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Katica Fischer

BETTINAS ENTSCHEIDUNG

Blutbande II

Roman

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten.

Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind allesamt erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt, sondern rein zufällig.

© 2018 Katica Fischer

www.katica-fischer.de

Covergestaltung:

Amela Mecavica und K. Fischer

Bereitstellung und Vertrieb:

neobooks (Neopubli GmbH, Berlin)

Prolog

Oktober 1961

Die Oberfläche des Sees mit den Augen absuchend, fühlte Eckhard, trotz der Wärme des Nachmittags, eine Gänsehaut an seinem Rücken hochkriechen, während er zum Ufer und dann weiter ins Wasser rannte. Er hatte den offenbar in Not geratenen Schwimmer nur durch Zufall gesehen, und wollte nun so schnell als möglich zu der Stelle gelangen, an welcher dieser versunken war. Als er schließlich den vermeintlichen Unglücksort erreichte, tauchte er umgehend ab, um sich in der Tiefe nach dem Verschwundenen umzuschauen.

Für ein oder zwei Sekunden vergeblich suchend, entdeckte Eckhard endlich die noch vollständig bekleidete, aber vollkommen bewegungslos erscheinende Mädchengestalt, die langsam Richtung Grund sank. Also packte er beherzt zu und zog sie zu sich hinauf. Nach Luft schnappend und vor Anstrengung keuchend, schleppte er anschließend die Bewusstlose zum Ufer zurück, wo er sich nur eine kurze Verschnaufpause gönnte, bevor er Wiederbelebungsmaßnahmen ergriff. Als die Verunglückte schließlich hustend und Wasser spuckend zu sich kam, richtete er sich erleichtert auf.

„Verdammt, Mädchen! Was machst du nur für Sachen?“ Es war keine wirkliche Frage, sodass er gar nicht erst auf eine Antwort wartete. „Wär’ ich nicht zufällig vorbeigekommen, du wärst jetzt wahrscheinlich schon mausetot!“

„Sie hätten mich lassen sollen, wo ich war“, brachte die Gerettete mit schmerzlich verzerrter Miene hervor, indem sie sich mühsam aufsetzte. Gleich darauf stellte sie sich mit verschämt gesenktem Blick hin und begann an ihrem nassen Kleid herum zu zupfen, damit es nicht mehr so eng auf ihrer Haut anliegen sollte, weil es ihr unendlich peinlich war, dass man jede Einzelheit ihres Körpers so deutlich sehen konnte, als wäre sie nackt.

„Was denn? Du bist doch nicht etwa …“ Jetzt zum ersten Mal bewusst ihr leichenblasses Gesicht betrachtend, erkannte er sie wieder, und fühlte sogleich sein Herz schneller schlagen. Sie hieß Maria und arbeitete seit ein paar Monaten als Dienstmädchen im Haus seines eigenen Arbeitgebers. Darüber hinaus war sie eine ganz Hübsche. Und er begehrte sie seit dem Augenblick, da sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Allerdings musste er sich mit seinen geheimen Träumen zufriedengeben, dachte er voller Bedauern, denn sie würde bestimmt keinen Mann wie ihn nehmen, weil er, außer sich selbst, nicht viel zu bieten hatte. Außerdem ging das Gerücht, sie hätte ihr Herz schon verschenkt. … Na ja, wenn man davon ausging, dass sie mit voller Absicht ins Wasser gegangen war, dann drängte sich einem schon der Verdacht auf, dass da was passiert sein musste, woran sie arg zu knabbern hatte. Was genau vorgefallen sein könnte, vermochte er nicht zu sagen. Er wusste nur, dass sie zwar ein freundliches, aber auch sehr schüchternes Ding war, das bei jedem lauten Wort verschreckt zusammenfuhr.

„Es gibt nichts, was so schlimm wäre, dass man deswegen sein Leben wegwirft“, ging er nun mit sanfter Stimme auf ihre letzten Worte ein, indem er sich ebenfalls hinstellte.

Trotz ihrer eigenen Seelennot wunderte sich die junge Frau plötzlich darüber, dass sie ihren Retter bisher völlig falsch eingeschätzt hatte. Er war so etwas wie ein Mädchen für alles, erinnerte sie sich, denn er kümmerte sich nicht nur um den großen Garten und die Autos der Herrschaften, sondern auch um die kaputten Dinge in der riesigen Stadtvilla und den dazugehörigen Nebengebäuden. Er war ein sehr ernster Mann, der sich so gut wie nie auf ein längeres Gespräch mit den anderen Angestellten einließ. Doch seine vermeintliche Überheblichkeit war offenbar nur eine vorsichtige Zurückhaltung, die ihn vor Enttäuschungen bewahren sollte! Er wohnte irgendwo in der Stadt auf Miete. Trotzdem war er immer da, wenn man ihn brauchte.

„Doch“, reagierte sie endlich auf seine Feststellung. „Manche Dummheit lässt sich nicht anders strafen.“

Darauf fand Eckhard keine Erwiderung, da er sich nicht sicher war, wie er ihre Worte verstehen sollte. Als ihm jedoch auffiel, dass sie mittlerweile am ganzen Körper zitterte, so als würde sie geschüttelt, fühlte er Mitleid und Sorge um sie. Es war bestimmt nicht nur das nasse Zeug, was sie so flattern ließ, stellte er im Stillen für sich fest. Nein, ihr Bibern kam anscheinend mehr von den Nerven.

„Ich bring dich zurück“, bot er an. „Dann kannst du …“

„Nein!“ Beide Hände abwehrend gegen ihn ausgestreckt, sah Maria ihr Gegenüber aus weit aufgerissenen Augen erschrocken an. „Nein.“ Ihr Gesicht wandelte sich zusehends zu einer gequält wirkenden Maske. „Da will ich nie mehr hin.“ Ein ums andere Mal hart schluckend, bemühte sie sich sichtlich um Haltung. Doch die feucht schimmernden dunklen Augen machten nur zu deutlich, wie nahe sie daran war, in Tränen auszubrechen.

„Dann bring ich dich zu deinen Leuten zurück“, startete er einen neuen Versuch. „Wenn du mir sagst …“

„Da kann ich nicht mehr hin.“ Sie stand jetzt mit kraftlos herabhängenden Armen da und erschien dabei so mutlos, wie ein verstoßenes Jungtier, welches nicht wusste, wie es die nächste Zeit allein überleben sollte.

„Hm.“ Er konnte sie ja schlecht einfach stehen lassen, überlegte er. So verdreht, wie sie momentan wirkte, war davon auszugehen, dass sie sich wieder in den Bodensee stürzte, sobald sie meinte, nicht mehr beobachtet zu werden. Aber das durfte er nicht zulassen, wenn er sich seinen Seelenfrieden bewahren wollte! „Wenn du willst, kannst du mit zu mir kommen.“ Die Worte waren kaum aus seinem Mund geschlüpft, da schalt er sich selbst einen Idioten. Was würde sie jetzt wohl von ihm denken? Sie musste doch glauben, er wolle die Situation für sich ausnutzen! „Ich meine … Du musst zumindest aus den nassen Sachen raus. Und ich … Ich kann dir erst mal was von mir geben, bis dein Kleid wieder trocken ist. Ich könnte auch … Du hast doch ein Zimmer im Gesindehaus, stimmt’s. Also, wenn du willst, kann ich dir deinen Kram holen, und du kannst dann dein eigenes Zeug anziehen. Na, was sagst du?“

Maria brauchte einen Moment, um den Vorschlag ihres Retters zu überdenken. Doch dann nickte sie zustimmend.

„Aber du darfst niemandem sagen, wo ich bin. Versprichst du mir das?“ Im Nachhinein war sie über sich selbst erschrocken und jetzt heilfroh, dass Eckhard ihr Tun beobachtet und sie dann vor einer Todsünde bewahrt hatte. Er war zwar kein Kirchgänger, aber er war ein guter Mensch, dem man getrost vertrauen durfte. Ja, er war bestimmt keiner von der Sorte … Nicht mehr daran denken, ermahnte sie sich. Was geschehen war, konnte man nicht mehr rückgängig machen. Sie musste vielmehr darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte. … Sie würde Eckhards Gastfreundschaft für eine Nacht in Anspruch nehmen und dann schnellstens weiterziehen, entschied sie. Ja, sie musste fort. Am besten so weit wie nur möglich weg. Wie sie seine gute Tat vergelten sollte, wusste sie zwar noch nicht, war sich aber relativ sicher, dass ihr irgendetwas einfallen würde, sobald sie wieder klar denken konnte.

„Na dann.“ Eckhard wollte nicht mehr länger schweigend dastehen und tatenlos zusehen, wie sie fror. „In fünf Minuten können wir bei mir sein.“ Er nickte in die Richtung, wo sein Fahrrad im Gras lag, und fasste dann vorsichtig nach ihrem Ellenbogen, um sie sanft, aber bestimmt mit sich zu ziehen. Vielleicht … Möglicherweise ließ sie sich doch dazu bewegen, ihm eine Chance zu geben, dachte er hoffnungsvoll. Sie musste ja nicht gleich in sein Bett hüpfen. Es würde ihm vollkommen ausreichen, wenn sie ihn vorerst nur als Freund betrachtete, dem sie nicht nur ihren Kummer, sondern auch sich selbst anvertraute, damit er sie vor allem Bösen schützen konnte.

„Was hältst du davon, wenn wir zusammen weggehen?“, fragte er, sobald sie bei seinem Gefährt anlangten. „Ich wollte schon immer in den Norden, weißt du.“ Eine Lüge, ja, gestand er sich ein. Die Idee war ihm nämlich gerade erst gekommen. Aber das war wahrscheinlich die beste Lösung für sie beide. Sie würde leichter vergessen können, wenn sie den Grund für ihren Kummer weit hinter sich ließ. Und er … Na ja, ohne sie wollte er auch nicht mehr dableiben.

„Norden?“ Im Geiste prüfte Maria kurz das Für und Wider seines Vorschlages und nickte dann. „Ja, Norden wäre gut. Das ist bestimmt weit genug weg.“

1

April 1977

Vergleichbar mit einem Wirbelwind, der weder Rast noch Ziel kannte, tobte der kleine Junge durch die Küche, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass er seiner Mutter im Weg war, die gerade das Abendessen zubereitete. Selbst als man ihn mit strenger Miene ermahnte, er solle anderswo spielen, gehorchte er nicht. Stattdessen hopste er wie ein Gummiball um den Stuhl seiner Schwester herum, die am Küchentisch sitzend ihre Schularbeiten machte.

„Ich bin ein Frosch“, verkündete er, indem er das Mädchen immer wieder anrempelte. „Und du bist ein Storch, der mich fangen muss!“

Die Angesprochene schien weder die Anwesenheit des Bruders wahrzunehmen noch dessen Worte zu hören. Die Lippen fest aufeinandergepresst, beugte sie sich noch ein wenig tiefer über das Schulheft und schrieb dabei weiter.

„Anni!“ Die Ungeduld des Fünfjährigen nahm sichtlich zu. „Komm schon, du musst mich fangen!“

„Lass mich zufrieden“, brummte sie ärgerlich. „Siehst du denn nicht, dass ich beschäftigt bin?“ Die Hand des Kleinen abschüttelnd, die nach wie vor an ihrer Bluse zerrte, sah sie ihn das Gesicht verziehen, so als wolle er jeden Moment anfangen zu weinen, dachte jedoch nicht im Traum daran, seinem Wunsch nachzukommen.

„Antonia, hast du nicht verstanden, was er will?“, ertönte es mit einem Mal in ihrem Rücken.

Bettina hasste es, wenn man sie mit ihrem ersten Vornamen rief, denn sie fand ihn altmodisch und zudem auch noch total blöd. Aber das war nicht der alleinige Grund, der sie ungehalten den Kopf heben ließ. Die vorwurfsvoll und zugleich angriffslustig klingende Frage ihres Vaters hatte nun auch noch den letzten Rest ihrer Konzentration zunichtegemacht. Jetzt musste sie die Erledigung ihrer Hausaufgaben auf den späten Abend verschieben, stellte sie verärgert fest, denn erst dann würde sie wieder genügend Ruhe dafür haben. Sie hatte schon eine unwirsche Erwiderung auf der Zunge, blieb aber stumm, wohl wissend, dass allein ihr Aufbegehren reichen würde, um einen völlig unsinnigen Streit auszulösen. Also klappte sie das Schulbuch und das Heft zu, und raffte anschließend alles zusammen, um es in ihre Schultasche zu schieben.

„Guck nicht so beleidigt“, beschied ihr der Vater kalt, indem er sich selbst am Küchentisch niederließ, um eine Zeitung darauf auszubreiten. „Dein Schreibkram kann warten. Aber der Junge braucht jetzt Beschäftigung. Du siehst doch, dass deine Mutter keine Zeit für ihn hat!“

„Warum spielst du nicht ein wenig mit ihm?“ Obwohl ihr bewusst war, dass sie sich besser zurückgehalten hätte, war es der Zurechtgewiesenen nicht gelungen, sich zu beherrschen, denn die jäh aufgeflammte Wut in ihrem Inneren brauchte ein Ventil. Dass ihr Vater daraufhin aufsprang, so als wolle er sich jeden Moment auf sie stürzen, um sie für ihre Frechheit zu strafen, beeindruckte sie aber ebenso wenig, wie die dunkle Zornesröte auf seinen Wangen. Sie war sich nämlich absolut sicher, dass er sie diesmal nicht anrühren würde, denn sie war fest entschlossen, ihn gar nicht erst an sich herankommen zu lassen. Den Küchentisch vor sich, der eine schützende Barriere zwischen ihr und dem wütenden Mann war, stand sie so aufrecht da, als hätte sie einen Besenstiel verschluckt. Dabei sah sie ihr Gegenüber zwischen zusammengekniffenen Lidern wachsam an.

„Du …“ Der Mittfünfziger machte den Eindruck, als wolle er jeden Moment explodieren.

„Was denn?“, tat Bettina erstaunt. „Ich hab’ doch nur wissen wollen, warum du dich nicht selbst um deinen Sohn kümmerst, wo er doch dein Liebling ist.“ Sie war keine Zehnjährige mehr, die er durch sein Geschrei erschrecken, oder die er verprügeln konnte, wann immer er meinte, seine schlechte Laune an ihr auslassen zu können, grollte sie im Stillen. Sie war mittlerweile größer als er. Und sie war vermutlich auch stark genug, um ihn notfalls abzuwehren. Außerdem war sie flinker, sodass er sie kaum zu fassen kriegen würde, wenn sie an ihm vorbeihuschte.

„Warte nur“, drohte er. „Deine Frechheit wird noch ein Nachspiel haben!“

„Hört auf zu zanken“, mischte sich endlich ihre Mutter ein, die bisher so getan hatte, als höre und sehe sie nichts von dem Disput. „Tu, was dein Vater dir gesagt hat“, wandte sie sich dann direkt an ihre Tochter. „Es dauert ohnehin nicht mehr lange, bis das Essen fertig ist. Außerdem brauche ich den Tisch gleich, damit ich aufdecken kann.“

Bettina nickte bloß, während sie gleichzeitig die Schultasche aufnahm. Anschließend packte sie ihren Bruder im Nacken, um ihn sogleich aus der Küche zu dirigieren. In ihrem Inneren brannte zwar immer noch eine mordsmäßige Wut, doch ließ sie sich davon nichts anmerken. Mit energischen Schritten zu dem winzigen Raum strebend, den sie sich mit dem kleinen Bruder teilen musste, und der gerade mal Platz für ein Etagenbett sowie einen Kleiderschrank bot, zählte sie lautlos vor sich hin, bis sie am Ziel anlangte.

„Zum Toben ist es hier zu eng. Darum werde ich dir jetzt etwas vorlesen.“ Im Grunde hatte sie nicht die geringste Lust, sich mit dem Knirps zu befassen. Da sie jedoch davon ausging, dass ihre Unterhalter-Rolle ohnehin bald durch das Abendessen beendet werden würde, griff sie nach einem Märchenbuch, um es sogleich aufzuschlagen.

Die fünfzehnjährige Tochter des Ehepaares Römer wirkte auf den ersten Blick wie eine erwachsene Frau, denn sie war hochgewachsen und besaß schon einen voll entwickelten Körper. Sie war das erste Kind ihrer Eltern, ähnelte aber weder Mutter noch Vater, die beide braunäugig und dunkelhaarig waren. In dem strahlenden Grün ihrer Augen blitzten goldene Funken. Und ihr glänzendes, Weizen-blondes Haar umrahmte ein apart geformtes Oval. Es hieß, ihr Aussehen sei das Erbe ihrer Großmutter mütterlicherseits. Nachprüfen konnte man diese Erklärung aber nicht, weil keine Fotos oder sonstige Abbildungen von dieser Vorfahrin existierten. Allerdings fanden sich im Hause Römer ohnehin nicht viele Erinnerungen an die Vergangenheit, sah man einmal von dem Hochzeitsfoto der Eltern und einigen wenigen Aufnahmen von den beiden Kindern ab.

Schon in ihrer frühesten Kindheit war sich Bettina der unterschwelligen Ablehnung ihres Vaters bewusstgeworden, und hatte daraufhin alles versucht, um seine Zuneigung zu gewinnen. Doch war es ihr nie gelungen, ihm ein anerkennendes oder gar liebevolles Lächeln abzuringen. Zu Beginn ihrer Pubertät hatte sie schließlich für sich entschieden, dass sie ihn nicht länger umschmeicheln, sondern so behandeln wollte, wie er es verdiente. Und so war aus dem braven kleinen Mädchen alsbald ein aufmüpfiger Teenager geworden, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hielt, und der sich auch sonst nicht mehr viel sagen ließ. Dass das nicht nur vermehrte väterliche Aufmerksamkeit in Form von entsprechenden Strafmaßnahmen für sie selbst mit sich gebracht, sondern auch zu ungerechten Vorwürfen gegen ihre Mutter geführt hatte, war Bettina trotz aller Unannehmlichkeiten nur recht gewesen. Davon ausgehend, dass es ihre Mutter gar nicht anders verdiente, weil sie ihrer Tochter nicht ein einziges Mal gegen den aufgebrachten Vater zur Seite stand, empfand sie immer öfter auch so etwas wie Verachtung für die kleine Frau, die sich stets dem Willen ihres Mannes unterwarf, nur damit Frieden zwischen ihnen sei. Der einzige Mensch, den Bettina nach wie vor vorbehaltlos liebte, war ihr kleiner Bruder. Aber auch das änderte sich ganz allmählich. Je älter und fordernder er ihr gegenüber wurde, umso mehr wuchs in ihrem Inneren das Gefühl ungeduldigen Widerwillens gegen den verwöhnten kleinen Egoisten, der das herrschsüchtige Gehabe des Vaters imitierte und dabei allen Ernstes glaubte, er sei ein Prinz und die anderen ausschließlich dazu da, ihm zu dienen.

*

Der Beginn der Sommerferien rückte unaufhaltsam näher, und mit ihnen auch der Tag, an dem es Zeugnisse geben sollte. Im Gegensatz zu einigen ihrer Klassenkameraden hatte Bettina jedoch keinen Grund, sich davor zu fürchten, denn sie war schon immer eine überragend gute Schülerin gewesen.

Den Rat ihres Klassenlehrers mit einem unverbindlichen Lächeln quittierend, der eine weiterführende Schule und dann ein Studium empfohlen hatte, nahm sie am letzten Schultag das Abschlussdokument entgegen, um es sogleich in die Schultasche zu packen. Danach beeilte sie sich, nach Hause zu kommen, denn sie erwartete ein wichtiges Schreiben. Als sie dann tatsächlich einen an sie adressierten Brief aus dem Briefkasten fischte, und darin die erwartete Zusage auf ihre Bewerbung fand, tat sie einen übermütigen Freudensprung.

„Was ist denn?“, wollte ihre Mutter wissen. „Du bist ja ganz aus dem Häuschen.“

„Ich hab’ ’ne Lehrstelle!“, jubelte Bettina freudestrahlend. „Ich hab’ dir doch schon vor Wochen gesagt, dass ich mich beworben habe. Weißt du das denn nicht mehr? Nein? Na ja, ist ja egal.“ Auch wenn sie ein bisschen enttäuscht war, weil ihre Ankündigung, sie wolle eine Ausbildung zur Hotel-Fachfrau machen, bei ihrer Mutter offenbar kein wirkliches Interesse geweckt hatte, glänzten ihre Augen zufrieden. „Die Hotelleitung schreibt mir jetzt, dass ich am ersten August anfangen kann“, erklärte sie stolz.

Frau Römer wirkte mit einem Mal so verunsichert, als ob sie tatsächlich erst an diesem Tag informiert worden wäre. Doch dieser Eindruck täuschte. Sie hatte durchaus mitbekommen, dass ihre Tochter nach Hamburg gehen wollte. Es war ihr auch von Anfang an klar gewesen, dass ihre Große, entsprechend ihrer zielstrebigen Art, alles tun würde, damit sie ihren Willen bekam. Doch das vermeintliche Glück des Mädchens machte ihr – der Mutter – eher Sorgen! Sicher, ihre Tochter würde als Lehrling bestimmt ein bisschen Geld bekommen. Aber das würde bei Weitem nicht reichen, um sich in einer fremden Stadt über Wasser halten zu können. Und unterstützen, nein, unterstützen konnte sie sie nicht, wo sie doch selbst gerade genug hatte, um bis zur nächsten Lohnauszahlung ihres Mannes über die Runden zu kommen. Wenn sie noch ihre Anstellung in der Näherei hätte, ja dann vielleicht. Aber die hatte sie aufgeben müssen, als sich der Kleine angekündigt hatte, weil ihr damaliger Arbeitgeber nicht bereit gewesen war, die vielen Krankheitstage zu akzeptieren, die durch ihre schwierige Schwangerschaft angefallen waren. Und die paar Mark, die sie sich durch das bisschen Heimarbeit verdiente, waren definitiv bloß ein Tropfen auf den heißen Stein und außerdem auch keine festen Einnahmen, mit denen sie rechnen durfte.

„Was wird Vater dazu sagen?“ Im Grunde hatte sie etwas ganz Anderes sagen wollen, doch fielen ihr im Moment allein diese Worte ein.

Bettina indes fühlte ungeduldige Frustration in sich aufsteigen. Das war wieder typisch für ihre Mutter, stellte sie verärgert fest. Statt sich mit ihrer Tochter zu freuen, machte sie sich Gedanken darüber, was ihr Mann sagen würde. Einfach grässlich! Das arme Ding traute sich ja noch nicht einmal, auch nur die kleinsten Dinge alleine zu entscheiden. Der Vater hatte immer das letzte Wort. Selbst wenn es nur darum ging, einen neuen Kochtopf zu kaufen! Nein, so wollte sie selbst auf keinen Fall später werden. Sie wollte nie, wirklich niemals so abhängig werden, wie ihre Mutter es war. Kein Mann sollte ihr je vorschreiben, wie oder was sie zu tun hatte, denn sie wollte ganz alleine über ihr Leben bestimmen.

„Er wird froh sein, wenn ich endlich aus dem Haus bin“, stieß sie im gehässigen Tonfall hervor. „So wie er nämlich in letzter Zeit getan hat, möchte er mich am liebsten heute als morgen verheiratet sehen, damit ich endlich aus seinem Leben verschwinde!“ Weil man sie nun völlig verwirrt anstarrte, so als hätte sie gerade Chinesisch geredet, explodierte sie: „Tu nicht so, als hättest du keine Ahnung! Wir beide wissen nämlich verdammt gut, was er vorhat. Er schleppt nicht umsonst dieses Pickelgesicht hier an“, schimpfte sie böse. Allein der Gedanke an den jungen Mann, der in letzter Zeit immer öfter zu Besuch kam, rief bei ihr nichts als Widerwillen hervor. Er war ein Arbeitskollege ihres Vaters und sieben Jahre älter als sie selbst. Ihr Vater mochte ihn, das war allzu offensichtlich. Aber sie selbst konnte ihn nicht leiden. Natürlich war sie anfangs sehr geschmeichelt gewesen, denn die Erkenntnis, dass sie durch alleinige Anwesenheit die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des anderen Geschlechtes auf sich ziehen konnte, war eine überwältigende Erfahrung gewesen. Aber dann hatte sie begriffen, dass ihr Verehrer mehr am Inhalt ihrer Bluse interessiert war als an einem vernünftigen Gespräch. Und die Tatsache, dass er sie bei jedem Aufeinandertreffen förmlich mit den Augen auszog, machte sie wütend.

„Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst.“ Ein angestrengt wirkendes Lächeln auf den Lippen, wich Frau Römer dem Blick ihre Tochter bewusst aus, indem sie sich wieder ihrer Näharbeit zuwandte. „Der Junge ist doch sehr nett!“

Bettina meinte zunächst, sie hätte nicht richtig gehört. Entsprechend bestürzt starrte sie ihre Mutter an. Als ihr jedoch kurz darauf aufging, dass man es in der Tat begrüßen würde, wenn sie sich alsbald einen Ehemann nähme, damit sie versorgt wäre, schluckte sie schwer. So war das also, dachte sie schockiert. Nicht nur ihr Vater, nein, auch ihre Mutter wollte sie loswerden!

„Nur damit du es weißt“, presste sie hervor, mühsam darum ringend, nicht zu weinen. „Ich werde nicht den erstbesten Knilch nehmen und mir einen Stall voll Kinder machen lassen, nur damit ich ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen habe. Ich kann nämlich ganz gut für mich alleine sorgen!“ Ohne eine Erwiderung abzuwarten, stürmte sie davon. Sie würde nicht klein beigeben, schwor sie sich dabei. Was auch immer sie machen musste, um ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen, sie wollte es tun! Sie war nicht nur gescheit, nein, sie war auch stark genug, um ihr Leben ohne die Hilfe anderer meistern zu können!

„Du willst also nach Hamburg.“ Den Suppenteller endlich aus den Augen lassend, weil er leer gelöffelt war, lehnte sich Herr Römer zurück, um sein Gegenüber eindringlich zu mustern. „Haben die Herren auch für eine Unterkunft gesorgt? Oder gedenkst du, auf der Straße zu schlafen?“, fragte er.

Bettina sah überrascht auf, denn der Tonfall des Vaters war nicht unfreundlich, wenn auch ziemlich gleichgültig gewesen.

„Sie …“ Sie musste sich räuspern, weil ihre Kehle plötzlich so rau war, als hätte jemand sie mit Schmirgelpapier bearbeitet. „Sie haben mir für die gesamte Dauer der Ausbildung ein möbliertes Zimmer im Dachgeschoss des Hotels angeboten“, erklärte sie heiser. „Wenn ich das richtig verstanden habe, wohnen da schon ein paar andere Mädchen.“ Sein gewohnt herrisches Gehabe wäre ihr jetzt lieber gewesen, dachte sie. Wäre er, wie erwartet, gleich zum verbalen Angriff übergegangen, hätte sie ihm mit ihren gut durchdachten Argumenten mühelos den Wind aus den Segeln nehmen und ihn am Ende der Diskussion sogar ziemlich dumm dastehen lassen können. So aber wusste sie nicht, wie sie sich verhalten sollte, weil ihr seine vermeintliche Freundlichkeit suspekt war.

„Und wie sieht es mit dem Verdienst aus?“

Ihr Vater hatte kaum ausgesprochen, da löste sich Bettinas nervöse Verunsicherung schlagartig auf. Er hatte ja Angst, erkannte sie. Ja, er ging bestimmt davon aus, dass er etwas von seinem sauer verdienten Geld für sie hergeben sollte, damit sie während ihrer Ausbildung nicht hungern oder nackt herumlaufen musste. Und wenn das seine einzige Sorge war, dann hatte sie schon gewonnen!

„Ich bekomme genug Lohn, um die Miete für das Zimmer und meine Verpflegung bezahlen zu können.“ Darum bemüht, ihre Stimme so ruhig wie möglich klingen zu lassen, hielt sie seinem Blick ohne ein Wimpernzucken stand. „Außerdem wird mir Arbeitskleidung gestellt. Und wenn ich zusätzlich etwas brauche, werde ich eben putzen gehen oder kellnern. Soviel ich weiß, hat das Hotel auch ein eigenes Restaurant und auch ein Café. Da kann ich mir bestimmt noch ein paar Mark dazuverdienen.“

„Wenn es wirklich so ist, wie sie sagt“, sprach Herr Römer nach einiger Überlegung in die Richtung seiner Frau, die mit gesenktem Kopf in ihrem Suppenteller herumrührte, „dann habe ich nichts gegen diese Ausbildung. Vielleicht ist es ja ganz gut, wenn sie später einen Beruf hat, der sie ernährt. Wer will schon ein respektloses Weib, das immer das letzte Wort haben muss.“ Damit war das Thema für ihn erledigt.

Bettina nahm es völlig ungerührt hin, dass ihr Vater noch nicht einmal eine Silbe zu ihrem guten Schulabschluss verlor, denn ihr war es mittlerweile gleich, was er von ihr dachte. Was für sie zählte, war allein die Aussicht darauf, dass sie endlich aus dem elenden Kaff würde verschwinden können, welches ihr mittlerweile so eng und langweilig erschien wie ein Dorf.

*

Auf den ersten Blick war Hamburg eine kleine Enttäuschung für Bettina, denn die Straßenzüge, die sie während ihrer Busfahrt zu ihrem endgültigen Ziel zu sehen bekam, wirkten ihrer Meinung nach sehr eintönig und uninteressant. Erst der Anblick des Zentrums, in dem es viele exklusive Geschäfte und außergewöhnliche Lokalitäten zu bewundern gab, hob ihre Stimmung wieder an, denn das Flair einer Großstadt war hier unverkennbar.

Eine gute Stunde nach ihrer Ankunft am Hamburger Hauptbahnhof meldete sich Bettina im Personalbüro des Hotels, in welchem sie fortan leben, lernen und arbeiten sollte, um die Formalitäten zu erledigen. Als dies getan war, bekam sie ein kleines aber sehr gemütlich eingerichtetes Zimmer zugewiesen, und freute sich unbändig darüber, dass sie nun endlich frei war. Von jetzt an brauchte sie keine Rücksicht mehr darauf zu nehmen, dass ein kleiner Junge frühzeitig schlafen musste und sie daher noch nicht einmal lesen konnte, wenn sie sich vor der Gesellschaft ihres Vaters drücken wollte. Außerdem würde sie niemandem mehr Rechenschaft schuldig sein, wohin sie in ihrer Freizeit ging! Sicher, auch hier hatte sie sich an gewisse Regeln zu halten, denn sie war immer noch unmündig und würde sich daher in Acht nehmen müssen, dass sie nichts Verbotenes tat. Aber solange sie sich nichts zuschulden kommen ließ, konnte ihr niemand etwas anhaben oder ihre Zukunftspläne durcheinanderbringen!

2

Wann immer sie sich freimachen konnte, streifte Bettina durch die Hamburger Innenstadt, um sich die Auslagen der Geschäfte anzusehen. Ihre Kleidung kaufte sie ausschließlich in ausgewählten Boutiquen, obwohl sie dafür oft zusätzlich hart arbeiten musste, denn jetzt konnte sie endlich das tragen, was ihr zuvor aus Sparsamkeitsgründen verwehrt worden war. Ihr sorgfältig zusammengestelltes Make-up ließ die grünen Augen strahlen und den sinnlichen Mund noch verlockender erscheinen. Das golden glänzende, lange Haar wirkte zwar stets zerzaust, doch war das Absicht, denn es gefiel ihr, wenn es so aussah, als wäre gerade ein Windstoß hindurchgefahren. Allein während der Arbeit bändigte sie ihren Schopf mit Spangen oder Bändern. Doch war das ebenfalls ein Hingucker, weil jede ihrer Aufsteckfrisuren ein kleines Kunstwerk darstellte. Ihre Figur entlockte so manchem Mann einen anerkennenden Pfiff, der ein zufriedenes Lächeln auf ihre vollen Lippen zauberte. Dennoch war sie noch weit davon entfernt, über eine Beziehung nachzudenken. Zum einen war ihr Interesse am anderen Geschlecht sehr gering, was zum Teil daran lag, dass ihre Verehrer bloß eine Absicht zu verfolgen schienen – nämlich so schnell wie möglich mit ihr ins Bett gehen zu wollen. Zum anderen war sie sich bewusst, dass ihr Werdegang ganz allein von ihr und ihrer Zielstrebigkeit abhing, und daher durch einen Mann, und dessen Ansprüche an sie, sehr schnell eine unerwünschte Richtung einschlagen konnte.

*

Ihr zweiter Sommer in Hamburg war schon fortgeschritten, da erwachte in der mittlerweile sechzehnjährigen Bettina zum ersten Mal die Sehnsucht nach einem Menschen, der mehr für sie sein sollte als nur ein hilfsbereiter Kollege oder kumpelhafter Freund. Nein, sie war nicht auf einen Heiratskandidaten aus, denn sie hatte sich ja geschworen, niemals freiwillig in die Sklaverei gehen zu wollen, die ihrer Ansicht nach mit einer amtlich besiegelten Ehe einherging. Aber sie gestand sich zum ersten Mal ein, dass sie nicht zu den Frauen gehörte, die ihre gesamte Energie allein für ihre Karriere aufwendeten, und dabei ihre persönlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte missachteten. Sicher, ihr berufliches Vorankommen war ihr nach wie vor sehr wichtig. Aber es verlangte sie auch immer öfter danach, von einem Mann umarmt und leidenschaftlich geküsst zu werden.

Der Grund für Bettinas neue Denkweise und ihr aufgeregtes Herzklopfen war ein junger Mann, dessen markantes Gesicht bei ihrem Anblick eine erwartungsvolle und zugleich zweifelnde Miene zur Schau trug. Er war am Tag zuvor zum ersten Mal da gewesen, erinnerte sie sich. Und sein aufmerksamer Blick war ihr ständig gefolgt, sodass sie alsbald gemeint hatte, er warte nur darauf, sie ansprechen zu können. Nun, die Gelegenheit war ihm nicht geboten worden, weil sie zum einen nicht für seinen Tisch zuständig gewesen und somit gar nicht erst in seine Nähe geraten war. Zum anderen war er in Gesellschaft eines älteren Herrn gekommen, der ständig auf ihn eingeredet und ihn so an seinem Platz festgehalten hatte. Aber jetzt war er allein. Und er saß an einem Tisch, der zu ihrem Bereich gehörte. Er sah wirklich gut aus, dachte sie, während sie auf ihn zuging. Breitschultrig war er. Und augenscheinlich ziemlich groß! Wenn sie das richtig einschätzte, dann musste er sie stehend um mindestens eine halbe Kopflänge überragen, obwohl sie hochhackige Sandaletten trug. Na ja, sein Hemd entsprach zwar nicht unbedingt der neuesten Mode, brachte seinen muskulösen Oberkörper aber hervorragend zur Geltung. Sein Alter konnte sie nicht genau einschätzen, ging aber davon aus, dass er vielleicht so um die fünfundzwanzig war.

„Was kann ich Ihnen bringen?“ Sie hatte Mühe, so ruhig und geschäftsmäßig aufzutreten, wie sonst, denn seine Gegenwart rief ein merkwürdiges Kribbeln in ihrem Bauch hervor, was sich anfühlte, als würde dort ein ganzer Schwarm von Schmetterlingen herumfliegen.

„Einen Kaffee bitte“, erwiderte er mit einem leichten Lächeln, während er sich gleichzeitig eine widerspenstige Locke seines braunen Haarschopfes aus der Stirn strich. „Und dann würde ich gerne auch Ihren Namen erfahren.“

„Ich …“ Die unverhohlene Bewunderung, die ihr aus den grauen Augen ihres Kunden entgegen strahlte, machte Bettina unsicher und verlegen zugleich. Das wiederum stürzte sie in arge Verwirrung, weil sie nicht verstehen konnte, wieso sie sich auf einmal so schwach und hilflos fühlte. „Römer“, antwortete sie endlich mit belegter Stimme. „Ich heiße Bettina Römer.“

„Ein schöner Name“, stellte er fest. „Passt zu Ihnen.“

„Ach ja?“ Sie hatte die beiden Worte kaum ausgesprochen, da ärgerte sie sich über sich selbst, weil ihr keine gescheitere Erwiderung eingefallen war. Zudem erinnerte sie sich nun wieder an ihre Arbeit und wollte gehen. Allerdings kam sie nicht weit, denn ihr Gesprächspartner langte unvermittelt nach ihrer Hand, um sie so aufzuhalten.

„Wann haben Sie Feierabend?“, wollte er wissen.

„Das …“ Sie wollte ihre Finger mit einer ärgerlichen Geste aus seinem Griff befreien und ihm gleichzeitig dieselbe schroffe Antwort geben, die sie schon unzähligen anderen an den Kopf geworfen hatte. Weil es ihr diesmal jedoch außerordentlich schwerfiel, sich auf die nötigen Worte zu besinnen, fragte sie bloß: „Warum wollen Sie das wissen?“

„Weil Sie mir gefallen und ich Sie darum näher kennenlernen möchte“, gestand er. „Und das geht nur, wenn wir uns ungestört unterhalten können. Also, nicht unbedingt hier, wo Sie mir dauernd weglaufen.“

„Zehn.“ Sie merkte kaum, dass sie redete, denn die Wärme, die von seiner Hand auf ihre Haut übertragen wurde, schien einer unsichtbaren Ameisenarmee gleich nicht nur an ihrem Arm emporzukriechen, sondern auch in ihr Innerstes zu dringen. Und das war so aufregend, dass sie an sich halten musste, um nicht hörbar aufzustöhnen. „Ich bin um zehn fertig hier“, brachte sie atemlos heraus.

„Schön.“ Mit dem Daumen leicht über ihren Handrücken fahrend, sah er sie an. „Ich hol’ dich am Haupteingang ab.“ Da sie nun einem privaten Treffen zugestimmt hatte, erschien ihm das unpersönlich klingende Sie nicht mehr angebracht. „In Ordnung?“

„Ich …“ Sie konnte nicht vernünftig denken, solange er sie festhielt. Also befreite sie sich schnell und trat dann einen Schritt von ihm fort. „Ja, gut. Das heißt … Es ist vielleicht besser, wenn wir uns vor der Disco treffen, die gleich um die Ecke ist. Ja? Ich … Es tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich wieder los.“ Schon stürzte sie davon, insgeheim heilfroh darüber, dass sie gerade noch rechtzeitig daran gedacht hatte, sich nicht vor den Augen des Empfangschefs oder gar des Hotelmanagers abholen zu lassen. Selbstverständlich konnte ihr niemand verbieten, mit einem Mann zum Tanzen zu gehen. Dennoch war ihr der Gedanke unangenehm, dass ihr Lebenswandel zum Gesprächsthema ihrer Kollegen und Vorgesetzten werden könnte. Sie war immer noch minderjährig und konnte sich daher sicher sein, dass man sie nach wie vor zu ihrem eigenen Wohle überwachte. Also war es ratsam, vorsichtig zu sein, denn nur so ließ sich verhindern, dass es zu hässlichen Gerüchten kam, die ihr schaden konnten.

Vier Stunden nach dem ersten Wortwechsel mit ihrem Verehrer eilte Bettina im Laufschritt aus dem Hotelgebäude, und anschließend zu dem vereinbarten Treffpunkt. Als sie kurz vor dem Ziel erneut gewahr wurde, wie attraktiv der junge Mann tatsächlich war, schlug ihr Herz noch ein paar Takte schneller.

„Du kannst mich Tina nennen“, erklärte sie ein wenig atemlos, sobald sie bei dem Wartenden anlangte. „Und du? Deinen Namen hast du mir noch gar nicht verraten.“

„Gottfried Hansen.“ Er schluckte hart, denn die momentane Aufmachung seiner Verabredung stand im krassen Gegensatz zu dem streng wirkenden Kellnerinnen-Outfit, welches sie bei der Arbeit getragen hatte. Die hautenge Jeans enthüllte mehr als sie verbarg, denn der Stoff spannte sich wie eine zweite Haut über die sanft geschwungenen Hüften und um die langen schlanken Beine des Mädchens. Unter der offenen Jeansjacke leuchtete eine karierte Baumwollbluse in Rot, Weiß und Grün, die so dünn war, dass man die Konturen ihres Busens und den dunklen Hof ihrer Brustwarzen erkennen konnte, weil sie, dem neuesten Modetrend entsprechend, keinen BH trug. Und weil er bei diesem aufregenden Anblick einen ganz bestimmten Wunsch verspürte, zwang er seinen Blick gleich wieder zu ihrem Gesicht hinauf. „Aber bitte“, fuhr er endlich mit belegter Stimme fort, „keine Abkürzungen, ja. Ich hasse es, wenn man meinen Namen verstümmelt.“

Bettina nickte bloß. Er unterschied sich nicht sehr von ihren anderen Verehrern, schoss es ihr dabei durch den Sinn. Ja, er starrte sie genauso lüstern an, wie es all die anderen taten. Aber er war Gentleman genug, seine Absichten nicht sofort kundzutun. Und das war mal was ganz Neues! In der Regel machte man ihr Komplimente, nur um gleich darauf anzügliche Bemerkungen folgen zu lassen, im festen Glauben, sie würde den Wink verstehen und sogleich auf die Aufforderung eingehen, weil man ja selbst ein unwiderstehliches Exemplar göttlicher Schöpfung und somit ein Geschenk des Himmels war. Aber genau das hatte sie bisher stets abgestoßen und ihr jegliche Lust an einem Abenteuer genommen. Na ja, jetzt dachte sie ein wenig anders darüber, denn nun wurde sie selbst von dem Verlangen getrieben, die Geheimnisse eines Männerkörpers und der körperlichen Liebe kennenlernen zu wollen. Und Gottfried hatte wahrscheinlich schon einige Erfahrung mit Frauen, sodass sie bestimmt kein enttäuschendes Ersterlebnis fürchten musste. Selbstverständlich würde sie ihn eine Zeit lang zappeln lassen, nahm sie sich vor. Es sollte doch schließlich nicht so aussehen, als hätte sie es eilig, mit ihm zu schlafen! Nein, erst musste er begreifen, dass sie nicht nur eine Sex-Maus war, sondern eine Frau, der man einen gewissen Respekt entgegenbringen musste. Und sobald sichergestellt war, dass er sie als gleichberechtigte Partnerin betrachtete, würde sie ihm erlauben, in ihr Bett zu kommen.

Da nun eine Entscheidung gefallen war, trat Bettina noch ein wenig näher an Gottfried heran und stellte sich sogleich auf die Zehenspitzen, mit der Absicht, ihn rein freundschaftlich küssen zu wollen. Doch lagen ihre Lippen kaum auf den seinen, da erlebte sie einen kleinen Schock, denn die Berührung seines Mundes jagte sogleich eine Hitzewelle durch ihren Körper, was nicht nur ihren Puls beschleunigte, sondern auch ihren Atem stocken ließ. Und so ließ sie ihn gleich wieder los – überrascht und verschreckt zugleich – weil ihr Verlangen nach ihm plötzlich so drängend war, dass es wehtat.

Dem jungen Mann ging es ähnlich. Allerdings sah man ihm das nicht an. Bettina war nicht die Erste, die er begehrte. Aber ihre Nähe erregte ihn so stark, dass er sie am liebsten auf der Stelle wieder an sich gezogen hätte, um sie zu küssen. Da er sich aber nicht sicher war, wie sie auf eine überfallartige Umarmung reagieren würde, bezwang er sein Verlangen mit aller Selbstbeherrschung, die er aufbringen konnte.

„Danke.“ Die Mundwinkel zu einem spitzbübischen Grinsen verziehend, sah er auf sie hinunter. „Das heißt dann wohl, du magst mich.“

„Ich … Das …“ Sie hatte immer noch Mühe, die Gefühle in ihrem Inneren zu bändigen. „Schon möglich“, gestand sie dann. „Ist ja auch nicht schwer“, fuhr sie im scherzhaften Ton fort. „Wo du doch so ein netter Kerl bist.“ Während sie sprach, sah sie sich aufmerksam nach etwaigen Beobachtern um, und atmete dann insgeheim auf, weil weit und breit niemand Bekanntes zu entdecken war. „Was jetzt?“, wollte sie wissen, indem sie sich wieder auf ihren Verehrer konzentrierte.

„Wenn du tanzen willst, gehen wir in die Disco“, erwiderte er scheinbar ruhig. „Wenn du aber mit mir reden willst, sollten wir woanders hingehen.“

„Du hast recht.“ Um sich ernsthaft unterhalten zu können, brauchten sie wirklich einen Ort, wo weder laute Musik noch andere Leute störten. „Möchtest du mit zu mir? Ich meine …“ War sie denn noch zu retten? Wie kam sie denn auf die Schnapsidee, ihn gleich beim ersten Treffen zu sich zu bitten? Andererseits: Was war denn schon dabei? Die Einladung in ihr Zimmer war noch lange keine Aufforderung zum Sex! „Ich kann dir zwar kein Alkohol anbieten. Aber eine Cola hab’ ich sicher noch irgendwo herumstehen.“ Und wenn nicht, war es bestimmt auch nicht schlimm. Schließlich konnte man auch mit einem Glas Wasser in der Hand reden.

„Bist du sicher?“ Dass sie so schnell und so einfach zu haben sein sollte, überraschte ihn ein wenig, denn er hatte sie anders eingeschätzt.

„Hätte ich es sonst vorgeschlagen?“, erklärte sie im betont munteren Ton. „Ist doch nix dabei, wenn du zum Quatschen mit rauf kommst.“ Sollte er ihr gegen ihren Willen an die Wäsche gehen wollen, würde er nicht der Erste sein, dem sie auf schmerzhafte Weise zeigte, wie sie mit aufdringlichen Kerlen fertig wurde.

Bettina war fest entschlossen, ihre Vorsätze einzuhalten, denn sie wollte nicht, dass man sie für ein leichtfertiges Flittchen hielt. Aber nur eine Stunde später strafte sie sich selbst Lügen, denn sie tat genau das, was sie sich vorgenommen hatte, nicht zu tun. Nichtsdestotrotz genoss sie Gottfrieds Umarmung, in der sie sich so sicher und geborgen fühlte, wie nie zuvor. Dabei ließ sie sowohl ihren Mund als auch ihren Hals von ihm küssen, und konnte kaum erwarten, dass er sie auszog, um ihren Körper vollends in Besitz zu nehmen. Als er sich schließlich zwischen ihre Schenkel schob und dabei einen scharfen Schmerz verursachte, wollte sie ihn wieder von sich stoßen. Allerdings war dieser Impuls schon in der nächsten Sekunde wieder vergessen, denn ihr brennendes Verlangen wollte endlich befriedigt werden. In diesem Augenblick zählten nur noch der Mann und die Wogen der Lust, auf welchen sie durch die Nacht trieb, bis sie vor Erschöpfung einschlief.

3

Bettina glaubte, niemand ahne etwas von ihrer Beziehung mit Gottfried. Aber schon ihre unübersehbar glückliche Miene verriet, dass sich in ihrem Leben etwas verändert haben musste, denn noch vor ein paar Wochen hatte ihr sorgfältig geschminktes Gesicht immer nur höfliche Freundlichkeit vermittelt. Und so kam es, dass man sie noch aufmerksamer zu beobachten begann, was schon bald zu einer Reaktion führte, die sie zunächst sehr erschreckte.

„Fräulein Römer, kommen Sie mit in mein Büro. Ich muss mit Ihnen reden.“ Während er den ungewöhnlich harsch klingenden Befehl hervorbrachte, zeigte der Hotelmanager die vorwurfsvolle Miene eines Anklägers.

Bettina indes schaute ziemlich überrascht drein, denn sie war sich keinerlei Schuld bewusst. Nichtsdestotrotz kam sie dem Wunsch ihres Vorgesetzten sogleich nach, weil sie es gewohnt war, seine Anweisungen umgehend zu befolgen.

„Sie wissen doch, dass nächtlicher Männerbesuch bei unseren ledigen Bediensteten nicht erwünscht ist“, begann Lothar Seifert, sobald er mit seiner Begleiterin den Raum betreten und die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Wir sind ein ehrbares Haus. Und wir achten auf den Lebenswandel unserer Angestellten, weil wir durch deren Verhalten leicht in ein schlechtes Licht geraten könnten.“

Man hatte also von ihrem Liebhaber erfahren, erkannte Bettina erschrocken. Aber woher? War Gottfried womöglich doch nicht vorsichtig genug, wenn er sich durch die Hintertür und dann die Treppe hinaufschlich, um in ihrem Zimmer auf sie zu warten? Oder hatte Seifert ihr gezielt nachspioniert? … Bestimmt hatte er das! Er war zwar immer freundlich und zuvorkommend, aber auch allgegenwärtig. Wo auch immer sie sich im Haus aufhielt, sie konnte sicher sein, dass er in der Nähe zu finden war. Bisher hatte sie seine allumfassende Aufmerksamkeit als Kontrollzwang betrachtet, der ihn ständig dazu trieb, alles und jeden zu überwachen, damit die Arbeit ja richtig gemacht wurde. Doch nun begann sie zu fürchten, sie habe sich in ihm getäuscht, und er wäre gar nicht der nachsichtige Ersatz-Erziehungsberechtigte, den sie bisher in ihm gesehen hatte, sondern ein kleinlicher Erbsenzähler, der auf die unbedingte Einhaltung der aufgestellten Regeln pochen wollte. Aber was sollte sie tun? Leugnen? … Na, vielleicht half das ja!

„Ich weiß gar nicht, wovon Sie sprechen.“ Es fiel ihr schwer, sich zu verstellen, denn sie verabscheute Lügen und Falschheit. Da ihr aber keine andere Wahl blieb, spielte sie nun die gewählte Rolle weiter: „Sie wollen doch nicht andeuten, dass ich …, dass ich …“ Sie schluckte sichtlich und tat dabei so, als wäre sie zutiefst verletzt. „Sie tun mir Unrecht! Und das wissen Sie auch!“ Weil sich auf diesen Vorwurf hin das Gesicht ihres Gegenübers leicht rötete, nahm sie es als Bestätigung dafür, dass ihm dieses Gespräch nicht nur unangenehm, sondern auch höchst peinlich war. Gleichzeitig fing sie einen merkwürdig anmutenden Blick von ihm auf, und erkannte mit einem Mal den wahren Grund seiner Aufregung. Es ging ihm gar nicht um die Lehrmädchen im Allgemeinen, oder das Ansehen des Hauses, stellte sie verblüfft fest. Es ging ganz allein um sie und um sein Interesse an ihr! Er war eifersüchtig! Und er schien zutiefst frustriert, weil er seine wahren Gefühle nicht offen zeigen durfte. Also hatte seine Moralpredigt nur einen Sinn und Zweck: Er wollte den inneren Druck irgendwie abbauen und spielte darum den über jeden Verdacht erhabenen Beschützer jungfräulicher Unschuld, denn nur so konnte er all das loswerden, was ihm sauer aufstieß, ohne Verdacht zu erregen. Völlig idiotisch! Aber so war es nun mal. Die Frage war bloß, wie man mit der neu gewonnenen Erkenntnis umgehen sollte. Ihn auch weiterhin links liegenzulassen, wäre sicher ein Fehler, denn die Gefahr, dass er ihr ab sofort das Leben schwer machen könnte, allein aus Wut darüber, dass sie sich mit einem anderen traf, ihn selbst aber noch nicht einmal ansah, war keineswegs von der Hand zu weisen. Noch schlimmer erschien ihr die Möglichkeit, dass er sein Wissen an ihre Eltern weitergeben könnte, und diese daraufhin ihre Rückkehr nach Hause bestimmten. Damit wäre dann ihre jetzige Ausbildung futsch und ihr Schicksal wieder in den Händen ihres Vaters. Zumindest so lange, bis sie volljährig war!

„Sie wollen also abstreiten, dass Sie fast jeden Abend Männerbesuch empfangen?“ Lothar Seiferts Stimme klang gepresst, so als müsse er sich zum Sprechen zwingen. Und tatsächlich fühlte er sich momentan äußerst unwohl in seiner Haut, denn ihm war plötzlich bewusstgeworden, dass er im Grunde kein Recht dazu besaß, die junge Frau einem solch intimen Verhör zu unterziehen. Sie hatte sich noch nie etwas zuschulden kommen lassen, rief er sich in Erinnerung. Und selbst wenn sie einen Freund hatte, was ging das ihn an! „Ich …“

„Was heißt denn hier Männerbesuch?“, unterbrach Bettina, die endlich auf eine Lösung für ihr Problem gestoßen war. „Gottfried, so heißt mein Cousin nämlich, ist erst vor Kurzem nach Hamburg gekommen, weil er hier eine Arbeit angenommen hat. Na ja, solange er keine eigene Bleibe hat, lass ich ihn eben in meinem Zimmer schlafen. Ist das etwa ein Verbrechen?“

„Und das soll ich Ihnen glauben?“ Lothar zweifelte wirklich sehr am Wahrheitsgehalt ihrer Behauptung. Da er ihr jedoch nichts Gegenteiliges beweisen konnte, fand er sich dazu gezwungen, ihre Erklärung zu akzeptieren. Und das ärgerte ihn so sehr, dass er völlig vergaß, dass er kurz zuvor beschlossen hatte, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

„Warum sollte ich Sie belügen?“ Bettinas respektvolle Angst vor dem großen aber sehr hager wirkenden Endvierziger war mittlerweile völlig vergessen, sodass sie sich nun immer mehr entspannte und sogar anfing, die Situation wie eine komische Szene in einem Theaterstück zu betrachten. „Gottfried ist wirklich nichts Anderes als der Sohn meiner Tante Klara.“ Bevor ihr Gegenüber eine Erwiderung formulieren konnte, fuhr sie schon fort: „Ich verstehe nicht … Warum regt es Sie so auf, dass ein Mann in meinem Zimmer übernachtet?“ Einen Schritt in die Richtung ihres Vorgesetzten machend, sah sie ihn scheinbar unsicher und zugleich prüfend an. „Sie haben sich doch bisher den Teufel drum geschert, was sich so im Dachgeschoss tut. Warum jetzt die Vorwürfe gegen mich?“ Sie war ihm jetzt so nahe, dass sie den leichten Alkoholgeruch seines Atems riechen konnte. Er hatte sich also Mut angetrunken, stellte sie fest, während sie eine Hand hob, um einen imaginären Fussel von seiner Schulter zu entfernen. „Ist die Sache mit meinem Cousin wirklich so furchtbar?“, wollte sie wissen, indem sie ihre Handfläche kurz über seinen Brustkorb gleiten ließ, so als wolle sie sein Hemd glätten.

Lothar spürte die warmen Finger des Mädchens durch den dünnen Stoff hindurch, und hätte es am liebsten an sich gerissen, um endlich das zu tun, was er sich schon lange ersehnte. Dennoch tat er es nicht, wohl wissend, dass er sich durch eine unbedachte Aktion nicht nur ins Unrecht setzen, sondern auch strafbar machen würde.

„Sie vergessen, dass wir eine Fürsorgepflicht Ihnen gegenüber haben.“ Er musste sich räuspern, um verständlich weitersprechen zu können: „Auch wenn Sie nicht so aussehen, Sie sind immer noch minderjährig. Und da Ihre Eltern nicht hier sind, liegt es an uns, dafür zu sorgen, dass Ihnen nichts geschieht.“

Bettina hörte sich seine Begründung mit ernster Miene an, doch innerlich lachte sie. Nicht zu fassen, dachte sie amüsiert. Da schwang er hochnoble Reden und konnte dabei seine Augen nicht von ihrem Busen abwenden, der sich gegen das enge Oberteil ihrer Uniform drückte. Würde er es wagen? Würde er die Hand heben und danach greifen? … Nein, entschied sie nach einem prüfenden Blick in sein Gesicht. Auch wenn ihn seine geheimen Wünsche an den Rand seiner Selbstbeherrschung brachten, würde er sich die allerletzte Blöße nicht geben. Von sich aus würde er gar nichts tun! Also brauchte er einen Anstoß, denn erst, wenn er seine Karten offen auf den Tisch legte, konnte sie entsprechend kontern. Wenn er sie also tatsächlich anfasste, würde sie ein Druckmittel gegen ihn in die Hände bekommen, das wirksam genug war, um ihn fortan im Zaum halten zu können.

„Trauen Sie mir etwa nicht zu, dass ich selbst auf mich aufpassen kann?“, fragte sie leise. „Ich bin kein Kind mehr, verstehen Sie.“ Sie wollte ihn provozieren, damit er den entscheidenden Schritt tat, insgeheim sicher, dass sie die Situation unter Kontrolle hatte. Allerdings war sie selbst auch nicht mehr so unbeteiligt, wie sie meinte, denn die sichtbar verheerende Wirkung, die sie mit ihrer körperlichen Nähe auf den um drei Jahrzehnte älteren Mann ausübte, regte ihre Fantasie an. Und die Vorstellung, wie es wohl sein würde, wenn er sie zu packen versuchte, sie ihn aber voller Empörung von sich stieß, verlieh ihr plötzlich ein Gefühl von absoluter Überlegenheit, was sie enorm erregte. Entsprechend ihrer Gemütsverfassung verdunkelten sich ihre Augen. Und die Lippen ihres sinnlichen Mundes öffneten sich leicht, was die rosige Zungenspitze sichtbar machte, die leicht über die blutrote Unterlippe strich.

Lothar Seifert war seit je her ein von Vernunft gesteuerter, den Regeln der zivilisierten Gesellschaft gehorchender Mann gewesen, der stets für Recht und Ordnung eintrat. Jetzt vergaß er allerdings, dass er ein Eheweib und vier Kinder sein Eigen nannte, denn die unmittelbare Nähe der jungen Frau, die seit etwas mehr als einem Jahr den alleinigen Mittelpunkt seiner erotischen Träume darstellte, raubte ihm schier den Verstand. Und so langte er nach ihr, um sie unbeherrscht an sich zu ziehen und sogleich mit gierigem Verlangen zu küssen.

Bettina indes war viel zu überrascht, als dass sie sofort zur Gegenwehr angesetzt hätte. Aber nicht sein Verhalten stürzte sie derart in Verwirrung, sondern die eigene Reaktion auf seine Begierde. Bis zu diesem Moment davon ausgehend, dass allein Gottfried ihren Körper vor lustvoller Erwartung zittern lassen konnte, fand sie sich jetzt eines Besseren belehrt. Selbstverständlich war ihr Vorgesetzter weit davon entfernt, der Mann zu sein, dessen Person und Ausstrahlung ihr schlaflose Nächte bereitet hätte. Nichtsdestotrotz lösten sein fast schon brutal anmutender Kuss und die Wahrnehmung seines erregten Körpers ein solch heftiges Verlangen in ihr aus, wie sie es nie zuvor empfunden hatte. Während er dann seine rechte Hand hob, um ihre linke Brust zu umfassen, entschlüpfte ihr ein leises, aber höchst lustvolles Keuchen.

„Du machst mich wahnsinnig“, stieß er daraufhin hervor.

Da ihre Lippen gleich wieder durch seinen Mund bedeckt wurden, konnte sie nichts erwidern. Doch der Klang seiner heiseren Stimme hatte sie jäh in die Wirklichkeit zurückgebracht. Obwohl sie im Grunde etwas ganz Anderes wollte, presste sie nun beide Hände gegen seinen Brustkorb und brachte dadurch ein wenig Abstand zwischen sie. Nicht hier, ermahnte sie sich selbst. Und nicht jetzt. Noch nicht! Natürlich würde sie ihm nachgeben. Im Grunde würde sie damit nicht nur seinen, sondern auch ihren eigenen Wünschen folgen. Dennoch wollte sie nicht zulassen, dass er sich womöglich auf seinem Schreibtisch oder gar auf dem Fußboden über sie hermachte. Sie allein sollte die Kontrolle haben, ermahnte sie sich! Wenn sie diese wichtige Voraussetzung nicht berücksichtigte, würde das Ganze bestimmt in einem Fiasko enden. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn man sie erwischte und daraufhin beide vor die Tür setzte!

„Bitte“, wisperte sie, sobald sie ungehindert sprechen konnte. „Sie dürfen nicht … Bitte.“ Ihre Augen waren immer noch dunkel vor Erregung. Allerdings konnte das auch als ein Zeichen von Angst gewertet werden.

„Ich … Das … Verzeih“, stammelte Lothar, indem er sie endgültig losließ.

Mittlerweile wieder ganz Herrin ihrer Sinne, sah Bettina ihn von sich fortstreben, und war für den Bruchteil einer Sekunde versucht, in ein albernes Gekicher zu verfallen, weil er so schuldbewusst drein sah, als hätte er in der Tat ein Verbrechen begangen. Da ihr aber klar war, dass sie damit einen unverzeihlichen Fehler begangen hätte, beherrschte sie sich.

„Sie haben mich erschreckt“, gestand sie leise, wobei sie mit voller Absicht bei dem unpersönlichen Sie blieb, weil es ihr ratsam schien, nach wie vor das unschuldige Lehrmädchen zu spielen, welches in Gegenwart des Chefs eine gewisse Unterwürfigkeit zu zeigen hatte. „Ich … Ich war nicht darauf vorbereitet, dass Sie ein solch leidenschaftlicher Mann sind. Und ich wusste nicht …“ Die leicht geschwollenen Lippen zu einem unsicher anmutenden Lächeln verzogen, sah sie ihn von unten herauf an. „Ich hab’ … Ich hätte nie gedacht, dass ich so intensive Gefühle haben kann.“ Das war noch nicht einmal gelogen, stellte sie im Stillen für sich fest, während sie erneut ganz nahe an ihn herantrat. „Sie … Ich könnte mir gut vorstellen, dass Sie mir auch in Sachen Liebe einiges beibringen könnten.“ Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da stieg sie auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen zarten Kuss auf den Mund. Dabei tat sie so, als könne sie ihr Gleichgewicht nicht mehr halten, und fühlte dann erleichterte Genugtuung, weil er sie nicht nur zu stützen versuchte, sondern erneut seine Arme um sie schlang, um sie an sich zu pressen. Selbstverständlich war er nicht so gutaussehend wie Gottfried, dachte sie, während ihr Mund ein weiteres Mal durch seine Zunge erforscht wurde. Aber er war in gewisser Hinsicht sehr interessant und zudem ein Mann, den man besser zum Freund als zum Feind hatte. Nein, mit Berechnung hatte das nichts zu tun. Vielmehr musste man das als eine Art Spiel betrachten, bei dem beide Parteien auf ihre Kosten kommen sollten und somit auch beide zu Gewinnern wurden!

„Lassen Sie mir ein bisschen Zeit.“ Zum zweiten Mal die Hände gegen seinen Brustkorb drückend, um ihn so auf Abstand zu bringen, sah sie ihn gleichzeitig aus großen Augen bittend an. „Das … Ich hab’ noch nie …“ Wenn es ihr gelang, ihn glauben zu lassen, er sei der erste Mann in ihrem Leben, dann würde er sein Misstrauen wegen Gottfried endgültig begraben und keinen Grund mehr haben, ihre Eltern zu informieren. Außerdem brauchte sie tatsächlich ein bisschen Zeit, um die ganze Sache so zu organisieren, dass es zu keinen unliebsamen Überraschungen kommen konnte.

Für ein paar Stunden glaubte Bettina wirklich, sie könne die Beziehung mit Gottfried aufrechterhalten und trotzdem auch die Geliebte ihres Vorgesetzten sein, weil sie beide gleichermaßen stark begehrte. Als ihr jedoch aufging, dass dies mehr Risiken mit sich brachte, als ihr lieb war, entschied sie, dass sie ihren bisherigen Freund aufgeben musste, um ihre Zukunft zu sichern. Selbstverständlich brachte dieser Gedanke einen tiefen Schmerz mit sich, denn sie fühlte sich mit Gottfried immer noch eng verbunden und wollte ihm daher nicht wehtun. Schließlich war er der erste Mann, der ihr Herz berührt und ihr gleichzeitig die Vielfalt der körperlichen Genüsse gezeigt hatte. Aber er war nicht derjenige, für den sie ihre Träume aufgeben wollte. Also rief sie ihn an seinem Arbeitsplatz an, um ihm zu sagen, dass er nach Feierabend nicht zu ihr, sondern zu ihrem Lieblingsplatz am Alsterufer kommen solle, weil sie mit ihm reden müsse.

„Was ist denn los?“ Gottfried hatte seine Freundin zur Begrüßung in den Arm nehmen wollen. Da sie ihm aber absichtlich auswich, sah er sie verwundert an.

„Ich muss dir was sagen.“ Bettina war darauf eingestellt, dass es ein schwieriges Unterfangen sein würde, ihn davon zu überzeugen, dass sie nicht mehr mit ihm zusammen sein wollte. Dass es aber tatsächlich so schwer war, ihn von sich zu stoßen, machte ihr das Herz eng. Nichtsdestotrotz zwang sie sich zu einer abweisenden Miene, während sie ihn von Kopf bis Fuß musterte, so als sähe sie ihn in der Tat zum ersten Mal. „Ich hab’ einen anderen.“ Sie hatten sich zwar körperlich ausgezeichnet verstanden, aber nie von einer gemeinsamen Zukunft gesprochen, erinnerte sie sich. Also war davon auszugehen, dass ihn ihre heutige Eröffnung nicht besonders schmerzen würde. So gut, wie er aussah, würde er schnell einen Ersatz für sie finden, da war sie sich ganz sicher. „Die Zeit mit dir war schön, zugegeben. Aber jetzt ist die Luft raus. Und Axel … Er macht mich völlig verrückt, weißt du. Allein der Gedanke an ihn lässt mich zittern.“

„Du …“ Gottfried schluckte sichtlich. „Seit wann … Ich meine … Wann hast du ihn denn kennengelernt?“ Er konnte einfach nicht glauben, dass sie Schluss machen wollte. Sie hatte doch nahezu jede Nacht – ja auch die vergangene! – in seinen Armen verbracht und dabei ganz offensichtlich nichts vermisst. Oder doch? … Na ja, so wie es aussah, schien sie nicht wirklich zufrieden gewesen zu sein, denn sonst hätte dieser Axel nie eine Chance bekommen!

„Letzte Woche“, schwindelte Bettina unterdessen.

„Und du hast trotzdem …“ Wieder schluckte Gottfried hart. Allerdings war es diesmal eine jäh aufsteigende Übelkeit, die ihn dazu brachte. „Du hast also mit uns beiden … Versteh ich das richtig?“

„Ja und?“, tat sie überrascht. „Ist doch nichts dabei! Ich dachte, dass mit ihm ist vielleicht nur so ein Strohfeuer, das schnell wieder erlischt. Also hab’ ich den Mund gehalten, um dir nicht unnötig weh zu tun. Aber dann …“

„Du hast also erst herausfinden wollen, ob es sich lohnt, mich für ihn fallen zu lassen, ja?“, unterbrach Gottfried sichtlich bestürzt.

„Wenn du mich so fragst“, erwiderte sie, indem sie ihn herausfordernd ansah. „Ja, genau das hab’ ich getan.“ Sie musste sicherstellen, dass er sie gehen ließ und dabei gar nicht erst auf die Idee kam, sie wieder zurückgewinnen zu wollen! Nicht auszudenken, wenn er und Lothar Seifert aufeinanderträfen und ein Gespräch über sie beginnen würden! „Ich musste mir erst darüber klar werden, wer von euch mir mehr bedeutet. Außerdem hab’ ich dir nie versprochen, dass ich auf immer und ewig nur dir gehören werde. Also, warum regst du dich so auf?“

Gottfried stand mit brennenden Augen da und wusste zunächst nichts zu erwidern. Er war in der Tat mit Scheuklappen durch die Gegend gelaufen, nur um nicht sehen zu müssen, dass sie keineswegs die Frau war, die er in ihr sehen wollte, gestand er sich ein. Aber jetzt war die rosarote Brille weg und er wieder imstande, der Realität ins Auge zu blicken. Ja, jetzt verfluchte er den Tag, da er mit seinem neuen Arbeitgeber in das Hotelcafé eingekehrt war, in dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte! Als ihm dann auch noch einfiel, dass er seit Tagen einen schlicht wirkenden aber sündhaft teuren Ring in seiner Hosentasche mit sich herumtrug, war er für den Bruchteil einer Sekunde versucht, ihr das Schmuckstück ins Gesicht zu schleudern. Eine passende Gelegenheit hatte er abwarten wollen, um sein Geschenk zu überreichen und ihr endlich offen zu gestehen, dass er sie liebte und auf eine gemeinsame Zukunft hoffte. Doch nun war er heilfroh darüber, bisher nichts gesagt zu haben!

„Dieser Axel ist vermutlich auch nur ein Zeitvertreib für dich“, reagierte er endlich auf ihre letzte Aussage. „Oder hat er Kohle? Bist du deshalb so verrückt nach ihm?“ Seine Verletztheit wandelte sich zunehmend in Widerwillen und Zorn. „Antworte mir!“, verlangte er laut.

„Ich denke, das geht dich nichts an.“ Auch wenn sie nach außen hin so tat, als wäre ihr egal, was er jetzt von ihr dachte, hätte sie nun am liebsten geweint, weil er sie für eine hielt, die man kaufen konnte. „Mach’s gut.“ Sie hatte kaum geendet, da wandte sie sich ab und ging mit schnellen Schritten davon. Dabei lenkte sie ihre Gedanken gewaltsam in eine andere Richtung.

4

Gleich nach dem Jahreswechsel ging Bettina zu ihrer Frauenärztin, denn es schien ihr ratsam, sich einmal durchchecken zu lassen. Ihre Beschwerden hätten schon vor vier Monaten begonnen, berichtete sie, sobald die Laborarbeit erledigt war und sie selbst im Sprechzimmer saß. Allerdings habe sie das Spannungsgefühl in den Brüsten und das leichte Ziehen in ihrem Unterleib anfangs als Folge des veränderten Hormonspiegels in ihrem Blut betrachtet, der mit der Einnahme der Pille zusammenhing. Aber mittlerweile mache sie sich Sorgen, weil es einfach nicht besser wurde.

„Ihre Probleme haben in der Tat mit Ihren Hormonen zu tun.“ Das Gesicht der Ärztin wirkte überrascht, so als könne sie selbst nicht glauben, was in den Testergebnissen ihrer jugendlichen Patientin zu lesen war. „Das liegt jedoch nicht an der Pille, sondern an Ihrer Schwangerschaft.“

„Wie bitte?“ Bettina meinte, nicht richtig gehört zu haben. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Die Laborergebnisse sind eindeutig“, erklärte Doktor Wießner, indem sie die Befunde noch einmal gründlich las, um jeden Irrtum auszuschließen.

„Aber … Aber …“ An diese Möglichkeit hatte Bettina nicht eine Sekunde lang gedacht, weil es ihrer Meinung nach gar nicht sein konnte. Sie war dem Rat ihrer Gynäkologin gefolgt, und hatte im ersten Monat der Einnahme zusätzliche Verhütungsmittel verwendet, erinnerte sie sich. Also, wie konnte, … Warum war sie dann … „Ich … Wie weit …“ Sie war so verstört, dass sie vorübergehend keinen vernünftigen Satz mehr zustande brachte.

„Kann ich jetzt noch nicht genau sagen“, gestand die Medizinerin im betont ruhigen Tonfall. „Das lässt sich aber schnell klären.“ Ihr Gegenüber aufmerksam betrachtend, versuchte sie zu entscheiden, ob nun ein Fehler aufseiten der jungen Frau vorlag, oder ob sie nicht doch einer von den seltenen Fällen war, bei denen die Pille schlichtweg versagt hatte. „Und Sie haben sich wirklich immer an die Einnahmeregel gehalten?“

„Ja klar“, antwortete Bettina prompt. „Ich bin doch nicht blöd!“

„Wir machen eine Ultraschalluntersuchung“, entschied Doktor Wießner daraufhin. „Danach kann ich Ihnen genau sagen, wie weit Sie sind.“

Ein paar Minuten später lag Bettina auf der Untersuchungspritsche, derweil die Gynäkologin mit einer Hand den Ultraschallkopf über ihren Bauch schob und gleichzeitig das Bild betrachtete, welches auf dem Monitor des Ultraschallgerätes flimmernde.

„Ich würde auf zweiundzwanzigste bis dreiundzwanzigste Woche, also Mitte des fünften Monats tippen“, ließ die Ärztin schließlich verlauten. „Größe und geschätztes Gewicht des Fetus entsprechen in etwa dieser Entwicklungsstufe. Ein Irrtum meinerseits ist zwar nicht ganz ausgeschlossen. Aber ich würde sagen, das kommt ziemlich genau hin.“

Fünfter Monat? Das würde definitiv heißen, dass es in der Tat schon zu Beginn ihrer Beziehung mit Gottfried passiert sein musste, stellte Bettina bestürzt fest. Besser gesagt, es war mit absoluter Sicherheit schon bei ihrem ersten Zusammensein geschehen, denn da hatte sie an alles andere gedacht, nur nicht an die Notwendigkeit, sich zu schützen. Und genau das rächte sich jetzt!

„Alles in Ordnung?“ Doktor Wießner sah ihre junge Patientin besorgt an. „Sie wirken ein bisschen blass um die Nase herum.“

„Ja, schon gut.“ Obwohl sie sich Mühe gab, gefasst zu erscheinen, konnte Bettina die aufsteigenden Tränen nicht vollständig zurückdrängen. Eine Katastrophe, kreiste es immerfort durch ihren Kopf, während sie sich aufsetzte, um sich zu säubern, damit sie sich wieder anziehen konnte. Wie hatte sie nur so blöd sein können? Nein, stellte sie es sogleich richtig. Nicht blöd! Sie hatte sich bloß von ihren Gefühlen übermannen und so um jede Vernunft bringen lassen! Eine ganze Nacht lang hatte sie völlig vergessen, dass ihr unbedachtes Verhalten schwerwiegende Folgen haben konnte. Und die Quittung dafür bekam sie jetzt. … Nein, das Heulen konnte sie sich wirklich sparen, denn es brachte sie nicht weiter. Sie musste vielmehr darüber nachdenken, welche Möglichkeiten ihr jetzt noch offenstanden. Selbstverständlich könnte sie zu Gottfried gehen und ihn über ihren Zustand informieren. Allerdings war sie sich sicher, dass er ihr dann voller Schadenfreude ins Gesicht lachen, aber bestimmt nicht zur Seite stehen würde. Immerhin hatte sie ja selbst dafür gesorgt, dass er annehmen musste, sie sei eine läufige Hündin, die keineswegs sicher sein konnte, von wem genau ihr Baby war. Ja, wenn sie sich in seine Lage versetzte, und dabei ganz ehrlich mit sich selbst war, dann würde auch sie von vorne weg alles leugnen und sich an der misslichen Lage der treulosen Ex ergötzen! Nein, auf Gottfrieds Beistand brauchte sie nicht zu hoffen. Selbst wenn er seine Vaterschaft akzeptieren und sie des Kindes wegen heiraten wollte, wäre sie nicht bereit gewesen, darauf einzugehen. Für sie war die Ehe nämlich immer noch ein Gefängnis, in dem eine Frau weder eine eigene Meinung noch Entscheidungsfreiheit besaß. Aber eine ledige, alleinerziehende Mutter konnte sie auch nicht sein, denn dafür fehlten ihr schon die einfachsten Voraussetzungen. Also stellte sich nun die Frage, welche Alternativen es noch gab.

„Was …“ Sie wusste noch nicht so recht, wie sie ihr Problem im Worte fassen sollte. „Besteht eine Möglichkeit … Ich meine … Was wäre, wenn ich das Kind nicht haben wollte? Ich …“ Da ihr Gegenüber plötzlich sehr irritiert drein sah, beeilte sie sich, weiterzusprechen: „Nein, ich meine keine Abtreibung! Selbst wenn es noch möglich wäre, würde ich das nicht machen wollen. Aber …“ Sie stockte für einen Moment, um sich die folgenden Worte zurechtzulegen. Dann fuhr sie fort: „Ich stehe mitten in der Berufsausbildung und hab’ kaum genug, um mich selbst durchzubringen. Ich … Selbst, wenn man mich die Prüfungen machen lässt, und ich die Lehre ordentlich beenden kann, kann ich immer noch nicht für mich und das Kind sorgen.“

„Was ist denn mit dem Kindsvater?“, wollte Doktor Wießner wissen.

„Auf und davon“, schwindelte Bettina. „Eigentlich bin ich ganz froh drum, denn er hielt nichts von Arbeit und wollte, dass ich ihn aushalte. Als ich ihm sagte, dass ich das weder will noch kann, ließ er mich einfach auf der Straße stehen.“

„Dennoch hätte er die Pflicht …“

„Vergessen Sie’s“, unterbrach Bettina den Satz ihres Gegenübers. „Ich will mit dem Kerl nichts mehr zu tun haben.“

„Und Ihre Familie?“, bohrte die Medizinerin. „Da ist doch sicher jemand, der das Kind nehmen würde, bis Sie …“

„Nein“, unterbrach Bettina erneut. „Da ist niemand, der mir diesen Gefallen tun könnte. Bitte, Sie wissen doch bestimmt eine andere Lösung!“

„Hm.“ Doktor Wießner runzelte die Stirn, was deutlich machte, dass sie angestrengt nachdachte. „Da wäre zum einen die Möglichkeit, das Kind in eine Pflegefamilie zu geben, bis Sie selbst in der Lage sind, es umfassend zu versorgen“, fuhr sie schließlich fort. „Zum anderen wäre auch zu überlegen, ob vielleicht eine Adoption infrage kommt.“ Diese Idee war mit dem flüchtigen Gedanken an ihre nächste Patientin aufgetaucht, die sich sehnlichst ein Kind wünschte, die jedoch nie ein eigenes in den Armen halten würde, solange ihr Ehemann sich nicht einverstanden erklärte, dass eine künstliche Befruchtung mit dem Sperma eines Spenders gemacht wurde. „Allerdings wäre das ein Schritt, den Sie sich sehr gründlich überlegen müssten, denn wenn Sie Ihr Kind zur Adoption freigeben, gibt es kein Zurück mehr.“ Sie sah ihre jugendliche Patientin eindringlich an, während sie fortfuhr: „Wenn Sie es tatsächlich freigeben, sehen Sie Ihr Kind nie wieder! Die Identität und der Wohnort des fraglichen Ehepaares werden nämlich nicht bekannt gegeben. Andersherum verhält es sich übrigens genauso. Zumindest sieht es die Gesetzeslage momentan so vor.“

Bettina schwieg zunächst, weil sie die Worte der Ärztin gründlich überdenken musste. Als ihr schließlich klar wurde, dass der Vorschlag der Medizinerin nicht nur vernünftig war, sondern auch ihre einzige Rettung sein könnte, beschloss sie spontan, diese Chance ergreifen zu wollen.

„Und …“ Sie leckte sich nervös über die Unterlippe, bevor sie neu ansetzte: „Was muss ich tun? Ich meine … Wer regelt denn so was?“

„Lassen Sie sich am besten einen Termin beim Jugendamt geben“, empfahl Doktor Wießner. „Dort wird man Sie weit besser beraten, als ich es kann. Aber kommen Sie auf jeden Fall in vier Wochen wieder. Die Vorsorgeuntersuchungen sind sehr wichtig. Nicht nur für Sie selbst, sondern auch für das Kind.“

Bettina nickte bloß, um anzuzeigen, dass sie verstanden hatte. Kurz darauf verließ sie die Praxis, mit der Absicht, nach Hause fahren zu wollen. Als sie jedoch an der Bushaltestelle anlangte, an welcher ihre Linie abfuhr, entschied sie sich anders. Das Haltehäuschen hinter sich lassend, lief sie einfach weiter in die Richtung des Alsterufers. Sie musste sich zunächst darüber klar werden, ob die Entscheidung, die sie in der Praxis gefasst hatte, wirklich die richtige war, überlegte sie. Vielleicht … Ein Baby war kein lebloses Ding, das man einfach an irgendeine andere Person weitergeben konnte! Es war ein Teil von ihr selbst, und somit auch ein menschliches Wesen, dem sie Liebe und Fürsorge schuldig war. Andererseits: Was hatte sie dem Würmchen schon zu bieten? Wenn sie es behielt, würde sie immer auf die Hilfe anderer Leute angewiesen sein. Solange sie, mangels guter und vor allem bezahlbarer Unterbringungsmöglichkeiten für das Kleine, nicht arbeiten konnte, würde sie beim Sozialamt um Unterstützung betteln müssen. Das war zwar nichts Ehrenrühriges, aber auch nicht unbedingt angenehm, denn auf Kosten des Staates zu leben, brachte auch einen gewissen Ruf mit sich. … Nein, sie wollte weder sich noch dem Kind zumuten, dass man sie für Schmarotzer hielt! Sie wollte ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und gleichzeitig ihr Baby dauerhaft sicher aufgehoben wissen. Eine vorübergehende Lösung kam nicht infrage, denn das würde weder ihr noch dem Kleinen wirklich helfen. Viel besser war es, wenn man einen sauberen Schnitt machte.

Zwei Tage brauchte Bettina, um sich darüber klar zu werden, was sie als Nächstes tun sollte. Dann arrangierte sie ein Treffen mit Lothar.

Da es schon eine ganze Weile her war, dass sie miteinander geschlafen hatten, ließ sie ihn zunächst all das tun, was er sich wünschte, und schmiegte sich dann wie Schutz suchend in seinen Arm.

„Ich muss dir was erzählen.“ Sie hatte sich die Worte sorgfältig zurechtgelegt. Außerdem kannte sie ihn mittlerweile lange genug, um zu wissen, wie er auf gewisse Dinge reagierte. Dennoch war sie sich nicht ganz sicher, ob sie ihn tatsächlich richtig einschätzte. Möglicherweise akzeptierte er seine angebliche Vaterschaft, und erklärte sich bereit, alles zu tun, damit es bei der Mutter groß werden konnte. Andererseits war es auch möglich, dass er ihre Behauptung anzweifelte und einen Test verlangte, was sie in der Tat in eine sehr prekäre Lage bringen würde. … Ruhig Blut, ermahnte sie sich, als ihr Puls vor Angst zu rasen begann. Es war äußerst wichtig, dass sie die Nerven behielt und weiter nach Plan vorging. Schließlich blieb ihm ja keine andere Wahl, als ihrem Vorschlag zuzustimmen. Ja, machte sie sich selbst Mut. Er konnte gar nicht anders, als ihr Vorhaben zu unterstützen, denn er hatte weit mehr zu verlieren, wenn er es nicht tat! „Ich bin schwanger“, flüsterte sie, und fuhr im nächsten Moment jäh zusammen, weil er sie so fest am Oberarm packte, dass es schmerzte.

„Was sagst du da?“ Erschrocken und fassungslos zugleich, schob er sie von sich, um ihr ins Gesicht sehen zu können.

„Ich bekomme ein Baby von dir.“ Sie war darauf eingestellt, dass er schockiert sein würde. Seine heftige Reaktion machte ihr jetzt aber doch Angst.

„Das …“ Er ließ sie so plötzlich los, als hätte er sich die Finger an ihr verbrannt. Dann sprang er so hastig aus dem Bett, dass er fast hingefallen wäre. Im letzten Moment gewann er dann aber sein Gleichgewicht wieder und sah sie aus ein paar Schritten Entfernung mit weit aufgerissenen Augen an. „Ach du liebe Zeit!“ Wenn bekannt wurde, dass er sich nicht nur mit einem Lehrmädchen eingelassen, sondern dieses auch noch geschwängert hatte, war er erledigt! Nicht nur sein Arbeitgeber, nein, auch seine Familie würde ihn von jetzt auf sofort zu einer Persona non grata erklären! Und Bettina … Warum, zum Henker, hatte er ihr allein die Verhütung überlassen, statt sich selbst darum zu kümmern, dass nichts passieren konnte? „Wie weit …“ Er brach unvermittelt ab, um sich einmal ausgiebig zu räuspern. „Wann ist es passiert?“

Ihre Furcht gewaltsam beiseite schiebend, ging Bettina nun zum einstudierten Text über: „Es muss schon beim ersten Mal geschehen sein.“ Während sie redete, setzte sie sich langsam auf. Dabei schlang sie die Decke mit einer zögerlich anmutenden Bewegung um ihren nackten Körper. Die volle Unterlippe zwischen die Zahnreihen geklemmt, sah sie ihn anschließend von unten herauf an, und legte so viel Unsicherheit in ihren Blick, dass es tatsächlich so aussah, als könne sie seine Reaktion nicht wirklich verstehen. „Ich … Bei unserem ersten Zusammensein war ich nicht geschützt, weil ich … Ich dachte … Na ja, meine Periode war gerade erst vorbei, verstehst du.“

War das möglich, fragte er sich. Oder erlaubte sie sich einen üblen Scherz? … Nein, entschied er. Das war kein Witz. Wäre es einer gewesen, sie wäre längst in überschäumende Heiterkeit verfallen, um ihn dann mit seiner Leichtgläubigkeit zu necken. Also war es wahr. Es musste wahr sein, denn sonst hätte sie sicher nicht so bedrückt drein geschaut! Die Frage war jetzt nur: Wie ging man damit um? Besser gesagt: Was sollte man tun? Sie hatte ihm zwar ihre Unschuld und danach noch viele aufregende Stunden in ihrem Bett geschenkt, aber nie verlangt, dass er sich von seiner Familie trennte, um ausschließlich mit ihr zusammen zu sein. Im Grunde hatte sie noch nie irgendwelche Forderungen an ihn gestellt, erinnerte er sich. Aber jetzt sah das anders aus!

„Was erwartest du von mir?“, wollte er wissen.

Bettina sah zu ihrem Liebhaber hinauf und fühlte dabei ihre Kehle allmählich so eng werden, dass sie kaum noch normal atmen konnte. Selbstverständlich wollte sie, dass er sich von dem Kind distanzierte, damit sie ihr Vorhaben ohne Probleme ausführen konnte. Trotzdem wäre es ihr lieb gewesen, er hätte sich sein Unbehagen und das sichtlich deutlicher werdende Misstrauen nicht ganz so deutlich anmerken lassen.

„Dass du mir hilfst“, antwortete sie leise.

„Aber … Ich …“ Er brach ab, um sich zunächst die richtigen Worte für seine Frage zu überlegen. „Wie soll denn diese Hilfe aussehen? Brauchst du Geld? Ich meine …“

Sie musste sich gar nicht anstrengen, um schockiert zu wirken, denn sie war es aufgrund seiner Gefühllosigkeit gegenüber einem noch nicht geborenen und daher vollkommen hilflosen Lebewesen tatsächlich.

„Das … Du …“, stammelte sie. „Ich will aber keinen Mord auf mein Gewissen laden“, brachte sie endlich mit leiser Stimme hervor.

„Was dann?“ Seine Stimme wies mittlerweile eine leicht panisch anmutende Klangfarbe auf.

„Ich …“ Es musste sich so anhören, als wäre ihr der Gedanke gerade erst gekommen, ermahnte sie sich. Er durfte auf keinen Fall den Eindruck haben, sie hätte sich schon mit dem Problem beschäftigt, denn dann würde er ihr die hilflose Nymphe nicht mehr abnehmen, die allein auf die Großmut ihres Geliebten angewiesen war. „Ich brauche …Es wäre gut, wenn du mich unterstützen würdest, weil ich … So, wie es aussieht, können weder du noch ich das Baby gebrauchen.“ Sie fühlte sich auf einmal so elend, wie nie zuvor in ihrem Leben. Und die damit einhergehende Traurigkeit füllte ihre Augen mit heißen Tränen. Also suchte sie nach einem Taschentuch, was ohne Erfolg blieb, und wischte sich am Ende mit ihrer Zudecke über das Gesicht. „Aber ich … Alleine schaffe ich das alles nicht.“ Hätte sie in diesem Augenblick ihren Gefühlen freien Lauf lassen dürfen, sie wäre am liebsten aufgesprungen und aus dem Raum gerannt. Dennoch blieb sie da, denn sie musste ja ihre Vorstellung fortführen. Und so hockte sie mit gesenktem Kopf auf ihrem Bett, bis er begann, seine Kleidung wieder anzuziehen.

„Also gut“, sagte er, sobald er fertig war. „Was soll ich tun?“

Bettina sah zu ihm hinauf und hoffte dabei von Herzen, dass ihre Kraft sie nicht vorzeitig verließ. Dann begann sie mit zaghafter Stimme zu sprechen: „In der Praxis von meiner Ärztin … Also da war eine Zeitschrift im Wartezimmer. Und da … Es gibt Ehepaare, die können keine Kinder bekommen, verstehst du. Und die …“ Sie ließ den Satz unvollendet, wohl wissend, wie verzweifelt und hilflos sie durch ihr Gestammel und die Tränen wirkte, die nun ungehindert an ihren Wangen hinab liefen. Anschließend wartete sie ein paar Sekunden, bevor sie die alles entscheidende Feststellung machte: „Vielleicht sollte ich das Kind zur Adoption freigeben. Es … Dadurch würde es in eine intakte Familie kommen, wo es geliebt wird. Und …“

„Das würdest du wirklich tun wollen?“, entschlüpfte es ihm. „Ich meine …“ Lothar war zutiefst erleichtert, denn er sah seine Zukunft mit einem Mal nicht mehr so bedroht, wie noch vor ein paar Minuten. „Kannst du das denn?“

„Ich … Es hängt alles von dir ab.“ Bettina schenkte ihrem Geliebten einen Blick voller Sehnsucht, was deutlich machen sollte, wie sehr sie darauf hoffte, einen anderen Vorschlag von ihm zu hören. Doch insgeheim war sie sich bereits sicher, dass er genau das tun würde, was er sollte. „Wenn du zu mir und unserem Kind stehst, behalte ich es natürlich.“ Sie räusperte sich ausgiebig, bevor sie weitersprach: „Wenn nicht …“ Sein Stirnrunzeln als Warnung vor einem Stimmungsumschwung seinerseits auffassend, beeilte sie sich zu einer näheren Erklärung: „Ich werde deinen Namen nicht nennen, das schwöre ich. Aber ich will, dass mein Baby nachher gut aufgehoben ist. Und du musst mir helfen, weil … Bitte, lass mich nicht allein. Ich könnte es nicht ertragen, wenn du mich jetzt einfach fallen lassen würdest.“ Das war ein bisschen übertrieben, ja, gestand sie sich ein. Aber es war keine Lüge. Sie mochte ihn wirklich, und das nicht nur wegen seiner Liebhaber-Qualitäten. „Du musst dich auch gar nicht groß um mich kümmern, wenn du nicht willst“, bot sie an. „Hilf mir nur, meine Ausbildung zu beenden. Mehr will ich nicht.“

„Wie stellst du dir das vor?“, reagierte er immer noch ein wenig verunsichert. „Es gibt Gesetze, die eine schwangere Frau schützen, und die auch ich, als dein Vorgesetzter, einhalten muss.“

„Wenn niemand davon erfährt, kann sich auch keiner einmischen“, erwiderte sie leise. „Du musst es ja nicht gleich in meine Akte eintragen lassen.“

*

Je weiter ihre Schwangerschaft fortschritt, umso mehr achtete Bettina auf ihr Äußeres. Ihr Glück war, dass sie bei Weitem nicht so viel zunahm, wie sie im Vorfeld gefürchtet hatte, sodass ihr wachsender Leibesumfang kaum auffiel. Zudem machte es die neue Mode möglich, ihre Figur weitgehend zu verbergen, da man in ihrer Altersklasse ausschließlich Jeans und darüber lose fallende Hemden oder verspielt anmutende Tuniken trug. Allein während ihrer Dienstzeit musste sie nach wie vor eine Uniform tragen. Doch stellte dies ebenfalls kein großes Problem dar, denn ihre Behauptung, dass ihre Gewichtszunahme und somit der Bedarf an weiter geschnittenen Kleidungsstücken das Ergebnis unkontrollierten Schokoladengenusses sei, wurde ohne jedes Misstrauen akzeptiert.

Lothar stahl sich ab und an noch in Bettinas Kammer hinauf. Allerdings wurde er mehr durch sein Pflichtbewusstsein getrieben, als von dem Wunsch, seine Geliebte beschlafen zu wollen. Ihre samtweiche Haut und die aufregenden Rundungen ihres Körpers reizten ihn zwar immer noch. Aber ihr wachsender Bauchumfang war für ihn ein störendes Hindernis, zumal ihm der Anblick stets ein bohrendes Schuldgefühl bescherte. Außerdem fürchtete er, seine Besuche im Dachgeschoss könnten doch noch durch irgendeinen dummen Zufall bemerkt und entsprechend gewertet werden. Und weil er sein Glück nicht überstrapazieren wollte, ging er nach Feierabend lieber direkt nach Hause.

Bettina nahm die zunehmende Zurückhaltung, sowie das endgültige Fernbleiben ihres Geliebten relativ gelassen auf, weil sie selbst überhaupt kein Verlangen nach Sex mehr verspürte, seit sie um ihren Zustand wusste. Es tat zwar weh, erkennen zu müssen, dass Lothar tatsächlich bloß eine willige Gespielin in ihr gesehen hatte. Da ihr jedoch von Anfang an bewusst gewesen war, dass diese Beziehung nur eine Art Handel sein würde, konnte sie ihm keinen Vorwurf daraus machen, dass er sich jetzt so unbehelligt wie möglich aus der Affäre ziehen wollte. Nun, sobald die Sache mit dem Kind erledigt und die Prüfungen bestanden waren, würde sie ohnehin von hier verschwinden, redete sie sich selbst gut zu. Sie würde einfach irgendwo anders ein ganz neues Leben anfangen und das alte einfach vergessen!

Trotz dieser scheinbar optimistischen Gedanken vergoss sie fast jeden Abend bittere Tränen der Enttäuschung und Einsamkeit. Allein das winzige Wesen unter ihrem Herzen spendete ihr ein wenig Trost, weil es in der Tat der einzige Mensch war, der ihren Kummer mit ihr teilte. Sobald sie sich jedoch daran erinnerte, dass auch das bald vorbei sein würde, war sie umso unglücklicher.

*

Der Frühling des Jahres Neunzehnhundertneunundsiebzig ließ die Natur für die Sinne der Menschen zu einer wahren Orgie an Farben und Düften werden. Mit bunten Blumen bepflanzte Kübel und Bäume in unzähligen Grünnuancen, ließen die Straßenzüge freundlich und einladend erscheinen. Doch dafür hatte Bettina keinen Blick übrig. Darum bemüht, ihren nun doch mehr und mehr deutlich sichtbaren Zustand auch weiterhin geheim zu halten, schützte sie Krankheit vor und verkroch sich in den letzten Tagen ihrer Schwangerschaft in ihrem Zimmer, um dort darauf zu warten, dass der Tag X endlich anbrach. Durch Lothar vor ungebetenen Besuchern geschützt, der jeden besorgten Kollegen warnte, er könne sich bei ihr mit einer hochgradig ansteckenden Grippe infizieren, verbrachte sie die Zeit mit Schlafen und Lernen. Als sie schließlich von heftigen Leibschmerzen überfallen wurde, fuhr sie mit einem Taxi zu ihrer Gynäkologin, um sich untersuchen zu lassen. Allerdings war sie kaum in der Praxis angelangt, da rief man sogleich einen Krankenwagen für sie, damit dieser sie in die Entbindungsklinik bringen sollte.

Obwohl die Schmerzen der Geburt nahezu unerträglich waren, gab Bettina nicht einen einzigen Laut von sich. Die Zähne so fest aufeinandergebissen, dass es in ihrem Kiefer knackte, beatmete sie eine Wehe nach der anderen, so, wie die Hebamme es anordnete, und erlaubte sich erst ganz zum Schluss einen erleichterten Seufzer. Als man ihr jedoch gleich darauf den kleinen Jungen auf den Bauch legen wollte, hob sie abwehrend beide Hände.

„Nicht“, verlangte sie heiser. „Ich will es nicht sehen!“ Nicht sehen und auch nicht hören, dachte sie erschöpft. Wenn sie das Würmchen nämlich erst ansah, würde sie nicht mehr in der Lage sein, es wegzugeben. Aber genau das musste sie tun! Sie durfte es nicht behalten, denn sie wollte, dass man ihm ein geordnetes und sorgenfreies Leben ermöglichte.

Bettina war kaum medizinisch und mit guten Ratschlägen für die nächste Zeit versorgt, da verließ sie das Krankenhaus, weil sie den vermeintlich vorwurfsvollen Blick vonseiten der Hebamme und der diensthabenden Ärzte nicht ertragen konnte. Selbstverständlich war sie sich immer bewusst gewesen, dass ihre Entscheidung keine Begeisterung hervorrufen würde. Trotzdem mochte sie sich jetzt nicht wie eine Verbrecherin ansehen lassen, nur weil sie ihr Kind nicht behalten wollte.

Das verschwitzte Haar zu einem dicken Pferdeschwanz gebunden, ging sie mit vorsichtigen Schritten zum nächstbesten Taxistand und ließ sich dann nach Hause fahren. Nur nicht zurückschauen, ermahnte sie sich. Sie musste so schnell und so weit wie nur möglich weg, damit sie gar nicht erst auf dumme Gedanken kam. Ihr Baby würde noch ein paar Tage in der Obhut von Kinderärzten und Krankenschwestern bleiben, weil man ihr, der leiblichen Mutter, schon von Rechts wegen eine angemessene Frist zu einer Meinungsänderung einräumen musste. Wenn sie diese Zeit jedoch tatenlos verstreichen ließ, würde es unwiderruflich den Adoptiveltern übergeben werden. Es würde glücklich werden, redete sie sich selbst gut zu. Was auch immer es brauchte, es würde sicher alles bekommen, denn niemand nahm ein Kind an, der sich nicht um sein Wohl und seine Entwicklung kümmern wollte. Und sie selbst musste jeden Gedanken an das Baby aus ihrem Kopf verbannen! Sie musste sich jetzt voll und ganz auf ihre Ausbildung konzentrieren, denn davon hing ihre weitere Zukunft ab.

5

Fünf Jahre nach Abschluss ihrer Berufsausbildung, und mehreren weiterführenden Lehrgängen, war Bettina die rechte Hand des leitenden Direktors einer Kölner Nobelherberge. Sie bewohnte ein sehr modernes und hell eingerichtetes Appartement in unmittelbarer Nähe zu ihrem Arbeitsplatz. Außerdem besaß sie einen kleinen Sportwagen, den sie sich selbst zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte. Bei ihrem Vorgesetzten und den Kollegen war sie beliebt, weil sie stets mit Rat und Tat parat stand, wenn es Probleme gab. Darüber hinaus wurde sie von den Männern bewundert und begehrt, ließ sich jedoch auf keine engere Beziehung ein, weil keiner unter ihren Verehrern war, den sie ständig um sich haben wollte. Und so fühlte sie sich oft sehr allein, wenn sie nach Hause kam und nur leere Räume vorfand. Sobald sich ihr jedoch Gedanken zu den möglichen Gründen dafür aufdrängten, schob sie diese gleich wieder beiseite, weil sie keinen Sinn darin sah, sich selbst analysieren zu wollen. Sie war, wie sie war. Und damit hatte es sich!

*

Peer van Halderen war einer der Eigentümer einer renommierten Hotelkette, welche sich über halb Europa verteilte. Damit war er auch der Arbeitgeber unzähliger Menschen, deren Arbeitsplatz – und somit auch ihr Leben! – von seinem Wohlwollen abhing. Der Endzwanziger war ein hochgewachsener, sportlich wirkender Mann mit grünen Augen und rabenschwarzem Haar. Sein forsches Auftreten war hingegen das Resultat seines Bewusstseins, ein einflussreiches Mitglied der High Society zu sein. Allerdings hielt er nichts davon, sich um Dinge zu kümmern, für deren Erledigung man eigens dafür ausgebildete Leute eingestellt hatte. Er widmete sich lieber exklusiven Reisen und dem Sammeln verschiedener Kunstobjekte, welche ihm unterwegs ins Auge fielen.

Bettina war ihrem obersten Vorgesetzten nie persönlich begegnet, kannte den gutaussehenden Mann aber aus der Regenbogenpresse. Man bescheinigte Peer van Halderen einen erlesenen Geschmack, was Kleidung und Autos betraf, erinnerte sie sich. Aber man hütete sich, offen über seine häufig wechselnden persönlichen Sekretärinnen zu sprechen oder gar zu schreiben, weil man sich sicher sein konnte, anderenfalls eine Rufmord-Klage in Millionenhöhe angehängt zu bekommen. Nichtsdestotrotz behaupteten böse Zungen hinter vorgehaltener Hand, er sei bloß ein berechnender Emporkömmling, der es Ende der Siebzigerjahre allein durch seine jugendliche Frische geschafft habe, eine sehr reiche und um zwei Jahrzehnte ältere Hotelerbin so zu beeindrucken, dass sie ihn zu ihrem Ehemann machte. Saskia van Halderen, einzige Tochter eines millionenschweren Hotel-Magnaten, sei ihrem Adonis-Gatten in der Tat hörig, hieß es, und würde daher bewusst über seine Eskapaden hinweggehen, so als wären sie nicht real. Nun, ihr selbst konnte das alles egal sein, dachte Bettina, während sie zu ihrem Büro eilte, um sich auf die Ankunft des VIP-Gastes vorzubereiten, der an diesem Tag erwartet wurde. Sie musste ihre Arbeit tun, denn die erledigte sich nicht von alleine, nur weil der Big-Boss im Haus war!

Dass Peer van Halderen ausschließlich ihr seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit widmete, sobald er im Hotel eintraf, stürzte Bettina zunächst in arge Verwirrung. Obwohl er eine ungemein hübsche junge Dame bei sich hatte, die zu allem anderen fähig schien, bloß nicht zum Briefe tippen, hatte er nur Augen für seine Angestellte. Als ihr jedoch aufging, dass sie in der Tat seine direkte Ansprechpartnerin war, weil der Hotelmanager selbst momentan mit Fieber im heimischen Bett lag, schalt sie sich eine alberne Gans. Sicher, das begehrliche Glimmen in den Augen ihres Gegenübers war eindeutig. Und sein offenkundiges Interesse schmeichelte ihrem Ego. Außerdem übte er vom ersten Moment an eine Anziehungskraft auf sie aus, die sie nie zuvor so intensiv erlebt hatte. Sein Blick jagte heiße Wellen durch ihren Körper und ließ zudem auch noch jede ihrer Nervenfasern vor Erwartung beben. Auch der Geruch von teurem Aftershave, der sich mit seiner eigenen Note zu einem fast schon narkotischen Duft vermischte, ließ ihre Knie zittern, sobald er in ihrer Nähe auftauchte. Dennoch war sie wahrscheinlich nur eine von vielen, die dem verwöhnten Playboy zwar kurzzeitig auffiel, die aber sofort wieder in der tiefsten Schublade seiner Erinnerung versinken würde, sobald er eine andere Frau erblickte, die ihm interessanter erschien. Nun, sie hatte keine Lust darauf, als Spielzeug betrachtet und nach kürzester Zeit wieder abserviert zu werden. Er war der Chef, dem sie einen gewissen Respekt schuldig war. Aber mehr kam nicht infrage!

Am nächsten Tag wurde Bettina vom Big-Boss persönlich gebeten, sie möge ihn doch freundlicherweise zu einem geschäftlichen Dinner begleiten. Eigentlich brauchte er keine Unterstützung, um die Preisverhandlungen mit dem Kunsthändler zu führen, von dem er zwei Bilder zu kaufen gedachte. Da er aber gewohnt war, immer und überall von einer schönen Frau begleitet zu werden, seine derzeitige Assistentin jedoch aufgrund einer rasant um sich greifenden Grippe mit Glieder-und Kopfschmerzen im Bett lag, wollte er seine Angestellte mitnehmen.

Und so betrat Bettina zur verabredeten Zeit an der Seite ihres Arbeitgebers das Restaurant, in dem das Meeting stattfinden sollte. Als sie jedoch das bereits wartende Paar entdeckte, war sie heilfroh, statt des roten, hauteng anliegenden Samtkleides einen schwarzen Hosenanzug mit hellgrüner Seidenbluse angezogen zu haben. Der Kontrast wäre in der Tat ziemlich krass gewesen, dachte sie für sich, während sie die kleine, unscheinbar wirkende Frau des Galeristen begrüßte, die ein dunkles, geschäftsmäßig wirkendes Kostüm und dazu ein farblich passendes Edel-Shirt trug.

Während des Essens diskutierten die beiden Männer über verschiedene Künstler und deren Arbeiten. Sie hörten sich auch Bettinas Kommentare an. Allerdings ließ der Kunsthändler deutlich erkennen, dass er einer schönen Blondine weder Verstand noch Fachkenntnis zutraute.

Bettina ärgerte sich über die unverhohlene Geringschätzung, die ihr von dem Galeristen entgegengebracht wurde, trug aber trotzdem ein zuvorkommendes Lächeln zur Schau. Als es ihr schließlich zu viel wurde, ständig mitten im Satz unterbrochen zu werden, konzentrierte sie sich auf ihre Stuhl-Nachbarin, die bisher zwar der Unterhaltung interessiert gelauscht, selbst aber so gut wie nichts dazu beigetragen hatte. Bei dem nachfolgenden Gespräch mit ihrer Tischgenossin merkte sie dann relativ schnell, wer tatsächlich das Sagen hatte, was die finanzielle Seite des Handels betraf. Also lenkte sie die Aufmerksamkeit ihres eigenen Begleiters immer wieder auf die Galeristen-Gattin, sodass Peer am Ende ausschließlich mit der kleinen Frau sprach und somit einen für ihn akzeptablen Preis aushandeln konnte.

Am Morgen nach dem erfolgreichen Geschäftsessen wollte der glückliche Kunstsammler seine Dankbarkeit mit einem Geschenk deutlich machen.

„Aber … Das …“ Sein plötzliches Auftauchen in ihrem Büro, und die Tatsache, dass sie sich nun zum ersten Mal völlig allein mit dem aufregenden Mann in einem Raum befand, brachte Bettina so durcheinander, dass sie nicht gleich die richtigen Worte fand, um sein Geschenk abzulehnen. Doch dann nahm sie sich zusammen. „Danke, aber das kann ich nicht annehmen“, erklärte sie mit leicht belegter Stimme.

Peer starrte seine Angestellte zunächst nur verständnislos an. Dass eine Frau so eine wertvolle Gabe aus seiner Hand ablehnte, brachte ihn in der Tat ein wenig aus der Fassung, denn es war kein gewöhnlicher Strauß Blumen, den er überreichen wollte, sondern eine goldene Halskette, an welcher ein kleiner Jade-Anhänger in Tropfenform baumelte.

„Aber wie soll ich mich denn sonst bei Ihnen bedanken?“, wollte er wissen.

„Gar nicht“, erwiderte sie. „Schließlich gehört es zu meinen Aufgaben, auch solche Dinge zu erledigen, wenn es erforderlich ist.“

„Hm.“ Sein Gegenüber von Kopf bis Fuß musternd, nickte Peer am Ende leicht. „Dann könnte ich Sie ja rein theoretisch jeden Abend um solch einen Gefallen bitten, solange ich hier bin. Ja? Was würden Sie denn sagen, wenn ich einfach nur mit Ihnen essen gehen wollte?“

„Warum ich?“ Sie war alles andere als ruhig, hatte sich jetzt aber so weit unter Kontrolle, dass es tatsächlich so aussah, als würden weder seine Gegenwart noch sein Angebot sie besonders beeindrucken.

„Weil Sie nicht nur schön, sondern auch klug sind“, antwortete er mit einem treuherzigen Augenaufschlag. „Es macht einfach Spaß, mit Ihnen zusammen zu sein.“

Im ersten Moment war Bettina geschmeichelt, denn sein Kompliment klang vollkommen aufrichtig. Als ihr jedoch aufging, dass das vermutlich eine bereits mehrfach erprobte und durch Erfolg belohnte Eroberungs-Masche eines notorischen Schürzenjägers war, rief sie sich ihren ursprünglichen Vorsatz in Erinnerung. Nein, stellte sie im Stillen für sich fest, sie wollte sich weder durch seine Großzügigkeit noch durch seine Schmeichelei einlullen lassen. Er verfolgte nämlich eine bestimmte Absicht. Hätte er sich einfach nur bedanken wollen, wäre das entsprechende Wort vollkommen ausreichend gewesen!

„Wenn da allerdings jemand ist, der sehnsüchtig auf Ihre Heimkehr wartet“, redete Peer unterdessen weiter, „dann verzichte ich natürlich auf Ihre Begleitung. Ich will doch keine Beziehungskrise heraufbeschwören.“

„Es gibt momentan niemanden, der auf mich wartet.“ Die Worte waren kaum ausgesprochen, da bereute sie diese auch schon, weil ihr unbedachtes Geständnis in der Tat wie eine Ermunterung zu einem Flirt ausgelegt werden konnte. „Aber das heißt nicht …“

„Das gibt’s doch gar nicht“, unterbrach er scheinbar verblüfft. „Sie und allein?“

„Ja und?“ Die Augen leicht verengt, maß sie ihn mit einem bewusst abweisenden Blick. „Ist das etwa ein Verbrechen?“

„Nein, das nicht“, antwortete Peer, indem er ein Lächeln auf seine Lippen zauberte, welches zum einen um Vergebung bat, und zum anderen betören sollte. „Aber unglaublich ist es allemal. Eine so schöne Frau, wie Sie, hat doch normalerweise an jedem Finger mindestens fünf Verehrer, sodass sie keinen Abend alleine verbringen muss!“

„Im Moment möchte ich es gar nicht anders haben“, behauptete sie.

„Wohl gerade eine unerfreuliche Trennung hinter sich gebracht?“ Sein Lächeln schwand nicht, bekam aber einen merklich mitfühlenden Ausdruck.

„Das geht Sie nichts an“, wies sie ihn zurecht.

„Seien Sie froh, dass Sie ihn los sind“, stellte er unbeeindruckt fest. „Ein Mann, der Sie aufgibt, kann nur ein Idiot sein.“

„Wie ich schon sagte: Mein Privatleben geht Sie nichts an“, wiederholte sie.

Sie standen sich direkt gegenüber, kaum einen Schritt voneinander entfernt, und sahen sich in die Augen.

Bettina fühlte, wie die Hitze in ihre Wangen schoss, konnte jedoch nichts dagegen tun. Ebenso wenig vermochte sie die beständig stärker werdende Erregung zu unterdrücken, die seine körperliche Nähe in ihr hervorrief. Da sie jedoch nicht weggehen konnte, ohne sichtbar werden zu lassen, wie sehr ihr die Knie zitterten, stand sie wie festgenagelt auf der Stelle.

Peer indes fand ihr scheinbar verärgertes Erröten ungemein süß, und beugte sich spontan vor, um sie auf den Mund zu küssen. Allerdings berührten seine Lippen kaum die ihren, da zuckte sie auch schon zurück, so als hätte sie sich an ihm verbrannt.

„So etwas gehört nicht zu den Dienstleistungen, die in mein Aufgabengebiet gehören.“ Sie ärgerte sich über seine eigenmächtige Zudringlichkeit, obwohl ihr der Kuss durchaus gefallen hatte. „Gehen Sie jetzt bitte. Ich habe zu tun.“

„Ach ja?“ Er war nun vollends für sie entbrannt, sodass er sich nicht abwimmeln lassen wollte, bevor er nicht ausgelotet hatte, ob sie nicht doch herumzukriegen war.

„Ja!“ Sie wollte jetzt doch an ihm vorbei, um zu ihrem Schreibtisch zu gehen, hinter dem sie sich verschanzen konnte. Sie kam jedoch nicht weit, denn er packte sie unvermittelt am Arm, um sie sogleich an sich zu ziehen. „Lassen Sie …“ Weiter kam sie nicht, weil sein Mund jeglichen Protest schon im Ansatz erstickte. Aber nur einen Atemzug später stieß sie ihn mit aller Kraft von sich. „Das reicht jetzt.“ Dass ihre Stimme ein wenig belegt und zittrig klang, machte sie nun fast so wütend, wie die Tatsache, dass ihr Arbeitgeber meinte, ihre vorangegangene Zurechtweisung sei getrost zu ignorieren, weil sie ja ohnehin keine Chance hätte, sich gegen seine Verführungskünste zu wehren. „Gehen Sie!“

„Du magst mich also nicht.“ Peer wirkte so enttäuscht, wie ein kleiner Junge, dem man gerade erklärt hatte, er bekäme die versprochenen Süßigkeiten nicht, weil er seine Aufgabe nicht zufriedenstellend erledigt habe.

„Natürlich mag ich Sie“, stellte Bettina klar, indem sie ihre Kleidung sorgfältig glattstrich und dabei seinem Blick auswich. „Schließlich sind Sie ja mein Boss, der mir meinen Lohn und somit auch meine Brötchen bezahlt.“

„Aber ich bin auch ein Mann“, stellte er fest.

„Das ist wohl wahr“, versuchte sie ironisch zu sein, wobei sie ihn nun wieder voll ansah und dabei so viel Ablehnung in ihren Blick legte, wie es ihr möglich war.

„Keine Chance?“ Man konnte ihm ansehen, dass er zwar eine negative Antwort erwartete, im Grunde aber hoffte, sie würde ihre Meinung doch noch ändern.

„Wo soll denn das hinführen?“, fragte sie, erwartete darauf aber nicht wirklich eine Antwort. „Sie sind ein verheirateter Mann.“

„Das heißt doch aber nicht, dass wir nicht trotzdem ein bisschen Spaß miteinander haben können.“ Noch während er sprach, fasste er sie vorsichtig um die Taille, um sie erneut an sich zu ziehen. Doch ging er diesmal so sanft vor, als hätte er Angst, ihr wehzutun. „Meine Frau ist weit weg und zudem nicht wirklich in der Lage, meinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Daher hat sie nichts dagegen, wenn ich mir bei anderen hole, was sie mir nicht geben kann. Und du bist im Moment ohnehin solo. Also wäre es dumm, wenn ein jeder von uns allein in sein leeres Bett steigen würde, wo es doch weit angenehmer ist, aneinander gekuschelt einzuschlummern.“

Er hatte also beschlossen, mit offenen Karten weiterzuspielen, stellte Bettina im Stillen für sich fest. Und jetzt war es an ihr, entsprechend zu kontern. Die Frage war bloß: Wollte sie sich tatsächlich auf diesen Mann einlassen? Nun, ihr Kopf sagte Nein, denn es war klar, dass er sie nur als Lustobjekt betrachtete. Ihr Körper hingegen schrie förmlich danach, von ihm genommen zu werden, weil es viel zu lange her war, dass sie zum letzten Mal geliebt worden war. Vielleicht … Was war schon dabei, wenn sie ein oder zweimal miteinander schliefen. Er würde nicht der Erste und auch nicht der letzte sein, mit dem sie ein paar lustvolle Stunden verbrachte, bevor jeder von ihnen wieder seiner Wege ging. Also musste sie sich überlegen, wie sie ihren Sinneswandel deutlich machen konnte, ohne dass es so wirkte, als hätte sie sich bisher nur geziert, um sein Verlangen zusätzlich anzustacheln.

„Ich soll also dein Bett wärmen, ja?“ Sie ließ ihre Hände absichtlich an ihren Seiten herabhängen und sah ihn dabei herausfordernd an. „Was ist denn mit deiner Assistentin? Ich kann doch nicht einfach ihren Job …“

„Alicia ist wirklich nur meine Sekretärin.“ Peers Tonfall klang leicht ungeduldig, so als wäre er es tatsächlich leid, länger als notwendig über Belangloses sprechen zu müssen. „Also mach dir keine Gedanken.“ Er wollte nun nicht länger warten. Bettinas Mund erneut in Besitz nehmend, drückte er sie gleichzeitig an sich, damit sie spüren sollte, wie es um ihn stand. Als sie daraufhin die Lippen öffnete, um seinen fordernden Kuss zu erwidern, und gleichzeitig ihre Arme hob, um sie mit einem leisen Seufzer um seinen Nacken zu schlingen, hätte er sie am liebsten sofort genommen. Allein ein letzter Funke seines berechnenden Verstandes mahnte zur Vernunft, sodass er schon bald von ihr abließ.

„Komm nachher in meine Suite“, verlangte er. „Ich werde es so einrichten, dass uns niemand stört. Bitte“, fügte er hinzu, als er ihren konsternierten Blick auffing. „Ich will dich so sehr, dass es wehtut.“

Bettina nickte bloß, denn ihr ging es nicht besser. Sie meinte zwar immer noch, sowohl sich selbst als auch die Situation im Griff zu haben, war aber schon längst auf dem besten Wege, all ihre Prinzipien über Bord zu werfen.

Während der folgenden Woche wurde Bettina wiederholt in Peers Suite gerufen, weil angeblich geschäftliche Angelegenheiten zu besprechen seien. Also ging sie hin und verbrachte eine überaus aufregende halbe Stunde in seinem Bett, nicht merkend, dass ihre Gefühle für den Mann immer intensiver wurden. Als ihr aber wieder einfiel, dass ja von seiner Seite aus nur ein kurzer Besuch geplant war, begann sie innerlich zu zittern. Sie war ihm mit Haut und Haaren verfallen, erkannte sie voller Schrecken. Ja, sie konnte sich gar nicht mehr vorstellen, wie sie früher ohne ihn existiert hatte! Wie eine Süchtige fieberte sie ständig ihrem nächsten Treffen entgegen, und fühlte die Sehnsucht nach ihm wie einen körperlichen Schmerz, der immer schlimmer wurde, je länger sie von ihm getrennt war. Als sie ihm schließlich sagte, wie schwer es ihr fiel, ohne ihn zu sein, lachte er sie aus.

„Du wirst sicher schon bald wieder einen anderen Mann finden, der deinen enormen Hunger stillen kann“, behauptete er im herablassenden Tonfall.

Für diese Worte handelte er sich eine Ohrfeige ein. Doch im selben Augenblick, in dem sie zuschlug, hob er die Hand ebenfalls und schlug zurück.

Geschockt durch Peers Reaktion, starrte Bettina ihn für einen atemlosen Moment mit riesigen Augen an. Doch dann ging sie auf ihm los. Wie eine Wildkatze stürzte sie sich auf ihn, biss und kratzte, schlug und beschimpfte ihn. Dabei wurde sie immer wütender, weil er sich völlig unbeeindruckt gab und bloß festzuhalten versuchte, damit sie ihm keine weitere sichtbare Verletzung zufügte.

Der sportlich durchtrainierte Mann hatte zunächst keine Chance, weil sich seine Geliebte immer wieder aus seiner Umarmung wand. Aber dann gelang es ihm doch noch, sie so zu fassen, dass sie ihn nicht länger attackieren konnte. Ungeachtet ihrer zornig blitzenden Augen hielt er sie fest und beugte sich dabei über sie, mit der Absicht, sie küssen zu wollen. Weil sie sich aber nach wie vor mit aller Macht gegen ihn wehrte, presste er sie immer fester an sich und wollte alsbald etwas ganz Anderes, als gegen sie zu kämpfen.

„Lass mich los“, verlangte sie aufgebracht.

„Ich denk ja gar nicht daran“, erwiderte er mutwillig grinsend, indem er sie trotz ihrer anhaltenden Gegenwehr auf die Matratze hinunterdrückte. „Außerdem willst du doch gar nicht, dass ich dich gehen lasse.“ Ein brutal anmutender Kuss verhinderte eine Erwiderung. Allerdings musste er dafür einen schmerzhaften Biss in seine Unterlippe einstecken, was er mit einer ähnlichen Aktion strafte. Ein paar Sekunden später mündete das Gerangel in eine unbeherrschte Vereinigung.

Bettina fühlte sich im wahrsten Sinne des Wortes gepfählt, weil Peers Erregung beim Kampf immer mehr zugenommen hatte. Entsprechend prall und hart war sein Glied, als er es in sie rammte. Doch der Schmerz, der sie bei seinem rücksichtslosen Eindringen durchzuckt hatte, wandelte sich schnell in ein so gieriges Verlangen, dass es sie selbst erschreckte. Nichtsdestotrotz verging sie fast vor Lust, weil er ihr so nahe war, wie nie zuvor. Mit einer Hand ihre Arme über ihrem Kopf fixierend, hielt er sie mit dem anderen Arm an sich gepresst. Zudem lastete nun sein gesamtes Gewicht auf ihr, sodass sie keinen Millimeter weichen konnte. Und sein Mund ließ sie kaum noch zu Atem kommen, weil er sich gnadenlos auf ihre Lippen presste, während er sich über und in ihr zu einem extrem starken Orgasmus trieb, der ihm auf dem Höhepunkt seiner Lust einen heiseren Schrei der Befriedigung entlockte.

Bettina indes war halb ohnmächtig, aber nicht weniger überwältigt, als sie kurz darauf selbst Erlösung fand. Und so dauerte es ein paar Sekunden, bis sie wieder zu sich kam und klar denken konnte. Unfähig, sich zu bewegen, weil Peer immer noch keuchend vor Anstrengung auf ihr lag, sah sie zu seinem erhitzten Gesicht hinauf. Dabei wurde ihr mit einem Mal bewusst, dass sie ihn mehr liebte als irgendeinen anderen Menschen auf der Welt. Was auch immer er von ihr verlangte, sie würde es für ihn tun. Nur gehen lassen wollte sie ihn nicht, weil sie ohne ihn nicht mehr leben konnte!

„Nimm mich mit“, bat sie.

„Wie stellst du dir das vor?“, fragte er ernüchtert, indem er sich von ihr löste, um sogleich aus dem Bett zu steigen.

„Ich könnte doch deine neue Assistentin werden.“ Sie stand ebenfalls auf, um nicht länger wie eine unterwürfige Dienerin zu ihm hinaufsehen zu müssen. „Organisieren ist eine meiner besonderen Stärken. Und Tippen kann ich auch.“

„Sicher kannst du das.“ Seinen Bademantel überstreifend, sah Peer seine Bettgespielin an, bemerkte dabei den verräterischen Glanz ihrer Augen und fühlte sogleich Widerwillen in sich aufsteigen, weil er heulende Frauen nicht ausstehen konnte. „Trotzdem geht es nicht, weil Alicia von meiner Frau eingestellt wurde, und ich sie daher nicht ohne triftigen Grund abschieben kann. Selbst wenn ich die kleine Lesbe loswerden könnte, würde meine nächste Assistentin wieder von Saskia eingestellt!“ Da Bettina aufbegehren wollte, redete er schnell weiter: „Du hast doch eine gute Position hier, die zudem extrem hoch vergütet wird, weil du wirklich ausgezeichnete Arbeit leistest. Außerdem habe ich dir niemals Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft gemacht“, stellte er klar. „Wir wollten Spaß miteinander haben, mehr nicht!“

„Ich konnte doch nicht wissen, dass ich mich ernsthaft in dich verlieben würde.“ Die Augen brannten ihr so sehr, dass sie mehrmals blinzeln musste, um wieder einen klaren Blick zu bekommen. Außerdem war ihr die Kehle so eng, dass sie meinte, jeden Moment ersticken zu müssen. „Nimm mich mit. Bitte! Du … Ich verlange doch gar nicht, dass du dich mit mir in der Öffentlichkeit zeigst! Ich möchte doch nur in deiner Nähe sein!“

„Dafür müsstest du hier alles aufgeben und ein Zigeunerleben beginnen, weil ich nämlich ständig unterwegs bin“, gab er zu bedenken. „Nein, das geht einfach nicht. Du weißt, man beobachtet mich ohnehin schon sehr genau. Wie lange, glaubst du, würde es dauern, bis unser Verhältnis aufgedeckt wird?“

„Ich kann mich ja selbst um eine Unterkunft kümmern“, schlug sie vor. „Mir reicht auch eine einfache Kammer, wenn’s sein muss.“

Peer war für einen Moment hin-und hergerissen. Zum einen verachtete er nun seine neueste Eroberung, weil sie, entgegen aller vorherigen Annahmen, doch nur eine gefühlsduselige Frau war, die sich zudem auch noch als schwer abzuschüttelnde Klette erwies. Zum anderen verspürte er so etwas wie Bedauern darüber, dass er sie aufgeben musste, denn sie war bisher die einzige gewesen, die ihn nicht nur körperlich befriedigt, sondern auch durch ihre Klugheit und ihren Charme beeindruckt hatte.

„Ich kann dich nicht finanzieren, weil ich meiner Frau über jeden ausgegebenen Pfennig Rechenschaft ablegen muss.“ Er wählte absichtlich eine schonungslose Redeweise, weil er sicherstellen wollte, dass dadurch jede falsche Hoffnung schon im Keim erstickt wurde. „Aber ich werde so oft wie möglich herkommen.“ Das war vermutlich die einzige Möglichkeit, sie ruhig zu halten, dachte er. Wenn er sie nämlich gleich zum Teufel jagte, würde sie garantiert Mittel und Wege finden, um ihm die Abfuhr heimzuzahlen. Also würde er tatsächlich ab und zu hier aufkreuzen, ein paar nette Stunden mit ihr verbringen und dann wieder eigene Wege gehen. Wenn er sie richtig einschätzte, würde sie das nicht lange mitmachen. Sie war eine sehr leidenschaftlich veranlagte Frau und brauchte daher den Sex wie die Luft zum Atmen. Wenn er sich also lange genug rarmachte, würde sie bestimmt zur Vernunft kommen und sich nach einem Ersatzmann umschauen!

Bettina ahnte bereits, dass Peer ihrer schon überdrüssig war, wollte sich jedoch nicht eingestehen, dass ihre Beziehung tatsächlich keine Zukunft hatte. Dennoch weinte sie nicht. Sie flehte ihn auch nicht an, er solle das Ganze noch einmal überdenken. Stattdessen entschied sie, dass sie vorerst nehmen wollte, was auch immer er ihr zugestand. Irgendwann, da würde er erkennen, dass niemand ihn so sehr liebte, wie sie es tat, da war sie sich ganz sicher. Und dann würde er Saskia verlassen und ein neues Leben mit der Frau beginnen, die ihm all das geben konnte, was es für Geld nicht zu kaufen gab! Dass ihre momentane Denkweise im krassen Gegensatz zu dem stand, was sie unter gleichberechtigter Partnerschaft verstand, in der Vor-und Nachteile einer Beziehung gleichermaßen verteilt waren, verdrängte sie völlig. Auch ihren Schwur, dass ein Mann niemals Mittelpunkt und Zweck ihres Lebens sein sollte, vergaß sie. Was in diesem Moment zählte, war allein der Mann, der sie so glücklich machte, wie kein anderer vor ihm, und ihr Wunsch, ihn ganz und gar für sich gewinnen zu können, sodass er keine andere mehr ansah.

6

Über ein ganzes Jahr kämpfte Bettina gegen das Auf und Ab ihrer Gefühle. Wenn Peer zu einer kurzen Stippvisite auftauchte, war sie überglücklich und zufrieden. Sobald er allerdings abgereist war, fühlte sie sich noch schlechter als zuvor, denn außerhalb der sogenannten geschäftlichen Besprechungen, die stets nur unter vier Augen in seiner Suite stattfanden, mied er jeglichen persönlichen Kontakt. Sie aß kaum noch vernünftig. Zudem schlief sie schlecht, sodass sowohl ihre Konzentration als auch ihr Gedächtnis nachzulassen begannen. Als ihr schließlich bewusstwurde, dass sie die Pille nicht nur einmal vergessen hatte und ihre Periode längst überfällig war, traf es sie wie ein Hammerschlag. Doch nur einen Augenblick später jauchzte sie vor Freude, weil es nun endlich einen Lichtblick in ihrem düsteren Leben gab. Das Baby war so etwas wie ein Wink des Schicksals! Vielleicht … Peer konnte bisher keine Nachkommen aufweisen, würde sich also bestimmt nicht nehmen lassen, sein Kind aufwachsen zu sehen. Dass er dabei auch dessen Mutter öfter als bisher besuchen musste, lag in der Natur der Dinge. Es schien wahrhaftig so, als sollte die Zukunft weit erfreulicher verlaufen als bisher gedacht!

Bettina konnte es kaum erwarten, Peer die freudige Nachricht mitzuteilen. Also wartete sie voller Ungeduld auf seinen nächsten Besuch. Doch hatte sie kaum angefangen, da wurde sie jäh unterbrochen.

„Was hast du gesagt?“, fragte er ungläubig.

„Wir bekommen ein Baby“, wiederholte sie, während die frohe Erwartung langsam aus ihrem Gesicht schwand, um einer verunsicherten Miene Platz zu machen.

„Ist das dein Ernst?“, wollte er wissen.

Sie nickte bloß. Er freute sich ja gar nicht, schoss es ihr wiederholt durch den Sinn. Ganz im Gegenteil schien er eher peinlich berührt zu sein!

„Seit wann weißt du das?“ Sowohl seine Stimme als auch der Ausdruck seiner Augen waren mit einem Mal kalt wie Eis.

Bettina meinte plötzlich, da sei ein unsichtbarer Ring um ihren Hals, der sich beständig verengte und ihr dabei nicht nur das Schlucken, sondern auch das Atmen schwermachte.

„Ich war letzten Monat bei meiner Ärztin“, brachte sie mühsam heraus „Da hab’ ich’s erfahren.“

Peer betrachtete die vor ihm stehende Frau eine Weile abschätzend, so als könne er nicht entscheiden, ob er ihr nun glauben sollte oder nicht. Ja, erkannte er am Ende, sie sagte die Wahrheit. Aber wie konnte … Sie nahm doch die Pille! Wie konnte sie da schwanger werden? Und überhaupt …

„Bist du sicher, dass es wirklich von mir ist?“ Ihre überschlanke Gestalt einmal kurz von Kopf bis Fuß musternd, ließ er seinen Blick gleich im Anschluss wieder zu ihrem Gesicht hinauffliegen, welches nun einen Ausdruck tiefster Bestürzung zeigte.

„Du …“ Sie kämpfte immer noch gegen die atemraubende Enge in ihrer Kehle. „Das glaube ich jetzt nicht.“ Unfähig länger aufrecht zu stehen, ließ sie sich auf die nächstbeste Sitzgelegenheit fallen, und starrte ihn von unten herauf völlig verblüfft und hilflos zugleich an.

„Was denn?“ Auch wenn er meinte, im Recht zu sein, fühlte er sich jetzt doch ein wenig unwohl in seiner Haut. Und genau das machte ihn wütend. Schuldgefühle waren was für Schwächlinge und Frauen! Was hier jetzt gefragt war, war vernünftiger Menschenverstand. Saskia hatte bisher keinen Anstoß daran genommen, dass er sich auch anderweitig amüsierte, denn sie kam immer noch auf ihre Kosten. Aber einen Bastard würde sie ihm niemals verzeihen. Nie im Leben! Selbst nicht fähig, Kinder zu bekommen, würde sie garantiert nicht dulden, dass er sich mit einer anderen fortpflanzte. Sie würde ihn gnadenlos fallen lassen und in die Gosse zurückstoßen, aus welcher sie ihn herausgezogen hatte. Obwohl sie ihm praktisch seit der ersten Sekunde ihrer Bekanntschaft buchstäblich aus der Hand fraß, war sie vor der Eheschließung dennoch dem Rat ihrer Rechtsanwälte gefolgt, die einen sorgfältig ausgearbeiteten Ehevertrag für notwendig gehalten hatten. Wenn er also zuließ, dass Bettina ihm ein Balg unterschob, würde er ein armer Mann werden, der allein Hohn erntete, wo immer er auch auftauchte! „Glaubst du wirklich, du könntest mich über den Tisch ziehen?“, fuhr er fort. „Ich war vor über vier Monaten das letzte Mal mit dir zusammen. Also kann es gar nicht sein, dass du von mir schwanger bist. Wenn du also geglaubt hast, du könntest mich mit einem Kuckuckskind an dich binden, dann hast du falsch gedacht! Such dir einen anderen Dummen, der für dich und deinen Nachwuchs aufkommt!“

Bettina hörte sich das alles an und wähnte sich in einem bösen Traum, aus dem sie trotz aller Bemühungen nicht wach werden konnte. Außerdem war ihr auf einmal so schlecht, dass sie fürchtete, sie müsse sich jeden Moment übergeben.

„Im letzten Jahr gab es keinen außer dir“, sagte sie mit brüchig klingender Stimme. „Und ich bin bereits im fünften Monat, auch wenn man es mir nicht ansieht.“ Ein ums andere Mal hart schluckend, stand sie wieder auf und klammerte sich anschließend an die Lehne des Stuhles, auf dem sie bisher gesessen hatte. Er war ein herzloses Monster, stellte sie im Stillen für sich fest. Selbstverständlich war ihr schon von Anfang an bekannt gewesen, dass er ein Egoist und ein absolut rücksichtsloser Mensch war. Dennoch hatte sie ihn geliebt – liebte ihn trotz allem immer noch. Egal, was er sagte oder tat, ihr dummes Herz schlug nach wie vor nur für ihn. Doch ihr Verstand klärte sich allmählich, sodass sie wieder vernünftig denken konnte. „Es ist dein Kind, auch wenn du es nicht wahrhaben willst. Also wirst du dich auch darum kümmern müssen.“ Was auch immer er an Ausflüchten parat hatte, sie würde keines davon gelten lassen!

„Glaubst du wirklich, du könntest mich erpressen?“, zischte er angriffslustig. „Da hast du dich aber gewaltig geschnitten, Süße. Ich lasse mich nämlich nicht unter Druck setzen, verstehst du! Ich behaupte einfach, dass du lügst. Schließlich kann mir niemand beweisen, dass ich ein Verhältnis mit dir hatte.“ Ihrem fassungslosen Blick völlig gleichgültig begegnend, grinste er sie nun voller Geringschätzung an. „Du erinnerst dich? Du bist meine Angestellte, nichts weiter. Du wirst in meine Suite gerufen, weil ich über Geschäftliches mit dir sprechen muss. Aber sonst haben wir nichts miteinander zu tun. Absolut gar nichts! Verstehst du?“

Bettina wollte ihren Ohren nicht trauen. War das möglich? War er wirklich so abscheulich abgebrüht? Ja, wahrhaftig! Es war ihm völlig ernst. Und dabei wirkte er so sicher und überheblich, als befände er sich tatsächlich im Recht. Aber das war er nicht! Sie würde nicht zulassen, dass er damit durchkam!

„Du wirst aber als Vater genannt werden.“ Sie hatte ihre Stimme jetzt so weit unter Kontrolle, dass diese relativ ruhig, wenn auch nicht wirklich fest klang. „Ob dir das nun passt oder nicht, ist mir egal. In der Geburtsurkunde unseres Kindes wird nicht der Vermerk stehen ’Vater unbekannt’, denn ich kann beschwören, dass du es gezeugt hast. Außerdem kann man das auch durch einen Test prüfen lassen.“

„Du vergisst, meine Liebe, mit wem du es zu tun hast“, erwiderte er von oben herab. „Wenn du mich wirklich durch einen Vaterschaftstest in Verlegenheit bringen solltest, mache ich dir dein weiteres Leben zur Hölle!“ Ihr leichenblasses Gesicht betrachtend, fühlte er plötzlich tiefe Genugtuung in sich aufsteigen, weil er tatsächlich am längeren Hebel saß, und sie ihm somit nichts anhaben konnte. „Ich kann dich nicht nur entlassen“, drohte er. „Ich kann auch dafür sorgen, dass du vor aller Welt als gemeine Lügnerin oder Diebin dastehst und nirgends mehr eine anständige Arbeit bekommst. So, wie ich dich kenne, dürfte dies wohl nicht in deinem Sinne liegen. Du willst doch nicht für den Rest deines Lebens auf Almosen angewiesen sein? Oder gefällt dir der Gedanke, von der Sozialhilfe zu leben?“ Er sah ihr das Entsetzen an und nickte unmerklich. Gleich darauf wandte er sich ab und ging mit langen Schritten zum Schreibtisch. „Ich werde dir ein letztes Geschenk machen“, sagte er über die Schulter hinweg. „Die Summe wird zwar nicht ganz so hoch sein, wie du es vielleicht gehofft hast, aber ich denke, du hast es dir verdient.“ Sein Scheckheft aus einer der Schubladen ziehend, langte er mit der anderen Hand nach seinem Kugelschreiber. „Betrachte es als Anerkennung für erbrachte Dienstleistungen, die ich übrigens sehr genossen habe.“

Bettina konnte weder seinen Anblick noch sein Gerede länger ertragen. Noch bevor er die Zahlungsanweisung unterschrieben hatte, stürzte sie davon. Warum nur? Wieso hatte sie ihr Herz an diesen Kerl verschleudert, wo sie doch schon im Vorfeld ganz genau gewusst hatte, dass ihm nicht das Geringste daran lag, von ihr geliebt zu werden? … Nun, sie hatte jetzt lange genug den Kopf in den Sand gesteckt. Es war wirklich allerhöchste Zeit, wieder Vernunft anzunehmen und das bisschen Selbstwertgefühl, das ihr noch geblieben war, zu retten! Sicher, sie sehnte sich trotz seines gemeinen Verhaltens immer noch danach, in seinen Armen zu liegen, denn es gab nichts Schöneres. Dennoch wollte sie sich nie wieder auf derart miese Weise erniedrigen lassen!

Den Kopf hocherhoben, ging Bettina zu ihrem Büro und schloss sich ein. Was jetzt, fragte sie sich mit brennenden Augen. Natürlich war sie in der Lage, ein Kind alleine zu ernähren. Aber war das vernünftig? Sie würde gezwungen sein, so schnell wie möglich wieder zu arbeiten, was bedeutete, dass sie das Kleine irgendwo unterbringen musste, wo es beinahe rund um die Uhr versorgt wurde, weil ihre Arbeitszeit nicht immer pünktlich endete. Es würde daher von Anfang an bei fremden Leuten aufwachsen und die eigene Mutter praktisch kaum kennen. Außerdem war zu befürchten, dass sie durch den Anblick des Würmchens ständig an Peer erinnert wurde, und somit auch an alles andere, was mit ihm zusammenhing. Was, wenn sie ihr eigenes Kind für all das zu hassen begann, was er ihr angetan hatte? … Nein, entschied sie, sie durfte auf keinen Fall zulassen, dass ein unschuldiges Menschenkind für die sorglose Nachlässigkeit seiner Mutter oder die gemeine Rücksichtslosigkeit seines Erzeugers büßen musste! Auch auf die Gefahr hin, dass sie selbst noch einmal durchmachen musste, was ihr nach ihrer ersten Schwangerschaft widerfahren war, sollte ihre Entscheidung allein zum Wohle ihres Kindes gefällt werden. Schlaflosigkeit und geistige Unruhe konnte man mit Medikamenten behandeln. Und die Selbstvorwürfe würden auch irgendwann weniger werden.

Innerlich zwar noch nicht ganz sicher, ob sie ihren Plan tatsächlich in die Tat umsetzten sollte, suchte Bettina die Telefonnummer des Jugendamtes heraus und ließ sich kurz darauf einen Termin für ein Beratungsgespräch geben. Peer sollte nie erfahren, ob er nun einen Sohn oder eine Tochter gezeugt hatte, nahm sie sich vor, derweil sie ihre Kündigung schrieb. Selbst wenn er seine Meinung irgendwann ändern und nach dem Kind fragen sollte, würde sie ihm einfach nur ins Gesicht lachen!

*

Mit Ablauf ihrer Kündigungsfrist packte Bettina ihre Siebensachen zusammen und zog vorübergehend nach Koblenz. Dadurch wollte sie vermeiden, dass sie noch einmal Peers Weg kreuzte. Außerdem hoffte sie, dass der räumliche Abstand zu dem Ort, an dem sie unbeschreibliches Glück und auch tiefste Verzweiflung gefunden hatte, ihr half, sich wieder zu fangen. Doch sobald ihre Möbel im neuen Appartement aufgestellt und die Umzugskisten ausgepackt waren, fand sie sich unvermittelt in einem langweiligen Alltag wieder, der ausschließlich aus Hausarbeit und Grübelei zu bestehen schien. Sie besaß zwar genügend Mittel, um ein halbes Jahr ohne Arbeitslohn überstehen zu können. Dennoch sehnte sie die Zeit herbei, da das Kind geboren war, weil sie dann endlich eine neue Stelle annehmen und ihren Kummer durch Arbeit verscheuchen konnte. Und so verging ein Tag nach dem anderen, bis die Zeit heranrückte, da ihre Schwangerschaft enden sollte.

Die Entbindung selbst verlief diesmal einfach und schnell, sodass Bettina nur kurz unter körperlichen Schmerzen zu leiden hatte. Allerdings war sie psychisch bis zum Äußersten angespannt, denn sie war sich immer noch nicht sicher, ob sie ihren Entschluss tatsächlich wahr machen sollte. Während dann der erste Schrei des Neugeborenen erklang, schossen ihr gleichzeitig Peers grausame Worte durch den Sinn, sodass sie die verlangend ausgestreckten Hände wieder fallen und die Hebamme gehen ließ, die in den Nachbarraum strebte, wo das Baby gebadet und angezogen werden sollte.

*

Als Bettina Koblenz verließ, um sich in Hanau ein neues Leben einzurichten, war ihrer überschlanken Figur nicht mehr anzusehen, dass sie erst vor Kurzem noch hochschwanger gewesen war. Ihr Gesicht wirkte spitz und sehr blass. Außerdem litt sie an Depressionen, welche trotz starker Medikamente nicht verschwanden. Auch fühlte sie jedes Mal bitteren Neid, wenn sie eine Frau mit Kinderwagen erblickte, und wollte schier verzweifeln, weil ihr ganzes Denken allein von der Sehnsucht nach ihrem eigenen Baby beherrscht wurde. Sie versuchte zwar, ihre alten Lebensgewohnheiten wiederaufzunehmen, doch spukten immer öfter selbstzerstörerische Gedanken durch ihren Kopf, die sie nur mit Mühe verscheuchte.

*

Es war ein regnerischer Sommerabend, als Bettina todmüde nach Hause kam und mit schleppenden Schritten in ihr Schlafzimmer schlurfte, um sich, so wie sie war, auf ihr Bett zu werfen. Allerdings fand sie weder geistige Entspannung noch den erhofften Schlaf. Daher stand sie wieder auf und ging in die Küche, mit der Absicht, eine Schlaftablette nehmen zu wollen. Dass sie dann das ganze Röhrchen in ein Glas ausschüttete und gleich darauf Rotwein darüber goss, nahm sie gar nicht richtig wahr, denn sie handelte wie in Trance. Und so brachte erst der bittere Geschmack ihres Getränkes sie wieder in die Realität zurück.

Für einen Moment wie angewurzelt auf der Stelle stehend, nicht fähig, zu begreifen, warum der Wein so eine merkwürdig milchige Farbe aufwies, bemerkte sie endlich auch den leeren Tabletten-Behälter und begriff mit einem Mal, was das alles zu bedeuten hatte.

Dem Schrecken über ihr eigenes Verhalten folgte sogleich eine trotzige Wut, die Bettina dazu brachte, das Glas mit dem tödlichen Cocktail an die nächste Wand zu schleudern, wo es in unzählige Scherben zersprang. Nein, sie würde sich nicht umbringen, stellte sie mit neu erwachendem Kampfgeist fest. Es gab nämlich überhaupt keine Veranlassung dafür, warum sie sich wie ein gemeiner Dieb in der Nacht aus dem Leben stehlen sollte. Man hatte sie enttäuscht, ja. Und man würde sie vermutlich noch mehrmals enttäuschen, bevor sie sich alt und grau und auf ganz natürlichem Wege von der Welt verabschiedete. Aber das war beileibe kein Grund, alles hinzuwerfen! Peer hatte ihre Liebe weder gewollt noch verdient, denn er war ein rücksichtsloses Schwein. Ja, er war nichts weiter als ein gefühlloses, arrogantes Sonderexemplar von Mann, dem die Natur eine ansehnliche Schale verpasst hatte, um die Bösartigkeit und emotionale Kälte in seinem Inneren zu überdecken. Und sein Ableger war bestimmt nicht besser! Überhaupt – Kinder waren etwas Grässliches. Machten nichts als Krach und Arbeit. War schon gut, dass sie sich dafür entschieden hatte, nicht allzeit parat stehen zu müssen, nur um einen egoistischen Schreihals zu bedienen, der weder Dankbarkeit noch Gehorsam kannte. Sie brauchte nur an ihren kleinen Bruder zurückdenken, dann war sie kuriert!

Trotz dieser abwertenden Feststellung wollte Bettina das Herz in der Brust zerspringen, wenn sie an die Laute zurückdachte, mit denen ihre beiden Babys das Leben begrüßt und sich gleichzeitig von der Mutter verabschiedet hatten. Und weil diese Erinnerung ihren gerade erst zurückkehrenden Lebensmut wieder zunichtemachen wollte, rief sie sich mit aller Macht zur Ordnung. Jede andere Entscheidung wäre falsch gewesen, redete sie sich selbst gut zu. Jetzt galt es, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder notwendig wurde. Nein, sie wollte nicht zur Nonne werden, denn sie konnte sich nicht vorstellen, ganz ohne einen Mann auszukommen. Aber vorerst hatte sie die Nase gestrichen voll von den Kerlen, die nur auf Sex aus waren!

Eingedenk ihrer Erfahrung, dass Arbeit nicht nur vor unliebsamer Grübelei ablenkte, sondern auch über jeden Kummer hinweghelfen konnte, stürzte sich Bettina in den nächsten Tagen voller Tatendrang in allerlei Aktivitäten. Zunächst kleidete sie sich völlig neu ein, wobei sie den Stil ihrer neuen Garderobe bewusst streng hielt, um schon anhand ihres Äußeren deutlich zu machen, dass sie nicht allein wegen ihrer Erscheinung bewundert, sondern wegen ihres Verstandes respektiert werden wollte. Passend zu ihrem jetzt sehr geschäftsmäßig wirkenden Outfit ließ sie das lange Haar zu einem ordentlichen Bob abschneiden, was ihr zusätzlich eine Aura von Unnahbarkeit verlieh. Danach bemühte sie sich um einen anderen Arbeitsplatz, weil sie sich auch in dieser Hinsicht verändern wollte, und fand diesen schließlich in Frankfurt am Main.

7

Bettinas kühle Reserviertheit schien sie praktisch unwiderstehlich zu machen, sodass ihr die Männer – darunter auch einige sehr einflussreiche Geschäftsleute – reihenweise verlockende Anträge machten. Sie staunte zunächst über dieses Phänomen, weil ihr nicht gleich einleuchten wollte, wieso sie jetzt so viel interessanter sein sollte als früher. Als ihr jedoch aufging, dass sie praktisch als eine Art Prüfung angesehen wurde – die erfolgreiche Eroberung einer scheinbar frigiden Frau schien wahrhaftig einer Heldentat gleichzukommen! – fühlte sie sich in ihrer Haltung bestätigt, und reagierte nun noch bissiger, wenn man sie mit Schmeicheleien einzuwickeln versuchte. Zum einen wollte sie keine Trophäe sein, die man voller Stolz präsentierte. Und zum anderen verspürte sie immer noch kein Verlangen nach männlicher Gesellschaft oder gar einer Liebesbeziehung, denn die bittere Enttäuschung durch Peer fraß immer noch an ihr.

*

Harald Graumann war Spezialist für Holzverarbeitung und Antiquitätenrestauration. Er wollte die Fachmesse besuchen, um sich über Neuigkeiten in der Branche zu informieren. Allerdings hatte er schon bei seiner Ankunft im Hotel keine große Lust mehr, sich durch die überfüllten Messehallen zu drängeln oder Geschäftspartner zu treffen. Stattdessen wollte er lieber die Direktionsassistentin des Hauses näher kennenlernen, denn die weckte ein Gefühl in ihm, welches er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Eigentlich suchte er kein Abenteuer. Und im Grunde genommen gehörte sie noch nicht einmal zu dem Frauentyp, welchen er bevorzugte. Dennoch ging ein Reiz von ihr aus, dem er einfach nicht widerstehen konnte. Sie war eindeutig eines von diesen weiblichen Wesen, hinter deren kalter Unnahbarkeit ein empfindsamer und herzensguter Mensch zu finden war, urteilte er nach einem wiederholten Blick auf Bettinas unbewegtes Gesicht. Allein der traurig anmutende Ausdruck ihrer schönen Augen ließ vermuten, dass sie wohl guten Grund hatte, die Leute aus ihrer Umgebung nicht allzu nahe an sich heranzulassen.

„Hallo Frau Römer“, sprach er sie beherzt an. „Würden Sie mir vielleicht die Freude machen, und eine Stadtrundfahrt mit mir unternehmen?“

„Tut mir leid“, erwiderte sie im höflichen, aber sehr kühlen Tonfall. „Eine Einzelführung ist leider nicht möglich. Aber wenn Sie wollen, schließen Sie sich doch morgen früh der angemeldeten Gruppe an.“ Ein gut aussehender Mann, urteilte sie insgeheim. Groß und schlank, und zudem sehr kraftvoll wirkend. In seinem dunkelblonden Haar waren schon einige Silberfäden zu sehen, was keineswegs störte. Und in dem strahlenden Grau seiner Augen fanden sich einige blaue Punkte, was ebenfalls interessant wirkte. Auch roch er gut – nach einer Mischung aus Wald und kühlem Wind, der über taufrisches Gras streifte. Irgendwie … Sie fühlte sich seltsam in seiner Gegenwart. Ja, da war plötzlich eine höchst angenehme Wärme und zugleich eine kribbelige Unruhe in ihr, die sie sich nicht erklären konnte.

„Ich …“ Harald schluckte hart, bevor er fortfuhr: „Wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann muss ich zugeben, dass ich gar keine Sightseeing-Tour machen wollte. Mir ging es eher darum, mit Ihnen zusammen zu sein. Wie wäre es mit einem Abendessen?“

„Gehen Sie immer so schnell auf Ihr Ziel los?“ Sie hatte sich durch sein ansprechendes Äußeres in die Irre führen lassen, warf sie sich selbst vor. Dabei war er nicht anders als all die anderen!

„Nein, eigentlich nicht“, gab Harald zu, wobei seine Wangen zusehends an Farbe gewannen. „Nur … Ich … Ich habe bloß drei Tage Zeit. Und da dachte ich …“

„Ach so“, tat sie überrascht. „Sie wollen eine schnelle Eroberung machen? Da sind Sie bei mir aber völlig falsch.“ Bewusst ein herablassendes Lächeln aufsetzend, musterte sie ihn schnell noch einmal von Kopf bis Fuß. „Für solche Wünsche sind andere Damen zuständig“, erklärte sie mit einem ironischen Unterton in der Stimme. „Nehmen Sie sich ein Taxi und lassen Sie sich zum Bahnhof bringen. Soviel ich weiß, gibt’s in dieser Gegend die größte Auswahl.“ Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, da drehte sie sich um und wollte gehen.

„Idiot!“ Harald hätte sich ohrfeigen mögen, weil sein Versuch, die attraktive Blondine zu einer Verabredung überreden zu wollen, in der Tat nicht plumper hätte klingen können.

„Was?“ Bettina hatte zwar das Schimpfwort gehört, wusste jedoch nicht, wie sie die Aussage ihres Gesprächspartners werten sollte. Entsprechend verwirrt sah sie zu ihm zurück.

„Ver … Entschuldigen Sie“, stotterte er verlegen. „Ich hab’ nur mit mir selbst geschimpft. Ich wollte nicht … Sie müssen wirklich nicht denken, ich wolle Ihnen ein unmoralisches Angebot machen. Es ist nur … Na ja, Sie wirken so nett, dass ich dachte … Ach, verflixt und eins! Ich möchte doch nur ein bisschen mit Ihnen plaudern und Sie dabei besser kennenlernen!“

Bettina sah den großen Mann einen Augenblick lang nachdenklich an und verwarf dann zum zweiten Mal ihr Urteil über ihn. Er hatte in der Tat eine sympathische und zugleich herzerfrischend offene Art an sich. Zudem schien er tatsächlich nicht der Typ zu sein, der in einer Frau bloß einen kurzfristigen Zeitvertreib sah.

„Sie sind heute Morgen angekommen, nicht wahr?“ Sie drehte sich wieder so hin, dass sie ihn anschauen konnte, ohne sich den Hals zu verrenken. „Verzeihen Sie, aber ich komme einfach nicht auf Ihren Namen.“

„Graumann“, half er nach. „Harald Graumann. Vierzig Jahre alt, verwitweter Geschäftsmann aus Kassel, und außerdem sehr, sehr einsam in dieser fremden kalten Stadt.“

„Na gut, Herr Einsam“, parierte sie. „Ein Abendessen ist akzeptiert.“

„Oh, ich … Das …“ Er räusperte sich schnell, um dann hastig fortzufahren: „Ich hatte schon befürchtet, dass Sie mir nach meinem missglückten Start keine Chance mehr einräumen würden. Aber jetzt haben Sie mich doch zu einem sehr glücklichen Mann gemacht.“

Sie musste nun doch lachen, denn er wirkte tatsächlich so froh, als hätte er den Hauptpreis in einer Lotterie gewonnen. Gleichzeitig wandte sie sich ab, denn die tägliche Arbeit rief.

„Frau Römer!“, rief er ihr nach.

„Ja?“, warf sie über die Schulter zurück.

„Wann kann ich Sie abholen?“, wollte er wissen.

Sie war bereits durch die halbe Eingangshalle gelaufen, da drehte sie sich um und hielt beide Hände in die Höhe, um ihm somit die Uhrzeit deutlich zu machen.

Haralds Bewunderung war Balsam für Bettinas wunde Seele. Selbstverständlich war er auch nur ein Mann, dessen Wünsche verständlich und nachvollziehbar waren. Trotzdem hatte sie in seiner Gegenwart nie das Gefühl, sie müsse seiner Bewunderung unbedingt mit zuvorkommender Freundlichkeit begegnen, um ihn bei Laune zu halten. Also ließ sie sich von ihm ausführen, und genoss seine unaufdringliche Gesellschaft in sorgloser Zufriedenheit, denn er erzählte mit so viel Humor und Selbstironie von sich und seiner kleinen Tochter, dass sie mehr als einmal herzhaft lachen musste. Als er schließlich nach ihrer Familie fragte, wurde sie schlagartig sehr ernst.

„Da gibt es niemanden, dem ich wichtig wäre.“ Die gleichmütig klingenden Worte waren kaum hervorgebracht, da wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass der Kontakt zu ihren Angehörigen schon vor mehreren Jahren abgebrochen war. … Nun, wie sollte man ihr auch schreiben, wenn man ihre Adresse nicht kannte, hielt sie sich sogleich selbst vor Augen. Der letzte Brief, der an die Eltern abgeschickt worden war, hatte noch die Anschrift ihrer Ausbildungsstätte getragen. … Sie musste sich wirklich einmal melden, ermahnte sie sich. Zumindest sollte ihre Mutter erfahren, dass ihre Tochter trotz aller vorangegangenen Zweifel in der Lage war, von der Arbeit ihrer eigenen Hände zu leben!

Vielleicht lag es an Haralds höflicher Zurückhaltung. Möglicherweise war es auch nur ein Anflug von Dankbarkeit für sein aufrichtiges Interesse an ihr, welcher Bettina dazu veranlasste, ihm eine Nacht voller Zärtlichkeit und Hingabe zu schenken. Als sie jedoch am Morgen erwachte und ihren noch schlafenden Übernachtungsgast auf der anderen Seite des Bettes vorfand, wurde ihr die Kehle eng. Sie hatte gewusst, dass seine Gegenwart in ihrem Leben nur von begrenzter Dauer sein würde, ermahnte sie sich. Auch wenn er den Eindruck machte … Nein, sie durfte gar nicht erst damit anfangen, sich falsche Hoffnungen zu machen. Er musste zurück zu seiner Tochter und der Arbeit. Und sie selbst … Hatte sie sich nicht geschworen, dass sie die Tür zu ihrem Herzen fest geschlossen halten wollte, um sich neuen Schmerz zu ersparen? Nun, ihr momentaner Bettgenosse mochte zwar den Eingang gefunden und einen Spalt weit aufgestoßen haben, doch hieß das noch lange nicht, dass er es auch vollends für sich erobern durfte!

Obwohl Harald beim Abschied versprochen hatte, so bald als möglich wiederkommen zu wollen, war sich Bettina ziemlich sicher, dass sie das nicht ernst nehmen durfte. Als er jedoch nur eine Woche später mit einem riesigen Strauß blutroter Rosen vor der Tür ihres Appartements auftauchte, gestand sie sich ein weiteres Mal ein, ihn falsch eingeschätzt zu haben.

„Ich konnte nicht anders“, erklärte er mit einem jungenhaften Grinsen. „Du bist mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Und weil ich mich absolut nicht auf die Arbeit konzentrieren konnte, hab’ ich keinen Sinn darin gesehen, die Zeit in der Werkstatt zu vertrödeln, wo ich doch hier weit Besseres zu tun hab.“

Am Silvesterabend bekam Bettina einen Heiratsantrag, welchen sie im ersten Moment spontan ablehnen wollte, denn sie scheute immer noch die Fesseln einer Ehe, auch wenn sie mittlerweile wusste, dass ihre Haltung völlig irrational war. Doch dann dachte sie ernsthaft über Haralds Bitte nach: Er war anders als die Männer, mit denen sie es bisher zu tun gehabt hatte. Er brachte sie zum Lachen und vermittelte ihr dabei stets das Gefühl, sie sei etwas ganz Besonderes in seinen Augen. Ja, bei ihm konnte sie sich relativ sicher sein, dass er sie als gleichwertige Partnerin in jeder Beziehung betrachtete, also niemals versuchen würde, sie nach seinen Vorstellungen formen, oder gar umerziehen zu wollen. Dass er gesellschaftliches Ansehen und genügend finanzielle Mittel besaß, um sich ein relativ sorgloses Leben leisten zu können, interessierte sie nicht wirklich, weil ihr in der Tat mehr an ihm selbst lag als an seinem Geld. Sie mochte ihn sehr, auch wenn sie immer noch weit davon entfernt war, ihre Empfindungen für ihn mit Liebe gleichzustellen. Aber das wollte sie auch gar nicht, denn ihrer Ansicht war dieses allseits so verherrlichte Gefühl bloß eine Illusion, der man sich bis zu dem Augenblick freudig ergab, bis der Schmerz sie auslöschte. Was also sprach dagegen, Haralds Frau zu werden? Sie war jetzt siebenundzwanzig Jahre alt und an einem Punkt angelangt, an dem sie ihr Leben und die einst ins Auge gefassten Ziele mit anderen Augen sah. Die Arbeit machte ihr keine rechte Freude mehr, denn die Hektik des Alltags schien sich immerfort zu wiederholen, was einer nervtötenden Eintönigkeit gleichkam. Und die einsamen Abende in ihrer Wohnung waren auch nicht dazu angetan, ihre Stimmung zu verbessern. … War es nicht langsam an der Zeit, darüber nachzudenken, wie es weitergehen sollte? Ein kluger Mensch hatte mal gesagt, zu zweit sei man weniger einsam. … Ja, eine gut funktionierende Ehe brauchte im Grunde nicht mehr als gegenseitigen Respekt und Toleranz beider Partner, redete sie sich ein. Und für die Befriedigung sexueller Bedürfnisse reichte es völlig aus, wenn man dem anderen zumindest ein gewisses Maß an Zuneigung entgegenbrachte. … Na ja, da es kein wirklich vernünftiges Gegenargument gab, würde sie Haralds Angebot annehmen, entschied sie. Schließlich hatte sie nichts zu verlieren. Ganz im Gegenteil! Da waren ein Mann und ein kleines Mädchen, die darauf warteten, endlich wieder eine vollständige Familie zu werden. Und sie selbst würde ein Zuhause bekommen, in dem sie nie mehr einsam vor dem Fernseher hocken musste, darauf wartend, dass der Schlaf sie erlöste.

8

Bettina hatte bereits damit gerechnet, dass ihr zukünftiges Heim eine gewisse Größe habe würde. Dennoch verschlug ihr der Anblick der Graumann-Villa im ersten Moment die Sprache, weil ihr das Anwesen im Vergleich zu den Appartements, die sie bisher bewohnt hatte, unglaublich groß erschien. Das strahlend weiß gestrichene Gebäude stammte aus den frühen Fünfzigerjahren und lag inmitten eines parkähnlichen Gartens abseits der viel befahrenen Hauptstraße unmittelbar am Waldrand. Es wurde nicht nur durch einen Zaun, sondern auch durch eine moderne Alarmanlage sowie diverse Bewegungsmelder auf dem gesamten Grundstück vor Eindringlingen geschützt. Man erreichte sowohl den Hauseingang als auch die große Garage mit einer darüber liegenden Zweizimmerwohnung über eine gepflasterte Einfahrt, die in einem kreisrunden Hof endete. Das Erdgeschoss unterteilte sich in einen weitläufigen Wohn-und Essbereich, sowie eine großzügig bemessene, sehr funktionell eingerichtete Küche. Überdies fanden sich hier auch noch zwei Gästezimmer, die durch ein Bad getrennt waren. Gegenüber der Haustür befand sich eine breite Treppe, die jeweils in einem großen Bogen zum Unter-und Obergeschoss führte. Unter dem ausladenden Walmdach mit den breiten Gauben gab es weitere fünf Räume, von welchen drei als Schlafzimmer dienten und das vierte zum Arbeitszimmer des Hausherrn bestimmt worden war. Das Bad war hier sehr groß, da es neben einer Badewanne und einer Duschkabine auch eine Sauna enthielt. Außer im Keller und in der Küche bedeckten dicke Teppiche den Fußboden. Die Terrasse, die man sowohl vom Wohnraum als auch von den Gästezimmern aus erreichen konnte, wurde auf der Ostseite von einer hochwachsenden Ligusterhecke begrenzt, während sie im Norden mit der Wand der Garage abschloss.

Bettinas allererste Begegnung mit Ines, Haralds sechsjähriger Tochter, hätte sie eigentlich darauf vorbereiten sollen, dass sich ihre Beziehung nicht unbedingt freundschaftlich gestalten würde. Doch zu diesem Zeitpunkt machte sie sich keine Gedanken darüber, ob ihre zukünftige Stieftochter sie mochte oder nicht. Sie vertraute einfach darauf, dass das Mädchen die Wahl des Vaters respektieren und die neue Frau an seiner Seite akzeptieren würde, weil es ja dadurch eine weitere Bezugsperson bekam. Das bläulich schimmernde schwarze Haar, welches in reicher Lockenfülle über den Rücken des Kindes fiel, und die dunklen Augen ihres Gegenübers bewundernd, erfasste sie schließlich den Widerwillen in dem kindlichen Blick, und nickte leicht. Eine ganz normale Reaktion, dachte sie für sich. Da war plötzlich jemand, der künftig die Aufmerksamkeit des Vaters und dessen ohnehin knappe Zeit für sich in Anspruch nehmen wollte, sodass man fürchten musste, selbst zu kurz zu kommen. Wäre sie selbst an Ines’ Stelle, sie würde vermutlich ähnlich reagieren. Es lag also nun an ihr, dafür zu sorgen, dass die Ängste der Kleinen verscheucht wurden.

„So eine süße kleine Tochter hab’ ich mir schon immer gewünscht“, erklärte sie im schmeichelnden Ton, sobald die eigentliche Begrüßung vorbei war.

„Ich bin nicht süß“, stellte das Mädchen sichtlich verärgert klar. „Und klein bin ich auch nicht mehr. Ich geh schon zur Schule!“

„Warum so unfreundlich, mein Schatz?“, mischte sich Harald mit sanfter Stimme ein. „Meinst du nicht, dass Bettina zumindest Höflichkeit verdient hat, wenn du schon keine netten Worte für sie findest?“

Darauf gab Ines keine Antwort. Die hochgewachsene blonde Frau an der Seite ihres Vaters mit einem kurzen, undefinierbaren Blick betrachtend, biss sie sich einmal heftig auf die wohlgeformte Unterlippe. Dann drehte sie sich abrupt um, um zu gehen.

„Ines …“

„Lass sie“, unterbrach Bettina ihren sichtlich verärgerten Verlobten. „Sie braucht Zeit, um sich an mich zu gewöhnen. Außerdem muss sie erst noch herausfinden, dass ich nicht den Platz ihrer Mutter in deinem Herzen einnehmen will, denn ich habe einen eigenen bekommen.“ Sie hatte zwar keine Ahnung von der Psyche eines Kindes, konnte sich aber gut vorstellen, wie es jetzt in der Kleinen aussah. Harald hatte ihr schon zu Beginn ihrer Bekanntschaft erzählt, dass die Mutter seiner Tochter bei deren Geburt gestorben sei, sodass Ines bisher in der Obhut seiner Haushälterin aufgewachsen war, während er seiner Arbeit nachging. Er hatte aber auch deutlich gemacht, dass die Kleine fast schon besessen davon war, das Andenken der verstorbenen Mutter nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Nun, sie – Bettina – konnte gut damit leben, dass das Porträt der schönen Spanierin in nahezu jedem Raum der großen Villa an der Wand hing. Und es machte ihr auch nichts aus, dass Harald öfter als notwendig von seiner ersten Frau sprach. Allerdings setzte sie große Hoffnung darauf, dass sie nicht bis zum Ende ihrer Tage in Estrellas Schatten leben musste.

Während der gesamten Vorbereitungsphase für ihre Hochzeit dachte Bettina nicht ein einziges Mal an ihre Angehörigen. Als ihr jedoch einfiel, dass es vielleicht vonnöten wäre, auch an die Eltern eine Einladung zu schicken, geriet sie in einen nervenaufreibenden Zwiespalt. Es gehörte sich einfach, auch die eigene Familie dabei haben zu wollen, gestand sie sich ein. Andererseits graute ihr bei der Vorstellung, ihren Vater, der seit ihrem Weggehen nicht ein einziges Mal nach ihr gefragt hatte, um sein Erscheinen bitten zu müssen. Nein, entschied sie am Ende, sie wollte niemanden dazu drängen, an einem Fest teilzunehmen, dem er lieber fernbleiben wollte. Sie wünschte sich eine schöne und unbeschwerte Feier mit fröhlichen Gästen, denn schließlich heiratete sie nur einmal und wollte daher diesen besonderen Tag in guter Erinnerung behalten. Vielleicht … Nein, ihre Mutter würde bestimmt nicht alleine kommen wollen. Außerdem wäre es ein Unding, nur sie einzuladen und die anderen nicht zu berücksichtigen! Was also war zu tun? … Nun, sie würde eine schlichte Mitteilung an die elterliche Adresse schicken, nahm sie sich vor. Was man letztlich damit anfing, sollte ihr dann egal sein. Wer von sich aus meinte, ihr bei diesem besonderen Anlass zur Seite stehen zu wollen, war jedenfalls herzlich willkommen.

*

Dass keine Verwandten von Bettina bei ihrer Hochzeit dabei sein würden, stimmte Harald ein wenig traurig um ihretwillen. Da sie ihm aber erzählt hatte, man habe sich Jahre zuvor im Streit getrennt und seither keinen Kontakt mehr gewollt, gab er sich damit zufrieden, dass die Feiergesellschaft ausschließlich aus Angehörigen, Freunden und Bekannten von seiner Seite bestand.

Bettina hatte nie davon geträumt, einmal ein klassisches Brautkleid zu tragen oder gar in einem Gotteshaus heiraten zu wollen. Daher war sie auch nicht traurig darüber, dass der katholisch getaufte und schon einmal kirchlich getraute Harald ihr sein Jawort nicht vor einem Priester geben konnte. Also trug sie am Tag ihrer Trauung ein Designerkostüm in einem sanften Lindgrün, sowie eine Bluse und hochhackige Pumps in Woll-Weiß.

Nachdem die Ringe getauscht und die Heiratsurkunde unterschrieben waren, zog Harald ein langes Etui aus seiner Anzuginnentasche und legte seiner frisch angetrauten Frau ein Collier aus sieben in schweres Weißgold gefassten Saphiren um den Hals. Zudem wollte er am nächsten Morgen mit ihr in die Südsee fliegen, um sie dort zwei Wochen lang ganz alleine für sich zu haben. Dass ihre Stieftochter unterdessen daheimbleiben und von der Haushälterin beaufsichtigt werden sollte, fand Bettina indes nicht wirklich gut, denn sie fürchtete, diese Entscheidung könnte das Mädchen nicht dem Vater, sondern ihr selbst übel nehmen. Sie ahnte nicht, wie richtig sie mit ihrer Vermutung lag, während sie die finster anmutende Miene des Kindes betrachtete und dabei die konsequente Ablehnung bedauerte, mit welcher ihr Ines seit dem ersten Aufeinandertreffen begegnete.

*

Bettina stürzte sich in ihr neues Leben wie eine Verdurstende in einen See. Weil sich Harald tagsüber in seiner Schreinerei aufhielt, und neben seiner organisatorischen Arbeit auch noch die Restaurationsaufträge erledigen musste, die er in den letzten Monaten vernachlässigt hatte, blieb ihr viel Zeit, um sich den Dingen zu widmen, die bisher unbeachtet geblieben waren. So sorgte sie als Erstes dafür, dass das gemeinsame Schlafzimmer renoviert und mit neuen Möbeln ausgestattet wurde, weil ihr die alten weder vom Stil noch von der Holzart her gefielen. Und sobald Ines aus der Schule heimkam, widmete sie sich ganz der Kleinen. Sie gab sich wirklich große Mühe, die Sympathie ihrer Stieftochter zu gewinnen, weil sie das bildhübsche Kind in der Tat sehr mochte. Allerdings wurde sie immer wieder enttäuscht, weil das Mädchen sie partout nicht an sich herankommen ließ. Die mittlerweile Siebenjährige war wahrhaft winzig im Vergleich zu anderen Kindern ihres Alters, aber so vorlaut und altklug, dass es in der Tat sehr viel Selbstkontrolle erforderte, um nicht aufzufahren, wenn sie wieder einmal mit aller Gewalt das letzte Wort haben musste.

Dass das Verhalten ihrer Stieftochter für dieses Alter typisch war, wusste Bettina durchaus, denn sie hatte sich mittlerweile entsprechende Literatur besorgt und darin nach hilfreichen Verhaltensempfehlungen gesucht. Dennoch war sie meist rat-und völlig hilflos, angesichts Ines’ oft sehr aggressiv anmutender Ausbrüche, sowie der fehlenden Akzeptanz für die Regeln des menschlichen Miteinanders vonseiten des Mädchens. Es sah fast so aus, als würde die Kleine es absichtlich darauf anlegen, dass man die Geduld verlor und etwas tat, was sie hernach als ungerechte Bestrafung oder gar gemeine Misshandlung anprangern konnte.

Kurz vor dem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest im Hause Graumann, kam es schließlich zu einer hässlichen Auseinandersetzung zwischen Stiefmutter und Stieftochter, welche für Bettina die Gewissheit bringen sollte, dass jeder weitere Versuch, ein harmonisches Miteinander erreichen zu wollen, vollkommen sinnlos war: Sie wollte das Mädchen mit in die Stadt nehmen und bestand darauf, dass es sich ordentlich anzog, weil sie kein Schmuddelkind an ihrer Seite haben wollte. Ines indes sträubte sich mit Händen und Füßen dagegen, das ausgewaschene Sweatshirt und ihre heiß geliebte, aber schon sehr fadenscheinig aussehende Jeans gegen ein Kleid einzutauschen, weil sie nicht wie eine Modepuppe ausstaffiert werden wollte.

„Findest du es denn nicht toll, dich schönzumachen?“, versuchte Bettina es ein letztes Mal im schmeichelnd klingenden Tonfall. „Schau, ich hab’ ja auch ein schickes Kleid an. Wäre es nicht klasse, wenn wir zwei wie feine Damen durch die Stadt spazieren würden?“

„Ich finde Kleider doof“, erwiderte Ines mit geringschätziger Miene. „Und dich und dein albernes Gehabe mit den Klamotten find ich ganz besonders blöd.“

„Warte nur“, drohte Bettina, die mittlerweile am Ende ihrer Geduld angelangt war. „Ich werde mit deinem Vater reden. Es wird wirklich höchste Zeit, dass er erfährt, was für eine freche kleine Göre seine Tochter ist!“ Sie war kaum fertig, da sah sie das kindliche Gesicht vor Schreck erstarren, wobei die schönen dunklen Augen plötzlich ungemein groß erschienen, und fühlte sogleich Bedauern über die Drohung, die ihr in ihrem Ärger entschlüpft war. Also beeilte sie sich, ihren Worten die Schärfe zu nehmen: „Ich wollte wirklich keine Petze sein, weißt du. Aber du lässt mir keine andere Wahl.“

„Du kannst machen, was du willst“, presste die Kleine hervor. „Ich werde das blöde Kleid trotzdem nicht anziehen. Und zum Friseur will ich auch nicht! Meine Mama hat auch lange Haare gehabt. Und ich will so sein, wie sie! Ist mir egal, was du Papa erzählst. Ich mag dich nicht! Ich wünschte, Papa hätte dich nie getroffen! Ja, ich wünschte, du wärst tot und meine Mama dafür hier!“ Bevor man sie zurückhalten konnte, warf sie sich herum und rannte davon.

Bettina war im ersten Moment ziemlich bestürzt, weil sie solch einen hasserfüllten Ausbruch nicht erwartet hatte. Doch dann stieg erneut Ärger in ihr auf. Sie hatte keine Lust mehr, weiterhin völlig vergeblich um den Respekt oder gar die Sympathie des Mädchens zu kämpfen, dachte sie gereizt. Sollte sich Ines doch die Haare von jetzt an selbst kämmen. Vielleicht kam sie dann endlich zur Vernunft, denn es war in der Tat nicht einfach, jeden Morgen und Abend die wilde Flut unbezähmbarer Locken zu bändigen. Außerdem war es momentan gar nicht so wichtig, ob Ines sie mochte oder nicht. Schließlich war sie nur ein Kind, das seine Meinung ganz schnell wieder ändern konnte. Vielleicht wurde es ja besser, sobald sie ein gewisses Alter erreichte? Möglicherweise brauchte sie einfach nur noch ein bisschen mehr Zeit, um zu begreifen, dass es die Stiefmutter nur gut mit ihr meinte?

In der Folgezeit gingen sich Bettina und Ines tunlichst aus dem Weg. Die Siebenjährige verbrachte wieder viel Zeit in der Gesellschaft der Haushälterin, derweil sich die Frau ihres Vaters nur noch um ihre eigenen Interessen kümmerte. Selbst wenn sie mal gezwungen waren, mehr Zeit miteinander zu verbringen, als unbedingt notwendig war, weil ein Familienausflug oder Ähnliches anstand, übersahen sie einander geflissentlich.

„Was ist denn nur los mit euch?“, wollte Harald eines Abends wissen.

„Sie kann mich nicht leiden“, erwiderte Bettina mit einem gleichmütigen Schulterzucken.

„Unsinn“, erwiderte er sichtlich irritiert. „Warum sollte sie dich nicht mögen? Du hast ihr doch gar nichts getan.“

„Doch“, wandte sie ein. „Ich hab’ mit ihr geschimpft, weil sie nicht auf mich hören wollte. Und seitdem kann sie mich nicht mehr ausstehen.“

„Aber … Aber …“ Er wusste nicht weiter.

„Alles halb so wild“, winkte Bettina ab. „Lass sie. Möglicherweise hat sie schon morgen wieder aus geschmollt und wird wieder normal. Kinder sind manchmal so.“ Damit war das Thema für sie erledigt. Sicher, sie würde Ines niemals abweisen, wenn diese von sich aus käme, um Frieden zu schließen. Dennoch wollte sie selbst nichts mehr tun, um das angespannte Verhältnis zu entkrampfen. Es war noch nie ihr Ding gewesen, sich irgendjemandem aufzuzwingen. Und sie würde sicher nicht bei ihrer Stieftochter damit anfangen!

Um sich abzulenken, konzentrierte sich Bettina auf das Haus selbst. Weil die vorhandene Inneneinrichtung in einem sehr gediegenen, um nicht zu sagen, erzkonservativen Stil gehalten war, glaubte sie zunächst, sie könne durch hellere Tapeten und neue Gardinen eine andere Atmosphäre hineinbringen. Weil das aber im Hinblick auf die klassischen Möbel aus den frühen Achtzigern nicht sehr vielversprechend war, entschied sie, dass auch sie weichen sollten. Und so wälzte sie tagelang verschiedene Kataloge, fuhr anschließend von einem Geschäft zum nächsten, und legte Harald dann einen detaillierten Plan vor, aus dem er ersehen konnte, was sie vorhatte.

„Ich seh’ ja ein, dass hier Handlungsbedarf besteht.“ Sein Blick glitt zunächst über das gepflegte Mobiliar des Wohnzimmers und heftete sich dann sichtlich zweifelnd auf die Aufstellung, die vor ihm auf dem Tisch lag. „Aber muss es wirklich gleich das ganze Haus sein?“

„Es muss doch alles zusammen passen“, erklärte sie. „Ich kann doch drüben kein modernes Esszimmer hinstellen und hier alles unangetastet lassen. Wie sieht das denn aus? In einem Raum Edelstahl und Glas und im nächsten ein Monstrum vom Eiche-Schrankwand und Sitzmöbel wie zu Uromas Zeiten!“

„Und wieso willst du auf einmal ein eigenes Schlafzimmer?“, wollte er wissen.

„Weil du wie ein Grizzlybär schnarchst und ich deshalb kaum ein Auge zubekomme.“ Dass das nur die halbe Wahrheit war, sagte sie nicht. Es war jedoch in der Tat so, dass sie seine ständige Anwesenheit in ihrem Bett zwar begrüßte, weil sie seine körperliche Nähe genoss, sich durch ihn aber auch irgendwie gestört fühlte, ohne ihr Unbehagen näher begründen zu können. Also hoffte sie nun darauf, dass die räumliche Trennung die richtige Lösung dieses Problems war.

„Aber Ines’ Zimmer lässt du so, wie es ist, ja“, verlangte er. „Sie hat sich die Sachen erst letztes Jahr selbst herausgesucht.“

„Ich hatte ja auch gar nicht vor, ihr etwas Anderes aufzuzwingen“, wehrte sich Bettina. „Sie soll sich ja in ihrem Reich wohlfühlen!“

Harald ließ seine Frau gewähren, denn er wollte, dass sie sich in ihrem neuen Zuhause wohlfühlte. Er bezahlte die Rechnungen, hielt sich aber aus allem raus, weil er ohnehin wenig Zeit hatte. Als er jedoch nach sechswöchigem Einrichtungs-Chaos das Ergebnis der Arbeiten betrachtete, war er sprachlos. Sein ehemals urgemütliches Heim wirkte nun wie ein Ausstellungsstück aus einem Einrichtungskatalog, denn in den Räumen dominierten ausschließlich moderne Designermöbel und kühle Farben. Auch wenn er bereits im Vorfeld über die Veränderungen informiert worden war, fühlte er sich nun in seinen eigenen vier Wänden völlig fremd und deplatziert. Trotzdem verbiss er sich jedweden Kommentar, weil er Bettina mit seiner Kritik nicht vor den Kopf stoßen wollte.

9

Kurz nach ihrem zweiten Hochzeitstag begriff Bettina plötzlich, dass sie zwar oft unterwegs war, im Grunde aber keine produktive Beschäftigung nachweisen konnte. Verschiedene Sportarten zu treiben, oder ihre Schönheit zu pflegen, kam allein ihrem Äußeren zugute. Aber sonst gab es nichts für sie zu tun. Heidi – Haralds Haushälterin – besorgte die Hausarbeit und das Kochen. Ines war entweder in der Schule oder bei einer ihrer Freundinnen. Und ihr Mann war kaum noch zu Hause, weil er einen Großauftrag nach dem anderen zu erfüllen hatte, sodass er sich nahezu rund um die Uhr in seiner Werkstatt oder bei einem Kunden aufhielt.

Warum sie sich auf einmal so kribbelig und gereizt fühlte, konnte Bettina zunächst nicht verstehen. Doch dann ging ihr der wahre Grund auf: Es war nicht nur das eintönige Einerlei des Alltages, das ihr auf die Nerven ging. Es war auch Haralds übergroßes Bedürfnis nach Harmonie und Ruhe, was im krassen Gegensatz zu ihrem eigenen Verlangen nach Trubel und Abwechslung stand. Außerdem hatten sie nicht mehr so oft Sex, wie zu Anfang ihrer Ehe, weil er meist todmüde von der Arbeit kam und nach einem leichten Abendessen schon auf der Wohnzimmercouch einschlief. Dass er darüber hinaus nur wenig Fantasie entwickelte, wenn er sich dann doch einmal in ihr Schlafzimmer verirrte, ließ ihr eigenes Verlangen meist schnell wieder abflauen, sodass sie am Ende kaum erwarten konnte, dass er wieder ging. Selbstverständlich hätte sie ihm ihre Wünsche und Bedürfnisse erklären können. Und bestimmt wäre ihr Intimleben danach wieder ein wenig aufregender geworden. Doch sie sagte nichts, weil sie im Grunde gar nicht traurig darüber war, dass er immer seltener zu ihr kam. Er wollte ein Baby. Sie hingegen mochte gar nicht über einen Familienzuwachs nachdenken. Auch wenn es ihr eigenes Fleisch und Blut sein würde, fürchtete sie, dass Harald das gemeinsame Kind genauso verhätscheln und verziehen würde, wie er es momentan mit Ines tat. Und sie selbst würde kaum etwas dagegen unternehmen können, weil er sich von seiner Frau weder in Erziehungsfragen noch in anderen Dingen etwas sagen ließ. Natürlich fragte er sie um ihre Meinung, machte dann aber meist genau das Gegenteil von dem, was sie ihm geraten hatte. Nein, bekräftigte sie es noch einmal, sie konnte sich Besseres vorstellen, als noch ein Kind in die Welt zu setzen, welches womöglich bloß zum Zankapfel zwischen ihnen werden würde!

Um ihre beständig größer werdende innere Unruhe zu dämpfen, machte Bettina immer häufiger ausgedehnte Einkäufe. Als schließlich sowohl ihr Kleiderschrank als auch der Schuhschrank so gefüllt waren, dass in der Tat kein einziges Stück mehr hineinpassen wollte, entschied sie, dass es allerhöchste Zeit sei, etwas Vernünftiges zu tun. Sie musste wieder arbeiten gehen. Genau! Sobald ihr nämlich die Hektik der alltäglichen Arbeitswelt um die Nase wehte, würde sie genug Abwechslung haben. Außerdem wollte sie neue Bekanntschaften schließen, die ausnahmsweise nichts mit Harald oder seinen Geschäften zu tun hatten.

Da ihre Entscheidung bereits feststand, wollte sie das Gespräch mit ihrem Mann nicht lange aufschieben. Und so wartete sie bis in den späten Abend hinein voller Ungeduld darauf, dass er endlich heimkam. Als er dann da war, ließ sie ihm gerade so viel Zeit, dass er seine Mahlzeit beenden und seinen Lieblingsplatz auf der Couch einnehmen konnte, bevor sie ihr Anliegen zur Sprache brachte.

Hätte Bettina den Wunsch geäußert, am kommenden Tag zum Nordpol umziehen und dort bis zu ihrem Lebensende in einer primitiven Schneehütte leben zu wollen, Haralds Verständnislosigkeit wäre nicht größer gewesen.

„Aber wieso denn?“, wollte er wissen. „Hast du hier nicht mehr genug zu tun?“

„Machst du Witze?“, brauste sie auf. „Was bleibt mir denn schon zu tun, wo Heidi alles so gut im Griff hat.“

„Dann genieße einfach die Zeit, die du für dich hast. Immerhin bist du in der beneidenswerten Position, keinen Finger rühren zu müssen, während ich mich vor Arbeit kaum retten kann.“

„Aber genau das ist ja der Punkt“, verteidigte sie ihren Plan. „Ich habe zu viel Zeit für mich! Und genau darum möchte ich wieder etwas Vernünftiges machen. Ich bin nicht für das Leben eines faulen Modepüppchens geboren! Bitte Harald, es ist doch heutzutage gang und gäbe, dass eine Frau arbeiten geht.“

„Ja, wenn sie finanziell dazu gezwungen ist“, erwiderte er ungeduldig. „Aber doch nicht dann, wenn sie alles hat, was sie sich nur wünschen kann. Oder … Brauchst du etwa mehr Geld für dich? Wenn das der Fall sein sollte … Warum hast du nichts gesagt? Du weißt genau, es ist kein Problem.“

„Nein“, wehrte sie ab. „Das ist es nicht.“

„Was ist es dann?“, fragte er.

„Abwechslung“, gab sie endlich zu.

Harald schwieg, weil er einfach nicht wusste, was er darauf sagen sollte. Wenn sie endlich schwanger werden würde, hätte sie keine Langeweile mehr, schoss es ihm kurz durch den Sinn. Doch war der Gedanke kaum aufgetaucht, das schob er ihn auch schon wieder von sich. Sie konnte nichts dafür, dass es nicht klappte, ermahnte er sich. Und vielleicht war ihr vermeintliches Versagen mit ein Grund dafür, warum sie sich jetzt an anderer Stelle die Anerkennung holen wollte, die ihr als Mutter versagt blieb? Andererseits wäre eine Herausforderung dar, die bloß in Angriff genommen werden müsste.

„Was ist mit Ines?“, fragte er vorsichtig.

„Was soll denn mit ihr sein?“, reagierte Bettina mit einer unwirschen Gegenfrage. „Sie kann mich weder leiden noch braucht sie mich wirklich. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich von mir ohnehin nichts sagen lässt. Ich … Also wenn du mich fragst, dann denke ich, dass es für sie besser wäre, wenn sie in die Hände erfahrener Pädagogen käme. Vielleicht … In einem Internat hätte sie möglicherweise …“

„Nein!“, unterbrach er erschrocken. „Das kommt überhaupt nicht infrage. Es würde für sie so aussehen, als ob ich sie abschieben wollte. Nein, das geht nicht!“

„Das ist doch albern“, erwiderte Bettina. „Du würdest etwas Gutes für sie tun. Schließlich willst du doch auch, dass sie zu einer gebildeten jungen Frau heranwächst, die ihr Leben selbst in die Hände nehmen kann.“

„Das kann sie auch hier“, wehrte Harald ab. „Die Schule, die sie momentan besucht, hat einen ausgezeichneten Ruf. Außerdem bin ich der Meinung, dass ein Kind zu Hause am besten aufgehoben ist.“

Bettina wollte zu einer Erwiderung ansetzen, wurde jedoch durch eine ungeduldige Handbewegung ihres Mannes zum Schweigen angehalten.

„Ich werde meine Tochter nicht wegschicken, nur weil du dich nicht mit ihr befassen willst“, stieß er verärgert hervor.

„So denkst du also von mir, ja?“ Bettina war ehrlich gekränkt. Sie hatte es nur gut gemeint, rechtfertigte sie sich. Ines war ein verwöhntes und mittlerweile völlig verzogenes Kind, weil im Grunde niemand da war, der ihr die Grenzen aufgezeigt hätte. Sicher, die mittlerweile Neunjährige brachte durchweg gute Noten nach Hause. Und Heidi zeigte ihr, was im Haus und Garten zu erledigen war. Aber auch die einst als Mutterersatz fungierende Hauswirtschafterin war nunmehr hilflos, wenn es darum ging, dem Mädchen klarzumachen, dass es sich an gewisse Benimmregeln zu halten hatte. Durch die völlig übertriebene Rücksichtnahme und inkonsequente Nachgiebigkeit des Vaters immer wieder darin bestärkt, dass sie ja machen konnte, was auch immer ihr einfiel, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen, weil sie ja ein mutterloses und daher höchst bedauernswertes Kind war, scheute Ines auch nicht mehr davor zurück, der Stiefmutter selbst im Beisein von anderen mit offener Feindseligkeit zu begegnen. Bei dem Gedanken an den letzten Ausbruch ihrer rotzfrechen Stieftochter, in dessen Verlauf sie selbst als dumme Kuh bezeichnet worden war, schluckte Bettina hart.

Harald indes war ehrlich bestürzt, angesichts der Tränen, die mit einem Mal in den Augen seiner Frau schimmerten, und vergaß darüber augenblicklich, dass er tatsächlich gemeint hatte, sie wolle Ines aus dem Wege haben, damit sie sich nicht länger mit ihr auseinandersetzen musste.

„Verzeih.“ Bettina in eine liebevolle Umarmung ziehend, küsste er sie zärtlich auf die Wange. „Es tut mir leid, Liebes“, fuhr er anschließend fort. „Es war nur … Ich könnte Ines nie wegschicken, auch wenn es noch so gut für sie wäre. Sie würde es nicht verkraften. Nicht in diesem Alter. Sie würde denken, ich liebte sie nicht mehr.“

„Schon gut.“ Sanft, aber bestimmt schob sie ihn von sich. „Entschuldige mich jetzt bitte. Ich bin müde.“ Damit stand sie auf und verließ den Raum.

Seiner sichtlich geknickten Frau mit bedrückter Miene nachschauend, nahm sich Harald vor, in Zukunft mehr mit ihr unternehmen zu wollen. Nun, ein Partylöwe war er nicht und auch kein guter Tänzer. Aber es gab ja auch noch andere Veranstaltungen, die man gemeinsam besuchen konnte. Das Kulturprogramm der Stadt bot eine gute Auswahl. Er musste sich nur angewöhnen, ein oder zwei Tage in der Woche früher nach Hause zu kommen.

*

Obwohl ihr plötzlich mehr Zeit und Aufmerksamkeit vonseiten ihres Mannes geschenkt wurde, suchte Bettina nach einer geeigneten Arbeitsstelle, schrieb dann eine Bewerbung und brachte diese schließlich persönlich zum Empfänger. Da sie nicht nur gute Referenzen vorweisen konnte, sondern auch einen sehr kompetenten Eindruck machte, bekam sie sogleich eine Zusage.

„Ich hoffe, das ist nicht nur so eine Laune von Ihrer Seite“, sprach der Hotelmanager seine Befürchtung kurz vor der Verabschiedung offen aus. „Es würde mir nämlich für die andere Kandidatin leidtun, wenn Sie in ein paar Wochen keine Lust mehr hätten.“

„Keine Sorge“, winkte Bettina mit einem unverbindlichen Lächeln ab. „Ich leide keineswegs an der Langeweile reicher Unternehmergattinnen, die alles ausprobieren, um ihrem Dasein einen Sinn zu geben. Mir geht es wirklich um den Job an sich, weil ich im Grunde ein Arbeitstier bin.“

„Na dann.“ Er reichte ihr die Hand. „Auf Wiedersehen. Und schöne Grüße an Ihren Mann!“

„Werde ich ihm gerne ausrichten“, erwiderte sie beim Hinausgehen.

Stolz, und zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich zufrieden mit sich selbst, wartete Bettina voller Ungeduld auf Harald, weil sie ihm die schöne Neuigkeit so bald als möglich erzählen wollte. Als es jedoch immer später wurde, ohne dass er heimgekommen wäre oder zumindest angerufen hätte, beschloss sie spontan, dass sie nicht länger dahocken und vergeblich auf sein Erscheinen hoffen wollte, sondern allein ausgehen würde, um ihren Erfolg zu feiern. Während sie sich dann umzog und ihr Make-up auffrischte, dachte sie einen Moment lang daran, Heidi herüberzurufen, damit diese auf Ines achtgab. Doch schon im nächsten wischte sie diese Überlegung wieder beiseite, weil sie die Frau nicht unnötig belästigen wollte. Das Mädchen schlief bereits tief und fest, redete sie sich ein. Also würde die Kleine gar nicht bemerken, dass man sie allein gelassen hatte. Und selbst wenn Ines wach wurde, sollte das kein Problem werden, denn sie kannte sowohl die Telefonnummer des Vaters als auch die der Haushälterin auswendig.

Sie hatte schon die Hälfte der Strecke zum Stadtzentrum hinter sich, da wurde Bettina schlagartig klar, dass sie unmöglich alleine in eine Bar gehen konnte, weil man sie dort bestimmt erkennen und aufgrund ihrer fehlenden Begleitung falsche Schlüsse ziehen würde. Und Freunde, die sie hätten anrufen können, um sich mit ihnen zu verabreden, besaß sie nicht.

Beim letzten Gedanken biss sich Bettina so heftig auf die Unterlippe, dass es wehtat. Sicher, sie hatte nie jemanden um sich haben wollen, der ihr ständig auf den Fersen klebte und dauernd alle möglichen Probleme mit ihr durchhecheln wollte. Dennoch traf sie die Erkenntnis jetzt wie ein Schlag ins Gesicht, dass sie im Grunde eine Einzelkämpferin war, die zwar einen Ehemann vorweisen konnte, ansonsten aber wie eine Aussätzige dastand, mit der niemand wirklich etwas zu tun haben wollte. Natürlich war Haralds Bekanntenkreis mittlerweile auch der ihre. Trotzdem fand sich nicht eine einzige Person unter den vielen Leuten, die sie als echten Freund hätte bezeichnen können. Man war nett und zuvorkommend zueinander, wenn man sich bei diversen Geschäftsessen oder sonstigen Veranstaltungen traf. Aber aufrichtiges Interesse hegte keiner wirklich für den anderen, denn jeder war mit sich selbst und seinem eigenen Leben so beschäftigt, dass weder Zeit noch Kraft für Anderes blieb. Aber das war nie anders gewesen, erinnerte sie sich bitter. Schon in der ersten Schulklasse hatte ihre überdurchschnittliche Intelligenz sie zur Außenseiterin gemacht. Und später war es ihr gutes Aussehen gewesen, was sie von den anderen Mädchen unterschieden und letztlich auch abgesondert hatte. Allein ihre Arbeitskollegen waren ihr immer freundlich und zuvorkommend, ja, im Grunde fast freundschaftlich begegnet. Und genau das war auch der Grund, warum sie sich mit jeder Faser ihres Herzens danach sehnte, wieder ins Berufsleben einzusteigen!

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9783754175057
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