Читать книгу: «Treffpunkt Washington»
Katherine V. Forrest
Treffpunkt Washington
Kate Delafields 5. Fall
Aus dem Amerikanischen von
Anke Grube und Silvia Mayer
Ariadne Krimi 1107
Argument
Ariadne Krimis
Herausgegeben von Else Laudan
www.ariadnekrimis.de
Romane mit Detective Kate Delafield:
1. Fall: Amateure (Ariadne Krimi 1015)
2. Fall: Die Tote hinter der Nightwood Bar (Ariadne Krimi 1007)
3. Fall: Beverly Malibu (Ariadne Krimi 1029)
4. Fall: Tradition (Ariadne Krimi 1037)
5. Fall: Treffpunkt Washington (Ariadne Krimi 1107)
6. Fall: Kreuzfeuer (Ariadne Krimi 1113)
7. Fall: Knochenjob (Ariadne Krimi 1125)
8. Fall: Vollrausch (Ariadne Krimi 1155)
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Liberty Square
© 1996 by Katherine V. Forrest
Alle Rechte vorbehalten
© Argument Verlag 1998
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-86754-890-8
Für Jo
Personen und Handlung dieses Romans sind frei erfunden. Bestimmte Orte, geschichtliche Begebenheiten und Situationen beruhen auf Tatsachen, wurden jedoch frei nach der Phantasie verwendet.
Dank an ›Louise‹ vom United States Marine Corps für technische Einzelheiten bezüglich Kate Delafields Zeit im Corps und in Vietnam. Es ist eine Schande für diese Nation, dass ich die wahre Identität einer amerikanischen Staatsbürgerin nicht enthüllen darf, die zwanzig Jahre ihres Lebens damit verbracht hat, ihrem Land zu dienen.
An Jo Hercus, Komplizin und Lebenspartnerin, für kreative Überlebenstipps und emotionale Unterstützung.
An Montserrat Fontes, hervorragende Romanautorin und wunderbare Freundin, deren leidenschaftliches Engagement für Aimee und die Ganzheit Kates geholfen hat, diesem Roman den richtigen Schwung zu verleihen.
An Cath Walker für ihr entscheidendes Feedback, als es wirklich darauf ankam.
An Diane Bennison von Madwoman Press dafür, dass sie mich zu ›Louise‹ geführt hat.
An meinen Schriftsteller-Bruder Michael Nava.
An den unschätzbaren Richard LaBonte.
An Mitch Grobeson für das, was er für uns alle getan hat.
An Natalee Rosenstein für ausgezeichnete Lektoratsvorschläge.
An Charlotte Sheedy dafür, alle Stränge zusammengeführt zu haben.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Dank
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 1
Kate Delafield wartete ungeduldig an der Kreuzung Pennsylvania Avenue und Neunte Straße und suchte den vorbeirauschenden Stoßverkehr nach einem rotbraunen Chevy Cavalier ab. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr: 17:15 Uhr. Fünfzehn Minuten später als verabredet, und Aimee würde kein bisschen sauer sein – was Kates Gereiztheit nur noch verstärkte.
Sie wünschte, sie könnte einen der Taxifahrer anhalten, die sie aus den vorbeifahrenden Wagen beäugten, wünschte, sie hätte nicht auf einem Mietwagen bestanden. Sie wollte den Chevy Cavalier, und zwar sofort, wollte den Schutzpanzer eines Autos um sich herum. Sie fühlte sich ausgeliefert, unsicher und aus dem Gleichgewicht an diesem Novembertag des Jahres 1994 in Washington D.C. Unauslöschliche Eindrücke aus Bilderbüchern ihrer Kindheit und schemenhafte Erinnerungen an Besuche während ihrer Ausbildung, die sie Jahrzehnte zuvor in der nahe gelegenen Marine Corps-Basis absolviert hatte, kollidierten mit den verwirrenden Veränderungen, die dieser Ort erfahren hatte; dem vertrauten Patchwork einer Stadt war ein Chaos neuer Flicken hinzugefügt worden.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erhoben sich die griechischen Granitsäulen des Justizministeriums, in geringer Entfernung zu beiden Seiten die heiligsten Wahrzeichen dieser Stadt: das Weiße Haus und die alles überragende Kuppel des Capitols. Doch hinter ihr lag der Lego-Bau des FBI-Gebäudes, aus dem sie gerade kam – einer der neuen Flicken in der Patchworkdecke. Ebenso neu wie das Thema des Seminars, an dem sie teilgenommen hatte: Verhaltensprofile von Psychopathen, die Amerikas Städte heimsuchten. Allein in dieser Stadt hatte die Zahl der ›normalen‹ Morde die Kapazitäten der Metropolitan Police Force bei weitem überholt. Und obwohl jede große Stadt Gefahren birgt, war sie mit denen in den Straßen ihrer Stadt Los Angeles zumindest vertraut.
Nach den morgendlichen Regenschauern war der Wind schneidend kalt und fegte ein paar verlorene goldene Blätter über die Bordsteinkante. Unter ihrem Regenmantel zog Kate schaudernd die Schultern zusammen. Ihr Blick streifte die jämmerlichen Überreste der herbstlichen Fülle eines Ahornbaums, der an eine alte Dame mit Rougeflecken auf den Wangen erinnerte. Sie dachte an die Herbste ihrer Jugend in Michigan, das schimmernde Gold und Rot der Ahornbäume, Eichen und Ulmen, widerstrebend fallen gelassen, um reifüberzogene Äste freizulegen, die vor dem Hintergrund abgeernteter, brachliegender Felder und reifbedeckter roter Scheunen wie mit Klöppelspitze verziert in die grauen Winterwolken ragten … Sie schaute nach oben, wo sich Wolken zusammenballten und einen milchigen Himmel verdunkelten. Wo blieb Aimee bloß?
Ein Polizeiauto fuhr langsam vorbei. Kate registrierte seine Insassen, eine afroamerikanische Frau und einen weißen Mann, und betrachtete dann den Wagen selbst – weiß, mit einer rotblauweißen Lichtleiste auf dem Dach, einem breiten aquamarinfarbenen Streifen an der Seite und einem goldenen Wappen an der Tür. Die Anwesenheit einer Polizeistreife in einer Stadt, in der es von Polizisten, die für die Sicherheit einiger der berühmtesten Staatsmänner der Welt zuständig sind, nur so wimmelt, vermittelte ihr keineswegs ein Gefühl von Sicherheit oder Geborgenheit – ebenso wenig wie die Tatsache, vor dem Gebäude zu stehen, das die renommierteste Polizeiorganisation der Welt beherbergt. Washington D.C. war im Niedergang begriffen, die Behörden steckten in einer Finanzkrise, kurz vor dem Kollaps. Trotz all der massigen Bauwerke und Marmordenkmäler schien ihr diese majestätische Stadt genauso gefährlich wie die tödlichsten Gassen von Los Angeles.
Aus einem neuen Schwung Wagen, die auf dem breiten Boulevard grünes Licht bekommen hatten, scherte endlich der rotbraune Chevy Cavalier aus und hielt am Bordstein.
»Du musstest hoffentlich nicht zu viele Runden drehen«, sagte Kate, warf Schultertasche und Aktenkoffer auf den Rücksitz und zerrte den Sicherheitsgurt zurecht. Sie strich mit der Hand über Aimees Oberschenkel und ließ sie dort liegen. »Entschuldige, ich bin spät dran. Das Sweatshirt gefällt mir.« Die Farbe war komisch – verbranntes Orange – und das Vereinslogo nicht leicht zu erkennen, aber es hing verführerisch von Aimees schmalen Schultern, die Ärmel bis zu den Ellbogen aufgerollt. »Schönen Tag gehabt?«
Aimee warf Kate ein schnelles Grinsen zu und drückte deren Hand auf ihrem Schenkel. »Wir waren im Raumfahrtmuseum. Ich brauche hier mindestens noch zwei Wochen!« Mit einer gekonnten Kopfbewegung warf Aimee eine dunkle Locke zurück, die ihr über die Augen gefallen war. »Alles ist besser, als einen Tag an dem Ort zu verbringen, der nach dem Arschloch des Jahrhunderts benannt ist.«
»Hochhacken-Hoover«, zitierte Kate die vernichtende Aussage ihres Freundes Joe D’Amico bezüglich des Doppellebens von J. Edgar Hoover, dem ersten Direktor des FBI. »Was wussten wir denn schon.«
»Sein Gebäude sieht genauso aus wie er – vierschrötig, hässlich, unheimlich.«
Kate murmelte Zustimmung. Durch die Hochsicherheitsschranken des FBI-Gebäudes zu kommen, erforderte Scan und Registrierung, eine kodierte Ausweis-Plastikkarte, dann ging man durch ein Drehkreuz und eine Sperre, die mit der Karte geöffnet werden konnte – und schon war der Videokamera-überwachte Zutritt zu einem Labyrinth erschreckend gleichförmiger Korridore offen.
Aimee packte das Steuer fester. »Der Mann hat so viele Leben vergiftet …«
Kate nickte. Worte waren überflüssig. Sie und Aimee hatten sich während einer polizeilichen Untersuchung kennengelernt, die ein lebendiger Beweis für diese immer noch fortdauernde schleichende Vergiftung war.
Aimee fragte: »Und, wie lautet die offizielle Parteilinie? Geniert sich das Büro wenigstens?«
»In deren Augen ist er nur ein verschrobener, exzentrischer Urahne.«
Dass sich Hoovers Erben kaum von ihrem historischen Vorbild unterschieden, erwähnte sie nicht – die gleichen, in dunklen Anzügen steckenden Körper und dasselbe puppenhafte Gehabe; die Männer und Frauen – verschwindend wenigen Frauen – waren immer noch aus dem gleichen Guss.
Aimee bog in die Massachusetts Avenue ein. Kates Blick wanderte über die vielgestaltige Architektur dieser Straße, berühmt als Sitz zahlreicher ausländischer Konsulate, gesäumt von Häusern, deren Baustil von modern bis zu weiß-marmornem Renaissancestil und von schlichtem Ziegelbau bis zu reich verzierten viktorianischen Gemäuern reichte. Was für ein Unterschied zu dem Stuck und den Pastellfarben ihres geliebten Los Angeles, den roten spanischen Ziegeldächern, der verschwenderischen, immergrünen Vegetation und den Graffiti, die sich ihren Weg durch die ganze sonnenüberflutete Stadt bahnten und auch die wohlhabendsten Viertel so wenig verschonten wie Kudzu-Ranken die Südstaaten.
»Wie war die Sitzung heute?«
Kate zuckte die Schultern. »Anderer Ort, gleiches Thema. Wurde anschließend von einer Schwester aus Chicago gekrallt, die wissen wollte, ob im Los Angeles Police Department weniger Homophobie herrscht, seit Daryl Gates weg ist und Mitch Grobeson seinen Diskriminierungsprozess gewonnen hat.«
»Was hast du geantwortet?«
»Dass Chief Williams erst noch beweisen muss, ob er Rückgrat hat, und dass Mitch Grobeson in der Hollywood Division immer noch versucht, das Rote Meer zu teilen.«
Aimee kicherte. »Ist Chicago etwa besser?«
»Ach wo.«
Die Windschutzscheibe beschlug. Mit einem schnellen An- und Ausschalten der Scheibenwischer machte Aimee die Sicht wieder frei. »Also, was hast du heute gelernt?«
»Noch mehr Trends, noch mehr Statistiken. Haufenweise Zahlen.« Aimees Misstrauen gegenüber Polizeiarbeit war schwer genug zu ertragen, auch ohne Einzelheiten über das Seminar zu verraten, in dem es um Ritualfolter und ekelhafte Verstümmelungspraktiken ging. Wieder ließ Kate ihre Hand über Aimees Schenkel wandern. »Was steht heute Abend an?«
Aimee stellte die Scheibenwischer an und aus. »Wenn’s nicht gerade regnet, Abendessen in dem indischen Lokal unten an der Straße, ein Spaziergang um den Dupont Circle. Wie klingt das?«
»Toll.« Sie konnte Aimees Begeisterung für die Stadt nachvollziehen – ihr war es einst genauso ergangen –, aber sie war nicht scharf auf eine weitere Sightseeing-Tour mit einer unersättlichen Aimee. Das bevorstehende Treffen würde genug Gefühle aus ihr herauszerren, auch ohne tiefere Griffe in die Schatzkiste ihrer Erinnerungen.
Aimee sagte: »Morgen ist also der große Tag.«
Kates Laune sank sofort auf den Nullpunkt. Sie schwieg. Wenigstens hatte Aimee bislang keinen Besuch der Gedenkwand vorgeschlagen, dachte sie ungnädig.
Das unscheinbare Schild des im Kolonialstil erbauten Inn on Liberty kam in Sicht, und Aimee bog lächelnd in den überdachten Eingang zum Parkhaus an der Rückseite des Hotels ein. »Endlich lerne ich ein Stück deiner Vergangenheit kennen.«
»Nicht nur du, ich auch«, sagte Kate und versuchte, ihre Gelassenheit wiederzugewinnen.
Beim Aussteigen sah sie sich Aimees neues Sweatshirt genauer an und enträtselte das Logo: ein Basketball auf einer Art Schussbahn durch ein Netz. Die Washington Bullets. Pistolenkugeln, gütiger Himmel. Dieses Leichenschauhaus von Stadt nannte auch noch eine ihrer Sportmannschaften Die Kugeln.
Mit ihrem magnetischen Zimmerschlüssel öffnete Aimee die Doppeltüren, die vom Parkhaus in eine kleine, schlichte Lobby führten, und steckte denselben Schlüssel in ein anderes Schloss, um den Fahrstuhl zu holen. Kate knöpfte ihren Regenmantel auf und betrachtete sich in dem Spiegel an der Rückwand des Fahrstuhls, um griesgrämig zu konstatieren, dass ihre Hose und Jacke durch das stundenlange Herumsitzen hoffnungslos zerknittert waren. Vielleicht waren zum Abendessen Jeans und eine Jacke elegant genug.
Die Fahrstuhltür öffnete sich im zweiten Stock. Ein großer, schlaksiger Mann in ausgewaschenen Jeans und Jeansjacke schritt über den Gang auf sie zu. Kate erkannte ihn und grüßte kühl: »Noch mal hallo, Woody.«
Sie hatten sich am Morgen schon kurz in der Lobby begrüßt. Ihre frühere Abneigung gegen ihn war unvermindert zurückgekehrt, und sie vermutete, dass es ihm ebenso ging. »Aimee, das ist Woody Hampton, einer der Männer, mit denen ich stationiert war in –«
»Es ist mir ein Vergnügen, schöne Frau«, unterbrach Woody, »wirklich ein Vergnügen.« Er schüttelte Aimees Hand wie einen Pumpenschwengel.
»Nett, Sie kennenzulernen«, sagte Aimee und befreite ihre Hand. »Wir sehen uns auf der Party.« Sie ging auf dem mit marineblauem Teppich ausgelegten Korridor weiter.
Kate folgte ihr lächelnd und überlegte, wie oft sie sich schon gewünscht hatte, Aimee wegen der Aufmerksamkeit, die sie erregte, eine Papiertüte über den Kopf zu stülpen. Jetzt nicht. Aimee hatte sie beide in diese Lage manövriert, folglich geschah Woody Hampton ihr recht und überhaupt alles, was dieses Wochenende passieren würde.
Kate legte den Sicherheitsriegel der Zimmertür vor, durchquerte den Vorraum und warf Aktenkoffer und Schultertasche aufs Bett. Dann schälte sie sich aus ihrem Regenmantel, ging zurück zur Garderobe und hängte ihn auf. Aimee streckte die Arme nach ihr aus. »Hallo, Brummbär«, sagte sie und schmiegte sich an ihren Hals.
Kate seufzte, ihr Widerstand schmolz dahin. »Hallo, Liebling.« Sie nahm sie in die Arme, küsste ihre Stirn und sog den Duft ihres Haares ein.
KRACH!
Gleichzeitig zersplitterndes Glas. Ihr Hotelzimmerfenster.
Aimee riss sich los. »Was –«
»Runter!«
Der Befehl war nur ein Reflex; Kate hatte Aimee längst auf den Fußboden gezogen. Sie bedeckte Aimee mit ihrem Körper und fuhr zusammen, als sie dreimal in schneller Folge Glas splittern hörte.
Aimee zappelte unter ihr. »Was zum Teufel –«
»Stillhalten«, zischte Kate.
Nach mehreren langen Augenblicken der Stille hörte Kate eine Tür sich öffnen und eine tiefe Männerstimme auf dem Gang. Vorsichtig rollte sich Kate von Aimee in Richtung Tür ab.
»Kriechen, Aimee. Ins Badezimmer.« Das Bad war direkt neben ihnen.
Aimee kroch hinein, stellte sich auf die Füße und steckte den Kopf in den Flur. »Scheiße! Jemand hat das Fenster weggeschossen!«
»Kopf zurück!« War sie von allen guten Geistern verlassen? »Um Gottes willen, Aimee!«
Kate robbte zum Bett, zu ihrer Tasche, zu ihrer Pistole.
Hämmern an der Tür. »Da drin alles okay?« Erneutes Hämmern.
Aimee rannte aus dem Bad und machte sich am Türriegel zu schaffen.
»Aimee!«, brüllte Kate. Sie hechtete nach ihrer Tasche, zog den Revolver heraus und wirbelte, die Waffe in beiden Händen, geduckt zur Tür herum, als Aimee sie aufriss.
»He!« Ein groß gewachsener Afroamerikaner im Trainingsanzug stand da und starrte mit aufgerissenen Augen in die Mündung der 38er. »Lieber Gott im Himmel.« Seine Stimme war ein tiefer Bass. Er hob die Hände, Innenflächen nach vorn, und seine nackte Brust glänzte im Flurlicht. »He.«
Kate senkte den Revolver und zielte auf seine Kniescheibe; die Waffe immer noch mit beiden Händen gepackt, bewegte sie sich zur Tür. »Aimee«, brüllte sie im Kommandoton, »ruf 900 an. Sag, im Hotel ballert jemand rum.«
Aimee stand mit offenem Mund vor den Löchern in der Tür und in den Fenstern. »Die Tür … die Kugeln gingen geradewegs durch die Tür und durchs Fenster wieder raus –«
»Schnell.«
Aimee hastete zum Telefon.
Kate spähte erst nach links und schob sich dann in den Korridor. Sie wusste, dass sich rechts von ihr eine Treppe befand; ihr Zimmer war das letzte auf dem Gang. Inzwischen waren mehrere mehr oder weniger bekleidete Leute aus ihren Zimmern gekommen, aber niemand aus der Veteranengruppe oder zumindest kein Kate bekanntes Gesicht. Sobald sie Kate und ihre Pistole sahen, verschwanden sie in ihren Zimmern und knallten die Türen zu.
»Was haben Sie gesehen?«, fragte sie den Afroamerikaner.
»Nichts. Niemanden.«
»Gar nichts?«
»Keine Menschenseele. Ich wohne direkt gegenüber, höre die Schüsse, komme aus meinem Zimmer, sehe die Einschusslöcher in Ihrer Tür –«
Sie hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen, und suchte im Gehen den Flur nach Schmauchspuren ab, inspizierte die blauweiß gesprenkelte Tapete, die dunkelblauen Zimmertüren, die Decke.
Sie drehte sich zu dem Afroamerikaner um. »Wie heißen Sie?«
Mit einem weiteren Blick auf ihren Revolver antwortete er: »John Stafford.«
»Mr. Stafford, Sie sind ein mutiger Mann«, sagte Kate und schob die Pistole in ihren Hosenbund. Ein mutiger Mann, dachte sie bei sich, aber ein dummer.
Mit seiner tiefen Stimme sagte er: »Da, wo ich herkomme, passiert so etwas nicht.«
»Und wo ist das?«
»Oklahoma City.«
Sie streckte die Hand aus. »Kate Delafield. Polizistin. Aus Los Angeles.«
Er schien erleichtert. Und überrascht. Während er ihr die Hand schüttelte, forschte er in ihrem Gesicht. »Was ist los? Ist jemand in Washington hinter Ihnen her?« Er brachte eine Art Grinsen zustande. »Bin ich in eine Filmaufnahme geraten?«
»Nicht dass ich wüsste«, erwiderte sie mit einem gezwungenen Lächeln und drehte sich um, um schnell den Schaden an ihrer Zimmertür zu inspizieren. Als sie Sirenen hörte – mindestens vier oder fünf, schätzte sie –, ging sie den Gang hinunter bis zu dem beleuchteten AUSGANG-Zeichen und der Tür zum Treppenhaus. Die Tür hatte zum Öffnen und Schließen eine Art Riegel, und Kate duckte sich in größtmöglicher Entfernung vom Türrahmen und zog den Riegel vorsichtig zurück. Den Revolver wieder in der Hand, stieß sie die Tür mit dem Knie auf. Das Treppenhaus sah leer aus. Sie ließ die Tür wieder zufallen und steckte den Revolver zurück in den Hosenbund.
»Ist da runter gerannt, was«, äußerte John Stafford.
Kate nickte. »Wahrscheinlich. Oder in eins der Zimmer auf dem Gang.«
»Nicht anzunehmen. Hatte nicht genug Zeit, es sei denn, er wohnt im Zimmer gleich neben Ihnen.«
Dort war Melanie Shaw untergebracht. Sie hatte den Tag zusammen mit Aimee verbracht. Entweder war Melanie gerade nicht da oder sie war trotz des Lärms nicht herausgekommen. Während Kate nachdenklich die Zimmertür betrachtete, rief Aimee: »Die Polizei ist gerade vorgefahren.« Sie kam aus dem Hotelzimmer. »Ich hab vergessen, ihnen zu sagen, dass du Polizistin bist. Sie werden nicht begeistert sein, wenn sie die Pistole sehen.«
Scheiße, dachte Kate. »Schon okay«, sagte sie. Sie konnte das gurgelnde Geräusch des Fahrstuhls hören. »Ihr beide geht jetzt zurück in eure Zimmer.«
Kate wandte sich mit ausgestreckten Armen dem Lift zu und hoffte, die D.C. Metropolitan Cops waren nicht allzu schießwütig.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich und ein Mann und eine Frau in dunkelblauen Uniformen und hellblauen Hemden stiegen aus. Beide Polizisten waren Afroamerikaner, beide hatten die Hand am Abzug einer ungesicherten Waffe. Sie warfen sich sofort mit dem Rücken gegen die Wand und zogen ihre Revolver, als Kate mit lauter, klarer Stimme rief: »Polizei! LAPD, Wilshire Division, Morddezernat.«
Die Waffe leicht nach unten gerichtet, schob sich die Frau langsam und vorsichtig vor, wobei sie dem Mann Deckung gab. Als die Beamten auf sie zukamen, zeigte Kate ihnen ihr leeren Handflächen. Dann sagte sie: »Wenn Sie mir einen Augenblick Zeit geben, hole ich meine Ausweispapiere aus dem Hotelzimmer.«
Die Polizistin ging auf Kate zu und entwand ihr mit schnellem Griff die Pistole aus dem Hosenbund. »Tun Sie das«, erwiderte sie.
Kapitel 2
Die Polizistin nahm Kates Ausweis und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen erst das Foto, dann Kate.
Die Tür zum Treppenhaus wurde aufgestoßen, und zwei Polizisten mit gezogener Waffe spähten in den Flur. »Hier alles unter Kontrolle«, sagte die Polizistin zu ihnen.
»Wir durchsuchen jedes Stockwerk, Jill«, sagte einer der Beamten und zog sich ins Treppenhaus zurück.
Die Frau gab Kate den Revolver zusammen mit ihrem Ausweis zurück und steckte ihre eigene Pistole in den Schulterhalfter.
Kate verstaute die Waffe wieder in ihrem Hosenbund. Die untadelige Erscheinung und die Ausstrahlung dieser jungen Frau gefielen ihr, und ganz besonders ihre gute Menschenkenntnis.
»Was geht hier vor?«, fragte der Beamte und schob seinen Revolver in den Halfter.
»Wir – Aimee und ich – waren den ganzen Tag unterwegs«, sagte Kate. »Kaum waren wir eine Minute zurück, hörte ich den ersten Schuss und splitterndes Glas. Drei weitere Schüsse, alle ins Zimmer. Vielleicht zehn Sekunden später klopft der Typ von gegenüber an die Tür. Ich geh raus in den Flur. Sehe nur ihn und ein paar mutmaßlich unbeteiligte Zuschauer. Er behauptet, er habe niemanden im Flur gesehen, als er rauskam.«
»Schüsse aus anderen Teilen des Hotels gehört?«
»Nein.«
»Von der Straße?«
»Nein.«
»Ich bin Jill Manners, Kate«, sagte die Polizistin unvermittelt. »Mein Kollege heißt Rudy Doyle.«
Ehe Kate etwas erwidern konnte, ging Jill Manners schon den Gang hinunter. An der Tür zu Kates Zimmer bedeutete sie Kate und Rudy Doyle mit einem Kopfnicken, ihr zu folgen. »Ist Ihnen an diesen Einschusslöchern was Besonderes aufgefallen?«, fragte sie.
»Groß«, sagte Rudy. »Großes Kaliber.«
»Sie sind weit oben«, sagte Kate.
Jill hob ihre Hand, bis sie auf gleicher Höhe mit den Einschusslöchern lag – ein gutes Stück oberhalb ihrer Köpfe. »Ja. Hoch.«
»Also hat der Kerl nach oben gezielt«, sagte Rudy und hakte die Daumen in seinen Pistolengurt.
»Schau hin, Rudy, die Tür hat einen Hohlraum. Der Schaden ist erheblich, aber man kann immer noch sehen, dass sich Eintritts- und Austrittsloch der Kugel auf gleicher Höhe befinden. Jemand hat eine Pistole hoch über den Kopf gehalten. Diese Schüsse hätten keinen Menschen treffen können, außer der wäre über zwei Meter groß.«
Gefolgt von Kate und Rudy, ging Jill ins Zimmer, durch den Vorraum und geradewegs auf das Fenster zu. Aimee, die nach hinten auf die Ellbogen gelehnt auf dem Bett saß, schaute interessiert zu. »Aimee Grant«, stellte Kate vor.
»Nur ein paar Minuten, Ms. Grant, dann kommen wir zu Ihnen«, sagte Jill höflich.
Aimee warf Kate ein schwaches Grinsen zu. »Ich glaube, die Vorgehensweise ist mir vertraut.«
Nicht vertraut genug, dachte Kate wütend, als ihr Aimees unüberlegtes Verhalten einfiel, nachdem die Schüsse gefallen waren.
Jill untersuchte das große Loch und die Sprünge im Glas ringsherum. Kate bemerkte, dass Rudy Doyle, die Hände auf die ausladenden Hüften gestützt, Aimee begutachtete. Mit einem Nicken zu Aimee führte Jill die Gruppe aus dem Zimmer.
John Stafford stand im Gang. »Dieser Herr ist John Stafford«, stellte Kate ihn vor.
Jill Manners sagte: »Würden Sie wohl so freundlich sein, auf Ihr Zimmer zurückzugehen, Mr. Stafford, wir sprechen uns gleich.«
Stafford zog sich langsam in sein Zimmer zurück, wobei er Jill Manners mit einem anerkennenden Lächeln von Kopf bis Fuß musterte, bis sich seine Tür schloss.
Kate und die beiden Polizisten gingen den Gang hinunter, weg von den beiden Hotelzimmern und außer Hörweite von Stafford oder Aimee. Jill Manners zog einen Notizblock und einen Kugelschreiber aus ihrer hinteren Hosentasche. »Sagen Sie bitte Jill und Rudy zu uns«, sagte Jill, während sie eifrig Notizen machte.
Rudy nickte zustimmend. Kate entspannte sich ein wenig; sie wusste diese Geste zu schätzen, mit der sie – wenn auch eingeschränkt – als Kollegin akzeptiert wurde.
»Irgendwelche Vermutungen, Kate?«, frage Rudy und kratzte sich seinen bleistiftdünn rasierten Schnurrbart.
Kate zuckte die Schultern. Ein zielloser Gewaltakt, nahm sie an, wie er jeden überall in diesem Land treffen konnte. Aber es war nicht ihre Sache, das diesen D.C. Cops zu erklären.
»Jemand sauer auf Sie?«, schlug Rudy vor. »Jemand, den Sie hinter Gitter gebracht haben?«
»Warum ein Flugzeug nach Washington nehmen und durch eine Hotelzimmertür schießen?« Sie beantwortete ihre Frage selbst: Vielleicht wollte jemand vorher ein bisschen mit ihr spielen. Hier war es einfacher, außerhalb ihres eigenen Territoriums, dazu der Überraschungseffekt … Nein, rief sie sich zur Ordnung, das war verrückt, ihre Phantasie ging mit ihr durch.
»Was machen Sie in D.C.?«, fragte Jill mit gezücktem Stift.
»FBI-Seminar über Persönlichkeitsprofile von Kriminellen.« Einige dieser Profile hatten ihre Vorstellungskraft in der Tat unerhört angeregt. »Außerdem ein Kriegsveteranentreffen.«
»Golfkrieg?«
»Vielen Dank«, sagte Kate lächelnd. »Vietnam.«
»Ehrlich? Mein Vater war dort. Mit wem?«
»Zweites Bataillon, Erste Marines.«
»Mein Dad war Army«, sagte Jill Manners. »Chu Lai.«
»Da Nang«, sagte Kate. »Welches Jahr?«
»Achtundsechzig.«
Kate nickte. »Ich auch, und ein bisschen von neunundsechzig. Die schlimmste Zeit.«
»Ja. Man hat ihm ein Bein weggeschossen.«
»Ich kam gleich nach Tet hin. Ihr Vater hat geholfen, es sicherer zu machen. Wo –«
»Spielt einer von den Ex-Marines noch mit Pistolen?«, unterbrach Rudy ungeduldig.
Rüder Rudy, dachte Kate. »Ich habe seit über zwei Jahrzehnten keinen von denen gesehen«, sagte sie. Und das hätte sie auch diesmal nicht, wäre da nicht Aimee gewesen.
»Dann ist das hier eine Art Witz, stimmt’s? Ein Kriegskamerad, der einen Willkommens-Salut schießt?«, wandte sich Rudy an Kate.
»Toller Witz«, presste Kate hervor. Sie mochte Rudy Doyle nicht und erst recht nicht, was er eben von sich gegeben hatte. »Niemand, den ich da drüben kennengelernt habe, würde so etwas tun.« Mehr als haarscharf an der Wahrheit vorbei. Damals hätten sie. Aber heute doch nicht …
»Sie erzählen mir, dass dieses Hotel von Ex-Marines wimmelt, da hat doch der eine oder andere bestimmt ’ne Feuerwaffe einstecken –«
»Vielleicht ein Durchgeknallter, der auf Glasbruch steht«, sagte Jill. »Gönnt sich mal was.«
Kate nickte. »Die Kids heutzutage – benutzen die Welt als Zielscheibe.« Sie wollte Jills Theorie gern Glauben schenken. Notfalls auch Rudys. Um das ungute Gefühl zwischen den Schulterblättern loszuwerden.
»Haut nicht hin«, sagte Rudy. »Ein Durchgeknallter hätte den ganzen Flur kaputtgeschossen, nicht bloß diese Tür. Für mich sieht es danach aus, als hätte jemand auf Ihre Rückkehr gewartet. Nehme an, jemand will Ihnen hallo sagen. Oder sonst eine Botschaft übermitteln.«
Jill und Kate im Schlepptau, ging er breitbeinig auf das AUSGANG-Schild über dem Treppenhaus zu und schob die Tür auf, ehe Kate noch den Mund öffnen konnte. Mehr als ein erstickter Ton kam nicht heraus.
»Rudy, du Oberarsch«, sagte Jill.
»Ach, richtig«, sagte er und schlug sich vor die Stirn. »Wir kriegen den Täter über seine Fingerabdrücke. Und dann werden wir es beweisen, ganz ohne Zeugen.« Geringschätzig wischte er mit der Hand über den Türgriff. »Vielleicht hat die LAPD Zeit genug, durch einen Kamin zu furzen …«
Kate betrachtete ihn schweigend. Die überhebliche Körpersprache, die ungeputzten Schuhe, die Krawatte, die schief unter dem Hemdkragen heraushing, die zu langen Hosenbeine, weil der Bauch über dem Pistolengürtel die ganze Hose nach unten schob. Seine Partnerin dagegen – der Kragen des hellblauen Uniformhemdes frisch gestärkt und gebügelt, die Uniform faltenlos an dem vollschlanken, gut trainiert wirkenden Körper. »Was ist mit Ihrem Zimmernachbarn, diesem Stafford?«, fragte Rudy Kate.
»Einer von den Immer-Hilfsbereiten«, antwortete sie. »Sieht nicht aus, als hätte er was mit der Sache zu tun.«
»Trotzdem reden wir mit ihm. Und mit Ihrer … Freundin.«
»Natürlich«, sagte Kate und konnte ihn noch weniger leiden.
»Wie unter Kollegen üblich,«, sagte Jill, »rechnen wir natürlich –«
»Das überlasse ich Ihnen und Ihrem Kollegen«, sagte Kate. Sie beabsichtigte, die Sache ohne Hilfe oder Einmischung der einen oder des anderen zu untersuchen.
Jill sagte: »Wir durchsuchen das Gebäude, halten draußen nach versprengten Kugeln Ausschau und kämmen die Nachbarschaft durch, obwohl da wahrscheinlich nicht viel zu holen ist.« Sie zog eine Visitenkarte aus einem Fach ihres Notizbuches. »Wir melden uns, sobald wir etwas wissen. Aber rufen Sie mich an. Jederzeit.« Kate hörte aus ihrem Tonfall die Entschuldigung heraus. »Wenn ich irgendwas für Sie tun kann, solange Sie in der Stadt sind, wenden Sie sich an mich.«
»Gern«, sagte Kate. »Ich hole Ihnen schnell eine von meinen Visitenkarten. Und lasse die Pistole verschwinden. Ich verstaue sie immer, sobald ich nach Hause komme. Ich hatte nur nicht genügend Zeit, bevor die Schießerei losging.«
»Verdammt unbequem, damit rumzureisen, hab ich gehört«, ließ Rudy verlauten.
Kate nickte. »Die Sicherheitsbeamten am Flughafen verlangten einen Schrieb von meinem Vorgesetzten, dass ich zum Tragen einer Waffe berechtigt bin, die Pistole musste ungeladen in einem Pistolenreisekoffer in einem abgeschlossenen Hartschalendokumentenkoffer verstaut sein, der dann von der Flughafenpolizei untersucht und mit einem orange-schwarzen Klebeband gekennzeichnet wurde.«
»Recht so«, sagte Jill, »damit jeder Terrorist an Bord ihn sofort findet.«
Kate stimmte in das Gelächter der beiden ein. »Derzeit dürfen keine Pistolen nach New York City eingeflogen werden. Leider war ich nicht dorthin unterwegs.« Nein, das nahm sie zurück. Sie war froh, dass sie ihre Pistole nach Washington D.C. mitgebracht hatte.
Die Hände in die Hüften gestemmt, erkundigte sich Rudy: »Wie lang schon im Morddezernat?«
»Zwölf Jahre.«
Er quittierte diese Information mit hochgezogenen Augenbrauen und fragte dann: »In der O.J. Simpson-Untersuchungskommission?«
Sie unterdrückte ein Stöhnen. Fragen nach der Simpson-Geschichte hatte sie satt bis zum Erbrechen. »Dieses Affentheater spielt in der Führungsetage der West L.A. Division.« Und im Parker Center. Vannater und Lange, die Ärmsten … in deren Schuhen wollte sie nicht stecken, nicht mal für sechs Richtige im Lotto.
»Kennen Sie welche von den Cops, die man immer im Fernsehen sieht? Der Drecksack Fuhrman, ist er –«
»Er ist pensioniert, ich kannte ihn nur vom Sehen«, sagte sie in der Hoffnung, damit jeder Vermutung, sie könnte Insiderklatsch verbreiten, den Boden zu entziehen. Großer Gott, alle waren wie besessen von dem Fall, vor allem die Polizisten, die sie kannte.
»Also was ist? Ist O.J. schuldig?«
»Die DNA-Beweise gegen ihn stapeln sich bis zur Decke.« Sie zuckte die Schultern. »Was nicht heißt, dass er schuldig gesprochen wird.«
»Ja, stimmt. Bei Rodney King war nicht mal eine Videoaufnahme ausreichend. Irgendwas mit den Unruhen zu tun gehabt?«
»Das hatten wir alle«, sagte sie mit Nachdruck. »Jeder Polizist in der ganzen Stadt war in Bereitschaft.«
Sie war in der Abenddämmerung einberufen worden, als die Nachrichten über den Äther flimmerten und eine Rauchwolke sich über die Stadt legte. In Uniform plus Katastrophenausrüstung hatte sie, begleitet von drei weiteren Beamten, einen schwarzweißen Einsatzwagen gefahren, Maschinengewehre auf dem Schoß, um sich selbst und die Stadt zu beschützen. Ihr Auftrag war, in den östlichen Randbezirken der Wilshire Division Streife zu fahren. Die ganze Nacht und der nächste Tag waren ein Alptraum aus loderndem Horizont und dem Verfolgen der Durchsagen über die fortschreitende Zerstörung im Polizeifunk gewesen.
Als sie nach Hause kam, fand sie eine von Sorge und Schlafmangel hohläugige Aimee vor … »Eine schreckliche, grauenhafte Zeit, eine riesige schwa–« Sie konnte gerade noch umschalten; in Erinnerung versunken, hatte sie ganz vergessen, dass die beiden Polizisten schwarz waren. »Eine schlimme Geschichte, die uns alle sehr mitgenommen hat. Wir haben uns noch nicht davon erholt, ich weiß nicht, wann oder ob uns das gelingt.«
»Ein Irrenhaus, die Stadt, in der Sie leben«, sagte Rudy freundschaftlich.
Ohne eine Spur Ironie erwiderte Kate: »Absolut kein Vergleich zu Ihrer Musterstadt.«
Jill lachte, und Kate war ihr dankbar dafür. Ihrem Aussehen nach war die Frau in den Zwanzigern – zu jung für diese angespannte Wachsamkeit in der Körperhaltung, diese Müdigkeit in den Augen und diesen Zynismus in den Mundwinkeln.
»Komm, wir reden mit Mr. Stafford«, sagte Jill zu ihrem Kollegen.
»Nein«, sagte Aimee. Sie stand da, die Hände in die Hüften gestemmt, während Kate ihre restlichen Kleidungsstücke einpackte.
»Wir könnten tot sein.« Kate ließ mit Nachdruck das Kofferschloss einschnappen. »Du hast schon viel von der Stadt gesehen –«
»Ein Bruchstück!«
»Das Seminar ist vorbei, lass uns einen Flieger nehmen und hier verschwinden. Wir kommen wieder her, das verspreche ich dir – im April, zur Kirschblüte.«
»Keine zehn Zentimeter von der Stadt hab ich gesehen und du so gut wie gar nichts, es war schon diesmal ein Staatsakt, dich herzubekommen, wir fahren nie wieder nach Washington und das weißt du –«
Kate drehte sich zu ihr um. »Ich kapiere einfach nicht, was dir im Kopf rumgeht. Auf uns wurde geschossen.« Und mit einer heftigen Armbewegung zur Tür: »Warum lässt dich das kalt?«
»Komm schon, Kate. Uns ist nichts passiert. Wer immer das getan hat, kommt nicht zurück –«
»Woher weißt du das?«
»Jemand wollte einen Witz machen. Vielleicht hat einer von deinen Kameraden zu tief ins Glas geguckt. Das ist, was die Cops denken – und das solltest du auch«, beharrte Aimee. »Ich kauf es ihnen ab.«
»Kauf es ihnen ab, wenn du willst. Ich nicht.«
»Kate, Schatz«, bettelte Aimee, »welche Erklärung gibt es sonst?«
»Es könnte jemand sein, an dessen Verurteilung ich beteiligt war.«
»Wie soll er wissen, dass du hier bist?«
»Er könnte uns verfolgt haben.«
»Du meinst, jemand folgt uns bis nach Washington D.C.? Das ist doch lächerlich. Warum schnappt er dich nicht einfach in L.A. und macht dich dort kalt?«
Aimee warf die Schultern zurück, eine Geste, die Kate nur zu gut kannte. »Das ist nicht der Grund, warum du abreisen willst«, warf Aimee ihr vor. »Du willst dich vor dem Treffen drücken. Du hast die Hosen randvoll, weil du diesen Leuten aus deiner Vergangenheit wieder begegnest.«
»Hör auf damit«, schnauzte Kate. »Ich bin hier, oder etwa nicht?«
»Vielleicht ist das deine neueste Taktik, um dich abzusetzen«, erwiderte Aimee schneidend. »Vielleicht hast du diesen Widerling Woody dazu angestiftet –«
»Aimee.« Kate sprach den Namen mit Eiseskälte. »Spiel nicht herunter, was hier passiert ist.« Sie wies auf die durchlöcherte Tür. »Du warst zwischen mir und der Tür. Du könntest tot sein. Wären diese Kugeln ein bisschen tiefer geflogen –«
»Sind sie aber nicht. In Ordnung, Kate. Fahr nach Hause. Ich bleibe hier und erkläre den hart gesottenen Marines und Sanitäterinnen, die damals mit dir im Einsatz waren, wie irgendein Blödmann, der nicht mal geradeaus schießen kann, der großen bösen Polizistin so viel Angst eingejagt hat, dass sie gleich bis nach L.A. rennt.«
Kate seufzte. Sie fürchtete sich tatsächlich vor diesem Treffen. Aber wie konnte sie Aimee davon überzeugen, dass ihr Fluchtinstinkt nichts damit zu tun hatte, sondern einzig mit den Alarmglocken, die wegen dieser Schießerei in ihr schrillten …
»Gut«, sagte sie, griff zum Telefon und wählte die Rezeption. »Hier ist Kate Delafield von Zimmer 222 … Ja. Wir nehmen das Angebot an … Zimmer 416? Vielen Dank.«
Kapitel 3
Während Aimee unter der Dusche ihres neuen Zimmers stand – einer Suite im obersten Stockwerk auf Kosten des Hauses – schob Kate ihre Brieftasche in die Hosentasche und machte leise die Tür hinter sich zu.
Sie betrat das Treppenhaus am Ende des Gangs und ging langsam eine schmale Eisentreppe hinab, deren Stufen mit derben braunen Plastikstreifen ausgelegt waren. Auf jedem Stockwerk untersuchte sie die Tür. Vor dem Fenster war auf jeder Etage eine Feuerleiter zu sehen, deren diamantfarbenes Metall vom Regen glänzte. Sie roch schalen Zigarettenrauch; hier war jemand gewesen, vor nicht allzu langer Zeit.
Am Fuß des Treppengeländers betrat sie die Lobby, menschenleer, abgesehen vom Empfangschef, einem jungen blonden Mann mit schwarzer Schleife über einem gestärkten weißen Hemd, nicht derselbe Angestellte, der Dienst hatte, als sie und Aimee sich eintrugen. Sie nickte ihm zu und nahm, im Türrahmen stehend, die Anlage der Lobby in Augenschein.
Die L-förmige Rezeptionstheke, links von ihr an der Wand, lag genau gegenüber dem Vordereingang. Neben der vorderen Eingangstür mit ihren Spiegelglasscheiben, an denen das Regenwasser hinabrann, standen ein Podest für den Kofferträger und zwei Gepäckwagen. Rechts von der Rezeption befand sich der Durchgang zu den Aufzügen, und von diesem Gang zweigten verschiedene Türen ab, eine davon zum Hotelrestaurant, auf deren Glastür in roten, weißen und blauen Buchstaben The Patriot stand. Die andere Tür war aus solidem Kirschbaumholz mit einer Schnitzerei von Trommel und Waldhorn unter einem weißen Pappschild mit der Aufschrift The Concord Room. Das war der private Speiseraum des Hotels, in dem morgen das Treffen stattfand.
Das Hotel, dachte sie, ist wirklich recht hübsch. Bei ihrer Ankunft waren sie und Aimee beide von der Lobby bezaubert gewesen – von der blauweißen Blümchentapete, den schlichten weißen Bodenfliesen, dem mit Troddeln versehenen königsblauen Teppich unter einem Sofa in hellerem Blau samt zwei passenden Sesseln, dem Cocktailtischchen aus Kirschbaumholz, der hohen weißen Säule, auf der eine schmale, filigrane Vase mit stilisierten künstlichen Blumen stand.
Der Angestellte hatte aufgehört, Computerausdrucke zu sortieren, und beobachtete sie. Sie ging zur Rezeption hinüber, zog ihre Brieftasche hervor und zeigte ihm ihre Polizeimarke und ihren Personalausweis.
Er blätterte alles durch. »Officer Delafield, äh, äh –«
»Kate.«
»Ich hoffe, unsere luxuriöseste Unterbringungsmöglichkeit bietet Ihnen und Ihrer Freundin einen kleinen Trost. Ich versichere Ihnen, so etwas ist im Inn noch nie vorgekommen.«
»Das neue Zimmer ist sehr gemütlich, wir wissen es zu schätzen.«
Hoffnungsvoll fragte er: »Hat die Schießerei da oben etwas damit zu tun, dass Sie bei der Polizei sind?«
»Ich weiß nicht«, sagte sie, »aber möglich ist alles. Wie heißen Sie?«
»David Olson.«
»Mr. Olson, dieses Treppenhaus ist das einzige auf dieser Seite des Gebäudes?«
»Richtig.« Mit seinen langen, knochigen Fingern glättete er das Computerpapier, schob es zu einem ordentlichen Stapel zusammen und sah darauf nieder, als wäre die Beschäftigung damit einem Gespräch mit ihr bei weitem vorzuziehen. Kate vermutete, dass seine kühle Ausstrahlung und das Abstand gebietende Verhalten kaum auf die Tatsache zurückzuführen waren, dass sie Polizistin war; er besaß einfach nicht die Ungezwungenheit, die man von jemandem erwartet, dessen Aufgabe es ist, sich in einem kleinen, guten Hotel um die Gäste zu kümmern.
»Wie viele andere Treppenhäuser gibt es noch?«, fragte sie.
»Noch eins, es führt zum Parkhaus.«
Aus seinen dunklen blauen Augen sprach Intelligenz, und seine Aussage war präzise, doch Kate bohrte nach. »Theoretisch könnte also jemand die Treppe zur Lobby nehmen, aber auf einem anderen Stockwerk herauskommen.«
»Nein, das ist nicht richtig«, korrigierte er sie pedantisch. »Sobald man im Treppenhaus ist, gibt es keinen Weg zurück, bis man unten in der Lobby ist. Die Türen schließen automatisch.«
Genau das hatte sie auch festgestellt. Sie verkniff sich den Hinweis, dass man etwas dazwischen schieben oder eine Tür mit Klebeband präparieren kann, um sich den Rückweg vom Treppenhaus her offen zu halten. »Ist das nicht gefährlich? Kann man nicht eingeschlossen werden?«
»Ein bisschen kompliziert, weiter nichts. Das Hotel hat nur drei Stockwerke mit Gästezimmern.« Er strich sich eine bleiche Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wer im Treppenhaus stecken bleibt, geht hinunter in die Lobby und nimmt den Aufzug zurück zum Zimmer. Sollte es brennen – die Fensterscheiben auf jedem Treppenabsatz lassen sich einschlagen und führen zu einem Notausgang.«
Sie nickte. »Und was ist mit der anderen Treppe, der zum Parkhaus?«
»Ebenso. Man nimmt diese Treppe und kommt in der kleinen Lobby neben dem Parkhaus heraus. Wer keinen Schlüssel hat, um wieder reinzukommen, muss ums Haus herum zum Vordereingang gehen.«
»Aber jemand könnte durch die Parkhaustür hereinkommen«, gab Kate zu bedenken. »Reingehen, wenn jemand rauskommt, und dann warten, bis jemand anderes aus dem Fahrstuhl steigt.«
»Na ja, theoretisch …« Der Empfangschef zögerte und blickte wieder auf seine Papiere.
Kate griff noch einmal in ihre Tasche und ließ diesmal Jill Manners’ Visitenkarte auf das polierte Kirschholz der Theke fallen. »Rufen Sie bitte diese Beamtin der Metro Police an, wenn Sie Bedenken haben, mit mir zu reden.«
Er nickte. »Ich denke, es geht in Ordnung, schließlich sind Sie alle Polizisten. Die Parkhaus-Lobby wird überwacht. Wir hatten ein paar Probleme, Gäste wurden … belästigt.«
Bewaffnete Raubüberfälle, schlussfolgerte Kate. Die Schießerei im zweiten Stock war vielleicht doch keine so einmalige Angelegenheit, wie David Olson behauptete. Außerdem hatte die Belegschaft des Hotels erstaunlich gelassen darauf reagiert, dass eine Tür im zweiten Stock von vier Kugeln durchlöchert worden war; ihres Wissens war außer einem Gepäckträger, der mit gerunzelter Stirn einen Blick auf die beschädigte Tür geworfen und sich dann daran gemacht hatte, ihr Gepäck in den vierten Stock zu schaffen, niemand nach oben gekommen. Abgesehen von dem anfänglichen Aufruhr unter den Gästen im zweiten Stock war im ganzen Hotel keinerlei Unruhe zu spüren gewesen. Heutzutage schien Sirenengehaul zum Hintergrundgeräusch einer Großstadt zu gehören; alle Welt war an Polizei und Verbrechen gewöhnt. Und an in Festungen verwandelte Gebäude.
Der Rezeptionschef zeigte auf einen gut versteckten Bildschirm unter der Theke. »Jede Person, die vom Parkhaus hereinkommt, durchbricht eine elektronische Schranke, die die Videokamera einschaltet und hier oben einen zwei Sekunden langen Summton auslöst. Wir sehen immer nach, wer kommt.«
»Praktisch«, konstatierte Kate. »Wer war gegen fünf Uhr dreißig heute Nachmittag hier in der Lobby?«
Olson senkte den Blick auf seine Computerausdrucke, und die Andeutung eines zufriedenen Lächelns ließ seine ernsten Gesichtszüge weicher erscheinen. »Jede Menge Neuzugänge. Wie immer am Freitag.« Er schüttelte den Kopf. »Dass die Polizei kam – scheint die neuen Gäste eher angezogen als abgestoßen zu haben.«
»Fernsehen«, sagte Kate. »Lässt alles ein bisschen unrealistisch erscheinen. Was haben Sie den Leuten gesagt?«
Er räusperte sich. »Dass ein Gast wegen eines geringfügigen Zwischenfalls Anzeige erstattet hat.«
Kate lächelte, dann deutete sie auf das Treppenhaus, durch das sie herunter- und in die Lobby gekommen war. »Bevor die Polizei eintraf – ist da jemand durch diese Tür hereingekommen?«
»Ich habe niemanden gesehen, aber ich war beschäftigt.«
»Schauen Sie normalerweise nach, wenn diese Tür aufgeht?«
»Ja. Sobald ich die Tür höre, schaue ich nach.« Entschuldigend fügte er hinzu: »Jemand könnte durchgegangen sein – ich kann nicht behaupten, mir wäre nicht entgangen, wenn jemand das Hotel verlassen hat. Es scheint keine andere Erklärung dafür zu geben, wie jemand die Schüsse abgeben und wieder herauskommen konnte.«
»Was ist mit der Tür zum Parkhaus?«
»Um diese Zeit hat niemand diese Tür geöffnet.«
»Sie scheinen sich da sehr sicher zu sein.«
»Wenn es summt, schaue ich auf den Bildschirm. Immer. Es kostet nur eine Sekunde. Sehen Sie, äh, Kate, mein Vater ist Miteigentümer des Hotels. Ich achte gut darauf, was hier vor sich geht, besser, als die meisten Leute es tun würden.«
»Verstehe.« Das erklärte, warum Olsons Verhalten nicht so recht zu seinem Job zu passen schien. Doch wenn er durch Vetternwirtschaft auf einem Posten gelandet war, für den er nicht die idealen Voraussetzungen besaß, so versuchte er offensichtlich, es durch Fleiß wieder gutzumachen. »Ich nehme an, die beiden Polizeibeamten haben Sie in dieser Sache gründlichst befragt.«
»Die beiden schwarzen Cops? Die Frau, ja.«
»Danke, Mr. Olson.«
»Sagen Sie David zu mir.« Er lehnte sich über den Tresen. »Hören Sie, Sie und Ihre Freundin sollen sich hier wohlfühlen. Kein Grund, nach L.A. zurückzufahren und rumzuerzählen – das war reiner Zufall, glauben Sie mir.«
»Gut«, sagte Kate.
»Auf Erkundung gewesen«, sagte Aimee. Es war eine Feststellung, keine Frage. Sie saß in Jogginghosen und einem weißen Pullover im Schneidersitz auf dem Sofa und bürstete sich das nasse Haar. Offensichtlich hatte sie eben erst eine ausgedehnte Dusche beendet; im Wohnzimmer der Suite hing der blumige Duft von Seife und Parfüm. »Jemand hat für dich angerufen. Torrie Holden. Klang dringend– ich hab ihr gesagt, du würdest sofort zurückrufen.« Im Aufstehen nahm sie den hoteleigenen Notizblock vom Couchtisch und reichte ihn Kate. »Was für ein grässlicher Abend. Draußen gießt es in Strömen.«
»Stimmt. Abendessen im Hotelrestaurant?«
»Ich weiß nicht«, sagte Aimee freudlos. »Vielleicht klart es noch auf.«
Kate schaute auf ihre Armbanduhr und berechnete den dreistündigen Zeitunterschied, dann auf die Nummer auf dem Block. Das musste Torries Privatnummer sein. Torrie arbeitete bestimmt an einem Fall und hatte auf dem Nachhauseweg Halt gemacht. Kate setzte sich an den Tisch neben dem regenüberströmten Fenster und nahm den Hörer ab.
»Torrie? Hier ist Kate.«
»Hallo, Kate. Danke, dass du zurückrufst. Tut mir leid, dich während deiner Reise zu belästigen.«
»Kein Problem.« Torries Zuhause-Stimme hatte die gleiche Intensität wie auf der Arbeit. Kate sah ihr schmales Gesicht vor sich, den konzentrierten Ausdruck der dunklen Augen, das dicke, sorgfältig geschnittene und frisierte dunkle Haar. Torrie, eine kleine Frau, trug zur Arbeit immer zusammenpassende Jacken und Röcke von einfachstem Schnitt; Kate fragte sich, wie sie wohl aussah, wenn sie entspannt war – vorausgesetzt, sie ließ sich auf ihre gehetzte Art jemals gehen – und ob sie je etwas so Legeres wie Jeans trug.
Torrie fragte: »Worum ging es in dem Seminar?«
Aimee war ins Bad gegangen, um ihre Haare zu trocknen, und Kate dämpfte ihre Stimme vor dem Hintergrundgeräusch des Föhns. »Mittwoch und Donnerstag Abteilung für Verhaltensforschung in Quantico. Heute FBI-Hauptgebäude. Schauplätze von Sexualmorden mit Verstümmelung, Nachstellen geplanter und nicht geplanter Morde, Profile der Tatorte von Ritualmorden, sich herausbildende Muster in der forensischen Pathologie –«
Torrie unterbrach sie mit einem leisen Pfiff. »Alle haben sich prächtig amüsiert.«
»Stell dir einfach Das Schweigen der Lämmer vor«, sagte Kate. Und manche Leute dort, dachte Kate, hätten durchaus Verwandte von Hannibal Lecter sein können, so hingebungsvoll ergingen sie sich in Blutrausch und Kannibalismus. Ihrer Ansicht nach waren psychologische Profile etwas, das jeder erfahrene Kriminaler am Schauplatz eines Verbrechens automatisch erstellte, und die drei Seminartage hatten ihr über eine Anhäufung von Horrorszenarien hinaus wenig gebracht. Auch nur einen Teil des Grauens der letzten drei Tage mit einer Kollegin zu teilen, mochte sie auch sehr viel dienstjünger sein, war wie das Aufstechen einer Eiterbeule.
Sie atmete die Parfümdüfte ein, die Aimees Föhn aus dem Badezimmer zu ihr herüberwehte, warf einen Blick auf ihren sicher verschlossenen Aktenkoffer und erinnerte sich an ihren Impuls, die Seminarunterlagen im Waschraum zu entsorgen, als sie sich dort mit der Beamtin aus Chicago unterhielt. Keine gute Idee innerhalb des FBI-Gebäudes, und sie hatte sie dann auch fallen lassen. Sie riss das oberste Blatt des Notizblocks ab und zückte den hoteleigenen Kugelschreiber. »Was gibt’s?«
»Kennst du die Centennial Clinic?«
»Ich kenne sie, war aber nie drin. Ein Krankenhaus, ziemlich klein, stimmt’s?«
»Ja, eine Kinderklinik. Ein Kind ist dort gestorben, ein Junge. Acht Jahre alt.«
»Ach, Torrie«, sagte Kate sanft. Torrie war allein erziehende Mutter eines zwölfjährigen Mädchens. »Das ist hart«, sagte Kate mitfühlend. Im Laufe ihres Berufslebens hatte sie das Glück gehabt, dass Untersuchungen von Todesfällen bei Kindern meist anderen Beamten zufielen – offenbar auch diesmal. Wäre sie dort, hätte man sie zweifellos zusammen mit Torrie, einer in Wilshire frisch eingesetzten Kollegin, auf diesen Fall angesetzt. Ihre eigenen Untersuchungen, meistens Fälle von plötzlichem Kindstod, waren schlimm genug gewesen … Fälle plötzlichen Kindstods hinterließen Wunden bei allen, auch bei den unvermeidlich eingeschalteten Polizeibeamten. »Ein Kind – das ist die Art Fall, den jeder fürchtet. Mein Beileid, Torrie. Warum wurden wir hinzugezogen?«
Torries Seufzer kam deutlich durch die Leitung. »Eine Krankenschwester behauptet, etwas gesehen zu haben. Eine Unregelmäßigkeit in der Behandlung …«
»Des Jungen.« Kate begann eine Injektionsnadel auf den Notizblock zu zeichnen.
»Des Jungen. Fast nur dahinvegetierend, aber eben nur fast, Kate. Semi-Koma, ständige Schmerzen, ständig ruhig gestellt. Geburtsfehler, irgendein schrecklicher fortschreitender Nervenschwund seit der Geburt, kriegt mehr Schmerzmittel, als du dir vorstellen kannst, Morphintropf, eine Krankengeschichte so lang wie Krieg und Frieden, sein Krankenblatt sieht aus wie der Jahresbericht eines Großkonzerns.«
»Mein Gott«, sagte Kate. »Das arme Kind, die armen Eltern.« Es versetzte sie immer noch in Staunen – und ging ihr immer noch nahe –, von welchen Qualen das Leben mancher Menschen bestimmt wurde.
Torries Stimme klang leidenschaftlich. »Die Eltern – solch eine Mutter und solch einen Vater bräuchten wir alle. Haben sich um dieses Kind seit dem Augenblick seiner Geburt gekümmert, haben ihn jeden Tag besucht, nie gab es Hoffnung für ihn, sie halten ihre Ärztin für eine Heilige.«
»Aber die Krankenschwester hat etwas gesehen.«
»Behauptet, die Ärztin hätte die Sache beschleunigt. Als könnte das etwas anderes sein als ein Segen.«
Kate begann, den Kolben der Spritze auszumalen, dann hielt sie inne und betrachtete ihre Kritzelei. Eine psychische Verbindung zu dem Fall? Sie schüttelte den Kopf. »Was sagt die Ärztin?«
»Sie tippt auf natürliche Todesfolge. Aufgrund der Langzeitmedikamentierung.«
»Hm«, sagte Kate.
»Die Krankenschwester – Gott segne ihre ehrliche, aber einfältige junge Seele – sagt, sie habe die Prognose für dieses Kind so verstanden, dass es so, wie es war, noch lange hätte leben können. Und dass jemand vom medizinischen Personal etwas getan haben muss.«
Es war nichts Neues, dass mitfühlendes Pflegepersonal manchmal beim Ableben eines Patienten etwas nachhalf, und das lange vor Dr. Jack Kevorkian, doch normalerweise ließ sich bei solchen Todesfällen schwer etwas nachweisen. »Die Krankenschwester – gehört sie zu irgendeiner fundamentalistischen Randgruppe?«
»Keineswegs«, erwiderte Torrie scharf, und Kate wusste, dass Torrie so abwehrend reagierte, weil sie selbst strenggläubige Baptistin war.
Während Torrie zur Beschreibung einer jungen Frau, frisch von der Schwesternschule, ausholte, vergegenwärtigte Kate sich den Nachmittag, an dem Torrie und sie Eddy Marino wegen Mordes unter Drogeneinfluss an seinem Cousin Tony festnahmen. Mrs. Marino hatte hysterisch den Rosenkranz heruntergebetet, während sie sich an einen von Drogen zerstörten Sohn klammerte, den sie wahrscheinlich nie mehr wieder sehen würde, außer durch die Glasscheibe eines Gefängnisbesuchsraumes. Später an diesem Tag, auf dem Parkplatz der Wilshire Division, hatten sie unter den emotionalen Nachwirkungen der Festnahme mit der Offenheit zweier von den Ereignissen des Tages aufgewühlter Kolleginnen ihre eigene religiöse Erziehung verglichen.
Torrie beendete ihre Beschreibung der Krankenschwester. »Mit wem arbeitest du zusammen?«, fragte Kate. Wider jede Hoffnung hoffte sie das Beste.
»Leviticus.«
Kate schloss die Augen. Jack Levering. Der Neuzugang aus der Pacific Division, dessen Spezialgebiet rechtschaffene Entrüstung war. Der denkbar schlechteste Partner bei einem Fall wie diesem. »Du machst doch deinen Job, Torrie?«
»Ja. Ich weiß eigentlich gar nicht, weshalb ich dich anrufe, ich bin bloß schon seit heute Nacht um zwei an dieser Sache dran, und geteiltes Leid ist halbes Leid. Ich glaube, ich dachte … Scheiße, ich weiß nicht. Diese Dr. Jimenez ist keine von der üblen Sorte.«
»Torrie, mach einfach weiter deine Arbeit.« Ich sollte dort sein, nicht hier, dachte sie wütend. Sie sollte mit Torrie zusammen an diesem aufreibenden Fall arbeiten. »Sei ein Profi.«
Torrie seufzte. »Montag ist Autopsie, und du müsstest Tommys Mutter hören, von wegen, dass ihr Kind jetzt auch noch aufgeschnitten werden muss, nach allem, was es in seinem jungen Leben schon erduldet hat, und Leviticus erzählt ihnen, sie sollten dankbar sein, eine Erklärung zu bekommen, warum ihr Kind tot ist …«
Kate stöhnte. Wenn sie jetzt bei Torrie wäre, würden sie die beste Vorgehensweise absprechen – mit Rücksicht auf die beteiligten, am Boden zerstörten Menschen. Jeder wäre besser geeignet als Leviticus.
»Wir überprüfen alles, die Krankengeschichte des Kindes, sein Krankenblatt, die verabreichten Medikamente. Dann verhören wir noch einmal die Krankenschwester und auch alle anderen. Vielleicht versuchen ja Leute aus der Klinik, die Ärztin zu decken – natürlich ein weiteres Schwerverbrechen. Kate, es sieht immer schlimmer aus.«
»Gib dein Bestes, Torrie. Mehr kannst du nicht tun. Ich rufe dich morgen an.«
Aimee war ins Zimmer zurückgekommen und hatte das Ende des Gesprächs mitgehört.
»Was sagt sie zu der Schießerei hier?«
»Ich hab ihr nichts davon erzählt«, sagte Kate unschuldig.
»Du hast ihr nichts davon erzählt?« Aimee starrte sie an. »Du bist so fertig deswegen, dass du die Stadt verlassen willst? Und dann machst du dir nicht mal die Mühe, deiner Kollegin zu erzählen, dass in dein Hotelzimmer geschossen wurde?«
Kate zuckte die Schultern.
»Du bist verrückt«, verkündete Aimee.
Nein, dachte Kate, nur verwirrt.
Kapitel 4
Aimee küsste Kate auf die Stirn und rollte sich in ihre Schlafposition auf der rechten Seite, Po und Hüfte eng an Kate geschmiegt.
Einen Arm um Aimee geschlungen, lag Kate auf der Seite. Ihre Hand hielt Aimees nachgiebige, feste Brüste, und sie atmete den Duft von Aimees Haar, ihrer Gesichtscreme und Zahnpasta ein. Aimees Körpersprache vermittelte, dass alles war wie gewöhnlich, doch die disharmonische Note, die in der vergangenen Woche ihr Liebesleben beeinträchtigt hatte, schwebte immer noch zwischen ihnen.
Nach einem per Zimmerservice georderten Abendessen waren sie früh zu Bett gegangen. Der noch heftiger werdende Regen und die Ereignisse des Abends hatten Aimees Begeisterung für einen Stadtbummel zerstört. Heute Abend war Aimee eindeutig müde – ihr gleichmäßiges Atmen verriet, dass sie schon schlief.
Vorsichtig löste sich Kate von ihr und drehte sich auf den Rücken. Ein Windstoß rüttelte am Fenster und ließ in ihr erneut Ärger darüber aufsteigen, dass sie sich überhaupt an diesem elenden Ort befand.
Regen. Seit Jahren hatte sie an Regen keinen Gedanken zu verschwenden brauchen. Bestimmt nicht in Südkalifornien, wo bis auf die eine oder andere Ausnahme das Jahr aus acht bis neun Monaten mit absolut vorhersagbarem Sonnenschein bestand, gefolgt von ein paar Monaten mit nicht ganz so vorhersagbarem. Das Klima spielt bei der Entscheidung mancher Menschen, ihre Zelte abzubrechen und anderswo Wurzeln zu schlagen, vielleicht keine große Rolle, aber für sie hatte es den Ausschlag gegeben, sich nach ihrer Dienstzeit im Marine Corps von Michigan zu verabschieden. Nach zweiundzwanzig Jahren in Kalifornien sollte sie auf Regen eigentlich versöhnlicher reagieren, doch dieses Wochenende brachte ihr ein paar unbequeme Wahrheiten wieder zu Bewusstsein.
Vor allem was die Erinnerung betraf: Erinnerung folgte keinem Gesetz und war unlogisch. Eigenmächtig. Imstande, sich wie ein Band zurückzuspulen. Bei Annes Tod vor elf Jahren hatte sie das Wesen der Erinnerung erkannt, und dass jedes Ereignis, jedes Stück ihres Lebens mit Anne sie mit einer Lebendigkeit überfallen konnte, als wäre es erst gestern gewesen, ihr den Boden unter den Füßen wegziehen konnte.
Regen. Sie konnte sich noch an die feuchte, dampfende Insel im Südpazifik erinnern, in jenem Film, den sie mit ihrem Vater gesehen hatte, in dem eine schwül-erotische, vampartige Rita Hayworth eine Prostituierte spielte, und José Ferrer einen aufrechten Missionar, der sie bekehrte und schließlich wieder zur Sünde verführte, indem er sie seinen eigenen sexuellen Gelüsten unterwarf. Schon damals lag Kates Sympathie auf Seiten des Missionars. Das erbarmungslose, unablässige Trommeln des tropischen Regens, der von Palmen und Bambushütten rann, konnte jeden aus der Bahn werfen, die Moral jedes noch so aufrechten Menschen untergraben.
Bei Regen war sie auf der Tan Son Nhut-Airbase gelandet. Und in schwärzester Nacht. Die Flugzeuglichter verlöschten irgendwo über dem Südchinesischen Meer, und ihre Besorgtheit schärfte sich zu Angst, als das Flugzeug in einer Dunkelheit so schwarz wie der Tod auf eine unsichtbare Landschaft fiel. Holpernd kam die Maschine zum Stehen, die Luke öffnete sich, und das nächste Geräusch war dröhnender Donner. Die silbernen Fäuste des Regens trommelten auf die silberne Haut des Flugzeugs, begleitet von dumpfen Schlägen und Glühwürmchenblitzen entfernter Bombenexplosionen. Falls vorher noch irgendwie in Frage stand, ob sie tatsächlich ein Kriegsgebiet betrat – an einem Ort weit außerhalb ihrer bisherigen Erfahrungswelt –, so brachten die ersten Minuten in Vietnam die Antwort. Als sie blind aus diesem Flugzeug stieg, hinein in Hitze und strömenden Regen, auf bebende, schlammige Erde …
Sie drehte sich vom Rücken zurück auf die Seite, weg von Aimee. Lieber nicht daran denken, lieber nichts von Vietnam wissen oder erinnern wollen. Aimees tiefenpsychologischen Andeutungen zum Trotz hatte Kates Widerwille gegen dieses Treffen keine unbewussteren Gründe als den Widerwillen dagegen, in der Vergangenheit zu wühlen. Sie hasste es, hier zu sein, sie hasste es, zur Erinnerung gezwungen zu werden. Das war alles – egal wie Aimee darüber dachte.
Der größte Fehler, den sie je begangen hatte, war, sorglos mit der Vergangenheit umgegangen zu sein. Sie hatte Aimee die Vietnam-Geschichte ausgraben lassen, die hinter den Postkarten lag, die jedes Jahr zu Weihnachten ankamen; die Geschichte, die sie weggepackt hatte; die Briefe und Fotos, die verschiedene ihrer Vietnam-Kameraden im Laufe der Jahre geschickt hatten. Melanies Brief über dieses Treffen, fünfundzwanzig Jahre nach ihrem gemeinsamen Dienstjahr – mehr hatte Aimee nicht gebraucht, um Melanie anzurufen und Kate hierher zu manövrieren, nein, zu tricksen.
Müßig, jetzt noch darüber nachzudenken. Morgen würde sie alle wieder sehen. Rachel. Bernie. Doc. Gabriel. Dacey. Martin. Sie waren alle so blutjung gewesen, fast noch Teenager, als sie zusammen waren. Sie würde Gegenstand allgemeiner Neugier sein, was sie hasste, aber zumindest musste sie Aimees Anwesenheit nicht erklären und sich nicht mit den unmittelbaren Reaktionen auseinandersetzen. Diesmal wussten sie über sie Bescheid, anders als damals. Sie hatte Aimee angewiesen, Melanie das Wesen ihrer Beziehung zu enthüllen, in der vergeblichen Hoffnung, eine homophobe Reaktion würde die Rechtfertigung dafür liefern, nicht an dem Treffen teilzunehmen.
Was würde sie finden, wenn sie die anderen wieder sah? Welche Veränderungen hatten in ihren Leben stattgefunden?
Und Rachel. Rachel …
Wie um alles in der Welt würde sie auf Rachel reagieren – und Rachel auf sie?
Kapitel 5
Aimee stieg vor Kate aus dem Fahrstuhl und schaute sich verärgert nach ihr um. Mit versteinerter Miene stakste Kate auf den Concord Room zu, als ginge sie zu ihrer Hinrichtung. Der Empfangschef schaute hinter seinem Tresen tadelnd zu ihnen hoch. Vielleicht, so vermutete Aimee, weil aus dem Concord Room I Want to Hold Your Hand in voller Lautstärke erscholl und die unverzeihliche Dummheit des Hotels bezeugte, ein Veteranentreffen von Marines ausgerichtet zu haben.
Es war alles Kates Schuld. Die Frau trieb sie zur Weißglut; sie sprach nicht über ihre Gefühle, höchstens in vagesten Gemeinplätzen – wer hätte jemals ahnen können, dass sie so kopfscheu sein würde? Wer konnte das wirkliche Ausmaß ihrer Gefühle abschätzen?
Eine Stunde zuvor hatte Kate Aimees Kleiderwahl für das Treffen auf Anhieb gutgeheißen – ein türkisfarbenes Seidenhemd, eine weiße Hose aus Wollstoff und winzige Perlenohrringe –, doch hinsichtlich der eigenen Garderobe hatte sie eine nie da gewesene Unentschlossenheit an den Tag gelegt. Diese Frau, die über dem Inhalt ihrer Reisetasche brütete, war dieselbe, die am Morgen eines jeden Arbeitstages in weniger als dreißig Sekunden eine passende Kombination auswählte. Für die vorsichtige Andeutung, dass sich das Problem leicht hätte lösen lassen, wenn Kate ihre Uniform eingepackt hätte, erntete Aimee einen so bitterbösen Blick, dass sie nichts mehr sagte.
Jetzt, auf der Schwelle zu dem Treffen, ließ Aimee Kate vorangehen. Kate blieb stehen und betrachtete stirnrunzelnd ihre Kleidung, marineblauer Pullover mit V-Ausschnitt, farblich passende Hose und Stiefel. Sie zerrte am Kragen des blauweiß gestreiften Hemdes unter dem Pulloverausschnitt, straffte die Schultern und warf dann Aimee einen Blick zu.
Angerührt von Kates Elend, ihrer Unsicherheit und Ängstlichkeit, brachte Aimee ein aufmunterndes Lächeln zustande und schob sich energisch an Kate vorbei in den Raum. Jedes Anzeichen von Zerknirschtheit oder Reue wäre in diesem Augenblick verfehlt und würde Kates Nervosität nur noch verstärken.
Der Raum war dermaßen von Zigarettenqualm vernebelt und mit blumigen Parfümdüften geschwängert, dass in Aimee unwillkürlich eine Erinnerung wach wurde – die stickige Stunde, die sie mit ihren Eltern in dem überfüllten Raucherwaggon eines Pendelzuges zugebracht hatte, als sie zehn war. Ungefähr fünfundzwanzig Fahrgäste, zwei Drittel davon zumeist in Militäruniform gekleidete Männer; ein paar Frauen trugen Cocktailkleider. Mit Gläsern in der Hand standen sie in Gruppen zu fünft oder sechst zusammen, und das laute Stimmengewirr verriet, dass sich hier Leute angeregt unterhielten.
An der gegenüberliegenden Wand hing ein weißes Banner mit ausgeschnittenen, ummalten Löchern, die ausgefranste Einschusslöcher darstellten. Auf dem Banner stand: DA NANG – TOR ZUM HIMMEL. Drei runde Tische, abwechselnd mit einem roten, weißen und blauen Tischtuch geschmückt, waren zum Essen gedeckt; auf einem rechteckigen, mit rotweißblauen Flaggen geschmückten Tisch standen Platten mit Käse und Paté, Gemüsestreifen, Crackern und Dips sowie ein Kassettenrecorder, der Beatles-Songs plärrte. Eine Bar war aufgebaut worden, und fünf Personen standen in einer Schlange davor, um sich von einem geschäftigen Kellner bedienen zu lassen.
»Dass ich das noch erleben darf … Captain Delafield!«
»Doc Coleman! Wie geht’s, Doc?« Kate hatte die Stimme erkannt, und während sie die Worte rief, wirbelte sie zu einem koboldhaften Männchen herum, das links neben ihr auftauchte. Für den Bruchteil einer Sekunde gefror Kates Gesichtsausdruck; ihre Überraschung angesichts seiner Erscheinung entging nur Aimee nicht, die wusste, wie gut Kate ihre Mimik unter Kontrolle hatte.
Amüsiert betrachtete Aimee das Abziehbild von mindestens drei Perioden Männerkultur und -mode. Seine eingefallene Brust zierte eine kleine bestickte Weste über einem grauen T-Shirt, abgewetzte schwarze Hosen umspannten seine birnenförmigen Hüften, und seine kleinen Füße steckten in spitzen Cowboystiefeln. Grau gesprenkeltes, nackenlanges Haar und eine metallgefasste Oma-Brille, die kaum seine Augäpfel bedeckte. Im rechten Ohr trug er drei goldene Ohrstecker.
Er wechselte sein Rotweinglas in die linke Hand, in der zwischen zwei Fingern schon eine Zigarette klemmte, und schüttelte kräftig Kates Hand. »Kate, du siehst toll aus, einfach toll.«
»Du siehst phantastisch aus, Doc«, antwortete Kate und lächelte; Aimee wusste, dass sie das wörtlich meinte.
Doc nahm einen Schluck Wein und musterte Kate aus klugen, blaugrünen Augen. »Du warst schon immer hinterhältig.«
»Hinterhältig?«, schaltete sich Aimee ein. »Kate Delafield war hinterhältig?«
»Verzeihung, Aimee«, sagte Kate und drehte sich entschuldigend zu ihr um. »Ich möchte dir Doc Edward Coleman vorstellen. Doc, das ist Aimee Grant.«
Ein höfliches Nicken. »Sehr erfreut. Darf ich Maria Coleman vorstellen, meine Frau.«
Maria Coleman, noch etwa fünfzehn Zentimeter kleiner als ihr Ehemann, hielt ebenfalls ein Weinglas in der Hand, das sie zierlich in der Handkuppe balancierte. Eine Frau mit zufriedenem Gesicht, schlicht frisiertem, ergrauendem Haar, die sich in ihrem schmucklosen, tannengrünen Kleid und dem gesetzten Körper einer Frau in den mittleren Jahren augenscheinlich wohlfühlte. Lebhafte, aufmerksame Augen musterten erst Kate, dann Aimee; aus ihrem Lächeln sprach Wärme.
»Guatemaltekin«, sagte Coleman. »Wir bringen uns gegenseitig die Sprache bei.« Mit einem Grinsen zu Kate: »Pro Woche ein Wort.«
»Jemand, der nicht widerspricht«, sagte Kate. »Da hast du endlich die passende Partnerin gefunden, Doc.«
In dem Gelächter, in das sie zusammen ausbrachen, lag so viel Komplizenhaftigkeit, dass fast mit der Hand zu greifen war, wie sich eine fünfundzwanzigjährige Trennung in nichts auflöste. Warum hatte sich Kate wegen dieses Treffens so angestellt? Es lief doch alles wunderbar.
»Katie!«
Eine stämmige Frau, knapp eins fünfzig groß, die ein grellrotes Cocktailkleid und goldene Sandalen trug, schnappte sich Kate, erdrückte sie fast in einer Umarmung und schüttelte sie dann wie eine Flickenpuppe.
»Bernie«, protestierte Kate lachend und packte sie bei den Schultern. »Du brichst mir die Rippen.«
»Doch nicht diese Rippen«, sagte Bernie, trat einen Schritt zurück und knuffte Kate in beide Seiten, »diese Rippen niemals! Schau dich an, Süße, du siehst keinen Tag älter aus als zweiundzwanzig!«
Bernie, dachte Aimee, sah keinen Tag jünger aus als sechzig, trotz ihres pechschwarz gefärbten Haars. Dabei musste sie in den Vierzigern sein, nicht viel älter als Kate. Das Rouge, der verwischte Lidstrich, der verschmierte Lidschatten und der knallige Lippenstift waren schon schlimm genug, aber die dicke Puderschicht bildete ein erbarmungsloses Relief für das Faltennetz in ihrem rotwangigen Gesicht.
Sie hatte einen kleinen Mann in schwarzem Anzug und Krawatte im Schlepptau, dessen eiförmige Glatze im Lampenlicht glänzte. Bernie warf einen Arm um seine Schultern und brachte die Drinks, die er in beiden Händen hielt, gefährlich ins Schwanken. »Das«, trompetete sie, »ist mein Ralph. Ralph Murphy.«
Kate drehte sich zu Aimee um, auf dem Gesicht ein so breites Lächeln, wie Aimee es noch nie an ihr gesehen hatte. »Aimee, das ist Bernadette O’Rourke. Ich meine, Murphy.«
»Alle Welt nennt mich Bernie«, erklärte Bernie und ergriff Aimees Hand.
Aimee mochte sie auf Anhieb. Schlecht aufgetragenes Make-up schien an einer Frau kaum etwas auszumachen, die nicht merkte, dass ihr rotes Kleid einen schreienden Kontrast zu dem rotbraunen Teppich bildete, und der es egal war, dass der goldene Gliedergürtel auf ihrem Kleid eine Gürtelschlaufe verfehlt hatte. »Freut mich wirklich sehr, Sie kennenzulernen, Bernie«, sagte sie. Warum war Kate mit dieser Frau nicht enger in Kontakt geblieben?
»Du bist wirklich eine Schönheit«, sagte Bernie so beiläufig zu ihr, dass es mehr wie eine allgemeine Feststellung als wie ein Kompliment klang. Sie nahm Ralph eines der Gläser ab und kippte den mahagonifarbenen Inhalt hinunter. »Ralphie, hab ich dir nicht von meiner Katie erzählt? Ist sie nicht das tolle Mädchen, das ich dir beschrieben hab?«
»Und ob sie das ist, meine Liebe.« Mit einem zustimmenden Nicken, das Aimee an die kopfwackelnden Dackel im Rückfenster mancher Autos erinnerte, blickte Ralph von Kate zu seiner Frau.
Während Kate seine Hand schüttelte, fragte sie Bernie: »Bist du immer noch in der Krankenpflege?«
Bernie gab Ralph ihr leeres Glas zurück. »Besorgst du mir bitte noch eins, Liebling?« Und zu Kate: »Natürlich bin ich immer noch in der Krankenpflege, Süße.« Sie zog eine Packung Salems aus der Handtasche und zwinkerte Kate zu. »Die Veteranen im Charleston-Krankenhaus nennen mich Schwester Ratched, wie die Gruselschwester aus Einer flog über das Kuckucksnest.«
Eine Stimme sagte: »Habe ich den Namen Delafield gehört?«
Kate verhehlte weder das Weiche in ihrer Stimme noch in ihrem Gesicht, als sie antwortete: »Hallo, Gabe. Wie geht’s, Sergeant?«
»Einfach super, Captain.« Der hoch gewachsene, muskulöse Mann im grünen Tarnanzug und passender Kappe hob die rechte Hand in Schulterhöhe, und Kate packte sie mit einem so kräftigen, harten und sicheren Griff, dass es aussah, als hätten die beiden dies als ihren persönlichen Privatgruß erfunden.
Aimee erfreute sich an dem Bild von Gabe, Doc und seiner Frau, Bernie und Kate, die einen langen Moment der Unbeholfenheit schweigend dastanden und deren Blicke sich so langsam voneinander lösten wie bei Menschen, denen es nur die anerzogene Höflichkeit verbot, sich unverhohlen anzustarren. Aimee wusste, dass sie sich unter diesen Wiedergängern aus Kates Vergangenheit selbst einen Weg bahnen musste, und streckte Gabe die Hand hin. »Aimee Grant.«
»Gabe Bradford. Wie geht es Ihnen?«
Daran gewöhnt, die Aufmerksamkeit der meisten Männer zu fesseln, verlor sie seine augenblicklich. »Wie ich höre, bist du ein Cop«, sagte er zu Kate. »In L.A.«
»Stimmt.«
Er zog tief an seiner Zigarette und schnippte die Asche in seine Handfläche. »Wie hältst du es dort aus?«
»Gabe, it never rains in Southern California.«
Noch mehr Komplizenschaft in dem Lächeln, das verriet, wie viel Geschichte in den wenigen Worten zusammengefasst war.
»Und du?«
»Ein bisschen dies, ein bisschen das.« Er grinste verlegen. »Derzeit mache ich Geschäfte mit ITEK, einem auf Tauschhandel spezialisierten –«
Kate, Doc und Gabe brachen in Gelächter aus. Doc sagte: »Immer noch ein cumshaw operator, was, Gabe?«
Gabe grinste. »Liegt mir wohl im Blut.«
Aimee wollte gerade fragen, was ein cumshaw operator ist, als Doc sagte: »Übrigens, wir haben was von Schüssen in deinem Zimmer gehört – was um alles in der Welt war da los?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Kate. Leichthin fügte sie hinzu: »Ich dachte, vielleicht wart ihr das, als Zeichen, wie sehr ihr euch freut, mich zu sehen.«
Alle lachten, außer Gabe, der sagte: »Du musst ein abgebrühter Cop sein – wär mir das passiert, ich wäre mit dem nächsten Flugzeug aus der Stadt verschwunden.«
»Die Abgebrühte bin nicht ich», lächelte Kate und zeigte auf Aimee.
»Haben sie jemanden erwischt?«
»Sie ermitteln noch. Sie –«
»Kate.« Eine Frau, dunkelhaarig, in Jeans und einem grünen Militärhemd mit der Aufschrift Summer auf einer Brusttasche, war neben Kate geglitten.
Mit versteinertem Gesicht und in einer übertrieben langsamen Bewegung, aus der Aimee größten Widerwillen las, drehte Kate sich um. »Hallo, Rachel.«
Kates Stimme war viel zu flach, ihr Gesicht viel zu verschlossen. Hallo Rachel, sieh mal an. Aimee stellte die Stacheln auf.
»Wie geht es dir, Kate?«
»Gut, es geht mir gut.« Hölzern erkundigte sich Kate: »Bist du noch in der Krankenpflege?«
»Ja. Immer noch.«
Und wer nicht die aufopferungsvolle Dana Delany aus der Serie China Beach als Krankenschwester kriegen konnte, wäre mit Rachel auch nicht schlecht bedient, dachte Aimee.
»Mit ein paar Aussetzern und Neuanfängen hier und da«, fügte Rachel hinzu. »Es war lange Zeit nicht einfach. Du siehst gut aus, Kate.«
»Du auch, du siehst toll aus, Rachel.«
Toll wurde diesem Rachel-Weib nicht gerecht. Wer im Krankenhausbett lag, würde sich wünschen, beim Aufwachen diese warmen, mitfühlenden, weisen, aufmunternden, liebevollen braunen Augen auf sich herabschauen zu sehen … Egal in welchem Bett würde man mit dieser Frau und diesen Augen aufwachen wollen …
Aimee hatte das Gefühl, vom Rand einer Klippe zu fallen, und nahm in einer automatischen, instinktiven besitzergreifenden Geste Kates Arm. Plötzlich schien sich der Vorteil des fünfzehnjährigen Altersunterschieds zwischen ihr und Kate, in dem sie sich immer gesonnt hatte, in nichts aufzulösen. Die vollendete Reife dieser Frau verwies Jugend auf eine eindeutig untergeordnete Position und ließ gutes Aussehen unwichtig erscheinen.
»Stell mich vor«, forderte Aimee.
Doch die Frau hatte schon den Arm ausgestreckt und drückte Aimees Hand in ihrer weichen, warmen. »Ich bin Rachel Summer.«
Natürlich heißt du Sommer, dachte Aimee. »Aimee … Grant«, sagte sie und räusperte sich, um beide Worte herauszubringen.
»Bring mich auf den Stand, Rachel«, bat Kate. Doc, Bernie und Gabe, die als einfältig grinsende Zuschauer herumstanden, an ihren Drinks nippten und Rauch aus ihren Zigaretten sogen, ignorierte sie völlig. Ganz zu schweigen von ihr, Aimee, der weder ein Drink und erst recht keine Zigarette Trost spendete. Für Kate existierte in diesem Raum niemand außer diesem Rachel-Weib.
»Ich bin wieder zu Hause in Baltimore«, erzählte Rachel. »Beide Kinder verheiratet.«
»Hab ich gehört«, sagte Kate.
Aimee atmete erleichtert auf. Verheiratet. Hetera. Dem Himmel sei Dank.
»Hast du auch gehört, dass ich geschieden bin?«, fuhr Rachel fort. »Seit … lass mich nachdenken … mittlerweile vierzehn Jahren.«
Es war nicht auszuhalten. »Kate«, sagte Aimee, »soll ich uns etwas zu trinken holen?«
»Das wäre nett. Danke.«
Pure Förmlichkeit, weiter nichts, dachte Aimee wütend und stolzierte in Richtung Bar.
Sie nahm einen Zwanzigdollarschein aus ihrem Portemonnaie und orderte: »Einen doppelten Scotch auf Eis, ein Glas Weißwein.«
»Erst Scotch, dann Weißwein zum Nachspülen«, sagte eine Männerstimme anerkennend. »Das nenne ich einen Drink.« Der Fremde, blond und gut aussehend, mit einem ordentlich gestutzten rötlichen Bart, trug ein blaukariertes Flanellhemd, Jeans und Cowboystiefel und nickte. »Dacey mein Name«, sagte er. »Wie geht’s? Ein Bier«, bestellte er beim Barmann, »was immer Sie dahaben, mir ist jedes recht.«
Sie nahm einen Schluck Wein und brachte ein Lächeln zustande. »Ich bin Aimee Grant.«
»Hallo, schöne Frau«, sagte eine andere Stimme hinter ihr.
Der Schwachkopf, dem sie gestern Abend im Flur begegnet war. Woody Hampton, fiel ihr ein. In Tarnklamotten vom Käppi bis zu den Stiefeln und zu allem Überfluss das Wappen des Marine Corps – Adler, Globus und Anker – auf beide Bizepse tätowiert. Fehlte nur noch ein Munitionsgürtel über der Brust und ein Messer zwischen den Zähnen statt der blöden Zigarette, die ihm aus dem Mundwinkel hing. »Wie geht’s?«, fragte sie mürrisch.
Woody nahm einen tiefen Schluck von seinem tabakfarbenen Drink. »Stimmt es, dass gestern in Ihr Zimmer geschossen wurde?«
»Im Ernst?«, sagte Dacey und nahm sich die Flasche Miller’s, bevor der Barmann den Inhalt in ein Glas gießen konnte. »Hab nichts davon gehört.«
»Millionen andere auch nicht«, sagte Aimee. »Jemand hat uns mit einem vierschüssigen Salut begrüßt.« Und mit einem Hauch Boshaftigkeit fügte sie hinzu: »Das passierte gleich, nachdem wir Sie getroffen hatten, Woody.«
»Wurde jemand verhaftet? Warum sollte jemand das tun? Um was ging es da?« Dacey musterte sie, die strahlend blauen Augen zusammengekniffen.
»Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht«, sagte sie, dankbar für seine Besorgnis. Gleichzeitig überlegte sie, dass für einen Bart zumindest die Tatsache sprach, dass er die Augen und den Mund eines Mannes manchmal recht eindrucksvoll einrahmte, vor allem so viel sagende Augen und einen so sinnlichen Mund wie Daceys.
»Was höre ich da über Sie und Kate?«, fragte Woody.
Ihre Stacheln richteten sich wieder auf und sie fragte eisig: »Was hören Sie da?«
»Woody –«, setzte Dacey an.
Woody ignorierte ihn. »Sie gehören tatsächlich zu ihr?«
»Gehören?«, wiederholte sie.
»Woody, du bist ein echtes Arschloch«, stellte Dacey fest.
Woody redete weiter, als hätte er Dacey überhaupt nicht gehört. »Ja. Ich meine –«
»War nett, Sie kennenzulernen«, sagte Aimee zu Dacey und marschierte mit ihren Drinks davon, gerade als der Kassettenrecorder anfing, A Hard Days Night zu spielen. Kate hatte recht, es war die dümmste Idee aller Zeiten gewesen, hierherzukommen. Diese Leute, die qualmten wie Fabrikschlote und wie die Löcher Hochprozentiges soffen, stammten aus dem tiefsten Mittelalter, und dahin gehörten sie zurück, mitsamt den Beatles.
Kate sprach immer noch mit Rachel. Gabe und Doc unterhielten sich leise; Bernie und ihr Ralphie waren weitergezogen – wer konnte es ihnen verdenken?
»Danke«, sagte Kate und kippte in zwei Schlucken die Hälfte ihres Scotchs.
Nervös wie eine Katze war sie, wie sie da um Rachel herumstrich. Dieses Vietnamjahr beinhaltete mehr an Geschichte, dachte Aimee, als sie womöglich erfahren wollte.
»Kate, stimmt es, was ich über dich und diese Hübsche hier höre?«, sagte Woody hinter Aimees Ellbogen hervor.
Aimee sah Kate an. »Ich fasse es nicht.«
»Mir egal, was du gehört hast«, erwiderte Kate und kehrte ihm den Rücken. Aimee war zufrieden.
Rachel betrachtete Kate mit hochgezogenen Augenbrauen, nahm ihr dann ohne Gegenwehr behutsam den Drink aus der Hand, trank davon und gab ihn mit einem zaghaften Lächeln zurück. Kochend vor Wut starrte Aimee Rachel an. Für wen hielt sich diese Frau?
»Woody«, sagte Rachel, »wie ich sehe, du hast dich um keinen Dschungelstreifen verändert.«
»Immer noch mein Kampfgewicht, Miss Florence Nightingale, passe immer noch in die Uniform, genau wie früher.«
»Immer noch unser guter alter Woody«, bestätigte Rachel.
Woodys Unempfindlichkeit gegenüber Rachels kühler Verachtung erinnerte Aimee an Jungen, die sie auf der Palisades High School gekannt hatte und die so beharrlich und stumpfsinnig das weibliche Objekt ihrer Begierde umwarben, dass sie nicht im Traum auf die Idee kamen, dieses weibliche Wesen könnte ihre Gefühle nicht erwidern.
»Hallo, alle miteinander«, ertönte eine neue Stimme.
»Martin«, sagte Doc Coleman, wobei er dem Namen eine einschmeichelnde, enthusiastische Extra-Silbe verlieh. Seine Augen leuchteten vor besonderer Freude. »Wie schön, dich zu sehen, wirklich schön, mein Lieber. Wie geht es dir?«
Martin, der graue Hosen, ein weißes Poloshirt und einen schwarzen Blazer, allem Anschein nach aus Kaschmirwolle, trug, schüttelte Docs Hand. Der dicke graue Schnurrbart, der seine Lippen bedeckte, zuckte, als er Doc musterte. »Dem Aussehen nach um einiges besser als dir.« Missbilligung schwang in seiner Stimme. »Ist diese Verkleidung von Halloween übrig geblieben?«
»Nein, von achtundsechzig«, gab Doc zurück, offensichtlich kein bisschen beleidigt.
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