Читать книгу: «Lernen im Sekundentakt»

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Die Autorin

Kerri Milyko, Ph. D., ist Psychologin, war lange Zeit an der Universität von Nevada tätig und leitet nun das von ihr gegründete »Precision Teaching Learning Center« in Tampa, Florida.

Kerri Milyko

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-033772-5

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-033773-2

epub: ISBN 978-3-17-033774-9

mobi: ISBN 978-3-17-033775-6

Geleitwort zur Reihe »Autismus Konkret«

Das afrikanische Sprichwort »It takes a village to raise a child«/Deutsch: »Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen« gilt sicherlich auch für Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Und vielleicht braucht es sogar mehr als ein Dorf: nämlich das Wissen von Spezialisten in verschiedenen Ländern, die sich Autismus Spektrum Störungen auf ihre Fahnen geschrieben haben. Ziel unserer Reihe »Autismus Konkret« ist es daher, das Wissen internationaler Experten zu relevanten Themen zu bündeln und Eltern, Therapeuten, Lehrer und anderen Fachkräften dieses Wissen in leicht verständlicher Form und so konkret wie möglich zur Verfügung zu stellen.

Oft ist es nicht einfach, Betroffenen mit ASS zu helfen. Eltern und Fachkräfte wissen, dass Zeit besonders kostbar ist, wenn es darum geht, effektiv Veränderungen zu bewirken. Daher sollten Erklärungsmodelle und Hilfen bewährt und wissenschaftlich anerkannt sein. Wir haben daher Kollegen in Deutschland, Österreich, England und den USA gebeten, ihr Spezialwissen über bestimmte evidenzbasierte und praxiserprobte Therapiemethoden in kurzer, konkreter Form mit unseren Lesern zu teilen.

Hierbei wird ein Einblick in folgende Themen gegeben: Lernen durch ABA und AVT (Applied Behavior Analysis und Autismusspezifische Verhaltenstherapie), Anders denken lernen – Kognitive Verhaltenstherapie zum Abbau von Frustration und Ängsten und zum Aufbau von sozialen Fähigkeiten, Lernen von positiven Alternativen zu Verhaltensproblemen, Lernen im Alltag – Natürliches Lernen, Lernen im Sekundentakt – Präzisionslernen, Lernen durch Apps, Lernen durch visuelle Hilfen, Lernen durch Videomodellierung, Lernen von Spiel und Beziehungen zu Gleichaltrigen: Integrierte Spielgruppen, Lernen im inklusiven schulischen Setting, Medikamentöse Hilfe und die Suche nach den Ursachen von Autismus-Spektrum-Störungen.

Wir hoffen, dass die Bände unserer Reihe »Autismus Konkret« Eltern und Kollegen helfen, Ursachen besser zu verstehen und wissenschaftlich anerkannte Therapiemethoden kennenzulernen. Hierbei wünschen wir, dass jeder Praxisband der Serie einen Beitrag leistet, therapeutische Hilfen für Betroffene mit ASS konkreter zu machen und Kindern und Jugendlichen mit ASS eine echte Chance zu geben, sich so zu entwickeln, dass eine Teilhabe am Leben der Gemeinschaft auch tatsächlich möglich wird. Und dazu braucht es sicher »Mehr als ein Dorf«.

Dr. Vera Bernard-Opitz, Herausgeberin der Reihe, Irvine,

April 2021

Geleitwort zu diesem Band

Dieser Band unserer »Autismus-Konkret-Serie« ist ein Versuch, die Methode des Präzisionslernens (PL) in Deutschland bekannter zu machen. PL ist eine Lernstrategie, die sich besonders in amerikanischen und australischen Schulen für Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) und Autismus Spektrum Störungen bewährt hat. Auch von Athleten, Musikern oder Studenten verschiedener Fachrichtungen wird sie eingesetzt.

Nach einem Sommerkurs an der hierfür bekannten Morningside Academy in Seattle fragte mein Sohn: »Mama, warum sind denn nicht alle Schulen so?« Offensichtlich fand er das einfache und schnelle »Lernen in Sekunden« und die Bewertung des eigenen Lernfortschritts auf logarithmischen Kurven sehr überzeugend.

Im Folgenden wird anhand von Fallbeispielen verschieden stark beeinträchtigter Kinder mit ASS deutlich, dass PL ein sehr präzises Lernen ist, das allerdings auch eine sehr genaue Planung voraussetzt. So sollte der Schüler mit ASS flüssig reden, schreiben, lesen und rechnen können oder auch andere soziale Verhaltensweisen oder Selbsthilfetätigkeiten »automatisch richtig machen«. Um das zu erreichen wird komplexes Verhalten analysiert und problematische Komponenten, wie Artikulation, Stifthaltung, Zahlen lesen, Grüßen, die Zähne putzen oder die Straße richtig überqueren, wiederholt im »Sekundentakt« geübt. Ziel von PL ist es, dass Teilschritte komplexer Fähigkeiten durch Wiederholungen automatisiert werden und somit den Beteiligten nicht mehr schwerfallen.

PL setzt präzise Planung voraus, was auch für andere ABA/AVT-Ansätze gilt. Allerdings diskutieren die Vertreter von PL und ABA/AVT, durch welche Lerndaten der Lernfortschritt am besten kontrolliert werden kann. Während verhaltenstherapeutische Arbeit sich meist mit einer Messung des Antwortverhaltens als Prozent richtig begnügt, betonten Präzisionslehrer, dass der Lernfortschritt auf die jeweilige Lernzeit bezogen werden muss. Nur so kann ein langsam und mühevoll sprechender, schreibender, rechnender oder arbeitender Schüler von einem Schüler unterschieden werden, der all das automatisch erledigt, dem es leichtfällt und der dieses oft auch gern macht.

Eine spannende Beobachtung zieht sich dabei durch dieses Buch: die wiederholte Erkenntnis, dass das gezielte Üben von Teilkomponenten zu einer Verbesserung des Endziels führt, ohne dass dieses selbst trainiert werden muss. Und das klingt doch vergleichbar zum wiederholten Üben des Aufschlags beim Tennis oder der endlosen Wiederholung von Akkorden, um vielleicht doch noch ein Tennisprofi oder virtuoser Pianist zu werden.

Auch wenn wir nicht alle Lernenden zu solchen Höchstleistungen bringen können und auch nicht bringen wollen, kann das Verstehen der genauen Problempunkte und das schnelle Üben kleiner Lernschritte für viele Betroffene Lernen erfreulicher und effektiver machen.

Dr. Vera Bernard-Opitz, Herausgeberin der Reihe, Irvine,

April 2021

Inhalt

1  Geleitwort zur Reihe »Autismus Konkret«

2  Geleitwort zu diesem Band

3  1 Willkommen zum Präzisionslernen

4  2 Flüssiges Verhalten

5  2.1 Ergebnisse flüssigen Verhaltens

6  2.2 Flüssiges Verhalten messen

7  3 Eindruck vom Präzisionslernen: Die Zeitmessung

8  3.1 Definition und Ziel

9  3.2 Beobachtung während einer Zeitangabe

10  3.3 Strategien vor der Zeitmessung

11  3.4 Nach einem Timing

12  4 Grundlagen lehren

13  5 Julie – Niedriges verbales Repertoire

14  5.1 Übungen

15  5.2 Überprüfen des Fortschrittes

16  6 Thomas – Geringe Sprachfähigkeiten

17  6.1 Akquisitionstraining

18  6.2 Herausforderndes Verhalten

19  6.3 Überprüfung des Fortschrittes

20  7 Aiden – Gute verbale Fähigkeiten

21  7.1 Trainingsprogramm

22  7.2 Herausforderndes Verhalten

23  7.3 Überprüfung des Fortschrittes

24  8 Generalisation

25  8.1 Motorische Fähigkeiten

26  8.2 Schulische Fähigkeiten

27  8.3 Soziale Fähigkeiten

28  9 Antwort auf kritische Einwände

29  Literatur

30  Anhang

1 Willkommen zum Präzisionslernen

»Als erstes lassen Sie mich zunächst betonen, dass der Präzisionsunterricht durch Kinder in sonderpädagogischen Klassen entstanden ist. Hätten die Kinder ihren Therapeuten nicht ihre Ideen und Bedürfnisse mitgeteilt, hätten wir Präzisionslernen nicht so gut und schnell entwickeln können.« (Ogden Lindsley)

Präzisionslernen (PL) verändert das Lernen von vielen Kindern durch die folgenden Grundsätze:

Das Zielverhalten muss genau bestimmt werden.

Das Kind weiß es am besten.

Beginne mit den Grundlagen und berücksichtige das Verhältnis der Komponenten zu ihren Endzielen.

Zeichne den Lernfortschritt auf und analysiere ihn.

Flüssiges Verhalten ist gekonntes Verhalten.

Der Vater des Präzisionslernens, Ogden Lindsley, und sein Team haben innerhalb der Verhaltensanalyse eine Methode entwickelt, die später die Pädagogik und andere Disziplinen beeinflusst hat. Sie betonten, dass PL im Wesentlichen ein Messsystem ist und keine Lernmethode (Lindsely, 1971). Lindsleys hatte die Idee, dass dieses System nicht nur im Schulunterricht, sondern auch in der Sprachtherapie oder der Krankenpflege eingesetzt werden könnte. In diesem Fall würde es dann nicht um PL allgemein gehen, sondern um Präzisionslernen in der Sprachförderung oder Präzisionslernen im Bereich der Krankenpflege. Mittlerweile ist Präzisionslernen tatsächlich ein integrierter Teil auch von Disziplinen geworden, die nicht akademisch sind. So wird PL beim Tanz, beim Sport, bei der Autismusbehandlung und beim Üben alltäglicher Fähigkeiten eingesetzt, um die jeweiligen Leistungen zu verbessern (s. Videos unter www.theDailyBA.com).

Die verschiedenen Anwendungen des Präzisionslernens sind auch in der Förderung von Betroffenen mit Autismus zu beobachten. Da es sich bei PL um ein Messsystem handelt, kann es bei verschiedenen Kindern eingesetzt werden. So können ältere Kinder mit vielen Fähigkeiten, die an schulischen Aufgaben arbeiten, ebenso davon profitieren wie diejenigen, die jünger sind, noch keine Arbeitshaltung oder nur geringe Sprachfähigkeiten haben. Auch können Kinder, die schwerwiegende Verhaltensprobleme haben, wie Aggression oder hochfrequente Stereotypien, ihr Verhalten durch PL verbessern. Auch Eltern und Therapeuten können von dieser Methode profitieren. So können Therapeuten Ziele des Elterntrainings genau erfassen und Fortschritte kontrollieren. Da es sich um das Messen und die Analyse von Lerndaten in Echtzeit handelt, stellt PL ein sehr sensibles Werkzeug dar, das alle menschlichen Verhaltenshäufigkeiten umfasst. Daher schließt der Ansatz weder bestimmte Personen noch bestimmte Verhaltensziele aus.

Man muss berücksichtigen, dass die klassische Anwendung von PL frei von Inhalten ist und Lernziele nach verschiedenen etablierten Curricula festgelegt werden (Kerr, Smyth & McDowell, 2010). Das ist besonders für Kinder mit Autismus wichtig, denn für diese Kinder gibt es bereits zahlreiche Erfassungsinstrumente und Curricula, die auf die Entwicklung früher Sprache und beginnender Selbstversorgung beruhen. Dabei wird der festgelegte Lehrplan zum Teil an das betreffende Individuum angepasst. Es ist Ziel dieses Buchs, Beispiele für verschiedene zentrale Strategien von PL darzustellen, z. B. freies operantes Verhalten, Lernschritte oder Zeiteinheiten. Diese werden in den folgenden Kapiteln vorgestellt, sodass Sie darauf aufbauend Ihre eigenen Lehrpläne erstellen oder bestehende Pläne bearbeiten können.

Um PL angemessen anzuwenden, muss man zunächst die Standard Celeration Chart (SBD – Standardisierte logarithmische Lernkurve) kennenlernen. Diese wird im Anhang ausführlicher beschrieben ( Anhang). Die SBD stellt die Basis für datenbasierte Entscheidungen dar, die für jedes Kind verbindlich sind. PL geht jedoch über einfache Diagramme hinaus. Zu den wichtigen Merkmalen von PL gehört das Definieren und Messen flüssiger/gekonnter Leistungen ( Kap. 2), das Ausführen von kurzen Übungsintervallen ( Kap. 3), das Messen des Lernfortschritts ( Anhang), das Festlegen eines bestimmten Lernschritts (sog. »pinpointing«) und die Analyse von Komponenten/Endzielen ( Kap. 4). Ich betrachte es als meine Aufgabe als Autorin, Wissenschaftlerin und Pädagogin, Ihnen nicht nur Beispiele zu geben, wie PL bei Personen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) wirksam sein kann, sondern auch die zentralen Merkmale von PL darzustellen, welche diese Methode für jede Population hilfreich macht.

Hinweise für den Leser:

*Sie werden Bilder meiner Familie sehen, meines Mannes Ethan (der auch ein Präzisions-Therapeut ist) und meiner Kinder Kaelin, Drazen und Micha, denen ich sehr dankbar bin, dass sie diese Interventionen demonstrieren. Das Behavior Analyst Certification Board (BACB) fordert Praktiker nachdrücklich auf, das Bild ihrer Klienten nicht für persönliche Zwecke zu nutzen, und deshalb habe ich mich entschieden, Bilder meiner Familie für dieses Buch zu verwenden. Ich hoffe, dass diese Bilder helfen, Klarheit bei einigen Methoden zu bringen, die ansonsten verwirrend oder zu technisch sein können.

**Kliniker können Precision Teaching zusätzlich zu anderen Methoden einsetzen (z. B. Videofeedback, Token-Ökonomie und andere derartige Techniken). Es ist selbstverständlich, dass der Klient immer mit Würde und Respekt behandelt werden sollte und dass die Zustimmung zur therapeutischen Intervention – sofern möglich – vom Klienten gegeben werden sollte.

2 Flüssiges Verhalten

Sowohl in der traditionellen Pädagogik als auch bei ABA-Programmen gelten »Prozent richtiger Antworten« als wichtigste Messeinheit. Therapeuten messen dabei, wie genau ein Individuum ein bestimmtes Zielverhalten zeigt. Allerdings ist es oft ein Problem, wenn der Schwerpunkt der Lernüberprüfung lediglich auf der Genauigkeit der Antworten liegt.

Stellen sie sich ein typisches Szenario vor: Zwei Schüler, Laura und Tim, sind in derselben Klasse. Beide schreiben ihren wöchentlichen Mathe-Test und bekommen 100 %. Allerdings war Laura schon nach 15 Minuten fertig und Tim brauchte die komplette Stunde. Hier besteht also ein offensichtlicher Unterschied zwischen beiden Testleistungen, die nicht allein durch »Prozent richtiger Antworten« bewertet werden können. Der Lehrer hat sicher auch diesen Unterschied zwischen den Schülern bemerkt; wenn er jedoch am Ende des Schuljahres ihre Noten durchsieht, wird er nur feststellen, dass sie 100 % richtig geantwortet haben. Das allerdings verdeckt jeden tatsächlich beobachteten Unterschied.

Dieses einfache Beispiel kann man auch auf verschiedene ABA-Ansätze und Kinder mit Autismus anwenden, sei es das Einfügen von Formen in Aussparungen, das Zuordnen von Farben, das Verbinden von Punkten zu Zahlen, das Benennen von Abbildungen, das Lesen oder auch Aufgaben aus dem Bereich der Selbstversorgung.

Stellen sie sich vor, wie ein Kind Zahnpasta auf eine Zahnbürste drückt. In einem Fall sieht die Handlung mühsam aus. Hier dauert es 30 Sekunden, bis die richtige Menge Paste herausgedrückt ist, ohne dass sie in das Spülbecken kleckert. Man kann sich sogar vorstellen, wie die kleine Hand zittert, die Zahnbürste hält und sie an die Augen hebt, um genau festzustellen, wohin sie auf die Zahnbürste gehört. Eventuell drückt das Kind auch ein wenig Zahnpasta heraus, was aber schnell in die Tube zurück gesaugt wird.

Hierbei handelt es sich keineswegs um flüssiges Zähneputzen. Wenn allerdings das Kind dem Gegenüber innerhalb von drei aufeinander folgenden Sitzungen die Zahnpasta zu 100 % ohne kleckern und mit der richtigen Menge auf die Zahnbürste aufträgt, könnte die Fertigkeit als gemeistert beurteilt werden. Dieses automatische Verhalten entspricht dem Kriterium des Könnens in ABA-Therapien (Richling & Williams, 2017).

Das typische Zähneputzen erfolgt schnell und ohne viel darüber nachzudenken. Wahrscheinlich schaut man, wenn man hierin kompetent ist, nicht einmal auf die Zahnpastatube oder die Zahnbürste, sondern sieht in den Spiegel oder unterhält sich mit einer anderen Person. Wenn das Verhalten automatisch und mühelos erfolgt, wird es als flüssig angesehen.

Das wichtigste Ziel beim Präzisionslernen ist die flüssige Durchführung von Verhaltensweisen (Binder, 1996). Wenn ich bei meinen Vortragsreisen über das Konzept »Flüssigkeit« rede, zeige ich verschiedene Video-Clips von Schülern, die unterschiedliche Verhaltensweisen lernen. In fast jedem Fall können die Zuhörer das flüssige Verhalten deutlich von dem nicht flüssigen Verhalten unterscheiden, denn es ist oft visuell und akustisch klar erkennbar.


Abb. 2.1: Bereits mit 3 Jahren hat Kailin Spaß daran, in kurzer Zeit so viele Punkte wie durch Zahlen vorgegeben in die Kreise zu malen.

Da PL eine wissenschaftliche Grundlage hat, reicht eine visuelle Inspektion der Lerndaten nicht aus, sondern wir brauchen objektive Berechnungen. Das Verhalten gilt erst als flüssig, wenn es verschiedenen Kriterien entspricht. Dazu gehören Stabilität, Generalisation, Ausdauer, Anwendung und Generativität (Generativität ist die Kombination von erworbenen Fähigkeiten, um ein unbekanntes Problem zu lösen) (Johnson & Street, 2013). Wenn die angestrebte Fähigkeit diesen Kriterien genügt, gilt sie als flüssig.

2.1 Ergebnisse flüssigen Verhaltens

Stabilität, oder wie man früher auch in Veröffentlichungen gesagt hat: »Merkfähigkeit« ist ein Ergebnis von Flüssigkeitsübungen. Es misst die Leistung in einem Zeitraum ohne Übungen oder Trainingseinheiten (Johnson & Street, 2013). Damit ein Verhalten stabil ist, zeigt der Lernende auch bei späteren Tests ein ähnliches Leistungsniveau wie am Ende des ursprünglichen Trainings.

Ein klassisches Beispiel für stabile Fähigkeiten sind Tests nach den Sommerferien. Die Schüler üben möglicherweise ihre mathematischen Fähigkeiten nicht während der Ferien, werden jedoch zu Beginn des neuen Schuljahres erneut darin getestet. Wenn sie ein ähnliches Leistungsniveau haben wie vor Beginn der Ferien, so gilt die Fähigkeit als stabil.

Ein weiteres Ergebnis flüssigen Lernens ist die Ausdauer. Ähnlich wie die körperliche Leistung bei einem Sportler wird bei Lernenden auf ausdauernde schulische Fähigkeiten abgezielt. Beim PL müssen dabei Fähigkeiten über einen längeren Zeitraum mit den gleichen Leistungsniveaus gezeigt werden wie beim ursprünglichen Training (Binder, 1996). In der Regel wird ein Ausdauer-Training 4x so lang durchgeführt wie das Übungsintervall. Wenn also ein Schüler 30 Sekunden lang Buchstaben vorliest, würde seine Fähigkeit durch Ausdauertraining zwei Minuten lang überprüft.

Tatsächlich gibt es eine Menge natürlicher »Ausdauertests« im Leben eines Schülers. Diese Tests dauern in der Regel sehr viel länger als die Übungssituation. Wenn man zum Beispiel in der Übungssituation lernt, sich bei einem Gespräch abzuwechseln, kann ein Gespräch mit einer anderen Person als dem Therapeuten als Beweis für eine anhaltende, generalisierte Fähigkeit gelten. Man kann das mit Läufern vergleichen, die an Ausdauertests teilnehmen: Sie trainieren nicht für einen Marathon, indem sie die volle Marathonstrecke laufen. Stattdessen trainieren sie, indem sie kürzere Strecken laufen und sich so auf den Langstreckenlauf vorbereiten.

Gelerntes Verhalten muss auch bei Ablenkung und Schwankungen stabil sein. Wenn der Schüler eine Leistung auch bei Ablenkung auf einem ähnlichen Niveau wie beim ursprünglichen Training bewältigt, gilt das Verhalten als stabil (Johnson & Street, 2013). Auch hier gibt es im Alltag viele natürliche »Stabilitätstests«. Wenn zum Beispiel ein Elternteil durch den Raum geht und der Lernende dennoch aufmerksam bleibt, ist sein Verhalten stabil.

Das Verhalten eines Lernenden kann auch als stabil bezeichnet werden, wenn er seine Hausaufgaben schnell und präzise erledigt während der Fernseher läuft. Stabilität kann auch auf Grund einer geringen Variabilität der Daten erörtert werden.

Verhalten muss auch im Alltag angewandt werden können, wobei dieses Flüssigkeitskriterium weniger direkt ist als die oben erwähnten Kriterien. »Anwendung« gilt als eine Voraussetzung für die Bewältigung von höheren Fähigkeiten (Binder, 1996). So muss man zunächst den Namen »Melissa« aussprechen können, um dann auf die Frage »Wie heißt Du?« antworten zu können? Auch sollte man die Zahlen »zwei« und »vier« kennen, um »2+4« addieren zu können.

Geübtes Verhalten, wie »Melissa« zu sagen oder die Zahlen »2« und »4« zu kennen, generalisiert, wenn sich Verbesserungen im Alltag einstellen. Man kann das mit Schwimmern vergleichen, die ein Trittbrett verwenden, um verschiedene Tritte zu verstärken und ihr Schwimmen zu perfektionieren. Zum Trainieren des Oberkörpers wird ein Schaumstoffkeil zwischen die Beine geklemmt und man bewegt sich nur durch Armbewegung vorwärts. Ohne die sonst übliche Unterstützung durch die Beinbewegung werden die Arme gestärkt. Die zwei Komponenten – Arme und Beine – werden also vereinzelt trainiert, so dass sich die Zeit beim nächsten Wettkampf verbessert. Auch hier wird das Endziel des schnelleren Schwimmens durch gezieltes Training der einzelnen Komponenten verbessert.

Zum Schluss gilt »Generativität« als ultimatives Kriterium für flüssiges Verhalten. Wenn gelernte Fähigkeiten zum ersten Mal auf neuartige Weise kombiniert werden, wird von Generativität gesprochen (Johnson & Street, 2013). So lernen Kinder oft Farben und Formen durch entsprechende Spielsteine. Wenn nun das Kind eines Tages einen blauen Luftballon, der wie ein Stern aussieht, als »blauen Stern« benennt, ist Generativität eingetreten. Offensichtlich werden hier zwei zuvor gelernte Konzepte erstmals miteinander kombiniert und damit ein neuartiges Objekt – der blaue Sternballon – benannt. Jedes nachfolgende Auftreten der Bezeichnung »blauer Stern« stellt keine Generativität mehr dar.

2.2 Flüssiges Verhalten messen

Wenn obige Kriterien erfüllt sind, gilt eine Fähigkeit als flüssig oder gekonnt. Da allerdings fortlaufende Tests zeitaufwändig und logistisch schwierig sind, werden optimale Häufigkeitsziele festgelegt. Diese machen es wahrscheinlich, dass das Verhalten mühelos und automatisch auftritt. Wenn somit ein Lernender eine bestimmte Häufigkeit (Geschwindigkeit; Anzahl pro Zeit) exakt erreicht, kann man davon ausgehen, dass sein Verhalten flüssig ist (Binder, 1996). Man spricht dabei von »optimalen Häufigkeitszielen«, da jedes Individuum einzigartig ist und die Häufigkeitsziele1 daher an jeden einzelnen angepasst werden müssen (Haughton, 1972).

Es gibt zwei Möglichkeiten, Ziele zu bestimmen. Der erste und wissenschaftlichste Weg ist es, die Enddaten aller Schüler zu sammeln, die erfolgreich die Flüssigkeitstests bewältigt haben. Dies erfordert jedoch Zeit und Sorgfalt und hilft dem Lehrer nicht dabei, die Geschwindigkeit zu schätzen (z. B. ist das Ziel etwa 20 pro Minute oder 80 pro Minute?). Die zweite Methode, um optimale Flüssigkeitsziele zu bestimmen, ist die normative Auswahl kompetenter Lernender. Diese Methode wird häufiger bevorzugt, wenn zum ersten Mal ein Ziel trainiert wird, für das noch keine umfangreiche Datenbank mit Endleistungen erstellt wurde.

Um kompetente Lernende zu testen, sollte am besten eine Stichprobe derselben demografischen Gruppe genommen werden, mit der man arbeitet bzw. auf die man abzielt. Wenn beispielsweise mit einem dreijährigen Kind mit Autismus gearbeitet wird, können Leistungen von einem normal entwickelten Dreijährigen als Vergleich zugrunde gelegt werden.


Abb. 2.2: 15 Sekunden lang soll das Kind die Bären zu den richtigen Farben sortieren. Um eine Variation mit einzubringen, kann die Reihenfolge der Farben verändert werden oder die Position der Bären (z. B. alle in eine Richtung gucken lassen). Stellen Sie sicher, dass es in dem Beispiel genug Bären gibt, damit es für die vorgegebene Zeitdauer reicht.

Freies und eingeschränktes operantes Verhalten

Um flüssiges Verhalten zu messen, muss man frei operantes Verhalten beobachten. Dieses ist ein spontanes Verhalten, das nicht durch Umgebungsvariablen beeinflusst wird. Demgegenüber umfasst ein wesentlicher Teil der ABA-Therapie diskrete Lerndurchgänge, die als eingeschränkte Operanten gelten. Denn hier gibt es einen auslösenden Reiz (diskriminativer Stimulus), auf den eine Reaktion sowie anschließend eine Konsequenz folgt. Der vorangegangene Reiz schränkt ein, wann der Lernende die Reaktion ausführt. Erst nachdem eine weitere Anweisung erfolgt, können nachfolgende Reaktionen ausgeführt werden.

Ein Beispiel für ein frei operantes Verhalten ist das Benennen von Tieren. Hier führt der Satz: »Nenne mir alle Tiere, die Dir einfallen« dazu, dass der Lernende verschiedene Tiere für eine bestimmte Dauer frei aufzählt. Beispiel für einen eingeschränkten Operanten könnte die Aufforderung sein »Nenne mir ein Tier«, worauf der Lernende »Hund« sagt und daraufhin einen Verstärker bekommt (z. B. Lob/Token). Bei PL liegt der Schwerpunkt demgegenüber darauf, das Verhalten so wenig wie möglich einzuschränken, was zu stärkerer Flexibilität für den Lernenden führt: der selbständigen Darbietung und Imitation von Stimuli, flexiblen Antworten, die mit verschiedener Geschwindigkeit gegeben werden können (Lindsley, 1996).

Das »freieste« Programm zur Bewertung der Kategorisierung besteht darin, dass der Lernende die Objekte einer bestimmten Kategorie aufzählt. Diese Fähigkeit muss jedoch häufig zunächst durch Sortierungsübungen von Objekten nach Kategorien erlernt werden. Die Bilder von Kleidungsstücken können so entweder zum Benennen der Kleidungsstücke dienen oder sie können bei Vorgabe verschiedener Kategorienbilder in den Stapel mit der Kategorie »Kleidung« zugeordnet werden.


Abb. 2.3: Hier geht es um das Assoziieren zu bestimmten Kategorien wie Kleidung, Tiere oder Orte.

Zusammenfassung

Um die folgenden Kapitel zu verstehen, sind die obigen Ausführungen zentral:

Genauigkeit allein ist oft ein unzureichendes Maß, um eine Fähigkeit perfekt zu beherrschen.

Können wird durch die Flüssigkeit bei der Bewältigung der Aufgabe definiert: Hierbei geht es um Geschwindigkeit plus Genauigkeit.

Um die Flüssigkeit zu messen, müssen wir das freie operante Verhalten beobachten.

Die Leistung von einem freien-operanten Verhalten erfolgt im Rahmen von Zeitmessungen. Hierbei messen wir Häufigkeit und Genauigkeit.

1 Zur Vereinfachung werden wir »Häufigkeitsziele« im Folgenden nur noch als »Ziele« bezeichnen.

3 Eindruck vom Präzisionslernen: Die Zeitmessung
3.1 Definition und Ziel

Wenn man Präzisionslernen beobachtet, fällt einem vor allem die Zeitmessung auf. Hierbei geht es darum, dass das Kind ein vorgegebenes Verhalten für eine bestimmte Zeitdauer zeigt. In einer therapeutischen Sitzung wird die Zeitgebung als ein Zeitintervall bezeichnet, bei dem das Kind auf einen einzelnen Stimulus mit unterschiedlichen Antworten reagiert. Es kann sich dabei auch um eine Reaktion auf schnell präsentierte Stimuli handeln. Das Kind könnte z. B. innerhalb von 30 Sekunden auf alle Objekte im Raum zeigen, die mit dem Buchstaben »B« beginnen (Präsentation nach einer einzigen Aufforderung). Hierbei wird das richtige und falsche »Zeigen auf Objekte« in einem 30-Sekunden-Intervall gezählt. Bei einer multiplen Vorgabe werden Bilder verschiedener Objekte gezeigt, auf die das Kind mit »Ja« oder »Nein« antworten muss, je nachdem, ob das Bild mit dem Buchstaben »b« beginnt oder nicht. Auch dies kann für 30 Sekunden durchgeführt werden, wobei die Anzahl richtig und falsch bezeichneter Bilder gezählt wird.

Zeitmessungen sind wichtig, damit Therapeuten die Reaktionsgeschwindigkeit bestimmen können und nicht nur die Genauigkeit der Antwort. In der vorherigen Geschichte von Laura und Tim konnte der Therapeut nicht beweisen, dass Laura besser als Tim war, da nur die Richtigkeit der Antworten gemessen worden war. Wenn jedoch auch die Dauer der Testbewältigung bestimmt worden wäre, hätte sich daraus nicht nur ein objektiver Vergleich zwischen den beiden Lernenden ergeben, sondern dieser wäre auch anhand der Größe des Zeitunterschieds quantifizierbar gewesen. Wenn der Test zum Beispiel aus 20 Matheaufgaben bestand und Laura ihn innerhalb von 15 Minuten erledigt hat, bedeutet dies, dass sie 1,33 Aufgaben pro Minute zu 100 % richtig beantwortet hat. Tim brauchte demgegenüber eine Stunde, was einem Wert von 0,33 Aufgaben pro Minute bei ebenfalls 100 % richtigen Antworten entspricht. Der Therapeut kann bei dieser Messung beide Schüler nicht nur vergleichen, sondern anhand der Daten auch die Lernentwicklung des individuellen Schülers aufzeigen.

3.2 Beobachtung während einer Zeitangabe

Während einer Zeitmessung ist das Hauptziel des Beobachters, das Verhalten zu zählen. Häufig wird hierbei das Verhältnis von richtigen und falschen Antworten dargestellt. Eine richtige Reaktion könnte mit einer sanften Berührung gepaart werden. Während es wichtig ist, dass falsche Antworten verlernt werden, ist es auch wichtig, dass ein angemessenes Verhalten erlernt wird (Kubina & Yurich, 2012).

Für jede gemessene Fähigkeit, sei es während der »Therapie« oder in der natürlichen Situation, ist eine operationale Definition des Verhaltens erforderlich. Dies stellt sicher, dass alle Personen, die das Verhalten messen, konsistente und zuverlässige Daten liefern. Beim PL wird das Erstellen einer operativen Definition als »pinpointing« (Festlegen eines bestimmten Lernschritts) bezeichnet. Es gibt hierbei drei Komponenten: den Lernkanal, das, was gezählt wird, und den Kontext.

Der Lernkanal bezieht sich auf den Kanal, den das Kind für die Aufgabe einsetzt. Zum Beispiel ist Lesen eine Sehen-/Sagenaufgabe: Das Kind sieht ein Wort und spricht es dann laut aus. Ein Rechtschreibetest wiederum ist ein Hör-/Schreibaufgabe: Das Kind hört das Wort und schreibt es (s. Kubina & Yurich, 2012 für eine vollständige Tabelle der Lernkanäle). Hierbei wird das jeweilige Zielverhalten gezählt. Es ist dabei gleichgültig, ob es sich bei den gezählten Reaktionen um Tritte oder gelesene bzw. geschriebene Buchstaben handelt. Da singuläre Ereignisse gezählt werden, weiß der Beobachter, dass er jedes einzelne Verhalten oder jede einzelne Episode zählt. Zählt man zum Beispiel »treten«, werden nur die einzelnen Tritte oder eine Gruppe von Tritten gezählt? Wenn man die ganze Periode des Tretens zählen würde, würde man das als eine Tritt-Episode notieren. So verwendet man lieber das Substantiv »Tritte« und gibt an, um welche Beobachtungseinheit von »eins« es geht (Tritt oder Tritt-Episode), statt das Verb »treten« zu definieren. So wissen alle Beobachter genau was sie zählen sollen. Schließlich bietet der Kontext Genaueres in Bezug auf das Verhalten. Welche Art von Wörtern wurden gelesen (z. B. Wörter der 4. Klasse)?

Um das Verhalten weiter zu definieren müssen die folgenden Details beschrieben werden: Wo fanden die Tritte statt (z. B. in der Schule)? Welche Schwierigkeitsstufen wurden bei Matheaufgaben bewältigt (z. B. Multiplikationen mit 4)? Die genaue Beschreibung der Lernschritte wäre zum Beispiel, dass das Kind im Rahmen eines Programms zum »Sehen/Sagen« die Wortliste der 4. Klasse liest. Der Beobachter soll dabei jedes gelesene Wort aufzeichnen und es als richtig bzw. falsch einordnen. Die folgende Tabelle zeigt anhand von drei Beispielen die entsprechenden Lernschritte auf.

Tab. 3.1: Drei Lernkanäle und ihre verschiedenen Lernschritte.


LernkanalGezähltKontextStufe

Arten von Zeitmessung

Es gibt zwei Arten von Zeitmessungen: variable und festgelegte. Bei variablen Zeitangaben muss das Kind innerhalb einer bestimmten Zeitdauer alle Aufgaben bewältigen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Lesen einer Geschichte. Um Verständnisfragen zu beantworten, muss die gesamte Geschichte gelesen werden. Wenn die Geschichte 132 Wörter hat, würde man die Gesamtzeit messen, die zum Lesen der Geschichte benötigt wurde. Um die Geschwindigkeit zu verbessern, sollte sich die Gesamtzeit beim nachfolgenden Lesen der gleichen Geschichte verkürzen.

Eine festgelegte Zeitdauer liegt vor, wenn in einer bestimmten Beobachtungszeit eine große oder unbestimmte Anzahl von Antworten gegeben werden muss. Zum Beispiel würde man für das Benennen verschiedener Tiere wahrscheinlich eine feste Zeitdauer nehmen, da das Kind eine beträchtliche Anzahl von Tieren auflisten könnte. Das vorherige Beispiel für das Zeigen auf Items, die mit dem Buchstaben »B« beginnen, ist ebenfalls ein Beispiel, bei dem eine festgelegte Zeitdauer sinnvoll ist. Ein weiteres Szenario, das viele Therapeuten für die Messung von einer festen Zeitdauer verwenden, um eine bestimmte Anzahl von Zielen zu definieren, ist das Lesen von vier Buchstaben.

Bei dieser Aufgabe sind maximale Übungsmöglichkeiten innerhalb kurzer Zeit notwendig. Daher sollte das Kind innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens mehr als eine Antwort pro Buchstabe geben (zu unterschiedlichen Gelegenheiten innerhalb des Zeitrahmens). Zum Beispiel könnte das Kind die Laute von Buchstaben auf Karteikarten benennen. Hierbei könnte es fünf Karten pro Buchstaben geben, also insgesamt 20 Karten, wobei nur vier Buchstaben als Ziel ausgewählt werden. Dabei ist es wichtig, dass das Kind während der Trainingsphase genügend Karteikarten hat, auch wenn es zunehmend schneller reagiert.

Die Schritte für eine festgelegte Zeitmessung wären wie folgt:

1. Stellen Sie die Stoppuhr auf 15 Sekunden

2. Mischen Sie die Karteikarten und achten Sie darauf, dass sie einsatzbereit sind.

3. Setzen Sie ein Ziel, das das Kind erreichen muss, um den Verstärker zu bekommen.

4. Achten Sie darauf, dass der Lernbereich frei von Ablenkern ist.

5. Lassen Sie den Lernenden selbst anfangen, wenn er bereit ist, oder zählen Sie herunter (z. B »Auf die Plätze fertig, los!«). Die Wahl der Strategie hängt vom Lernenden ab.

6. Das Kind (oder auch der Therapeut) geht schnell durch die Karten. Das Kind versucht, in der vorgegebenen Zeit so viele Buchstaben zu benennen wie möglich.

7. Der Therapeut notiert Fehler und richtige Antworten.

8. Wenn die Zeit abgelaufen ist, hört das Kind auf und der Therapeut beendet seine Aufzeichnungen.

9. Der Therapeut verstärkt und gibt korrektives Feedback.

10. Der Therapeut überträgt die Daten in eine grafische Darstellung.

Die vorherigen Schritte würden mit den folgenden kleinen Anpassungen einer variablen Zeitdauer entsprechen.

Schritt 1: Die Stoppuhr sollte bei »0« anfangen und die Zeit zählt hoch, sobald auf Start gedrückt wird.

Schritt 8: Die Zeitmessung endet mit Ende des Kartenhaufens.

Festlegen der Zeitdauer

Die allgemeine Regel zum Bestimmen einer Zeitdauer besteht darin, genügend Übungsmöglichkeiten zuzulassen, aber gleichzeitig auch zu verhindern, dass das Kind erschöpft ist. Für ein Verhalten, bei dem das Ziel 100/Minute ist, kann eine Zeitdauer von einer Minute etwas zu lang sein, da das Kind ermüden kann.

Um dieses Phänomen zu testen, könnte man Vokale (a, e, i, o, u) 30 Sekunden lang schreiben lassen und gleichzeitig die entsprechenden Laute sprechen lassen. Dies kann in der gleichen oder einer Zufallsabfolge durchgeführt werden. Kann man hier beobachten, dass das Kind einen Sprachblock hat oder gegen Ende des Lernintervalls oberflächliche Fehler macht? Möchte es eventuell nach 20 Sekunden bereits aufhören? Was passiert, wenn man die Zeit auf eine Minute verdoppelt würde?

Ein häufiges Missverständnis beim PL ist, dass alle Zeitangaben in Intervallen von einer Minute durchgeführt werden. In den Anfängen von PL war dies eine gängige Praxis, da Forscher und Pädagogen die Praktiken zunächst entdeckten und verfeinerten. Dagegen hat sich im Laufe der Zeit gezeigt, dass ein festes Ein-Minuten-Timing wenig sinnvoll ist. In etablierten Schulen und Lernzentren wurde es mittlerweile durch flexiblere Zeitmessung ersetzt.

Ähnlich wie beim Benennen von Buchstaben scheinen auch hier 100 Übungsdurchgänge sinnvoll. Andererseits kann diese Intensität jedoch zu negativen Reaktionen des Lernenden führen, sofern diese Timings nicht in kurze »Sprints« (z. B. von 15 Sekunden) zerlegt werden (Hasbrouck, Milyko & Weil, 2013). Darüber hinaus zeigen die Daten, dass für Grundfertigkeiten ein 15-Sekunden-Timing immer noch flüssige Ergebnisse liefert, die mit der Leistung eines 1-Minuten-Timings vergleichbar sind (Kaelin, Rickard & Berens, 2007). Daher ist bei einigen grundlegenden Fähigkeiten mit einem höheren Ausdauerziel (z. B. 60+/Minute), eine Zeitdauer von 15 Sekunden durchaus angemessen.


Abb. 3.1: Dies ein weiteres Beispiel, neue Ziele auf verschiedene Weise anzugehen. Wenn ein Kind lernt, Buchstaben zu lautieren, ist es zunächst hilfreich, dass er sie vom Therapeuten imitiert (Wiederholung – Hören+Sehen/Sagen+zum Buchstaben zeigen). Bei späteren Zeitmessungen kann der Therapeut das Kind auffordern, den Buchstaben laut zu sagen und darauf zu zeigen (non-verbales Benennen – Hören/Zum Buchstaben zeigen). Anschließend kann mit der Programmcheckliste überprüft werden, ob das Endziel (selbstständig den Buchstaben sagen (Sehen/Buchstaben laut sagen) erreicht wurde.

Generell muss man beachten, dass die Zeitdauer individuell angepasst werden muss. Wenn das Kind wie im Beispiel oben Schwierigkeiten hat, Perlen auf eine Schnur zu fädeln und nur


Abb. 3.2: Das Aufziehen von Perlen auf Pfeifenputzer wird für die Verbesserung der Feinmotorik eingesetzt. Die Perlen werden dabei mit der dominanten Hand auf den Draht gesteckt und mit der anderen nach unten gezogen. Ein Knoten am Ende des Drahts sorgt dafür, dass die aufgezogenen Perlen nicht wieder herausfallen.

fünf Perlen in 15 Sekunden schafft, kann der Therapeut die Zeitdauer auf eine Minute erhöhen. Wenn dieser Lernende im Laufe der Übungen nun schneller und präziser wird, kann der Therapeut das Timing wieder auf 15 Sekunden reduzieren, da der Schüler wahrscheinlich bei einminütiger Übung an seine Grenzen bezüglich Müdigkeit und Ausdauer stößt. Umgekehrt kann das Kind mit einer kürzeren Zeitspanne beginnen und diese erhöht werden, wenn sein Leistungsvermögen in jedem Intervall das Frequenzziel erreicht. Wenn das Verhalten auf zunehmende Ausdauer abzielt, weil es eine komplexere Fähigkeit trainiert, ist diese systematische Verlängerung des Übungsintervalls sinnvoll.

Zum Beispiel ist Lesen eine Fähigkeit, die über einen längeren Zeitraum durchgeführt werden kann und sollte. Daher könnte speziell für junge Leser so ein Ausdauertraining erforderlich sein. Der Leser könnte eine Liste von Wörtern in 15 Sekunden lesen und so das Zielkriterium erreichen. Danach kann die Zeitdauer auf 30 Sekunden erhöht werden. Das Kind müsste dann 30 Sekunden lang das Flüssigkeitsziel erreichen, bis er eine längere Zeitdauer von einer Minute versuchen kann. Dieselbe Strategie könnte auf das Lesen von Paragrafen mit der kürzeren Zeitdauer von einer Minute angewandt werden. Auch hier kann die Zeit langsam auf 10 Minuten erhöht werden.

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Дата выхода на Литрес:
19 декабря 2025
Объем:
138 стр. 65 иллюстраций
ISBN:
9783170337749
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Bookwire
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