag in meiner Facebook-Aktivitätenliste. Und sie war nicht schlecht gewählt:ihrer zeitlosen Aktualität wegen.

An diesem 18. Juli, drei Tage nach dem Bänderriss, entledigte ich mich der „Familienkrücken“, ließ sie vorsichtshalber aber noch nicht in dem schwarzen Loch hinter der Dachbodentür verschwinden. Meinem Manager Tom Herzog schickte ich als Beweis meiner zurückkehrenden Fitness ein Selfie-Video, das meine Füße zeigte, wie sie sich ohne jede Unsicherheit, ohne jedes Wackeln Schritt für Schritt vorwärts bewegten. Mussten sie auch, denn ein paar Stunden später waren sie einer beachtlichen Belastungsprobe ausgesetzt. Wir hatten Papa zum 57er eine Paintball-Session geschenkt, die es einen Tag nach dem Geburtstag einzulösen galt. Dr. Hoser hatte mir für den Spaß grünes Licht gegeben. „Solange du die Schiene trägst und nur robbst, sollte es kein Problem geben.“ Die Schiene habe ich artig getragen, und gerobbt bin ich auch. Ab und zu zumindest. Und überhaupt: Das Band war ohnehin schon gerissen. Was sollte denn noch Schlimmeres passieren?

Der Zustand des Sprunggelenks verbesserte sich trotzdem stetig, und exakt eine Woche nach dem Fehltritt wagte ich mich wieder in die WUB-Trainingshalle in Innsbruck. Das Krafttraining für den Oberkörper hatte ich ohnehin nie unterbrochen, jetzt aber schreckte ich, geschützt durch eine schnittige Aircast-Schiene, auch vor ersten Trainingssprüngen nicht zurück. Von einem Sprungkasten zwar, aber immerhin. Der ersparte mir die Belastung des Anlaufs, denn die zwei Schritte reichen problemlos, um viele technische Komponenten des Sprunges durchzuspielen. Am übernächsten Tag, dem 24. Juli, war ich noch ein wenig kecker, ließ die Schiene Schiene sein und bestritt das Training lediglich mit einem getapten Sprunggelenk. Auch diese Belastungsprobe verlief zu meiner vollsten Zufriedenheit. Worauf ich einen weiteren Tag später auf den Kasten verzichtete und meinem rekonvaleszenten Bein den Anlauf auf dem Betonboden mit aufgelegten Tartan-Läufern zumutete. Nicht die vollen 16 Schritte, wie ich sie seit dieser Saison zwecks Geschwindigkeitsmaximierung in Wettkämpfen praktizierte, aber zumindest die Hälfte. Und zwei Tage später schon zwei Drittel. Üblicherweise beinhaltete mein Trainingsprogramm nur zwei Stabeinheiten pro Woche, doch nach dem Bänderriss galt es, verlorenes Terrain zurückzuerobern, das richtige Gefühl aufzubauen. Meine Taktik schien zu greifen, die Sprünge fühlten sich jedenfalls richtig vielversprechend an, und so war meine Entscheidung alsbald in Stein gemeißelt. Die Union Leichtathletik Gala am 1. August auf der Linzer Gugl sollte Schauplatz meines Comebacks, im Idealfall meines erfolgreichen Limitversuches sein. Kein schlechter Boden für mich, hatte ich doch dort 2014 den österreichischen Freiluftrekord zwischenzeitlich auf 4,41 Meter geschraubt.

An meiner unmittelbaren Wettkampfvorbereitung hatte ich über viele Jahre herumexperimentiert, bis sich schlussendlich ein ganz simples Timing als für mich am zweckmäßigsten herauskristallisiert hatte: drei Tage vor dem Tag X das letzte Training, rund 24 Stunden davor eine kurze Krafteinheit, um den Muskeltonus und damit die nötige Spritzigkeit für den Ernstfall aufzubauen. So wollte ich es auch diesmal wieder handhaben – bis mir mein Vater per Anruf eröffnete, berufsbedingt einen Tag länger in der Schweiz bleiben zu müssen. Ein unbedeutendes Detail, wäre mir Papa nicht mein ganzes Stabhochsprungleben lang als Coach zur Seite gestanden. Das Abschlusstraining ohne ihn zu bestreiten kam so gar nicht infrage. Es musste also am Morgen des 30. anstatt des 29. Juli über die Bühne gehen. Keine große Affäre, ich war erfahren und selbstsicher genug, um mich von so einer kleinen außerplanmäßigen Änderung nicht ansatzweise aus der Ruhe bringen zu lassen. Wir waren schon viele Male von meinem bevorzugten Timing abgewichen – wetterbedingt zum Beispiel, oder weil wir sehr spät am Wettkampfort angekommen waren, ich aber noch die Stabhochsprunganlage austesten wollte.

Der Tag, der mein Leben so tiefgreifend und nachhaltig verändern sollte, begann denkbar unspektakulär. Wie üblich riss mich mein Wecker um 6.15 Uhr aus einem tiefen, ungestörten Schlaf, in den 55 Minuten bis zum Verlassen des Hauses galt es, die Trainingstasche zu packen, Morgentoilette, Frühstück (wie so oft Hirse mit Obst und Nüssen) und einen kurzen Check, was der befreundete Teil der Welt über Nacht so alles auf Facebook abgesondert hatte, unterzubringen. Mein erster Weg führte mich zum mittlerweile sechsten Mal seit dem Außenbandriss zur Sporttherapie Huber, wo die für mich zuständige Physiotherapeutin bereits in den Startlöchern scharrte. Auf dem Weg zu ihr hatte ich mich bei meiner Dienststelle, dem Heeres-Leistungssportzentrum 06, gemeldet. Vizeleutnant Walter Hechenberger, der Kommandant des HLSZ in Innsbruck, schätzte es über alle Maßen, die zu genehmigende telefonische Standeskontrolle zwischen 7.45 und 8.00 Uhr entgegenzunehmen.

Als ich das Therapiezentrum in Rum Richtung Innsbruck verließ, kündigte sich ein eher unfreundlicher, windiger Julitag an, der kälteste in diesem Jahrhundertsommer 2015. Eine undurchdringliche Wolkenschicht hing schwer über dem Inntal, kein Wunder, dass sich auch die Temperatur nicht aus der Reserve locken ließ. Nicht einmal über die 15-Grad-Grenze. Früher hätte ich mich auf eine erfrischende Trainingseinheit auf dem Sport-Campus der Universität Innsbruck einstellen müssen, doch seit 2013 stand uns Leichtathleten mit der WUB-Halle (auf dem Areal der früheren Wagnerschen Universitäts-Druckerei) eine provisorische, aber durchaus passable Indoor-Homebase zur Verfügung, die 2016 durch einen Neubau ersetzt wurde. Ich nützte die Möglichkeit weidlich aus, nicht nur bei Schlechtwetter. Die Halle steigerte signifikant die Trainingseffizienz. Keine abgebrochenen Sprungversuche wegen plötzlich auftretender Windböen, keine Ablenkung, kein aufwendiges Hin- und Hertransportieren des 20 Kilo schweren Trainingsequipments, zu dem auch mehrere der rund zwei Kilo schweren Stäbe gehörten. All das hatte ich in der Halle jederzeit griffbereit.

Als ich um 9.15 Uhr eintraf, herrschte in der Trainingsstätte erwartungsgemäß keinerlei Betrieb. Die Sportkollegen fanden sich zumeist erst nachmittags und abends ein, viele hatten ihre Wettkampfsaison ohnedies schon beendet, andere befanden sich bereits auf Urlaub. Störte mich nicht im Geringsten, ich fühlte mich fit, war motiviert, freute mich auf das Training und einen Nachmittag ohne jegliche Termine und Verpflichtungen. Fernsehen, Candy Crush auf dem Handy spielen, Müßiggang, die Batterien aufladen – so und nicht anders wäre der Tag vor der Abreise nach Linz in weiterer Folge verlaufen. Ich begann mit meinem Aufwärmprogramm: Dehnen, Laufübungen, Lauf-ABC. Letzteres beinhaltete unter anderem koordinative Übungen, seitliches Übersteigen, Skipping und Hopserläufe. Während des Warm-ups trudelten meine Eltern ein. Auch meine Mutter hatte längst einen fixen Part innerhalb des Teams eingenommen. Sie war während der Trainings für das Videomanagement zuständig, zeichnete jeden meiner Sprünge auf. Als Hilfestellung für unmittelbare Korrekturen und als Instrument profunder Analysen in der Nachbereitung. Papa wiederum konzentrierte sich zur Gänze auf die Trainingsgestaltung und die Ausführung meiner Versuche.

Am Beginn jeder Einheit stand ein Austausch hinsichtlich der abzuarbeitenden Trainingsinhalte. Papa hatte mich zu einer mündigen Athletin erzogen, die viel hinterfragte, die den Nutzen dieses oder jenes Elementes begreifen wollte. Und die auch mal zu diskutieren anfing, wenn ihr der tiefere Sinn dieser oder jener Übung verborgen blieb. An diesem 30. Juli gab es nichts zu diskutieren. Im Fokus stand, mich an die Wettkampfsprünge heranzutasten, ein positives Gefühl abzuspeichern, mich optimal vorzubereiten. Der Schlüssel dazu: ein paar gelungene Vorübungen. Ich begann mit vier Schritten Anlauf, verwendete dafür einen starren Stab, an dem man nach dem Absprung mehr oder minder nur dranhängt, landete wie geplant einmal auf den Füßen, einmal im Sitzen, einmal auf dem Rücken und einmal auf dem Bauch. Alles im grünen Bereich, keine Wiederholungen nötig. In der Folge war ausgemacht, nach jeweils zwei gut gelungenen Versuchen die Anlauflänge um vier Schritte zu erhöhen. Beginnend mit acht, dann zwölf, bis zu meiner damals maximalen Schrittzahl von 16.

Ich wählte einen weichen Stab, der sich auch mit nur acht Schritten vortrefflich biegen lässt, begann mit der Vorbereitung auf den Sprung, sprühte ein wenig Klebeharz auf die Hände, um mehr Grip zu erhalten, und richtete mir das Schweißband am linken Handgelenk, um die obligatorischen blauen Flecken zu vermeiden. Dann setzte ich mich in Bewegung. Ein letztes Mal.

Gleichzeitig drückte Mama die „Record“-Taste der Videokamera. Es war exakt 9.40 Uhr. Aufnahme lief. Etwa 15 Sekunden lang. Cut.

Ich habe das Unfallvideo mittlerweile sicherlich zehnoder zwölfmal gesehen. Selten mit Trauer oder Wehmut, viel öfter mit detektivischer Neugier, was um alles in der Welt bei diesem Sprung so derart schiefgelaufen ist. Ohne eine befriedigende Antwort erhalten zu haben. Das Video per se hinterlässt den Betrachter keineswegs schockiert. Zumindest wenn man den Ton ausgeschaltet lässt. Die Schreie, die ich nach dem Überqueren der Schnur in vier Meter Höhe und beim Aufprall auf dem Boden von mir gab, sind nicht jedermanns Sache. Es hört sich an, man möge mir den drastischen Vergleich nachsehen, als ob ein Schwein abgeschlachtet würde. Zu sehen aber sind nur Anlauf, Absprung, Flugphase – und dass ich nicht dort lande, wo ich hätte landen sollen. Im Einstichkasten nämlich und nicht auf der Matte. Dieser Einstichkasten jedoch ist durch die Seitenteile der Matte verdeckt. Ich verschwinde gewissermaßen spurlos darin. So wie sich meine ganze Sportkarriere, von ein paar nackten Zahlen in den Rekord- und Ergebnislisten abgesehen, in Sekundenbruchteilen in Nichts aufgelöst hat.

Es gibt Möglichkeiten zuhauf, einen Versuch vorzeitig abzubrechen. Indem man den Stab kurz vor dem Absprung wegwirft und durchläuft, wenn sich abzeichnet, dass die Anlauflänge nicht gepasst hat. Indem man nicht aufrollt, sich an den Stab klammert und loslässt, sobald man sich über der Matte befindet, wenn beim Absprung Unvorhergesehenes eintritt. Oder sich, wenn der Sprung weiter fortgeschritten ist, vom Stab in der Luft Richtung Matte abstößt. Ich machte von keiner dieser Optionen Gebrauch. Weil sich der Versuch beim Absprung gut angefühlt hatte. Erst in der Streckphase beschlich mich das Gefühl, dass es dem Sprung an Tiefe fehlen könnte. Aber abbrechen? Ich hatte bestimmt schon 50 Sprünge dieser Art im Laufe meiner Karriere ohne gravierende Blessuren überstanden. Weil man äußerst selten kerzengerade vertikal nach unten fällt, sich daher zumeist auf einen Seitenteil der Matte retten kann.

Gravierender Fehler lässt sich keiner feststellen, das bestätigte mir auch Weltrekordler Renaud Lavillenie, der mich in der Reha in Bad Häring besucht hat. Zumindest keiner, der diese Folgen erklärbar macht. Wenn überhaupt, dann hatten sich mehrere kleine Unzulänglichkeiten summiert. Vielleicht fehlte mir nach dem Bänderriss durch die verpassten Lauftrainings der letzten Tage noch eine Nuance zur gewohnten Geschwindigkeit, vielleicht hatte ich für diesen Speed um eine Spur zu hoch gegriffen, dem Stab beim Absprung zu wenig Energie gegeben, zu wenig mit den Armen, mit den Schultern gearbeitet. Und dennoch: Ich hatte die Schnur, die man im Training anstelle einer Latte verwendet, überquert, um dann, allen physikalischen Gesetzmäßigkeiten zum Trotz, im Flug die Richtung zu ändern. Als mir über der Schnur bewusst wurde, wohin die Reise gehen würde, war es für Korrekturen längst zu spät. Es schien, als würde mich eine geheimnisvolle Kraft von der Matte wegziehen.

Ein Bewegungsablauf aus dem Lehrbuch endet klarerweise auf dem Stabhochsprungkissen. Als Faustregel gilt: je weicher der Stab, desto weiter weg vom Einstichkasten erfolgt die Landung. Im Extremfall kommen die Fersen in ausgestreckter Rückenlage einen Meter von der Mattenkante entfernt zum Liegen. Bei der Verwendung von harten Stäben können die Beine bereits ab der Kniekehle von der Sprungmatte baumeln. Ich aber verfehlte bei meinem letzten Karrieresprung diese „Landebahn“ um 1,2 bis 2,2 Meter. Eine Welt.

Welche „Maßarbeit“ andererseits nötig war, in der Absprungzone zu liegen zu kommen, lässt ein Blick auf die Form derselben erahnen. Der 1,2 Meter lange, trapezförmige Einstichkasten aus Metall (wie in der WUB-Halle) oder Hartplastik weist an der dem Anlauf zugewandten Seite eine Breite von 60, an der der Matte zugewandten Seite eine solche von nur mehr 15 Zentimetern auf. Durch die Neigung des Innenlebens von 11,3 Grad findet sich am Ende des Einstichkastens auch der tiefste Punkt, 20 Zentimeter unterhalb der Oberkante. Er leitet den Athleten bzw. den Stab damit gewissermaßen zum idealen Absprungpunkt. Innen- und Außenmaße divergieren wegen der Aufbauten stark. Die Breite beträgt an der Außenkante 84 (Anlaufseite) bzw. 65 Zentimeter (Mattenseite). Mit einem Abstand von rund zehn Zentimetern zu den Seitenteilen der Matte ergibt sich ein an der engsten Stelle etwa 85 Zentimeter breites Loch, in das ich aus vier Meter Höhe zielsicher und krachend hineinstürzte. Nicht kopfüber, wie die ersten Medienberichte signalisierten, sondern, wie bei jedem geglückten Sprung auch, horizontal. Aber so unglücklich, dass ich mit dem fünften Halswirbel auf die vorderste Kante des Einstichkastens prallte, die das Rückenmark auf Höhe des sechsten Halswirbels massiv beschädigte. Die Kräfte, die bei einem Aufschlag auf einer Metallkante aus dieser Höhe frei werden, kann man sich ausmalen. Die Folgen, die eine ebensolche schwere Quetschung oder gar Durchtrennung des Rückenmarks auf Höhe des zweiten Halswirbels, zwei, drei Zentimeter weiter oben, nach sich gezogen hätte, ebenso. Fazit: Game over.

Mein Kopf ragte also über die Absprungvorrichtung hinaus, berührte vermutlich am Scheitel die Matte; Rumpf, Arme und Beine waren, da wo sie reinpassten, im 20 Zentimeter tiefer liegenden Einstichkasten positioniert; alles, was dort keinen Platz fand, ruhte auf den Aufbauten rundherum. Ein riesiger blauer Fleck Höhe der linken Niere zeugte von der Wucht des Aufpralls. In dieser misslichen Lage fanden mich meine Eltern, die von ihrer seitlichen Beobachterposition zur Unglücksstelle gesprintet kamen. Es ist schwer zu rekonstruieren, welche Gedanken in den Momenten nach dem Aufprall durch meinen Kopf rasten, aber ich nahm instinktiv wahr, dass mein Leben nach dem 30. Juli 2015 ein anderes sein würde als davor. Allem voran deuteten die gut spürbaren letzten Nervenzuckungen in meinen Beinen darauf hin. „War’s das?“, fragte ich meine Eltern, ohne heute zu wissen, was genau ich mit „das“ gemeint haben könnte. Die Karriere? Das Leben?

Mein Vater bedeutete mir, mich zunächst einmal gar nicht zu bewegen. Er machte sich daran, Kopf und Rücken zu stabilisieren, mich in eine annähernd horizontale Liegeposition zu bringen. Nachdem seine Kräfte nach ein paar Minuten zu schwinden begonnen hatten, gelang es meiner Mutter, mir Kleidungsstücke unterzuschieben, um meine Schultern zu entlasten, die auf dem harten Metall der Kastenumrandung lagen. Ich bat Mama, mir die Sportschuhe auszuziehen. Irgendwie hatte ich abgespeichert, dass das in solchen Situationen zu tun sei. Obwohl es für mich keinerlei Unterschied machte. „Bewege einmal deine Beine“, forderte mich Papa auf. „Bewegst du schon?“, frage er kurz darauf, und ich bejahte. „Gut machst du’s“, lobte er, aber ich sah nur allzu deutlich, dass sich meine Beine überhaupt nicht rührten. Jeder von uns wusste, was das zu bedeuten hatte, und ich artikulierte es auch. „Das kann’s doch nicht gewesen sein. Bin ich jetzt gelähmt?“ Meine Eltern redeten mir gut zu, und Papa entgegnete: „Sag doch so was nicht. Versuche doch mal, deine Arme zu bewegen!“ Ganz allmählich war ein leichtes Heben zu bemerken, das von der Schulter ausging. „Na bitte, die Arme funktionieren ja.“ Ich konnte seinen Optimismus nicht ganz teilen, hatte ich mir doch vorgenommen, eine Faust zu machen …

In meiner Erinnerung war ich diejenige, die Mama aufforderte, die Rettung anzurufen. Aber in der Hektik fiel uns die korrekte Notrufnummer nicht ein. „Ruf halt 133, irgendwer wird schon abheben“, hoffte ich. Wie nicht anders zu erwarten, landete meine Mutter beim Polizeinotruf, der die wichtigsten Daten aufnahm und ihr die Nummer der Rettung mitteilte. Die war bereits informiert, als Mama den Sachverhalt durchgeben wollte, und wies sie nur mehr an, sich außerhalb der Halle zu postieren, um den Einsatzkräften den Weg zur günstigsten Zufahrt zu zeigen. „Sie sollen sich beeilen“, gab ich den Einsatzkräften mit auf den Weg, die sich nicht lange bitten ließen. Sieben Minuten später rollten zwei Kranken- und ein Notarztwagen in die Leichtathletikhalle. Noch schneller war nur die Polizei an Ort und Stelle gewesen.

In Ausnahmesituationen wie dieser funktioniert man wie ein Roboter, hinterfragt nicht viel. Möglich, dass meine Mutter dem Wunsch der Beamten sonst nicht nachgekommen wäre, das Video von meinem Unglückssprung vorzuführen, während die Rettungsleute alle Hände voll zu tun hatten, mich aus dem Einstichkasten zu bergen. Die Amtshandlung gipfelte nach einer kurzen Befragung, ob zum Zeitpunkt des Unglücks weitere Personen anwesend waren, in der Erkenntnis, dass nach derzeitigem Ermittlungsstand ein Fremdverschulden nicht sehr wahrscheinlich war. Da waren Freude und Erleichterung natürlich groß.

Auch bei den Rettungskräften musste alles seine Ordnung haben. Auf Nachfrage ratterte ich anstandslos meine Versicherungsnummer herunter, nur die e-card hatte ich nicht griffbereit. Die war sicher in der Geldtasche in meinem Auto verwahrt, von wo sie Mama umgehend herbeischaffte. Ich kann mich an keinen Moment aufkommender Panik erinnern, sehr wohl aber an die Frage, die ich an mich selbst richtete: „Wie wird mein Leben jetzt wohl weitergehen?“ Ich vergoss auch keine Tränen, glaube aber, dass man in solchen Momenten viel zu sehr damit beschäftigt ist, einfach am Leben zu bleiben. Denn selbiges hing, ohne dass ich es wusste, an einem seidenen Faden. Oder eigentlich an zwei. Denn von den vier Arterien, die das Gehirn mit Blut versorgen, pumpten zu diesem Zeitpunkt nur mehr die beiden Arteriae carotides internae, die inneren Halsschlagadern. Die zwei Arteriae vertebrales (Wirbelarterien) hingegen waren durch den Aufprall gequetscht und abgeklemmt worden. Eine Schmalspurversorgung, die im schlimmsten Fall zum Hirntod führen kann. Doch auch die plötzliche Öffnung einer der Wirbelarterien hätte mich in akute Gefahr bringen können. Das Eindringen eines Blutpfropfens ins Gehirn löst im Normalfall einen Schlaganfall aus.

Gut, dass ich von diesen Szenarien erst viel später erfuhr – am Beginn der Rehabilitation. Und deswegen die längste Zeit blutverdünnende Mittel verschrieben bekam. Ich wäre im Lauf des Rettungseinsatzes wohl noch ein bisschen angespannter gewesen, hätte auch nicht die Muße gehabt, der Konversation meiner Mutter mit der Notärztin zu lauschen. Die nette Medizinerin berichtete, mich aus der Zeitung zu kennen, erst unlängst einen Artikel über mich gelesen zu haben. Und dass es ihr leidtäte, mich unter solchen Umständen wiederzusehen. Mir auch, das konnte sie mir glauben. Ein Sanitäter verpasste mir eine Plastik-Halskrause, die Notärztin legte mir einen Zugang zur Vene, über den mir, so vermutete ich zumindest, Beruhigungs- und Schmerzmittel gespritzt wurden. Prophylaktisch eher, denn von Schmerzen war ich keineswegs geplagt. Wie denn auch, wenn man vom Hals abwärts nichts spürt?

Was ich aber sehr wohl als äußerst unangenehm empfand, war dieses Kribbeln auf der Haut meiner Arme, das sich bei jeder Berührung verschlimmerte. Zum ersten Mal fiel mir diese Wahrnehmung auf, als mich Mama kurz nach dem Unfall streichelte, um mir gut zuzureden, mir Mut zu machen. Es fühlte sich an, als würden Ameisen über meine Arme laufen, als würde meine Haut regelrecht explodieren. Die Empfindung blieb für die nächsten zwei Wochen meine unliebsame Begleiterin.

Für die sieben Sanitäter entpuppte sich die Bergung als ganz schön schwierige Übung. Die für derartige Fälle vorgesehene ausklappbare Liege erwies sich im Einstichkasten als unbrauchbar, die Matten links und rechts verhinderten, dass sie zur Entfaltung kam. Rund 15 Minuten dauerten die Versuche, mich aus meiner Notlage zu befreien und in den Krankenwagen zu hieven. Am Ende trugen mich die Rettungskräfte buchstäblich auf Händen. Als alles verstaut war und dem Abtransport nichts mehr im Wege stand, bemerkte ich, dass Clemens von meiner Seite gewichen war. So hieß jener Sanitäter, der Papa als meine „Kopfstütze“ abgelöst hatte. Zu ihm hatte ich in den vergangenen Minuten scheinbar eine Art Vertrauensverhältnis aufgebaut. Mein Wunsch, dass er mich, zusätzlich zu meiner Mutter und anstelle eines Sanitäters, den ich bisher nur aus der Ferne wahrgenommen hatte, im Rettungsauto begleiten möge, stellte die Einsatzleitung vor gewisse organisatorische Probleme, zumal Clemens einer anderen Rettungsorganisation zugehörig gewesen sein dürfte als der Krankenwagen, in dem ich mich befand. Am Ende wurde meiner Bitte doch entsprochen, und der Tross setzte sich Richtung Landeskrankenhaus in Bewegung.

Unterdessen hatte Mama bereits unser nächstes Umfeld über die unerfreulichen Entwicklungen informiert – und auch niemanden im Unklaren gelassen, mit welcher Diagnose zu rechnen sei. Zuerst alarmierte sie Angie, die Mutter eines meiner Trainingskollegen, die als Sprechstundenhilfe für unseren Vertrauensarzt Christian Hoser arbeitet. Sie muss ihn umgehend erreicht und er alles stehen und liegen gelassen haben, traf er doch ziemlich gleichzeitig mit uns im Uniklinikum, seiner ehemaligen Arbeitsstätte, ein. Der zweite Anruf galt meinem Freund Christoph, der in seiner Wohnung in Graz saß und an der Bachelorarbeit feilte. Der dritte meinem Manager Tom Herzog, der vierte meiner Schwester Brit. „Brauchst aber nicht zu kommen“, legte Mama ihr nahe, weil sie offenbar fand, dass man das Leid nicht auf noch mehr Personen verteilen müsse. Brit dachte nicht daran, untätig zu Hause auf Nachrichten zu warten, und brach auf, wurde unterwegs aber von Mama zur WUB-Halle umdirigiert. Dort hatte Papa, der per Pkw ins Krankenhaus hätte nachkommen sollen, ebenso fieberhaft wie vergeblich nach dem Autoschlüssel gesucht. Als Brit mein Trainingsdomizil betrat, sah sie die Schlüssel auf dem Stabhochsprungkissen liegen und Papa ein wenig konfus umherirren. Womit ihr augenblicklich klar wurde, dass es ohnedies besser sei, ihn in diesem Zustand nicht ans Steuer zu lassen.

Es waren 43 Minuten seit meiner Bruchlandung vergangen, als wir in der Notaufnahme eintrafen. Auf die holprige Fahrt mit Blaulicht und Sirene hätte ich durchaus verzichten können. Die Federung des Rettungsautos übertrug jede Bodenwelle, jedes auf den ungeteerten Wegen des WUB-Areals befindliche Schlagloch auf mich, und ich machte mir zunehmend Sorgen, dass sich meine Verletzung durch das permanente Durchgerütteltwerden weiter verschlimmern könnte. Wenigstens war ich durch Mamas Telefongespräche abgelenkt, ich hatte ihr noch aufgetragen, meinen Vorgesetzten beim Bundesheer, Vizeleutnant Hechenberger, über den Stand der Dinge zu informieren. Im Krankenhaus schob man mich sogleich in den Schockraum und bettete mich auf eine Krankenhausliege um. Mama musste draußen warten, und ich freute mich über das vertraute Gesicht von Christian Hoser, der kurz mit mir sprach, sich nach meinem Befinden erkundigte.

Unverzüglich wurde ein CT von Kopf und Halswirbelsäule angefertigt, das Aufschluss darüber geben sollte, wie es tatsächlich um mich stand. Alsbald begannen die Vorbereitungen für eine Operation, eine Notoperation, eine Operation als lebenserhaltende Maßnahme, wie meinem Manager später als Input für seine erste offizielle Aussendung mitgeteilt wurde. Bei mir verfehlten die diversen Medikamente und Mittelchen indessen ihre Wirkung nicht. Vieles von dem, was mir seit Jahren aufgrund der Anti-Doping-Bestimmungen bei Strafe verboten war, wurde nun in rauen Mengen in mich hineingepumpt. Und obwohl ich nicht auf die Idee kam, Einspruch zu erheben, so schoss mir doch zwischenzeitlich der Gedanke ein: „Wenn jetzt die Dopingkontrolleure kämen, hätten sie’s lustig mit mir.“

Nicht minder skurril gestaltete sich die Konversation mit dem medizinischen Personal. Eine Assistentin eröffnete mir, dass mein T-Shirt für die Operation aufgeschnitten werden müsse. Ich führe es auf mein wegen der Halskrause sehr eingeschränktes Blickfeld und auf meine Sedierung zurück, dass ich heftig protestierte, weil ich der irrigen Auffassung war, dasselbe coole, weiße Michael-Kors-Leibchen mit aufgedruckter rosa Brille zu tragen, das ich frühmorgens vor dem Weg zur Physiotherapie übergestreift hatte. Die Krankenhaus-Bedienstete versicherte mir, mein Lieblings-T-Shirt vorsichtig an der Seitennaht aufzutrennen, damit es später problemlos zusammengenäht werden könne. Zurück bekam ich es trotzdem nicht mehr. Bloß gut, dass es sich letztlich nur um ein schmuckloses Textil fürs Training gehandelt hatte.

Rund um mich wurde eifrig gewerkt, aber ich hatte zahlreiche Fragen: „He, bin ich eigentlich schon nackig?“, wollte ich mehrfach wissen, denn die Halskrause verunmöglichte mir auch diesen Blickwinkel. Einen jungen, südländisch aussehenden Mitarbeiter fragte ich schließlich mit ehrlichem Interesse: „Schlägt mein Herz eigentlich noch?“ Die Antwort des Angesprochenen entbehrte nicht einer gewissen Logik. „Sonst könntest du wohl kaum mit mir reden.“ Ich aber ließ nicht locker. „Könnte ja sein, dass ihr mich an eine Maschine angeschlossen habt.“ Das war ihm dann offensichtlich doch zu blöd. Weniger wissbegierig war ich, als mich die operierenden Ärzte aufsuchten und mir begreiflich machen wollten, was passiert war und was sie während der Operation zu tun gedachten. Mich schreckte die Vorstellung, dass mir die Chirurgen womöglich eine günstige Prognose stellten, mir in Aussicht stellten, gehen zu können, und dann beim Eingriff irgendetwas misslang. Also wehrte ich die Aufklärungsversuche mit den Worten ab: „Operiert doch mal, dann sehen wir ja, was rauskommt.“ Kurz darauf kam meine Familie, die sich sehr wohl über den Stand der Dinge hatte informieren lassen, um sich von mir zu verabschieden und mir Glück zu wünschen. Dann war ich wieder mit dem Ärzteteam allein, das darüber diskutierte, ob es mich bereits im Schockraum oder erst im Operationssaal narkotisieren sollte. Es dürfte sich für Variante eins entschieden haben. Denn ich war dann mal weg.

Quantensprünge

Als mir meine Trainingsgruppe im Spital einen Besuch abstattete, fiel ich aus allen Wolken. Die Burschen eröffneten mir doch tatsächlich und allen Ernstes, sich vom Stabhochsprung zurückziehen zu wollen. „Warum wollt ihr nicht mehr springen?“, fragte ich entgeistert. „Das ist doch das Schönste, das war immer unser Traum, dafür haben wir gelebt. Ich würde doch auch sofort wieder beginnen, wenn ich könnte.“ Ein Jahr später ist aus dem verbliebenen Trio tatsächlich nur mehr einer übrig. Was zu einem Gutteil daran liegt, dass mein Vater, der die Truppe betreut hatte, gezwungen war, andere Prioritäten zu setzen. Lukas Wirth, der als 18-Jähriger starke 5,15 Meter überqueren konnte, hat aufgehört, Emanuel Hübner auf Sprint umgesattelt, einzig Riccardo Klotz hält unsere Fahnen noch hoch. Dem damals 16-Jährigen war am Tag nach meinem Unfall ein mentaler Kraftakt geglückt, als er beim European Youth Olympic Festival in Tiflis mit übersprungenen 4,60 Metern die Bronzemedaille einheimste. Nachdem er auf der Hinreise infolge eines Kreislaufkollaps zwei Schneidezähne eingebüßt hatte. Ricci wird nun von seinem Vater gecoacht und nähert sich unaufhaltsam der Fünfmeter-Schallmauer.

Dass die Burschen ins Grübeln kamen, kann ihnen niemand verübeln. In den Tagen nach meinem Unfall wurde Stabhochspringen zur gefährlichsten Freizeitbeschäftigung, der man überhaupt nachgehen kann, hochstilisiert. Zitiert wurden die Erkenntnisse des National Centre for Catastrophic Sport Injury Research, das zwischen 1983 bis 2004 nicht weniger als 18 Todesfälle im amerikanischen High-School- und Collegesport ermittelt hatte. Einige der Fälle lassen sich im Internet gut nachrecherchieren. Man stößt auf die Namen von Samoa Fili (17), Leon Roach (19), Kevin Dare (19), Ryan Moberg (18) und Robert Zhongjie Yin (20). Hinzu kamen sieben Querschnittslähmungen, unter anderem von James Vollmer (zum Zeitpunkt des Unfalls 21), Jared Lutz (18) und Brandon White (18). Vor allem 2002 rissen die Schreckensmeldungen mit drei tödlichen Stürzen innerhalb von sieben Wochen nicht ab, worauf die Behörden einzelner US-Bundesstaaten mit einer Helmpflicht für Stabhochspringer reagierten. Das Beispiel machte mangels bewiesener Sinnhaftigkeit keine Schule. Zum Vergleich: American Football verzeichnete im gleichen Beobachtungszeitraum 94 Tote und 553 Schwerverletzte. Allerdings bei einer 50 Mal höheren Zahl an Ausübenden. Der wenig schmeichelhafte Status von Football als „gefährlichste High-School- und Collegesportart“ dürfte in den USA demgemäß zu Recht bestehen. Was mich erstaunt, ist, dass aus keinem anderen Land tödliche oder schwere Stabhochsprungverletzungen überliefert sind. Entweder wird anderswo weniger akribisch, vielleicht auch gar nicht dokumentiert, oder man lässt die jungen Athleten in den USA zu früh und/oder ohne ausreichende Vorbildung an die Stäbe und die großen Höhen. Die einzige mir bekannte Athletin, die einen folgenschweren Sturz zu verzeichnen hatte, war Annika Becker. Der DLV-Athletin brach bei einem Meeting 2004 nach dem Absprung der Stab, beim Aufprall vor der Matte zog sie sich Halswirbelverletzungen zu. Physisch erholte sich Becker rasch, doch die psychischen Nachwirkungen machten eine Rückkehr unmöglich. Sie versuchte sich in der Folge noch einige Jahre mit begrenztem Erfolg als Weitspringerin. Im Erwachsenensport jedenfalls rangiert Stabhochsprung in dieser traurigen Statistik nicht im Spitzenfeld, wird von Motorsport, Boxen, aber auch Pferdesport um Längen abgehängt. Was auch kein Trost ist. Jeder Tote, jeder Schwerverletzte, egal, in welcher Sportart, ist einer zu viel.

Worum es mir geht: Das Letzte, das ich mit der Beschreibung meines Unfalls vermitteln und bewirken will, ist, dass Eltern ihre Kinder künftig nicht mehr zum Stabhochsprung schicken. Dazu ist die Sportart einfach zu faszinierend, zu beglückend, zu herausfordernd. In meiner subjektiven Wahrnehmung habe ich meinen Sport nie als gefährlich empfunden, wiewohl jeder Springer nach der ein oder anderen brenzligen Situation einmal kräftig durchatmet. Aber trifft das auf Skisportler, Radfahrer, Turner und viele andere nicht genauso zu? Mein Unfall war Pech, eine Verkettung unglücklicher Umstände, Schicksal, Vorbestimmung – was auch immer. Und führt vielleicht, soweit nötig, zu einer Verbesserung der Sicherheitsstandards.

Als mich der Traum vom Fliegen erstmals packte, lag mein siebter Geburtstag erst wenige Tage zurück. Ganz nebenbei verfolgte ich eine Übertragung der Olympischen Spiele 2000 in Sydney – bis mich ein Finale in der Leichtathletik ganz in seinen Bann zog. Aufgeregt zerrte ich meine Eltern aus dem Nebenzimmer vor den Röhrenfernseher. „DAS will ich auch machen!“, tat ich kund und zeigte auf Menschen, die sich mithilfe von biegsamen Stecken elegant über eine Latte in luftiger Höhe wuchteten. Papa dürfte die Kinnlade ein wenig nach unten geklappt sein. Es handelte sich um eine Sportart, die er selbst hobbymäßig betrieben hatte: Stabhochsprung. Aber das erzählte er mir erst viel später.

Wir, die Grünbergs, waren zwei Jahre davor aus dem schwäbischen Reutlingen bei Stuttgart, der Heimat meines Vaters, nach Kematen, ein paar Kilometer westlich von Innsbruck, gezogen. Dort hatten meine Großeltern mütterlicherseits einen alten Bauernhof erstanden, in dem meine Eltern, die sich übrigens beim Skifahren im Stubaital kennengelernt hatten, die obere Etage für uns einrichteten. Ausschlaggebend für den Wohnsitzwechsel waren die Einschulung meiner um zwei Jahre älteren Schwester Brit und Mamas auslaufende Karenzierung. Sie war vor der Geburt ihrer beiden Töchter an der Volksschule Axams als Religionslehrerin tätig gewesen und hätte bei einer weiteren Karenzverlängerung das Recht verwirkt, an dieser Schule wiedereinzusteigen.

Im Gegensatz zu meiner Schwester bin ich nicht in der Lage, Schwäbisch zu schwätzen. Sie fühlt sich generell Deutschland mehr verbunden als Österreich, bei mir ist es umgekehrt. Vielleicht liegt’s an den zwei Jahren, die sie länger in Reutlingen, vielleicht an den drei Jahren, die sie studienbedingt in München verbracht hat. Leicht ist uns beiden die Umsiedlung nicht gefallen, auch ich hatte in der alten Heimat einen Kindheitsfreund, von dem ich mich nur schwer trennen konnte. Ich war überhaupt ein schüchternes, ängstliches Mädchen – aber nur gegenüber Menschen, nicht gegenüber Fahrzeugen oder Geschwindigkeit. Man könnte mich in diesem Bereich durchaus als draufgängerisch bezeichnen. Eine Charaktereigenschaft, die ich wohl mehrheitlich Papa zu verdanken habe. Dessen Herz schlägt nämlich automatisch ein paar Schläge schneller, wenn irgendwo um ihn herum ein Motor knattert. Wovon auch ein Blick in das Nebengebäude hinter unserem Haus zeugt. Dort hortet er einen ganzen Fuhrpark von Fahrzeugen, der sich auf Asphalt- und Wasserstraßen, Feld- und Seewegen bewegen ließe. Schade nur, dass ihm ein männlicher Nachkomme verwehrt blieb. Hat er halt Brit und mich ein bisschen wie Buben erzogen. Monster Trucks gab’s eine ganze Menge im Haus, Puppen eher weniger, und wenn, hat niemand damit gespielt. Auch den Puppenwagen nutzten wir nur, um unsere Katze herumzukutschieren.


Die Sommer unserer Kindheit haben wir so gut wie alle auf einem Campingplatz am Lago Maggiore verbracht. Der Spaß durfte nicht zu kurz kommen, also war stets für ausreichend Pferdestärken gesorgt. Wir schipperten mit dem familieneigenen Motorboot über den See, fetzten mit dem Jetski über die Wellen. Besonders angetan hatte es mir ein Motorino, das ich mit sechs Jahren im Alleingang pilotierte. Das Gefährt ging an die 80 Sachen und, glauben Sie mir, für mich hat’s damals nur Vollgas gegeben. Mit diesem Spielzeug in Griffweite wurde auch jeder 13. August zum Selbstläufer – mein Geburtstag.


An Bewegung hat es uns Mädels trotzdem nie gefehlt. Dafür sorgten unsere Eltern mit Nachdruck. Und gingen mit gutem Beispiel voran, was sie zunächst aber vor uns geheim hielten. Mama war 1982 im Alter von 17 Jahren Vize-Europameisterin im Taekwondo gewesen, Papa spielte viele Jahre in der ersten Unterwasser-Rugby-Bundesliga und fallweise auch im deutschen Nationalteam. Brit und ich konnten uns auf vielfältige Weise austoben. Winters kurvten wir durch die Skigebiete vor der Haustür – Kühtai, Axamer Lizum, Seefeld –, sommers sattelten wir die Pferde, dazwischen turnten wir durch diverse Säle. Dann entdeckte Brit Eiskunstlauf für sich, während mir der Sinn so gar nicht nach Leistungssport und zielgerichtetem Training stand. Bis zu den Olympischen Spielen in Sydney. Logisch, dass Papa keine Einwände gegen meine Entdeckung hatte, aber er führte mir vor Augen, wie viele Jahre es dauern werde, bis ich Sprünge beherrsche, die zumindest so aussähen, als wäre es die gleiche Sportart wie die der Olympia-Finalistinnen. Hat mich offenbar nicht abgeschreckt. Vier Jahre später wurde mir der Abstand zur Elite jedoch schmerzlich bewusst. Als ich beim Stabhochsprung-Finale der Olympischen Spiele 2004 als Elfjährige wieder einmal gebannt vor dem Fernseher saß und Jelena Isinbajewas dritten Weltrekord innerhalb eines Monats (4,91 m), den siebenten insgesamt, bestaunte, wurden meine Eltern durch lautes Wehklagen ins Wohnzimmer gelockt. „So ein Mist – jetzt muss ich ja noch höher springen, um Weltmeisterin zu werden.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits die ersten Wettkämpfe in den Beinen, ich wusste also schemenhaft, was mich erwartete. Papa hatte sich nach meinem „Erweckungslerlebnis“ von 2000 umgehend auf die Suche nach einem Stabhochsprungtrainer gemacht, gelangte aber bald zu der Erkenntnis, dass sich in Innsbruck keiner auftreiben ließ. Zumindest keiner, der bereit war, seine Aufmerksamkeit Kindern zu widmen. Woraufhin in ihm der Plan reifte, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Vorerst nur zu einem kleinen Teil, denn die ersten Trainingsjahre standen im Zeichen einer gediegenen athletischen Grundausbildung. Dafür hatte er meinen ersten Verein, den LAC Innsbruck, und die dortige Trainerriege auserkoren. Im Jahr darauf wechselten wir zur Turnerschaft Innsbruck. Drei, vier Jahre lang probierten meine Schwester, die mit fliegenden Fahnen von der Eishalle auf die Tartanbahn gewechselt war, und ich alle kindgerechten Disziplinen durch: 60 und 100 Meter, Weit- und Hochsprung, Schlagball, später Kugelstoßen. Papa selbst griff nur ein, wenn vorbereitende Grundübungen für Stabhochsprung auf dem Programm standen. Die Trainingsgeräte muten aus heutiger Sicht ein wenig archaisch an, wir hopsten mit Holzstecken und Besenstielen durch die Gegend, Matte bekamen wir jahrelang keine zu Gesicht. Wohl auch, weil jene am Alten Tivoli eher das Interesse von Altertumsforschern denn von Athleten erregte. Wir lernten mithilfe unserer Stecken, wie man einen Stab richtig hält, wie man fachgerecht in den Kasten einsticht, und andere nützliche Dinge. Wenn wir ein paar Sprünglein taten, landeten wir in der Sandkiste der Weitsprunganlage.


Mit elf erfüllte Papa endlich meinen sehnlichsten Wunsch, nunmehr das gesamte Training auf Stabhochsprung auszurichten. Keine andere Disziplin hatte mir auch nur annähernd so viel Freude bereitet. Ich konnte auch später nie verstehen, wie man es schaffte, sich etwa für den Langstreckenlauf zu begeistern. Allein schon die Eintönigkeit im Training hätte mich mürbe gemacht. Zeitgleich zu der frohen Kunde eröffnete uns Papa, sich künftig hauptverantwortlich um unsere vier, fünf Kids starke Gruppe zu kümmern. Und er „gestand“, früher selbst aus Spaß an der Freud’ mit dem Stab aktiv gewesen zu sein, dass er es zwar „nur halb“ konnte, aber sich die Technik seither nicht gravierend verändert habe.

Trotz meiner Begeisterung war aller Anfang schwer. Beim ersten Stabhochsprung-Wettkampf in der Alten Messehalle im Jänner 2004 scheiterte ich sechsmal an der niedrigstmöglichen Anfangshöhe von 1,70 Metern. Meine Eltern und die Veranstalter aber ließen mich gewähren, wollten wohl nicht, dass mein Debüt mit einem Frustrationserlebnis endete. Tatsächlich gelang es mir, mich im siebenten Versuch über die Latte zu katapultieren – Jubel! Bei meiner ersten Teilnahme bei Österreichischen Meisterschaften half aber auch meine Engelsgeduld nicht. Als noch Zehnjährige ließ man mich bei den U14-Titelkämpfen in Ried im Innkreis schlicht und ergreifend nicht antreten. Auch Brit fühlte sich nach Rang 4 nicht ausreichend wertgeschätzt, und so bekam Papa auf der Heimfahrt in Stereo zu hören: „So lassen wir uns nie wieder behandeln! Wenn wir noch einmal zu so etwas fahren, dann nur, um zu gewinnen!“

Im Jahr darauf fuhren wir wieder „zu so etwas“, nur diesmal für die Turnerschaft Innsbruck statt für den LAC – und machten unsere Ankündigung in Feldkirchen wahr. Brit krallte sich nach einem Sprung über 2,81 Meter Gold, ich konnte als Elfjährige mit Bronze im U14-Bewerb (2,30 m) auch ganz gut leben. Ich trainierte mittlerweile viermal die Woche, dreimal Sprint, Sprung, alles, was mit Athletik zu tun hatte, und einmal mit dem Stab. Und genau diese Vielfalt war es, die mich an dem Sport so fesselte. Es braucht Schnelligkeit, Sprungkraft, turnerische Fähigkeiten, Technik, Mut – anspruchsvoller geht’s eigentlich kaum. Ich befand mich auf dem Vormarsch. Zwar noch auf bescheidenem Niveau, aber auf dem Vormarsch. Beim LAC-Nachwuchsmeeting durchstieß ich im Mai 2006 erstmals die Dreimeter-Schallmauer (3,01). Und in Ried, wo ich zwei Jahre zuvor unverrichteter Dinge hatte abziehen müssen, setzte ich als frisch gebackenes Mitglied des ATSV Innsbruck, für den ich bis zu meinem Karriereende im Einsatz war, den ersten Meilenstein. Als Jüngste im Feld (zwölf Jahre, zehn Monate) siegte ich bei der österreichischen U16-Meisterschaft vor – auch nicht ganz unwesentlich – meiner Schwester, die ich mit 2,90 Metern um zehn Zentimeter hinter mir ließ. Ich befürchte, dass dieses Erlebnis in gewisser Hinsicht prägend war für sie, da sie sich von dem „Schock“, sportlich betrachtet, nicht mehr vollständig erholte.


Der nächste Quantensprung verschaffte mir mit 13 die Ehre meines ersten österreichischen Rekordes. Schauplatz war das burgenländische Pinkafeld, Austragungsort der U16-Staatsmeisterschaften 2007. Als ich bei drei Metern in den Wettkampf einstieg, war nur mehr eine Konkurrentin übrig. Allerdings hätte auf einen peinlichen Salto nullo nicht viel gefehlt; erst im dritten Versuch meisterte ich meine Anfangshöhe. Gold war mir damit sicher – also fackelte ich nicht lange und ließ die neue Rekordhöhe von 3,42 Metern auflegen. Gar kein so leichtes Unterfangen, die Organisatoren hatten für eine solche Höhe nämlich keine Messlatte parat. Also musste einer der Veranstalter ausschwärmen, um aus der nahen Steiermark eine herbeizukarren. Wieder machte ich es über Gebühr spannend, im dritten Versuch aber hatte ich die Bestleistung dann doch noch in der Tasche. Damit sich der Botendienst richtig ausgezahlt hatte, versuchte ich mich noch an 3,52 Metern, 17 Zentimeter über meinem bisherigen „All-time High“ – und wieder blieb die Latte im letzten Versuch liegen. Zwei Wochen später wurde ich mit dem ersten Aufeinandertreffen mit der heimischen Elite belohnt. Es reichte bei den Staatsmeisterschaften in Feldkirch zwar nur zu Rang 5 unter fünf Teilnehmerinnen, mit übersprungenen 3,30 Metern konnte ich mein damaliges Leistungsniveau aber annähernd abrufen.

Selbe Höhe, selbe Platzierung ein halbes Jahr später bei den Hallen-ÖMS 2008. Einziger Unterschied: Zum ersten Mal landete Doris Auer, die Grande Dame des österreichischen Stabhochsprunges, hinter mir. Ich war zwar schon längst ausgeschieden (3,30 m), als sie in den Wettkampf eingriff (3,80 m), ihre drei Fehlversuche ließen sie aber am Ende der Wertung aufscheinen. Oder eigentlich außerhalb. Fakt ist: Mit Doris, damals 36, hatte ich immer ein sehr gutes Verhältnis, sie ist ein unglaublich positiver Mensch. Wenn die Begleitumstände eines Meetings noch so trist waren – Doris fand immer etwas, um sich und andere aufzubauen. „Schau, der schöne Rasen!“ Oder: „Schau, die schöne Wolke! Da werden wir heute gut springen.“ Wenn ihre Prophezeiung dann doch nicht eintraf, gab es hundertprozentig einen anderen triftigen Grund, warum der Wettkampf trotzdem schön gewesen war. Als ich ihr 2014 und 2015 den Freiluft- und den Hallenrekord entriss, trudelte prompt ein Gratulations-SMS ein: „Dir vergönne ich das!“ Eine große Geste, zumal man fairerweise sagen muss: 4,40 bzw. 4,44 Meter hatten vor 15 Jahren die Zugehörigkeit zur absoluten Weltklasse bedeutet, nicht umsonst belegte sie bei den Olympischen Spielen in Sydney Rang 6. Heute erreicht man mit dieser Leistung nicht einmal mehr ein EM-Finale. Doris war aber auch eine tolle Universal-Athletin, ein echtes Rundumtalent. Sie sprintete zum Beispiel die 100 Meter in 11,90 Sekunden. Das schaffen in Österreich mit ein paar handverlesenen Ausnahmen nicht einmal die Spezialistinnen.

Im weiteren Verlauf der Saison, in der Papa erstmals das gesamte Training konzipierte und leitete, konnte ich meine Bestleistung in drei Schritten um weitere 20 Zentimeter auf 3,72 Meter steigern. Und drang damit in Sphären vor, die für die Beschickung internationaler Titelkämpfe infrage kamen. Bis dahin war mir nicht einmal bewusst gewesen, dass es im Jugendbereich solche Veranstaltungen gab. Jetzt aber hatte sich die U18-Weltmeisterschaft 2009 in Brixen in meinen Gehirnwindungen festgesetzt. Dort musste ich hin. Mit Erfahrungen bei internationalen Multisport-Wettkämpfen, selbst in exotischen Gefilden, konnte ich zu diesem Zeitpunkt zwar schon aufwarten, aber nicht im Stabhochsprung, der zugunsten von „leichteren“ Disziplinen mit größeren Starterfeldern oft außen vor gelassen wurde. 2006 hatte ich an den 40. International Children’s Games in Bangkok teilgenommen, wo ich über 100 Meter an den Start ging. Die Veranstaltung, bei der Städteteams antraten, wurde sogar von König Bhumibol eröffnet, ich aber fand das alles wenig erbaulich. Weil mich das Heimweh massiv gepackt hatte. So wie in den Reitferien früher – nur dass mich Papa und Mama damals abholen und nach einer Nacht zu Hause wieder hinbringen konnten. In Thailand aber waren Elternteile nicht mal als Betreuer vorgesehen – im Gegensatz zu ganzen Heerscharen von Innsbrucker Lokalpolitikern und Landesbeamten. Wenigstens konnte ich das Zimmer mit Brit teilen, die als Hochspringerin nominiert war. Im Jahr darauf war Reykjavik Schauplatz der Kinder-Spiele gewesen, auch sehr schön, auch sehr, na ja, kühl eben. Hängen blieben bei mir die Blue Lagoon und ein Vergnügungspark. Und dass ich wegen vorauseilenden Heimwehs schon kurz vor der Abreise hatte kneifen wollen. Ebenfalls 2007 hatte es mich noch ins dänische Aalborg verschlagen. Der Trip zu den Youth Games fiel eher in die Kategorie „beschwerlich“. Zuerst saßen wir Athleten einen ganzen Tag im Bus, dann durften wir in Feldbetten auf mitgebrachten Luftmatratzen ruhen.

Da fühlte sich Brixen schon sehr viel eher wie Spitzensport an. Das Limit von 3,65 Metern war frühzeitig erledigt, folglich reiste ich Anfang Juli als eine von sieben Österreichern zur Medaillenjagd nach Südtirol. Zwei der Teamkollegen zählen noch heute zu den Aushängeschildern der rot-weiß-roten Leichtathletik: Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger und Mehrkämpferin Ivona Dadic. Mit Ivi habe ich mich von Beginn an prächtig verstanden, Brixen war der Startschuss für eine bis heute währende Freundschaft. Der Zufall, die Tagesform und die Konkurrenz wollten es, dass wir mit jeweils zehnten Plätzen für die beste österreichische WM-Platzierung sorgten.

Für mich als 15-jährigen Backfisch entpuppte sich das erste Kräftemessen mit der (fast) gleichaltrigen internationalen Konkurrenz als überaus wertvolle Erfahrung. Alles lief sehr seriös und offiziell ab. Erstmals wartete ich in der nervösangespannten Atmosphäre eines Call Room mit meinesgleichen auf den Wettkampf, erstmals musste mein Trainer die Performance von der Tribüne aus verfolgen. Keine große Sache – beim zweiten Mal, etwas gewöhnungsbedürftig bei der Premiere. Eine neue Erfahrung brachte auch das unerwartete Zusammentreffen mit Stabhochsprung-Ikone Sergej Bubka. Irgendwie kamen mein Teamkollege Thomas Pastl und ich mit dem IOC-Vizepräsidenten ins Gespräch, ein Fotograf fing die Szene ein, und schon war ich anderentags an der Seite eines Weltstars in einer Südtiroler Tageszeitung zu bewundern. Meine sportliche Leistung hätte dafür nicht ganz gereicht. Nachdem ich meinen persönlichen Rekord im Laufe der Saison zunächst auf 3,74 m und dann wieder um stattliche 17 Zentimeter auf 3,91 m nach oben hatte schrauben können, bedeuteten die 3,85 m in der Qualifikation und die 3,80 im Finale doch immerhin die zweit- und drittbeste Leistung meiner Karriere. Die erste internationale Bewährungsprobe hatte ich damit auf jeden Fall bestanden. Und mich auch ein Stück weit besser kennengelernt. Dass mir die Nerven im Normalfall keinen Streich spielen, die Nervosität auch bei großen Aufgaben wie weggeblasen ist, sobald ich den Stab in der Hand halte.

Keine zehn Tage später vertrat ich schon wieder Österreichs Farben bei einem bedeutenden Wettkampf, dem Europäischen Olympischen Jugendfestival. Leider hielt der Event im finnischen Tampere mit der hochtrabenden Bezeichnung nicht mit. Im Stabhochsprung, aber wohl auch in vielen anderen Leichtathletik-Disziplinen beschickten die meisten europäischen Nationen das EYOF mit der zweiten oder gar dritten Athletengarnitur. Die logische Folge: Die Höhe der Siegerin lag in Tampere 42 Zentimeter unter jener der schwedischen WM-Goldmedaillengewinnerin in Brixen. Warum ich dann trotzdem keine Medaille holte? Das wüsste ich auch gern. Meine WM-Finalleistung hätte für Bronze, jene aus der Quali für Silber, die Einstellung meiner persönlichen Bestleistung für Gold gereicht. Aber ich wurde mit mäßigen 3,65 Metern Fünfte. Eine Schmach, die ich zum Teil auf meine Kappe nehme, zum Teil auf die unbefriedigende Betreuungssituation vor Ort zurückführe. Dr. Roland Werthner, der ehemalige Mehrkämpfer, war mir als Trainer zugeteilt. Sehr betreuungsintensiv dürfte ich nicht gewesen sein, wollte lediglich den Absprungpunkt meines jeweils letzten Versuches übermittelt bekommen. Aber auch das war offenbar zu viel verlangt.

Alles in allem ging es in den Jahren 2007 bis 2010 – von ein paar kleinen Dämpfern abgesehen – hurtig nach oben. Ein Resultat der zunehmenden Professionalisierung meines Umfeldes. Papa hatte begonnen, sich mit Kapazundern unseres Sports auszutauschen, die Kontakte permanent zu pflegen und sein Know-how sukzessive zu erweitern. Unter seinen Informanten und Diskussionspartnern fand sich das Who’s who der Stabhochsprung-Trainerszene: Andrej Tiwontschik (Olympia-Dritter von 1996 und Coach von Raphael Holzdeppe), Herbert Czingon (langjähriger deutscher Bundestrainer) und Witali Petrow (coachte Sergej Bubka und Jelena Isinbajewa). Ich selbst stelle die Weichen meiner schulischen Laufbahn neu, um der Professionalisierung Rechnung zu tragen. Ursprünglich hatte ich mich für das Innsbrucker Adolf-Pichler-Platz-Gymnasium, eine Schule ohne sportlichen, dafür mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt, entschieden, musste aber allmählich zur Kenntnis nehmen, dass sich Leistungssport und Regelschule nicht unter einen Hut bringen lassen. Nicht der Noten wegen, die hatte ich spielend im Griff, sondern aufgrund der Unmengen von Fehlstunden, die ich regelmäßig anhäufte. Im Februar 2010, Mitte der siebten Klasse, also eineinhalb Jahre vor der Matura, zog ich die Notbremse und wechselte in die Abendschule, das Gymnasium für Berufstätige. Dort waren nur zweimal fünf Stunden Anwesenheit pro Woche erforderlich, den Rest arbeitete man in einer Art Fernstudium ab. Für mich ergab sich dadurch der unschätzbare Vorteil, problemlos zweimal am Tag trainieren zu können. Selbst an den beiden Abenden mit Anwesenheitspflicht schuftete ich noch von 22 bis 24 Uhr in der rund um die Uhr geöffneten Kraftkammer im „Happy Fitness“ in Innsbruck.

Die Matura selbst brachte ich dann im Februar 2012 unter Dach und Fach, ein halbes Jahr später als über den normalen Schulbetrieb. Mit einem Notendurchschnitt von 1,0 übrigens. Der war lediglich durch die schriftliche Reifeprüfung in Mathematik gefährdet. Unser Professor hatte ein unlösbares Beispiel konstruiert, bei dem die Punkte kein Viereck ergaben. Das merkte ich auch an, bekam aber trotzdem massig Punkteabzüge. Mehr als andere, die sich schon vorher verrechnet hatten und deshalb ein Ergebnis zustande brachten. Dieses „Gut“ wollte ich, weil unverschuldet, nicht auf mir sitzen lassen – und bekam Recht. Die schriftliche Prüfung musste wiederholt werden, die bessere Note zählte. Praktisch für all jene, die im ersten Versuch ein „Nicht genügend“ produziert hatten, praktisch für mich, die das „Gut“ in das angestrebte „Sehr gut“ verwandeln konnte. Mein Mathe-Lehrer liebte es, mich als Klassenbeste zu fordern. Während das Gros meiner Kollegen ein bevorzugtes Thema für die mündliche Matura bekannt geben durfte, bekam ich, was übrig blieb, was niemand wollte: Differential- und Integralrechnung. Die Aufgabe hatte es durchaus in sich, aber denken tut ja nicht weh. Obwohl sich die Klassengemeinschaft in einer Abendschule schon aufgrund des wesentlich höheren Altersdurchschnitts und der beschränkten gemeinsamen Unterrichtsphasen anders anfühlt, vergnügten wir uns auf einem Maturaball und begaben sich einige Absolventen nach bestandener Reifeprüfung auf Maturareise. Ich, das Nesthäkchen der Klasse, konnte nicht dabei sein – im Österreichischen Leichtathletik-Verband galt damals das ungeschriebene Gesetz, dass Entsendungen zu internationalen Wettkämpfen und die Teilnahme an einer Maturareise im gleichen Jahr unvereinbar seien.

Viele Stabhochspringer haben ihre Wurzeln im Turnsport, ich aber war ein Kind der Leichtathletik. Was sich in durchaus passablen „Zubringerleistungen“ niederschlug. So etwa habe ich eine 100-Meter-Bestzeit von 12,08 Sekunden stehen, auch die 14,13 über 100 m und 8,56 über 60 m Hürden können sich durchaus sehen lassen. Von meinen 28 Staatsmeistertiteln von der U16 (3) über die U18 (9), U20 (5), U23 (5) bis zur allgemeinen Klasse (6) entfallen sechs Goldmedaillen auf den Sprint mit und ohne Hürden. Besonders einprägsam in dieser Hinsicht war für mich die U18-Hallen-Staatsmeisterschaft 2010, bei der ich den ganzen Tag über von Wettkampf zu Wettkampf wieselte, mitunter nicht mal dazukam, die Stabhoch- mit den Hürdenspikes zu wechseln, schlussendlich drei Goldmedaillen (60 m, 60 m Hürden, Stabhochsprung) umgehängt bekam, zum Drüberstreuen im Kugelstoßen Vierte wurde.

Als weitere Errungenschaft dieses Jahres wird mir mein erster Sprung über vier Meter am 12. Juni 2012 im Rahmen der Tiroler Landesmeisterschaften in Salzburg-Rif in Erinnerung bleiben (4,01 m). Beflügelt könnte mich damals auch die Änderung meines Beziehungsstatus haben – von Single auf „in einer Beziehung“. Ich hatte Christoph im Februar 2010 auf einer privaten Party in Zirl kennengelernt. Von da weg entwickelte sich die Sache – gemächlich, aber doch, bis im Juni die Fronten geklärt waren. Anfangs wusste Christoph mit Stabhochspringen und der Intensität, mit der ich es betrieb, nichts Rechtes anzufangen, er stellte es in etwa gleich mit seinem liebsten Hobby: in der Tiroler Eliteliga für Zirl Eishockey zu spielen. Die „Gunners“ waren damals in der Tat das Maß aller Dinge, aber eben in der dritten Leistungsstufe. Dass ich in einer anderen „Liga“ spielte und zukünftig zu spielen gedachte, wurde ihm vielleicht erst bewusst, als er mich zu den Gugl Games 2012 begleitete und wir dort Seite an Seite mit Athleten dinierten, die auch ein durchschnittlich interessierter Sportkonsument zumindest dem Namen nach kannte: Justin Gatlin etwa oder Kirani James, kurz zuvor in London als Olympiasieger über 400 Meter gefeiert.

Im gleichen Jahr hätte auch Christophs sportliche Karriere eine Wendung nehmen können, er erhielt das Angebot, für die Nachwuchsmannschaft des Eliteklubs Liwest Linz zu spielen. Nach einem Schnupper-Trainingslager in der Slowakei entschied er sich aber für ein Maschinenbaustudium in Graz. Das betreibt er seit 2012 mit bewundernswerter Konsequenz. Während ich gewohnt war, die Bücher vor Prüfungen hervorzukramen, um diese irgendwie zu bestehen, ist Christoph permanent am Lernen, oft in 70-Stunden-Wochen – weil ihn die Materie von Grund auf interessiert. Längst befindet er sich im Masterstudium, will im Sommer 2017 abschließen. Wohin ihn sein beruflicher Weg dann führt, wird sich weisen. Die Möglichkeiten in Tirol sind jedenfalls enden wollend.

Der erfolgreiche Versuch, die Viermeter-Schallmauer zu überwinden, fühlte sich im wahrsten Sinne des Wortes wie der Sprung in eine neue Dimension an. Denn für mich beginnt Stabhochspringen mit dieser Höhe erst so richtig. Wenn der Kopf nach unten zeigt, die Füße nach oben und diese i-Position technisch einwandfrei umgesetzt wird. Alles andere ist ein bisschen wie „Hüpfen über die Schnur“. Hat man dieses Niveau an Perfektion erreicht, was in Österreich bislang acht Athletinnen gelang, entfaltet Stabhochspringen seine ganze Eleganz. In einfachen Worten spielt sich in den sieben, acht Sekunden zwischen dem ersten Schritt des Anlaufes und der Landung in etwa Folgendes ab: Als Rechtshänder hat man in der Startposition den linken Fuß vorne, macht den ersten Schritt (von z.B. 16, wie in meinem Fall) mit rechts und begibt sich in eine Art Steigerungslauf. Den Stab greift man schulterbreit, mit der rechten Hand höher als mit der linken und senkt ihn von ca. 70 Grad am Beginn bis auf etwa minus 20 Prozent kurz vor dem Einstechen in den Kasten kontinuierlich ab. Vier Schritte vor diesem Einstechen befindet sich der Stab in waagrechter Position, man beginnt den Absprung einzuleiten. Dabei nimmt man den Stab, der sich in Hüfthöhe befindet, und führt ihn eng am Körper mit dem gestreckten Arm an der Schläfe vorbei. Der letzte Schritt sollte der schnellste sein, als Rechtshänder springt man mit dem linken Fuß nach oben vorne weg und versucht, sich dabei so groß wie möglich zu machen. Beim Absprung beginnt sich der Stab zu biegen. Mit dem Körper versucht man, die Position des Absprunges beizubehalten, um dem Stab die Energie des Anlaufes zu übertragen. In der Folge bleibt das linke Bein nach hinten gestreckt, das rechte vollführt einen Knieheber, die Zehen im rechten Fuß werden angezogen, das Fußgelenk nach oben gerichtet, man erreicht mit maximal möglicher Körperspannung die C-Position. Dann bringt man die Arme nach vorn, nimmt die Schultern zurück und beginnt mit Armen und Beinen aufzurollen, um mit dem linken Bein Schwung zu holen und die Beine um 180 Grad Richtung Himmel zu strecken. Der Kopf zeigt dabei nach unten (i-Position). Während sich der Bauch in einer halben Drehung der Latte zuwendet, erhält man die gespeicherte Energie vom Stab zurück, danach stoßen sich Top-Springer von diesem ab, überqueren die Latte mit den Beinen zuerst, machen die Rotation mit und fallen rücklings auf die Matte. Die Füße zeigen im Normalfall in Richtung des Einstichkastens.

Eine komplexe Abfolge von Bewegungen, die den Stabhochsprung zur wohl technisch schwierigsten Disziplin der Leichtathletik und besonders anfällig für äußere Einflüsse macht. Bei der U20-WM im kanadischen Moncton, erster Saisonhöhepunkt des Jahres 2010, sorgten diese äußeren Einflüsse sogar für eine Verschiebung der Qualifikation um einen Tag. Zuerst ließ man uns ewig im strömenden Regen einspringen, dann, zehn Minuten vor Wettkampfbeginn, schickte man uns doch in die Kabine. Mit dem Hinweis, man schaffe es nicht, die „Wassermassen“ aus dem Einstichkasten zu schöpfen. Für mich bedeutete das, ein zusätzliches Mal die eineinhalbstündige An- und Abreise anzutreten zu müssen. Andere Nationen wohnten zwei Minuten vom Stadion entfernt, aber vermutlich hatte der Österreichische Leichtathletik-Verband die Chance, zwei, drei Euro zu sparen, beim Schopf gepackt. Als Ausrede für meine Leistung kann diese Pfennigfuchserei natürlich nicht gelten, ich scheiterte als Nummer zwölf der Entry List gegen die um bis zu drei Jahre ältere Konkurrenz denkbar knapp am Einzug ins Finale der besten 13. Die Qualifikationshöhe von 3,85 Metern im ersten statt im zweiten Versuch zu meistern hätte schon gereicht. Daran konnte auch die fürstliche Verpflegung im Hotel nichts ändern. Köstliche Waffeln in der Früh, ein üppiges Salatbuffet und Burger, die wunschgemäß und frisch zubereitet wurden, zum Dinner. Eine wohltuende Abwechslung zu der im Regelfall wenig sportlergerechten Verpflegung, die uns sonst aufgetischt wird.

Auch das ansonsten sehr imposante Athletendorf der 1. Olympischen Jugendspiele in Singapur bildete da keine Ausnahme. Besonders beeindruckte mich die Frühstücksmarmelade, deren Form unverändert blieb, wenn man sie aus der quadratischen Verpackung befreit hatte. Die Speisen am Buffet gammelten in ihren Warmhaltevitrinen so lange vor sich hin, bis auch der letzte Nährstoff entwichen war. Da lockte selbst die Fast-Food-Kette als ungleich schmackhaftere Variante. Mein Vater Frithjof stand erst gar nicht vor dieser buchstäblichen Qual der Wahl, die restriktiven Athleten-Betreuer-Quoten des IOC machten die Einquartierung im Olympischen Dorf unmöglich. Das Österreichische Olympische Comité versuchte sich als Tourismusbüro und wurde gerade noch eines Zimmers habhaft – pikanterweise in einem Stundenhotel. Gut, dass Papa so ein charakterstarker Typ und Mama nicht eifersüchtig ist. Eine Stunde Fahrzeit trennte mich von ihm, entsprechend herausfordernd war es, immer zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. So auch bei der Qualifikation. Die provokant frühe Startzeit (9.15 Uhr) zwang mich dazu, um 5 Uhr morgens aus den Federn zu kriechen, um 6.30 Uhr den Shuttle zum Stadion zu besteigen. Allein, denn der vom ÖLV entsandte Trainer Wolfgang Adler konnte oder wollte seine Komfortzone nicht so früh verlassen. Schade für mich, ein bisschen Zuspruch in den Stunden vor dem Wettkampf, in denen man kaum etwas Essbares runterbringt, in denen einem die Nervosität ziemlich zusetzt, wäre mir ganz gelegen gekommen. Ich bin aber sicher, dass der Coach meinem Auftritt später wenigstens als interessierter Zuschauer beiwohnte. Denn dieser Auftritt endete immerhin mit der Qualifikation fürs A-Finale der besten Sieben. Als Vorkampf-Sechste mit 3,80 Metern aufgrund der zahlenmäßig geringeren Fehlversuche. Leider konnte ich mich im Kampf um die Medaillen, der satte vier Tage später stattfand, nur mehr um zehn Zentimeter steigern, für Bronze wären allerdings 4,20 Meter nötig gewesen – 19 Zentimeter mehr als meine damalige persönliche Bestleistung.

Trotzdem war meine Enttäuschung riesengroß. Genau wie die meiner Zimmerkollegin Ivona Dadic, die zeitgleich ihr Finale im Weitsprung bestritten hatte und sich 27 Zentimeter hinter Bronze mit Rang 6 begnügen musste. Hinterm Stadion klagten wir uns gegenseitig unser Leid, heulten Rotz und Wasser ob der vertanen Chance, in meinem Fall wegen der mäßigen Leistung. Abgesehen von dem sportlichen Unhappy-End übertrafen die Youth Olympic Games aber meine kühnsten Erwartungen. Schon bei der Eröffnungsfeier blieb einem der Mund offen. Die pompöse Zeremonie samt Überdrüber-Feuerwerk soll mehr Geld verschlungen haben als die gesamten Winter-Jugendspiele 2012 in Innsbruck. Für gute Stimmung sorgten auch die Freiwilligen, die allesamt der Altersgruppe der 15- bis 18-jährigen Athleten zuzuordnen waren. Das Konzept des neuen Eventformats sah vor, dass alle Athleten für die gesamten zwei Wochen der Spiele anwesend sein mussten, um nicht nur von der Medaillenjagd, sondern auch von zahlreichen Workshops und Info-Veranstaltungen profitieren zu können. Das Programm ließ tatsächlich keine Wünsche offen, vor allem der Adventure Day auf einer Insel vor Singapur überzeugte mich restlos: Klettern, gemeinsamer Floßbau, Verkosten von exotischen Früchten – so stelle ich mir das Heranführen junger Athleten an die olympische Idee vor.

Der herausragenden Bedeutung der Youth Olympic Games wurde ich bereits im Vorfeld gewahr. In Moskau hatte man im Mai eigene Europäische Trials angesetzt, eine brutale Auslese, die einer U18-EM gleichkam. Mit übersprungenen 3,90 Metern hatte ich auch dort Platz 5 belegt, insgesamt waren neun der insgesamt 16 Startplätze für Europa reserviert. In Österreich stimmte uns 16 Athleten eine Kick-off-Veranstaltung des ÖOC samt Einkleidung auf das Debüt unter den fünf Ringen ein. Bei diesem „Come together“ in Abtenau lernte ich unter anderem Lara Vadlau kennen, eine der wohl schillerndsten Persönlichkeiten meiner Athletengeneration. Das dort genossene Medientraining interpretierte sie in den Interviewübungen ein bisschen eigenwillig. „Für Silber bleib ich nicht so ewig lang da drüben. Mein Ziel ist Gold.“ Oder: „Segeln ist nichts für alte Leute. Nebenbei einen Fisch zu gril len kannst dir abschminken.“ Ich hielt die junge Dame anfangs für reichlich eingebildet, aber sie ließ den großen Worten schon bald große Taten folgen. Die Ausnahme-Seglerin holte in Singapur Österreichs einzige Einzel-Goldmedaille, legte im Erwachsenenbereich mit mehreren Welt- und Europameistertiteln nach und reiste als Medaillenfavoritin dorthin, wo auch ich so gern gestartet wäre: zu den Sommerspielen 2016 in Rio. Vom Singapur-Kader war das außerdem Ivona Dadic, Jakub Maly (Schwimmen) sowie Paul Sieber (Rudern) gelungen, Luis Knabl (Triathlon), Viktoria Wolffhardt (Kanu) und Martina Kuenz (Ringen) scheiterten knapp.

Obwohl mich mit meiner Zimmerkollegin Ivi, mit der ich auch in Singapur viel gemeinsam unternahm, eine innige Freundschaft verband und noch immer verbindet, genoss ich es doch, einmal, wenn auch knapp, vor ihr platziert zu sein. Denn wir, die kleine Zelle tief im Westen, wurde lange Zeit – eigentlich bis zum Übertritt in die allgemeine Klasse – eher belächelt, nicht für voll genommen, eine ansprechende Leistung wurde gern als Eintagsfliege abgetan. Nach dem Motto: „Lasst die Grünbergs nur machen, da kann ja nichts dabei herauskommen.“ Weil ja keiner der Bundestrainer seine Hände im Spiel hatte, sondern ein No-Name-Coach, ein Autodidakt und Piefke obendrein. Man brauchte nicht übersensibel zu sein, um mitzubekommen, dass die Schützlinge von Nationaltrainern ein ums andere Mal frühzeitig als Stars gehypt wurden, während man als Tiroler, Vorarlberger oder Steirer eine deutlich bessere Leistung benötigte, um überhaupt wahrgenommen zu werden. So wurde mir bei Team-Europameisterschaften stets Daniela Höllwarth vorgezogen. Die rangierte leistungsmäßig zwar hinter mir, war aber Schützling von Sprung-Nationaltrainer Wolfgang Adler. Erst nachdem sie ihre Karriere beendet hatte, kam ich zum Zug. Die Athleten im Osten konnten nichts dafür, aber sie waren bis zu einem gewissen Grad „Protektionskinder“. Auch Ivi. Ohne, dass sie es jemals nötig gehabt hätte.

Honoriert wurde mein fünfter Platz von Singapur aber genauso wenig wie ihr sechster. Bundestrainer Christian Röhrling hatte in seinem Jahresbericht überhaupt auf die Youth Olympic Games vergessen. Möglich, aber nicht allzu wahrscheinlich, dass er in dem Konvolut von Zahlen und Daten den Überblick verloren hatte – Ivi und ich waren die einzigen ÖLV-Sportler, die sich für Singapur qualifiziert hatten. Während sich in Tirol Ehrung an Ehrung reihte, interessierte den Leichtathletikverband Rang 5 beim größten Nachwuchssport-Event der Welt nicht sonderlich.

Notiz von mir nahm man allerdings, wann immer es um die Festsetzung von Limits ging. Reichte dem internationalen Verband eine Saisonbestmarke von 3,80 Metern als Teilnahmeberechtigung für ein Großereignis, verlangte der ÖLV 3,95. Das betraf die anderen Aushängeschilder ebenso, war auch nicht böse gemeint, eher als Ansporn. Trotzdem wirkte es aus der Distanz betrachtet ein wenig bizarr auf mich. Das kleine Österreich, dieses Entwicklungsland in Sachen Leichtathletik, wo ohnehin meist nur eine Handvoll Sportler für eine Entsendung in Betracht kommt, verschärfte einfach mal so die internationalen Standards. Mich störte es im Normalfall nicht sonderlich, aber es konnte unangenehm werden, wenn man dem Limit hinterhersprang, statt sich gezielt auf den Saisonhöhepunkt vorbereiten zu können.

Ansatzweise ging es mir in den Jahren 2011 und 2012 so. Ich trainierte hart, aber die Fortschritte ließen auf sich warten. Viel zu lange. Auch Papa war irgendwann mit seinem Latein am Ende, tourte einmal mehr durch Deutschland, um seine Informationsquellen anzuzapfen. Bei Herbert Czingon erhielt er die erhofften neuen Einsichten. „Was wollt ihr? Ihr stagniert doch. Seid zufrieden damit, andere machen in dieser Phase dramatische Rückschritte.“ Die „Phase“, von der wir nichts wussten, entpuppte sich als Teil der körperlichen Entwicklung bei Mädchen und geht mit einer vorübergehenden Verminderung der koordinativen Fähigkeiten einher. Ob es mich getröstet hätte, wenn ich es am Beginn dieser Durststrecke erfahren hätte? Schwer zu sagen. Den Saisonhöhepunkt, die U20-Europameisterschaft in Tallinn, mit Rang 18 in den Sand zu setzen wäre vermutlich trotzdem kein Stimmungsaufheller geworden. Erstmals seit Beginn meiner Karriere musste ich ein Jahr ohne persönliche Bestleistung beenden. Zudem reichten die bei der Staatsmeisterschaft erzielten vier Meter nur für Rang 4. Nie davor und nie danach hatten vier Österreicherinnen in einem Wettkampf die magische Grenze überquert.

Gegen Ende der Saison zeigte sich einmal mehr, dass Innsbruck fernab aller Kommunikationsstränge lag. Zumindest jene des Leichtathletikverbandes dürften anderswo verlaufen. Nur per Zufall bekamen wir von einer Deadline Wind, die für Sportler den Unterschied zwischen glorreicher Zukunft und Karriereende ausmachte. Eilig füllten wir die Formulare aus, um meine Chance auf Aufnahme als Sportlerin ins Bundesheer per 1. Oktober 2012 zu wahren. Der ÖLV hatte es nicht für nötig erachtet, uns zu informieren, weil meine seitwärts zeigende Leistungskurve keinerlei Chance auf Aufnahme verhieß. Womit die Funktionäre für den Moment recht hatten, damit aber auch signalisierten, dass sie mir keine Trendwende für 2012 zutrauten. Mein Ansuchen dürfte offenbar rechtzeitig eingelangt sein, kurz darauf hielt ich nämlich die Einladung zur Musterung im Februar in Linz in Händen. Dort schnitt ich zwar nicht ganz so bravourös wie bei der im gleichen Monat abgelegten Matura ab, Tauglichkeitsstufe 8 (von 9) bescheinigte mir aber, den militärischen Anforderungen physisch locker gewachsen zu sein. Was noch lange nicht hieß, dass man mich im Oktober mit offenen Armen und allen militärischen Ehren empfangen würde. Darüber sollte meine sportliche Performance der nächsten sechs Monate entscheiden.

Eines war aber klar: so viel Zeit zu investieren, ohne dass etwas dabei rausschaute – das konnte es auf Dauer nicht sein. Und ohne soziale Absicherung durch das Bundesheer würde meine Karriere allenfalls auf Sparflamme weiterköcheln. Also machte ich mich allmählich daran, einen Plan B auszuhecken. Der sah als Alternative zum Spitzensport ein Medizinstudium an der Universität Heidelberg vor. Klar hätte es da in erreichbarer Nähe ein Trainingszentrum gegeben, aber zwischen Morphologie und Humangenetik wäre wenig Zeit geblieben, Stabhochspringen auch nur annähernd in der bisherigen Intensität weiter zu betreiben. Um dieses Szenario abzuwenden, offenbarte sich mir nur eine Chance: eine Top-Leistung beim Saisonhöhepunkt, der Junioren-Weltmeisterschaft Mitte Juli in Barcelona.

Ich hatte eine mäßige erste Saisonhälfte hingelegt, den ein oder anderen Wettkampf in den Sand gesetzt, war nie über 3,90 Meter hinausgekommen. Aber die Trainings vor Barcelona steigerten meine Zuversicht, ich fühlte mich gut vorbereitet und hielt damit auch nicht hinterm Berg. Zwei, drei Tage vor dem Abflug traf ich mich mit meinem Sportpsychologen Christopher Willis. Diese Zusammenarbeit währte seit Jugendtagen, mit ihm konnte ich mich immer über alles austauschen. Natürlich auch über Themen, die weit über den Sport hinausgingen. Ob es Streit mit Christoph oder der besten Freundin, Stress in der Familie gab – Chris hörte zu, regte zum Nachdenken an, erarbeitete mit mir Strategien. Und genau so sollte es auch sein. Weil Baustellen im sozialen Umfeld viel öfter als Leistungshemmer wirken als sportspezifische Faktoren wie falsche Trainingsschwerpunkte, Blockaden und Ähnliches. Diesmal aber unterhielten wir uns ausschließlich über Sport, über den nächsten, so entscheidenden Wettkampf. Ich eröffnete Chris, in Barcelona 4,10 Meter als Minimalziel anzupeilen, eigentlich 4,20 Meter überwinden zu wollen. Eine neue persönliche Bestleistung also, die sich gewaschen hatte. Er versuchte mich aus der Reserve zu locken, bezeichnete das Gelingen meines Vorhabens als „sehr unwahrscheinlich“, weil Rekorde in der Drucksituation des Saisonhöhepunktes selten gelingen. Ich aber hielt an meiner Argumentation fest, wusste, dass im Training große Fortschritte feststellbar waren, ich das neue, höhere Level nur noch nicht im Wettkampf hatte umsetzen können. Damit gab er sich zufrieden, meinte, er wäre nur beunruhigt gewesen, wenn ich mich hätte verunsichern lassen.

In Barcelona trat endlich einmal ein rot-weiß-rotes Team in halbwegs ansehnlicher Größe an. Unter den elf, zwölf Qualifizierten fand sich sogar eine 400-Meter-Staffel, doch bis deren große Stunde gekommen war, hatten einige der Mitglieder längst w.o. geben müssen. Auch meine Zimmernachbarin konnte ihren Wettkampf nicht beenden. Nach einer im Abschlusstraining erlittenen Verletzung nahmen die Coaches Ivi nach fünf Bewerben des Siebenkampfes an der zehnten Stelle liegend aus der Wertung. Man wollte ihren Start bei den ein Monat später stattfindenden Sommerspielen von London, für die sie sich beim Mösle-Meeting in Götzis überraschend qualifiziert hatte, nicht gefährden. Ivi traf die Entscheidung hart, sie ist keine, die einen Wettkampf leichtfertig aufgibt. Mein Ruhetag zwischen Qualifikation und Finale diente somit unter anderem dazu, sie wieder aufzurichten.

Ich selbst konnte zu diesem Zeitpunkt zufrieden zwischenbilanzieren, hatte mich unter 29 Teilnehmerinnen als Elfte für das Finale qualifiziert, das vorrangige Ziel somit erreicht und dabei meinen persönlichen Rekord um vier Zentimeter auf 4,05 Meter geschraubt. Die ganze Weltmeisterschaft hatte bis dahin nichts zu wünschen übrig gelassen. Statt eines Wald- und Wiesenstadions mit eilig zusammengeschraubter Zusatztribüne, wie wir es sonst so oft im Nachwuchsbereich erlebten, hatte uns das prächtige Olympiastadion auf dem Montjuic empfangen. Dazu das Sommerwetter mit ungetrübtem Sonnenschein, wie ich es bei Wettkämpfen und Trainings immer liebte, ein Athletenhotel in Strandnähe und eine Stadt, die bekanntlich nicht mit Reizen geizt.

Dem großen Anlass entsprechend zelebrierte ich mein Wettkampfritual diesmal besonders ausgiebig. Zu den rosa Glückssocken, von denen mich bis zu sechs Paar begleiteten, über das Schweißband, das je nach Trikotfarbe in Weiß oder Rot gehalten war, bis hin zur pinken Hello-Kitty-Unterhose war alles vertreten, von dem ich überzeugt war, dass es zum Erfolg beitragen konnte. Auch beim Styling überließ ich nichts dem Zufall. Zur üblichen Schminkroutine und Mamas Haarflechtkunst zählten bei internationalen Anlässen rotweiß-rote Fingernägel zum Pflichtprogramm. Diesmal legte sogar meine Teamkollegin Ivi Hand an. Sie verpasste mir für alle Fingernägel ein kleinkariertes Muster in den österreichischen Nationalfarben und garnierte das Kunstwerk mit Strasssteinen. Logisch, dass diese Form der Maniküre ein wenig mehr Zeit in Anspruch nahm. Die Stunde war jedenfalls gut investiert, grenzte schon fast an innere Einkehr.

Trotzdem fand ich im Finale nur mühevoll in den Wettkampf. Irgendwie hatte ich mir im Vorfeld schwergetan, Ziele zu setzen. Laut Entry List war ich der absolute Underdog, niemand sonst hatte 4,05 Meter als Personal Best vermerkt, ein paar wenige 4,10 – die meisten aber wesentlich imposantere Höhen. Prompt schwächelte ich bei 3,80 Metern, hatte schon zwei Versuche verbockt, als ich mir vor Augen hielt, dass ein Finale ohne gültigen Versuch nicht einmal für eine Endplatzierung reichen würde. Also riss ich mich am Riemen, blendete die Nervosität meiner Eltern auf der Tribüne aus, lief an, stoppte, ging zurück, lief wieder an – und schwang mich über die Latte. Zur Hitze hatte sich inzwischen eine ziemlich steife Brise gesellt. In Kombination mit der tief stehenden Sonne eine Herausforderung für die Mehrzahl der Athletinnen. Ich hingegen fühlte mich an das Universitäts-Sportinstitut Innsbruck erinnert. Auch dort läuft man spätnachmittags zunächst in der Sonne an, ehe mir auch die Böen aus wechselnden Richtungen vor, die dankenswerterweise aber immer auf Rückenwind drehten, wenn ich mich Richtung Einstichkasten in Bewegung setzte. Auch damit hatte ich mich in Innsbruck zu arrangieren gelernt. Drei, vier Jahre waren wir ohne Halle gewesen, mussten Wind und Wetter trotzen. Nun begann sich dieses Handicap einer beklagenswerten Infrastruktur für einen Abend ins Positive zu verkehren. Die deutsche Konkurrenz zum Beispiel, die sonst nur in der Halle oder bei Windstille im Freien, also quasi unter Laborbedingungen übte, bekam hingegen Probleme.

Während eine Mitfavoritin nach der anderen die Segel strich, vom Winde verweht, vom Licht-Schatten-Wechsel aus der Konzentration gebracht, nahm ich die nächsten Hürden im ersten Versuch. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie hoch die Latte da eigentlich lag. 3,95 Meter; 4,05 Meter; 4,15 Meter. Am Ende hatte ich als Einzige im Feld bei herausfordernden Bedingungen eine persönliche Bestleistung aufgestellt – und beinahe eine Medaille geholt. Die Konkurrenz aus Italien und Australien meisterte 4,20 Meter jeweils erst im dritten Versuch, sonst wäre mir Bronze oder sogar Silber sicher gewesen. Für mich hatte der „undankbare“ vierte Platz aber keinerlei schalen Beigeschmack, ganz im Gegenteil – er fühlte sich an wie ein Sieg. Denn einerseits hatte ich mein Ranking in der Meldeliste um neun Positionen getoppt, andererseits die beste ÖLV-Platzierung aller Zeiten bei Junioren-Weltmeisterschaften eingestellt – 1996 war Günther Weidlinger in Sydney über 3000 Meter Hindernis ebenfalls knapp an einer Medaille vorbeigeschrammt. Und – auch nicht ganz unwesentlich: Heidelberg würde mich so schnell nicht sehen, Medizinerin so bald auch keine aus mir werden. Flugs kramte ich Plan A aus der imaginären Schublade hervor. Profisport, du hast mich wieder! Oder eigentlich: weiterhin.

Das Beste an meinem Barcelona-Coup aber war: Er hatte am Abend des vorletzten Wettkampftages stattgefunden. Das restliche Team saß, weil nicht mehr ins Wettkampfgeschehen verwickelt, geschlossen auf der Tribüne und feuerte mich an. Und anschließend tauchten wir gemeinsam ins Nachtleben ab. Bis fünf Uhr früh trieben wir uns am Hafen herum, wo die Clubs, wie Perlen an einer Schnur aufgefädelt, um Kundschaft buhlen. Ich für meinen Teil hätte ja schon früher den geordneten Rückzug angetreten, aber als eine der Älteren im Team ließ ich mich erweichen, darüber zu wachen, dass die jüngeren Teamkollegen wohlbehalten ins Hotel zurückkehrten. Es war ein harter Job, aber eine musste ihn ja machen.

Die Performance von Barcelona und der eine Woche später errungene erste Staatsmeistertitel in der allgemeinen Klasse trugen mir – neben einer Nachnennung durch den Verband beim Bundesheer – eine Einladung zur Premiere der Gugl Games ein. Das von Manager Robert Wagner wiederbelebte Linzer Leichtathletik-Meeting strahlte im Glanz der Stars der acht Tage davor zu Ende gegangenen Sommerspiele von London. Beim Abendessen im Hotel konnte ich meinen Blick kaum von den Lauf-, Sprung- und Wurfgöttern abwenden. Mit Kirani James (Grenada/400 m) und Felix Sanchez (Dominikanische Republik/400 m Hürden) standen zwei frisch gebackene Olympiasieger am Start (und gewannen), Justin Gatlin (USA/Bronzemedaillengewinner über 100 Meter) war auch eingeflogen, musste sein Rennen aber wegen eines Kreislaufkollaps absagen. Auch kein ganz Unbekannter: Oscar Pistorius, der zum damaligen Zeitpunkt ausschließlich wegen seiner Auftritte bei Olympischen und Paralympischen Spielen für Aufsehen sorgte. Meine prominenteste Konkurrentin kannte ich ebenso aus Film, Funk und Fernsehen: die regierende Weltmeisterin aus Brasilien, Fabiana Murer. 55 Zentimeter trennten uns am Ende, wobei ich mein damaliges Potenzial mit 4,10 Metern durchaus abzurufen vermochte.

Sechs Wochen später trat ich meinen neuen Job an: als Rekrutin beim Österreichischen Bundesheer. Aller Anfang war gar nicht so schwer, bei der vierwöchigen Grundausbildung im steirischen Gratkorn blieben Schikanen aus. Keine Nachtmärsche mit vollem Gepäck – alles, was uns von den Ausbildnern abverlangt wurde, war das Zurücklegen einer vier oder fünf Kilometer langen Strecke mit Helm und Waffe. Das „Sportlerregiment“, das in Gratkorn strammstand, kannte sich in weiten Teilen von gemeinsam erlebten Großereignissen wie den Youth Olympic Games in Singapur. Ivona Dadic war ebenso einberufen worden wie Vicky Wolffhardt, Jakub Maly – und auch Lara Vadlau. Lara, Gehorsam und Uniformität, das passte, wie erwartet, nicht unbedingt wie die Faust aufs Aug. Als wir uns in einer bestimmten Adjustierung im Kasernenhof aufstellen sollten, trug Lara neben einer riesigen pinken Uhr eine Extrajacke – mit dem Hinweis, sie werde sich hier jetzt sicher nicht verkühlen. Immer und immer wieder ließen uns die Ausbildner antreten, das optische Erscheinungsbild blieb unverändert. Selbst die Mehrheit der Rekruten rollte bereits mit den Augen. Ob Lara das Teil am Ende aus- oder der Rest die Jacke anzog, kann ich nicht mehr sagen. Es sind unter anderem Verhaltensoriginaltäten wie diese, für die ich die Segel-Rebellin so mag.

Nicht alle von uns waren gleichermaßen für das Leben im Feld geeignet. Manche entpuppten sich beim Gefechtsdienst sogar als veritables Sicherheitsrisiko. Ivi durfte man getrost ein solches nennen. Denn jeder Angreifer wäre wohl dankbar, lautstark auf die Position der feindlichen Linien hingewiesen zu werden. Genau das hätte die bekennende Spinnen- und Insektenhasserin getan, indem sie spitze Schreie ausstieß, als sie in dem Busch, in dem sie sich verschanzt hatte, allerlei Kleingetier ausmachte. Ich hingegen fand Gefallen an der Bewegung an der frischen Luft, auch am Robben durch den Matsch, war ja, wie erwähnt, eher wie ein Bub erzogen worden. Am Ende der Grundausbildung stand die Angelobung vor dem Schloss Eggenberg. Man hätte die feierliche Stimmung durchaus genießen können, wenn da nicht das zweistündige Ausharren in der immer gleichen Position gewesen wäre. Nur gut, dass lediglich ein paar Fackeln die Szenerie erhellten. So wurden die kleineren und größeren Unzulänglichkeiten beim Stehen in Reih und Glied weniger offenbar. Lara musste der Angelobung übrigens wegen einer gerade überstandenen Knieoperation fernbleiben. Sie hatte sich unter nie restlos geklärten Umständen einen Kreuzbandriss zugezogen.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 525,99 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
241 стр. 20 иллюстраций
ISBN:
9783990011881
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги