Читать книгу: «Hells Raiders MC Teil 2: Redemption Road - Vergebung»

Шрифт:

Hells Raiders MC: Redemption Road: Vergebung

Katie Ashley

Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen von Joy Fraser

© 2015 by Katie Ashley unter dem Originaltitel „Redemption Road (A Vicious Cycle Novel Book 2)“

© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamourbooks.com

info@plaisirdamourbooks.com

© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg (www.art-for-your-book.de)

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-459-7

ISBN eBook: 978-3-86495-460-3

This edition is published by arrangement with Berkley, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Random House LLC.

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches andere Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Autorin

Widmung

In liebevoller Erinnerung an die wunderbaren Frauen, die meine Arbeit und besonders dieses Buch beeinflusst haben, indem sie wie Magnolien aus Stahl waren:

Meine Mutter Ginger Ashe, meine Großmutter Virginia Jackson, meine Tante Janet Davis und meine zweite Mutter und Freundin Elizabeth McDilda Martinelli.

Prolog

Das quirlige Geräusch des alten Handmixers seiner Mutter lenkte Nathaniel von seinen Hausaufgaben ab. Genüsslich schnupperte er die von Schokoladenduft erfüllte Luft. Er blickte über die Schulter und sah zu, wie sich sein jüngerer Bruder Benjamin auf den Küchentresen stützte, in die Schüssel sah und auf den richtigen Moment wartete, um den Finger in die Kuchenglasur zu stecken und zu naschen.

„Glaub ja nicht, dass ich nicht merke, was du da vorhast“, sagte seine Mutter mit einem amüsierten Lächeln.

„Aber du hast versprochen, dass wir den Löffel ablecken dürfen“, protestierte Ben.

„Erst wenn du deine Hausaufgaben fertig hast.“

Mit einem ärgerlichen Seufzen schleppte sich Ben über den abgenutzten Linoleumboden zurück zu seinem Stuhl neben Nathaniel. Nachdem er sich darauf fallen gelassen hatte, griff er widerstrebend nach seinem Bleistift.

„So. Der hier ist fertig“, gab seine Mutter bekannt.

Sie hatte soeben die letzten Handgriffe an einem der Kuchen erledigt, die sie schon den ganzen Nachmittag backte. Benjamin und er mussten warten, bis sie komplett fertig war, ehe sie die Glasurreste ausschlecken durften.

Seine Mutter sah ihn an. „Schatz, würdest du mir den großen Gefallen tun und den hier zu Miss Mae bringen?“

„Klar.“ Er stand auf und ging zum Tresen. „Aber hebt mir was von der Glasur auf.“

Lächelnd zerstrubbelte sie sein Haar. „Natürlich.“ Sie legte den Kuchen in einen Behälter und stellte ihn auf Nathaniels Arme. „Danke, mein Schatz.“

Er ging aus der Küchentür und die Hintertreppen hinab. Mae Sanders wohnte drei Häuser weiter auf der rechten Seite. Alle zwölf Häuser der Halbkreisstraße auf dem Anwesen, wie man es nannte, gehörten Mitgliedern der Kirche seines Vaters. Oben auf dem Hügel stand die alte Baumwollfabrik, in der sich jetzt Soul Harbor befand, die Kirche, in der sein Vater Pastor war.

Vorsichtig balancierte er die Kuchenschachtel auf den Händen, als er Miss Maes blumenumrandeten Weg und die drei Stufen zu ihrer Veranda hochging. Nachdem er angeklopft hatte, öffnete sich die Tür. Doch es war nicht die grauhaarige, großmütterliche Miss Mae, die dort stand, sondern die lange, schlaksige Figur von Kurt Miller, einer der Obdachlosen aus Vaters Kirche, die Miss Mae als Hilfe im Haus beschäftigte. Sie hatte ein weiches Herz für die weniger vom Glück Begünstigten, und daher wohnten immer ein oder zwei Leute bei ihr.

„Wenn das mal nicht der liebe Nate ist“, sagte Kurt mit einem breiten Lächeln.

Nathaniels Wangen wurden heiß bei der Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wurde. Es geschah nicht oft, dass er in dieser Kirchengemeinschaft überhaupt zur Kenntnis genommen wurde. Im Vergleich zu seinen zwei wilden Brüdern war er eher der ruhige, brave und gehorsame Bruder. Doch seit Kurt vor ein paar Wochen hierhergekommen war, gab er sich alle Mühe, Nathaniel zu zeigen, dass er etwas Besonderes war.

Heiterkeit flackerte in Kurts dunklen Augen. „Du bringst mir einen Kuchen? Aber ich habe doch gar nicht Geburtstag.“

Nathaniel schüttelte den Kopf. „Nein, Mama schickt ihn zu Miss Mae, für die alten Veteranen zum Bingo.“

Kurt strich sich übers Kinn. „Ach ja. Heute ist ja Bingo-Abend.“ Er breitete die Arme aus und winkte Nathaniel herein. „Sie ist gerade zum Schönheitssalon gefahren und bestimmt eine Stunde weg. Aber du kannst den Kuchen hierlassen, damit du nicht noch mal kommen musst.“

„Okay, danke.“ Nathaniel trat über die Schwelle. Alle Häuser auf dem Gelände hatten denselben Grundriss, also kannte er den Weg in die Küche. Früher hatten sie zu den Reihenhäusern der Baumwollfabrik gehört, bevor diese dichtgemacht worden war.

Nachdem Nathaniel den Kuchen abgestellt hatte, wollte er wieder gehen, doch Kurt hielt ihn auf.

„Hast du es eilig?“

Nathaniel zuckte mit den Schultern. „Ich muss noch Hausaufgaben machen.“

„Ach, die laufen nicht weg. Magst du dich ein paar Minuten hinsetzen?“

Obwohl er wusste, dass zu Hause ein Löffel Kuchenglasur auf ihn wartete, fand er es unhöflich, sich nicht kurz zu setzen. Zumindest hätte seine Mama es für unhöflich gehalten, und sie wollte er auf keinen Fall enttäuschen.

Nachdem er sich auf einen Küchenstuhl mit einer geraden Rückenlehne gesetzt hatte, sah er Kurt erwartungsvoll an.

„Wie wär’s mit was zu trinken?“, fragte Kurt.

„Äh, okay. Gern.“

„Wie läuft’s in der Schule?“, fragte Kurt, während seine Schritte auf dem abgenutzten Holzboden ein Knirschen verursachten.

„Gut. Ich habe nur Einser.“

„Oh, schön für dich.“ Mit dem Rücken zu Nathaniel sah er über seine Schulter. „Hast du eine Freundin?“

Glühend heiße Scham erfüllte Nathaniels Wangen. „N-nein, h-habe ich nicht“, stammelte er.

„Mach dir keine Gedanken. Bei deinem Aussehen werden die Mädels in ein paar Jahren über dich herfallen.“

„Hoffentlich, ich meine, ich nehme an, dass ich mir das dann wünschen werde“, murmelte er.

Er konnte sich nicht vorstellen, dass je ein Mädchen an ihm interessiert sein könnte, und er war viel zu schüchtern, um mit ihnen zu reden. Er wünschte, er wäre mehr wie sein Bruder David. Mit vierzehn hatte er bereits eine feste Freundin und ein paar in der Warteschlange.

Kurt stellte eine Tasse vor Nathaniel. „Hier ist etwas Kaffee, um dich aufzuwärmen, bevor du wieder in die Kälte rausmusst.“

Nathaniel unterdrückte den Drang, ihm zu sagen, dass seine Mama ihm Kaffee verboten hatte, weil er vor Kurt nicht uncool rüberkommen wollte. Also nahm er die Tasse und blies Wellen auf die dunkle Oberfläche der dampfenden Flüssigkeit. Als er dachte, er würde sich nun nicht mehr die Zunge verbrennen, nahm er einen Schluck. Er rümpfte die Nase und nahm die Tasse von den Lippen. Skeptisch betrachtete er den Inhalt. „Das schmeckt aber gar nicht wie Kaffee.“

„Ich habe einen kleinen Schluck Jack Daniel’s reingetan.“ Kurt zwinkerte.

Nathaniel weitete die Augen. „Du hast … Alkohol in meinen Kaffee getan?“

„Klar, warum auch nicht? Ich war in deinem Alter, als ich meinen ersten Drink hatte.“

Nathaniel starrte weiter in die Tasse und spürte das bekannte Zerren seines Gewissens, wie immer, wenn sich der Engel und der Teufel auf seinen Schultern stritten. Er war ziemlich sicher, dass seine Mutter betend auf die Knie fallen würde, wenn sie davon wüsste, und sein Vater ihm das Fell über die Ohren ziehen würde. Obwohl er die Tasse hätte auskippen sollen, wollte er noch einmal probieren. „Du wirst mich nicht verraten, oder?“, fragte er leise.

Kurt ließ lächelnd seine Zähne blicken. „Natürlich nicht.“ Er nickte zur Tasse. „Trink aus. Damit es sich auch lohnt.“

Nathaniel zerstreute seine Zweifel mit einem Schulterzucken und nahm noch ein paar herzhafte Schlucke. Je mehr er trank, desto widerlicher schmeckte die Mischung. Eigentlich hatte er genug, doch Kurt spornte ihn weiter an. Als er fertig war, stellte er die leere Tasse auf den Tisch.

„Wie fühlst du dich?“, wollte Kurt wissen.

Nathaniel runzelte die Stirn und versuchte zu verstehen, was mit ihm geschah. Es war, als ob ihm sein Kopf wegfliegen wollte. Innerhalb von Sekunden wurde ihm schwindelig, wie damals auf dem Jahrmarkt im Karussell. Er hatte unbedingt aussteigen wollen, war aber dazu gezwungen gewesen, die ganze Fahrt auszuhalten. Auch jetzt wollte er gern anhalten, so wie er sich fühlte.

Er zuckte zusammen, als ihn eine kalte Hand an der Wange berührte.

„Nathaniel, wie fühlst du dich?“

„I… ich kann es nicht anhalten“, murmelte er und seine Lider flatterten und schlossen sich.

„Versuch es erst gar nicht.“

Ehe er sich versah, wurde er aus dem Stuhl gehoben und in Miss Maes Schlafzimmer gebracht. Nachdem die Tür abgeschlossen worden war, wurde er mit dem Gesicht nach unten auf Miss Maes rüschenbesetzte rosa Tagesdecke gedrückt.

„Was … machst … du … da?“, fragte er. Er konnte die einzelnen Worte nur mit Mühe aussprechen.

Als Hände an seinem Jeansknopf herumfummelten, versuchte er, sie wegzustoßen.

„Du wirst dich gleich sehr gut fühlen, Nathaniel“, kam Kurts Stimme von hinter ihm.

Aber er wollte sich nicht gut fühlen, sondern nach Hause gehen. Er wollte in der Sicherheit seiner Küche sein und sich mit Benjamin um die Kuchenglasur streiten.

Während er in die dunkle, schattige Bewusstlosigkeit glitt und immer wieder hervorkam, befummelten ihn grobe Hände. Als er dachte, dass die Sache nicht noch schlimmer werden könnte, durchfuhr ihn ein Schmerz, wie er ihn noch nie erlebt hatte. Tränen traten ihm in die Augen und rollten seine Wangen hinab. Die Qual hielt an und schien kein Ende nehmen zu wollen.

Doch dann hörte er durch den höllischen Nebel die Haustür aufgehen. An den lauten Stiefelschritten erkannte er seinen Vater. Mama musste ihn geschickt haben, um nachzuschauen, wo er blieb. Als er die Kraft fand, den Kopf zu heben und um Hilfe zu schreien, legte Kurt die Hand auf seinen Mund. Sein scharfes Flüstern traf auf Nathaniels Ohr.

„Wenn du schreist, schneide ich dir und jedem in deiner Familie die Kehle durch. Verstanden?“

Nathaniel wollte verzweifelt schreien. Er wollte, dass der Albtraum, der Schmerz und die Entwürdigung endeten. Und auch wenn es ihm egal war, ob er lebte oder starb, wollte er nicht, dass seiner Familie etwas passierte.

Als sein Vater nicht in der Tür erschien, verflog Nathaniels Hoffnung. Er vergrub das Gesicht in Miss Maes Tagesdecke und schluchzte.

Beim Klang eines lauten Schlags hob er den Kopf.

Sein Vater stand in der Tür. Der unverfälschte Ausdruck von Entsetzen und Wut ließ Nathaniel vor Angst schlottern. Ihm blieb keine Zeit, sich auf die Rache seines Vaters einzustellen, ehe dieser das Gewehr hob und ein Schuss ertönte, der die Fenster klirren ließ.

Und als sein Vater atemlos seinen Namen rief, wurde Nathaniel klar, dass er gerade eine Hölle gegen eine andere getauscht hatte.

Kapitel 1

Rev

Gegenwart

Ich erwachte, weil mich jemand wie verrückt schüttelte. Ich öffnete die Augen, um meinem gequälten Unterbewusstsein zu entkommen, und starrte in die besorgten blauen Augen meines Bruders Bishop. Seine Hände hatten meine Schultern so fest gepackt, dass ich sicherlich Hämatome zurückbehalten würde.

„Was soll das, Mann?“, fragte ich und schob ihn von mir.

Er taumelte auf der Matratze zurück. „Du hattest die Mutter aller Albträume.“

Ich seufzte und rieb mir die Schultern, wo seine Hände gewesen waren. „Okay, aber das bedeutet nicht, dass ich zu deinem ekligen Gesicht mit dem Morgenatem aufwachen will“, sagte ich, um die Anspannung aufzulockern.

Doch Bishop lachte nicht. Er bewegte sich auch nicht von meinem Bett. Er starrte mich nur weiterhin an, als ob mich das zum Reden bringen würde. So hatte er mich schon die letzten paar Tage angesehen, während wir unterwegs waren. Immer wenn wir zum Tanken oder Essen anhielten, starrte er mich an, kaute an seiner Unterlippe, als ob er mir etwas sagen wollte. Seit er vor drei Tagen durch eine persönliche Tragödie eines ehemaligen Clubmitglieds einen kleinen Einblick in mein lange gehütetes Geheimnis bekommen hatte, schien er völlig verzweifelt zu sein.

Ich brach das Schweigen zwischen uns. „Wann treffen wir die El Paso Raiders?“

„Um sieben.“

Ich sah über die Schulter auf die leuchtende Anzeige der Uhr auf dem Nachttisch. „Das lässt uns nicht viel Zeit, durch diesen Staat zu fahren. Wir machen uns besser auf den Weg. Willst du zuerst duschen?“

„Nein, erst du.“ Bishop erhob sich aus dem Bett. „Ich besorge uns solange ein schnelles Frühstück.“

„Danke, Bruder.“

Als ich über den abgewetzten Teppich zum Bad ging, ließen mich Bishops Worte innehalten.

„Rev … du weißt, dass es für mich keine Rolle spielt, was auch immer du erlebt hast. Es wird niemals irgendwas daran ändern, was ich für dich empfinde. Egal was es ist, du wirst immer mein großer Bruder und mein Präsident sein.“

Da ich emotional zu hin- und hergerissen und außerdem zu stur war, um zu antworten, ignorierte ich ihn und ging ins Bad. Ich schloss die Tür ab und betrachtete mich im Spiegel. Zwei Tage durch Georgia, Alabama, Mississippi und Louisiana zu fahren, mit zu wenig Schlaf, forderte einen körperlichen Tribut. Kombiniert mit emotionalem Stress hatte ich nun dunkle Ringe unter den Augen. Wir waren so schnell losgeeilt, dass ich nicht einmal Rasierzeug dabeihatte, sodass mein Bart munter drauflos wuchs. Ich sah genauso aus wie die Hölle, die in mir tobte.

Ich drehte das Wasser voll auf und trat unter die Dusche. Mit den Händen stützte ich mich an den Fliesen ab und ließ mir das Wasser über den Kopf prasseln. Ich rollte mit den Schultern, um die Verspannungen zu lockern.

Die Zeit vor zwei Tagen fühlte sich an wie zwei Jahre und eine Ewigkeit her. Schwer, sich vorzustellen, dass ich noch vor achtundvierzig Stunden auf der Hochzeit meines Bruders Deacon und seiner Frau Alexandra getanzt und getrunken hatte. Dann kam ein Anruf des inoffiziellen Arztes der Raiders, Bob Breakneck Edgeway, und änderte alles.

Immer wenn ich die Augen schloss, verfolgte mich eins von zwei Gesichtern. Entweder war es das teuflische Gesicht meines Vergewaltigers oder das hübsche, unschuldige Antlitz von Breaknecks Tochter.

Es war fünf Jahre her, seit ich Sarah auf einem Event der Raiders gesehen hatte. Sie war einst ein ungelenkes, dreizehnjähriges Mädchen mit Zahnspange, das die meiste Zeit beim BBQ hinter Eric her war, dem Sohn im Teenageralter unseres damaligen Präsidenten Case. Jetzt war sie Studentin an der Uni Texas A&M. Auf dem Foto, das Breakneck mir geschickt hatte, sah man, dass sie zu einer dunkelbraunhaarigen Schönheit mit einem unschuldigen Lächeln herangewachsen war.

Die Art Frau, auf die niedere Menschenhändler immer scharf waren.

Das polizeiliche Profil von diesem Abschaum zeigte, dass diejenigen, die solche Frauen kauften, nicht auf künstliche Brüste oder Schlampen standen. Für die hätten sie jederzeit auf der Straße und in Strip-Clubs bezahlen können. Nein, sie wollten unerreichbare Frauen, welche, die sich nie mit ihnen einlassen würden, es sei denn, sie wurden dazu gezwungen. Und leider passte Sarah in dieses Schema.

Wir hatten nicht viel in der Hand, außer der Information, dass die Highway Henchmen dahintersteckten und Breakneck erpressten. Anscheinend hatte sie verraten, dass ihr alter Herr ein Biker war. Normalerweise bekamen gekidnappte Frauen, mit denen Handel getrieben werden sollte, nicht die Chance, von ihren Familien ausgelöst werden zu können. Sie wurden an den Meistbietenden für ein Leben als Sexsklavinnen verkauft. Die Vorstellung, dass Sarah so eine Zukunft vor sich hatte, drehte mir den Magen um und machte mich rasend.

Nachdem ich mir gestern schon den Schmutz der Reise mit der billigen Hotelseife abgeschrubbt hatte, hielt ich diese Dusche kurz. Als ich das Wasser abstellte, hörte ich mein Handy im Schlafzimmer klingeln. Mit einem Handtuch um die Hüften eilte ich hinaus und schnappte es mir. Als ich sah, wer es war, verzog ich das Gesicht.

„Ja?“

„Wo zur Hölle bist du?“, wollte Deacon ohne Begrüßung sofort wissen.

„Ich bin tief gerührt, dass du mich anrufst, obwohl du in den Flitterwochen bist.“

Deacon knurrte mir ins Ohr. „Wechsel nicht das Thema, du Arsch.“

„Ich wollte nur nett sein.“

„Ach, aber du bist nur eine Nervensäge, also gib mir jetzt eine direkte Antwort.“

„Als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, hatte ich das Präsidenten-Patch an der Kutte.“ Mir war klar, dass diese Worte dasselbe waren, wie eine angriffslustige Klapperschlange zu reizen. Auch wenn ich der Präsident der Hells Raiders war, schuldete ich Deacon trotzdem eine Erklärung.

„Okay, Mistkerl, dann erklär doch bitte deinem neuen Vizepräsidenten, warum seine Brüder von seiner Hochzeit abgehauen und jetzt in Texas sind.“

Resignierend lehnte ich mich an den Tresen. Ich wusste, dass ich seinen Fragen nicht länger ausweichen konnte. „Es ist kompliziert.“

„Ich bin ganz Ohr.“

Langsam rollte ich die Geschichte von Sarahs Entführung auf und wie wir sie aus den Händen der Entführer befreien wollten.

Als ich fertig war, murmelte Deacon: „Verfickte Scheiße.“

„Ja, das bringt es ziemlich genau auf den Punkt.“

Deacon seufzte ins Telefon. „Mann, ich kann nicht glauben, dass du einfach abgehauen bist, ohne die Sache hier auf den Tisch zu bringen. Du bist der Präsident, verdammt noch mal. Auch wenn es dich ehrt, das für Breakneck tun zu wollen, geht es dabei nicht nur um dich. Es betrifft den ganzen Club.“

„Du sagst mir nichts Neues. Sag den Jungs einfach, ich stelle mich den Konsequenzen später.“

„Ich hoffe nur, dass es nicht noch schlimmer kommt.“

Ich stieß mich vom Tresen ab. „Stellst du mein Urteilsvermögen infrage?“

„Hör zu, ich kenne dich und deinen Ehrenkodex. Du wirst tun, was du tun musst, um Sarah wiederzubekommen.“

„Das klingt, als ob du es für falsch hältst.“

„Das ist es auch, wenn die Raiders versuchen sollen, anständig zu werden.“

Obwohl er es nicht sehen konnte, schüttelte ich ungläubig den Kopf. „Was stimmt nicht mit dir? Wir reden hier vom Leben einer unschuldigen Frau. Das Kind eines unserer Brüder. Hast du vergessen, dass die Raiders sich gegenseitig um jeden Preis beschützen? Du würdest alles tun, wenn jemand Willow oder Alexandra hätte. Mann, das hast du sogar schon.“

„Bring nicht meine Frau und mein Kind ins Spiel“, zischte er.

„Stell meine Entscheidungen nicht infrage, dann mache ich es auch nicht. Denk bitte einen Moment daran, dass Sarah Breaknecks Kind ist, und ich werde alles tun, um sie zurückzubringen. Und sollte das Auswirkungen auf den Club haben, werde ich mich später darum kümmern.“

„Nein, am Ende werden wir alle uns darum kümmern müssen.“

Ich atmete frustriert aus. „Ich weiß, dass du von Alexandra Druck bekommst, was den Club angeht. Aber ich garantiere dir, wenn du ihr sagst, was passiert ist, steht sie voll hinter mir, egal was das für den Club bedeutet.“

Als Deacon leise fluchte, wusste ich, dass ich endlich zu ihm durchgedrungen war. „Du bist so ein sturer Bock“, brummte er.

Ich lachte. „Ich habe vom Besten gelernt, Bruder.“

Deacon schnaubte. „Okay, aber sei vorsichtig.“

Da Deacon nicht gerade der emotionale Typ war, war ich ein bisschen gerührt von seiner Anteilnahme. „Mach ich. Aber das ist etwas, das ich so oder so tun muss.“

„Glaub mir, das verstehe ich. Es muss mir nicht gefallen, aber ich kann es auf jeden Fall nachvollziehen.“

„Wir werden so schnell es geht zurückkommen.“

„Ruf mich an, sobald ihr sie habt.“

„Okay.“

Nachdem Deacon ohne Verabschiedungsfloskel aufgelegt hatte, was typisch für ihn war, zog ich mich an. Doch egal wie sehr ich mich bemühte, konnte ich das ungute Gefühl bei der Sache, das mir unter die Haut ging, nicht abschütteln. Obwohl ich Deacon gegenüber nie meine Befürchtungen zugeben würde, wusste ich, dass er recht hatte. Sarah zu befreien würde Auswirkungen auf den Club haben.

Doch da hatte ich noch keine Ahnung, wie schwerwiegend diese sein würden.

Bishop kam mit Frühstück zurück und nach einer halben Stunde waren wir wieder auf der Straße.

Nach einem kurzen Halt zum Mittagessen und Tanken erreichten wir den Außenbezirk von El Paso kurz vor neunzehn Uhr. Wir hatten eine Verabredung mit den Texas-Brüdern in deren Strip-Club, der in einer der schäbigeren Gegenden der Stadt lag.

Als ich den Seitenständer des Bikes ausklappte, schrie jeder Muskel in mir schmerzerfüllt auf. Es war schon lange her, dass ich so eine lange Tour hingelegt hatte. Die weite Strecke, gepaart mit dem Stress, machte mich irgendwie altersschwach. Ich sehnte mich nach nichts mehr als einer warmen Mahlzeit und einem kalten Bier. Doch als ich das blinkende Schild mit der halb nackten Frau darauf betrachtete, auf dem Rising Phoenix stand, wurde mir klar, dass ich die heiße Mahlzeit vergessen konnte und stattdessen jede Menge heiße Weiber vorfinden würde.

„Oh Mann, sind wir Glückspilze, oder was?“, fragte Bishop und nahm seinen Helm ab.

Ich lachte in mich hinein. „Nur du, kleiner Bruder, kannst an dieser Situation noch was Gutes finden.“

„Ach, komm schon. Wir sind seit drei Tagen unterwegs. Was gibt es Besseres, um runterzukommen, als einen Lapdance und ein kühles Blondes?“

„Muss ich dich daran erinnern, dass wir nicht zum Spaß hier sind?“

Bishop verdrehte die Augen. „Himmel noch mal. Du bist immer so ein steifer Arsch.“

Ich ignorierte das und ging über den Schotter auf das Gebäude zu. Zwei Muskelmänner in Raiders-Kutten bewachten die Eingangstür. Als sie uns sahen, erschien ein Grinsen auf ihren knallharten Gesichtern. Der Größere trat vor.

„Der Prez hat gesagt, wir sollen nach euch Ausschau halten.“

Ich erwiderte das Lächeln und hielt ihm meine Hand hin. „Ich bin Reverend Malloy und das ist mein Bruder Bishop.“

„Snake, und das hier ist Weasel“, antwortete er und deutete auf den anderen Kerl. „Geil, euch kennenzulernen. Vor ein paar Jahren habe ich mal in eurem Clubhaus übernachtet.“ Er zwinkerte mir zu. „Ihr Georgia-Jungs wisst genau, wie man die Brüder bestens unterhält.“

Ich lachte. „Das kann man so sagen.“

Snake trat vor uns und öffnete die Tür. „Ich bringe euch zum Prez.“

„Danke, Mann.“

Der Club erinnerte mich an die Lounge, den Strip-Club der Raiders zu Hause. Während Deacon und Bishop sich immer gern dort aufhielten, war ich nie so begeistert davon gewesen. Vielleicht wegen meiner bösen Erinnerungen. Als ich alt genug war, um es eigentlich besser zu wissen, hatte ich dort nach Liebe und Partnerschaft gesucht. Doch ich fand nur ein Mädchen, das nicht nur mein Herz brach, sondern es auch noch in Stücke riss. Sie sah in mir ihren Fahrschein aus dem Stripperleben und führte mich an der Nase herum. Es ist eine Sache, wenn einem erzählt wird, dass sein Mädel fremdgeht, aber eine andere, wenn man sie dabei erwischt, wie sie einen deiner Brüder vögelt. Das ist eine ganz andere Ebene von abgefuckt. Sie wurde aus dem Club geschmissen und floh aus der Stadt, und der Bruder wurde in ein anderes Chapter geschickt, nachdem ich mit ihm fertig war, und ich blieb zurück mit jeder Menge Kummer. Das war jetzt drei Jahre her, und ich fragte mich immer noch, ob ich wohl ewig Single bleiben würde.

Man konnte nicht viel gegen ein gründlich zerstörtes Vertrauen unternehmen.

Zwischen den Stammgästen saßen drei Männer in Raiders-Kutten. Als sie uns sahen, erhoben sie sich von den Barhockern und kamen auf uns zu. Einer, nicht viel älter als ich, aber mit weißem Haar, trat vor.

„Das ist unser Präsident, Ghost Phillips“, stellte Snake ihn vor.

„Rev Malloy.“

Ghost schüttelte meine Hand. „Schön, dich zu treffen, Mann. Ich wünschte wirklich, die Umstände wären anders.“

„Ich auch.“

Er deutete mit dem Daumen hinter sich. „Das sind Undertaker und Chulo, unser Vizepräsident und der Sergeant of Arms.“

Ich nickte den Männern zu.

Ghost zeigte auf einen Tisch. „Setzt euch. Ich besorge was zu trinken.“

Ehe ich Einspruch erheben konnte, dass wir keine Zeit für gemütliche Trinkrunden hatten, hatte Ghost bereits der Kellnerin gewunken. Zögerlich ließ ich mich auf einen Stuhl sinken. Innerhalb von Sekunden spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich sah hoch und eine langbeinige Blonde setzte sich auf meinen Schoß und presste ihr üppiges Dekolleté an meine Kutte. Als sie anfing, ihre Mitte an meinem Schritt zu reiben, hielt ich unwillkürlich kurz die Luft an.

Sie lächelte. „Hey, Baby, du siehst zum Anbeißen aus.“

Ich riss mich von ihrem Anblick los und sah Ghost an.

Er zwinkerte mir zu.

„Wir wollten euch ein bisschen von unserer El-Paso-Raiders-Gastfreundschaft zeigen, deshalb gehen die Mädels heute aufs Haus. Außerdem dachte ich, ihr könntet ein bisschen Entspannung brauchen nach der langen Fahrt.“

„Na klar“, sagte Bishop und betrachtete bewundernd die Brünette, die sich an ihm rieb.

Ich teilte Bishops Begeisterung für diese Art der Gastfreundlichkeit nicht. Es ärgerte mich, dass Ghost und seine Leute die Ironie darin nicht erkannten. Irgendwo wurde Sarah zwischen fremden Männern zu deren Vergnügen herumgereicht. Sicher, der Unterschied lag darin, dass die Frauen hier dafür bezahlt wurden und es freiwillig taten, während Sarah keine Wahl hatte, aber es stieß mir trotzdem sauer auf.

Ich schüttelte den Kopf, schob die Blonde sanft von meinem Schoß und stellte sie auf ihre Plastikpumps. Ich atmete tief durch, um Ghost und seine Männer nicht zu beleidigen. „Das ist nett von dir, Ghost, aber da es um Breaknecks Tochter geht, haben wir leider keine Zeit zu verlieren.“

Ghost lächelte leicht verbissen. „Verstehe, Bruder. Ich wollte nur, dass ihr die Nachricht, die ich euch mitteilen muss, etwas leichter nehmen könnt.“

Misstrauisch hob ich die Brauen. „Du meinst, dass die Info über Sarah schlimmer ist, als wir dachten?“

Er nickte. „Kommt mit. Gehen wir irgendwohin, wo wir uns besser unterhalten können.“

Nachdem Bishop unwillig von seinem Mädchen abgelassen hatte, folgten wir Undertaker und Chulo zwischen den Tischen hindurch in den hinteren Teil des Clubs. Dort bewachte ein weiterer Muskelmann eine Tür. Er nickte Ghost zu und trat zur Seite.

Wir folgten Ghost durch einen schwach beleuchteten Flur bis zur letzten Tür links. In dem Raum befand sich ein imposanter Mahagonitisch mit zehn Stühlen. Anscheinend wurden hier kurzfristig einberufene Sitzungen abgehalten. Ich setzte mich Ghost gegenüber und rieb ungeduldig die Knöchel auf der Tischplatte.

„Nach eurer Anfrage habe ich sofort die Fühler bei unseren Informanten nach den Entführern ausgestreckt.“

Er holte einen Umschlag aus der Innentasche seiner Kutte. Er nahm ein glänzendes Schwarz-Weiß-Foto heraus und schob es mir zu. Ich hielt die Luft an. Sarah. Sie war in einer College-Bar und hatte ein paar Drinks mit ihren Freunden. Ihr gegenüber saß ein Kerl in einer Clubkutte auf einem Barhocker. Um sicher sein zu können, hätte ich eine Lupe gebraucht, aber ich glaubte, dass es ein Henchmen war. Anscheinend war sie schon länger auf deren Radar, wenn sie sich die Zeit nahmen, sie zu fotografieren.

Ich zeigte Bishop das Foto und er fragte: „Können wir das behalten, um den Kerl aufzuspüren?“

Ghost schüttelte den Kopf. „Es war zwar einer dieser Kerle, aber dort ist sie nicht mehr.“

Ich lehnte mich vor. „Was meinst du damit? Sie fordern Lösegeld für sie.“

„Die Henchmen handeln normalerweise nicht mit Menschen. Aber ab und zu kidnappen sie Mädchen, um sie an einen rivalisierenden Club zu verkaufen, mit dem sie sich verbünden wollen.“

„Welcher Club?“

Ghost verzog das Gesicht. „Die Diablos.“

„Guter Gott“, entfuhr es mir.

Es war eine Sache, von den Henchmen entführt zu werden. Obwohl sie gefährlich waren, rangierten sie doch recht niedrig und hatten nicht viele Verbündete. Die Diablos allerdings spielten in einer ganz anderen Liga. Unter den Top 5 der größten Clubs der Welt rangierten die Diablos ganz oben bei den Hells Angels und den Mongols. Sie wurden nicht nur vom FBI und der ATF – der Abteilung für Alkohol, Tabak, Waffen und Sprengstoff – als gefährlich eingestuft, sondern auch von den anderen Clubs. Sie arbeiteten mit den mächtigsten Drogenkartellen in Mexiko zusammen. Sie waren für ihre extremen Foltermethoden bekannt, und es war ihnen scheißegal, ob sie Frauen oder Kinder ausschalten mussten, um zu bekommen, was sie wollten.

Das änderte die Sache enorm. „Bist du ganz sicher?“

Undertaker nickte. „Ich habe einen Kontakt an der Grenze. Er hat bestätigt, dass eine Frau, auf die Sarahs Beschreibung passt, gestern Früh nach Juárez verschleppt wurde.“

Ghost holte noch ein Foto aus dem Umschlag und schob es über den Tisch. „Das hier haben wir heute Nachmittag erhalten.“

Erneut hatte ich ein Schwarz-Weiß-Foto von Sarah vor mir. Doch dieses Bild zeigte nur einen Schatten von der Frau, die auf dem anderen Foto fröhlich lachte. Ihr Blick war auf ihren Schoß gerichtet, wo sie die Hände gefaltet hatte. Selbst das Foto vermittelte deutlich ihre Angst.

„Aber ich dachte, die Kartelle entführen Frauen und schleusen sie aus Mexiko aus, und nicht umgekehrt“, sagte Bishop.

„Jetzt kommt, was euch nicht gefallen wird“, antwortete Ghost.

Ich schnaubte. „Mir gefällt an der ganzen verfickten Sache nichts.“

Ghost nickte Chulo auffordernd zu.

„Es sieht so aus, als wären weiße junge Frauen der Oberklasse zu einer wachsenden Handelsware bei hochrangigen Kartellmitgliedern geworden. Das El-Paso-Chapter der Diablos beobachtet College-Bars und Campusse. Irgendwo außerhalb von Juárez haben sie ein Camp, wo sie die Mädchen unterbringen, bevor sie sie an den Meistbietenden verkaufen“, erklärte Chulo.

„Wem gehört das Camp?“, fragte Bishop.

Chulo trank einen großen Schluck Bier, ehe er antwortete. „Einem Kerl namens Mendoza. Er ist einer von Rodriguez’ Lugartenientes.“ Als Bishop und ich ihn ahnungslos ansahen, zwinkerte er. „Das bedeutet Lieutenant für euch Gringos.“

Verwirrt runzelte ich die Stirn. „Moment – also ist er einer ihrer Soldaten?“

Chulo schüttelte den Kopf. „Als Lugarteniente steht er an zweithöchster Position innerhalb des Kartells. Er überwacht die unteren Ebenen, wie zum Beispiel die Auftragskiller.“

Tausend Fragen schwirrten mir im Kopf herum. Ich musste einfach weiterfragen. „Also, wenn er an zweiter Stelle in der Drogenwelt steht, wo kommt der Verkauf von Mädchen ins Spiel?“

„Aufgrund der jüngsten Razzien gegen den Drogenhandel ist der Menschenhandel zu einem lukrativen Nebeneinkommen für die geworden“, erklärte Chulo.

Während ich die neuen Infos über Sarahs Entführung verdaute, stützte ich den Kopf mit den Händen ab. Das Ganze ging weit über das hinaus, was ich als Clubmitglied je erlebt hatte, am allerwenigsten als Präsident. Nicht mal Preacher Man oder Case hatten sich je mit einem Kartell angelegt. Sie hatten begriffen, dass die Risiken schwerer wogen als die Vorteile, und hatten sich strikt aus dem Drogengeschäft herausgehalten.

„Also sind wir sozusagen im Arsch“, sagte Bishop neben mir.

Ich hob den Kopf und warf ihm einen Blick zu. „Vielleicht im Moment, aber wir werden Breakneck nicht im Stich lassen.“

„Schön, das zu hören“, sagte Undertaker.

Ich sah ihn an. „Was meinst du damit?“

Mit einem listigen Funkeln in den Augen antwortete er: „Ich meine, dass wir euch helfen, da reinzugehen und euer Mädchen rauszuholen.“

Ich hob eine Braue. „Ist das dein Ernst?“

„Fuck, ja.“

Ich schüttelte den Kopf. „Dafür bin ich zwar dankbar, aber das kann ich nicht von euch verlangen.“

Chulo schnaubte. „Wir fragen gar nicht nach eurer Erlaubnis. Außerdem haben wir unsere eigenen Gründe.“

„Er hat recht“, sagte Ghost, ehe ich weiter widersprechen konnte.

„Und was für einen Grund könntet ihr haben, gegen die Diablos und das Rodriguez-Kartell vorzugehen?“, wollte ich wissen.

Ghost lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Seit sechs Monaten setzen die Diablos Clubs in ganz Texas und Louisiana unter Druck, sich bei ihnen einzupatchen.“

„Ich nehme an, dass ihr daran kein Interesse habt.“

Ghost verengte die blauen Augen und sah mich an. „Lieber würden wir sterben, als ein anderes Abzeichen als das der Raiders zu tragen.“

„Glaub mir, das verstehe ich. Aber trotzdem muss ich euch warnen, worauf ihr euch da einlasst.“

„Das ist uns verdammt bewusst“, sagte Undertaker.

Ich betrachtete die drei tapferen Gesichter und begriff, dass ich ihre Meinung nicht ändern konnte. Ich lächelte. „Dann muss ich sagen, dass ich für eure Hilfe sehr dankbar bin.“

Neben mir bewegte sich Bishop auf seinem Stuhl. „Da Rev und ich keine Ahnung haben, wie wir es anstellen sollen, hoffe ich, dass ihr Jungs einen Plan habt, wie wir nach Mexiko kommen und gegen den zweithöchsten Drogenbaron antreten können.“

Ghost lachte in sich hinein. „Ja, wir haben einen Plan.“

„Hoffentlich ein klassischer A-Team- oder Navy-SEAL-Scheiß“, antwortete Bishop. Sein Ausdruck signalisierte, dass er nicht sehr von den Fähigkeiten der El Paso Raiders überzeugt war.

Ghost erhob sich von seinem Stuhl und verengte die Augen. „Vertrau uns. Wir haben einen verfickten Plan.“

Kapitel 2

Annabel

Zwei Monate zuvor …

Mit einer Patientenakte in der Hand eilte ich durch den Flur. Als ich das Wartezimmer öffnete, hoben sich Köpfe, und erwartungsvolle Blicke trafen auf meinen.

„Herschel Greene?“, fragte ich und sah noch einmal auf die Akte.

Eine ältere Frau in einem ausgeblichenen rosa Tupfenkleid erhob sich vom Stuhl. Zu ihren Füßen brummte eine moppelige Bulldogge, als sie geweckt wurde.

Ich lächelte das Pärchen an. „Kommen Sie bitte mit.“

Mrs. Greene erwiderte mein Lächeln, und sie und Herschel folgten mir den Flur entlang zu den Behandlungszimmern.

„Ich habe Sie hier noch nie gesehen, sind Sie neu?“, fragte sie mich, während ihre Absätze auf den Fliesen klackerten.

Diese Frage hörte ich nicht zum ersten Mal von einem der Stammkunden, seit ich in der Tierklinik als Praktikantin eingestellt worden war, während ich das College besuchte. Immer wenn ich diese Frage beantworten musste, hatte ich ein bisschen mehr Heimweh. Immerhin hatte ich vierundzwanzig Jahre am selben Ort unter denselben Menschen gelebt. Am meisten vermisste ich meinen Freundeskreis.

Zu Hause in Virginia hatte ich mich nie kritischen Blicken stellen müssen, weil mich einfach jeder kannte. Das war unausweichlich, wenn man ständig in den Medien auftauchte, seit man ein Baby war. Annabel Lee Percy, Enkelin von Hamilton Mullinax, ehemaliger über zwei Perioden regierender Gouverneur, und Tochter von Emmett Percy, des amtierenden Senators.

Ich ignorierte mein Heimweh. „Sie haben recht. Ich bin neu hier. Das ist meine dritte Woche. Ich bin gerade erst hergezogen und studiere Tiermedizin an der Texas A&M.“

„Oh, wie wunderbar.“

Ich schloss die Tür des Behandlungszimmers hinter uns. „Was haben wir denn heute für ein Problem?“

Mit heruntergezogenen Mundwinkeln betrachtete Mrs. Greene ihre Bulldogge. „Mein Herschy ist furchtbar krank. Er kann nichts in sich behalten.“

Als ich etwas in die Akte schreiben wollte, las ich den vorherigen Eintrag. Meine Befürchtungen schwanden dahin und ich musste mir ein Lächeln verkneifen.

„Mrs. Greene muss daran erinnert werden, Herschel nichts Fettes zu füttern, wie Kuchen. Ansonsten konnten keine Magenprobleme diagnostiziert werden.“

Ich sah Mrs. Greene an und nickte. „Ich werde bei Herschel Fieber messen und ihn wiegen, und dann wird einer der Ärzte nach ihm sehen.“

„Herschel mag Dr. Jenkins am liebsten.“

Ich lächelte und bereitete das Thermometer vor. „Ja, Dr. Jenkins kann gut mit Patienten umgehen.“ Ich merkte, dass das zu parteiisch klang, und fügte schnell hinzu: „Natürlich auch Dr. Santini und Dr. Baldwin.“

„Ja, aber Dr. Jenkins sieht unglaublich gut aus, oder?“

Ich hielt inne, als ich soeben Herschel mit dem Thermometer quälen wollte. Ich sah sie an. Sie lächelte und zwinkerte mir wissend zu.

„Äh, ja, ich nehme an, dass er gut aussieht.“ Schnell machte ich mit der Fiebermessung weiter, wobei Herschel kurz japste.

Mrs. Greene sah mich erwartungsvoll an.

„Die Temperatur ist absolut normal.“

Erleichtert atmete sie durch. „Das freut mich zu hören.“

Nachdem ich den skeptischen Herschel gewogen hatte, trug ich sein Gewicht in die Akte ein. „Der Arzt wird gleich da sein.“

„Danke, Miss …“

„Percy. Annabel Percy.“

„Ein hübscher Name für ein hübsches Mädchen.“

Nun war es an mir, mich zu bedanken.

„Ich bin gleich wieder da“, sagte ich, wandte mich der Tür zu und rannte praktisch gegen Dr. Jenkins. „Huch!“, rief ich aus, als ich von seiner Brust unsanft gebremst wurde. „Entschuldigung“, sagte ich.

Er lachte. „Schon gut, Annabel. Ich war gerade auf dem Weg zu Ihnen.“

Überrascht hob ich die Brauen. „Echt?“

„Ich habe da einen Fall, wo das Tier für die Impfung beruhigt werden muss. Ich hatte gehofft, Sie könnten mich mit ihren Zauberkünsten dabei unterstützen.“

„Äh, ich kann es versuchen.“

„Das wäre schön, und der Besitzer denkt bestimmt auch so.“

Als ich ihm durch den Flur folgte, war ich ein bisschen überwältigt, dass er mich aufgesucht hatte. An meinem vorherigen Arbeitsplatz hatte man mich scherzhaft Tierflüsterer genannt, weil ich in der Lage war, Tiere zu beruhigen. Man fragte mich oft, was mein Geheimnis sei, doch ich war mir nicht bewusst, dass ich etwas Spezielles tat. Anscheinend hatte ich einfach nur einen Draht zu ihnen, wenn sie Angst oder Schmerzen hatten.

Als ich ins Behandlungszimmer kam, kauerte ein lieb aussehender Golden Retriever in der Ecke. Bei unserem Anblick zeigte er die Zähne und knurrte uns an. Ohne dass Dr. Jenkins etwas sagen musste, ging ich vor dem Hund in seiner Höhe auf die Knie. Bei dessen aggressivem Blick hielt ich inne, sah ihm direkt in die Augen. Schweigend bat ich ihn, sich zu beruhigen, zu entspannen und dem Arzt zu vertrauen.

Der Hund hielt meinen Blick. Inzwischen nahm Dr. Jenkins die Spritzen und ging langsam zur Rückseite des Hundes. Er setzte die Spritzen, ohne einen Ton des Tieres. Als er fertig war, wich der Hund zurück. Vorsichtig streckte ich die Hand nach ihm aus. Der Hund schnupperte an ihr und ich durfte seinen Kopf streicheln. Er fing an, wie verrückt zu wedeln. „Na siehst du, schon vorbei.“

„Das ist erstaunlich“, sagte der Besitzer mit großen Augen.

Dr. Jenkins lächelte. „Das ist es wirklich. Ich habe noch nie jemanden mit dieser Fähigkeit erlebt.“

Wie ein echter Rotschopf trug ich meine Scham auf den Wangen zur Schau. „Ich bin froh, dass ich helfen konnte.“

Nachdem ich noch eine Handvoll vierbeiniger Patienten empfangen hatte, war es Zeit für den Feierabend. Ich nahm meine Handtasche und ging zur Tür, die allerdings von Dr. Jenkins versperrt wurde.

Er lächelte mich freundlich an. „Annabel, ich wollte nur noch mal Danke sagen. Sie sind so wichtig für die Klinik geworden.“

Ich kämpfte schwer dagegen an, erneut zu erröten. „Danke, Dr. Jenkins. Das bedeutet mir sehr viel.“

„Josh“, sagte er. „Nenn mich Josh.“

Ich lächelte. „Danke, Josh.“

Die Stille zwischen uns wurde peinlich, während wir uns an der Grenze bewegten, weiterhin auf beruflicher Ebene zu bleiben oder in privateres Terrain überzugehen. Mit ihm war es von Anfang an anders gewesen. Schon von Beginn meiner Arbeit hier an hatte mich Josh Jenkins anders angesehen als die anderen. Und ehrlich gesagt, ich ihn auch.

Schließlich räusperte sich Dr. Jenkins und trat zur Seite. „Gut, äh, also, einen schönen Abend dann.“

„Danke. Dir auch.“

Als ich durch die Tür entkommen war, unterdrückte ich den Drang, zu meinem Auto zu rennen.

Schon immer hatte ich davon geträumt, Tierärztin zu werden, was meinen Eltern gar nicht gefiel. Als Politikerfamilie sahen sie keine Möglichkeit, wie eine Tierärztin die Karrieren meines Vaters und meines zukünftigen Ehemannes unterstützen könnte. Natürlich verstand es sich von selbst, dass mein Ehemann aus den besten sozialen Kreisen zu stammen hatte. Meine Eltern würden mein Interesse an Dr. Jenkins haarsträubend finden.

Ich war nicht, wie meine ältere Schwester Lenore, auf eine politische Karriere hin erzogen worden. Nachdem sie ihr Jurastudium an der Harvard Uni als Beste ihres Jahrgangs abgeschlossen haben würde, würde sie die nächste Senatorin oder politische Repräsentantin unserer Familie werden.

Ich war mehr das hübsche Gesicht, dessen leiser Charme mehr wie Jackie Kennedy war als Hillary Clinton. In den Augen meiner Eltern sollte mein Lebensziel sein, gut zu heiraten und die politische Karriere meines Ehemanns zu unterstützen.

Während sie schon immer meine wahren Talente unterschätzten, hatte ich diese still und heimlich weiterverfolgt. Nachdem ich mit einer guten Note in Bio graduiert hatte, schockte ich meine Eltern damit, mich für Veterinärmedizin eingeschrieben zu haben. Die Uni in Virginia hatte mich zwar angenommen und ich hatte die Vorlesungen dort begonnen, doch es juckte mich in den Fingern, die Flügel auszubreiten und unabhängiger zu werden. Zuerst wollten meine Eltern überhaupt nichts dergleichen hören. Ich hatte sie nur dazu bringen können, meine weitere Ausbildung zu finanzieren, indem ich auf die Texas A&M Uni ging. Dabei spielte es keine Rolle, dass diese Uni zu den Top-Unis des Landes für Veterinärmedizin gehörte. Nein, es ging ihnen nur darum, dass Texas ein politisch wichtiger Staat war.

Als ich ins Auto stieg, klingelte mein Handy. Ich warf einen Blick auf das Display und stöhnte. „Wenn man vom Teufel spricht“, murmelte ich. Es war die eine Person, die meine innere Zufriedenheit ganz sicher runterziehen konnte.

„Hi, Mutter.“ Ich zwang mich dazu, erfreut zu klingen.

„Hallo, Liebling. Ich wollte mich nur mal nach dir erkundigen. Daddy und ich fragen uns, wie Texas dich behandelt.“

Trotz der Entfernung zwischen uns konnte ich das falsche Interesse in der Stimme meiner Mutter hören. Zwar schuldete sie mir noch den Pflichtanruf nach meinem Umzug, doch ich wusste, dass sie noch aus einem selbstsüchtigeren Grund anrief – der mit meinen Plänen für heute Abend zu tun hatte.

„Damit willst du sagen, dass du nur wissen willst, ob ich auch wirklich mit Preston Bradford ausgehen werde.“

Das hohe Lachen meiner Mutter ging mir auf die Nerven. „Okay, gut, du hast mich durchschaut. Ich sterbe vor Neugier, ob das Date noch steht.“

Meine Eltern und ihre engen Freunde, die Bradfords, die in Houston lebten, ergötzten sich an der Fantasievorstellung, dass Preston und ich einmal heiraten würden. Nicht nur, um zwei politisch mächtige Familien zu vereinen, sondern auch, um den zukünftigen Präsidenten und seine First Lady zu produzieren. Ich war nicht sicher, wie sie den Quantensprung hinbekommen hatten, aus einer simplen Unterhaltung von Preston und mir Hochzeitsglocken zu machen, doch wenn es sie mir eine Weile vom Hals hielt, gönnte ich es ihnen.

„Ja. Er holt mich um sieben ab.“

„Das ist absolut wunderbar. Ich wusste doch, dass es auf der Feier zum vierten Juli zwischen euch gefunkt hat.“

Ich schnaubte. „Den einzigen Funken gab es, als er aus Versehen meinen Kaftan in Brand gesetzt hat.“

Sollte Preston je Präsident werden, würde er mit Sicherheit Gerald Ford in puncto Tollpatschigkeit übertreffen. Es war noch viel zu früh auf der Party gewesen, um als Ausrede zu benutzen, betrunken zu sein. Er konnte nur sich selbst die Schuld dafür geben, über einen Stuhl gestolpert und auf einen Tisch gefallen zu sein, wobei eine Kerze umfiel und meinen Kaftan anzündete, den ich über dem Bikini trug. Der einzige Grund, warum ich ihn nicht sofort abgeschrieben hatte, war der Umstand, dass er sich so aufrichtig entschuldigt und den Rest der Party rührend um mich gekümmert hatte.

„Um Himmels willen, erwähne das heute Abend bloß nicht. Er wird von seiner Familie schon genug mit seiner Tollpatschigkeit aufgezogen. Es auch noch von seinem Date zu hören, ist das Letzte, was er brauchen kann.“

Ich verdrehte die Augen. „Das würde mir im Traum nicht einfallen, Mutter. Weißt du, ich bin in der Lage, eine inhaltvolle Unterhaltung mit einem Mann zu führen. Du hast mich schließlich auf eine Benimmschule geschickt, hast du das vergessen?“

„Ja, ja, ich weiß. Ich will nur nicht, dass du irgendwas sagst, was ihn abschrecken könnte. Er akzeptiert bereits, dass du planst, eine eigene Karriere zu haben.“

„Ich werde eine eigene Karriere haben“, korrigierte ich sie.

Das genervte Seufzen meiner Mutter signalisierte mir, dass sie genug von meinen Launen hatte, wie sie es nannte. „Okay, wie auch immer, ich wünsche viel Spaß. Okay?“

„Danke. Ich werde mich bemühen.“

„Und lass uns so schnell wie möglich wissen, wie es gelaufen ist.“

„Mutter, ich bin vierundzwanzig und keine sechzehn mehr.“

Ihre Stimme wurde eine Oktave höher. „Annabel – sei so gut, ja?“

„Gut, gut“, murmelte ich und spürte, wie die Kopfschmerzen einsetzten, die ich nach jedem Telefonat mit meiner Mutter bekam.

„Bis später dann.“

„Ja, bis später.“ Ich legte auf und warf das Handy auf den Sitz.

Ich schlug mich durch den Feierabendverkehr zu meinem Apartment und eilte hinein, um mich fertig zu machen.

Nach einer schnellen Dusche stand ich vor dem Kleiderschrank und versuchte zu entscheiden, was ich anziehen wollte. Normalerweise sollte es beim ersten Date etwas sein, das sexy war. Aber in diesem Fall glaubte ich nicht, dass Preston mit seinem übermäßig konservativen Hintergrund das begrüßen würde. Ich entschied mich für Jeans, ein edel wirkendes grünes Oberteil, Pumps und hatte soeben das Schminken und Frisieren erledigt, als es an der Tür klingelte.

Als ich die Tür aufriss, lächelte mich ein adretter und polierter Preston strahlend an. Er trug ein Poloshirt und kakifarbene Hosen.

„Annabel, es ist so schön, dich wiederzusehen.“

Ich erwiderte sein Lächeln. „Ich freue mich auch.“

Seine blauen Augen betrachteten mich vorsichtig. „Weißt du, nach unserem ersten katastrophalen Treffen bei meinen Eltern hatte ich befürchtet, dass du mich nie wieder sehen willst.“

Innerlich stöhnte ich, doch ich schaffte es, abwehrend die Hand zu heben. Ich fragte mich ernsthaft, wie sozial unfähig er war, das überhaupt zur Sprache zu bringen. „Ach was. Ich bin froh, dich besser kennenlernen zu können.“

Preston schien sich über meine gut durchdachte Antwort zu freuen. „Dann lass uns essen gehen. Ich dachte ans Pacey’s.“

Ich war über seine Wahl etwas erstaunt. Das Pacey’s war eine College-Bar und der Hotspot außerhalb des Campus. Es war nicht gerade romantisch dort, aber wahrscheinlich ein neutraler Ort fürs erste Date. Um den Campus herum kannte er sich aus, schließlich studierte er Politikwissenschaft.

„Klingt super.“

Im Pacey’s führte uns die Bedienung in eine etwas ruhigere Ecke. Als ich in die Speisekarte schaute, spürte ich plötzlich ein Prickeln im Genick, als ob mich jemand beobachtete. Als mein Blick zur Bar glitt, sah ich einen umwerfend gut aussehenden Mann. Sein rabenschwarzes Haar war kurz geschnitten, wodurch sein markantes Kinn gut zur Geltung kam, das von einem Dreitagebartschatten bedeckt war, und zu alldem besaß er noch volle, zum Küssen einladende Lippen. Obwohl er saß, sah man, dass er sehr groß war. Das erkannte ich daran, wie er die Beine unter dem Barhocker zusammenfalten musste. Unter dem weißen T-Shirt wölbten sich erstaunliche Brustmuskeln. Über dem T-Shirt trug er eine Lederweste. Ich glaubte, man nannte so etwas Kutte. Solche Männer hatte ich bisher nur im Fernsehen gesehen, noch nie persönlich. Die Kutte mit den aufgenähten Abzeichen gehörte definitiv zu einem Biker. Ehe ich mich beherrschen konnte, leckte ich mir über die Lippen. Daraufhin grinste der Mann sexy. Als er mir zuzwinkerte, senkte ich schnell den Blick und studierte die Speisekarte.

„Was hört sich gut an?“, fragte Preston.

Realitycheck: Soeben hatte ich einen Wildfremden angestarrt, der nicht mal drei Meter von meinem Date entfernt saß. Ich schwor mir, mich voll und ganz auf Preston zu konzentrieren.

Doch sobald die Vorspeise serviert wurde und die Unterhaltung sich irgendwie gezwungen anfühlte, erwischte ich mich dabei, immer wieder zu dem Fremden zu schauen. Und jedes Mal lag sein Blick auf mir. Je länger ich mir diesen schlimmen Finger betrachtete, desto öfter dachte ich daran, wie es wäre, ihn zu küssen.

Bei Männern hatte ich mich bisher immer auf der sicheren Seite bewegt. Ich hatte stets nur die Lieben und Guten gedatet, die Ehemann-Typen. Doch tief in mir waren mir diese Kerle nie genug. Die Zahl meiner Sexualpartner konnte ich an einer Hand abzählen, und keiner davon hatte mich im Bett um den Verstand gebracht. Eine meiner Fantasien war, einmal ein völlig hemmungsloses sexuelles Erlebnis zu haben, an das ich noch viele Jahre später mit errötenden Wangen und Hitze zwischen den Schenkeln zurückdenken konnte.

Während sich das Dinner hinzog, wurde mir klar, dass Preston niemals derjenige sein würde, der mir dieses umwerfende sexuelle Erlebnis schenken könnte. Als die Kellnerin die Rechnung brachte, war ich mehr als erleichtert.

„Jo, Preston“, sagte eine laute Stimme hinter uns.

Preston wirbelte herum und brach in ein breites Grinsen aus. „Hi, Jungs.“ Er stand auf, um das männliche Umarmungs- und Rückenklopf-Ritual mit den drei Jungs durchzuführen. „Perfektes Timing. Annabel und ich haben soeben fertig gegessen.“

Ich hob die Brauen. „Wie bitte?“

Prestons Wangen wurden von einer leichten Röte überzogen. „Äh, hast du was dagegen, noch hierzubleiben und das Spiel anzusehen? Die Jungs und ich haben so eine Art Montagstradition.“

Ich kaute an meiner Lippe und kämpfte mit meinen Gefühlen. Entweder könnte ich hysterisch schreien oder in Tränen ausbrechen. Statt ein echtes Date zu haben, hatte Preston mich einfach in seinen Zeitplan eingearbeitet. Hätte ich irgendwelche romantischen Vorstellungen über Preston gehabt, hätten sie sich in diesem Moment in Luft aufgelöst.

Ich zwang mir ein Lächeln auf. „Okay, gut. Solange es nicht allzu spät wird. Ich habe morgen schon um acht eine Vorlesung.“ Dass ich Football leidenschaftlich hasste, behielt ich besser für mich.

„Natürlich“, antwortete Preston.

„Okay, gut.“ Als ich aus der Sitzecke aufstand, begegnete ich wieder dem Blick des Fremden. Er hob eine Braue, als ob er mich herausfordern wollte. Ich wandte den Blick ab und sah Preston an. „Ich gehe mal kurz wohin. Bin gleich wieder da.“

„Kein Problem.“

Er gab mir einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange, ehe er mit den Jungs in den Sportraum ging. Ich seufzte, nahm meine Handtasche und ging Richtung Toiletten.

Als ich an dem sexy Fremden vorbeimusste, streckte er den Arm aus und packte meinen. Ich machte mich von ihm los. „Was soll das?“

„Lass dir von diesem steifen Langweiler nicht den Abend vermiesen. Setz dich lieber her und trink ein Bier mit mir. Du verdienst einen richtigen Mann.“

In mir kämpften Anständigkeit und Versuchung miteinander. „Danke für das Angebot, aber lieber nicht.“

„Ich konnte den ganzen Abend nicht den Blick von dir wenden.“

Ich hob die Brauen und lächelte neckend. „Du solltest deine Anmachsprüche überarbeiten, dieser hier klingt etwas unheimlich.“

Er warf den Kopf zurück und lachte. „Ja, das mag sein.“ Seine dunklen Augen funkelten. „Du bist eine ganz schöne Kratzbürste, ja?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Mag sein.“

„Weißt du was, Kratzbürste?“

„Was?“

„Du hast mich genauso angebaggert.“ Ein freches Funkeln stand in seinen Augen. „Und weil ich kein Gentleman bin, würde ich sagen, dass du mich den ganzen Abend mit den Augen gefickt hast.“

Ich kreuzte die Arme vor der Brust. „Ach, findest du?“

Er beugte sich zu mir und sein Atem versengte meine Wange. Ganz automatisch schloss ich die Augen bei seiner Nähe. Ich hasste die Empfindungen, die er in mir auslöste, doch gleichzeitig wollte ich sie genießen und erforschen.

„Du fragst dich, wie es mit einem wie mir wäre – einem Biker. Das gute Mädchen, das du bist, will wissen, ob die Gerüchte wahr sind.“

„Du bist dir deiner sehr sicher.“

Er grinste. „So sicher wie das nasse Höschen, das du gerade trägst.“

Mit geweiteten Augen starrte ich ihn an. „So hat noch keiner mit mir geredet.“ Heimlich gefiel mir die Direktheit seiner schmutzigen Worte. Es machte mich neugierig, was er noch alles auf Lager hatte.

„Aber es gefällt dir.“ Als ich protestieren wollte, schüttelte er den Kopf. „Komm schon, ich gebe dir einen Drink aus, Kratzbürste.“

Ich kaute an meiner Lippe und sah zur Tür des Sport- und Spielraumes hinüber. Alles in mir sagte, das sei keine gute Idee. Dass ich so schnell wie möglich zu Preston zurückkehren sollte. Aber ich hatte immer den sicheren Weg gewählt und hatte die Nase voll davon.

„Mach dir um ihn keine Gedanken. Er ist jetzt schon so ins Spiel vertieft, dass er völlig vergessen hat, dass er die geilste Frau, die er je haben wird, vor sich hat.“

„Hast du ein Motorrad?“

Überrascht hob er die Brauen. „Klar habe ich ein Bike. Eine verfickte Harley-Davidson Dyna Super Glide Sport.“

Volltreffer. Jetzt oder nie. „Dreh eine Runde mit mir.“

„Ist das dein Ernst?“

Ich nickte. „Ich habe noch nie auf einem Bike gesessen.“

Er lachte. „Das überrascht mich kein bisschen, Babe.“

Ich dachte an Preston und seine Missachtung meiner Gefühle, was mich antrieb. „Kannst du mich nach Hause fahren?“

„Wartest du nicht auf deinen Freund?“

„Er ist nicht mein Freund. Und nein, ich warte nicht auf ihn.“

Der Mann erhob sich vom Barhocker. „Dann nichts wie raus hier.“

„Warte. Ich weiß nicht einmal, wie du heißt.“

„Johnny.“

„Ich heiße Annabel.“ Als ich ihm folgte, konnte ich die Frage nicht abschütteln, ob das wirklich eine gute Idee war.

Kapitel 3

Annabel

Meine innere Unruhe verschwand schnell. Noch nie hatte ich etwas so Befreiendes gespürt, wie hinten auf Johnnys Bike. Alle Ängste vorm Motorradfahren verflogen. Mit dem Wind in den Haaren, und durch meine Kleidung, schloss ich die Augen und schmiegte mich enger an Johnny.

Ich genoss die Freiheit der offenen Straße. Ich versagte mir die Sorgen, was meine Eltern wohl davon halten würden, dass ich bei einem primitiven Fremden war, oder wie entsetzt sie über mein leichtfertiges Benehmen wären. Innerlich kicherte ich über Prestons Gesicht, wenn er herausfand, dass ich ihn sitzen gelassen hatte. Würde ihm überhaupt auffallen, wie rücksichtslos er gewesen war? Ich fragte mich, ob er mir die lahme Ausrede abkaufen würde, dass ich mich von einem Freund hatte nach Hause bringen lassen.

Als das Bike langsamer wurde, hob ich den Kopf von Johnnys Rücken. Ich runzelte die Stirn, als er auf den Parkplatz eines heruntergekommenen Motels fuhr. Ich hatte ihm den Weg zu meinem Apartment beschrieben und hatte keine Ahnung, was er in dieser Gegend hier wollte.

Johnny fuhr an den Randstein, stellte den Motor ab und stellte das Bike auf den Seitenständer.

Ich zog den Helm ab. „Was wollen wir hier?“

Johnny sah mich über die Schulter an. „Ich dachte, wie gehen rein und lernen uns ein bisschen besser kennen.“

Sofort zog sich mein Magen ängstlich zusammen. Die Realität und Konsequenz meiner Entscheidung brachen über mir zusammen. Zwar fühlte ich mich von Johnny extrem angezogen, aber ich war auf keinen Fall bereit, mit ihm zu schlafen. Ich hätte wissen sollen, dass er für die Tour mehr verlangen würde. „Das ist echt keine gute Idee.“

„Warum nicht?“, fragte er erstaunt.

„Weil ich dich kaum kenne.“

„Dann gib mir die Gelegenheit, dich kennenzulernen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, du verstehst nicht. Ich gehe nicht gleich beim ersten Kennenlernen mit dem Kerl ins Bett.“

Mit einem sehr verführerischen Lächeln antwortete Johnny: „Vielleicht kann ich deine Meinung ändern.“

Ich schluckte die aufsteigende Angst hinunter und zwang mich, nicht in Panik zu geraten. „Hör zu, es tut mir leid, wenn ich dir falsche Hoffnungen gemacht habe, aber du solltest mich nur nach Hause fahren.“ Ich blickte über den einsamen Parkplatz und wünschte mir verzweifelt Menschen herbei. „Ich wäre dir also sehr dankbar, wenn du mich jetzt nach Hause bringen würdest.“

Johnnys dunkle Augen verengten sich. „Das kann ich leider nicht machen, Darling.“

„W-warum nicht?“ Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter.

In diesem Moment öffnete sich die Tür zu dem Zimmer, vor dem wir standen. Drei muskulöse Männer erschienen. Alle trugen dieselben Kutten wie Johnny.

„Was hast du heute aufgerissen?“, fragte der eine mit taillenlangem dunklem Haar.

Ich sah zu Johnny. „Was geht hier vor?“ Im Hinterkopf hatte ich mir die furchtbare Antwort schon zusammengereimt. Ich musste weg von hier, an mein Handy gelangen und die Polizei anrufen.

„Sorry, Darling, aber an dir werde ich eine Menge Geld verdienen.“

Ich stieg vom Bike und rannte, so schnell ich konnte, von Johnny und seinen Kumpanen fort. Obwohl ich mit den hohen Absätzen schlecht rennen konnte, spornte meine Angst mich an. Fast war ich bereits am Büro des Motels, als mich starke Arme um die Taille packten. Ich wurde an Johnny gedrückt und sein Atem brannte an meinem Ohr.

„Denk gar nicht erst ans Wegrennen, Bitch!“

Ich öffnete den Mund zum Schreien, doch eine Nadel stach in meinen Hals und brachte mich zum Schweigen. Mein Kampfgeist trat gegen die Droge in meinem Blut an. Meine Lider wurden schwer, meine Füße hoben ab und ich begann zu schweben.

Mein Körper fühlte sich wie eine Boje an, die auf den Wellen schaukelte. Eben war ich noch draußen und sah zum Sternenhimmel auf und im nächsten Moment in einem Hotelzimmer. Ich wurde auf etwas Hartes gelegt. Meine Lider flatterten, aber egal, wie angestrengt ich es versuchte, ich konnte nicht wach bleiben.

Ich hörte eine Unterhaltung. Es fühlte sich an, wie im Koma zu liegen. Man hört alles, kann sich aber nicht bewegen.

„Das habe ich heute gut gemacht, oder, Jungs?“, fragte Johnny.

Allein der Klang seiner Stimme gruselte mich jetzt. Sämtliche Anziehung, die ich für ihn gefühlt hatte, war verschwunden. Stattdessen verabscheute ich ihn für das Monster, das er war. Ein wahrer Wolf im Schafspelz.

Eine Hand griff nach meinem Kiefer und drehte ihn grob hin und her. „Sie ist etwas älter als die normale Auswahl“, sagte ein anderer Kerl.

Johnny knurrte. „Tja, sie war nun mal im Pacey’s, wie alle anderen Mädchen. Ich nehme mir nicht die verfickte Zeit, zu fragen, ob sie achtzehn sind. Ich wähle sie nach dem Aussehen und der Persönlichkeit aus, und sie sieht besser aus als alle, die ich in den letzten Monaten gefunden habe.“

Ein grausames Lachen ertönte links von mir. „Da hast du recht. Mendoza wird einer abgehen, wenn er sie sieht. Genau sein Typ. Wird sie bestimmt für sich behalten.“

„Dann schlage ich vor, wir holen uns unseren Anteil, solange wir noch die Chance dazu haben“, hörte ich Johnny sagen.

In diesem Moment verließ ich meinen Körper.

Selbstschutz?

Es war, wie auf Schienen zu stehen und den entgegenkommenden Zug anzustarren. Ich steckte mit einem Fuß fest und versuchte mit dem anderen, mich zu befreien, konnte jedoch nichts weiter tun, als meinem Untergang entgegenzusehen.

Grobe Hände überall auf mir. Sie zogen mir die Kleidung aus, begrapschten mich an den intimsten Stellen, was Tränen der Erniedrigung in meine Augen trieb. Unglaubliche Schmerzen verdrängten schnell die Scham, als sie mich vergewaltigten. Es schien kein Ende zu nehmen, ich war in einem fremden alternativen Universum der Entwürdigung und Gewalt gefangen.

Und dort, in einem schäbigen Hotelzimmer, wurde ich immer wieder von fremden Männern vergewaltigt, und die alte Annabel starb in einem Albtraum, den sie sich nie hätte vorstellen können. Ihre gebrochene Seele schwebte davon, allein und hilflos, während ihr geschundener Körper in eine schreckliche Welt gezwungen wurde.

Kapitel 4

Rev

Der Van schüttelte und rüttelte uns durch, als wir über das unebene Gelände ins Niemandsland fuhren. Ich sah aus dem Fenster in die mondlose Nacht und die dunkle Isolation von der Zivilisation.

Es schien unwirklich, dass ich noch vor weniger als achtundvierzig Stunden im Rising Phoenix am Tisch gesessen und mir den Plan der El Paso Raiders angehört hatte. Obwohl ich erst skeptisch gewesen war, dass sie die Ressourcen hatten, es mit einem Kartelllieutenant aufzunehmen, hatten sie mich schnell überzeugt. Ich glaubte jetzt an diese Mission und war sicher, dass Breakneck bald mit seiner Tochter wiedervereint sein würde.

Ich warf einen Blick über die Schulter in die dritte Reihe, wo Breakneck neben Bishop saß. Er war gestern eingeflogen, um an der Rettungsmission teilzunehmen. Zunächst hatte Ghost ihn nicht dabeihaben wollen.

„Er ist emotional zu sehr involviert. Er wird es versauen.“

Doch Breakneck war ihm gegenübergetreten und hatte sein Veto eingelegt, im Club zu bleiben. Schließlich wussten wir nicht, in welcher körperlichen Verfassung Sarah war, also machte es Sinn, den Arzt dabeizuhaben.

Wir konnten nicht einfach halbherzig das Kartell stürmen. Es hatte einen ganzen Tag weiterer Planung gedauert, bis wir bereit waren. Glücklicherweise hatten die El Paso Raiders bereits alle Hebel in Bewegung gesetzt, als Bishop und ich noch unterwegs zu ihnen gewesen waren. Sie hatten eine Menge Verbündete, die uns mit Informationen versorgten. Ihr Besprechungszimmer wirkte mehr wie ein Kriegsstrategieraum im Pentagon, als wir über Landkarten hingen, Fotos der Gegend studierten und Ausdrucke von Google Earth. Wir lernten daraus, dass Mendoza einen relativ kleinen Handel aufzog. Nie hatte er mehr als fünf oder sechs Mädchen im Lager. Deswegen hatte er weniger als zehn Mann auf dem Gelände stationiert. Mit unserer Gruppe aus neun Leuten war das Verhältnis recht ausgeglichen.

Der Standort von Mendozas Sklavencamp lag ungefähr fünfzig Meilen von jeglicher Zivilisation entfernt.

Die Schotterstraße, auf der wir uns befanden, schien sich ewig in die endlose Wüste zu erstrecken. Direkt hinter uns folgten uns noch zwei identische, schwarz verkleidete Vans. In dem einen waren die restlichen Teammitglieder und in dem anderen genug Sprengstoff, um das verkabelte Stahltor von Mendozas Camp in die Luft zu jagen.

„Fuck! Ich würde mir am liebsten die Haut runterkratzen. Ich glaube, ich bin allergisch gegen diese scheiß Tarnfarbe!“, maulte Bishop in die Stille im Wagen hinein.

Zur besseren Tarnung in der Nacht hatten wir uns schwarze Schuhcreme ins Gesicht, auf den Hals und auf die Arme geschmiert.

Trotz der angespannten Stimmung lachte ich. „Himmel noch mal, du benimmst dich genau wie damals, als du die Windpocken hattest. Unsere Eltern konnten drei Tage nicht schlafen, weil sie aufpassen mussten, dass du dich nicht zu Tode kratzt.“

„Mir doch egal“, knurrte Bishop.

Als der Van langsamer wurde, setzte ich mich aufrechter hin.

Chulo drehte sich auf dem Beifahrersitz um und sah zu uns nach hinten. „So, Jungs, hier steigen wir aus und lassen die Vans stehen. Die letzte halbe Meile gehen wir zu Fuß. Wenn das Tor in die Luft geflogen ist, kommen uns die Vans abholen.“

Ich nickte und öffnete die Tür. Ich sprang auf den weichen Wüstenboden. Breakneck folgte mir und danach Bishop. Dann kamen Ranger und Nero, zwei der El Paso Raiders, die wegen ihrer Fähigkeiten ausgesucht worden waren.

Mit seinen zwei Metern Größe und 136 Kilo Lebendgewicht hatte Ranger seinen Namen bei der Army bekommen. Nach zwei Einsätzen in Afghanistan als Army Ranger war er zu seinen MC-Brüdern zurückgekehrt und hatte sein traumatisches Erlebnis geheilt, indem er jeden erledigte, der den Raiders in die Quere gekommen war.

Nero, ein rauflustiger Italiener aus Jersey, war als Sprengstoffexperte dabei. Mit seinen dicken Brillengläsern sah er eher wie ein Technik-Nerd und nicht wie ein knallharter Biker aus. Doch all meine Zweifel an ihm waren verschwunden, als er uns einen Test mit einer selbst gebauten Bombe gezeigt hatte. Da war mir klar geworden, dass er ein wichtiger Teil der Mission war.

„Er bleibt bei den Autos“, sagte Chulo und deutete auf Breakneck.

Sogar im Dunkeln konnte ich Breakneck die Fäuste ballen sehen. „Ich gehe da rein und hole meine Tochter.“

„Du bist ihr keine Hilfe, wenn du dich erschießen lässt“, wandte Chulo ein.

Ich legte eine Hand auf Breaknecks Schulter. „Es ist besser, wenn du hierbleibst. Wenn das hier schiefgeht, werden wir alle dich in einem Stück brauchen, nicht nur Sarah.“

„Fuck“, fluchte Breakneck leise. Nach ein paar angespannten Sekunden nickte er und kletterte in den Van zurück.

Wir checkten unsere Waffen und waren bereit.

„Los geht’s“, befahl Chulo.

Als ich über das raue Wüstengelände rannte, musste ich an meinen einzigen Einsatz in Afghanistan denken. Direkt nach der Highschool hatte ich mich für zwei Jahre bei der Army verpflichtet. Es war die kürzeste Zeit, die man wählen konnte, was mich aus der Stadt brachte, aber immer noch nicht sehr lange von den Raiders fort. Es ging mir weniger um Patriotismus oder darum, dass ich unbedingt zum Mann werden wollte, sondern ich brauchte das Geld zum Studieren. Doch dann endete alles damit, dass ich nach zwei Jahren am technischen College aufhörte und Preacher Man mich dazu brachte, mehr Verantwortung im Club zu übernehmen.

Was ein Kriegstrauma anging, so hatte mich der Lebensstil im Club bereits auf den Horror des Krieges vorbereitet. Das bedeutete zwar nicht, dass ich nicht gelegentlich Albträume hatte, aus denen ich schreiend und schweißgebadet aufwachte. Am Ende waren die Albträume jedoch nur ein Teil von dem, was sich in mir auftürmte. Ich war sicher, dass jeder Seelenklempner, der je in meinen Kopf sehen würde, schreiend davonlaufen würde.

Direkt vor uns erschien eine Reihe von dicht wachsenden Büschen, vielleicht sechshundert Meter vom Tor entfernt. Nachdem wir sie auf der Karte gesehen hatten, hatte Chulo beschlossen, dass hier unser Treffpunkt sein sollte. Als wir alle dort angekommen waren, funkte Chulo dem Waffenwagen. Ich packte mein Sturmgewehr fester und versuchte, mein rasendes Herz zu beruhigen. Das Adrenalin sorgte dafür, dass es Überstunden pumpte. Im Moment gab es nichts weiter zu tun, als auf den Van und die Explosion zu warten.

Als der Transporter ins Sichtfeld kam, sog ich scharf die Luft ein. Er erreichte das Gebüsch, die Tür ging auf und einer der El Paso Raiders sprang heraus. Das Gaspedal war festgeklemmt, sodass der Van weiterfuhr. Kurz vor dem Tor gingen Schüsse los und durchsiebten die Motorhaube. Doch es war sinnlos. Der Transporter krachte gegen das Gitter und explodierte in einem orangeroten Feuerball, der einen Teil des Tors fortriss.

„Jetzt!“, brüllte Chulo.

Ich sprang hinter dem Gebüsch hervor und klemmte mich hinter Ranger. Mit gezogener Waffe trat er ein Stück Tor zur Seite, das nur noch an einem Scharnier baumelte. Er winkte uns, ihm zu folgen. Als ich Mendozas Hof betrat, kam ich mir vor wie in die Army zurückversetzt. Alles wurde mit militärischer Präzision ausgeführt.

Kugeln regneten auf uns herab. Gebückt erwiderten wir das feindliche Feuer, bis wir die zwei Ziele ausgeschaltet hatten. Dann war nur noch die Alarmsirene auf dem Gelände zu hören.

„Geht weiter. Ich gebe euch Deckung“, sagte Ranger.

„Rev, du, Nero und Snake gehen ins Haus“, ordnete Chulo an.

„Okay.“

„Wir übernehmen den hinteren Bunker“, sagte Chulo und nickte Bishop und noch zwei anderen zu.

Mit Nero und Snake eilte ich über den Hof. Als wir die Veranda erreicht hatten, gingen hinter uns Schüsse los. Ich blickte über die Schulter und sah, wie Ranger drei Männer ausschaltete, die auf ihn zurannten. Ich hatte keine Ahnung, wie der Kerl es schaffte, nicht getroffen zu werden.

Mit brutaler Gewalt trat Snake die Haustür ein, während Nero und ich ihn deckten. Als wir auf keine Gegenwehr trafen, betraten wir das Foyer. Der Marmorboden, die Kristallleuchter und die teuren Kunstwerke bewiesen, was man mit Drogengeld alles kaufen konnte. Mendoza genoss offensichtlich die schönen Dinge des Lebens.

Nero räusperte sich. „Okay, ich übernehme den vorderen Teil. Rev den Flur und die Schlafzimmer und Snake die Mitte.“

„Klingt gut“, antwortete ich.

Ich schlich aus dem Foyer und am Wohnzimmer vorbei. Als ich im Flur um eine Ecke bog, empfing mich eine Salve Schüsse. Ich wich in ein offenes Schlafzimmer aus. In der Dunkelheit zog ich ein Messer aus meinem Gürtel. An die Wand gepresst hörte ich Schritte im Flur. Der Kerl mit der Knarre betrat das Zimmer und ich rammte ihm das Messer in die Brust. Der Schlag machte ihn kurz bewegungsunfähig. Ich packte ihn an den Schultern, drückte ihn an die Wand und entwaffnete ihn.

„Wo ist die Amerikanerin?“

„Fick. Dich.“

Ich drückte ihm das Messer an die Kehle. „Die gringa mit den roten Haaren. Wo ist sie?“

Als er den Kopf standhaft schüttelte, erreichte die Wut, die in mir brannte, einen kritischen Punkt. Den, an dem ich die Sinnlosigkeit erkannte. Da der Kerl mir so nichts nutzte, rammte ich ihm das Messer in den Hals. Nachdem seine Arterie durchgeschnitten war, ließ ich ihn auf den Boden sinken.

Er spuckte und zuckte und blutete den weißen Marmor voll. Angewidert sah ich auf ihn hinab und neue Wut kochte in mir hoch. Obwohl ich mich zügeln sollte, trat ich ihm immer wieder in den Bauch und den Schritt.

Als er sich nicht mehr rührte, zog ich das Messer aus seinem Hals. Da eine weitere Waffe immer praktisch war, schulterte ich sein Gewehr.

Das Zimmer hatte leer gewirkt, als ich zuerst hineingesehen hatte. Doch jetzt hörte ich ein anderes Stöhnen. Mit dem Finger am Abzug ging ich weiter über den Marmorboden. Als ich neben dem Bett stand, sah ich eine Blutlache auf dem Boden und eine Frau darin.

„Heilige Mutter Gottes“, murmelte ich beim Anblick der zusammengerollten Frau vor mir. Ich ließ die Waffen sinken und kniete mich auf den Marmor. Die Frau trug nur ein weißes Männeroberhemd. Außer dem Blut war ihr Körper voller schwarzer und blauer Hämatome. Jemand hatte sie gründlich zugerichtet. Offensichtlich hatte man sie hier zum Sterben liegen lassen.

Ich hielt inne, als ich ihr das rotbraune Haar aus dem Gesicht gestrichen hatte. Sarah hatte diese Haarfarbe. Hatte ich sie etwa zufällig gefunden? Konnte es wirklich so einfach sein?

„Sarah?“, fragte ich sie. „Sarah?“, wiederholte ich ungeduldiger. Ihre geschwollenen Augenlider flackerten. „Bist du Sarah Edgeway?“

„Annabel“, wisperte sie.

Es fühlte sich wie ein Tritt in die Eier an, dass es nicht Sarah war. Trotzdem war mir sofort klar, dass ich sie retten musste. Ich zog sie näher, schob einen Arm unter ihren Rücken und den anderen unter ihre Kniekehlen. Als ich aufstand, schrie sie vor Schmerzen auf.

„Es tut mir leid, aber ich werde dir helfen. Versprochen.“

Überraschenderweise öffnete sie die Augen und sah mich an. „J-Jesus?“, krächzte sie.

Nach einem kurzen Moment wurde mir klar, dass ich mit dem ungekämmten Haar und dem Bart wie eine religiöse Figur aussehen musste. Bei dem hoffnungsvollen Blick aus ihren blutunterlaufenen Augen fühlte es sich schrecklich an, sie enttäuschen zu müssen. „Nein, ich bin Rev“, sagte ich lahm.

Das schien sie nicht trösten zu können. Sie verzog das Gesicht „Schmerzt.“

„Ich weiß. Halte durch. Ich bringe dich hier raus.“

An der Tür spähte ich nach links und rechts. Die Bahn schien frei zu sein, also marschierte ich los. Mit dem Mädchen auf den Armen war es etwas schwieriger, sich den Weg durch das Zimmerlabyrinth zu bahnen.

Als ich endlich aus der Haustür trat, traf mich der stechende Schmerz einer Kugel in die Wade. „Scheiße“, stöhnte ich und wirbelte herum. Als ich erkannte, dass es keiner unserer Jungs war, der mich aus Versehen getroffen hatte, begann ich, zu feuern. Ich erwischte den Kerl an der Schulter und er fiel zu Boden.

Ich stieß die Haustür weit auf und wartete auf mehr Schüsse. Als alles ruhig blieb, trat ich auf die Veranda. Ich spähte in die Nacht und erkannte einen der Vans am Tor. So schnell ich konnte, eilte ich dort hin, wobei ich mein linkes Bein etwas langsamer hinterherzog. Auf halbem Weg über den Hof geschah eine weitere Explosion auf dem Gelände und warf mich zu Boden.

Die nächsten paar Sekunden tickten langsam dahin, als ob die Welt in den Zeitlupenmodus gegangen wäre. Der Knall hatte mein Gehör betäubt und ich hatte das Gefühl, Watte in den Ohren zu haben.

Langsam, aber sicher hörte ich einen Chor aus entsetzlichen Schreien und jeder Menge brüllenden Stimmen.

„Komm schon, Rev“, sagte jemand neben mir.

Ich sah auf und erkannte Chulo. Er packte mir unter den Arm und half mir auf. Dann hob ich das Mädchen hoch.

„Fuck, Mann, du bist getroffen.“

„Nicht schlimm. Ihr geht es schlechter.“

„Sicher, dass du sie tragen kannst?“

Ich nickte. „Aber gib mir Deckung, damit ich mir nicht noch eine einfange.“

„Na klar.“

Annabel mit dem verletzten Bein zu tragen, schien ewig zu dauern, bis ich durch das Tor war. Als ich den Van erreicht hatte, rannte Breakneck auf mich zu.

„Du hast sie gefunden?“ Sein Gesicht erhellte sich.

In meiner Brust zog sich etwas zusammen. Wie konnte ich ihn jetzt seiner Hoffnungen berauben?

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Mann, das ist nicht Sarah. Ich habe sie in Mendozas Privatquartier gefunden. Er hat sie halb tot geschlagen.“

Breaknecks Mundwinkel sanken. „Es ist nicht meine Sarah?“

„Es tut mir leid. Aber vielleicht hat einer der anderen sie gefunden.“

Rufe und Schüsse zogen unsere Aufmerksamkeit auf das, was hinter dem Tor geschah. Unser Team kam um das Haus herum. Einige rannten, einige konnten kaum humpeln. Alle waren von Ruß und Asche bedeckt.

„Was zur Hölle ist passiert?“, wollte ich wissen.

„Der Bunker mit den Mädchen …“ Bishop schüttelte den Kopf. „Er war mit Sprengstoff gesichert. Als wir durch das Alarmsystem waren, hat jemand alles in die Luft gejagt.“

Ich schloss die Augen.

Das war so eine feige Art der Verteidigung. Wenn du erwischt wirst, zerstöre die Beweise deines Verbrechens. In diesem Fall opferte Mendoza das Leben der jungen Frauen völlig grundlos.

Ich öffnete die Augen und sah, wie Breakneck auf die Flammen in der Nacht starrte. Es war eine Qual, zuzusehen, wie die Erkenntnis über ihn kam. Ein unmenschlicher Schrei entkam ihm und er sank auf die Knie. So weit zu kommen, nur um Sarah am Ende doch noch zu verlieren, war einfach nur brutal.

„Okay, Männer, nichts wie weg hier, bevor deren Verstärkung da ist“, befahl Chulo.

Mit schmerzvollem Blick wirbelte Breakneck herum. „Nein! Wir können noch nicht weg. Sarah ist da drin!“

Bishop legte eine Hand auf seinen Rücken. „Es tut mir so leid, Mann, aber sie ist nicht mehr da.“

„Das kannst du nicht wissen. Wir wissen es erst, wenn wir sie gefunden haben.“

Chulo stöhnte genervt. „Hör zu, Mann. Vergiss die Idee, da reinzugehen und nach ihrer Leiche zu suchen, denn da ist nichts mehr übrig. Die haben so viel Sprengstoff benutzt, dass nicht mal die Polizei noch menschliche Spuren finden wird. Hast du das kapiert?“

Obwohl das Begreifen kurz über sein Gesicht huschte, antwortete Breakneck nicht. Er starrte nur erneut auf die Flammen.

Ich warf einen Blick auf die Frau in meinen Armen. „Chulo, wir müssen sie in ein Krankenhaus bringen.“

„Und dich auch“, antwortete er.

„Wurdest du getroffen?“, fragte Bishop.

„Ach, es ist nichts, kaum der Rede wert.“

„Aber dieses Nichts scheint ganz schön zu bluten“, klugscheißte Nero.

„Egal.“ Ich trug das Mädchen zum Van, um sie darin unterzubringen. Als ich sie auf den Sitz legte, fiel mir das frische Blut an ihren Schenkeln auf. „Himmel“, murmelte ich. Ich wirbelte herum und griff nach Breaknecks Arm. „Vergiss mich. Sie hat Blutungen oder so.“

Breakneck warf einen kurzen Blick auf Annabel und wandte sich dann wieder dem Feuer zu. „I… ich kann nicht …“

Ich packte ihn an den Schultern und presste ihn hart gegen den Van. „Hör mir zu. Es tut mir leid, dass wir Sarah nicht rechtzeitig gefunden haben. Und dass du sie verloren hast. Aber du kannst jetzt nicht einfach dichtmachen. Ein anderes Mädchen braucht deine Hilfe.“

Breakneck stieß mich von sich. „Fick dich!“

„Leute, wir müssen los. Sofort“, sagte Chulo.

Der zweite Van startete den Motor. Ich schüttelte den Kopf und sah Breakneck an. „Und was ist mit deinem hippokratischen Eid?“

Er starrte mich finster an. „Mein kleines Mädchen ist gerade umgebracht worden, du Arschloch. Alle anderen interessieren mich einen Dreck. Von mir aus kannst du auch verbluten.“

„Und du glaubst also, dass Sarah das so wollte? Du glaubst, sie wäre stolz auf ihren Vater, dass er sich weigert, jemanden zu behandeln? Ein Mädchen, das durch dieselbe Hölle gegangen ist wie sie?“

Breakneck sah mich nicht an. Er starrte auf etwas an der Hand des Mädchens. Er schob sich an mir vorbei, um zu ihr zu gelangen. Er nahm ihre Hand und betrachtete sie näher.

„Das hat Sarah gehört.“

Überrascht hob ich die Brauen. „Vielleicht waren die beiden befreundet.“

Sanft legte Breakneck die Hand zurück auf die Brust des Mädchens. Er atmete gequält durch. Dann sah er über die Schulter Chulo an.

„Wir müssen zum nächstgelegenen Krankenhaus. Bei der Blutung und vielleicht noch inneren Verletzungen bleibt ihr vielleicht noch eine Stunde. Ich muss versuchen, ihre Blutungen zu stoppen.“

Chulo sah zu mir. „Das Krankenhaus ist dreißig Meilen von hier. Es ist recht primitiv und ganz sicher keine moderne Unfallklinik.“

„Es wird ausreichen“, antwortete Breakneck.

„Positiv daran ist, dass das Personal dort bestechlich ist, was wir dringend brauchen werden“, sagte Chulo.

„Okay. Dann los“, antwortete ich.

Als wir den Van starteten, warf ich noch einen Blick auf Breakneck. Er war total angespannt, und der herzerweichende Kummer stand ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Kind war tot. Ermordet. Es war sehr wahrscheinlich, dass ihn die Endgültigkeit von Sarahs Tod zu einem gebrochenen Mann machte. Doch damit unsere Mission nicht völlig sinnlos war, musste Annabel überleben.

Ich nickte ihm zu und versuchte, ihm mein unausgesprochenes Beileid und meinen Dank zu übermitteln.

Er schüttelte den Kopf. „Danke mir noch nicht. Sie hat noch viel vor sich, um das zu überleben.“

Obwohl Zweifel in seiner Stimme lagen, hörte ich einen Hauch fester Entschlossenheit heraus.

Kapitel 5

Annabel

Ich tauchte aus der Bewusstlosigkeit auf und ein Stöhnen entkam meinen Lippen. Der unsagbare Schmerz, der mich ergriffen hatte, war fort. Zwar begrüßte ich die selige Erleichterung, doch trotzdem kam Panik in mir hoch. Bedeutete der neue Frieden, dass ich tot war?

Angst kribbelte von Kopf bis Fuß durch mich hindurch. Ich zitterte. In meinem benebelten Kopf tobten viele Fragen. Wo war ich? Was war mit mir passiert? Verzweifelt versuchte ich, die Augen zu weiten, um zu sehen, wo ich war, doch sie wollten sich nur halb öffnen. Sie waren zugeschwollen.

Ich dachte darüber nach, warum sie geschwollen waren, und die Ereignisse der letzten paar Stunden kamen zurück. Mendozas zorniges Gesicht, seine wütenden Fäuste und seine brutalen Worte. „Ich bringe dich um, weil du den Namen eines anderen Mannes gesagt hast.“

Als über mir ein grelles Licht anging, ließ ich einen heiseren Schrei über die aufgesprungenen Lippen kommen. Der Frieden, den ich gefühlt hatte, verschwand, als mir klar wurde, dass ich nicht im Himmel war. Stattdessen war ich wieder in der Hölle. Doch als ich um mich schlug, merkte ich, dass es nicht Mendozas Haus war. Ich lag auf einem harten Tisch. Es roch antiseptisch, und ich fragte mich, ob ich in einem Krankenhaus war.

„Schon gut, meine Liebe. Niemand tut dir mehr weh.“

Bei den freundlichen Worten, so mitfühlend ausgesprochen, hielt ich inne. Ich schaffte es, die Augen so weit zu öffnen, dass ich jemanden sehen konnte, den ich nicht kannte. Er trug nicht die Kutte der Diablos. Sondern einen Arztkittel.

Anscheinend konnte er meine Angst und meine Fragen spüren, denn er sagte leise und freundlich:

„Ich bin Dr. Edgeway. Einer meiner Männer hat dich gefunden. Du bist schwer verletzt, wir müssen dich operieren, um dein Leben zu retten.“

Vage erinnerte ich mich an Männer auf dem Gelände. Trotz der Schmerzen erinnerte ich mich an das Chaos um mich. Die Schreie, die Explosionen, die lauten, bedrohlichen Stimmen. Doch Mendoza hatte mich derartig geschlagen, dass ich nichts anderes hatte tun können, als dazuliegen und mein Schicksal abzuwarten. Als ich spürte, wie ich davondriftete, hatte ich Jesus gesehen. Er hatte mich aus Mendozas Zimmer geholt. Mein Retter hatte mir seinen Namen genannt. Ich zermarterte mir das Hirn, um mich an ihn zu erinnern. Endlich fiel er mir wieder ein.

„Rev?“, fragte ich.

Der Arzt hob erstaunt die Brauen. „Er ist draußen. Wenn du ihn sehen willst, kann ich ihn rufen.“

Aus Gründen, die ich selbst nicht verstand, wollte ich den Fremden bei mir haben. „Bitte.“

Er nickte. Als er zur Tür ging, wurde das Zimmer dunkler. Ich kämpfte angestrengt, um wach zu bleiben, damit ich meinen Retter sehen konnte. Als ich ihn im Türrahmen stehen sah, verlor ich den Kampf und versank erneut in der Dunkelheit.

Als ich wieder auftauchte, befand ich mich in einem abgedunkelten Zimmer. Mit Erleichterung schloss ich daraus, dass ich die Operation überlebt haben musste. Als ich meine Position änderte, schoss ein Schmerz durch meinen Bauch, sodass ich nach Luft schnappen musste. Eine warme Hand legte sich auf meine. Instinktiv wich ich zurück. Ich hörte Panik in meinem unterdrückten Schrei. Wer berührte mich? Wo war Dr. Edgeway? Die andauernde Unwissenheit gefiel mir überhaupt nicht.

„Schon gut, Annabel. Ich werde dir nicht wehtun.“

Diese Stimme.

Sie gehörte nicht zu dem Arzt, kam mir aber bekannt vor. Langsam wandte ich den Kopf auf dem Kissen und suchte in der Dunkelheit nach ihm. Über meinem Kopf ging ein Licht an und endlich konnte ich ihn sehen. Sein Blick aus liebevollen blauen Augen nahm mir sofort einen Teil der Angst. Die faszinierende Augenfarbe stand im Kontrast zu seinem mahagonifarbenen Haar. Er saß auf einem unbequem wirkenden Stuhl neben meinem Bett. In der Stille sog ich seine tröstende Anwesenheit und Erscheinung auf. Die langen, jeansbekleideten Beine, das T-Shirt, das voller Blut und Dreck war, das schulterlange Haar, das er sich aus dem Gesicht gestrichen hatte, welches mich mutmachend anlächelte, seine breite Brust.

Als ich bemerkte, dass wir allein im Zimmer waren, prickelte eiskalte Angst an mir entlang. Mein Verstand befahl mir, mich vor ihm zu fürchten. Er war ein Fremder – ein fremder Mann. Er überragte mich weit und besaß eine Muskelkraft, die mir großen Schaden zufügen könnte.

Doch ich brauchte nur in seine Augen zu schauen, die mir sagten, dass es sich um einen friedlichen Riesen handelte und man ihm vertrauen konnte.

Er musste mir mein Zögern angesehen haben und hob eine Hand. „Ich schwöre, dass ich dir nichts antun werde. Solange ich noch atme, wird dir niemand mehr wehtun. Du bist in Sicherheit.“

Ich sah ihn an und dachte über seine Worte nach. „D-du hast mich gerettet“, wisperte ich.

„Ich glaube, so könnte man es ausdrücken.“

Ich war erstaunt, dass er schüchtern den Blick senkte. Diese Reaktion wollte so gar nicht zu dem starken Kerl passen, den er ausstrahlte.

„Du hast mich von Mendoza und aus diesem schrecklichen Ort befreit.“

„Ja.“

„Also, ja, du hast mich gerettet, und ich danke dir dafür.“

Er sah auf und lächelte traurig. „Gern geschehen.“

Ich versuchte, mich etwas aufzusetzen, doch Schmerz jagte erneut durch meine Körpermitte, woraufhin ich das Gesicht verzog.

„Brauchst du mehr Schmerzmittel?“, fragte Rev.

„Nein!“, antwortete ich etwas zu laut und abwehrend, als ich sollte. Als Rev die Brauen hob, schämte ich mich. „Es geht schon“, fügte ich ruhiger hinzu. Ich hasste das Gefühl, benommen zu sein und lahmgelegt. Das letzte Mal hatte ich mich so gefühlt, als ich entführt worden war.

Als der Schmerz nachgelassen hatte, sprach ich weiter. „Wie lange war ich bewusstlos?“

„Einen Tag.“

Ich schnappte nach Luft. „So lange?“

„Nach den Schlägen und der OP hast du es gebraucht.“

„Wie schlimm stand es um mich?“

Rev verzog das Gesicht. „Breakneck war nicht sicher, ob du die OP überleben würdest.“

„Breakneck?“

Rev lachte in sich hinein. „Ich meine Dr. Edgeway.“

„Er war sehr nett zu mir vor der Operation.“

„Er ist ein toller Arzt. Wenn dich einer retten konnte, dann er.“

Ich betrachtete Revs Gesicht und erinnerte mich an mehr von vor der OP. „Ich hatte ihn gebeten, dich zu holen, oder?“

Er nickte. „Und ich kam auch zu dir.“

„Ja“, murmelte ich und erinnerte mich vage, dass er in der Tür gestanden hatte, bevor ich wieder ohnmächtig geworden war.

„Ich war die ganze Zeit bei dir, während du dich erholt hast. Wahrscheinlich ist es gut, dass wir in Mexiko sind, denn ein amerikanisches Krankenhaus hätte das bestimmt nicht erlaubt.“

Ich verstand nicht, weshalb ich mich so zu ihm hingezogen fühlte oder warum ich ihn bei der OP hatte dabeihaben wollen. Schließlich war er ein Fremder. Natürlich hatte er seine Nettigkeit bewiesen, indem er mich aus den Tiefen der Hölle gerettet hatte, trotzdem wusste ich nichts über ihn. War Rev wirklich ein Ritter in schimmernder Rüstung oder hatte ich etwa schon wieder einen Wolf im Schafspelz vor mir?

Als ich die ablenkenden Gedanken beiseitegeschoben hatte, sah Rev mich an. Seit der Entführung war mir meine äußere Erscheinung egal gewesen. Obwohl ich gezwungen worden war, für Mendoza gut auszusehen, war mir seine Meinung einerlei gewesen. Aus irgendeinem merkwürdigen Grund machte ich mir jetzt jedoch Gedanken, was Rev von mir hielt. Ich hob die Hand, in der eine Infusionsnadel steckte, an mein Haar. „Ich muss furchtbar aussehen.“

„Gar nicht. Ich finde, du siehst nach der OP schon wieder viel besser aus. Ich hatte Angst um dich, als ich dich gefunden habe.“

„Ich habe dich für Jesus gehalten“, murmelte ich und spielte auf meine Worte im Camp an.

„Ich bin immer noch nur Rev“, scherzte er.

Darüber musste ich lächeln. Es fühlte sich gut an, wieder lächeln zu können und mit jemandem herumzualbern. Es erinnerte mich an vorher, bevor das mit Mendoza passiert war. „Was ist denn Rev für ein seltsamer Name?“

„Ein Straßenname.“

Ich entriss ihm meine Hand. Nein, das durfte nicht wahr sein. Auf keinen Fall konnte jemand so Nettes wie Rev so sein wie Johnny und seine Kumpane.

Als ich ihn entsetzt anstarrte, sagte er: „Es ist nicht so, wie du denkst.“

„Aber du bist ein Biker, oder? Was gibt es da anderes zu denken?“

„Ich bin ein Hells Raider. Wir sind überhaupt nicht wie die Diablos.“

„Ganz sicher nicht?“, widersprach ich, ehe ich mich bremsen konnte.

Trotz glomm in seinen Augen auf. „Ich habe noch nie eine Frau angefasst, die nicht damit einverstanden war. Und auf keinen Fall habe ich je eine geschlagen. Und wenn ich es gewollt hätte, hätte mich mein Club rausgeschmissen und mir meine Kutte genommen. Eine unserer Regeln lautet, niemals seine Old Lady oder eine andere Frau zu misshandeln.“

„Wirklich?“

Er nickte. „Das war ein Hochzeitsgeschenk, das einer unserer früheren Präsidenten seiner Frau gemacht hat. Sie hatte ein schweres Leben. Viele Männer hatten sie über die Jahre missbraucht.“

Auch wenn ich sie nicht persönlich kannte, spürte ich eine starke Verbundenheit zu dieser Frau. Wir waren beide an einen Club geraten, dem wir niemals hätten beitreten wollen. „Das klingt, als wäre er ein guter Mann.“

Rev verzog kummervoll das Gesicht. „Das war er.“

„War?“

„Er wurde vor ein paar Monaten umgebracht.“

„Das tut mir leid“, antwortete ich. Ich hatte Mitleid mit Rev, denn er strahlte seine Trauer aus.

„Danke.“

Ich verzog das Gesicht und drückte mich im Bett hoch. „Und ich entschuldige mich dafür, dich für so einen Mann gehalten zu haben wie die … die mich verletzt haben.“

„Schon okay. Du kannst nichts gegen deine Gefühle machen. Und ich weiß, was du durchgemacht hast.“

Ich neigte den Kopf zur Seite. „Wovon ist Rev die Abkürzung?“

„Reverend.“

Meine Brauen schossen nach oben bei der Vorstellung, dass Rev eine religiöse Berufung haben sollte. „Du bist ein Pastor?“

„Nein, aber mein Vater war einer.“ Ich musste weiterhin ahnungslos ausgesehen haben. Er holte tief Luft. „Als mein Bruder und ich Vaters Club beigetreten sind, nahmen wir Namen an, die uns mit der Familie verbunden haben, und sein früheres Lebens als Pastor ehrten.“

„Seines früheren Lebens?“

Neuer Kummer zeichnete Revs Gesicht. Er antwortete nicht sofort. Dann blickte er auf seine Hände. „Als ich elf war, verließ er die Kirche und kam zurück in die Bikerwelt. Meine zwei Brüder und ich sind ihm gefolgt, sehr zur Enttäuschung unserer Mutter.“

Ich fühlte mich schuldig, seinen alten Schmerz hochgeholt zu haben. „Das tut mir leid. Anscheinend habe ich heute ein besonderes Geschick, dich zu quälen.“

Er schenkte mir ein kleines Lächeln. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Wo wir gerade von Vätern reden … du möchtest doch sicher deine Familie benachrichtigen. Zwar haben wir herausgefunden, wer du bist, fanden es aber besser, wenn du sie selbst kontaktierst.“

Ich schämte mich dafür, dass Rev das Thema aufgebracht hatte und nicht ich. Allerdings hatte ich mir selbst verboten, an sie zu denken. In den ersten Wochen bei Mendoza hatte ich viel an meine Eltern gedacht. Ich fragte mich, was sie taten und wie sie auf meine Entführung reagiert hatten. Ich hatte darüber fantasiert, dass sie alle Hebel in Bewegung setzten und eine Spezialeinheit schickten, die jede Minute zu meiner Rettung eilen würde. Doch als die Zeit verstrich, aus Wochen zwei Monate wurden und niemand kam, musste ich aufhören, an sie zu denken. Ich musste gestehen, dass ich keine Spuren hinterlassen hatte, denen sie folgen könnten.

„Du weißt, wer ich bin?“, fragte ich.

Er nickte. „Annabel Lee Percy aus Virginia, wohnhaft in Texas.“

Ich war erstaunt. „Und das hast du alles rausgefunden nur anhand meines Vornamens?“

Rev lächelte. „Die Raiders haben viele Talente. Allerdings war es auch nicht wirklich kompliziert, die Liste der Vermissten nach einer Annabel zu durchsuchen.“

„Verstehe.“

Rev griff in seine hintere Hosentasche und holte ein Handy hervor. „Möchtest du sie jetzt anrufen?“

„Nein. Nicht jetzt.“

Bei der Panik in meiner Stimme runzelte Rev die Stirn. Doch im Moment hatte ich nicht die Energie, ihm meine komplizierten Familienverhältnisse zu erklären. Mit Sicherheit fand er es seltsam, dass ich ihm nicht das Handy aus der Hand riss, um mit meiner Familie eine tränenreiche Wiedervereinigung zu feiern. Ich versuchte, meine Reaktion abzumildern. „Ich bin zu müde dafür. Vielleicht morgen Früh, wenn ich etwas ausgeruhter bin.“

Zwar nickte er, doch ich sah ihm an, dass er es nicht verstand. Glücklicherweise wurden wir an dieser Stelle durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Dr. Edgeway erschien.

Er lächelte. „Oh, du bist wach.“

Ich nickte und er kam näher. „Darf ich mal sehen, wie es dir geht?“

„Gern.“

Rev erhob sich. „Ich gehe dann mal raus.“

Obwohl mir klar war, dass ich für die Untersuchung allein sein sollte, spürte ich Bedauern, dass er ging.

Er musste meine Gefühle geahnt haben. „Ich bin gleich hier draußen, falls du mich brauchst.“

„Danke.“

Als wir allein waren, trat Dr. Edgeway näher. Anstatt mich zu untersuchen, stand er unschlüssig neben dem Bett und seine Hand spielte mit Kleingeld in seiner Hosentasche.

„Stimmt etwas nicht?“

Er schüttelte kurz den Kopf. „Bevor ich dich untersuche, muss ich dich etwas fragen.“

„Okay“, sagte ich gespannt.

Dann nahm er etwas aus seiner Tasche. Als er es hochhielt, schnappte ich nach Luft. Es war der Smaragdring, den ich kurz getragen hatte. Mir war noch gar nicht aufgefallen, dass er fort war. Sicherlich hatten sie ihn mir vor der OP abgenommen. „Mein Ring.“

„Dein Ring?“, fragte er in einem vorwurfsvollen Ton.

Ich schrumpfte etwas in die Kissen zurück. „Ja, er gehört mir. Er war ein Geschenk von jemandem, und ich hätte ihn gern wieder.“

„Wer hat ihn dir gegeben?“, wollte er wissen.

„Ein … Mädchen.“ Unter seinem intensiven Blick musste ich schwer schlucken. „Gestern oder vorgestern, ich weiß es nicht mehr so genau.“

Seine Wut ließ etwas nach. „Hatte sie rotes Haar?“

Ich war überrascht. „Woher wissen Sie das?“

Ein schmerzlicher Ausdruck erschien in seinem Gesicht. „Weil sie meine Tochter war.“

In mir zog sich alles zusammen. „Wirklich?“ Er nickte kurz. Zuerst hatte ich das rothaarige Mädchen vom Fenster in Mendozas Schlafzimmer aus gesehen. Sie kam mit zwei anderen Mädchen an, nachdem drei andere verkauft worden waren. Weil alle anderen blond oder brünett gewesen waren, hatte ich überlegt, ob sie eine Konkurrentin für Mendozas Begeisterung für mich sein würde. Ich nahm an, dass ich das mehr als alles andere gehofft hatte. Doch als sie nicht ins Haupthaus gebracht wurde, wurde mir klar, dass es für mich keine Erleichterung geben würde.

Plötzlich ergab alles einen Sinn. „Also deswegen hat Rev mit seinen Männern das Camp gestürmt. Um Ihre Tochter zu befreien.“

„Ganz genau.“

Ein schrecklicher Gedanke kam mir. „Hat sie es nicht herausgeschafft?“

Gequält schloss Dr. Edgeway die Augen. Sein Gesicht verriet seinen ganzen Kummer. „Nein.“

„Das tut mir so leid“, wisperte ich. Ich hatte nur eine kurze Begegnung mit dem Mädchen gehabt. Zehn Minuten, vielleicht fünfzehn. Doch jetzt trauerte ich um sie, als wären wir enge Freunde gewesen.

Dr. Edgeway starrte auf den Ring. „Er war ein Geschenk von ihrer Mutter und mir zum Highschoolabschluss. Sie wollte immer denselben, den ihre Mutter hatte.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum sie ihn verschenkt hat.“

Mir war klar, was ich zu sagen hatte, würde Dr. Edgeway sich nur noch schlechter fühlen lassen. „Sie wollte ihn nicht verschenken. Sie hat mich nur darum gebeten, ihn für sie aufzuheben für den Fall, dass sie ihn sich irgendwann zurückholen kann.“

Seine silbernen Brauen zogen sich zusammen. „Wie meinst du das?“

Nun schloss ich kurz gequält die Augen. „Als ich im Camp ankam, machte Mendoza mich sofort zu seiner Lieblingsfrau. Neben dieser Aufgabe musste ich mich um die neuen Mädchen kümmern, wenn sie frisch ankamen. Weil ich Englisch sprechen konnte, musste ich ihnen sagen, was von ihnen erwartet wurde. Ihnen wurde ihr ganzer Besitz abgenommen. Und ihr Schmuck wurde dafür benutzt, ihre Verpflegung zu bezahlen, bis sie verkauft wurden.“

Die Galle kam mir hoch, als ich daran dachte, wie ich gezwungen worden war, mit ihnen zu reden. Ich konnte ihre Angst nachvollziehen, auch wenn ich selbst nicht so behandelt worden war. Ich hatte meine Einweisung direkt von Mendoza bekommen. Natürlich war meine völlig anders, da ich dazu ausgesucht worden war, im Camp zu bleiben.

Ich konzentrierte mich auf Dr. Edgeway und fuhr fort. „Ich glaube, erst vor zwei Tagen habe ich Sarah getroffen, und sie hat mich gebeten, auf den Ring aufzupassen. Die anderen Mädchen haben nicht so sehr an ihrem Schmuck gehangen, also habe ich ihr den Gefallen getan. Als Mendoza ihn an mir gesehen hat, habe ich ihn angelogen und behauptet, dass ich gern so tun wollte, als wäre er ein Geschenk von ihm gewesen.“ Ekel kam in mir hoch bei der Erinnerung an die Spielchen, die ich zum Überleben hatte spielen müssen. „Nachdem er mich dafür verprügelt hatte, nahm er ihn mir aber nicht weg.“

Dr. Edgeway fluchte leise. „Es tut mir leid, dass du das durchmachen musstest, nur um Sarah einen Gefallen zu tun.“

Tränen stachen in meinen Augen. Tränen der Wut. Tränen der Qual. Tränen der Verzweiflung. Obwohl ich gerührt sein sollte, dass Dr. Edgeway sich für meine Qualen entschuldigte, wollte ihm der schwarze Teil meiner Seele eine runterhauen. Wie konnte er sich nur einbilden, dass sein Mitgefühl die Erniedrigung und anderen schlimmen Erlebnisse, die ich erlebt hatte, mildern könnte? Worte konnten nur das Minimum von dem beschreiben, was ich durchgemacht hatte. Doch genauso schnell wie meine Wut hochgestiegen war, meldete sich meine rationale Seite, die mir sagte, dass ich einen trauernden Vater vor mir hatte, der sein Bestes tat, um durch den Treibsand zu waten, in dem er sich plötzlich befand. „Es tut mir sehr leid, dass ich ihn ihr nicht wieder zurückgeben kann.“ Meine Stimme versagte mir, als ich versuchte, nun seinen Kummer mit Worten zu mildern.

„Mir auch“, antwortete er. Mit einem resignierten Seufzen steckte er den Ring in seine Tasche. „Jetzt machen wir lieber weiter, sonst wundert sich Rev noch, was wir hier so lange machen.“

„Okay.“ Ich wischte mir die Tränen von den Wangen.

Er überprüfte die Infusion. „Ich sollte wohl dankbar sein, dass es hier dieses Krankenhaus gibt, in das wir dich bringen konnten, aber ich bin wirklich alles andere als beeindruckt von der medizinischen Ausstattung im Vergleich zu den USA.“

Als er nach meiner Zudecke griff, hielt ich automatisch die Ecken fester. Ich schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. „Entschuldigung.“

„Musst du nicht. Das ist nicht anders zu erwarten, nach dem, was du durchgemacht hast. Besonders bei einem männlichen Arzt.“

Nachdem ich die Decke losgelassen hatte, zog er sie hinunter und dann mein Krankenhaushemd über meinen Bauch. „Der Schnitt scheint gut zu verheilen, keine Anzeichen einer Infektion.“ Er klopfte leicht meinen Bauch ab, woraufhin ich zusammenzuckte. „Natürlich fühlt es sich noch wund an. Neben der Operation musstest du noch ganz schön zusammengeflickt werden.“

„Was genau wurde an mir gemacht?“

Dr. Edgeway antwortete nicht sofort, sondern zog mein Hemd wieder herunter und die Bettdecke wieder hoch. Endlich, nach einer halben Ewigkeit, räusperte er sich. „Durch die Schläge hatte die Milz einen Riss. Hätte Rev dich nicht gefunden, wärst du innerhalb einer Stunde verblutet.“

Wieder stieg mir die Galle in die Kehle, als ich an die letzten Stunden im Camp dachte. „Es wundert mich nicht, dass Mendoza mich zum Sterben liegen gelassen hat. Er wollte mich tot sehen.“

„Ja, das war deutlich an deinen Verletzungen zu erkennen.“

„Also haben Sie nur meine Milz rausgenommen?“

Nachdem Dr. Edgeway zu Boden geblickt hatte, schüttelte er den Kopf. „Die Schläge führten auch zu einer Fehlgeburt.“

Erschrocken holte ich Luft und er sah mich wieder an. „Ich war … schwanger?“

„Ja.“

Ich konnte das kaum begreifen. Natürlich hatte ich im Camp nicht an meine Antibabypille kommen können, und Mendoza machte sich nicht die Mühe, Kondome zu benutzen. Ich nahm an, die Natur hatte ihren Weg gefunden. Doch bei dem Gedanken, das Kind dieses Monsters in mir zu tragen, wurde mir im Nachhinein noch übel. Wenigstens eine kleine Gnade, dass ich das Kind verloren hatte. Sosehr ich Kinder auch liebte und eines Tages selbst welche haben wollte, glaubte ich nicht, in der Lage gewesen sein zu können, ein Kind von Mendoza großzuziehen.

„Aber ich fürchte, das war noch nicht das Schlimmste.“

„Wie bitte?“

„Die Fehlgeburt führte zu einem inoperablen Riss in der Gebärmutter. Die einzige Möglichkeit, die Blutung zu stoppen, war eine Notfall-Hysterektomie.“

Obwohl Dr. Edgeway weitersprach, konnte ich ihn nicht mehr hören. Wie abwesend legte ich die Hand auf meinen Bauch. Meinen jetzt unfruchtbaren Bauch. „Ich kann keine Kinder bekommen“, wisperte ich fassungslos.

Plötzlich hoffte und betete ich, gleich aus dem Albtraum aufzuwachen, wenn auch in Mendozas Schlafzimmer.

„Du kannst kein Kind austragen, aber du kannst immer noch eigene Kinder haben.“

„Was?“, fragte ich wie abwesend.

„Annabel, sieh mich an“, befahl er. Als ich ihn endlich ansah, sagte er: „Du hast noch deine Eierstöcke. Bei den modernen Befruchtungsmethoden kann dein Kind durch eine Leihmutter ausgetragen werden. Das ist nicht unmöglich, besonders nicht für jemanden mit deinem Hintergrund.“

Er hatte es zwar nicht so gemeint, doch es klang, als wollte er sagen, dass ich dankbar sein sollte, aus einer reichen Familie zu stammen. Angeblich sei das meine Rettung und die einzige Möglichkeit, jemals ein Kind von eigenem Fleisch und Blut zu haben. Doch im Moment bedeuteten mir Geld, Status und Ansehen einen Dreck. All das hatte mich auch nicht vor Mendoza beschützen können. Und kein finanzieller Reichtum der Welt konnte meine zerbrochene Seele wieder zusammensetzen. Es gab Dinge, die Geld einem nicht kaufen konnte.

„Annabel, du wirst heilen und das Leben wird weitergehen.“

„Aber ich werde nie ein Leben in mir tragen.“

Langsam schüttelte er den Kopf. „Nein. Das nicht.“

Schon wieder wurde ich von neuem Kummer und Trauer gequält. Nach allem, was ich durchgemacht hatte, hatte ich doch überlebt, aber nur, um zu erfahren, dass ich keine Kinder kriegen konnte?

Warum?

Tausendmal stellte ich mir diese Frage.

Warum?

Warum ich?

Warum nahmen die schlimmen Dinge kein Ende?

In dem Moment wurde mir klar, dass ich zwar dem körperlichen Albtraum entkommen war, jedoch wohl für immer unter den emotionalen Auswirkungen zu leiden hätte. Diese rabenschwarzen und verzweifelten Gedanken überwältigten mich so stark, dass ich kaum mehr den Kopf hochhalten konnte. „Ich bin erschöpft. Ich glaube, ich muss mich jetzt ausruhen.“

„Es tut mir sehr leid, Annabel. Wenn die Umstände anders gewesen wären und wir dich früher gefunden hätten, hätte ich den Riss vielleicht operieren können, ohne die Gebärmutter zu entfernen.“

Auch wenn er es aufrichtig meinte, wollte ich seine Entschuldigungen nicht hören. Nichts, was er tun oder sagen könnte, würde etwas ändern. Niemand konnte das. Mir wurde klar, dass ich eine Hölle gegen eine andere getauscht hatte.

Von heute an wäre ich für meine Eltern nichts weiter als eine peinliche Bürde. Als eine Frau, die von Kriminellen missbraucht worden war, war ich nur noch so etwas wie defekte Ware. Preston würde nie mehr mit mir ausgehen und mich niemals heiraten, und auch kein einziger anderer Mann in unserem sozialen Umfeld. Und selbst wenn es einer wollte, könnte ich ihm keine Bilderbuchfamilie bieten. Keine politische Werbung würde je ein Paar mit seiner Leihmutter zeigen.

Ich konnte nicht mehr in mein altes Leben zurückkehren. Meine Zukunft schien öde und trostlos. Ich schloss die Augen und wünschte, Rev hätte mich nie gefunden, hätte mich auf dem Boden in Mendozas Schlafzimmer sterben lassen wie der wertlose Müll, der ich war.

Бесплатный фрагмент закончился.

717,64 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
05 ноября 2024
Объем:
310 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783864954603
Издатель:
Переводчик:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги