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Katrin Ulbrich

Das Auge

des Panthers

Ein Katzmann-Krimi

Kriminalroman

Jaron Verlag

Katrin Ulbrich wurde 1973 in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) geboren und studierte dort Mathematik und Ethik. Sie lebt als freiberufliche Autorin im Erzgebirge. Sie hat seit 2001 eine Vielzahl von Heftromanen verfasst und veröffentlicht seit 2008 auch regelmäßig Krimi-Kurzgeschichten.

Originalausgabe

1. Auflage 2012

© 2012 Jaron Verlag GmbH, Berlin

1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

ISBN 9783955520557

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ElF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

NACHWORT

Es geschah in Sachsen …

EINS

ZWEI VERMUMMTE GESTALTEN huschten durch den Garten. Hager und in zerrissenen Hosen der eine, ein Kerl wie ein Baum und mit einer Werkzeugtasche unter dem Arm der andere. Beide hielten die Köpfe gesenkt. Weder wollten sie gesehen werden, noch wollten sie sich unnötig dem heftigen Regen aussetzen, der auf sie niederprasselte.

Plötzlich blieb der Dürre mit seiner Jacke an einem Rosenbusch hängen. Er zuckte zusammen, als die Dornen durch den Stoff drangen und seine Haut ritzten. «Himmelarschundzwirn!», entfuhr es ihm.

Augenblicklich fuhr sein Begleiter herum. «Sei still, Pit!», zischte er mit gesenkter Stimme. «Oder willst du das ganze Viertel alarmieren?»

«Als ob bei diesem Wetter jemand draußen unterwegs wäre», brummelte der Gescholtene in breitem Sächsisch. «Es ist stockdunkel. Und es schüttet, als stünde die nächste Sintflut kurz bevor. Kein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, läuft in diesem Regen herum.»

«Gut für uns!», entgegnete sein Komplize.

Dem konnte Pit nichts entgegensetzen. Es war tatsächlich von Vorteil, wenn sie bei ihrem Vorhaben unbeobachtet blieben. Immerhin konnte es ihnen mehrere Jahre Unterkunft auf Staatskosten eintragen, wenn sie ertappt wurden. Bei diesem Gedanken wurde ihm flau zumute. Unwillkürlich zog er den Kopf noch ein wenig mehr ein und eilte weiter.

Vor ihnen schimmerten die weißen Mauern einer Jugendstilvilla durch die nächtliche Dunkelheit. Üppige Rhododendronbüsche säumten das Gelände und verwehrten Passanten draußen auf dem Gehweg jeden Blick in den Garten. Es war ein Kinderspiel gewesen, über den Zaun zu klettern und sich durch das dichte Grün zu schlagen.

«Warte mal, Bruno!», raunte Pit, als sie die Tür erreichten, die von der Terrasse ins Innere des Hauses führte.

«Was ist denn nun schon wieder?», grollte sein Begleiter.

«Sieh doch mal, die Tür ist nur angelehnt! Das ist ja fast schon eine Einladung. Bist du sicher, dass wir hier einsteigen wollen? Das kommt mir wie eine Falle vor.»

«Unsinn! Was denn für eine Falle? Diese Reichen sind doch einfach nur leichtsinnig.»

«Bist du sicher, dass niemand zu Hause ist?»

«Völlig sicher! Ich habe es schließlich zwei Tage lang ausbaldowert. Der Besitzer ist mit seiner Mieze heute Abend im Kino.»

«Im Kino? Ehrlich? Da war ich schon ewig nicht mehr. Viel zu teuer.» Pit seufzte sehnsüchtig. «Was läuft denn zurzeit?»

«Was weiß denn ich? Irgendein Film aus Amerika mit zwei komischen Gestalten, ‹Dick und Dürr› oder so ähnlich. Keine Ahnung, wer sich so einen Mist ansehen soll. Na, vermutlich wird man von denen nie wieder was hören.»

«Wer weiß, der Titel klingt doch eigentlich ganz witzig.»

«Das mag schon sein … Aber können wir endlich weitermachen?»

«Klar. Ich meine ja nur, ich wäre jetzt auch lieber woanders – in der Revue im Schauspielhaus zum Beispiel. Dort tritt eine Kleine auf, die hat endlos lange Beine. Und wenn sie in ihrem dünnen Flatterkleid tanzt, dann wippt und wogt alles an ihr.» Pit verdrehte schwärmerisch die Augen und deutete mit den Händen die Rundungen jener Tänzerin an.

«Konzentriere dich gefälligst!», herrschte ihn sein Komplize an. «Sonst kannst du in den nächsten zehn Jahren hinter schwedischen Gardinen von ihr träumen!»

«Schon gut», murrte Pit, «nun fahr mich doch nicht gleich an! Ist halt nicht jeder so ein Eisklotz wie du.» Er stieß die Terrassentür ein Stück weit auf. Das Innere der Villa lag in völliger Dunkelheit. Vorsichtig schlich Pit hinein, sein Begleiter folgte ihm auf dem Fuße. Ihre Augen hatten sich längst an die Dunkelheit gewöhnt, und so konnten sie die Umrisse von zahlreichen schweren Vasen, gerahmten Gemälden und silbernen Leuchtern mit verschnörkeltem Fuß ausmachen. Sie befanden sich in der Wohnstube.

«Sieh dir das an!» Bruno pfiff zwischen den Zähnen hindurch. «Nicht übel, was?»

«Unglaublich, was hier alles herumsteht! Das ist ja fast wie in einem Museum.»

«Wenn der Bruch gelingt, können wir uns auch solches Zeug leisten.»

«Was soll ich denn damit? Nein, ich werde von dem Geld mit meiner Guten verreisen. Sie liegt mir schon lange in den Ohren, dass wir nie zusammen in die Sächsische Schweiz fahren.»

«Du und die Weiber!», schnaufte sein Begleiter. «Sie werden dir dein Geld abnehmen, bevor du es auch nur zählen kannst. Aber mir kann es egal sein. Komm jetzt, wir müssen rauf in den ersten Stock. Dort muss der Tresor sein!»

Lautlos verließen die beiden Männer die Stube und eilten die geschwungene Treppe hinauf in die obere Etage. Hier erwartete die beiden Komplizen eine unliebsame Überraschung: Die Tür am Ende des Flurs stand offen – und es fiel Licht heraus!

Pit blieb so abrupt stehen, als wäre er gegen eine Mauer gelaufen. «Da ist jemand», keuchte er. «Nichts wie weg hier!»

«Nichts da!» Sein Partner packte ihn am Schlafittchen. «Der Besitzer hat sicherlich nur vergessen, das Licht auszuschalten. Wir hätten einen Rundgang ums Haus machen sollen, bevor wir eingestiegen sind. Dann hätten wir das Licht schon von draußen gesehen. Egal.»

«Egal?» Pit starrte seinen Begleiter ungläubig an. «Bist du wirklich so kaltschnäuzig? Hast du etwa vergessen, wem dieser Schuppen gehört? Dieser Bertram Steinert ist mir nicht geheuer. Er soll früher mal der Vermögensverwalter von irgendeinem hohen Tier gewesen sein. Alter Adel, glaube ich. Hat sich mit den Preziosen aus dem Staub gemacht und hier verkrochen.»

«Das sind doch alles nur Gerüchte.»

«Und wenn etwas Wahres dran ist? So ein Kerl fackelt nicht lange. Der hat bestimmt eine Waffe. Und wir haben nur das hier!» Pit packte seinen Knüppel fester.

«Nun mach dir nicht in die Hosen, wir haben es doch fast geschafft. Wir sind drin und kurz vor dem prall gefüllten Tresor. Wir kehren jetzt auf keinen Fall um!»

«Ich will aber nicht mit einer Kugel im Bauch enden.»

«Hör bloß auf! Wir gehen rein und sind im Nu wieder weg. Ein Kinderspiel! In der Zeitung war diese Woche ein Artikel über die vermögendsten Männer von Chemnitz, und der hier stand auf Platz zwei in der Rangliste. Hier sind wir richtig, glaub mir.»

«Und wenn er doch zu Hause ist?»

«Ist er nicht!», sagte Bruno bestimmt.

«Woher weißt du eigentlich, wo der Tresor ist?»

«Vom Hausmädchen. Ein paar Pralinen und Komplimente, und sie hat gesungen wie ein Vögelchen.» Bruno grinste breit.

In diesem Augenblick drang von draußen der hohle Ruf eines Käuzchens herein. Pit zuckte zusammen.

«Was ist denn nun schon wieder?», brummte sein Komplize.

«Hast du das nicht gehört? Käuzchen bedeuten Unglück. Das ist bestimmt ein böses Omen. Wir sollten hier auf der Stelle verschwinden!»

«Ich schlag dir dein böses Omen gleich um die Ohren!», zischte Bruno. «Und jetzt geh endlich in die verdammte Schlafkammer, ehe wir hier noch Wurzeln schlagen!»

Zögernd schob sich Pit vorwärts. Auf Zehenspitzen und jedes Geräusch vermeidend. Unter seinen Füßen knarrte eine Diele.

Erschrocken blieb er stehen, aber im Haus blieb alles still. Offenbar hatte das Geräusch niemanden alarmiert. Er machte sich selbst Mut und ignorierte das mulmige Gefühl in seinem Magen. Schließlich machte er den Hals lang und spähte ins Schlafzimmer.

Neben dem breiten Bett aus Mahagoniholz stand ein Herrendiener mit einem achtlos übergeworfenen Morgenmantel aus nachtblauer Seide. Eine Schachtel Zigarren lag auf der Frisierkommode. Das Fenster stand einen Spaltbreit offen. Der Wind blähte den Vorhang auf. Eine Petroleumlampe brannte auf der Kommode. Der Messingspiegel reflektierte das Licht und roch noch nach dem Sidol, mit dem er geputzt worden war. Außerdem hing ein seltsamer metallischer Geruch in der Luft. Woran erinnerte er ihn nur? Während Pit noch darüber grübelte, fiel sein Blick auf eine nackte Gestalt, die ausgebreitet neben dem Bett lag.

Es war ein Mann mittleren Alters, mit graumelierten Haaren und einer knochigen Statur. Sein Gesicht wurde von einer Hakennase und einem buschigen Schnauzbart dominiert. Das Auffälligste an ihm aber war der Kaminhaken, der mitten aus seiner Brust ragte. Eine rote Lache hatte sich unter ihm ausgebreitet und war in das weiße Schaffell gesickert.

«O lieber Herr, gib mir Kraft!», murmelte Pit und taumelte zurück.

«Was …», setzte sein Begleiter an, verstummte aber jäh, als er dessen Blick folgte. «Verdammt, das ist der Kerl, dem die Villa gehört! Anscheinend ist uns jemand zuvorgekommen.»

«Wir müssen hier sofort weg, Bruno!»

«Nicht ohne die Beute! Wo wir schon so weit gekommen sind …» Bruno stockte. In die gegenüberliegende Wand war ein Tresor eingelassen. Dessen Tür stand sperrangelweit offen. Das Innere war leer. «Das gibt es doch nicht!»

«Wir können unser Pech später verwünschen», drängte Pit.

«Jetzt müssen wir erst mal sehen, dass wir Land gewinnen.» Er hatte kaum ausgesprochen, als draußen eine Sirene aufheulte. Ein Blick hinaus ließ ihn aufkeuchen. «Die Polizei ist da! Was machen wir denn jetzt? Wenn sie uns hier bei der Leiche finden, sind wir geliefert!»

ZWEI

AN DIESEM ABEND ging es in der Redaktion der Leipziger Volkszeitung zu wie in einem Bienenstock. Die Redakteure arbeiteten mit Hochdruck daran, die nächste Ausgabe fertigzustellen. Es wurde getippt, gegrübelt und geflucht. Volontäre hasteten zwischen den Schreibtischen herum, sammelten fertige Texte ein und brachten sie in die Setzerei, während von draußen der Regen gegen die Fenster des Verlagsgebäudes trommelte.

Die Leipziger Volkszeitung war 1894 gegründet worden und lieferte seitdem tagtäglich die neuesten Nachrichten. Die Redaktion war zusammen mit der Setzerei und der Druckerei unter einem Dach in der Tauchaer Straße vereint.

Konrad Katzmann rauchte der Kopf. Der Reporter war seit dem frühen Morgen auf den Beinen. Er hatte drei verschiedene Artikel geschrieben, redigiert und sich obendrein mit einem Leser herumgeschlagen, dem sein Beitrag zum Zeppelinflug nicht ausführlich genug gewesen war.

Angefangen hatte er bei der LVZ als Dresdenkorrespondent. Inzwischen war er festangestellter Reporter und ging in seinem Beruf auf. Er liebte es nachzuforschen, zu berichten und seine Erkenntnisse niederzuschreiben.

Mit seinen einsachtzig war er großgewachsen und drahtig. Hinter seiner runden Brille blitzte ein Paar eisvogelblauer Augen. Seine dichten Haare waren seitlich gescheitelt, weil er fand, dass ihm das besser stand als der vor einigen Jahren in Mode gekommene Mittelscheitel. Er ging nie ohne einen Notizblock und einen Bleistift aus dem Haus. Und sein bester Freund war ein kleiner, in die Jahre gekommener Terrier, der bei seiner Schwester Lotte in einem Haus am Rande von Leipzig lebte, wo er viel Auslauf im Grünen hatte.

Konrad Katzmann wollte gerade Feierabend machen, als Eugen Leistner, der Chefredakteur der LVZ , vor seinem Schreibtisch auftauchte. «Ich brauche einen Kommentar zum Briand-Kellog-Pakt, Genosse Konrad!»

«Jetzt noch?»

«Aber nein, in vier Wochen reicht es völlig. Unsere Leser sind ja bekannt für ihre Geduld … Nein, natürlich jetzt noch! Ich brauche ihn für die Abendausgabe. Wir haben ein Loch, weil dieser verflixte Kulturredakteur nicht rechtzeitig geliefert hat.»

Katzmann griff zum Notizblock, während er in Gedanken bereits einen Aufhänger für den Kommentar suchte. An seinen Feierabend war vorerst nicht zu denken.

In den vergangenen Monaten war der Briand-Kellog-Vertrag fast täglich ein zentrales Thema in der Zeitung gewesen. Es handelte sich um einen Kriegsächtungspakt, der nach langem Hin und Her vor wenigen Wochen in Paris unterzeichnet worden war. Darin verpflichteten sich die teilnehmenden Staaten, den Krieg niemals zum Werkzeug ihrer Politik zu machen, sondern Streitigkeiten friedlich zu lösen. Angriffskriege waren damit ausgeschlossen. Der Vertrag ließ nur die Möglichkeit zur Selbstverteidigung offen. Neben den USA, Australien und acht weiteren Staaten gehörte auch das Deutsche Reich zu den Unterzeichnern.

«Halte nicht mit deiner Meinung hinter dem Berg, Genosse Konrad», verlangte Leistner und krempelte die Ärmel seines Hemdes hoch. «Dieser Pakt ist viel mehr als nur ein Mittel gegen den Krieg. Er ist eine Taktik!»

«Aber in erster Linie soll damit der Frieden zwischen den Völkern gesichert werden.»

«Eben nicht! Nach dem Weltkrieg ist das Deutsche Reich gerade dabei, erneut zu erstarken. Es ist auf dem besten Weg, wieder eine Vormachtstellung in Europa einzunehmen, und das ist so manchem ausländischen Staatsmann ein Dorn im Auge. Was glaubst du denn, warum sich der französische Außenminister Briand um diesen Vertrag bemüht hat? Er will durch einen völkerrechtlichen Vertrag mit den USA die Machtposition seines Landes stärken. Es geht ihm weniger darum, den Krieg zu ächten, als vielmehr darum, seinem Land in Europa eine stärkere Stimme zu verschaffen.»

«Das glaube ich nicht», wandte Katzmann ein. «Dieser Vertrag wird seinen Teil dazu beitragen, den Frieden auf der Welt zu sichern. Das sollten wir nicht vergessen.»

«Aber das will kein Mensch mehr lesen! Schreib mir einen Artikel mit Biss, sonst muss ich dich wohl ab morgen die Todesanzeigen bearbeiten lassen …»

«Aber die Gefahr eines Krieges ist das zentrale Thema des Vertrags. Ich bezweifle, dass bloßes Taktieren dahintersteckt.» Katzmann blieb ruhig. «Ein weiterer Krieg muss unbedingt verhindert werden.»

«Große Worte von einem Mann, der nie an der Front war. Du weißt doch gar nicht, wovon du redest, Genosse Katzmann.»

Der Reporter biss die Zähne zusammen. Leistner schien heute besonders angriffslustig zu sein. Und er hatte einen wunden Punkt getroffen: Denn Katzmann war bereit gewesen, im Krieg von 1914 seinen Beitrag zu leisten, aber er war ausgemustert worden. Mit seinem Asthma hatte man ihm den Dienst verwehrt. Seine Mutter hatte das als Glücksfall betrachtet. Sie war froh gewesen, dass Katzmann nicht ins Feld geschickt wurde. Für seinen Vater indes war es eine Schmach: Er schämte sich immer noch dafür, dass sein Sohn nicht für sein Vaterland gekämpft hatte.

Katzmann hielt eine herbe Erwiderung zurück und antwortete Leistner nur: «Du kennst meine Ansicht. Und etwas anderes werde ich auch nicht schreiben.»

«Also schön, wie du willst. Aber mach ein bisschen flott! In einer halben Stunde brauche ich den Kommentar auf meinem Schreibtisch.» Damit wandte sich Leistner um und kehrte in sein Bureau zurück, das nur durch eine Glasscheibe von den übrigen Redakteursplätzen getrennt war. So konnten nun alle sehen, wie er sich an seinen Schreibtisch setzte und auf seiner Schreibmaschine herumhackte.

«Der ist heute aber gut gelaunt», murmelte Rolf Hofer. Der Sportredakteur hatte seinen Schreibtisch neben dem von Katzmann stehen und ein gutmütiges Grinsen im Gesicht.

Katzmann winkte ab.

«Mit seinem hohen Blutdruck ist er viel zu schnell auf hundertachtzig. Wäre kein Wunder, wenn er mal einen Herzkasper bekäme.» Sein Kollege angelte sich einen Apfel aus seiner Schreibtischschublade und polierte ihn an seinem Hemdsärmel. Dann runzelte er plötzlich die Stirn. «Oh, ich glaube, da ist noch mehr Ärger im Anmarsch!»

«Wie meinst du das?»

«Sieh doch mal zur Tür», gab Rolf ihm einen unauffälligen Wink. «Hast du vielleicht den Geburtstag deiner Freundin vergessen?»

«Nein, wieso?»

«Weil sie gar nicht glücklich aussieht. Wenn Blicke töten könnten, hätten wir im Handumdrehen die Polizei im Haus.»

Konrad Katzmann wandte sich verwundert um und stutzte. Eine bildhübsche junge Frau in einem Regenmantel kam gerade herein. Auf ihrem braunen Bubikopf saß eine Kappe aus Samt, die mit einer Stoffblüte geschmückt war. Ihr blasses Gesicht wurde von leuchtenden grünen Augen dominiert. Als ihr Blick auf ihn fiel, schürzte sie missbilligend die roten Lippen.

Katzmann ahnte nichts Gutes. «Frieda, was machst du denn hier?»

«Was ich hier mache?», echote sie. «Sag bloß, du hast es vergessen!»

«Was denn?»

«Also hast du es vergessen!» Sie seufzte leise. «Ich sollte wohl froh sein, dass du überhaupt noch weißt, wer ich bin …»

«Was habe ich denn verbrochen?»

«Du wolltest mich heute zum Polterabend meiner Freundin Hedwig begleiten.»

Die Besucherin stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihn an. Dabei sah sie so reizend aus, dass Katzmann sie am liebsten in den Arm genommen und geküsst hätte. Doch das ließ er wohlweislich bleiben.

Frieda Schneider hatte als Näherin angefangen und einige Jahre als Assistentin des Künstlerischen Leiters in einem Leipziger Varietétheater gearbeitet. Nachdem das Theater vor zwei Jahren in mehrere Mordfälle verwickelt worden war, hatte sie kurzerhand gekündigt und war in den Modesalon Gerstenberger gewechselt, eine der ersten Adressen von Leipzig, wenn es um Stil und Mode ging. Nach einigen Turbulenzen war sie seine Freundin geworden und gehörte nun seit über zwei Jahren zu seinem Leben. In letzter Zeit jedoch hatten sie sich kaum noch gesehen. Und das hatte auch seinen Grund: Er war ihr aus dem Weg gegangen.

«Polterabend?», fragte er irritiert. «Ist das schon heute?»

«Ja, natürlich! Hast du wirklich nicht mehr daran gedacht?»

«Das tut mir leid. Ich dachte, das wäre erst nächste Woche. Ich habe so viel Arbeit um die Ohren, dass ich den Termin verwechselt haben muss.»

«Kannst du dir nicht schnell noch freinehmen?»

«Das geht leider nicht. Nach Feierabend fahre ich gleich nach Chemnitz.»

«Was machst du denn in Chemnitz?»

«Ich besuche einen alten Schulkameraden. Max hat dort eine Bar und wünscht sich schon lange, dass ich mal ein paar Tage zu ihm komme. Wir wollen ins Erzgebirge fahren, ein bisschen wandern gehen und die Seele baumeln lassen.»

«Dann sehen wir uns ja tagelang nicht!»

«Ja, aber das wusstest du doch.»

«Eben nicht! Ich würde mich bestimmt daran erinnern, wenn du mir davon erzählt hättest. Du meidest mich, Konrad. Schon seit einer ganzen Weile. Glaubst du, ich merke das nicht? Warum suchst du immer Vorwände, um mich nicht sehen zu müssen? Hast du mich satt?»

«Aber nein, natürlich nicht!»

«Und warum kommst du dann nicht mehr bei mir vorbei? Ich erwarte wirklich keine teuren Geschenke, nur ab und zu einen Anruf, ein Telegramm – oder meinetwegen auch ein Rauchzeichen. Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder?» Frieda sprach leise, und ihr Blick verriet, wie verletzt sie war.

«Es tut mir wirklich leid», erwiderte Katzmann. «Hier geht es gerade wieder drunter und drüber. Ich komme selten vor Mitternacht aus der Redaktion. Und jetzt brauche ich wirklich ein paar Tage Erholung. Außerdem habe ich das verlängerte Wochenende schon fest mit Max ausgemacht.»

«Sag mal, ist das nicht der Hehler, der seine Geschäfte hinter einer Bar versteckt?»

«Er ist kein Hehler. Das behaupten nur böse Zungen.»

«Ich habe da so meine Zweifel. Schließlich heißt es nicht umsonst: Wo Rauch ist, ist auch Feuer.»

«Max ist schon in Ordnung. Und ich verspreche dir, nächstes Wochenende nehme ich mir viel Zeit für dich.»

«Wirklich?» Friedas Augen leuchteten.

«Versprochen!», erwiderte er.

«Na gut.» Lächelnd reckte sie ihr Gesicht in seine Richtung und bot ihm ihre roten Lippen zum Kuss an.

Da ließ sich Katzmann nicht zweimal bitten.

«Kannst du nicht noch bleiben und erst morgen früh fahren?», fragte sie schließlich atemlos. «Du wirst es sicher nicht bereuen, wenn du mich zum Polterabend begleitest.»

«Es geht wirklich nicht, Frieda. Max erwartet mich. Es tut mir leid, dass ich vergessen habe, es dir zu sagen.»

«Ist schon gut», gab Frieda etwas beleidigt zurück. «Ich frage mich nur, ob es immer so sein wird. Wenn wir einmal verheiratet sind, werde ich dich dann auch kaum sehen?»

«Ich weiß es nicht», gab Katzmann ehrlich zurück. «Noch sind wir ja nicht verheiratet.»

Im Hintergrund schlug sein Kollege die Hände über dem Kopf zusammen. Das war ein Fehler, besagte sein Augenrollen.

«Willst du mich überhaupt heiraten?», fragte Frieda mit einem Kratzen in der Stimme. «Oder wäre es dir lieber, es bliebe alles so, wie es ist?»

«Was ist denn daran verkehrt?»

«Einfach alles ist daran verkehrt! Wir müssen doch vorwärtskommen. Ich bin inzwischen 28 und hätte gern Kinder und eine eigene Familie. Aber das ist dir anscheinend völlig egal.»

«Nein, das ist mir nicht egal, aber ich kann diesen Schritt auch nicht überstürzen. Ich bin einfach noch nicht so weit, mich fürs ganze Leben zu binden.»

«Und warum nicht?»

«Ich weiß es nicht», erwiderte er. «Ich habe nur das Gefühl, wir würden beide etwas verpassen, wenn wir jetzt schon heiraten.»

«So.» Friedas Lippen waren plötzlich nur noch ein schmaler Strich. «Ich bin dir nicht genug. Das ist es, nicht wahr?» Frieda reckte das Kinn, aber ihre Unterlippe zitterte dabei.

Katzmann seufzte leise. Offenbar konnte er an diesem Tag nichts tun oder sagen, was sie nicht falsch auffasste. «Ich habe gerade eine Menge um die Ohren und keine Zeit, an so etwas wie das Heiraten zu denken. Versteh das doch bitte!»

«Natürlich verstehe ich das», erwiderte Frieda. Und zur Bekräftigung knallte sie im nächsten Moment die Tür hinter sich zu, dass die Wände nur so wackelten.

DREI

SEIT DER INDUSTRIELLEN REVOLUTION galt Chemnitz als bedeutende Industriestadt. Die Wanderer-Werke, der Maschinenbau und der hier gegründete Patentschutzverein hatten der Stadt zu Reichtum und Ansehen verholfen. Doch nach dem Weltkrieg waren zahlreiche Unternehmen zusammengebrochen, und viele Bürger hatten ihre Arbeit verloren. Not und Armut beherrschten das Stadtbild. Und so war aus der blühenden Arbeiterstadt ein verfallendes Ruß-Chamtz geworden.

Konrad Katzmann wärmte sich seine Hände am Kachelofen in der Wohnung seines Freundes. Dabei warf er einen Blick aus dem Fenster. Es regnete in Strömen.

Sein Weg hatte ihn zu Max Wachtler geführt. Seinem früheren Schulkameraden gehörte eine Bar in Chemnitz. Es hieß, dass es im Roten Fuchs ein Hinterzimmer gab, in dem sich die Chemnitzer Unterwelt traf. Für Katzmann war das jedoch nur ein Gerücht. Er wusste nur eines: dass er sich jederzeit auf Max verlassen konnte, wenn er in Chemnitz Unterstützung brauchte.

Als sie beide noch Kinder waren, hatte er seinen Freund einmal aus dem Wasser gezogen, als dieser sich zu weit aufs Eis gewagt hatte und eingebrochen war. Das hatte Max ihm nie vergessen.

Der Barbesitzer wohnte in einem Siedlungshaus an der Schloßteichstraße – nur einen Steinwurf von der Haubold’schen Maschinenfabrik entfernt. Seine Stube war ein Sammelsurium aus Emaille- und Steingutgeschirr, einem Kohleofen und einer Anrichte mit zwei Abwaschbecken. Der grob gescheuerte Holztisch bot ausreichend Platz für die beiden Männer.

Der Herbst machte seinem Namen an diesem Tag wirklich alle Ehre. Ein wolkenverhangener Himmel wölbte sich über der Stadt. Es regnete so heftig, dass die Straßenabläufe der Wassermassen kaum noch Herr wurden. Einige Straßen waren bereits überschwemmt, und es war nur noch eine Frage von Stunden, bis die Chemnitz über ihre Ufer treten würde. Ein bitterkalter Wind pfiff um die Hausecken und rüttelte an den Fenstern.

Der Wasserkessel auf der Herdplatte gab ein schrilles Pfeifen von sich. Max angelte ein Geschirrtuch vom Halter und goss das Wasser in zwei Becher mit Kräutertee. Einen davon stellte er seinem Besucher hin.

Katzmann drehte den Becher zwischen den Händen hin und her und genoss die angenehme Wärme. «Erzähl mal, was gibt es Neues bei dir?», forderte er seinen Freund auf.

«Ach, nicht viel. Ich arbeite, schlafe, und dann arbeite ich wieder. Du kennst das ja. Außerdem suche ich gerade nach einem Kraftwagen. Es wird höchste Zeit, dass ich mobil werde.»

«In der Tat. Ich könnte mir ein Leben ohne meine NSU gar nicht mehr vorstellen.»

«Du und dein Motorrad – zwei echte Frauenfänger!» Der Freund zwinkerte ihm zu.

Katzmann winkte ab. «Und in der Stadt? Irgendwelche bemerkenswerten neuen Geschichten?»

«O ja, die gibt es tatsächlich! Die Polizei hat zwei Kleinkriminelle verhaftet. Sie wurden auf frischer Tat ertappt, wie sie in die Villa vom alten Steinert eingebrochen sind. Böser Fehler, wenn du mich fragst. Sie haben ihn ausgeraubt und umgebracht. Drüben am Zeisigwald. Kurios ist nur, dass ihre Beute spurlos verschwunden ist. Als die Polizei ankam, waren die beiden Ganoven noch da, aber die Wertsachen nicht.»

«Das gibt es doch nicht!»

«Das hat die Polizei auch gedacht.»

«Vielleicht haben sie die Beute irgendwo versteckt?», mutmaßte Katzmann.

«Keine Ahnung. Sie behaupten, jemand sei ihnen zuvorgekommen und habe den Steinert umgebracht. Aber mal ehrlich: Wie wahrscheinlich ist es, dass in eine Villa am selben Abend gleich zweimal eingebrochen wird?»

«Das wäre wirklich ein großer Zufall.»

«Eben! Die Polizei hält die beiden für Serientäter.»

Katzmann horchte auf. «Soll das heißen, sie haben noch mehr Einbrüche auf dem Gewissen?»

«Möglich wäre es. Natürlich streiten sie es ab. Sicher ist aber, dass in den vergangenen Monaten öfter als sonst eingebrochen wurde. Dabei sind die Kerle nicht nur in Mietswohnungen für ein paar lumpige Scheine eingestiegen, sondern haben richtig fette Beute gemacht.»

«Davon habe ich gehört. Die Einbrüche ziehen sich durch ganz Sachsen und tragen immer dieselbe Handschrift, nicht wahr?»

«Ganz genau. Die Einbrecher haben alles ziemlich raffiniert ausgeklügelt. Bisher waren sie der Polizei immer zwei Schritte voraus.»

«Das klingt aber nicht nach zwei Kleinkriminellen.»

«Dazu darfst du mich nicht fragen.» Max zuckte die Schultern. «Die Polizei wird schon dahinterkommen. Angeblich sind sie nur in Villen eingebrochen, deren Besitzer gerade ausgegangen waren. Ins Kino oder ins Konzert. Schnell hin und schnell wieder weg, das war ihre Methode. Diesmal gab es allerdings ein Opfer.»

Katzmann nippte an seinem Tee. «Vielleicht hat der Hauseigentümer sie überrascht. Es kann doch sein, dass er geplant hatte auszugehen, es sich aber im letzten Moment noch anders überlegt hat.»

«Gut möglich. Bis jetzt tappt die Polizei noch ziemlich im Dunkeln. Die Kerle haben in mindestens sechs Städten zugeschlagen. Und weißt du, was merkwürdig ist?»

«Was denn?»

«Es gab in jeder einzelnen Stadt ungefähr eine Woche lang jeden Abend einen Einbruch. Und dann war die nächste Stadt an der Reihe. Als hätte sich der Einbrecher in Luft aufgelöst, um woanders wiederaufzutauchen.»

«Und nun war Chemnitz dran?» Katzmann nahm seine Brille ab und rieb sich die Nasenflügel. «Wenn die beiden Kleinganoven die Wahrheit sagen, hat noch jemand anderes die Finger im Spiel. Der wurde noch nicht erwischt und könnte jederzeit wieder zuschlagen.»

«Ja, das kann schon sein.»

«Findest du das nicht beunruhigend?»

«Eigentlich nicht. Hast du etwa Angst, Konrad, dass dir jemand mein Sofa unter dem Hintern wegstiehlt, solange du bei mir bist?», neckte Max seinen alten Freund. «Keine Sorge! Wie ich schon sagte: Bis jetzt hatten die Einbrecher es immer auf gutbetuchte Zeitgenossen abgesehen. Zu mir verirren sie sich bestimmt nicht.»

«Dann bin ich ja beruhigt. In deiner Bruchbude würden sie wohl eher noch etwas dalassen», ging Katzmann auf den lockeren Ton seines früheren Schulfreundes ein. «Was gibt es denn sonst Neues bei dir, Max?»

«Ach, das Übliche. Hab viel zu tun mit meiner Bar.»

«Eine Frau in Sicht?»

«Jede Menge!» Sein Freund grinste jungenhaft. «Aber nur, wenn ich Drinks austeile. Und bei dir?»

«Ach, erinnere mich bloß nicht daran …»

«Oha, Frauenprobleme! Was ist denn los? Bei deinem Aussehen hast du doch bestimmt keine Probleme, ein Mädel herumzukriegen. Also nehme ich an, du musst eins loswerden …»

Katzmann schüttelte den Kopf. «So einfach ist das nicht.»

«Mensch, warum machst du es dir so schwer? Es gibt zahllose Möglichkeiten, sich aus der Schlinge zu ziehen. Such dir eine andere. Benimm dich so, dass sogar ein Neandertaler vor Scham im Boden versinken würde. Oder das Beste von allem: Schlag ihr vor, dass deine Eltern bei euch einziehen sollen.»

«Das würde nicht funktionieren. Sie mag meine Eltern.»

«Oh, das ist natürlich ein Problem.»

«Nein, ist es nicht. Ich will Frieda ja überhaupt nicht loswerden. Ich möchte sie nur noch nicht heiraten», erklärte Katzmann.

«Ah, jetzt kommen wir zum springenden Punkt. Du willst sie nicht heiraten, aber sie hat dich an der Angel, was?»

«So in etwa», räumte Katzmann ein. «Sie beschwert sich, dass ich zu wenig Zeit für sie habe.»

«So sind die Frauen eben! Kaum sind wir mal fünf Minuten woanders, glauben sie schon, wir würden sie verlassen. Du solltest dir das nicht so zu Herzen nehmen.»

«Nein, sie hat ja recht. Ich gehe ihr tatsächlich aus dem Weg.» Nachdenklich starrte der Reporter auf die Fensterscheibe und beobachtete, wie die Regentropfen daran herabrannen. «Frieda möchte unbedingt bald heiraten, und damit komme ich nicht klar. Ich mag keine Veränderungen, weißt du?»

«Wie lange seid ihr denn zusammen?»

«Seit zwei Jahren ungefähr.»

Der Barmann pfiff leise durch die Zähne. «Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Kein Wunder, dass das Mädel einen Schritt weitergehen will. Du wirst dich entscheiden müssen.»

«Danke, du bist mir eine große Hilfe. Noch mehr Druck ist genau das, was mir gefehlt hat.»

«Ich meine ja nur, dass du eine Wahl treffen solltest. Heirate sie, oder lass es. Tu, was immer du willst. Aber unternimm etwas. Es ist nicht anständig, sie am langen Arm verhungern zu lassen.»

Katzmann seufzte. «Das weiß ich, aber es läuft gerade alles gut zwischen uns. Warum sollen wir das jetzt zerstören? Eine Ehe ist ein enormer Schritt. Immerhin bindet man sich für das ganze Leben. Das sollte man nicht überstürzen. Warum muss man überhaupt heiraten?»

«Das darfst du mich nicht fragen. Ich war nie verheiratet und hab es auch nicht vor. Aber du solltest dir überlegen, warum deine Kleine dich unbedingt heiraten will.»

«Sie möchte Kinder. Und … na ja … seit ihre Freundinnen eine nach der anderen heiraten, redet sie von nichts anderem mehr. Ich träume nachts schon davon, dass sie mich betäubt und vor den Altar zerrt!»

«Verstehe … In so einem Fall hilft nur noch Alkohol. Möchtest du Whisky, Wodka oder lieber Rum?»

Katzmann zuckte die Schultern. «Wieso ‹oder›?»

«Ein echter Notfall also», konstatierte sein Freund und schüttete jeweils zwei Fingerbreit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit in zwei Gläser.

Es blieb nicht bei diesen beiden. Bis in die Nacht hinein saßen sie zusammen. Sie sprachen über Frauen, spekulierten über die Politik und tüftelten Theorien darüber aus, was die beiden verhafteten Kleinganoven auf dem Gewissen hatten und was nicht.

Als Katzmann am nächsten Morgen aufwachte, ging es ihm miserabel. Ihm brummte nicht nur der Schädel, in seinem Mund hatte sich auch ein bohrender Schmerz eingenistet. Ein Schluck Kaffee brachte ihm keine Erleichterung, sondern vergrößerte seine Pein nur noch. Es fühlte sich an, als würde jemand mit einem glühenden Span in seinem rechten Backenzahn herumwühlen. Damit kam er auf keinen Fall durch den Tag! Notgedrungen ließ er sich von seinem Freund einen Zahnarzt empfehlen. Dr. Febrich hatte seine Praxis ganz in der Nähe, Am Markt 17. Widerstrebend machte sich der Reporter auf den Weg.

Er hatte Glück und kam gleich als Erster an die Reihe. Aber als sein Blick auf den Tretbohrer fiel, hätte er am liebsten gleich wieder kehrtgemacht. Das Gestell erinnerte entfernt an ein Spinnrad, verfügte über ein Fußpedal und ein sich drehendes Rad. Allerdings baumelte am Ende kein Faden, sondern ein funkelnder Bohrer, der aussah, als könnte man damit problemlos auch Ziegelwände durchbohren.

«Setzen Sie sich!», ermunterte ihn der Mediziner. «Und jetzt machen Sie den Mund schön weit auf … Oh, ich sehe schon, wo das Problem ist. Sie haben da einen ziemlichen Krater. Lieber Himmel, sind Sie sicher, dass darin noch niemand verlorengegangen ist?»

«Ah», machte Katzmann. Mehr brachte er mit seinem weitgeöffneten Mund nicht heraus.

«Na schön, ich muss die Karies herausbohren, sonst wird es nur schlimmer. Wollen Sie die Behandlung mit Lachgas oder ohne?»

«Ah …»

«Also ohne. Ein gestandener Kerl wie Sie verträgt schon etwas, hab ich recht?» Damit griff der Zahnarzt zum Bohrer, stemmte sich ins Pedal und begann mit einer Prozedur, die dem Reporter den Schweiß auf die Stirn trieb.

Er krallte die Hände in die Armstützen, während der Arzt den Bohrer immer tiefer trieb – scheinbar bis in seine Eingeweide hinein. Es knirschte und kreischte, bis ihm sein Schädel zu platzen drohte. Er sank immer tiefer in das Polster des Zahnarztstuhls und glaubte schon, die Marter würde immer so weitergehen. Doch da hatte es endlich ein Ende, und er bekam etwas in den Zahn geschmiert, das seltsam metallisch schmeckte.

Wenig später richtete sich der Arzt auf und strahlte ihn an.

«Nun, das war doch gar nicht so schlimm, oder?»

«Ah», machte Katzmann schwach.

Wenig später wankte er aus der Praxis, erleichtert, die Tortur hinter sich gebracht zu haben. In seiner rechten Wange pulsierte der Schmerz, und seine Knie waren butterweich.

Plötzlich fiel sein Blick auf ein Plakat, das am Zaun gegenüber festgemacht war. Circus Rosario, stand da in großen bunten Lettern. Kommen Sie! Sehen Sie! Staunen Sie! Erleben Sie zwei Stunden, von denen Sie noch Ihren Enkeln erzählen werden!

Ein Zirkus gastierte also in der Stadt. Genauer gesagt auf dem Jahrmarktsplatz an der Planitzstraße. Wo ist das noch gleich?, grübelte der Reporter. Ach ja, hinten bei den Kasernen am Zeisigwald. Das war ein Stück von hier entfernt, aber nicht aus der Welt.

Vielleicht eine halbe Stunde zu Fuß. Und nach dieser schmerzhaften Prozedur wäre heute Abend ein wenig Entspannung genau das Richtige. Er beschloss, an diesem Abend den Zirkus aufzusuchen. Dabei ahnte er noch nicht, dass er dort vieles finden würde – nur keine Entspannung …

VIER

«MISTWETTER!» Missmutig vergrub Max Wachtler die Fäuste in den Taschen seiner Lederjacke. «Ich frage mich wirklich, was wir hier machen.»

«Wir schauen uns eine Vorstellung im Circus Rosario an.» Katzmann schob seinen Freund zwischen den Bankreihen hindurch zu zwei Logenplätzen. Er hatte die teuersten Karten gekauft, um sich für die Einladung nach Chemnitz zu bedanken. Allerdings war sein Freund alles andere als begeistert von der Aussicht, zwei Stunden im Zirkus zu verbringen.

«Ich habe keinen Sinn für solchen Unsinn», moserte er.

«Wann warst du denn das letzte Mal im Zirkus?»

«Noch nie.»

«Noch nie? Dann wird es aber höchste Zeit! Du weißt ja gar nicht, was dir entgeht. Es wird dir gefallen, versprochen. Oder machst du dir Sorgen um deine Bar?»

«Nein, die ist in guten Händen. Ich habe meine Angestellten sorgfältig ausgesucht, die kommen auch mal einen Abend ohne mich klar. Allerdings wäre ich jetzt lieber mit dir im Wald.»

«Ich auch, aber bei diesem Wetter können wir ohnehin nicht wandern gehen.»

«Das ist auch wieder wahr.» Max fuhr sich durch die Haare, die ihm regennass am Kopf klebten.

Gegen Abend war der Regen sogar noch stärker geworden. Im Innern des Zirkuszeltes spürte man jedoch nichts davon. Es war angenehm warm und trocken, und es roch nach Sägespänen, Leder, Schmieröl und einem Hauch Dung.

Allmählich füllten sich die Reihen. Zuschauer unterhielten sich, knabberten kandierte Äpfel und reckten die Hälse, um einen Blick auf die Artisten zu erhaschen, wenn der Vorhang am Rand der Manege ein wenig zur Seite geweht wurde.

Vor dem Eingang hatte man Bretter ausgelegt und Sägespäne verstreut, um den Zuschauern einen sicheren Tritt zu gewährleisten. Der Jahrmarktsplatz war nach dem Regen verschlammt. Wer von einem der Bretter abrutschte, drohte bis zum Knie im Schlamm zu versinken.

Der Circus Rosario lockte Groß und Klein in sein Zelt. Schon bald waren die Bankreihen voll besetzt, und im hinteren Teil mussten sogar einige Zuschauer stehen.

Ein Tusch ließ das Stimmengewirr verstummen. Das Licht wurde gelöscht, nur ein einzelner Strahl fiel noch auf den Zirkusdirektor in der Manege. Er war ein Bär von einem Mann. Mit einem üppigen schwarzen Schnurrbart und Schultern, die breit genug waren, einen Ochsen zu stemmen. Trotz des herbstlich trüben Wetters war seine Haut braun, was südländische Wurzeln vermuten ließ. Er trug ein glitzerndes Jackett und schwenkte einen Zylinder in der Hand.

«Herzlich willkommen, meine sehr verehrten Damen und Herren! Kommen Sie mit mir in die Traumwelt des Circus Rosario! Lassen Sie sich verzaubern von atemberaubender Akrobatik in schwindelnder Höhe, von zwerchfellerschütternder Clownerie und von gefährlichen Raubtieren, denen Sie heute Abend so nahe kommen werden wie noch niemals zuvor in Ihrem Leben!»

Katzmann hörte seinen Freund gelangweilt knurren. Doch es dauerte nicht lange, dann saß Max wie gebannt auf seinem Platz. Die erste Nummer begann, und was die Artisten zeigten, war sensationell. Ein Akrobat hing kopfüber am schwingenden Trapez und wirbelte eine zierliche Frau durch die Luft, ließ sie dann unerwartet los, worauf sie sich dreimal um sich selbst drehte. Im nächsten Augenblick fing ein zweiter Akrobat sie wieder auf –

ebenfalls kopfüber.

«Wahnsinn, warum nehmen die denn kein Netz?», murmelte Max. «Es ist doch lebensgefährlich, was sie da machen! Wenn die Frau aus dieser Höhe abstürzt, bricht sie sich höchstwahrscheinlich das Genick.»

«Sie verzichten für das Publikum darauf», mutmaßte Katzmann. «Mit einem Netz wäre die Nummer interessant, aber ohne ist sie schlichtweg atemberaubend.»

«Woher weißt du denn das?»

«Ich hab es mir zusammengereimt.» Er lehnte sich zurück. Die nächsten Nummern flogen an ihm vorüber, und jede war auf ihre Art faszinierend.

Während einer kurzen Pause bauten Helfer ein Gitter rings um die Manege auf. Und dann kündigte der Direktor eine weitere Attraktion an. Fünf schwarze Panther wurden zu ihm in die Manege gelassen. Mit langen Sätzen stürmten sie herein, umrundeten ihn einmal, wirbelten Sägespäne auf und ließen eine Frau in der ersten Reihe erschrocken aufschreien.

Der Direktor stand wie ein Felsen in der Mitte. Ein Peitschenknall, und die Panther sprangen auf ihre im Kreis aufgestellten Hocker. Ein weiterer, und sie wechselten synchron ihre Plätze. Geschmeidig und anmutig. Ihr schwarzes Fell glänzte im Licht der Scheinwerfer. Mit knappen Befehlen hielt der Dompteur die glänzenden schwarzen Körper in Bewegung. «Du bist dran, Danu!»

Als der Panther seinen Namen hörte, sprang er mit einem Satz auf ein mannshoch aufgespanntes Seil und balancierte darüber, als wäre es die einfachste Sache der Welt. Dann kehrte er auf seinen Platz zurück.

Nun wirbelte eine junge Frau in den Käfig. Grazil, mit rötlichen Locken und in einem knappen Kleid, das mit glitzernden Stickereien versehen und am Saum mit Fell besetzt war. Es war so kurz, dass es mehr von ihren schlanken Beinen enthüllte, als es verbarg. In der Hand hielt sie einen brennenden Reifen. «Komm schon, Balor!»

Einer der Panther sprang durch ihren Reifen und wurde mit einem lobenden Zuruf belohnt.

«Und nun legt euch alle hin!»

Auf das Geheiß des Dompteurs rollten sich die Panther einer neben dem anderen zu Füßen der Assistentin aus. Sie warf den Reifen einem Helfer zu, winkte kurz ins Publikum und legte sich mit einer geschmeidigen Bewegung zwischen die Raubkatzen. Sie schlang ihre zarten Arme um einen der Panther. Er fauchte und zeigte seine spitzen Zähne.

Katzmann hielt den Atem an. Kaum eine Handbreite trennte das anmutige Gesicht der Assistentin von den todbringenden Reißzähnen des Raubtieres. Sein Herz hämmerte plötzlich heftig gegen seine Rippen. Wenn sich das Biest vergaß, würde es das bildschöne Antlitz zerstören …

Da stieß ihn sein Freund plötzlich an. «He, du bist ja noch schlimmer als die Panther!»

«Was? Wieso?»

«Du verschlingst sie ja förmlich mit den Augen.»

«Wovon redest du eigentlich? Ich bewundere nur die Panther.»

«Von wegen! Wen du bewunderst, ist unschwer zu sehen.» Katzmann winkte ab und hätte fast verpasst, wie die Assistentin mit einer fließenden Bewegung aufstand und die Raubkatzen aus der Manege lotste. Während die Helfer den Käfig abbauten, wirbelte ein Clown durch die Zuschauerreihen und machte mit ihnen seine Späße.

Katzmann verspürte den Drang, sich zu erleichtern. «Bin gleich wieder da», murmelte er und schob sich kurzerhand durch die Zeltklappe ins Freie.

Es regnete noch immer, und so stülpte er seinen Hut auf und sah sich suchend um. Ob es hier einen Abort gab?

Niemand war zu sehen, den er fragen konnte. Er eilte die Stufen vom Zelt hinunter und folgte den Brettern zum Eingang. Doch auch hier war kein Mensch zu sehen. Vermutlich verfolgten die meisten Zirkusleute die Darbietungen. Oder sie waren vor dem Regen ins Warme geflüchtet.

Suchend drehte sich der Reporter im Kreis und steuerte dann kurzentschlossen auf die Wohnwagen zu, die rings um das Zirkuszelt aufgebaut waren. Irgendwo musste er doch jemanden finden, den er fragen konnte!

Plötzlich gellte eine schneidende Männerstimme in der Nähe auf. Die Tür zu einem Wohnwagen stand offen, und aus dem Innern drang dumpfes Poltern.

«Dieses Thema ist noch nicht beendet, Albert!»

«Und ob es das ist! Ich werde den Zirkus nicht aufs Spiel setzen, nur weil du von mir verlangst, den Hilfskräften mehr zu bezahlen.»

«Aber sie verdienen kaum genug, um satt zu werden!»

«Für Schnaps scheint das Geld aber zu reichen. Hast du nicht bemerkt, dass die Hälfte von denen abends betrunken ist?»

«Du übertreibst mal wieder. Wenn du ihnen ihre Tätigkeit nicht endlich angemessen honorierst, werden sie die Arbeit niederlegen. Willst du das vielleicht?»

«Drohst du mir etwa, Erich? Willst du die Arbeiter womöglich dazu anstiften?»

Ein dumpfer Schlag folgte. Dann stürmte ein hagerer Mann aus dem Wohnwagen, gefolgt von einem zweiten, der gut doppelt so schwer war wie er. Die beiden Männer waren einander wie aus dem Gesicht geschnitten. Beide hatten dichtes dunkles Haar, buschige Schnurrbärte und stechende graue Augen. Sie ähnelten einander wie Brüder – abgesehen von ihrer Statur.

Der Stattlichere der beiden war der Zirkusdirektor in seinem glitzernden Jackett, das sich über seinem beachtlichen Bauch spannte. Sein Kontrahent trug eine abgewetzte blaue Arbeitshose, die an den Knien mehrfach geflickt war. Und dazu Stiefel, die schon fast auseinanderfielen. Er rieb sich mit finsterer Miene den Kiefer.

Hatten sich die Männer etwa geprügelt? Keiner von beiden würdigte Katzmann eines Blickes. Stattdessen verschwanden sie im Seiteneingang des Zirkuszeltes. Der Reporter wandte sich kopfschüttelnd um und setzte seine Suche nach einer Möglichkeit fort, Wasser zu lassen Nachdem er sich kurzentschlossen an einem der Wohnwagen erleichtert hatte, kehrte er ins Zelt zurück. Gerade noch rechtzeitig, um die Dressurpferde zu erleben.

Danach betrat der Direktor wieder die Manege. Die Auseinandersetzung von eben war ihm nicht anzusehen, stattdessen breitete er die Arme aus und rief enthusiastisch: «Und nun erleben Sie eine echte Sensation: eine junge Frau auf dem Drahtseil! Völlig schwerelos scheint sie darüber zu tanzen. Aber bedenken Sie wohl, meine sehr verehrten Damen und Herren, ein Sturz aus einer solchen Höhe hätte fatale Folgen. Und hier ist sie nun!»

Der Scheinwerfer schwenkte zum Vorhang. Trommelwirbel setzte ein. Doch sekundenlang geschah nichts. Die Zeit dehnte sich. Das Publikum wurde unruhig. Stimmen raunten. Hier und da wurde Gelächter laut.

Der Direktor tupfte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Dann wandte er sich wieder an seine Zuschauer.

«Wie es aussieht, hat sich unsere Nelly auf dem Weg ins Zelt verlaufen. Vielleicht hätte ich ihr ein Seil aufspannen sollen.»

Das Publikum lachte. Man hielt seine Worte für einen Teil der Vorstellung, aber Katzmann war sich da nicht so sicher. In den grauen Augen des Direktors stand Sorge, als er nun eine andere Nummer ankündigte und dann auffallend schnell die Manege verließ.

Hatte es hinter dem Vorhang etwa eine Panne gegeben?

FÜNF

DIE BAR Zum Roten Fuchs war im Keller eines Ziegelhauses untergebracht, unweit vom Zirkusgelände. Das Haus stand an der Planitzstraße, schräg gegenüber von den Kasernen und dem Lazarett. Die Straßenbahnlinie 2 verkehrte von Schönau, den Wanderer-Werken und der Innenstadt bis hierher. Eine Haltestelle befand sich unmittelbar vor dem Roten Fuchs.

Rauch und Stimmengewirr beherrschten das holzvertäfelte Lokal. Die Bar war an diesem Abend brechend voll. Auf einer kleinen Bühne im Hintergrund hauchte eine Sängerin mit rauchiger Stimme I wanna be loved by you . Ihr rückenfreies Kleid war aus silbrigem Stoff, der sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte. Eine glitzernde Stoffrose lenkte den Blick auf ihr üppiges Dekolleté, und ihr rot geschminkter Mund war eine einzige Einladung.

«Donnerwetter!», entfuhr es Katzmann, als er die Bar betrat.

«Dein Geschäft brummt, was?»

«Das kann man sagen», gab Max Wachtler zurück. «Irgendwo müssen die Männer schließlich entspannen. Und wo kann man das besser als hier?» Er gab dem Barmann hinter dem Tresen ein Zeichen. «Bring uns zwei Whisky, Tom. Aber von dem guten!»

Sie schoben sich durch die Menge und fanden noch zwei freie Hocker.

Als die Getränke vor ihnen standen, hob der Barbesitzer sein Glas. «Eis bekommt einem Mann immer noch am besten, wenn es in einem Whisky schwimmt», murmelte er. Dann kippte er das Glas und knallte es zurück auf den Tresen.

Katzmann hielt sich zurück. «Für mich bitte nur einen Tomatensaft. Ich möchte morgen früh nicht schon wieder mit einem schweren Kopf aufwachen.»

«Bist du sicher?»

«Ganz sicher.»

«Na gut.» Sein Freund leerte das zweite Glas mit einem langen Zug. «Man soll ja nichts verkommen lassen … Moment mal, was serviert Gina denn den Gästen dort drüben? Soll das ein Spiegelei oder Holzkohle sein? Himmel noch mal, hat der Koch das Essen schon wieder anbrennen lassen! Entschuldige mich, Konrad, ich muss ein ernstes Wort mit ihm reden.»

«Geh ruhig, ich amüsiere mich schon.» Katzmann drehte sich so, dass er die Sängerin sehen konnte. Reizend!, dachte er und spürte, wie sich die alte Abenteuerlust in ihm regte. Früher hatte er nichts anbrennen lassen und ein großes Herz für alle Frauen gehabt. Seitdem er mit Frieda zusammen war, lebte er ruhiger. Doch hin und wieder packte es ihn, und dann hätte er am liebsten …

Plötzlich rempelte ihn jemand von hinten an, so dass etwas Tomatensaft auf sein Hemd kleckerte. Derart unsanft aus seinen Gedanken gerissen, fuhr er herum und funkelte den Übeltäter böse an. «Passen Sie doch auf! Was fällt …»

Der Rest seines Fluchs erstarb auf seinen Lippen, als er die zierliche Frau sah, die ihn angestoßen hatte. Die Flut üppiger roter Locken, die ihr über den Rücken fiel, und die weichen, vollen Lippen hatten sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Es war die Assistentin des Pantherdompteurs! Sie hatte sich einen langen schwarzen Mantel über ihr glitzerndes Kostüm gezogen, der ihre Gestalt fast völlig verhüllte. Dennoch konnte kein Zweifel bestehen: Sie war es! Mit ihren großen grünen Augen und dem feingeschnittenen Gesicht war sie eine wahre Schönheit.

Das entging auch den anderen Männern in der Bar nicht. Einige von ihnen schienen ebenfalls schon eine Vorstellung des Circus Rosario besucht zu haben. Ein Mann zwirbelte aufgekratzt seinen Schnurrbart zwischen den Fingern und rief mit schwerer Zunge: «Wen haben wir denn da? Wenn das nicht eine echte Raubkatze ist!»

Heiseres Gelächter antwortete ihm.

Die Rothaarige wurde eine Spur blasser und schlang ihren Mantel fester um sich. Dabei schaute sie sich suchend um.

«Brauchst du Hilfe, Püppchen?», krächzte der Bärtige und grinste breit. «Komm her, ich helfe dir gern!»

«Ich suche meine Freundin. Haben Sie sie vielleicht gesehen? Sie ist blond, ziemlich dünn und etwa so alt wie ich. Ihr Name ist Nelly.»

«Nein, sie war leider nicht hier. Warum suchst du nicht später weiter und leistest mir erst einmal Gesellschaft?»

«Das geht nicht. Ich muss Nelly unbedingt finden …»

«Vergiss deine Freundin. Was du brauchst, ist ein echter Kerl!» Der Bärtige schaute sich nach allen Seiten um und erntete beifälliges Gelächter.

«Das stimmt wohl», erwiderte die Dompteuse. Etwas an ihrer Haltung veränderte sich. Sie reckte das Kinn vor und schaute ihrem Gegenüber beherzt in die Augen. «Nur leider sehe ich hier keine echten Kerle. Nur einen Haufen Trunkenbolde.»

Die Mienen der Umstehenden verdüsterten sich. Die Spannung in der Bar wurde beinahe greifbar.

Nur der Bärtige behielt sein lüsternes Grinsen bei. «Ah, das Raubkätzchen fährt seine Krallen aus. So habe ich es am liebsten. Komm her, mein Kätzchen, lass mich sehen, ob du so heißblütig bist, wie du aussiehst …» Er griff nach ihr, fuhr jedoch im nächsten Moment zurück. Sein Grinsen war auf einmal wie weggewischt.

«Autsch! Verdammtes Miststück, du hast mich gekratzt!»

«Richtig!» Unerschrocken sah ihm die Frau in die Augen.

«Haben Sie nicht eben noch behauptet, das zu mögen?»

«Ich meinte doch nicht wirklich …» Schnaubend unterbrach sich der Bärtige und packte ihren Arm. «Na warte, das wirst du mir büßen!»

«Lassen Sie sie in Ruhe», mischte sich Katzmann ein und trat zwischen den Bärtigen und die Frau. Dabei fasste er den Angetrunkenen fest ins Auge. «Sie haben doch gehört, dass sie keine Gesellschaft möchte.»

«Was geht Sie das an? Mischen Sie sich gefälligst nicht ein!»

«Es tut mir leid, aber ich kann nicht tatenlos zusehen, wenn eine junge Dame belästigt wird.»

«Welche junge Dame denn?» Der Bärtige schnaubte abfällig.

«Die Kleine ist alles andere als eine Dame. Diese Zirkusleute sind doch alle gleich: Die haben weder Moral noch ein Gewissen. Was die Kleine hier braucht, ist ein echter Kerl!» Er nestelte an seinem Hosenlatz. Dann streckte er den Arm nach ihr aus, aber Katzmann schob ihn zurück.

«Lassen Sie das», bat er ihn.

«Was fällt Ihnen ein?», polterte der Bärtige aufgebracht und stieß den Reporter so fest vor die Brust, dass dieser zurücktaumelte. Das Glas rutschte ihm aus der Hand und zerschellte auf dem Boden. Die Umstehenden wichen zurück und bildeten einen Halbkreis um sie. Offenbar erwarteten sie einen Kampf.

Der Angetrunkene trat vor Katzmann hin, packte ihn mit einer Hand am Revers und schmetterte seine freie Rechte blitzschnell gegen dessen Kiefer.

Es knackte unschön. Ein scharfer Schmerz raste durch den Schädel des Reporters. Er taumelte, fing sich aber wieder und ließ seinen Arm hochschnellen, ehe der Angetrunkene ein weiteres Mal zuschlagen konnte. Geschickt fing er die Rechte ab und lenkte sie zur Seite. «Hören Sie auf», beschwor er seinen Rivalen, «das führt doch zu nichts!»

«Ich lasse mich nicht zum Affen machen!», keuchte der Bärtige. «Schon gar nicht vor meinen Freunden. Kommen Sie mit raus, damit wir das unter Männern klären.»

«Ich werde mich bestimmt nicht mit Ihnen prügeln!»

«Ach nein? Tja, Pech für Sie! Ich will mich nämlich mit Ihnen prügeln!» Erneut holte der Bärtige aus, und nur die Geistesgegenwart des Reporters bewahrte ihn vor einem Hieb, der ihn vermutlich ein paar Zähne gekostet hätte. Blitzschnell duckte er sich weg, und so ging der Schlag ins Leere. Von seinem eigenen Schwung aus dem Gleichgewicht gebracht, taumelte der Bärtige nach vorn. Er brauchte einige Sekunden, um sich wieder zu fangen.

Diese Zeit genügte Katzmann. Er schlang dem Angetrunkenen einen Arm um die Kehle, presste ihn fest an sich und zwang ihn in die Knie. «Lassen Sie es gut sein!», schnaufte er.

«Niemals!» Der Bärtige trat aus und versuchte, seine Hände unter den Arm des Reporters zu schieben, um sich zu befreien, aber dieser drückte nur noch fester zu.

Katzmann hatte Kräfte, die man seiner sehnigen Gestalt nicht gleich ansah, und die setzte er nun ein. Getrieben von Zorn und Empörung, hielt er seinen Gegner im Schwitzkasten, bis dieser dunkelrot anlief und nach Luft schnappte. «Hören Sie jetzt endlich auf?»

«Na … schön …», ächzte der Bärtige.

Katzmann ließ seinen Rivalen los, der kraftlos auf die Knie sank und sich die Kehle rieb. Zu mehr als einem bitterbösen Blick war er nicht mehr fähig.

Die Umstehenden machten finstere Gesichter. Katzmann spürte, dass die Stimmung gegen ihn war. Die Dompteuse schien nicht sonderlich viele Fürsprecher zu haben. «Verschwinden wir von hier!», schlug er ihr vor und deutete zur Tür.

«Aber ich muss meine Freundin finden!»

«Sie ist nicht hier, das sehen Sie doch. Oder wollen Sie noch mehr Gäste nach ihr fragen?»

Die Fremde zögerte kurz und schüttelte dann den Kopf. Katzmann nahm ihre Hand und schob sich voran durch die Menge. Er bahnte ihr einen Weg, und das war auch gut so, denn die Männer wichen nur widerstrebend zurück und murmelten verhaltene Drohungen.

Erleichtert trat der Reporter kurz darauf auf die Straße. Auf eine weitere Prügelei hatte er nun wirklich keine Lust. Sein Kiefer hämmerte noch von dem Hieb, den er hatte einstecken müssen.

Davon würde er vermutlich noch eine ganze Weile etwas haben. Unter dem Vordach des Eingangs blieb er stehen und wandte sich zu der Fremden um. Sie war blass und hielt ihren Mantel angespannt vor der Brust zusammen. «Alles in Ordnung?», forschte er. «Geht es Ihnen gut?»

«Ja, danke», versetzte sie leise. «Sie haben mir da drinnen geholfen. Warum eigentlich?»

«Wie ich schon sagte: Ich mag es nicht, wenn eine Frau bedrängt wird.»

«Das war wirklich nett von Ihnen.»

«Nicht der Rede wert.»

«Aber Ihr Kiefer …»

«Der hält noch ganz andere Sachen aus.» Katzmann deutete die Straße hinunter. «Kommen Sie, ich bringe Sie zurück zum Zirkus. Nicht, dass es den Kerlen da drinnen noch einfällt, Ihnen zu folgen.»

«Ich kann noch nicht zurück, ich muss meine Freundin finden. Nelly ist verschwunden. Sie hätte heute Abend in der Vorstellung auftreten sollen, aber sie ist nicht da gewesen.»

Katzmann dämmerte es. «Ihre Freundin … ist das die Seiltänzerin?»

«Ganz recht.» Sie nickte lebhaft. «Waren Sie auch im Zirkus?»

«Ja, ich habe mir die Vorstellung angesehen.»

Die Fremde zog ihren Kragen noch ein Stück höher und sah sich verzweifelt um. «Nelly hat noch nie einen Auftritt versäumt. Dass sie heute nicht da war, bedeutet bestimmt nichts Gutes. Ihr muss etwas zugestoßen sein.»

«Warum gehen Sie gleich vom Schlimmsten aus?»

«Weil sie auch nicht in ihrem Wohnwagen war. Ich habe den ganzen Zirkus nach ihr abgesucht – vergeblich.»

«Womöglich hatte sie eine Verabredung und hat sich nur verspätet.»

«Ganz sicher nicht, das wüsste ich. Nelly und ich sind zusammen aufgewachsen. Wir sind wie Schwestern. Ich wüsste es, wenn sie sich mit jemandem getroffen hätte.» Tränen blinkten in den grünen Augen der Dompteuse, und ihr Blick war voller Angst.

«Nelly hat noch nie eine Vorstellung versäumt. Nicht einmal, als sie die Grippe und vierzig Grad Fieber hatte!»

«Sie glauben also, ihr ist etwas zugestoßen?»

«Ja, das befürchte ich.» Die Dompteuse senkte den Blick. Katzmann spürte, dass ihr noch mehr zu schaffen machte.

Seine Arbeit als Journalist hatte seine Menschenkenntnis geschult. Er ahnte, dass ihm die Fremde nicht alles sagte, aber das konnte er ihr auch kaum übelnehmen, immerhin kannte sie ihn kaum. «Wer könnte denn etwas vom Verschwinden Ihrer Freundin wissen?»

«Ich weiß es nicht. Ihre Mutter vielleicht.»

Das Gaslicht der Straßenlaterne flackerte auf dem Gesicht der Fremden. Der Wind trieb raschelndes Herbstlaub über die Straße. Es regnete nicht mehr, aber die Luft war schneidend kalt.

«Ich würde Ihnen gern helfen. Mein Name ist übrigens Konrad Katzmann», besann sich der Reporter plötzlich auf seine Manieren.

«Selina Reuther», stellte sich die Dompteuse vor. «Meinem Onkel gehört der Zirkus.»

«Ihrem Onkel?» Katzmann dachte an die beiden Streithähne, die er vor wenigen Stunden im Zirkus gesehen hatte. «Dann ist Ihr Vater das leichtgewichtige Ebenbild des Zirkusdirektors, nicht wahr?»

«Ja, das stimmt.»

«Hat er auch eine Nummer?»

«Nein, jetzt nicht mehr. Früher hat er mit den Elefanten seines Vaters gearbeitet, aber sie sind gestorben.»

«An Altersschwäche?»

«Nein, sie wurden vergiftet. Manche glauben, dass mein Onkel dahintersteckt. Dass er die Elefanten aus Neid umgebracht hat, weil mein Vater und seine Elefanten die Lieblinge des Publikums waren. Aber das ist Unsinn, wenn Sie mich fragen. Mein Onkel würde niemals etwas tun, das dem Zirkus schadet. Der Zirkus ist sein Leben.»

«Dann wurde nie geklärt, wer die Elefanten vergiftet hat?»

«Nein, niemals.» Selina schüttelte die roten Locken. «Warum erzähle ich Ihnen das eigentlich?»

«Vielleicht, weil ich Ihnen helfen möchte, Ihre Freundin zu finden.» Katzmann dachte nach. «Warum haben Sie eigentlich ausgerechnet in einer Bar nach ihr gesucht?»

«Irgendwo musste ich ja anfangen. Und sie liegt nahe.»

«Ich verstehe. Und was hatten die Männer in der Bar gegen Sie?»

«Nichts Persönliches.» Selina zuckte die Achseln. «Im Zirkus leben Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zusammen. Wir haben Russen, Franzosen, Spanier und sogar Schweden im Programm. Das gefällt manchen nicht.»

«Sie meinen, Sie werden angefeindet, weil Sie mit Menschen anderer Nationen zusammenarbeiten?»

«Ja. Der Zirkus ist eine eigene Welt für sich. Wie ein kleiner Staat im Staat. Das ist vielen nicht geheuer. Und wir Menschen hassen häufig das, was wir nicht kennen. So ist das nun mal.»

Katzmann legte die Stirn in Falten. Darüber sollte ich einmal schreiben, nahm er sich vor. Es ging doch nicht, dass die Zirkusleute verurteilt wurden, nur weil sie anders waren! Außerdem konnte er über die vermisste Frau schreiben. Das wären gleich zwei Themen. «Ich bin Journalist, Selina, und ich würde gern über Ihren Zirkus schreiben.»

«Warum? Wollen Sie in alten Wunden stochern?»

«Nein, aber ein Artikel könnte helfen, mehr Verständnis zu wecken für Ihre Art zu leben.»

Selina winkte ab. «Das würde Ihnen nicht gelingen. Wir sind Weltenwanderer, die nirgendwo hingehören und denen niemand vertraut. So ist es, und so wird es bleiben.»

«Wäre es nicht den Versuch wert, etwas zu ändern?»

«Vielleicht. Es tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich los.»

«Warten Sie», hielt Katzmann sie auf. «Kann ich morgen zu Ihnen kommen und Ihnen ein paar Fragen stellen?»

Selina blickte zu ihm auf, und ein nachdenklicher Ausdruck vertrieb sekundenlang den Kummer aus ihrem Blick. «Einverstanden», erwiderte sie schließlich. «Sagen Sie dem Wachmann am Eingang, dass Selina Sie erwartet. Dann lässt er Sie durch. Aber seien Sie vorsichtig, wenn Sie zu uns kommen. Es gefällt meinem Onkel nicht, wenn sich Fremde im Zirkus umschauen.»

«Warum? Hat er etwas zu verbergen?»

«Es ist sein Reich. Das genügt ihm.»

«Was kann er mir schon tun? Schlimmstenfalls wirft er mich raus.»

«Nein», versetzte Selina leise, «das wäre nicht das Schlimmste. Sie haben ja keine Ahnung, wozu er fähig ist …» Damit wirbelte sie herum und verschwand in der Dunkelheit.

SECHS

KATZMANN war nicht der Typ, der tatenlos herumsaß. Deshalb wollte er sich am nächsten Morgen, während es im Zirkus höchstwahrscheinlich noch ruhig und verschlafen zuging, im Wagen der vermissten Seiltänzerin umschauen. Er hatte einige Tage frei, aber das bedeutete nicht, dass er einer guten Geschichte aus dem Weg ging, wenn er eine fand. Und so rief er seinen Chef an und kündigte zwei Artikel über den Circus Rosario an. Mit der Option auf weitere, sollte es das Thema hergeben.

«Ein Zirkus in Chemnitz?», entgegnete Leistner skeptisch.

«Was hat das mit uns zu tun? Unsere Leser wollen Neuigkeiten aus Leipzig. Vergiss den Zirkus, dieses Thema passt nicht zu uns.»

«Aber Eugen, der Circus Rosario macht als Nächstes Station in Leipzig. Damit ist er auch für die LVZ interessant.»

«Und warum willst du dir deine freien Tage mit Arbeit verderben, Genosse Konrad? Ich kann dir nicht mehr bezahlen, falls du darauf spekulierst.»

«Das tue ich nicht – obwohl ich dich natürlich auch nicht davon abhalten werde, solltest du deine Meinung ändern … Nein, mich reizt das Thema einfach. Ich habe das Gefühl, dass mehr dahintersteckt, als man auf den ersten Blick erkennen kann.»

«So ist das also. Na schön, Genosse Konrad, dann mach es in Gottes Namen!»

«Im Namen der Zeitung, das reicht mir schon», erwiderte Katzmann trocken.

Im Hörer erklang ein Schnaufen. «Vergiss nicht, ein paar Photographien zu schießen, die wir abdrucken können.»

Es klickte im Hörer. Der Chefredakteur hatte aufgelegt. Katzmann hielt sich nicht länger auf, sondern machte sich auf den Weg zum Zirkusgelände. Auf seinem Motorrad war er im Handumdrehen dort. Er fuhr eine NSU 1000 mit Beiwagen, ein Geschenk seiner Eltern anlässlich seiner ersten Stelle als Dresdenkorrespondent.

Auf dem Jahrmarktsplatz ging es noch ruhig zu. Eine zarte Röte überzog den morgendlichen Himmel, und nur wenige Wolken trieben über die Stadt. Der Regen war endlich weitergezogen, und es versprach, ein schöner Tag zu werden.

Katzmann mochte den Morgen, wenn der Tag noch jung und voller Möglichkeiten war. Er hielt an und stellte die NSU am Zaun ab. Das Zirkusareal hatte zwei Eingänge: zum einen die überdachte Treppe, die ins Hauptzelt führte, und zum anderen ein kleines Tor auf der Rückseite, über das man in den Bereich der Wohnwagen gelangte.

Ein Wachmann in einer blauen Uniform humpelte auf Katzmann zu, als sich der Reporter näherte. Sein rechtes Bein schien steif zu sein, denn er zog es nach. Doch was ihm an Schnelligkeit fehlte, machte er mit Muskelkraft wett. Hinter seinen Schultern hätte sich problemlos eine halbe Zirkusfamilie verstecken können. Er hatte dunkle Haare und ein stoppeliges Kinn. Hinter ihm trottete ein Mischling mit struppigem Fell her. «Was wollen Sie hier?», knurrte er. «Der Zirkus öffnet erst in ein paar Stunden.»

«Selina hat mich eingeladen.»

«Selina?» Der Wächter rieb sich das Kinn. Es gab ein schabendes Geräusch. «Dann müssen Sie der Reporter sein. Selina hat Sie angekündigt. Gehen Sie durch.»

«Danke. Können Sie mir sagen, wo ich den Wohnwagen der Seiltänzerin finde?»

«Was wollen Sie denn bei Nelly?»

«Mich ein wenig umschauen.»

«Ihr Reporter könnt es wohl nicht lassen, eure Nase überall hineinzustecken, wo sie nichts zu suchen hat, was? Lassen Sie sich bloß nicht vom Direktor erwischen, während Sie hier herumschnüffeln, sonst haben Sie im Handumdrehen Ärger am Hals. Einen Haufen Ärger!» Der Wachmann streckte den Arm aus und deutete auf einen gelben Wohnwagen, vor dem Wäsche auf einer Leine baumelte. «Der da ist es. Klopfen Sie nur. Nellys Mutter müsste da sein.»

Katzmann nickte und strebte über den Platz. Seine Schritte knirschten im Kies. Als er den Wohnwagen erreichte, wurde die Tür aufgestoßen, und eine rundliche Frau mittleren Alters schaute heraus. Das erwartungsvolle Leuchten auf ihrem Gesicht erlosch, als sie ihn sah. Anscheinend hatte sie jemand anders erwartet, und er konnte sich auch denken, wer das war. «Guten Morgen!», grüßte er. «Mein Name ist Katzmann. Ich bin Reporter bei der Leipziger Volkszeitung . Sind Sie Nellys Mutter?»

«Ja, ich bin Lene Birkner. Warum?»

«Ich würde Ihnen gern einige Fragen stellen. Zu Ihrer Tochter.»

«Das möchte ich eigentlich nicht.»

«Bitte, ich würde gerne einen Artikel über Nellys Verschwinden schreiben. Ist sie inzwischen heimgekehrt?»

«Nein …» Zittrig verschränkte die Frau ihre Hände vor der Brust, und über ihr Gesicht lief ein Ausdruck tiefster Verzweiflung.

«Sobald der Artikel erscheint, werden die Leser die Augen nach Ihrer Tochter offen halten. Vielleicht findet sich so eine Spur von ihr. Leider kann ich Ihnen dafür keine Garantie geben, aber einen Versuch ist es wert, finden Sie nicht?»

Lene Birkner zögerte. Ihre Brust hob sich unter rasselnden Atemzügen, die verrieten, dass sie nicht gesund war. «Was wollen Sie denn wissen, Herr Katzmann?»

«Alles, was Sie mir über Nelly erzählen wollen.»

«Na gut, kommen Sie herein.» Sie verschwand im Innern des Wohnwagens, und Katzmann folgte ihr.

Der Wagen wirkte von innen größer als von außen. Eine Trennwand teilte Wohn- und Schlafbereich voneinander ab. Es gab eine Kochecke und einen Kohleofen, der eine angenehme Wärme verbreitete. Und es roch nach Holz und einem süßen Parfüm. Mehrere Pflanzen grünten vor dem Fenster, und vor dem Schminkspiegel lagen mehrere Tiegel und Tuben. Ein Hund hatte sich auf einem Stuhl zusammengerollt. Sein Kopf ruhte auf seinen Vorderpfoten, während er schlief. Es war ein weißer Terrier.

«Das ist Thor, Nellys Liebling. Sie würde niemals ohne ihn irgendwo hingehen.» Ein Schluchzen schwang in der Stimme der Mutter mit.

Katzmanns Blick fiel auf die gerahmten Photographien, die an der Wand hingen. Auf einer davon war eine junge Frau zu sehen, die in einem kurzen weißen Kleid auf einem Elefanten ritt.

«Sind Sie das?»

«Ja, da war ich noch sehr jung. Gerade mal siebzehn. Ich bin mit den Elefanten aufgetreten. Aber setzen Sie sich doch!» Lene Birkner deutete auf einen Sessel, der mit einer flauschigen Decke versehen war. «Möchten Sie ein Glas Tee?»

«Gern, wenn es keine Umstände macht.»

«Aber nein.» Sie hantierte am Ofen und stellte einen Kessel auf die Platte.

Der Reporter zückte seinen Notizblock. «Treten Sie immer noch mit Tieren auf, Frau Birkner?»

«Nein, das ist nichts mehr für mich. Ich arbeite jetzt hinter der Manege. Ich koche für die Truppe und weise den Zuschauern die Plätze an.»

«Also haben Sie mehrere Beschäftigungen?»

«Das haben alle hier im Zirkus.» Sie hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Als das Wasser kochte, goss sie es in zwei Becher und stellte ihm einen davon hin.

Katzmann nippte an dem Getränk. «Wie lange ist Ihre Tochter schon verschwunden?»

«Seit gestern Nachmittag. Es ist mir gar nicht gleich aufgefallen. Erst, als sie die Vorstellung versäumt hat, habe ich angefangen, mir Sorgen zu machen. Der Chef war außer sich, weil sie ihn in der Vorstellung hängengelassen hat.»

«Ist Nelly schon einmal verschwunden?»

«Nein, noch nie. Sie ist ein gutes Mädchen und würde niemals jemandem ein Unrecht zufügen oder ihre Arbeit vernachlässigen. Das passt einfach nicht zu ihr.» Tränen blinkten in den Augen der Mutter.

«Was ist denn mit ihren Sachen?»

«Die sind alle noch da.»

«Gab es gestern vielleicht einen Streit?»

«Nein. Wenn Sie Nelly kennen würden, würden Sie das auch gar nicht fragen. Sie ist ein lieber Mensch, immer freundlich. Alle hier im Zirkus haben sie gern.»

Katzmann überlegte. «Hat sie einen Freund?»

«Nein, sie verbringt ihre Zeit meistens mit Selina. Die beiden sind seit ihrer Kindheit befreundet.» Lene Birkner rang die Hände.

«Nelly ist etwas zugestoßen, das weiß ich.»

«Haben Sie schon die Polizei informiert?»

«Natürlich, gleich gestern Nachmittag.»

«Und hat die Polizei schon in den umliegenden Krankenhäusern nach Nelly gefragt?»

«Nein, ich glaube nicht. Sie wollten nicht mal eine Vermisstenanzeige aufnehmen, weil Nelly noch keinen ganzen Tag verschwunden ist.»

«Dann werde ich mich dort einmal umhören. Vielleicht wurde sie bei einem Unfall verletzt.»

«Glauben Sie? Aber dann …» Weiter kam Lene Birkner nicht, weil es in diesem Augenblick an der Tür klopfte.

Auf ihren Hereinruf wirbelte eine junge Frau mit haselnussbraunen Locken herein und warf die Hände in die Luft. «Mein Trikot ist schon wieder gerissen, Lene! Der verflixte Stoff wird allmählich morsch. Kannst du mir vielleicht mit Nähgarn aushelfen?»

«Aber natürlich! Warte einen Moment.» Lene Birkner kramte in einem Regal.

Währenddessen entdeckte die Besucherin den Reporter, und ihre Augen weiteten sich. «Oh, ein Neuankömmling. Sind Sie einer der neuen Hilfsarbeiter?»

«Nein, ich gehöre nicht zum Zirkus.»

«Schade.» Sie blinzelte ihm kess zu. «Sehr schade sogar. Überlegen Sie es sich noch mal, ja? Jemanden wie Sie könnten wir hier gut gebrauchen.» Ohne ihren Blick von ihm zu lassen, griff sie nach dem Nähgarn. Dann wirbelte sie hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

«Das war Mona», erklärte Lene Birkner, «unsere Schlangenfrau. Seien Sie besser vorsichtig bei ihr. Wen sie erst einmal im Würgegriff hat, den lässt sie nicht mehr los.»

«Danke für die Warnung.» Katzmann dachte kurz nach. «Haben Sie vielleicht eine Photographie von Ihrer Tochter, die Sie mir überlassen könnten? Ich würde sie gern mit abdrucken lassen.»

«Natürlich.» Die Mutter suchte in ihrem Regal und förderte schließlich die Photographie einer grazilen Blondine zutage. «Hier, das ist meine Nelly.»

Die Frau auf dem Bild wirkte so jung und unschuldig, dass Katzmann unwillkürlich den Atem anhielt. Er strich über die Aufnahme. Wo magst du nur sein?, grübelte er. Und was hat man mit dir gemacht?

«Nelly und Selina sind zusammen aufgewachsen», erzählte Lene Birkner leise. «Hier im Zirkus sind wir eine große Familie, aber die beiden sind einander ganz besonders verbunden. Sie sind wie Schwestern.»

«Ich hoffe, Nelly kommt bald gesund nach Hause.»

«Das hoffe ich auch.» Lene Birkner verkrampfte die Hände ineinander. «Aber die Polizei wird uns bestimmt nicht helfen.»

«Warum glauben Sie das?»

«Weil wir Zirkusleute für die Ordnungshüter nur ein Haufen Landstreicher ohne festen Wohnsitz sind. Der Mühe nicht wert.» Eine Träne kullerte über ihre Wange. «Nein, die Polizei wird sich kein Bein ausreißen, meine Tochter zu finden.»

Katzmann machte sich eine entsprechende Notiz. Er wusste, dass er eine gute Geschichte gefunden hatte. Womöglich konnte er dazu beitragen, dass die junge Artistin gefunden wurde. Er wollte gerade eine weitere Frage stellen, als die Tür ohne Vorwarnung aufgerissen wurde und ein mächtiger Schatten die Öffnung verdunkelte. Im nächsten Augenblick tauchte die massige Gestalt des Direktors in der Tür auf.

Albert Reuther wirkte aus der Nähe noch beeindruckender als in der Manege. Er war gut doppelt so breit wie Katzmann. Finster heftete er den Blick auf den Reporter. «Was machen Sie hier?», bellte er.

«Ich sammle Informationen für einen Artikel. Katzmann ist mein Name …» Der Reporter streckte seinem Gegenüber die Rechte hin, aber dieser ignorierte die Geste geflissentlich.

«Verschwinden Sie von hier! Wir wollen keine Schnüffler, die glauben, nach einer halben Stunde schon alles über das Zirkusleben zu wissen.»

«Das behaupte ich auch keineswegs. Ich möchte nur …»

«Es interessiert mich nicht, was Sie wollen! Das hier ist mein Zirkus, und ich mache die Regeln. Und ich will, dass Sie verschwinden.»

«Ich könnte helfen, Nelly zu finden.»

«Ach ja? Mit Worten und purer Hartnäckigkeit? Dass ich nicht lache! Wir werden sie selbst finden. Also machen Sie, dass Sie von hier wegkommen, ehe ich nachhelfe!»

Katzmann zögerte. Er hatte genügend Material für seinen Artikel gesammelt. Was ihm noch fehlte, konnte er durch Nachforschungen außerhalb des Zirkus herausfinden. Aber das war ihm nicht genug. Er wollte mehr über die Zirkusleute erfahren. Und über Selina.

«In zehn Minuten sind Sie verschwunden», drohte der Direktor, «oder Sie werden es bereuen!» Mit diesen Worten verschwand er aus der Tür.

Lene Birkner war blass geworden. «Ich danke Ihnen, dass Sie mir helfen wollen, aber es ist besser, wenn Sie jetzt gehen.»

«In Ordnung. Sobald ich etwas herausgefunden habe, lasse ich es Sie wissen.»

«Danke, vielen Dank!» Die Ältere umarmte ihn kurz, ehe sie sich hastig abwandte.

Katzmann kletterte aus dem Wohnwagen. Er hatte keineswegs vor, das Zirkusgelände schon zu verlassen. Stattdessen sah er sich nun suchend um. Er wollte Selina wiedersehen. Unbedingt. Der Direktor schien zum Glück verschwunden. Der Reporter überlegte einen Augenblick und eilte dann auf das große Zelt zu. Aber noch ehe er herausfinden konnte, wo Selinas Wohnwagen stand, erhielt er von hinten einen kräftigen Schlag auf den Kopf. Sterne explodierten vor seinen Augen. Dann gingen für ihn alle Lichter aus.

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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
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211 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783955520557
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