Читать книгу: «Kreuzfeuer»
Katherine V. Forrest
Kreuzfeuer
Kate Delafields 6. Fall
Aus dem Amerikanischen von
Monika Brinkmann
Ariadne Krimi 1113
Argument
Ariadne Krimis
Herausgegeben von Else Laudan
www.ariadnekrimis.de
Romane mit Detective Kate Delafield:
1. Fall: Amateure (Ariadne Krimi 1015)
2. Fall: Die Tote hinter der Nightwood Bar (Ariadne Krimi 1007)
3. Fall: Beverly Malibu (Ariadne Krimi 1029)
4. Fall: Tradition (Ariadne Krimi 1037)
5. Fall: Treffpunkt Washington (Ariadne Krimi 1107)
6. Fall: Kreuzfeuer (Ariadne Krimi 1113)
7. Fall: Knochenjob (Ariadne Krimi 1125)
8. Fall: Vollrausch (Ariadne Krimi 1155)
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Apparition Alley
© 1997 by Katherine V. Forrest
Alle Rechte vorbehalten
© Argument Verlag 1999
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-99040-154-5
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Danke
Für Eugenia Lowe
In Liebe
1. Kapitel
»Alle Luken dicht, Kate«, sagte Sergeant Fred Hansen und schob sich an ihr vorbei, die Neunmillimeter nach unten gerichtet, dicht am Körper, den Abzugsfinger an den Lauf gelegt. Er blieb an der Wand stehen und spähte den Korridor entlang, ein nicht zu verfehlendes Ziel noch für den schlechtesten Schützen, fand Kate Delafield, Kriminalpolizistin der Mordkommission von Los Angeles: Sein Körper, durch die kugelsichere Weste noch massiger, füllte den Türrahmen des Hausflurs nahezu aus.
Das Einsatzteam schlich leise weiter durch den schmuddeligen, schlecht beleuchteten Gang im ersten Stock des baufälligen Fünfziger-Jahre-Wohnhauses, dessen schnörkeliger, vergilbter Deckenstuck wehmütig an vergangene Eleganz erinnerte.
Kates Adrenalinspiegel stieg, als sie nach der Waffe im Halfter unter ihrer Polizeijacke tastete und noch einmal den Griff ausprobierte, den ihre Weste ihr erschweren würde. Sie nickte Hansen und ihrer Partnerin Torrie Holden zu und stellte sich vor Officer Alicia Perez. »Los«, sagte sie zu Torrie.
»Schnappen wir uns den Mistkerl«, sagte Torrie mit der Großspurigkeit der ehemaligen Streifenpolizistin, die Hand in der Umhängetasche, in der sich ihre Waffe befand. Kate langte ebenfalls in ihre Umhängetasche, aber nur um nach dem Haftbefehl zu fühlen.
Als sich vor ihnen eine Tür öffnete, ging sie in Stellung, griff nach ihrer Waffe. Der Duft von zwiebeligen Suppenschwaden drang auf sie ein, und polternd trat eine weißhaarige alte Frau in knöchelhohen Schnürschuhen auf den Gang. Alicia Perez ging rasch auf sie zu und redete leise mit ihr.
Die alte Frau mit Hängebacken und paillettenbesetzter Fünfziger-Jahre-Brille, einen fadenscheinigen gelben Pullover über ein Hauskleid gezogen, dessen Farben vom Waschen längst verblichen waren, sah Perez böse an. »Machst hier Männerarbeit, eine Schande ist das«, stieß sie mit zitternden Backen hervor und stampfte in ihre Wohnung zurück.
Perez zwinkerte, als Torrie und Kate an ihr vorbeigingen. »Hatte wohl vergessen, dass meine Oma hier wohnt.«
Torrie und Hansen postierten sich zu beiden Seiten der Tür von Apartment 9, dann streckte Hansen den Arm aus und klopfte. Kate schob eine Hand unter die Jacke und legte den Daumen an die Schließe ihres Achselhalfters.
»Wer ist da?«, fragte eine missmutige Frauenstimme.
»Hier ist die Polizei, Ma’am. Bitte öffnen Sie die Tür.«
»Wenn Sie zu Darian wollen, der ist nicht –«
Kate hörte ein Klicken und begriff in einem eiskalt zuschnappenden Sekundenbruchteil, was es war und dass es von hinten kam.
Ihr Adrenalin schoss himmelhoch, aber die nächsten Ereignisse schienen schrittweise abzulaufen, Bild für Bild, wie ein Film im Zeitlupen-Vorlauf. Wie sie noch während des Geräuschs herumwirbelt und zugleich Perez beiseitestößt, die zwischen ihr und dem Geräusch steht. Wie sie ihr Schulterhalfter aufreißt, die hinderliche Weste, wie sie dann ihre Achtundreißiger packt und aus dem Halfter zerrt.
Auf ihrer Netzhaut eingebrannt wie ein Flutlicht-Szenario: wässrig blaue Augen, die unter einer blassen Stirn zwischen dunklen, fettigen Haarsträhnen hervorstarren. Ein weißes Hemd, so makellos, dass Crockett es eben erst angezogen haben muss. Jeans mit riesiger silberner Gürtelschnalle. Neue weiße Turnschuhe mit knallrotem NIKE-Emblem. Die Waffe in seiner linken Hand silbern, wie ein Spielzeug.
Von irgendwoher ein Aufschrei: »Polizei!« Dann ein Bündel explodierender Feuerwerkskörper peng! peng! peng! peng!, deren Knallen den Korridor erfüllt.
»Scheiße!«
»Du lieber Gott!«
Ein Schrei.
Crockett, wie er zurückprallt, rote Blumen, die auf seinem schneeweißen Hemd erblühen, Nikes erheben sich vom Boden, Gips regnet herab, als seine Waffe Feuer an die Decke spuckt, sein fettiges Haar fliegt nach vorn, sein Kopf nach hinten, als wollte er sich von den Schultern lösen.
Dann Schmerz, der in ihrer Schulter explodiert, der Einschlag der Kugel so heftig, dass sie einmal um die eigene Achse gewirbelt wird und wieder Crockett vor sich hat, der mit einem harten Rums auf dem Korridorfußboden aufschlägt.
Ihre Beine, die nachgeben, der Boden, der auf sie zurast, bevor sie ihre Schusshand freibekommt, um sich abzufangen, der dunkle Fußboden, fleckig und voll irgendeiner klebrigen Flüssigkeit, in der ihr Gesicht hart landet …
Ein Augenblick der Stille brauste wie Donnerhall in ihren Ohren.
»Scheiße, Scheiße, verfluchte Scheiße –« Hansen.
»Kate! O Gott, Kate!« Torrie.
Torrie auf den Knien neben ihr, ihr Gesicht von solcher Panik erfüllt, dass Kate auf einmal spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte vor Angst über das mögliche Ausmaß ihrer Verletzung.
Ein Vernebeln ihrer Sinne, kein Versinken in Bewusstlosigkeit, sondern eine weniger scharfe Wahrnehmung ihrer Umgebung. Sie suchte nach Kraft in ihren Beinen und produzierte nur ein Zucken und noch mehr Angst: Ihre Beine schienen unverletzt, aber sie konnte beim besten Willen nicht aufstehen. War sie gelähmt? Sie konzentrierte all ihre Willenskraft auf ihren rechten Arm und rollte sich auf den Rücken. Fand ihre Stimme wieder. »Was –«
»Kate, nicht, ganz ruhig, nicht bewegen –«
Es gelang ihr, den Kopf zu drehen, sie sah den rasant dunkler werdenden Fleck auf der linken Seite ihrer hellbraunen Jacke. Wie schwer bin ich verwundet?, fragte sie sich. Und dann: Aimee wird ausflippen.
Sie konnte Torries Gesicht nicht klar erkennen, sah aber, dass sie unverletzt war. »Sonst noch jemand … getroffen?«
»Wir sind alle unverletzt.« Mit Nachdruck fügte Torrie hinzu: »Nicht bewegen. Das wird schon wieder, Kate.«
Das Knacken des Polizeifunks: »… eine Ermittlerin niedergeschossen. Haben Sie verstanden?« Perez’ Stimme war von solcher Wut erfüllt, dass Kate sie kaum erkannte. Von irgendwoher das schrille Wehklagen einer Frauenstimme. Aufgehende Türen. Rufe, von Männern und Frauen. Noch mehr Männerstimmen, Befehlsgebrüll.
»Crockett«, stieß sie hervor.
»Das Schwein hat’s erwischt.« Das wilde Knurren kam von irgendwo über ihr. Hansen.
Sie schloss die Augen. Sie empfand keine Befriedigung. Nur harten, schweren Druck in der Schulter.
Sirenen heulten einen heranstürmenden Chor. Noch mehr Lärm und Aufregung auf dem Gang.
Als der glattgesichtige junge Afroamerikaner neben ihr kniete, merkte Kate, dass sie ohnmächtig geworden war und jedes Zeitgefühl verloren hatte. »Sie kommen durch«, sagte er mit rauer, leiser Stimme. Sie erkannte das dunkelblaue Uniformhemd: ein Sanitäter. Seine Partnerin, klein und blond, schnitt mit einer gewinkelten Schere effizient Stoff weg und verpasste ihrer Schulter einen Druckverband.
»Sieht mir nach einer Fleischwunde aus«, sagte sie zu ihrem Partner, während sie arbeitete.
Fast gegen ihren Willen grinste Kate die Sanitäterin an, die zurückgrinste und ihr aufmunternd zunickte. Torrie sagte mit erleichterter Stimme: »So schlimm kann es ja nicht sein, wenn du schon wieder lächelst, Kate.«
»Eine Fleischwunde«, stieß sie hervor, nachdem sie zischend eingeatmet hatte; bei Torries Worten hatte der Schmerz mit voller Wucht zugelangt, bohrende, quälende Schmerzen, die sich mit jedem Herzschlag zu verschlimmern schienen. »Als ich klein war … haben sie das jedes Mal gesagt … wenn der Gute verwundet wurde … in jedem Western.« Aber sie hätte tot sein können, Crockett hätte sie ebenso gut tödlich treffen können …
»Wir werden uns gut um Sie kümmern«, sagte der Sanitäter. »Wir hängen Sie an einen Tropf, um Ihnen mit den Schmerzen zu helfen.«
»Die Schmerzen brauchen gar keine Hilfe«, scherzte Kate mit zusammengebissenen Zähnen. Sie würde es überleben. Sie war am Leben.
»Torrie«, sagte sie.
»Ich bin hier, Kate«, sagte Torrie neben der Sanitäterin.
»Sag Aimee Bescheid. Sag du es ihr. Niemand sonst. Sag ihr, dass es mir gut geht.«
»Wird gemacht. Ich bleibe bei dir. Ich bleibe hier bei dir.«
»Schaff alle Leute hier raus, der Tatort muss abgesperrt werden. Sichere das Gelände. Ruf die Kollegen von Raub/Mord, die sollen –«
»Ich denke, ich habe das schon im Griff, Kate.« Eine Männerstimme über ihr.
»Lieutenant«, sagte sie, schockiert, die breitschultrige Gestalt von Mike Bodwin über sich zu sehen.
Er kauerte sich neben den Sanitäter. Sie sah Bodwin nur ganz selten in solch lässiger Kleidung – Jeans und ein verblichenes blaues Polohemd unter einer kurzen Jeansjacke; er hatte wohl den Funkspruch gehört und war auf direktestem Weg hergekommen. »Die sagen, Sie werden wieder.« Die Augen in seinem von Akne gezeichneten Gesicht waren schmal vor Sorge, doch der Klang seiner Stimme war liebevoll und warm. »Machen Sie sich keine Sorgen, Kate. Denken Sie jetzt nur an sich. Sie haben alle Zeit der Welt, um wieder so gut wie neu zu werden.«
So gut wie neu werde ich mit Sicherheit nicht werden, dachte sie, nie wieder. Sie würde ein Symbol sein für den Alptraum jedes Kollegen, eine niedergeschossene Polizistin … und als Nächstes würde sie im Parker Center einem Untersuchungsteam für Schusswechsel im Dienst gegenübersitzen.
Sie wurde auf eine Trage gehoben. Nach unten gebracht, ein Meer von blauen Uniformen und mitfühlenden Gesichtern säumte den ganzen Weg, man rief ihr ermutigende Worte zu. Draußen war die dunkle, kalte Straße mittlerweile hell erleuchtet von den Lichtern der Polizeifahrzeuge und so weit ihre Augen blicken konnten bevölkert von blauen Uniformen. Mein Gott, die ganze Sippe ist hier, dachte sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Meine ganze Polizeifamilie ist hier.
Sie wurde in den Krankenwagen gehoben. Torrie, die mit ihr einstieg, holte ein Handy aus der Umhängetasche und hockte sich auf die Bank neben Kates Liege. Als die Türen zugeschlagen wurden und die Sirene aufheulte, riefen die Schmerzen eine vorübergehende Waffenruhe aus, und Kate versank im Dunkel.
2. Kapitel
»Heute ist der 5. Februar 1996. Anwesend im Revier Wilshire sind die Ermittler Wayne McMillan und Jim Phillips, um eine Befragung von Kriminalkommissarin Kate Delafield durchzuführen. Detective Delafield hat auf die Anwesenheit eines Vertreters der Polizeigewerkschaft verzichtet. Würden Sie das bitte bestätigen, Detective?«
»Das ist richtig«, antwortete Kate.
Die drei Beamten saßen allein im Büro von Lieutenant Bodwin, der ihnen den Raum freundlicherweise überlassen hatte. Auf dem Tisch vor McMillan lagen ein Stapel Akten und ein Kassettenrecorder, dessen Spulen sich bereits drehten. Jeder blutig endende Schusswechsel im Dienst zog eine amtliche Überprüfung nach sich, und McMillan und Phillips gehörten zum OIS-Untersuchungsteam (OIS für Officer Involved Shooting) des Raub/Mord-Dezernats im Parker Center, dem größten Revier von Los Angeles. Nach der Besichtigung des Tatorts in der Gramercy Street, wo Kate ihnen rasch die Vorfälle um die Erschießung von Darian Crockett erläutert hatte, waren sie hierhergekommen.
McMillan sagte: »Detective, wir möchten Sie bitten, auf dieser Zeichnung genau zu markieren, wo alle Beteiligten standen, als Crockett aus der Wohnung kam.«
Kate nickte dem heiseren blonden Mann mit dem viereckigen Gesicht zu, der sie von der anderen Seite des kleinen, runden Tisches her ansprach. Rechts neben ihm lehnte sich sein Partner aufmerksam auf seinem Stuhl vor. Er war ein beträchtliches Stück kleiner als McMillan, und die Bürolampen ließen das schwarzfellige Scheitelkäppchen auf seinem Kugelkopf glänzen wie lackiert.
McMillans und Phillips’ dunkelgraue Anzüge, ihre blauen Hemden und dunklen Krawatten waren auch eine Art Uniform, dachte Kate flüchtig. Dann beschwerte sie das Blatt mit ihrem ansonsten unbrauchbaren linken Arm und setzte den Stift an. Die Männer sahen ihr zu, Notizbücher auf den Knien; sie selbst hatte keinerlei Aufzeichnungen, kein Notizbuch als Gedächtnisstütze. »Erzählen Sie uns einfach, woran Sie sich erinnern können«, sagte Phillips.
Erinnern konnte sie sich, und ob. Die Ereignisse der Nacht des 1. Februar – vier Tage war das her – waren ihr so präsent wie große Farbfotos.
Sie wies mit dem Stift auf zwei Kästchen, die sie in die Zeichnung eingetragen hatte, und sagte zu McMillan: »Sergeant Hansen stand hier, links von der Wohnungstür von Apartment 9, meine Partnerin, Detective Holden, hielt sich rechts davon.« Sie deutete auf ein drittes Kästchen und setzte ihre Initialen hinein. Und auf ein viertes: »Officer Perez stand hier. Wollen Sie auch die Positionen der Verstärkungstruppe?«
McMillans kantiges Gesicht war gelassen, als er fragte: »Konnten Sie die sehen?«
»Die Verstärkungstruppe stand in direktem Kontakt mit Hansen.«
»Wir wollen nur wissen, was Sie selbst tatsächlich gesehen und getan haben«, sagte Phillips.
Die Höflichkeit in Person, dachte sie, und doch hätten die beiden jedes Wärmesuch-Projektil abschütteln können.
»Also befanden sich alle an dem ihnen zugedachten Platz«, sagte McMillan. »Korrekt?«
»Korrekt.«
Phillips fragte: »Würden Sie sagen, dass rückblickend gesehen irgendetwas Anlass gab zu glauben, dass dieser Einsatz nicht routinemäßig ablaufen würde?«
»Nein. Die Verhaftung von Simms hatten wir unauffällig inszeniert und mit einem Spezialkommando abgesichert. Für die Festnahme von Crockett bestand hingegen kein erhöhtes Risiko. Seine Vorstrafen beschränkten sich auf Drogenbesitz, er war kein Dealer. Das Ganze sah nach einer Routineaktion aus. Trotzdem war alles minutiös vorbereitet, jeder Schritt strategisch bedacht.«
»Was geschah als Erstes?«, fragte McMillan.
»Bevor wir den Haftbefehl vollstrecken konnten, kam eine Frau aus Apartment 12. Officer Perez bat sie, in die Wohnung zurückzugehen; sie kam dieser Aufforderung nach.«
Phillips blätterte in seinem Notizbuch einige Seiten zurück. »Dabei dürfte es sich um die charmante und liebenswürdige Mrs. Corsella handeln. Fahren Sie fort.«
»Wir näherten uns der Wohnung der Zielperson, Apartment 9. Sergeant Hansen klopfte an, erhielt eine mündliche Reaktion und gab sich als Polizeibeamter zu erkennen.« Sie fuhr ernst fort: »Dann trat die Zielperson, wie Sie wissen, aus Apartment 7. Direkt hinter uns.«
»Warum stand kein uniformierter Beamter am Ende des Ganges?«
Kate war überrascht. »Sie meinen, da stand keiner?«
»Sagen Sie es uns, Detective.«
»Dort stand jemand«, versicherte sie. »Wenn Hansen grünes Licht gibt, ist auch alles korrekt vorbereitet.«
»Aus diesem Winkel wurden keine Schüsse abgefeuert.«
»Der Kollege ist wahrscheinlich in Deckung gegangen – ich weiß es nicht. Hören Sie«, sagte sie entschieden. »Ich arbeite seit Jahren mit Fred Hansen zusammen. Er kennt die Routine in- und auswendig. Seine Taktik ist sehr, sehr gut.«
»Was so viel heißt wie: So etwas ist vorher noch nie passiert.«
Nicht in die Defensive gehen, sagte sie sich. Sie antwortete gelassen: »Was so viel heißt wie: Die Taktik war wasserdicht.«
»Detective Delafield. Haben Sie persönlich hinter Detective Holden und dem Verdächtigen einen Beamten gesehen? Können Sie uns einen Namen nennen?«
Kate senkte den Kopf, um sich zu konzentrieren. Hatte sie in dem ganzen Durcheinander irgendjemanden hinter Crockett auf dem Gang gesehen, irgendetwas, irgendeine Bewegung? Und ebenso wichtig – und mit aller nötigen Objektivität: Hatten die Umstände dieses Falles sie dazu verleitet, irgendetwas vorauszusetzen, irgendetwas für gegeben zu nehmen? Sie erinnerte sich, wie sie noch beim Betreten des Hauses in der Gramercy Street gedacht hatte, dies würde reine Routine sein. Crockett konnte nicht wissen, dass Willie Simms ihn mit einem Fall in Verbindung gebracht hatte, bei dem es keine Zeugen gab. Auch wenn man auf dem Glastresen einen Fingerabdruck gefunden und ihn mit Hilfe der AFIS-Computerdatenbank dem Berufsverbrecher Simms zugeordnet hatte, war dies für sich gesehen als Beweismittel nicht ausreichend; jeder Verteidiger würde anführen, dass Simms den Abdruck vor dem Überfall dort hätte hinterlassen können. Und so waren seit dem Raubüberfall auf Petes Spirituosenladen zwei ganze Monate ins Land gegangen, eine Verzögerung, die aufs Konto der Special Photography Unit des FBI ging; die konnten aber trotz allem noch schneller mit Resultaten aufwarten als das völlig überlastete Labor in L.A. – sofern Piper Tech überhaupt das nötige Equipment zur Durchführung solcher Untersuchungen zur Verfügung gestanden hätte.
Simms hatte die Überwachungskamera des Spirituosengeschäfts weggepustet, und zuvor erschoss er das Opfer, das den Fehler beging, statt des Bargelds eine Achtunddreißiger aus der Kasse zu nehmen. Aber Simms hatte Pech, und Crockett, der Fahrer des Fluchtwagens, auch: Simms’ Schuss zerstörte die Kamera und versengte den Film, aber Kate hatte ihn ins FBI-Labor geschickt. Dem Labor war es gelungen, vier brauchbare Bilder zu rekonstruieren und mit Hilfe des Computers eines davon so zu verbessern, dass ein identifikationstaugliches Bild von Simms dabei herausgekommen war: Sein weißes Kopftuch umrahmte sein Gesicht genau, als er direkt in die Kamera schaute, die Achtunddreißiger in der Hand. Um die Anklage auf vorsätzlichen Mord und die drohende Todesstrafe abzuwenden, hatte Simms Crockett verpfiffen.
»Ich kann nicht behaupten, dass ich einen Beamten dort gesehen habe«, sagte sie zu McMillan. »Aber ich kenne Hansen, deshalb weiß ich, dass dort einer stand.« Auf keinen Fall würde sie auf das älteste aller Klischees zurückgreifen, sie habe nichts bemerkt, weil alles so schnell ging.
McMillan sagte in geradezu mitfühlendem Ton: »Es ging alles sehr schnell, nicht wahr?«
Kate konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Stimmt.«
»Was geschah dann, Detective?«
Sie war sofort wieder ernüchtert. »Ich hörte ein Klicken. Ich erkannte das Geräusch als das Entsichern einer Handfeuerwaffe. Ich drehte mich um, sah den Verdächtigen. Dann war die Hölle los.«
»Woher wussten Sie, dass das Klicken nicht von dem Polizeibeamten kam, von dem Sie behaupten, er habe am Ende des Ganges gestanden?«
»Ich wusste es einfach.«
»Haben Sie gehört, wie die Tür von Apartment 7 geöffnet wurde?«
»Nein. Das Apartment hat ein Fenster nach vorn. Crockett muss uns auf der Straße gesehen haben. Er hat die Tür wohl lautlos geöffnet und dachte, er könnte sich davonstehlen oder – was weiß ich, was er dachte.«
»Woher wusste er, dass Sie von der Polizei sind?«
»Wir hatten Polizeijacken an.«
»Trugen Sie diese Polizeijacken schon, bevor Sie das Gebäude betraten?«
»Wir haben sie erst im Gebäude angelegt.« Dann fiel ihr etwas ein. »Als Crockett herauskam, rief einer von uns sogar ›Polizei!‹«
»Wer war das?«
»Ich weiß es nicht. Einer von uns.«
»War es eine Männer- oder eine Frauenstimme?«
Sie prüfte ihr Gedächtnis. »Eine Männerstimme. Muss wohl Hansen gewesen sein.«
McMillan nickte, hakte etwas in seinem Notizblock ab. »Wer hat als Erster geschossen?«
»Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, wofür das wichtig sein soll.«
McMillan lehnte sich zurück und kreuzte die Arme vor der Brust. »Ach, nein? Warum nicht?«
Sie sagte mit ruhigem Nachdruck: »Ich weiß, dass eine Untersuchung erforderlich ist. Ich will nicht den Eindruck vermitteln … in diesem speziellen Fall – was gibt es da zu erklären? Der Verdächtige hatte eine Waffe, er eröffnete das Feuer. Es ist nicht unsere Aufgabe, uns einem Bewaffneten höflich vorzustellen und abzuwarten, bis er einen von uns niederschießt, auch wenn genau das passiert ist.«
Phillips sagte: »Sie haben Ihre Waffe nicht abgefeuert, Detective?«
Sie richtete ihren Blick auf den Kassettenrecorder: »Nein, das habe ich nicht.«
»Sie hatten keine Gelegenheit, einen Schuss abzufeuern, richtig?«
Schwache Befragungstechnik für jemanden vom erlesensten Morddezernat der Stadt, dachte sie. Besonders in diesem so entscheidenden Punkt der Untersuchung. Kam ihr allerdings zugute. »Ja.« Rein formal gesehen war das die Wahrheit.
»Sie hatten Ihre Waffe in der Hand. Sie fielen auf die Waffe.«
»Korrekt.«
»Darauf kommen wir noch zurück«, sagte McMillan.
Seine Augen, dachte sie, waren so eisblau, dass man auf ihnen Schlittschuh laufen konnte. Phillips wirkte trotz seiner Skinhead-Frisur harmloser als sein Kollege.
McMillan fragte: »Woran erinnern Sie sich im Zusammenhang mit dem Schuss auf Sie?«
»Es tat weh«, sagte sie mit einem Lächeln. »Es war ein mächtig harter Einschlag. Ich habe mich einmal um mich selbst gedreht.« Sie berührte den verblassenden Bluterguss auf ihrer Wange. »Und bin mit dem Gesicht zuerst aufgeschlagen.«
McMillan fragte langsam: »Wie haben sich die unter Ihrem Kommando stehenden Beamten Ihrer Meinung nach verhalten?«
»Vorbildlich«, sagte sie prompt. Sie fügte hinzu: »Hinterher fallen einem immer Dinge ein, die man hätte noch besser machen können.«
»Als da wären?«
»Ich bin nicht in der Position, ein Urteil abzugeben. Ich war viel zu rasch außer Gefecht, aber es gibt immer etwas, das man kritisieren kann. Ich bin mir sicher, dass Detective Holden und Sergeant Hansen diesbezüglich auch etwas zu sagen haben.«
»Sie hatten verdammtes Glück«, sagte Phillips.
»Da haben Sie verdammt recht«, stimmte Kate ihm inbrünstig zu. »Man sagte mir, nur ein halber Zentimeter Abweichung der Flugbahn und mir wäre ein Knochen zerschmettert worden oder es hätte bleibende Schäden am Nervensystem gegeben.«
McMillan warf ein: »Sie waren nicht so außer Gefecht gesetzt, dass Sie keine Befehle geben konnten.«
Sein Lächeln war zu dürftig, als dass man es als solches hätte bezeichnen können, dachte Kate, aber zumindest versuchte er es, deshalb lächelte sie zurück. »Solange ich bei Bewusstsein war und zumindest ansatzweise funktionstüchtig, lag die Verantwortung bei mir. Zumal der Schauplatz zum Tatort eines Verbrechens geworden war. Ich erhielt allerdings jede Menge Hilfe – Lieutenant Bodwin traf ein.«
McMillan wies auf die Zeichnung. »Zeigen Sie uns jetzt bitte, wo Crockett sich befand, als die Schießerei losging.«
»Genau hier.« Sie malte ein fünftes Kästchen auf.
»Detective, auf dieser Zeichnung steht Officer Perez zwischen Ihnen und dem Täter. Und doch wurden Sie getroffen und nicht Officer Perez.«
Kate wappnete sich. »Ich habe sie beiseitegestoßen.« Sie ging davon aus, dass Perez und die anderen die Vorgänge ebenfalls wahrheitsgetreu wiedergegeben hatten.
Phillips nickte. »Aha. Warum?«
»Reiner Instinkt«, sagte sie.
»Wollten wohl den Helden spielen?«, schlug Phillips vor.
»Wohl kaum. Ich wollte überhaupt nichts spielen. Das Ganze lief in Sekunden ab. Was immer ich getan habe, geschah instinktiv.«
»Detective Delafield.« McMillan hob eine blassblonde Augenbraue. »Was für ein Instinkt sollte Sie veranlassen, eine bewaffnete Kollegin beiseitezustoßen?«
Kate breitete die Hände aus. »Es war unbewusst. Ich war nicht sicher, ob sie das Klicken gehört hat. Sie ist neu in der Abteilung –«
»Detective, sie hat in den härtesten Vierteln Streifendienst gemacht; seit sieben Jahren ist sie auf der Straße, bei den großen Krawallen war sie mittendrin, sogar bei der Massenschießerei in der Normandie Street …«
Kate nickte, während er sprach. »Das weiß ich alles. Und ich bin nie im Streifendienst gewesen, wenn Sie darauf abzielen.« Sie blickte betont auf die Akten, die vor McMillan lagen. »Wie Sie wissen, wurde ich aus der Abteilung für Jugendkriminalität zur Kriminalkommissarin befördert.«
»Warum bringen Sie dann als Entschuldigung vor, sie sei neu?«
»Ich bringe überhaupt keine Entschuldigungen vor«, sagte sie gereizt. »Mir war sie neu. Gewöhnlich arbeite ich mit meiner Partnerin, die ist Detective wie ich, und wir wissen genau voneinander, wie wir Situationen einschätzen, wann wer wie reagiert. In dem Moment wusste ich nur, dass ich das bei ihr nicht wusste.«
»Sie ist eine an der Akademie ausgebildete Polizeibeamtin, sie ist –«, begann Phillips, dann fragte er unvermittelt: »Wollten Sie den Kavalier spielen?«
»Wie bitte?« Mit unverhüllter Verachtung sagte sie: »Das ist lachhaft.«
Er sagte fast träge: »Tatsache ist und bleibt, dass drei der vier beteiligten Beamten Frauen waren.«
»Was genau soll das heißen?«
Phillips sagte mit konziliantem Lächeln: »Ich habe lediglich eine Feststellung gemacht.«
Der Mistkerl legt mir Schlingen. Sie rang mit ihrem Zorn auf Phillips und auf sich selbst, dass sie in eine derartig simple Falle getappt war.
McMillan hatte sich Notizen gemacht. »Aber Ihre eigene Reaktionszeit kannten Sie«, sagte er zu Kate, als habe er den Wortwechsel zwischen ihr und Phillips gar nicht mitbekommen.
»Ja, die kannte ich«, sagte sie.
»Glauben Sie, dass Sie das Beiseitestoßen von Officer Perez einen Schuss gekostet hat?«
»Nein, das glaube ich nicht.« Weil sie zu diesem Zeitpunkt noch dabei gewesen war, ihre Waffe aus dem Halfter zu reißen. Eine Tatsache, die nur ihr bekannt war, und einem Toten. Hansen und Torrie hatten vor ihr gestanden, ihre Aufmerksamkeit völlig auf die Tür von Apartment 9 konzentriert. Perez hatte keine Chance gehabt, irgendetwas genauer mitzubekommen. Sie hatte hinter Kate gestanden, und dann hatte Kate sich umgedreht und sie beiseitegestoßen.
»Aber Sie haben nicht gefeuert«, sagte McMillan.
»Das musste ich auch nicht, wie sich herausstellte.«
»Aber Ihre Waffe haben Sie gezogen.«
»Sie wissen sehr gut, dass ich das getan habe.« Aber erst, als sie Crockett schon vor sich hatte …
»Niemand hat sie nach den fraglichen Vorgängen für Sie gezogen?«
»Ist die Frage ernst gemeint?«
»Beantworten Sie sie, Detective.«
»Nein.«
»Hatte Detective Holden ihre Waffe in der Hand?«
»Ja.«
»Das entspricht aber nicht ihrer eigenen Aussage.«
»Meiner Erinnerung nach hatte sie die Hand in der Umhängetasche, wo sie ihre Waffe trägt.«
»Detective, das ist nicht dasselbe wie die Waffe in der Hand halten.«
»Sie haben recht. Das ist es nicht. Sie hatte ihre Waffe nicht in der Hand.« Natürlich war es nicht dasselbe. Eine Waffe aus der Umhängetasche holen hieß diesen Bruchteil einer Sekunde verlieren. Dasselbe galt, wenn man die Waffe aus dem Achselhalfter ziehen musste.
»War es bei Ihnen genauso – hatten Sie die Hand an der Waffe in Ihrer Umhängetasche?«
»Nein.«
Tatsächlich hatte sie kurz zuvor die Hand in ihrer Umhängetasche gehabt, und zwar am Haftbefehl. Aber diesen beiden Ermittlern hatte sie nichts mehr zu sagen. Als Torrie an jene Tür klopfte, hätte Kate ihre Waffe in der Hand halten müssen. Für dieses Fehlverhalten hatte sie eine Kugel kassiert, das geschah ihr recht. Das Ganze hätte viel übler ausgehen können, sie war dankbar, dass es nicht schlimmer gekommen war. Auch so war der Preis schon hoch genug. Sie würde sich nicht öffentlich anprangern lassen, nur weil den beiden Herren hier der Gedanke zusagte.
»Warum versuchen Sie, Detective Holden zu decken?«
»Das würde ich niemals tun, und das hat sie auch nicht nötig«, sagte sie mit Nachdruck. »Sie hatte ihre Hand an der Waffe – das ist doch reine Wortklauberei.«
McMillan sagte: »Wortklauberei? Ich hoffe nur, Sie verschleiern die Antworten auf unsere anderen Fragen nicht durch solche Manöver.«
Sie starrte ihn mit unverhüllter Abneigung an. Er hielt ihrem Blick stand. Sie hatte im Laufe ihrer Karriere selbst Hunderte von Verhören und Befragungen durchgeführt, hatte aggressivste Kreuzverhöre von Verteidigern erlebt und durchgestanden. Doch sie hätte es sich nie träumen lassen, von ihren eigenen Leuten so gehässig in die Mangel genommen zu werden. Sie sagte: »Ich bin Polizistin –«
»Ein Mann starb durch Polizeikugeln«, entgegnete McMillan scharf. »Polizisten sind von harten Fragen nicht ausgenommen und das sollten sie auch unter keinen Umständen sein. Sie sollten noch gründlicher verhört werden als Zivilisten.«
»Da haben Sie recht«, räumte sie ein, und ein Hauch von Respekt schimmerte durch ihre Abneigung.
Phillips sagte mit einem halben Lächeln: »Es ist immer schwer, mit Kritik fertig zu werden, ob sie nun konkret ist oder indirekt.«
»Irgendetwas stimmt bei alldem nicht«, sagte McMillan.
Kate schüttelte den Kopf. »Ich muss sagen, ich weiß beim besten Willen nicht, worauf Sie hinauswollen.« Sie schaute auf den Kassettenrecorder, dann fuhr sie fort. »Natürlich müssen Sie jeden Schusswechsel im Dienst genauestens prüfen. Aber dies hier ist eine sonnenklare Sache.«
»Na schön«, sagte McMillan aufgeschlossen, »Sie hatten ein paar Tage Zeit, um alles durchzudenken. Erklären Sie uns, wie sonnenklar es ist.«
Sie wies auf die Zeichnung. »Wir standen alle bereit, mit einem vorschriftsmäßigen Haftbefehl. Sergeant Hansen bat um Einlass in Apartment 9. Der Täter kam aus Apartment 7 hinter uns auf den Gang. Ein Cousin wohnt in diesem Apartment. Das konnten wir nicht wissen. Crockett hatte eine Waffe, er spannte den Hahn, ich hörte das. Ich drehte mich um, er schoss mir in die Schulter, Hansen und Torrie Holden erschossen Crockett.«
McMillans Gesichtsausdruck blieb unverändert. »Sofern das möglich ist, würden Sie sagen, dass dies ein guter Schusswechsel war?«
Kate seufzte, schaute hinunter auf ihren nutzlosen linken Arm. »Darian Crockett war siebzehn Jahre alt.«
»Ganz genau siebzehn«, sagte Phillips. »Es war sein Geburtstag. Das weiße Hemd war ein Geschenk seiner Mutter.«
Er klang beinahe väterlich, mit einem traurigen Unterton. Kate sah ihn scharf an und bemerkte, dass er einen Ehering trug.
»Beantworten Sie die Frage, Detective«, sagte McMillan. »War es ein guter Schusswechsel?«
Kate fiel auf, dass McMillan ebenfalls einen Ehering trug. Sie fragte sich, was für eine Frau einen so roboterhaften Mann heiraten mochte und ob er Kinder hatte. Sie sagte: »Alles lief vorschriftsmäßig. Crockett feuerte seine Waffe auf uns ab. Also, vergleichsweise – wenn es so etwas überhaupt geben kann – war es wohl ein guter Schusswechsel.«
»Was, wenn ich Ihnen sage, dass es nicht Crockett war, der Sie angeschossen hat?«
Sie saß vollkommen reglos da.
»Der Schuss ging durch Ihre Schulter. Der Notarzt sagte uns, dass die Kugel hinten eingetreten und vorn wieder herausgekommen ist. Holden, Hansen und Perez bestätigen Ihre Aussage in dem Punkt, dass sie alle hinter Ihnen standen, als Sie den Täter vor sich hatten. Sie wurden von einer Kugel aus den eigenen Reihen getroffen.«
Sie war fassungslos. Es war ihr keine Sekunde in den Sinn gekommen, die behandelnden Ärzte bezüglich der Beschaffenheit ihrer Wunde zu befragen. »Sie wollen mir sagen, dass Fred Hansen oder Torrie Holden mich angeschossen haben?«
»Oder Alicia Perez. Trotz Ihrer Maßnahme hat auch sie ihre Waffe abgefeuert.«
»Wissen die drei davon?«
»Natürlich wissen sie das. Sie sind ein wenig besorgt, wie Sie wohl auf diese Information reagieren werden. Also«, McMillan senkte die Stimme und fragte im James-Cagney-Ton: »Werden Sie sich rächen?«
»Die sind so gut wie tot«, parierte Kate unverzüglich.
McMillans anerkennendes Lachen war leise, tief und seltsam sympathisch.
Sie versuchte noch, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. »Wer –?«
»Wir wissen noch nicht, wer Sie angeschossen hat. Wir haben den gesamten Gang nach Kugeln abgesucht. Die Tests laufen noch. Alle drei haben mit einer Neunmillimeter geschossen. Crocketts Waffe war eine Achtunddreißiger, wie Ihre.«
»Schätze, ich bin ein wenig altmodisch«, murmelte Kate. Die Smith & Wesson war immer ihre einzige Waffe gewesen; sie hatte nicht mitgezogen, als die Kripo zu immer stärkerer Feuerkraft überging, um mit der Aufrüstung auf den Straßen Schritt zu halten. Nachdenklich sagte sie: »Ich weiß nicht, warum ich so überrascht bin. Ich weiß nicht, warum ich diese Möglichkeit nie in Betracht gezogen habe … Ich schätze, man geht immer davon aus, dass es der Schurke gewesen sein muss. Von den eigenen Leuten angeschossen werden ist … allerdings … tja, ich stand genau im Kreuzfeuer.«
McMillan lehnte sich vor. »Jetzt, wo Sie davon Kenntnis haben – sind Sie hundertprozentig sicher, dass es ein Versehen war?«
Sie setzte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Meinen Sie das im Ernst? Wollen Sie andeuten, dass einer meiner eigenen Leute die Gelegenheit genutzt hat, eine Rechnung zu begleichen?«
»Ihr Vietnam-Veteranen kennt das doch, wenn ein Kamerad durch eigene Granaten zerfetzt wird«, sagte Phillips und trommelte mit seinen stumpfen Fingern auf die Tischplatte, bis McMillan die Stirn runzelte und in Richtung des Kassettenrecorders nickte.
»Ich kann Ihnen mit ziemlicher Bestimmtheit versichern, dass es nichts dergleichen war«, sagte Kate sachlich.
»Man weiß nie«, sagte McMillan. »Jeder Mensch hat Feinde.«
Und Ihre könnten in einem Doppelring dieses Gebäude umstellen, dachte sie. Niemand vom OIS würde jemals einen Beliebtheitswettbewerb gewinnen.
McMillan fragte: »Wie empfinden Sie jetzt Ihrer Partnerin gegenüber? Ganz zu schweigen von Hansen und Perez?«
»Ich wünschte, irgendwer von ihnen hätte besser gezielt«, sagte Kate.
McMillan gönnte ihr wieder ein kleines Lachen. Er klopfte auf die oberste Akte des Stapels vor ihm. »Vierzehn Jahre bei der Mordkommission, kaum Beschwerden. Viele Belobigungen.«
McMillan schien ihre trockenen Scherze zu mögen, deshalb versuchte sie es weiter. »Ich bin nur die nette Allerweltspolizistin von nebenan.«
Aber McMillan reagierte nicht darauf. Er lehnte sich vor und schaltete den Kassettenrecorder ab. »Sie haben verdammtes Glück. Die haben endlich aufgehört, uns jedes Mal zu holen, wenn ein Polizist den Abzug durchdrückt, ganz gleich ob dabei jemand getroffen wird. Die Abteilung Internal Affairs steckt trotzdem bis zum Hals in hirnlosen Beschwerdeanträgen. Heutzutage bleibt niemand davon verschont.«
Kate nickte. Beschwerden von Zivilisten gegen Streifenpolizisten und Ermittlungsbeamte häuften sich auf allen Ebenen. In diesen Zeiten beständiger politischer Schadensbegrenzung – Rodney King und O.J. Simpson hatten ihre Spuren hinterlassen – war das Los Angeles Police Department gewappnet, aber Beschwerden über Polizeibeamte waren eine heikle Sache, und die Internal Affairs-Abteilung ging selbst den hanebüchensten Anschuldigungen nach. Manche Leute nutzten den Beschwerdeweg auch für einen Rachefeldzug gegen die Polizei. Wurde in der polizeilichen Personalakte eine Untersuchung erwähnt, so haftete das den Betroffenen für immer an, selbst wenn er oder sie entlastet wurde.
Phillips sagte: »Sie haben sich nicht ein einziges Mal wegen Überlastung beurlauben lassen.«
»Sie wissen doch, was wir bei der Mordkommission für eine ruhige Kugel schieben«, sagte sie. Was wollte er von ihr hören? Ihre Schulter fing an zu schmerzen.
»Ja, Sie sollten mal die Jungs in unserem Dezernat hören«, murmelte McMillan.
Kate ging darauf nicht weiter ein, das musste sie auch nicht. Es war bekannt, dass die Moral der Beamten des Elite-Morddezernats im Parker Center absolut im Keller war nach dem Rundumschlag der Verteidiger in der O.J. Simpson-Sache gegen die zuständigen Ermittler.
Phillips schaltete den Kassettenrecorder wieder ein. »Sie sind schon so lange Polizistin, und nicht wenigstens ein Mal wegen Überlastung beurlaubt?«, sagte er.
Tja, dachte sie bissig, da hast du eine der drei selbstverständlich minderwertigen Frauen, die am Schusswechsel in der Gramercy Street beteiligt waren.
»Die Straßen sind ziemlich gefährlich heutzutage«, sagte Phillips.
Diese Bemerkung verdiente keine Antwort. Und der Schmerz in ihrer Schulter wurde zusehends stärker, und sie würde lieber sterben als vor diesen beiden Knilchen ein Schmerzmittel einnehmen.
»Sie wirken etwas defensiv, Detective.«
»Natürlich sind die Straßen gefährlich«, bellte sie. »Denken Sie, ich verbringe meine Tage in einer heimeligen Schreibtischschublade?«
»Sie sagen Dinge, die sich von selbst verstehen, Detective.«
»Darin haben Sie viel mehr Übung als ich.«
McMillan nahm lächelnd eine Akte, öffnete sie und schrieb etwas hinein. »BSS wird eine weitere Beurteilung Ihrer Person liefern.«
»Was soll das heißen?«, wollte sie wissen. »Was versuchen Sie mir da anzutun?«
»Wir versuchen, uns Ihrer anzunehmen, Detective. Vielen Dank für Ihre Zeit. Sie bleiben weiterhin bei voller Bezahlung beurlaubt.«
»Wie lange?«
Er sah sie ausdruckslos an. »Bis Sie wieder zum Dienst bereitgestellt werden.«
McMillan schaltete den Recorder aus und stand auf. Phillips beeilte sich, es ihm nachzutun, und sammelte hastig die Akten ein.
Kate blieb am Tisch sitzen, während McMillan und Phillips das Büro verließen.
Ihren nächsten Termin hatte sie bei der Abteilung für Verhaltensforschung und therapeutische Dienste, wo sie psychologische Betreuung erhalten würde. Scheiße, dachte sie, ein Seelenklempner.
3. Kapitel
Die Therapeutin, eine Afroamerikanerin, erhob sich hinter ihrem Schreibtisch zu imposanter Größe und kam mit großen Schritten auf Kate zu, um sie zu begrüßen. »Ich bin Dr. Calla Dearborn. Aber nennen Sie mich Calla. Soll ich Kate sagen? Wie werden Sie am liebsten genannt?«
Kate antwortete der Form halber »Kate ist in Ordnung«, schüttelte ihr fest die Hand und ließ ihren Blick durch das Büro wandern, um ihre Erwartungshaltung der Umgebung anzupassen. Sie war sicher gewesen, dass der Therapeut »irgend so ein dürrer kleiner gefühlsduseliger Hohlkopf« sein würde, wie sie zu Aimee gesagt hatte.
Das Büro war ästhetisch höchst ansprechend in verschiedenen Blau- und Dunkelbrauntönen gehalten, denen man die fehlenden Mittel nicht ansah. Der Schreibtisch aus Walnussfurnier und das Sideboard passten optisch perfekt zu Aktenschrank, Couch- und Beistelltisch; das blaue Sofa passte zu den beiden Sesseln, deren Bezug den Anschein von Korbgeflecht gab; eine hohe, gesunde Birkenfeige stand in einem weißen Keramiktopf auf einem braun getupften Berberteppich neben einem Fenster mit Blick auf einförmige Dächer und triste Fassaden. Bis auf ein großes grau-blaues abstraktes Aquarell und ein halbes Dutzend Diplome und Zertifikate an der Wand hinter dem Schreibtisch gab es kaum etwas, das Rückschlüsse persönlicher Natur auf die Inhaberin dieses Büros zuließ.
»Bitte nehmen Sie Platz, wo Sie wollen, Kate.«
Sie fragte sich, ob die Frau von ihr erwartete, dass sie sich ganz in Beichtstimmung auf der Couch ausstreckte. Sie nahm ihre Umhängetasche von der bewegungsunfähigen linken Schulter und warf sie in eine Ecke des Sofas, ehe sie einen mit Rollen versehenen Sessel heranzog und sich setzte. Als sie an den Schreibtischbeinen dunkle, stumpfe Stellen entdeckte, fragte sie sich, ob das Trittspuren waren.
Calla Dearborn machte es sich auf ihrem Stuhl mit hoher Rückenlehne bequem, öffnete eine schwarze Ledermappe, in der ein gelber linierter Schreibblock lag, und sagte: »Zuallererst muss ich Ihnen einige Informationen darüber geben, warum Sie hier sind und was Sie von unseren Unterredungen erwarten können.«
Kate nickte. Die einzige Information, die sie wirklich brauchte, war, wie lange sie diesen Quatsch über sich ergehen lassen musste.
»Ich habe natürlich gehört, was geschehen ist. Wenn Sie genauso sind wie die meisten Polizeibeamten, dann möchten Sie sicher nicht hier sein, und vielleicht gehören Sie zu den Menschen, die ein so traumatisches Erlebnis schnell wegstecken. Aber wir haben durch unsere Arbeit mit Polizeibeamten beträchtliche Erfahrungen sammeln können und wissen, dass die seelische Belastung nach einem traumatischen Erlebnis ganz normal ist, dass es dabei viele Abstufungen und Symptome gibt und die Reaktion durchaus mit einiger Verzögerung einsetzen kann. Deshalb ist es für Sie wichtig, so schnell wie möglich über den Vorfall zu reden, damit Sie lernen, Ihre eigenen Reaktionen zu erkennen und zu verstehen. Sie sind von Berufs wegen Expertin in Strategien physischen Handelns. Was wir hier zu erreichen hoffen, ist, Ihnen Strategien emotionaler Bewältigung zu vermitteln, damit Sie bei einer verspäteten Reaktion nicht völlig aus der Bahn geraten.«
Kate nickte. Auf dem Gebiet des Traumas war sie wahrlich keine Anfängerin. Und nach den vielen Verhören, die sie durchgeführt hatte, kannte sie sich mit Psychologie auch ganz gut aus.
Dearborn fuhr fort: »Einige Reaktionen können körperlicher Natur sein. Alle Erfahrungen, die Sie in dieser Hinsicht machen, sind eine ganz normale Reaktion auf das, was Ihnen widerfahren ist. Von Übelkeit über Durchfall, Schlafstörungen und Müdigkeit bis hin zum großen Zittern. Vielleicht verspüren Sie den Drang, mehr zu essen oder mehr zu trinken. All diese Dinge sind völlig normal.« Sie sah Kate erwartungsvoll an.
»Diese Symptome habe ich alle nicht«, sagte Kate. Und wenn, würde ich es dir nicht auf die Nase binden.
»Ich bin nicht hier, um Ihre beruflichen Leistungen zu beurteilen«, versicherte Dearborn ihr. »Damit habe ich überhaupt nichts zu tun. Am Ende unserer gemeinsamen Zeit bin ich verpflichtet, Ihrem Captain einen telefonischen Bericht zu geben. Unsere Sitzungen sind in dieser Hinsicht also nicht hundertprozentig vertraulich. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich mich ihm gegenüber kurz fassen werde, nicht mehr als ein oder zwei Sätze, und selbst die werde ich Ihnen vorher mitteilen, damit wir darüber diskutieren können. Sie brauchen keine Angst zu haben, dass in diesem Büro andere Dinge gesagt werden als später Ihrem Captain gegenüber. Nachdem ich meinen mündlichen Bericht abgegeben habe, werden unsere nachfolgenden Sitzungen, sollten Sie welche wünschen, vollkommen vertraulich sein.«
Während sie nickte, dachte Kate: Ehe ich freiwillig zur Therapie gehe, gibt’s in der Hölle eine Schneeballschlacht.
Kate musterte Dearborn, als diese einen schmalen grünen Kugelschreiber aus Malachit in die Hand nahm und etwas notierte. Dunkles, mit frostigem Grau durchsetztes Haar, vielleicht fünf Zentimeter lang, umrahmte wie ein Heiligenschein das ausdruckslose, beherrschte Gesicht, das nichts preisgab als offensichtliche, oberflächliche Details. Sie war mindestens sieben bis acht Zentimeter größer als Kate und jünger, Ende dreißig vielleicht, obwohl das schwer zu schätzen war. Ihre kräftige, ordentlich gepolsterte Gestalt steckte in einem gut sitzenden karamellfarbenen Kostüm. Um den Hals hing eine dünne Goldkette. An der linken Hand, die im Augenblick den Malachitstift hielt, trug sie einen Ehering und einen bescheidenen Verlobungsring mit Diamant.
Kate sagte, wie sie hoffte, entwaffnend: »Die einzigen körperlichen Beschwerden bereitet mir meine Schulter.«
»Wie geht es Ihrer Schulter jetzt?«
»Gut«, sagte Kate nachdrücklich, denn sie wollte nicht, dass diese Frau sie wegen körperlicher Versehrtheit für dienstuntauglich erklärte. »Bin in guter Verfassung. Ich hatte Glück. Die haben gesagt, ich werde wieder so gut wie neu.«
»Das freut mich. Andere Reaktionen können kognitiver Natur sein: Geistesabwesenheit, Konzentrationsschwierigkeiten, beständiges Hadern mit dem, was passiert ist, Flashbacks, ein Gefühl von Verletzbarkeit, sich der Umgebung extrem bewusst sein, Argwohn und Misstrauen –«
Kate schüttelte den Kopf. »Nein. Nichts von alldem.«
»Träumen Sie schlecht, Kate?«
»Bisher schlafe ich ganz ausgezeichnet.«
»Ich bin froh, dass Sie ›bisher‹ gesagt haben. Ein Schusswechsel im Dienst ist besonders hart. Für manche Beamte ist es, als hätte sie ein Zug überrollt. Ins Kreuzfeuer der eigenen Reihen zu geraten macht den Fall noch prekärer –«
»Es war einfach Pech.« Und die gottverdammte Dummheit von wer immer mich getroffen hat. »Ein Unfall in Bruchteilen von Sekunden. Das ist mir bewusst«, sagte sie. »Und ich kann damit leben.« Nur nicht damit, dass ich deswegen hier hocken muss.
»Auf intellektueller Ebene können Sie das, da bin ich sicher. Aber Sie könnten trotzdem eine ganze Palette von Emotionen erleben: Kummer, Benommenheit, Angstzustände, intensivere emotionale Reaktionen auf Dinge, die Ihnen im Alltag widerfahren …« Sie hielt inne und sah Kate über die Stahlfassung ihrer Brille hinweg an.
»Sie haben Recht – es war ein schlimmes Erlebnis«, sagte Kate vorsichtig. Sie wollte nicht den Eindruck erwecken, das Gefühlsspektrum eines Roboters zu haben. »Aber ich scheine doch ganz gut damit klarzukommen.«
»Gewisse Reaktionen im Verhalten können sehr subtil sein. Zurückgezogenheit. Oder das Gegenextrem – das Geschehene herunterspielen, übermäßiger Tatendrang. Wutanfälle …«
Kate schüttelte den Kopf. »Bisher ist nichts dergleichen vorgekommen.«
»Kate, es ist wichtig, dass Sie eines verstehen: Sie sind nicht hier, weil Sie irgendetwas falsch gemacht haben. Jedwede Reaktion, die Sie aufgrund dieser Vorfälle erleben, ist weder falsch noch schlecht. Jedwede Reaktion, die Sie erleben, ist eine normale Reaktion auf ein anormales Geschehen. Verstehen Sie, was ich meine?«
»Ich verstehe Sie.« Calla Dearborns Taktik war geschliffen gut, dachte Kate. Das Ganze glich dem Verhalten eines erfahrenen Ermittlers, der versucht, in einem Gespräch mit einem Verdächtigen eine gewisse Harmonie herzustellen.
»Ich möchte, dass Sie mir von dem Vorfall erzählen«, sagte Dearborn.
Der Vorfall. Die Attacke, die Kränkung traf Kate im Innersten und sie versuchte, ihre Wut nicht durchklingen zu lassen. »Ich bin mir ganz sicher, dass Sie bereits alles wissen. Es stand in allen Zeitungen.«
Dearborn schaute sie scharf an. »Natürlich, mit Bildern und allem. Aber nur Sie wissen, was Ihnen passiert ist, und ich würde gern in Ihren Worten hören, was Sie gesehen und gehört haben.«
Kate lehnte sich resigniert im Sessel zurück und berichtete, was auf dem Gang in der Gramercy Street geschehen war. Ihre Darstellung war identisch mit dem Bericht, den sie am Morgen McMillan und Phillips gegeben hatte.
Dearborn hörte aufmerksam zu, dann machte sie sich eine Notiz und sagte: »Wir werden auf das Geschehene später zurückkommen. Wie lange sind Sie schon bei der Mordkommission?«
»Vierzehn Jahre«, antwortete Kate, zog eine Visitenkarte aus einem Acrylhalter auf dem Schreibtisch und sah sie sich genauer an:
Calla Dearborn, Ph.D.
Approbierte Psychologin
Liz.-Nr. PSY 705536
Se Habla Español
Sie steckte die Karte in ihre Jackentasche. Nun, da Calla Dearborn Ph.D. mit den Spielregeln und mit den grundlegenden Fakten der Schießerei so weit durch war, stellte sie Fragen, deren Antworten sie aus Kates Akte kannte – was darauf hinwies, dass sie einer Standardprozedur folgte, die Kates geistige Gesundheit bestätigen sollte. Schon jetzt deutete sich an, dass Kate ein kaum zu ertragendes Verhör vor sich hatte, eine unfassliche Verletzung ihrer Privatsphäre.
»Eine rhetorische Frage«, sagte die Psychologin. »Aber irgendwo muss ich ja anfangen. Vierzehn Jahre sind eine lange Zeit für die Mordkommission.«
Kate antwortete nicht.
In Calla Dearborns dunklen Augen blitzte Belustigung auf. »Erfahrene Polizisten – ihr Leute seid so an Vernehmungen vor Gericht gewöhnt, dass ihr immer nur ganz knappe Antworten gebt. Wie viele Todesfälle, würden Sie sagen, haben Sie in diesen vierzehn Jahren erlebt?«
Wie viele Polizeibeamte haben Sie im Laufe Ihrer Karriere über heiße Kohlen laufen lassen?, wollte sie ihr entgegenschleudern. Sie sagte: »Ich weiß es nicht.«
»Dutzende?«
Kate zuckte mit den Schultern. »Sicher.« Sie hasste das. Hasste es.
»Hunderte?«
»In dieser Zeitspanne werden es logischerweise mehr als hundert gewesen sein.«
»Vielleicht zweihundert?«
Sie kämpfte mit ihrer Verärgerung. »Ich weiß es nicht.«
»Wissen Sie es nicht, Kate, oder wollen Sie es nicht sagen?«
»Ich weiß es. Ich kann nur keinen Nutzen darin erkennen, sie zusammenzuzählen.«
Die Psychologin machte sich eine so kurze Notiz auf ihrem gelben Block, dass Kate vermutete, dass sie Steno schrieb. Sie sagte: »Vielleicht wollen Sie einfach nicht.«
»Würden Sie wollen?«
»Möchten Sie bitte meine Frage beantworten?«
Möchte ich nicht. Aber habe ich eine Wahl? »Sie zusammenzählen heißt sich erinnern.«
»Warum wollen Sie das nicht?«
Gott, wie sie das hasste. Es war noch schlimmer, als sie gedacht hatte. Sie sagte: »Wären Sie so nett, mir zu sagen, wie lange das hier noch gehen soll?«
Calla Dearborn schaute auf die Uhr. »Noch fünfunddreißig Minuten. Für diese Sitzung.«
Kate gelang es, ihr Temperament zu zügeln. Sie sagte: »Ich meine, alles in allem.«
»Wann Sie Ihre Arbeit wieder aufnehmen können? Ihr Captain hätte Sie gern möglichst schnell zurück, wie Sie sich sicher denken können. Ich lege es absolut nicht darauf an, Sie von Ihrer Arbeit fernzuhalten, Kate, aber wir müssen einige Punkte abhandeln, besonders bei einem Schusswechsel im Dienst. Wir werden eine Sitzung nach der anderen angehen. Jede einzelne Sitzung wird bestimmen, wie die nächste angegangen wird.«
Kate schaute sie an, abschätzend, wie sie eine feindselige Verdächtige während eines Verhörs zu mustern pflegte.
Die Gesichtszüge, das musste sie widerwillig zugeben, waren interessant. Hohe Stirn, weiche nussbraune Haut, die auf Höhe der Wangen und der breiten Nase einen warmen rosa Schimmer bekam, dunkler in einer Hautfalte auf den Augenlidern und in den winzigen Linien, die sich später zu dauerhaften Furchen um ihren Mund vertiefen würden. Breite, volle Lippen, von blassem, pflaumenblauem Lippenstift leicht akzentuiert. Augenbrauen, als hätte eine Fingerspitze einen kaum sichtbaren Bogen gezogen, so dass die weit auseinanderstehenden schwarzbraunen Augen, grün gefleckt und von einem stählernen Brillengestell umrahmt, das Gesicht mit ihrer Intelligenz dominierten.
Die Psychologin sah ruhig zu, wie Kate sie eingehend musterte. »Sie beantworten nicht gern Fragen.«
»Sagen wir einfach, ich bin es gewöhnt, die Fragen zu stellen.«
»Sie beantworten nicht gern Fragen«, wiederholte die Psychologin. »Und Sie reden nicht gern über Ihre Arbeit.«
»Keine dieser Mutmaßungen ist völlig richtig«, sagte Kate liebenswürdig.
Calla Dearborn lächelte und ein winziges Grübchen erschien auf ihrer rechten Wange. »Mit wem reden Sie über Ihre Arbeit?«
»Mit vielen Leuten. Mit meiner Einsatzpartnerin. Anderen Kollegen. Mit stellvertretenden Staatsanwältinnen … Laborangestellten … mit Verwandten der Opfer …«
»Natürlich. Und privat?«
Kate knirschte mit den Zähnen. Das war der schlimmste Übergriff in ihre Intimsphäre, und das Allerschlimmste war, sie wusste nicht, ob es ihr schaden konnte, wenn oder wie sie die Fragen beantwortete. Sie zuckte die Achseln und sagte: »Mit verschiedenen Leuten.«
»Ihren Eltern?«
»Die leben nicht mehr.«
»Beide? Seit wann?«
»Seit vielen Jahren. Meine Mutter 1963, mein Vater 1977.«
Calla Dearborn schüttelte den Kopf. »Sie haben sie so jung verloren. Sie waren nie verheiratet – was ist mit Lebensgefährten? Einer festen Beziehung?«
»Was ist damit?«
»Haben Sie so etwas?«
Kate spannte sich an. »Ja.«
»Und Sie bringen die Arbeit mit nach Hause und reden darüber.«
Die Anspannung ließ nach. »Über manches schon. Über den netten Teil. Na ja, sagen wir, den nicht allzu schlimmen Teil.«
»Was ist mit Freunden? Reden Sie mit Freunden über die Arbeit?«
»Sporadisch.« Maggie Schaeffer und ein paar der Stammgäste in der Nightwood Bar standen ihrem Beruf ziemlich nonchalant gegenüber, was an ihrer gemeinsamen Vorgeschichte lag – obwohl die emotionsgeladene Ermittlung zu Dory Quillins Tod auf dem Parkplatz hinter der Lesbenbar nach all den Jahren weniger gemeinsame Vorgeschichte als vielmehr Sagengut war. Aber die Freundinnen, die Aimee mit nach Hause brachte, waren ein anderes Kaliber. Junge Frauen einer anderen Generation, die sie anstarrten wie ein interessantes Fossil. Die zaghaften Fragen nach ihrer Arbeit zielten nur auf Horrorstorys ab, und sie war überzeugt, dass sie in ihrer Abwesenheit über sie und ihren verrückten Job herzogen wie bei einem Leichenbestatter.
Calla Dearborn beendete ihren Vermerk und fragte: »Wie kommt das?«
»Wie kommt was?« Bei ihrer Träumerei hatte sie den Faden verloren.
»Wofür hat man denn Freunde? Warum teilen Sie die Tragödien, die Sie erleben, nicht mit Ihren Freunden, denen Sie etwas bedeuten – ganz zu schweigen von Ihrer Beziehung?«
»Einzelheiten meiner Arbeit sind wirklich nichts, wofür mir irgendjemand danken würde, gäbe ich sie zum Besten.«
»Ich bin sicher, dass Ihre Freunde das anders sehen.«
»Ich bin sicher, dass das stimmt. Aber sie glauben eben nur, dass sie es wissen wollen.«
»Wieso sind Sie da so sicher?«
Diese Frau war mit Absicht begriffsstutzig. Unzählige Polizisten mussten ihr diese Frage schon beantwortet haben. Kate sagte: »Vor zwei Wochen wurde ich Zeugin eines Verkehrsunfalls. Fahrerflucht, eine alte Frau Ecke Hauser und Achte Straße – vielleicht haben Sie darüber gelesen.«
Die Psychologin schüttelte mit gerunzelter Stirn langsam den Kopf.
Doch, vermutlich hast du darüber gelesen, dachte Kate. Hast die kurze Notiz über Vera Cowley in deiner L.A. Times überflogen und dann schnell wieder vergessen, so wie jeder über Greueltaten, die sein Leben nicht direkt betreffen, Oh und Ach ruft und sie dann rasch vergisst.
Kate griff tief in ihr Gedächtnis und berichtete: »Der Lieferwagen erfasste das Opfer mit einer Geschwindigkeit von 95 Stundenkilometern und schleuderte es sechzehn Meter weit. Sie wissen vielleicht, dass ein Körper sich verflüssigt, wenn er mit solcher Wucht getroffen wird. Jeder Knochen in ihrem Körper wurde gebrochen: Arme, Beine, Rückgrat, Schultern, Hüften. Ihre Haut war nur noch ein violetter Sack, gefüllt mit Knochenstücken und Blut. Ihr Gesicht war vom Asphalt völlig zerfetzt, ihr Schädel pulverisiert wie ein zerschmettertes Ei.«
Calla Dearborn sah befriedigend erschüttert aus.
Kate sagte: »Und das, sagen Sie, soll ich meinen Lieben mit nach Hause bringen.«
Ihre dunklen Augen fest auf Kate gerichtet, sagte die Psychologin sanft: »Es ist ganz schön hart, dass Sie sich so etwas ansehen müssen, Kate.«
»Dafür werde ich bezahlt.«
»Sie werden dafür bezahlt, eine schwierige Arbeit zu verrichten. Aber die Erwartung, dass Sie so schreckliche Dinge … allein tragen müssen …«
Sie sprach nicht weiter, und Kate entgegnete nichts. Was sollte sie auch sagen? Jeder Mensch redigierte und bearbeitete sein Leben, jeder. Was sie redigierte, war allein ihre Entscheidung.
Calla Dearborn hatte wieder ihr ausdrucksloses Gesicht aufgesetzt und machte eine weitere kurze Notiz. »Stehen Sie einem Ihrer Kollegen persönlich nahe?«
»Ich habe mit den meisten ein freundschaftliches Verhältnis.«
»Sehen Sie sich auch außerhalb der Arbeitszeit?«
»Das LAPD bietet alle möglichen Aktivitäten an. Sportvereine – alles vom Wettlaufen bis zum Basketball.«
»Nehmen Sie an so etwas teil?«
Kate versuchte es mit Humor und wies auf ihren bewegungsunfähigen Arm. »Im Moment nicht.« Belohnt mit einem nachsichtigen Lächeln fügte sie murmelnd hinzu: »Das sind Freizeitvergnügungen für junge Leute.«
»Darf ich das als Nein verstehen?«
»Kein komplettes Nein. Ich schwimme gern; ich sollte es öfter tun.«
»Schwimmen ist eine einsame Sportart«, kommentierte Calla Dearborn und drehte ihren Stift zwischen den Fingern, während sie Kate nachdenklich ansah.
Kate sagte gereizt: »Gelegentlich gehe ich zum Basketballspiel der Dezernatsliga«, Torrie hatte sie zum letzten Spiel mitgeschleift, »und trinke hinterher mit allen ein Bier. Unter dem neuen Regime ist das gesellige Miteinander nicht mehr so einfach.«
»Sie meinen Polizeichef Williams?«
»Nein – na ja, indirekt. Ich meine das Pilotprogramm, die neuen Arbeitszeiten.«
»Ach ja, Ihr Dezernat ist eins von den vieren in diesem Programm. Wie kommt es denn so an?«
»Die Streifenpolizisten sind begeistert – so viel Freizeit. Nur nicht von den Engpässen bei der Ausrüstung, wenn wir zusätzliche Kräfte zu einer Schicht anfordern müssen.«
Das neue sechzehnmonatige Pilotprogramm verlangte von den Streifenpolizisten, an drei aufeinanderfolgenden Tagen zwölf Stunden am Stück Dienst zu schieben, gefolgt von vier freien Tagen – ein Versuch, die Krankmeldungen zu reduzieren, die Kosten für Überstunden abzubauen, die am städtischen Etat zehrten, und vor allem der Versuch, nach den jüngsten Prozessen, die durch sämtliche Medien gegangen waren, die Moral zu verbessern. Berufsanfänger wurden ohne viel Federlesen eingestellt, doch die Absolventen der Polizeiakademie konnten mit der »blauen Angst« nicht Schritt halten – immer mehr Polizisten aller Rangstufen entschlossen sich, eine Organisation zu verlassen, deren Moral tiefer unter null gesackt war als das Tote Meer.
Kate fügte hinzu: »Die Ermittlungsbeamten haben vier Zehnstundentage statt drei, aber sie beschweren sich ständig, weil ihnen die Kontinuität der Fälle verloren geht.« Ganz zu schweigen von den Überstunden. Viele Polizisten und Kriminalermittler hatten die Überstunden-Schecks zu einem Bestandteil ihres regelmäßigen Gehalts gemacht und ihren Lebensstandard dementsprechend angepasst. Zehn- oder Zwölfstundentage konnten einem so sehr Knüppel zwischen die Beine werfen, dass man sich zusätzlich einen Teilzeitjob suchen musste, um das fehlende Überstundengeld zu kompensieren.
»Gefallen Ihnen die neuen Arbeitszeiten?«
»Die Mordkommission berührt das nicht sonderlich – wenn wir arbeiten müssen, müssen wir arbeiten.« Ihr Rang als Detective gab ihr uneingeschränkte Flexibilität. Und doch litt auch sie schon unter dem Verlust von Kontinuität bei der Bearbeitung ihrer Fälle.
Dearborn fragte: »Würden Sie sagen, dass Sie zum Ehrgeiz neigen?«
Die Frage überraschte sie, und Kate musste einen Augenblick darüber nachdenken. »Ich denke, hauptsächlich mir selbst gegenüber. Bezüglich meiner Erwartungen an mich.«
»Wie ist es um Ihre häuslichen Verhältnisse bestellt, Detective?«
Kate rührte sich auf ihrem Stuhl, spürte einen dumpfen Schmerz in der Schulter. Gott, wie sie das hasste. Sie sagte: »Wird meine Auskunft diesen Raum verlassen?«
»Ich habe Ihnen bereits erklärt, dass ich Ihrem Captain ein kurzes Statement liefern muss. Ansonsten bleibt alles, was hier gesprochen wird, unter uns.«
»Wird das Gespräch aufgezeichnet?«
»Natürlich nicht.« Sichtlich gekränkt von der Frage sagte Calla Dearborn: »Ich bin ebenso wenig wie Sie darauf erpicht, das hier in die Länge zu ziehen. Ihre Dienststelle braucht Sie, und meine Zeit ist auch so schon knapp genug.«
Kate wusste, dass Calla Dearborns Abteilung neue Psychologen einstellte, um die völlig überarbeiteten Beamten zu entlasten. Sie wies auf die Ledermappe, die offen auf dem Schreibtisch lag. »Was geschieht mit Ihren Notizen, Ihren Akten?«
»Die sind nur für mich gedacht. Ich garantiere Ihnen Diskretion.«
Das alles hier sollte nur der Form halber geschehen, dachte Kate wütend. Andere Beamte, die in Schießereien gerieten, statteten dem Psychologen einen kurzen Besuch ab und waren zügig wieder im Einsatz. Torrie tat wieder Dienst, ebenso Hansen und Perez. Sie hatte sich nichts zuschulden kommen lassen, eine gottverdammte verirrte Kugel ihrer eigenen Leute hatte sie hierher befördert. Aber so sicher, wie sie hier hockte, standen ihre Dienstmarke und Dienstwaffe auf dem Spiel. Sobald sie etwas preisgab, woraus die Psychologin schließen konnte, sie sei in irgendeiner Hinsicht nicht diensttauglich, würde ein Vermerk in ihrer Akte landen, und dann fror vermutlich die Hölle zu, ehe sie das Vertrauen ihrer Vorgesetzten zurückgewann, ehe sich die dunkle Wolke des Argwohns über ihrem Job und ihren Fähigkeiten zerstreuen ließ.
Sie sagte: »Ich verstehe nicht, warum ich mein Privatleben vor Ihnen ausbreiten muss.«
Calla Dearborn legte beide Hände flach auf den Schreibtisch. Sie lehnte sich vor. »Gestatten Sie mir eine Frage. Welches Ergebnis wünschen Sie sich am Ende dieser Sitzungen?«
»Das ist leicht. Sehr einfach. Ich will meinen Job zurück.«
»Sie haben ihn nicht verloren.«
»Sicher. Er sitzt mir genau gegenüber, steckt in Ihrer Hosentasche. Soweit ich weiß, läuft überhaupt nichts, ehe ich das hier nicht hinter mich gebracht habe.«
Der Anflug eines Lächelns blitzte in Dearborns Gesicht auf. »Ihr Job steckt genau genommen in Ihrer eigenen Hosentasche, Kate. Sie wurden in Ausübung Ihres Dienstes ernstlich verletzt. Meine Aufgabe ist, sicherzustellen, dass ein sehr wertvolles Mitglied unserer Organisation bald zurück zum Dienst kommt – mit völlig wiederhergestellter Gesundheit und mit dem Wissen, wie sie auch künftig gut mit sich umgehen kann.«
»Meine körperliche Genesung macht gute Fortschritte, und ich habe nie jemandem einen Grund gegeben, mich für geistig oder seelisch nicht gesund zu halten.«
»Ich weiß, dass Sie mir nicht glauben, aber im Moment sind Sie kaum in der Lage, das zu beurteilen. Haben Sie es nicht so eilig, in Ihren Job zurückzukehren, Kate. Viele Polizisten wünschen sich hinterher, sie hätten sich etwas mehr Zeit gelassen. Sorgen Sie dafür, dass Sie sich alle Zeit nehmen, die Sie brauchen.«
»Ich versichere Ihnen, dass ich mit dem, was passiert ist, vollkommen im Reinen bin.«
»Eine Menge Polizisten – viel zu viele von euch – denken, sie seien mit allem im Reinen.«
Calla Dearborn legte ihren Stift hin und rieb sich die Augen. Sie hob dabei mit den Fingerspitzen die Brille an. »Wissen Sie, wie viele von euch Selbstmord begehen?«
Kate schluckte ihren Zorn hinunter, ehe sie düster antwortete: »Ich bin schon bei vielen Polizeibegräbnissen gewesen.«
»Jährlich vier bis sechs von euch.«
Kate fragte sich, ob einige der letzten vier bis sechs bei Calla Dearborn gewesen waren. Und ob Schwule oder Lesben darunter waren …
Dearborn sagte müde: »Ihr bringt euch selber schneller um, als die Verbrecher auf den Straßen euch erschießen können. Dies ist einer der Berufe mit dem höchsten Stressfaktor in der Welt, und Sie, Sie arbeiten in diesem Beruf an der Stelle, wo der Stress am allergrößten ist –«
»Ich weiß nicht, wie Sie das sagen können. Ich habe keineswegs den Job in der Schusslinie«, hielt ihr Kate entgegen. »Ich führe Verhaftungen durch, aber bei einer Verhaftung angeschossen zu werden – das ist wirklich die Ausnahme. Ich muss mich in keinen bewaffneten Bandenkrieg stürzen, ich muss keine Notruf-Einsätze durchführen, keine zusammengeschlagenen Frauen auflesen. Ich höre keine Schreie. In den Fällen, in denen ich ermittle, sind die Opfer tot.«
»Genau, Sie brauchen sich ja nur Leichen anzusehen wie die, die Sie vorhin beschrieben haben. Sie brauchen ja nur vor Schmerz halb wahnsinnige Menschen zu vernehmen – die Eltern, Ehefrauen, Ehemänner, Kinder –«
Zu Kates Erleichterung summte Calla Dearborns Telefon. Mit einem Ausdruck von Verärgerung riss sie den Hörer hoch, hörte aufmerksam zu und sagte: »Ich verstehe. Zwei Minuten.«
Sie legte auf und sagte leise zu Kate: »Ich fürchte, ich muss diese Sitzung vorzeitig abbrechen. Es tut mir wirklich leid, aber es lässt sich nicht vermeiden.«
»Kein Problem. Ich nehme an, es handelt sich um jemanden, der Ihre Hilfe wirklich braucht.«
Dearborn klappte die Ledermappe zu und sagte energisch: »Kate, gewöhnen Sie sich an den Gedanken: Ich werde nicht zulassen, dass Ihnen etwas zustößt, was ich mit der nötigen Zeit und Behandlung hätte verhindern können. Ich will und werde Sie nicht auf dem Gewissen haben.«
»Doktor, ich garantiere Ihnen, dass Sie mich nicht auf dem Gewissen haben werden.«
»Dann ordnen Sie das Ganze hier in dieselbe Kategorie ein wie das alljährliche körperliche Durchchecken. Alles, worum ich Sie bitte, ist die Gelegenheit, Ihre eigene Diagnose zu bestätigen.«
»Und dann kann ich wieder arbeiten gehen?«
»Und dann können Sie wieder arbeiten gehen.«
4. Kapitel
Die Santa Ana-Winde, die aus der Wüste herüberwehten, hatten die Temperatur auf achtundzwanzig Grad ansteigen lassen, ungewöhnlich warm für Anfang Februar, wie die Los Angeles Times kommentierte. Kate wusste es besser. Eine besonders denkwürdige Ermittlung in einem Hochhaus nahe der Wilshire Avenue, von ihrem früheren Einsatzpartner Ed Taylor ›unser Amateurmord‹ getauft, hatte diese Jahreszeit für sie geprägt. Seitdem hatte jeder Februar mit denselben »ungewöhnlich warmen« Santa Ana-Winden aufgewartet.
Kate hatte die Autofenster heruntergekurbelt, um die heißen, trockenen Böen in den Wagen zu lassen, als sie von der Melrose Avenue in die Kings Road einbog. Sie bremste ab und ließ den Saturn langsam rollen, um sich an der verschwenderischen Baumpracht zu weiden – Dattelpalmen und Fächerpalmen, Silberpappeln, Lorbeer und Pinien, hin und her gebogen vom Wind, der sie wegriss von den Eigentumswohnungen, denen sie gewöhnlich Schatten spendeten. Die vielen Abstufungen an Grüntönen auf diesem besonders breiten Teil der Straße waren einer der Hauptgründe gewesen, warum sie Aimee zugestimmt hatte, hier eine Wohnung zu kaufen, und wenn die zwei- und dreistöckigen Häuser auch nicht in dieselbe Liga gehörten wie die dezenten teuren Bauten entlang des Burton Way, war diese Straße doch so etwas wie eine Oase in einer Stadt, wo die Mehrheit aller Gebäude der erbarmungslosen Sonne ausgeliefert dastand.
Nach fast zwei Jahren fand sie ihr unprätentiöses zweistöckiges weißes Stuckhaus immer noch sehr annehmbar: seine dunklen Holzleisten und die großen Fenster, in die das durch die Bäume schimmernde Licht fiel; die Balkone, kunstvoll zurückgesetzt und vor neugierigen Blicken geschützt; der Garten vorn, strotzend vor roten, rosafarbenen und weißen Fleißigen Lieschen. Sie drückte die Fernbedienung für die Schiebetür zur Garage und dachte, dass sie damals zwar gern in Glendale und Santa Monica gelebt hatte, dass West Hollywood aber wie geschaffen für sie war.
Dann fuhr sie in die Tiefgarage und sah, dass sie an diesem frühen Freitagnachmittag am Ende einer Arbeitswoche nicht als Erste zu Hause war: Aimees roter Ford Escort stand auf einem der beiden Parkplätze, die ihrer Wohnung zugeteilt waren.
Kate betrat das Apartment und ging sofort in die Küche, weil sie wusste, dort würde Aimee sein. Wenn sie zu Hause arbeitete, setzte sich Aimee mit ihren juristischen Unterlagen am liebsten an den Küchentresen, statt den Schreibtisch im kleinen Arbeitszimmer zu benutzen.
In einem blauen T-Shirt, das ihr knapp über die Oberschenkel reichte, saß Aimee auf einem Barhocker, die Tür zum Esszimmerbalkon geöffnet, um den warmen Tag hereinzulassen.
Die Finger auf der Tastatur des Laptops vor ihr, aber den Blick prüfend auf Kates Gesicht und die Schlinge um ihren linken Arm gerichtet, sagte Aimee: »Ich habe Lou klargemacht, dass er mich gehen lassen muss, wenn er das hier erledigt haben will. Du bist früh zu Hause.«
»Sie musste die Sitzung vorzeitig abbrechen.«
»Also hat der dürre kleine gefühlsduselige Hohlkopf sich als Frau entpuppt.«
»Eine wirklich einschüchternde Afroamerikanerin, ungefähr eins achtzig groß.« Kate ging zu ihr und küsste ihren Scheitel. »Sie hat vor, mich an den Füßen aufzuhängen und mein Innerstes aus mir herauszuschütteln, ehe ich wieder arbeiten darf.«
»Klingt ja, als sei sie dafür gut gerüstet. Ist sie richtig furchtbar?«
Kate legte die Umhängetasche auf dem Frühstückstresen ab. »Sie verspricht eine gewaltige Nervensäge zu werden. Sie versteht meinen Standpunkt überhaupt nicht. Eine Psychologin – genauso gut kannst du versuchen, einer Beutelratte einzureden, dass manche Dinge besser nicht ausgebuddelt werden sollten.«
Aimee grinste, dann sagte sie ernst: »Schatz, vielleicht hat sie im Moment mehr Durchblick als du. Vielleicht ist es gut, dass sie dich unter die Lupe nimmt. Schließlich ist der menschliche Geist ihr Fachgebiet –«
»Meins auch«, sagte Kate verärgert. War es denn zu viel verlangt, wenigstens an der Heimatfront auf etwas Zuspruch zu hoffen? Sie entfernte die Schlinge um ihren linken Arm, zuckte vor Schmerz zusammen und tadelte sich dafür, ihn verursacht zu haben. Behutsam pellte sie sich aus ihrer Jacke. »Die Menschen, mit denen ich zu tun habe, sind in einem Zustand, den Calla Dearborn sich nicht mal ansatzweise vorstellen kann.«
»Das ist nicht fair«, sagte Aimee und kletterte vom Hocker, um Kate zu helfen. »Die Menschen, die sie behandelt, leiden entsetzlich.« Sie fügte hinzu: »Interessanter Name. Calla, wie die Lilie.«
Während sie den gesunden Arm aus der Jacke zog, sagte Kate sarkastisch: »Und Dearborn, wie der Vorort in Detroit, wo Menschen ihrer Hautfarbe nicht hinziehen dürfen.«
»Im Ernst? Wieso organisiert Farrakhan da nicht eine seiner Million Man-Demonstrationen?«
»Das sollte er. All das heuchlerische Getue über Länder wie Bosnien – schlimm genug, dass in unserem eigenen Land Menschen nicht leben können, ohne Bomben oder Schüsse aus vorbeikommenden Autos fürchten zu müssen.«
»Schlimm genug, mit einer Frau zu leben, die von einem vorbeikommenden Polizisten beschossen wurde.« Sie sah Kates Gesicht und hob beide Hände: »Hey, sollte ein Witz sein.«
Aber die Anspielung machte Kate rasend. »Von wegen«, schnappte sie. »Ich weiß nicht, warum du nicht kapieren willst, dass das ein Unfall war.«
»Natürlich kapiere ich das. Was ich nicht kapiere, ist, wieso du nicht kapierst, dass ich das schlimmer finde, als wenn dich einer von deinen Verbrechern erwischt hätte.«
»Hör auf, ja?«
Aimee zuckte mit den Schultern, murmelte etwas von »keine Chance« und griff nach dem Block, der neben dem Telefon auf dem Frühstückstresen lag. »Da waren einige Anrufe für dich.«
»Torrie?«
»Nein.« Aimee riss die oberste Seite vom Block. »Louisa von der Versicherung wegen einer zurückgekommenen Krankenhausrechnung –«
Kate stöhnte.
»– und ein Typ namens …« Sie schaute auf das Blatt. »Luke Taggart.«
»Luke Taggart?«
Überrascht sah Aimee nochmals prüfend auf das Blatt. »Ja. Luke Taggart. Der Name hört sich vertraut an. Sollte ich ihn kennen?«
»Was zum Teufel wollte der denn?«
»Hat er nicht gesagt. Wer ist das?«
»Ein Cop. Ein übler Cop, der einen unbewaffneten Verdächtigen in eine Sackgasse gejagt und erschossen hat.«
»Ach, jetzt erinnere ich mich, das war kurz nach Neujahr –«
»Noch ein mieser Cop«, schimpfte Kate. »Und noch mehr Zeitungsmeldungen über verkappte Nazis im Polizeidienst – genau was wir zur Zeit brauchen können.«
»Was will er von dir? Er ist nicht mal in deiner Abteilung, oder?«
Kate schüttelte den Kopf. »Hollywood. Er ist natürlich vom Dienst suspendiert. Bis er verurteilt ist und gefeuert wird. Keine Ahnung, was er von mir will.« Oder wie er ihre Privatnummer herausgefunden hatte. Wahrscheinlich irgendwelche undichten Stellen – wenn sie wieder zur Arbeit ging, würde sie dafür sorgen, dass diese Stelle dicht gemacht wurde.
»Also ruf ihn zurück.«
»Auf gar keinen Fall.«
»Bist du kein bisschen neugierig?«
»Ich will nichts mit ihm zu tun haben. Alles, was ich im Moment will, ist, mir ein Paar Shorts zu schnappen.«
»Verflixt, was für ein Pech, dass ich gerade keine anhabe«, sagte Aimee und lugte verschmitzt auf ihre nackten Beine.
Der Scherz vertrieb Kates schlechte Laune. Lächelnd sah sie auf Aimees Computermonitor. »Woran arbeitest du?«
»Immer derselbe alte Kram.« Aimees schmale Schultern hoben und senkten sich in müder Resignation. »Der Fall, der halb Los Angeles verschliss. Ich muss das Zeug bis halb fünf per E-Mail ins Büro schicken. Du kennst also diesen Taggart?«
»Nur vom Sehen.« Konnte Aimee nicht ein Mal etwas auf sich beruhen lassen? »Erinnerst du dich an die Ferrera-Beisetzung?«
Aimee schüttelte den Kopf. »Du warst bei so vielen.«
Aus Aimees Perspektive war eine schon zu viel. Polizeibegräbnisse waren die alptraumhafte Mahnung daran, was wie ein Damoklesschwert über dem Kopf aller Polizisten hing, Kates Schulterwunde ein handfester Beleg dafür. Aber für Kate bedeutete jede Beisetzung den Verlust eines Mitglieds ihrer Polizeifamilie, das begleitende Ritual war quälend, aber notwendig. Riegen von stillen, feierlich ernsten Polizisten in Uniform, sämtliche hohen Tiere bis zum Polizeichef anwesend, Reihen von Polizisten auf Motorrädern, das Aufheulen der Motoren, als könnten sie die Himmelspforten aufsprengen. Die Klagelaute der Dudelsackpfeifer, das reiterlose Pferd, das tragische Hornsignal des Zapfenstreichs, die Ehrengarde mit ihren weißen Hüten und weißen Handschuhen, Gewehre im Anschlag, bereit für den letzten Salut, die Flagge, die vom Sarg gezogen, gefaltet und einer jungen Familie übergeben wurde, die allem mit so starren und fassungslosen Blicken beiwohnte, als habe man ihnen eine Axt übergezogen …
Kate schaute durch die Balkontür hinaus ins schimmernde Sonnenlicht und sagte: »Bei der Beisetzung zeigte Torrie mir diesen Riesenkerl und sagte, es sei Luke Taggart, Tony Ferreras Partner in der Nacht, als er starb.«
»Himmel. Taggart war verantwortlich?«
»Nicht dass ich wüsste. Ferrera hat es außerhalb der Dienstzeit erwischt, bei einem missglückten Überfall auf ein Spirituosengeschäft. Alles, was ich weiß, ist, dass jeder, der irgendwie mit Luke Taggart zu tun hat, am Ende … Ich weiß nicht, er ist einfach ein unangenehmer Zeitgenosse. Damals in Vietnam hätten wir ihn einen shitbird genannt. Seine Beförderung stand nie zur Debatte, und er sitzt schon ewig in Hollywood fest.« Sie wechselte das Thema. »Torrie hat nicht angerufen?«
Aimee schüttelte den Kopf. »Kate, Schatz, deine Leute versuchen dich wissen zu lassen, dass du es ruhig angehen sollst, bis du wieder ganz auf dem Damm bist.«
»Ich bin auf dem Damm. Ich habe Ermittlungen laufen –«
»Um die sich längst jemand kümmert.«
Nicht auf dieselbe Art, wie ich mich darum kümmern würde. »Ich könnte problemlos eine Ermittlung leiten.«
»Nun mach dich nicht lächerlich.«
»Lass uns nicht streiten, okay?«
»Wer streitet denn? Hast du noch nicht verstanden, warum Torrie nicht anruft? Das ist doch wirklich leicht zu begreifen.«
Kate war sich der Irrationalität ihres Verhaltens durchaus bewusst, als sie spürte, wie Zorn in ihr hochstieg: Aimee war nicht abfällig, Aimee war einfach Aimee. Und trotzdem sagte Kate: »Warum formulierst du es nicht in simplen kleinen Sätzen, damit mein simpler kleiner Verstand es erfassen kann?«
Aimees veilchenblaue Augen verdunkelten sich, aber ihr Ton blieb gelassen. »Torrie weiß, dass sie vielleicht diejenige war, die dich angeschossen hat. Sie weiß nicht, wie sie damit umgehen soll.«
»Hat sie dir das gesagt?«
»Das ist das, was ich denke. Das ist nichts, was sie mir jemals sagen würde.«
»Tja, ich finde das lächerlich. Sie hat schon genug bezahlt – ein offizieller Verweis für unvorschriftsmäßige Handhabung der Dienstwaffe während einer Festnahme.«
Aimee schüttelte den Kopf, als versuchte sie, ein Klingeln im Ohr loszuwerden. »Das ist verrückt. Ihr habt Regeln, die sind so verrückt wie die beim Militär.«
»Wir sind das Militär«, sagte Kate ungeduldig, dann ließ sie ihre Stimme weicher werden. »Jedenfalls so gut wie. Die Regeln und Vorschriften sind fast identisch.«
Polizeidienststellen wurden nach militärischem Vorbild aufgezogen. Auch die höheren Ränge – Sergeant, Lieutenant, Captain – waren nicht zufällig so gestaffelt.
Aimee sagte: »Wie würdest du dich fühlen, wenn du in Torries Haut stecken würdest? Wie würde es dir gehen, wenn du Torrie angeschossen hättest?«
»Wäre nicht passiert.«
»Wie meinst du das?«
»Ich meine, dass mir das einfach nicht passieren würde. Ich hätte meine Waffe auf diesem Gang nie abgefeuert, es sei denn, ich hätte Crockett genau im Visier gehabt.«
»Himmel noch mal, Kate. Wenn sich alles im Bruchteil einer Sekunde abspielt? Woher willst du wissen, was du getan hättest?«
»Ausbildung.«
»Ausbildung? Du hast nicht mal die Polizeiakademie absolviert –«
»Okay, schlechte Wortwahl. Erfahrung. Disziplin.«
Aimee sagte ungläubig: »Hätten Torrie und die anderen beiden gewartet, bis sie Crockett im Visier hatten, hätte der Mann dich vielleicht erschossen.«
»Stimmt nicht. Jemand hätte ihn erwischt. So ist eine solche Aktion aufgebaut, deshalb gibt es Verstärkungstruppen und Teamwork. Wir sind wie Soldaten im Schützengraben. Eines wissen wir genau – wir können uns auf die, die uns Rückendeckung geben, absolut verlassen.«
Aimees Kommentar erschöpfte sich in einem kurzen Kopfschütteln.
Kate sagte mit Entschiedenheit: »Ich hätte nie im Leben einen Kollegen oder eine Kollegin angeschossen.« Dann ging sie ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen.
Nie im Leben, dachte sie, während sie weiße Shorts aus der Kommodenschublade zog. Ich hätte auf diesem Flur nie einen Schuss riskiert, ohne die Waffe mit beiden Händen zu stabilisieren, und bestimmt nicht mit irgendjemand anderem als dem Verdächtigen in der Schusslinie. Was ihr an Erfahrung auf der Straße fehlte, holte sie durch konzentrierte Trainingsstunden auf dem Schießstand und völliges Aufgehen in ihrem Beruf wieder heraus. Als sie zur Polizei kam, kannte sie sich durch ihre Jahre beim Militär bereits mit Taktik aus, und sie hatte bei jeder Schusswechsel-Auswertung, jeder Analyse, was schiefgelaufen war und wie es zu toten Verdächtigen und toten Cops hatte kommen können, dazugelernt. Sie war eine verdammt gute Schützin; sie wusste, was ihre Waffe konnte und was nicht; sie handhabte sie mit Sachverstand und der richtigen mentalen Haltung.
Zivilisten waren schlimmste Amateure. Sie glaubten, sich bewaffnen hieß sich schützen, wenn sie sich in Wahrheit doch nur größeren Gefahren aussetzten. Ein Zivilist, der eine Waffe zückte, unterschied sich keine Spur von jemandem, der beim Brand in seiner Wohnung einen Feuerwehrlöschzug kommandieren will ohne einen Schimmer davon, wie man einen Schlauch bedient oder einen Brand bekämpft.
Das korrekte Verhalten in einem Notfall musste vorprogrammiert sein, tief verinnerlicht, musste auf Wissen basieren und auf reiner Disziplin.
Sie zog ein Trägershirt über und ging ins Wohnzimmer. Ihre Haut prickelte von der trockenen Hitze. Die starken Winde rüttelten an den Palmen, Aimees Tastatur klickte tack-tack-tack zur Begleitung. Kate blieb stehen, um das graue Fell von Miss Marple zu zausen, die sich wie gewöhnlich auf ihrem Lieblingssessel zusammengerollt und die weißen Pfoten über die Augen gelegt hatte. Die aufgeschreckte Katze packte Kates Hand und leckte dann ihre Fingerknöchel.
Kate zog ihre Hand zurück und sagte leise: »Ich wette, du hattest einen besseren Tag als ich.« Sie fuhr fort: »Und Aimee.«
Sie war in letzter Zeit ziemlich hart mit Aimee umgesprungen. Ihr platzte allzu schnell der Kragen. Vielleicht war sie ja gereizter, als ihr klar war. Vielleicht war ja was dran an Calla Dearborns Ausführungen über die Reaktion auf Stress und Belastung. Oder vielleicht war es der Teufel, der auf den Santa Ana-Winden in die Stadt ritt.
»Schatz«, rief sie. »Was hältst du davon, wenn wir ein paar Tage wegfahren? Vielleicht sogar eine ganze Woche?«
Das tack-tack-tack hörte auf. »Du machst Witze, oder?«
»Du bestimmst, wohin es geht.« Kate schlenderte ins Esszimmer und blieb an der Balkontür stehen, genoss das Sonnenlicht auf ihren nackten Beinen. Dann näherte sie sich von hinten Aimee und legte ihren guten Arm um ihre Schultern, vergrub ihr Gesicht in Aimees Haar. »Du beschwerst dich doch immer über meine Gerichtstermine, die uns die Ferien verderben. Jetzt hast du deine Chance.«
»Dein Timing ist unnachahmlich«, sagte Aimee, angespannt in Kates Armen. »Der Acme-Fall kommt in einem Monat zur Verhandlung, und das weißt du auch. Zwölfstundentage, Wochenenden – ich kann nirgendwohin fahren.«
Kate ließ sie los und ging in die Küche. »Für Cocktails ist es wohl noch zu früh. Willst du ein Bier?«
»Hm-mm«, sagte Aimee abwesend, schaute dabei auf ihren Monitor. Kate nahm ein Foster’s aus dem Kühlschrank und machte die Flasche auf.
Das Telefon klingelte. Aimee, immer noch auf den Computerbildschirm konzentriert, tastete nach dem Hörer. Kate stellte ihr Bier hin und nahm ab. »Kate Delafield«, sagte sie automatisch.
»Detective Delafield«, sagte eine autoritäre Männerstimme. »Ich habe offiziell darum ersucht, Sie bei meiner Anhörung vor dem Board of Rights als Beamtenvertreterin zu meiner Verteidigung abzustellen.«
Sie zog eine Grimasse in Richtung Aimee, die sie fragend ansah, dann sagte sie ins Telefon: »Officer Luke Taggart, nehme ich an.«
»Das nehmen Sie richtig an.«
Kate schloss die Augen. Was zum Teufel war in der Kugel drin, die mich getroffen hat? Warum gerät mein Leben so urplötzlich aus der Bahn und nimmt direkten Kurs auf die Hölle?
5. Kapitel
Ein wenig von der Straße zurückgesetzt und knapp über Gehsteighöhe hatte Venetio’s ein halbes Dutzend Tischchen auf eine verwitterte graue Bretterplattform gestellt, von der man die Autos auf dem Santa Monica Boulevard und die vorübergehenden Fußgänger betrachten konnte. Es war ruhig in diesem Restaurant in West Hollywood; die Mittagsgäste waren schon wieder abgezogen.
Ein kleiner, tief gebräunter Mann, dessen schwarze Hose und T-Shirt unter einer weißen Schürze verschwand, hievte ein großes Tablett mit schmutzigem Geschirr auf die Schulter und hielt dann inne, um Taggart mit erhobener Augenbraue zu beäugen. »Setzen Sie sich, wohin Sie wollen«, sagte er und enteilte in die Küche.
»Einverstanden, dass wir uns nach draußen setzen?«, fragte Luke Taggart Kate.
»Wie Sie wollen«, sagte sie knapp. Sie würde kurzen Prozess mit diesem dreisten Kerl machen und dafür nur minimalen Aufwand betreiben.
Taggart ging mit großen Schritten auf die Terrasse und machte es sich auf genau dem Stuhl bequem, den Kate für sich selbst gewählt hätte, mit direktem Blick auf die Straße und das Treiben dort. Seine lässige Haltung vermittelte den Eindruck völliger Entspanntheit. Kate nahm ihm und sich selbst krumm, dass sie ihre Rückendeckung einem Mann überlassen musste, den sie nicht kannte und dem sie nicht traute, musste sich aber eingestehen, dass in diesem Teil der Stadt die einzige Gefahr für sie Männer waren, die sie beiseiteschubsten, um sich ihren Begleiter genauer anzusehen – ein Gesicht, das in einen Harte-Kerle-Actionfilm passte, und ein Paar Schultern, wie man sie sonst auf dem Football-Feld zu sehen bekam. Sie deponierte ihre Umhängetasche am Stuhl ihm gegenüber und ließ sich wegen ihrer Armschlinge etwas unbeholfen nieder.
»Ich habe Anspruch darauf, Detective«, sagte Taggart grimmig und legte zwei glatte Riesenhände flach vor sich auf den Tisch. »Sie kennen die Vorschriften.«
»Ich habe keine Unklarheiten bezüglich Ihrer Rechte oder der dienstlichen Vorschriften, Taggart. Aber das ist doch verrückt. Wir haben eine ganze Abteilung voller Beamtenvertreter, die auf das spezialisiert sind, was Sie von mir verlangen. Sie kennen mich nicht mal.«
»Ich weiß von Ihnen, was die meisten Cops wissen. Ich kenne Ihren Ruf.«
»Und ich Ihren«, sagte Kate scharf.
»Beleidigungen werden Sie nicht weiterbringen«, sagte Taggart, und sein verdrießlicher Gesichtsausdruck erhellte sich etwas, fast wirkte er amüsiert.
Kate musterte sein breites, slawisches Gesicht, die Schwarzenegger-Wangenknochen und die blasse Hautfarbe, die Stoppeln auf Wangen und Kinn, eine Spur dunkelblonder als das Haar auf seinem Schädel, das auf einen Zentimeter Länge geschoren war. Seine grünblauen Augen registrierten ihre unverhohlen abschätzigen Blicke mit kühler, reservierter Distanz.
Sie sagte: »Mir ist unklar, warum Sie eine Verteidigerin wollen, die das nicht tun will.«
»Ich habe einen Zettel aus einem Hut gezogen, und Ihr Name stand drauf.«
Kate seufzte. Dickfelligkeit bei einem Gegner war immer der steinigste Pfad; man konnte so gut wie keinen Druck ausüben. Bisher hatte Luke Taggart sich als Inbegriff der Dickfelligkeit erwiesen, angefangen bei seinem Telefonanruf und der Bitte um ein unverzügliches Treffen – die Wahl des Ortes läge bei ihr. Sie hatte sein Entgegenkommen sogleich auf die Probe gestellt und dieses Lokal in dieser Gegend genannt. Die meisten männlichen Polizisten würden, wenn sie nicht gerade im Dienst oder in Uniform waren, einen großen Bogen um Boys’ Town machen und auf einem anderen Treffpunkt bestehen. Aber Taggart hatte mit einem knappen »Schön« zugestimmt. Bisher hatte sie nicht den Eindruck, dass Taggart schwul war, sie hatte auch nie etwas Dahingehendes gehört, und sie war dank der Gerüchteküche immer auf dem Laufenden, was diese spezielle Kategorie von Klatsch und Tratsch anging. Wenn der Gleichmut gegenüber seiner Umgebung hier gespielt war, dann war er ein guter Schauspieler.
Die Speisekarten in der Hand tänzelte der Kellner heran und kam neben Taggart zum Stehen.
»Nur einen Eistee«, sagte sie. Sie würde Taggart eine Frist von einem Drink geben, um zur Besinnung zu kommen und aus ihrem Leben zu verschwinden sowie aus dem für ihn sicher fremdartigen Territorium West Hollywood.
»Cola mit ganz viel Eis. Vielen Dank.« Taggart schien nicht zu bemerken, dass die klaren blauen Augen des Kellners seine Bizepse verschlangen, die durch das kurzärmelige weiße Baumwollhemd gut zur Geltung kamen. Taggart sah zu, wie ein verbeulter roter Kleintransporter sich von Fehlzündung zu Fehlzündung den Santa Monica Boulevard entlangquälte.
Während der Kellner nickte und davonging, bemerkte Kate, dass Taggart zum weißen Hemd eine dunkelblaue Baumwollhose trug – und Ledersandalen, kreuz und quer mit kunstvollem Flechtwerk versehen. Die Sandalen passten nicht zur Hose, nicht zum Hemd und nicht zu Taggart. Nichts an diesem seltsamen Mann schien richtig zusammenzupassen. Bis jetzt mochte sie nichts an ihm. Er war nichts als ein großer Fremdkörper, der sich in ihr Leben gedrängt hatte, und sie wollte weder etwas von ihm noch irgendetwas über ihn wissen.
»Warum haben Sie mich angerufen?«, fragte sie.
»Ich bin reingelegt worden«, sagte er.
Es gelang ihr, weder zu schnauben noch die Augen zu verdrehen. Das reinste Unschuldslamm, genau wie all der andere Abschaum, der sich in den Fängen der Justiz anfand.
»Der Verdächtige, dem ich in die Apparition Alley gefolgt bin, war ein Drogenabhängiger. Er hatte eine Waffe – eine Zweiundzwanziger, würde ich sagen – auf eine Frau gerichtet, die er hinter sich herzog. Der Mann, der erschossen wurde, war ein anderer, den ich nie zuvor gesehen habe.«
Apparition Alley? Gasse der Erscheinung? Eine neue und andere Leiche? Sie schüttelte den Kopf. Das war pures Seemannsgarn, so dick wie nur je bei den unzähligen Verhören, die sie durchgeführt hatte. Sie kam gleich zur Schlüsselfrage: »Warum sind Sie solo losgezogen? Wo war Ihre Verstärkung?«
»Ich wusste, dass ich allein mit dem Typ fertig werden konnte.«
Noch so ein Cowboy-Cop mit seinem persönlichen Regelkatalog. »Das verstößt vollkommen gegen die Vorschriften«, sagte sie.
»Halten Sie sich immer strikt an die Vorschriften, Detective? Weichen nie davon ab, lassen nie Ihr eigenes Urteilsvermögen ins Spiel kommen?«
Kate schaute ihn an, fand dieses vielleicht unbeabsichtigte Dahinschwinden seines Macho-Gehabes spannend. Sie sagte: »Hier geht es nicht um mich. Es geht nicht darum, was ich tun oder lassen würde.«
Die leichte Bewegung seiner wuchtigen Schultern war fast ein Achselzucken, aber nur fast. »Lassen Sie es mich so ausdrücken. Ich habe gelernt, die meisten Dinge ganz gut allein zu regeln.«
»Diese Angelegenheit haben Sie aber überhaupt nicht gut geregelt.« Seine imposante körperliche Präsenz mochte ihm einen Vorteil verschaffen, da sie ihm mehr Autorität als anderen Polizeibeamten verlieh. Mehr aber auch nicht. Unbesiegbarkeit war etwas für Comic-Hefte; darauf zu bauen, zeugte von einer Arroganz, die einen zwangsläufig in Schwierigkeiten brachte.
»Dann lassen Sie es mich anders ausdrücken«, sagte Taggart lässig. »Ich habe mir im Laufe der Zeit Feinde gemacht.«
»Haben wir das nicht alle. Was hat das mit der jetzigen Situation zu tun?«
»Es hat mit Ihrer Frage nach der Verstärkung zu tun.«
»Wollen Sie mir vielleicht erzählen, dass niemand kommt, wenn Sie Verstärkung anfordern?«
Seine Schultern bewegten sich wieder, diesmal als Ausdruck von Ungeduld über eine Frage, auf die sie die Antwort kannte. »Natürlich nicht. Aus Rodney King haben selbst die größten Schwachköpfe gelernt, dass alles, was über MDT läuft, aufgezeichnet wird. Keine Chance, so was zu vertuschen.«
Sie nickte. Nach dem Rodney King-Verfahren hatte die Abteilung Internal Affairs eine Reihe von Streifenpolizisten verhört, und zwar bezüglich rassistischer Bemerkungen, die über ihre Mobile Digital Terminal-Geräte aufgezeichnet worden waren.
»Verstärkung«, sagte Taggart. »Entscheidend ist, wie lange es dauert und wer kommt.«
»Sie wollen also sagen, dass man Sie da draußen am ausgestreckten Arm verhungern lässt.« Nicht, dass sie ihm automatisch nicht glaubte; sie hörte seit Jahren Gerüchte über das Zuspätkommen oder Nichterscheinen von Verstärkung als nachdrücklichen Wink, dass für den Betroffenen die Arbeit bei der Polizei nicht mehr das allergesündeste Betätigungsfeld war.
Sie konnte sich nicht vorstellen, selbst an so einer Fehde mitzuwirken – das wäre, als würde ein Soldat einen Kameraden absichtlich im Stich lassen.
Er sagte ruhig: »Ich will sagen, dass ich mir mehr Sorgen um bewaffnete Cops in meinem Rücken mache als darum, ohne Hilfe dazustehen. Genau wie Sie.«
Sie setzte sich aufrecht hin. »Wovon zum Teufel reden Sie?«
Er wies auf ihre Schulter. »Von den eigenen Leuten angeschossen, wie ich höre.«
»Ein Unfall.« Kate merkte, wie sehr sie die Stimme erhoben hatte, als eine Frau in ausgebeulten Gymnastikhosen und schwarzer Lederjacke auf der Straße stehen blieb und zu ihr hinaufblickte.
»Wie Sie meinen«, sagte Taggart lässig. »Glauben Sie, was Sie wollen, wenn Sie sich damit besser fühlen.«
Sie rang darum, nicht in die Luft zu gehen. »Nennen Sie mir einen guten Grund, warum ich es anders sehen sollte.«
»Die Klatsch-und-Tratsch-Abteilung.«
»Können Sie etwas deutlicher werden?«
Taggart rutschte auf seinem Stuhl hin und her. »Ich habe bei Ihnen zu Hause angerufen –«
»Woher haben Sie meine Nummer?«
»Na kommen Sie, ich bin Polizist. Bis auf weiteres jedenfalls.«
Sie antwortete nicht. Irgendjemand würde dafür zur Rechenschaft gezogen werden.
»Jedenfalls ging eine Frau ans Telefon. Und wie ich höre, geht immer eine Frau ans Telefon.«
Kate lehnte sich aggressiv über den Tisch. »Und?«
»Und so haben Sie Einzug in eine bestimmte Sektion der Klatsch-und-Tratsch-Abteilung des LAPD gehalten.«
»Und welche Sektion wäre das?« Sie beabsichtigte, jede Ecke dieses Sumpfes auszuleuchten.
»Um jemand anderen zu zitieren: die der warmen Schwestern. Gerüchte besagen, dass sich schon seit längerem eine ausgesprochen hübsche Schwester um Ihr Wohlergehen kümmert.«
Sie wollte über den Tisch greifen und ihm eine langen. »Und Ihr flinker Verstand ist zu dem Schluss gekommen, dass ich mir deswegen eine Kugel gefangen habe.«
»Ist Ihnen der Gedanke nie gekommen?«
Der Gedanke war ihr nie gekommen. Sie überspielte ihre Wut mit einem verächtlichen Achselzucken. »Was auch immer der Grund sein mag, dass ich angeschossen wurde – was hat das mit Ihnen zu tun?«
»Es ist eine Gemeinsamkeit. Ich habe mir gedacht, dass diese Erfahrung Ihnen den Blick dafür öffnet, wo ich momentan stehe.«
Also deshalb hatte er sich für sie entschieden. Der arme, törichte Scheißkerl.
Während der Kellner die Getränke servierte, musste Kate sich widerwillig eingestehen, dass sie wohl doch noch mehr Zeit mit Taggart würde verbringen müssen. Sie fragte ihn: »Sind Sie hungrig?«
»Ja, eigentlich schon.«
»Dann hol ich mal die Speisekarten«, sagte der Kellner fröhlich.
»Sagen Sie uns doch einfach, was gut ist«, sagte Taggart.
Der Kellner stützte eine Hand in die Hüfte. »Die Shrimps an Engelshaar-Pasta und die Quiche des Tages, heute mit Blattspinat.«
Taggart nickte. »Haben Sie auch Hamburger?«
»Ich bin sicher, für Sie können wir einen zaubern.« Er betrachtete Taggart bewundernd und fragte neckisch: »Möchten Sie eine bestimmte Auflage?«
»Nehmen Sie einfach, was gerade so herumliegt.«
»Wir werden besonders aufmerksam suchen. Für die Lady auch so etwas Maskulines?«
Kate konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und sagte: »Die Lady nimmt die Quiche des Tages.«
»Hoffentlich heilt der Arm bald wieder, Schätzchen«, sagte der Kellner und ging.
Kate nahm, immer noch grinsend, ihr Glas Eistee in die Hand. Sie liebte es, hier in West Hollywood zu leben. Liebte es einfach. Ein Windstoß erfasste ihre Serviette, sie griff mit der freien Hand danach und schrie auf, als ihre Schulter sie schmerzhaft an die Verletzung erinnerte. Taggart rettete die Serviette, bevor sie über das Terrassengeländer verschwinden konnte.
»Ich nehme an, Sie sind vorher noch nie angeschossen worden«, sagte er.
»Nein.« Sie biss die Zähne zusammen und wartete darauf, dass der Schmerz nachließ. »Sie?«
Taggart schüttelte den Kopf. »Nicht mal einen Knochenbruch. Viele Zerrungen, solche Sachen. Als ich noch … jünger war.«
»Football?«
»Ringen.« Als hätte er gespürt, dass sein Smalltalk-Guthaben bei ihr erschöpft war, zog er den Strohhalm aus seiner Cola und nahm das Glas in die Hand. »Also ich fuhr Streife –«
»Allein?«
»Allein.«
»Im Streifenwagen?«
»Ja. Logisch. In Uniform, mit meiner Dienstmarke am Revers.« Taggart nahm einen langen Schluck Cola.
Sie presste die Lippen zusammen. Sie würde erst wieder Fragen stellen, wenn es unumgänglich war.
»Es war zehn Uhr fünfzehn. Ich gab Code Sieben durch. Ich kam aus dem Burger King auf dem Hollywood Boulevard, und da waren sie, zwei strohdumme Kerle in Kapuzenshirts, die in aller Öffentlichkeit einen Deal abzogen, ziemlich große Sache für diesen Teil der Stadt – eine Tüte so groß wie eine Büchertasche, vollgestopft mit Pillen in allen Regenbogenfarben. Sahen mich und rannten wie die Hasen.« Taggart trank noch mehr Cola. »Sie trennten sich natürlich. Klare Entscheidung – ich folgte natürlich dem Typ mit der Tüte. Er rennt also die Stewart runter Richtung Wheeler, ich brülle die ganze Zeit, er soll stehen bleiben oder ich schieße.« Er zuckte bescheiden mit den Schultern. »Ich bin wirklich gut in Form, aber der Kerl war der reinste Carl Lewis. Einen halben Block vor der Wheeler entdecke ich ihn an der Apparition Alley, er packt diese Frau mit dem Schleier –«
»Schleier?«
»Ja, Schleier und Sari, dieses indische Zeugs.«
Kate schüttelte den Kopf.
»Er richtet seine Waffe auf mich. Mit einem Hechtsprung verschwinde ich hinter einer Palme. Er zerrt die Frau in die Apparition Alley –«
»Warten Sie.« Sie hatte sich geschworen, ihn nicht zu unterbrechen, aber das hier war wie absurdes Theater. »Was zum Teufel ist die Apparition Alley?«
Taggart nickte, als sei dies eine Frage, die zu beantworten er genoss. »Ein Höllenloch. Eine Sackgasse, zwischen zwei Gebäuden direkt an der Wheeler gelegen. Schmal, vielleicht zehn Meter lang, schwarze Wände, selbst im Tageslicht noch dunkel. Nachts checke ich bei jeder Runde alles mit dem Scheinwerfer ab. Nur Fixer gehen da rein, echte Desperados. Ich ziehe ständig Leute mit Überdosis raus, Weihnachten hab ich da eine Leiche gefunden. Dient auch als Abladeplatz – ein paar Latinos letztes Jahr, wahrscheinlich mexikanische Mafia, durchlöchert wie Zielscheiben auf dem Schießstand. Drei andere Typen, die zu Hackfleisch geschlagen wurden, letzten Monat ein Neunzehnjähriger, der seinen Schwanz nicht mehr von einem Blumenkohl unterscheiden konnte. Es ist ein Totenacker, fast rechnet man dort damit, Geister zu sehen. Apparition Alley ist der richtige Name für dieses Loch.«
Seine Beschreibung beeindruckte sie. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass einer dieser Geister ein toter Mann war – mutmaßlich von dem Polizisten, der ihr gegenübersaß, ohne triftigen Grund erschossen.
»Also, was passierte dann mit diesem Kerl und der indischen Frau?«
Taggart presste die Lippen zu einer dünnen, geraden Linie zusammen. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«
Sie schüttelte den Kopf. Sie fand, dass Taggart geistig vollkommen gesund aussah. Das taten allerdings die meisten Bewohner von Wolkenkuckucksheim – Spinner, darunter auch ein paar richtig üble oder unsäglich faule Polizeibeamte, die durch Auftritte vor Gericht gelernt hatten, völlig glaubwürdig zu wirken. »Gehen wir noch mal einen Schritt zurück«, sagte sie. »Dieser Mann, den Sie verfolgen, zerrt eine indische Frau in eine Sackgasse. Wie weit waren Sie zu diesem Zeitpunkt von den beiden entfernt?«
»Einen halben Block.«
»Aus dieser Entfernung konnten Sie erkennen, dass es sich noch um den Kerl handelt, den Sie verfolgen?«
»Klar. Das Kapuzenshirt, die Tüte in der Hand.«
»Und das konnten Sie aus dieser Entfernung erkennen?«
»Ja doch. Wenn Sie mir nicht glauben, lasse ich meine Augen untersuchen.«
»Haben Sie das Gesicht der betreffenden Person gesehen?«
»Nicht sehr viel davon, wegen der Kapuze.«
»Die Kapuze fiel nicht nach hinten, als er spurtete wie Carl Lewis?«
»Nein. Da war so eine Kordel zum Zuziehen dran. Ich konnte sehen, dass er einen Schnurrbart hatte.«
»Was war er für ein Typ, welche Hautfarbe hatte er?«
»Auf dem Hollywood Boulevard dealen in erster Linie weiße Jungs.«
Kate sagte beharrlich: »Sie sagen also, er war weiß –«
»Denken Sie, ich habe das erfunden? Er war weiß.«
»Ganz ruhig, Taggart. Ich versuche nur, einige Dinge klarzustellen. Haben Sie nicht gesagt, Sie ziehen Latinos aus der Apparition Alley?«
»Ich sagte, dass ihre Leichen dort abgeladen werden.«
»Dieser weiße Mann zerrt also die indische Frau hinter sich her, er hat jetzt auch eine Waffe. Wo ist die Tüte?«
»Immer noch in seiner Hand. Er hat der Frau den Arm um die Kehle gelegt –« Taggart demonstrierte es, legte seinen rechten Arm angewinkelt vor sich. »Er zieht sie rückwärts, die Tüte in derselben Hand.«
»Also reden wir hier über einen Linkshänder.«
Er schaute sie an.
»Wenn die Waffe in seiner linken Hand ist –«
»Ja, verstehe, was Sie meinen. Ja, ich schätze, Sie haben recht.«
»Wie groß soll der Mann gewesen sein?«
»Groß, gut eins achtzig, und dünn.«
»Und die Frau?«
»Vielleicht eins fünfundsechzig.«
»Körperbau?«
»Mittelschwer.«
»Nicht gerade eine Feder.«
»Schon. Aber wenn der Typ auf Drogen ist –«
Sie nickte. Speed, Crack, Smack – die Straßen dieser Stadt waren dem Krieg immer ähnlicher geworden, den sie vor zwei Jahrzehnten als Marine Corps Officer in Vietnam erlebt hatte. Die heutigen Gegenspieler hatten denselben Zugang zu Feuerkraft und starken Drogen, die total enthemmend wirkten. »Okay, Sie sehen also, wie dieser Mann die Frau in die Apparition Alley zerrt. Was genau haben Sie dann getan?«
»Ich habe ihm zugebrüllt, er solle die Waffe fallen lassen, es gebe keinen Ausweg.«
»Irgendeine Reaktion?«
»Nein. Also habe ich meine Waffe gezogen und bin ihnen gefolgt.«
Sie musterte ihn, versuchte abzuschätzen, ob dieses Verhalten auf Mut gegründet oder dieser Mann einfach ein leichtsinniger Tölpel war. Sie erinnerte sich, wie ihr einstiger Partner Ed Taylor einmal gegrummelt hatte: »Man muss schon eine Schraube locker haben, um diesen Beruf auszuüben. Soldaten müssen Befehle befolgen, aber wir Idioten spazieren immer genau da rein, wo jeder gesunde Zivilist schreiend weglaufen würde.« Um keinen Preis der Welt würde sie solo in eine dunkle Gasse marschieren, um einen Bewaffneten zu verfolgen. So einem gab man keine Chance, man riskierte nichts, sondern forderte Verstärkung an und überwältigte ihn dann mit allem, was man hatte.
Sie fragte: »Haben Sie Ihre Waffe abgefeuert?«
»Nein, das habe ich nicht.«
»Was sagt die Ballistik dazu?«
»Dass aus meiner Waffe geschossen wurde und dass sie zwei Kugeln aus der hinteren Wand geholt haben, die zu meiner Beretta passen.«
»Himmel, Taggart.«
Er sagte ganz im Bogart-Stil: »Sieht nicht gut für mich aus, was, Kleines?«
»Schmauchspuren?«
»Negativ. Sie haben mich erst einige Tage später untersucht, aber an meiner Uniform waren keinerlei Schmauchspuren.«
»Wie lautet Ihre Erklärung?«
»Ich kann nur erklären, was ich getan und was ich nicht getan habe. Ich vermute, dass die Ergebnisse der Ballistik falsch sind. Oder gefälscht.«
Sie antwortete nicht sofort. Die ausgesprochene Inkompetenz des LAPD-Labors war schon lange bekannt gewesen, bevor es durch den Simpson-Prozess öffentlich an den Pranger gestellt wurde – aber soweit sie wusste, hatte die Ballistik diesen Ruf nie geteilt.
»Gehen wir noch mal einen Schritt zurück. Sie folgten dem Mann mit der Kapuze und der Frau in die Gasse. Was haben Sie dort gesehen?«
»Eine Leiche. Männlich.«
»Woher wussten Sie, dass er tot ist?«
»Das war nicht zu übersehen. Er lag mit dem Gesicht nach oben in einer Riesenlache. In den Hals getroffen, zwei Durchschüsse. Ein Schuss hat die Jugularvene rausgehauen, der andere ging durchs Rückenmark.«
Trotz all ihrer Erfahrung war das kein Anblick, bei dem sie Zeugin hätte sein wollen. Sie baute ihm eine Brücke. »Diese Art von Wunden – hört sich nach einem Profi an.« Und ein Polizist wüsste so gut wie jeder Chirurg, wo zwei Kugeln die allergrößte Wirkung erzielten.
Er zuckte mit den Schultern. »Ja. Kann sein.«
»Sie sind anderer Meinung?«
»Ich denke, das kann sein.« Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her und sein Blick wanderte zu einem bärtigen Gespenst, das, in viele Kleiderschichten gehüllt, seinen mit schwarzen Plastiktüten behängten Einkaufswagen den Gehsteig entlangschob. Kate beobachtete den Mann ebenfalls, ein viel zu alltäglicher Anblick, einer von den vielen, die als Lumpenarmee die Straßen von Los Angeles besetzten.
»Okay«, sagte sie schließlich. »Wo waren die beiden, denen Sie in die Apparition Alley gefolgt sind?«
»Nirgends.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin verwirrt. Sagten Sie nicht, die Apparition Alley sei eine Sackgasse?«
»Das sagte ich.«
Sie redete vorsichtig weiter: »Könnte das, was Sie gesehen haben, noch eine andere Deutung zulassen?«
»Danke für Ihren Takt, Detective. Nein.«
»Hätte der Mann die Frau in eins der Gebäude neben der Apparition Alley zerren können? Sie waren ja ein ganzes Stück entfernt.«
»So weit nun auch wieder nicht. Sie sind in der Apparition Alley verschwunden. Außerdem waren die beiden angrenzenden Häuser verschlossen – zugesperrt.«
»Wie erklären Sie es sich dann?«
»Gar nicht. Das kann ich nicht.«
»War die Tüte irgendwo zu sehen?«
»Nein.«
»Irgendwelche Beweise, irgendeine Spur von den Personen, denen Sie in die Apparition Alley gefolgt sind?«
Wieder erhellte die Andeutung eines Lächelns Taggarts Gesicht. »Hat die Frau ihren Schleier fallen lassen? Nein.« Er hielt eine Hand hoch, als das Essen kam.
»Für den Gentleman«, sagte der Kellner und setzte schwungvoll einen Teller mit dem größten Hamburger, den Kate je gesehen hatte, vor Taggart ab; der gewaltige Bratling ruhte auf einem enormen Sauerteigbrötchen und war umgeben von Fritten. »Ein Stück Fleisch, passend für den Gentleman.«
»Genau meine Größe«, sagte Taggart. Der Kellner zog beide Augenbrauen in die Höhe und schaute interessiert zu, wie Taggart eine Serviette auf seinem Schoß ausbreitete.
Amüsiert beschäftigte Kate sich damit, auf dem kleinen Tisch Platz zu schaffen, während der Kellner noch Salz- und Pfefferstreuer für Taggarts Mahlzeit dazustellte, um ihr danach mit einem eleganten Schwung ihr Essen zu servieren. »Quiche für die Lady, und ich bin gleich mit frischem Eistee zurück.«
»Lieber einen Kaffee, schwarz«, sagte sie. Taggarts Geschichte nahm langsam alle Charakteristika eines Falles an, und sie brauchte ihren üblichen Kraftstoff. Als der Kellner verschwunden war, fragte sie Taggart: »Irgendwelche Hypothesen?« Das alles ergab für sie keinen Sinn.
»Es ist eine Art ausgeklügelter Betrug. Wie sie es gemacht haben, weiß ich allerdings nicht.« Er drehte die Ketchupflasche auf den Kopf und hielt sie über seinen Hamburger.
Kate sagte: »Lassen Sie es uns bis zum Ende durchgehen, okay? Was taten Sie, als Sie das Opfer in der Gasse entdeckten?«
»Hab die Zentrale gerufen.«
»Vom Tatort aus?«
Taggart nickte, überflutete seinen Hamburger mit Ketchup und legte zum Schluss die obere Hälfte des Sauerteigbrötchens auf die rote Masse. Sie konnte sich denken, dass er sein ROVER anstelle des Polizeifunks im Wagen benutzt hatte.
»Sie haben den Tatort nicht verlassen?«
»Ich habe ihn nicht verlassen.«
»Was wissen Sie über das Opfer?«
Taggart nahm den Hamburger auf, in seinen riesigen Händen schrumpfte er auf Durchschnittsgröße. »Männlich, Latino, siebenundvierzig, auf Bewährung draußen, sechs Vorstrafen wegen Drogenbesitz, drei Jahre alles in allem, dann der Aufstieg – sieben fürs Dealen, gerade nach weiteren neun wieder auf freiem Fuß.«
»Sein Name?«
»Julio Mendez.«
»Kannten Sie ihn?«
»Ja. Ich kannte ihn. Wenn er nicht dealte, war er ein Informant. Wenn er kein Informant war, war er ein Allzweck-Ganove.«
»Gibt es Zeugen für die Vorfälle in der Alley?«
»Na klar. Hollywood platzt aus allen Nähten vor aufs Gemeinwohl bedachten Bürgern, die sich freiwillig melden, um ihren Mitmenschen zu helfen, ganz besonders Polizisten.« Er biss herzhaft in seinen Hamburger.
»Diese Frage musste ich stellen, Taggart. Warum denken Sie, dass Sie jemand reingelegt hat?«
Taggart kaute und schluckte, dann sagte er: »Sie haben meinen Partner drangekriegt, und dann haben sie einen Weg gefunden, mich dranzukriegen.«
Der Kellner ersparte Kate eine Antwort auf diese Behauptung. Er trat mit einer Kaffeekanne und einer Tasse heran, hielt dann inne und starrte auf den Tisch. »Warum lassen Sie die Kanne nicht einfach hier?«, sagte Kate.
Sie folgte dem entsetzten Blick des Kellners in Richtung Taggarts Teller, der aussah, als sei er über und über mit Blutflecken aus dem triefenden Hamburger bedeckt. »Ja, warum eigentlich nicht?«, sagte der Kellner und suchte eilig das Weite.
Kate widmete sich ihrer Quiche und warf einen verstohlenen Blick auf Taggarts grimmiges, markiges Gesicht. Schon wieder hatte seine Geschichte eine bizarre Wendung genommen. Bei allen achtzehn Divisionen des LAPD galt Hollywood wegen seines Milieus voller Drogen, Laster und menschlicher Verderbtheit als absoluter Bodensatz. Und Taggart tat seit Jahren dort Dienst.
Sie fragte sich, ob er den Versuchungen eines der Laster erlegen war, die auszumerzen er einen Eid abgelegt hatte: Seine Geschichte passte ausgesprochen gut zu den paranoiden Wahnvorstellungen eines gewohnheitsmäßigen Kokainkonsumenten.
»Wie schmeckt Ihr Essen?«, fragte er.
Sie sah, dass Taggart in der Zeit, in der sie drei Bissen genommen hatte, die Hälfte seiner enormen Mahlzeit verschlungen hatte. »Ist wirklich gut«, sagte sie, und das war es, locker mit cremigem Käse. Nach seinem Essen zu fragen erübrigte sich – seine Tischmanieren hatten den Schliff eines Alligators. Sie goss sich Kaffee nach und sagte: »Erzählen Sie mir von Ihrem Partner.«
Seine grünblauen Augen verengten sich. »Waren Sie auf seiner Beerdigung?«
»Ja. Ich erinnere mich, dass er sehr jung war.«
»Dreiunddreißig. Acht Jahre beim Revier. Ein wirklich guter Polizist. Schon mal einen Partner verloren?«
»Nicht auf diese Weise, Gott sei Dank. Seit ich Detective bin, hatte ich vor Torrie Holden nur einen einzigen Partner. Ed Taylor. Hat sich vor einigen Jahren verabschiedet – züchtet jetzt Avocados.«
»Ja, ich erinnere mich. Einer von der alten Schule – hab gehört, er war ein anständiger Kerl.«
»Er war ein fauler, bigotter Scheißkerl.«
Taggarts Gesicht zeigte keine Überraschung. »Sie müssen’s ja wissen«, sagte er.
Die Worte waren ihr einfach entschlüpft. Von sich selbst überrascht, flüchtete sie sich in ihr Essen. So etwas hatte sie noch nie zu irgendjemandem gesagt, Aimee eingeschlossen. Nie war ihr klar gewesen, wie tief ihr Groll auf und ihr Ärger über Ed Taylor saß. Sie murmelte: »Eigentlich soll man ja nur gut über die Verblichenen reden – sozusagen. Entschuldigung«, sagte sie rasch. »Ich wollte nicht taktlos sein.«
»Schon gut. Mit einigen meiner Partner hab ich auch nicht gerade das große Los gezogen. Bis ich einen Glücksgriff tat.«
Sie fragte widerwillig: »Was haben Sie gemeint, als Sie sagten, die hätten ihn drangekriegt? Wer sind ›die‹?« Sie nahm an, er würde sagen, dass jemand mit Tony Ferrera abgerechnet hatte, vielleicht ein Drogenmord.
Er akzeptierte die Frage mit einem Nicken, fragte aber: »Was wissen Sie über ihn?«
»Nur das, was ich am Morgen danach beim Appell erfuhr. Und was ich in den Zeitungen gelesen habe. Er war nicht im Dienst, wurde Zeuge eines Raubüberfalls. Zwei Männer mit Skimasken in einem Spirituosengeschäft. Das ist alles.«
»Das ist die offizielle Version. R/M hat die Untersuchung geleitet.«
Sie nickte. Raub/Mord vom Parker Center leitete immer die Untersuchung, wenn ein Beamter ums Leben kam.
»Aber ich habe auf eigene Faust ein wenig herumgeschnüffelt. Er wurde vor dem Spirituosenladen niedergeschossen. Kommt Ihnen das nicht auch ein bisschen komisch vor?«
»Wieso?«
»In den Zeitungen stand, er sei mitten in einen Raubüberfall spaziert, und der Bericht des zuständigen Ermittlers sagt dasselbe. Aber ihn hat’s erwischt, bevor überhaupt versucht wurde, den Laden auszurauben.«
Ungenauigkeiten und Allgemeinplätze im abschließenden Untersuchungsbericht waren nichts Neues, und die Zeitungen schlampten ständig bei den Einzelheiten. »Es gibt noch mehr«, vermutete sie.
»Ja. Er stieg aus dem Auto, um in den Spirituosenladen zu gehen, und wurde vor der Eingangstür erschossen. Dann ballert einer der Täter einen Schuss in den Spirituosenladen und haut ab. Sieht das für Sie genauso aus wie für mich?«
Kate nahm noch einen Bissen Quiche. »Klären Sie mich auf.«
Taggart legte seinen Hamburger ab und lehnte sich über den Tisch. »Es fand kein Raubüberfall statt, Detective. Und doch nimmt sich einer der Schützen die Zeit, den Kopf in den Laden zu stecken und einen Schuss abzufeuern.«
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