Читать книгу: «Die Welt, die meine war»
Ketil Bjørnstad
DIE WELT,
DIE MEINE WAR
Die achtziger Jahre
Roman
Aus dem Norwegischen von
Andreas Brunstermann, Gabriele Haefs,
Kerstin Reimers
und Nils Hinnerk Schulz

Titel der norwegischen Originalausgabe:
VERDEN SOM VAR MIN.
Band III. Ảttitallet
© Ketil Bjørnstad
First published by H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard) AS, 2017
Published in agreement with Oslo Literary Agency.
Die Arbeit der Übersetzer/Übersetzerinnen wurde im Rahmen des
Programms »NEUSTART KULTUR« aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung
für Kultur und Medien vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Der Verlag dankt NORLA, Norwegian Literature Abroad, für die großzügige Förderung der Übersetzung.

Erste Auflage 2022
© Osburg Verlag Hamburg 2022
www.osburgverlag.de Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme
verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Lektorat: Ulrich Steinmetzger, Halle (Saale)
Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida
Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg
Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste
ISBN 978-3-95510-273-9
eISBN 978-3-95510-282-1
Inhalt
1980
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
1981
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
1982
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
1983
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
1984
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
1985
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
1986
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
1987
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
1988
Kapitel 95
Kapitel 96
Kapitel 97
Kapitel 98
Kapitel 99
Kapitel 100
Kapitel 101
Kapitel 102
Kapitel 103
1989
Kapitel 104
Kapitel 105
Kapitel 106
Kapitel 107
Kapitel 108
Kapitel 109
Kapitel 110
Kapitel 111
Zitatnachweis
1980
1.
Er sitzt in dem kleinen Arbeitszimmer im ersten Stock am Arbeitstisch vor der Schreibmaschine und starrt über die Baumwipfel. Das Meer liegt blaugrau auf der Außenseite der Insel. Ein Dienstag im Januar. Der Schnee auf dem Boden wird unter den schweren Wolken dunkel. Obwohl er erst am Vortag über Bäume, Felskuppen und Ackerflächen gefallen ist, wirkt er bereits schmutzig. Zwischen dem Nachbarhaus und dem Haus, in dem er zusammen mit der Anderen wohnt, entdeckt er einen riesigen zerzausten Brocken von rotem Kater. Das ist Adonis, der Schrecken von Sandøya, das Herzenskind von Hans Petter auf Hauketangen. Nun weiß er, dass die Nachbarskatze Kajsa läufig ist. Er sieht sie aus einem Spalt unter dem Haus von Tore und dessen Freundin hervorkommen. Die schwarzweiße Katze wird jetzt alt, sie wittert in allen Gerüchen, die der Wind mit sich bringt, fährt zusammen beim Anblick ihres langjährigen Liebhabers, mit dem sie mehrere Kinder hat. Er ist gerührt vom erschöpften Zug in ihrem Gesicht.
Er öffnet das Fenster, denkt, er könne irgendetwas hinauswerfen, wenn es da unten auf dem Hof zu einer gar zu argen Rauferei käme. Adonis und Kajsa knurren beide warnend, starren zur Seite, als seien sie mit etwas ganz anderem beschäftigt als dem Gegenüber. Aber die Zeit ist knapp. Jetzt kann er das Geheul aller anderen Kater hören, die zwischen Sträuchern und Unterholz hervorkommen und die Adonis bisher in respektvoller Nähe gefolgt sind. Bewahre, das sind wirklich viele. Ganz vorn sieht er Movitz, den Kater aus seinem eigenen Haus, schon seit Jahren sein Bettgesell, seit das Tier den großen Sprung von der Kiefer auf den Schlafzimmerbalkon gelernt hat. Ein Krach, jede einzelne Nacht, in der Regel genau dann, wenn er sich in den tiefsten Träumen aufhielt. Im Laufe der Zeit ist es fast zu einem lieben Ritual geworden. Im Halbschlaf aufstehen, die Balkontür öffnen und den Kater hereinlassen, die Pfoten spüren, die die Decke plattdrücken, sowie er sich wieder hingelegt hat. Movitz, der auf seinem Bauch herumtritt und dabei vor Freude schnurrt, ehe er sich mitten ins Bett legt und sich die Spuren der nächtlichen Eskapaden ableckt.
Er an seiner Schreibmaschine schafft es nicht, weiterzuschreiben. Er muss beobachten, was draußen passiert. Movitz ist wie immer hinter Adonis Nummer 2 in der Warteschlange. Aber während Movitz sich bisher in respektvoller Distanz gehalten hat, bohrt er diesmal seine Nase fast in den Schritt des furchterregenden Rivalen. Hinter Movitz steht der lächerliche Kater von Sannasvingen, der immer anfängt zu humpeln, wenn er merkt, dass er von Menschen beobachtet wird. Und hinter ihm kommt ein seltsamer Bursche, der von Østergården oder aus der Nähe stammen muss. Ein gerissener Knabe mit Schildpattmuster. Er ist so geil, dass er sich auf dem Boden wälzt. Es gehören noch drei weitere Kater zu diesem brünstigen Aufzug, aber das sind Verlierer oder Stümper, die hier bestenfalls den einen oder anderen Trick lernen können. In seiner Vorstellung war Adonis lange Zeit Sonny Liston, und Movitz war Floyd Patterson. Keiner von ihnen besitzt die Leichtigkeit Muhammad Alis. Diejenigen, die sich allen Ernstes eine Chance einräumen, es mit Kajsa zu treiben, sind bereit, sich gegenseitig die Eier abzubeißen. Und nun wird das Signal gegeben! Adonis hat es geschafft, Blickkontakt zu Kajsa aufzunehmen, aber just in dem Moment, als er sich aufbläst und einen schrillen Schrei ausstößt, springt Movitz von hinten auf ihn. Die beiden Körper verwandeln sich in einen knurrenden Ball, der den Hang hinab auf Tores Schreinerei zurollt. Sofort wittert der Hinkefuß Morgenluft und macht sich ohne Zögern über Kajsa her. Doch die erfahrene Katze windet sich aus seinem Griff und schlägt ihm die Krallen in die Visage. Der kleine Schurke jagt auf den Wald zu. Jetzt versucht der gerissene Knabe von Østergården sein Glück, aber Kajsa bleibt einfach ruhig sitzen und ignoriert ihn, wendet den Kopf den beiden zu, die unten vor der Schreinerei auf Leben und Tod kämpfen. Er, der an seiner Schreibmaschine sitzt und zuschaut, denkt voller Entsetzen an Movitzens bereits zerfressenen Kopf, an Wunden aus früheren Kämpfen, die nicht ganz verheilen wollen. Er war noch kein Jahr alt, als er von einem Fuchs gebissen wurde. Die Wunde begann zu eitern, und nach einigen Tagen fiel Movitz auf einer Seite das Fell aus. Dennoch stand er an der Tür, quengelte und wollte los zu neuen Abenteuern. Später bohrten sich die Krallen anderer Kater in seine Stirn, er hatte tiefe Bisswunden im Schritt. Er schien sich aus allem nichts zu machen. Als ob er den beiden Menschen im Haus an jedem einzelnen Tag dafür dankte, dass er nicht kastriert worden war.
Die Kater sind jetzt unter der Schreinerei verschwunden. Nun ertönt ein so herzzerreißendes Geheul, dass ein Mensch eingreifen muss. Er springt auf, stürzt die Treppe hinunter und hinaus auf den Hof. Dort sieht er Adonis, der in gestrecktem Galopp auf die Straße zujagt. Movitz bleibt verwirrt zurück und wirft seinem Futtermeister einen unschlüssigen Blick zu. Dann scheint der Kater begriffen zu haben, dass er gewonnen hat. Dass er jetzt die Nummer 1 ist. Mit ruhigen Schritten, aber mit einem vor Brunst bebenden Körper geht Movitz langsam den Hang hoch auf die eigene Mutter zu. Sie hat sich auf dem Weg zwischen den beiden Häusern in den Schnee gelegt. Sie erwartet ihren Sohn.
Der Diener des Katers zieht sich langsam zu seiner Haustür zurück. Wieder rieseln große Schneeflocken zu Boden. Bald werden auch die Taten und Untaten dieses Tages vergessen und verborgen sein.
Er bleibt auf der Treppe zum Arbeitszimmer stehen. Das war also die Welt der Katzen. In der Welt der Menschen ging es oft noch brutaler zu. Für Einzelne spielte es nicht einmal eine Rolle, ob das Gegenüber beim Sex lebendig oder tot war. Selbst mit einer Leiche zu vögeln, konnte seinen Zweck erfüllen.
2.
In seiner allerersten Erinnerung steht er auf der Treppe zu Hause im Melumvei, gleich vor der Haustür. Später wird er denken, dass das in den ersten Monaten des Jahres 1955 gewesen sein muss.
Es ist Frühling.
Er erinnert sich an Staub, an die letzten Schneereste. Er erinnert sich daran, dass er zu sich selbst gesagt hat: Jetzt bin ich drei Jahre alt.
Er erinnert sich an den Zaun und das rote Haus auf der anderen Straßenseite. Er erinnert sich an die Angst vor den beiden Jungen, die dort wohnten, und vor deren schwarzem Hund. Aber vor allem erinnert er sich an das Loch in der Treppe daheim. Es war so groß, dass ein Erwachsener eine Faust hineinstecken konnte. Er konnte mit beiden Füßen hineintreten, wenn er die Schuhe auszog.
Es war so erschreckend groß.
Wie war das Loch entstanden?
Er wagte nie, seine Eltern danach zu fragen. War es ein Meteorit gewesen? Eine Atombombe? Ein vom Himmel gestürzter Engel? Oder hatten sich die Eltern gestritten und Vater oder Mutter hatte mit dem Fuß aufgestampft, wieder und wieder, in gewaltigem Zorn?
Oder war er es selbst gewesen?
Dieser letzte Gedanke ist der erschreckendste. Das Gefühl, dass mit ihm vielleicht etwas Schwerwiegendes nicht stimmt, dass Gott ein Zeichen auf die Treppe vor der Haustür gesetzt hat, damit ER in alle Ewigkeit daran denkt, dass hier einer wohnte, mit dem etwas ganz und gar nicht stimmte.
Bis ihm dieser Gedanke gekommen war, hatte er sich des Lebens freuen können, ehe er groß genug wurde, um sich sagen zu können, er sei jetzt drei Jahre alt, er müsse versuchen, sich für den Rest seines Lebens an diesen Augenblick zu erinnern.
Jetzt, da der letzte Gedanke gedacht ist, hofft er, diesen Augenblick vergessen zu können. Der Wind in den Bäumen, der Gesang der Vögel, das Hupen eines Autos in der Ferne. Die Straßenbahn nach Lijordet, die an der Haltestelle Røa vorfährt.
Sich liebevoll zu erinnern. An alle, die da waren. Die ganze Zeit. Die versuchten, sich um mich zu kümmern. Die tiefe Dankbarkeit. Dafür, dass ich wirklich die Möglichkeit erhielt, dieses Leben zu leben. Aber die Erinnerung hat ihre eigene Dramaturgie. Wir erinnern uns an das, woran wir uns erinnern wollen. Das, was wir vermissen, und das, was wir nicht verdrängen können. Deshalb werden diese Bücher über die Vergangenheit als Romane geschrieben. Genau wie das Leben hat der Roman oft ein Leitmotiv und mehrere Nebenmotive. Und wie im Leben sucht unser Gedächtnis aus, welche Erinnerungen wesentlich sind und in Erinnerung bleiben und welche vergessen werden sollen.
So entsteht eine Dramaturgie, die einem Roman zum Verwechseln ähneln kann.
Nicht das Drama an sich sorgt für die Dramaturgie. In Madame Bovary ist das Fehlen von Ereignissen ebenso wichtig wie die Ereignisse selbst. Die Langeweile an sich ist eine der Voraussetzungen dieses Buches.
Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich oft am besten an das Ereignislose: vor dem Haus im Melumvei in Røa auf einer Treppe zu sitzen.
Zumeist war ich glücklich und ahnungslos. Aber ich weiß auch noch, dass ich Unbehagen verspürte.
Meine erste bewusste Erinnerung: dass ich mich fürchtete, vor dem Leben und vor allem, was vor mir lag.
3.
Am 13. Januar 1980 landet das erste F-16-Jagdflugzeug der norwegischen Luftwaffe auf dem Flugplatz Rygge bei Moss. 71 weitere werden folgen. Sie sollen Norwegen gegen die Feinde im Osten verteidigen, gegen den großen Bären Sowjetunion. Sie sollen der Schild der NATO in der Luft sein, bereit, im Notfall ihre Bomben überall auf Europa abzuwerfen. Und später auch viel weiter weg, zum Beispiel über Afghanistan und Libyen.
Major Steinar Berg sitzt im Cockpit. Er ist 950 Stundenkilometer geflogen und hat für die Strecke von Amsterdam hierher siebzig Minuten gebraucht.
Verteidigungsminister Thorvald Stoltenberg ist noch besserer Laune als sonst.
Der Nebel legt sich über große Teile Südnorwegens, Dänemarks und Südschwedens. Auf Sandøya lauschen wir der Stille. Nichts ist so still wie Nebel. In Västra Götalands län, zwischen Tjörn und Stenungsund, ist der norwegische Massengutfrachter Star Clipper unterwegs zur Almöbro, der größten der drei Brücken, welche die Insel Tjörn mit dem Festland verbinden. Die Brücke ist im Nebel nicht zu sehen, aber auf dem Schiff erkennt man sie deutlich im Radar.
Dann zerbricht das Steuerruder des Schiffes.
Der Steuermann kann keinen richtigen Kurs mehr zu der Schrägkabelbrücke halten, die eine Segelhöhe von 43 Metern gestattet. Es geht auf halb zwei am 18. Januar 1980. Die Star Clipper hält genau auf den einen Brückenpfeiler zu. Bei dem Zusammenstoß brechen die tragenden Rohrbögen ein. Der Mittelteil der Brücke ist nicht mehr vorhanden. Große Mengen Beton und Armierung stürzen auf das Schiff, aber niemand von der Mannschaft kommt ums Leben. Nach und nach fahren aus beiden Richtungen bei dichtem Nebel Autos auf die Brücke. Sie können nicht sehen, dass die Mitte der Brücke nicht mehr existiert. Die Autos fallen über den Rand und verschwinden im eiskalten Wasser.
Die Mannschaft auf der in Liberia registrierten Star Clipper der Fred. Olsen-Reederei lässt Notraketen steigen, um die Autofahrer zu warnen, aber das hilft nichts.
Acht Menschen kommen ums Leben.
Erst drei Tage später werden die Wagen auf dem Meeresboden gefunden.
Nachts liegt er wach. Er denkt an die Autofahrer, was sie empfanden in den letzten Sekunden ihres Lebens, ehe der Tod plötzlich kam. Die banalste aller Fragen. Ja, was hast du empfunden? Die Meeresoberfläche, die sich näherte. Das Unbegreifliche an dem Sturz. Die Brücke, über die sie so oft gefahren waren und die plötzlich nicht mehr vorhanden war. Konnten sie noch denken, dass sie sterben würden? Und der liebe Onkel Odd, der ihnen allen so viel bedeutete. Wusste es der Onkel, als der Schlag kam? Bei der Beerdigung sah er im Gesicht des Vaters Trauer und Verzweiflung, wie er sie noch nie gesehen hatte. In all den Jahren danach hatte er versucht, dieses Weinen zu verdrängen. Er hatte sich gesagt, dass der Vater nur zweimal geweint hatte: einmal, nachdem er sich mit der Mutter gestritten hatte auf dem Weg zu einer Hütte bei Hallingskarvet, das andere Mal beim Tod der Mutter, viele Jahre später.
Aber während er schreibt, denkt er plötzlich: Nie hat der Vater so hilflos geweint wie nach Onkel Odds Tod. Hatte er das verdrängt, weil der Vater damit eine andere Seite seiner selbst gezeigt hatte? Im selben Moment erinnert er sich an andere Augenblicke, in denen der Vater geweint hatte. Was ging in seinem Kopf vor? Wie sortierte er die Erinnerungen? Wovor hatte er sich beschützen wollen?
Die Gewissheit des Todes. Er fragt sich, wie stark er wohl selbst sein wird an dem Tag oder in der Nacht, wenn es geschieht. Die 175 Menschen in der Stierkampfarena in Bogotà erhielten auch keine Vorwarnung. Die Tribüne unter ihnen brach einfach innerhalb weniger Sekunden zusammen.
Die Andere ist eingeschlafen. Movitz liegt an seinem Platz im Bett. Er schläft ebenfalls. Die Stille vor dem Haus dringt bis ins Schlafzimmer vor. Oft füllt sie das Haus mit noch mehr Stille. Und diese Stille drängt sich zwischen ihn und die Andere, nicht als etwas Unbehagliches, sondern als etwas Feierliches. Denn sie leben hier auf dieser Insel draußen am Meer wirklich ein stilles Leben. Es passiert nicht viel, es gibt nicht viel, was sie einander erzählen können, wenn sie sich an den Abendbrottisch setzen oder ihr Tagewerk erst zur Hälfte hinter sich gebracht haben. Sie versuchen, etwas zu erschaffen, alle beide. Sie webt, er schreibt an einem Buch oder spielt Klavier. Aber selbst die Flügeltöne können gegen die Stille nichts ausrichten. Die Stille ist keine Freundin. Aber sie ist auch keine Feindin. Sie steht einfach da, mitten im Raum, und sagt: Hier bin ich. Was habt ihr jetzt vor mit mir?
Er kann nicht antworten. Er denkt nur, dass er sich entscheiden muss. Entscheiden, welches Leben er leben will. Aber hat er sich nicht bereits entschieden?
Er lebt seit fast fünf Jahren auf dieser Insel.
4.
Das Telefon klingelt. Ich fahre jedes Mal zusammen. Wie haben sie es geschafft, die Leitung bis hierher ans Meer zu legen? Führt die Leitung über den Boden des Hagefjord zwischen Lippfisch, Kabeljau und Fischen, die als nicht essbar gelten? Riskieren sie nicht, dass Krebse oder Hummer die Leitung kappen?
»Morgen, du. Hier ist Kjell.«
»Welcher Kjell?«
»Es gibt ja wohl nur einen Kjell, mein Junge.«
»Ach, sicher«, sage ich, auch wenn ich noch zwei weitere kenne. Kjell aus meiner Klasse. Kjell vom Norsk Musikkforlag.
In der Leitung herrscht erwartungsvolle Stille. Fast wie in alten Zeiten, als die Telefonistin in Stangeland mithörte. Kjell Bækkelund ruft zwar nicht zum ersten Mal an, aber der letzte Anruf ist lange her, damals wohnte ich noch in Oslo. Bis hierher nach Vestre Sandøya vor Tvedestrand anzurufen ist weit, denke ich. Man ruft nicht so weit an, wenn man nicht etwas ganz Besonderes will. Die Frau in der Zentrale kratzt sich dabei im Gebührenzählerschritt, wie Trond-Viggo immer sagt.
»Wann kommst du nach Oslo?«
Er hat diese nasal lispelnde Stimme, die ganz Norwegen kennt. Nicht viele klassische Musiker sind so bekannt wie er. Bækkelund, Levin, Tellefsen, Knardahl. Das sind schon alle. Und Aase Nordmo Løvberg, natürlich. Ich setze mich automatisch gerader. »Ich komme, wenn du rufst«, sage ich.
»So gehört sich das, Junge«, sagt Bækkelund zufrieden. »Kommst du dann heute Abend? Um Punkt sieben?«
Ich schaue auf die Uhr. »Das kann ich schaffen«, sage ich. Wenn man auf Sandøya wohnt, kommt man, wenn jemand ruft. Wir, die wir uns Kulturarbeiter nennen, kommen, wenn die Mächtigen anrufen.
Bækkelund ist mächtig.
Bækkelund hat etwas mit mir vor. Aber ich weiß nicht, was. Hat er mich für eine Rolle in seinem Ränkespiel ausgesucht? Er ist nicht nur einer unserer bedeutendsten Pianisten, reist um die Welt und spielt neue norwegische Komponisten, Musik, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten wird, die aber gerade jetzt von Botschaften und Konsulaten geschätzt wird zwischen Kanapees und Lobesreden. Er war immer schon großzügig, hat mir vorwärts geholfen, mit fast panegyrischen Artikeln in den Zeitungen und spannenden Projekten, von denen jeder Pianist begeistert gewesen wäre. Wie damals, als er sechs der bedeutendsten Pianisten einlud, während der Festspiele in Bergen im Konsertpalé Rachmaninow-Präludien zu spielen. Er wollte daraus eine Schallplatte bei der Deutschen Grammophon machen. Fast wäre es ihm gelungen.
Als ich dann im Mirafiori sitze, im Schneegestöber bei der Raststätte Cinderella und bei Søndeled, denke ich an die hervorragende Stellung, die er bei den Sozialdemokraten einnimmt. Wenn er zu seiner Adventsparty einlädt, kommen alle. Ministerpräsident Odvar Nordli, bestimmt das gesamte Kabinett, Knut Frydenlund, Inger Louise Valle, Per Kleppe und Bjartmar Gjerde. Sicher doch! Jens Evensen und Eivind Bolle. Gro Harlem Brundtland, die junge, frische und sportliche Umweltministerin, über die alle reden und die noch dazu Ärztin ist. Bestimmt finden sich einfach alle zu diesen Festen ein. Aber keine Pianisten. Nicht ich. Mir sollte die Ehre zuteilwerden, später zu kommen. An einem kalten Januarabend, an dem der Frostnebel an der Küste anzeigt, dass das Eis vielleicht liegenbleibt.
Denn das war etwas, das alle über Bækkelund wussten. Er hatte immer einen Auserwählten. Einen, mit dem er im Frognerpark spazieren ging. Einen, mit dem er an einem Zweiertisch im Theatercafé saß. Es konnte auch eine Auserwählte sein, eine Frau. Dann war es zumeist eine, die seine nächste Ehefrau oder Lebensgefährtin werden sollte. Aber es konnte auch ein Mann sein. Dann war es ein Kronprinz. Einer, der später Kirchen- und Bildungsminister werden würde oder vielleicht sogar Außenminister.
Ich schlingere die kurvigen Straßen durch Telemark hoch auf das Gewerbegebiet bei Brevik zu. Vor meinem inneren Auge tauchen einige unfassbare Bilder auf. Soll ich Politiker werden? Ich erröte, als ich mich plötzlich hinter dem Schreibtisch des Außenministers erblicke. Hier verschiebe ich die Ordner. Eine schöne Frau in einer grünen Wolljacke kommt herein und lächelt. Es ist meine Privatsekretärin. Die persönliche. Die weiß, dass ich immer im Schrank gleich hinter mir eine Flasche vom besten Whisky stehen habe. Jetzt teilt sie mit, dass es bald Zeit wird, sich nach Gardermoen zu begeben, da auf Fornebu keine Jumbojets landen können. Präsident Jimmy Carter wird in weniger als einer Stunde mit der Air Force One eintreffen. Da der norwegische Ministerpräsident plötzlich erkrankt ist, habe ich das Oberkommando. Mit einem kurzen Telefongespräch habe ich mich von meinem üblichen fünften Platz entfernt. Jetzt stehe ich plötzlich an zweiter Stelle, bin fast die Nummer 1. Oder will er von mir etwas anderes? Will er mich zum Chef der Universitätsbibliothek machen? Will er vielleicht, dass ich Landeskonservator werde? Bækkelund ist die eigentliche Spinne im Netz derjenigen, die etwas bedeuten. Er hat Macht über den Möbelhändler in Jessheim, über das gesamte norwegische Parlament, er könnte mit den Fingern schnippen und mich im Handumdrehen zum Rundfunkdirektor machen. Aber was sollte ich in diesem Fall der Anderen sagen? Sie will doch nur auf Sandøya wohnen!
Die Machtphantasien werden immer stärker, und als ich an Larvik vorüberfahre, bin ich bereits zum Oberkommandanten aller Streitkräfte geworden. Ich sitze an einem geheimen Ort in Akershus, wo niemand mich sehen kann. Im hintersten Raum steht ein gewaltiger Steinway-Flügel. Während alle glauben, dass ich verteidigungsstrategische Angriffspläne gegen Breschnew in der Sowjetunion schmiede und mit Svein Sørensen von der Heimvolkshochschule Svanvik in Pasvik telefoniere, meinem Verbündeten, übe ich stattdessen das B-Dur-Konzert von Brahms. Das soll mein Dank an Bækkelund sein. Meine Art, ihn zu überraschen. Vielleicht freut er sich gar nicht. Vielleicht ärgert er sich, weil ich gerade in diesem Moment so viel besser spiele als er. Aber so sind die Folgen der Freigebigkeit. Man bekommt nicht das, was man verdient. Jetzt bin ich es, der Adventsfeste veranstaltet und andere anruft.
Erst als ich mich Drammen nähere, lande ich auf der Rollbahn der Wirklichkeit und merke, dass ich die Geschwindigkeitsbegrenzung um dreißig Kilometer überschritten habe. Ich bremse verdrossen, es gefällt mir nicht, wie ich ihm immer gehorche. Was soll ich eigentlich zurückzahlen? Was kostet ein Superlativ? Meine Gedanken waren noch immer düster, nach dem tristen Silvesterabend, an dem ich mich im Schnee erbrochen und mich selbst von außen gesehen hatte. Die Kontrolle, die ich in den letzten Jahren gehabt hatte, war verschwunden. Ich wusste nicht mehr, wo ich mit dem Schreiben und der Musik hinwollte. Ich wusste nur, dass ich dünner werden wollte. Noch dünner. Dass es von mir noch weniger geben sollte. Erst dann würde ich die Kontrolle haben.
Ich war einer geworden, der Angst davor hatte, etwas zu verpassen. So war es früher nie gewesen. Da hatte ich vor überhaupt nichts Angst. Jetzt hatte ich Angst vor allem. Angst, dass mir das Leben zwischen den Fingern zerrinnen würde.
Im Frognervei kamen sie aus dem Wohnzimmer gelaufen, sowie ich den Schlüssel ins Schloss steckte.
»Ketil!«
Jedes Mal, wenn Mutter meinen Namen rief, kam ich mir vor wie sechs Jahre alt. Und wenn Vater rief, war ich noch jünger.
»Ich bleibe nur bis morgen. Bækkelund will mit mir sprechen.«
»Bækkelund?«, wiederholt Vater beeindruckt, auch wenn ich die Enttäuschung in seiner Stimme höre. Er möchte so gern mit mir reden wie in alten Tagen. Bis spätabends am Küchentisch sitzen und über Politik diskutieren. Ich spüre mein schlechtes Gewissen. Sie hatten gedacht, ich würde häufiger von Sandøya herüberkommen, da ich trotz allem die Miete für die relativ teure Wohnung im ersten Stock bezahle. Stattdessen lasse ich mich immer seltener blicken.
»Aber ich komme bald wieder«, sage ich. »Und dann bleibe ich einige Tage.«
Ach, diese frommen Lügen, die gebrochenen Versprechen. Hatte ich wirklich für irgendjemanden einen Wert? Bedeutete ich etwas für andere Menschen? Der Gedanke kam plötzlich und war durchaus nicht angenehm. Ich hatte noch nie so gedacht. Es waren die anderen, die etwas bedeuteten. Mutter, Vater, Tormod, Aimée, Ida, Ole, Rotkäppchen, die Andere. Ich war es, der sie brauchte, nicht umgekehrt. So sollte es sein. So musste es sein.
Es schneit jetzt nicht mehr. Der Bürgersteig ist glatt. Ich rutsche zum Olav Kyrres plass hinunter. In der Bygdøy allé sind Eisbuckel. Ich habe es eilig. Es ist zehn vor sieben. Da sehe ich die alte Dame auf der anderen Straßenseite. Ach, diese dickköpfigen alten Hexen, die niemals aufhören, sich auf ihr Lebensrecht zu berufen. Die durch die Straßen schwanken, fast schwerelos mit ihren alten, klapprigen Skeletten und mit löchrigen Strümpfen. Für wen, um alles in der Welt, halten die sich? Für die zu früh geborenen Kinder der Ewigkeit? Werden sie denn niemals sagen, genug ist genug, sich auf stille, höfliche Weise zurückziehen, wie jeder normale Mensch es tun würde, sich von ihrem Stuhl erheben, langsam zur Garderobe gehen, nach Hut und Mantel greifen, die Gamaschen überstreifen und in der Nacht verschwinden, sich in ein Grab legen, während der Schnee rieselt, und zu Erde werden, ja, zu Erde, Gedärm und Eingeweide den Maden überlassen, diese absolut notwendige Verwesung, die Munch und Hamsun so schön beschreiben, und durch die Platz für andere geschaffen wird. Ich bin unterwegs zu Bækkelund. Er wartet auf mich, aber die alte Dame rutscht weiter über den Bürgersteig, ohne zu begreifen, dass das Projekt, auf das sie sich an diesem Abend eingelassen hat, einer Besteigung des Mount Everest gleichkommt.
Ich versuche, sie nicht anzusehen. Noch hält sie sich auf den Beinen. Jetzt gibt es nur uns beide. Sie auf der einen Seite. Ich auf der anderen. Zwischen uns liegt das Leben. Oder ist es der Tod? Wenn sie oder ich die Straße betreten, wird ein Auto kommen, und sie oder ich werden sterben. Wofür leben wir? Ich lebe, um eine wichtige Verabredung mit Kjell Bækkelund einzuhalten. Aber was in aller Welt hat sie vor?
Ich gehe schneller, damit ich an ihr vorbei bin, wenn sie stürzt. Es ist ja nur eine Frage der Zeit. Wenn ich an ihr vorüber bin, bin ich die Verantwortung für sie los. Aber gerade jetzt stürzt sie, gleich vor dem teuren Küchenladen. Mein Herz wird schwer. Sie liegt auf der anderen Straßenseite und strampelt. Beine und Arme in alle Richtungen.
»Ich komme!«, rufe ich. »Bleiben Sie ganz still liegen! Versuchen Sie nicht, aufzustehen, gnädige Frau! Dann stürzen Sie nur wieder!«
Ich finde eine Lücke zwischen den vielen Autos und Bussen, die gerade jetzt wie eine Flutwelle aus Lärm, Bewegung und Auspuffgasen hereinbrechen. Wird dieses gemeine Geschehnis meine Zukunft ruinieren? Ist es der humanistische Roboter in mir, der meine Beine über die Straße zwingt? Warum musste sie gerade heute Abend auf diese lebensgefährliche Straße hinausgehen, denke ich wütend. Sie hätte so viele andere Abende gehabt. Dies ist der Abend, an dem ich zu Kjell Bækkelund bestellt bin. Er hat Pläne mit mir. Große Pläne. Er hat mich von Sandøya herkommen lassen. Das sind zwischen drei und vier Stunden Fahrt. Niemand kann erwarten, dass jemand einer solchen Aufforderung nachkommt, wenn nichts angeboten wird. Bækkelund hat etwas mit mir vor. In seiner Nähe gibt es nur Prominente. Aber nun liegt diese Elendsgestalt da und zappelt zwischen den Eisbuckeln. Großer Gott, auch ein Mensch, denke ich, als ich mich nähere. Und als ich mich Sekunden später über sie beuge, um zu hören, ob sie sich verletzt hat, sehe ich zu meinem Entsetzen, dass dort Tante Svanhild liegt.
»Aber meine Güte, Tante Svanhild!«, rufe ich.
Sie schaut aus ihren schönen, traurigen Augen zu mir hoch. »Ich wollte das nicht«, sagt sie, fast unter Tränen.
»Was wolltest du nicht?«
»Fallen natürlich.«
»Natürlich nicht. Aber hast du dich verletzt? Hast du dir etwas gebrochen?«
Sie lächelt ihr unwiderstehliches Lächeln. »Nein, ich nehme doch Kalziumtabletten«, sagt sie. »Das hab ich von Alfhild gelernt.«
Der Vorname meiner Mutter. Es ist immer so seltsam, wenn ihn jemand nennt. Meine Mutter, wie eine Elfe. Ein Wesen aus einer anderen Welt. Kein normaler Mensch.
»Jetzt fasse ich dich unter den Armen, und dann richten wir uns langsam auf, liebe Tante.«
»Nicht wir sagen, junger Mann. Ich muss mich allein aufrichten.«
»Darüber streiten wir uns nicht. Wir müssen sehen, ob du auf deinen Beinen stehen kannst.«
»Natürlich kann ich auf meinen Beinen stehen, Ketil.«
Sie richtet sich auf. Ich halte sie fest. Merke, wie dünn sie geworden ist. Die Arme. Fast nur Knochen. Sie muss krank sein. Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen, und meine Eltern haben nichts gesagt.
»Du kannst dich da drüben auf die Treppe setzen, und dann gehe ich zum Taxistand am Thomas Heftyes plass und hole uns einen Wagen.«
»Nein«, sagt sie energisch. »Ich bin doch fast zu Hause. Und du hast sicher eine Verabredung.«
»Natürlich bringe ich dich nach Hause.«
»Ich kenne dich zu gut. Du bist ein vielbeschäftigter Mann. Mit wem bist du verabredet?«
»Kjell Bækkelund.«
»Meine Güte. Wann sollst du da sein?«
»Vor zehn Minuten. Nein, in einer Stunde, meine ich.«
Sie mustert mich mit scharfem Blick. »Du meinst um sieben, nicht wahr? Vor zehn Minuten. Ich bin zwar alt, aber ich bin trotzdem nicht schwachsinnig.«
»Ach, Tante!«
»Ich geh allein.«
»Das tust du nicht.«
Es ist das letzte Mal, dass ich mit ihr durch eine Straße gehe. Sie hat sich bei mir eingehakt wie früher, wenn wir viel zu selten zusammen spazieren waren. Meistens saß sie mit übereinandergeschlagenen Beinen im Sessel, entweder in ihrer Wohnung oder bei uns. Sie war immer die Eleganteste, die mit dem feinsten Duft. Von ihr habe ich meine Vorliebe für französische Filme. Sie war die Erste, die Fernsehen hatte. Ich habe sie geliebt. Und ich habe sie einmal zutiefst verletzt. An dem fatalen Silvesterabend 1959, als ich ihr gesagt hatte, dass meine Eltern sie eigentlich gar nicht zu Besuch haben wollten.
»Wo warst du denn?«, frage ich.
»Beim Nähkränzchen. Wir fangen früher an, jetzt, wo wir älter sind.«
»Natürlich«, sage ich.
»Wir waren sechs«, sagt sie mit einem traurigen Lächeln. »Jetzt sind wir nur noch zwei. Aber wir können nicht aufhören, es ein Kränzchen zu nennen.«
Ich gehe neben ihr her und höre zu. Auch ihre Stimme ist schwächer geworden.
»Du musst besser auf dich aufpassen«, sage ich.
»Ich habe immer auf mich aufgepasst«, sagt sie.
Ja, denke ich. Sie hat immer allein gelebt.
»Du?«, fragt Bækkelund, als er die Tür einen Spaltbreit öffnet und demonstrativ auf die Uhr schaut. Er trägt ein weißes Hemd und eine Wollweste, wie sie nur Zeitungsredakteure oder Dorftrottel tragen. Das Design der Macht. Als ob man die allerreichsten Amerikaner mit rosakarierten Jacken die allerfeinsten Restaurants betreten sieht.
»Meine Tante ist gestürzt. Meine Lieblingstante.«
»Erzähl mir bitte nichts über deine Tante. Wen wird sie wohl wählen, wenn sie hier in der Gegend wohnt? Die Konservativen natürlich. Meinen alten Freund Albert Nordengen. Aber es gibt für alles eine Grenze. Wenn die Sozialdemokraten im Osloer Rathaus die Macht hätten, gäbe es jedenfalls Verstand genug, um auf den Bürgersteigen zu streuen. Ich gehe davon aus, dass sie sich auch diesmal nichts gebrochen hat. Komm rein.«
Ich denke, das hier ist ein Meilenstein, etwas, woran ich mich den Rest meines Lebens erinnere. Ein privater Besuch bei Kjell Bækkelund. Zum ersten Mal betrete ich die Patriziervilla am Olaf Kyrres plass, die für mich Macht bedeutet. Große politische und kulturelle Macht. Durch diese Tür ist erst vor Kurzem die gesamte norwegische Regierung geschritten. Jetzt komme ich als einziger Gast.
Kälte schlägt mir entgegen. Bækkelund registriert, dass ich das spüre.
»Wir verschwenden nichts«, sagt er. »Es wäre Wahnsinn, im ganzen Haus zu heizen.«
»Natürlich«, sage ich. Wir bleiben in der Diele stehen. Aus dem ersten Stock höre ich eine Frauenstimme, die leise telefoniert. Ich weiß, wer das ist. Die Schauspielerin Ingerid Vardund. Die die Hauptrolle in Elskere gespielt hat. Die Zeitungen haben über sie und Bækkelund geschrieben. Mutter hat immer schon gesagt, Bækkelund steht auf schöne Damen.
»Ins Wohnzimmer?«
»Nein, in die Küche.«
Ich nehme den Geruch von Schweinerippe wahr. Ach ja, denke ich. So ist es richtig. Ein Festmahl mit Wein und brennenden Kerzen. Denkt er an die Wahlen im nächsten Jahr? An einen neuen Minister? Etwas Junges und Frisches. Weder Bratteli noch Nordli hatten Minister, die die Jugend begeistern konnten. Nach all dem Schönen, das er über mich geschrieben hat, muss er einen Plan haben. Bækkelund lässt sich zu keiner Begegnung mit jemandem herab, mit dem er keinen Plan hat.
»Hast du Hunger? Möchtest du Kekse?«
»Ja, gern.«
»Auch Kaffee?«
»Danke, ja.«
Ich verspüre ein plötzliches Unbehagen. Der Geruch nach Schweinerippe ist jetzt noch stärker. Der kleine Esstisch ist mit zwei Tellern und zwei Rotweingläsern gedeckt, aber er geht mit mir ins Wohnzimmer, wo die vielen Lithografien mit den Widmungen all seiner Freunde unter den Künstlern neben- und übereinander hängen.
»Also, was machst du denn so, Ketil?«
»Ich?«
»Ja. Dieses neue Album, das bald erscheinen wird. Tideverv?«
»Tidevann.«
»Ja, genau. Aber ist das eigentlich Jazz?«
»Nein«, sage ich. »Ich betrachte mich nicht als Jazzmusiker.«
Er nickt, zufrieden, fast erleichtert. »Hab ich mir’s doch gedacht«, sagt er.
Wir schweigen.
»Noch ein paar Kekse?«
»Nein, danke.«
»Ich kenne Friedrich Gulda«, sagt er plötzlich.
»Ein guter Pianist«, gebe ich zurück.
»Aber er spielt auch keinen Jazz«, sagte Bækkelund. »Er tut nur so.«
»Ja, das tun viele von uns«, sage ich.
Er nickt zufrieden. Ich habe ein Geständnis gemacht.
Ist das alles, was er von mir will? Ist das der Grund, warum er mich von Sandøya nach Oslo bestellt hat? Will er mich nicht fragen, ob ich mir vorstellen könnte, in die Sozialdemokratische Partei einzutreten? Hat er denn gar keine Verwendung für mich? Hat er einfach nur Angst, ich könnte etwas gelernt haben, das er selbst nicht beherrscht? Kein klassischer Pianist von Format kann Jazz spielen. Nicht einmal Friedrich Gulda. Bækkelund weiß das. Ich weiß das. Aber er scheint darauf zu warten, dass ich es schaffe. Würde ihn das dann ärgern? Ihn eifersüchtig machen?
Zehn Minuten darauf steht er in der Türöffnung und wünscht mir noch einen schönen Abend.
»Nett, dass du dir die Zeit genommen hast.«
»Tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin.«
»Das spielt keine Rolle. Ich hatte ohnehin heute Abend nichts anderes vor.«
»Wie denkst du über Reagan?«, frage ich, mit dem plötzlichen Bedürfnis, mich wichtig zu fühlen. »Glaubst du, er wird es schaffen?«
»Natürlich wird er es niemals schaffen. Ein schnöder zweitrangiger Schauspieler. Keine Sorge, mein Junge. Wir haben die Sache im Griff. Ich mache mir größere Sorgen, ob unsere Partei im nächsten Jahr die Parlamentswahlen gewinnen wird. Willoch ist ein Schlaukopf.«
Er lächelt sein bekanntes Lächeln. Steht da mit seinem Bäuchlein. Seine graue Hose ist schon häufiger gewaschen worden. Diese lispelnde Selbstsicherheit. Die freundliche, aber bestimmte Weise, wie er mich vor die Tür setzt, während Ingerid Vardund noch immer telefoniert. Man weiß nicht, ob er eigentlich sarkastisch oder todernst ist.
»Dann viel Glück mit dem Jazz, Ketil. Und geh vorsichtig.«
5.
Ich sitze im Norum. An einem Dienstagabend im Januar sind nur sehr wenige Gäste in der Bar und fast keine im Restaurant. Ich setze mich allein an den Fenstertisch, an dem ich immer mit Ole gesessen habe. Die Kellnerin erinnert mich an Ingerid Vardund. Ich bestelle einen Aperitif, eine Flasche Rotwein und ein Filet Mignon.
Ich habe das Gefühl, nach der vergangenen Nacht noch immer nicht richtig aufgestanden zu sein. Wach zu liegen. Während alle anderen schlafen.
Ich denke an Tante Svanhild. Ich denke an Kjell Bækkelund. Zwei ungeheuer verschiedene Welten. Und ich stehe dazwischen. Das Einzige, was wir alle gemeinsam haben, ist die Musik.
Eine gute Stunde später stehe ich in einer Toilettenkabine unten im Keller und übergebe mich. Die widerlichen Sekunden, ehe der Körper bereit ist. Die Verwirrung in meinen Innereien, als ich den Finger in den Hals stecke. Der Versuch des Körpers, das zu verweigern, was das Gehirn ihm befiehlt. Dann spüre ich die Welle. Das befreiende Gefühl, wenn alles Essen wieder heraufkommt. Die schockierende Kraft der Kotze. Den widerlichen, sauren Geschmack. Den unerträglichen Geruch.
Das kommt von mir, denke ich. Nur von mir.
Als ich am nächsten Morgen nach Sandøya fahre, höre ich im Autoradio, dass Präsident Jimmy Carter weiterhin mit einem Boykott der Olympischen Sommerspiele in Moskau droht. Er verlangt den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan innerhalb von vier Wochen. Aber die Besatzer sind noch immer im Land. Der norwegische Nachrichtensprecher ist nüchtern und scheinbar neutral. In Mekka haben die saudi-arabischen Behörden 63 Personen enthaupten lassen. In Indien ist Indira Gandhi zur Premierministerin gewählt worden. Danach ist in der Sendung Nitimen Kjell Edlund zu hören. Nach Chanson d’Amour in Acker Bilks schrecklicher Klarinettenversion erkenne ich Pink Floyd. Den aggressiven und zugleich so befreienden Jugendchor aus The Wall. Etwas einreißen. Sich nichts vorschreiben lassen. We don’t need no education. We don’t need no thought control. Eine Mauer, die eingerissen werden soll. Das Symbol ist so klar. Die Mauern, die deutlich aufragen in unserem Leben. In der Welt draußen. Ich versuche, mitzusingen. Aber es klingt einfach albern. »Scheiße!«, rufe ich plötzlich, mit einer Aggression, von der ich nicht weiß, wozu ich sie benutzen soll. Dann drehe ich das Radio aus.
Auf Sandøya laufe ich bis hinaus nach Klåholmen und über den äußeren Weg zurück nach Hella. Draußen am Strand schnuppere ich im Südwestwind, der plötzlich milderes Wetter bringt. Es ist so schön, einfach nur hier zu stehen, ohne einen einzigen Plan oder eine Idee im Kopf. Keine Zukunft und fast keine Vergangenheit. Ich betaste unter dem Jogginganzug meine Rippen. Im Haus steige ich auf die Waage. Noch ein Kilo ist von meinem Körper verschwunden. Beim bloßen Gedanken ans Abendessen möchte ich mich schon übergeben.
Die Schallplattenfirma hat mir die Pretenders geschickt. Zum ersten Mal höre ich Chrissie Hynde. Die dunkle, fast maskuline Stimme. Das aggressive Klangbild, die souveränen Melodien. Am selben Nachmittag gehe ich mit der Platte zu Birthe und Eyvind in die alte Schule. Es ist so schön, dass die beiden von jetzt an auf der Insel sein werden. Dass auch sie wirklich hier wohnen wollen. Im Winter waren wir knapp 250 Menschen. Jetzt sind wir 252.
Wir sitzen zusammen, den ganzen Abend. Wir reden über die Musikgruppe, die wir gründen wollen. Und über die Literaturgruppe. Den Filmclub. Die Filmvorführer von Norsk Bygdekino reisen durch das ganze Land. Warum können sie nicht auch nach Sandøya kommen? Doch, denke ich. Das hier ist doch die Welt. Unsere Welt. Mit dem Meer um uns herum, auf allen Seiten. Von hier aus können wir Amerika ins Schaukeln bringen. Der Abend wird lang. Es gibt so vieles, was wir einander vorspielen wollen. Wir sind doch nicht diesen weiten Weg gekommen, um uns voreinander zu verstecken.
Birthe und Eyvind tischen selbstgebackenes Brot, Butter, Käse und Rotwein auf. Ich kann es nicht lassen, die Butter dick zu schmieren.
Um ein Uhr nachts stehe ich vor dem Haus im Gebüsch und übergebe mich. Sie dürfen es nicht sehen. Es ist das zweite Mal an diesem Tag.
6.
Kristin und Trond-Viggo werden heiraten. Er und die Andere fahren zum Fest nach Oslo. Die Einladung auf Bütten und mit Tinte geschrieben. Nicht zur Trauung an sich, sondern zum großen Fest danach, im Gabelshus, wo die beiden vornehmen Familien mit ihrem Hintergrund von Holmenkollen, Montebello und Nordstrand in ihren Smokings und Ballkleidern zusammenströmen werden, mit fast ebenso großer Prachtentfaltung wie damals, als die Capulets und die Montagues in Veronas Palästen residierten. Und auch wenn ihre Freunde nicht Romeo und Julia sind, hat dieses verliebte junge Paar dieselbe blendende Heftigkeit und Entschlossenheit. »Stell dir vor, zu heiraten, nur wenige Monate nachdem sie sich kennengelernt haben!«, hatte Tante Svanhild gesagt, mit einem entzückten Gurren, an dem Abend, als er sie zu ihrer Wohnung in der Gabels gate begleitet hatte.
Es ist so schnell gegangen. Kristin und Trond-Viggo saßen im vorigen Sommer bei ihnen auf dem Balkon, frisch verliebt, schön, unwiderstehlich. Sie waren alle vier gleichermaßen miteinander befreundet, nicht die einen oder anderen untereinander und die beiden anderen als Lebensgefährtin oder Partner, sondern auf gleicher Ebene, wie unter Nachbarn, ein Quartett mit vier verschiedenen Stimmen. Das war neu und spannend. Alles ist neu und spannend, denkt er, auch wenn sich alles in ihm verkrampft, wenn er allein seine Touren nach Hauketangen zurücklegt oder in die andere Richtung und sich fragt, ob diese Heirat einen Erwartungsdruck aufbauen kann, in ihm selbst und überhaupt im Freundeskreis, ob es Grenzen dafür gibt, wie lange man in selbstgestrickten Wollpullovern und ausgewaschenen Jeans herumlaufen und ein sogenanntes freies Leben führen kann. Ob dieses ganze Zusammenleben rein prinzipiell ein Dreck ist, jedenfalls praktisch gesehen, dass alles schwieriger werden würde, falls sie Kinder bekämen. Aber sie bekommen ja keine Kinder, und da nutzt er lieber die tägliche Beängstigungszeit, um sich zu fragen, was in aller Welt sie den beiden schenken sollen. Zu der Anderen hat er gesagt, dass er sich darum kümmern wird, dass er in die Stadt will, nicht nach Arendal, sondern nach Oslo. Wenn so prominente Menschen heiraten, geht man nicht ins Kaufhaus Glassmagasinet in Arendal, sondern zu Steen & Strøm. Das hatte die Andere verstanden und ihm freie Wahl gelassen. Hatte er dabei ein schlecht verhohlenes Lächeln erspäht? Was wusste wohl er über Kerzenleuchter, chinesische Porzellanvasen, Tischdecken aus Damast oder Grafik von Weidemann? Diesmal musste es etwas Richtiges sein. Nicht diese Tobiasse-Drucke, die Damen von Holmenkollen mit Davy Crockett-Mützen in der Stadt für billiges Geld aufkauften und mit denen sie dann später ihre Häuser tapezierten. Théo Tobiasse und Kelims waren der neue Trend. Oder der Provencekram von Anne-Ma Burum. Außerdem lieferte der Laden Flid & Uflid in Majorstuen seine exklusiven Missoni-Stoffe an die neue junge Bourgeoisie, die auf den allerletzten Treppenstufen vor dem »Yuppie-Zeit« genannten Wirtschaftsboom angefangen hatte. Er hat schon vergessen, was er Anne-Marie und Ole zur Hochzeit geschenkt hat. Vielleicht eine Vase? Eine Schüssel? Eine Keramikschale? Einen Spargelkochtopf? Er erinnert sich nur an den Cordanzug zwischen allen Ballkleidern und Smokings. Das soll sich nicht wiederholen. Großer Gott, er ist total fertig beim bloßen Gedanken an dieses Geschenk. Er liegt nachts wach und streichelt Movitz. Er weiß, dass er nur wegen dieses Geschenks nach Oslo fahren muss. Im Moment ist Trond-Viggo der beliebteste Mann in Norwegen, das verdankt er Liedern wie Hjalmar und Tenke sjæl, und bald kommt Kroppen im Fernsehen, die Serie über den menschlichen Körper, von der er ihnen so lebendig erzählt hat, wenn sie sich in letzter Zeit getroffen haben. Die Presse wird zugegen sein, ganz sicher und jedes einzelne Geschenk von Se & Hør fotografieren.
Das Ereignis wird zwei Tage nach dem 56. Geburtstag seiner Mutter stattfinden, da kommt es doch wie gerufen, sie zu feiern und dann, am Tag danach, das richtige Geschenk für die Frischverliebten aufzutun. Seine Mutter war nicht anspruchsvoll. Sie wusste, dass sie am letzten Tag der Abgabefrist für die Steuererklärung Geburtstag hatte, wenn die gestressten Steuerzahler mit krummem Rücken vor dem Finanzamt Schlange standen. An einem grauen Tag im Zeichen von Finanzen und Besorgnissen, weit entfernt vom grenzenlosen Wassermanngemüt der Mutter, wo Würstchen mit gebratenen Zwiebeln und Krabbensalat schon ein Festmahl bedeuten. Aber diesmal wird zu Hause im Frognervei gefeiert, fast wie in alten Zeiten. Tante Svanhild, bleicher als früher, aber mit einem neuen, verführerischen Parfüm. Sowie sie ihren Neffen erblickt, legt sie sich den Zeigefinger vor die Lippen. Natürlich, nickt er zurück. Er wird niemandem etwas von dem Sturz und ihrer Begegnung in der Bygdøy allé erzählen.
Es gibt Fischpudding in Krabbensoße, serviert in großen Muschelschalen aus Blätterteig, genau wie in alten Zeiten, und deutschen Rheinwein, der so süß ist, dass er ihn fast nicht hinunterbekommen hätte, wenn der Alkoholgehalt nicht wäre. Die schönen Kusinen der Mutter sind auch gekommen, mit einem Duft von Ausland und Bildung. Die sorgfältig ausgewählten Rattanmöbel der Mutter würden niemals in eine Botschafterresidenz passen. Aber alle sind begeistert von der Mutter, der lieben Alfhild, die einen Hang zu brennenden Stearinkerzen hat, auch wenn sie davon niesen muss. Billige Ziergegenstände, die weihnachtlichen Messingengel, die sich noch immer im Kreis drehen. Johan Svendsens Festpolonaise strömt aus den Tandberg-Lautsprechern im Esszimmer. Tormod ist mit seiner Familie aus Nesodden gekommen. Alles ist fast wie früher. Und er verspürt einen Stich Sehnsucht nach der Kindheit, die er nicht mehr hat, als ob er vor einer kleinen Spielhütte steht, für die er jetzt zu groß ist, obwohl er gern hineinkriechen würde. Außerdem war seine Kindheit nicht klein, sie war groß, größer als das, was jetzt ist, ohne dass sich das erklären ließe.
»Was wollt ihr den Frischvermählten denn schenken, Ketil?«, fragte Tante Svanhild, als Sherry, Moltebeerlikör und Eierlikör schon eine ganze Weile auf dem Tisch stehen.
Er hat von allem getrunken und antwortet, dass er sich noch nicht entschieden hat.
»Eine Badezimmerwaage kann nützlich sein«, sagt die Mutter.
»Nicht unbedingt romantisch, Alfhild«, sagt der Vater.
»Die Ehe ist nicht romantisch«, sagt die Mutter, dankt ihrem Gatten aber trotzdem mit einer Art Lächeln. Es ist versöhnlich und resigniert zugleich.
Er sieht diese Badezimmerwaage vor sich, mitten auf dem Gabentisch, zwischen edlem Cognac und der Encyclopedia Britannica, während er sich die gutgemeinten Vorschläge anhört, die von allen Seiten über ihn hereinbrechen. Die weltgewandten Kusinen empfehlen ihm Boutiquen, von denen er noch nie gehört hat. Designerläden für Fortgeschrittene, Buddhafiguren, indische Elefanten, Geschlechtsverkehrsskulpturen aus purem Jade, Wandlampen in venezianischem Stil und maurische Spiegel. Aber die Mutter bleibt bei der Badezimmerwaage.
»In der Ehe braucht man praktische Gegenstände. Eine Badezimmerwaage verankert dich im Alltag.«
»Aber du wiegst dich doch nie selbst, Mutter.«
»Spielt keine Rolle. Jedes Haus hat eine Badezimmerwaage.«
Die Mutter zuckt mit den Schultern, will sich deshalb mit niemandem streiten.
»Dann kauf eine feuerfeste Form«, sagt sie nach kurzem Überlegen. Für sie sind die eleganten Vorschläge der Kusinen wie exotische Romane, die sie niemals lesen wird.
»Eine feuerfeste Form, Mutter?« Er hört, dass die Kusinen jetzt lachen.
»Ja, etwas, das nicht platzt, nicht zerbricht. Etwas, aus dem man Kretins servieren kann.«
»Ich liebe Kretins«, sagt der Vater.
Der Sohn schaut sich um. Will niemand sie korrigieren? Nach all den Jahren?
Nein. Hier in diesem Haus heißt es weiterhin Kretin. Fischkretin. Als ob er auf taube Ohren gestoßen ist, wann immer er Gratin gesagt hat, in der Hoffnung, dass die Berichtigung diesmal registriert wird, ohne weitere Kommentare. Er macht noch einen Versuch.
»Ja, Fischgratin schmeckt gut«, sagt er.
»Mutter macht das beste Fischkretin der Welt«, erklärt der Vater, als sitze er eigentlich in einer entscheidenden Vorstandssitzung des Ingenieursverbands, wo jemand ein Misstrauensvotum eingebracht hat. Natürlich weiß er, dass es Gratin heißt. Aber er hat nicht vor, seine geliebte Frau zu korrigieren. Nicht jetzt. Nicht nach so vielen Jahren.
»Feuerfeste Form ist eine gute Idee«, meint schließlich der Bjørnstad-Junge. Er liebt seine Eltern nach solchen Episoden nur noch mehr, als seien es die Schwächen, seine und die der anderen, die die Person ausmachen. Als könne man die Fehler eines Menschen mehr lieben als seine Vorzüge, als erzeuge diese Art von Unbeholfenheit dauerhaftere Gefühle, die man, während die Jahre vergehen, fast nicht mehr korrigieren möchte, so wie er wünscht, dass der alte Eisenwarenhändler in Tvedestand bis zu seinem Tod weiterhin »zum Bleistift« sagt, statt im Alter von achtzig noch lernen zu müssen, dass es zum Beispiel heißt. »Wer weiß, ob nicht alle Dialekte als Sprachfehler angefangen haben?«, wie einer seiner arrogantesten Freunde von Holmenkollåsen gern sagte, entzückt von seinem eigenen Witz. Als er an diesem letzten Januartag des Jahres 1980 hier im Wohnzimmer sitzt, denkt er jedenfalls, dass ihm etwas fehlen würde, wenn diese winzigen Abweichungen von der Normalität aufhörten. Was weiß er von seinen eigenen Abweichungen und Fehlleistungen? Wann lachen sie hinter seinem Rücken? Im Traum macht er immer Fehler, versagt, schafft es nicht. Und es ist fast wie einer seiner ärgsten Versagensträume, als er am nächsten Tag sein Versprechen an die Andere erfüllt, das hier allein zu schaffen, damit sie sich mit ihrer Freundin treffen kann, während er zu Steen & Strøm geht und sieht, welche enormen Entscheidungsmöglichkeiten er wirklich hat, Daunendecken, Wolldecken, Kerzenleuchter aus Silber, Gold und Doublé, Servierlöffel, Gabeln, Kaffeemaschinen. Er spürt, wie ihm der Schweiß ausbricht, das erinnert ihn an seinen Zustand vor großen Konzerten, und er denkt, dass es trotz allem nur um eine Hochzeit geht, aber dass das Geschenk mehr hermachen muss als eine Badezimmerwaage oder eine feuerfeste Form. Es darf zudem nicht zu billig sein. Auch wenn seine Mutter der am wenigsten geizige Mensch ist, den er kennt, ist sie automatisch Gegnerin von teuren Gegenständen. Doch hier bei Steen & Strøm ist einfach alles exklusiv. Ole Paus müsste hier sein, nicht er. Aber er schaut sich um und erregt die Aufmerksamkeit des Verkaufspersonals. Später sollte er an die Filme von Vibeke Løkkeberg denken, den genialen Verrat und den ebenso genialen Die Offenbarung, den schleimigen Vertreter, gespielt von Klaus Hagerup, an dessen seltene Fähigkeit, diese Figur zeitlos, hilflos, unendlich trist zu gestalten, dieselbe Tristesse, die ihn überkommt, wenn er das Wort Kretin hört, der Mensch in seiner ganzen Verletzlichkeit, verstärkt von Marie Tavkam in Die Offenbarung, die herzzerreißenden Szenen, wenn sie versucht, in dem Geschäft, wo sie arbeitet, etwas zu verkaufen. Er lässt sich von seinen eigenen Gedanken ablenken, dem Auffälligen daran, dass die Regisseurin Løkkeberg diese miteinander verwandten Rollen mit einem Schriftsteller und einer Schriftstellerin besetzt hat. Hagerup war zwar auch professioneller Schauspieler, aber beide dichteten, sie war älter, er jünger, aber sie kamen aus demselben linken Milieu, lehnten den Kapitalismus ab. Zeigten sie deshalb, wie ihre Personen in ihrem Netz gefangen waren, in den Dingen, die sie zu verkaufen versuchten, ohne an deren Verkaufswert zu glauben. Sie glaubten ja selbst nicht, dass Lux die beste Seife ist oder dass Omo weißer wäscht. In diesen Filmen sind sie in hilflose Bedienstete des Großkapitals verwandelt. Er wandert an diesem ersten Tag im Februar durch Steen & Strøm, es schneit ein wenig, und die Stadt ist noch immer in Weihnachtsstimmung, obwohl alle Waren auf halben Preis gesetzt sind. Alle hier, die ihm etwas zu verkaufen versuchen, kommen ihm vor wie Rollenfiguren aus Filmen, die er noch nicht gesehen hat. Millionen von ihnen, die um ihre Existenz und Würde kämpfen, dort draußen im Geschäftsgewimmel, genau wie er in seiner kleinen Schöpferwelt, wo es im Grunde auch darum geht, etwas zu verkaufen. Und als in der Küchenabteilung eine reizende ältere Frau auf ihn zukommt, sicher eine mit erwachsenen Kindern, eine, die ihr Leben lang Hausfrau war, die jetzt aber ein Bedürfnis nach selbstständiger Arbeit verspürt, und ihn fragt, ob er etwas Bestimmtes sucht, antwortet er: »Zum Bleistift eine feuerfeste Form!« Ja, er ruft es fast, wie um die Teufel in seiner säkularisierten, infizierten Seele zu besiegen. Die wollen ihn ins tiefe Wasser locken, wo die Gegenstände, die er zu kaufen versucht, aus Gold und Porzellan sind und mehr als zehntausend Kronen kosten, während die Kreditkarten schon in seiner Brieftasche klappern.
»Wir haben feuerfeste Formen im Angebot«, sagt die Frau freudestrahlend. Trügt ihn seine Erinnerung, oder hat sie wirklich seinen Arm gepackt und ihn in die richtige Ecke geführt? Jedenfalls steht er da und sieht sich die letzten sensationellen Produkte von Pillivuyt und Rosenthal an, auf lächerliche Preise herabgesetzt, 39,50 oder noch weniger. Aber das Hochzeitsgeschenk für zwei der besten Freunde kauft man doch nicht im Sonderangebot, denkt er, während die Dame freundlich, leise und pädagogisch auf ihn einredet, dass er jetzt wirklich etwas unwahrscheinlich Günstiges kaufen kann, und sie kann es einpacken und mit einer Schleife versehen und überhaupt. Er redet jetzt schon so lange mit ihr, dass er unbedingt etwas kaufen muss, aber er ist trotzdem noch zurechnungsfähig genug, um zu denken, dass er nicht das Teuerste kaufen will, denn diese weiße feuerfeste Form wird er Kristin und Trond-Viggo auf keinen Fall schenken, auch wenn sie Pillivuyt heißt und französisches Qualitätsporzellan seit 1818 ist, wie es in der Broschüre heißt, die die Frau ihm überreicht. »Ja«, sagt er, nur um hier wegzukommen. »Ich nehme die Kleinste, die mit nur 30 Zentimeter Durchmesser.« Die Frau sieht ihn unsicher an, und ihm geht auf, dass in diesem Moment vielleicht erkannt worden ist, dass hier der Pianist oder Autor, den sie einmal im Fernsehen gesehen hat, im Laden steht und nicht weiß, was sich gehört. »Ist das alles?«, fragt sie ein wenig verkniffen. Und er hört, was sie eigentlich sagt: »Sind Sie wirklich so geizig?« In ihm krampft sich alles zusammen, aber er kann nicht erklären, dass er diese feuerfeste Form sowieso nicht als Hochzeitsgeschenk nehmen kann. Er will noch weiter nach oben im Haus und das Allerschönste suchen. Kronleuchter! Spiegel! Spargelkochtöpfe! Seidenlaken!
Aber als er das Warenhaus verlässt, hat er noch immer nichts anderes gefunden. Diese kleine feuerfeste Form ist das Resultat aller Anstrengungen. Ist das wirklich möglich? Soll dieses Billiggeschenk aus dem Ausverkauf am nächsten Tag in Gabelshus auf dem Gabentisch liegen? Was wird die Andere sagen? Und Kristin und Trond-Viggo? Er geht in Richtung Parlament und fragt sich, ob er vielleicht doch eine Badezimmerwaage kaufen sollte.
Am nächsten Montag ist er wieder in Oslo. Jetzt ist Tidevann angesagt. Die unbehaglichen Texte. Die beim letzten Mal durchgekommen sind. Die übrig blieben. Die Stimmen, die mit dem Nachtwind verschwanden. Ibsen irgendwo in der kühlen Brise. Unruhe, Misstrauen und Eifersucht. Alex und Ole, die sangen. Die Loyalität der beiden. Als ob sie die Texte auf dieselbe Weise lesen könnten, wie er sich das vorgestellt hat, als er sie schrieb. Das meiste liegt doch im Ungesagten.
»Damit kenne ich mich doch aus«, sagt Ole.
Er selbst erleidet einen Schock, als er begreift, wie sehr die Polygram sich engagiert. Für das, was so privat war, dass es fast nicht veröffentlicht werden dürfte. Jetzt bringen sie überall Plakate an. Er sieht sich in natürlicher Größe im Narvesen-Kiosk an der Ecke beim Hotel Continental. Sie wollen ihn auf der Bestsellerliste von VG haben. Aber das Foto wurde vor zwei Monaten gemacht. Da war er zwei Kilo schwerer. Er bringt es nicht über sich, es anzusehen. Ein dicklicher, skeptischer Mann, ohne deutliche Botschaft. Ein Verräter und Lügner.
Und dennoch ist er begeistert davon, was Musiker und Sänger aus diesem Doppelalbum gemacht haben.
Anne Lise von der Polygram, Auduns rechte Hand, wartet in der Suite im Hotel Ambassadør. Sie ist groß und schön. Sie umarmen einander, als wäre es ihre erste Begegnung nach dem nur mit Mühe und Not überlebten Schiffbruch.
Aber es war kein Schiffbruch. Es war nur Erwartung.
»Wie geht’s dir denn da unten auf Sandøya?«, fragt sie.
»Gut.«
»Angelst du? Wirklich?«
»Es kommt vor, dass ich die Angelrute auswerfe.«
»Fängst du etwas?«
»Ab und zu.«
»Was machst du dann? Schneidest du ihnen die Kehle durch?«
»Ich schlage ihnen zuerst auf den Kopf.«
»Hast du nie ein schlechtes Gewissen? Denkst du nie daran, dass du ein Mörder bist?«
Bald wird die Presse anrücken.
»Du hast einen sexy Hintern«, sagt sie neckend und holt Mineralwasser für sie beide.
7.
Robert Mugabe kehrt nach fünfjährigem Exil nach Rhodesien zurück. Ich sitze zusammen mit Tore Olsen im Frognervei. Im großen Wohnzimmer im ersten Stock. Tore kommt von nirgendwo und wird in viel zu wenigen Jahren in dieselbe Richtung verschwinden, auf einer kurvenreichen Winterstraße zwischen Schweden und Norwegen. Alle haben ihn geliebt. Er ist ein sogenannter Loner unter den Musikjournalisten. Deshalb scharen die sich um ihn. Er ist Redakteur der Musikzeitschrift Puls. Dort schreiben die Leute mit den jungen, starken Meinungen. Für kurze Zeit glaubte ich, einer von ihnen zu sein, aber ich stand zu sehr auf der anderen Seite. Ich war nicht der, der zuhörte. Ich war der, der spielte. Dennoch wurden wir aufeinander zugetrieben, als sich die Zeitungen für Rock und Pop öffneten. Ich schrieb für Aftenposten. Tore wollte für Blikk schreiben, die neue Zeitung von Trygve Hegnar. Er wollte mich mit ins Boot holen. Ich zögerte. Ich wollte eigentlich nicht schreiben. Nicht so. Als Pionier. Für den neuen, unabhängigen Musikjournalismus kämpfen. Wie kann man unter Trygve Hegnar unabhängig sein. Bei Puls ist das anders. Alle neuen Generationen entwickeln ein dichtes Netz von mehr oder weniger Intellektuellen, die die Prämissen setzen. So war es zu Hans Jægers Zeit, zu Johan Borgens Zeit, zur Zeit der Studentenbewegung. Diese selbstsicheren jungen Journalisten machten eine Musikzeitschrift, wie sie in Norwegen bisher noch niemand gesehen hatte. Bisher hatten wir Melody Maker, Down Beat und New Musical Express gelesen. Jetzt lasen wir Puls und die fähige Konkurrentin Nye Takter. Die Botschaft von beiden war klar: Don’t bore us. Come to the chorus. Für mich, der sich mit Klavierkonzerten und Symphonien beschäftigt hatte, die niemals weniger als dreißig Minuten dauerten, war es noch immer seltsam, eine Welt zu betreten, in der jedes Lied nach höchstens vier Minuten zu Ende war. Ich hatte die Methode für Leve Patagonia und Och människor ser igjen und teilweise auch bei Tidevann angewandt. Strophe und Refrain. Strophe und Refrain. Aber das war nicht genug. Was zählte, war der Inhalt. Diese jungen und begabten Journalisten wussten, wie die Musik zu klingen hatte, was gut war und was schlecht. Das Arroganzniveau war so hoch und oft so erschreckend, dass es mir unvorstellbar erschien, jemals mit einer dieser Meinungstrompeten gemeinsame Sache zu machen, ja, sie sogar in den neunziger Jahren heiraten zu sollen. Diese Mischung aus Faye Dunaway, Kim Novak, Jane Fonda und Catherine Deneuve. Die Allererste, die genauso war wie eben sie. Die blonde Bombe an sich, C., die ich später Cruella de Vil nennen sollte, das war in scherzender Stimmung, zugleich aber kam ich mir vor wie ein ängstlicher, schwanzwedelnder Dalmatiner. Bewunderung und Ehrfurcht. Denn ich hatte schon angefangen, um diese Menschen herumzuscharwenzeln, versuchte, mich hip und urban zu machen. Hatte angefangen, mich von den selbstgestrickten Pullovern zu verabschieden, war in meine erste Matinique-Boutique gegangen und hatte Hose und Hemd aus mercerisierter Baumwolle erstanden. Immer, wenn ich in Oslo war, wollte ich mit diesen Menschen zusammen sein, wollte ein Teil der guten Gesellschaft werden, der neuen Profilgruppe, diesmal in der Welt der Musik. Sie ließen das aber nicht einfach zu. Sie konnten einen Speichellecker schon auf meilenweite Entfernung entlarven. »Aal in einem Eimer voll Rotz«, wie einer von ihnen sagte. Sie standen nicht auf der Bühne. Sie saßen im Dunkeln und hörten zu. Wenn wir auf dem Podium standen, wussten wir nie, wo im Saal sie waren. Sie blieben für sich. Hatten ihren Geheimcode und waren auch keine Modelöwen der oberflächlichen Sorte. Wenn sie sich dazu herabließen, etwas zu kaufen von dem Geld, das sie vermutlich nicht hatten, dann etwas Teures. Sie waren eine eng verwobene, rauchende Clique mit Büro irgendwo in der Nähe von Bankplassen. Sie waren der neue Wein und die stinkenden Socken zugleich. Sie befanden sich irgendwo zwischen Sexbombe und Brillennerd, mit dem brutalen und zugleich so unwiderstehlichen Tore Olsen und seinem Freund Tom Stiklesæther, dem es gelang, Grünerløkka aussehen zu lassen wie die Lower East Side, wenn er nur durch die Thorvald Meyers gate ging. Mit dem filmstardunklen Jan Omdahl, der wie eine Kreuzung aus Elvis Presley und Robert de Niro wirkte. Wenn ich gewusst hätte, dass der Bluesprofessor Øyvind Pharo mein Verlagslektor werden sollte, hätte ich mich gefragt, ob mir jemand LSD untergeschoben hatte. Was sie miteinander verband, war die Liebe zur Musik. Die Verachtung des Mittelmäßigen, des Pompösen und des Lächerlichen. Alles, was ich nicht wusste, rettete mich. Deshalb sitzt Tore Olsen an einem Vormittag im Februar bei mir zu Hause und zögert. Er mochte nicht als einer von vielen ins Hotel Ambassadør kommen, zusammen mit verachtenswerten Publikationen wie Dagbladet und VG. Er musste trotz allem mit einem Minimum an Respekt behandelt werden, wie er mit einem Lächeln sagte. Dieser seltsame und melancholische Mann, der mich bisweilen an Humphrey Bogart erinnerte. Ich habe ihm soeben das Titelstück vorgespielt, Tidevann.
»Doch, das ist gut. Natürlich ist das gut.« Er zieht eine fast unsichtbare Grimasse. Als ob er sich darauf vorbereitet, eine faule Tomate runterzuschlucken.
»Ja, sind die Musiker nicht hervorragend? Die Begleitung durch Venaas und Thowsen? Riisnæs und Eberson, die sich gegenseitig hochspielen?«
Noch heute kann ich meine junge, naive Stimme hören. Die Teetassen auf dem weißen IKEA-Tisch. Tore, der ein Nicken andeutet, auch wenn er eigentlich den Kopf schüttelt.
»Das gefällt dir wirklich?«, fragt er freundlich. Ich bemerke den Spott nicht sofort. Ich tappe nichtsahnend in die Falle. Er ist genau wie Rowan Atkinson und Griff Rhys Jones in Not the Nine O’Clock News, wo dem armen Mel Smith, der ein Grammofon kaufen will, am Ende Ketchup ins Gesicht gespritzt wird.
»Als wir diese Spur gemischt haben, habe ich gedacht, alles andere hätte ungeschehen bleiben können«, sage ich und schlucke eilig. Ein sicheres Anzeichen für plötzliche Unsicherheit.
»Du bist nicht auf den Gedanken gekommen, es könnte zu gut sein?« Tore Olsen zieht wieder diese unheilverkündende Grimasse.
»Wie kann irgendwas zu gut sein?«
Er zögert. Schluckt ebenfalls. Bestimmt um ein spöttisches Lächeln zu verbergen, denke ich. Er ist der Kritiker, der seinen Standpunkt finden will. Den Kipp-Punkt. Er ist der Wiener Kritiker Eduard Hanslick, der fand, Tschaikowskis Violinkonzert stinke. Plötzlich begreife ich, worauf er hinauswill. Vielleicht habe ich es zum ersten Mal geschafft, sein umwerfendes Ego zu erkennen. Ich bin zwar selbst Kritiker, sehe mich aber nur als jemanden, der den Lesern den Weg weist. Tore Olsen will auch die Musiker beeinflussen. Aus diesem Gedanken ergibt sich die selbstverständliche Überzeugung, dass der Kritiker die Bedingungen vorgibt. Es ist die verdammte Pflicht der Musiker, sich danach zu richten. So hat sich die Kritik von Kunst, Musik und Literatur ohnehin immer schon verhalten, und jetzt mehr denn je. Aber die Besten, die Reflektiertesten und Präzisesten haben eine Botschaft. Sie werden respektiert, weil ihre Meinungen auch für die von Bedeutung sind, die kritisiert werden. Sie sind nicht wie ihre Kollegen, die Schlagzeilenlieferanten. Die Mobber. Die, an die ich denke, während ich im Flughafen von München schreibe, auf dem Heimweg zum Jubiläumskonzert eines lieben Freundes und Musikers. Der Kritiker, der es damals gewagt hat, ihm von sechs möglichen Punkten einen zu geben. Der, der nicht gut genug zugehört hatte. Torheit, verkleidet als Wissen. Wie das Geräusch eines Luftballons, wenn er seinen Inhalt aus sich herauszischt, in die Luft und hinein ins Rampenlicht jagt, um danach zu Boden zu fallen wie ein undefinierbares Häuflein.
»Das gefällt mir nicht«, sagt Tore Olsen, plötzlich ein bisschen verlegen.
»Aber hörst du nicht, dass Pete und Ebers die Dreigriff-Gitarristen, die du mit deinem verdammten Polizeikorps die ganze Zeit hochjubelst, in Grund und Boden spielen?«
»Doch, die sind natürlich tüchtig.«
»Tüchtig!? Und was ist mit Pål, Terje, Trond und Knut? Eine bessere Band findest du nirgendwo. Knut ist im Moment vielleicht einer der weltweit besten Saxophonisten. Pål macht Paul Motian zu einem Tanzkapellenmusiker, Terje lässt Jaco Pastorius lächerlich wirken, und Trond Villa ist ein Geschenk an die Menschheit.«
»Doch, die sind alle tüchtig. Auf ihrer Weise.« Tore rutscht im Sessel hin und her.
»Du wirst uns also eine zurückhaltende Kritik schreiben und stattdessen die Superlative für eine Drecksband aus Rakkestad aufsparen, wo der Drummer so angeknallt ist, dass er mit den Stöcken nie das Becken trifft?«
»Ich kann verstehen, dass du aufgebracht bist«, sagt Tore Olsen peinlich berührt. »Aber ich muss doch meine Meinung sagen. Das ist meine verdammte Pflicht. Dass etwas gut ist, rein technisch, bedeutet nicht, dass der Inhalt gut ist. Sieh dir nur die übelsten naturalistischen Maler an. Überdeutliche Metaphorik.«
»Du klingst jedenfalls mitfühlend«, sage ich tröstend, ohne zu wissen, wen ich hier überhaupt zu trösten versuche.
Er beunruhigt mich. Er ist Verbündeter und Widersacher zugleich. Und dennoch wird er nie zu meinem Freund. Nicht auf die tiefe, vertrauliche Weise. Egal, was Ole macht, ich werde sein Freund sein. Ich werde seine Entscheidungen akzeptieren, so unmöglich sie auch sein mögen. Ich werde durch dick und dünn mit ihm gehen. Er wird das auch für mich tun. In dieser Art Freundschaft gibt es keinen Platz für scharfe Kritik. Aber für Tore Olsen ist etwas anderes wichtiger. Die Wahrheit über die Musik, so wie er sie erlebt. Manchmal, wenn er den Kopf hebt und meinen Blick sucht, liegt dort etwas Suchendes, als erwarte er eine Kapitulation oder vielleicht ein Eingeständnis: »Ja, das ist wirklich schlecht. Ich weiß, dass du die Wahrheit sagst.« Und wenn ich etwas sage, huscht ein Hauch von Erstaunen über sein Gesicht. Etwas fast Verwirrtes. Als habe er allen Ernstes geglaubt, dass ich mich nach all diesen Monaten der Vorbereitungen und der Aufnahmen seinem Gedankensystem einordnen und sagen könnte: »Ja, sicher. Du hast recht. Das ist wirklich schlecht. Schade, dass wir das nicht schon im Studio begriffen haben. Jetzt werde ich die Polygram bitten, die ganze Kiste zurückzuziehen.«
Aber das sage ich nicht.
»Noch Tee?«
»Nein, danke.«
Er steht auf. Wischt sich die Krümel der Rosinenbrötchen ab.
»Gute Rosinenbrötchen kannst du immerhin backen«, sagt er.
»Die habe ich bei Møllhausen gekauft«, sage ich.
»Die sind trotzdem gut«, sagt er.
8.
Vielleicht wird es in diesem Buch mehr um Kritik und Kritiker gehen als in den beiden vorigen. Denn der Kampf um das Überleben wurde gerade in diesem Jahrzehnt intensiver. Ich und einige der Musiker, mit denen ich nach und nach spielte, wie auch Schriftsteller, die ich kennenlernte – wir fühlten uns oft so getroffen, als stünden wir direkt am Rand des Abgrundes.
Ich kannte die Kritiker in zwei Welten. In der Musik und in der Literatur. Ich war selbst Kritiker. Aber ich hielt mich auch darüber auf dem Laufenden, was Theaterkritiker schrieben und die, die sich mit bildender Kunst beschäftigten. Ich erkannte die Methoden. Ich registrierte die unterschiedlichen Menschentypen. Die Annäherung. Mit jedem Jahr wurden sie deutlicher. Ich konnte die Ergebnisse beurteilen, mit den Verurteilten sprechen. Ich war Richter und Verurteilter zugleich.
Es war damals, in den besten Jahren, dass alles gleichzeitig passierte. Glücklich ist, wer auf solche Jahre zurückblicken kann. Man denkt an sie und träumt für den Rest des Lebens von ihnen. Es kann in den Teenagerjahren sein oder gleich nachdem man zwanzig geworden ist. Diese Periode ist die intensivste. Lebt man mit vierzig noch immer so intensiv, wird das Krise genannt, und bist du achtzig und hast noch ebenso große Visionen, wirst du als Trottel bezeichnet. Wenn du jung bist, darfst du. Manche jungen Leute aber haben mehr Glück als andere. Wir, die um 1950 geboren wurden, erlebten, dass die eigene persönliche Befreiung mit einer kulturellen Befreiung zusammenfiel, die sich in der gesamten westlichen Welt ausbreitete. Die Schöpfungsjahre des Rock. Der Durchbruch des Avantgardismus. Die Erneuerung des Jazz. Es ist nicht immer so. Nicht alles ist zu allen Zeiten immer gleich spannend. Das Energieniveau hebt und senkt sich im Rhythmus der Geschehnisse in Politik und Kulturleben. Die Bohèmiens der 1880er Jahre lebten intensiv, denn die Zeit war intensiv. Weil die Konflikte real waren. Weil jemand den Mut hatte, etwas zu sagen. Die Studentenbewegung 1968. Jugend auf den Barrikaden. Wer stand auf den Barrikaden in den acht Jahren, in denen Ronald Reagan regierte? Die Punks? Und in den Jahren von George Bush? Doch, ja, da kam der Hip-Hop. Aber die politische Opposition war schwächer. Das Gefühl, nützlich zu sein, etwas ausrichten zu können. Etwas zu erschaffen. Eine Stimme zu haben, die gehört wird. Bei den Ersten zu sein. Heute kannst du nicht das Radio einschalten, ohne ein junges Mädchen zu hören, das singt wie Joni Mitchell. Aber im Fernsehen sieht man bekannte Personen Dinge tun, von denen sie keine Ahnung haben. Doku-Soaps haben die Sendezeit übernommen, die früher den Kulturprogrammen zukam. Keine Fernsehspiele mehr. Keine großen Konzertübertragungen vom Jazzfestival in Molde. Die stundenlangen Konzerte auf der Lorelei. Im Jahre 2017 fragen wir: Wer soll raus? 1980 fragten wir: Wer soll rein? Es wurde gefragt: Wo ist das Neue? Wohin geht jetzt der Weg? Wer kommt mit? Hat irgendwer die neue LP von David Bowie schon gehört? Was macht der jetzt? Was hast du gesagt? Nile Rodgers?
Seht euch 1980 näher an. Als diese Begegnung mit Tore Olsen stattfand, hatte Norwegens staatliche Filmkontrolle soeben Life of Brian wegen des blasphemischen Inhalts verboten. Alfred Hitchcock stirbt. Barbra Streisand singt Woman in Love und Kate Bush singt Babooshka.
Jemanden herausnehmen. Jemanden hereinholen. Das war die Aufgabe der Kritiker. Ich schrieb nicht mehr so viele Rezensionen wie vorher. Außerdem machte ich einen Bogen um norwegische Musiker, mit wenigen Ausnahmen. Die eigentliche Schlussfolgerung war mir unbehaglich. Warum soll gerade die den Kritikern vorbehalten sein, wenn alle anderen Glieder in der Kette, Schriftsteller, Musiker, Produzent, Verleger wissen, dass kein Urteil über ein Kunstwerk absolut sein kann? Das Fragezeichen liegt immer näher an der Wahrheit als das Ausrufezeichen. Außerdem hat das Fragezeichen Ähnlichkeit mit einem F-Schlüssel.
Eines Tages werde ich mich zwingen, noch einmal alle meine alten Rezensionen zu lesen. Ich weiß, dass es mir furchtbar peinlich sein wird. Ich bin früheren Kritikern begegnet, die sich nicht einmal mehr daran erinnern können, was sie geschrieben haben. Wir kommen alle nicht ungeschoren davon. Ich weiß, dass ich oft bereuen werde, was ich in der Zeitung geschrieben habe. Öfter, als ich das bereuen werde, was ich in Romanen geschrieben habe. Ich werde nicht immer stolz sein, auch wenn ich nie die Schlachterschürze vorgebunden habe.
Jemanden hereinholen. Jemanden herausnehmen. Das klingt fast militärisch. Aber darauf basieren die heutigen Reality-Serien. Jemand muss entfernt werden. Verschwinden. Am Ende ist nur eine einzige Person übrig. Der Sieger oder die Siegerin. Jemanden verschwinden zu lassen bedeutet auf gut Norwegisch eigentlich: jemanden umbringen. Aber nichts ist eindeutig. In Libyen haben norwegische Jagdflieger viele Wochen lang Menschen verschwinden lassen, ohne auch nur zu wissen, was sie bombardierten. Das heißt, sie ließen sie nicht verschwinden, sie ließen sie einfach in einer Blutlache in der Wüste liegen, während sie ihr Tempo steigerten, hoch oben am Himmel, und zum nächsten Ort weiterflogen, wo sich jemand bewegte. Aber nach der Bombe im Regierungsviertel und dem Massaker auf Utøya sprachen wir nur über Gemeinschaft, darüber, dass jedes Leben unersetzlich ist. »Ist es nicht an der Zeit, dass wir anfangen, uns wie Menschen zu benehmen?«, fragte der Philosoph Arne Næss, als er sich anschickte, die Organisation Fremtiden i våre hender zu gründen. Nun zitierten wir Nordahl Grieg: »Still bewegt sich das glitzernde Band der Granaten. Haltet ihren Zug in den Tod an, haltet ihn mit Geist auf.« Musik ist Geist. Das hätten auf jeden Fall meine alten Lehrer an der Waldorfschule gesagt. Als uns die Ausmaße der Katastrophe aufzugehen begannen, und als die Zahlen der Toten von Utøya bekanntgegeben wurden, brachte der NRK die ganze Zeit Musik.
Musik ist immer die Rettung, wenn wir anfangen, über die Wörter zu stolpern.
9.
Movitz liegt mit riesigen Wunden im Sessel von Hødnebø. Immer wieder leckt er sich die offenen roten Fleischflächen. Wir haben es aufgegeben, ihn zum Tierarzt zu schaffen. Nicht einmal ein Trichter um den Hals hindert ihn daran, seine Freiheit zurückzuerobern. Seine Methode ist: beißen, kratzen, reißen, kämpfen und danach lammfromm werden. An diesen Winterabenden nehme ich ihn oft auf den Schoß und denke, dass er es geschafft hat, seine Mutter zu schwängern, dass er das vielleicht noch mehrere Male tun wird, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Er wird zwischen meinen Händen auf meinem Schoß zu einem Kätzchen. Er schaut aus zusammengekniffenen Augen zu mir hoch, vertrauensvoll wie ein Kind. Weiß er, wie sehr ich über ihn bestimmen kann? Dass ich mit ihm zum Tierarzt gehen und um eine Giftspritze bitten kann? Aber das wollen wir doch nicht. Wir wollen ihn so lange wie möglich behalten. Viele der Liebkosungen, die wir einander geben, gehen über ihn. Wenn wir Movitz streicheln, streicheln wir uns gegenseitig und streicheln zugleich das Haus, in dem wir wohnen, das uns beschützt und einen Rahmen um unsere Leben zieht.
Eines Morgens liegt ein Brief im Briefkasten. Ich erkenne die Handschrift. Es ist die von Lill Lindfors. Keine andere schreibt so schön und frei, mit großen, verführerischen Schlingen, die doch immer scharf und zielgerichtet sind. Eine Frau, die ihrer selbst sicher ist und weiß, was sie will. Wenn ich nur auch so wäre.
An diesem Abend sitze ich neben der Anderen vor dem Kamin und zeige ihr den Brief. Er ist so persönlich und vertrauensvoll. Eine ganze LP, nur mit meinen Texten und Melodien. Aufnahmen schon im Mai in Stockholm.
»Selbstverständlich musst du das tun«, sagt die Andere.
Nichts ist selbstverständlich, denke ich.
Der Brief kam in einer Zeit der kreativen Auflösung. Keine neuen Ideen. Kein Wille. Nur das übergeordnete Ziel: Noch mehr abnehmen. Straff werden. Hart. Stark.
Ich antworte ihr, zitternd und bewegt. Eine Ehre. Eine große Möglichkeit. Ich weiß nicht, wie ich danken soll. Das Vertrauen, das sie mir erweist.
Ich werde also wieder Lieder schreiben. Hatte gedacht, ich würde einen Roman schreiben, aber der kann warten. In Lake Placid gewinnt der Schlittschuhläufer Eric Heiden aus den USA bei den Olympischen Spielen über alle Herrendistanzen. Ich sitze abends mit Tore zusammen und sehe mir diese wahnwitzige Degradierung an, die Schlittschuhnorwegen in die Verzweiflung treibt, bis Bjørg-Eva Jensen auf 3000 Meter Gold holt. An jedem Tag denke ich an den Sänger, der besser Elvis singen konnte als der Meister selbst. Jetzt liegt er im Krankenhaus und stirbt. Anne Lise hatte ihn besucht, als Freundin und als Vertreterin der Plattenfirma.
»Kann ich irgendetwas für dich tun?«, hatte sie gefragt.
»Nichts«, hatte er geantwortet. »Ich wünschte nur, ich könnte leben, bis die Olympischen Spiele zu Ende sind.«
Sowie Anne Lise mir von diesem Gespräch erzählt hatte, verspürte ich eine neue und fast beängstigende Traurigkeit. War das Todesangst? Bei jedem neuen Lauf, bei jedem neuen Gold, näherte sich der Elvis-Junge weiter seinem Ende. Was, wenn er bis zur Abschlussfeier lebte? Und bis zur Zeit danach? Die doppelte Leere. Alle Geschehnisse waren erledigt, bei den Olympischen Spielen und in seinem Leben. Per Hansson, Oles alter Freund, hatte zwei Jahre zuvor darüber geschrieben, in Den siste veien, über den 22 Jahre alten krebskranken Ola, der wusste, dass er sterben würde, dem aber eine letzte Auslandsreise geschenkt wurde. Der Schmerz, als er nach Hause kam. Der Tod, der wartete. Ola sagte: »Worauf kann ich mich denn jetzt noch freuen?«
Es ist der Abend, an dem die Bohrinsel Alexander Kielland in der Nordsee umkippt. Ein wilder Sturm tobt. Die Bohrinsel wurde von der französischen Werft CFEM als Bohrinsel gebaut, aber die Reederei Stavanger Drilling II AS benutzt sie schon seit langer Zeit zum Wohnen. Eine Rohrleitung zum Meeresgrund hat es unmöglich gemacht, alle zehn Verankerungsstreben einzusetzen, die die französische Werft für die Verwendung in einem sturmreichen Meeresgebiet voraussetzt. Nur acht sind in Gebrauch. Plötzlich knickt ein Bein ab. Zwischen den Beinen C und D gibt es keine Streben wie zwischen den anderen Beinen. Dort sollte Platz geschaffen werden für die Versorgungsschiffe. Aber das D-Bein bricht. Ohne Vorwarnung kippt die riesige Konstruktion zur Seite und nur Sekunden später liegen die Ölarbeiter im Meer, sind in den Wellen vollkommen hilflos. Ein Hubschrauber ist fünf Minuten entfernt, doch dem wird der Befehl zum Umkehren erteilt. Ein Freund von mir ist an Bord. Schichtwechsel. Einige sollten die Bohrinsel verlassen. Andere sollten dort abgesetzt werden. Aber jetzt ist die Bohrinsel umgekippt. Im eiskalten Wasser kämpfen viele um ihr Leben. 123 von diesen Menschen finden den Tod.
Eine Nachbarin kommt weinend hereingestürzt.
»Die Alexander Kielland«, ruft sie. »Die ist umgekippt!«
Wir wissen, was das bedeutet. Unser Freund. Ist er nicht gerade dort draußen?
Wir schalten Radio und Fernseher ein. Lauschen auf beides. Draußen in der Nordsee scheint sich ein furchtbares Drama abzuspielen. Unser Freund. Kämpft er mit den Wellen? Ist er schon tot? Werden wir ihn niemals wiedersehen? Ich habe den Tod durch Ertrinken immer für den entsetzlichsten gehalten. Sich nicht über Wasser halten können. Aufgeben müssen. Der Schock, wenn man nicht mehr durchhalten kann, wenn der Körper sagt, dass man atmen muss. Der Augenblick, wenn man Waser schluckt, spürt, dass sich die Lunge füllt, dass diese Bewegung, die jeder Mensch ausführt, Tausende Male an einem Tag, jetzt die Vorankündigung des Todes ist. Wie lange arbeitet das Bewusstsein? Kann man noch begreifen, dass man ertrinkt? Gibt es keine Versöhnung? Nur den kalten, salzigen, düsteren Tod? Trond-Viggo hat mich auf ein Lehrbuch der Rechtsmedizin aufmerksam gemacht. Sowie er davon erzählt hatte, rief ich bei Norli in der Universitetsgate an und bestellte ein Exemplar. Als das Buch im Briefkasten lag, packte ich es mit zitternden Händen aus. Was würde ich darin finden?
Die Bilder waren schlimmer als alles, worauf ich vorbereitet war. Ich hatte bisher erst einmal einen toten Menschen gesehen, als einer der älteren Nachbarn auf dem Küchenboden zusammenbrach, nachdem er nach einer Beerdigung in der Kirche von Dypvåg, von der er soeben nach Hause gekommen war, die Flagge gehisst hatte. Wir hörten den Aufprall bis zu uns, mehrere hundert Meter weit weg. Als wie angerannt kamen, stand die Tür offen. In der Küche lag er auf dem Rücken, mit gläsernen Augen, die in die Ewigkeit starrten. Wir standen nur da und glotzten, unschlüssig, trauten uns nicht, ihn anzufassen, etwas zu tun. Aber eine andere Nachbarin, die in Bergen Narkoseschwester gewesen war, kam angestürzt und fiel neben ihm auf die Knie, öffnete seinen Mund und begann mit Wiederbelebungsversuchen, schickte ihren eigenen Atem in seine Lunge, presste ihm die Brust, tat alles, was in einer solchen Situation richtig ist, wozu wir jedoch nicht in der Lage waren. Wir standen nur da, sahen zu und schämten uns. Und als ich das Buch der Rechtsmedizin aufschlug, verspürte ich dasselbe Gefühl des Unbehagens. Was ich dort sah, war so entsetzlich. Menschen, die sich erhängt hatten, die mich anstarrten, mit hängender Zunge, Menschen, die sich den halben Kopf weggeschossen hatten. Aber das Schlimmste waren die Ertrunkenen, das offene Entsetzen, das noch immer ihre Gesichter prägte, die Schaumblasen um die Lippen. Die Überraschung im Blick, als ob der Todeskampf noch nicht zu Ende wäre. Es war einfach nicht zu ertragen.
Auch in dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Wo war unser Freund jetzt? Lag er auf dem Meeresgrund? Hatte er Schaum vor dem Mund? Würden die, die ihn vielleicht irgendwann herausholten, das Entsetzen in seinen Augen sehen? Ich wartete auf Movitz, hörte aber nicht den Aufprall auf der Veranda. Sicher war er wieder auf Mädchenjagd gezogen.
Ich dachte daran, was Caryl Chessman geschrieben hatte, ehe er im Gefängnis von San Quentin mit Gas ermordet wurde: Dass der Tod zu groß war, um erfasst zu werden, dass ihm schwindlig wurde, wenn er nur daran dachte.
Die ganze Nation scheint getroffen worden zu sein. Das Öl ist unsere neue Identität. Diese Industrie war bisher von fast visionärem Optimismus geprägt. Während Landwirtschaft und Fischerei von Konflikten und internationalen Vorschriften, Zollschranken und Verordnungen geprägt sind, die wir nicht begreifen, die nicht einmal die begreifen, die mit am Verhandlungstisch sitzen, hat das Öl, mit Statoil und dem Inselnachbarn Arve Johnsen an der Spitze, die schlichte Botschaft verkünden können: Da unten auf dem Meeresgrund liegt schwarzes, gleißendes Gold. Es braucht nur hochgeholt zu werden. Wir alle werden an diesem neuen, unvorstellbaren Reichtum teilhaben, und die, die das Glück haben, dort draußen zu arbeiten, leben wie im Luxushotel. Von den Tauchern ist nie die Rede. Denen, die in unvorstellbare Tiefen versenkt werden und deren Leben zerstört wird. Nein, wir reden über die anderen. Die, die an sogenannten Elektronengehirnen sitzen und sich Zahlen und Kurven ansehen. Die, die Rohre zusammenstecken, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Die, die zum Frühstück frisch gebratene Schweinerippe bekommen, Räucherlachs und Rührei, Räucherlamm, Lutefisk, Kabeljau und Speck. Frisch aufgebrühten Kaffee, Cola und Sprite, Schokolade mit Sahne und Darjeelingtee. Der Wohlstand kennt keine Grenzen. Sie haben in der Lotterie gewonnen. Der Arbeitsplatz weit draußen im Meer war ein Kulturprodukt. Alexander Kielland. Einer der vier Großen. Der Garman und Worse geschrieben hat. Der den Literaturnobelpreis hätte bekommen können. Dass die riesigen Bohrinseln solche Namen erhalten, dass eine Ölgesellschaft sich Saga nennt, sagt nur, dass Selbstvertrauen und Abenteuer zu einem Teil der norwegischen Identität geworden sind.
Nun ist das Schlimmste passiert. Bei einem Flugzeugunglück tritt der Tod oft augenblicklich ein. Aber der bloße Gedanke an die vielen Menschen, die dort mit den riesigen Wellen gerungen haben, macht gewaltigen Eindruck. Ministerpräsident und König finden fast keine Worte. Die Trauerfeiern werden zu Ritualen der Ohnmacht, in denen die Wenigsten Trost finden. Das Mitgefühl der offiziellen Stellen erreicht uns nicht. Die hatten gesagt, das könne nicht passieren. Alles sei sicher. Jetzt war es passiert. Die Alexander Kielland schwimmt noch. Aber die Bohrinsel liegt kopfunter im Wasser.
Einige Tage später spreche ich mit unserem Freund. Er erzählt von dem Sturm, wie schrecklich das war, wie sie sich der Alexander Kielland genähert hatten, es waren nur noch fünf Minuten bis zur Landung, als der Pilot den Befehl zur Umkehr erhielt.
»Wir wussten nicht, was passiert war«, sagt er. »Wir haben eben kehrtgemacht. Ich hatte so viele Freunde dort draußen.«
10.
Er wird zur Teilnahme am Grand Prix eingeladen. Er weiß nicht, ob er sich geehrt oder beleidigt fühlen soll oder ob er etwas missverstanden hat. Aber der NRK will Komponisten herausfordern, die bisher nicht als Verfasser von Popstücken bekannt geworden sind. Als er sieht, wer gefragt wird, begreift er, dass es ernst gemeint ist. Ach was, na ja, dann vielleicht.
Eines Abends, als er auf dem Weg ins Bett ist, bleibt er beim Flügel im Wohnzimmer stehen. Die Lampen sind bereits ausgeschaltet. Da steht er, in der Dunkelheit, kann noch immer die schwarzen und weißen Tasten erkennen. Er denkt an Amalie, seine ewige Klavierlehrerin. Manche sind wie Politiker und Wirtschaftskapitäne, sie platzen wie Trolle. Andere sind ein Leben lang Autoritäten. Es schmerzt ihn bis ins Mark, dass sie sich nie mehr treffen. Über Lindholm weiß er auch nichts. Die beiden, die seine Ersatzeltern waren, wohnen noch immer in dem Haus im Ruglandsvei. Sie machen weiter mit ihrem Leben, als wäre nichts geschehen. Ob sie sich an ihn erinnern? Erinnern sie sich an die Erwartungen, die sie ihm in den Rucksack gepackt hatten, ehe sie ihm alles Gute für die Reise wünschten?
Er erinnert sich jedenfalls an die beiden. Er erinnert sich daran, wie gut es war, dass über ihn entschieden wurde. Dass jemand den Weg ausgesucht hatte, ohne dass sie mit Wegweisern vor ihm standen und mit den Armen fuchtelten. Sie führten ihn behutsam, alle beide, wie einen Blinden. Ab und zu berührten sie seine Schultern. Andere Male versetzten sie ihm einen Stups in den Rücken, brachten ihn dazu, aufzuwachen, sich umzusehen. Der Bruch mit Lindholm war schicksalhafter als der mit Amalie. Lindholms Wünsche waren so konkret. Goetheanum. Anthroposophie. Geisteswissenschaft. Er lehnte dankend ab, so höflich er konnte, nachdem Lindholm seine ersten veröffentlichten Gedichte geradezu in Fetzen gerissen und an die Wand geworfen hatte, gleich neben dem Kamin. Bei Amalie war das nicht so. Er glitt von ihr fort, als befänden sie sich beide auf dem großen Strom, dem Strom des Lebens, dem Strom von Huckleberry Finn. Er stellte sich das oft so vor: Dass er von einer Strömung erfasst wurde, fortgeschwemmt, in die Mangrovenwälder, dass er im Dickicht unter den Zweigen verschwand, dass sie ihn nicht mehr sehen konnte. Sie rief nach ihm, von dem Floß aus, auf dem sie saß, mitten auf dem Strom. Aber er gab keine Antwort. Er saß mäuschenstill da und wusste, dass er von nun an allein zurechtkommen musste. Und das auch wollte, um jeden Preis.
Aber Popmusik? Eine Strophe samt Refrain? So weit entfernt von den Sonaten und Symphonien, die er im Rucksack mitgenommen hatte. Etwas vereinfacht, überdeutlich. Wann sah man diese Grenze selbst? Wann begriff der Schriftsteller, dass er überflüssige Sätze schrieb? Wann begriff der Komponist, dass seine Musik flach geworden war? Wann war man ein Genie und wann war man nur ein Tropf? Er stand dort am Flügel, in jenem Spätwinter, und dachte an Amalies tiefe Liebe zu Beethoven. Für sie war Beethoven der absolute Schwerpunkt der Musikgeschichte. Sie hatte Jahre ihres Lebens benutzt, um ein Buch über ihn zu schreiben. Sie teilte die Musik in »vor« und »nach Beethoven« ein. Ihr größter Wunsch war es, dass ihr Schüler, der Bjørnstad-Junge, die drei letzten Klaviersonaten spielte, Opus 109, 110 und 111, in ein und demselben Konzert. Er hatte angefangen zu üben. Er war weit gekommen, hatte die ersten beiden bewältigt, doch als er mit dem Üben von 111 anfing, lernte er Ole Paus kennen, und das Leben schlug eine ganz andere Richtung ein.
Plötzlich hat er Lust, wieder Beethoven zu spielen.
Um sich gegen die Popmusik zu wehren, die Amalie aus tiefstem Herzen gehasst hat?
Er weiß es nicht. Die klassische Musik ist so komplex, aber die sogenannte Populärmusik macht ihm ebenfalls sehr große Freude. Beethoven steht da, egal wie. In der Mitte der Musikgeschichte steht Beethoven. Er ist fast fünfzig, als er im Sommer 1819 eine Abmachung mit dem Musikverleger Moritz Schlesinger eingeht. Er soll neue Musik schreiben. Er bekommt 60 Dukaten für 25 neue Lieder, und 90 Dukaten für drei Klaviersonaten. Amalie vergaß niemals diese Perspektive, die in Mozarts Biografie noch deutlicher wurde. Der Kampf um das Dasein, um das Überleben. Damals war das schwieriger. Die Bourgeoisie bezahlte nicht mit Geld, sondern mit Gegenständen, gern mit Schnupftabakdosen. Die Verleger dagegen verhandelten mit den Komponisten. Beethoven bat um 120 Dukaten für diese drei Sonaten und wollte die Rechte für England und Schottland selbst behalten. Es endete also mit 90 Dukaten. Das war die Vorgeschichte von dreien der größten und sagenumwobensten Klaviersonaten der Musikliteratur.
Er hatte eine gleich starke Beziehung zu allen dreien, aber am meisten geübt hatte er die Sonate in As-Dur. Sie wurde 1821 vollendet, verspätet aufgrund von Beethovens Gesundheitszustand. Beethoven war geschwächt durch Gelbsucht und hatte während des Winters mehrere rheumatische Anfälle erlitten, die ihm die Arbeit unmöglich machten. Amalie betonte immer wieder, dass Beethoven ein Nervenmensch gewesen sei, erfüllt von Besorgnis und Willen gleichermaßen.
Ja, er erinnert sich so gut an die Zeit, in der er an dieser Musik gearbeitet hat. Ihm war, als sei Beethoven in diesen Klaviersonaten tief in seine Traumata und Sehnsüchte eingetaucht. Er hatte an Per Sivles unvergessliches Gedicht Ljos gedacht. In dem der Dichter fast flehentlich um »Licht, Licht, mehr Licht« gebeten hatte, in der Hoffnung, dem unvermeidlichen Selbstmord doch noch entgehen zu können. Als er diese drei Sonaten geübt hatte, war ihm der Gedanke gekommen, dass im Ausdruck etwas fast Flehentliches lag, wie in Olav H. Hauges Gedicht. »Das ist der Traum …« Dass etwas geschehen wird. Geschehen muss. Später stellte er dann fest, dass sich auch Milan Kundera auf diese berühmten Beethoven-Sequenzen konzentrierte im Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Tomas, die Hauptperson, ist von Mitgefühl betroffen, aber er sieht das Mitgefühl als Bedrohung, die ihn lähmen und unfähig machen kann zu der Arbeit, die er ausführen möchte. Seine Bindung an eine Frau hindert ihn lange daran, eine andere zu erobern. Aber dann passiert es, und das Mitgefühl nach dem Verrat nimmt ihm die Freude an der Eroberung. In der berühmten Liebesbeziehung zwischen Tomas und Tereza bilden Beethovens Klaviersonaten und die letzten Quartette den Hintergrund für die fast existenzielle Liebesgeschichte, die sich gleichzeitig mit der sowjetischen Invasion in der Tschechoslowakei abspielte. Ein durchgängiges Thema in Beethovens Musik war die grundlegende Frage: Muss es sein? Und immer kommt die Antwort: Ja. Es muss sein! Kundera deutet Beethovens Kampf als die Erfahrung, dass das Belastende auch etwas Positives sein kann. Wie bei Munch, der immer Angst vor der Geisteskrankheit hatte, davor, wie seine Schwester Laura in eine Anstalt eingesperrt zu werden, und der dennoch dem Rat seiner Ärzte trotzte und sagte: »Nehmt mir diese Nerven nicht weg. Ich brauche sie für meine Kunst!« Aber Beethoven konnte mit seinem Schicksal nicht flirten. Schon mit dreißig Jahren spürte er, dass sein Gehör geschwächt war. Solange es ging, hoffte er, dass es sich um eine vorübergehende Krankheit handelte. Aber die Krankheit war von Dauer. Beethoven schrieb: »ich habe schon oft den schöpfer und mein daseyn verflucht, Plutarch hat mich zu der Resignation geführt, ich will wenn’s anders möglich ist, meinem schicksaal trozen, obschon es Augenblicke meines Lebens geben wird, wo ich das unglücklichste Geschöpf gottes seyn werde.«
Achtzehn Jahre lang, ehe er vollständig ertaubt die Sonate in As-Dur komponierte, war sein Gehör bereits stark geschwächt. Er schrieb in einem berühmten Brief an seine Brüder Karl und Johann Beethoven, den der Bjørnstad-Junge oft in Musikkens Verden gelesen hatte, einem Lexikon, aus dem er und Amalie immer wieder zitierten: »O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht tut ihr mir! Ihr wisst nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet.
Mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens.
Selbst grosse Handlungen zu verrichten, dazu war ich immer aufgelegt; aber bedenket nur, dass seit sechs Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert.
Von Jahr zu Jahr in der Hoffnung, gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels (dessen Heilung vielleicht Jahre dauern wird oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feurigen, lebhaften Temperamente geboren, selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, musste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen.
Wollte ich auch zuweilen, mich einmal über alles das hinaussetzen, o wie hart wurde ich durch die verdoppelte traurige Erfahrung meines Gehörs dann zurückgestossen, und doch wars mir noch nicht möglich, den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreit, denn ich bin taub.
Ach, wie wär es mir möglich, dass ich die Schwäche eines Sinnes zugeben sollte, der bei mir in einem vollkommenern Grade als bei andern sein sollte, einen Sinn, den ich einst in der grössten Vollkommenheit besass, in einer Vollkommenheit, wie ihn wenige, von meinem Fache gewiss noch gehabt haben. – O, ich kann es nicht. Drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte. Doppelt wehe tut mir mein Unglück (indem ich dabei verkannt werden muss). Für mich darf Erholung in menschlicher Gesellschaft, feinere Unterredungen, wechselseitige Ergiessungen nicht statthaben.
Ganz allein fast, nur soviel, als es die höchste Notwenigkeit fordert, darf ich mich in Gesellschaft einlassen.
Wie ein Verkannter muss ich leben; nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heisse Ängstlichkeit, indem ich befürchte, in Gefahr gesetzt zu werden, meinen Zustand merken zu lassen.«
Er dachte, immer wenn er das las, dass es ein bewegender Brief sei. Ein Abschiedsbrief an zwei geliebte Brüder. Beethoven war sicher, dass er bald sterben würde. Er saß in Heiligenstadt, am 6. Oktober 1802, und wusste nicht, dass er noch 25 Jahre leben würde. Er schreibt: »Empfehlt Euren Kindern Tugend: sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld; ich spreche aus Erfahrung. Sie war es, die mich selbst im Elende gehoben; ihr danke ich nebst meiner Kunst, dass ich durch keinen Selbstmord mein Leben endigte.«
Und doch war er noch nicht an dem Punkt in seinem Leben angelangt, wo er wirklich erfasste, was die Taubheit ihm raubte. Denn es waren ja nicht nur Taubheit und Einsamkeit, in die er nun eintrat. Es war auch die Erniedrigung im öffentlichen Raum. In diesen Jahren glaubte er noch immer, Klavier spielen zu können. Als er an der Aufführung seines Trios in B-Dur teilnahm, konnte Ludwig Spohr kommentieren, es sei »von der früher so bewunderten Virtuosität des Künstlers infolge seiner Taubheit fast gar nichts übriggeblieben! Im Forte schlug der arme Taube so darauf, daß die Saiten klirrten, und im Piano spielte er wieder so zart, daß ganze Tongruppen ausblieben.« Zu allem Überfluss war das Instrument nicht gestimmt. Beethoven focht das nicht an. Er konnte es ja nicht hören. Während er die drei letzten Klaviersonaten schrieb, so unvorhersagbar und erfüllt von Auflehnung und Schmerz, erschien er dem Publikum, das ihn bisher geliebt hatte, mehr und mehr als ein Wahnsinniger. Da er noch immer die Schwingungen eines großen Orchesters wahrnehmen konnte, versuchte er zu dirigieren, solange das noch möglich war. Aber die Musiker wussten, dass er sie nicht mehr führen konnte. Beethoven setzte Gefühle und Mimik ein, um die Kontrolle über den musikalischen Verlauf zu gewinnen, aber da er nicht hören und kaum noch sprechen konnte, kam es zu grotesken Übertreibungen und wilden Gesten. Zum Beispiel markierte er ein Diminuendo, indem er sich immer kleiner machte. Wenn das Orchester pianissimo spielen sollte, verkroch er sich unter dem Dirigentenpult. Aber wenn ein Crescendo kam, tat er das Gegenteil. Dann richtete er sich auf, machte sich so groß wie möglich, stellte sich auf Zehenspitzen und sah vollkommen lächerlich aus. Erst in dem Jahr nachdem er die Sonate in As-Dur geschrieben hatte, ging ihm die Wahrheit auf. Er dirigierte seine Oper Fidelio und begriff, dass er nicht länger als Dirigent auftreten konnte, nach dem Chaos, das im Orchestergraben und auf der Bühne ausgebrochen war. Sein Freund Schindler schob ihm offenbar einen Zettel zu, auf dem er ihn anflehte, nicht weiterzumachen, sondern nach Hause zu fahren. Beethoven sprang auf und rief: »Fort! Fort von hier!« Er sprang über die Orchesterbalustrade, stürzte aus dem Saal und ließ sich nicht wieder blicken.
Gemessen an Beethoven verblasst das meiste andere. Aber die zeitgenössische Kunstmusik hat sich in die Enge manövriert. Die serielle Orthodoxie kommuniziert nur mit denen, die sie ausüben. Deshalb entscheidet er sich für die Popmusik, ganz bewusst. Er will zur Melodie, will zu Rhythmen und Harmonie. Er schreibt Svart fortid. Der Text ist inspiriert von seinen Erlebnissen an Orten wie dem Montagsklub oder Smuget, wo man immer in Erfahrung bringen kann, wer mit wem schläft, wenn man das will, aber wo die Wenigsten Klatsch verbreiten. Er findet später den Text auffällig moralisch, ein Wunsch, als klug und weitsichtig dazustehen, ein Mensch, der über alle Arten von Sündenfällen erhaben ist. Im Laufe der letzten Jahre ist die Sexualität so sichtbar geworden. Sogar der Vokuhila der Jungen erinnert an Schamhaare. Die Frauen schminken sich grell, die Röcke sind kurz. Sexy zu sein ist eine Qualifikation an sich. Wenn ein Mund glänzt und an Schamlippen erinnert, ist das nur von Vorteil. Dann signalisiert man, was man will. Jayne Mansfield und Burt Reynolds sind von der Kinoleinwand gestiegen und leben in verräucherten Lokalen im Zentrum von Oslo. Ja, sogar im Kino- und Tanzsaal Gatsby am innersten Tvedestrandsfjord kann man die neue Brunst wahrnehmen wie einen Spritzer Naturparfüm zwischen den vielen Kaufdüften. Es ist schon viele Jahre her, dass Disco in die Welt kam, in die USA und nach Europa, nach Singapur, Tokio und nach Pattaya in Thailand. Das harte Hämmern der Basstrommeln. Wenn der Tontechniker gute Arbeit geleistet hat, gehen diese Frequenzen direkt in den Schritt von Frau und Mann. Musik, von der man geil werden soll. Er schreibt sein moralisches Gegenstück an dem fast discofreien Ort Vestre Sandøy draußen am Meer. Er hört sich Steely Dans Aja an und versucht, die Melodie ebenso inhaltsreich und zugleich so distinguiert zu machen, wie es diesen Herren immer gelingt, Musik, die Champagner und Satin verlangt, wenn man in der richtigen Stimmung ist.
Der NRK fragt, ob er eine Vorstellung davon hat, wer singen soll. Könnte zum Beispiel Inger Lise Rypdal passen? Er zuckt zurück mit dem Telefonhörer in der Hand, worauf das Telefon zu Boden fällt und die Verbindung abreißt. Was passiert denn gerade in seinem Leben? Aus dem tiefsten Missmut wurde er geholt, um für zwei der größten Gesangsstars in Nordeuropa Text und Musik zu schreiben. Hat er das verdient? Er ist sich absolut nicht sicher. Er betrachtet sich selbst mit größerer Skepsis denn je. Wieder sieht er das schöne Gesicht von Toril Moi vor sich, die gemeint hat, er sauge die Frau aus wie einen Schwamm. Ein widerliches Bild. Dass er selbst trocken ist. Und die Frau nass. Dass er saugt. Sie bestiehlt. Zu einem Meer wird, auf ihre Kosten. Aber er nimmt den Kontakt zum NRK wieder auf und hört, dass Georg Keller, Trond-Viggos guter Freund, für das Arrangement steht. Will er nach Oslo kommen und bei den Proben zuhören, beim norwegischen Finale zugegen sein, das gar kein Finale ist? Außer den Komponisten ist ja niemand eingeladen.
Nein, denkt er. Oslo macht ihm Angst. Fürs Erste kein Nachtleben mehr. Alkohol. Essen. Die vielen Toiletten, auf denen er den Finger in den Hals gesteckt hat. Und dennoch. Er spürt es so deutlich. Etwas passiert dort drinnen, zwischen den Menschen, in den Läden, in den Restaurants und Nightclubs. Neue Kleidermarken kommen dazu: Poco Loco, In Wear, Marco Polo. Frauen und Männer tragen jetzt lockige Haare. Ja, Schamlocken. Es ist nicht die Sexualität der Hippiezeit, Frauen, die ihre großen Brüste wogen lassen und Männer mit ungewaschenen Bärten, die tranig mit einer Gitarre dasitzen und nach Cannabis riechen. Das hier ist die scharfe Wollust, die nur durch Design und Kokain ausgelöst werden kann. Eine wache Sexualität, genau wie bei den Katzen. Hier darf man sich keine einzige Gelegenheit entgehen lassen.
Deshalb jetzt nicht Oslo. Sowie er dem NRK gesagt hat, dass er nicht zum Grand-Prix-Finale kommen wird, nimmt er die Vierkornmischung von Helios aus dem Schrank und bäckt zwei Graubrote. Er ist kein guter Bäcker. Er weiß nicht einmal, wie man einen Waffelteig anrührt. Aber er steht gern hier in der Küche mit Blick auf Nachbarn und Meer. Er knetet gern. Der Prozess gefällt ihm. Mehl, Wasser, Salz, Hefe. Ihm gefällt die Wartezeit, wenn der Teig geht. Es gefällt ihm, dass sich das Brot wieder zusammenzieht, wenn es im Ofen ist. Dass es schwer, saftig und warm wird. Mit Butter und Ziegenkäse schmeckt es besser als alles andere auf der Welt. Besser als die Entenleber von Hroar Dege. Besser als Hummer.
Er isst ein Stück Brot. Vielleicht zwei. Er hat kein Bedürfnis danach, sich übersatt zu fressen. Deshalb weiß er, dass er die Kontrolle hat. Aber er kann nicht so viel Brot, Butter und Ziegenkäse essen und gleichzeitig abnehmen. Dann geht er zu der Stelle im Wald, hinter den Büschen, wo er ganz allein sein kann. Zur Kotzstelle. Der Geruch an sich macht das Kotzen leichter. Manchmal muss er nicht einmal den Finger in den Hals stecken.
Der norwegische Grand Prix rückt näher. Am Samstag lädt er einige Nachbarn und Zugezogene zu einem lockeren Fernsehabend ein. Als hätte er mit der ganzen Sache gar nichts zu tun. Die Zeitungen haben wie üblich auf das Ereignis hingeschrieben. Alte Idole wie Nora Brockstedt und Arne Bendiksen werden hervorgeholt. Die Presseleute haben wenig Erfahrung mit diesen relativ »seriösen« Komponisten. Die meisten kommen aus der Liedermacherszene, aus Jazz und Rock. Hier hat auch nicht die norwegische Bevölkerung zu bestimmen. Stattdessen sitzt eine Fachjury bereit, um ihr Urteil abzugeben, von eins bis zehn. Obwohl er versucht, sich zu distanzieren, spürt er es bis in den Bauch. Und er bereut, die Freunde eingeladen zu haben. Was in aller Welt war das für eine Idee? Er würde lieber allein mit der Anderen ohne fremde Einmischung dieses seltsame Finale sehen. Würstchen mit Senf und Ketchup essen, vielleicht sogar ein Bier trinken, als Abwechslung vom vielen Wein. Aber sie kommen, allesamt. Er liest es an ihren Gesichtern, dass niemand damit rechnet, dass er gewinnen könnte. Natürlich gewinnt er nicht, wo doch Åge Aleksandersen am Finale teilnimmt. Bjørnen sover ist der große Favorit. Es ist noch einmal die Sowjetunion. Die Bedrohung aus dem Osten. Abgesehen von den Menschen in Finnmark werden alle in dieses Lied einstimmen. Und bald sind Olympische Spiele in Moskau.
Aber was, wenn er doch gewinnt, denkt er trotzdem, plötzlich, mit einem akuten Drang, wieder kotzen zu müssen. Es wäre nicht das erste Mal. Inger Lise ist beliebt. Wie auch der geniale Jazzmusiker, der ihr Ehemann ist. Eine junge sexy Popsängerin mit langen Locken, die über alte Schweine singt. Wäre das jetzt nicht etwas? Fru Johnsen umgekehrt. Holt die Altherrensexualität ans Licht! Gebt ihr ein Gesicht! Gebt ihr einen Text und eine Melodie! Die Geständnisse des Bürgermeisters!
Je mehr er in diesen Bahnen denkt, umso mehr denkt er, dass er eine Chance hat. Aber in der nächsten Sekunde denkt er, dass er nur einer von diesen lächerlichen Verlierern ist oder einer von den tapferen Optimisten mit Lebenssehnsucht, die die Hoffnung bis zum letzten Augenblick behalten, ja, die glauben, dass sie leben werden, selbst wenn tödliche Diagnosen um sie herum donnern wie Stahlplatten. Den Grand Prix gewinnen? Das würde ihn doch lächerlich machen! Er würde die Tür für Klatschzeitungen wie Se og Hør öffnen müssen. Er würde auf den schwachsinnigen Geburtstagsfesten von Audun Tylden erscheinen müssen, dem Mann, dem er fast alles zu verdanken hat, und der nicht einmal einen 33. Geburtstag im Freundeskreis auslässt, wenn er es ein bisschen krachen lassen kann. Er würde zum festen Einschlag in Smuget und im Montagsklub werden. Er würde lockige Schamhaare auf dem Kopf tragen. Er würde die Hemdenknöpfe öffnen und die Haare auf seiner Brust zeigen, die dort von einer erfahrenen jungen und hübschen Friseuse im Spaghetti im Bogstadvei angeklebt worden sind. Er würde die letzte Hose von Poco Loco kaufen. Er würde noch mehr abnehmen müssen, so viel kotzen, dass er es vielleicht auf 70 Kilo bringt, 24 Kilo unter seiner Größe von 1,94. Damals waren solche Gleichungen die einzigen, die er vielleicht in seinem Leben bisher begriffen hatte. Er hatte vergessen, dass er einmal in Mathe durchgefallen war.
Åse Kleveland zeigt sich auf dem Bildschirm in ihrer ganzen Pracht. Sie ist schön, stolz und voller Autorität. Eigentlich müsste sie Ministerpräsidentin sein, denkt er. Das Internationale an ihr, von dem er nicht sicher ist, dass Odvar Nordli es besitzt. Er sitzt vor dem Fernseher und denkt, dass er sich an einem Ort im Kulturleben befindet, wo er vorher noch nie gewesen ist. Er wandelt in den Fußspuren von Anne-Karine Strøm. Sie war vor ihm dort, mit Å for et spill und Mata Hari. Sie hat dort gestanden, auf der Bühne, und für die Musik gekämpft, für die Platzierung. Es kommt ihm ein wenig unwirklich vor, dass er selbst plötzlich so nervös ist, wo er doch hier sitzt, in dem kleinen Fernsehraum neben dem Wohnzimmer, in den sich die Freunde zusammen mit ihm gequetscht haben. Er zieht den Geruch von Zigarettenrauch und Würstchen in sich hinein, den scharfen Geruch des Rotweins von Fuhr, den er aus dem großen Fass im Keller geholt hat. Wie sie alle da sitzen und träge den Fernseher anglotzen, scheinen sie vergessen zu haben, dass er an diesem Wettbewerb teilnimmt. Aber das ist ihm nur recht. Er sitzt mäuschenstill da und sagt nichts. Er gleitet in eine Art Trance, als ob seine ganze Kindheit ihn umschwebt, Erinnerungen aus einer Geborgenheit, mit Samstagabenden, Grand-Prix-Entscheidungen und Erik Bye. Die alten Schlager erklingen in einer Echokammer in seinem Kopf. Eine Linie zieht sich von der Elisabeth-Serenade, die seines Wissens nie bei einem Grand Prix vertreten war, über L’amour est bleu, Poupée de cire, poupée de son, Puppet on a string bis zu Karusell. Der ewige Trost der Schlagermusik, die Augenblicksstimmung, die den kleinen Schub im Alltag liefern konnte, ein Streuzucker der Gefühle, der für einige Sekunden Kraft und Ruhe gab, ehe das lebendige Leben wieder zupackte, auf dem Weg weiter zum Schultag, zur Lohntüte, zu den Raten, zu den Altersheimen. Und nun kündigt Kleveland Svart fortid an. Text und Musik von einem gewissen Herrn Bjørnstad. Dem Bjørnstad-Jungen. Wer hätte sich denn jemals vorstellen können, dass er es so weit bringen könnte. Und gleich darauf kommt Inger Lise Rypdal in all ihrer Pracht. Sie, die schon mit ihrem Ehemann Terje Rypdal Gigantisches vollbracht hat. Jedes Mal, wenn dieser Gitarrenmeister mit seinem ganzen Hof aus genialen Musikern, von Pål Thowsen bis zu Chrico und Sveinung Hovensjø in den Club 7 herniedersteigt, ist er immer, wenn der Meister ihn grüßt, aufs Neue verlegen und verdutzt. Nun sieht er im Fernsehen, dass die Frau des Meisters sein Lied vorträgt, und er denkt, die beiden seien doch das Superehepaar mit riesigem Haus und Pferd irgendwo auf Totenåsen. Der Ehemann, der um die Welt reist und auf den allergrößten Bühnen spielt, der intensiv melodische Musik komponiert, die er selbst in seinem Kopf zu erlösen versucht. »Du siehst es in allen weichenden, weichenden Augen«, singt Inger Lise. Zum ersten Mal hört er das Arrangement von Georg Keller. Es ist so elegant, mit Hintergrundsängerinnen und allem. Er hätte nie gedacht, dass er Musik schreiben könnte, bei der Hintergrundsängerinnen in den Refrain einstimmen, obwohl Ole das bei Lise Madsen, Moses og de andre verlangt hatte. Er ist begeistert von den Hintergrundsängerinnen, von der Erweiterung des Erwarteten. Stimmen, die sich übereinander legen oder einen Kontrapunkt erzeugen. Inger Lise Rypdal, die dort steht mit einem neckenden Blick und den Menschen, die vor den Bildschirmen sitzen, sagt, sie seien durchschaut, entlarvt, Lügner, Hurenböcke und Betrüger allesamt.
Was für ein unglaublich schlechter Ausgangspunkt, wenn man ein Grand-Prix-Finale gewinnen will, denkt er. Dann kann man sein Publikum doch nicht auf diese Weise verspotten? Vielleicht war er zu viel mit Ole Paus zusammen. Und nun erhält die Sängerin ein Feedback direkt ins Ohr. Professionell zieht sie die Hand mit dem Mikrofon weg von ihrem Gesicht. Niemand sieht, dass sich ihm die Haare sträuben. Es hätte dermaßen schiefgehen können, aber die professionellen Tontechniker oben im NRK-Studio eliminieren das Problem, und das Lied geht weiter. Er findet, es klingt verdammt gut. Das war das beste Lied bisher, denkt er. Der Applaus ist höflich, aber mehr nicht. Niemand in dem Zimmer auf Sandøya sagt etwas, nur die Andere. »Schön«, sagt sie und drückt seine Hand, wie sie da dicht nebeneinandersitzen. Aber dann steht Åge Aleksandersen auf der Bühne und singt Bjørnen sover, und er verliert etwas von dem Mut, den er eben noch hatte. Diesmal gibt es bedeutend mehr Applaus, auch in dem Zimmer auf Sandøya ist die Stimmung deutlich enthusiastischer. Eine der neu Zugezogenen aus Bergen beugt sich vor und schließt energisch die Hand um den Rotweinbecher. Sie und ihr Lebensgefährte wohnen seit einigen Monaten auf der Insel. Er ist Künstler, und sie hat eine Ausbildung als Lehrerin. Er hat sie bewundert, wegen ihrer Jugend und ihres Mutes. Sie haben immer viel Spaß gehabt, wenn sie sich getroffen haben. Ihr trockener Humor war ansteckend. Als sie sah, dass Rune Larsen in der Jury sitzt, hat sie alle damit unterhalten, welche Sorte Bücher er bei Beyer in Bergen gekauft hat, wo sie einen Sommerjob hatte. Er dachte an die vielen Male, wenn er selbst im Fernsehen gewesen war, an die Kommentare überall in Norwegen. Und er war froh, dass er sie nicht hören konnte. »Wirkt er nicht unglaublich albern? Sieht er nicht aus wie ein Mädchen mit den langen Haaren? Drückt er sich nicht ungeheuer altmodisch und dumm aus? Es ist ganz deutlich, dass er sich für sonst wen hält.« Aber er war niemand, an diesem Samstagabend im Fernsehzimmer auf Sandøya. Er war nicht einmal ein Teilnehmer am Wettbewerb des Abends. Svart fortid war bereits vergessen, war gesunken wie ein Stein in einem Hummerkorb und hatte sich tief unten im Meer des Vergessens abgelagert. Und nun stand plötzlich Sverre Kjelsberg auf der Bühne, zusammen mit einem in samischer Tracht. Sverre, der auf Oles Garman Bass gespielt hatte und der Musiker am Hålogaland Teater war, zusammen mit der Clique, die, trotz des AKP-Ernstes, der im Hintergrund herumspukte, aus einer Bande von Gauklern und Schauspielern bestand. Niemand war witziger als Klaus Hagerup. Niemand sonst konnte ihn dermaßen zum Lachen bringen. Einer der wichtigsten Gründe, Tromsø zu besuchen, zu allen Jahreszeiten, war, dass Sverre Kjelsberg und Klaus Hagerup dort oben waren. Deshalb empfand er nicht einmal einen Hauch von Neid, als er zum allerersten Mal Sámiid Ædnan hörte. Im Gegenteil. Er empfand Bewunderung. Er sah, dass Egil Monn-Iversen, der Pate über alle Paten, den Taktstock hob und sein schmachtendes Orchesterarrangement über 70 Millimeter Breitbild ausbreitete. Es klang wie die Filmmusik zu einer neuen Version der Geschichte der jungen Samin Laila. Es war Ut mot havet und Eg veit meg eit land in der gleichen Klangmalerei, aber zugleich war es ein gut inszeniertes Intro zu dem Joik, den Mattis Hætta nun vorführen würde: Å loile loile å loile lo’a … Monn-Iversen wusste alles über Dramaturgie. Ihm stand die Ehre für viele der Erfolge von Det Norske Teater zu. Er war dermaßen erfolgsumtost, dass er den Taktstock eher wie einen Zahnstocher benutzte. Ein wortkarger kleiner Mann mit aufmerksamen Augen, der immer nickte und ihn ab und zu anlächelte, wenn sie einander in der Kantine des NRK über den Weg liefen.
»Der gewinnt«, stellte die Lehrerin aus Bergen fest, noch ehe das Lied zu Ende war. Alle stimmten zu, nicht zuletzt er selbst, und er holte sogar die vergorensten Floskeln aus seiner eigenen Kellertiefe und sagte, man müsse zu jeder Zeit der samischen Kultur volle Unterstützung zukommen lassen.
Dann sollte die Sachverständigenjury ihre Stimmen abgeben. Nach und nach vergaben sie ihre Punkte, von eins bis zehn. Er versucht, den Ergebnissen zuvorzukommen. Jetzt ist er wieder mit im Wettbewerb, mit einer am weitesten entblößten Eitelkeit. Er will nicht gewinnen, absolut nicht, aber diesmal sehnt er sich auch nicht nach dem fünften Platz. Nummer drei, nach Aleksandersen und Kjelsberg/Hætta, das würde ihm ein wenig mehr Kraft geben, um noch einige Jahre in dieser Landschaft weiterzumachen, wo es nur darum ging, zu erschaffen, etwas aus dem Nichts zu holen und ihm Form und Inhalt zu geben. Und wenn er wirklich den Sieg davontrüge? Der Grand-Prix-Komponist? Den »Hüter der örtlichen Moral«, hatte Inger Lise in Fru Johnsen besungen, in der provozierenden Übersetzung von Terje Mosnes. Würde sie jetzt noch weiter gehen? Kontra geben? Dieser Gedanke war wild und wahnwitzig. Aber wie oft hatte er wohl schon solche Gedanken gehegt? Dass er das Konzert in B-Dur von Brahms mit der New Yorker Philharmonie spielte, mit Leonard Bernstein als Dirigent, dass er noch einmal Brigitte Bardot treffen und ihr zeigen dürfte, wie dünn er geworden ist. Ganz zu schweigen von Catherine Deneuve. Was, wenn sie einmal ins Studio käme, um seine Lieder zu singen. Bei Audun Tylden war alles möglich. Jetzt sollte er ein ganzes Album für keine Geringere als Lill Lindfors schreiben. Dann fehlten doch nur noch ein paar Telefongespräche, bis Deneuve die französische Version von Svart fortid aufnahm. Auch in ihrem Leben hat es ja einige Hurenböcke gegeben, dachte er. Roger Vadim, der Mann, der auch ein Verhältnis mit Brigitte Bardot und Jane Fonda gehabt hatte. In einem Traum sah er sich beim internationalen Grand-Prix-Finale, das dieses Jahr in Den Haag stattfinden würde, auf der Bühne stehen. Ja, für einen Moment schaltet er die ironischen Kommentare der Lehrerin aus Bergen aus und träumt sich bedingungslos in eine kurzfristige, aber dennoch unbestreitbare Siegersituation. Dort steht er auf der Bühne, zusammen mit Inger Lise Rypdal, und hat soeben das internationale Finale gewonnen. Er hat den Arm um sie gelegt. Sie ist schöner denn je, das Gesicht eingerahmt von den angesagten Achtziger-Jahre-Locken, und sie lächelt ihn triumphierend an, während der Moderator die Weltbevölkerung daran erinnert, dass der Grand Prix ein Wettbewerb für Texter und Komponisten ist. Er wollte die Aufmerksamkeit nicht von Inger Lise Rypdal ablenken, aber es ließe sich nicht vermeiden. Der Moderator fragt ihn, was er denkt und empfindet, und er antwortet, er sei glücklich, er sei ein schlichter, bescheidener Mensch, der auf einer Insel ohne Verbindung zum Festland wohnt, er angle am Wochenende Kabeljau, er habe schon allerlei harte Zeiten durchgemacht, die Elisabeth-Serenade sei der Grund, warum er hier stehe, und er wolle vor allem der Anderen für alle Hilfe und Unterstützung in seinem Leben danken. Er wünscht sich kein anderes Leben, er kann sich kein anderes vorstellen. Er hofft, dass Inger Lise Rypdal nun weltberühmt wird. Ihr Mann ist das doch schon. Aber wenn er doch einen winzigkleinen Wunsch äußern darf, dann, dass Catherine Deneuve eines Tages Svart fortid singt, weil sie in Die Regenschirme von Cherbourg so wunderschön gesungen hat, und außerdem, weil sie die perfekte Frau ist, die sich mit zu vielen Hurenböcken eingelassen hat. Höchste Zeit, denen eins auszuwischen.
Und durch den großen Kongresssaal, in dem die vielen wichtigen Persönlichkeiten versammelt waren, würde eine Welle aus Schock und Begeisterung strömen, und die Kameras würden das einfangen, und überall in Europa, ja vielleicht auf der ganzen Welt, würde zustimmend genickt werden. Wer war dieser begabte Bursche aus Norwegen, der es wagte, so offen über Untreue zu sprechen? Vielleicht würden sich einzelne unangenehme Szenen abspielen, Frauen würden ihre Männer fragen: »Wo warst du denn eigentlich am Donnerstag?« Und Catherine Deneuve würde leicht bekleidet zu Hause in ihrem kleinen Schloss bei Paris sitzen und sich fragen, wer dieser seltsame Junge aus Norwegen eigentlich war, und wie er sein Gewicht so gut im Griff haben konnte, fadendünn, wie er war. Sie beugte sich vor und nahm den Hörer ab … Aber in diesem Moment gab Rune Larsen dem Lied einen Punkt, das absolute Minimum der Möglichkeiten. Er saß zu Hause im Fernsehzimmer auf Sandøya und begriff sofort, dass der Traum ein Traum bleiben würde.
Es half nichts, dass Magni Wentzel zehn Punkte gab und ihn für den Besten hielt. Der Kampf tobte zwischen Bjørnen sover und Sámiid Ædnan. Alle im Fernsehzimmer hatten jetzt ihre Entscheidung getroffen. »Kjelsberg und Hætta!« »Åge! Åge!« Er sagte nichts. Die Andere drückte ihm die Hand. Sie hatten schon oft so gesessen und zugesehen, wie ihre Gäste sich gehen ließen. Jetzt freute er sich über ihre stumme Gemeinschaft. Darüber, dass sie nichts zu sagen brauchten, während alle anderen redeten.
Die junge Lehrerin, die er eigentlich so gern hat, scheint zufrieden zu sein, als am Ende Sámiid Ædnan den Sieg davonträgt.
»Das beste Lied hat gewonnen«, verkündet sie energisch.
Er verspürt einen plötzlichen Zorn, nicht, weil sie nicht recht hätte, sondern, weil sie so unhöflich ist. Sie hat einen Hang dazu, sich selbst zu zitieren. Und das findet er unerträglich. Leute, die sagen: »Wie ich zu sagen pflege …« Als ob es größeres Gewicht verliehe, sich selbst zu zitieren. Und dennoch ist sie in seinem Leben unentbehrlich als eine seiner liebsten Freundinnen. Deshalb fühlt er sich ganz besonders im Stich gelassen.
»Und was ist mit meinem Beitrag?«, fragt er.
»Du hättest Nummer 6 werden sollen«, sagt sie ohne zu zögern.
»Wie dumm«, sagt er.
»Wieso?«
»Ich hatte auf Nummer fünf gehofft.«
»Nummer fünf? Warum das denn?« Sie starrt ihn überrascht an.
»Das ist eine alte Geschichte«, murmelt er. Aber sie hört nicht einmal zu. Er denkt an das Absurde daran, die Leistungen von Freunden in eine Rangliste zu setzen. Sollte er sie ebenfalls einstufen, als Freundin? Wäre sie dann Nummer sieben oder Nummer siebzehn?
Er merkt, dass die Kleinlichkeit der Freundin ihn noch kleinlicher macht.
Und dennoch hatte sie nur die Wahrheit gesagt. Welchen Vorwurf hätte ihr ihr machen können?
An diesem Abend geht er nicht zum Kotzen ins Gebüsch, als alle Gäste aufgebrochen sind und Ruhe sich über das Haus senkt.
Aus Gründen, die er nicht verstehen kann, möchte er den ganzen Dreck in sich behalten. Er denkt an Céline, den er soeben gelesen hat, Reise ans Ende der Nacht. Der Todesritt nach Bardamu. Er selbst war Menschen begegnet, die ihn fast mit in den Sog gezogen hatten, auf dem Weg in den Untergang, und Ole hatte darüber in Gamle Haiens Vise geschrieben. Ehe er Dostojewski gelesen hatte, hatte er nicht gewusst, dass auch Literatur das konnte: sich an ihm festkleben, ein Stück seiner Seele brandmarken. Célines menschliche Hölle ließ ihn nicht los. Der Roman setzte sich in seinen Gedanken fest. Er dachte an die Unschuld, die viele vor dem Ersten Weltkrieg besessen hatten. Ravel, zum Beispiel, hatte das Trio in a-Moll im Rekordtempo komponiert, um rechtzeitig an der Front zu sein, wo er dann monatelang einen Lastwagen fahren sollte. Stefan Zweig schrieb auch darüber, wie viele aus seiner Generation sich in einem fast euphorischen Rausch als Kriegsfreiwillige gemeldet hatten. Sie hatten keine Ahnung, welche Hölle dieser Krieg werden würde. In Célines Fall ist der Weltkrieg nur der Anfang eines Albtraums, den er mitnimmt in den afrikanischen Dschungel, in die Automobilindustrie der USA und wieder zurück in ein Paris, wo menschliche Armut und Hässlichkeit jeden Gedanken an Hoffnung überschatten. Beim Lesen hatte er an Menschen gedacht, die ihm begegnet waren, die entweder vor existenziellen Schwierigkeiten standen oder über jede Vorstellungskraft mit sich selbst beschäftigt waren. Diese Menschen umgab ein Magnetfeld. Sie zogen Menschen wie ihn an, konnten ein Abhängigkeitsverhältnis aufbauen, durch das er sich dazu verpflichtet fühlte, sie auf ihrer Reise zu begleiten, auch wenn die zur Hölle ging. Er war solchen Menschen begegnet, in der Verlagswelt, in den Zeitungsredaktionen und unter Musikern. Im Nachhinein dachte er, sie wollten ihn nach unten ziehen. Wie dann, wenn der Alkoholiker, mit dem er im Restaurant sitzt, unmittelbar vor Schluss vier Cognac bestellt und ihn anfleht, wenigstens einen davon zu trinken, um einen guten Eindruck zu machen.
11.
In einem Zug in Deutschland von Bochum nach Berlin am 9. September 2016. An diesem Abend soll er in der Norwegischen Botschaft Mein Weg zu Mozart vorstellen. Unterwegs denkt er, dass er damals vor der Zeit der Diagnosen gelebt hat. In seiner Welt gab es weiterhin nur dünne Menschen und dicke Menschen, und obwohl seine Mutter so allergisch war, dass sie in einem dunklen Zimmer liegen und sich durch einen Sommer nach dem anderen hindurchniesen musste, gab es keine Speisekarten, auf denen Allergene aufgeführt waren. Es gab kein Internet und keine Blogger, die die Gesellschaft mit Berichten über Essstörungen überschütteten. Später fragte er sich oft, ob die Unwissenheit ihn gerettet hat. Ob Wissen an sich, das jedenfalls wichtig war, ihn auf den Boden einer Tatsachenhölle hätte ziehen können, wo Darstellungen und Beweise der Ursachen ihm die Möglichkeit zu einem glücklichen Leben genommen hätten. Er hätte als Diagnose leben müssen. Ihm gegenüber im Speisewagen sitzt eine ungeschminkte, schöne und rothaarige Deutsche mit Sommersprossen, liest ein Buch und trinkt dabei Cappuccino. Sie nahm dort Platz, zwei Minuten ehe das von ihm bestellte Hauptgericht gebracht wurde. Gesottenes Rindfleisch in Meerrettichsoße mit Salzkartoffeln. Seine ewige Sehnsucht nach Gerüchen und dem Geschmack seiner Kindheit. Spätburgunder vom Königschaffhauser Vulkanfelsen in Baden. Solche Dinge gibt es noch in deutschen Speisewagen. Aber es war ja keine Selbstverständlichkeit, dass er hier saß, nun wieder mit Speck um den Bauch, und dass er sich an einem Tisch für zwei Personen in diesem Wohlbefinden suhlte. Als er ungefähr die Hälfte verzehrt hat, trifft er die Kartoffel mit der Gabel auf eine Weise, dass die über den Tisch springt und auf der Papierserviette der Tischnachbarin landet. Blitzschnell packt er die Kartoffel, holt sie zurück auf seinen Teller, wischt sie mit der Papierserviette ab und bittet um Entschuldigung. Eine waschechte Peter-Sellers-Szene. Die Frau schaut von ihrem Buch auf und lächelt ihn an. Das macht ihr nichts aus. Aber für ihn sind Mahlzeit und Arbeitstag ruiniert. Obwohl er fünfzehn Minuten später wieder den Laptop auspackt, ist er nun eine leicht übergewichtige Person, die gegessen und herumgesaut hat und Wein trinkt, obwohl es noch nicht einmal zwei Uhr nachmittags ist. Aber das, denkt er, hat er doch auch getan, als er jung war. Einfach zugegriffen.
Damals wusste er nur nicht, wie nah er der Katastrophe war.
Einige Monate zuvor: Mehrere hundert Studenten stürmen die US-Botschaft in Teheran und nehmen siebzig Geiseln. Noch ehe Abolhassan Bani-Sadr zum ersten Präsidenten der Islamischen Republik Iran gewählt wird, fordern sie die Einführung der Scharia im Land. Sie haben bereits Ayatollah Ruhollah Khomeini als religiöses Oberhaupt. Schah Reza Pahlevis Premierminister Schapur Bachtiar ist zurückgetreten, und Mehdi Bazargan hat eine Regierung gebildet, in einer chaotischen Zeit, in der der revolutionäre Richter Chalchali die sofortige Hinrichtung von prominenten Befehlshabern der alten Sicherheitspolizei des Schahs sowie die von Generälen und Politikern anordnet, bis hinauf zum ehemaligen Premierminister Amir Abbas Hoveida. Es gibt Widerstand gegen Khomeini. Porträts des neuen Oberhauptes werden verbrannt, und Frauen gehen zu Tausenden auf die Straße, um gegen die islamische Gesetzgebung zu protestieren, die ihre Freiheit einschränken wird. Aber es ist ein hoffnungsloser Kampf. Khomeinis islamischer Staat ist zur Tatsache geworden, und nun verlangen junge Muslime, den krebskranken und sterbenden ehemaligen Schah von Persien, König Olavs engen Freund, auszuliefern, damit er verurteilt und hingerichtet werden kann, ehe er irgendwo im Westen eines natürlichen Todes stirbt. Da sich der Schah in den USA aufhält, ist die US-Botschaft ihr Ziel. Nach einigen Wochen werden neunzehn Geiseln freigelassen. Die anderen bleiben in Gefangenschaft. Alle sind Staatsangehörige der USA.
Fünf Monate später, am 25. April 1980, starten acht amerikanische Sikorsky-Hubschrauber vom Flugzeugträger Nimitz, der am Rand des Persischen Golfes liegt, während zugleich sechs Hercules-Flugzeuge auf die im Süden der Provinz Tabas zwischen zwei Wüstengebieten gelegene Stadt Chorasan zuhalten. Präsident Jimmy Carter hat ein starkes Bedürfnis, einige Monate vor den Präsidentschaftswahlen in den USA außenpolitische Stärke zu zeigen. Inspiriert von dem erfolgreichen israelischen Einsatz im Flughafen von Entebbe in Uganda setzt er neunzig Kommandosoldaten ein, die im Nachhinein wie von James-Bond-Filmen inspiriert wirken. Könnte es möglich sein, dass diese Hercules-Flugzeuge unbemerkt in Wüstengebiet landen, um auf die acht Hubschrauber zu warten, die auftanken müssen, ehe sie sich auf den Weg nach Teheran machen? Dem Plan nach sollten die Hubschrauber an einem sicheren Ort in der Hauptstadt landen, von dem aus sich die Kommandosoldaten zu Fuß zur Botschaft begeben würden. Im Gepäck hatten sie Gift, um die Besetzer zu betäuben, sodass die Geiseln befreit werden könnten.
Aber drei Hubschrauber haben mit technischen Problemen zu kämpfen. Die Aktion wird in letzter Sekunde abgesagt, und in der Panik, die beim Rückzug aufkommt, kollidiert ein Hubschrauber mit einem Hercules-Flugzeug. Acht Besatzungsmitglieder kommen ums Leben, vier tragen schwere Verletzungen davon. Den Amerikanern bleibt nicht einmal Zeit genug, die Leichen mitzunehmen, die wie das zerstörte Flugzeug und der Hubschrauber auf der Rollbahn zurückgelassen werden.
Am nächsten Morgen muss Präsident Carter die Welt über den misslungenen Einsatz informieren. Er betont, dass es kein Angriff auf den Iran oder die iranische Bevölkerung war, sondern eine Mission von »humanitärem Charakter«. Während die Iraner zu Tausenden zur US-Botschaft in Teheran strömen, um das zu feiern, was ihnen als Sieg erscheint, verurteilt Breschnew die Aktion und bezeichnet den Plan als »an der Grenze zum Wahnsinn«. In der BRD herrscht große Irritation über die Eigenmächtigkeit der USA, während vor allem Großbritannien und Norwegen Verständnis für das Bedürfnis der USA zeigen, »Ordnung zu schaffen«.
Roland Barthes geht in Paris hinaus auf die Straße und wird von einem Lieferwagen überfahren. So einfach kann es also sein. Ein Mann, der sein Leben lang nach einem System für das Denken gesucht hat, nach Regeln für das Schreiben und nicht zuletzt für die Literaturkritik. Sein Leben sollte also als Folge eines Verstoßes gegen die Verkehrsregeln enden. Wer trug die Schuld? Barthes oder der Fahrer des Lieferwagens? Er sitzt zu Hause auf Sandøya im Esszimmer und liest die Zeitungsnotiz über den Tod des französischen Literaturkritikers nach einem Monat im Krankenhaus. Er wusste nicht viel über Barthes, außer dem, was er in Zeitungartikeln und Zeitschriften aufgeschnappt hatte, die er bisher nur mit starkem Unwillen lesen konnte, vielleicht, weil diese systemverhaftete Art des Denkens ihn immer müde, unsicher und übellaunig machte. Das war begründet in der Sprache selbst, in den Begriffen, den Wörtern, die gewählt wurden. Der akademische Imperativ. Die scheinbare Selbstsicherheit dieser Art von Menschen, die so oft im Gegensatz stand zu der konstanten Unsicherheit der schöpferischen Menschen. Mozarts Lebenslauf hatte ihn beeindruckt. Wie hatte der von der Hand in den Mund gelebt! Wie sehr war der Gedanke ans Überleben immer dabei gewesen, wenn er etwas geschaffen hatte. Aber Barthes? Hatte der überhaupt finanzielle Probleme gehabt? Ja, er kam aus armen Verhältnissen, musste er zugeben, nachdem er sich kundig gemacht hatte. Dennoch erlangte er hohe Positionen an der Universität. An den Ausbildungsstätten. Es war so unwirklich für ihn gewesen, zu sehen, dass so viele der Musiker, die er kannte, plötzlich unterwegs zu Professuren an Musikhochschulen waren. Eigene große Büros mit den besten Instrumenten erhielten. Ging es den Literaturwissenschaftlern nicht ebenso gut? Hatten die jemals finanzielle Sorgen? Oft dachte er, dass er vielleicht einen Komplex habe, weil er nur die Hauptschule beendet hatte. Dennoch wusste er, dass Barthes der Theoretiker war, der Philosoph, der zur Entwicklung der Semiologie beigetragen hatte, zu einer Art Erkenntnis, dass auch das Visuelle, ein Bild zum Beispiel, eine Form von Sprache war. Diese Vorstellung gefiel ihm. Er dachte an Leonard Rickhard, dem er inzwischen eine so große Bewunderung entgegenbrachte, dass er fast Versagensangst verspürte, wenn sie sich privat trafen. Und das geschah oft. Er hatte gesehen, wie Leo eins von seinen Bildern anstarrte, das jetzt zu Hause auf Sandøya im Wohnzimmer hing. Er hatte begriffen, dass der Maler viel lieber, als mit guten Freunden beim Essen zu sitzen, aufspringen wollte, die Pinsel hervorziehen und an dem Bild weitermalen! Niemals fertig! Eine dermaßen unendliche Selbstkritik überfiel ihn, dass er nach solchen Begegnungen nachts oft wach lag und seine eigenen Methoden hinterfragte. Und dort kam vielleicht Barthes ins Spiel, ganz unbewusst. Barthes, der den Eigenwert des Textes vertreten hatte, skeptisch gegenüber der Art Literaturkritik, der es niemals gelang, Autor und Werk zu unterscheiden, die den Text politisch, biografisch, ethnisch und psychologisch verortete. Das Wenige, was er über Barthes gelesen hatte im Essay La mort de l’auteur war ihm eine Vorwarnung für eine akademische Texthörigkeit, die nach und nach auch auf die Autoren übergreifen würde. Große Romane würden verfasst werden, in denen die Hauptperson der Text selbst wäre, eine Huldigung an die Schrift, die Sprache, die den Nährboden schuf für eine ganz neue Ära intellektueller Literatur, die ihm zugleich neue Leser bescherte. Für ihn persönlich war es in dieser Lebensphase faszinierend zu sehen, wie unbescheiden diese akademischen Denker waren, wenn es um sie selbst ging. Der Autor reduziert zu einem notwendigen Zwischenglied. Die Analyse an sich breitete ihre Schwingen aus wie ein Adler, ein Raubvogel. Und er versuchte nicht selten, sich den hart arbeitenden Mozart in einer solchen Landschaft aus Vernunft und Argumentation vorzustellen, der vermutlich in Gelächter ausgebrochen wäre und die Edlen daran erinnert hätte, dass er nicht nur Musiker war, sondern auch Mussikant, dass die Kunst, gesehen aus seiner bescheidenen Perspektive, immer in Bezug zu einem Menschen stand, zu dessen Visionen, dessen Leidenschaften, dessen finanzieller Situation, dessen Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit. Der Tod des Autors. Als liege im Titel dieses Essays eine Sehnsucht, als sei der Autor für das akademische Denken nur ein notwendiges Übel, als werde die Zeit des Romans bald ein Ende nehmen, als würden von nun an Essay und Literaturkritik übernehmen. Jacques Derridas Dekonstruktionen. Barthes’ Rahmendenken und Definitionshysterie, die in den kommenden Jahren das Studium an den Universitäten prägen sollten.
Dort, vor seiner Kaffeetasse im Esszimmer auf Sandøya, dachte er an die Ironie, dass nicht einmal Barthes darauf verzichtet hatte, eine Autobiografie zu schreiben. Er, der nicht hatte wissen wollen, was ein Autor »uns wirklich sagen will«, fragt sich selbst als Text aus. Und zugleich: Alles Persönliche, das dabei zur Sprache kam, dass sein Vater bereits im Ersten Weltkrieg verstorben war, dass Barthes selbst gesagt hatte, er habe keinen Vater gehabt, den er töten könnte, keine Familie, die er hassen könnte, kein Milieu, mit dem er sich überworfen hatte, die großen ödipalen Frustrationen. Ja, dachte er da draußen auf der Insel, Barthes wurde als Mensch und Privatperson sichtbarer als viele weltberühmte Autoren. Bald wussten alle Literatur Studierenden auf der ganzen Welt, dass er homosexuell gewesen war, dass er bis 1977, drei Jahre vor seinem Tod, mit seiner Mutter zusammengelebt hatte. Dass er versucht hatte, protestantische Moral mit Sündhaftigkeit zu verbinden. Dass er tunesische Bordelle und Pariser Schwulenbars frequentiert hatte. Dass er etwas Scheinheiliges an sich gehabt hatte, während er zugleich anderen gegenüber so freundlich und rücksichtsvoll war, dass er Vorworte zu Büchern schrieb, die er nicht einmal gelesen hatte.
Er, der da vor seiner Kaffeetasse auf Sandøya sitzt, erkennt sich darin wieder. Anderen gefällig sein. Weil in ihm eine tiefe Unsicherheit steckte? Auch Barthes hatte Musik geliebt. Er hatte offenbar auch eine schöne Singstimme besessen.
Ein Lieferwagen, der in hohem Tempo durch Paris fuhr, hatte allem ein Ende gesetzt. Oder war Barthes einfach in einem Moment der Unaufmerksamkeit bei Rot über die Straße gegangen?
Barthes begleitet ihn nun. Wie dann, wenn er an Leo denkt. Der Imperativ der Konzentration. Einen Gedanken festhalten. Der Roman gibt dem Autor so viele Möglichkeiten. Eine Rahmenerzählung vermittelt zum Beispiel den Eindruck von Kontrolle. Dass der Autor seine eigene Idee im Griff hat. Dass die Autorin gesehen und verstanden hat. Der Text ist konstruiert und am Rand angebracht und arrangiert wie eine Erfahrung, wie etwas Durchdachtes. Der Autor stochert nicht mehr im Blinden. Er hat sich nicht in seine eigene Geschichte gestürzt, ohne zu wissen, wie das Ende aussehen soll. Er sagt nicht: »Diese Geschichte ist im Traum zu mir gekommen.« Die Rahmenerzählung ist das Bedürfnis des belletristischen Autors, sich aus dem eigentlichen Text zu erheben, vielleicht auch in einer Hoffnung, die Schwächen des Textes verbergen, ihn stärker machen zu können, einfach durch diesen schlichten Handgriff. Ja, so ein Prosaautor wird zu jeder Zeit Barthes, Derrida, Bourdieu oder Adorno in einen Text einbringen können in der Hoffnung, den Text damit interessanter zu machen. Die Rahmenerzählung ist Filmtrick und literarische Methode zugleich. Das Beste für diese Erzählung, Die Welt, die meine war, wäre es gewesen, wenn der Autor mit einer unklaren Krebsdiagnose in einer Rehaklinik läge oder nach einer aufreibenden Scheidung in einem Hotel in Asien oder Lateinamerika säße. Wenn er zu seiner eigenen Geschichte zurückfinden müsste, sich rückwärts kämpfen, Wort für Wort, den Leser und die Leserin daran erinnern, dass Leben und Erkenntnis Mühsal bedeuten. Freude, Enttäuschung und Erfahrung. Stattdessen benutzte er seine Mutter. Ihren Tod im Jahre 2010. Ihren Blick. Ihr Lächeln. Obwohl sie eiskalt war, wie sie da in der Kapelle des Pflegeheims Uranienborg lag, an jenem Apriltag. Aber das hier war der Anfang der sechziger Jahre. Wie kann er diese Erfahrung in der Schreibsituation für die achtziger Jahre verwenden, wo er im Roman eigentlich in einem Zug nach Stockholm sitzt und zum zweiten Mal innerhalb von kurzer Zeit die große Sängerin Lill Lindfors treffen wird? Er muss zurück zu Lügen, Unwissenheit und Erwartung. Er kann nicht auf Adorno verweisen, als er Arvika passiert. Er braucht nicht sterbenskrank in einem Hospital zu liegen, um seine Aufbruchsstimmung in diesem Frühjahr zu beschreiben. Jetzt nicht Barthes, Derrida und Bourdieu. Er ist neugierig auf alles und so sicher, dass er die Kontrolle hat. Barthes gibt es nicht, nicht in diesem Stadium des Lebens. Glücklicherweise. Der Zeigefinger der rechten Hand ist sein allerbester Freund. Geradewegs in den Hals, und das Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Es ist sicher so, wie Kokain zu sniffen oder viel zu trinken, ohne verkatert zu werden. Ja, sogar der Alkohol wird zum Freund, wenn man sich danach erbrechen kann.
12.
Zum ersten Treffen mit Lill war er mit dem Flugzeug gekommen. Diesmal muss er die Bahn nehmen. In Schweden wird heftig gestreikt. Alle Flüge sind gestrichen. In Radio und Fernsehen gibt es immer neue Nachrichten. Die Leute hamstern wie verrückt. Die Gewerkschaften hatten genug, als Ministerpräsident Fälldin dieselbe Art von Lohn- und Preisstopp einführen wollte wie in Norwegen. Der Streik ist so umfassend, dass es den von 1909 übertrifft. Er sitzt im Zug und denkt, dass die Schallplattenaufnahmen vielleicht auch abgesagt werden. Dass auch die Musikergewerkschaft den Streik ausruft. Diese Vorstellung ist eher beruhigend. Für einen Moment hofft er, dass es so weit kommen wird, denn Herausforderungen hat er noch nie gemocht. Er ist wie der Hund im Zirkus, der zum tausendsten Mal durch den Reifen springen soll. Er weiß nur zu genau, was er zu tun hat. Dennoch zögert er. Und er hat noch immer nicht begriffen, wozu das gut sein soll. Natürlich begreift der Bjørnstad-Junge, wozu diese Schallplattenaufnahme gut sein soll. Es ist zudem eine große Ehre. Aber muss er das wirklich tun? Den Erwartungen entsprechen? Beim vorigen Mal war er nervös, angespannt und außer Kontrolle geraten. Norweger rechnen nie damit, von Schweden ernstgenommen zu werden. Für die Schweden sind und bleiben sie Stallwichtel, eine unterhaltsame Zutat, eine jämmerliche Nation, die damals, 1905, in vollem Ernst aus der Union ausbrechen wollte. Es reichte nicht, einen eigenen Außenminister zu haben. Sie wollten alles. Deshalb wurden sie zu einem anstrengenden Nachbarn, der ein wenig zu sehr herumquengelte, zu einem Irritationsmoment, wie eine Mücke im Zimmer, eine Nation, die nun anfing, sich mit ihrem Öl großzutun. Niemand wusste besser als die Schweden, dass der Krieg damals zum Greifen nahe gewesen war. Die verrückten norwegischen Generäle, die tief in den Wäldern jenseits der Grenze standen mit ihren Säbeln, Schnurrbärten und Gewehren. Und irgendwann mussten sie es begriffen haben, die Norweger, dass sie ein anstrengender Nachbar waren. Als die Schweden es nicht über sich brachten, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten, lagen die Norweger in Dickicht und Unterholz und suchten nach Zündhütchen. Aber dort, im Zug, fragte er sich zum ersten Mal, ob dieses etwas plumpe Selbstvertrauen, das den Norwegern immer angehaftet hatte, daran schuld war, dass sie sich niemals mit schwedischen Augen sehen konnten. Sie konnten nicht sehen, wie die Schweden sie zum Besten hielten. Das Lächeln, das die Schweden zu verbergen versuchten, wenn sie auf den schwedischen Campingplätzen in Värmland oder Bohuslän Norweger sahen. Wie jämmerlich diese Exemplare aus diesem unbeholfenen Nachbarland wirkten, wenn sie durch die Straßen von Stockholm gingen und die monumentalen Prachtbauten anglotzten. Norweger wussten nicht, dass der schwedische Adel, in vollem Ernst, noch immer darüber diskutierte, wer wirklich im Jahre 1792 hinter dem Mord an Gustav III. gestanden hatte. Sie wussten nicht, wie lächerlich die Schweden ihre Anwesenheit fanden, wenn sie in Restaurants wie Riche oder Operakällaren saßen. Sie merkten nicht, wie gut sie zu hören waren mit ihren lauten, kläffenden Stimmen. Wie Norweger nach dem Essen die Rechnung anstarren und staunen konnten, weil der Krabbencocktail wirklich so teuer war. Deshalb wusste er, dass es vielen Freunden von Lill Lindfors unbegreiflich vorkommen musste, dass sie jetzt mit einem jungen und komplett unbekannten Liederschreiber aus Norwegen liebäugelte. Ihr allein gehörte doch der Norden! Sie war die Einzige. Er wagte nicht einmal, daran zu denken, wie viele sexuelle Träume ihr von den Zuschauern übergestülpt worden waren, aus den Zimmern der Knaben und vielleicht sogar aus den Zimmern der Mädchen. Alle liebten sie doch, diese Finnlandschwedin mit der herrlichen tiefen Stimme, der perfekten Betonung und Phrasierung. Sie war nicht wie die sonstigen Glanzbilder von Sängerinnen. Sie stellte sich der Presse gegenüber nicht als unschuldiges Opfer dar. Keine hoffnungslosen Verliebtheiten oder Geständnisse. Keine Offenbarungen oder Selbstkritik, die die Schlagzeilen aktivierte. Alle wussten, dass sie geschieden war, dass sie eine Tochter hatte und nun mit Brasse Brännström zusammenlebte, dem Komiker und Schauspieler, den ganz Schweden liebte. Um diese Zeit hatte sie zudem bereits mit ihren feministischen Programmen begonnen, bei denen Mördartango der unbestrittene Favorit war. Sie ging immer in die entgegengesetzte Richtung von der erwarteten. Aber sie verspottete niemanden.
Was wollte sie von ihm, hatte er sich gefragt. Draußen auf Hauketangen war Hans Petter auf dem Steg zurückgezuckt, als er erzählt hatte, wohin er unterwegs war. »Lill Lindfors?« Ja, verdammt. Hans Petter starrte ihn mit vielsagendem Blick an. Den Film, der jetzt im Kopf des Freundes ablief, wollte er nicht sehen. »Wir machen nur eine LP«, sagte er lachend. »Ach, LP nennt man das heute«, sagte Hans Petter und verdrehte die Augen. »Du musst mir glauben«, flehte der Bjørnstad-Junge.
Beim ersten Mal war alles so hart und fremd gewesen. Ich war schon einmal auf Arlanda gelandet, zusammen mit der Anderen. Aber damals war die Adresse Lord Nelson in Gamla Stan gewesen. Diesmal war es Hotel Diplomat im Strandväg. Vater hatte dieses Hotel oft erwähnt. Eine seiner großen Reisen nach Stockholm, vor vielen Jahren. Eine der Reisen ohne Mutter, die das Verreisen hasste. Vater errötete immer, wenn er von diesem Aufenthalt sprach. Und Mutter bekam schlechte Laune. »Was hattest du denn in Stockholm zu suchen?«, fragte sie dann. Und Vater verzog die Mundwinkel zu diesem bitteren Strich, der ihm so wenig stand. »Es ging um die Fachpresse, Alfhild! Das weißt du genau!« – »Aber du musstest sofort ins Bett, als du nach Hause gekommen bist.« – »Alfhild!«
Ich fühlte mich schuldig, als ich in diesem traditionsreichen Hotel in dem schönen Jugendstilgebäude eincheckte. Als wäre es ein Verrat an der, mit der ich zusammenlebte, dass ich es ohne sie tat. Zugleich, sagte ich mir, war es doch mein Beruf. Das, wovon wir leben mussten, alle beide.
Glaubte irgendwer, ich hätte eine Affäre mit Lill? Hatte Hans Petter deshalb die Augen verdreht? Niemand von uns wollte sich doch im Glanz bekannter Menschen sonnen. Ich am allerwenigsten. Die Andere verließ sich blind auf mich. »Gute Fahrt« hatte sie gesagt und mich umarmt. »Arbeite dich nicht kaputt. Versuch, dich auch ein bisschen zu amüsieren.«
Das leere Hotelzimmer. Es gelang mir nicht, dieses Zimmer zu füllen. War ich hier nicht in der Nähe des Hauses, in dem Wallenberg gewohnt hatte? War ich nicht umgeben von Grafen, Lords und Baronen? Ach, ich kam mir ja so durch und durch norwegisch vor. Lennart Hyland zeigte ein nachsichtiges Lächeln, wenn er Norweger interviewte. Man glaubte immer, dass er in einem unpassenden Augenblick lachen würde. Dieses verdammte schwedische Feixen. Das in Lills Brief nicht zu finden gewesen war. Ich weiß noch, wie ich den Umschlag aufgeschlitzt hatte. Es war, wie einen Brief von dem Playmate des Monats zu öffnen. Sophia Loren oder Simone de Beauvoir. Oder, warum nicht, von der Finnlandschwedin Edith Södergran, obwohl sie tot war. Lill war ja auch Finnlandschwedin. Hatte dieses Direkte und Ungekünstelte. Wenn sie auf der Bühne flirtete, lag immer Humor in ihrem Blick. Das Schlimmste waren doch die, die ohne Humor flirteten. Dass sie sich wirklich für attraktiv hielten. Dass sie glaubten, die Männer sabberten nach ihnen. Ich las den Brief und mir war klar, dass sie von mir vor allem Texte wollte, dass sie mich ganz bewusst als Karrieredowner ausgesucht hatte, um sich den Erwartungen an noch mehr Sinnlichkeit zu entziehen. Natürlich. Wie damals, als Bowie nach Berlin gereist war. Um etwas anderes zu machen. Einen Norweger zu bitten, eine ganze LP zu schreiben, wenn man die sexyste und beliebteste Künstlerin im ganzen Norden war, hätte ausgereicht, um sie in eine Irrenanstalt zu sperren. Und dann gab es ja auch noch diesen Aller, der sich um ihre Geschäfte kümmerte. Ich wusste nicht, was er eigentlich dachte. Ich wusste nur, dass ihm unmöglich zusagen konnte, was jetzt passierte. Dass ein Mann aus dem Hurzel-Purzel-Land herkommen und sich als Liederschreiber aufspielen sollte.
Beim ersten Mal war ich mit dem Taxi hinaus nach Täby gefahren. Obwohl das Haus im Svängveg nicht elegant im Hollywoodsinn war, mit Disney-Lösungen, Türmen und Fledermäusen in allen Ecken, hatte es Stil. Hier wohnte sie also, zusammen mit ihrem verführerischen Brasse, der, ebenso wie sie, alle hätte haben können, wenn er gewollt hätte. Sie waren noch immer jung. Lill war 39. Reif, aber nicht so reif, dass sie vom Ast gefallen wäre. Im Gegenteil, ihre Erfahrung schenkte ihr neue Vitalität. Dass sie sich traute. Dass sie den Lippenstift vergaß. Dass sie den Menschen in die Augen schaute.
Sie öffnete die Tür, barfuß, als Geste der Erinnerung an unsere letzte Begegnung, als sie im Talent Studio in Oslo die Sandalen abgestreift und die Oda-Lieder aus Leve Patagonia aufgenommen hatte. Die braunen Locken fielen ihr auf die Schultern. In diesem Moment war sie atemberaubend schön. Wir umarmten einander, verlegen, als hätten sie oder ich bereits zu viel gesagt. Aber wir hatten noch gar nichts gesagt.
»Komm rein«, sagte sie.
»Danke«, sagte ich.
»Stimmt was nicht?«
»Ich war einer Ikone noch nie so nahe.«
Sie schnaubte. »Für solchen Blödsinn haben wir keine Zeit, Ketil. Außerdem warst du genauso nah, als wir Leve Patagonia aufgenommen haben.«
»Ja, aber da habe ich nicht einmal gewagt, daran zu denken, was du für eine große Künstlerin bist. Jetzt versuche ich nur, dir zu erzählen, dass ich Versagensangst habe.«
Sie streichelte rasch meine Wange.
Ich war zum Mittagessen eingeladen. Später würden wir die Melodien und Texte durchgehen, die ich bisher geschrieben hatte.
Ein großes schwarzes Kaninchen lief frei im Haus herum. Ab und zu redete sie mit ihm wie mit einem Menschen. Lill war ein Mensch, wie ich selbst so gern einer gewesen wäre. Eine, die in sich ruhte, die nicht herumquengelte, um zu verstehen oder verstanden zu werden, die von ihrer Karriere offenbar nicht zerstört worden war, von dem Ruhm, den ihr die gewaltigen Verkaufserfolge und die Revuen mit den größten Komikern und Bühnenpersönlichkeiten Schwedens gebracht hatten. Sie strahlte eine Ruhe aus, die ich selbst niemals besessen hatte. Sie suchte nicht nach Kontrolle, denn sie hatte sie, war vorbereitet auf das, was kommen würde, selbst wenn sie nicht wusste, was es war. Ich dachte daran, dass sie eine Scheidung hinter sich hatte, dass sie ein Kind hatte. Aber sie hatte keine Angst vor ihrer eigenen Vergangenheit, konnte offen darüber sprechen, vor allem, als die Rede auf die Lieder kam, die ich schreiben wollte.
Als ich mit der Bahn durch das vom Streik getroffene Värmland fahre, wird diese Begegnung, die einige Wochen zurückliegt, für mich lebendig. Der Frühling ohne Jean-Paul Sartre, ohne Alfred Hitchcock. Erich Fromm war ebenfalls gestorben. Mutter hatte eine besondere Beziehung zu Die Kunst des Liebens gehabt. Was hatte sie daran so stark berührt? Zu Hause hatte immer Vater die Rolle des Intellektuellen gespielt, aber es war Mutter, die Beauvoir und Friedan ins Haus brachte. Und Jung und Fromm. Mit Sartre konnte sie dagegen nichts anfangen. »Dieser versoffene Chauvi und Hurenbock«, sagte sie nur. Bei Lill zu Hause im Wohnzimmer standen die Bücher von allen. Sie hatte auch Bücher mit Widmung von einigen der bedeutendsten Autoren Schwedens. Von mir wollte sie Texte, die von etwas handelten, so wie Leve Patagonia von Bohème, Liebe und Utopien gehandelt hatte. Aber nach all diesen Jahren mit Ole wusste ich, dass Liedertexte das Schwierigste waren, schwieriger als Gedichte, schwieriger als Romane. Ein Liedtext bestand immer aus Strophe und Refrain. Ich dachte an Ole, der seine Lieder immer schnell schrieb, der sie auf Servietten kritzelte, in Flughäfen, Hotelzimmern, Zügen, in Garderoben. Ich selbst zögerte, saß allein in dem Zimmer, das mir die Schule ganz hinten im Internat zugewiesen hatte, hörte die Geräusche der Schüler, die in ihren Zimmern saßen und miteinander redeten. Die Geräusche eines Kassettenrekorders, ein plötzliches lautes Lachen. Was war es doch für ein Glücksspiel, Popstücke schreiben zu sollen, wenn man damit Geld verdienen musste. Ich wusste, dass Lill nicht an Geld dachte. Dann hätte sie sich nicht an mich gewandt. Aber die LP würde von Anders Burman produziert werden, damals einer der angesehensten und wichtigsten Produzenten Nordeuropas. Die Vorstellung machte mir Angst, Burman zu treffen, der mit Cornelis Vreeswijk, Fred Åkerström, Lill Lindfors, Alice Babs, Agnetha Fältskog, Bernt Staf und Pugh Rogefeldt im Studio gewesen war, obwohl ich mich auch gewaltig darauf freute, meine Lieder in dem früheren Metronome-Studio aufzunehmen, in dem auch der ABBA-Techniker Michael B. Tretow gearbeitet hatte. Ich würde für ein Streichorchester schreiben, und Marie Bergman war als Chorsängerin angeheuert worden. Das waren für mich wahnsinnig starke Namen. Ola Brunkert. Er war der feste Schlagzeuger von ABBA, hatte an all ihren Schallplatten mitgewirkt und war soeben von der dritten großen Welttournee zurückgekehrt. Auf welchen Bühnen hatte er nicht gestanden? Arenen, Fußballstadien, Madison Square Garden. Jetzt würde er eine Woche im Studio verbringen, zusammen mit vier Musikern, Lill Lindfors und einem vollkommen unbekannten Norweger, der noch dazu alle Lieder geschrieben hatte. Also nicht Mamma Mia und Dancing Queen, sondern Finnes du noensteds i kveld und Canto Libre. Jetzt bloß nicht zum lächerlichen Norweger werden. Nicht zum Stallwichtel. Nicht zu glauben, dass ich diese Produktion machen kann, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass die Künstlerin sonst Tausende von Platten verkauft, dass Metronome, die soeben von Warner aufgekauft worden waren, erwarteten, dass ihre fixe Idee mit diesem Norweger die Kassen zum Klingeln bringen würde. Hoch oben in Hallingdal hatte soeben der Frühling begonnen. An den Hängen lagen Schneereste, das gefrorene Laub des Vorjahres bedeckte den Boden und taute nun langsam auf. Der Staub der winterlichen Spikesreifen auf dem Asphalt. Hier hätte ich auch wohnen können. Ich hätte mich nicht versteckt, sondern mich gefunden, mich nicht von den Erwartungen anderer ablenken lassen. Es waren so wenige Akkorde nötig für einen Hit, der um die ganze Welt ging. F-Dur, G-Dur, C-Dur. Vielleicht ein a-Moll zur Abwechslung. ABBA hatten das immer wieder geschafft. Warum ging Lill nicht zu Benny Andersson und Björn Ulvaeus? Hitproduktion war für Fortgeschrittene, für Aktienmakler und Zyniker. Aber nun stand ich bei Lill in der Küche und starrte sie an, während sie in ihrem lila Baumwollrock und der weißen Bluse Eier mit Speck für uns briet, sich Zeit ließ, den krossen Speck auf Küchenpapier legte, damit das Fett abfließen könnte, während die Frühlingssonne vor den riesigen Küchenfenstern schien und ich dachte, sie nähere sich vielleicht der Midlifecrisis, bei der alle aus ihrem Leben ausbrechen und sich für etwas ganz anderes entscheiden können, etwas absolut Falsches. Ich durfte nicht zum Symbol für diesen Fehlgriff werden, dachte ich, ohne zu wissen, dass ich so dachte wie zweifellos der Sportpsychologe Willi Railo, als er sein Buch Besser sein wenn’s zählt schrieb, das später in den achtziger Jahren erscheinen sollte. Aber noch hatten die Selbsthilfebücher die Gesellschaft nicht mit amerikanischen Slogans überschwemmt. Ich hatte keine andere Methode, um Konzentration und Selbstkontrolle zu erlangen, als Vaters alten Rat, tief und lange in den Bauch zu atmen. Das hatte ich schon seit vielen Jahren gemacht, vor allem, als ich auf dem Podium gesessen hatte vor komplizierten klassischen Klavierstücken. Dann atmete und atmete ich bis zur Lächerlichkeit, und das Publikum fragte sich schließlich, was denn mit mir los sei.
Nach dem Mittagessen, nachdem ich auf der Toilette gewesen war und den Finger in den Hals gesteckt hatte, setzten wir uns hin und sprachen darüber, was auf der Welt geschah. Alles, was sie in diese Lieder einbringen wollte, die Erfahrungen, die sie in Lateinamerika gemacht hatte. Aber wie sollte ich denn Lieder über ihre Erfahrungen schreiben können?
»Du kannst über die Chilenen schreiben, die hergekommen sind in den siebziger Jahren, vor allem nach Schweden. Waren die nicht auch in Norwegen?«
»Nicht so viele wie bei euch.«
»Viele von denen sind enorm stark. Wir merken, dass sie hier sind. Auf positive Weise. Sie wollen zurück in ihr Land und es wieder aufbauen, wenn diese Hölle von Diktatur ein Ende genommen hat.«
Ja, dachte ich, ich könnte über Canto Libre schreiben, das freie Lied. Das mit den Menschen weiterwanderte. Außerdem kam der Saxophonist und Flötenspieler Hector Bingert aus Lateinamerika. Für Lill war er vielleicht der wichtigste Musiker in dieser Band.
An diesem Nachmittag merkte ich, wie dringend Lill etwas über Politik sagen wollte, sich an der gesellschaftlichen Diskussion beteiligen, sich von der unverbindlichen Leere der Popstücke distanzieren.
»Denk doch nur, Mugabe ist an die Macht gekommen. Was denkt jetzt wohl eine Frau wie Doris Lessing?«
»Ja«, ich nickte. Das The Children of Violence-Quintett. Lessings großes Werk, das Mutter und dann auch mich so beschäftigt hatte. Lessings Erfahrungen. Im weißen Rhodesien aufzuwachsen. Jetzt hieß das Land plötzlich Zimbabwe. All die Erwartungen, die sich mit Robert Mugabe verbanden. Und gleichzeitig: die großen Krisen in der Welt, gerade jetzt. Josip Broz Titos Tod, der den gesamten Balkan den Atem anhalten ließ. Die misslungene Aktion der USA in der Wüste bei Teheran.
»Aber daraus kann ich keine Lieder machen«, sagte ich.
»Natürlich nicht«, sagte sie.
»Aber ich kann über die Zeitungsbotin schreiben, die mir jeden Morgen auf dem Frogner plass begegnet ist, Ende der sechziger Jahre. Sie hatte eine andere Tour und war oft früher da als ich, um ihre Zeitungen zu holen. Aber manchmal bin ich ihr begegnet. Und habe in ihre alternden Augen gestarrt.«
»Ja, schreib darüber.«
»Und alle Nachrichten, die sie den Menschen im Viertel gebracht hatte. Das ganze Grauen. Die Verzweiflung. Was ist jetzt mit dem Flüchtlingsstrom aus Kuba? Den über zehntausend Menschen, die sich in der peruanischen Botschaft in Havanna aufhalten? Castro, der viele von ihnen ausreisen lässt?«
»Aber darüber steht doch immer weniger in den Zeitungen!«
»Da steht etwas über den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau.«
»Ja, was meinst du dazu?«
»Ich finde, es ist seltsam, dass Norwegen, das immer für die USA mit dem Schwanz wedelt und das sogar im Norden an die Sowjetunion grenzt, diese Olympiade boykottiert, wenn ihr in Schweden und in den anderen nordischen Ländern das nicht tut. Und auch nicht Großbritannien, Italien, Spanien, Österreich.«
»Ihr tut das, weil die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert ist.«
»Und warum ist die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert?«
»Hatte deine Zeitungsbotin sich dazu nichts überlegt?«
»Vielleicht? Sowjetische Unterstützung für den Kampf der marxistischen Regierung für Bodenreformen, Frauenstimmrecht, Verbot von Zwangsverheiratungen, in einem Land mit einem Gewimmel von muslimischen Stämmen, die sich die Scharia wünschen. Aber wer wagt, darüber ein Lied zu machen?«
Ich denke an das Lied Sara. An Daniels bok, Regent Street, Och människor ser igjen, das der Schallplatte schließlich den Titel gab. Texte, die durch Gespräche entstanden. Melodien, die zu schreiben ich von ihr indirekt gezwungen wurde. Sie wusste nicht, wie es um mich stand. Für Leve Patagonia hatten wir nur bei zwei Liedern zusammengearbeitet. Diesmal waren es elf. Jetzt, wo ich das hier schreibe, lasse ich diese 36 Jahre alte Produktion laufen und höre, wie begeistert Lill ist, mit welcher Glut sie singt, wie sie meine Melodielinien noch weiter ausdehnt, als ich das für möglich gehalten hätte. Wie sie ihnen überraschende Betonungen gibt und welche Punkte sie hervorhebt. Die Stimmung im Studio war engagiert und konzentriert. Der Wunsch, zusammen etwas zu erschaffen. Ich war so nervös gewesen, als ich in der Stockholmer Centralstation angekommen war. Am nächsten Tag wollten wir uns im Studio treffen. Alles, was ich noch nicht wusste. Ich hatte den ganzen Abend frei. Es war ein Maiabend mit plötzlicher Wärme. Nachdem ich im Diplomat eingecheckt hatte, drehte ich eine Runde durch die Stadt, merkte, dass mich meine Füße zu den Sexshops und den Kaschemmen in den Seitenstraßen trugen, alles war so anders als in Oslo, so unerwartet offen. Das überraschte mich. Ich hatte geglaubt, mich in einer der Hauptstädte des Feminismus zu befinden. Ich hatte nicht gewagt, das Lill gegenüber zu erwähnen. Es war vor allem Neugier. Ich ging vorbei. Musste vorbeigehen. Sagte mir, dass jeder anständige Mann an solchen Orten vorbeigeht. Natürlich. Ich ging hinüber auf die andere Seite der Bucht, vorbei am Grand Hotell, über die Brücke zum Schloss. Es war am Vortag plötzlich warm geworden. Junge verliebte Paare waren engumschlungen und leicht bekleidet unterwegs. Sie waren auf andere Weise hübsch als zu Hause, fand ich. Die Blonden waren noch blonder, die Dunklen noch dunkler, die Großen noch größer, und Durchschnittliche gab es fast nicht. Als bewegten sie sich alle auf einer Welle des Selbstbewusstseins. In Gamla Stan kam ich am Cattelin vorbei. Als ich mit der Anderen dort gewesen war, hatten wir Schafshirn gegessen. Ich kannte diese Stadt als eine Stadt, in der ich von mir selbst pausieren und neue Impulse holen konnte. Jetzt war ich hier mit elf Liedern, die die Schallplattenfirma Metronome von ihrer meistverkauften Künstlerin aufnehmen lassen wollte. Ich ging in Richtung von Den Gyldene Freden und suchte nach dem Selbstbewusstsein, von dem ich wusste, dass es irgendwo in meinem Kopf vorhanden sein musste, vielleicht kurz hinter dem linken Ohr, was wusste denn ich. Cool Water hatte Cornelis Vreeswijk gesungen. Das Lied darüber, im Gyldene Freden zu sitzen und langsam nüchtern zu werden. Ich sehnte mich immer ins Freden, wenn ich in Stockholm war. Vreeswijks Erschöpfung war nicht meine. Noch immer wollte ich in den Rausch, wollte dort sein, etwas verzehren. Wenn ich dann danach den Finger in den Hals steckte, hatte ich jedenfalls vorher zugelangt. Da sah ich das Lokal, unscheinbar von außen. Ich wollte nicht in die Kellerhallen, wo die Touristen saßen. Im ersten Stock hatte ich aber auch nichts zu suchen, wo jedes Jahr entschieden wurde, wem der Literaturnobelpreis zugesprochen werden sollte. Ich gehörte ins Erdgeschoss. Dort hatten Vreeswijk und Åkerström gesessen. Und Taube. »Spiel jetzt, Taube, zum Henker«, hatte wohl irgendwer gerufen, wann immer er ein Restaurant betrat, wo eine kleine Kapelle spielte. War es das Selbstbewusstsein, das Leute berühmt machte? Lag es an ihrer Frechheit, dass sie Erfolg hatten? Alf Cranner hatte mir die Anekdote erzählt, wie Taube um ein Lied zum Geburtstag von Albert Bonnier gebeten worden war. Taube verlangte ein reichliches Honorar, dazu vierzehn Tage Aufenthalt in einem Luxushotel in Südfrankreich. Als er nach Schweden zurückkam, hatte er keine einzige Note zu Papier gebracht. Dennoch sang er bei der Geburtstagsfeier. Er sang Fridtjof Andersons Paradmarsj. Der war genau wie früher. Er hatte nur einen Namen ausgetauscht: »Hier kommt Albert Bonnier, ja, hier komme ich.« Und damit kam er durch. Er war Taube. Er war genial. Aber er war nicht politisch. Nicht allen war es vergönnt, Boris Vian zu sein, Victor Jara, Wysotzki, Brecht/Weill. Aber dort im Freden, mit gesalzener Rinderbrust und einer Flasche Wein auf dem Tisch, dachte ich an sie und an die elf Lieder, die ich selbst geschrieben hatte. War ich weit genug gegangen? Lill hatte über ihre eigene Zeit singen wollen. Sie hatte keine Angst vor politischen Liedern. Das hatte ich auch nicht. Aber ich konnte nicht fortlaufend die Gesellschaft kommentieren, wie Ole es in der Paus-Post tat, und ich hatte auch keine Erfahrung damit, ein richtig politisches Lied zu schreiben, das sich über die Floskeln erheben könnte. Ich konnte solidarische Lieder schreiben. Mehr nicht. Aber jetzt war es ohnehin zu spät.
13.
Es war nach dem vierten Tag im Studio, als alles aufgenommen, aber noch nicht abgemischt war. Nun lud Lill mich zu einer Dragshow mit Christer Lindarw ein. Am Vorabend hatten wir in Anders Burmans großer Eckwohnung auf Söder gesessen, in dem exklusiven Haus, das eine Art Wahrzeichen war, mit Aussicht über die ganze Stadt. Wir waren aufgekratzt und glücklich über alles, was wir geschafft hatten. Wenn ich Lill ansah, dachte ich, etwas auszuüben, zu erschaffen, lasse Schönheit aus sich selbst entstehen, ja, selbst die hässlichste Erscheinung, wie Orson Welles oder Charles Laughton, könne Schönheit gewinnen durch die erbarmungslose Eigen-Wirklichkeit des Schauspielers. Ich hatte diese Schönheit am ersten Abend im Gesicht ihres Lebensgefährten gesehen, als wir alle im Theatergrill gegessen hatten. Brasse Brännström war die eine Hälfte von Magnus und Brasse, der ganze Norden liebte die beiden. Sie hatten ein Programm, das sie jeden Abend aufführten, aber gerade an diesem Abend hatte Brasse frei. Ich hatte mir längst etwas gemerkt, was Lill über ihn gesagt hatte: »Entweder feiert er, oder er fastet.« Ich musterte ihn, die großen Kontraste im Gesicht, die konstante Traurigkeit, die er ausstrahlte. Etwas an ihm erinnerte mich an Jack Lemmon. Das melancholisch Hilflose, das ihn seltsamerweise nur interessanter machte. Trond-Viggo hatte auch etwas davon. Sich selbst nicht so ganz aushalten zu können. Als wir in dem eleganten Restaurant hinter dem Theater Dramaten an unserem Vierpersonentisch saßen, tauchte plötzlich Magnus Härenstam auf. Ich begriff nicht richtig, weshalb. Ich saß an einem Tisch mit dreien der berühmtesten Menschen Schwedens, und dann war er gekommen, um mich kennenzulernen. Ich registrierte die Blicke von den anderen Tischen, die übertriebene Höflichkeit der Kellner und fühlte mich fehl am Platze. Diese Jetset-Stimmung war so weit entfernt von Sandøya. Ich hatte plötzlich das Gefühl, mich irgendwohin verlaufen zu haben, dass sie missverstanden hätten, wer ich war, dass ich aufstehen und sagen müsste: »Entschuldigung, hier liegt eine Verwechslung vor. Ich gehöre nicht hierher.« Ich hätte geradewegs zur Toilette gehen und den Finger in den Hals stecken müssen, ehe ich mich aus dem Restaurant und zu einer elenden Kneipe weit weg von Östermalm schlich. Aber das wagte ich nicht. Es war zu spät. Wir nahmen gerade eine LP auf. Drei Lieder befanden sich schon auf großen 24-Spur-Bändern. Ich lauschte auf die Gespräche um mich herum. Versuchte, die Rolle des jungen, in sich gekehrten, geheimnisvollen Künstlers zu spielen. »Wohin fährst du im Sommer?«, fragte Lill. »Nach Mallis«, antwortete Magnus. »Was ist Mallis?«, fragte ich. »Mallorca«, antwortete Magnus. Ich musste lachen. Es klang so blödsinnig. Mallis, also echt. Klar, dieses Herrenvolk hier sagte auch Dagis zu Kindergarten und Fritids zu Freizeit. Dennoch war es komisch. Ich lachte immer weiter. Sie lachten auch, aber nicht über sich selbst. Sie lachten über mich, weil ich Norweger war, weil ich es seltsam fand, dass ich noch nie von Mallis gehört hatte, dass ich so wenig Schwedisch konnte. Ich merkte, dass ich rot wurde. Ich lachte zu lange. Das hatte ich auf diese Weise noch nie getan. So außerhalb aller Kontrolle. Jetzt war ich der Knabe aus dem Nachbarland, dem armen Land, dem Kätnerland, dem Hurzel-Purzel-Land. Ich sagte es. »Entschuldigung. So benimmt man sich, wenn man aus einer ehemaligen Strafkolonie kommt. Wir tragen noch immer Frieswämse und schlafen im Heu.« Sie lachten pflichtschuldig. Sie fanden das nicht witzig. Sie waren professionelle Komiker. Sie waren vielfache Millionäre geworden, weil sie andere dazu bringen konnten, vor Lachen zu heulen und zu kreischen. Sie hatten eigentlich keine Verwendung für Amateure wie mich. »Aber ihr habt ja das Öl«, sagte Brasse freundlich. »Wir werden ohnehin nicht reich, jedenfalls nicht so wie ihr«, sagte ich. »Wir kriegen nur einen Haufen Geld.« – »Schön gesagt«, sagte Lill. Aber ich merkte, dass ich mich ausgesperrt hatte, und darüber sprach ich nun, in Anders Burmans Wohnung, drei Tage später. Ich gestand, wie sehr ich mich ausgeschlossen gefühlt hatte. Ich erzählte nicht, dass ich nach dem Fischgericht gekotzt hatte. Ich erzählte auch nicht, dass ich Brasse um ein Haar gefragt hätte, ob auch er jeden Tag den Finger in den Hals steckte. Es reichte, zu erzählen, wie sehr ich mich ausgeschlossen gefühlt hatte. Aber sowie ich es gesagt hatte, merkte ich, wie ichbezogen ich war. Diese freundlichen, berühmten Menschen hatten mir freie Hand gelassen, hatten mir alle Möglichkeiten gegeben, und hier saß ich nun und beklagte mich, weil ich nicht ganz dazugehörte. Gab es denn keine Grenzen, wenn man aus Norwegen kam? Aber auch diesen ichbezogenen Ergüssen lauschten sie höflich, und sie brachten ihre eigenen Anekdoten über andere Leute, Schweden sogar, denen es genauso gegangen war. Aber wie konnte man denn auf einer Bühne stehen und sich selbst dennoch als dysfunktional erleben? Oder in einem Studio? Ich hatte die Streicher dirigiert. Alles hatte geklappt wie am Schnürchen, obwohl ich glaubte, ziemlich komplizierte Arrangements geschrieben zu haben, vor allem bei Regent Street. Triolen, die klingen sollten wie ein Kaffeehausmusiker im Delirium. Und wenn ich in der Musik war, ob auf der Bühne oder im Studio, repräsentierte ich einen anderen als mich selbst. Dann war ich entweder meine eigene Vergangenheit, der Pianist, der jeden Tag acht Stunden geübt hatte, oder der, der die Musik geschrieben hatte. Dann stand ich dort und nahm mit Fug und Recht Platz ein. Dann zögerte ich nicht. Im Konzertsaal konnte ich dem Publikum weniger und weniger ins Auge schauen. Auf irgendeine Weise bat ich immer um Entschuldigung dafür, dass ich dort stand und ihre Zeit stahl. Selbst, wenn ich wusste, dass ich etwas Gutes zu bieten hatte, etwas, das jedenfalls nicht schlechter war als das, was andere liefern konnten, glaubte ich nicht, Applaus verdient zu haben. Hatte ich deshalb das Publikum gebeten, nicht zu klatschen, als ich in den siebziger Jahren Poesie und Musik gemacht hatte? Aber ich rezitierte nicht mehr. Ich spielte. Und zu Hause auf der Insel schrieb ich Lieder und Romane. Schweden war das Land der Lieder. Die Liedermacher schrieben Texte, die oft die der Lyriker übertrafen. Schon zu Beginn der achtziger Jahre schien die Lyrik in der literarischen Landschaft an Boden zu verlieren. Axel Jensen würde zwar fünf Jahre später mit seinem Boot vor Aker Brygge vor Anker gehen und ein internationales Poesiefestival arrangieren, aber gerade jetzt, zu Beginn der achtziger Jahre, stahlen die Romane sehr viel Aufmerksamkeit. Es würde das Jahrzehnt von Jan Kjærstad werden. Das Jahrzehnt von Lars Saabye Christensen. Das Jahrzehnt von Herbjørg Wassmo. Das Jahrzehnt von Dag Solstad. Tove Nilsens Wolkenkratzerengel in Bøler. Und diese literarischen Dinge strömten plötzlich durch meinen Kopf, fast wie eine Vorwarnung vor späteren Traumata, während ich zugleich eingestand, wie gering mein Selbstbewusstsein war, was mich für diese phantastischen Menschen zur Belastung machte, für Lill und Anders, die diese Produktion ermöglicht hatten. In letzter Zeit erlebte ich mich mehr und mehr als jemanden mit großem Erfolg, für den aber trotzdem alles immer zum Teufel gehen würde. Warte nur ab, hätte ich gern gesagt, wann immer jemand mir ein Kompliment machte.
Lill ohne Brasse war so anders, sie kam mir fast vor wie bei einem Date, redete die ganze Zeit, eine Fähigkeit, anwesend zu sein, um die ich sie beneidete, weil ich selbst so zurückhaltend war. Ich merkte, dass sie erleichtert war. Dass sie glaubte, wir hätten etwas geschafft. Anders Burman verhielt sich ebenso. Er sagte, er freue sich auf das Abmischen. Ich hatte gedacht, er werde mit uns die Dragshow besuchen. »Nein, ihr zwei solltet allein gehen«, sagte er entschieden.
Sollte ich wirklich allein mit Lill losziehen zum absoluten Hotspot und After Dark sehen, die Dragshow mit der »schönsten Frau Schwedens«, Christer Lindarw, dem Sohn eines Speedwayfahrers? Seine Parodie auf Lill war der Höhepunkt in seiner raffinierten Show.
Als wir vor dem Theater aus dem Taxi steigen, geht es wie ein Rauschen durch die Menschenmenge. Lill Lindfors! Hier ist sie! Wirklich! Sie hakt sich bei mir ein, und ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll, wie ihr todkranker, Hilfe brauchender Vetter vierten Grades, den sie aus Kiruna oder Umeå hergeholt hat, um ihm etwas Gutes zu tun? Oder soll ich die norwegische Karte ausspielen? Den Stallwichtel? Den Hilfesuchenden? Sie, die Waisenkinder in aller Welt besucht, die in Afrika war, um den hungernden Müttern zu helfen, jetzt kommt sie mit diesem armen Norweger her, mit dem sie eine LP aufnimmt, nur um sein elendes Selbstbild zu retten. Ich gehe dicht neben ihr, merke, dass jemand mit Blitz fotografiert, versuche zu lächeln, während ich mich im Glanz sonne. Ja, ich habe schon einen Sonnenbrand. Meine Haut pellt sich. Lill lacht und lächelt mich an. Keine kann lächeln wie Lill Lindfors.
Drinnen gibt es Glamour und laute, intensive Musik. Nichts weist daraufhin, dass in Schweden gerade überall gestreikt wird. Wir landen in der Welt der Verkleidungen. Lindarw und seine Herren erschaffen eine Damenwelt, die selbst sabbernden Tattergreisen die Potenz zurückgeben kann. Ich sitze da mit großen Augen und offenem Mund und glotze. Kann das wirklich möglich sein? Diese Menschen zaubern doch mit ihren Körpern und mit Schminke und Haltung. Ihr Selbstvertrauen ist ansteckend. Sitze ich hier und denke, dass Lill und ich ein Album eingespielt haben, von dem wir Tausende Exemplare verkaufen werden? Sind wir schon dicht vor einem großen Hit? Etwas in der Größenordnung von Du är den ende? Was? Was? Reden wir jetzt über klingende Münze? Welcher Champagner erwartet uns nach der Show? Was wagen sie, uns nicht anzubieten? Sind schon Gerüchte über diese LP im Umlauf? Und da kommt Lill Lindfors! Die Frau, neben der ich in der dritten Reihe sitze. Aber sie kommt von der Bühne her. Sie ist strahlend schön in einer weißen Kreation, und sie zeigt die perfekten Beine, Haut und Seide, streicht wie eine selbstsichere Katze über die Bühne, während die Stimme der Lill, die im Saal sitzt, aus den Lautsprechern strömt. »Er geht wie ein Kerl / Er sieht aus wie ein Kerl / mit einem Körper wie ein Kerl / und küsst, wie ein Kerl das soll.« Gelächter wogt durch den Saal. Alle sehen ja, wie sehr er sich an ihr orientiert, wie er ihr zuzwinkert, wie sie da neben mir sitzt und höflich mitsingt, um klarzustellen, wie entzückt sie von der Parodie ist. Er geht fast ihre gesamte Hitliste durch, und als er bei Du är den ende ankommt, explodiert der Saal. Die Sinnlichkeit auf der Bühne ist so überwältigend, dass Lill losprustet. Für wenige Sekunden scheint Lindarw mehr Lill zu sein als Lill selbst. Es entsteht eine magische Kommunikation zwischen dem, der parodiert, und der, die parodiert wird, vielleicht, weil es gar keine Parodie ist, sondern eine Imitation, eine Widmung, ein Ausdruck der Bewunderung, Lindarws Version einer Frau, die er hätte sein können, die er vielleicht gern wäre, wenn er die Möglichkeit dazu hätte. Als ob Lindarw als Lindfors besser wäre denn als Lindarw. Das Dach hebt sich vom Theater.
Ted Turner, der Medienmogul aus den USA, auf den ich zehn Jahre später gewaltig eifersüchtig sein werde, als er Jane Fonda heiratet, meine ewige Barbarella mit den sichtbaren Orgasmen, gründet Cable Network News, zusammen mit 25 anderen Investoren, die zusammen 20 Millionen Dollar in den neuen Fernsehsender schießen. CNN wird rund um die Uhr Nachrichten senden. Das ist bisher noch nicht dagewesen. CNN soll zudem zu einem globalen Fernsehprojekt werden, mit Büros in den USA, Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika.
Ich sitze draußen auf der riesigen Terrasse, die wir gebaut haben, und lese über dieses Projekt, verspüre einen Stich Sehnsucht nach Stadt, Kabeln, Satelliten, Rockmusik und Technologie. Ich lese, was Ted Turner in Verbindung mit der Einweihung von CNN gesagt hat: »Wir werden erst aus dem Äther verschwinden, wenn die Welt untergeht. Wir werden dabei sein, wir werden live berichten, und es wird unsere allerletzte Sendung sein. Wir werden einmal die Nationalhymne spielen, wenn wir am 1. Juni auf Sendung gehen, und das ist alles. Und wenn die Welt untergeht, werden wir Näher, mein Gott, zu dir spielen, ehe wir endgültig verstummen.«
Sofort ein eiskalter Wind. Wie bei einer Sonnenfinsternis.
Die Welt geht unter?
Das sagt ein steinreicher Philanthrop, der einen rund um die Uhr sendenden Nachrichtenkanal eröffnen will?
Wie hat er das eigentlich gemeint? Weiß er mehr als wir?
Plötzlich ist die Angst der Kubakrise wieder da. Der neun Jahre alte Junge. Die Luftschutzräume.
Die kreideweißen Gesichter meiner Eltern.
14.
Der Sommer kommt immer als Überraschung. Man vergisst ihn jedes Jahr. In diesem Land sind alle Jahreszeiten so lang, dass man glaubt, sich in einem ewig währenden Zustand zu befinden, jedes Mal, wenn eine Jahreszeit lang genug war, um sich um uns zu schließen. Drei Monate Sommer, drei Monate Herbst, drei Monate Winter, drei Monate Frühling.
Jetzt ist wieder Sommer.
Alles, was in Stockholm geschehen ist, ist lange her.
Wenn Ole sich über mich lustig machen will, nennt er Sandøya Saltkrokan. »Wir auf Saltkrokan – zwanzig Jahre später«, sagt er. Es ist nicht freundlich gemeint. Zu viel Idyll. Zu viele Spitzengardinen und Kelims vor den Zusammenbrüchen, Scheidungen und existenziellen Schiffbrüchen. Bald wird uns auch der junge Autor Roy Jacobsen in der Zeitung verspotten. So kann man doch nicht wohnen, in kleinen idyllischen Holzhäusern. »Harmonie kann ebenso provozierend wirken wie eine gute Melodie«, sage ich zu Ingar Marcussen, der soeben mit seiner Familie auf die Insel gezogen ist. Er ist Architekt, seine Frau Architektin. Er hat eine Brille wie die deutschen Intellektuellen der Zwischenkriegszeit. Er ist fast so groß wie ich und kann nie aufhören, sich über seine Arroganz lustig zu machen. Die kann aber auch reichlich abscheulich sein. Aber wenn sich sein Gesicht zu einem Lächeln öffnet, einer plötzlichen und unerwarteten Anerkennung oder sogar zu einem Eingeständnis, dann ist er unwiderstehlich. Mir ist noch nie ein Mensch mit einer solchen Ähnlichkeit mit Gustav Mahler begegnet, und als ich ihn dann besser kennenlerne, werde ich um ein Haar zum vollwertigen Anthroposophen und halte ihn für die Inkarnation von Mahler, mit derselben Schönheit, mit Himmel und Hölle in seinem Inneren. Er kann ebenso lärmend entsetzlich sein wie die meisten ersten Sätze in Mahlers Symphonien, wo die Wiegenlieder der Kindheit mit den kräftigsten Militärmärschen und für Skelette geschriebenen Walzern ringen, die Kastagnetten wurden ersetzt durch klappernde Särge, genau wie in den Scherzi. Aber außerdem ist in ihm Platz für die langsamen Sätze, die himmelstrebenden Themen, die nie ein Ende finden, Liebeserklärungen mit so viel existenziellem Schmerz, so tiefer Trauer, dass ich mich frage, woher er eigentlich kommt, auch wenn er behauptet, von der Akersborg terrasse. Den Namen Marcussen jedoch hat er von den Gutsbesitzern auf der Nachbarinsel Askerøya, einer Sippe mit viel Charme und keinem geringen Grad an Selbstbewusstsein. Es war Ingars Tante, die mich im Rathaus von Tvedestrand angeschrien hatte in den siebziger Jahren, als ich mit keiner Geringeren als Lillebil Ibsen auf der Bühne stand. »Leiser spielen, Bjørnstad!«, hatte sie gerufen. Ingar erinnert mich immer wieder an diese Episode. Er stammt aus einer Familie von starrköpfigen Menschen mit scharfen Ohren, Grundbesitz und fixen Ideen. Sein Verwandter Jens Marcussen wird seinen Platz in der neuen rechtspopulistischen FRP finden, Ingar dagegen gehört keiner Partei an. Er gehört nur sich selbst und der wunderbaren Familie, von der umgeben zu sein er das Glück hat. Ich habe schon in den sechziger Jahren von seiner Frau geträumt, viele Jahre ehe ich ihr zum ersten Mal begegnet bin.
Inzwischen sind wir so viele Zugezogene auf dieser Insel, dass wir angefangen haben, uns in Gruppen zu sammeln, Literaturgruppen und Musikgruppen, um uns daran zu erinnern, woher wir kommen, aus den Städten und der Urbanität, aus Konzerthäusern, Theatern und Rockclubs, aus Buchläden, Musikgeschäften und Kunstgalerien.
Ingar macht diese Flucht für viele von uns möglich. Er hat sich darauf spezialisiert, Kopien von sogenannten Südküstenhäusern, Schifferhütten oder wie immer man es nennen will, zu entwerfen. Er hat sich mit der Gemeinde wegen Grundstücken und Abwasseranlagen gestritten. Er sorgt dafür, dass noch die Ärmsten unter uns mit bloßen Händen ein Haus bauen können. Er will nicht mit druckimprägniertem Material bauen. »Am Ende muss alles zerfallen«, sagt er. »Verfaulen. Verschwinden. Platz für neues Leben machen. Wenn wir solche grundlegenden Dinge nicht begreifen, haben wir hier auf der Erde nichts zu suchen.«
Obwohl er herkömmliche Einfamilienhäuser entwirft, ist er Spezialist für moderne Architektur, das Erbe von Bauhaus, Gropius und van der Rohe. Ich weiß nicht so ganz, was er will, wenn er diese Pioniere erwähnt, ob er ihnen huldigen oder sie heruntermachen will. Aber unser Haus hat bereits seinen Hass erregt.
»Ein schnödes Rødland-Haus. Damit kannst du dich nicht sehen lassen, Ketil, auf so einer Insel.«
»In der Zeitung hat doch schon gestanden, dass es hier draußen zu viel Idylle gibt.«
»Redest du hier von Dagbladet? Sag mal, liest du auch dein Klopapier?«
Wir stehen an einem heißen Junitag vor dem Haus, kurz vor einem Fest. Wir sind beide guter Laune. Jetzt ist die Zeit für die großen Ideen. Fliederduft, Schalentiere, Weißwein.
»Sieh doch mal, was ihr für einen Dachboden haben könntet. Keine Idylle, sondern einen Geistesbau!«
Ingar zeichnet einen Grundriss in die Luft. Ich folge seinen Handbewegungen und sehe, dass das Haus doppelt so groß wird, mit riesigem Dachboden und Erkern.
»Ein ganz anderes Haus«, sage ich.
»Genau«, sagt Ingar.
»Aber ich kann mir das nicht leisten«, sage ich.
»Wer denkt an Geld, wenn man große Kunst erschafft?«, sagt Ingar.
»Ich werde es mir überlegen«, sage ich.
»Aber ich hatte jetzt die Idee«, sagt Ingar. »Ich schlage vor, wir sagen, Baubeginn nächstes Jahr.«
»Aber man kriegt den Flügel nicht hoch auf den Boden, Ingar.«
»Natürlich nicht. Da wird der Webstuhl deiner lieben Hausgenossin stehen. Du musst in den Keller, du armer Wicht. Wo du hingehörst.«
Juni 1980. Die langen Tage, an denen man nicht weiß, ob man arbeitet oder Ferien hat. Er sitzt am Flügel, weiß aber nicht, ob er arbeitet oder nur spielt. Was denken sie drüben in Schweden? Welche Erwartungen haben sie an Och människor ser igjen? Er denkt an die hoffnungsfrohe Stimmung am letzten Tag im Studio. Ola Brunkert war zu ihm gekommen und hatte ihn umarmt. Finnes du noensteds ikveld war gleich beim ersten Versuch gelungen. Es wurde so gefühlsstark. Alles, was sie damals nicht wussten. Dass Ola viele Jahre später in seinem Haus auf Mallorca in eine Glastür laufen und sich eine tödliche Wunde am Hals zuziehen würde. Dass sich Conny, der unglaubliche Gitarrist mit den kleinen lateinamerikanischen Instrumenten mit Idas Schwester Jannicke zusammentun würde. Dass das nur der Anfang einer lebenslangen Freundschaft zwischen Lill und ihm war. Er war zu Anders Burman gegangen und hatte gefragt: »Seid ihr enttäuscht, wenn das keine Hunderttausend verkauft?« Der Produzent hatte ihm beruhigend auf die Schulter geklopft. »In dieser Branche ist nichts vorausbestimmt, junger Mann. Wir müssen einfach abwarten.«
Und es waren noch viele Monate bis zur Veröffentlichung.
Ihm ging auf, dass er jetzt vom Verkauf abhängig war. Es bedeutete etwas, dass Tidevann auf der Bestsellerliste von VG vertreten gewesen war. Er musste schließlich das Geld besorgen, aber plötzlich hatte sich die Entfernung zwischen dem Geld und ihm vergrößert. Manchmal lebte er von seinem überzogenen Konto. Dann wurde er nervös und lag nachts wach. Sein Manager, Paul Karlsen, schien das verstanden zu haben. Jedenfalls wurde er ein weiteres Mal zu einem Soloauftritt auf Karløya eingeladen, zwischen Santana und Tom Robinson. Was für eine Ehre, dachte er. Wurde er jetzt zum Popmusiker? Oder schlimmstenfalls: Schlagerkomponist? Sollte er diesmal ein E-Piano riskieren? Es hatte ihn oft überrascht, dass Elton John, der doch wirklich Klavier spielen konnte, den Flügel auf seinen Schallplatten so grauenhaft klingen ließ. Keine Obertöne, nichts von der Wärme in seiner Stimme. Hatte er den Klang des Flügels von Manfred Eicher von ECM nicht gehört? Begriff er nicht, wie viel besser es klingen konnte? Aber wer Schallplatten verkaufte, das war Elton John. Hunderttausende.
Auf der Insel und in der Stadt lag viel Energie in der Luft. Der Besuch in Stockholm war eine Vorwarnung gewesen. Er hatte so viele Menschen gesehen, die auf dem Dach der Welt einherschritten, die die Gnadengabe der Selbstsicherheit besaßen. Und niemand von denen, die ihm begegnet waren, hatte sich um Geld sorgen müssen. Aber das Geld kam nicht bei allen an. In Oslo gab es trotzdem noch mehr junge Männer im Anzug, die zwischen Banken und Maklerfirmen hin und her rannten. Es gab einen Willen zur Expansion, der sich sogar auf der Insel niederschlug. Die neuen Häuser, die gebaut wurden, mussten mit etwas gefüllt werden. Er dachte plötzlich an Tante Svanhild, die seit über fünfzig Jahren in der Gabels gate wohnte. Dieselben alten Möbel, das Sofa, das sie aus ihrem Elternhaus in Fredrikstad mitgebracht hatte. Er war immer so gern bei ihr. Spürte etwas, das fast ewig sein könnte, das sie aber doch, wie er vorausahnte, bald verlassen würde.
Die langen Tage auf der Insel brachten ihn auf solche Gedanken, ließen ihn zwischen den kleinen Häusern herumlaufen, die sich bald mit Menschen füllen würden, und denken, dass etwas passieren würde, dass etwas eine Vorwarnung war, nur ein Ton, fast wie das Signal einer Trillerpfeife, unhörbar für alle anderen außer denen, die die Möglichkeit des Geldes sahen, die Möglichkeit der Expansion. Ingar saß in seinem Architektenbüro in Tvedestrand und zeichnete ein ganz neues Haus für ihn und seine Geliebte, die ihren Namen nicht genannt haben will, über die er aber dennoch schreiben darf. Die er die Andere nennt.
Auf Kalvøya steht der Festivalleiter Paul Karlsen in seiner Lederweste und raucht Pfeife. Das warme Lächeln, das er immer sieht, selbst wenn er mit Paul nur telefoniert, und das tut er oft. Paul hat einen Teil seiner Tourneen übernommen. Es gibt nicht länger nur die Rikskonzerte. Noch im Winter war er mit Paul nach Lillehammer gefahren. Paul vernebelte das ganze Auto mit seiner Mac Barens-Mischung, aber es roch süß und gut.
Noch hatte er das Gefühl, nicht ganz zu begreifen, was Paul von ihm wollte. Paul hatte so viel größere Künstler in seinem Stall. Cornelis Vreeswijk zum Beispiel. Im Frühjahr hatte er angekündigt, mit ihm sprechen zu wollen, hatte aber nicht gesagt, worum es ging.
An diesem Abend, als der Winter seinen Griff gefestigt und die Straßen mit Schneeglätte überzogen hatte, schob Paul plötzlich eine Kassette in die Anlage.
»Ich dachte, das müsstest du hören«, sagte er und drückte auf Play.
Zum allerersten Mal hörte er The Police. Reggatta de Blanc.
Zuerst fiel ihm das Schlagzeug auf. Stewart Copeland. So etwas hatte er noch nie gehört. So aggressiv und zugleich so frei. Keine lärmende Sinnlosigkeit, wie er sie im Punk oft fand, sondern eine virtuose Technik, die gewaltige dynamische Möglichkeiten schenkte. Er fing an zu lachen.
»Ist das nicht etwas ganz Besonderes?«, fragte Paul.
Im selben Augenblick hörte er die wogende, strömende Gitarre von Andy Summers, der ihn in Bring on the Night fast in Ekstase versetzen sollte. Und die ganze Zeit war Sting da, laut und leise, mit seinem tiefen präzisen Bass und der hellen, intensiven Stimme.
»Wirklich? Ein Trio?«
»Sicher«, sagte Paul und machte einen langen Zug aus seiner Pfeife.
»Das ist die neue Zeit, Ketil!«
»Im Moment ist so schrecklich viel die neue Zeit.«
»Wie meinst du das?«
Er wusste nicht, was er meinte. Aber das hier war eine musikalische Landschaft, in die er sich mehr und mehr hineinsehnte. Auf der Insel hatte der Keramiker Eyvind ihm so viel über Rock beigebracht. Über Gruppen, von denen er noch nie gehört hatte. Endlose Abende konnten sie beieinandersitzen und Schallplatten laufen lassen. Außerdem gab es im NRK die großen Abendsendungen von der Loreley, wo die allergrößten Künstler auftraten. Dort hatte er zum ersten Mal Genesis auf der Bühne gesehen.
Als ob er sich nach festeren Rahmen sehnte, statt nach der großen Freiheit des Jazz, die an einem schlechten Tag mit etwas Unverbindlichem verwechselt werden kann. Die neuen norwegischen Gruppen wie Kjøtt, The Cut und The Allerværste waren an ihm vorbeigeglitten. Aber De Press gefiel ihm, Andrej Nebbs Wahnsinn. Für Menschen, die auf der Straße Flügel zerschlagen wollten, hatte er immer Sinn. Das hatte er von Svein Finnerud und Bjørnar Andresen gelernt. Und Eyvind hatte ihn auf das Stavangerensemble aufmerksam gemacht, diese neue Version eines Orchesters, das Karsten Andersen, der Jugendfreund der Mutter, in den sechziger Jahren dirigiert hatte. Ein kleines Ensemble, das zu einem Symphonieorchester heranwachsen konnte, das jede Woche im Radio zu hören war, mit Light Music als Spezialität. Aber das neue Stavangerensemble war alles andere als light. Als er an jenem Abend mit Paul nach Lillehammer gefahren war, hatte er gedacht, dass The Police gerade im Moment den maximalen Ausdruck habe. Sie schufen eine wirklich moderne Musik, die mehr war als ein Fragment. Sie legten die Prämissen für diesen Teil der zeitgenössischen Musik, der sich weit fort von den Albernheiten der Avantgarde-Musik befand. Er stand unter Schock, und das sah Paul.
»Und was wirst du daraus machen?«, fragte Paul mit einem Lächeln.
Er wusste es nicht. Noch nicht. Er glitt auf Kalvøya in den Backstagebereich und sah, dass Paul zu den Wolken starrte. Er lebte vom Wetter. Wenn es an dem Wochenende regnete, an dem das Kalvøya-Festival laufen sollte, verlor er mehrere Jahreseinkünfte. Wenn die Sonne schien, verdiente er sie. Er kann sich an das Wetter an jenem Tag nicht mehr deutlich erinnern. Aber draußen im Gras sitzen viele Tausende. Er würde gern ganz anders spielen als beim letzten Mal. Woher kommt diese Aggression? Er hatte sich seit zwei Tagen nicht mehr übergeben. Sein Körper kam ihm ruhiger vor, aber sein Gewissen war schwärzer. Sowie er zu viel aß, stellte sich der Speck wieder ein. Das war der Albtraum, dass er wieder die Kontrolle verlieren könnte. Die Unruhe war ein Teil dieser Aggression. Er suchte nach einer Kontrolle, die er nicht hatte, außer wenn er sich dem Ende eines Romans oder einer Schallplattenproduktion näherte. Dann musste er Entscheidungen treffen. Und Entscheidungen zu treffen fiel ihm leicht. Fast so leicht wie Ole. Blitzschnell. Ganz ohne Bedenkzeit. Er hätte ein Haus ungesehen kaufen können. Er hätte einer Frau, die ihm noch nie begegnet war, einen Heiratsantrag machen können. Und er wusste noch nicht, ob das eine Stärke war oder eine Schwäche.
Er staunt noch immer darüber, dass er, der den fünften Platz anstrebte, niemals Angst vor großen Bühnen hatte. Aber in dieser Art von Musik gab es viele, die einander halfen. Sven Persson saß dort draußen irgendwo im Publikum. Für ihn spielte es keine Rolle, ob ihm hundert oder 15 000 zuhörten. Viele Jahre später sollte er bei den größten Stadionkonzerten von a-ha den Ton mischen. Wir kannten einander jetzt. Waren Freunde. Er hatte in seiner Kindheit einige Sommer auf Sandøya verbracht. Ich konnte Dalsland oder Fugløya sagen und er wusste, wovon die Rede war. Dieses große Podium mit dem kleinen elektronischen Flügel betreten. Ich war jetzt von Sven abhängig. Er musste die Obertöne finden, die es in einem akustischen Instrument gab, welche die digitale Wirklichkeit aber niemals herbeischaffen konnte. Er sollte mir die Klänge zurückgeben, die ich nicht selbst hervorbringen konnte. Die Töne, für die ich mich beim Spielen entschied, waren nur digitale Signale. So, wie ein E-Gitarrist Hilfe von seinen Pedalen braucht, von Delay und Reverb, brauchte ich Hilfe von Svens Mischpult dort draußen in der Menschenmasse. Solange er dort war, fühlte ich mich sicher. Ich hatte keine Angst vor dem Digitalen. Gerüchte behaupteten bereits, dass es bald eine digitale Methode geben würde, um Schallplatten abzuspielen, die sogenannte CD oder Compact Disc, bei der der Klang mithilfe von binären Codes wiedergegeben wurde, nicht analog. Das alles überstieg jedenfalls meinen Verstand. Dass eine Codesprache, die auf den Ziffern 0 und 1 aufbaute, den Klang akustischer Instrumente wiedergeben konnte, war eine Tatsache, die ich niemals begreifen würde, sowenig, wie ich begriff, dass zwei kleine Lautsprecher den Klang einer Stradivari wiedergeben konnten.
Sven da draußen im Publikum. Ich hinter dem Klavier. Dem elektronischen. Dem ohne Obertöne.
Ich verspürte dennoch eine seltsame Freiheit. Fühlte mich zu einer Welt hingezogen, die so weit von Bechstein, Steinway und einem akustischen Klangbild entfernt war wie überhaupt nur möglich. Die Sehnsucht nach dem Klangraum des Synthesizers, der Energie in der Musik, die Strom brauchte, um zu funktionieren. Ich hatte das Klangbild von The Police im Kopf. Aggression als Triumph, wie ein liebevolles und dennoch menschliches Projekt. Sich trauen, Gefühle zu zeigen. In einer elektronischen Wirklichkeit konnte das so gewaltsam werden. Aber dort draußen im Juniabend wusste Sven, wo ich hinwollte. Er fing eine Phrase auf, schleuderte sie durch das Mischpult und den Klang, der ihm zur Verfügung stand, schickte sie zurück aufs Podium, über das enorme PA-System auf beiden Seiten der Bühne, mit Delay, Verspätungen und Klangskulpturen, die ich auffing, die auf meinen Monitor zurückkehrten und mir neue Ideen gaben. Als säße ich in einer Apollo-Kapsel weit draußen im All und spräche mit Houston. Wir waren beide abhängig voneinander, wenn das hier gut werden sollte. Aber Sven kannte ich, und er wusste, was Dalsland war, er wusste von den Pfaden draußen bei Hella, er kannte Hans Petter auf Hauketangen, er erinnerte sich an die alten Tanten und er wusste, welche Musik mir gefiel, welche ihm selbst gefiel. Und, das Wichtigste von allem, wir machten es nicht für Geld. Wir hätten auch gratis auftreten können. Aber wir glaubten an diese Art, miteinander zu reden. Durch die Musik. Das, was Paul Karlsen antrieb, trieb auch uns an. Die Freude, etwas entdeckt zu haben, das außerhalb der Diagramme, Prognosen und Statistiken der Maklerwelt und der Geldleute lag. Und ich weiß nicht einmal mehr, was ich gespielt habe. Aber ich weiß, dass ich mit Sven im Duett spielte, auch wenn die Wenigsten begriffen, dass noch ein anderer da war. Einer, der durch Klänge sprach, durch Verzögerungen, durch Strom. Ja, jetzt weiß ich es wieder. Eine Regenfront fegte vorüber. Danach ging ich hinter die Bühne und fand eine Toilette. Santana lächelte mich an und machte sich bereit für seinen Auftritt.
US-Präsident Jimmy Carter hat Probleme mit den neuesten Meinungsumfragen, nachdem er zuerst deutlich in Führung lag. Die katastrophal misslungene Geiselaktion im April hat das amerikanische Selbstbewusstsein ins Wanken gebracht. Sie sind enttäuscht von diesem Erdnussfarmer aus Plains in Georgia. Die Verhandlungen von Camp David sind jetzt lange her. Er kann sich nicht mehr im Blitzlichtglanz sonnen. Er hat sich als außenpolitisch unsicher und ungeschickt erwiesen, und dass die amerikanischen Geiseln noch immer im Iran gefangen sind, ist fast nicht zu begreifen für die vielen patriotischen Amerikaner, die sich selbst als einzigartige Vertreter des wichtigsten Volkes auf Erden begreifen. Diese verdammten Khomeinis dürfen keine Nation demütigen, deren Präsident bei allen offiziellen Anlässen Gott um seinen Segen anfleht. God bless America. Soll der Teufel alle holen, die es wagen, das uneingeschränkte Recht auf Freiheit dieses Volkes anzukratzen. Für immer mehr Amerikaner ist es unbegreiflich, dass Carter diese Gefangenen noch nicht befreien konnte. Und der republikanische Präsidentschaftskandidat Ronald Reagan weiß diese Situation auszunutzen.
Aber der, den wir in Norwegen gern den Schah von Persien genannt haben, stirbt in Kairo nach einer längeren Krankheit.
»Der Blutsauger des Jahrhunderts«, schreiben die Khomeini-loyalen Zeitungen in Teheran.
Die amerikanischen Geiseln, die gegen den Schah ausgetauscht werden sollten, sitzen noch immer in Gefangenschaft.
Inzwischen ist es August 1980. An einem ganz anderen Ort, im Hotel Dorchester in der Park Lane in London, ist der 54 Jahre alte Schauspieler Peter Sellers auf dem Weg zu seiner Suite, in der er in der letzten Zeit am Drehbuch zu Romance of the Pink Panther gearbeitet hat, seinem sechsten Film über den ungeschickten und sozial absolut unfähigen Inspektor Clouseau. Für eine ganze Generation, der ich selbst angehöre, sind sein Humor und seine Charakterparodien zu einem Teil des Alltags geworden. »Do you have a reum?« ist ein Codesignal für uns alle. Wir haben ihn geliebt, als unsympathischen und vorausblickenden Berater in Dr. Strangelove. Vorher haben wir über seine Verkleidungskünste in After the Fox gelacht, für viele von uns Filminteressierten auf Sandøya vielleicht der beste seiner Filme, nicht zuletzt, wenn er Jean-Luc Godard als Avantgarde-Regisseur parodiert. Wie oft haben wir uns spätabends ins Gesicht gefasst und gesagt: »My bone-structure?«, »Good morning« und alle anderen Repliken in diesem wahnwitzigen, von Italien inspirierten Plot. Peter Sellers war immer bei uns, wenn wir uns gegenseitig unsere sozialen Katastrophen anvertraut haben. »Birdy, nam-nam« war der verbale Schlüssel zu einem schönen Fest. Wir haben uns mit pochender Blase zusammengekrümmt, genau wie der arme indische Filmstatist, den er in The Party parodiert hat, und zueinander gesagt »I like to watch«, wie der Gärtner Chauncey in Being there.
Weiß Sellers das, wie viel er Menschen überall auf dem Globus bedeutete, die seine Filme geliebt haben, die Tränen gelacht haben über seine vielen Schlägereien mit dem Diener Cato, die gesehen haben, wie er über einer Balkonparodie in der Luft schwebt, wie er krüppelhaft mit kurzen Beinen ankommt wie ein Toulouse-Lautrec oder in seinem Burberry-Mantel als Inspektor Clouseau, der seinen Vorgesetzten immer wieder in Gemütsverdüsterung und totalen paranoiden Wahnsinn treibt?
Gerüchte wollen wissen, dass er vor dem Eingang dieses berühmten Hotels zusammengebrochen ist. Aber in den Zeitungen ist die Rede von einem schweren Herzanfall in seiner Suite, nach dem er ins Middlesex Hospital gebracht wurde, wo seine zweite Frau, Britt Ekland, mit ihrer fünfzehn Jahre alten Tochter Victoria und mit Sellers’ vierter Frau Lynne Frederick bei ihm saß, alles vergeblich. »His heart just faded away«, sagte ein Sprecher des Krankenhauses. Seit Jahren wussten die ihm Nächststehenden von Sellers’ schwachem Herzen. Blake Edwards, der Regisseur der Pink Panther-Filme, sagt in einem Interview, dass sie das Gefühl gehabt hätten, Sellers könne jederzeit sterben. Nur zwei Jahre zuvor war Sellers gefragt worden, ob er auf eine persönliche Frage antworten werde. »Natürlich nicht«, hatte Sellers erwidert. Dennoch machte der Reporter weiter: »Meines Wissens hatten Sie einen Herzinfarkt.« Sellers fiel ihm ins Wort und sagte mit einem Lächeln: »Ja, aber damit will ich aufhören. Ich bin schon auf zwei pro Tag runtergegangen.«
Die rechtsextreme Terrororganisation Nuclei Armati Rivoluzionari hinterlegt eine Bombe im großen Wartesaal des Bahnhofs von Bologna. Es ist Samstagvormittag, sehr viele Reisende sind unterwegs. Die Sprengladung zerstört einen Seitenflügel des wuchtigen Bahnhofs. 83 Menschen kommen ums Leben, mehr als 200 werden verletzt. Das Bombenattentat ist der Protest der Neofaschisten gegen die kommunistische Stadtregierung. Während die kommunistische Partei in Norwegen keine Rolle mehr spielt, sind die kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich noch immer relativ stark.
Das Attentat ist das schlimmste in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, und der Bürgermeister der Stadt nennt es ein Verbrechen gegen die Menschheit.
Der Herbst bringt kühle Luft. Einen Hauch von etwas Traurigem, weil ich wieder auf Reisen gehen werde. Dauernde Aufbrüche, die dennoch nicht unwiderruflich sind. Abreisen, zurückkehren. Jemand wartet. Oder wartet sie nicht? Lebt sie ein anderes Leben? Wie gut kennen wir einander eigentlich? Wir sind zusammen, Tag für Tag, streiten uns nicht, lachen viel, merken den Übergang zwischen Arbeit und Muße nicht, können mitten am Tag lange Spaziergänge unternehmen. Die vielen Reisen machen etwas mit mir. Die langen Tourneen, die Hotelzimmer. Ist es etwas Flüchtiges, das mir in diesen Jahren anhaftet? Verändere ich mich als Person? Die Fährfahrkarten und die Flugtickets, die Hotelschlüssel, die Kollegen, das, was wir gemeinsam erschaffen werden, an ganz neuen Orten. Ich muss wieder er schreiben. Er, der reist, wieder und wieder, in dieselben Ortschaften und Städte. Er, der vor den Konzerten in der Garderobe wartet, spürt den Unwillen, jedes einzelne Mal, wenn er auf einer Bühne stehen soll. Die Nervosität, die so tief in ihm sitzt, bis er den Kontakt zum Instrument spürt, dass die Tasten nicht gewandert sind, dass A noch immer A ist und Fis noch immer Fis. Keine zwei Orte sind gleich, keine Stadt ist genau dieselbe. Sie verändern sich zwischen jedem Mal, wenn er aufbricht, verschwindet und zurückkehrt. So, wie er sich selbst verändert, fast unmerklich, von Mal zu Mal. Er kommt nach Stavanger, die neue Ölstadt. Hier hat es angefangen. Sein Sommernachbar Arve Johnsen, allein im Statoilbüro in der allerersten Zeit. Die Ölgesetze von 1971. Dass die nationale Leitung und Kontrolle für jegliche Tätigkeit auf dem norwegischen Kontinentalsockel gewährleistet sein müssen. Dass die Ölfunde so ausgenutzt werden müssen, dass Norwegen so weit wie möglich unabhängig von anderen wird, wenn es um den Import von Rohöl geht. Dass aufbauend auf dem Öl neue Wirtschaftszweige entwickelt werden sollen. Dass die Entwicklung einer Ölindustrie unter Rücksichtnahme auf existierende Wirtschaftszweige und Natur- und Umweltschutz vor sich gehen muss. Dass das Verbrennen von nutzbarem Gas auf dem norwegischen Kontinentalsockel nur für kürzere Versuchszeiträume gestattet ist. Dass Rohöl vom norwegischen Kontinentalsockel in Norwegen an Land gebracht werden soll, mit Ausnahme der seltenen Fälle, wenn gesellschaftspolitische Rücksichten eine andere Lösung nahelegen. Dass der Staat sich auf allen zweckmäßigen Ebenen engagiert, zu einer Vereinheitlichung norwegischer Interessen innerhalb der norwegischen Petro-Industrie beiträgt und den Aufbau einer integrierten norwegischen Ölindustrie mit nationalen und internationalen Zielsetzungen fördert. Dass eine staatliche Ölgesellschaft aufgebaut wird, die die geschäftlichen Interessen des Staates vertreten kann und die eine sinnvolle Zusammenarbeit mit in- und ausländischen Ölinteressen fördern kann. Dass nördlich des 62. Breitengrades ein Aktivitätsmuster gewählt wird, das die besonderen gesellschaftspolitischen Verhältnisse in diesem Landesteil berücksichtigt. Dass norwegische Ölfunde die norwegische Außenpolitik vor umfassende neue Aufgaben stellen können.
Er sieht, dass es in den Straßen noch mehr neue Läden gibt. Das passiert fast gleichzeitig. Neue, etwas feinere Restaurants werden eröffnet. Alles wird von Mal zu Mal etwas feiner. Er geht in einen dieser Läden und sieht zu seiner Freude, dass er von Größe 36 auf 32 hinuntergegangen ist. Obwohl, in 32 gibt es nur sehr wenige Marken, die er am Leib haben mag. Er steht in der Umkleidekabine und betastet das Fett an seinem Bauch, das doch nie ganz verschwindet, auch wenn die Rippen jetzt auf andere Weise sichtbar sind als vorher. Er nimmt am Oberkörper schneller ab als an den Beinen. Das irritiert ihn. Muss er auf 70 Kilo heruntergehen, um die Beine zu bekommen, die er sich wünscht? Er schafft es nicht, abzunehmen, kann auf das Essen nicht verzichten. Er isst nicht mehr als andere Leute, aber doch zu viel, um dünner zu werden. Deshalb muss das Essen wieder heraus. Dass er so viele Jahre damit verbringen sollte, seinen eigenen Körper zu überlisten! Manchmal vergisst er sich, steht in der Künstlergarderobe und betrachtet sich von der Seite im Spiegel, während er sich die Hand auf den Bauch legt. Einmal hat ihn dabei eine Künstlerin gesehen, die mit ihm zusammen auftreten sollte. Hat er da ein Kichern gehört? Er errötete heftig, aber sie sagten beide nichts. Einmal, in Oslo, saß er am Flügel und gab ein Konzert. Plötzlich, mitten im schwierigsten Stück dieses Konzerts, merkte er, dass er sich übergeben musste. Es kam so plötzlich und unerwartet. Als ob sein Körper glaubte, er habe den Finger in den Hals gesteckt. Er wandte sich abrupt vom Publikum weg, fast wäre ein heftiger Strahl aus ihm herausgebrochen. Was in aller Welt sollte er tun? Er schluckte, schluckte, schluckte. Das durfte nicht passieren! Er dämpfte den Strahl. Es kam nur ein Aufstoßen, wie bei einem Säugling. Er musste weiterspielen. Aber als er sich zum Applaus erhob, verbeugte er sich seitlich und ging in der entgegengesetzten Richtung von der Bühne und nicht in der, aus der er gekommen war. Niemand sollte ihn so sehen, mit seiner eigenen Kotze, die ihm über Schulter und Arm lief.
15.
Pauls Stimme am Telefon.
»Cornelis ist in der Stadt. Er möchte dich treffen.«
Ich war gerade nach einer einwöchigen Tournee nach Sandøya zurückgekehrt. Ich hatte Essen für die nächsten drei Tage mitgebracht. In Oslo gab es neue Geschäfte für Lebensmittel, die in Tvedestrand nicht aufzutreiben waren. Pasta Pronto in Pilestredet. Olivenöl in den Regalen. Tomatensoßen. Basilikum. Ein Duft von Italien. Wir müssen irgendwann mal nach Italien fahren, sagen wir zueinander. Sehen, wie es da so ist.
Die lange Autofahrt zurück nach Oslo. Die Kassetten als Trost. Das Gefühl, dass etwas überhaupt nicht stimmt. Dass alles eines Tages zusammenbrechen wird. Die plötzliche Sehnsucht nach Wein.
Pauls hat Decibel Booking aus einem der prachtvollsten Gebäude an der Karl Johans gate in eine der schönen Villen von Homansbyen verlegt. Dort leitet er Management und Plattenfirma, die er zusammen mit seinem Bruder Helge und mit Ole A. Sørlie betreibt. Paul hat ein Gespür für alles, was sich verkaufen lässt. Jetzt erzählt er von den Schlümpfen. Kleine widerliche Fledermausklumpen, die mit Mäusestimmen lustige Lieder singen. Das verkauft sich wie warme Semmeln. Aber Paul ist keiner, der herumläuft und allen erzählt, wie viel Geld er verdient. Er sitzt an dem ehrwürdigen alten Schreibtisch und nuckelt an seiner Pfeife. Eine greifbare Ruhe umgibt ihn. Vielleicht hat er soeben einen der wichtigsten Künstler für das Kalvøyafestival des nächsten Jahres verpflichtet. Vielleicht ist es Bob Dylan. Van Morrison. Was weiß ich.
»Danke, dass du gekommen bist«, sagt er.
»Ich muss mich doch bedanken.«
»Das weißt du noch nicht. Aber jedenfalls ist Cornelis hier und will mit dir reden.«
»Wo ist er?«
»Im Lorry unten im Parkvei. Da wartet er auf dich. Geh hin.«
»Kommst du nicht mit?«
»Nein, dieses Gespräch müsst ihr allein führen. Ich buche Konzerte und bringe Schallplatten heraus. Ihr schreibt Lieder.«
Ich gehorche. Draußen weht Wind. Er ist Oktober. Die Laubbäume lassen ihre Blätter fallen. Ein Hauch von etwas, fast wie eine Vorwarnung, auf den Trottoirs zwischen den Villen in der Oscarsgate.
Er sitzt am hintersten Tisch vor der weißen Mauer. An diesem Ende des Lokals ist sonst niemand. Er sitzt dort und trinkt still vor sich hin. Wein und Schnaps, ich weiß nicht, welchen. Er strahlt eine Einsamkeit aus, die jeden normalen Menschen sofort aus seiner Nähe vertreiben würde. Gerade jetzt ist er ein sinkendes Schiff, ohne Passagiere, aber mit einer Mannschaft: ihm selbst. Im Boden des Bootes klafft ein Leck. Wasser sickert vom Bug her herein. An Bord gibt es keine Rettungswesten. Kein Funkgerät. Das hier ist ein vorherbestimmter Schiffbruch.
Aber warum sinkt er, frage ich mich, als ich mich ihm gegenüber setze. Als wir Leve Patagonia eingespielt haben, haben wir fast nicht miteinander geredet. Als ob er so wenig mit mir zu tun haben wollte wie möglich. Er wollte vergessen, dass ich diese Lieder geschrieben hatte. Er wollte sie singen, als ob sie von ihm selbst stammten. In diesem Moment herrschte im Studio eine fast feindselige Stimmung. Aber als er ans Mikrofon trat und ich in den Kontrollraum ging, entspannte er sich. Hatte es ihm gefallen, dass ich durchaus Einwände vorbrachte? Dass ich um drei Einspielungen bat, dazu einige Korrekturen? Dass ich nicht der gutgläubige Trottel war, für den er mich gehalten hatte? Dass ich Ideen hatte, Vorschläge für Phrasierungen? Dass er nicht über die Wörter stolpern durfte. In einem künstlerischen Prozess muss man Selbstvertrauen haben. Es war mein Lied. Ich nahm es zurück, als ich mit dem Techniker zusammensaß. Er hörte zu. Er richtete sich nach meinen Anweisungen. Jetzt kam er zu mir zurück. Hatte an mich gedacht. Paul, unser gemeinsamer Manager, hatte offenbar über mich gesprochen. Vielleicht war ja mit mir noch mehr anzufangen?
Cornelis Vreeswijk wirkte so klein und in sich zusammengesunken, als er dort saß, eine Zigarette rauchte, aus dem Rotweinglas trank und aus dem anderen, aus dem es nach Jägermeister roch. Ich hätte ihn gern gefragt, wie es ihm ging. Aber konnte ich ihm solche intimen Fragen stellen?
»Patagonia hat mir gefallen«, sagt er plötzlich. »Lillemor und Ole haben beide verdammt gute Arbeit geleistet.«
»Ja«, sagte ich.
»Du arbeitest jetzt mit Lillemor?«
Er sieht mich an. Soll ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben? Gibt es Schwierigkeiten zwischen den beiden? Lill sang doch bei ihren Konzerten seine Felicia-Lieder. Ich schaue ihm in die Augen.
»Ja«, sagte ich. »Das hat sehr viel Freude gemacht.«
Er nickt, sagt, vor allem an sich selbst gerichtet: »Das wird ungeheuer verkaufen.«
Mein Magen krampft sich zusammen. »Da bin ich nicht so sicher«, sage ich.
Er nickt. »Nein, man kann nie richtig sicher sein.«
Er scheint abzuschweifen. Ein Zeichen von Müdigkeit? Das Gespräch gerät ins Stocken. Ich versuche nicht, es wieder in Gang zu bringen. Es ist fast, als ob er mich vergessen hätte, wie er da auf der anderen Seite des kleinen Tisches sitzt, einen langen Zug an der Zigarette macht, an meiner Schläfe vorbeistarrt, als wäre er allein.
Ich räuspere mich vorsichtig.
»Ach, richtig!« Jetzt hat er mich wieder entdeckt. »Hamsun«, sagt er. »Knut Hamsun.«
»Ich weiß«, sage ich.
»Was weißt du?«
»Nein, Entschuldigung«, sage ich verlegen. »Ich weiß nicht mehr, als was Paul Karlsen mir gegenüber erwähnt hat, eben, dass du dich mit Hamsun beschäftigst.«
»Ich beschäftige mich nicht mit Hamsun«, sagt er. »Ich will, dass du dich mit Hamsun beschäftigst.«
»Ich?«
Wir reden mehrere Stunden lang. Ich fange ebenfalls an zu trinken. Weißwein. Keiner von uns hat Appetit. Ich weiß, dass er krank ist. Irgendwer hat es mir erzählt. Gibt er nur vor zu trinken? Er bestellt jedenfalls nicht nach. Vielleicht bedeuten die beiden Gläser eine Sicherheit, wie auch die Zigarette. Meine Sicherheit ist der Finger, den ich in den Hals stecke. Aber in den letzten Wochen hatte ich so schlimme Magenschmerzen und so oft unerwartet Brechreiz, dass ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Ist es das, was Todesritt genannt wird? Wenn man sich einen Lebensstil aussucht, der die Innereien ruiniert?
»Der wilde Chor«, sagt Cornelis. »Den solltest du vertonen. Machst du das?«
»Warum machst du das nicht selbst? Niemand schreibt so gute Melodien wie du.«
»Ich vertrockne, verstehst du?«
Ich nicke.
»Aber die Stimme habe ich noch immer«, fügt er hinzu.
Ich kann jetzt meine schmeichelnde Stimme nicht ertragen. Deshalb erzähle ich ihm nicht, dass seine Versionen von Evert Taube und Carl Michael Bellman die allerbesten sind. Dass seine Stimme schon seit vielen Jahren in unserem Haus erklingt, fast jeden Tag, jedenfalls jede Woche.
Aber warum tu ich das nicht? Glaube ich, dass an jeder Straßenecke Leute stehen und ihm Komplimente zurufen?
Das Einzige, was ich sage, ist wie ein Signal unter Verschworenen: »Auf Cajsa Lisas Bett gelegt, am späten Abend.«
Er lächelt. Er weiß, warum ich das sage. Glimmende Nymphe öffnet einen Zipfel des Zeitlosen, als sähen wir plötzlich diese Menschen, die im 18. Jahrhundert in Stockholm lebten und liebten. Er konnte sie so lebendig machen, sie uns zeigen, ihr Begehren, ihre Träume und ihre Armut.
Für Cornelis Vreeswijk Hamsun-Lieder schreiben? Egal, für wen ich schreibe, ich schreibe für Ole. Aber vielleicht wäre es doch möglich?
»Es ist jedenfalls eine große Ehre«, sage ich.
»Hör auf mit dem Blödsinn«, sagt Vreeswijk abwesend, als habe er gar nicht richtig zugehört. »Hamsun, verstehst du? Was will mein Herz, was will mein Fuß? Jedes Dilemma des Lebens. Wann wird man ein großer Dichter? Wenn man schreibt, um zu überleben.«
König Olav fährt auf Staatsbesuch nach Finnland. Er nimmt Außenminister Knut Frydenlund mit.
Zu Hause in Oslo betritt Jens Evensen das Rednerpult bei der Norwegischen Industriearbeitergewerkschaft. Vor einem Jahr wurde er im Außenministerium zum Botschafter und Berater für Völkerrecht ernannt. Jetzt lanciert er die Vorstellung einer atomwaffenfreien Zone im Norden. Einer isolierten kernwaffenfreien Zone, die von den Atommächten respektiert werden würde.
Es ist eine Rede, die alle Friedensbewegten und die ganze Linke begeistert aufnehmen. Vater ist hingerissen. Was ist an diesem Evensen, der Außenminister Frydenlund in den Wahnsinn treibt und bewusst mit der offiziellen Politik der Regierung bricht? Was sorgt dafür, dass er im Jahr darauf beim Kongress der Sozialdemokratischen Partei Unterstützung findet?
Während ich schreibe, muss ich denken: Fängt es hier eigentlich an? Die norwegischen Nachrichtendienste wissen bereits, dass Berge Furre von der linkssozialistischen Partei SV in engem Kontakt zum KGB-Obersten Stanislaw Tschebotok steht. Sie wissen bereits, dass sich Einar Førde und Arne Treholt mit ihrem engen Kontakt zu sowjetischen Diplomaten und Politikern in einer Grauzone bewegen. Vertreten sie die Sache der Sowjetunion? Untergraben sie das Fundament des westlichen Verteidigungsbündnisses? Als Evensens rechte Hand Arne Treholt im selben Jahr zusammen mit dem wichtigen sozialdemokratischen Politiker Thorbjørn Jagland das Buch Atomwaffen und Sicherheitspolitik redigiert, hören alle NATO-Anhänger bedrohliche Signale. Warum verlangt Evensen nicht, dass auch die sowjetischen Atomwaffen auf Kola und in der Ostsee verschwinden sollen? Soll Norwegen zu einem Teil der Sowjetunion werden? Sollen wir jetzt Brotkrusten essen und Wodka trinken? Sollen wir die E-Gitarre durch die Balalaika ersetzen? Sollen wir alle auf dem Youngstorg im Gleichschritt marschieren, umringt von sowjetischen Panzern, und dabei Die Internationale singen? Der norwegische Komiker bringt diese amerikanisierte Angst zur Sprache, als er zusammen mit Totto Osvold im NRK über Iwan und die Pusztabande spricht. Das ist der Kommunistenhasser in einem Format, das selbst Kommunistenhasser zum Lachen bringen kann. Vater und ich liegen keuchend auf dem Boden.
Ich denke an Amalie, die mir die ganze Zeit fehlt. Meine Klavierlehrerin. Meine Freundin. Die mir so viel bedeutet hat und die ich einmal sogar heiraten wollte, obwohl sie älter ist als meine Mutter. Aber wir finden nicht mehr zueinander. Ich will sie nicht mit Musik quälen, die sie nicht interessiert, und ich will sie nicht an ihre Erwartungen an mich erinnern. Jetzt lese ich ihren Bruder, den Kriegshelden und General Johan H. Christie, der zu dem Buch von Treholt und Jagland beigesteuert hat. Er, der am 13. April 1940 an den Kämpfen bei Kongsvinger beteiligt war, der auf Skiern durch dieses gewaltige Waldgebiet nach Westen zum Mjøsa lief, in der Hoffnung, die norwegischen Widerstandstruppen zu finden, nur um feststellen zu müssen, dass sie kapituliert hatten. Er, der zu General Otto Ruge in Målselv in Troms geschickt wurde, wo Ruge & Co die gewaltige Begabung der Sängerin Aase Nordmo Løvberg entdeckten. Er, der am 7. Juni König Haakon und die Regierung auf dem Kreuzer Devonshire nach Schottland begleitete. Er, der dabei war, als Little Norway gegründet wurde, das Trainingslager für Flieger im kanadischen Toronto, ehe er nach London versetzt wurde, um die norwegischen Jagdgeschwader aufzubauen. Weil ich immer von Evensen überzeugt war und gesehen habe, wie die 200-Meilen-Zone an der norwegischen Küste, wo ich regelmäßig auf Tournee war, Bedeutung gewann, hörte ich immer besonders aufmerksam zu, wenn er in den Nachrichten zu Wort kam. Viele Jahre lang war er auch Vaters Held gewesen. Er behielt die skeptische Einstellung der NATO gegenüber, die eine Voraussetzung dafür war, in den sechziger und siebziger Jahren überhaupt der norwegischen Linken anzugehören. Und wer waren diese Menschen, die es wagten, von atomwaffenfreien Zonen zu fabulieren? Christie hatte in der Schwadron 35 gedient. Er hatte Bomben über Deutschland abgeworfen. Sein erster Einsatz über dem Ruhrgebiet endete damit, dass sein Flugzeug mit großen Löchern in Tragflächen und Rumpf und mit einem in Fetzen geschossenen hydraulischen System nach England zurückkehrte. Christie, einer unserer höchstdekorierten Kriegshelden, mit dem Kriegskreuz mit Schwertern, der St. Olavs-Medaille mit Eichenlaub und dem Distinguished Service Order und dem Order of the British Empire, schreibt jetzt: »Wenn ich an die Waffen denke, die wir damals benutzt haben (1940–45) – die pure Steinzeitausrüstung verglichen mit dem, was uns jetzt zur Verfügung steht –, und wenn ich dann versuche, mir vorzustellen, wie Europa nach einem Dritten Weltkrieg aussehen würde, der durchaus nicht undenkbar ist – dann überkommt mich eine tiefe Verzweiflung.« Christie wird zu einem der wichtigsten Akteure in der Organisation Generäle für den Frieden/Generäle gegen Atomwaffen werden, ohne zu wissen, dass er viele Jahre später beschuldigt werden wird, in einer Verbindung zur Stasi und zum KGB-Stützpunkt in Karlshorst in Ostberlin gestanden zu haben. Ja, alle diese profilierten Personen, die jetzt gegen Atomwaffen kämpfen, wissen nicht, dass sie als Spione für die Sowjetunion und die DDR stigmatisiert werden sollen, dass die gesamte Partei SF, die spätere SV, beschuldigt werden wird, üble Kontakte gepflegt zu haben, wodurch am Ende bewiesen werden soll, dass die gesamte norwegische Friedensbewegung der vergangenen zwanzig Jahre eigentlich von der von Moskau finanzierten und zutiefst verdächtigen Organisation Weltfriedensrat gelenkt worden sei.
»Ach was?«, hätte Vater gesagt, wenn er damit konfrontiert worden wäre. »Und wie viele Milliarden schießen die USA dazu? Sind alle Initiativen aus dem Osten von Natur aus falsch? Und was ist mit der Rüstungsindustrie? Wer verdient daran am meisten?«
Atomwaffenfreie Zone im Norden?
Niemals war die Linke innerhalb der norwegischen Sozialdemokratischen Partei so naiv, so wahnsinnig, gesehen mit den Augen von USA und NATO.
Ronald Reagan. Wir sehen ihn jetzt immer häufiger im Fernsehen. Er ist nicht Johan Christie. Er ist nicht über Deutschland geflogen, um sein Land zu verteidigen. Ein halbes Jahr zuvor hätte niemand es für möglich gehalten, dass ein zweitrangiger Schauspieler den amtierenden Präsidenten herausfordern könnte. Ich sitze zusammen mit Vater im Frognervei in der Küche, wie in alten Tagen. Wir wissen nicht alles, was wir später über Reagan erfahren werden, dass er in den Vierzigern in Hollywood als Gewerkschaftsführer Karriere machte, dass er in enger Verbindung zur MCA stand, der Music Corporation of America, seiner früheren Arbeitgeberin. Dass einige seiner mächtigsten Freunde in der amerikanischen Filmindustrie mit der Mafia in Chicago unter einer Decke steckten, dass die Gewerkschaften in einer von Streiks getroffenen Industrie korrupt waren. Dass die Vertrauensleute die Mafia anriefen, um zu fragen, welchen Preis sie verlangen sollten, damit eine Filmproduktion vom Stapel laufen könnte, ohne Unruhen bei der Belegschaft. Wir wussten nicht, dass die MCA eine wichtige Unterstützerin war, als Reagan zum Gouverneur von Kalifornien gewählt wurde. Wir wussten auch nicht, dass Staatsanwälte versetzt und geplante Prozesse wegen Korruption eingestellt werden würden, sowie Reagan an die Macht gekommen wäre.
»Jimmy Carter ist ein honoriger Mann«, erklärt Vater energisch.
»Aber die Geiseln aus dem Iran hat er nicht nach Hause holen können.«
»Was ist das für ein Argument? Die Welt ändert sich. In der Außenpolitik haben die USA gezeigt, dass sie keine Mittel scheuen. Die Diktatoren in Lateinamerika können sich bei ihnen bedanken. Carter wird feige genannt, nur weil er nicht aggressiv ist. Ich verstehe die Welt nicht mehr.«
Und ich sehe es ihm an. Dass sich ein neues Alter in seinem Gesicht festgesetzt hat. Ein Alter, das ich noch nie gesehen hatte, das nicht mit der Anzahl der Falten zusammenhängt, sondern vor allem mit dem Blick, einem Funken, der fehlt, einer Mattigkeit in der Haut, bei der ich an Leder denken muss. Und dann muss ich auch an Tante Svanhild denken, die allein in ihrer Wohnung sitzt und uns auf diesem Weg weit voran ist. Sie ist dort angelangt, wo der Wald dichter wird, wo die Schatten die Sonne verdecken. Vielleicht denke ich an das Gedicht von Halldis Moren Vesaas. Halldis, die mir immer so nahekommt, wenn wir für Aschehoug auf Tournee gehen. Die geschrieben hat: »Mein Wort soll danke sein / mein Weg biegt ab / und wird getrennt von deinem / biegt ab in ein Land, wo aller Schmerz rein ist / und das Antlitz des Todes mild.«
»Ich fürchte mich jetzt vor der Welt«, sagt Vater plötzlich.
16.
Seit Wochen warte ich schon auf Nachrichten aus Schweden. Tor Marcussen von Aftenposten ruft an und möchte ein Interview mit Lill Lindfors und mir in Verbindung mit der neuen LP, die nun gleichzeitig in allen nordischen Ländern veröffentlicht werden soll. Es ist schön, Lill wiederzusehen. Sie wirkt noch immer so begeistert von dem Projekt, aber im Gespräch mit Andreas Burman wird mir klar, dass Warner/ Metronome ihre Erwartungen heruntergeschraubt haben. Das hier sind nicht gerade die neuen ABBA. Nun hat auch die Marketingabteilung die Lieder gehört. Natürlich sind sie zu introvertiert, denke ich. Außerdem schreibe ich keine Melodien, die gleich beim ersten Hören haften bleiben. Sie brauchen Zeit. Sie sind zu rätselhaft. Aber wie soll man sich in der Welt der Popmusik Zeit verschaffen? Drei Minuten hier und drei Minuten da, in Konkurrenz zu allen anderen, die einen Platz in den Hitlisten anstreben.
Aber Lill lässt sich nichts anmerken.
»Ich bin verdammt stolz auf diese Scheibe«, sagt sie zu Tor und umarmt mich.
Später sehe ich die Bilder in den Zeitungen.
So dünn war ich noch nie.
Ich muss es der Anderen erzählen. 10 000 Exemplare ist nicht schlecht, aber Millionär wird man nicht davon. Wir hatten ohnehin nicht nach Holmenkollåsen ziehen und uns eine Villa mit Swimming Pool zulegen wollen. Ich sitze auf dem Plumpsklo auf Sandøya und denke, dass ich immer hier wohnen will. Ich darf das niemals vergessen. Darf mich nie in etwas anderes verirren, etwas Idiotisches, wie es so viele meiner Kollegen bereits getan haben. Will an diesem Leben festhalten. Muss daran festhalten. Und im Garten wächst Grünkohl. Ich habe sogar Kartoffeln ausgemacht.
Wieder zurück. Nichts ist wie das hier. Nichts. Ich muss das denken. Muss es spüren.
Ich gehe über den Hofplatz zu Tore. Ich höre, dass er im Wohnzimmer sitzt und Trompete bläst.
»Störe ich?«, frage ich.
»Nimmermehr«, sagt er und blickt mich fragend an.
»Siehst du den Sternenhimmel?«
Er macht einige Schritte in die Dunkelheit.
»Ach, meine Güte.«
»Weißt du noch, in alten Tagen?«
»Wie meinst du das?«
»Du bist mit mir mit der Schnicke nach Båen gefahren. Und noch weiter hinaus. Und da draußen hast du den Motor ausgeschaltet. Weißt du noch?«
»Klar, weiß ich noch.«
»Wir haben uns im Boot auf den Boden gelegt und zu den Sternen geschaut. Wir haben die Wellen unter uns gespürt. Weißt du noch, was wir gesehen haben?«
»Dass wir mitten in der Zeit waren. Unserer eigenen Zeit.«
»Genau.«
Tore lächelt. »Dann zieh dir was an. Jetzt ist es kalt draußen auf dem Meer.«
In den USA sind Präsidentschaftswahlen. Ich werde in der Bar des Doktor Holms Hotell in Geilo auf einem weißen Flügel spielen. Die liebenswürdige Direktorin. Obwohl ich eigentlich gar nicht weiß, wem das Hotel gehört. Jedenfalls nimmt sie mich herzlich auf, als wäre ich einer ihrer Stammgäste aus Vestre Aker.
»Hat der Herr Pianist bereits gespeist?«
»Ich speise gern nach dem Konzert«, sage ich.
»Wir haben Rentier von der Hardangervidda auf der Speisekarte«, sagt sie und zwinkert mir zu. »Und vielleicht eine Flasche guten Burgunder?«
»Da sage ich nicht nein.«
In der Welt passiert etwas. Etwas Wichtiges. Das Land, das sich stolz als beste Demokratie der Welt betrachtet, setzt alles auf einen Mann, gibt ihm mehr Macht als jedem anderen auf der Welt. Carter gegen Reagan. Liegt es nur daran, dass wir ein neues Jahrzehnt begonnen haben, dass ich das Gefühl habe, an einem Kreuzweg zu stehen, dass sich etwas ändert, dass die Menschen sich ändern. Als die siebziger Jahre anbrachen, war ich so jung. Ich hatte das Gefühl, dass wir eine enorme Freiheit besaßen. Unser einziges Problem war, wie wir sie nutzen sollen. Jetzt hatten wir sie genutzt, jetzt hatten wir gewählt. Obwohl ich immer noch nicht entschieden habe, was ich werden will. Ich mache Musik und ich schreibe, genau wie früher. Ist es nicht bald an der Zeit, Lokführer bei der Bergenbahn zu werden?
Aber in der Welt sind nicht alle auf die gleiche Weise frei. Die Jagd nach dem Geld ist jetzt deutlicher. Man darf sein Leben nicht mit Jazz, Liedermacherei und Romanen verplempern. Man braucht Kapital, größere Häuser, schnellere Wagen, Geld auf dem Konto. Zurück zu Smokings, weißen Hemden und Fliegen. Lebwohl Sigrun Berg und die lila Schals. Eine neue Zeit zieht herauf. Die jungen Schnösel im Anzug. Young Aspiring Professionals? Einige sitzen bereits in dem Bereich der Bar, wo der Flügel steht. »Wolltest du nicht immer schon Barpianist werden, Ketil?«, fragte Paul, als er mich wegen dieses Auftritts anrief. Er wusste nicht, dass er damit fast ins Schwarze getroffen hatte. Meine Rolle finden, als Mussikant zwischen Bier-, Wein- und Schnapsgläser gleiten, Narkosemusik für die Ehrgeizigen spielen. Ihnen I’m in the Mood For Love geben, oder, vielleicht noch besser: Ain’t misbehavin’. Dasitzen wie Fats Waller mit Schuhcreme im Gesicht und dem Gefühl, besser zu sein, es geschafft zu haben. Das war plötzlich so verlockend. Bei der freundlichen Frau Holm ein bescheidenes Zimmer beziehen und zu ihrem festen Barpianisten werden, einem Teil der Einrichtung. 25 Standardstücke einstudieren, mich wieder fett fressen, genau wie die Brauseböcke, die auf die Alm wollten. In Geilo fett werden. Den Verfall einsetzen lassen, das Wohlleben in allen Formen willkommen heißen, am Fenster sitzen und auf die Slalomhänge schauen, wo die Leute auf den Loipen auf und ab jagen, am Ende der Mittagszeit ins Restaurant gehen und die Reste essen, Schweinerippe, Soße und Kartoffeln, wie unbeschreiblich verlockend. Kein neues Dach auf das Haus legen müssen, der Anderen sagen, dass auch sie hier herzlich willkommen ist, dass sie ein aktives Freiluftleben führen kann, sich eine kleine Holzhütte zulegen, wo der Webstuhl steht, dass unsere Beziehung weitergeht, nur in ganz neuen Formen.
»Und in was für Gedanken ist der Herr versunken?«, fragt Frau Holm.
»Wann das Konzert losgehen soll.«
»Das geht jetzt los.«
»Jetzt?«
Sie nickt, ein bisschen traurig. In der Bar sitzen elf Menschen. Vier von ihnen sind offensichtlich Makler oder Investoren. Sie sitzen vor dem teuersten Rotwein und reden leise miteinander, haben Papierstapel auf dem Tisch liegen. Dann sind da zwei wohlhabende Ehepaare, die aus den Häusern in Ustaoset oder den Privatsuiten ganz oben im Hotel hergekommen sind. Die Männer tragen grünkarierte Hosen und blaue Jacken. Die Damen sind entweder lachsrosa oder türkis mit dem schwersten Goldschmuck von David Andersen. Ein Komiker auf dem absteigenden Ast sitzt erschöpft da und trinkt Gin Tonic mit einem viel zu jungen Mädchen aus dem Ort. Er erzählt ihr die ältesten Witze aus der großen Zeit des NRK in den fünfziger Jahren. Beide lachen laut über die Glanznummern von Einar Rose und Arvid Nilssen.
Und dann ist da noch die eine, die dort sitzt, ganz allein.
Ich würde gern zu ihr gehen und sagen, dass das hier kein Konzert von Ole Paus ist, dass es sogar ziemlich langweilig werden wird, dass der Flügel nicht gestimmt ist und außerdem zu stark intoniert. Der Klang ist so formlos wie die Schafswolle, aus der die Hammerköpfe gemacht sind. Aber das tue ich nicht.
Das Konzert beginnt. Ich weiß nie, was ich spielen soll. Drücke auf einige Tasten und lausche. Die Art, wie das Instrument mir antwortet, entscheidet, was es für ein Konzert wird. Wenn das Instrument aggressiv ist, ein wenig hysterisch, überempfindlich, wenn es bespielt wird, versuche ich, es zu beruhigen nach einigen Minuten heftigen Streits. Ist der Flügel, oder ab und zu das Klavier, von der zurückhaltenden Sorte, versuche ich mich respektvoll an einer Art Vertraulichkeit, erzähle Geschichten, die nicht zu anstößig oder nervenaufreibend sind. Aber der Flügel im Doktor Holms ist eingeschlafen. Ich versuche, ihn zu wecken, aber das bringt nichts. Also spiele ich Wiegenlieder. Die passen zu den vier Anzugmännern, die sich lautstark unterhalten. Einer der Wohlhabenden bedeutet ihnen zu schweigen, aber das nutzt nichts. Erst, als ich fast mit Spielen aufhöre, werden sie leise. Stille kann eine effektive Waffe sein.
Danach bleibt die gesamte Zuhörerschar sitzen und trinkt weiter. Nur die einsame Frau erhebt sich und geht mit einem eiligen Danke hinaus in die Novembernacht. Als ich sie verschwinden sah, fragte ich mich: Habe ich etwas vermitteln können? Ist sie mir in dieser Stunde gefolgt? Kannte sie meine Musik bereits? Hatte sie einige von meinen Büchern gelesen? Habe ich ihre Erwartungen erfüllt?
Ich hatte keine Ahnung. Die liebenswürdige Hoteldirektorin setzte mich im Restaurant an einen Ecktisch. Die Rotweinflasche stand da. Das Menü war bereits festgelegt.
»Wo sind die Leute alle?«, fragte ich leicht verwirrt.
»Ach, die sitzen sicher zu Hause vor dem Fernseher. Heute Nacht wird doch Ronald Reagan zum Präsidenten der USA gewählt. Muss man sich mal vorstellen. Nichts wird mehr so sein wie bisher.«
»Wieso das denn?«
»Bildung allein reicht nicht, junger Mann. Man braucht auch Klasse. Hat Ihnen der Flügel gefallen? Toralv Maurstad hat darauf gespielt.«
»Der ist Schauspieler.«
»Ja, aber trotzdem.«
»Der Flügel hat geschlafen«, sage ich höflich. »Ich weiß nicht, ob es ihm recht war, von mir geweckt zu werden.«
»Sie haben fabelhaft gespielt, junger Mann. Das war eines der denkwürdigsten Konzerte in der Geschichte dieses Hotels.«
Ich nahm den Rest der Rotweinflasche mit aufs Zimmer. Zum Glück gab es dort Fernsehen und Radio. Später am Abend und bis in den frühen Morgen würde es Sondersendungen geben.
Magie zu wirken, Alchimist zu sein, aus Nichts Gold zu machen. Das schafften die Hoteldirektorin und Ronald Reagan. Die Begeisterung der Hoteldirektorin griff auf die Gäste über. Sie konnte mir fast einreden, dass ich ein gutes Konzert gegeben hatte.
Aber nun war Ronald Reagan an der Reihe. Nach all dem Rotwein konnte ich mich auf verblüffende Weise mit ihm vergleichen. Dieses Gefühl, das so viele von uns haben: Dass wir niemals wirklich ernstgenommen werden. Die seriösesten und zugleich aufgeblasensten politischen Journalisten trauten ihren Augen nicht, als sie sahen, dass Reagan die Vorwahlen gewann. Aber Himmel? Ist das denn die Möglichkeit? Hat er wirklich …?! Sollte der denn …? Aber Himmel. Aber Himmelarsch!!!
Ja, er hatte. Und im Laufe dieser Nacht sollte er zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden.
Damit war die Ähnlichkeit verschwunden. Reagan würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach ins Oval Office begeben. Ich dagegen im Kino von Sandvika einen Soloauftritt haben.
Und an allem waren diese neunzig Kommandosoldaten schuld. Wussten sie, als sie sich an jenem Tag im April, am Tag vor meinem 28. Geburtstag, in ihre Hubschrauber und Hercules-Flugzeuge setzten, dass das, was sie jetzt vorhatten, darüber entschied, wer in den nächsten vier Jahren im Weißen Haus sitzen würde? Wenn es ihnen gelungen wäre, die Geiseln aus der Botschaft in Teheran zu befreien, hätte in dieser Nacht vermutlich Jimmy Carter den Sieg davongetragen. Was hätte das für die Welt bedeutet, für uns alle? Ich lag im Bett und dachte die großen apokalyptischen Gedanken. Die Übelkeit kam wie eine Mahnung. Natürlich. Ich hatte ja das Kotzen vergessen.
17.
In Ostnorwegen herrschen Kälte und Frost, aber als Anfang Dezember überraschend mildes Wetter einsetzt, fährt er nach Norden, um Menschen zu treffen und dringend nötiges Geld zu verdienen. Das hat er Paul Karlsen zu verdanken. Er wird Solokonzerte in Tromsø, Bodø und Finnsnes geben.
Und im Norden ist es kalt, eiskalt. In Tromsø türmt sich der Schnee in den Straßen. Er wird in der Gaststätte Prelaten spielen. Das kleine braune Klavier. Ohne einen tüchtigen Tontechniker wäre das unmöglich.
Er checkt im SAS-Hotel ein. In Tromsø ist jetzt alles so schön und neu. Die Universität lockt junge Leute an. Ihm graust davor, vor denen zu spielen. Weiß nicht, was er zu bieten hat. Fünf Uhr nachmittags. Draußen ist es dunkel. Er hofft, vielleicht später an diesem Abend am Himmel das Nordlicht zu sehen. Er legt sich ins Bett, lässt die Dunkelheit hereinsickern. Er schläft fast ein.
Im Dakota-Gebäude in der Upper Westside von New York steht die Fotografin Annie Leibovitz in der Wohnung von Yoko Ono und John Lennon und arbeitet an einem Porträt für das Cover der einflussreichen Zeitschrift Rolling Stone. Zu Lennon hat sie gesagt, sie hätte gern ein Porträt von ihm allein, aber er hat darauf bestanden, dass Ono dabei sein soll. Es ist viele Jahre her, dass die beiden sich in ein Bett gelegt haben, im Namen des Friedens, und die Weltpresse zu Besuch kommen durfte.
Lennon ist schon morgens früh aufgestanden. Ehe er zu einem Friseur im Viertel ging, um sich die Haare im Stil der fünfziger Jahre schneiden zu lassen, hatte er im La Fortuna in der 71. Straße gefrühstückt.
Leibovitz bittet Ono, sich auf den Boden zu legen und ihre langen schwarzen Haare wie einen Pfauenschweif um ihr Gesicht auszubreiten. Gleichzeitig zieht Lennon alle Kleidungsstücke aus und legt sich in Embryostellung neben sie, legt die Arme um Onos Kopf und küsst sie auf die linke Wange. Gegen halb vier Ortszeit sind sie fertig mit Fotografieren. Lennon hat bereits vorher dem RKO Radio Network ein Interview gegeben. Jetzt geht das Ehepaar zusammen mit den Radioleuten zu seiner wartenden Limousine. Ono und Lennon wollten zu Record Plant, um das von Ono geschriebene Walking On Thin Ice abzumischen. Vor drei Wochen haben sie das gemeinsame Album Double Fantasy veröffentlicht, wobei Lennons Woman und Beautiful Boy bereits große Aufmerksamkeit erregt haben.
Wie üblich wartet unten eine Handvoll Autogrammjäger. Einer davon ist der 25 Jahre alte ehemalige Wachmann Mark David Chapman aus Fort Worth, Texas. Einige Wochen zuvor ist er nach New York gekommen, um Lennon zu ermorden, hat sich die Sache dann aber anders überlegt. Er möchte Kapitel 27 in J. D. Salingers Roman The Catcher in the Rye mit Lennons Blut neu schreiben. Das Buch ist bereits einer der weltweit meistgelesenen Romane. Die Hauptperson heißt Holden Caulfield, ein ruheloser Junge mit destruktiven Neigungen, der von der Schule Pencey Prep verwiesen worden ist. Wie Chapman fährt er nach New York. Chapman fühlt sich bereits seit Jahren als Versager und hat mehrere Selbstmordversuche geplant. Er hat als Sicherheitswache gearbeitet und einen einwöchigen Kurs gemacht, um als bewaffneter Wächter arbeiten zu dürfen. Auf Hawaii versank er in einer ziemlich tiefen Depression und versuchte, Selbstmord zu begehen, indem er einen Schlauch an das Auspuffrohr eines Autos anschloss, aber der Schlauch schmolz. Später reiste er in sechs Wochen um die Welt, inspiriert von In achtzig Tagen um die Erde, und heiratete eine Angestellte eines Reisebüros, ehe er Arbeit als Nachtwächter in einem Krankenhaus fand und begann, heftig zu trinken.
Er hatte John Lennon früher sehr bewundert, doch seit er zum gläubigen Christen geworden war, kritisierte er Lennon wegen dessen Aussage, er sei »beliebter als Jesus«. In Chapmans Gebetsgruppe wurden Witze über Imagine gerissen. »Imagine if John Lennon was dead.« Chapman zeigte zudem deutlichen Zorn darüber, dass Lennon über Love & Peace reden konnte, wo er Millionen von Dollars auf der Bank, Lustyachten, Landsitze und Grundstücke besaß. Er sah rot, als Lennon dann behauptete, weder an Jesus noch an die Beatles zu glauben: »Wer ist dieser Mann, der sich so respektlos über Gott und den Himmel und die Beatles äußert?« Er entwickelte einen tiefen Hass auf Menschen, die berühmt waren und seine moralischen und religiösen Maßstäbe nicht erfüllten, unter anderem Marlon Brando, Jackie Kennedy, Elizabeth Taylor und Walter Cronkite. Aber Lennon war doch der Schlimmste.
Nun steht Chapman wieder vor dem Dakota-Building. Er hält Lennon sein Exemplar von Double Fantasy hin. Lennon signiert und fragt: »Is this all you want?«
Chapman lächelt und nickt.
Danach fahren Ono und Lennon zum Record Plant-Studio in der West 44. Straße, zwischen der 8. und der 9. Avenue. Ein legendäres Studio, wo Jimi Hendrix Electric Ladyland eingespielt hatte, The Eagles Hotel California, Fleetwood Mac Rumours und Bruce Springsteen Born to Run. Lennon hatte in diesem Studio, das zudem mehr als neun Jahre zuvor die Verantwortung für die Live-Aufnahme des Concert for Bangla Desh im Madison Square Garden getragen hatte, Imagine und Double Fantasy aufgenommen. Sie mischen Onos Walking on Thin Ice ab, auf dem Lennon Gitarre spielt. Später an diesem Nachmittag ruft er seine Tante Mimi in England an, während David Geffen mit Lennon im Studio telefoniert und erzählt, dass Double Fantasy nach nur zwei Wochen in den Charts schon eine goldene Schallplatte geholt hat.
Nach 22 Uhr beschließt Lennon, sich nicht direkt zum Promi-Restaurant Stage Deli in der Nähe der Carnegie Hall zu begeben, weil er zuerst seinem Sohn zu Hause im Dakota-Gebäude gute Nacht sagen will. Das Ehepaar tritt hinaus auf die Straße und merkt, dass es für Dezember überraschend warm ist. Die beiden beschließen, einige Straßen vor dem Dakota-Gebäude aus der Limousine auszusteigen und das letzte Stück zu Fuß zurückzulegen. Als sie das Gebäude erreichen, geht Lennon einige Schritte hinter Yoko Ono. Er hat das Tonband mit der letzten Abmischung unter dem Arm. Es ist 10.52 p. m. Chapman tritt aus den Schatten und nimmt Kampfhaltung an. Er gibt mit seinem Charter Arms 38 Spezialrevolver fünf Schüsse ab. Eine Kugel fliegt über Lennons Kopf in ein Fenster im Dakota-Gebäude. Die anderen treffen, und alle sind tödlich. Zwei dringen in die linke Seite des Rückens ein, die beiden anderen durchschlagen die linke Schulter. Mindestens einer dieser Schüsse trifft Lennons Hauptschlagader, während dieser die sechs Treppenstufen zur Rezeption hochsteigt, ehe er das Tonband loslässt, das nun über den Boden rollt. Lennon ruft: »Ich bin verletzt!« Ein Taxifahrer mit Fahrgast und ein Fahrstuhlfahrer beobachten, was geschieht. Der Portier des Gebäudes, Jay Hastings, aktiviert den Polizeialarm, ehe er Lennon mit seiner blauen Dakota-Uniform bedeckt und ihm die Brille abnimmt. Yoko Ono stürzt herbei und nimmt Lennons Kopf zwischen die Hände, während er flüstert: »Hilf mir.« Hastings hockt neben ihr. Er sagt: »Ist schon gut, John. Das schaffst du.« Vor dem Gebäude entreißt der Türsteher José Perdomo Chapman die Waffe und schleudert sie ins Gebüsch. »Weißt du, was du getan hast?«, schreit er Chapman an. »Ja, ich habe soeben John Lennon erschossen«, antwortet der, zieht Mantel und Mütze aus und fängt an, in seinem Exemplar von The Catcher in the Rye zu lesen, während er auf die Polizei wartet. Ins Buch hat er geschrieben: »To Holden Caulfield from Holden Caulfield. This is my statement.«
Beim Eintreffen der Polizei lebt Lennon noch. Sie sehen, dass er zu schwer verletzt ist, um auf den Rettungswagen zu warten. Sie heben ihn in ihr Auto und fahren ihn zum St. Luke’s-Roosevelt Hospital. Lennon liegt auf der Rückbank, und der Polizist James Moran fragt ihn: »Sind Sie John Lennon?« – »Ja«, flüstert Lennon und versucht, etwas zu sagen, aber es quillt zu viel Blut aus seinem Mund. Die Polizisten hören ein gurgelndes Geräusch. Dann verliert Lennon das Bewusstsein.
Im Krankenhaus wartet Dr. Stephen Lynn, der soeben einen dreizehn Stunden langen Dienst beendet hat. Er kann bei Lennon weder Atem noch Puls feststellen. Zusammen mit zwei weiteren Ärzten, einer Krankenschwester und zwei Hilfskräften versucht Lynn fünfzehn Minuten lang, ihn ins Leben zurückzuholen. Als ihnen das nicht gelingt, sägen sie Lennons Brustkasten auf, um eine manuelle Herzmassage vorzunehmen, sehen aber sofort, dass er so viel Blut verloren hat, dass sie ihn nicht mehr retten können. Wenige Minuten später wird Lennon für tot erklärt. Zeugen berichten, dass augenblicklich All My Loving aus den Lautsprechern des Krankenhauses strömt. Yoko Ono liegt auf dem Gang, schlägt mehrmals den Kopf auf den Boden und sagt: »Oh no, no, no, no … tell me it’s not true!« Eine Krankenschwester bringt ihr Lennons Trauring. Ono bittet das Krankenhaus, mit diesen Ereignissen nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, ehe sie mit dem fünf Jahre alten gemeinsamen Sohn Sean sprechen konnte. »Ich will nicht, dass er durch die Fernsehnachrichten vom Tod seines Vaters erfährt.«
David Geffen führt sie aus dem Gebäude.
Die Polizei nimmt Chapman fest und entdeckt, dass er sich für den nächsten Tag eine Eintrittskarte für The Elephant Man auf dem Broadway gekauft hat, in dem David Bowie die Hauptrolle spielt. Bowie wird später behaupten, der Nächste auf Chapmans Liste gewesen zu sein. Ono/Lennon waren zur betreffenden Vorstellung eingeladen.
Drei Plätze blieben leer.
Ich löse mich langsam im SAS-Hotel in Tromsø aus einem Traum. Sehe auf die Uhr. Erst in einigen Stunden werde ich die Twin Otter-Maschine nach Bardufoss nehmen. Was hatte ich da noch geträumt? Meine Träume waren in der letzten Zeit oft überwältigend, stärker als das Leben selbst. Ich war an einem Badestrand irgendwo am Mittelmeer. Ich erwachte aus einem Traum im Traum. Lag plötzlich da und hob den Kopf, begriff, dass ich die ganze Nacht geschlafen hatte, dass es Morgen war, dass ich nur eine Unterhose trug, fast nackt war, ganz anders als sonst. Dann sah ich plötzlich, wie dünn ich war, genauso, wie ich sein wollte. Ich wollte gerade aufstehen, als ein Schatten über mich fiel, der eines anderen Menschen. Ich hatte das Gefühl, sie zu kennen, dass sie früher einmal eine Freundin gewesen war, aber ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, ich spürte nur einen kalten Windhauch, wie von der Morra aus dem Mumintal, etwas Unheimliches, von einem wunden Punkt in meinem Leben.
»Da liegst du also?«, fragte sie.
»Ja.« Ich hielt verzweifelt Ausschau nach meinen Kleidern. Wie war ich hier gelandet? Ich konnte mich an nichts erinnern. Sie sorgte dafür, dass ich mich schuldig fühlte.
»Ich gehe schon«, sagte ich beschämt.
»Nicht mit diesem Körper«, sagte sie.
»Aber das ist doch mein Körper«, sagte ich. »Ich habe nur abgenommen.«
»Das ist nicht dein Körper«, sagte sie ruhig.
Ich fühlte mich noch immer beschämt, als ich in den Frühstücksraum nach unten ging. So konnte das nicht weitergehen. Ich wurde nicht dünner davon, dass ich den Finger in den Hals steckte. Ich konnte nicht einmal mein Gewicht halten. Mein Körper war die ganze Zeit nervös und im Ungleichgewicht. In den vergangenen Nächten hatte ich mehrmals geträumt, dass ich mich erbrach, dass ich alles erbrach, bis mir am Ende nur Gesicht und Augen blieben.
In diesem Jahr schien mein Selbstvertrauen verschwunden zu sein, der Spielraum war so klein zwischen den Kilos, zwischen Kontrolle und Chaos, zwischen Fiasko und etwas, das einigermaßen gelungen war. Die letzten Konzerte waren keine runde Sache gewesen. Während ich im Frühstücksraum des Hotels saß und ein Stück Knäckebrot verzehrte, dachte ich an das gestrige Konzert. Es war mäßig gewesen. Kein totales Fiasko, aber unkonzentriert, fahrlässig. Dieselben alten Tricks, die Übergänge, die auf einem so kleinen Klavier nicht so gut funktionierten. Der Techniker hatte mir geholfen, hatte hier und da ein paar schöne Klänge darüberlegt, und der Applaus war hörbar gewesen. Ich hatte zwischen den Nummern viel erzählt, wie um mich aus meiner Unsicherheit herauszureden. Sie hatten gelacht, als ich einen Witz von Trond-Viggo geklaut hatte: »Hier ist es aber dunkel, sagte der Knabe. Hier ist das Licht sicher schon vor langer Zeit ausgeknipst worden.« Sie hatten auch gelacht, als ich darüber gesprochen hatte, wie ungenau unsere Sprache jetzt wurde, die vielen Widersprüche, die häufige Verwendung der allernichtssagendsten Wörter, wie irgendwie und eigentlich. Meine Standardeinleitung zu einem Stück, das ich Irgendwie eigentlich ein Blues, hätte ich fast gesagt nannte. Aber danach fühlte ich mich unzufrieden mit mir, und seltsamerweise waren keine Bekannten im Saal, und die schöne Maj mit den langen schwarzen Haaren, die Künstlerbetreuerin, war zu Hause geblieben.
Maj, ja, dachte ich. Ich musste noch bei ihr im Büro vorbeischauen und mein Geld holen. Maj, die alle Künstler in ganz Norwegen kannte, unsere Launen und unsere Schwächen. Und alle liebten sie. Weil sie Maj war. Weil sie und die anderen im Büro wachsam waren und uns Auftritte verschafften.
Ich hatte mich noch immer nicht von dem scheußlichen Traum befreit, als ich eine halbe Stunde später aus dem Hotel auscheckte. Ich wollte schon früh zum Flughafen, um mich dort hinzusetzen und zu schreiben.
Tromsø im Dezember. Dunkelheit in den Straßen. Ich überquerte die Straße vor dem Hotel und ging das kurze Stück bis Prelaten und zum Büro, wo mich Maj erwartete, wie ich wusste. Über meine Schulter hing die graue Schultertasche. In der Hand trug ich den kleinen Rollkoffer, in den Wäsche für genau drei Tage passte.
Als ich an die offene Tür klopfe, sehe ich, dass sie am Schreibtisch sitzt und mit leerem Blick vor sich hinstarrt.
»Maj«, sage ich vorsichtig. »Stimmt was nicht?«
»John Lennon ist tot. Ein Wahnsinniger hat ihn erschossen, gleich vor seiner Wohnung in New York.«
»Ihn erschossen? Wieso denn?«
Sie erhebt sich, erwidert meinen Blick, zuckt mit den Schultern.
»Make love, not war«, sagt sie matt.
In diesem Moment sah ich die Bilder vor mir. John und Yoko, in dem Bett, wo sie ihr Bed-in gestartet hatten. Den Imperativ an Peter Watkins, nachdem er The War Game gedreht hatte, in dem er die Zerstörungen in der Gesellschaft nach einem Atomkrieg zeigt. Was John und Yoko dazu gebracht hatte, sich zu engagieren. John und Yoko. Imagine. Das Schöne zwischen ihnen, das für viele auch ans Lächerliche grenzte. Strawberry Fields Forever.
Das hier ist nicht lächerlich.
Wir stehen hier und haben die Arme umeinander gelegt, unfähig, auch nur ein einziges Wort zu sagen. Ich starre auf das Geld, das mir zustehende Honorar, das auf dem Tisch bereit liegt. Die vielen Geldscheine.
»Was machen wir jetzt?«, fragt Maj endlich.
»Ja, was machen wir jetzt?«, erwidere ich.
1981
18.
Manchmal, wenn Movitz auf seinen Knien liegt, mit scheußlichen Bissen nach nächtlichen Kämpfen mit anderen Katern und doch so friedlich, denkt er, dass sich vielleicht alle wilden Tiere danach sehnen, zahm zu werden. Er dachte an die Enten, die angelaufen kamen, wenn er sie im Frognerpark mit Brot fütterte. Wollten sie eigentlich mit ihm nach Hause kommen? Neben ihm auf dem Sofa liegen und sich streicheln lassen, ein bisschen quaken und dann sicher und geborgen schlafen in einem warmen Zimmer, nachts?
Diese Vorstellung konnte ihn in ihrem existenziellen Ernst überwältigen. Er lag oft im Halbschlaf da und dachte an Tiere. Wie einsam sie sein mussten, draußen in der Wildnis, im ewigen Kampf, um zu überleben und sich fortzupflanzen. Wie groß war die Freude für eine Möwe, wenn sie über den Fjord flog? Oder dachte sie nur daran, dass sie Nahrung finden musste?
Und was war mit den zahmen Tieren? Sehnten die sich danach, wieder wild zu werden? Nach der Freiheit in der Unabhängigkeit? Der Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, die in den Abgrund führten?
Die USA ersuchen Norwegen um die Erlaubnis, auf norwegischem Boden Atomwaffen zu stationieren. Die amtierende Regierung, ja, die große Mehrheit im Parlament, ist einverstanden. Elf Abgeordnete aber sehen das anders.
Was aber nichts hilft.
Die Mehrheit, die das Spektrum von den Sozialdemokraten bis zu den Konservativen abdeckt, sieht keine Probleme darin, dass unsere nächsten NATO-Verbündeten ein an die Sowjetunion grenzendes Land als Depot nutzen, das im Falle eines Krieges von Nutzen sein kann. Die Angst vor der Aggression des Nachbarlandes wächst. An Evensens Vision einer atomwaffenfreien Zone im Norden zu glauben kann uns teuer zu stehen kommen.
»Wir sind wieder bei 1960 angelangt«, sagt Vater. »Damals, beim U-2-Skandal, erfuhr nicht einmal der norwegische Ministerpräsident, was die Amerikaner mit dem Flugplatz in Bodø vorhatten. Und was wissen wir jetzt darüber, welche grauenhaften Zerstörungswaffen da oben im Norden bei nichtsahnenden Bauern und Fischern platziert werden sollen?«
»Oder in Kolsåstoppen«, sage ich.
Es ist der Tag vor Ronald Reagans Amtseinführung als Präsident der Vereinigten Staaten. Ungefähr gleichzeitig werden endlich die amerikanischen Geiseln im Iran freigelassen, nach heftigen diplomatischen Aktivitäten, durch die einige der Milliarden des Schahs, über die die USA verfügen, dem neuen islamischen Regime im Iran zufallen sollen. Die USA versprechen, sich nicht in interne iranische Angelegenheiten einzumischen. Die Geiselaffäre ist für die Amerikaner inzwischen fast von existenzieller Bedeutung. Sie haben an Häusern und Bäumen gelbe Bänder aufgehängt, um ihre Solidarität mit ihren Landsleuten zu bekunden.
Ministerpräsident Odvar Nordli erzählt der norwegischen Bevölkerung, dass seine Gesundheit nachlässt. Er kann die große Verantwortung nicht länger tragen. Es ist offenbar etwas mit seinen Augen. Wenn ich ihn im Fernsehen sehe, denke ich oft an einen treuen Hund. Einen, der niemals aufgeben würde. Ich weiß nicht, wie lange die Sozialdemokraten in aller Heimlichkeit daran gearbeitet haben, eine neue Ministerpräsidentin einzusetzen, die junge Ärztin Gro Harlem Brundtland, die bisher nur Umweltministerin war. Einer der Drahtzieher, Ingjald Ørbeck Sørheim, wird mir diese Geschichte später erzählen. Alles kam so ganz anders, als er erwartet hatte. Aber jetzt, zu Beginn der achtziger Jahre, ist die Begeisterung der Bygdøy-Clique noch groß. Ich wüsste gern, wie viel Kjell Bækkelund mit allem zu tun hat. Und der Möbelhändler aus Jessheim.
Gro Harlem Brundtland.
Unsere erste Ministerpräsidentin. Das ist wichtig, vielleicht das Wichtigste von allem, wenn man die politische Geschichte betrachtet, die sich von den Eidsvollmännern bis in unsere Gegenwart zieht. Aber es ist auch wichtig, dass sie jung ist. Wir hatten so viele alternde Ministerpräsidenten. Gro ist direkt. Man hört es ihrer Stimme an, dass sie sich nicht dieselbe Redeweise zugelegt hat wie ihre Vorgänger, die Parlamentarier, die grauen Arbeitstiere des Storting. Außerdem hat sie Ähnlichkeit mit Mutter, denke ich. Eine offenkundige Ähnlichkeit, durch ihre Locken und das runde und doch energische Gesicht. Ich traue mich nicht, das zu sagen, wenn ich mit Mutter telefoniere. Aber ich merke, wie begeistert sie ist. Nach all diesen Jahren im Schattenland des Feminismus. Endlich eine Frau am Steuerruder! »Das wurde aber wirklich Zeit!«, sagt sie zu mir. Dennoch ist Gro nicht die Freundin aller jungen Leute. Die ehemalige Umweltministerin wird die, die die Verantwortung dafür trägt, dass sich die vielen Alta-Demonstranten oben in Finnmark aneinanderketten und schließlich fortgeschleppt werden bei ihrem letzten verzweifelten Versuch, den Ausbau der Wasserkraft zu verhindern, der schon wenige Jahre darauf als vollkommen überflüssig eingestuft werden wird.
Das wichtigste samische Territorium.
600 Polizisten im Einsatz gegen die Demonstranten.
Ja, es liegt wie eine Düsternis über diesem Winter, so, wie eine Düsternis auf dem ganzen Jahrzehnt lasten wird. Ein Satz bleibt haften: Mit den Erwartungen brechen.
Die sechziger Jahre: das Jahrzehnt der Befreiung. Die siebziger Jahre: das Jahrzehnt der Freiheit. Die achtziger Jahre stehen noch am Anfang. Das Jahrzehnt der Inszenierung. Aber sucht ein Dramaturg der neuen Schule nach einer Hauptlinie, dann wäre es wohl diese: dass so viele mit den Erwartungen brechen.
Meine eigenen Erwartungen?
Physisch bin ich ganz unten, fühle mich aber obenauf. Ich bin ja immer noch dünn. Wenn ich das Bedürfnis danach verspürte, könnte ich ins Noble Dancer im Drammensvei gehen und wen immer ich will zu Champagner einladen.
So gesehen, ist es weit bis Hadeland.
Dort oben gibt es eine Brücke. Sie befindet sich zwischen Leirsjøen und Avalssjøen, oberhalb von Lunner. Samstag, 22. Februar. Ich bin wieder mit Ole auf Tournee. Wir waren überall in Rogaland bis hinauf nach Stord. Am folgenden Tag werden wir in Voss spielen, aber wir haben einen freien Tag in Bergen, im Hotell Norge. Ich denke, dass es eins der letzten Male ist, dass ich so eine landesweite Tournee mit Ole mache. Er ist jetzt so groß durch die Paus-Post und die vielen Revuen. Dennoch hat er zugesagt. Als wir im Grill sitzen und reden, denke ich, dass es vieles gibt, das wir einander nicht erzählen. Sein Leben, ein Wirbelwind aus Verabredungen. Mein Leben, dasselbe, nur nicht dermaßen in der Öffentlichkeit. Am nächsten Tag kommt die Nachricht, dass zwei junge Männer von 19 und 23 Jahren auf einer Brücke in Nannestadskogen erschossen worden sind. Die beiden Täter wissen nicht, dass die Polizei sie bereits umzingelt hat, denn einer der Ermordeten war bereits vernommen worden und hatte geplaudert. Die Morde geschehen, damit nicht bekannt wird, was wirklich vor sich geht in Norwegens Germanischer Armee, bei der Heimwehrjugend und bei der regulären Heimwehr. Fünf Jungen. Einer von ihnen nicht anwesend bei der Hinrichtung auf der kleinen Brücke. Dennoch wird er verurteilt. Die Toten waren an einem Diebstahl aus den Waffenlagern der Heimwehr beteiligt. Der Abwesende, möglicherweise das Gehirn hinter den Morden, hatte Angst, die beiden Jungen könnten zur Polizei gehen.
Februarnacht in Hadeland. Zuerst verpasst Johnny Olsen den Opfern mit einer Pistole einen Nackenschuss. Danach schießt John Charles Hoff mit einer MP40. Insgesamt werden 29 Schüsse abgegeben. Auf Malmøya bei Oslo sitzt Espen Lund. Er wird am Ende zu achtzehn Jahren Gefängnis verurteilt werden, die gleiche Strafe, die Olsen bekommt wegen Beihilfe zum Mord. Hoff bekommt nur zwölf Jahre.
Als Olsen und Hoff versuchen, den Tatort im Auto zu verlassen, sehen sie die erste Polizeisperre. Sie schaffen es, daran vorbeizufahren, und schießen scharf. Nun folgt eine wahnwitzige Verfolgungsjagd, bis die beiden Mörder mit ihrem Wagen im Schnee steckenbleiben.
Ich denke an die zwei in Truman Capotes Kaltblütig. Ich denke an Oles Lied über Neonazis, das eine Einladung zum Dialog mit den Extremisten war, was aber dazu führte, dass er fast von der Bühne gebuht worden wäre. Ich denke daran, wie jung sie sind, 18, 19 und 20. Der in der Mitte wird als der Stratege bezeichnet. Der Wichtigste.
Es gibt einen Menschen hinter all diesen Untaten. Aber Norwegen war seit vielen Jahren nicht im Krieg. Diese Morde auf einer einsamen Landstraße in Hadeland schockieren die ganze Nation. Wer sind diese Jungen, die einander in Bekkelaget in der Jugendorganisation der Heimwehr kennengelernt haben, die sich Norwegens Germanische Armee nannten? Der mit der Hütte auf Malmøya besitzt militärische Erfahrung. In der Armee hat er es bis zum Sergeanten gebracht. 1980 war er sogar in einer Garnison in Finnmark als Ausbilder an der Waffe tätig.
Ausbilder an der Waffe? Mit neunzehn Jahren? Der Älteste war Hoff. Zwanzig Jahre, als es passiert ist. Er ging aufs Nissen, das Gymnasium, das auch ich drei Monate besucht hatte, ehe ich ausgestiegen war. Frognerjunge. Ich habe ihn garantiert oft im Lebensmittelladen im Elisenbergvei gesehen.
Dann haben wir Johnny Olsen. Lagerarbeiter aus Haugerud. Der in die Waffenlager der Heimwehr eingebrochen war und so viele AG3-Gewehre und solche Mengen an Dynamit gestohlen hatte, dass er Espen Lund anrufen und um Rat bitten musste. Der Prozess gegen die drei Jungen wird einen einzigartigen Einblick in die aktuelle Neonaziszene ermöglichen. Plötzlich ist die Familienhütte von Espen Lund auf Malmøya vollgestopft mit Waffen und Sprengstoff. Olsen und zwei Gehilfen bei den Diebstählen sind das schwache Glied. Die wissen, dabei waren und singen können. Denen Geld versprochen worden war, wenn die 43 Gewehre verkauft wären. Die sich die Sache anders überlegten und das Geld sofort wollten. Plötzlich hatte sich Oslo in Chicago verwandelt. Die Waffen konnten in so kurzer Zeit ohnehin nicht verkauft werden. Aber was, wenn die beiden Helfer bei der Polizei plauderten?
Der Mordplan wogt auf wie Novemberflut im Bunnefjord. Den beiden Helfern wird erzählt, dass die IRA möglicherweise Interesse daran hat, einige der gestohlenen Waffen zu übernehmen, und dass die Jungs mit zur Übergabe kommen müssten, dann könnten sie ihr Geld an Ort und Stelle bekommen.
Hadeland.
Johnny Olsens Territorium. Er kennt diese Wälder und Wege seit seiner Kindheit. Der Plan ist fertig. Olsen wird die nichtsahnenden Jungen aus dem Auto steigen lassen und mit einem Genickschuss töten, wie das mit zum Tode Verurteilten in China passiert. Hoff wird später sagen, seine Aufgabe sei es gewesen, Schmiere zu stehen, dass Lund ihn jedoch gebeten habe, danach Olsen zu töten. Olsen habe zu oft auf eigene Faust gehandelt. Die Waffen- und Dynamitdiebstähle waren nicht Lunds Idee. Plötzlich hat sich Olsen in eine Bedrohung für Lund und Hoff verwandelt. Und Bedrohungen gibt es wirklich schon genug. Hoff wird erzählen, dass Lund bereits gedroht habe, ihn und seine Familie umzubringen, wenn er sich nicht anständig benimmt. Sein Großvater sei schließlich ein richtiger Nazi gewesen.
Sie wissen nicht, dass die Polizei bereits informiert ist. Dass sie in den tiefen Wäldern postiert sind und auf den Mazda warten, der auf dem Riksvei 4 durch Nittedal und weiter nach Lunner hoch unterwegs ist, wo der Wagen an den steilen Hängen in Richtung Gardermoen im Osten abbiegt.
Es ist mitten in der Nacht, und das Thermometer fällt auf minus 20. Außerdem weht ein scharfer Wind.
Aber es gibt unterschiedliche Pläne. Olsens Plan ist nicht wie der von Hoff. Olsens Plan sieht vor, den Wagen in der Nähe der Brücke anzuhalten und danach um die Kurve zu gehen, gewissermaßen auf die fiktiven IRA-Leute zu. Dann sollte er zurückkehren, die beiden nichtsahnenden Jungen aus dem Auto holen und sie sofort erschießen. Hoffs Plan sieht dagegen vor, Olsen mit seiner eigenen, deutschen Maschinenpistole zu stoppen und die Jungen zu retten.
Wer sagt die Wahrheit? Plötzlich ist das nicht mehr wichtig.
Olsen schießt zuerst.
Der eine Junge hat das Gesicht nach oben gedreht. Das Blut fließt, färbt den Schnee rot. Der andere ist nicht tot. Olsens Pistole klemmt. Hoff wird befohlen zu schießen.
Er schießt.
Sie ziehen das Opfer zur Brücke. Sie hören, dass auch der andere nicht tot ist.
Die Geräusche eines sterbenden Jungen.
Er schießt wieder. Viele Male.
Das Geräusch ist noch immer da.
Über das Geländer mit ihnen. Hinab in den Fluss.
Aber das schaffen sie nicht, trauen sie sich nicht?
Sie verlassen den Tatort in wildem Tempo.
Am Ende des Waldweges wartet ein Auto. Sie jagen hinterher. Hoff erkennt den Wagen. Er hat ihn gesehen, als sie in den Wald abgebogen sind.
Olsen und Hoff allein in einem Mazda 626. Diesmal fährt Hoff. Der vorige Fahrer liegt tot auf einer Brücke zwischen Leirsjøen und Avalssjøen. Im Rückspiegel kann er sehen, dass sie von mehreren Autos verfolgt werden. Streifenwagen. Was glauben sie? Dass die IRA in den Wäldern von Hadeland gewartet hat? Was können die Jungen gesagt haben?
Hoff behält das hohe Tempo bei. Olsen sitzt mit den Waffen auf der Rückbank. Erst, als sie Gjelleråsen passieren und den Trondheimsvei erreichen, entdeckt er die Schützen, die bei der Straßensperre warten. Er kollidiert fast mit jemandem, der versucht, eine Nagelsperre auszurollen.
Olsen kurbelt das Rückfenster herunter und fängt an, wild um sich zu schießen. Bald hat er keine Munition mehr. Aber Hoff reicht ihm vom Vordersitz her Nachschub.
Ich sitze in Westnorwegen und lese zusammen mit Ole die Zeitungen. Wir schweigen. Wir lesen über die Liquidierungen, über die wahnwitzige Verfolgungsjagd, über die Festnahme von Olsen und Hoff im Odvar Solbergs vei in Romsås, wo die Jagd ein Ende nimmt. Wir lesen über Olsen, den die Polizei zurück zum Tatort bringt, während gleichzeitig Espen Lund auf Malmøya festgenommen wird. Auch seinen Vater verhaften sie, denn in Hütte und Wohnhaus werden Waffen gefunden. Naziuniformen und allerlei Requisiten aus Kriegstagen, als der Vater NS-Mitglied war, werden beschlagnahmt.
Ich präge mir eine kleine Notiz ein: Dass eine Namensliste von Personen mit Verbindungen zur Linken beschlagnahmt wurde.
Ole sitzt auf der anderen Seite des Frühstückstisches und schaut mich über seine Brillengläser an.
»Auch das ist Norwegen«, sagt er lakonisch.
Sicher, denke ich, unser Land, in diesem Moment.
Sandøya schien plötzlich so weit weg zu sein. Die Idylle. Die bewusste Idylle. Die wir beide wollen, die Andere und ich. Als wäre jede neue Vase, jedes neue Bild, jede neue kleine Seifenschale im Badezimmer ein weiterer Stein in der Mauer, auf dem Weg zu einem Schutz. Aber Schutz wovor?
Viele Jahre später treffe ich Hoff im Gefängnis Ila. Ich weiß jetzt so viel über ihn, nach all den Zeitungsartikeln. Ich weiß, dass er der Sohn eines Jazzmusikers ist, des Schlagzeugers Karl Otto Hoff. Er spielt selbst. Wir unterhalten uns angeregt miteinander. Sein Vater war bei der Big Chief Jazzband. Der Bandleader war der Klavierhändler und Posaunist Gerhard Aspheim. Ich erzähle Hoff von Onkel Aage, der ebenfalls einen Klavierladen hatte, in der Universitetsgate. Er und Gerhard waren eng befreundet und oft hatte ich in Gerhards Laden und in seiner Werkstatt in der Hausmannsgate vorbeigeschaut, um Instrumente auszuprobieren und ein bisschen zu reden.
»Dann bist du meinem Vater sicher manchmal begegnet«, sagt Hoff lächelnd.
Ich nicke, denke an das bunte Jazzmilieu, das es damals gab, die vielen weltberühmten schwarzen Musiker, die nach Oslo kamen, um mit dem Big Chief zu spielen. Ich weiß nichts über die Familiengeschichte, von der John Charles mir später erzählen wird. Der Großvater, der in der NS war, der Vater, der viele dieser Musiker zu Hause in Frogner zu Besuch hatte. Ich sage, dass wir vielleicht eines Tages zusammen spielen können.
Er lächelt warm, fast dankbar. Sein Wesen hat etwas Sanftes und Aufmerksames. Ich denke, dass es leichtfällt, ihn zu mögen.
19.
Ich jogge über die Insel. Warum laufe ich? Alles hier ist langsam, lässt sich die Zeit, die es braucht.
»Warum läufst du?«, ruft Kitt unten vom Anleger her. Seine Stimme klingt wütend, fast beleidigt. Er war in japanischer Kriegsgefangenschaft. Mehr Krach und Unfug kann er nicht ertragen. Deshalb ist er zurück nach Sandøya gezogen.
Ich kann nicht antworten. Die Zeit ist mir egal, aber ich will das, was ich brauche. Einen dünnen Körper. Einen Panzer gegen die Welt. Ich habe mir mein erstes Selbsthilfebuch gekauft, als ich zuletzt mit der Anderen in London war: Feeling Fit.
Dann entdecke ich den Kapitän. Den, der so viele Jahre lang alle Weltmeere bereist hat. Den, der am D-Day vor der Normandie im Meer geschwommen ist. Da geht er die Straße entlang, einige hundert Meter von mir entfernt, zusammen mit seiner Liebsten. Eine Stunde jeden Tag. Rasch. Sein Anblick wirkt immer beruhigend. Dieses gute Leben bei Tvedestrand, nach allem Entsetzlichen, das er durchgemacht hat. Wie kann es hier zum Drama kommen? Die Engländer haben bei der Blockade im 19. Jahrhundert zwar für ein gewaltiges Blutbad gesorgt, als die Najade von der englischen Dictator versenkt wurde. 133 wurden getötet und 102 verletzt. Aber der 6. Juli 1812 ist lange her, denke ich, als ich bis hinaus nach Hella laufe, eine Strecke von insgesamt sechs Kilometern. Der Kapitän hat im Moment nicht viel zu befürchten. Weder von Deutschland noch von England, Dänemark oder Schweden. Außerdem haben wir die NATO. Die Alten hier auf der Insel erinnern sich an den Krieg. Wie Kitt, wie alle anderen, die torpediert wurden oder in Gefangenschaft gerieten. Geschichten, die hinter den Rollläden der idyllischen Häuser verborgen werden. Aber der Friede hat sich wie ein frischgewaschenes Laken über die ganze Insel gelegt. Ich laufe. Schwitze den ganzen Scheiß aus. Nichts soll uns hier draußen bedrohen. Wenn jemand ertrinkt, dann nur in einem meiner idiotischen Angstträume. Ich laufe. Ich komme vorbei am Haus von Birthe und Eyvind mitten auf der Insel. Ich winke, obwohl ich sie nirgendwo sehe.
Der fast 45 Jahre alte Leiter des Pflege- und Altenheims von Orkdal wird festgenommen unter dem Verdacht, einen älteren Patienten ermordet zu haben. Der Lockruf des Todes. Abermals Chapman: Der Tod ist viel zu groß, um ihn zu erfassen. Vier Tage später gesteht Arnfinn Nesset die ersten der 22 Morde, für die er am Ende schuldig gesprochen werden wird. Angestellte des Pflegeheims hatten Lieferungen von Suxamethonium entdeckt. Wie sie selbst bei der Verhandlung sagten: »Ein solches Mittel hat in einem Pflegeheim nichts verloren.« Ole interessiert sich schon seit vielen Jahren für Curare. Es war ein beliebtes Gesprächsthema bei unseren Versuchen, Jens Bjørneboes Hauptwerk Die Geschichte der Bestialität jeder auf seine Weise weiterzuentwickeln. Bei Kalbsfilet und Rotkohl im alten Bagatelle konnte er leise schmatzen diesen leicht hingerissenen Blick bekommen, während er, immer überzeugt, es sei das erste Mal, mir von dem Arzt erzählte, der dieses Mittel, das er für muskelentspannend, aber auch schmerzstillend hielt, an sich selbst testen wollte. Deshalb bat er einen Kollegen, ihn zu operieren, nachdem er eine Spritze mit diesem Mittel bekommen hatte. Er war sofort gelähmt, konnte nicht sprechen und kaum noch atmen. Gerade noch rechtzeitig stellte er fest, dass dieses Mittel durchaus nicht schmerzstillend wirkte. Er war nicht betäubt. Er spürte jeden Schnitt, den sein guter Freund mit dem Skalpell ausführte.
Das Ganze hatte etwas Unwirkliches. Ein Pfeilgift, das die Indianer in Südamerika seit Jahrhunderten verwendet hatten und das die USA bald zum Tode Verurteilten verabreichen würden. Ein Gift, hervorgebracht von dem, was sich im Hohlraum eines Bambusrohrs befand oder in der Schale mehrere Kürbissorten zu finden war. Die alten indianischen Krieger verpassten diesen Giftstoff Menschen und Tieren, die sie lähmen wollten. Niemand verlor das Bewusstsein, aber alle hatten Atembeschwerden. Man erstickte bei lebendigem Leib.
Das hatten die alten Leute im Pflege- und Altersheim von Orkdal erfahren müssen. Bei vollem Bewusstsein zu sterben, ohne atmen zu können.
Dieser sanfte, liebenswürdige Mensch. Wer hätte ihm so etwas zugetraut? Abends saßen wir mit Tore und dessen Freundin zusammen und sprachen darüber. Was hat er gedacht, als er diese Spritzen setzte? Wusste er, dass die Opfer nichts verraten könnten, dass sie gelähmt da liegen würden, bis sie erstickten? Ich erzählte von meinem Erlebnis mit Céline, den ich die beiden zu lesen gebeten hatte. Ich dachte an vieles von dem, was Bjørneboe geschrieben hatte. Vielleicht war es keine Bestialität, sondern etwas ganz anderes.
Aber was? Kann man sich eines Mordes schuldig machen, ohne zu begreifen, dass man selbst der Mörder ist? Ich hatte nicht gemordet, jedenfalls noch nicht. Aber ich hatte ein System für meine Gedanken gefunden, eine Möglichkeit, mich in mehr Situationen, als mir lieb war, vor der Verantwortung zu drücken. In den folgenden Jahren würde ich mein eigener Richter sein. Ich brauchte weder Verteidiger noch Anwalt. Ich war mein eigener Gerichtssaal, allein, ohne Publikum.
Meistens erfolgte ein Freispruch in sämtlichen Punkten, oder, wie ich gern zu mir sagte: Unzurechnungsfähig im Augenblick der Tat.
Als Präsident Ronald Reagan das Hilton Hotel in Washington verlässt, nachdem er bei einem Mittagessen der Gewerkschaft AFL-CIO eine Rede gehalten hat, richtet John Hinckley jr. seine Röhm RG-14-Pistole auf den Präsidenten und gibt in weniger als zwei Sekunden sechs Schüsse ab. Reagan wird nur von einem getroffen. Der erste Schuss jedoch trifft den Kopf von James Brady, dem Pressesprecher des Weißen Hauses. Der zweite trifft den Polizisten Thomas Delahanty im Nacken. Der dritte trifft ein Fenster in einem Gebäude auf der anderen Straßenseite. Der vierte trifft Tim McCarthy vom Secret Service im Unterleib, während der Spezialagent Jerry Parr versucht, Reagan so schnell wie möglich in die Limousine zu schaffen. Der fünfte Schuss trifft das kugelsichere Glas der Präsidentenlimousine, und der sechste wird von dem kugelsicheren Fahrzeug zurückgeworfen und dringt unter dem linken Unterarm des Präsidenten zwischen einer Rippe und dem einen Lungenflügel ein, ehe die Kugel 25 Millimeter von Reagans Herzen entfernt zum Stillstand kommt.
Und das alles nur wegen der Schauspielerin Jodie Foster.
Hinckley hatte den Film Taxi Driver gesehen. Ebenso wie ich besaß er eine vielleicht übertriebene Fähigkeit, sich mit den Filmstars auf der Leinwand zu identifizieren. In Taxi Driver ist das der Taxifahrer Travis Bickle, gespielt von Robert de Niro, der versucht, die zwölf Jahre alte, von Jodie Foster gespielte Prostituierte zu beschützen. Dass Bickle außerdem plant, einen Senator zu ermorden, der Präsident der USA werden will, spornt Hinckley an und macht ihn kreativ auf eine Weise, die ihn, wenn auch negativ, in die Weltgeschichte bringen soll. Dennoch denke ich, dass Hinckleys Handlungsplan sich durchaus mit dem Wunsch eines besonders ehrgeizigen Autors messen kann, einen Roman zu schreiben, der alle Grenzen sprengt, der ihm den Nobelpreis, den Pulitzerpreis einbringen kann, der ihn sichtbar macht. Das hilflose Mantra: Seht mich an! Ja, aber, nun seht mich doch an, verdammt noch mal!
Hinckley wird zum Stalker. Er meldet sich zu einem Schreibkurs an der Yale University an, als er entdeckt, dass Foster dort einmal studiert hat. Zugleich schreibt er ihr eine endlose Menge von Briefen, und er gibt auch nicht auf, als sie versucht, seinem Treiben ein Ende zu machen. Für Hinckley geht es vor allem darum, gesehen zu werden, weltberühmt zu werden, so wie Jodie Foster. Einen Präsidenten zu ermorden, jedenfalls in den USA, ist die einfachste Methode. Das Land legt sich jetzt eine Geschichte zu. Nur neun Tage vor diesem Attentat hatte Ronald Reagan das Ford’s Theatre in Washington besucht, wo Abraham Lincoln ermordet worden war. Der Präsident hatte zu der Loge hochgeblickt, in der das Attentat stattgefunden hatte, und gedacht, egal, wie viele Secret Service-Leute sich auch in seiner Nähe befänden, es würde immer möglich sein, ihn zu ermorden.
So muss auch Hinckley gedacht haben, als er trainierte, indem er Jimmy Carter verfolgte. Im Flughafen von Nashville war er festgenommen worden, weil er in der Nähe des Präsidenten bewaffnet gewesen war. Einmal hatte er nur dreißig Zentimeter von Carter entfernt gestanden. Aber das FBI hatte die Gefahrensignale nicht erkannt und deshalb den Secret Service nicht verständigt. Hinckleys Eltern entdeckten, dass etwas mit ihrem Sohn ganz und gar nicht stimmte, und schickten ihn zu einem Psychiater, was jedoch nicht zu einer Einweisung führte. Hinckley seinerseits erzählte seinen Eltern, er glaube, Reagan werde ein guter Präsident für die USA sein.
Einige Wochen vor dem Attentat schickte Hinckley vier Briefe an Jodie Foster, die diese an die Polizei von Yale weiterreichte. Nun stand Hinckley auf der Liste der Polizei, die jedoch nichts mehr unternehmen konnte, ehe Hinckley am 30. März am Hintereingang des Hilton Hotels auftauchte, das aufgrund der geschlossenen Passage, die President’s Walk genannt wurde und die 1963 nach dem Mord an John F. Kennedy erbaut worden war, als das bestgesicherte Hotel von Washington galt. Von der Hoteltür bis zur wartenden Limousine waren es nur zehn Meter. Deshalb hatte es niemand aus dem Sicherheitssystem für nötig befunden, dem Präsidenten an diesem Tag eine kugelsichere Weste anzulegen. Hinckley war vor zwei Tagen in Washington angekommen und hatte sich im Park Central Hotel einlogiert. Als er den Terminplan des Präsidenten las, der normalerweise in den Zeitungen veröffentlicht wird, beschloss er, tätig zu werden.
Zwei Stunden vor dem Attentat schrieb er Foster, er würde auf den Mord am Präsidenten verzichten, wenn er nur ihr Herz gewinnen und für den Rest seines Lebens mit ihr zusammen sein könnte.
Die Bilder des Attentats werden nur wenige Minuten später in aller Welt ausgestrahlt. Auf Sandøya sehe ich Bilder von derselben Brutalität wie 1963, als John F. Kennedy sich an den Hals fasste. Diesmal ist es der Pressesprecher, James Brady, der sich blutend am Boden windet. Die Bilder sind stark, unverblümt. Sieht so ein Mensch nach einem Kopfschuss aus? Ich weigere mich, bringe es nicht über mich, das so direkt und so brutal zu sehen. Es ist unvorstellbar, dass er überleben, dass er erst 2014 sterben wird, dann jedoch als Spätfolge dieser Schussverletzung. Alle Kugeln in Hinckleys Pistole waren sogenannte Devastators, die explodieren sollten, wenn sie ihr Ziel erreichten, aber das tat nur die, die Bradys Kopf traf. Zwei Tage darauf legten deshalb die Chirurgen kugelsichere Westen an, als sie die Kugel aus Thomas Delahantys Nacken entfernen wollten.
Hinckley wird unmittelbar nach den Schüssen zu Boden gerungen und unschädlich gemacht. Mehrere der Anwesenden denken, dass er nicht das gleiche Schicksal erleiden darf wie Lee Harvey Oswald. Man will wissen, wer er ist, woher er kommt, warum er das hier getan hat.
Reagan selbst steht unter Schock. Sein Blutdruck ist von 140 auf 60 gefallen. Die Entscheidung, ihn sofort ins George Washington University Hospital zu bringen und nicht ins Weiße Haus, rettet ihm vermutlich das Leben. Reagan hat arge Schmerzen in der Brust, glaubt jedoch, dass daran Parr schuld ist, der ihn in die Limousine gestoßen hat. Als nach der Schusswunde gesucht wird, hustet Reagan hell schäumendes Blut, meint aber, sich nur in die Lippe gebissen zu haben. Noch begreift er nicht, dass eine Kugel nur 25 Millimeter von seinem Herzen entfernt steckt. Reagan will unbedingt zu Fuß gehen, aber unmittelbar vor der Tür hat er Atembeschwerden und fällt auf die Knie. Parr und einige andere Leibwächter helfen ihm auf die Notstation und wissen nicht, ob der Präsident vielleicht einen Herzinfarkt erlitten hat. Eine Krankenhausangestellte erkundigt sich nach Reagans Adresse. Erst, als jemand aus Reagans Begleitung sagt, »1600 Pennsylvania«, begreifen alle, wer hier gekommen ist. In den nun folgenden hektischen Minuten trifft auch Reagans Gattin Nancy ein. Der alte Filmschauspieler lässt sich die verbalen Möglichkeiten dieses Dramas nicht entgehen und übernimmt Jack Dempseys berühmte Bemerkung an seine Frau, an dem Abend, an dem er gegen Gene Tunney verloren hatte: »Honey, I forgot to duck.« Ist es die Euphorie des Schocks? Die Wirkung der beruhigenden Medikamente, wie viele sie auf dem Operationstisch verspüren, ein plötzlicher Drang nach Heiterkeit. Während vor der Narkose der Plastikschlauch zur Intubation in seine Lunge eingeführt wird, kritzelt er auf einen Zettel den oft zitierten Spruch des amerikanischen Schauspielers und Komikers W. C. Fields auf die Frage, wo sein Grabstein stehen soll: »All in all, I’d rather be in Philadelphia.«
Die Operation dauert etwas mehr als anderthalb Stunden. Die Kugel wird entfernt. Reagan verliert die Hälfte seines Blutes, ist aber in bester physischer Verfassung, nimmt gleich danach die Sauerstoffmaske ab und sagt: »I hope you are all Republicans.«
Der Oberarzt, Joseph Giordano, der zu Reagans Verzweiflung vor der Operation dessen »thousand dollar suit« aufgeschnitten hatte, und der zudem ein profilierter Demokrat ist, erwidert: »Today, Mr. President, we are all Republicans.«
Weniger als einen Monat darauf sitzt Präsident Reagan wieder im Oval Office.
Ich sitze zu Hause vor dem Fernseher und denke an Mads. Meinen Kindheitsfreund von der Waldorfschule und der Straßenbahnhaltestelle Smestad, wo wir Stunde um Stunde standen und die großen Weltprobleme lösten. Wir waren Sowjetfreunde, Chruschtschowfreunde. Wir mochten Amerika, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wir hatten uns so gewünscht, dass ein Russe oder jedenfalls ein Kosmonaut aus der Sowjetunion die Ehre haben würde, den ersten Fuß in den Mondstaub zu setzen. Obwohl ich 1960 zu Nixon gehalten hatte, Mads dagegen zu Kennedy, waren wir Freunde geblieben. Wir waren erst acht Jahre alt. Die Welt stand uns offen.
Aber jetzt hat sie sich zusammengezogen. Liegt das an meinem Alter, oder hat sich das Tempo gesteigert? Ich verfolge die Landung der ersten Raumfähre in der Weltgeschichte, das amerikanische Raumfahrzeug Columbia, das aussieht wie ein Flugzeug oder wie ein überdimensionaler Privatjet. Aber dem Flugzeug fehlen Motoren, die mehrere Landeversuche ermöglichen würden. Es segelt in seinem wilden Tempo durch die Atmosphäre und muss beim ersten Versuch die Landebahn treffen! Die Landebahn auf einem ausgetrockneten Salzsee in der Mojave-Wüste. Ach, Mads fehlt mir ja so sehr! Wenn wir noch immer dort stünden, an der Straßenbahnhaltestelle Smestad, würde ich ihn fragen, wieso eine Raumfähre, die hundertmal in den Raum geschossen werden kann, nicht auch Jetmotoren besitzt, die ihr bei der Landung einen etwas größeren Spielraum eröffnen würden. Warum muss es immer ein Gefahrenmoment geben? Und Mads würde antworten, mit seinen Locken und dem altklugen Gesicht, es sei eben das Leben selbst, dass es in jeder Raumfähre, in jedem Leben ein Gefahrenmoment geben muss, dass die Sowjets das hier aber jedenfalls besser geschafft hätten. Ja, dachte ich, dort in meinem Sessel auf Sandøya, an jenem Apriltag des Jahres 1981, Mads hätte vorausgesehen, wie abhängig die USA schließlich von der sowjetischen Raumfahrttechnologie werden würden, dass sie die Abschusssysteme der schrecklichen, bösen, stinkenden, alkoholisierten und lebensgefährlichen Altkommunisten verwenden müssten, an dem Tag, an dem es diese Raumfähren nicht mehr gab. Und es geschieht gerade jetzt, während ich das hier schreibe, dass Russland abermals gefährlicher ist als je zuvor. Der böse Putin, oben ohne hoch zu Ross. Der herzensgute Obama, mit dem Golfschläger auf dem Rasen.
Das Imperium schlägt zurück.
Und Mads war tot.
Aber an diesem Tag saß ich auf Sandøya und Mads lebte noch. Wir waren keine Freunde mehr. Auch keine Feinde. Wir begegneten uns nur nie. Mads war ein millionenschwerer Jurist und besuchte sicher nur die exklusivsten Restaurants. Ich selbst saß im 17. Mai-Komitee von Sandøya. Und ich konnte ihn nicht fragen, wie ich ihn in alten Tagen gefragt hatte, ob es wirklich stimmte, dass der Umlauf der Sonne um das Zentrum der Galaxis 220 Kilometer in der Sekunde betrug, also 792 000 Kilometer in der Stunde? Ob es stimmte, dass die Geschwindigkeit der Erde um die Sonne ihr eigenes Tempo von 107 200 Stundenkilometern hatte? Der pure Wahnsinn, würde ich sagen. Und aus Protest gegen diese abnormen Zahlen würde ich behaupten, mit Fug und Recht und mit meinem Hintergrund aus der Waldorfschule, die Erde sei eine Scheibe. Dass ich nicht glaubte, dass Menschen, die selbst einmal Säuglinge gewesen waren und auf einem Stuhl mit Sperren und Gittern gesessen hatten und mit Brei gefüttert worden waren, jemals erwachsen genug werden könnten, um mit voller Überzeugung behaupten zu können, dass wir alle von diesem wahnwitzigen Tempo erfasst waren, während uns die Behörden zwangen, mit dem Auto nicht mehr als 80 Stundenkilometer zu fahren. Etwas hier stimmte nicht. Und dennoch jubelte ich in einem Glücksrausch, als ich sah, dass John Young und Robert Crippen es schafften, diesen seltsamen und fast komischen Privatjet beim ersten Versuch in der Mojave-Wüste zu landen. Diese wissenschaftliche Leistung lenkte die Aufmerksamkeit von den Rassenunruhen in Brixton ab, diesem explosiven Minengelände mit vielen Schwarzen, sehr vielen Einwanderern aus Bangladesch, die fanden, für das, was sie taten, nicht ausreichend bezahlt zu werden, die nicht einmal etwas tun durften, und die zur äußersten Armut gezwungen wurden. Von Sandøya aus sah er die Welt, las er, dass François Mitterrand in Frankreich zum Präsidenten gewählt worden war, dass es in Oslo zu Straßenschlachten gekommen war, in der Nacht zum 1. Mai, dass Polizeichef Willy Haugli kein Mann der Jugend war. Er saß vor seinem guten und getreuen 22-zölligen Philips-Fernseher und sah das aufgebrachte Gesicht des Bürgermeisters Albert Nordengen, der ausrief: »Ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten! Ich bin wirklich schockiert!« Er telefonierte mit seiner Mutter und hörte sie sagen, wie so oft: »Bitte sehr, verliert den Verstand!« Er hörte zugleich Angst in ihrer Stimme. Weil sich die Welt veränderte, sich schneller drehte. Reichte es nicht, dass Sonne und Erde ein solches verdammtes Tempo vorlegen? Sie fand es schrecklich, dass der 23 Jahre alte Rechtsextremist Mehmet Ali Ağca in vollem Ernst auf den Papst geschossen hatte in der Hoffnung, ihn zu töten. Es interessierte sie weniger, dass der Papst der Papst war, als dass er eine Vergangenheit als Lyriker hatte. »Man darf doch keinen Poeten umbringen«, sagte sie energisch, die alte Buchhandelsgehilfin.
Ich werde ins Weltgeschehen hineingesaugt, obwohl ich mich so weit davon entfernt angesiedelt habe wie überhaupt nur möglich. Ich war monatelang von dem Fall des Yorkshire Ripper besessen. Nun wird endlich der 34 Jahre alte Peter Sutcliffe für die dreizehn Morde verurteilt. Dreizehn Frauen, denke ich. Wie wahnsinnig kann man werden?
Ich jogge über die Insel. Warum jogge ich? Einige Monate zuvor wählte ich die Nummer der Polizei von Yorkshire. Sie hatten eine Tonbandaufnahme der Stimme des Mörders zugänglich gemacht. Damals wussten sie noch nicht, dass er Sutcliffe hieß. Aber selbst draußen auf Sandøya mochten die Frauen nicht allein im Dunkeln über die schmalen Wege gehen. Ich lauschte der Stimme, hoffnungslos neugierig, als ich unten in meinem Keller saß und die Andere schlafen gegangen war: »I’m Jack. I see you’re having no luck catching me. I have the greatest respect for you, George, but Lord, you’re no nearer catching me now than you were years ago, when I started.« Die gänsehauterregende Nähe in dieser Stimme, als säße er gleich neben mir. Ich dachte an die Frauen, die er ermordet hatte. Wie hießen sie überhaupt? Wilma McCann, Emily Jackson, Irene Richardson usw. Ich dachte an die unheimlichen alten Freitagskrimis im NRK. Den Schock, als ich das Gesicht eines toten Menschen sah, obwohl es doch eine Schauspielerin war, die diese Rolle spielte. Mutter, die mich trösten musste. Dieses Urbritische. Eine Frau allein auf einem dunklen Weg. Ein Mann, der sie einholt, sie niederschlägt, sie erstickt oder erwürgt.
Der Yorkshire Ripper.
Ich träume nachts von ihm. Ich lese alles, was ich in den Zeitungen über ihn finden kann. Wieso beschäftigt er mich dermaßen?
Plötzlich überkommt mich die Angst vor der Dunkelheit. Ich werde von etwas eingeholt. Aber was ist das? Ich laufe nach Hella hinaus. Es ist frühlingsdunkel. Das unheimliche Licht, das Ingmar Bergman oft verwendet hat, wenn er etwas Erschreckendes erzählen wollte. Was, wenn jetzt ein wahnsinniger Seemann mit einer Axt kommt und mich umbringen will? Diesen entsetzlichen, klavierspielenden und bücherschreibenden Menschen aus dem besten Frogner? Was wusste ich über das Leben? Was hatte ich erfahren? Verdiente ich es zu leben? Glaubte ich wirklich an diese Idylle?
Er hebt den Arm. Die Axt fällt auf mich, durch die Luft. Trifft mich an der Stirn.
Das Schlimmste von allem: Ich lebe noch.
20.
Er war seit Wochen auf Sandøya, hatte die Skizzen zu etwas geschrieben, aus dem nach und nach ein Roman werden könnte. Ole hat es wieder geschafft, ihm ein wenig Mut zu machen, nach diesem seltsamen Winter, in dem er angefangen hatte, sich vor allem zu fürchten. Die gemeinsame Tournee durch Westnorwegen, die ihnen so viele Möglichkeiten gab, miteinander über ihre Leben zu sprechen. Oles ewiger Optimismus, in seiner Welt war alles möglich. Oles Fähigkeit, alles humoristisch zu sehen, aber niemals ohne Mitgefühl oder Wut. Der wahnwitzige Auftritt draußen auf Bømlo. Der alte Mann, der bei ihrem Konzert Zeitung las. Am Ende konnte Ole es nicht mehr ertragen. Er sagte mit scharfer Stimme von der Bühne herab: »Sie, alter Mann in der hintersten Reihe. Würden Sie so freundlich sein, entweder augenblicklich Ihre Zeitung zusammenzufalten oder das Lokal zu verlassen?« Er saß auf dem Klavierhocker und sah, wie der alte Herr sich weigerte, dem Befehl nachzukommen, worauf ein junger Mann, den wir beim Soundcheck kennengelernt hatten, den Zeitungsleser am Arm packte und hinausführte. Das Konzert ging weiter, aber danach kam der Junge wütend hinter die Bühne und stauchte uns zusammen: »Wisst ihr nicht, dass ihr meinen Vater beleidigt habt? Er ist der Vorsitzende vom Musikverein und hat dieses Konzert arrangiert. Er ist fast taub. Ist euch klar, was ihr angerichtet habt?«
Aber auf Sandøya grauste ihm dann vor allem, was kommen würde. Das Dach, das heruntergerissen werden müsste, ehe sich das neue erheben könnte. Er sah die Besorgnis in den Augen von Zimmermann Harald, wenn er sich das Haus ansah und alles plante, zusammen mit Ingar. Die schweren Balken, die hochgehievt werden mussten. Die entscheidenden Wochen, wenn das alte Dach abgerissen wäre und grüne Planen ihre Habseligkeiten sichern sollten. Was, wenn gerade dann schwere Regengüsse einsetzten? Wenn der Flügel ruiniert würde. Alle Bücher und Schallplatten. Das, was er und die Andere im Laufe der Jahre gekauft und gesammelt hatten. Großer Gott!
Eine Woche darauf ging die Arbeit los. Er steht unten im Hafen am Anleger und sieht, dass die Søgne über den Fjord kommt, mit den schweren Balken, dem hohen Dach, das Ingar in seinem Architektenbüro in Tvedestrand geplant hat. Wie viel kann ein Tragbalken aushalten? Welche Spanne kann er zwischen den Stützwänden überbrücken? Auf dem Papier sah es phantastisch aus. Aber nun steht Zimmermann Harald neben ihm mit seinem gepflegten Bart und den melancholischen Augen. Er wird zwar Tore und Rune bei den schwersten Hebearbeiten zu Hilfe holen, aber ansonsten wird er dieses Dach allein bauen, und er hat schon einen wehen Rücken. Ein Zimmermann, der bereits Schmerzen hat, ehe die Arbeit überhaupt in Gang gekommen ist. Der Bjørnstad-Junge weiß nicht, was er denken soll. Er kommt sich gerade arg wie aus der Stadt vor, vom Frogner plass. Er kann nicht Traktor fahren. Er kann kein Holzboot abdichten. Aber er kann einen Roman von 300 Seiten schreiben. Die Frage ist: Ist der Roman gut genug? Die Frage an Zimmermann Harald ist viel wichtiger: Ist das Holz gut genug?
Tore und Rune kommen angefahren, jeder mit seinem Traktor. Vorläufig ist alles einfach. Die Materialien werden mit einem Kran aus dem Boot auf die Traktoranhänger gehoben. Das machen sie nicht zum ersten Mal, denkt er. Es ist fast, wie auf schwarzen und weißen Tasten Klavier zu spielen. Fast, wie ein Buch zu schreiben. Aber dann?
Am nächsten Tag wird das Dach abgerissen. Er sitzt in seinem kleinen Arbeitszimmer, das er bald verlassen muss. Er hört das Geräusch von Dachpappe und Brettern, die heruntergerissen und auf den Boden geworfen werden. Alles in ihm krampft sich zusammen. Bis jetzt war Sandøya Geborgenheit, Friede, deutliche Grenzen. Hier draußen am Meer kann die Welt so fern sein, dass man sie fast nicht sieht. Oder, ganz im Gegenteil: Die Welt umringt ihn. Sogar ein kleines Insekt kann die größte Bedeutung erlangen. Ein Licht weit draußen am Horizont. Ein Schiff, vielleicht unterwegs hinaus zum Ozean und einem anderen Erdteil.
Zimmermann Harald dort oben auf dem Dach. Der feinfühlige, noble Mann, der die großen Holzrahmen für Leonard Rickhard macht, der ein zusätzliches Gewicht für diese Melancholie beisteuert, in der Leo Meister ist, mit Titeln wie Müder Modellflugzeugbauer, Ausgestreckte Figur im Gras und Fragmentarische Figuren in Sommersonne. Harald ist von seinem ganzen Wesen her ein Poet. Er denkt an die große Reise, die sie einmal zusammen unternommen haben, bis hinunter nach Kroatien, als Tito noch lebte, als gleich über ihnen in der Luft die große Flugzeugkollision geschah und Leos Vater zu Hause in Norwegen glaubte, sein Sohn sei dabei umgekommen. Er sieht Harald vor sich und begreift nicht, dass auch Leo mittlerweile verstorben ist. Wie so viele andere in dieser Erzählung. Dass die Zeit, seine eigene Zeit, wie ein Baum ist, der wächst und seine Blätter verliert. Ein Mensch nach dem anderen fällt zu Boden. Ab und zu fragt er sich, ob er unnormal ist, weil er seinen Erinnerungen und den Menschen darin solche Liebe entgegenbringt. So viel Erinnerungsliteratur handelt von Hass und Konflikten. Wo gibt es im Moment in seinem Leben auf Sandøya Konflikte, mit den vielen alten Einwohnern und den Zugezogenen, die alle zu seinen Freunden geworden sind? Die Konflikte sind hier draußen, bei ihnen. Sie sind bei ihm.
Harald wohnt in Kilsund. Aber ehe er abends mit dem Boot nach Hause fährt, denn er arbeitet viel und lange, setzt er sich zu ihnen, spricht über die Geschehnisse des Tages, den einen Tragbalken, der fast heruntergefallen wäre und ihn erschlagen hätte. Er erzählt auf eine ruhige und zurückhaltende Weise, die dafür sorgt, dass man den Humor erst erkennt, wenn er plötzlich in Haralds Augen auffunkelt. Und dann hört man auch die Bedeutung dieses Humors, und das Lachen stellt sich ein, fast verlegen, denn weder Harald noch die Andere oder er werden gern laut.
An den ersten Tagen läuft alles sehr gut. Bald ist das Dach abgerissen ohne irgendwelche Unfälle. Und alle lächeln. Damals gab es auf Sandøya viele, die lächelten. Es war die Zeit der Neusiedler. Oder derer, die in alte Häuser einzogen und sie zu ihren eigenen machten. Darum war es auch die Zeit der Erwartungen. Ingar und seine Frau und Kollegin standen da mit ihren Zauberstäben und machten es möglich, sich ein Heim zu erschaffen, in ein ganzes Haus zu ziehen und ein Grundstück zu bekommen, oft mit Blick aufs Meer, und das zum gleichen Preis wie eine dunkle Zweizimmerwohnung in Oslos Schattengebieten. Die Zeit des Lächelns. Und die Zukunft lag vor den meisten offen und unbeschwert.
Am fünften Tag kommt der Wind. Aber jetzt ist das Dach abgerissen worden. Das Haus ist mit Planen abgedeckt. Und einigen dünnen Spanplatten. Kein anderer Schutz. Was hätte Erling Neby gesagt. Er, der uns die großartige Stereoanlage im Wohnzimmer fast geschenkt hat. Niemand weiß, wann der Regen kommen wird.
Aber der Wind fegt über die Insel. Ach, er ist so verdammt stark. Und so schnell wird er sich nicht wieder legen.
Eines Nachts liegen wir im Bett und hören ein penetrantes Geräusch.
»Das ist die Plane, die reißt«, sagt die Andere.
»Da hast du wohl recht«, sage ich.
Aber wir bleiben liegen, alle beide. Als wollten wir es nicht sehen, wollten nur da liegen und so tun, als wäre nichts geschehen. Aber das ist doch falsch, denke ich. Wir müssen nachsehen, was passiert ist.
Wir laufen hinaus, alle beide, im Schlafanzug. Es ist dieses Mai-Licht, das mich an Ingmar Bergman denken lässt. Vielleicht steht Liv Ullmann irgendwo zwischen den Bäumen, in weißem Nachthemd, und sieht uns zu.
»Großer Gott«, sagt die Andere.
Ich drehe mich zum Haus um und sehe, dass es sich in ein Boot verwandelt hat, dass die grüne Plane ein Segel ist, ein riesiges Segel, das im Wind flattert. Bewahre, was, wenn der Wind so stark ist, dass das Segel zur Tragfläche wird und das Haus zum Flugzeug und abhebt, wie Tore es in seinem schlimmsten Albtraum sieht? Warum ist dieser Gedanke so verlockend, auch wenn er beängstigend ist?
Harald kommt gegen sieben Uhr morgens. Er sieht die riesige Plane an, die gerade in die Luft ragt.
»Das sieht ja nicht so gut aus«, sagt er leise.
»Ist das gefährlich?«
»Nein, das ist nur euer Haus, das kein Dach hat.«
»Ist es gefährlich, dass es kein Dach hat?«
»Nur, wenn es anfängt zu regnen.«
»Auf den Wetterbericht können wir uns nicht verlassen.«
»Nein, niemand kann sich auf den Wetterbericht verlassen. Deshalb machen wir uns besser an die Arbeit.«
Aber wir werden nicht zusammenarbeiten. Harald wird auf dem Dach sein. Die Andere wird in der Webstube sein. Ich werde in der Kammer mit dem Schreibtisch und dem Ausblick auf das Meer sitzen. In unerwarteten Situationen kommen immer die besten Ideen. Ich sehe sie plötzlich vor mir: Rosa Nordosta. Ich kenne sie. Ja, ich kenne sie besser als irgendeinen anderen Menschen. Endlich passiert etwas in meinem Kopf. Warum habe ich es nicht früher begriffen, dass ich um sie herumgekreist bin, in all diesen Wochen mit zusammenhanglosen Skizzen, ohne eine Geschichte, ohne ein konkretes Ziel. Ich kann nicht einfach mit einem Buch anfangen, ohne zu wissen, worauf ich hinauswill. Andere Autoren behaupten, das zu können, und darüber wundere ich mich jedes Mal, wenn ich es höre. Aber hatte ich nicht gerade das Gleiche gemacht? Versucht, mich auf ein Buch einzupeilen und etwas zu finden, worüber ich schreiben könnte? Nein, ich hatte etwas, worüber ich schreiben konnte. Diese Unruhe war wie eine pochende Wunde in mir. Die langen Monate in der Welt der Musik, wo die Begegnungen mit anderen Musikern Inspiration und Schutz vor belastenden Gedanken waren, warfen mich zurück in die marternde Selbstqual an der grauen Underwood oder der Remington. Während Harald mir ein Dach über den Kopf zimmerte, schrieb ich über eine Frau auf der Flucht, die von ihrer Familie fortgelaufen war, und wie deren schlafender Sohn, Jon Blund, sie wiederfinden und in sein Leben zurückholen wollte. War unser Haus ohne Dach zu einem Symbol für etwas Unbeständiges geworden, zu einem falschen Schutz, wie der, den man oft in einem Flugzeug finden konnte, wenn man ganz still auf dem Sitz vergaß, dass man mit 900 Stundenkilometern durch die Atmosphäre fegte und der Boden zehntausend Kilometer weiter unten lag?
Er schreibt über einen Menschen, der von allem wegläuft.
Ab und zu kommt Ingar, der Architekt, und sieht sich an, wie der neue Dachboden Gestalt annimmt, lässt sich beeindrucken von Zimmermann Haralds einsamen Wanderungen dort oben auf dem Haus, dem konkreten Wissen, das sich auf die Zeichnungen stützt, die geraden Striche und Winkel, alles, was Ingar vor seinem inneren Auge längst gesehen hat, das aber er oder seine Liebste unmöglich sehen können. Er schreibt also über eine Frau auf der Flucht, während er zugleich sein Leben befestigt. Die Gebrechlichkeit des Hauses gerade in diesen Wochen gibt ihm ein seltsames Gefühl, frei zu sein, unabhängig. Obwohl er über Aufbruch und Flucht schreibt, ist es nicht die Flucht, die er sich wünscht. Eher das Gegenteil. Alle, die jetzt gerade auf ein Leben auf Sandøya setzen, sagen ihm, dass auch er bald erwachsen werden muss, um wie Harald da oben auf dem Dach etwas Bleibendes zu erschaffen, um von dem zu lernen, was er sieht, dass etwas ein Tragbalken ist, ein Querlieger, und dass etwas zwei Zoll vier ist, darüber reden alle Schreiner, die zwei Zoll dicken und vier Zoll breiten Balken sind die eigentlichen Rippen eines Hauses, wenn er das richtig verstanden hat. Ja, das alles muss er lernen, denkt er, wie er so an seinem Schreibtisch sitzt und über etwas ganz anderes schreibt, diese Frau verfolgt, die durch ganz Europa flieht, wenn er sich in ihre Situation hineindenkt, etwas zu verlassen, das ihr so unendlich lieb ist. Warum tut er das? Was ist es für ein Gefühl? Er ist zu jung, um das zu wissen. Die Erfahrungen haben ihn nicht dorthin gebracht, werden es vielleicht auch niemals tun. Dennoch muss er darüber schreiben. Ist das eine Sehnsucht oder eine Warnung?
Es ist der 5. Juni 1981. In San Francisco registrieren Ärzte und Forscher zum ersten Mal die Folgen eines Virus, das zum Versagen der Immunabwehr führt, und das sie Acquired Immune Deficiency Syndrome nennen werden.
AIDS.
Noch sind die Ursachen oder die Herkunft nicht bekannt. Später wird man feststellen, dass das HI-Virus die weißen Blutkörperchen angreift. Die CD4+-Lymphozyten, die für das Abwehrsystem entscheidend sind. Innerhalb von kurzer Zeit behandeln Ärzte in San Francisco Patienten mit Entzündungen in Lunge, Speiseröhre und Netzhaut. Sie behandeln Patienten mit Lymphkrebs, Grippe, Durchfall, Pilzinfektionen, Gürtelrose und Herpes. Viele dieser Patienten sind homosexuell, Männer aus allen Gesellschaftsschichten. Schockierender und oft schneller Krankheitsverlauf. Große persönliche Tragödien. Die Patienten sterben unter den Händen der Ärzte, die nicht wissen, was sie tun sollen. Es gibt kein wirksames Gegenmittel.
In mehreren Ländern werden Forschungsgruppen eingerichtet. Neue Fälle werden in London und danach in mehreren westeuropäischen Ländern registriert.
Aber die Welt hat noch immer keine Ahnung davon, was sich hier ankündigt.
Nachts sieht er, wie das Haus Gestalt annimmt. Er träumt sich immer dicht an das heran, was in seinem Leben passiert. Viele seiner größten Konzerte hat er mehrmals gespielt, ehe er endlich auf dem Podium steht. Einige waren peinlich. Andere waren große Erfolge. Keins jedoch war wie das Konzert, das er wirklich gegeben hat und das oft weder Erfolg noch Fiasko war.
Aber diesmal träumt er nicht davon.
Er träumt von Harald.
Dem Freund. Dem Unersetzlichen. Von dem er und die Andere jetzt abhängig sind. Der Traum ist wie ein Film von Pasolini. Diese seltsame, stillstehende Stimmung, die dieser Meister oft zu erzeugen versteht. Ja, stillstehend, auch bei Wind. Starkes Sonnenlicht. Die sich wiederholenden Bewegungen der Planen. Harald wie ein Schatten dort oben auf dem Dach, zwischen den Balken. Er versucht, einen großen Balken zu heben. Ach nein, nicht den eigentlichen Tragbalken! Den größten vom Dachfirst. Harald schafft es nicht allein. Er steht unten und versucht zu rufen. Aber dann hat er keine Stimme, nur ein heiseres, fauchendes Flüstern, wie die Seehunde, wenn man Bilder von ihnen auf dem Eis sieht, unmittelbar ehe sie totgeschlagen werden.
Harald! Aufpassen! Sonst stürzt du ab!
Aber er bringt keinen Laut heraus.
Harald stürzt ab.
21.
Die Albträume dieser Zeit sind immer Anklagen gegen ihn selbst. Er ist die Ursache dafür. Das Negative kommt aus ihm. Er verirrt sich in etwas, geht in die dunkelsten Gassen, lässt sich verlocken. Schicht um Schicht von Versuchungen, finanziellen, materiellen und fleischlichen, denen er nicht widersteht. Die Tat braucht nicht ausgeführt zu werden, aber zum Beispiel dieses Dach. Er hat Ingar freie Hand gegeben. Seit so vielen Jahren hat er Oles Methoden für richtig gehalten: Geld ist nur ein Problem, wenn man anfängt, daran zu denken. Bisher war das Geld vorhanden. Und wenn nicht, konnte er Paul anrufen und um einen Auftritt bitten oder einen Artikel für Aftenposten schreiben. Aber alles, wozu er jetzt ja gesagt hat, für sich und für die Andere, sind große Investitionen, Ausgaben, mit denen er nicht gerechnet hatte, bis ihm ganz plötzlich eines Tages aufging, dass es schiefgehen würde, dermaßen schiefgehen, dass die 100 000 Kronen, die anfangs angedeutet worden waren, zu 120 000 werden sollten, zwei Wochen später 150 000 und jetzt, da sogar die Wirklichkeit in den Albtraum übergeht: 200 000 Kronen! Eine ungeheure Summe! Und dazu ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Beispiel versagender Urteilskraft. Er sieht sich selbst an der Tür von Bankdirektor Oddvar Pedersen kratzen und sagen, dass er, zusätzlich zu allem, was er ohnehin schon geliehen hat, noch 200 000 braucht. Pedersen wird ihn auslachen. Er muss ja gut informiert sein über die Zurück ins Grüne-Kultur auf Sandøya, wo man mit seinem Plumpsklo prahlt. Bei jedem Hammerschlag oben auf dem Dach denkt er, dass er jetzt hundert Kronen ärmer wird. Aber nicht daran müsste er denken. Sondern an den Roman, der zu allem Überfluss Bingo! heißt. Die Signale vom Verlag waren ausnahmsweise aufmunternd. Tom Kristensen, der Studienrat aus Berg, einer seiner Lieblinge in der Norwegisch-Redaktion, der für viele norwegische Autoren bereits von großer Bedeutung ist, hatte sich mit seinem ganzen Gewicht für dieses Manuskript eingesetzt und gesagt, es sei ein Zeitgemälde, das viele erreichen könnte. Diese Worte machen Eindruck. Er versuchte, den Gedanken an die Katastrophe zu verdrängen, von der er jetzt sicher war, dass sie kommen würde, dass er der Anderen sagen müsste, sie seien ruiniert, könnten ihre Rechnungen nicht bezahlen, müssten das schöne neue Haus verkaufen, müssten den Mietvertrag zu Hause bei den Eltern im Frognervei kündigen. In Norwegen müsse es billigere Wohnorte geben, Rjukan zum Beispiel, vielleicht Sulitelma, wo sie sich niederlassen, ein Haus, einen Webstuhl und ein schlichtes elektronisches Klavier mieten könnten. Vielleicht könne er ja anfangen, Erzählungen für Softpornomagazine zu schreiben.
Alles schien in die Brüche zu gehen. Und niemand außer ihm ahnte, wie sehr alles außer Kontrolle geraten war. Wenn Ingar zu seinen täglichen Nachmittagsbesuchen kam, versuchte er, so enthusiastisch und selbstsicher zu sein wie überhaupt nur möglich. Ob es auf dem Dachboden Parkett von Siljan geben solle? Die breitesten und teuersten Bretter? Natürlich! Ingar brauchte nicht einmal zu fragen.
»Wie gut«, sagte Ingar lächelnd. »Denn der Boden ist schon bestellt. Und morgen kommt die Treppe. Die wird sehr schön. Sie kostet zwar 50 000 und nicht 25 000, wie ich zuerst gesagt hatte, aber für dich, Ketil, spielt das doch sicher keine große Rolle?«
»Absolut nicht«, antwortet er.
Woher kommt dieser idiotische Stolz? Die dümmsten Menschen, die er kannte, waren doch die, die über ihre Verhältnisse lebten. Für wen spielte er hier den reichen Mann? Er hatte weniger als 100 Kronen auf dem Konto. Einmal hatte er den Überziehungskredit von 10 000 für reichlich gehalten und sich nicht vorstellen können, ihn jemals in Anspruch zu nehmen. Jetzt musste er, aber wofür? Der Einzige, der bei diesem wahnwitzigen Projekt Sicherheit gab, war Zimmermann Harald. Er hatte Vorschuss, Nachzahlungen und alles bekommen. Das wäre ja auch noch schöner gewesen. Er war ein enger Freund. Ingar war ebenfalls bezahlt worden. Was wirklich kostete, waren die Materialien. Konnte er sich damit trösten, dass Siljan sicher eine große Firma war, dass ein einzelner Konkurs auf Sandøya in deren Bilanz am Ende keine Rolle spielen würde? Aber was war mit der Treppenfabrik? Und was mit den vielen anderen kleinen Lieferanten? Er hatte die Einsamkeit immer als Freundin betrachtet. Aber diese Einsamkeit hier war krank. Es war die Einsamkeit des Betrügers. Die Einsamkeit des Mörders in den Stunden vor der Hinrichtung, wenn der Galgen bereitgemacht wird.
Nachts, oft gegen vier Uhr morgens, wälzt er sich im Bett von einer Seite auf die andere, in dem Haus, von dem er weiß, dass er es im Laufe des Sommers verlassen muss, vielleicht schon im Juni, warum nicht am Johannisabend, wenn alle anderen ihre Holzboote mit Birkenzweigen schmücken und nach Kvernskjær hinaustuckern, mit billigem Bier, Wein und selbstgekochtem Proviant in ihren Körben. Ja, gerade dann werden er und die Andere die Insel verlassen müssen, ein riesiger Möbelwagen wartet schon auf der Hagefjordbrygge und Männer in den Uniformen der Umzugsfirma holen den schwarzen Flügel, die Bücher und die Schallplatten. Was hatte er denn geglaubt? Dass die LP mit Lill Lindfors so viel verkaufen würde wie ABBA? Dass er sich eine Villa auf Mallis und eine Wohnung in New York zulegen könnte? Zwei Polizisten aus Tvedestrand passen auf, während die Zwangsauktion durchgeführt wird, damit alle Besitztümer in das Lager für Konkursmassen gebracht werden, ein großes, hässliches Gebäude irgendwo bei Østerkleiv. Die Verhandlung ist für August anberaumt. Dann wird entschieden, ob er im Schuldgefängnis landet. Wird er es wagen, in der Poco-Loco-Hose vor Gericht zu erscheinen? Die Jacke von Yves Saint Laurent, für deren Anschaffung Ole die Verantwortung übernehmen muss, 7500 Kronen bei Øyvind Dahl, ist ohnehin schon beschlagnahmt worden. Es war aber auch ein lächerlicher Kauf. Strickjacke. Zu gar nichts zu gebrauchen. Man wurde mit so etwas nicht einmal ins Noble Dancer oder in eines der anderen neuen Lokale gelassen, auch wenn es dreimal so viel gekostet hatte wie die neuen Billigsmokings, in denen die allerdümmsten und unerfahrensten Bankleute und Makler glaubten, die unechtesten Blondinen verführen zu können. Als ob Fliegen und weiße Hemden etwas Erotisches an sich hätten! Fliegen! Er schwitzt und träumt halb vor sich hin, spinnt weiter an diesem Gedankenfaden, der ihn in Verbitterung und Größenwahn führt. Er denkt an Mozart, an nichts Geringeres. Mozart, ja! Er wird in einen Zustand der Erregung versetzt, wenn er nur daran denkt, was dieser Meister an Demütigungen ertragen musste, dass Mozart niemals die Anstellung am Hof erlangte, von der er geträumt hatte, dass er fast seine gesamte Musik, diese geniale, göttliche Musik, in tiefer finanzieller Not schreiben musste. Ja, sogar das berühmte Requiem hatte er für Geld geschrieben, weil dieser Idiot von einem Grafen aus Stuppach es selbst aufführen und so tun wollte, als habe er es geschrieben. Dass Mozart sich auf so etwas überhaupt hatte einlassen können, zeigt nur, wie unselig und unschön die Motive für neue künstlerische Schöpfungen sein konnten. Dostojewski, der seine Romane als verzweifelte Fortsetzungsgeschichten für russische Zeitschriften schrieb, um seine Spielschulden zu bezahlen. Aber was kann er tun, während er sich im Bett von einer Seite auf die andere wälzt? Bingo! von Aschehoug zurückziehen und als Fortsetzungsroman einer der Illustrierten anbieten, die seine Mutter so liebte? Wie viel könnte er dann bekommen? 3000 pro Woche? Für insgesamt 10 Kapitel? Das wären dann nicht mehr als 30 000 Kronen, nicht genug, um das Haus auf Sandøya zu retten. Und das alles muss er denken, wie er sich so im Bett von einer Seite auf die andere wälzt, und Movitz hat sich nicht einmal herabgelassen, an der Schlafzimmertür zu kratzen und seinen Schmusebedarf kundzutun. Merkt auch der Kater, dass es abwärts geht?
Der Anruf kommt überraschend. Er kommt vom liebenswerten Menschen Knut Brandstorp, dem Chefdesigner von Aschehoug, der so viele seiner Umschläge gestaltet hat, nachdem der noble Rolf Andersson aufgehört hatte, sich mit Romanvorderseiten zu befassen. Brandstorp hat ein maskulines Auftreten, das ihm anfangs das Gefühl gab, sie hätten einander nichts zu sagen. Aber dann kam es ganz anders. Und Knut, der immer seinen weißen, halblangen Mantel trägt und wie ein Mensch mit konkreten Kenntnissen wirkt, ruft just an dem Tag an, an dem er alles aus dem Griff zu verlieren scheint, als der Flieder blüht, als Sandøya so schön ist, dass der Schriftsteller Roy Jacobsen beim bloßen Anblick dieser strotzenden Idylle entlang der autolosen Wege kotzen würde. Und hier hatte er wohnen wollen!
»Aber es eilt«, sagt Knut.
»Was eilt?«, fragt er.
»Der Umschlag für deinen Roman. Der Buchclub Nye Bøker will das Buch im September bringen.«
»Nye Bøker?«
»Ja. Hat die Redaktion dir das nicht gesagt?«
»Ich hab keinen Mucks gehört.«
»Hauptbuch, du Scharlatan. Deshalb müssen wir ein Foto von dir machen. Ich denke an die alberne Jacke von Saint Laurent, mit der du vorige Woche im Verlag warst. Sie kann die Vorstellung der Laien davon unterstützen, wie ein großer Autor wirklich da draußen auf den Schären lebt, mit Katze und Kaninchen.«
Er hört sich diesen Scherz an, lässt sich nichts anmerken. Aber innerlich ist er erschüttert. Hauptbuch? Fünf Jahre lang, seit Pavane, 1976, hat er versucht, nicht daran zu denken. Stattdessen hat er stumm genickt, wenn er die Namen der Autoren hörte, die in all diesen Jahren die Auserwählten waren. Und weil er auch Musiker war, dachte er nicht so oft daran, während er zugleich wusste, dass hier eine literarische Klassengesellschaft entstand. A-Autoren und B-Autoren. Aber wie sollte man durchschauen, nach welchen Maßstäben die Mächtigen draußen in Lysaker einen Autor auswählten? Er war kein Stratege. Sein voriger Roman, Das Land auf der anderen Seite, war so introvertiert, dass die meisten Kritiker es nicht einmal bemerkt hatten. Während der langen Arbeit an Bingo! hatte er keine Sekunde lang gewagt, an den Buchclub zu denken. Die Geschichte war möglicherweise schon an sich zu haarsträubend. Außerdem spielte sich ein Großteil der Handlung in Oslo-West ab. Norwegische Literatur hatte kein Interesse an Oslo-West. Nach Johan Borgen und Axel Jensen waren ganz andere Orte in der Stadt und im Land überhaupt zur literarischen Arena geworden.
Aber er wusste, was das in klingender Münze bedeutete.
Über 300 000 Kronen. Fast drei normale Jahresgehälter.
Ihm wurde schwindlig. Er bereute, zum Frühstück nicht mehr gegessen zu haben, dann könnte er jetzt kotzen.
War er nun gerettet?
Das Fragment ist keine Nebenspur. Das Fragment ist das Leben selbst. John Lennons berühmte Zeilen aus Beautiful Boy: »Life is what happens to you while you are busy making other plans.« In den größten Mahler-Symphonien sind die Fragmente die eigentlichen Tragbalken. Noch einmal der erste Satz in der dritten Symphonie. Den er von allen am meisten schätzt. Die chaotischen Militärmärsche des ersten Satzes, im direkten Kontrast zu den Fragmenten von Glück, fast schon Ekstase. Die lange Exposition, für die die Solovioline die Hauptverantwortung trägt, die Wollust der Harfen, die fast verbotenen Abstecher von Gesetz und Ordnung, von der militärischen Kontrolle, von der jedes Land abhängig ist. Eine Denkweise, die auf die Einwohner übergreift. In seinem Leben existiert diese Hierarchie noch immer. In seinem Gehirn kämpfen zwei Generäle um die Macht, zwei Leutnants und danach ein Heer von gemeinen Soldaten, die sich, weil es sein muss, zum Morgenappell aufstellen, die aber vor allem davon träumen, zu desertieren.
Er schreibt einen Roman, weil er sich das belletristische Erlebnis der Erinnerung wünscht. Er braucht die Freiheit der Repliken, die Verbindlichkeiten der Sprache. Einen Menschen zu beschreiben, ohne sich den ästhetischen Anforderungen des Romans zu nähern, wird zu einer eiskalten und seelenlosen Übung. Ja, er nennt es Seele. Zugleich verabscheut er Gefühlsduselei, das sentimentale Hätscheln des eigenen Schicksals.
Die langen Linien, unsichtbar sogar dort oben am historischen Hof, der aus Präsidenten, Königen, Königinnen, Hofmarschällen und Henkern besteht. Annexionen. Die Sudetenlinie. Oder-Neiße. Die Krim. Während er schreibt, liest er, dass Norwegen einen Grenzzaun zur Sowjetunion einen Meter zu weit nach Osten gesetzt hat. Der Zaun muss abmontiert und neu aufgestellt werden.
In ihm gibt es etwas Hartes, das kann er sehen. Diese Monate. Diese Jahre. Ein Expansionswille, der ihm Angst macht. 35 Jahre später. Er kennt diesen jungen Schlingel. Aber er ist nicht sicher, ob er ihn leiden kann. Wenn er jetzt, im Jahre 2016, dem Bjørnstad-Jungen in einem Restaurant begegnete, würde er denken: Mit dem möchte ich aber nicht reden müssen. Dieser dünne Kerl mit den angesagten Klamotten, das Quasizerzauste, das doch nur Geckentum ist. Erinnert er nicht zum Verwechseln an diese Hurenböcke aus seiner eigenen Jugend, die niemals genug kriegten? Die mit beiden Händen rauchten und tranken und immer wieder zugriffen. Die gestohlenen Blicke in alle Richtungen, zu allen Menschen und allen neuen Möglichkeiten. Er denkt an die Musik, die er damals gehört hat. Immer Klassik und Jazz, aber auch Elvis Costello, Blondie und Talking Heads. Costello und David Byrne ähnelten den neuen Maklern auf den Straßen von Oslo wie ein Ei dem anderen, mit ihren schwarzen oder hellblauen Anzügen. Das Aggressive, das diese Männer ausstrahlten. Watching the Detectives oder Burning Down the House. Er liebte Costello, wenn der sang Shoot, shoot, shoot. Und er verspürte Erregung, wenn Debbie Harry sang The Tide is High. »I’m not the kind of girl …« Damals wollte er wirklich alles, denkt er. Einige Wochen ehe der Dachboden auf Sandøya fertig sein soll, kauft er eine zweistöckige Wohnung ganz oben an der Ecke Thomas Heftyes gate und Bygdøy allé, gegenüber dem Immobilienmakler Tom Stabe, der diesen Verkauf vermittelt. Zusammen mit der Anderen war er an den Fenstern mit den vielen Immobilienangeboten vorbeigegangen und hatte Bilder dieser Wohnung gesehen, und die hatten ihm einen Stoß versetzt. Das große Wohnzimmer im obersten Stock. Der Balkon mit Blick auf Bygdøy allé und Odins gate. Die beiden Zimmer einen Stock tiefer. Ein Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer/Gästezimmer.
»Du hast doch Lust darauf«, sagte die Andere. Sie kannte ihn so gut. War seinen Gedanken oft weit voraus.
»Absolut nicht«, antwortete er. »Außerdem können wir uns das nicht leisten.«
Zwei Wochen später. Er steht in der leeren Wohnung und sieht, dass er zu Ikea muss, um Möbel und Teppichboden zu kaufen. Noch kann er solche einfachen Dinge schaffen: Teppiche zurechtschneiden, Bilder aufhängen und Sessel auf dem Rücken tragen. Die Andere ist auf Sandøya in dem anderen Zuhause. Aber sie kann solche Dinge viel besser als er. Ihre Loyalität macht ihm Angst. Hat sie wirklich solches Vertrauen zu ihm? Dass er die Finanzen im Griff hat? Dass dieses Geld vom Buchclub in alle Ewigkeit halten wird? Er hat vier verschiedene Kreditkarten, die er überzieht. Für dieses Geld kauft er Bilder von Leonard Rickhard, Bjørg Holen und Gunnar Torvund. Gleichzeitig hält er jetzt Ausschau nach billigen Kleiderläden. Er geht Ole aus dem Weg, wenn der aus seinem Reihenhaus im Ostadalsvei kommt und in Einkaufsstimmung ist. Jetzt keine weiteren Jacken von Yves Saint Laurent.
Allein in der Wohnung. Er geht zur Gegensprechanlage an der Eingangstür, nimmt den Hörer ab, lauscht dem Rauschen unten auf der Straße. Hier, denkt er, genau hier.
»Da«, sagt er. »Gleich unten in der Straße, in der Bygdøy allé.«
Die Mutter hatte ihn angesehen. Das war die endgültige Abnabelung. Obwohl er auf Sandøya wohnte, hatte er die ganze Zeit den ersten Stock im Haus der Eltern in Frognervei gehabt. Wusste sie, dass der Vater ihn auf die Idee gebracht hatte? Er hatte die Miete erhöhen müssen. Das war nur recht so. »Aber für zweitausend Kronen pro Monat kannst du ein größeres Darlehen bedienen, weißt du. – Wie wäre es mit einer Wohnung?«
»Ich wüsste da eine Wohnung«, hatte er geantwortet.
Wollte der Vater den Sohn aus dem Haus haben, damit der endlich ganz selbstständig werden könnte?
Aber an das Gesicht der Mutter wird er sich erinnern. Die Trauer darüber, dass er nicht mehr in ihrem Haus sein wird. Als sich ihre Blicke begegneten, sah er das. Warum sollte man jemals wünschen, zu einer Mutter auf Distanz zu gehen?
»Ich bin doch nicht weit weg, Mutter.«
»Nein«, sie nickte.
»Eigentlich doch gleich um die Ecke. Du kannst auf dem Balkon sitzen und den Sonnenuntergang genießen.«
»Der Balkon schaut nach Osten, Ketil.«
»Von mir aus. Aber du kannst trotzdem kommen. Du kannst immer kommen.«
Sie lächelte ihn an. Streichelte seine Wange. »Das wird sicher schön«, sagte sie. »Ich freue mich für dich.«
22.
Rosenborg Studio. Vor den Fenstern Fliederzeit. Er und das Stavangerensemble im Haus. Es ist der Dreißigjährige Krieg. Nicht der große, über den die Geschichtsbücher schreiben, sondern der andere, der mit dem Alter zu tun hat. Er hatte es sich so sehr gewünscht, mit dieser Rockband zusammenzuarbeiten, sich von dem Erwarteten zu entfernen, ein härteres, aggressiveres Klangbild anzustreben, nicht so unverbindlich wie in der Welt des Jazz, weil die Akkorde weniger sind, die Melodien kürzer, die Refrains deutlicher. Monatelang hatte die kleine Fangemeinde unten auf Sandøya das Debütalbum des Stavangerensembles gespielt, Ta en kjangs, und sich über das Verspielte gefreut, über die Selbstsicherheit, die ungeheuer starken Melodien und Texte. Die vier Musiker, der Gitarrist Anders Bru, der Schlagzeuger Knut Køningsberg, der Bassist Øystein Eldøy und der Vokalist Frode Rønli, Froddi im Volksmund, füllten im ganzen Bezirk die Clubs. Abermals Stavanger. Er war zu ihnen gefahren, war mit ihnen zusammen gewesen und hatte über das Konzept geredet, das Doppelalbum. Eine Rockoper über Kasper, der ihm selbst zur Verwechslung ähnelte, im Handlungsverlauf aber vielleicht noch mehr Froddi, alle Geschichten, die Froddi ihnen unterwegs erzählte, die konstante Heimatlosigkeit, die dramatischen Erlebnisse in der Jugend, Dinge, von denen Froddi sagte, er könne unbesorgt darüber schreiben, was es für ein Gefühl war, aus einer Wohnung in ein kleines Auto umzuziehen. »Ich wohnte im Morris Mini / der ist wie ein Bikini.« Sie hatten unten im Korvetten gesessen, diesem reichlich alkoholisierten Lokal am Hafen, das die Ölarbeiter gern aufsuchten, wo er selbst 1971 die junge angehende Autorin Valgjerd getroffen hatte, als Ole Paus ihn mit auf Tour genommen hatte. Diese Jungs zu treffen war, wie in eine Wohnung heimzukehren, zu der er seit vielen Jahren Zugang hatte, ohne jemals darin gewohnt zu haben. Eine Wohnung in einem Block mit einer vielfältigen Personengalerie, wo alle, die durch das Treppenhaus gingen, schwere Koffer trugen, vollgestopft mit ihren eigenen Geschichten. Einige dieser Koffer wurden niemals geöffnet, Froddis Koffer aber war so voll von Geschichten und zudem durchlöchert von allen Reisen, Adressen, Menschen und Ereignissen in seinem Leben, dass das Schloss nicht mehr funktionierte. Die Geschichten strömten einfach heraus, wurden zu Liedern und Refrains. »Als ich geboren wurde, war niemand zu Hause. Alle arbeiteten an der neuen Zeit.« Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so engen Kontakt zu jemandem gehabt hatte wie zu Froddi und den anderen Jungs. Man brauchte die Lieder kaum durchzuspielen, ehe man zur Aufnahme schritt. Bru, Eldøy und Køningsberg kannten einander in- und auswendig. Während die Begleitung nervös und lückenlos war, so, wie er es sich wünschte, so, wie er sich vorgestellt hatte, dass seine eigene Musik irgendwann klingen könnte, als er im Auto von Paul Karlsen saß und The Police hörte, hatte Anders Bru die verschiedenen Klänge aller seiner Gitarren im Kopf. Er begriff, wie wichtig die Melodien waren. Alles saß beim ersten oder zweiten Versuch. Froddi tanzte durch das Rosenborg Studio, als ob er in Det Røde Sjøhus auf der Bühne stünde. Es hätte keinen Sinn gehabt, auf der Vokalspur etwas korrigieren zu wollen, denn wie korrigiert man gelebtes Leben? Es war doch das Leben selbst, das die Geschichte war. Hier sollte nichts arrangiert werden.
Am vorletzten Tag im Studio kommt Anne Lise von der Polygram in den Kontrollraum. Im Sommer ist sie immer so schön, denkt er. Vielleicht legt sie sich nach Feierabend draußen bei Bygdøy auf einen Felsen. Das Blasse, etwas Britische an ihr ist dann nicht mehr zu sehen. Dann ist sie so norwegisch wie Synnøve Solbakken. Draußen blüht noch immer der Flieder. Sie hört sich zwei Lieder an und sagt: »Sachen.«
Das ist ein Ausdruck, den sie übernommen hat vom Arbeitskumpel Audun Tylden. Er hat sich in der Musikszene ausgebreitet wie ein Lauffeuer. Möglicherweise war es Audun selbst oder einer seiner Künstler, der in Nordnorwegen durch einen Hotelkorridor ging und an einer offenen Tür vorbeikam, hinter der ein Paar im Bett am Werk war. So, wie die Geschichte erzählt wurde, ließ die Frau einen knallenden Furz los, als beide gerade den Höhepunkt erreichten, und der Mann rief überaus beifällig: »Sachen!« Auf diese Weise wurde der Ausdruck noch Jahrzehnte später benutzt, um etwas besonders Gutes zu loben, ob es sich nun um Åge Aleksandersens neuestes Album handelte oder eine frisch gebratene Gänseleber im Restaurant Tre Kokker.
Aber er sieht, dass Anne Lise eigentlich nicht gekommen ist, um zuzuhören und mit Superlativen um sich zu werfen. Sie ist gekommen, um etwas zu sagen. Sie ist Sekretärin, aber eigentlich zur Chefin geschaffen, denkt er. Zusammen mit Audun, Mikkel, Totto, Aase und allen anderen hat sie dazu beigetragen, eine Plattenfirma aufzubauen, die ihren Künstlern große Freiheit einräumt. Obwohl eine multinationale Firma dahintersteckt mit Hauptniederlassung in Hamburg, wo Helge Westbye schon als Wonderboy platziert ist, wird nicht von Verkaufszahlen geredet, auch wenn die Champagnerkorken knallen, wenn eine LP Gold holt. Es ist die Mischung von Ernst und Verspieltheit, die auf die Künstler übergreift, wie dann, wenn die Jonas Fjeld Band ein Album namens Take two Aspirins and Call me in the Morning lanciert. Auduns Geist ist bei all diesen Veröffentlichungen zu spüren. In den Augen des Bjørnstad-Jungen gibt es keinen Kontinentaleren als Audun. Seine Liebe zu Voss, Trondheim und Sogndal wird nur übertroffen von seinem Hunger auf Hammeleintopf, Schafskopf, Lutefisk, geräuchertes Hammelfleisch und Schweinerippe. Oder Graubrot mit Ziegenkäse und einem Glas Milch nach einer Nacht auf der Piste mit einer zweistelligen Anzahl Gin and Tonic. Wenn er über San Francisco oder über die Wasserflugzeugabgänge von Miami nach wohin auch immer redet, ist er international wie der schlimmste Schurke in einem James-Bond-Film, und dann liebt man ihn am meisten. Das Staunen über das Leben, das auf alle anderen übergreift, nicht zuletzt auf Anne Lise, wie sie dort steht mit allen finanziellen Vollmachten von ihrem verrückten Chef und sagt: »Heute Abend spielt Elton John in Oslo.«
»Ach?«
Sie lächelt fröhlich. »Sein Management erzählt, dass er nach dem Konzert gern essen gehen möchte.«
»Ach? Casino? Dovrehalle? Olympen? Larsen?«
»Mach keine Witze. Wir haben uns auf das d’Artagnan geeinigt.«
»Nicht Tre Kokker?«
»Das d’Artagnan ist gerade total angesagt.«
Sicher, denkt er. Noch ein Beispiel für das kontinentale neureiche Gehabe. Gänseleber und Sauterne. Kalbsbries und Puligny-Montrachet.
»Aber was hat das mit uns zu tun?«
»Wir wollen euch dabeihaben.«
»Uns?«
»Ja, euch. Und noch andere Künstler. Elton John will nicht erkannt werden, ihr wisst schon. Die Polygram lädt zum Essen und zu den feinsten Weinen ein. Das Einzige, was wir im Gegenzug von euch verlangen, ist, dass ihr kein Getue macht, wenn irgendwann Elton John ins Lokal kommt und sich an einen Tisch setzt.«
Die Spannung im Restaurant knistert geradezu, als wir einige Stunden später das d’Artagnan betreten. Erschöpft, aber guter Dinge nach dem Tagewerk im Studio. Jetzt steht nur noch die Abmischung aus, und die werde ich teilweise mit Inge und Hans Petter übernehmen, wenn das Stavangerensemble am nächsten Tag nach Rogaland zurückkehrt. Ich lasse meine Blicke von Tisch zu Tisch wandern. Sitzen da hinter der Säule nicht Jahn Teigen und Anita Skorgan? Das neue Superpaar, das die Klatschzeitschriften mit Spekulationen und Gratulationen füllt? Und dahinten am Fenster, sind das nicht Kristin und Trond-Viggo? Dag Spantell? Gro Anita Schønn? Alf Cranner ein Stück weiter hinten in der Ecke? Lillebjørn und Åse Kleveland? Inger Lise Rypdal? Finn Kalvik? Åge und Sambandet? Jonas Fjeld? Es sieht aus wie der Garderobenbereich des NRK vor einer der allergrößten Samstagssendungen. Gesichter, die man kennt, und andere, die einem nur vage bekannt vorkommen. Da kommt Ole zusammen mit Dag Frøland. Der Bjørnstad-Junge winkt ihnen zu, steht auf, umarmt Ole und begrüßt Frøland, der einen langen Zobelpelz trägt, sogar jetzt, mitten im Sommer.
»Ich freue mich ja schon so auf Roger Whittaker«, erklärt Frøland.
»Whittaker ist nicht hier«, sagt der Bjørnstad-Junge höflich.
»Nein, noch nicht«, erwidert Frøland. »Aber der kommt schon noch. Deshalb sind wir doch hier. Um ihm zu huldigen.«
Ole wirft ihm einen vielsagenden Blick zu, »Komm, Dag.«
Er zieht seinen Freund zu einem freien Tisch weiter.
Die meisten sind schon in die Speisekarten vertieft und informieren sich über das Menü dieses Tages mit sieben Gängen. Andere haben sich in die Weinkarte vertieft. Viele Weine kosten mehrere tausend Kronen pro Flasche. Château Petrus, Latour, d’Yquem. Namen, die ich nur vom Hörensagen kenne. Ich sehe, dass Froddi, Anders, Øystein und Knut überrascht lächeln, während Zigaretten angezündet werden und Anne Lise von Tisch zu Tisch geht und allen versichert, dass sie bestellen können, was sie wollen, dass in weniger als einer Stunde Elton John eintreffen wird, und was sollen wir dann tun? Ganz einfach, weiter essen und trinken und rauchen und uns nichts anmerken lassen. Zigarren? Natürlich. Das d’Artagnan hat echte kubanische auf Lager. Fragt einfach Freddy, den Chef. Wir entscheiden uns für Kammmuscheln, Hummerbisque, gebratenen Seeteufel, Wachteln, Milchlamm, Spanferkel, Frühgemüse, Topinambur und Schwarzwurzelpüree. Das Essen wird hinuntergespült mit einem Meursault Jahrgang 78 und einem fünf Jahre älteren Figeac Grand Cru. Froddi und wir anderen kommen in Stimmung. Die Anekdoten reihen sich zu einer Kette aus witzigen Erinnerungen und Episoden, so viele gemeinsame Bezugspunkte, obwohl wir aus sehr unterschiedlichen Szenen kommen. Die Musik verbindet uns, sie hat uns einst gefesselt und dann festgehalten, und wer von uns hätte geglaubt, dass wir hier landen könnten, als gut erzogene Statisten in Elton Johns Universum. Er kommt ungefähr in der Mitte des XO-Cognacs. Ein hörbares Luftschnappen, sofort gedämpft vom warnenden Blick von Anne Lise, die jetzt in der Tür steht und aufpasst. Niemand hier wird jetzt Your Song anstimmen. Und auch nicht Yellow Brick Road. Wir werden nicht mit unseren Autogrammheften zu ihm hinstürzen. Er setzt sich, zusammen mit den Leuten vom Management. Wer sind die Norweger? Rune Lem? Petter Sandberg? Gunnar Eide? Uns nichts anmerken lassen, sagen wir zueinander mit Blicken, und alle starren etwas anderes an als den Weltstar. Wo waren wir gerade? Richtig, bei Sola. Die Geschichte von dem betrunkenen Flugkapitän, der behauptete, mit einer DC 9 einen Looping beschrieben zu haben. Aber wir fangen ihn ein, Elton John, wie er da an einem Wandtisch sitzt und so tut, als wäre er ebenso normal wie wir. Wir haben denselben Ausgangspunkt. F-Dur, G-Dur, a-Moll, C-Dur. Der Unterschied ist nur, dass er genau die Kombination gefunden hat, mit der er Millionen von Kronen verdienen, einen Bentley fahren und in einem Schloss wohnen kann, und dass die ganze Welt, sogar weit draußen in einem Dorf in Bangladesch, weiß, wer er ist.
Die Mahlzeit ging weiter. Obwohl es einigen von uns nun schwerfiel, die Konsonanten zu finden, mussten wir sitzenbleiben und durften uns nichts anmerken lassen. Elton John hatte jetzt die erste Vorspeise vor sich stehen. Wir pressten französischen Käse in uns hinein und tranken uns langsam zurück zum Rotwein, als ein Kollege an einem anderen Tisch plötzlich mit der Stirn im Aschenbecher lag. Sein Tischnachbar versuchte aufzustehen, um ihn hochzuziehen, kippte aber um und lag bewusstlos und mit einer aufgeplatzten Augenbraue auf dem Boden. Wir ließen uns nichts anmerken. Niemand ließ sich etwas anmerken. Wir waren hergekommen, um normal zu sein, uns an einer Normalität zu berauschen, die es zu diesem Zeitpunkt an einem Juniabend ganz selbstverständlich machte, dass Elton John ein paar Tische weiter saß. Und zugleich, dachte ich, sind wir außergewöhnlich. Wir schaffen es, nicht zu Elton John hinüberzugehen, um uns in seinem Glanz zu sonnen, unsere Demos feilzubieten und ihn anzuflehen, unsere Lieder zu singen. Svart fortid, denke ich plötzlich. Das ist doch ein Stück von Elton John. Warum komme ich erst jetzt auf diesen Gedanken? Inger Lise Rypdal und Lill Lindfors haben für dieses arme Lied getan, was sie konnten. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie keinen Erfolg hatten. Es war doch ein Elton-John-Stück! Ich halte Ausschau nach Trond-Viggo. Wo ist er? Ist nicht auch sein Komponist, Georg Keller, gekommen? Höre ich da nicht das perlende Lachen von Kristin, irgendwo hier im Lokal? So viele Freunde in diesem Raum, denke ich, getragen von einer Welle aus Alkohol und Euphorie. Svart fortid dröhnt in mir, lullt mich ein in das gleiche Hokksund-Englisch, das Trond-Viggo benutzt hatte, um Hjalmar zu schreiben. Das war doch wirklich ein Elton-John-Stück, denke ich und habe Froddi gleich vor mir irgendwo in meinem Blickfeld. Der Englischlehrer in Trond-Viggos Lied: »Du versuchst zu sprechen wie Elton John, aber niemand redet so.« So what, dachte ich. Es war trotzdem ein Elton-John-Stück. Besser als alles, was er selber hätte schreiben können. Was, wenn Trond-Viggo, Georg Keller und ich gleichzeitig aufständen und zu seinem Tisch gingen, von unseren phantastischen Liedern erzählten, die doch, in unserem gemeinsamen Unterbewusstsein, für ihn geschrieben worden waren, für den Meister. Den, der vor nur wenigen Stunden in der Drammenshalle, oder war es die Ekeberghalle, für Tausende von ekstatischen Norwegern seine Hits geliefert hatte? Jetzt saß er jedenfalls hier, gleich neben uns. Anne Lise konnte doch nicht in vollem Ernst meinen, dass wir im Laufe des Abends kein einziges Mal zu ihm hinübergehen dürften? Waren nicht alle fast schon so betrunken, dass das Förmliche an diesem Fest sich auflösen und dass wir alle hin und her laufen würden, bald, in der neureichen und kreativen Ekstase, die gerade in diesem Sommer durch das Land fegte? Ein einziger Satz könnte ausreichen: Do you want to listen to a song I actually wrote for you, Mr Elton John? I have been your most humble and dedicated admirer for years. Yes, würde er sagen. Und es würde nicht das eiskalte Urteil der befreundeten Lehrerin von Sandøya sein, sondern ein tieferes Verständnis für Hjalmar und Svart fortid. Und da Trond-Viggo und Georg ein Zweiergespann waren, brauchte ich mir keine Sorgen mehr um sie zu machen. Sie würden auf jeden Fall zurechtkommen. Jetzt ging es um Svart fortid. Die Freundin auf Sandøya, die gesagt hatte, mein Lied hätte beim Grand-Prix-Finale höchstens den sechsten Platz verdient, würde wirklich in den sauren Apfel beißen müssen, wenn sie unten am Skagerrak saß und hörte, wie der NRK zum ersten Mal Elton Johns neuen Welthit spielte, Men with black stories. Ach, wie unvorstellbar stark würde das sein. Da sitzt er doch, weniger als vier Meter von mir entfernt, und redet Banalitäten mit den schleimigen und anämischen Managern, die nach Betrug und Doppelbuchung stinken, egal, was sie anfassen. Soll ich jetzt zu ihm gehen und sagen, dass auch ich Pianist bin? Dass ich schwierigere Stücke gespielt habe als er. Oder was? Bartok mit den Osloer Philharmonikern? Alle Chopin-Balladen? Hä? Hö? Und warum hat sein Flügel immer so einen verdammt schlechten Klang? Warum spielt er mit geschlossenem Deckel, selbst wenn er auf der Bühne ein Steinway-D-Modell hat? Warum begnügt er sich nicht mit einer Farfisa-Orgel? Ja, genau. Ich werde nicht sagen, was dieses Wort auf Norwegisch bedeutet. Father farted. Sachen. Sakes and things. Why does your piano always sound like a remote fart, Mr Elton John? What? What? Don’t you ever feel any kind of solidarity with the hard-working piano-builders? Do you know how much time it takes to build a brandnew Steinway? More than a year, my friend! You didn’t know that? Oh my gosh. Your piano technique is embarrassing, don’t you know? Your bam-bam-chords, without any dynamics. You have much to learn, even though you are world-famous. And honestly, you aren’t that clever. Al Jarreau’s version of Your Song is much better than yours. He makes a real song! The song itself is suddenly the least interesting. So, don’t you actually need a NEW song now, to peak the Top 10? N’as pas besoin de faire quelque chose de nouveau? Passé noir. Öh? Öh? People like you, mis-treating innocent persons all over the world, isn’t that correct? Your private life, for example. How many boyfriends have you had in your life? You sonofabitch! Confess now! Confess! Men with black stories?
Ich merke, dass ich versuche, vom Tisch aufzustehen. Und gerade dieser bewusste Reflex macht mir klar, dass ich mich der Promillegrenze nähere, die ich einmal in den siebziger Jahren hatte, als ich mit Ole und Finn Strømsted im Theatercafé saß und mich danach auf der Toilette erbrechen musste.
Aber ich habe Elton John im Blick. Ich sehe ihn so deutlich. Deutlicher und deutlicher sogar. Er sitzt gleich da drüben. Niemand hält mich auf, darf mich aufhalten. Zwischen mir und dem Weltruhm liegen nur einige Schritte und zwei Sätze. Die Jungs vom Stavangerensemble werden mich unterstützen. Blyge Harry ist ebenfalls ein potenzielles Elton-John-Stück. Er hat Zeit, natürlich hat er Zeit, um morgen ins Rosenberg Studio zu kommen. Was er dort hören wird, wird ihn umwerfen. Er hat vielleicht nicht geglaubt, dass Norwegen mehr zu bieten hat als schwachsinnig kreischende Fans? Sieht er nicht die Eastlake-Ausstattung des frisch renovierten Studios? Den Kork an den Wänden? Hört er den Klang nicht? Den Steinway-Flügel? So hat das zu klingen!
Aber im Raum ist jetzt viel Wasser. Er hat das Gefühl, schwimmen zu müssen, die Arme zu heben, sie zu bewegen, um näher an Elton John heranzukommen, der dort hinten sitzt, ein Glas Wasser trinkt und ein verdammtes vegetarisches Gericht isst, was immer das sein mag.
»Elton!«, ruft er. »Elton! Jetzt hörst du verdammt noch mal zu!«
Er ist so nah, so dicht dabei. Da steht plötzlich Froddi vor ihm, lächelt verständnisvoll, streichelt ihm die Wange. Aber was zum Henker? Was ist hier los? Soll er nicht mit Elton John reden dürfen? Ist das nicht das Mindeste, was man verlangen kann? Sollte das nicht möglich sein? Scheiß, das muss doch möglich sein!!!
Und nun sieht er Dag Frøland, der nicht ganz sicher auf den Beinen an ihm vorbeigeht und in einer herzlichen Umarmung über Elton John hereinbricht.
»Roger Whittaker! My dearest Roger Whittaker! What a pleasure to say hello to you!«
23.
Springsteen in der Drammenshalle.
Ich war nicht dort. In den folgenden Jahren werde ich immer wieder von den Konzerten mit diesem Marathonmann hören, der so gern bis zu vier Stunden im Flutlicht steht. Menschen zu Tausenden, bis an den Rand gefüllt mit großen Erlebnissen. Ich war da. Du etwa nicht?
Nein, ich war nicht da. Die Stadionkonzerte. Die Sporthallen. Springsteen mit seinem »One, two, three, four« vor jedem einzelnen Lied. Ich denke an Rechtecke. Oder Vierecke. Ich sehne mich zurück zu Blinded By The Light.
Aber ich war nicht für das hier geschaffen. Hatte keine Rechte. Stand außerhalb der guten Gesellschaft, selbst wenn mir The River gefiel.
Dennoch sitze ich vor der Zeitung und sehe die junge Nini Stoltenberg mit dem Meister persönlich tanzen. Es ist so groß. Ein Mensch aus Norwegen tanzt mit einem weltberühmten Amerikaner. Noch sind wir nicht daran gewöhnt. Die Nation ist in dieser Hinsicht noch immer so jung. Die schöne junge Frau aus der Stoltenberg-Dynastie. Springsteen in der Drammenshalle, in der Stadt, in der Arnulf Øverland einmal in den sechziger Jahren vor Jesus und dem Weltuntergangschristentum gewarnt hatte, während Aage Samuelsen in »Halleluja«-Rufe ausbrach. Øverland hatte die Stimme gehoben, versucht, seine Botschaft weiter zu verkünden, aber die Jubelchristen waren bereits in Gesang ausgebrochen. Halleluja! Der Traum von Jesus. Er füllte ihr Leben. Für sie galten Jubel und Tanz. Dieselbe alles verschlingende Gemeinschaft. Das Licht dort vorn auf der Bühne. Jesus Christus. Bruce Springsteen. One, two, three, four! Ich denke an Tore Olsen. Er ist sicher dort. Alle die richtigen Menschen sind dort. Die Geschmacksrichter. Die Plattenkäufer. Down to the river. Der Wundermann aus New Jersey. Der Mann aus Nazareth. Draußen auf Sandøya versuche ich, den Takt zu finden, aber das ist unmöglich. Die Feuerzeuge sind verloschen. Es ist zu spät.
Ich lasse Prokofjews düstere fünfte Symphonie laufen, aus purem Trotz.
Aber auch das ist zu spät.
Der Juni ist immer schwül. Plötzliche Hitze, für einige Tage. Die setzt oft am Pfingstmontag ein, wenn die Sommergäste das Wochenende im Regen verbracht haben und sich für die Rückfahrt nach Oslo bereitmachen. Aber nach einigen Wochen schlägt das Wetter um, und der Regen trifft die Südküste und Ostnorwegen ungefähr dann, wenn Paul Karlsen & Co gegen Ende des Monats das Kalvøyafestival organisieren.
Israelische Flugzeuge bombardieren den einzigen Atomreaktor des Irak, gleich am Stadtrand von Bagdad. Als Begründung führen sie an, mit dem Reaktor könnten Atombomben zur Vernichtung Israels hergestellt werden.
Ein französischer Atomtechniker kommt dabei um. Der Reaktor wird unter französischer Regie errichtet. Aus Paris kommt wütende Kritik an Israel.
Zwei Tage darauf werden die Friedensaktivisten Nils Petter Gleditsch und Owen Wilkes zu sechs Monaten auf Bewährung und jeweils 10 000 Kronen Strafe verurteilt. Ihr Verbrechen heißt Onkel Toms Kaninchen, ein Buch, in dem Informationen über die amerikanischen Abhörstationen in Nordnorwegen veröffentlicht werden. Das Projekt nahm seinen Anfang, als die beiden als Zeugen in dem Prozess gegen den SV-Politiker Ivar Johansen vorgeladen worden waren, dem zur Last gelegt wurde, die Mitarbeiter des Staatsschutzes ermittelt und ihr Material der SV-Zeitung Ny Tid angeboten zu haben. Der spätere Redaktionschef von Gyldendal musste sechzig Tage absitzen, während acht Monate in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wurden. Später würde er, ironischerweise im Ikkevold-Fall, abermals vor Gericht gestellt werden, da er eine von den USA finanzierte Abhörstation auf Andøya und eine Überwachungsanlage enttarnt hatte. Er wurde schließlich vom Obersten Gericht freigesprochen, von der AKP(ml) als sowjetischer Agent beschuldigt, von der Zeitschrift Farmand, dem Organ für die Freiheit der Wirtschaft, als Parteigänger der RAF bezeichnet, während die Leitung seiner eigenen Partei SV sich besorgt fragte, ob er wohl ein Provokateur sein könne, als herauskam, dass er in engem Kontakt zu dem legendären und geheimnisvollen Sektionschef des militärischen Geheimdienstes Trond Ivar Johansen gestanden hatte.
Bei ihrem Prozess im Liste-Fall wollten Gleditsch und Wilkes in erster Linie aufzeigen, wie leicht es war, solche geheimen Stationen zu entlarven, die eine fremde Macht in Norwegen angelegt hatte. Man brauche sich nur irgendwo hinzustellen und Ausschau nach Antennen zu halten, behaupteten sie. Da sie es für selbstverständlich hielten, dass die UdSSR über diese amerikanischen Installationen auf norwegischem Boden längst informiert war, schrillten keinerlei Alarmglocken, als das Buch geschrieben wurde. Alle Quellen waren doch ganz offen und zugänglich bis hinunter zum Telefonbuch. Aber das Kommunalgericht meinte, es gebe in diesem Dokument zu viele Details, und stellte die Frage, ob das denn wirklich nötig sei nur, um gesellschaftskritische Forschung zu betreiben.
Ich rufe Vater an, den alten NATO-Skeptiker.
»Ist das möglich, Vater?«
Er zögert ein wenig. »Es sind neue Zeiten, mein Sohn. Aber ich bringe diesen Friedensforschern gewaltige Achtung entgegen.«
»Ja?«
»Ja.«
Ich lege auf, verwirrt darüber, dass es zu keiner größeren Diskussion gekommen ist. Dass sich die Argumentation im Urteil in den Schwanz beißt, ist offenkundig. Etwas an diesen Prozessen und ihrer Sprache ist unheimlich. Ein Gefühl, dass es eine andere Wirklichkeit gibt, ein anderes Stück Norwegen, von dem ich nichts weiß. Dass normale, intelligente Menschen auch in Norwegen zu Dissidenten werden, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein sowjetischer Dissident ist ein Held. Ein norwegischer Dissident ist ein potenzieller Kommunist und eine Gefahr für das Land.
Ab und zu, am frühen Morgen, wenn ich unten am Anleger stehe und auf die Søgne warte, kann ich schwere Militärflugzeuge sehen, oft Herkulesmaschinen, die leise im Tiefflug über die Insel jagen. Es kann ein Dienstag oder ein Freitag sein. Nie ein Wochenende. Aber die Flüge kommen mit einem fast unmerklichen Summen von Lyngør herüber. Erst klingt es, als ob man an einer Angelrute die Schnur einholt. Später wird das Geräusch nähmaschinenartig, ehe es wie ein heißer Hauch von etwas Gefährlichem wirkt, etwas Stillem, etwas Unwirklichem, etwas Verdecktem: »Sieh mich nicht, aber wenn du mich gesehen hast, dann vergiss lieber nicht, dass es mich gibt.«
Als führte Misstrauen gegen das System zu Ohnmacht. In Oslo und draußen auf Sandøya spreche ich mit anderen über die unbegreifliche Servilität der Politiker. Wo steckt Gro? Was will sie gegen die nukleare Aufrüstung und die Stationierung von Atomwaffen in Norwegen unternehmen? Wo bleibt die Linke? Traut sich denn niemand mehr, über die NATO zu reden? Was passiert mit allen Gegnern? Soll Ronald Reagan allein entscheiden, welche Waffen auf norwegischem Boden gelagert werden?
Eine von den jungen Zugezogenen auf Sandøya kommt an die Tür und will reden. Wissen wir nicht, was passiert? Haben wir nicht von Eva Nordland gehört? Oder von Rachel Pedersen und Wenche Søranger? Wir, die hier in die Schären gezogen sind, um unser eigenes Leben aufzubauen, wollen wir uns denn ganz und gar aus der Gesellschaft abmelden? Unsere Kartoffeln ausmachen und in den Kochtopf legen ohne einen einzigen Gedanken daran, was ansonsten in der Welt vor sich geht?
Es ist die Frau aus Pasvik, die nun an unserem Esstisch sitzt und agitiert. Ist es ihre Herkunft, so weit aus dem Nordosten, wie man in Norwegen überhaupt kommen kann, die sie so stark macht? Sie ist blond und schön, ist mit ihrer Familie hergekommen. Sie studiert Medizin, ich nehme sie im Auto oft mit nach Oslo. Einmal habe ich sie gefragt, wie sie nach Sandøya gefunden hat. »Ich habe etwas gelesen, was du in der Zeitung gesagt hattest«, antwortete sie. Das machte mir Angst. Dann war ich es, der einer Erwartung entsprechen musste. Was hatte ich gesagt? Etwas Unverbindliches darüber, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben, die eigenen Fische zu fangen, selber Kartoffeln zu setzen? Mir ging doch kaum je ein Kabeljau an den Haken. Das sagte ich zu ihr. Da lachte sie: »Die Verantwortung für mein Leben brauchst du nicht zu übernehmen.«
Nun waren ein paar Monate vergangen, es hatte einige Autofahrten gegeben, einige Begegnungen unterwegs. Die neu Zugezogenen sind so intensiv, ein bisschen jünger als wir, sie hören seltsame neue Künstler wie Prince auf den Festen, die wir arrangieren. Die Frau aus Pasvik sitzt an unserem Tisch, die Junisonne fällt durch das kleinsprossige Fenster und trifft auf ihre langen Haare. Mir kommt plötzlich ein trostloser Gedanke. Das wäre ja was, wenn ich mich verliebte! Ich sitze da und sehe ihre Hände an, wie diese die ganze Zeit versuchen, den Pony aus ihrer Stirn zu streichen, was Tante Svanhild gefallen würde. Nackte Stirnen. Die haben etwas so Schutzloses. Ihre Worte erinnern mich an unser Projekt hier draußen am Meer: nicht in festgelegten Mustern zu erstarren, nicht zu heiraten, sondern an die Freiheit zu glauben. Sie spricht über die Freiheit, sich für Frieden zu entscheiden, über das wichtige Treffen im November des vergangenen Jahres, als Pedersen und Søranger Kontakt zu Eva Nordland aufgenommen hatten, der bedeutenden Autorin, Pädagogin und Friedensaktivistin, die seit so vielen Jahren für den »kultivierten Menschen« kämpfte, den Menschen als Teil einer tieferen Gemeinschaft. Es sollte mit der Schulpolitik anfangen: »Der Mensch muss jetzt in eine Phase eintreten, in der größeres Gewicht auf seine sozialen und künstlerischen Aspekte und Möglichkeiten gelegt wird.« Als eine der Initiatorinnen der gemeinsamen neunjährigen Grundschule stand sie mitten in der gesellschaftlichen Diskussion.
Das Treffen im November trug dazu bei, die neuen Organisationen Nein zu Atomwaffen und Frauen für Frieden zu festigen. Die Frau aus Pasvik zeichnet und erzählt. Sie kam aus einer kleinen Gemeinschaft und wollte in einer anderen kleinen Gemeinschaft leben. Wir sitzen da und hören zu, die Andere und ich. Ja, was denkt die Andere? Sie hört das hier ja nicht zum ersten Mal. Sie und Tores Freundin haben über diese Friedensdemos gesprochen. Gleich vor dem Johannistag werden sich 3000 Menschen, vor allem Frauen, in Kopenhagen versammeln, um den Friedensmarsch nach Paris anzutreten. Das Bild der Frau aus Pasvik vermischt sich mit den tatsächlichen Informationen. Ihr Wunsch, daran teilzunehmen, alle zum Teilnehmen zu bewegen. Die Sonne trifft auf ihre Haare. Die Hand, oben an der Stirn, schiebt die Haare zur Seite. Die blauen Augen, die in unsere Gesichter starren.
Mehrere Tausend wandern durch Kopenhagen und dann zur Fähre nach Puttgarden. Auch einige Männer. In Deutschland wird es schwieriger. Das Land hat Atomkraftwerke. Das Land unterstützt die NATO. Nie wieder Krieg, solange man Atomwaffen besitzt. Aber diese schlängelnde Bewegung ist eine Versammlung von Einzelmenschen, die dasselbe wollen. Draußen in den Kulissen sitzen die Reaktionäre, die das lächerlich machen wollen, die Menstruationswitze erzählen, Blondinenwitze. Ich begegne ihnen, auf der Insel und in Oslo. Wie Ole auf hundert Meter Entfernung eine Feministin erkennen kann, erkenne ich einen Anti-Feministen auf noch größere Entfernung. Eines Abends, nach einigen Stunden im Studio, sitze ich mit Mutter in der Küche, sehe, wie erregt sie ist.
»Ich wäre gern bei dem Friedensmarsch dabei, Ketil.«
Ich glaube ihr. Ich fragte nicht, warum sie nicht geht. Es ist ihre Entscheidung. Tante Svanhild geht es schlechter. Mutter will in der Nähe sein, damit sie weiß, dass sie helfen kann. Ich frage mich, warum ich nicht gehe.
Die Frauen gehen. Der Kampf gegen Atomwaffen. Allein schon die Stationierung und der Bau der Lagerstätten sind eine Bedrohung. Es ist ein Marsch für die Zukunft der Kinder. Der Enkelkinder. Der Kinder der Enkelkinder.
In der Bar des Ambassadør sitzt einer der fetten Radioflaneure des NRK bei einem Whisky und macht sich lustig über die Feministinnen der siebziger Jahre, er hatte doch gehofft, wir seien fertig mit denen.
»Kennst du den Witz über die Braut, die nackt aus der Wohnung kommt, um den Müll in den Schacht auf der anderen Seite des Ganges zu werfen?«
»Das reicht«, sage ich.
Aber etwas ist passiert. Ein sechs Wochen langer Marsch. 1100 Kilometer. In Paris gibt es 20 000 Teilnehmerinnen. Frauen aus aller Welt. Französische Zeitungen, die nur ausnahmsweise über Atomwaffen schreiben, ermöglichen Diskussionen. Olof Palme, der in Paris weilt, erinnert daran, dass die Supermächte mehr als 50 000 tödliche Waffen besitzen. Die sowjetische Botschaft in Paris lädt die Initiatorinnen des Marsches zu einem Empfang ein, und Breschnew schickt aus dem Kreml ein Telegramm: »Es ist möglich, mit dem Abbau von Atomwaffen in Ost und West zu beginnen, wenn auf beiden Seiten der Wille vorhanden ist.« Reagan schickt nichts, aber die US-Botschaft ist dennoch bereit, zwei Vertreterinnen zu treffen. Rachel Pedersen und Eva Nordland wird klargemacht, dass das Militär der USA mit all seinen Waffen zur Verteidigung gedacht ist und niemals zu etwas anderem eingesetzt werden wird.
24.
Svartskjær. Eine der kleinsten Schären vor Sandøya. Die Schäre für Sonne und dicke Bücher. Ab und zu Weißwein aus der Thermosflasche. Er döst vor sich hin, schließt die Augen und denkt daran, was damals passiert ist, als Wagner bei Møkkalasset vor dem Tvedestrandsfjord einen Nothafen aufsuchen musste. Sogar bei geschlossenen Augen ist es hell. Rot, fast weiß. Dort draußen ist die Welt. Drinnen ist nur er selbst. Wer sollte dort Zutritt haben, wenn nur er selbst an besonderen Tagen sich an das Passwort erinnert? Die Andere liegt neben ihm. Sie zählen aufeinander, sie beide. Ist sie ebenso abhängig von ihm wie er abhängig ist von ihr? Sie haben gelernt, auf einer Insel zusammen zu leben. Sie haben gelernt, zu reisen. Neue Gebäude und Landschaften zu sehen. Meistens sind sie gleicher Ansicht über das, was sie sehen oder hören. Wenn sie in einem Konzert sind, ist ihm aufgefallen, dass sie die Augen in dem Moment schließt, in dem er sie auch schließen will. So ist große Liebe, denkt er. Es soll nicht möglich sein, in einem Leben tiefer zu gelangen oder sich mehr zu erwarten.
Als sie in der Turboprop-Maschine nach Kopenhagen sitzen, ist er glücklich, denn er hat keinen Auftritt. Immer, wenn er auftreten muss, fühlt er diese Unruhe. Die meiste Zeit ist dann Wartezeit. Darauf warten, dass das Flugzeug landet. Im Hotelzimmer warten. Auf den Soundcheck warten. Hinter der Bühne warten, bis jemand ihn holt, damit er das vorführen kann, weshalb das Publikum gekommen ist. Aber zusammen mit der Anderen befindet er sich in einem Jetzt oder einem Nun, wie er früher gesagt hat. Er war mit einer Sprache aufgewachsen, die langsam in der Vergangenheit verschwindet, und mit alten Büchern, die es im Buchladen bald nicht mehr geben wird, sondern nur noch in Antiquariaten und Bibliotheken. Die neue Sprache ist brutal und aggressiv und er findet sich darin nicht wieder. Die Andere spricht mit einer ganz anderen Weichheit. Ihr Akzent. Manchmal ziehen sie einander auf wegen ihrer unterschiedlichen Aussprache. Aber dabei sind sie immer respektvoll und vorsichtig. »Nennst du etwas so Schlichtes und Alltägliches, wie aufs Klo zu gehen, wirklich, ›die Notdurft verrichten‹?«
In Kopenhagen checken sie im Hotel Plaza am Hauptbahnhof ein. Doch es ist kein normales Bahnhofshotel. Hier steigen die großen Rockstars ab, wenn sie in Kopenhagen auftreten. Die beiden Restaurants sind in ganz Nordeuropa berühmt. Die Bibliotheksbar ebenso. Sie sind hergekommen, weil sie die Zeitung Information abonniert haben und manchmal auch Politikken lesen. Es ist die Sehnsucht nach dem Kontinentalen. Von Sandøya hätten sie bis nach Skagen blicken können, wenn die Erde nicht rund wäre. Und in der Information haben sie gesehen, dass Paul Simon im Konzertsaal des Tivoli ein Konzert geben wird. Darüber, ihn einmal live zu hören, reden sie seit Jahren mit Anne-Karine und Ole. Seit er mit Stefan Grossman zusammengearbeitet, hat Ole fast das Gefühl, Paul Simon zu kennen. Still crazy after all these years. Und er selbst hat nie aufgehört, The only living boy in New York in voller Lautstärke zu hören, wenn er allein zu Hause ist. Anne-Karine und Ole haben keine Zeit, zu diesem Konzert anzureisen. Aber die beiden von Sandøya sitzen im Flugzeug, fast benommen vor Erwartung. Sie reisen also nach Kopenhagen, aber nicht zum Friedensmarsch. War die Vorstellung zu überwältigend? Wurde alles zu anstrengend? Hatte die Frau aus Pasvik etwas Unheimliches an sich? Sie sprechen nicht mehr darüber. Eine neue Stille ist zwischen ihnen. Er weiß nicht so recht, ob ihm das gefällt.
Immer, wenn er im Flugzeug sitzt, denkt er große Gedanken. Dann gibt es keine Grenzen dafür, welche Romane er schreiben könnte, welche Texte, welche Melodien. Dann liegt in der Tasche am Sitzrücken von ihm ein Roman vom Format eines Philip Roth oder Bernard Malamud. Das ist die große Literatur. Die er sich selbst zum Ziel gesetzt hat. Im Verlag bezeichnen sie Bingo! als großen Roman, aber wie kann er sich da sicher sein? Dass er in der literarischen Hierarchie eine Stufe höhergerückt ist, gibt ihm kein Gefühl von Sicherheit. Er spricht mit der Anderen oft über Literatur. Sie hält sich auf dem Laufenden über die dänischen Autorinnen, über die in der Information berichtet wird. Dea Trier Mørch. Kirsten Thorup. Suzanne Brøgger. Alle Frauen auf Sandøya lieben Brøgger. Sie werden inspiriert durch Brøggers ewigen Sündenfall. Die konstante Doppeltheit. Die Art, in der sie über Sexualität oder über ihren Nachbarn zu Hause in Dänemark schreiben kann, der beim Bingo ein Schwein gewonnen hat. Bingo! ist kein Schwein, sondern ein Roman. Ist eigentlich Brøgger das Vorbild für die verschwundene Mutter in der Erzählung? Er hat mit der Anderen nie viel darüber gesprochen. Oft hat er das Gefühl, dass sie über seine eigenen Hauptpersonen mehr weiß als er selbst.
Am Nachmittag checken sie im Plaza ein. Die Sonne brennt, und aus dem Tivoli sind die vielen Leute zu hören, die hergekommen sind, um sich zu amüsieren. Im Hotelzimmer packen sie ihre Sachen aus. Er hat dasselbe Bedürfnis wie sie danach, aus dem Zimmer ein Zuhause zu machen, für die kurze Zeit, in der sie hier wohnen werden.
Sie bleiben eine Weile auf dem Hotelzimmer, dann gehen sie hinaus in die Bernstorffsgade, durch die Vesterbrogade und nach rechts zum Rådhusplass. Danach über Strøget zu den Antiquariaten in den Seitenstraßen, den spannenden Kunst- und Handwerksgeschäften, der eleganten Boutique von Tage Andersen, bei dem Pia schwere Krüge kauft, mit denen sie das Haus in Rekevika daheim auf Sandøya füllt. Die Sehnsucht nach Design, das etwas mehr ist als nur Blickfang, fast ein künstlerischer Ausdruck. Erling, der Kunstsammler, hat so oft mit ihm über die wichtigen Trennlinien gesprochen. Und wenn Erling ihm Beispiele zeigt, wird ihm alles so klar. Leonard Rickhard ist ein Künstler, aber viele der anderen Maler, die in seinen Fußstapfen laufen, sind Designer. Und das wissen sie selbst. Einer von ihnen, berühmt und bereits Millionär, wird sagen: »Ich könnte genauso gut ein Pinselwäscher in Leos Werkstatt sein.« Aber worin besteht der Unterschied? Jetzt, wo er so viel seiner Zeit auf Pop und Rock verwendet, auch wenn er jeden Tag Ravel, Bach, Debussy, Chopin und Mozart übt, macht er sich damit zu einem Mussikanten? Ist er kein Musiker mehr? Kein Künstler? Ist er ein Designer? Sind Paul Simons Lieder Design, Mozarts anspruchslose Menuette dagegen Kunst? Ihm ist es nie gelungen, den Unterschied zu sehen. Die Lieder, die er für das Stavangerensemble geschrieben hat, sind ebenso wichtig für ihn wie seine Kompositionen für die großen Jazzmusiker, mit denen er noch immer zusammenspielt.
Im Hotel gehen sie in das weniger luxuriöse Restaurant und verzehren eine leichte Mahlzeit. Ihm fällt ein, dass er die Konzertkarten im Zimmer vergessen hat. Er fährt mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage, um sie zu holen. Dann geht er wieder hinaus auf den Gang und geht zur Fahrstuhltür. Er drückt auf den Abwärtsknopf.
Plötzlich steht Paul Simon neben ihm.
Mein erster Gedanke ist, dass ich so wahnsinnig viel größer bin als er, ja, dass ich so groß bin, dass es mir fast abnorm vorkommt. Ich habe mich doch immer danach gesehnt, klein und untersetzt zu sein. Ich lasse mich nicht beeindrucken von all der simplen Schikane kleiner Männer, wie Randy Newmans infamem Short People, obwohl das natürlich von etwas ganz anderem handelt.
Der Fahrstuhl kommt. Die Türen öffnen sich. Paul Simon hebt den Arm und gibt mir ein Zeichen, als Erster hineinzugehen. Das ist einfach lächerlich. Ich hebe ebenfalls den Arm. Simon lächelt höflich und betritt den Fahrstuhl. Ich lasse ihn für uns beide auf den Knopf drücken. Ein kleines Rucken, dann sind wir auf dem Weg nach unten. Soll ich jetzt etwas sagen, frage ich mich fieberhaft. Soll ich ihm erzählen, dass auch ich mit Stefan Grossman im Studio gewesen bin? Soll ich auf die Knie fallen und ihm für seine vielen phantastischen Lieder danken? Aber das tue ich natürlich nicht. Ich bin vom Elton-John-Syndrom befallen, diktiert von Anne Lise. Ich gebe vor, ihn nicht zu erkennen. Er ist irgendein Hotelgast in Kopenhagen. Vielleicht ein Geschäftsmann. Ein geiziger kleiner Investor. Ein gerissener Weinvertreter aus dem Napa Valley. Wir starren beide ausdruckslos in den Spiegel. Es war so peinlich, an dem Abend im d’Artagnan, als ich in der losen Luft fünf Meter Brust schwamm, um ganz dicht an Elton John heranzukommen, und von einer energischen Anne Lise aufgehalten wurde, die so wütend war, dass sie fast zugeschlagen hätte. Danach musste sie sich für eine Restaurantrechnung über mehrere hunderttausend Kronen rechtfertigen.
Einige Sekunden später habe ich das Gefühl, dass Paul Simon aus meinem Leben verschwindet. Er geht auf die Glastüren und die wartende Limousine zu. Ich selbst betrete das billigere Restaurant und sage zu der Anderen: »Zeit fürs Konzert.«
Im Konzertsaal des Tivoli ist die Stimmung geladen. Obwohl nicht Stefan Grossman Gitarre spielt, ist die Band die beste, die Paul Simon je gehabt hat. Er hebt uns von Lied zu Lied, und als Bridge over troubled water aus der riesigen PA-Anlage strömt, sind wir alle zutiefst berührt. Wir stehen mit Tränen in den Augen da. Einige mit angeknipsten Feuerzeugen, obwohl das nicht erlaubt ist. Neben mir stöhnt jemand: »Das ist doch das Konzert des Jahrhunderts!«
Danach will der Applaus kein Ende nehmen. Ich stutze, als ich sehe, dass Paul Simon die Bühne nicht verlässt. Hat es jetzt nicht schon genug Zugaben gegeben? Aber Simon hebt die Arme wie ein Priester und mahnt zur Ruhe.
»Ladies and gentlemen, an old friend showed up at my hotel this morning …«
Oh nein, denke ich. Das kann doch nicht sein! Nicht jetzt! Und doch. Dieser Däne mit dem mageren Leib und den langen ungewaschenen Haaren. Als ob er geradewegs aus dem Freistaat Christiania käme und einen Joint geraucht hätte. Ein klassischer Schleimer. Großer Gott, da steht er zusammen mit Paul Simon auf der Bühne und bettelt um Aufmerksamkeit. Ein Liedersänger ohne Impulskontrolle. Und Simon lässt ihn gewähren. Ich traue meinen Augen nicht. Dieser Jesper, der offenbar irgendwann in New York gewesen ist, ehe Paul Simon weltberühmt wurde, reißt mit seiner Gitarre die Show an sich. Hören wir … was hören wir da? Alle duene. All the pigeons! Aber das ist doch nicht möglich, flüstere ich der Anderen zu, während Jesper versucht, den ganzen Saal zum Mitsingen zu animieren. Gibt es denn gar keine Grenzen? Paul Simon steht ein wenig desorientiert neben diesem Freund, der vielleicht noch nicht einmal ein Freund ist, sondern ein Bekannter, ein Prahlhans, ein Liedersänger ohne Grenzen, der uns jetzt alle dirigiert: »Wo bist du? Hier bin ich. Kommst du? Jetzt komme ich!« Und ich denke, werden wir wirklich provinziell davon, dass wir in der Provinz wohnen? Gibt es etwas, das uns entgeht, wenn wir unser Leben am Rand der Großstädte führen? Wie dieser Jesper, dem es innerhalb weniger Minuten gelingt, eins von Paul Simons besten Konzerten zu ruinieren. Plötzlich stehen wir alle da wie brave und verängstigte Nazis mit einem weltberühmten Juden und einem verkleideten Hitler auf der Bühne. Wir brechen in unfreiwilligen Rundgesang aus: »Alle Tauben! Alle Tauben! Fliegen zwischen den Bäumen in die Höh!«
Zwei Stunden später. Wir sitzen in der Bibliotheksbar des Hotels, die Andere und ich, und versuchen, dieses albtraumhafte Erlebnis zu verarbeiten.
»Aber warum haben wir das getan? Warum haben wir gehorcht? Warum haben wir gesungen?«
Wir können diese Frage beide nicht beantworten.
Dann gehen wir zum Fahrstuhl.
Und da kommt er wieder.
Paul Simon. Mutterseelenallein.
Er geht nach uns hinein. Lächelt vorsichtig.
Wir lächeln zurück.
Er steigt einen Stock unter unserem aus.
»Good night«, sagt er.
»Good night«, sagen wir.
In der Nacht träume ich von Leos Bild In sich gekehrter Vogelliebhaber. Wir waren damals gescheit genug, es zu kaufen, obwohl wir uns das nicht leisten konnten. Die Person vor dem Schrank mit den vielen Vögeln, die selbst einen Vogel in der Hand hat. Plötzlich sehe ich, dass Paul Simon diese Person ist. Die Vögel sind seine Lieder. Er nimmt sie hervor, eins nach dem anderen, immer mit derselben zaghaften Verwunderung. Dann flüstert er: »Hello darkness, my old friend.«
Jesper ist der Mensch, der ich am allerwenigsten sein möchte. Einer, der nicht begreift, wer er ist, wie er wirkt, welche Begabungen oder welche Begrenzungen für ihn entscheidend sein werden. Hat er nicht begriffen, als er dort auf der Bühne stand und uns im Takt zu Alle duene klatschen lassen wollte, dass er uns quälte, dass er ein Konzert ruinierte, dass er durch seine Selbstzufriedenheit lächerlich wirkte?
Nein, nie, denke ich, als ich dort im Bett liege und mit meinen Angstträumen ringe. Nimmermehr!
In der folgenden Woche fahre ich wieder nach Dänemark. Diesmal allein. Nach Ringe. Zum Midtfyns-Festival, das Tausende von Menschen anlockt. Sowie ich die dänische Stimme am Telefon hörte, verspürte ich Unbehagen. Das war nicht Paul Karlsen. Keine zuverlässigen Menschen in meiner Nähe. Ich hätte nicht gedacht, dass Dänen so fremd klingen können, so feindselig. Und dann wollte er nur, dass ich solo auf einer riesigen Bühne auftrat. War es der Albtraum aus meiner Kindheit? Dass ich eigentlich keine Herausforderungen will? Der Linkshänder, der sich weigert, mit der rechten Hand zu schreiben.
Es ist mein erster öffentlicher Auftritt außerhalb Norwegens. Als ich am Flughafen abgeholt werde nach dem kurzen Flug mit Busy Bee von Kristiansand nach Billund, wird Dänemark plötzlich so anders. Fremd, weil die Andere nicht bei mir ist. Ich checke im Ringe kro ein, sehe draußen viele Jugendliche auf dem Weg zum Festivalgelände. Warum um alles in der Welt soll ich hier Klavier spielen? Niemand weiß, wer ich bin, bis auf den einen Veranstalter, der zwei von meinen Platten gehört hat. Das Musikland Dänemark ist mir unbekannt, auch wenn die Sängerin Trille oft zu Hause auf Sandøya auftritt. Aber noch habe ich Carl Nielsen nicht entdeckt, und der dänische Pop ist ebenso flach wie das Land, in dem er entsteht. Der Jazz gehört der Generation über mir, den pfeiferauchenden Oldtimern, die »davs« sagen und mit Duke Ellington und Gil Evans gespielt haben. Den Korrekten, die im Jazzclub Montmartre Samtmusik spielen. Anders als Savage Rose, die Hauptattraktion auf dem Midtfyns-Festival. Sie haben ein enormes Publikum, und ich sehe sie, höre sie mit einem plötzlichen Enthusiasmus, ohne zu wissen, dass ich 25 Jahre später mit ihrem Schlagzeuger durch Europa touren werde.
Danach denkt er an die Traurigkeit, die er früher an diesem Tag verspürt hatte, als er im Ringe kro in einer Ecke saß, Aal aß und dänisches Bier trank. Es war noch eine Stunde bis zu seinem Auftritt. Er war nervös, wie immer. Solo vor mehreren tausend Menschen Klavier zu spielen war naturwidrig. Auf dem Plakat standen einige riesige amerikanische Namen. Er hatte sich so klein gefühlt, als er seinen eigenen Namen dazwischen sah. Aber es war noch etwas anderes in ihm aufgestiegen, ein tieferer Missmut, ein Gefühl von Leere, von etwas Sinnlosem, fast wie eine Todesangst. War es so einfach, dass die Andere ihm fehlte? Dänemark war das Land, in dem sie Ferien machen wollten, sie beide. Er dürfte dort nicht allein arbeiten. Er hatte sich immer auf seine Fähigkeit zum Alleinsein verlassen. Deshalb würde er sich noch viele Jahre später an diesen Nachmittag im Ringe kro erinnern als einen Riss in dem Rumpf, in dem mentalen Firnis, in seinem täglichen Schutz vor der Sinnlosigkeit. Er hatte Menschen in einer tiefen Depression gesehen, und er konnte fast physisch spüren, wie schlecht es ihnen ging. Das Mitleid, von dem Tor Kaare gesprochen hatte, Die Bruderschaft des Leidens zwischen allem Lebenden, über die Peter Wessel Zapffe ein Gleichnis geschrieben hatte. Der Jäger, der nachts von seiner Frau losgeschickt wurde, um ein Tier zu töten. Aber am nächsten Morgen fand man ihn tot beim Wasserloch, umringt von allen Tieren, die er nicht zu töten vermocht hatte.
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