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Für Jonas, der dieses Buch liebte und sogar immer ins Krankenhaus mitnahm. Ich denke an ihn!
Meine Mutter, der Indianer und ich
Jugendroman von Kerstin Groeper

Impressum
Meine Mutter, der Indianer und ich, Kerstin Groeper
TraumFänger Verlag Hohenthann, 2019
1. Auflage eBook Oktober 2021
eBook ISBN 978-3-948878-06-1
Lektorat: Michael Krämer
Satz/Bildbearbeitung: Janis Sonnberger, merkMal Verlag
Datenkonvertierung: Bookwire
Titelbild: Bruno Schmäling
Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG, Hohenthann
Printed in Germany
Inhalt
Cooler Mann
Von Traktoren und musikalischen Kühen
Passwörter und Zugangscodes
Ein Fremder im Haus
Kriegsponys und Polizisten
Eine kleine Pocahontas
Drogenhandel
Kanakenklopfen
Döner und Ketchup
Familie Schickes-Kostüm
Leistungsfeststellung
Entscheidungen
Cooler Mann
Felix hasste seinen Namen. Felix! Felix war einfach nicht cool! Manchmal durchblätterte er das Namensbuch, in dem seine Mutter vor fünfzehn Jahren diesen grässlichen Namen herausgesucht hatte. Verblichene Kreuze zeugten davon, dass ihr auch noch andere Namen gefallen hätten. Zum Beispiel Linus, Marcel oder Jonas! Linus wäre cool gewesen! So wie aus der Comicserie „Die Peanuts“. Felix klang irgendwie gay!
Manchmal riefen sie ihn „Fee“, nur um ihn zu ärgern, aber seine fliegenden Fäuste verschafften ihm Respekt, zumindest bei den Schülern. Die Lehrer zeigten dafür weniger Verständnis, und so hatte es Verweise gehagelt, bis er letztendlich aus dem Gymnasium geflogen war. „Gewalttätig gegenüber seinen Mitschülern“, hieß es in seinem Zeugnis.
Mann! Wie sollte er sich sonst Respekt verschaffen, wenn er schon mit diesem Namen geschlagen war?
Missmutig warf er sich auf sein Bett und übersah das Chaos in seinem Zimmer. Überall standen Umzugskartons herum, zum Teil geöffnet, zum Teil noch geschlossen. Er hatte seine Klamotten in den Schrank geworfen, natürlich unordentlich, so dass seine Mutter bestimmt wieder einen Tobsuchtsanfall bekommen würde. Aber das war ihm gleichgültig.
Sollte sie nur toben! Es war ja nicht seine Idee gewesen, hierher zu ziehen. Mitten ins Outback!
Er hatte keine Lust, sein Zimmer gemütlich einzurichten, abgesehen davon, dass seine Definition von „gemütlich“ sich ziemlich von der Vorstellung seiner Mutter unterschied. Gemütlich hieß für ihn, dass die Pappschachtel von der Pizza vor drei Tagen noch unter seinem Sofa lag, dass halb angetrunkene Apfelsaftflaschen im ganzen Zimmer in greifbarer Nähe standen oder der Kaugummi an dem Rahmen seines Bettes klebte. Seine Mutter dagegen sah nur den Schimmel in den Flaschen, wenn er doch die eine oder andere übersehen hatte auszutrinken. „Weißt du, was das kostet?“, schrie sie dann wutentbrannt.
Gelangweilt zuckte er provozierend die Schultern, obwohl es ihm eigentlich leid tat. Aber Ordnung halten war halt nicht sein Ding! Jetzt stand nur eine angebrochene Colaflasche in seinem Zimmer. Er nahm einen tiefen Schluck und spuckte die Hälfte wieder aus, als die warme Kohlensäure in seinem Mund überschäumte. Verflixt!
Betroffen blickte er auf die Sauerei und seufzte tief. Wo fand er jetzt einen Lappen, ohne dass seine Mutter davon erfuhr? Auf Socken tappte er leise die Treppe hinunter in den ersten Stock, in dem sich das gemeinsame Badezimmer befand.
Seine Mutter rumorte im Erdgeschoss und schien mit dem Auspacken beschäftigt zu sein. Er schnappte sich eine Rolle Klopapier, befeuchtete einige Tücher, dann schlich er wieder nach oben.
Im Nu hatte er die klebrige Flüssigkeit entfernt, und sinnend blickte er auf die Klorolle. Eigentlich war sie für weitere Notfälle durchaus geeignet, und so stopfte er sie in die Schublade mit den Socken.
Prüfend musterte er sein Aussehen in der Spiegeltür des Schrankes und strich einige Strähnen seines gefärbten Haars in die richtige Richtung. Cool! Ein perfekter Schnitt, dazu schwarze Haare mit hellen Strähnen. Nicht das Straßenköterblond, das ihm sonst entgegengeblickt hatte. Seine Jeans rutschte lässig bis knapp unter seinen Hintern, etwas, was seine Mutter zur Raserei brachte. Das um mehrere Nummern zu große Basketballhemd hing über eine Schulter nach unten. Fehlte nur noch das Käppi auf drei Uhr, möglichst mit einem Kopftuch darunter. Schließlich musste er den Bauerntrampeln in diesem Kaff zeigen, was in der Stadt alles „in“ war! Er hatte sich einen breitbeinigen Gang angewöhnt, damit seine Hose nicht endgültig die Beine hinunterrutschte; zudem fand er ihn männlich.
Er stellte sich an das Fenster und blickte auf das weite Land. Nichts als Felder und Wälder so weit das Auge reichte. Ortsrandlage, hatte seine Mutter voller Stolz erzählt. Outback, hatte er sie verbessert. „Aber hier kann ich schreiben!“, hatte seine Mutter geschwärmt.
Alles drehte sich immer nur um diese dämlichen Bücher! Letztendlich waren die Bücher sogar schuld daran, dass sein Vater sie verlassen hatte. Er hatte ihre an Autismus grenzende Selbstvergessenheit einfach nicht mehr ertragen, wenn sie mit glühenden Wangen in ihrer Scheinwelt versank. Indianerromane! Etwas Blöderes gab es einfach nicht!
Dabei verdiente seine Mutter damit ganz gut und konnte sich immerhin die Miete für dieses Haus leisten. Aber Indianer! Überall hingen diese dämlichen Traumfänger oder anderer Kitsch herum, und leise Flötenmusik lief im Hintergrund. Scheinbar immer die gleiche Melodie, zumindest hörte er keinen Unterschied. Als kleiner Junge hatte ihm das gefallen. Er hatte sogar einige Wörter dieser Indianersprache aufgeschnappt, die seine Mutter mit Feuereifer lernte und inzwischen wahrscheinlich besser sprach als die verdammten Rothäute, aber jetzt nervte ihn dieses ganze Theater nur noch. Konnte seine Mutter nicht endlich erwachsen werden? Indianer spielen war etwas für kleine Kinder!
Regelmäßig flog sie zu Recherchen nach Amerika, natürlich allein, ohne ihn. „Du würdest dich nur langweilen!“, wehrte sie seinen Wunsch mit einem flüchtigen Lächeln ab. „Außerdem bist du doch in den Ferien bei deinem Vater!“
Schon! Trotzdem hätte er ganz gern mal richtig echte Indianer gesehen!
Seine Mutter unterstützte mehrere Projekte auf irgendwelchen Reservationen, hängte sich voller Enthusiasmus hinein, wie in alles, was sie anfing. Wie ein begeistertes Kind. Er wartete auf den Tag, an dem sie sich die Haare schwarz färbte und selbst wie eine Indianerin herumlief! Er war verbittert, wenn er an ihren Enthusiasmus dachte. Letztendlich störte ihn nur, dass sie nie Zeit für ihn hatte!
So drehte er seine Hip-Hop-Musik auf volle Lautstärke und freute sich diebisch, weil sie an seine Tür klopfen musste, wenn sie etwas von ihm wollte. Aufmerksamkeit erregen, ja, das konnte er. Provozieren, bis ihr der Kragen platzte.
Er drückte seine Nase gegen die Scheibe und zog ein schiefes Gesicht. Wahrscheinlich würde es stinken, wenn im Herbst die Bauern die Felder düngten. Ha, dachte er hämisch. Mal schauen, ob es Mama dann immer noch gefällt. Zu viel Realität konnte dämpfend wirken!
Mit Unbehagen dachte er an die neue Schule, in die er ab nächste Woche gehen musste. Es hatte ihn tief getroffen, dass er aus der Schule geflogen war, aber er war in einer Spirale der Gewalt gefangen gewesen, die er nicht mehr hatte stoppen können. Einmal Schläger, immer Schläger! Selbst wenn er überhaupt nicht schuld war. Die Ungerechtigkeit, mit der er behandelt wurde, hatte ihn wütend gemacht, noch patziger und noch unhöflicher. Nichts hatte er in den Augen der Lehrer richtig machen können, bis vor lauter Trotz auch seine Noten in den Keller gefallen waren. Er war nicht dumm, nicht einmal faul, aber die Lehrer hatten ihn längst abgestempelt. „Verhaltensauffällig“, so hatten sie ihn genannt. Ein Gangster!
Jetzt wartete die Mittelschule in der nächstgrößeren Ortschaft auf ihn. Was für ein Abstieg! Vom Gymnasium in die Hauptschule! „Warum kann ich nicht in die Realschule gehen?“, hatte er gefragt.
„Weil dich keine nimmt!“, hatte seine Mutter gebrüllt. Warum konnte sie nicht in normaler Lautstärke mit ihm sprechen?
„Die Hauptschule ist deine letzte Chance! Schau, dass du die neunte Klasse schaffst! Dann sehen wir weiter! Du brauchst zur Abwechslung mal ein gutes Zeugnis, dann kannst du sogar in die zehnte und deine Mittlere Reife machen!“
„Und dann?“
„Keine Ahnung! Du hast dir doch diesen Mist eingebrockt!“
„Ich habe mir überhaupt nichts eingebrockt!“, fauchte er wütend zurück.
„Ach!“, flötete seine Mutter. „Und die Verweise hast du für umwerfenden Umgang mit deinen Mitschülern bekommen – oder was?“
Wow! Er konnte ihr für diese Bemerkung nicht einmal böse sein! Umwerfender Umgang! Was für eine Formulierung! Er grinste schief und versuchte es mit umwerfendem Charme: „So ungefähr! Du weißt doch, wie sie alle meinem Charme erlegen sind!“ Jetzt musste seine Mutter kichern. „Charme! Das ändert nichts an deinen Noten, mein Schatz!“
„Ach, in Deutsch! Kannst du mir erklären, warum ich bei diesem Depp immer Fünfer kassiere? Das ist doch total ungerecht!“
„Und Englisch?“, schoss seine Mutter zurück.
„Du hättest mich ja mal nach Amerika mitnehmen können!“
„Ja, ja, immer sind die anderen schuld! Es ist deine Sache zu lernen!“
„Sie wollten mich einfach loswerden!“, meinte Felix bitter. „Das ist alles!“
„Allerdings!“
War er wirklich so schlimm? Noch bestand für ihn Schulpflicht, sonst hätte ihn vermutlich keine Schule mehr genommen. Auch die Mittelschule schien nicht sonderlich begeistert zu sein, einen Problemschüler zu bekommen.
Der Rektor hatte ziemlich deutlich durchblicken lassen, dass er diesen Unsinn in seiner Schule keinesfalls dulden würde. „Hier führen wir uns anständig auf!“
Felix war errötet und hatte sich in dem gelblichen Sessel im Zimmer des Rektors ein wenig aufgerichtet. Lümmeln schien hier nicht erwünscht zu sein. Trotzdem hatte er einen guten Eindruck von dem Rektor. Nett! Höflich hatte er ihm zum Abschied die Hand gereicht und ein verschmitztes Lächeln erhalten. „Du schaffst das schon!“
Mann! Das war das erste Mal seit langem gewesen, dass ihm jemand wieder etwas zutraute!
Er steckte seine Hände in den viel zu weiten Bund seiner Hose und drehte sich wieder zu dem Chaos seines Zimmers um. Die Dachschrägen ließen nicht viel Platz für irgendwelche Möbel, aber hier oben hatte er wenigstens seine Ruhe. An der einzigen Wand stand sein blauer Kleiderschrank, ansonsten hatte er sein Sofa, sein Bett und einige niedrige Regale stilvoll im Raum verteilt. Prachtstück seiner Ausstattung war sein Hifi-Regal mit beeindruckender Stereoanlage, Fernseher, DVD-Player und neuester Xbox-Konsole. Vor dem Fenster stand ein moderner Schreibtisch mit Laptop, auf dem er alle seine Lieblingslieder abgespeichert hatte.
Der einzige Nachteil an diesem Zimmer war, dass er zum Duschen ein Stockwerk tiefer musste. Er teilte sich das Bad mit seiner Mutter, und das konnte ganz schön nerven!
Ewig nörgelte sie an seiner Unordnung herum, beschwerte sich über abgeschnittene Haarsträhnen im Waschbecken oder den Gestank des Haarsprays. Sie, als Naturmensch, benutzte selbstverständlich keine Sprays oder dergleichen! Er dagegen schmierte so viel Gel in seine Haare, dass er es anschließend mit einem Handtuch wieder trocken rubbeln musste. Lieblos stellte er ein paar DVDs ins Regal, dann hatte er schon wieder genug vom Aufräumen. Vielleicht sollte er eine Runde mit dem Mountainbike drehen und die neue Gegend „abchecken“?
Wieder warf er einen prüfenden Blick in den Spiegel und suchte sich ein anderes T-Shirt heraus. Lila-schwarz von den Kings war nicht mehr angesagt, stylischer war auf jeden Fall das blau-weiße T-Shirt von Dallas. Er musste bei diesen Bauern in dem Kaff gleich den richtigen Eindruck hinterlassen. Dazu gehörten natürlich auch die neuen Sneaker. Das Neueste vom Neuesten! Er galoppierte die Holztreppe hinunter und murmelte ein „Bin gleich wieder da“.
„Bist du schon fertig?“, rief seine Mutter erstaunt. Sie tauchte zwischen einigen Kisten auf, strich sich ihr verschwitztes Haar zurück und musterte ihn scharf.
„Ja!“, log er selbstbewusst. Dann grinste er frech. In den Augen seiner Mutter wäre er ohnehin nie fertig!
Sie schüttelte entrüstet den Kopf, dann winkte sie nachlässig mit der Hand. „Ach, geh schon! Du kannst mir ja später helfen!“ Sie bückte sich nach einigen Vasen und stellte sie auf die Fensterbank. In ihren engen Jeans und lässigen T-Shirt würde wahrscheinlich niemand auf die Idee kommen, dass es sich um seine Mutter handelte.
Ihr blondes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der temperamentvoll auf und nieder hüpfte, wenn sie sich bewegte. Eigentlich ähnelte sie eher einem Popstar aus dem Fernsehen als einer treu sorgenden Mutter.
Die Haustür fiel krachend ins Schloss, weil er noch nie gelernt hatte, eine Tür leise zu schließen, dann schnappte er sich sein Mountainbike. Wohlweislich hatte er es an die Garagenwand gelehnt, damit er zur Not schnell genug verschwinden konnte. Mit Unbehagen dachte er an den letzten Umzug, bei dem er stundenlang mit seiner Mutter Schränke und Regale aufgebaut hatte. Dieses Mal hatte das zum Glück die Umzugsfirma erledigt. Er rollte die ungeteerte Straße entlang und hörte einige Kinder in den angrenzenden Gärten kreischen. Diese kleinen Maden, dachte er abfällig. Gab es hier überhaupt Jugendliche in seinem Alter? Von der ersten Besichtigung des Hauses konnte er sich dunkel an einen Weiher erinnern, und er folgte einer weiteren, diesmal geteerten Straße ins Dorf. Ein Traktor tuckerte ihm entgegen, am Steuer ein Junge in seinem Alter, der ihm einen abschätzenden Blick zuwarf. Mann! Das konnte ja gut werden. Wahrscheinlich lebten hier nur Bauern, die knietief im Mist standen und nach Kuhstall rochen. Armes Deutschland!
Sein Fahrrad rollte die Straße bergab, und er folgte dem Lärm, der deutlich in der Nähe zu hören war. Tatsächlich! Hinter einem Zaun tauchte ein kleiner Weiher auf, in dem sich Dutzende von Kindern tummelten. Selbst eine kleine Liegewiese grenzte an das Becken mit einigen Bäumen, unter denen einige Jugendliche lauthals diskutierten. Also doch! Diese Spezies schien nicht ganz ausgestorben oder zum Frondienst eingeteilt zu sein! Er lehnte sein Fahrrad an den Zaun und sah sich nach dem Eingang um. Er fand nur eine kleine Tür, aber weder eine Kasse noch einen Bademeister. Sollte er es wagen, einfach hineinzugehen?
„Wer bist denn du?“, fragte ein kleiner Dreikäsehoch.
„Geht dich das was an?“, knurrte Felix zurück. Sein ganzes Ansehen würde darunter leiden, wenn er sich mit Kindern einließ! Der Kleine zuckte mit keiner Wimper: „Ich habe dich hier noch nie gesehen!“
„Ist das deine Badewanne – oder was?“, schoss Felix zurück.
Der Junge grinste frech: „Nö, der Weiher ist für alle da! Ich frag ja nur!“
Ein Weiher, der fast wie ein Schwimmbad angelegt war, anscheinend ohne Eintrittsgeld! Cool!
„Ich bin neu hier! Muss ich dich kennen?!“
„Nö, aber ich habe einen großen Bruder!“, erklärte das Kind stolz.
Schon näherte sich ein älterer Junge dem Zaun und baute sich demonstrativ neben dem Kind auf. „Was willst‘n du hier!“
„Nichts! Bist du der Babysitter – oder was?“
Verlegen trat der Jugendliche von einem Bein auf das andere. „Nee! Aber wir wollen hier keine Fremden!“
Das war deutlich! Felix spürte, wie die Hitze in ihm hochstieg. Was für ein freundlicher Empfang! „Ich dachte, dass der Weiher für alle da ist!“, provozierte er.
„Nicht für dich!“
Felix baute sich auf, blickte seinem Gegenüber fest in die braunen Augen. „Wer sagt das?“
„Ich!“, entgegnete der andere selbstbewusst. Hinter ihm standen plötzlich zwei weitere Jugendliche, die herausfordernd grinsten. Verdammt, dachte Felix. Soll ich mich gleich bei meiner ersten Begegnung prügeln? Andererseits würde er den Respekt verlieren, wenn er jetzt klein beigab.
„Na, dann ist ja gut!“, murmelte er leise und ging ein paar Schritte am Zaun entlang, als wollte er mit seinem Fahrrad wieder wegfahren. Mit einem sportlichen Satz hechtete er plötzlich über den Zaun und stellte sich auf den Steg, der ins Wasser führte. „Was dagegen?“, meinte er frech.
Etwas überrascht wandten sich die drei ihm zu, dann versuchte einer ihn an der Schulter zu schubsen. Felix sah die Faust auf sich zukommen, wich ein winziges Stück zur Seite, griff nach dem Handgelenk des Angreifers, wirbelte ihn um sich herum und warf ihn mit einer schnellen Drehung ins Wasser. Einige Kinder grölten begeistert, empfanden es wohl als gerechte Strafe für die vielen Schikanen, die sie sonst immer von den Großen ertragen mussten. Die beiden anderen Jugendlichen dagegen fanden die Aktion weniger witzig. Ehe Felix reagieren konnte, drosch der Kräftigere ihm mit seiner Faust ins Gesicht, während der andere versuchte, ihn in den Schwitzkasten zu nehmen. Felix tauchte unter dem Griff weg, packte den Jungen um die Hüften und warf ihn ebenfalls ins Wasser, bevor ihn der nächste Schlag auf die Nase traf. Blut spritzte und verschmierte sein T-Shirt.
Abwartend stand der kräftige Junge vor ihm, seine Faust drohend erhoben, während die anderen beiden bereits aus dem Becken kletterten.
Uh! Gleich hatte er hier ein Problem! Noch einmal würden sie sich nicht überraschen lassen!
Eine kräftige Stimme dröhnte plötzlich hinter ihm, und eine feste Hand legte sich auf seine Schulter: „Was soll das hier?“
Überrascht drehte Felix sich um und erblickte einen ziemlich kräftig gebauten Erwachsenen, der ihn unwillig musterte.
Felix zuckte nur die Schultern und deutete mit einem nachlässigen Kopfnicken auf die drei Angreifer: „Die meinen wohl, dass der Weiher ihnen gehört!“
„So? Und wer bist du?“
Felix wischte sich über die blutende Nase und unterdrückte eine patzige Antwort. „Wir sind hierher gezogen!“
Die Miene des Erwachsenen wurde um einiges freundlicher: „Ah, willkommen! Ich bin Georg, der Vorstand vom Dorfverein! Wenn du ein Problem hast, dann komm zu mir!“
Höflich streckte ihm Felix die Hand zu und lächelte leicht. „Ich bin Felix, und habe hier gerade ein kleines Problem!“
„So?“, die buschigen Augenbrauen des Ortssprechers zogen sich zusammen, und er stemmte demonstrativ seine fleischigen Hände in die Hüften. „Seppi! Komm her!“
Der Angreifer zog unwillkürlich den Kopf ein und näherte sich missmutig. „Was?“
„Kennst du den Felix schon?“
„Nö!“ Seppi zuckte nichtssagend die Schultern und zeigte mit seiner ganzen Körperhaltung, dass er auch keinerlei Interesse hatte, irgendeinen Felix kennen zu lernen.
„Nun, dann kennst du ihn jetzt! Er wohnt hier, und ich will, dass ihr ihn in Ruhe lasst!“
Felix konnte an Seppis Gesichtsausdruck erkennen, dass er bereits jetzt bei den Jungen hier im Dorf untendurch war. Ein Erwachsener hatte sich eingemischt. Was für ein Mist!
„Danke, ich komme schon klar!“, murmelte er missmutig und zeigte den drei Jugendlichen hinter seinem Rücken unmissverständlich einen Stinkefinger.
Georg drückte ihm ein Taschentuch in die Hand, das er aus den Tiefen seiner Arbeitshose gefischt hatte. Felix legte seinen Kopf ein wenig in den Nacken, drückte das Taschentuch gegen seine Nase und wartete, dass es aufhörte zu bluten. Gereizt dachte er an die Flecken in seinem T-Shirt und die unvermeidliche Standpauke seiner Mutter. Was für ein Anfang!
Als das Bluten endlich aufgehört hatte, unterdrückte er den Impuls, das blutige Taschentuch einfach auf den Boden fallen zu lassen, und warf es stattdessen in einen Mülleimer. Mit einem Satz war er wieder über den Zaun verschwunden und schnappte sich sein Fahrrad.
Der erste Eindruck war mehr als schlecht gewesen, und er überlegte, ob er nicht lieber seine Xbox-Konsole anstöpseln und einige Freunde im Internet treffen sollte. Dort war er der King! Sein Clan spielte unter den Besten und eigentlich war immer jemand online, wenn er das Bedürfnis hatte zu quatschen. Seine Mutter war regelrecht begeistert, als er so schnell wieder auftauchte. „He, kannst du mir schnell helfen, die Kisten nach oben zu schleppen?“
„Klar!“, brummte Felix hilfsbereit. Schnaufend trug er die zwei gewünschten Kisten in das Schlafzimmer seiner Mutter und verdrückte sich dann schnellstens in sein Zimmer. Mit einem tiefen Seufzer räumte er nun doch ein paar Kisten leer, stopfte die Kleidung halbwegs ordentlich in seinen Schrank und stellte seine DVD‘s und Xbox-Spiele dekorativ ins Regal. Schon besser! Noch ein paar aussagekräftige Poster an die Wand, und seine Bude war vorzeigbar. Nur für wen?
Die Dorfdeppen wollte er hier eigentlich nicht sehen. Mit finsterer Miene klebte er ein Generation-X-Poster über sein Bett, gegenüber bleckte eine riesige Dogge mit einem Halsband aus langen Stacheln realistisch die Zähne und drohte fast, aus dem Bild heraus jeden unwillkommenen Gast anzugreifen. Ja, so ein Hund wäre toll!
Er faltete die leeren Umzugskartons zusammen und brachte sie in der Garage unter. Dort stapelten sich bereits die aussortierten Gegenstände und die Dinge, die seine Mutter erst später auspacken wollte.
Sein Magen knurrte unüberhörbar, und so startete er einen kleinen Raubzug in die Küche. Sie war der einzige Ort im Haus, der bereits vollständig eingerichtet war, nur der Kühlschrank war gähnend leer. „Mama!“, brüllte er durch das Haus. „Wir haben nichts zu essen!“
„Weiß ich!“, rief seine Mutter fröhlich zurück. „Wir gehen nachher essen!“
„Wann? Ich habe jetzt Hunger!“
„Mein Schatz! Du wirst doch wohl noch einen Augenblick aushalten. Wir gehen schon noch essen.“
Schatz! Immer wenn seine Mutter etwas von ihm wollte, nannte sie ihn Schatz! Er wollte kein Schatz sein! Er wollte etwas zu essen, und zwar jetzt! „Wie lange ist bei dir ein Augenblick?“, fragte er misstrauisch.
Seine Mutter kicherte und wirkte nun eher wie eine ältere Schwester – und nicht wie eine reife Frau und Mutter.
„Ein Augenblick ist so lange, wie ich brauche, um noch zwei Kisten auszupacken!“
„Aha! Und wann gehst du dann einkaufen?“
Wenn erst wieder der Kühlschrank und die Tiefkühltruhe gut gefüllt waren, dann konnte er solche Aussetzer bei seiner Mutter besser überbrücken.
„Morgen!“, kam es fröhlich zurück.
Kurz überflog Felix in Gedanken die Umgebung und versuchte sich zu erinnern, ob es in diesem Kaff irgendein Geschäft gab. „Soll ich mit dem Fahrrad etwas holen?“, bot er nicht ohne Hintergedanken an.
„Gute Idee!“, flötete seine Mutter. „Dann machen wir eine kleine Brotzeit und gehen erst später etwas essen! Ich möchte wenigstens mein Schlafzimmer heute noch fertigbekommen. Was meinst du?“
„Von mir aus“, brummte Felix. „Gibt es hier denn ein Geschäft?“
„Aber ja, einen Bäcker und einen Metzger! Unten an der Hauptstraße. Du musst mal schauen, wer offen hat! Warte, ich gebe dir etwas Geld! Wir brauchen Kuchen oder Brot. Vielleicht bekommst du ja auch Wurst, Butter und Milch. Du weißt ja, was wir so brauchen!“
Seine Mutter drückte ihm fünfzig Euro in die Hand und lachte fröhlich. „Bis gleich!“
„Bis gleich!“, murmelte Felix, dann schwang er sich wieder auf sein Mountainbike.
Einkaufen für Mami! Hoffentlich sah ihn niemand von den anderen Jugendlichen. Aber bei der Hitze waren vermutlich alle beim Weiher.
Er sauste den Weg zur Hauptstraße hinunter und erblickte sofort die Bäckerei auf der anderen Straßenseite. Die Tür stand offen und so radelte er erst einmal weiter, um den Metzger zu finden. Er hatte Glück. Instinktiv fuhr er in die richtige Richtung und fand die Metzgerei eine Kurve weiter. Auch dieser Laden hatte geöffnet. Ruhetag war nur am Montagnachmittag. Damit konnte man irgendwie leben.
Enthusiastisch öffnete er die Tür und trat ins Innere. In einigen Regalen standen die üblichen Lebensmittel für die vergessliche Hausfrau, außerdem gab es ein Kühlregal mit Milchprodukten und eine kleine Tiefkühltruhe, allerdings ohne Pizzas. Nur Gemüse und Spinat, den er sowieso nicht mochte.
Die Wursttheke zeigte die gewohnte Vielfalt, außerdem gab es Gyrosspieße und verschiedene Fleisch- und Würstchensorten. Er war gerettet! Die rundliche Frau hinter der Theke taxierte ihn abschätzend, wunderte sich wohl, wie ein fremder Jugendlicher hier in ihren Laden schneite. Ihr Verhalten zeigte deutlich, dass hier selten ein Fremder hereinkam, höchstens Handwerker auf der Durchreise. Sie werkelte weiter an einem Grill, in dem ein Leberkäse zu dieser späten Stunde schon reichlich spärlich und gebräunt aussah. „Was darf‘s sein?“, fragte sie neutral.
Felix wandte den Blick von dem Leberkäse ab und ließ ihn stattdessen über die Auswahl schweifen. Weltmännisch bestellte er Aufschnitt und Käse, packte Milch und Butter ein, fand einige gefärbte Eier und nahm das letzte Brot, das in einem großen geflochtenen Korb lag.
„Kannst du das alles auf deinem Radl transportieren?“, fragte die Verkäuferin freundlich.
„Freilich! Ich wohne hier in der Nähe.“
„Ah na…?!“ Sofort flammte das Interesse in dem Gesicht der Frau auf. „Wo denn?“
„Am Oberrain! Absolut freie Sicht ins Outback!“, antwortete Felix lakonisch.
Ein gutmütiges Glucksen entfuhr der Frau, dann meinte sie neugierig: „Du kommst wohl aus der Stadt?“
Felix nickte nur, hatte das Gefühl, dass dies ein längeres Gespräch werden würde, wenn er der Frau noch mehr Informationen gab. „Ich muss jetzt…!“, beeilte er sich zu sagen, „meine Mutter wartet!“
„Und dein Vater?“
Volltreffer! Drei Wörter, und diese Person hatte einen schmerzenden, tief sitzenden Volltreffer gelandet. Wenn er jetzt die falsche Antwort gab, würde das ganze Dorf in dreieinhalb Sekunden wissen, dass seine Mutter geschieden war.
„Im Ausland!“, log er ohne zu zögern. „Das macht er immer so! Kaum gibt es Arbeit, dann setzt sich mein Vater ins Ausland ab!“ Wieder kicherte die Verkäuferin und zwinkerte ihm vertraulich zu: „Gut, dass deine Mama wenigstens dich hat!“
Er lachte wie befreit und kam sich plötzlich ganz groß vor. „Stimmt!“, brummte er verlegen. Vielleicht war das ja nun seine neue Aufgabe! Auf seine Mama achten, damit sie keinen Unsinn mehr machte!
„Hat sie schon die Flecken auf deinem T-Shirt gesehen?“ Die Verkäuferin lächelte scheinheilig.
Autsch! Der zweite Volltreffer! Wie machte sie das nur? Instinktiv wusste Felix, dass hier Vorsicht geboten war!
„Nur ein bisschen Nasenbluten!“, log er weltmännisch. Dann verabschiedete er sich im tiefsten Bairisch mit „Pfiat di“, versuchte wenigstens hier den Eindruck zu vermitteln, dass er dazugehörte.
Die Einkäufe an seinem Lenkrad balancierend, radelte er wieder nach Hause. Dabei musste er sich ganz schön ins Zeug legen, weil die Straße nun bergauf ging. Die Plastiktüten schlenkerten gegen den Reifen, und er stieg lieber ab, um seine essbaren Schätze zu schützen.
Wieder kam ihm der Traktor mit dem Jugendlichen entgegen, und dieser streckte ihm drohend seinen Mittelfinger entgegen. Trotz des Lärms konnte er an den Lippen ablesen, was der Junge ihm zuschrie: „Wir kriegen dich schon!“
„Versucht es doch!“, brüllte Felix zurück, dann spuckte er herausfordernd auf den staubigen Teer.
Der Traktor buckelte wie ein kleines Pony, als der Junge die Bremse zog und die Landmaschine zum Stehen brachte. Mit einem Satz sprang er auf die Straße und baute sich drohend vor ihm auf. „Du kleiner Penner, was willst‘n du hier überhaupt?“
„Ich wohne hier!“, erklärte Felix ruhig. „Aber warum du hier als rollendes Hindernis durch die Gegend kurvst, ist mir ein Rätsel!“ Kurz flammte Bewunderung in den Augen des anderen auf, dann grinste er frech. „Willst du auch mal mit?“
Kurz versuchte Felix dieses Angebot einzuschätzen. Wollte dieser fremde Junge ihm wirklich ein nettes Angebot machen, oder wollte er ihn verarschen? Hier war Vorsicht geboten! „Nö! Ich hab Milch dabei! Die gerinnt sonst bei der Hitze. Vielleicht ein anderes Mal! Du kannst mich ja mit deinem Trecker abholen!“
„Jo, mach ich!“, erklärte der andere versöhnlich, vielleicht war er auch als Späher ausgesandt worden, um ihn abzuchecken.
Mit einem schiefen Grinsen kletterte der Junge wieder auf seinen Traktor und schlug die Tür zu. „Ich bin der Siggi!“, rief er durch das geöffnete Fenster.
„Ich heiße Felix! Ich wohne am Oberrain!“
„Woaß i!“, brüllte der andere zurück.
Von Traktoren und musikalischen Kühen
Felix schmierte sich in der angenehm kühlen Küche ein Brot und biss schon mal ab, während er gleichzeitig für seine Mutter eine Scheibe herrichtete. „Mama!“, brüllte er durch das Haus. „Essen ist fertig!“
Summend trabte seine Mutter die Treppe herunter und strahlte zufrieden. „Hey, super! Sieht lecker aus! Wie findest du dein Zimmer?“
„Es geht so!“, brummte er mit vollem Mund. „Und bei dir?“
„Das Schlafzimmer ist fast fertig. Dann richte ich mein Büro ein. Du weißt schon, das Zimmer mit dem Blick auf den Wald. Es ist geradezu perfekt!“
„Genau! Mit ein bisschen Einbildung siehst du dann, wie sich die Indianer ans Haus heranschleichen“, feixte Felix.
„So ist es! Sei froh! Mit meiner Fantasie verdiene ich doch ganz gut!“, schoss seine Mutter zurück.
Felix seufzte tief. „Ja, aber kannst du nicht was Cooles schreiben? Über Ritter oder Templer? Stell dir vor – Indiana Jones, der von Außerirdischen entführt wird. Das wäre echt geil!“
„So einen Blödsinn kannst du dir ja im Kino anschauen! Mein Thema sind eben die Indianer! Da bin ich drin und authentisch!“ „Darauf pfeif ich! Bitte, Mama, versprich mir, dass du hier niemandem etwas davon erzählst, sonst bin ich sofort untendurch. Indianer! Die sind mega-out!“ Seine Mutter machte irgendwie ein trauriges Gesicht, und fast tat es ihm leid, dass er so unsensibel gewesen war. „Früher haben dir meine Geschichten gefallen“, verteidigte sie sich mit leiser Stimme.
Er schluckte schwer und schlug einen versöhnlicheren Tonfall an. „Früher war ich ein Kind! Jetzt bin ich erwachsen, und da sind Indianer eben nicht gefragt. Ich habe ja nicht gesagt, dass mir deine Bücher überhaupt nicht gefallen.“
„Meinen Lesern gefallen sie aber!“
„Mama! Deine Leser sind weltvergessene Spinner, die am liebsten selbst mit Indianerklamotten herumlaufen würden. Hier sind Indianer out. Verstehst du? Vergessen, gestorben, ausgerottet – eben out!“
Seine Mutter biss beleidigt die Lippen zusammen und schüttelte stur den Kopf. „Im Moment lebst du von meinen Spinnereien nicht schlecht. Vielleicht sollte ich dir wegen erwiesener Undankbarkeit das Taschengeld kürzen?“
„Mama! Ich bin nicht undankbar! Ich habe einfach nur Angst, dass ich bei diesen Hinterwäldlern erledigt bin, wenn sie erfahren, dass du Indianerbücher schreibst. Das ist alles!“
„Na schön!“, willigte seine Mutter widerstrebend ein. „Ich erzähle kein Wort. Vorerst!“
Sein Seufzen kam aus tiefster Dankbarkeit. „Lass mich erst ein paar Kontakte knüpfen – erst mal die Leute abchecken! Irgendwann erfahren sie es ja doch, aber bis dahin habe ich vielleicht schon ein paar Freunde.“
„Hast du schon jemanden getroffen?“, wechselte seine Mutter das Thema.
„Nee, nur so ein paar freche Mistmaden, die meinen, dass der Weiher ihnen gehört!“
„Aha, daher also die Blutstropfen auf deinem T-Shirt!“, stellte seine Mutter messerscharf fest.
Er fühlte, wie er rot wurde, und allein dafür hasste er sich. Warum konnte er sich schon bei so kleinen Lappalien nicht besser-trollieren? In ihm konnte man lesen wie in einem offenen Buch. „‘ne kleine Auseinandersetzung mit drei Deppen, aber Georg hat mir geholfen!“, erklärte er lahm.
„Wer ist Georg?“
„Der Dorfvorstand!“
„Was?“
„Der Dorfvorstand! So ein Vereinsfuzzi, verstehst du! Hier haben sie noch so was wie einen Blockwart!“, lästerte er.
„Werde nicht frech!“, schimpfte seine Mutter etwas entsetzt.
„Mit so etwas macht man keine Späße!“
„So sind die Jugendlichen aber drauf! Wir wollen hier keine Fremden!“, äffte er mit der Stimme von Seppi nach. „Ausländer raus!“
„Wie redest du denn über die Kinder hier?!“, schimpfte seine Mutter aufgebracht. „Schaffst du dir bereits am ersten Tag Feinde?“
„Ach wo!“, versuchte er sie wieder zu beruhigen. „Ganz im Gegenteil! Nachher holt mich der Siggi mit dem Traktor ab.“
Ihr verblüfftes Gesicht entschädigte ihn für diese kleine Auseinandersetzung. Er nahm einen weiteren Bissen und machte eine lässige Handbewegung. „Wahrscheinlich sucht er jemanden, der ihm hilft den Kuhstall auszumisten. Ich übernehme keine Garantie für den anschließenden Gestank. Du wolltest ja unbedingt hierher!“
„Ich habe kein Problem mit Kuhmist. Ich liebe Stallgeruch“, flötete sie enthusiastisch, und er glaubte ihr das sofort.
„Was machst du eigentlich mit dem dritten Zimmer?“, erkundigte er sich diplomatisch.
Sie errötete sichtlich und strich sich fahrig eine Strähne ihres Ponys zur Seite. „Ach, ich weiß noch nicht. Im Moment wollte ich es eigentlich nur als Gästezimmer nutzen.“
„Für Papa?“, hoffte er sehnsüchtig.
„Bestimmt nicht!“, betonte sie ungewohnt scharf.
„Schade! Findest du das Haus nicht ein bisschen groß für uns beide?“
„Wieso? Willst du lieber wieder in die Zwei-Zimmer-Wohnung zurück?“
„Nee, auf keinen Fall! Aber gleich ein ganzes Haus?“
„Ich brauche einfach mehr Platz für mich! Und ein eigenes Büro, wo ich nicht immer meinen Computer wegräumen muss, wenn es Essen gibt.“
Vor dem Haus tuckerte plötzlich der Leerlauf eines Traktors und Felix ruckte mit seinem Kopf. „Ich glaube, mein neuer Freund ist da! Darf ich gehen?“
„Klar! Aber komm nicht zu spät wieder! Wir wollten doch essen gehen.“
„Mach ich!“, versprach er hastig, dann sauste er bereits durch die Tür.
Bewundernd stellte er sich vor den eindrucksvollen Traktor und stemmte die Hände in die Hüften: „Cooles Teil! Hast du schon einen Führerschein?“
Der Junge hinter dem riesigen Lenkrad grinste breit. „Freilich! Und nächstes Jahr mache ich den Mofaschein!“
Felix kletterte zu dem Jungen auf den Bock und fachsimpelte über die besten Motorräder. Schnell hatte er festgestellt, dass ihn ähnliche Interessen mit dem fremden Jungen verbanden. Außerdem wusste Siggi viel über Technik, konnte bereits kleinere Reparaturen an diversen Maschinen selbst ausführen. „Wo fahren wir überhaupt hin?“, erkundigte sich Felix.
„Auf‘s Feld! Ich brauche Grünfutter für die Kühe!“
Schweigend beobachtete Felix, wie Siggi bei einer riesigen Scheune geschickt den Anhänger ankoppelte und wieder ins Führerhaus kletterte. Mit Vollgas ratterte er den Feldweg entlang, wich einem Radfahrer aus, der anschließend in einer riesigen Staubwolke verschwand und schimpfend hinter ihnen herbrüllte. Mit einem vergnügten Grinsen kurvte Siggi den Traktor samt Anhänger auf eine mit üppigem Gras stehende Wiese und brachte dabei den Anhänger ganz schön ins Schlingern.
Langsam wurde es Felix bei den Fahrkünsten des Bauernjungen zu heiß. „Fährst du immer so?“, wagte er zu fragen.
„Freilich!“, gab Siggi zurück. „Ich muss doch für meine Xbox üben! Need for Speed!“
„Super! Aber da fliegst du nicht in echt von der Strecke!“
„Hast du auch eine Xbox?“, fragte Siggi interessiert.
Erleichtert bemerkte Felix, dass der Traktor nun in mäßigem Tempo über die Wiese rollte und gleichzeitig mähte. Der Geruch nach frisch geschnittenem Gras stieg ihm in die Nase, irgendwie angenehm und beruhigend.
„Hmh!“, brummte er vorsichtig. Er hatte nämlich ziemlich viele Ballerspiele, die erst ab achtzehn Jahren freigegeben waren. Sonst war das sein Einstieg in die virtuelle Erwachsenenwelt, zu seinem „Clan“, aber er wusste noch nicht, ob er sich auf die Verschwiegenheit seiner neuen Bekanntschaft verlassen konnte.
„Cool! Vielleicht komme ich nach dem Stall noch vorbei!“, schlug Siggi begeistert vor.
„Nach dem Stall?“, erkundigte sich Felix irritiert. Es klang nach irgendeinem geheimen Treffpunkt oder so was.
„Ja, nach dem Melken! Dann habe ich frei!“
Felix tat, als wäre das selbstverständlich, obwohl er sich im Grunde über sich selbst ärgerte. Stall! Aber klar! Er war hier schließlich in einem Kuhdorf!
„Arbeitest du schon?“
„Nö! Das ist unser Hof! Aber heute bin ich mit Stallmisten dran.“
„Hast du noch Geschwister?“
Siggi nickte wichtig. „Einen Bruder und eine kleine Schwester! Und du?“
Felix schüttelte den Kopf. „Nee, ich bin allein!“ Es klang neutral, als mache ihm das nichts aus. Inzwischen hatte er akzeptiert, dass seine Eltern keine Kinder mehr wollten. Wahrscheinlich war auch er nur ein „Unfall“ gewesen, ein Ausrutscher, der in der lauen Nacht eines teuren Urlaubs entstanden war. Na ja, und jetzt lebten seine Eltern eh getrennt. Manchmal wünschte er sich, dass er überhaupt nicht auf der Welt wäre! Was wäre er dann? Eine Blase im Kosmos? Ein leichter Gedanke, der anderen Menschen im Kopf herumspukte? Ein Windstoß? Oder wie hier – der Geruch des geschnittenen Grases? Mann, er philosophierte schon genauso wie seine Mutter!
„Kann ich zuschauen?“, fragte er.
„Bei was?“
„Na, beim Melken?“
„Klar!“, freute sich Siggi. „Dann ist es nicht so langweilig! Du kannst dir auch die Musik aussuchen!“
„Die Musik?“ Felix verstand kein Wort.
„Ja! Die Kühe geben mehr Milch, wenn sie Musik hören! Sie stehen auf Volksmusik, sagt mein Vater, aber das stimmt nicht! Sie mögen auch Ed Sheeran!“
Felix lachte hemmungslos. Noch nie hatte er einen solchen Schwachsinn gehört! Kühe, die auf Musik stehen! Oh Himmel! In was für einen Film war er hier geraten?
Er begleitete Siggi zum Kühemelken, staunte, als er ihnen tatsächlich Ed Sheeran und Adele vorspielte, und half zum ersten Mal in seinem Leben beim Stalldienst. Mit einer großen Mistgabel verteilte er das Gras, streichelte die feuchten Nüstern eines Kalbes und fühlte sich wie auf einem anderen Planeten. Ging es seiner Mutter ebenso, wenn sie schrieb? Eintauchen in eine völlig fremde Welt?
Er verabredete sich für den Abend mit Siggi und trabte wieder nach Hause. Niemand begegnete ihm, anscheinend war der Rest der Jugend noch bei dem Dorfweiher, und er ließ seinen Blick durch die Gärten schweifen. Überall standen Schaukelgestelle und diese riesigen Trampoline herum. Fast in jedem Garten, als wären es Statussymbole. Gab es hier keinen Spielplatz? Warum brauchte jedes Kind einen eigenen Sandkasten?
Seine Mutter hatte sich bereits umgezogen und wartete auf ihn. „Na, schon einen Freund gefunden?“
„Kann schon sein! Siggi kommt nachher vorbei! Gehen wir jetzt essen?“
„Sicher! Wenn du noch ein sauberes T-Shirt findest.“
Felix rannte die Treppe hoch und wühlte in seinem Schrank nach einem sauberen T-Shirt. Nachdem er sich grundsätzlich viermal am Tag umzog und anschließend die gebrauchte Wäsche wieder in den Schrank warf, war es schwierig zu entscheiden, welche Hemden noch am wenigsten getragen waren. Er machte mehrere Geruchsproben und entschied, dass einige Sachen doch in die Wäsche gehörten. Schließlich schlüpfte er in ein Baseball-T-Shirt, ganz ohne Flecken, setzte eine neue Kappe auf und sprang,drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe nach unten.
Seine Mutter fuhr ausgerechnet zum einzigen Gasthof des Dorfes, eigentlich hätten sie auch zu Fuß gehen können! Missmutig zog Felix die Kappe tiefer ins Gesicht und hoffte, dass keiner dieser Dorfdeppen ausgerechnet jetzt auftauchte. Ausgehen mit Mami! Noch tiefer sinken konnte er eigentlich nicht.
Der Wirt war ganz nett. Er stellte keine unangenehmen Fragen, fragte nicht nach dem Wohin und Woher, brachte sofort die Getränke und ließ seine Mutter in Ruhe. Felix entspannte sich sichtlich, auch, weil bisher nur wenige Gäste in der gemütlichen Bauernstube saßen. Zwei kleine Kinder kreischten in voller Lautstärke, ohne von ihren Müttern zur Ordnung gerufen zu werden, und er runzelte genervt die Augenbrauen. „Kleine Mistmaden!“, murmelte er leise.
„Wer?“, wunderte sich seine Mutter.
„Na, die kleinen Biester dort! Ich hätte mich nie so aufführen dürfen!“
Seine Mutter kniff vergnügt die Augenbrauen zusammen und betonte: „Du hast dich ganz genauso aufgeführt!“
„Hab ich nicht!“, wehrte sich Felix entrüstet.
„Doch, natürlich!“
Seine Mutter war sichtlich erschöpft, und so wurde die Unterhaltung einseitig. Felix spekulierte über die neue Schule, über die Jugendlichen in diesem Ort, wie er seine alten Freunde einladen konnte; dann kam endlich das Essen, und jeder konzentrierte sich auf seinen Teller. Es war köstlich! Wenigstens ein Vorteil, den dieses Kaff hatte! Einen guten Wirt!
Dann ließ seine Mutter die Katze aus dem Sack. Reichlich unvermittelt meinte sie: „Wir bekommen übrigens bald Besuch! Anfang Oktober kommt ein Bekannter aus Amerika!“
„Na prima, dass wir jetzt ein Gästezimmer haben!“, brummte Felix mit vollem Mund.
„Nicht wahr!“, strahlte seine Mutter. „Ray hilft mir bei meinen Recherchen, und nun möchte er mal Deutschland kennen lernen.“
„Hej, dann können wir ihm ja das Oktoberfest zeigen!“
Seine Mutter lachte viel zu heftig, und eigentlich hätte Felix jetzt misstrauisch werden müssen, aber er fand jede Gelegenheit gut, seine Mutter auf das Oktoberfest zu schleppen.
„Gute Idee! Das wird Ray bestimmt gefallen!“
„Amerikaner stehen auf Bier und Oktoberfest!“, erklärte Felix im Brustton der Überzeugung. „Aber ich komme auch mit!“
„Selbstverständlich!“, meinte seine Mutter seltsam friedlich.
„Jetzt richten wir erst einmal das Haus fertig ein, und dann konzentrieren wir uns auf deine Schule!“ Seine Mutter zwinkerte vertraulich.
„Wir?“, argwöhnte er. „Ich gehe in die Schule, nicht du!“
„Nun, bis du deinen Abschluss in der Tasche hast, gehen wir wieder gemeinsam in die Schule, mein Schatz!“
„Ich schaff das schon!“, erklärte er unwillig. Nichts war schlimmer, als von seiner Mutter wie ein Baby gegängelt zu werden.
„Natürlich! Trotzdem schadet es nicht, wenn ich einen Blick auf deine Englisch- und -Hausaufgaben werfe!“
„Mama!“, stöhnte er empört. „Ich dachte, du willst schreiben?!“ „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“
Am Abend stand tatsächlich Siggi vor seiner Tür, und seine Mutter vollbrachte das Wunder, unsichtbar im Hintergrund zu verschwinden. „Schön, dass du da bist!“, grüßte Felix und winkte Siggi nach oben. Natürlich sah er die neugierigen Blicke des Jungen, und plötzlich war er sich nicht mehr ganz so sicher, ob Siggi nicht doch als Spion geschickt worden war. „Wir sind noch nicht ganz fertig“, erklärte er unsicher.
„Schon klar!“, brummte Siggi. „Ganz schön großes Haus!“
„Meine Mutter ist Schriftstellerin!“ Felix zuckte mit den Schultern und tat so, als würde das alles erklären.
„Wirklich?“ Die Augen des Jungen wurden rund. „Was schreibt sie denn?“
Felix schloss die Augen vor Entsetzen, dann schob er Siggi ein Stockwerk höher. „Esoterik, Fantasy und so!“, rettete er sich mit einer Notlüge.
„Cool!“, staunte Siggi neidlos. „Aber ich lese nicht viel.“
Felix öffnete die Tür in sein Reich und schnaufte hörbar durch, dass er es doch noch geschafft hatte, halbwegs Ordnung zu schaffen.
„Geil!“, lobte Siggi begeistert. „Wohnst du hier allein?“
„Ja, sicher!“, antwortete Felix ein wenig verwundert. „Wieso?“
„Na, so ein großes Zimmer! Ich wohne mit meinem Bruder zusammen.“
„Nö, der Dachboden gehört mir allein. Nur das Badezimmer muss ich mit meiner Mutter teilen. Aber wir haben unten noch ein Klo!“ Oh je! Er hörte sich an wie ein Immobilienmakler. Fehlte nur noch, dass er von den Vorzügen des Ortes sprach!
„Wieso mit deiner Mutter? Hast du keinen Vater?“, fragte Siggi verwundert.
Bang! Der nächste Volltreffer! Rochen diese Bauern so etwas? Stand es auf seiner Stirn geschrieben? Oh Mann!
„Mein Vater ist andauernd im Ausland! Mit dem arrangiere ich mich schon, wenn er da ist!“, meinte er ausweichend.
„Ach so!“
Felix lenkte die Aufmerksamkeit seines Gastes auf seine imposante Xbox-Spiele-Sammlung. Siggi staunte sichtlich, zog dann begeistert ein Spiel über die Besiedelung eines fremden Planeten aus dem Regal. „Wie ist´n das?“
„Super! Wollen wir spielen?“
„Hast du auch Xbox live?“
„Klar! Ich bin in einem Clan! Am Samstag haben wir wieder ein Clanspiel!“ Es klang, als wäre es nichts Besonderes, dabei war Felix mächtig stolz darauf, in Deutschland unter den Top Ten zu spielen. Siggi dagegen schien mit der Information nichts anfangen zu können. „Ich habe keinen Internetzugang!“, meinte er bedauernd.
Felix zuckte kurz die Schultern, sagte aber nichts. Eben doch ein Bauerndorf!
Sie spielten den ganzen Abend, und Felix machte sich einen Spaß daraus, Siggi in Grund und Boden zu ballern. Chancenlos! Trotzdem wurde Siggi nicht wütend, sondern lachte harmlos über sich selbst.
Pünktlich um zehn Uhr sprang Siggi auf und verabschiedete sich. „I muaß jetzt geh‘n !“
„Bist du ein Baby? Wartet deine Mami auf dich?“
Siggi lächelte verschmitzt, war weder beleidigt noch wütend.
„Schon! I muaß früa aufsteh‘n und in den Stall!“
Felix ärgerte sich über sich selbst. Der erste Freund, den er hier hatte, und ständig musste er den coolen Macker heraushängen lassen. Wahrscheinlich würde Siggi nie wieder kommen! „Schau halt wieder vorbei!“, murmelte er verlegen.
„Mach ich!“, erklärte Siggi freundlich, dann verschwand er durch die Tür.
Felix trabte wieder die Treppen nach oben, warf sich auf sein Bett und zappte sich mit der Fernbedienung durch die Fernsehprogramme. Er blieb bei einem alten Western hängen. Selbst er wusste so viel über Indianer, dass er erkannte, dass der Film Schrott war. Tomahawk schwingende Wilde, die auf brave Siedler losstürmten, mit einem Indianermädchen, das zum Schluss sterben musste, damit der Held eine weiße Frau heiraten konnte. Trotzdem sah er ihn sich an und freute sich schon darauf, am Morgen mit seiner Mutter darüber zu diskutieren. Sie würde wieder predigen – und er darauf beharren, dass er den Film toll gefunden hatte!
Das erste Frühstück in dem neuen Haus verlief allerdings nicht so, wie er es erwartet hatte. Seine Mutter beachtete seine Sticheleien gar nicht, sondern schien mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein. „Geht es dir nicht gut?“, fragte er besorgt.
„Doch, wieso?“
„Na, sonst lieferst du mir immer wieder flammende Wortgefechte, wenn ich was gegen deine Indianer sage.“
„Wozu sollte ich mich über einen Film aufregen? Wenn er dir gefallen hat, ist das deine Sache! Geschmack ist eben Geschmack!“ Felix starrte seine Mutter überrascht an. Sonst zeigte sie sich keineswegs so liberal, zumindest nicht, wenn es um ihre Lieblinge ging.
„Ich brauche noch einige Dinge für das Haus. Kommst du mit?“, wechselte seine Mutter unvermittelt das Thema.
„Wohin?“
„Ich fahre in die Stadt. Dort gibt es ein großes Möbelhaus!“
„Okay! Ich bräuchte auch noch eine Lampe. Bekomme ich die?“
„Kein Problem! Lampen brauchen wir ohnehin.“
Felix nickte und sah auf die vielen Drähte an der Decke, an denen gerade mal eine Glühbirne baumelte. Sie brauchten eine Menge Lampen!
Sie verbrachten fast den ganzen Tag in dem Möbelhaus, verpassten unter der Klimaanlage einen wunderschönen Sommertag, aber am Ende hatte seine Mutter das ganze Möbelhaus leergekauft. Sie war in einen wahren Kaufrausch verfallen, hatte nicht nur Lampen, sondern Terrassenmöbel, Rasenmäher, Regale, ein neues Doppelbett, Teppiche, Geschirr, Handtücher, neue Bettwäsche und eine Lavalampe für sein Zimmer besorgt.
„Wozu brauchst du denn das alles?“, fragte er misstrauisch.
„Ich will es richtig schön haben“, erklärte sie mit fester Stimme.
„Vorher war es doch auch schön!“
„Ach, mein Schatz, davon verstehst du nichts.“
Bong! Da war es wieder! Dieses Gefühl, dass er in ihren Augen nie erwachsen sein würde.
„Ich brauch noch ein paar Sachen für die Schule“, murmelte er unwillig.
„Warum wartest du nicht auf den ersten Schultag? Die Lehrerin wird euch bestimmt eine genaue Liste geben, was ihr braucht.“
Musste seine Mutter immer so vernünftig sein? Gerade eben hatte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, zehntausend Euro für eine neue Einrichtung ausgegeben, und nun knauserte sie – nur weil er etwas haben wollte. „Ich brauche einen neuen Rucksack. Der alte ist kaputt.“
„Der alte ist überhaupt nicht kaputt. Für das eine Schuljahr geht er schon noch.“
„Er ist total versifft! Mit so was kann ich nicht in eine neue Schule gehen.“
„Er ist versifft, weil du ihn immer in die schmutzigsten Ecken wirfst! Pass halt besser auf deine Sachen auf!“
„Bekomme ich nun einen neuen Rucksack – oder nicht?“, giftete er sie an.
„Du hast doch Taschengeld!“, zankte sie in bissigem Ton zurück. „Mama! Wenn ich am ersten Tag mit so einem abgefuckten Ranzen auftauche, bin ich doch gleich untendurch. Außerdem brauche ich noch Hausschuhe. Hat der Rektor gesagt!“
Verärgert biss seine Mutter die Zähne zusammen, dann blickte sie in seine trotzigen Augen. „Na schön! Ranzen und Hausschuhe. Aber dann ist Schluss!“
„Und die neuen Schulhefte“, setzte er nach.
„Vielleicht auch gar nichts!“, fauchte sie wütend. „Du undankbare kleine Mistmade!“
„Mistmaden sind die anderen, nicht ich“, erklärte er selbstgefällig. „Ich bin dein Schatz! Und ein Schatz bekommt einen neuen Schulranzen.“
Sie kicherte erheitert, konnte ihm von einer Sekunde auf die andere nicht mehr böse sein. „Aber komm mir nicht nächstes Jahr mit der gleichen Story!“, warnte sie mit erhobenem Zeigefinger. „Aber nein!“, wischte er ihre Sorgen beiseite. Nächstes Jahr war nächstes Jahr!
Passwörter und Zugangscodes
Die nächsten Tage verliefen verhältnismäßig ruhig. Er badete ein paar Mal in dem Weiher und hatte dort die Gelegenheit, einige Jugendliche beschnuppern zu können. Siggi kannte er bereits, aber auch Seppi, dem die anfängliche Schlägerei nun leid tat, entpuppte sich als ganz in Ordnung.
„Du bist ganz schön hart im Nehmen!“, erklärte er nicht ohne Bewunderung.
„Ich war sieben Jahre im Aikido“, meinte Felix mit einem schiefen Grinsen. Auf den zweiten Blick waren eigentlich alle ganz nett. Seppi mit seinen schwingenden Fäusten. Siggi, der am liebsten auf seinem Traktor saß; oder Görne, ein stiller Junge mit traurigen Augen, der aber auch ganz gut zuschlagen konnte, wenn man ihn provozierte.
Meist besetzten sie einen schattigen Platz unter einem Walnussbaum für sich, unterhielten sich über Mädchen und Xbox-Spiele oder flotte Autos. Wenn Jungs aus einem anderen Dorf einfielen, wurden sie meist grölend mit dem Hinweis vertrieben, dass sie hier nicht erwünscht waren. „Verzupft euch! Das ist unser Weiher!“ Gleiches galt jedoch nicht gegenüber fremden Mädels, die ausgesprochen freundlich und zuvorkommend behandelt wurden.
Das Faulenzen tat Felix gut, auch die problemlose Freundschaft, die hier entstanden war. Der Rauswurf aus dem Gymnasium rutschte in den Hintergrund, und so langsam freundete sich Felix mit der Situation an. Vielleicht war die neue Schule ja ganz okay, und er fand dort neue Freunde. Ihm gefiel, dass hier meistens über harmlose Themen geredet wurde. Vergessen war der Stress des Gymnasiums, in dem es nur um Noten, Lernen, Nachhilfestunden und Lehrer ging. Wie hatte er die endlosen Diskussionen mit seinem Vater satt, der ihm in schillernden Farben ausmalte, welche beruflichen Chancen er später einmal mit dem Abitur hätte. Hier schien das alles nicht mehr wichtig zu sein.
Schule war überhaupt kein Thema, stattdessen wurde über handfeste Ausbildungsplätze gesprochen. Viele Jungen besuchten die achte oder neunte Klasse der Mittelschule und beschäftigten sich ganz konkret mit ihren Berufswünschen.
Siggi wollte Mechatroniker werden und hatte bereits eine Lehrstelle in Aussicht, sah die Schule nur noch als Übergangszeit zu einem besseren Leben.
Görne kochte ausgesprochen gern und hatte sich bei mehreren Hotels und Restaurants beworben.
Felix lachte ihn aus, aber Görne ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Du, als Küchenchef kann ich mal richtig viel Geld verdienen. Und was willst du werden?“
Felix zuckte die Schultern und blieb ihm eine Antwort schuldig. Die ausgeklügelte Zukunftsplanung seines Vaters für ihn hatte sich mit dem Rauswurf aus dem Gymnasium gerade in Luft aufgelöst. Mechatroniker, Dachdecker oder Koch klang irgendwie banal. Er hatte keine Ahnung, welche Berufe er mit Hauptschulabschluss oder Quali überhaupt noch wählen konnte. Viel Auswahl blieb da nicht. Also doch die zehnte Klasse machen?
Er schob den Gedanken zur Seite und lenkte das Gespräch wieder auf unverfängliche Themen. Der zwanglose, kameradschaftliche Umgang miteinander tat ihm gut – auch, dass die anderen kaum Fragen über seine Vergangenheit stellten.
Problemlos passte er sich dem etwas einfältigen, ruppigen Ton an; nur dass sich die Jungen ungeniert mit „Heil Hitler“ begrüßten und sich dabei auch noch großartig vorkamen, stieß Felix unangenehm auf. „Seid ihr etwa Nazis?“, wagte er vorsichtig zu fragen.
„Aber nein, das ist nur Spaß!“, erklärten sie beschwichtigend. Felix erzählte seiner Mutter lieber nichts von diesen seltsamen Gewohnheiten, abgesehen davon, dass er über die trockenen Ausländerwitze durchaus lachen musste. Am Weiher erkannte er jedoch keine aggressiven Tendenzen, hier hockten die Jugendlichen faul zusammen und begnügten sich damit, großartige Reden zu schwingen.
Er fühlte sich bereits als dazugehörig, protzte mit seinem guten Aussehen, machte waghalsige Sprünge ins Wasser, sodass die kleineren Kinder flüchteten, wenn die Jugendlichen sich ihre Balgereien lieferten.
Einige Mütter meckerten lautstark, doch das reizte die Jugendlichen eher noch mehr. Lautstark pöbelten sie umeinander, riefen sich quer über die Wiese Anweisungen zu und warfen mit Kraftausdrücken nur so um sich. Nicht gegen die Mütter, aber so, dass sie mit ihrem Verhalten alle anderen störten.
Nur wenn Georg mit seiner imposanten Größe und noch schlimmerem Mundwerk auftauchte, hielten sie sich zurück, fürchteten seine bissigen Kommentare und seine süffisanten Bemerkungen, die weit unter die Gürtellinie zielten.
Felix wunderte sich, warum die anderen so viel Respekt vor ihm hatten, und pfiff leise hinter dem breitschultrigen Erwachsenen her, als dieser am Steg Patrouille ging. „Ist der so was wie ein Bademeister?“
Die anderen wehrten die Vermutung belustigt ab. „Aber nein!
Das ist Georg! Der ist in Ordnung!“
„Wieso ist der in Ordnung, wenn er sich hier als Obermacker aufführt?“
„Na, wir helfen ihm beim Dorffest, und er mag uns! Wir haben kein Problem mit ihm!“
Aha!
Der erste Tag in der neuen Schule verlief ganz gut. Er hatte eine sehr junge Lehrerin, die auch noch gut aussah und freundlich zu sein schien.
Felix stellte sich in gewohnt forscher Art seinen Mitschülern vor, erzählte, dass er nur mal schnell den „Quali“ machen wollte, um anschließend die Fachakademie zu besuchen.
Dass dies erst mit dem Bestehen der „Mittleren Reife“ möglich war, verschwieg er lieber, aber sein wahrer Plan, im Anschluss an die neunte Klasse den M-Zug zu besuchen, klang irgendwie zu banal. Fachakademie!
Auch wieder so eine Idee von seinem ehrgeizigen Vater! „Da kannst du die mittlere Reife machen und dann anschließend zur Fachoberschule. Vielleicht studierst du ja mal Ingenieurswesen.“ Mann!
Bis er mit seiner Berufsausbildung fertig sein würde, wäre er ein alter Opa! Vielleicht hatte er gar keine Lust zu studieren! Und wieso ausgerechnet Ingenieurswesen!
Seine Vorstellung in der neuen Klasse sorgte jedoch für den nötigen Eindruck, vor allem bei den Mädchen! Bei der anschließenden Klassensprecherwahl wurde er prompt mit überwältigender Mehrheit zum Klassensprecher gewählt, natürlich mit Unterstützung der Mädchen, die ihn anscheinend „süß“ fanden. Felix fühlte sich wie der Hahn im Korb, sonnte sich im Neid der anderen Jungen und würzte den Unterricht mit frechen Bemerkungen, mit denen er sofort die Lacher auf seiner Seite hatte.
Zu seinen neuen Aufgaben als Klassensprecher gehörte auch die alberne Regel, jeden Lehrer, der die Klasse betrat, im Namen der Klasse zu begrüßen. Natürlich kannte er bisher nur die Klassenlehrerin, und so rettete er sich, in dem er bei jedem neuen Lehrer meinte: „Die Klasse 9 a begrüßt den mir unbekannten Lehrer!“
Jedes Mal tuschelten die Kinder hinter vorgehaltenen Händen und warteten sehnsüchtig auf weitere Unterbrechungen des Unterrichts.
Der Rektor schaute sich Felix‘ Höhenflug genau zwei Tage lang an, dann verpasste er ihm eine gehörige kalte Dusche. Weil er angeblich noch nicht lange genug an der Schule gewesen sei, um die Aufgabe verantwortungsvoll auszufüllen, wurde Felix seines Amtes als Klassensprecher enthoben, und Albert, der nach ihm die meisten Stimmen gehabt hatte, zum Klassensprecher erkoren. Felix lieferte sich ein heißes Gefecht mit dem Rektor, indem er ihm autoritäres und undemokratisches Verhalten vorwarf, doch es änderte nichts an dessen Entscheidung.
Felix kochte vor Wut, denn diese Zurücksetzung war eine Blamage und schadete seinem Ansehen. Seine Bemerkungen im Unterricht waren nun keine lustigen Einlagen mehr, sondern wurden als Störungen geahndet.
Plötzlich war er der Buhmann in der Klasse, der Neue, der gemobbt werden konnte, weil der Rektor ihn ständig maßregelte. Jede Bemerkung, jeder gute und noch so konstruktive Beitrag wurde von dem Rektor, aber auch von der Klassenlehrerin, schlechtgemacht oder als unwichtig abgetan.
Wahrscheinlich wollten sie ihn disziplinieren, seine Aufmüpfigkeit im Keim ersticken, aber in der Klasse hatte es verheerende Folgen für Felix.
Die Jungen stellten sich offen gegen ihn, provozierten ihn in der Pause, nannten ihn Weiberheld oder Weichei und grenzten ihn bei Freizeitaktivitäten aus.
Voller Genugtuung erzählten sie in seiner Gegenwart von lustigen Partys und grinsten unverschämt, wenn er sich gedemütigt abwandte.
Manchmal wehrte sich Felix auch, ging dann mit erhobenen Fäusten gegen einen Jungen vor, der ihn mit Worten schikanierte. Albert ließ keine Gelegenheit aus, ihn zu provozieren, und hatte immer eine Meute anderer Jungen um sich herum, die ihn beschützten.
„Feige Sau!“, schimpfte Felix dann, „Du bist ja zu feige, um allein mit mir zu reden!“ Wie sehr vermisste er bei diesen Auseinandersetzungen seine Freunde aus dem Dorf. Aber Siggi und Seppi waren in der Parallelklasse, konnten ihn höchstens auf dem Pausenhof oder im Bus unterstützen, und andere Freunde waren bereits in der Berufsausbildung.
Auch das Verhalten der Lehrer veränderte sich spürbar. Er galt nun als Störenfried und Schläger und wurde von den Lehrern mit Argusaugen beobachtet. Wegen Kleinigkeiten bekam er Verweise oder schlechtere Noten, obwohl er gelernt hatte. Die Situation spitzte sich zu, als der Rektor wieder einmal eine Kurzarbeit nur mündlich diktierte und Felix anschließend eine schlechte Note erhielt. Aber wie sollte er gegen ungerechte Noten angehen, wenn die Fragen nur mündlich gegeben wurden und er nicht beweisen konnte, dass der Rektor die Frage ganz anders formuliert hatte? Hier war irgendwie die Welt stehen geblieben.
Zuhause dagegen tobte seine Mutter: „Wie kannst du dir in so kurzer Zeit alle Sympathien verscherzen? Kaum bist du in der neuen Schule, gibt es schon wieder Ärger! Wie machst du das?“
Felix ballte die Faust und schaute seine Mutter wütend an. „Ich mache gar nichts! Der Rektor ist ein Depp! Er kann doch nicht einfach einen gewählten Klassensprecher absetzen. Jetzt haben die anderen eben keinen Respekt mehr vor mir.“
Seine Mutter wurde blass, und ihre Stimme wurde ganz leise vor Ärger: „Sag so etwas nicht noch einmal, sonst werfen sie dich gleich von der Schule! Du brauchst den Quali, oder du bist hier gar nichts mehr! Dann stehst du auf der gleichen Stufe wie ein arbeitsloser Penner!“
„Ja, ja! Ich werde mal Straßenkehrer!“, fauchte Felix.
„Oh, da täuschst du dich!“, flötete seine Mutter sarkastisch. „Bei der Müllabfuhr kommst du nur mit besten Referenzen rein! Sieh zu, dass du dich mit diesem Rektor arrangierst.“
„Ich kriech dem doch nicht in den Arsch! Es war ungerecht, mich als Klassensprecher abzusetzen, nur weil ich noch nicht alle Lehrer gekannt habe. Und es ist total ungerecht, eine Aufgabe nur mündlich zu formulieren. Wie soll man da die Note überprüfen? Dieser Typ kann doch nicht einfach machen, was er will!“
„Nun, du siehst ja, dass er die Macht dazu hat! Also leg dich nicht mit ihm an!“
„Er ist halt ein Nazi!“, erklärte Felix verächtlich.
Mit der anschließenden Reaktion seiner Mutter hatte Felix allerdings nicht gerechnet. Sie gab ihm eine so heftige Ohrfeige, dass es klatschte. „Du machst mir nichts als Ärger!“, schrie sie sprühend vor Zorn. „Du arrogantes kleines Biest machst mir nichts als Ärger!“
Felix spürte, wie eine bodenlose Wut in ihm hochbrodelte, er konnte kaum Luft holen, so sehr schockierte ihn die Ohrfeige seiner Mutter. Noch nie hatte sie ihn geschlagen, noch nie!
Er ballte die Fäuste und beherrschte sich auf das Äußerste, um nicht zurückzuschlagen. Am liebsten hätte er sie zu Boden geschlagen und sie mit seinen Füßen traktiert. Er stellte sich vor, wie sie am Boden lag und er mit seinen Schuhen in ihre Rippen trat, so wie es die Rechten machten, wenn sie einen Ausländer verprügelten.
Jetzt verstand er, woher diese Wut kam, dieser sinnlose Hass, denn er stand kurz davor, auf seine Mutter einzuprügeln. Er wollte jemandem wehtun! So richtig wehtun!
Mit seiner Faust drosch er ein Loch in die Wohnzimmertür, dann flüchtete er mit schmerzenden Fingern die Treppe nach oben. Seine Tür fiel mit einem Krach ins Schloss, dann warf er sich zitternd vor Wut auf sein Bett.
„Felix!“, brüllte seine Mutter von unten. „Komm sofort wieder runter!“
Er hörte, wie sie die Treppe hochkam, und versuchte sich irgendwie zu beruhigen. Warum konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Warten, bis sich der Gefühlssturm wieder legte?
Die Klinke wurde heruntergedrückt, und seine Mutter trat neben sein Bett. „Sag mal, spinnst du…?“, fragte sie relativ gelassen. „…du hast gerade die Wohnzimmertür demoliert!“
„Na und?“, murmelte er bockig. Warum reizte sie ihn auch so?
„Den Schaden ziehe ich dir vom Taschengeld ab!“
„Na und!“, wiederholte er stur.
„Willst du gar nichts dazu sagen?“, fragte sie ebenso herausfordernd.
„Der Rektor ist ein Depp!“, kam es zu seiner Rechtfertigung.
„Okay! Aber ist das ein Grund, die arme Wohnzimmertür einzuschlagen?“
Er kicherte leise, fühlte sich nun doch etwas besser. „Nee!“, gab er unumwunden zu. „So ein Depp hat es gar nicht verdient, dass man sich wegen ihm aufregt!“
„Das meine ich auch! Was macht deine Hand?“
„Tut weh!“, stöhnte Felix, er merkte eigentlich erst jetzt, dass seine Hand entsetzlich schmerzte.
„Soll ich mal nachsehen?“
„Nee, geht schon! Ich mach mir einen kühlen Umschlag!“
„Na schön! Wir werden uns beim Abendessen eine Strategie überlegen, wie du mit diesem Rektor fertig wirst! Der Quali ist wichtig! Soll ich mal mit ihm reden?“
„Bloß nicht!“, wehrte Felix entsetzt ab. Das wäre sein endgültiges Ende! Eine Mama, die bei jeder Kleinigkeit in die Schule rennt. Noch mehr Schaden konnte sie gar nicht anrichten. „Ich klär das schon!“
„Schön, dann verhandeln wir heute Abend, wie du das mit der Tür regeln kannst. Hoffentlich bekomme ich keinen Ärger mit dem Vermieter, wenn ich ihm beichte, dass bereits in den ersten Tagen eine Tür zu Bruch gegangen ist.“
„Sage ihm halt, dass es beim Einzug passiert ist!“, schlug Felix weltmännisch vor.
„Werde nicht frech, aber wahrscheinlich keine schlechte Idee! Jedenfalls besser, als wenn ich ihm erzähle, dass mein halbwüchsiger Sohn einen Rappel bekommen hat.“
In den nächsten Tagen kehrte er in der Schule gezwungenermaßen seine guten Manieren heraus, und die Situation beruhigte sich etwas. Der Rektor beobachtete ihn wie eine giftige Spinne, schien aber zufrieden zu sein, dass er sich besser benahm und ließ den Druck von ihm. Einige Unterrichtsbeiträge von ihm wurden nun wieder freundlich kommentiert, und der Rektor gab ihm eine Eins in Mitarbeit.
Die Klassenlehrerin entspannte sich sichtlich, gab ihm ganz gute Noten, nur seine Leistungen im Diktat waren weiterhin mangelhaft. Kein Wunder! Im Gymnasium hatte er schon seit der fünften Klasse keine Diktate mehr geschrieben.
Also besorgte seine Mutter ein Übungsheft für Rechtschreibung, wie immer, wenn er irgendwo Wissenslücken hatte, und diktierte ihm abends einen Text nach dem anderen.
Entschädigt wurde er durch einige vielversprechende Gespräche mit einem Mädchen aus der Parallelklasse: Eva! Eine kleine, schnuckelige Maus mit blonden Locken, einem zierlichen Körper, der immer noch braungebrannt vom letzten Türkeiurlaub war. Sie wohnte drei Dörfer weiter, ein ziemliches Problem, wenn man bedachte, dass es noch einige Zeit dauern würde, ehe er seinen Führerschein machen konnte. Also trafen sie sich in der Pause, gingen Händchen haltend über den Pausenhof oder drückten sich in irgendwelche Ecken, um sich ausgiebig zu küssen. Die Lehrer sahen es mit Argwohn, fürchteten um die guten Sitten an der Schule und baten Felix, etwas weniger demonstrativ seine Liebe zur Schau zu stellen.
Felix schüttelte darüber nur den Kopf. „Die mischen sich aber auch in alles ein!“, schimpfte er aufgebracht. „Jetzt werden noch Regeln zum richtigen Küssen aufgestellt!“
Also verabredeten sie sich am Nachmittag und fuhren gleich mit dem Schulbus zum Haus des einen oder anderen – mit der logischen Konsequenz, dass die Hausaufgaben in Mitleidenschaft gezogen wurden. Schließlich wollte man die Zeit miteinander nutzen und nicht mit unnützen Hausaufgaben vergeuden, die man abends oder nachts immer noch machen konnte. Nur, während Eva sehr wohl den Abend nutzte, um ihre Aufgaben zu erledigen, verbrachte Felix diese Zeit bei seinen Freunden im Internet.
Die Clanspiele waren weit wichtiger, als irgendwelche Formeln für Mathe auswendig zu lernen, die er ohnehin nicht verstand.
Seine Mutter reagierte entsprechend gereizt, drohte mit Internetverbot oder anderen drastischen Strafen.
Tatsächlich sperrte sie das Internet mit einem Codewort, das er bereits beim dritten Versuch entschlüsselte. Er probierte „Indianer“, „Sioux“ und hatte mit „Lakota“ den gewünschten Erfolg. So leicht war seine Mutter zu durchschauen! Er drehte die Lautstärke seiner Xbox auf ein Minimum, sodass seine Mutter nicht hörte, dass er nach wie vor seinem Ballerspielhobby frönte.
Sie war richtig gut gelaunt, denn sie dachte natürlich, dass sie eine perfekte Erziehungsmethode gefunden hatte, damit er seine Energie in die Schule steckte. Weit gefehlt! Eva, seine Freunde im Dorf und sein Internetclan forderten seine gesamte Aufmerksamkeit, und so gerieten seine schulischen Leistungen ziemlich ins Hintertreffen.
Seine Mutter beruhigte er mit Halbwahrheiten über seinen angeblichen Lernaufwand. „Ich lern doch, Mami! Aber in der Hauptschule haben sie halt einen ganz anderen Stoff!“
„Erzähl mir keinen Quatsch! Du kommst aus dem Gymnasium! Du müsstest das mit Leichtigkeit schaffen“, schimpfte seine Mutter, als er in Deutsch wieder nur eine Drei geschrieben hatte. In Hauswirtschaft sah es ganz übel aus. Seine Mutter war schon keine gute Köchin, woher sollte er also wissen, wie man Kuchen backte oder Schweinegeschnetzeltes zubereitete?
„Wenn ich durchfalle, dann wegen Hauswirtschaft“, maulte er.
„Dann musst du eben mit Sport ausgleichen!“
„Sport ist nicht so einfach. Da gibt es einen Theorieteil.“
„…den du lernen kannst!“, entgegnete seine Mutter.
„Mach ich doch! Aber ich schreibe in so vielen Fächern Prüfung! Arbeitslehre, Deutsch, Mathe….!“
„Aber, aber, aber!“, äffte seine Mutter ihn nach. „Ich höre immer nur, was du nicht kannst, aber nicht, wie du es schaffst! Vielleicht setzt du dich mal hin und lernst?“
Felix ließ diese Moralpredigten über sich ergehen, verdrückte sich in sein Zimmer und schaltete die Xbox ein. Lernen! Der Quali war irgendwann vor den Pfingstferien oder danach, und da hatte er noch genügend Zeit, um zu lernen.
Mit seinen Freunden Siggi, Sepp und Görne tummelte er sich auf dem Oktoberfest in München, wunderte sich ein bisschen, dass der amerikanische Gast noch nicht eingetroffen war, ohne aber seine Mutter darauf anzusprechen. So wichtig war das nun auch nicht.
In der Schule besserte sich die Situation ein wenig. Er passte sich dem rauen Tonfall der anderen an und imponierte den Jungen mit radikalen Äußerungen. Er hatte dabei ein schlechtes Gewissen, denn er wusste, dass seine Mutter dies nicht gutheißen würde. In der Klasse dagegen brachte es ihm den gewünschten Erfolg.
Albert fand ihn nun doch ganz in Ordnung, und im Sport wurde er wieder als Erster ins Team gewählt. Er bemühte sich um guten Kontakt, biederte sich bei den Stärksten in der Klasse an und führte ein klärendes Gespräch mit Albert. „Wir müssen hier zusammenhalten!“, erklärte ihm der Klassensprecher. „Weißt du, gegen die Kanaken! Da brauchen wir jeden Mann! Du hältst doch zu uns, oder?“
Felix wand sich wie ein Fisch im Netz, aber er wollte nicht wieder der Außenseiter in der Klasse sein. „Klar!“, meinte er großspurig. „Kein Problem!“
Trotzdem wunderte er sich, dass der sonst so autoritäre Rektor nicht klar gegen solche Hetzparolen einschritt. Schon in seinem Dorf waren ihm die unbedachten Äußerungen seiner Freunde aufgefallen, aber die waren harmlos im Vergleich zu den offen rassistischen Bemerkungen seiner Mitschüler. Besonders das bevorstehende Herbstfest in der nächsten Stadt gab Anlass zu wilden Hetzparolen gegen Ausländer.
„Kanaken wollen wir dort nicht!“, erklärten sie offen.
Oder: „Denen geben wir Saures!“
„Kanakenklopfen!“, hetzten sie sich gegenseitig auf.
„Kanakenklopfen?“, wiederholte Felix, als wäre er schlecht von Begriff.
„Ja, wenn die unsere Mädels anmachen, dann gibt es eins auf die Mütze!“, erklärte Albert und schüttelte vielsagend seine Faust. „Das ist unser Herbstfest, da haben Ausländer nichts zu suchen. Schon gar nicht Türken oder Schwarze.“
Felix senkte irritiert den Kopf und wusste nicht, wie er nun reagieren sollte. Eigentlich hatte er nichts gegen Ausländer. Aber nun konnte er seine Meinung nicht mehr ändern, nun hatte er sich festgelegt.
„Ich habe keinen Bock auf Ärger“, erklärte er lahm.
„Noch nicht!“, warnte ihn Albert. „Warte ab, wenn du das erste Mal mit deinem Mädel ins Kino gehst. Dann stehen die Kanaken da, machen einen auf Obermacker und fegen dich an. Und im Park stehen die Typen aus Afrika und verticken Drogen.“
„Dann werde ich ihnen schon das Maul stopfen!“, meinte Felix selbstbewusst.
„Klar kannst du das! Du bist ja auch Superman, der sich gleich mit mehreren anlegt. Hast du es noch nicht kapiert? Kanaken und Schwarze kommen immer im Rudel. Also müssen wir auch zusammenhalten! Verstehst du das?“
„Klar!“
Eigentlich war nichts klar, ganz im Gegenteil! Felix hatte gerade das Gefühl, in eine Falle getappt zu sein, aber es war zu spät. Jetzt konnte er keinen Rückzieher mehr machen. Er gehörte nun zu dieser Klasse, musste sich ihren Regeln anpassen, oder er wäre wieder zum Außenseiter abgestempelt. Er konnte nur hoffen, dass seine Klassenkameraden nicht wirklich eine Schlägerei provozierten. Ihn irritierten das harmlose Auftreten der Jugendlichen, die freundliche Balgerei und dann wieder die unreflektierten Hasstiraden gegen Ausländer. Er konnte einfach nicht abschätzen, wie ernst sie es damit meinten. Hier gab es keine Grauzonen, keine Gruppenbildungen, wie es im Gymnasium üblich gewesen war. Alle Jungen hatten dieselbe Meinung, und wer sich dagegenstellte, war automatisch Außenseiter. Also passte Felix sich an, kleidete sich sogar wie die anderen, um ja nicht aufzufallen.
Dann verabredeten sie sich auf dem Herbstfest, begrüßten sich im Festzelt grölend mit „Heil Hitler“, auch Felix, und kamen sich großartig vor, weil es niemand wagte, sie zu belehren oder zu ermahnen. Felix gehörte nun zu dieser Gruppe, spielte nach ihren Regeln und sah die Vorurteile der anderen gegenüber Ausländern bestätigt.
Er fand es entsetzlich, wie sich ausländische Jugendliche kleideten, mit goldenen Ketten behängten, als wären sie Migos oder sonst irgendein Rapper, in Gruppen herumlungerten und deutsche Mädchen anmachten. Übel, richtig übel!
Aber in der Gruppe, ja, da waren sie stark, da trauten sich diese Typen mit ihren überdimensionalen Ghettoblastern nicht an sie heran. Felix tauchte in diese Gruppe aus demonstrativer Gemeinschaft und gelebtem Zusammenhalt ein. Es machte Spaß, die Erwachsenen herauszufordern, ihre Ohnmacht mitzuerleben, denn gegen eine große Gruppe Jugendlicher wagte niemand etwas zu sagen. Felix fand das alles toll! Auf den Bierbänken zu sitzen, verbotenerweise ein Bier zu trinken und gegen andere zu grölen! Hämisch beobachtete er, wie Familien sich von ihnen wegsetzten, Mütter verständnislos die Köpfe schüttelten und andere Jugendliche bewundernd zu ihnen herüber schielten! In der Gruppe fühlte er sich stark! Sonst wollte niemand etwas von ihnen wissen, überall stießen sie auf Ablehnung und Unverständnis, aber in der Gruppe hielten sie zusammen. Ihr Feindbild war klar! Beim Herbstfest ging es gegen die Türken und Syrer, ansonsten gegen Russen und Schwarze! Noch war alles harmlos. Türkenwitze, kleinere Rangeleien, doch hier und da hing bereits ein Hakenkreuz im Keller, natürlich nur aus Spaß, und es war modern, rechtsradikale Lieder zu hören.
Felix hatte diese Lieder auch auf seinem Laptop, fand es ganz schön krass, wie hier offen gegen Ausländer gehetzt wurde. So etwas hatte er noch nie gehört! Aber es war ja nur Musik, die illegal vom Internet heruntergeladen wurde! Nichts Ernstes! Nur nicht damit auffallen, dass man vielleicht eine andere Meinung hatte!
Fleißig lud er sich die neuesten Hits herunter und überspielte damit auch sein schlechtes Gewissen, obwohl er seiner Mutter manchmal nicht mehr in die Augen schauen konnte. Hoffentlich kontrollierte sie nie seinen Computer, und hoffentlich musste er nie ihre unbequemen Fragen beantworten. Er wich seiner Mutter weiträumig aus und knurrte nur kurze Antworten, wenn sie ihn manchmal auf der Treppe erwischte.
Doch dann erhielten sein Enthusiasmus und seine Heimlichtuerei einen gewaltigen Dämpfer. Bei einem Mädchen in seinem Bekanntenkreis hatte die Polizei den Computer sichergestellt, massenweise kopierte Filme und Musik gefunden, und nun drohte der Familie eine Strafe von mehreren tausend Euro. Vorsichtig fragte Felix seine Mutter, wie man denn Daten auf dem Computer sicher löschen könnte, und erntete einen erstaunten Blick. „Eigentlich gar nicht! Außer du fragmentierst die Festplatte und spielst ein neues Betriebssystem drauf. Wieso?“
„Na ja, ich habe mir einige Lieder aus dem Internet heruntergeladen. Ich dachte, das geht, aber nun hat sich herausgestellt, dass es anscheinend illegal ist.“
„Wie kommst du ins Internet?“, fragte seine Mutter mit ihrem messerscharfen Verstand.
„Äh!“, stotterte er verlegen. Dann grinste er frech. Angriff ist die beste Verteidigung! „Ich habe dein Passwort geknackt!“
„So!“, erwiderte seine Mutter. „Und nun möchtest du, dass ich dir bei deinen kriminellen Machenschaften helfe?“
„Ja! Weil es nämlich ziemlich teuer werden kann, wenn ich erwischt werde.“
„Schöner Mist! Das können wir uns im Moment gar nicht leisten. Also gut! Dann zeig mir mal, was du da angerichtet hast.“
Bereitwillig führte Felix seine Mutter in sein Zimmer und fuhr den Computer hoch. Er zeigte ihr den Ordner mit seinen Musikdateien und erklärte ihr, wie er die Musik heruntergeladen hatte. „Auf den Seiten hieß es, dass es legal sei!“
„Was es nicht alles gibt!“, wunderte sich seine Mutter, dann verfinsterte sich ihr Gesicht, als sie die Titel der einzelnen Lieder las. „Sag mal, was sind denn das für Lieder?“, fragte sie entsetzt.
„Wieso?“ Felix setzte ein unschuldiges Gesicht auf.
„Na ja, diese grässlichen Lieder hier! Sag mal, spinnst du?“
„Mei, die sind halt gerade ‚in‘ bei uns!“, verteidigte sich Felix lahm.
„In?“, bohrte seine Mutter. „Und was ist noch so ‚in‘ bei euch?“
„Wieso?“, wehrte Felix die Frage ab. „Bei uns ist alles normal!“
„Aha, na, dann löschen wir diesen Mist doch einfach! Und bitte sorg dafür, dass dieser Schrott nicht wieder auf deinem Computer auftaucht. Außerdem werde ich wohl das Passwort fürs Internet ändern. Ich dachte, du würdest deine Zeit nutzen, um zu lernen!“ Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit, aber auch Wut.
„Mama!“, beschwerte sich Felix. „Mein Clan braucht mich! Ich habe ein wichtiges Spiel.“
„Deine Schule braucht dich! Und das Leben! Aber nicht dieser virtuelle Unsinn! Im Internet bestehst du keinen Quali und machst auch keine Ausbildung. Wach auf, mein Freund! Hier ist das Leben!“
„Das musst du ja gerade sagen! Wer lebt denn die ganze Zeit in einer Scheinwelt!? Du mit deinen blöden Indianern!“
„Immerhin verdiene ich damit meinen Lebensunterhalt. Das kann man von dir nicht behaupten.“
„Mama, ich lern doch genug! Wenn ich gute Noten habe, dann kannst du mich doch auch ein bisschen spielen lassen.“
„Natürlich kann ich das“, erklärte seine Mutter großmütig. „WENN du gute Noten hast! So ist der Deal! Gute Noten – Zugang zum Internet.“
„Das ist Erpressung!“
„Genau!“
Seine Mutter löschte die Festplatte, installierte ein neues Betriebssystem; dann ließ sie ihn allein. Natürlich änderte sie den Zugangscode für das Internet, und nach hundertfünfzig Versuchen, es zu knacken, sank Felix mit Tränen der Wut in den Augen auf sein Bett zurück. Diese Mistmade!
Er hatte alles ausprobiert! Die Namen aller Familienmitglieder, samt längst verstorbener Haustiere, Indianerhäuptlinge, Stämme, Lieblingslieder seiner Mutter, einfach alles, aber er konnte nicht ins Internet. Langsam dämmerte ihm, was das hieß!
Sein Clan! Er würde seinen Status verlieren, konnte die nächsten Spiele nicht mitspielen; er würde damit Freunde verlieren, und, und, und …
Wütend drosch er sein Kopfkissen gegen die Wand, dann riss er die Tür zum Treppenhaus auf. Seine Mutter konnte ihn doch nicht wie ein kleines Kind behandeln! Er donnerte die Treppe hinunter und stellte seine Mutter in der Küche zur Rede: „Gib mir den Zugangscode!“
„Oder was?“
Er nahm einen Teller und drosch ihn auf den Boden. „Gib mir den Zugangscode!“
Die Augen seiner Mutter wurden groß. So etwas hatte sie noch nie erlebt. „Oder was?“, funkelte sie zurück.
Er nahm den nächsten Teller und knallte ihn ebenfalls auf den Boden. Die Scherben flogen durch die ganze Küche, und seine Mutter trat erschrocken einen Schritt zurück. „Sag mal, spinnst du?“
„Gib mir den Zugangscode!“, brüllte Felix aufgebracht.
„Nein!“, schrie seine Mutter zurück. „Du bist ja völlig durcheinander! Merkst du nicht, wie dich das Xbox-Spielen aggressiv macht? Es schadet dir!“
„Gib mir den Zugangscode!“, drohte Felix und schlug mit der Faust gegen den Kühlschrank. Eine Delle entstand, und seine Mutter wich einen weiteren Schritt zurück. „Ich gebe dir gar nichts!“, erklärte sie mit fester Stimme, nur einige Schweißtropfen auf ihrer Stirn verrieten, dass sie sich weit mehr aufregte, als sie zugeben wollte.
„Du hast mir gar nichts zu verbieten!“, zischte Felix aufgebracht. „Ich bin doch kein kleines Kind mehr! Gib mir den Code!“ Er schäumte vor Wut und machte einen drohenden Schritt auf seine Mutter zu. Seine Mutter reagierte instinktiv und schubste ihn mit beachtlicher Kraft weg. „Raus! Raus aus meinem Haus!“
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